Anh.9: VON DEN MEROWINGERN ZU DEN FRÜHEN KAROLINGER

 

Macht der Hausmeier im Frankenreich

Neues Königtum

Angelsächsische Mission

Ostrom und Italien im 8. Jahrhundert

Islam

Das islamische Hispanien im 8. Jahrhundert

 

 

 

Macht der Hausmeier im Frankenreich

(siehe auch Anhang 7)

 

Ein Problem im Frankenreich ist, dass merowingische Könige in dieser Zeit allzu oft minderjährige Söhne haben, die unter die Kuratel von Adelsgruppierungen geraten, die um die Vorherrschaft in ihrem Bereich kämpfen. Es geht offensichtlich darum, eine sehr instabile Herrschaft dadurch an sich zu reißen, dass man mehr Stabilität ohne mehr Königsmacht verspricht. Die Mittel dahin sind aber schiere, brutale Gewalt. Und der fränkische Adel möchte aus Eigeninteresse möglichst wenig Zentralgewalt zulssen.

 

Adel ist allerdings derzeit noch kein rechtlicher Begriff, rechtlich wird nur zwischen Freien und Unfreien unterschieden. Aber oft wird von Historikern von  einem aus der Verschmelzung von alter römischer nobilitas und germanischem Kriegeradel entstehenden fränkischen Adel der Merowingerzeit gesprochen, der als geistlicher und weltlicher Latifundienbesitzer Herr über den größten Teil des Landes und der Menschen darauf ist. Als solcher ist er Krieger oder zumindest Herr über ein kriegerisches Gefolge, und er übernimmt Amtsfunktionen in Kirche und "Staat". Mit der Schwächung des Königtums und dem Aufstieg der Hausmeier entsteht an der Spitze eine Fürstengruppe.

 

Princeps wiederum war einst nur der Kaiser gewesen, an seine Stelle treten dann die Könige, von denen aus sich alle Macht legitimiert. Nun fangen die karolingischen Hausmeier an der Macht an, sich als principes zu bezeichnen, und dann folgen ihnen die duces (Herzöge) von Burgund und Aquitanien und bald auch andere Herren über große Gebiete. Die zum Teil von fränkischen Königen und dann Hausmeiern eingesetzten Herrscher über die ostrheinischen germanischen Reiche schließen sich an. Sie alle bilden Dynastien aus und versuchen, die Macht in ihrer Familie zu halten.

 

 

Zwischen 639 und 687 übernehmen Hausmeier zunehmend die Macht in den fränkischen Teilreichen, die dort das Königsgut verwalten, wohl auch schon Ämter vergeben "und als Mittler zwischen den Großen, den Angehörigen eines sich in jener Zeit etablierenden Adels, und dem Herrscher" fungieren. (Fischer, S.23)

 

Im vereinigten Neustrien und Burgund herrscht seit etwa 660 der Hausmeier Ebroin, zunächst mit der Königswitwe Balthild, und als diese wohl ins Kloster Chelles abgeschoben wird, mit Chlothar III. Nach dessen Tod 673 sorgt eine Adelsopposition dafür, dass er ins Kloster gesteckt wird. Später gelingt es ihm zu entkommen, und er versucht unter Theuderich III. auch die Herrschaft in Austrien zu erringen. Dagegen wendet sich die vereinigte Familie von Arnulf und Pippin. 683 wird Ebroin ermordet. Pippin II., nach und nach durch großes Erbe aus Grundbesitz, wohl auch durch Schätze und als Krieger ausgezeichnet, durch die Heirat mit Plektrud noch reicher geworden, übernimmt die Führung in Austrien, und an ihn schließen sich nun auch neustrische Große an.

 

Er selbst versucht von Austrien aus Friesen und Sachsen "abzuwehren", die der fränkischen Dominanz entkommen wollen. Er vereint unter sich den ererbten beträchtlichen Besitz der Arnulfinger um Metz und Verdun mit dem mütterlichen der Pippin-Familie zwischen Lüttich und Ardennen und gewinnt über die Heirat mit Plektrud deren Besitzungen um Trier herum. Wahrscheinlich ist er damit der größte Grundbesitzer im Reich, verfügt über zahllose abhängige Bauern und sklavenartige Hörige sowie über ein zahlreiches kriegerisches Gefolge auch von Kirchen und Klöstern her.

Kirche und weltliche Macht werden immer enger ineinander verschränkt. Beide sind in den Händen des kriegerisch ausgerichteten Großgrundbesitzer-Adels. Reichsgeschichte und Kirchengeschichte sind so untrennbar miteinander verbunden, und die Kirchen werden bis heute fast überall "obrigkeitsstaatlich" ausgerichtet bleiben.

 

 

Der andauernde Machtkampf wird ergänzt durch die Empörung neustrischer Großer darüber, dass ein Berchar dort das Hausmeieramt wie ein selbstverständliches Erbe von seinem Vater übernimmt.

687 in der Schlacht bei Tertry (an der Somme) interveniert Pippin ("der Mittlere") erfolgreich zugunsten seiner neustrischen Verbündeten. Er vereint damit das ganze fränkische Kernreich unter seinem Hausmeieramt, belässt Neustrien unter Berchar und Theuderich III. aber solange seine Autonomie, bis Berchar ermordet wird. Im 'Liber Historiae Francorum' heißt es, Pippin begann als Hausmeier des Königs Theuderich die Herrschaft auszuüben. Er nahm den Schatz an sich, ließ von den Seinen einen gewissen Nordebert mit dem König zurück und kehrte nach Auster heim. (cap.48)

 

Er belässt einen relativ entmachteten merowingischen König auf Pfalzen bei Paris, und für ihn übt bald ein Sohn Pippins, Grimoald (II.) die wirkliche Macht aus. Er selbst residiert vorwiegend in Köln als Hauptort Austriens mit seiner Gemahlin Plektrud.

 

Ab spätestens 691, als Theuderich III. stirbt und seine Witwe Regentin wird, ist die königliche Familie endgültig machtlos und unter hochadeliger Kontrolle. Pippin verheiratet Sohn Drogo mit der Witwe Berchars, macht ihn zum Dux der Champagne und setzt auch sonst Vertraute ein. 697 wird Drogo auch Dux von Burgund und Pippins zweiter Sohn Grimoald wird Hausmeier am neustrischen Hof Childeberts III.

 

 

Mit der später so genannten Familie der Karolinger kommt es zu einer Machtkonzentration im austrasischen Raum, dessen Adel stärker fränkisch geprägt geblieben ist als der gallische Westen und Süden mit seinen intensiver überlebenden römischen/lateinischen Wurzeln. "Die nun weit über die Grenzen ihrer Heimat hinausschweifenden austrasischen Franken wurden die Partner in einer Konföderation sehr unterschiedlicher Regionen, wo einst mehr oder weniger ausdrücklich die Vorherrschaft der merowingischen Könige anerkannt worden war". (Brown2, S.296).

 

Derweil machen sich duces, Herzöge aus der fränkischen Oberschicht, an den Rändern Franziens immer selbständiger: im noch weithin heidnischen Friesland, Alemannien, Bayern, vom Loireraum bis zur Provence und Aquitanien. Loslösungstendenzen gibt es auch von Aquitanien in Vasconia, der späteren Gascogne, einem weithin romanisierten Teil des Baskenlandes. In Hessen, Thüringen und Mainfranken scheint es dagegen durch Ansiedlung von fränkischem Bevölkerungsüberschuss zu stärkerem Einfluss zu kommen. Die Friesen werden nach Feldzügen wenigstens nominell unter fränkische Oberhoheit gezwungen. Der Bischofssitz Utrecht wird gegründet und zum Ausgangspunkt angelsächsischer Mission. Damit verschärft sich die Verbindung von Eroberung und Mission, die das Frankenreich nun kennzeichnen wird. (Hageneier in LHL, S.13) Zwischen 709 und 712 marschiert jedes Jahr ein fränkisches Heer in Alemannien ein.

 

714 stirbt dieser Pippin. Er hatte den Prinzipat unter den oben genannten Königen siebenundzwanzigeinhalb Jahre inne. (Liber hist.Franc. 41)

 

Sohn Karl erhält zwar etwas Grundbesitz von seinem Vater, aber keinen Anteil an der Herrschaft. Nach Drogos Tod erhällt dessen Sohn Arnulf wohl das Dukat in Neustrien. 714 wird Grimoald ermordet und noch Pippin selbst macht dessen Sohn Theudoald zum Nachfolger.

Pippins Witwe Plektrud versucht nach dem frühen Tod ihrer Söhne ihre Enkel nun mit der Macht zu versorgen, also den Hausmeierstellen. Als Witwe eines Hausmeiers fehlt ihr aber die Legitimation einer königlichen Witwe. Der neustrische Adel möchte das arnulfinisch-pippinidische Joch abschütteln. und setzt eigene Könige und Hausmeier ein.

 

Karl, den Sohn Pippins mit seiner (Neben?)Frau Chalpaida, steckt die in Köln residierende Plektrud kurz nach dem Tod Pippins ins Gefängnis. Sie leitet mit ihren Enkeln und dem König alles in heimlicher Herrschaft (Liber Historiae Francorum, cap.51), wobei ihr Grausamkeit unterstellt wird (Annales Mettenses). Die neustrischen Großen erheben sich dagegen und machen Raganfred zum Hausmeier von Dagobert III.

 

Karl kann aus der Haft entkommen und nach und nach die Kontrolle über Austrasien und die Unterstützung von immer mehr Bischöfen und Äbten gewinnen. 717 kann er den Krieg nach Neustrien hinein tragen und dort Städte verwüsten und Beute machen.

Er kehrt von dort zurück, entmachtet die in Köln residierende Plektrud und nimmt ihren Schatz bis auf eine Art Witwenpension für die ehemalige Königin an sich, die damit dann ein Damenstift gegründet haben soll.

 

Karl setzt zwar den machtlosen Merowinger Chlothar IV. auf den Thron, herrscht aber tatsächlich selbst. Als Chlothar 719 stirbt, erkennt Karl den neustrischen Chilperich II. als alleinigen König an. Bis 720  hat er den neustrischen Hausmeier Raganfrid besiegt und ist Herr über das kriegerisch wieder "geeinte" Frankenreich und einziger maior domus. 721 setzt Karl dann nach dem Tod des Königs mit Theuderich IV. zum letzten Mal einen König ein, der bis 737 lebt.

723 sind die letzten Gegner besiegt. Vielerorts sitzen nun Bischöfe, Äbte und weltliche Große als Verwandte und Freunde in den lokalen und regionalen Machtpositionen.

 

Östlich des Rheins werden Straßen angelegt, die nicht nur den Handel, sondern auch Kriegszüge begünstigen, und mit Hilfe von Missionaren wird das schon begonnene Zerstörungswerk an den Stammeskulturen zwecks Zivilisierung konsequent fortgesetzt. So werden das unbotmäßige Friesland und der Westen Sachsens kurzzeitig erobert und verwüstet.

Der Versuch, die Dukate Aquitaniens zu erobern, stößt auf erbitterten Widerstand und schärft dort das Bewusstsein für seine Eigenheit. Auch Alemannien wird der fränkischen Herrschaft wieder einverleibt, das große bayrische Herzogtum muss wieder fränkische Oberhoheit anerkennen. Karl entführt und heiratet dazu Swanahild aus der bayrischen Herzogsfamilie.

 

Fried hat nachgezählt: Zwischen 714 und 768 gibt es nur fünf Jahre ohne Krieg (S.57) Ein Annalist nimmt für 740 als etwas besonderes wahr, dass in diesem Jahr kein Krieg stattfindet. Es sind überhaupt weiterhin enorm gewalttätige Zeiten. Aufgrund seiner ehernen Kriegskunst und der Tatsache, dass er fast jeden Sommer "im Felde" steht, bekommt Karl später bei den Franken den Beinamen "der Hammer" (Martell). Nur ein solch großer Krieger bekommt damals eine hinreichende Gefolgschaft hinter sich, die leudes. Daneben wird diese Gefolgschaft befestigt durch große Geschenke. Aber das reicht so wenig aus wie die übliche Beute, der oberste Kriegsherr muss für die Vornehmen der großen Kriegerschar, die er ständig braucht, neue Gratifikationen finden (beneficia als wirtschaftliche Grundlage). Seine Vasallenschaft muss daraus Kriegs- und Packpferd und eine immer ausführlichere Rüstung und Bewaffnung finanzieren. Solche etwas professionalisierteren Panzerreiter werden karolingischen Heeren und ihren Nachfolgern ihre enorme Durchschlagkraft verleihen.

 

Beneficium meint im Kern "Wohltat". Seit der Spätantike waren damit oft precaria gemeint (von precari, bitten), also Verleihungen von Gütern durch Kirchen und Klöster zur Nutzung als Nießbrauch für eine beschränkte Zeit bei geringem Zins. (Patzold, S.18f) 

Wer keine Erben hat, kann so seinen Landbesitz an ein Kloster verschenken, um es zur Nutzung u.U. lebenslang verliehen zu bekommen. Das Kloster ist nun Eigentümer, wird wohl für den Schenkenden beten und aus Eigeninteresse sich um seinen Schutz kümmern.

 

Das Land für solche beneficia findet er wohl auch bei den Kirchen. Spätere Quellen werden zumindest erzählen, er reiße in größerem Umfang Kirchengut an sich, das er dann weiter verteile. Dabei handelt es sich um mächtige Bistümer südlich der Loire und bis zur Rhone, deren weltliche Macht er nun beschneidet. Der Bischof Eucharius von Orléans zum Beispiel wird mit seiner ganzen Verwandtschaft in die Verbannung geschickt, "die gesamte Herrschaft der Familie wurde vernichtet." (Althoff(5), S.43) In einzelnen Gegenden wie im rätischen Chur hält sich geistliche plus weltliche Bischofsherrschaft aber bis zur Zeit Karls ("des Großen").

 

Die Kirche wiederum entschädigt er (laut Fried, S. 59, Fleckenstein, S.42) mit einer Pflichtabgabe, dem Zehnten, und manchmal auch dem Neunten. Neue große Grundherrschaften eines Kriegeradels entstehen dadurch.

Zudem setzt er kriegerische Laien als seine Gefolgsleute in mächtige Bischofsämter ein (Mainz, Trier)

 

Die Friesen sind außergewöhnlich lange in ihrem Gebiet sesshaft, tendieren aber immer wieder einmal dazu, sich nach Süden auszudehnen. Umgekehrt versuchen fränkische Machthaber im 7. Jahrhundert, ihren Einfluss auf friesisches Gebiet auszudehnen. Willibrod war vom Papst um 700 zum Erzbischof der Friesen ernannt worden und hatte das Kastell Uiltaburg (Utrecht) als Bischofssitz bekommen. Dank Pippins Siegen über die Friesen konnte er mit der Missionierung beginnen, die nach dem Tod Pippins scheiterte und nun durch Karl Martells neue Kriegszüge wieder Fahrt aufnehmen kann. Nachdem Dorestad zwischen etwa 630 und 650 merowingische Münzstätte war, entglitt es fränkischer Kontrolle und wird nun durch Karl wieder zurück gewonnen.

 

Die Kriege gegen die Sachsen werden wohl durch deren Raubzüge auf fränkisches Gebiet provoziert. Alemannien wiederum war in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts in das Frankenreich ein Stück weit integriert worden, hatte dadurch erst ein wenig Gemeinschaftsbewusstsein und ein Herzogtum entwickelt. Dieses empfindet Loyalität gegenüber den Merowingern und nicht zu den karolingischen Hausmeiern. Karl Martell beseitigt darum das Herzogtum und regiert das Land wohl mit hochadeligen Grafen.

 

Bayern gerät im 7. Jahrhundert unter fränkische Oberhoheit, zwischen den frühen Arnulf- und Pippinerben und den Agilolfingern, die wiederum mit den Langobardenherrschern in Italien verbunden sind, kommt es zu Konflikten. Ähnlich wie die Alemannenherzöge wenden sich auch die bayrischen gegen die Behandlung der Merowinger durch die Hausmeier. 725 findet der erste Kriegszug gegen Bayern statt, von dem Karl als Beute Swanahild heimbringt, die er heiratet. Sie ist eine Nichte jenes Odilo, der 736 nach dem Erlöschen eines Zweiges der Agilolfinger Bayernherzog wird. 740/41 ist er am Hof Karls, wo er in sexuelle Beziehung zur Karlstochter Hiltrud gerät, die dann schwanger zu Odilo nach Bayern flüchtet und Tassilo (III.) gebärt.

 

Mainfranken/Thüringen entwickelt sich in Richtung auf jenes Ostfranken, wie es später die Kilianspassion benennt. Um 720 ist die dort herrschende Familie entmachtet. Die Gebiete können ohne Feldzüge stärker ins Frankenreich integriert werden.

 

In Aquitanien bleibt mehr Kontinuität aus der Antike, Handel und Gewerbe blühen stärker in den Städten und Silber, Eisen und Blei sind neben der Landwirtschaft Basis von Reichtum. Pippin II. besitzt "südlich einer Linie von Poitiers, Bourges und Clermont zu jener Zeit keinen Einfluss." (Fischer, S.112)

 

Schon 711 fiel mit der Schlacht von Xeres de la Frontera fast die ganze iberische Halbinsel an die "Araber". 720 überqueren sie die Pyrenäen, 724 gewinnen sie Nimes. Aquitanien wird erobert und verwüstet, am gründlichsten vielleicht Autun. Karl wiederum zieht gegen den sich verselbständigenden Eudo unbd trifft dabei auf ein marodierendes "arabisches" Heer.

732 werden sie von Karl Martell zwischen Tours und Poitiers zum ersten Mal zurückgeschlagen. Er schützt dabei mit Tours die fränkischen, für die Herrschaft mit symbolischer Bedeutung versehenen Zentral-Reliquien des heiligen Martin vor der Inbesitznahme durch Berberfürsten, stellt die Kontrolle Chlodwigs über Aquitanien in geringem Maße wieder her und sieht sich in den nächsten fünf Jahren dann in der Provence (Arles, Avignon und dann Narbonne) burgundisch-maurischen Bündnissen gegenüber, die er aber besiegen kann (737 bei Narbonne).

Dabei ist die fränkische Zentralgewalt unter dem Hausmeier Karl immer neuen Bündnissen aquitanischer, provenzalischer und burgundischer Großer mit den muslimischen Streitkräften konfrontiert. Es geht hier kaum um Religion, aber sehr um Macht. Nach Tours und Poitiers taucht zum ersten Mal seit der Antike das Wort Europenses in Abgrenzung zu den Arabern auf.

 

Insgesamt fällt auf, wie gelassen die im direkten Umfeld missionierende fränkisch und langobardisch beherrschte lateinische Welt die militärisch veranstaltete, damals arabische Islamisierung eines riesigen Teils des bis dato christlichen Gebietes des antiken Imperium Romanum hinnimmt. Ausgenommen sind Situationen, in denen sie selbst direkt angegriffen werden. Nichts macht deutlicher als das, wie gering ein wirklich religiöses Interesse die damaligen "christlichen" Machthaber bewegt, und auch die Kreuzzüge werden nichts anderes belegen. Nur die von Ostrom schikanierten monophysitischen Kopten werden sich in Ägypten halten, weil sie sich auf die Seite der neuen Machthaber stellen, zudem eine Minderheit spanischer Christen.

 

Östlich von Aquitanien wird im 7. Jahrhundert das Burgunderreich von den Frankenherrschern unterworfen, bis ans Mittelmeer und auf die Province ausgedehnt, um dann aber ihnen wieder stärker zu entgleiten. Recht verweltlichte Bischöfe betreiben nun dort auch reichlich gewalttätige Machtpolitik gegeneinander. Nach 732 unterwirft Karl das große Gebiet und teilt die Macht an Gefolgsleute, wobei er sie offenbar auch aus dem Besitz feindseliger Bischöfe versorgt.

 

 

Die oströmischen Kaiser hatten sich unter hellenistisch-orientalischem Einfluss zu einer quasi-sakralen Rolle aufgeschwungen. Kult und Zeremoniell vergöttlichen ihn in spätrömischer Tradition. Umgeben von zahlreichen Eunuchen, residiert er in einem heiligen Palast. Besucher haben vor ihm zu erzittern und auf den Boden zu fallen. Er wird in Statuen und Bildern als fast göttlich verehrt.

 Der byzantinische Patriarch wird vom Basileus ernannt und im Notfall auch abgesetzt. Der Kaiser selbst ernennt seine Nachfolger. Palastintrigen und Machtkämpfe nehmen überhand. Mehr als die Hälfte aller Kaiser werden ermordet werden.

 Dieses Byzanz wird seit Beginn des achten Jahrhunderts vom sogenannten Bilderstreit bewegt, wobei die eine Seite, die Bilderstürmer, Ikonoklasten, jegliche Verehrung und schließlich jede Abbildung von Gott oder Heiligen ablehnt, ganz ähnlich wie der aufstrebende Islam nebenan. Die Einheit der beiden Kirchen geht auch dadurch ihrem förmlichen Ende entgegen, denn in Rom werden Bilder vom Volk inbrünstig verehrt, was die Kirche, theologisch etwas unbegründet, eher fördert. 

 

In diesen Vorgang eingebunden ist ein anderer: Nachdem die Langobarden im sechsten Jahrhundert große Teile Italiens erobert haben, kann sich Byzanz nur noch in einzelnen Küstenregionen halten. Neben dem Exarchat Ravenna gibt es als offiziell oströmisches Gebiet noch die Gegend um Rom, das Dukat von Rom. Da der Exarch durch langobardisches Gebiet davon abgetrennt ist, kann der römische Bischof sich zum Herren über dies Gebiet aufschwingen, was naheliegend ist, ist er doch dort schon der größte Grundbesitzer. Dies wird eine Voraussetzung des Kirchenstaates werden bzw. der weltlichen Herrschaft der Päpste über mehr als nur ihre Stadt.

 

Kurz vor 740 geschieht etwas schon länger absehbares: Der langobardische König zieht nach Spoleto und Benevent, um die abtrünnigen Herzogtümer mal wieder in seine Gewalt zu bringen. Trasimund von Spoleto flieht nach Rom, worauf das langobardische Heer die Stadt belagert.

 

Da inzwischen der alte Schutzherr Roms, der oströmische Kaiser, nicht mehr zur Verfügung steht, sieht sich Papst Gregor III. nach einem neuen um und findet ihn in dem mächtigsten Herrscher des Westens, dem Bezwinger der Araber, Karl Martell. Gregor schickt eine Gesandtschaft nach Franken, die Karl als "Unterkönig" tituliert, den Schlüssel zum heiligen Grab des Petrus und andere Geschenke überbringt, mit dem Anerbieten, dass der Papst sich vom (griechischen) Kaiser lossage und dem Fürsten Karl das römische Konsulat übertrage, wenn er ihn von der so großen Bedrückung der Langobarden befreie, wie die fränkische Quelle schreibt. (z.B. schon in: Mühlbacher, S.42)

 

Mit einer solchen Schlüsselübergabe hatte ein Papst schon früher versucht, die Engländer an das Papsttum zu binden. Was nach einer Ober- und Schutzhoheit der fernen Franken aussieht, ist zudem der päpstliche Versuch, sich auch als weltlicher Herrscher im Herzen Italiens dauerhaft zu etablieren.

 

Tatsächlich besteht allerdings zwischen dem fränkischen und dem langobardischen Herrscher eine enge Freundschaft, die eine fränkische Intervention wohl verbietet. Schließlich geben die Langobarden auch ohne fränkische Intervention die Besetzung Roms auf.

 

Für den fränkischen Herrscher ohne Herrschertitel bedeutet die päpstliche Gesandtschaft eine enorme Aufwertung. Als um diese Zeit (737) der merowingische Schattenkönig stirbt, ignoriert Karl das und setzt einfach keinen neuen mehr ein. Die Franken hatten sich von den Römern die Datierung nach den Regierungsjahren der Herrscher abgeschaut, eine Zählung nach Christi Geburt wird erst viel später aufkommen. Der Bruch wird jetzt an einem kleinen Detail deutlich: In den nächsten Jahren wird „nach dem Tod des Theuderich“ gezählt werden.

 

 

Das neue Königtum

 

Wir kommen in einer Zeit an, die als zentrale Weichenstellung mit Auswirkungen bis heute betrachtet werden kann: Die Karolinger erfinden ein neuartiges Königtum, das geprägt wird durch ein enges Bündnis mit dem Papsttum, wodurch die Einordnung der westlichen Christenheit unter Rom weiter gefördert wird. Die Franken zerstören das Langobardenreich, setzen an zur Zurückdrängung von Byzanz und etablieren ideologisch einen vom römischen Bischof ansatzweise schon errungenen Kirchenstaat, der auch ein Resultat der Kirchenspaltung ist. Und Italien wird bis ins 19. Jahrhundert mindestens zweigeteilt bleiben. Damit erst  geht in Westeuropa die Spätantike zur Gänze zu Ende, aus dem Karolingerreich werden Keimzellen neuer Staatlichkeit hervorgehen in Reich und Stadt.

 

 

Karl Martell hinterlässt von mehreren Frauen drei Söhne. Vermutlich teilt er vor seinem Tod 741 seinen Herrschaftsbereich nicht ganz klar unter den beiden legitimen Söhnen Pippin (Burgund, Neustrien, Provence) und Karlmann (Austrasien, Alemannien, Thüringen) auf, um dann auf Betreiben von Swanahild noch ein Reich für ihren Sohn Grifo hinzuzufügen, was die Teilungen insgesamt verändert. Grifo wird von den beiden anderen von der Erbfolge ausgeschlossen, wie das auch bei Karl Martell selbst geschehen war. Dabei war Karl Martells Witwe Swanahild ehedem Prinzessin eines "legitimen" bayrischen Herrscherhauses, während die beiden anderen Söhne Karls die eines Emporkömmlings sind. Es wird lange dauern, bis beide ihren Stiefbruder besiegt haben. Swanahild wird von ihren Stiefsöhnen im Kloster Chelles eingesperrt, Grifo in Lüttich.

Er kann wohl erst einmal  aus Klosterhaft nach Bayern fliehen, wird dann von den Halbbrüdern mit einem kleinen Dukat versorgt, was ihm nicht genügt, und stirbt schließlich 753.

Karls Tochter Hiltrud aus der früheren Ehe entkommt ebenfalls nach Bayern und heiratet den Vater ihres Sohnes, den Bayernherzog Odilo. Der Sohn, Tassilo, wird zum großen Gegenspieler seines Cousins, Karls d.Gr. werden.

 

Zugleich erheben sich 743 die Aquitanier, Alemannen, Bayern und Sachsen. Alemannien wird blutig unterworfen. Die Hausmeier, die sich jetzt wie Könige benehmen, sind immer noch ohne dynastische Legitimität. Aus diesem Grund setzen sie nach sechs königslosen Jahren wieder einen Merowinger ein, über den weiter nichts bekannt wird. 

 

Missionar Bonifatius unterstützt die beiden Frankenherrscher, die ihn wiederum für den Ausbau der Macht in ihren Reichen gebrauchen können. In einem der zahlreichen erhaltenen Bonifatiusbriefe wird der Aufruf zu einer ersten zentralen Synode in Austrasien aufbewahrt:

Ich, Karlmann, dux et princeps der Franken, habe im Jahre 742 der Fleischwerdung Christi unter dem Beirat der Knechte Gottes und meiner Großen die Bischöfe meines Reiches mit ihren Priestern (...) zu einer Synode versammelt (...), um mit mir zu beratschlagen, wie das Gesetz Gottes und die kirchliche Ordnung, die unter den früheren Fürsten sich aufgelöst hat und zusammengebrochen ist, wiederhergestellt werden soll. () Kirchen-und Reichsorganisation sollen sich ergänzen.

 

743 oder 744 verkündet Karlmann als Ergebnis einer Synode von Les Estinnes: Wir haben auch mit Berufung der Diener Gottes und des christlichen Volkes bestimmt, dass wir wegen der drohenden Kriege und der Einfälle der Völker ringsherum einen Teil des kirchlichen Vermögens mit Gottes Erlaubnis (sic!) als zinspflichtige Landleihe (sub precario et censu) zur Unterstützung unseres Heeres für einige Zeit zurückbehalten - unter der Bedingung, dass jährlich von jeder Hofstatt ein Solidus zu zwölf Denaren an die Kirche oder das Kloster bezahlt werden soll. Wenn derjenige stirbt, dem das Gut geliehen war, soll die Kirche wieder in den Besitz ihres Gutes kommen. Und wenn erneut die Notwendigkeit dazu besteht, dass der Fürst es befiehlt, soll die Landleihe (precarium) wiederholt und erneut beurkundet werden. Und im ganzen soll darauf geachtet werden, dass Kirchen und Klöster, deren Land als Precarie verliehen ist, nicht Mangel und Not leiden; vielmehr soll, wenn die Armut es notwendig macht, der Besitz ungeschmälert der Kirche oder dem Gotteshaus zurückgegeben werden. (in: Patzold, S.26)

 

Karlmann unterstützt weiter den Einfluss angelsächsischer Missionare auf das Frankenreich, die besonders mit Bonifatius nicht nur bei von den Franken abhängigen Germanenvölkern missionieren und sie damit für die fränkische Eroberung präparieren, sondern die fränkische Kirche stärker an das römische Bistum und seine kirchlich-religiösen Vorstellungen anbinden wollen. Damit setzt ein Romanisierungsprozess ein, der bis ans Ende karolingischer Herrschaft andauern wird und besonders die germanischen Kirchen betrifft.

Der missionarische Reformeifer von Bonifatius, der nach Romanisierung des fränkischen Christentums und Anbindung der fränkischen Kirche an Rom strebt, bedeutet auch ihre stärkere Zentralisierung, welche sich nach rund siebzig Jahren wieder in Reichssynoden niederschlägt,von denen es 742-47 wenigstens vier dann gibt. Diese geben dem König die Möglichkeit, Kirche, also Bischöfe wie Äbte, stärker als Herrschaftsinstrument einzusetzen. Für die Päpste springt dabei wachsende Bedeutung in der lateinischen Welt heraus.

 

 

Die Karolinger vermeiden inzwischen indirekt Reichsteilungen durch die Beseitigung von Familienmitgliedern, was schon Merowinger gelegentlich praktizierten. 747 gibt der Herrscher über das halbe Reich, Karlmann, auf, geht ins Kloster, erst nördlich von Rom im Langobardenland, ab 750 in das von Monte Cassino im Einflussbereich der Langobarden, aus unauslöschbarem Verlangen nach frommer Hingabe (devotio), wie später eine Chronik fromm behauptet. Möglicherweise übernimmt Pippin einfach im Handstreich die ganze Macht. Der Sohn, vielleicht auch mehrere, dieses Karlmann wird nach der Geburt von Pippins erstem Sohn, Karl (dem späteren Kaiser) zwangsweise zum Mönch gemacht und quasi im Kloster lebenslang inhaftiert.

 

 

Hausmeier Pippin ist Alleinherrscher. Zwischen Thüringen und dem unteren Maingebiet ist das Land inzwischen auch durch fränkische Besiedlung stärker an das gallische Kernland angebunden. Alemannien und Bayern werden wieder einmal unter fränkische Hoheit gebracht.

Nachdem zunächst wohl vor allem Karlmann eine engere Zusammenarbeit mit der Kirche förderte, wird Pippin das dann weiter mit dem Interesse stärkerer königlicher Kontrolle fortsetzen. Der immer wieder und nun stärker ans Frankenreich angebundene germanische Raum wird durch systematischere Missionierung im Einklang mit militärischer Unterwerfung nach fränkischen Vorstellungen zwangszivilisiert.

 

Grifo, nun in der Hand Pippins, soll mit einer Anzahl Grafschaften abgefunden werden, weigert sich aber und flieht zum aquitanischen Herzog Waifar und wird dann wohl 753 von Gefolgsleuten Pippins umgebracht, als er über die Alpen zu den Langobarden zu entkommen versucht. 

 

Alles läuft mit der Schwäche des Hauses der Merowinger darauf hinaus, einen neuen Typus von Herrschaft als Königtum zu entwickeln, der neue Wege sucht, möglichst viel Macht über die Großen im Frankenreich zu etablieren

 

Alleinherrschaft schafft tendentiell Zentralisierung und stabilere Staatlichkeit, stärkere Kontrolle des Adels unter einer übergeordneten Macht, wenn denn der Herrscher die dafür erforderliche Macht besitzt. Aber die neuartige Herrschaft des Vertreters einer reichen und mächtigen Adelsfamilie, die auf dem Weg von Gewaltakten gegen die legitime Familie der Merowinger eingeleitet wurde und durch solche gegen die eigenen Brüder fortgesetzt wird, verlangt eine neuartige Legitimation. 

 

Beim Übergang von der Herrschaft der Familie der Merowinger zu der der Karolinger verändert sich wenig. Die erhebliche Gewalttätigkeit, nicht selten verbunden mit brutaler Grausamkeit, richtet sich weiter gegen die Konkurrenz von Brüdern, aufsässige Große im Reich und die äußeren Feinde. Immer größere Teile des Landes gehören einigen weltlichen Großen, der Kirche und Klöstern. Das Reich ist im wesentlichen ländlich-agrarisch geprägt und Städte spielen selbst dort, wo sich die ersten etwas zu erholen beginnen, abgesehen von einigen wenigen Gegenden Nord- und Mittelitaliens kaum eine Rolle. Geringer und wohl vor allem lokaler Handel, geringe Qualität handwerklicher Produkte und sehr eingeschränkte Geldwirtschaft prägen das Reich. Die Religion wird weiter von Machthabern und einer breiteren Herrenschicht für ihre Zwecke instrumentalisiert, und diese betrachten kriegerische Gewalt als wesentlichen Lebenszweck.

 

 

Zunehmend wird nun Bonifatius bei den regelmäßiger werdenden Kontakten der fränkischen Hausmeier-Herrscher mit dem Papst übergangen. Und so wendet sich Pippin nun auch wegen der Königswürde direkt an den Papst.

 

Wie so oft, ist der folgende Vorgang im Lichte der päpstlichen und fränkischen Quellen nicht genau zu klären. Laut den „Reichsannalen“, schickt Pippin eine hochkarätige geistliche Gesandtschaft zu Papst Zacharias:

Bischof Burchard von Würzburg und der Kaplan Fulrad wurden zu Papst Zacharias geschickt. Sie fragten an betreffs der Könige im Frankenreich, welche in jener Zeit keine königliche Gewalt mehr hatten, ob das gut sei oder nicht. Und Papst Zacharias ließ Pippin melden, dass es besser sei, jener, der die Gewalt habe, heiße auch König, denn derjenige, dem keine königliche Gewalt mehr geblieben sei, und dass kraft apostolischer Autorität, damit die Ordnung nicht gestört werde, Pippin König werde. (Annales regni Francorum für 749)

 

Die Merowingerherrschaft war aus dem Amt des römischen Heermeisters hervorgegangen, das neue Königtum aus dem weniger römischen Amt des Hausmeiers. Die alte Legitimation war die militärische Gewalt von Eroberern und Anerkennung durch einen Kaiser, die neue Macht wird nun durch die christliche Approbation durch den Papst auf eine nie dagewesene Art legitimiert.

 

Das Papsttum braucht, um sich auch als weltliche Macht zu etablieren, einen neuen Schutzherrn - vor allem gegenüber den Langobarden, aber auch gegenüber Byzanz. Geistliche und weltliche Hoheit verschränken sich ineinander.

 

Bei den Merowingern war es das vererbte königliche Charisma gewesen, welches sich optisch in den besonders langen Haaren ausdrückte. Dem letzten von ihnen werden nun die Haare geschoren und er wird ins Kloster gesteckt.

 

Das ganz Andere drückt sich in den Annalen so aus: Pippin wird durch die Wahl aller Franken (der fränkischen Großen), durch die Weihe der Bischöfe und die Huldigung der Großen samt seiner Gemahlin Bertrada nach altem Brauch in Soissons auf den Thron erhoben. In der Fortsetzung der Fredegarschronik heißt es für das Jahr 749 dazu:

Der erlauchte Pippin wurde, wie es von alters her die Ordnung verlangt, durch die Wahl aller Franken gemeinsam mit der Königin Bertrada auf den Thron des Reiches gesetzt, wobei ihn die Bischöfe des Reiches weihten und die Ersten des Reiches sich ihm unterwarfen (cap.33)

 

In Nachahmung jener merkwürdigen Handlung, die der alttestamentarische Prophet Samuel an Saul und David vollzogen haben soll, wird nun auch Pippin eventuell schon jetzt, vielleicht auch erst drei Jahre später beim Papstbesuch wie die späten Westgotenkönige von einem Bischof „gesalbt“, also vom Christengott über den Mittler Papst und dessen Beauftragten mit dem Amt betraut. Seiner Gemahlin widerfährt dasselbe, als Mutter der Königskinder ist sie an der Neugründung einer Dynastie und eines neuen Königtums beteiligt. Mit der Beteiligung der Bischöfe als Königsmacher werden diese nun auch formell in den Apparat neuer christlicher Herrschaft einbezogen. Unterstützung findet Pippin für die Verbindung weltlicher mit sakralen Machtelementen ab 751 bei Bischof Chrodegang von Metz, der ihn von nun an berät. Ein Jahr vor dessen Tod wird Pippin die Kirche 765 dadurch massiv stärken, dass er die Untertanen auf die Abgabe eines Kirchenzehnten verpflichtet.

 

Von nun an wird sich im Abendland nie mehr persönliche Herrschaft ohne sakrale Verbrämung - und seit dem späteren 18. Jahrhundert politideologischem Dekor - aufrichten lassen. Die letztlich auf Augustinus zurückgehende Forderung, dass "Ordnung" auf der Tatsächlichkeit von Macht zu beruhen habe, wird hier einerseits praktiziert und zugleich religiös verschönt.

 

Auf Zacharias, einen kalabrischen Griechen, folgt 752 Papst Stephan II. aus der stadtrömischen Adelsfamilie der Orsini, die in den nächsten Jahrhunderten zu enormer Macht aufsteigen wird. Wieder wird Rom von den Langobarden des Königs Aistulf bedrängt, nachdem sie zuvor das Exarchat Ravenna eingenommen haben, und Hilferufe nach Byzanz verhallen ungehört. Der Papst tritt laut seiner Vita barfuß und mit Asche auf dem Haupt an die Spitze von Bittprozessionen der Bevölkerung, eine Christusfigur schulternd.

 

Wieder, wie schon bei Karl Martell, richtet der Papst über einen Pilger einen Hilferuf an König Pippin mit der Bitte, ihn in die Francia einzuladen. Für Pippin ist ein Kriegszug nach Italien nicht unproblematisch, denn einige fränkische Große, mit denen er gewöhnlich zu Rate ging, sprachen sich so entschieden gegen sein Vorhaben aus, dass sie sogar ganz offen erklärten, sie würden den König verlassen und nach Hause zurückkehren. (Einhard, Vita Karoli, cap.6) Der schickt dennoch eine Gesandtschaft nach Rom, die den Papst ins Frankenland einlädt und ungestört von Aistulf mitnimmt. Bei der königlichen Pfalz von Ponthion (bei Châlons-sur-Marne) treffen sie Januar 754 aufeinander, kurz bevor Bonifatius von Friesen getötet wird.

 

Das erheblich bedeutsame Ereignis ist wie die Kaiserkrönung Karls d.Gr. in mehreren Quellen erhalten. In der sogenannten Fortsetzung des Fredegar heißt es, als der König von der bevorstehenden Ankunft des Papstes hörte, befahl er, ihn mit Jubel, Freude und großer Sorgfalt aufzunehmen, und trug seinem Sohn Karl auf, ihm entgegenzugehen und ihn bis zum Königshof Ponthion vor ihn zu geleiten. Dort trat der römische Papst Stephan vor den König und beschenkte sowohl den König selbst als auch die Franken mit vielen Gaben und bat ihn um Hilfe gegen das Volk der Langobarden und ihren König Aistulf. (cap.36)

Version zwei steht in den Metzer Annalen: Als der genannte Papst dorthin kam, wurde er von König Pippin ehrenvoll empfangen. Und er machte dem König wie dessen Großen viele Geschenke. Am folgenden Tag aber flehte er zusammen mit seinem Klerus, mit Asche auf dem Haupt und einem Büßergewand bekleidet, auf dem Boden ausgestreckt den König an (...) ihn und das römische Volk aus der Hand der Langobarden (...) zu befreien.

Version 3 steht in der Vita des Papstes Stephan: Der König selbst empfing den heiligsten Papst fast drei Meilen vor seiner Pfalz Ponthion zusammen mit seiner Frau, seinen Söhnen und Großen, indem er von seinem Pferd stieg, sich mit großer Demut auf den Boden warf und im Dienste des Strators bis zu einem bestimmten Ort neben dessen Sattel eilte. (in Althoff(3), S.45)

 

Da die Unterschiede in der rituellen Darstellung des Status beider Seiten wichtig sind, wird deutlich, wie sehr Geschichte ein verzerrtes Bild liefern kann, wo nur eine Quelle vorhanden ist.

 

Man könnte von einem Bündnis König-Papst sprechen, in dem der Schutz vor den Langobarden mit dem Schutz vor der fränkischen Adelsopposition verbunden wird.

Die Zeitenwende drückt sich dadurch aus, dass Päpste, die bis jetzt nur nach Konstantinopel/Byzanz gereist waren, nun nicht mehr dorthin, sondern ins Frankenland reisen. Ansonsten lassen die unterschiedlichen Berichte beider Seiten ziemlich unklar, was in diesem Winter dort und dann in der Abtei St.Denis alles geschieht, wo der Papst den Winter über unterkommt; ob Stephan den karolingischen Frankenkönig salbt, zum Beispiel, wie die fränkischen Annalen berichten. Wichtig ist nur, dass es später eine Tradition gibt, die das behaupten wird, ebenso wie, dass der Papst anbefohlen habe, dass fränkische Herrscher fürderhin aus dem Mannesstamm Pippins entspringen sollen. Vermutlich den Tatsachen am nächsten kommt aber folgender folgenschwerer Passus in der römischen Papstchronik (Liber Pontificalis), da Pippin ihn bald befolgen wird:

 

Und da sie dort als Gleiche im Oratorium saßen, hat der genannte allerseligste Papst unter Tränen den allerchristlichsten König angefleht, dass er durch ein Friedensbündnis die Angelegenheiten des heiligen Petrus und der Respublica der Römer in Ordnung bringe. Sofort hat dieser geschworen und ihm versichert, dass er mit aller seiner Strenge die Anordnungen des Papstes befolgen werde und dass er das Exarchat von Ravenna und die übrigen Rechte und Besitzungen der Respublica der Römer wiederherstellen werde. (im Kapitel von Philippe Bruc, in Jussen, S.27f)

 

Das ist der Beginn fränkischer und später reichsdeutscher Italienpolitik. Was Pippin dem Papst wohl verspricht, ist die Schenkung der von Langobarden eroberten Gebiete des römischen Dukats und des Exarchats von Ravenna, also der norditalienischen griechischen Besitzungen, der „Provinz Italien“. Zugleich ist das der Beginn der Westorientierung des Papsttums, welches erkannt hat, dass das von mehreren Seiten bedrängte Byzanz nicht mehr imstande ist, es zu schützen. Es ist damit zugleich der Beginn des Endes oströmischer Herrschaft über Italien.

 

754 zieht Pippin nach Italien, nachdem er offensichtlich adeligen Widerspruch dagegen übergehen konnte, wird in Rom samt seinen beiden legitimen Söhnen Karl und Karlmann zum König gesalbt und zudem zum „Patricius der Römer“ erklärt, vielleicht zu einer Art Schutzherr, aber Genaues dazu bleibt unbekannt. Die Langobarden unterwerfen sich zunächst, bedrohen dann aber wieder Rom. 756 dann kommt es zum nächsten Kriegszug, den Langobarden wird ihr Schatz genommen und sie werden zu Tributzahlungen gezwungen. Eine königliche Schenkungsurkunde der von den Langobarden eroberten Gebiete begründet den Kirchenstaat formell, in dem der Papst nun als weltlicher Herrscher regiert. 757 schickt der neue Papst Paul I. seine Wahlanzeige nicht mehr nach Byzanz, sondern in die Francia zum König.

Kaiser Konstantin V. interveniert, schickt einen Gesandten zum Frankenkönig, aber vergebens.

 

Das germanische Königsheil, verwandt mit der griechischen Vorstellung vom Charisma, verwandelt sich jetzt fast zur Gänze in das königliche Gottesgnadentum. Als erster wird Karl d.Gr. in seiner Formulierung Herrscher deo gratia sein, aus und in der Gnade des siegreichen und Sieg spendenden Christengottes. Symbolisch markiert wird das mit der Salbung, dem Beträufeln mit magisch verwandeltem Öl. Diese Prozedur kann wohl auf Vorbilder bei westgotischen Königen in Spanien zurückgreifen. Pippin lässt formulieren: Es ist offenbar, dass uns durch die Salbung die göttliche Vorsehung auf den Thron erhöht hat. (In: Georges Minois, Charlemagne. S.136)

 

Ein Stück germanisches Erbe bleibt, in Analogie zum römischen Caesarentum: Waren römische Kaiser angewiesen auf Wahl und Unterstützung des Heeres (vor allem), des Senates und des Volkes von Rom (bald in Wirklichkeit nicht mehr), so betont obige Quelle die Wahl durch "alle" Franken und die Huldigung durch die Großen. Die Wahl durch alle Franken ist allerdings längst eine anachronistische Floskel, eine der Tradition verpflichtete verbale Pflichtübung, aber der Zusammenhang zwischen königlicher Herrschaft und Mitwirkung der "adeligen" Großen bleibt. Noch in der Goldenen Bulle von 1356 wird diese Mitwirkungspraxis betont, die an den Kurfürsten festgemacht wird. Damit entwickelt sich nicht wie in anderen späteren Reichen eine rechtlich fixierte Erbmonarchie.

 

Um es kurz zu machen: Die Karolinger unternehmen die Unterstellung der Kirche sowohl unter den Papst sowie unter ihre Herrschaft. Sie beginnen bei der Unterwerfung der Friesen mit der Verbindung von Eroberung und Mission. Damit vergrößern sie den Einflussraum der Päpste, der zugleich im oströmischen Raum weiter schwindet.

 

Neben dem Versuch der gewaltsamen Zerstörung der westfriesischen Kultur beginnt ein massives Annektionsprogramm im alemannischen Raum. Die dortige Herzogsfamilie wird ausgerottet und König Pippin ersetzt sie durch fränkische Grafen. Das ist keine Angliederung an, sondern Eingliederung ins Frankenreich, ein Vorgang, den Karl d.Gr. später mit Jahrzehnten der Kriegführung bei den Sachsen durchsetzen wird und ohne Krieg, aber dennoch brutal, bei den Bayern.

 

Die stete Ausweitung des Frankenreiches seit Karl Martell beginnt den Charakter des Heeres zu verändern. Mag auch weiter in der Schlacht zum Teil zu Fuß gekämpft werden, für lange Strecken bedarf es zunehmend mehr des Pferdes als Transportmittel. Die Reiterei nimmt zu. 755 verkündet Pippin pro utilitate Francorum die Verlegung der Heeresversammlung vom Märzfeld zum Maifeld, wenn es bessere Weiden für die Pferde gibt. Vermutlich müssen deshalb inzwischen auch die Anbauflächen für Hafer erweitert werden. 

Mit dem karolingischen Königtum wird die Verschmelzung merowingischen Vasallentums mit dem der Hausmeier abgeschlossen. Zugleich beginnt die Verbindung von Vasallität und Beneficium als Leihgabe eines Großgrundbesitzes enger zu werden. Große Vasallen wiederum legen sich auf diese Weise Untervasallen zu. 

 

759 wird nach mehrjähriger Belagerung Narbonne genommen und damit Septimanien. Noch folgenreicher wird die brutale Unterwerfung Aquitaniens in zahlreichen Kriegszügen zwischen 760 und 768, als der aquitanische dux ermordet wird. Mit der festen Anbindung dieses ehedem westgotisch beherrschten Großraums, der zwischenzeitlich ziemlich autonom geworden war, schafft König Pippin die entscheidende territoriale Voraussetzung für die viel spätere Entwicklung eines Frankreichs, das, was sein Sohn Karl dann mit dem dreißigjährigen Unterwerfungskrieg gegen die Sachsen für ein zukünftiges Deutschland bewirkt. Mit der Süd-bzw. Ostausdehnung des Frankenreiches werden so große Territorien geschaffen, dass darauf ein mehr romanisch (wegen des galloromanischen Südens) und ein mehr germanisch (wegen des rein germanischen Sachsens) verwurzeltes großes Reich nebeneinander entstehen können. (Schieffer, S.66)

 

(Eine gute historische Karte bietet Wikipedia, wenn man bei Google "Austrasien" zum Beispiel eingibt)

 

Das neue Königtum erbt das Reich, regnum und den Königstitel, versieht ihn mit neuer Legitimation und der Macht und dem Reichtum der Familie. Geerbt wird auch die Vorstellung, dass die Macht in der Hand der königlichen Familie bleibt, also vererbt wird, und zwar an alle erbberechtigten Söhne. Das Königtum bleibt ohne Zentrum oder Hauptstadt, die königliche Familie reist quasi heimatlos von Pfalz zu Pfalz, zu großen, vielleicht ein wenig befestigten Herrensitzen, die über die jeweiligen regionalen Ländereien der Familie gebieten, und die die Familie mit allem versorgen können, auch mit einer Kapelle, in der man täglich die Messe hört und betet.

 

Das Frankenreich ist eine agrarische Welt, in der Städte, Handel und Handwerk weiter eine untergeordnete Rolle spielen. Luxusprodukte von außerhalb werden, allerdings nur wenige, von vor allem jüdischen und friesischen Fernhändlern geliefert. Die zentrale Macht des Abendlandes, das oströmische Kaiserreich, beherrscht die östlichen Handelswege unter dem Schutz ihrer Kriegsschiffe, die vor allem die Millionenstadt Konstantinopel/Byzanz versorgen. Aber aus dem Westen des Abendlandes werden sie nicht nur durch das Bündnis der Karolinger mit dem römischen Bischof abgedrängt, sondern bald auch durch die aufsteigenden Handelsstädte Neapel, Amalfi und Venedig. Dazu kommen zunehmende religiöse Gegensätze, deren Bedeutung heute schwer verständlich ist, die damals aber wichtig genommen wurden, und die Tatsache, dass das Lateinische im Osten zugunsten des Griechischen verschwand, während letzteres im Westen kaum noch verstanden wurde.

 

Die Franken kommen erst in Südgallien, dann immer noch an den Pyrenäen mit der in hundert Jahren mächtig gewordenen arabisch-islamischen Welt in Berührung. Unter den Umayaden in Damaskus ist das arabische Großreich bereits eine Seemacht mit einer machtvollen Mittelmeerflotte. Zur Zeit König Pippins werden sie durch einen Umsturz von der Familie der Abbassiden abgelöst, nur einer der vorherigen Kalifenfamilie schafft die Flucht nach Andalusien, wo dann das unabhängige Reich von Cordoba in el-Andalus entsteht. Für die späteren Anfänge eines Kapitalismus wird nicht zuletzt wichtig, dass die islamische Welt des 8. Jahrhunderts bereits Handelsbeziehungen nach Indien, China und Ostafrika unterhält, mittelbar sogar tief nach Schwarzafrika hinein. Mit dem Anschluss des lateinischen Abendlandes an diesen Handel mit dem 10. Jahrhundert ist also bereits eine Art Welthandel über drei Kontinente gegeben.

 

Verglichen mit den stark städtischen Zivilisationen von Byzanz und des Islam

ist das Frankenreich ein „rückständiges“ und eher schwaches Agrargebiet am Rande des „Fortschritts“.

 

 

Die angelsächsische Mission

 

Nach der römischen und der irischen Christianisierung verändert sich in dieser Zeit das Christentum der Franken erneut. Mit der irischen Mission war der fränkische Adel in das neue System der Adelsklöster, der adeligen Eigenkirchen und dann auch in eine neue Auffassung des Bischofsamtes integriert worden. Im selben Prozess verschmolz er endgültig mit dem alten gallorömischen Adel.

 

Die Bischöfe werden nun, mehr noch als zuvor, zu weltlichen Machthabern. Manche waren offenbar nicht einmal vorher ordiniert oder geweiht worden. Als aristokratische Kriegerbischöfe tragen sie bei zur zunehmenden Dezentralisierung, zum Zerfall der eh schwachen Einheit fränkischer Herrschaft.

Der Bischof von Auxerre, Savarich, ist einer der Gegner Karl Martells. In der örtlichen Bischofschronik wird von einem Zeitgenossen über ihn folgendermaßen berichtet, und zwar aus der Perspektive der Sieger:

Savarich war ... von sehr hoher Geburt. Er begann, ein wenig von den Pflichten seines Standes abzuweichen und sich mehr um weltliche Angelegenheiten zu kümmern, als es einem Bischof angemessen war, und das in einem solchen Ausmaß, dass er sich mit Waffengewalt die Gebiete von Orléans, Nevers, Tonnerre und das Avallonais aneignete ... Unter Missachtung der Würde eines Bischofs stellte er eine große Armee auf; als er aber auf Lyon marschierte, um es mit Waffengewalt zu erobern, wurde er durch einen göttlichen Blitz getroffen und starb sofort. (In: Geary, Die Merowinger, s.o., S.211)

 

Solche „geistlichen“ Magnaten waren in Zeiten der Ohnmacht der Zentralgewalt dazu übergegangen, sich zwei, drei, vier Bistümer zugleich unter den Nagel zu reißen und dazu noch die Abtswürde in einer ganzen Anzahl von Klöstern zu bekleiden.

Nich alle waren Gegner der Pippiniden. Zu ihren Verbündeten gehören die Widonen, deren erster auf dem Trierer Bischofsthron Basinus ist, der 705 stirbt. Sein Nachfolger wird sein um 720 sterbender Neffe Liutwin. Dessen Sohn Milo (bis 757) wiederum wird zum Bistum Trier auch das von Reims zugeschanzt bekommen. Solche Bischöfe konzentrieren sich auf die Verwaltung ihrer großen Güter, die sie oft mehr oder weniger wie Eigenbesitz behandeln und teilweise an Kinder und Gefolgsleute weitervererben. (Angenendt(2), S.263) Ähnlich gehen die Pippiniden mit Abteien um.

 

In dieser Zeit gibt es denn auch immer mehr Bischöfe, die nicht mehr Latein verstehen oder überhaupt umfassend des Lesens kundig sind. Überhaupt zieht sich jetzt die Schriftlichkeit fast ganz auf einen kleineren Teil des Klerus und die Klöster zurück.

 

Das ist die Situation, auf die die angelsächsische Mission trifft. Die angelsächsische Kirche wird dabei zum Modellfall für eine zentralisierte römische Universalkirche. Zunächst geht die Missionierung von Benediktinermönchen aus. Dabei handelt es sich um vom Papst lizensierte Missionare, die eine feste Bischofshierarchie mit Metropoliten (späteren Erzbischöfen) etablieren. Darüber hinaus steht diese unter der Kontrolle der Könige und ist zur Zusammenarbeit mit ihnen verpflichtet.

 

Als erstes gehen Wilfrid und Willibrord seit 690 zu den Friesen, mit denen sie sich volkssprachlich verständigen können. Zuvor stellen sie sich unter den Schutz des mittleren Pippin und bieten ihm an, die von ihm eroberten Gebiete zu christianisieren. Willibrord fährt dann nach Rom, um sich die Genehmigung für die Mission vom Papst zu holen, eine für fränkische Geistliche unvorstellbare Aufwertung des Papsttums. Pippin schickt ihn auch deshalb nach Rom, damit der Papst ihn zum Bischof der Friesen weiht. Auf diese Weise gehen die Christianisierung und die fränkische Unterwerfung der Friesen Hand in Hand. 695 lässt er sich vom Papst zum Erzbischof für Utracht weihen. Erfolgreich ist umgekehrt die Christianisierung aber auch nur dort, wo Franken militärisch die Friesen unter der Knute haben. Im Ergebnis wird so die friesische Kultur nach und nach zerstört und sie werden zumindest im Süden ein Stück weit „frankisiert“.

Willibrord wiederum gründet um 697 das Kloster Echternach an der Sauer. Er wird nach Unterschutz-Stellung durch Pippin später Karl Martell als seinen senior anerkennen.

 

Nachfolger Wynfreth, später von den Päpsten Bonifatius in fast direkter Übersetzung genannt, wächst bereits als Kind in Südengland im Kloster auf. Als etwa Vierzigjähriger bricht er auf den Kontinent auf und missioniert 716 erfolglos in Friesland.

Eine zweite Reise führt ihn 718/19 nach Rom, wo er vom Papst beauftragt wird, die Thüringer zu missionieren. Er reist mit Willibrod zunächst wieder zu den Friesen, und dann 721 nach Hessen und dann Thüringen. Wieder in Rom, lässt er sich zum Bischof weihen, um dann eine Kirchenorganisation in Thüringen aufzubauen. Ins Jahr 723 fällt das spektakuläre Fällen der Donar-Eiche von Hofgeismar.

 

732 macht ihn der Papst zum Erzbischof, damit er nun Bischöfe einsetzen kann.

738/39 wird er in Rom zum päpstlichen  Legaten ernannt. Sein Auftrag bleibt es,

die irisch-fränkisch christianisierten Kirchen in Bayern und Alemannien unter päpstliche Kuratel zu stellen, was auch als „Mission“ verstanden wird. Inhaltlich formuliert Bonifatius später als sein oberstes Ziel für die Geistlichkeit die Einheit und die Unterwerfung unter die römische Kirche durch einen Gehorsamseid gegenüber dem Papst und die Durchsetzung des römischen Taufritus. Zugleich bedeutet das auch die Unterordnung der Bischöfe unter die karolingischen Hausmeier und später dann Könige. Neben Bistümern in Thüringen, dem späteren Nordhessen (Fulda) und Mainfranken (Würzburg) entstehen nun nach Passau in Bayern noch die Bistümer Regensburg, Freising und Salzburg, denen kein Erzbischof vorsteht, sondern nur die Person des Bonifatius, die sie mit dem Frankenreich verbindet. (Fischer, S.158)

 

Die Konzentration der Kirche einmal auf Rom hin und zugleich auf das Zentrum der weltlichen Schutzmacht führt zu einer inhaltlichen, auf das Papsttum orientierten Vereinheitlichung, zugleich aber auch zu einer auf die zukünftige Königsmacht hin orientierten organisatorischen Einheit.

 

Inhaltlich kommt es in kleinen Schritten zur Durchsetzung eines neuen Episkopates im gesamten fränkischen Einflussbereich: Verweltlichte Bischöfe werden durch den geistlichen Ansprüchen der Missionare genügende wenigstens zum kleinen Teil abgelöst. In diesem Prozess kann Karl Martell wohl Teile des kirchlichen Besitzes für seine Herrschaftsausübung abzweigen.

 

Um den Reformbedarf anschaulich zu machen, redet Bonifatius von Diakonen, die seit ihrer Kindheit immer in Unzucht, immer im Ehebruch und immer in allerlei Schmutzereien gelebt haben (...) und jetzt im Diakonat vier,  fünf oder mehr Beischläferinnen nachts in ihrem Bett haben", und trotzdem zur Priesterweihe gelangen (...) und endlich sogar zu Bischöfen gesalbt und als solche bezeichnet werden.  Er wendet sich gegen Bischöfe, die  zwar sagen, sie seien keine Hurer und Ehebrecher, die aber trunk- und streitsüchtig sind, eifrige Jäger, die bewaffnet im Heer kämpfen und mit eigener Hand Blut von Menschen vergossen haben, sei es nun von Heiden oder von Christen.." (Brief des Bonifatius von 742 an Papst Zacharias).

 

Nicht weniger plastisch sind die Bußbestimmungen Bedas, die er kurz zuvor in 'De remediis peccatorum' für England notiert:

Wenn aber ein Kleriker mit einem vierfüßigen Tier Unzucht betreibt, so solle er zwei Jahre büßen, ein Subdiakon drei, ein Diakon fünf, ein Priester sieben, ein Bischof zehn Jahre. Wer mit seiner Mutter Unzucht betreibt, soll fünfzehn Jahre büßen. Wer es mit der Tochter oder Schwester treibt, soll zwölf Jahre büßen. Wer mit dem eigenen Bruder sich unzüchtig in körperlicher Vereinigung vergeht, soll sich jeglichen Fleischgenusses enthalten und fünfzehn Jahre büßen. Wenn ein Kleriker zur Jagd geht, so soll er ein Jahr büßen, der Diakon zwei, der Priester drei. Wenn eine Mutter mit ihrem kleinen Söhnchen Unzuht treibt, so soll sie sich drei Jahre des Fleischgenusses enthalten und einen Tag in der Woche abends fasten. Wenn ein Priester oder ein Diakon oder ein Mönch eine Gattin nimmt, so soll er bei Mitwissen des Volkes abgesetzt werden. Wenn er aber Ehebruch mit ihr begeht und dies dem Volk bekannt wird, so soll er aus der Kirche verjagt werden und unter den Laien lebenslang büßen. Wer aber seine Gattin um einer anderen Frau willen verlässt, soll sieben Jahre büßen. (in LHL, S.194) 

 

Das Christentum ist wie Judentum und Islam eine Religion geoffenbarter Schriften. Das Durchsetzen der Schriftlichkeit beim höheren Klerus geht nun, wie schon einmal in der Antike, zusammen mit der Verehrung für Texte, der Textgläubigkeit, und da der hohe Klerus Stütze der weltlichen Herrschaft ist, wird das von ihr gefördert. Ein nächster Schritt wird dann ganz langsam die Verrechtlichung von Machtausübung werden.

 

Verboten werden den Geistlichen das Waffentragen, die Heerfahrt, weltliche Kleidung, das Zusammenwohnen mit Frauen, dazu werden sie zum Gehorsam auf den Bischof verpflichtet. Eine neue Kirche breitet sich langsam aus, auch wenn sich die Realität nicht so ganz an die Verbote hält.

 

Organisatorisch werden die in den Gehorsam gegenüber den Päpsten und Königen gestellten Bischöfe auf Konzilen auf die Interessen des zentralen fränkischen Herrschers hin ausgerichtet. Praktischerweise werden diese karolingischen Konzile auf dem Maifeld (dem ursprünglichen Märzfeld bzw. Marsfeld) zusammen mit der jährlichen „Musterung“ des Vasallenheeres abgehalten. Ihre Beschlüsse werden nicht mehr wie nach der konstantinischen Neuordnung im Namen der Bischöfe verkündet, sondern im Namen des fränkischen Herrschers. Die inhaltliche Durchsetzung dieser neuen christlichen Vorstellungen wird sich aber durch das ganze Mittelalter hindurchziehen.

 

Als Bonifatius 732 vom Papst das Pallium eines Erzbischofs erhält und nun selbst Bischöfe weihen kann, regt sich beim um seine Selbständigkeit besorgten fränkischen und dann auch bayrischen Episkopat Widerstand, dem sich Karl ("Martell") anschließt. Als dann Papst Gregor III. um Hilfe gegen die Langobarden bittet, verweigert er sich und konzentriert sich auf die kriegerische Konsolidierung seines Reiches. Unverdrossen operiert der Missionsbischof im päpstlichen Auftrag aber auch noch als kirchlicher Berater Pippins. An Freund Daniel, Bischof von Winchester, schreibt er: Ohne das Patronat des fränkischen Fürsten kann ich weder die Gläubigen regieren (...) noch die Priester beschützen (...) noch kann ich in Deutschland die Ausübung heidnischer Riten und die Götzenanbetung verbieten, ohne seine Befehle und die Furcht, die er einflößt. (in Brown2, S.308)

 

742/43 wird auf einem Concilium Germanicum ein ganzer Katalog von Reformforderungen beschlossen, die Pippin und Karlmann unterstützen. Dabeo soll die kultische Reinheit der Priester durch die mehr oder weniger klösterliche Gemeinschaft an der Kathedrale gefördert werden.

 

Ohne weltliche Gewalt keine Mission, wie dem Missionar durchaus bewusst ist, und wo diese nachlässt, werden die kleinen neuen Kirchlein von Friesen und Sachsen sofort wieder zerstört. Daneben gibt es aber offenbar Formen einer nicht von Papst und König lizensierten Christianisierung, die zunächst mehr Erfolg zu haben scheinen. 744/45 wird ein Aldebert erst von fränkischen Bischöfen und dann von Rom verurteilt, der sich aus eigenen Stücken und direkt von Gott berufen zum Bischof machte. Seine Anhänger "stellten den Kirchenbesuch ein und versammelten sich unter Kreuzen, die Aldebert auf Wiesen, an Quellen oder wo es ihm sonst beliebte, hatte aufstellen lassen. Er forderte, die Gebete nicht in Domen, die von den Bischöfen hgeweiht waren, an Gott zu richten, sondern in kleinen Kapellen, die er auf offenem Felde erbaut hatte. Ferner verwarf er die Notwendigkeit der kirchlichen Beichte, indem er erklärte, ihm wären auch so alle Verfehlungen bekannt." (Gurjewitsch in: Römer und Barbaren, S.230). Ein solches Konkurrenzunternehmen zur römischen Kirche und ohne Fixierung auf königliche Macht kanne natürlich nicht geduldet werden.

 

747 dankt Karlmann ab und Bonifatius verliert an Einfluss, da Pippin seine eigene Kirchenpolitik bis hin zur Besetzung kirchlicher Ämter betreiben möchte. Der Missionar zieht sich in das Kloster Fulda zurück, um dann 754 bei einem erneuten Missionsversuch in Friesland von Räubern erschlagen zu werden.

 

In diese Zeit fällt wohl auch die zunehmende Christianisierung der Landbevölkerung durch die Errichtung von kleinen hölzernen Landkirchen und die Bestellung von Priestern, die aber wohl noch das ganze achte und neunte Jahrhundert brauchen wird. Die Friedhöfe rücken dabei an die Kirchen heran und die Grabbeigaben hören auf und werden durch Leistungen der Angehörigen für das Seelenheil der Verstorbenen ersetzt.

 

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Schon vor den angelsächsischen Missionaren kommt es im 7. Jahrhundert zum "gallischen Klosterfrühling". Bei Martina Hartmann ist ein Ausschnitt aus der Vita Sadalbergae zu finden, die das fromme Leben einer Adeligen der Zeit, die erst in der Nähe von Luxeuil ein Kloster für sich gründet und es dann später in die Mauern von Laon verlegt:

Zu seiner Zeit (eines Abtes von Luxeuil) begannen sich in den Provinzen Galliens die Scharen der Mönche und Schwärme heiliger Mädchen nicht nur über Äcker, Dörfer, Weiler und Burgen, sondern auch über die Weite der Einöde zu verbreiten, und zwar nach der Regel der seligen Väter Benedikt und Columban, während vor jener Zeit Klöster kaum an wenigen solchen Orten zu finden waren. (Hartmann, S.24).

 

Zugleich wird mit der Neugründung benediktinischer Klöster und ihrer Ordensregel für die schon bestehenden der Einfluss der karolingischen Herrscher auch in diesem Bereich gestärkt. Erst damit entsteht die (west)römische Form einer einheitlichen mittelalterlichen Kirche.

 

Hausmachtpolitik über Klöster zeigen die Anfänge des Klosters Echternach. Die wahrscheinliche Mutter der Plektrud, eine begüterte Äbtissin Irmina von Oeren bei Trier, beauftragt Willibrord mit der Gründung von Echternach 698 auf ihrem Grundbesitz. Dieser überträgt danach alles an Pippin und Plektrud, die es ihm mit zusätzlichen Geschenken zurück übertragen, damit er es unter ihrer "Herrschaft und ihrem Schutz" leite. So zum Beispiel entstehen karolingische "Hausklöster". (U.a. in Schieffer, S.31ff) Als Anerkennung für treue Dienste nach der Abkehr von Plektrud darf Willibrord später Karls Sohn taufen.

 

Die iroschottische Mönchsmission hatte zu den fränkischen Adelsklöstern geführt, die zu Machtzentren großer Adelsfamilien mit enormem Grundbesitz wurden. Die Gelegenheit der angelsächsischen Reform-Mission, von Hausmeiern und ihren königlichen Nachfolgern im Verein mit den Päpsten betrieben, bietet den Karolingern die Möglichkeit, konkurrierende aristokratische Machtzentren zu zerschlagen und unter die eigene Kontrolle zu bringen.

 

Zu Fulda schreibt Bonifatius an den Papst:

Es ist ein waldreicher Ort in einer Einöde von allergrößter Einsamkeit inmitten der Völker unseres Missionsfeldes, an dem wir das Klöster erbaut und die Mönche angesiedelt haben, die nach der Regel des heiligen Vaters Benedikt leben, Männer von strenger Enthaltsamkeit, die auf Fleisch, Wein und Met verzichten und auch keine Sklaven haben, sondern sich begnügen mit dem, was sie von eigener Hand erarbeiten. Drum herum sind vier Völker, allesamt Völker Germaniens. (in: Angenedt(2), S.274)

 

Neben der von Bonifatius mit Hilfe angelsächsischer Mönche betriebenen Gründung des Klosters Fulda holt er auch Frauen aus vornehmen angelsächsischen Familien auf den Kontinent. Lioba gründet mit Thekla und Bonifatius das Kloster Tauberbischofsheim und wird dort Äbtissin. Bonifatius übergibt dann etwas später Thekla die Leitung des Klosters Ochsenfurt und danach auch des Klosters Kitzingen. Walburga übernimmt 761 die Leitung des Doppelklosters Heidenheim bei Eichstätt.

 

Der Friese Liudger (742-809) erhält seine Ausbildung u.a. in York bei Alkuin. Nachdem er wie seine Vorgänger bei der Friesenmission wenig Erfolg hat, gründet er östlich davon bei der großen Ruhrschleife das Kloster Werden, für das er Ländereien in der Umgebung angekauft hat. Die ersten Mönche kommen aus Fulda und Echternach. Das Kloster wird schnell ziemlich reich, auch da es Liudger als seine Grablege bestimmt und seine Familie dann auch die Äbte stellt, so wie auch die Bischöfe von Münster nach Liudger, der das Amt seit 805 innehat.

 

Ostrom, Italien und Frankenreich im 8. Jahrhundert

 

Ein Beziehungsgeflecht zwischen frühen Karolingern, bayrischen Agilolfingern, Langobarden, dem Papsttum und Ostrom gerät in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts in Bewegung.

 

Das weitere Schicksal von Byzanz wird geprägt von Bedrohungen aus dem Norden (dem Khanat der Bulgaren) und dem Süden. Dort rennen nun arabisch-islamische Reiche gegen das oströmische an. Byzanz verliert bis um 700 im Süden und Osten seine riesigen nichtgriechischen Gebiete und den größeren Teil seiner Staatseinnahmen. Es wird zu einem fast rein griechischen Reich, in dem zudem nach und nach außerhalb der Hauptstadt das geschieht, was zugleich das aufsteigende Frankenreich erlebt, eine zunehmende Entstädterung und Agrarisierung. Selbst die Stadt Byzantion schrumpft  ähnlich wie das Rom des Westens, nur Jahrhunderte später, im 8./9. Jahrhundert auf einen Bruchteil seiner Einwohnerschaft des 5. Jahrhunderts. Als zentrale, aber mächtig geschrumpfte Orte bleiben noch Thessaloniki, Epheses, Nicaea und Trapezunt.

"almost all the other great cities and ports of the region were reduced to fortresses, eben more modest in scale than that at Ephesus. (...) Sardis shrank to a small fortified acropolis like Ephesus with one or more separate occupied areas within the original wall circuit. Miletos was reduced to some twenty-five per cent of its original area and divided into two defended complexes. (...) Ancyra shrank to a small citadel during the 650s and 660s. (...) The fortress occupied an area measuring 350 x 150 metres." (Hodges, S.47) Die Qualität der Häuser sinkt erheblich.

 

Die private Nachfrage sinkt seit dem siebten Jahrhundert massiv und es bleibt fast nur die des Staates. Die gewerbliche Produktion verringert sich massiv und wird qualitativ immer schlechter. Die Geldwirtschaft verliert erheblich an Bedeutung.

 

Ostrom steht nun bis etwa 840 unter ständiger kriegerischer Bedrohung aus Arabien, einem "Staat, der den zehnfachen Umfang des noch verbleibenden oströmischen hat, fünfzehnmal größere Einkünfte und der Heere ins Feld schicken konnte, die zahlenmäßig denen der Rumi um das Fünffache überlegen waren." (Brown2, S.273) 

 

Vor diesem Hintergrund beginnt unter Kaiser Leo III. (717-41) der sogenannte Bilderstreit. In der letzten Zeit waren Heiligenbilder zunehmend als Medien in die Welt des Göttlichen aufgewertet worden. Die zunehmende Bedrohung, 717/18 wird die Hauptstadt belagert, verlangt nun nach himmlischer Unterstützung, und er fällt die Entscheidung, dass die üblichen Bilder dafür nicht (mehr) taugten, sondern man sich auf das in der Hauptstadt aufbewahrte Heilige Kreuz (und dessen Abbilder) konzentrieren solle. Gegen Ende seiner Regierung sollen die Bischöfe andere Bildnisse in den Kirchen, die davon ablenken, zerstören. Die Konflikte zwischen Bilderverehrern (Ikonodulen) und von diesen so benannten Ikonoklasten, Bilderzerschmetterern, werden die nächsten Jahrhunderte überdauern. Unter Leos Sohn Konstantin V. (741-75) werden solche Auseinandersetzungen immer gewalttätiger. Als dann die für ihren Sohn Konstantin VI. regierende "Kaiserin" Irene wieder auf die Seite der Bilderverehrer übertritt, beginnt ein Wechsel von Herrschern, die jeweils eine der beiden Seiten vertreten. Zunächst wird auf einem Konzil in Nicäa 787 allerdings die Verehrung heiliger Bilder im Ostreich wiederhergestellt und sogar betont.

 

Dieser Konflikt findet in der Zeit statt, in der sich interessanterweise auch im Islam nach und nach ein Bilderverbot durchsetzt, welches dann auch weltliche Paläste einzubeziehen beginnt. Und es spielt in jene Situation hinein, in der die Langobarden das byzantinische Ravenna erobern (751) und die Stadt Rom bedrängen - und der Papst zunehmend bei den fränkischen Machthabern um Hilfe bittet. 

Unter den Menschen in der urbs Romana ist eine ganz handfeste und intensive Bilderverehrung im Gange, eines soll ohnehin ganz von einem Engel gemalt, andere wenigstens von Engeln vollendet worden sein. (Genaueres in... ). Die Päpste wenden sich also gegen den Ikonoklasmus und unter dem großen Karl wird letztlich eine Kompromisslösung gefunden: Bilder werden nämlich gar nicht eigentlich verehrt, so heißt es, sondern sie helfen nur, unsichtbares Heiliges dem schlichten Gemüt nahezubringen.

 

 

Zum Reich von Ostrom und Byzanz gehören auch zahlreiche (Küsten)Städte mit ihrem Umland. Mit Rom, Neapel und Ravenna ghören darunter die wohl ökonomisch wichtigsten Städte Italiens. Unter Stephan II. (755-800), der erst Dux und dann Bischof ist, wird Neapel praktisch autonom. Etwa in dieser Zeit verselbständigt sich auch Venedig und Rom wendet sich unter den Päpsten immer deutlicher dem Frankenreich zu, nachdem es seine Mcht in Latium konsolidiert hat.

 

 

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Das Langobardenreich bleibt städtebasierter als das der Franken. Von der Hauptstadt aus findet weiter königliche Gesetzgebung statt und in den Städten bei bedeutenderen Angelegenheiten Rechtsprechung durch Herzöge und Gastalden. Macht und Herrschaft basieren weniger auf riesigem Grundbesitz wie in der Francia und stärker auf der Besetzung von Ämtern. (Wickham)

 

Mit Unterbrechungen regieren die Agilolfinger das Langobardenreich bis 712 mit einem Netzwerk von Herzogen, unter denen die Gastalden von ehedem römischen Städten aus eine ähnliche Rolle wie fränkische Grafen einnehmen (Wickham). Aber nach etwa 700 zerstört sich die "bayrische" Dynastie der Langobardenherrscher in Pavia selbst. Die Herzogtümer von Spoleto und Benevent nutzen die bürgerkriegsartigen Zustände, um sich stärker zu verselbständigen. Einige der folgenden Könige erreichen eine erhebliche Machtfülle, kontrollieren die südlichen Herzogtümer stärker, sind erfolgreich gegen Byzanz und wie Liutprand im Bündnis mit Karl Martell gegen die islamische Invasion im Frankenreich.

 

Dieser Liutprand (bis 744) kehrt 712 aus dem bayrischen Exil nach Norditalien zurück und entwickelt Großmachtpläne. Er attackiert zunächst im Norden bayrisches Gebiet und dann das des byzantinischen Exarchats um Ravenna, wobei er fast jedes Jahr Krieg führt wie sein Zeitgenosse Karl ("Martell"). Er betreibt umfangreiche Gesetzgebung und baut Pavia (712-744) vergleichsweise prächtig aus.

 

Zwischen dem päpstlichen Rom und Byzanz steigern sich Spannungen, als Byzanz päpstliche Besitzungen in Süditalien einnimmt und für diesen Süden auch die kirchenrechtliche Zuständigkeit Roms ablehnt. Byzanz ist so weniger Schutzmacht für Rom, welches nun Spoleto und Benevent gegen Liutprand stützt, dessen Truppen 739 bedrohlich auf römisches Territorium vordringen.  Papst Gregor III. schickt drei Hilfegesuche an Karl Martell, der noch jede Hilfe ablehnt. Für den Papst wäre damit der Austausch der Schutzmacht vollzogen, aber Karl ist mit Liutprand befreundet / verbündet und über Karls Heirat mit Swanahild auch noch verwandt. 737 schickt Karl Sohn Pippin zudem zu Liutprand, der ihn in gewissem Sinne adoptiert. 742 muss Papst Zacharias einen Waffenstillstand mit den Langobarden eingehen, deren König inzwischen den größten Teil der Halbinsel kontrolliert.

 

Aber in der Zeit des Langobardenkönigs Ratchis nähern sich Franken und Päpste an, was 752 zur Anerkennung der karolingischen Usurpation der fränkischen Krone führt. 

751 besetzt König Aistulf, Bruder von Ratchis, Ravenna und verlangt eine Art Oberhoheit über Rom und insbesondere sein Territorium. 753 wendet sich Papst Stephan II. an Pippin um Hilfe.

754/55 marschiert Pippin III. ein und erreicht von Aistulf die Übergabe des ganzen Exarchats Ravenna an den Papst. Der Vertrag muss ein Jahr später noch einmal erneuert werden. König Desiderius herrscht von 757 bis 774 unter der Doppelbedrohung durch Franken und Päpste, die die Einheit seines Reiches in der Mitte durch den Kirchenstaat zerschnitten haben, was er am Ende mit der Unterstützung der Ravennesen zu revidieren sucht. Es gelingt ihm, mit Arichis II. einen Dux in Benevent einzusetzen.

772 attackiert Desiderius Rom erneut. Nun holt Papst Hadrian I., eine mächtige Figur, Karl ("den Großen"), inzwischen Alleinherrscher, zu Hilfe. Nach langer und am Ende erfolgreicher Belagerung von Pavia und Verona übernimmt der nun 773-74 die Langobardenkrone für sich.

 

 

Islam

 

Moses ist sicherlich keine historische Figur. Von Mohammed weiß man, historisch gesichert, kaum mehr als von Jesus, also fast gar nichts, außer dass bekannt ist, dass es Menschen dieses Namens zur entsprechenden Zeit gegeben hat.

Die frühesten christlichen Texte stammen von Paulus, der allerdings nach eigener Aussage teilweise und besonders in einem zentralen Punkt ein anderes Christentum vertreten hat als damals eine etwas legendär überlieferte kleine Gemeinde in Jerusalem. Über einen Jesus erfahren wir in seinen Texten, die über eine Generation nach dem angeblichen Tod von ihm geschrieben wurden, fast gar nichts. Die teils ähnlichen, teils sehr widersprüchlichen Aussagen über die Person eines Jesus in den Evangelien beruhen auf einer vermuteten, sehr dürftigen gemeinsamen Textquelle, die nicht überliefert ist und wurden wiederum eine bis mehrere Generationen (noch) später verfasst.

 

Mit Mohammed steht es nicht besser. Der Koran ist eine vielleicht um 700, also mehrere Generationen nach seinem Tod, aber vielleicht auch noch später  redigierte Textsammlung, von der man nicht weiß, ob die Redaktion von um 700 vorher schriftliche Quellen besaß oder ganz auf mündlicher Überlieferung beruhte (was fast alle Wissenschaftler vermuten). In ihm kommt Mohammed weder namentlich noch sonstwie, was seine Person oder sein Leben betrifft, soweit vor, dass man irgend etwas wissenschaftlich gesichertes über ihn erfahren könnte. Eine Tradition behauptet, er sei Kaufmann gewesen. Zugleich (um 700) beginnt man aber im Auftrag eines Kalifen, der dem Islam eine bestimmte politische Wendung geben möchte, Legendäres von Geschichtenerzählern auf arabischen Marktplätzen zu sammeln, was widersprüchlich bleibt, aber dann in die Legendensammlungen der Hadith eingeht, die für einen Muslim so glaubenswert sind wie die Geschichten der Evangelien für wirkliche Christen, soweit sie sie überhaupt nach dem 4./5. Jahrhundert noch kennenlernen.

 

Derselbe Kalif gab um 700 wohl auch eine bzw. mehrere „Biographien“ des Mohammed in Auftrag, die auf mündlichen volkstümlichen Legenden beruhten und Sira heißen, und sich ebenfalls widersprechen.

Man weiß also so gut wie gar nichts über ihn, so wenig eben wie über Jesus, während Moses ohnehin eine Phantasiefigur ist.

 

Solche Offenbarungen, wie sie den Koran ausmachen, hatten in der Zeit, in der der Islam entstand, viele Männer in Arabien. Im Koran aber werden solche Offenbarungen an den letzten Propheten immer von dem einzigen, weil "wahren" Gott geboten. Alle früheren, nichtarabischen und für den Koran anerkannten Propheten hatten ihre Offenbarungen so wie der letzte von ihnen erhalten, manchmal im Schlaf wie im Traum, manchmal in besonderen Wachzuständen. Als man bei der Niederschrift längst dem Bedürfnis nachkommt, durch mehr oder weniger märchenhafte oder besser legendäre Geschichten und Geschichtchen sich einen Propheten konkreter vorstellen zu wollen, wird in der Hadith-Tradition auch erzählt, der Erzengel Gabriel habe Mohammed Gottes Texte eingeflüstert. In solchen Geschichten wird man stark daran erinnert, wie Gabriel Maria ihre göttliche Insemination und Jungfrauengeburt angekündigt hat, was in Arabien bei den Geschichtenerzählern bekannt gewesen ist.

 

In der ganzen durch Texte bekannten damaligen Welt gab es solche Offenbarungen und auch in der römischen Antike, in der das Christentum seinen Schliff bekommt. Kaiser Konstantin hat, heißt es, im Traum Gottes Aufforderung gehört, er solle im Zeichen des Kreuzes die Schlacht gewinnen. Römische Priester und griechische Wahrsagerinnen hatten ständig Eingebungen, die alle "von oben" kamen. Der evangelische Jesus redete unentwegt so, als ob durch ihn sein Gott spräche. Etwas Handfestes über die Offenbarungen, die Gott einem Mohammed mitteilt, haben wir nicht. Es gibt keine zeitgenössischen Texte dazu, niemanden, der in der Zeit um 620/30 aus Mekka überliefert hätte, was da geschah, so wie niemand in der römischen Provinz Palästina zu dessen Lebzeiten etwas auch nur ansatzweise ergiebiges von einem Jesus berichtet, jedenfalls ist nichts derartiges überliefert.

 

Offenbarungen gibt es also damals viele, aber was da mit einem Mohammed und wie passiert sein soll, wie sein Al-Lah sich mit ihm in Verbindung setzte, was da geschah, in welcher Form, und wie das alles bis um 700 so genau noch gewusst wurde, ist völlig unbekannt. Im Koran sagt Gott nur, dass er ganz bewusst arabisch spreche. Vielleicht stimmt an den Geschichtchen, die heute junge Leute auch im Islamunterricht in Deutschland lernen, irgendetwas, wäre also historisch, so oder ähnlich geschehen, aber vielleicht ist auch alles erfunden, niemand weiß es. (Möge es noch länger erlaubt sein, darüber zu berichten, ohne in Folterkellern zu landen und dann aufgehängt zu werden!)

 

Juden und Christen haben beide in Arabien die Voraussetzungen für den Islam geliefert.

In der Zeit, in der sich auf der arabischen Halbinsel ein panarabisches Bewusstsein herauszubilden beginnt, nämlich vor allem im sechsten Jahrhundert, und zwar vor allem gegen Persien und das oströmische (griechische) Reich gerichtet, ist der Norden dieses Arabiens in Teilen christlich, während im heutigen Jemen ein jüdisches Reich besteht und gegenüber in Äthiopien seit dem vierten Jahrhundert ein christliches mit einer jüdischen Minderheit. Wenn man dem Koran und den Legenden sammelnden Texten aus der Zeit um 7oo glauben kann, gab es in der Gegend von Medina beispielsweise arabische Stämme, die jüdischen Glaubens waren.

Von Judentum und Christentum stark beeinflusst, bildet sich eine Art arabische Reformbewegung heraus, die Panarabismus der arabischen Halbinsel mit der Forderung nach religiösen Reformen verbindet. Manchmal ist da von Hanifa die Rede und in der Gegend des kleinen Städtchens Mekka von Hums. Dabei treten Tendenzen in Richtung auf einen Gott als Hauptgott auf, der offenbar (nicht nur) in der Mekkagegend noch drei Töchter hat, die im Koran als Begleiter des Hauptgottes gelten. Dem oder den Gründern des Islam als einer panarabischen Religion ist dann als wesentliche Steigerung der Reform daran gelegen, diese Töchter al-Lahs zu verbieten. Wahrscheinlich gelingt es ihm/ihnen zunächst, sie aus dem ummauerten heiligen Bezirk um die Kaaba zu verdrängen, und mit der kriegerischen Explosion, die dann von dort ausgeht, werden ihre Heiligtümer auch draußen vernichtet. Im Koran ist darum immer wieder von den „Begleitern“ Al-Lahs die Rede, die es zu vernichten gelte, damit er zum „unbegleiteten Gott“ wird. Dasselbe würden sie dann auch von den Christen verlangen, den Gott ohne Begleitung anderer Götter wie Jesus, der wie Mohammed nur ein Mensch und ein Prophet sei.

 

Arabien sorgt dafür, dass man über die Entstehungsgeschichte des Islam vor Ort nicht forschen kann. Islamische heilige Städte wie Mekka, Yathrib, oder Medina, was aber eigentlich auf arabisch nur Stadt heißt, und andere sind für jede wissenschaftliche Forschung und darüber hinaus für alle Nicht-Muslime verschlossen. Das bisschen, was man dennoch weiß, legt nahe, dass Mekka Anfang des 7. Jahrhunderts ziemlich klein und unbedeutend war, hingegen der Nachbar Yathrib groß und mächtig. Mekka nun hat mit seinem großen heiligen Stein immerhin die Einkünfte von Pilgern, die ihn dort verehren, und vermutlich damals etwas Edelmetall-Bergbau. Yathrib wiederum war bedeutende Handelsstadt. In der Konkurrenz beider Orte kann Mekka darauf verweisen, dass dort arabische Stämme hausen, die zum Teil jüdisch, zum Teil christlich seien, sich gegenseitig bekriegten und vielleicht auch schon mal feindselig gegenüber dem Stamm der Kureisch wären, der wie alle arabischen Stämme wiederum aus Clans, großen Sippschaften bestand, von denen die Legenden behaupten, das aus einem von ihnen „Mohammed“ stamme. Mohammed ist aber womöglich gar kein Eigenname gewesen, sondern ein Ehrentitel, der so etwas wie der Erhabene bedeutete. Dann wäre er einem Religionsgründer nachträglich beigegeben worden. Man weiß aber nichts belegbares.

 

Vermutlich hatte er oder wer auch immer alles den Islam begründete, auch nur wenige Neuerungen gegenüber den bisherigen arabischen Reformbewegungen „geoffenbart“ bekommen. Diese bestanden darin, dass er Al-Lah seine Begleiterinnen nahm, allen anderen arabischen Orten ihre auf Al-Lah gerichtete Heiligtümer, und als einziges noch die Kaaba in Mekka zuließ.

 

Die Suren des Koran lassen deutlich erkennen, dass sie von verschiedenen Autoren stammen, und dass fast jede einzelne, vor allem aber die längeren, aus unterschiedlichen Texten wiederum zusammengestückelt wurden. Wenn irgendetwas an den Sira und den Hadith dran ist, dann war es zunächst Familie und Verwandtschaft dieses Mohammed, die sich seiner Lehre (den Offenbarungen Al-Lahs) anschlossen. Auf jeden Fall entsteht der Islam wohl in Mekka unter Mitgliedern eines Clans der Kureisch, von denen man ansonsten wenig weiß. Wie dieser Islam aussieht, bevor der Koran um 700 endverfasst wird, ist weitgehend unbekannt. Ähnlich stand es ja schon mit dem frühen Christentum, von dem man auch nur weiß, was sich aus den Paulusbriefen erschließen lässt, die aber fast nur den griechischen Raum (vor allem Anatolien) abdecken. Wenn es übrigens einen rigorosen monotheistischen Islam gab, dann blieben doch alle möglichen Geister (Dschinns) und Dämonen bestehen, gingen auch in den Koran ein, und eine arabische Variante des christlichen Teufels gibt es zudem auch.

 

 

Im Koran wird immer wieder deutlich, dass sein Autor oder seine Autoren die „biblischen“ jüdischen wie christlichen Texte nicht gelesen hatte(n). Es ist aber auch unübersehbar, dass er oder sie diese indirekt aus Erzählungen der damals üblichen und wohl oft professionellen Geschichtenerzähler kannten, allerdings eben nur ungefähr. Diese für Christen „biblischen“ Texte waren also in Arabien auch außerhalb von dessen jüdischen und christlichen Regionen weit verbreitet.

 

Und dann haben diese Autoren sie wiederum so verändert, dass sie in die neuen Vorstellungen des Islam passen. Dabei übernehmen sie das Kernthema des sogenannten Alten Testamentes:

Die Grundthese, die sich aus dem Koran herausdestillieren lässt, ist folgende:

Der eine wahre Gott sucht, zum ersten Mal mit Abraham, einen Bündnispartner unter den Menschen, den ersten Propheten sozusagen, der dafür sorgen soll, dass sie nur an ihn glauben und nicht an die anderen Götter. Und sobald sie dann wieder von ihm abfallen und es wieder zu fürchterlichster Vielgötterei kommt, bestraft er sie. Insoweit sind Koran und antike jüdische Texte identisch

Schließlich erinnert Jesus daran, dass es nur einen Gott gebe, aber auch diese Offenbarung wird zumindest mit der Trinität bald nicht mehr befolgt.

Nach Jesus hat Al-Lah nun Mohammed als letzten Versuch auserkoren, um die Menschen zu ermahnen, und sich als Volk eben nicht mehr die Juden auserwählt, sondern die Araber. Wenn sie ihm nun nicht die Treue halten würden, würde es einen Weltuntergang ohne Gläubige als Überlebende geben, also kein Paradies, keine sich selbst reparierenden himmlischen Jungfrauen und all das andere Schöne, was sich arabische Männer damals so ausdenken.

 

Und so findet sich Gott nun und nur noch einmal bereit, an sich zu erinnern, und dafür offenbart er sich dem letzten Propheten vor dem Weltende, der in der späteren Überlieferung Mohammed heißt und der dafür besonders geeignet ist, weil er schon vorher spürte, dass das Weltenende (wie bei Jesus) ganz nah sei und man schnell zum Gott Abrahams zurückkehren müsse, der mit Al-Lah identisch ist, und wegen dem einige bereits inzwischen zum heiligen Stein in Mekka gepilgert waren. Das mit dem Weltenende taucht ganz früh im fertigen Koran auf.

Im siebten Jahrhundert war das schlagendste Argument, Juden und Christen zum Islam zu überreden, die Erklärung, nur der Islam würde dem (einen) Gott Abrahams derzeit noch die Stange halten.

 

 

Der Koran ist so in wesentlichen Punkten eine Übernahme altjüdischer Vorstellungen, die auf den Raum arabischer Lebensgewohnheiten übertragen werden. Mit dem neuen Testament und insbesondere mit seinem Aufruf zur Friedfertigkeit können die Autoren hingegen nichts anfangen, genauso wenig wie die Christen selbst seit spätestens dem 4. Jahrhundert. Auch deshalb wohl bleibt der letzte Prophet des einzigen wahren Gottes, der sich nun als Al-Lah ganz arabisch gibt, blass und sehr unscharf im Koran: Er hat wenig neues hinzugefügt. Niemand muss sich wundern, wenn Muslime Abraham heißen, arabisch Ibrahim, oder je nach Weltgegend Merjem oder Miryam oder wie auch immer in ihrer Sprache die Prophetenmutter Maria heißt.

 

Die Araber hatten seit mehreren Jahrhunderten eine gemeinsame Sprache, in der sie sich verständigen konnten, und seit einigen Jahrzehnten auch eine eigene Schrift. Deswegen spricht Al-Lah nunmehr auch arabisch, wie er immer wieder im Koran betont, denn alle Araber können ihn so verstehen und die extrem wenigen, die schreiben können, alles aufschreiben. Bei allen anderen Völkern ist er schließlich bereits hoffnungslos gescheitert. Aber die Geschichte von göttlichem Angebot und anschließender Bestrafung als Vorgeschichte des Islam ist überwiegend jüdisch und nur in geringem Umfang arabisch.

 

Dem entspricht auch, dass offenbar von den Juden als einzig wahrer Gott ein sehr maskuliner übernommen wird, und viele der falschen Götter waren entsprechend bei beiden Religionen Frauen. In der viel mächtigeren Konkurrenzstadt Mekkas hieß die Göttin Al-Lat, deren Kult Al-Lah beseitigt sehen will, in Mekka werden neben ihm auch drei Töchter von ihm verehrt, die laut Koran nun nicht mehr verehrungswürdig sein dürfen.

 

Im arabischen Raum sind Stämme wie die Kureisch, denen Mohammed entstammt sein soll, auch berittene Kriegerhorden, aber daneben gibt es auch Händler und Leute, die Land bearbeiten. Mit dem einen männlichen Gott unter Ausschluss eben auch alles Weiblichen im Göttlichen wird dies kriegerische Element gestärkt, und auch das scheint die Geschichten vom Stamm Juda zu wiederholen, die man auch in dieser Hinsicht kannte. Wie kriegerisch zudem das Christentum inzwischen ist, konnten sie an direkten Nachbarn, den Byzantinern beobachten.

 

Im Koran wird an einer ganzen Anzahl Stellen darauf verwiesen, dass der Islam eine originär arabische Religion sein soll, also die, unter der sich die „Araber“ (ver)einigen sollen. In gewissem Sinne werden sie so zum (neuen) auserwählten Volk Gottes, allerdings später grundsätzlich offen für die ganze Menschheit, was zwischen den Zeilen impliziert, dass sie dann auch irgendwie eine Art Araber werden würden, wenn sie sich zu Al-Lah als einzig wahrem Gott bekennen, etwas, was nicht nur im islamischen Spanien wichtig werden wird.

 

In gewissem Sinne übernimmt der Gott, der im Koran spricht, auch die Vorstellung von einer mit Gott verbundenen heiligen Sprache, bei Juden althebräisch, bei den Arabern eine der vielen verwandten Sprache, die sich vor mehreren Jahrhunderten als gemeinsame durchzusetzen begonnen hatte und damit die Vorstellung eines gemeinsamen Arabertums befördert. Al-Lah begründet darum immer wieder im Koran, warum er nun sehr bewusst arabisch spricht. Deswegen bemühen sich fromme Muslime in aller Welt, ihre auswendig gelernten Suren, die sie pflichtschuldigst täglich fünfmal als Gebet hersagen,  auch in koran-arabisch aufsagen zu können. Die magische Wirkung der Unterwerfungsgebärde im Gebet ist vom genauen Verständnis des Inhaltes dann letztlich so unabhängig, wie die lateinischen Teile der Messe der römisch-christlichen Kirche durch Unkenntnis des Lateinischen beim Gläubigen ebenfalls ihrer magischen Charakter nicht verloren, ja, dieser eher noch gesteigert wird.

 

Bevor der Islam sich um 700 als fixierte Religion konsolidiert, ist er bereits bis tief in das damals von zoroastrischen Persern beherrschte Mesopotamien und Syrien vorgedrungen und bis nach Nordafrika. Dies geschieht aber als vor allem auch völkisch begründeter Vorstoß, der ein arabisches Reich schafft, in dem die Araber weithin eine winzige, dünne Herrenschicht bilden und der Islam zunächst nur ihre Religion ist. Als der besagte Kalif in Damaskus merkt, das ein Reich, in dem es hauptsächlich Christen und an zweiter Stelle Juden gibt und nur verschwindend wenige Muslime, beginnt man, auch die Untertanen zu arabisieren und zu islamisieren. Der Druck von oben nach unten nimmt zu. Islam wird zur Weltreligion, und da seine Inhalte stark arabisch geprägt sind, beginnt eben mit der Islamisierung auch Arabisierung, zum Beispiel auch in Spanien, als es ab 711 von Arabern und ihren Hilfstruppen wie Berbern oder Jemeniten aus schon eroberten Gebieten eingenommen wird.

 

 

Wie schon angedeutet, hat der Islam von Anfang an eine „politische“ oder besser gesagt sehr weltliche Seite, ähnlich wie das Judentum. Die arabische Halbinsel ist zunächst in jüdische und christliche Stämme sowie besonders im Wüsten-Inneren solche mit Vielgötterei und Dämonenglauben geteilt, in sich sehr uneinig und sich dem Untergang, also der Unterwerfung zunächst durch Byzanz und dann durch Persien nahe fühlend. Arabische Stämme verhökern ihre Kriegerscharen mal als Söldner an Ostrom, mal an Persien. Der jüdische Jemen ist im 6. Jahrhundert persisch geworden und wird „entjudaisiert“. Christliche Araberstämme im Norden, die mit Ostrom verbündet sind, werden ebenfalls von Persien erobert und „entchristianisiert“. Arabische Christen übrigens nannten ihren Gott oft auch Al-Lah, was zeigt, dass er nicht nur einer der Götter Mekkas war, und sie scheinen dessen Heiligtümer in Arabien deshalb in Ehren gehalten zu haben, indem sie ihn mit dem Christen-Gott identifizierten.

 

Im Koran ist von zwei Arten von Weltuntergang die Rede (also vor allem Untergang eines eigenständigen Arabiens), die wohl beide damit zu tun hatten, dass man befürchtet, Persien würde die ganze Halbinsel unter seine Kontrolle bringen. Da Al-Lah allmächtig ist, droht er im Koran, die Araber untergehen zu lassen, wenn sie sich nicht zu ihm bekehren und bekennen. Und es ist dann laut legendärer Tradition im Islam das Verdienst des letzten aller Propheten, dass sie dabei seien, sich ganz im Gegenteil zur Weltherrschaft aufzumachen.

Aspekte eines solchen Gedankens konnten direkt von den Juden und Christen übernommen worden sein, die beide eine Erlösung als Endsieg des wahren Gottes in Form eines allgemeinen Weltuntergangs predigten, nachdem einerseits die Juden dann als einzige Überlebende paradiesische irdische Zustände bekämen, die die Christen andererseits als „Himmelreich“ irgendwo anders bezeichneten, in die hinein wiederum nur sie wiedergeboren würden.

 

 

Der Islam des Koran und der Krieg gehören zusammen wie bei Juden und bald auch Christen. Es gibt keinen soliden Hinweis darauf, dass die frühen Muslime zehn Jahren nach der ersten Offenbarung Al-Lahs für Mohammed aus Mekka vertrieben worden wären, wie spätere Legenden behaupten. Möglich scheint auch, dass der Prophet in Medina einen Stützpunkt für die Entfesselung eines Krieges gegen Mekka brauchte, der im Falle eines Sieges zur Ausrottung aller Ungläubigen führen sollte. Medina bietet sich einmal wegen der Nähe an, zum anderen wegen der Anwesenheit vieler arabischer Juden, mit denen Mohammed zunächst sich verbündet.

 

Die ersten Lebensgeschichten (Sira) Mohammeds von etwa 700 (vor allem die Ibn Ishaqs) beschreiben sieben Versuche, die Kureisch von Mekka in Kämpfe zu verwickeln und schließlich den Überfall auf eine Karawane von ihnen, die durch mekkanische Krieger verstärkt war. Mohammeds Leute siegen und töten, wie es ihnen ihr Gott befohlen hatte. In der Sure 9 sagt Al-Lah zu Mohammed:

Doch die glaubten, auswanderten und auf dem Wege Gottes kämpften, mit ihrem Gut und ihrem Leben, die haben den höchsten Rang bei Gott. Das sind die Gewinner.

 

In der zu Recht (heute) berüchtigten Sure 49 wird das ergänzt:

Wenn ihr jedoch die trefft, die ungläubig sind, dann schlagt sie auf den Nacken, bis ihr sie ganz besiegt habt. Dann schnürt die Fesseln fest! Dann entweder Gnade oder Lösegeld – solange bis der Krieg ein Ende nimmt. So soll es sein. Wenn Gott wollte, könnte er sich ihrer selbst erwehren. Doch will er euch auf die Probe stellen. Und die auf dem Wege Gottes getötet wurden, deren Werke lässt er nicht verloren gehen. Recht leiten wird er sie und ihnen Wohlergehen schenken und sie in den Paradiesgarten führen, den er für sie ausersehen hat.

 

Als die jüdisch-arabischen Stämme in der Gegend von Medina sich weigern, zum Glauben Mohammeds überzutreten, gelingt es Mohammed mit seinen durch den Sieg gestärkten Kriegern, mehrere von ihnen mit kriegerischer Gewalt zu vertreiben (Sure 59), und laut der islamisch-arabischen Tradition um 700 einen komplett abzuschlachten. In der Sure 33 heißt es dazu: Er (Al-Lah) gab euch ihr Land zum Erbe, ihre Häuser und ihr Gut, Land, das ihr noch nicht betreten hattet. Gott ist allmächtig.

 

Inzwischen unternehmen die Kureisch von Mekka, reichlich provoziert, einen halbwegs erfolgreichen Kriegszug gegen Mohammeds Leute. Aber am Ende können sie besiegt werden, wie Al-Lah es will.

 

 

Viel vom Koran und den parallel dazu entwickelten Geschichten handelt von Krieg und Gewalt, Überfällen auf Stämme, Krieg gegen die Juden und gegen Mekka. Es geht gegen" ungläubige" Araber und überhaupt dann gegen alle, die sich dem einzigen wahren Gott nicht unterwerfen, - und Mohammed, seinem Propheten.

Es ist schwer, Historisches darin zu fixieren, immerhin siegen am Ende die Muslime unter Mohammed und Al Bakr, nehmen Mekka ein und etablieren es als (lukrativen) Wallfahrtsort.

Bekannter ist, was dann passiert. Der Kalif Al Bakr unterwirft handstreichartig nach Mohammeds Tod diejenigen, die meinten, nur dem Propheten selbst Loyalität schuldig zu sein. Ali von der Familie Mohammeds wird übergangen, was nach und nach zur Schia Ali, also der Partei Alis führen wird. Schon unter Al Bakr wird Arabien zum ersten Mal als (religiös und völkisch begründete) Einheit betrachtet.

 

Direkt nach dem zweiten Krieg zwischen Ostrom und Persien, als beide Parteien massiv geschwächt sind,  platzt um 630 islamisch-arabischer Expansionsdrang gegen sie herein. Der Kalif und seine Gefolgschaft brauchen Feinde und militärische Erfolge. 634 übernimmt Kalif Omar/Umar. Mit Anfängen der Kodifizierung der mündlichen Tradition der Suren des Koran wohl unter ihm, der dessen Ergebnis auch gegen die schiitischen Feinde durchsetzen kann, erschüttern seitdem drei "ewige" Offenbarungen und Wahrheiten enthaltende und miteinander konkurrierende heilige Bücher die Welt auf das Schrecklichste.

 

 

Die Oströmer verlieren zwischen 636 und 640 Palästina und Syrien. Sie sind ebenso wie die Perser durch den letzten Krieg gegeneinander enorm geschwächt. Im Krieg brutal, erweisen sich die Araber zunächst duldsam gegenüber den christlichen und jüdischen Untertanen, die nicht die "islamische", sondern eine eigene Sondersteuer zu zahlen habe, aber nie rechtlich gleichgestellt sind.Sie dürfen auch keine neuen Kirchen bzw. Synagogen mehr bauen.

 

In den folgenden Jahren 640-42 wird Schritt für Schritt Ägypten erobert, wo vor allem die hellenisierte Oberschicht Widerstand leistet. Kleinasien wird immer wieder einmal angegriffen, aber dann rettet Ostrom ein innerarabischer Bürgerkrieg. Doch die städtische Zivilisation in Kleinasien verfällt. 651 verschwindet das persische Sassanidenreich, aber erst um 900 wird die Mehrheit der Bevölkerung dort islamisiert sein. Die Grenze des arabisch-islamischen Großreiches ist die heutige gegen Afghanistan.

 

639 wird Muawiya Statthalter von Syien, das er zum Kern des Reiches ausbaut.  643 fällt Tripolis. Der Vormarsch in Nordafrika wird dann etwas durch Gegenwehr der Berber abgeschwächt. 656 wird der Omayade und khalifat Allah, also Kalif Uthman in Medina ermordet. Ali, der behauptet, von Mohammed zu seinem Nachfolger gewählt worden zu sein, wird zum vierten Kalifen gewählt, was zu Bürgerkrieg führt, da der Omayade Muawiya sich gegen Ali wendet. Es ist nicht gewiss, ob der seinen Vorgänger getötet hat. 661 wird dann Ali ermordet und Muawiya Kalif, der Medina als Hauptstadt durch Damaskus ablöst und eine Dynastie gründet. Die Spaltung des Islam ist sehr stark völkisch unterfüttert, nach Stämmen und Clan und deren Machtinteressen.

 

680 wird Nachfolger Husain in Kerbela ermordet. Der Islam ist gespalten in mehrere Parteien. Bis 692 herrscht Bürgerkrieg.

685 bis 705 herrscht der fünfte Kalif Abd-al-Malik. Er lässt hintereinander den Felsendom und die Al-Aksa-Moschee in Jerusalem erbauen, und de großen Moscheen in Medina und Damaskus. Daneben kommt es zu luxuriösen Palastbauten mit durchaus erotischen Malereien drinnen. (Wickham(3), S.292) Den Omayaden wird zunehmend vorgeworfen, mehr Araber als Muslime zu sein.

 

Bis 698 fällt ganz Nordafrika an die Araber. Anfang des 8. Jahrhundert befinden sich muslimische Truppen in Zentralasien (Samarkand) und an den Grenzen Indiens und Chinas.

 

Da Araber ursprünglich vor allem Wüstenoasen bewohnten und als Nomaden Wüsten durchquerten, kann ihre Anzahl im Vergleich zur eroberten Bevölkerung nur sehr klein gewesen sein. Nach der jeweiligen Eroberung werden die Armeen nicht als Kriegeraristokratie mit Land versorgt wie bei den Germanen, sondern als bezahlte Garnisonen in neuen Städten wie Basra, Mossul und Fustat (das spätere Kairo). Verwaltet werden die Regionen von Städten aus, wobei byzantinische Muster übernommen werden so wie das Münzwesen. Die Besatzer als staatliche Lohnempfänger bleiben so vorläufig von der einheimischen Bevölkerung separiert.

Langsam heiraten Araber dann auch in heimische Familien ein, aber Frauen und Kinder werden dabei arabisiert und islamisiert.

 

Ganz anders als in den beiden christlichen Welten entwickeln arabische Machthaber, von Mekka und Medina ausschwärmend, in den eroberten Gebieten schnell einen Sinn für reiche und mächtige Stadte. Solche entfalten sich weiter in Palästina. 762 wird Bagdad gegründet und in etwa fünfzig Jahren zur Großstadt. Die alten byzantinischen Städte Antiochia, Damaskus und Edessa blühen wieder auf. 

Römische Monumentalbauten werden nun anderweitig, aber immerhin genutzt, zum Beispiel werden sie von handwerklichen Werkstätten durchsetzt; Kolonnaden werden in Ladenstraßen verwandelt. Im Zentrum entsteht der Suk als zentraler Marktplatz von als solche konzipierten Marktstädten. Die Keramik und andere Produkte bleiben, anders als im lateinischen und griechischen Abendland auf hohem Niveau. Immerhin kritisiert der Islam keinen durch Handel erzeugten Wohlstand.

 

Gegen Ende des 7. Jahrhunderts nimmt der arabische Druck auf die nicht muslimischen Untertanen zu. Wer Karriere machen will, muss im 8. Jahrhundert Sprache und Religion der Araber annehmen. Nur die Perser werden ihre Sprache bewahren - und jene Äypter, die nun ihr Griechisch aufgeben und als koptische Christen nach und nach in die Situation einer Minderheit geraten.

 

Die Berber werden erstaunlich schnell unterworfen und dann willige Verbündete der Araber. 711 sind sie neben Arabern an der Eroberung Spaniens beteiligt.

 

Um 730 nimmt im Norden die Bedrohung durch Chasaren und Turkvölker zu. 740-43 trennt ein Berberaufstand das Kernland der Omayaden und Spanien voneinander. Danach revoltieren Schiiten im heutigen Irak, aber am Ende setzt sich mit Abu-al-Abbas die neue Familie der Abbassiden durch. 762 gründen sie Bagdad als neue Hauptstadt.

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Karl Martell schützt 732 mit Tours die fränkischen, für die Herrschaft mit symbolischer Bedeutung versehenen Zentral-Reliquien des heiligen Martin vor der Inbesitznahme durch Berberfürsten, stellt die Kontrolle Chlodwigs über Aquitanien wieder her und sieht sich dann in der Provence (Arles, Avignon und dann Narbonne) burgundisch-maurischen Bündnissen gegenüber, die er aber besiegen kann. Für den kriegerischen fränkischen Gefolgschaftsführer gibt es vermutlich aber keine über seine unmittelbaren Machtinteressen hinausgehenden Visionen, wie sie erst viel später aufkommen.

 

Nachdem Karl Martell 732 den muslimischen Vormarsch ins Zentrum Europas gebremst hat, gelingt es dem fränkischen König Pippin, Septimanien einzunehmen und damit die islamische Herrschaft östlich der Pyrenäen ganz zu beenden. Den Leuten dort muss er aber ihr altes visigotisches Recht zugestehen. Karl d.Gr. scheitert dann mit seinem Feldzug über die Pyrenäen nach Zaragoza, dessen muslimischer Herrscher ihn zwar zur Hilfe gerufen hatte, aber der dann nicht durchsetzen kann, dass er in die Stadt gelassen wird. Dafür  verbündet sich nun bald die einst christlich-visigotische Familie der Banu Quasi (des Casius) im oberen Ebrogebiet mit den Franken.

 

Erfolgreicher sind Franken dann 785 bei der Einnahme von Gerona im später so genannten Katalonien, wo die Einwohner sie herbeigerufen hatten, wie auch die von Urgell und Cerdanya am Pyrenäenrand. Um 800 kann ein fränkisches Heer Barcelona einnehmen und einem Grafen Bera unterstellen, der fränkische und visigotische Vorfahren hat. Damit entsteht die spanische Mark des fränkischen Reiches, die ihre erste große Krise durchlebt, als sich Graf Bera auf Bündnisse mit muselmanischen Nachbarn einlässt, darauf abgesetzt wird und nach Aachen in die Verbannung gerät. Seine Nachfolger werden dann zunächst alles Franken sein.

Die Integration ins fränkische Reich bedeutet auch die in die römische Kirche mit ihren Vorstellungen, ihren Riten und ihrer Liturgie und dem Erzbistum Narbonne als Oberaufsicht. Zudem entstehen hier früher als anderswo an Westfranzien orientierte klösterliche Gemeinschaften. Sie bedeutet zudem erst Integration in die Grafschaftsverfassung und dann auch in die fränkischen Frühformen von Lehnsrecht und Vasallität. Früher als in den anderen christlichen Regionen Spaniens beginnt hier auch ein Städtewesen und die Integration in den Handel über die Mittelmeerhäfen.

 

 

 

Das islamische Hispanien im 8. Jahrhundert

 

Der arabische Koran trifft bald auf den Arabern völlig fremde Zivilisationen. Im Zusammentreffen mit Persien kommt es zum ersten großen Schisma, auf dem Weg nach Spanien bewegt er die Berber zu erheblichem Expansionsdrang, der sie an der Eroberung des Westgotenreiches auf der iberischen Halbinsel teilhaben lässt.

 

Als Sarakenoi wurden vom frühen Konstantinopel aus gesehen Nomadenstämme auf der Sinaihalbinsel bezeichnet. Seit den Kirchenvätern wurde dann die Legende verbreitet, die "Hagarener“, die Nachkommen der verstoßenen Nebenfrau Abrahams, hätten sich „Sarazenen“ genannt, um vorzutäuschen, sie stammten von Sarah, der Ehefrau Abrahams ab.

Die Franken können halbwegs zwischen den arabischen Herrschern in Bagdad und der auch von Berbern geprägten Zivilisation von Cordoba unterscheiden. Sie nennen sie manchmal im Sinne des Alten Testamentes Ismaeliten, in der Regel bald aber Sarazenen, wodurch sie von den östlichen Arabern, wenn auch etwas verschwommen, abgetrennt sind.

 

 

Das Kalifat in Damaskus kann seine multiethnischen und multireligiösen Gebiete nicht lange gut kontrollieren. An vielen Stellen bilden sich militärisch begründete, nach mehr Selbständigkeit strebende islamische Regionen heraus. Der Einfall in Spanien beispielsweise geschieht recht unabhängig von der Zentrale des Kalifates.

Um 698 marschiert der vom Kalifen bestimmte Gouverneur Musa ibn Nusayr in Kairouan (Qayrawán) ein. Einer seiner Offiziere, Tarik ibn Ziyád, wie andere für den Chef mit der Eroberung des heutigen Marokkos beschäftigt, nimmt Tanger und Ceuta ein. 711 setzt er mit von einigen geschätzten 18 000 Soldaten, überwiegend wohl Berbern ("Mauren"), nach Spania über.

 

Nachdem Roderich 711 in der entscheidenden Schlacht getötet wird, sind die Goten ohne Führer. Musa ibn Nusayr kommt nach und bemächtigt sich gleich Sevillas. Teile der gotischen Großen laufen zu den Invasoren über. Laut arabischen Chroniken heiratet der Sohn des Eroberers Músa ibn Nusayr nicht nur Egilona, die Witwe von König Rodrigo, sondern setzt sich auch eine Krone auf, was Glaubensgenossen dazu bringt, ihn zu töten, - er könnte eine unislamische Monarchie einführen wollen.

Die Söhne Witizas arbeiten sofort mit den Neuankömmlingen zusammen. Der visigotische Große Teodomir unterwirft sich, um gegen einen Tribut eine Art Herrschaft um Orihuela und Lorca zu erwerben, und wird zum arabischen Tudmír. Er gibt eine Tochter einem Offizier des muslimischen Heeres zur Ehe und diese begründen um Orihuela und Elche die "arabische" Familie der Banú Jattáb, die bis zur Reconquista in der Gegend von Murcia einflussreich bleiben. Ein weiteres von vielen Beispielen bietet Casius, ein hoher visigotischer Offizier, der im Nordosten mit der Grenzsicherung betraut war, zu den Eroberern und zum Islam übertritt, und seinen Befehlsraum im oberen Ebrotal behalten kann. Seine Familie wird für Jahrhunderte als Banú Qasí die Gegend dort kontrollieren. Dabei operiert sie mit wechselnden Bündnissen, auch zu den Pamplona kontrollierenden christlichen Inigos.

 

Päpste und Bischöfe werden in den nächsten zwei Jahrhunderten solche Mischehen mit ihren Konsequenzen der Arabisierung und Islamisierung beklagen. Andere Leute leisten wie in Huesca sieben Jahre Widerstand und um 720 schafft es ein Pelayo mit einer eher kleinen Truppe, in Cova Dominica (Covadonga später) um 720 auch eine Schlacht gegen die Invasoren zu gewinnen. Auf ihn als Stammvater wird sich dann später das asturische Königshaus berufen.

 

Musa ibn Nusayr schafft es bis Zaragoza, dann wird er vom Kalifen in Damaskus zurückberufen, da er zu eigenmächtig handelt. Vorher hatte er eine neue Goldwährung als Solidi eingeführt, die dann bald in Dinare umbenannt wird, um dann Mitte des 8. Jahrhunderts durch silberne Dirhems ersetzt werden.

Machtzentrale wird Cordoba, und von dort wird sehr schnell das ganze eroberte Gebiet fiskalisch erfasst, um eine Kopfsteuer und eine Steuer je nach Landbesitz eintreiben zu können. Das Heer muss bezahlt werden.

 

Der Islam ist eine Religionsgemeinschaft, umma, und zunächst zugleich ein ethnisches und militärisches Gebilde, nämlich arabisch und auf Eroberung aus. Eine Besonderheit im Vergleich mit der christlichen Welt ist, dass die Herrscher, Kalifen, in der arabischen Richtung der sunna als Nachkommen Mohammeds gelten: Religion und weltliche Macht sind in einer Hand. Damit die Macht "arabisch" bleibt, wird zur Zeit der Eroberung Hispaniens, der Spania, bereits bewusste Arabisierung betrieben, d.h. die vorherrschende Sprache wird das Arabische, welches die anderen Sprachen, zum Beispiel die der Berber, verdrängt. Da Araber sein und Muslim sein vorläufig außerhalb Persiens

identisch wird, wird zugleich Islamisierung betrieben, allerdings eher mit Druck als offener Gewalt.

 

 

Das Regiment der Araber und Berber/Mauren auf der iberischen Halbinsel ist das einer kleinen alt/neuen Herrenschicht samt seinem Militär; es sind am Ende vielleicht 100 000 Menschen, und die Unterwerfung der Visigoten gelingt auch nicht bis in den äußersten Norden, wo sich schnell ein Königreich Asturien bildet, und auch nicht in Kantabrien und in den nordwestlichen Pyrenäen. Neben den Herren gibt es das Militär, welches aus Arabern, vor allem auch Berbern und vielen anderen Völkerschaften besteht, die nach und nach arabisiert werden.

 

Die Expansion des damaszenischen Kalifats bedeutet religiöse, aber vor allem auch ethnische Unterdrückung durch Arabisierung über die Sprache hinaus. Deshalb kommt es um 740 zwar nicht zu einem hispanischen Aufstand, aber zu einem nordafrikanischer Berber. Dieser wird vor allem durch schnell herangeführte syrische Truppen brutal niedergeworfen. Diese wollen dann aber nicht mehr zurück und setzen durch, nach Al-Andalus verschoben zu werden, wo jedem ihrer Truppenteile dann Gebieten zugeordnet werden. Nun sind es bereits überwiegend islamisierte Truppen von Arabern, Berbern und Syrern vor allem, die die Besatzungsarmee stellen und sich die Einziehung der Abgaben aneignen, die dann mehr oder weniger nach Cordoba fließen. In den nächsten Generationen werden sie auch sprachlich angeglichen an die Machthaber und verlieren Trachten und Stammesstrukturen, eine Entwicklung, die im 9. Jahrhundert vermutlich abgeschlossen wird.

 

Teile der christlichen Bevölkerung Spaniens werden zwar in diesem Sinne auch "arabisiert" und zu sogenannten Mozárabes, aber nur langsam und zum Teil islamisiert. Christen und Juden werden zwar mit heftigen Abgaben belastet, aber Kirchen und Synagogen überleben zum Teil, wenn auch immer eingeschränkter und drangsalierter.

 

Die tradierte westgotische Kirchenverfassung und Organisation überdauert die ersten Jahrhunderte, in denen die Christen sich auch nicht unter die Oberhoheit eines Papstes stellen und damit in Konflikt mit fränkischen römisch-katholischen Vorstellungen geraten.

 

Der Berberaufstand gibt in den christlich gebliebenen Gebieten Zeit zum Atemholen und zum Strukturieren von Herrschaftsgebieten wie dem des asturischen Alfonso I (739-57). Solche Gebiete werden auch noch etwas von Flüchtlingen aufgefüllt, wie es in der im 11. Jahrhundert verfassten Chronik von Alfonso III heißt. Ebenfalls rückblickend wird darin auch die Legitimität des Herrscherhauses fetsgestellt: Nach dem Tod von Favela folgte ihm Alfonso auf den Thron, Mann von großer Tapferkeit, Sohn des Herzogs Pedro, Abkömmling der Linie der Könige Leovigod und Rekkared; in der Zeit von Egica und Witiza war er der Führer des Heeres. (in: Manzano, S.803)

 

Die genetische Überfremdung in den islamischen Gebieten nimmt von Süden nach Norden ab, wie man noch heute tendenziell sehen kann, und ist auch nach einer gewissen Vermischung der einheimischen und einmarschierten Bevölkerungen nicht allzu groß. Sie wird dann im Zuge der Reconquista noch ergänzt werden durch die Einwanderung von "Franken" aus dem Osten und Norden, die allerdings weniger auffällig bleibt.

 

Al-Andalus ist zunächst eine von Cordoba dirigierte Militärdiktatur mit vielen kleinen regionalen Warlords in größeren Städten. Im fernen Damaskus hingegen herrscht die Familie der Omayaden, die ihr Kalifat auf ihre Abstammung von Mohammed begründet und faktisch auf ihr Militär. Nach dem Berberaufstand ist dies Kalifat geschwächt und besonders fromme Prediger beginnen, der Familie unsittlichen Lebenswandler (Tänzerinnen, Wein etc.) vorzuwerfen. Agitatoren mit schwarzen Fahnen eines radikaleren Islams fordern einen Umschwung und als der Kalif Marwan II stirbt, gelingt es einem Al-Abbás aus einer anderen Familie, die behauptet, von einem Onkel Mohammeds abzustammen und ebenfalls kernarabische Kureischi zu sein, die Macht zu ergreifen. Demonstrativ gründen sie mit Bagdad eine neue Hauptstadt und töten jeden aus der Omeya-Familie, dessen sie habhaft werden. Einem Enkel des vorletzten Omayadenkalifen, Abd al-Rahmán ibn Mu'awiya, gelingt es, ins Maghreb in Berbergebiet der Familie seiner Mutter zu entkommen. Von dort gelangt er mit militärischem Anhang bis an die Meerenge gegenüber Gibraltar und beschließt,

nach Almunecar überzusetzen. Von dort gelingt es ihm, Cordoba einzunehmen und sich zum Emir von Al-Andalus ausrufen zu lassen.

 

Das Omayadenreich ist eine religiös begründete Despotie mit Zügen einer Militärdiktatur, die sich von den entsprechenden germanisch dominierten Reichen in einigen wesentlichen Punkten unterscheidet. Sie basiert auf einem stehenden Heer bezahlter und über das ganze Land verteilter Soldaten, deren Chefs vor Ort jeweils auch Verwaltungschefs sind. Zum zweiten finanziert sie sich über die Besteuerung aller außer wenigen privilegierten Kreisen. Zum dritten kooperiert sie mit keiner Kirche, sondern einer lokalen Geistlichkeit, die vorläufig keinen mit der lateinischen Kirche vergleichbaren, immer riesiger werdenden Großgrundbesitz hat und auch kein dem benediktinischen vergleichbares Klosterwesen mit seinen zum Teil ebenfalls großen Besitzungen. Als Besonderheit wäre noch hervorzuheben, dass diese relativ despotische Zivilisation wie im Orient und in Nordafrika viel stärker auf städtischen Zentren beruht als die Reiche der Franken und Angelsachsen zum Beispiel, bei denen Städte bis mindestens ins 9. Jahrhundert teilweise weiter verfallen.

 

"Die arabische Welt war eine städtische Welt" (Ennen, S.75), viel mehr als das mittelalterliche christliche Abendland. In ihren viel größeren Städten (Cordoba soll um das Jahr 1000 zwischen einer halben und einer Million Einwohner gehabt haben) gedeihen Gewerbe und Handel mehr als in den spätantik-frühmittelalterlichen Städten, aber es entsteht nicht das Bürgertum des abendländischen Mittelalters mit seinem Selbstbewusstsein. Die orientalischen Despoten fördern zwar Handel und Gewerbe, unterbinden aber jede Selbstorganisation der Städte. Es fehlen zudem die - wenn auch in engen Grenzen -  befreienden Aspekte des intellektuellen Disputes, die die Widersprüchlichkeit christlicher Gesellschaften samt ihrem gedanklichen Überbau auslöst.

 

Der Reichtum der Emire und später der Kalifen von Cordoba wie einzelner Lokal-Potentaten beruht auf immer brachialer eingetriebenen Abgaben und der Beute aus Raubzügen gegen die zunächst kleinen christlichen Herrschaften von Asturien über Navarra und der Grafschaft Barcelona. Mit diesem Geld finanzieren sich die Herrscher opulente Höfe, große Sakralbauten wie die Mesquita von Cordoba oder Luxusbauten wie den großen Palast bei Cordoba und eine alles kontrollierende Burgenlandschaft.

 

Viele dieser Herrscher sind sehr weltlichen Genüssen nicht nur mit ihrem teils großen Harem zugetan, sondern auch mit Tänzerinnen, Musikanten und nicht gegenständlichem (dekorativen) Kunsthandwerk, mit erlesenem Essen und viel Wein, mag das auch nicht alles im Sinne des Propheten sein. Dazu kommt eine erzählende und Verse schmiedende Poesie, die zunehmend orientalische Formen von Sinnenlust preist.

 

Die massive Despotie mit ihrer Steuerbelastung führt zu gelegentlichen Aufständen in Stadtteilen und Städten, von denen der in einer Vorstadt (arrabal) von Cordoba 818 von besonders vielen Autoren erzählt wird. Dabei ist nach Niederschlagung von der völligen Zerstörung des Stadtteils die Rede, der Flucht der Einwohner (auch in das immer wieder rebellische Toledo) und der Kreuzigung von 300 Rebellen (Quellen in Manzano, S.804ff).

Daneben kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen regionalen Machthabern und ihrerseits auch mit ihrer Zentrale in Cordoba.