ANHANG 9: SPÄTE KAROLINGER

1. Söhne und Enkel

2. Bis zum Ende der Karolinger-Herrschaft im Ostreich

 

814 Tod Karls d.Gr. Nachfolger Ludwig der Fromme

817 Ordinatio imperii

819 Kaiser Ludwig heiratet Judith

831 Reichsteilung zugunsten von Karl

832 Aufstand der drei erstgeborenen Söhne gegen den Vater

838/9 Tod Pippins, Karl wird volljährig

840 Tod Kaiser Ludwigs

841 Sieg von Ludwig und Karl gegen Lothar bei Fontenoy

842 Straßburger Eide

843 Dreiteilungs-Vertrag von Verdun

855 Tod Kaiser Lothars

859 Angriff Ludwigs d.D. auf Karl d.K.

870 Vertrag von Meersen: Aufteilung Lothringens

877 Tod Karls des Kahlen

 

 

 

1. Söhne und Enkel


813 war von den legitimen Söhnen des inzwischen 65-jährigen Karl nur noch ein Ludwig übriggeblieben, der seit langem als eine Art Unterkönig für Aquitanien fungierte. "Herausgehoben wird in allen Quellen seine starke Religiosität, sein spiritueller Habitus und die von allen Zeitgenossen bereits beklagte Abhängigkeit von seinen geistlichen Beratern..." (Hägermann, Karl, S. 615)


Bei Ludwig ist die Vermutung entstanden, dass sein starker Geschlechtstrieb und seine "Frömmigkeit" in einem gewissen schuldbewussten Verhältnis stehen. (Vgl. Minois, Charlemagne, S.319). Mit 16 hatte er bereits zwei namentlich bekannte uneheliche Kinder. Sein Biograph (der "Astronom") wird später über seine Heirat mit 14 schreiben: Aus Angst, dass er nicht von der Heißblütigkeit seines Körpers mitgenommen werde und auf die vielfältigen und gewundenen Pfade der Ausschweifungen gezogen werde, nahm er nach dem Rat seines Gefolges, als zukünftige Königin Irmingarde..., von edler Herkunft.


Auf einer Reichsversammlung im Herbst 813 akklamieren alle Großen dem Vorschlag des greisen Karls, Ludwig zum Kaiser zu machen. Und er fragte sie alle, ... ob es ihnen gefalle, dass er seinen Namen, das heißt den Namen des Kaisers, auf seinen Sohn Ludwig übertrage. So berichtet jedenfalls der Bischof von Trier.


Damit löst Karl das "Kaisertum" einmal von der Bindung an seine Person und, was eine mindestens genauso heftige Neuerung ist, von seiner Bindung an den Papst. Leo III. wird das schnell zu korrigieren suchen, indem er 816, kurz nach Amtsantritt des frommen Ludwig nach Reims eilt, um dort die Kaiserkrönung zu wiederholen.

Die zweite Bestimmung Karls wird die Bestätigung von Bernhard, dem Sohn des Karlssohnes Pippin, in seiner Rolle als Unterkönig für Italien.


Das Ende Karls 814 führt nicht zu einem kaiserlichen oder königlichen Begräbnis mit der Pracht und dem Pomp, mit dem später Herrscher beerdigt werden. Er wird wie jedermann gewaschen, in Tücher gehüllt, kurz aufgebahrt und dann einfach unter die Erde gebracht. Als Christ und doch noch germanisch verwurzelter Franke der Zeit wird er im Tod wieder fast allen anderen gleich, jedenfalls für einen Moment.


Den Beinamen "der Fromme" bekommt Ludwig später, weil er sich schon in Aquitanien mit einer neuen Welle von Kloster- und Kirchenreform verbündet hatte. Dass unter ihm das Reich Karls zerbrechen wird, ist aber weniger seiner Frömmigkeit geschuldet als vielmehr der Tatsache, dass die Expansion nicht weiter vorangetrieben werden kann, weswegen die Bindung des Adels an die Krone nicht mehr durch kriegerische Erfolge und die Erwartung von Beute herzustellen ist. Stattdessen beginnt sich die Gewalttätigkeit dieses Adels nun nach innen zu wenden, und da Ludwig vier erbfähige Söhne hat bzw. haben wird, werden sich adelige Gefolgschaften an ihnen und der Tatsache orientieren, dass sie zu Konkurrenten werden, schließlich auch zu Konkurrenten des Kaisers, ihres Vaters selbst.


Ludwig begreift sich nicht mehr primär als "König der Franken", sondern als christlicher Kaiser, imperator augustus. Auch diese Wendung unter dem Schlagwort der renovatio regni Francorum wird zum Verfall des Frankenreiches beitragen. Er reformiert rabiater als sein Vater. Der Liederlichkeit bezichtigte Schwestern und die Prostituierten im Pfalzbereich werden vom Hof verbannt, die einstigen Berater Kaiser Karls wie Karls Bruder Adalhard, sein Vetter Wala, Theodulf von Orléans und andere werden nach und nach in die Verbannung geschickt. Dafür soll Benedikt von Aniane, den Ludwig an den kaiserlichen Hof mitnimmt, Kirche und vor allem Klöster im Sinne einer Vereinheitlichung im Kaiserreich reformieren. 816 wird auf einer Aachener Synode die Regel Benedikts verpflichtend für alle Klöster und ein verbindlicher Kanon zu liturgischen Fragen wie zur Lebensführung des Weltklerus eingeführt, die 'institutio canonicorum Aquisgranensis'.  

 

Im selben Jahr kommt Stephan IV. ins Papstamt, betont sofort das Bündnis mit dem Kaiser, bekundet Ludwig durch Gesandte, mit ihm zusammenkommen zu wollen. Er trifft sich im Oktober 816 mit Ludwig in Reims: Vor der Stadt stiegen sie beide vom Pferd; der princeps warf sich dreimal mit dem ganzen Körper zu Füßen des höchsten Bischofs nieder und begrüßte, nachdem er das dritte Mal sich erhoben, den Papst (...) der ihn wiederum als zweiten König David anspricht und in der Kirche dann lauthals lobt. Jedenfalls behauptet das alles seine Papstvita.

Die Pippinsche Schenkung wird erneuert und der Papst setzt dem Kaiser eine Krone auf, die er mitgebracht hat. Die dominante Rolle des Kaiser dabei ist unübersehbar.

 

Die früh festgelegte Erbfolge 817 in der 'Ordinatio imperii', bei der der älteste Sohn Lothar zum umgehend gekrönten Mit-Kaiser mit einem Zentralreich bis nach Italien wird, Pippin vor allem Aquitanien erhält und Ludwig Bayern, trägt zum inneren Konflikt bei. Letztlich wird die fränkische Erbteilung hier abgelöst durch das Primat der Reichseinheit. Die beiden jüngeren Söhne sollen sich in einem gemeinsamen Reich dem Kaiser und seinem ihm untergeordneten Mitkaiser unterordnen, was ihnen auf Dauer schwerfallen wird (so Thegan von Trier). Der de facto leer ausgegangene Bernhard, dem vom großen Karl Italien zugesprochen worden war, möchte sich in diese Regelung nicht einfügen und steht dagegen auf. Um diese Bewegung zu unterdrücken, heißt es in den Annales regni Francorum, bot der Kaiser augenblicklich aus ganz Gallien und Germanien ein großes Heer auf und beeilte sich, nach Italien zu ziehen. Da verzweifelte Bernhard an seiner Sache, zumal da er sah, wie seine Leute ihn täglich verließen; er legte die Waffen nieder und ergab sich dem Kaiser in Chalon-sur-Saône.

"Nachdem sie ihn ohne Mühe besiegt hatten, forderten sie vom Kaiser, ihn zum Tode zu verurteilen; die Strafe wurde jedoch in Blendung umgewandelt, aber der unglückliche Bernhard überlebte die Qualen der Verstümmelung nicht und starb im April 818." (Cardini in: Bertini, Heloise..., S.80) Bischof Theodulf von Orléans muss ins Exil, Ludwigs drei Halbbrüder verschwinden hinter Klostermauern.

 

Im Herbst 821 kommt es zu einer teilweisen Kehrtwende Ludwigs, zur Amnestie der Verschwörer gegen seine Ordinatio imperii und es kommt zu dem einmaligen Akt einer öffentlichen Bußerklärung Ludwigs auf einem Reichstag in Attigny 822. Er legt ein Schuldbekenntnis ab und nahm für dies alles und für das, was er an seinem eigenen Neffen Bernhard gesündigt hatte (...), eine freiwillige Buße auf sich; was er nur irgendwo an Unrecht, von ihm oder seinem Vater begangen, ausfindig machen konnte, sühnte er überdies durch reiche Almosenspenden, durch inständiges Gebet der Diener Christi und durch eigene Buße. (in der Vita Hludowici des Astronomen, c.35, ähnlich in den Reichsannalen beschrieben).

 

Was für die einen wie den Astronomus religiöse Überhöhung des Kaisertums war, wurde für die Gegner zum Zeichen von Schwäche. Unübersehbar zeigt sich aber hier die Macht der Bischöfe, die beginnen, eine Art geistliche Aufsicht über die Könige für sich einzufordern. An die Großen im Reich schreibt er eine admonitio, dass jeder von euch an seinem Platz (locus) und in seinem Stand (ordo) Teil an unserem Amt (ministerium) habe, und speziell an die Bischöfe gerichtet, dass sie uns wahre Helfer bei der Ausübung unseres Amtes sind, damit wir nicht im Jüngsten Gericht für unsere und eure Nachlässigkeit verdammt, sondern eher für unserer beider guten Eifer belohnt zu werden verdienen. (in: Althoff(2) S.44)

 

Bild

 

In einem Buch von Rabanus Maurus für Ludwig den Frommen wird ein Bild des Herrschers deutlich, wie es von diesem selbst wohl gewollt war. Christus wird da angerufen, dem Herrscher den Sieg zu verleihen, der ihn zur Krone des ewigen Lebens führen soll. Darauf wohl soll der Nimbus verweisen, der aber auch an den Kaiser Konstantin erinnern konnte, der laut frommer Legende im Zeichen des Kreuzes siegte, welches Ludwig wie eine Fahnenlanze hält, während die andere Hand auf dem Schild ruht. Damit steigert sich das Bild eines christlichen Kaisers, wie es Karl d.Gr. entwickelt hatte, noch einmal erheblich. (aus LHL, S.95ff)

 

Wala, nach dem Tod des Kaisers Mönch in Corbie, dem Kloster, welches Kaiser Ludwig Adalhard entzogen hatte, wird geistiger Führer der Opposition, insbesondere nachdem er die Nachfolge Adalhards als Abt angetreten hat. Vielleicht ist er der Autor der Dekretalen des (Pseudo-)Isidor, die die Macht der Kirche gegenüber der weltlichen Herrschaft stärken wollen und vielleicht auch Redakteur des 'Constitutum Constanini'. Eine Synode von Paris 829 begründet mit der Zweigewaltenlehre des Papstes Gelasius I. die größere "Gewichtigkeit" des geistlichen "Schwertes".

823 zieht Lothar nach Rom und lässt sich auch von Papst Paschalis salben und krönen.

 

Bereits 819 hatte Kaiser Ludwig die Judith geheiratet, die Tochter des Grafen Welf I. Vielleicht bereits unter ihrem Einfluss verschwinden einige Leute vom Hof und andere wie Bernhard von Septimanien und Graf von Barcelona steigen auf.

823 kommt für den frommen Ludwig noch ein Sohn Karl dazu, für dessen Ausstattung Judith nun eintritt, so dass Thegan zu 829 schreiben kann:

Im nächsten Jahr kam er nach Worms, wo er seinem Sohn Karl, der von der Kaiserin Judith geboren worden war, das alemannische und rätische Land sowie einen Teil von Burgund übergab, dies in Gegenwart seiner Söhne Lothar und Ludwig. Sie ebenso wie ihr Bruder Pippin entrüsteten sich darüber. (cap.35)

Damit beginnen die Konflikte massiver zu werden, denn in den Regionalherrschaften wird durch Zuweisung zu den Kaisersöhnen die Macht des Hochadels geschwächt, der sich nun auf die aufkommende Opposition der übrigen Ludwigsöhne einlässt


827 schlägt Bernhard von Septimanien im Auftrag des Kaisers einen Aufstand in der Spanischen Mark nieder, die ein fränkischer Mächtiger zusammen mit dem Emir von Cordoba angezettelt hatte. Dann ist er in seinen Funktionen viel am Hofe, wo er regulär mit der Kaiserin zusammenarbeitet. Deshalb vielleicht und wegen der Nähe zum Sohn der Kaiserin wird ihm ein Verhältnis mit der Kaiserin Judith nachgesagt, was beide aber immer bestreiten. Eine solche Denunziation konnte von den Parteigängern der drei erstgeborenen Kaisersöhne ausgehen, die mit Judith auch ihren Sohn, einen neuen Konkurrenten, diffamieren wollten. Aber man weiß nichts genaues, außer dass sich 830 eine Opposition gegen Kaiser Ludwig bildet, der ehemalige Getreue angehören.


Hinkmar (Ingmar) von Reims, um diese Zeit als junger Mann am Hof Ludwigs des Frommen, beschreibt die Verhältnisse bei Hof als sehr alter Mann 881 in seiner 'De ordine palatii' folgendermaßen:

Die gute Leitung des Palastes und insbesondere die Aufrechterhaltung der königlichen Würde sowie das jährliche Verteilen der Geschenke an die höheren Krieger (außer jedoch der Nahrung und dem Wasser für die Pferde) waren besondere Aufgaben der Königin und des camerarius (Kämmerer) unter ihr ... Sie kümmerten sich zu gegebener Zeit um die Vorbereitung künftiger gesellschaftlicher Ereignisse, damit nichts fehle, wenn es gebraucht würde. Die Geschenke an die verschiedenen Gesandtschaften standen unter der Aufsicht des camerarius, wenn der König nicht im besonderen Fall befahl, dass sich die Königin selbst zusammen mit ihrem camerarius damit befassen sollte. (Nach: Thiébaux, Dhuoda, S.15, Anm. 36) Hinkmar wird lebenslang ein treuer Gefolgsmann Karls des Kahlen und dafür später mit dem Erzbistum Reims belohnt.


Ganz anders und wahrscheinlich als sowohl mönchisch-religiöse wie machtpolitische Diffamierung gedacht, sieht das bei einem weiteren Zeitgenossen aus, dem Paschasius Radbertus, im Alter Abt von Corbie, der in einer Vita des Abtes Wala alle Register der Beschimpfungen zieht:

Kein Tag war von einem schlimmeren Schicksalsschlag gekennzeichnet als der, an dem der Halunke Bernhard aus Spanien zurückgerufen wurde, ein Elender, der alle Ehren wegwarf, die ihm von seiner Herkunft her zustanden. Wie ein Narr wälzte er sich in den Freuden der Gefräßigkeit. Wie ein verrücktes Schwein kam er daher; im Palast stellte er alles auf den Kopf, er ruinierte den Rat und schleuderte alle rechte und vernünftige Ordnung von sich. Er trampelte auf allen Räten, sowohl Klerikern wie Laien, herum und vertrieb sie. Er besetzte das kaiserliche Bett ... Der Palast wurde zum Bordell, von Schande und Ehebruch regiert, voller Verbrechen und durchdrungen von jeder Art von Hexerei und verbotenen schwarzen Künsten. Der Kaiser ging zu seiner Vernichtung wie ein unschuldiges Lamm. Diesem großen und gnädigen Kaiser wurde Unrecht getan von einer Frau, gegen die schon Salomon gewarnt hatte, und er wurde noch mehr getäuscht durch die Ränke eines Wüstlings, der ihn in den Tod trieb. (Nach: Thiébaux, Dhuoda, S.17)


Auf irgendeine Weise kann sich Judith rituell von dem Vorwurf reinigen. Bernhard, der zunächst nach dem fränkischen Spanien enteilt war, kommt im Herbst 831 an den Hof zurück, beschwört seine Unschuld und fordert die Verleumder (?) zum Zweikampf heraus, für den sich allerdings keiner meldet. (Thiébaux, Dhuoda, S.18)

 

Längst ist Wala am Hof zurück und bei Paschasius Radbertus ist er Wortführer der Kritiker Ludwigs und wirft diesem unter anderem vor, Kirchengut an Laien zu vergeben und Bischöfe eigenhändig einzusetzen. 828/29 finden Versammlungen statt, auf denen Ludwig daran erinnert wird, dass nach der gelasianischen Zweischwerterlehre das geistliche Schwert das sei, über das der König nicht richten dürfe und welches vielmehr die Aufgabe habe, über ihn zu urteilen. Dazu werden auch altjüdische Texte herangezogen.


In dieser Zeit ist bereits der Aufstand der Ludwigsöhne in vollem Gange. Judith wird ins Kloster Ste Radegonde in Poitiers gesperrt (Thegan) und soll ihren Gemahlin dazu bringen, das Gleiche zu tun (Astronom). Aber im Sommer 830 gelingt es Ludwig, Sohn Ludwig (von Bayern) und Pippin (von Aquitanien) auf seine Seite zu ziehen, Judith aus dem Kloster zu befreien und Lothar zu entmachten, der ihm die Treue schwören muss. Anfang 831 wird das Reich so geteilt, dass Karl ein erweitertes Herrschaftsgebiet erhält, während Lothar auf Italien beschränkt wird, was die drei Söhne aus erster Ehe gegen den Vater aufbringt.

Bernhard wendet sich gegen Lothar, der mit einer territorialen Abgabe an den Halbbruder nicht einverstanden ist, und verweist ihn vom Hof. Der Kaiser zieht in die Bretagne, um dort einen Aufstand niederzuschlagen.

 

Derweil entladen sich die Besorgnisse von Lothar und Pippin 832 im bewaffneten Aufstand gegen den Vater, dem sich dann auch Ludwig anschließt. Bei der Gelegenheit beschuldigen sie Judith und Bernhard des Ehebruchs. Bevor es 833 im Elsass bei Colmar zur Schlacht kommt, fällt das Gefolge vom Kaiser ab, und er wird gefangengenommen.

 

Judith wird von ihren Stiefsöhnen in ein Kloster in Tortona in Norditalien gesperrt.. Bei der Gelegenheit ordnet Lothar sich den Vater und die Brüder unter. Kaiser Ludwig wird in Compiègne vor ein Gericht fränkischer Bischöfe gestellt und verliest eine Art Schuldanerkenntnis über die Sünden in seiner Herrschaft. Er muss anerkennen, dass sein zehnjähriger Sohn Karl in die Abtei Prüm verbannt wird und landet selbst im Büßergewand im Kloster Sankt Medard in Soissons, wo er nochmals ein Schuldbekenntnis gemäß einem von den Bischöfen angelegten Sündenverzeichnis ablegen muss.

Herr Ludwig erschien also in der Basilika der heiligen Gottesmutter Maria (...) Vor zahlreichen Priestern, Diakonen und anderen Klerikern sowie seinem Sohn, dem Herrn Lothar, dessen Großen und dem vielen Volk, das in der Kirche Platz fand, warf sich Ludwig auf ein ausgebreitetes Bußgewand vor dem Holzaltar auf den Boden und bekannte vor allen Anwesenden: Das ihm anvertraute Amt habe er sehr unwürdig verwaltet, dabei habe er Gott häufig gekränkt, christi Kirche habe er Ärgernis erregt und durch seine Gleichgültigkeit das Volk in alle möglichen Gefahren gebracht. Um diese schweren Vergehen zu sühnen, wolle er öffentlich Kirchenbuße leisten, damit Gott sich seiner erbarme und er durch die Amtsgewalt und die Hilfe jener Männer freigesprochen werde, denen Gott die Gewalt zu binden und zu lösen gegeben habe. (in: Althoff(3), S.58)

Dann löste er seinen Waffengurt und legte auch ihn auf den Altar, entledigte sich auch seines weltlichen Gewandes, wonach er aus der Hand der Bischöfe das Büßergewand empfing. Nach einer so großen und schweren Buße darf niemand mehr zu weltlichenm Dienst zurückkehren. (Soweit die Sicht der Bischöfe. In: Althoff(3), S.59)

 

Wieder werden ganz übliche hochadelige Verhaltensweisen kirchlich verurteilt, aber wieder nur in der Person des obersten Herrschers. Damit ist Lothar quasi automatisch wieder Kaiser.

 

Dieses extreme Verhalten gegenüber dem Vater und insbesondere seine kaiserliche Vormachtstellung führen dann aber dazu, dass Pippin aus Aquitanien und Ludwig aus dem Osten gegen Lothar vorrücken, der erst nach Vienne und dann nach Italien flieht. Kaiser Ludwig wird in der Kirche von Saint-Denis wieder eingesetzt, Judith wird aus dem Kloster zurückgeholt und der Kaiser zwingt Lothar, dessen Macht nun wieder auf Italien beschränkt ist, zum Treueeid:

Der Kaiser saß in seinem Zelt, das hoch aufgerichtet war in einem weiten Felde, wo ihn das ganze Heer sehen konnte, und seine getreuen Söhne standen neben ihm. Dahin kam Lothar und warf sich zu Füßen seines Vaters nieder, nach ihm sein Schwiegervater, der furchrsame Hugo. Darauf bekannten auch Matfried und die übrigen alle, welche Anstifter jener Tat gewesen waren, nachdem sie sich von der Erde erhoben hatten, dass sie schwer gefehlt hätten. Dann schwor Lothar seinem Vater Treue, dass er nach Italien gehen und dort bleiben und nicht von da fortgehen werde ohne Befehl des Vaters (Thegan, cap.55)

 

In Diedenhofen bereiten dieselben Bischöfe, die die Absetzung Ludwigs betrieben hatten, nun die erneute zeremonielle Wiedereinsetzung vor. Bischof Ebo von Reims wird eigens aus seinem Klostergefängnis Fulda herbeigeholt. Im Metzer Dom wird Ludwig 835 erneut im Beisein der Söhne von sieben Erzbischöfen gekrönt (Annales Bertiniani).Die Bischöfe müssen einen Rückzieher machen und begründen nun die neuen Machtverhältnisse, wobei sie und später Ludwigs Biograph Thegan den Erzbischof Ebo von Reims zum Haupt-Übeltäter der Handlungen von zwei Jahren zuvor hinstellen, um sich davon distanzieren zu können.

 

Inzwischen hat mit den Kämpfen in der Karolinger-Familie die Macht der Adelsverbände erheblich zugenommen, die von principes geführt werden, und gegen die Herrschaft nicht mehr möglich ist.

Von 835-37 kommt es zu Verhandlungen über die Machtverteilung, um die alleine es geht. 838/9 stirbt Pippin, und Karl wird mit fünfzehn volljährig, erhält in Quierzy eine Königskrone und zentrale fränkische Gebiete zwischen Friesland, Loire und Burgund. Es wird also erneut geteilt, wobei Ludwig ("der Deutsche") wieder auf Bayern reduziert wird, worauf ein Aufstand von ihm niedergeschlagen werden muss.

Gegen die zunehmende Macht des östfränkischen Ludwig wendet sich der alte Kaiser dabei laut Nithard an Lothar, um die Macht von Sohn Karl für die Zukunft zu erhalten: Wenn er fernerhin des Vaters Willen gegen Karl aufrechterhalten wolle, solle ihm alles, was er bisher gegen jenen verbrochen hätte, verziehen und das ganze Reich mit Ausnahme Bayerns zwischen ihm und Karl geteilt werden. (in: Althoff(2), S.80)

 

840 stirbt Kaiser Ludwig auf einer Rheininsel, von wo er gegen seinen Sohn Ludwig in den Krieg ziehen will.


Inzwischen ist das Reich so geteilt, dass Karl der Kahle das Westreich, Ludwig "der Deutsche" einen großen Teil des Ostens und Lothar den Kaisertitel und ein Mittelreich innehat, welches von der Nordsee bis zur heutigen Westschweiz reicht.

Lothar aber marschiert nun gegen Ludwig und Karl, um die Alleinherrschaft zu erreichen. Karl verlangt die Gefolgschaft von Bernhard und dessen Vermittlung bei Pippin, Bernhard zögert aber und versucht sich herauszuhalten.

 

841 kommt es zum Gemetzel von Fontenoy und der Niederlage von Lothar. In diesem Kampf wurde die Streitmacht der Franken so aufgerieben und ihr glorreiches Heldentum so geschwächt, dass sie fortan nicht einmal zum Schutz des eigenen Gebietes ausreichten, geschweige denn zu einer Erweiterung des Reiches. (Chronik des Regino von Prüm). Die Sieger ziehen nach Aachen und hielten am Tag nach ihrer Ankunft Beratung, was nun mit dem Volk und Reich (populus ac regnum) zu tun sei, welches der Bruder verlassen habe. (Nithard in: Althoff(2), S.81)

In Aachen beschließen beide, die Angelegenheit an die Bischöfe und Priester (s.o.) zu übergeben, die pflichtschuldigst einen Sündenkatalog Lothars anlegen. Dann wird von beiden Königen ein Ausschuss der der Großen eingesetzt, der das Reich teilen soll.

 

842 treffen die Erben des West- und des Ostteils des Frankenreiches sich in Straßburg und schwören sich gegenseitig vor ihren Heeren Bündnistreue. Damit alle das verstehen, werden die Eide in den Volkssprachen geschworen, in fränkischem Althochdeutsch, wie es später heißt, und dem Romanischen, welches später Altfranzösisch heißen wird. Der Grund ist kein Gedanke an "ethnische" Teilung, sondern die des Lateinischen zum großen Teil nicht mächtige Öffentlichkeit der Veranstaltung.


Dies ist der Anfang des Eides für die Romanen: Pro deo amur et pro christian poblo et nostro commun salvament, d'ist in avant, en quant Deux savir et podir me dunat, mi salvarai... (Um der Liebe Gottes willen und das gemeinsame Heil der Christenheit und unseres Volkes, unterstütze ich von heute an, soweit mir Gott die Weisheit und die Macht gibt...- meinen Bruder Karl etc). Der Westfranke wiederum schwört so, dass ihn die Ostfranken verstehen: In godes minna ind in thes christanes folches ind unser bedhero gehaltnissi fon thesemo dage frammordes so fram so mir got geuuizci indi mahd furgibit so haldih thesan minan bruodher soso man mit rehtu sinan bruodher scal in thiu thaz er mig so sama duo indi mit ludheren in nohheiniu thing ne gegango the minan uillon imo ce scadhen uuerdhen.

Man sieht, dies ist nicht mehr Latein, aber noch kein Französisch oder Deutsch.


Karl der Kahle muss nachgeben und verhandelt mit seinen beiden Brüdern. Dezember 842 heiratet er Ermentrude. Zwei Monate später stirbt Kaiserin Judith. Eine Kommission aus je 40 Vertretern des Hochadels sammelt nun ein Verzeichnis von Rechten und Einkünften für eine gerechte Reichsteilung. Im August 843 wird die Einigung von Straßburg in Verdun auf Kaiser Lothar ausgedehnt, der zwischen beiden ein Mittelreich zwischen Aachen und Rom erhält. In den nächsten Jahren wird aber eine gewisse Einheit des Frankenreichs in der Beschränkung jeden Bruders auf seinen Teil gewahrt.

 

Hatte der große Karl Bischöfe wie Äbte einfach eigenhändig eingesetzt, so beginnt sich unter Ludwig dem Frommen die Vorstellung durchzusetzen, dass Abtswürde wie Bischofsamt königliche Benefizien seien, was dazu führt, dass sie ebenfalls den Akt der Kommendation durchlaufen müssen. "Wie bei der Übertragung eines Beneficiums erhält der Bischof bei seiner Amtseinsetzung ein Symbol seines Amtes; per baculum überträgt der König ihm die Bischofswürde." (Leiverkus in LHL, S.165, es handelt sich um den sogen.Krummstab). Entsprechend stellen auch Bischöfe ein militärisches Aufgebot für ihren König.

 

Schritt für Schritt ändert sich derweil auch der Charakter der weltlichen Vasallität, indem sie sich mit einem Lehen verbindet. Das Beneficium wird dann zunehmend vom Vater auf den Sohn vererbt, auch wenn es unteilbar bleibt. Damit verlieren die Herrscher den Zugriff auf Krongut und damit auch auf die Treue ihrer Vasallen. Zum anderen neigen Vasallen im Laufe der Zeit dazu, sich an mehrere Herren zu binden, um möglichst viele Benefizien zu erhalten. Damit zieht bezüglich der Treuepflicht Konfliktpotential auf.

 

Ein weiteres Problem entsteht dadurch, dass kleinere Vasallen, insbesondere solche ohne Beneficium, durch größere mediatisiert werden, indem sie von diesen selbst in Vasallität gebracht werden. Zwischen König und Vasall kann so ein Herr treten, dessen Eigeninteressen bevorzugt zu beachten sind.

 

2. Bis zum Ende der Karolinger-Herrschaft im Ostreich

 

Die Reichsteilung von Verdun gibt Karl dem Kahlen dauerhaft einen geschlossenen Herrschaftsbereich im Westen, dessen Kern Westfranzien ist, der aber außerdem die Spanische Mark, Aquitanien, die Gascogne und Septimanien umfasst. Unter den potentes, die sich dort eigene Herrschaftsräume bewahren wollen, gehört auch Bernhard, Graf von Barcelona, Graf der spanischen Mark und Herzog von Septimanien, Gemahl der Dhuoda.

Er verbündet sich wie sein Vater mit Pippin II. von Aquitanien, der ihm die Grafschaft Bordeaux anvertraut. Juni 844 schlagen sie eine Armee König Karls bei Angoulême. Danach versucht er auch die Spanische Mark zu gewinnen und findet dafür 847 einen Verbündeten im Emir Abderrahman II von Cordoba, der ein Interesse am Niederschlagen maurischer Aufstände hat. 848 versucht er sein Erbteil Barcelona einzunehmen. Dabei wird er von seinen muslimischen Verbündeten im Stich gelassen und 850 bei Barcelona entweder erschlagen oder hingerichtet.

Sohn Bernhard wird 886 sterben. Sein mutmaßlicher Sohn wiederum, Wilhelm von Aquitanien, wird das Kloster Cluny gründen.

 

Karl der Kahle kann sich im Westen weder gegen die Bretonen noch zunächst  in Aquitanien gegen Pippin II. militärisch durchsetzen. 848 lässt er sich dann auf Einladung aquitanischer Großer in Orléans zum König krönen. 

 

In seinem Kerngebiet wird die Macht der Bischöfe wie der weltlichen Großen von ihm bestätigt, so dass sie "auf diesem Wege eine sehr viel stärker auf der persönlichen Bindung an den Herrscher basierende als vom Amtsgedanken geprägte Machtstellung, die dem Ausbau einer eigenen Haus- und Territorialpolitik zustatten kam," erreichen. (Hageneier in LHL, S.71)  Einer dieser Bischöfe, Hincmar von Reims, erklärt jenen Vorrang der geistlichen vor der weltlichen Macht ähnlich wie der Gelasiusbrief: Insoweit ist die Würde der Bischöfe größer als die der Könige, weil die Könige von den Bischöfen zu ihrer königlichen Höhe geweiht werden (sacrare), die Bischöfe aber nicht von den Königen geweiht werden können. (in: Althoff(2), S.64)

 

 

Bild 

 

Im Codex aureus von St. Emmeran verbinden sich im Herrscherbild Karls des Kahlen Prächtigkeit und christliche Überhöhung. Schultern und Kopf des Herrschers ragen in die himmlische Sphäre hinein, blau gefärbt wie der sichtbare Himmel und durch zwei Engel als der zugleich unsichtbare gekennzeichnet. Ein von vier antikisierenden Säulen getragener Baldachin überspannt Karl, und hinter ihm ist die Hand Gottes zu sehen, die hinunterzugreifen scheint auf die Krone des Herrschers. (in LHL S.99ff)

Karl mehr noch als die anderen karolingischen Herrscher bedarf dieser christlichen Begründung zur Durchsetzung seiner begrenzten Macht in Zusammenarbeit mit mächtigen Bischöfen. Aber angedeutet ist auch spätantikes Erbe, die Berufung nicht nur auf altjüdische, sondern zunehmend auch antik-römische Herrschergestalten.

 

Zwischen West- und Ostfranzien liegt das Mittelreich Lothars, "das sich von Rom über die Provence und Burgund bis an die Nordsee erstreckt." (Althoff, S.12) 850 macht der Sohn Ludwig (II.) zum Mitkaiser, wofür er inzwischen der Mitwirkung des Papstes bedarf, dessen Stärke die Schwäche der Franken ist.

Zentrum des Ostreiches bleibt Bayern mit dem Hauptort Regensburg. Von hier aus herrscht Ludwig als rex Germanorum. Tatsächlich hat sich, wohl nicht nur durch Zufälle der Geschichte, ergeben, dass unter seiner Herrschaft nur germanisch sprechende Völker leben. Mit ihm beginnt die Orientierung des Ostreiches auch nach Osten, vor allem erst einmal gegen die Mähren, gegen die er mit den Böhmen verbündet ist.

 

847 beschließen die drei Frankenherrscher in Meersen, dass ihre Söhne in ihren Reichen erbberechtigt seien, womit die Reichsteilung zementiert wird. Die Vasallen sollen mit ihrem Herrn (senior) gegen Feinde und für andere Aufgaben sich auf den Weg machen. Aus dem Volksheer früherer Zeiten ist im wesentlichen ein Vasallenheer geworden. Immer größere Teile der Oberschicht tauchen nun auch als Vasallen auf. 


Das Unheil nimmt seinen Lauf. 852 war es Karl II. gelungen, Pippin in ein Kloster einzusperren. Auf Einladung aquitanischer Großer schickt der deutsche Ludwig seinen Sohn dorthin gegen den kahlen Karl. In den westfränkischen Annales Bertiniani heißt es: Die Aquitanier fielen fast alle von Karl ab und sandten an Ludwig, den König von Germanien, Gesandte nebst Geiseln, um sich seiner Herrschaft zu unterstellen

Er wird 854 von der Partei des Kaiser-Ludwig-Sohnes Pippin bedroht, den Karl zu diesem Zweck freilässt, und der sofort Scharen von Anhängern um sich versammelt. Ludwig zieht sich wieder zurück. 


855 stirbt Kaiser Lothar und teilt vorher sein Reich gegen alle Abmachungen, aber nach fränkischem Recht unter seinen drei Söhnen auf. Ludwig II. erhält Italien und wird Kaiser, Provence und Bourgogne gehen an Karl, der ganze Norden fällt an Lothar II., welches später Lotharingien heißen wird und viel später nach dessen Reduktion auf einen kleinen Bereich Lothringen. Nun ist das Frankenreich in fünf Teile geteilt und das Kaisertum basiert auf Italien. Damit ist Lothar am Ende wieder zur alten fränkischen Erbteilung zurückgekehrt.

 

Die Probleme mit Aquitanien bewegen Karl den Kahlen dazu, dieses an Sohn Ludwig "das Kind" abzugeben, der sich aber nicht durchsetzen kann.

858/59 kommt es zu einem neuen Angriff Ludwigs des "Deutschen", Karl der Kahle muss sich zurückziehen und Ludwig führt sich mit Unterstützung weltlicher Großer in Orléans schon als Herrscher auch Westfrankens auf. Er nennt sich Rex in occidentali Francia. Darauf empört sich ein Großteil der westlichen Bischöfe unter Führung Hinkmars von Reims und Ludwig muss 860 im Frieden von Koblenz klein beigeben.

Französische Geschichtsschreibung sah lange in diesem Moment den Keim zur Entstehung Frankreichs. Das ist noch zu früh, immerhin geht es noch um einen fränkisch-karolingischen Bruderzwist, aber der Weg in diese Richtung ist eingeschlagen. 860 wird in Koblenz von allen drei Karolinger-Herrschern bei Anerkennung der bestehenden Grenzen Frieden geschlossen, diesmal wieder auf Romanisch und Fränkisch-Germanisch.

Neu ist die namentliche Erwähnung von 11 Bischöfen, 2 Äbten und 33 weltlichen Großen, die offenbar in die Beschlussfindung eingebunden werden und den Vertrag garantieren.

 

Die neue Völkerwanderung der Nordgermanen hat ihren Ursprung wohl unter anderem in deren erheblicher Fruchtbarkeit, einem wesentlichen Motor der Menschheitsgeschichte. Ihre Anfänge liegen in der aggressiven Mischung aus Händlertum, Räubertum und einer schnellen Auffassungsgabe. Ihre zunächst kurzen Raubzüge an den Küsten und dann auch flussaufwärts leben vom Überraschungseffekt und davon, dass die Räuber so schnell wieder verschwinden, wie sie gekommen

sind.

Mit der Verbindung von Raub, Vergewaltigung und Zerstörung entwickeln sie eine Aura des Schreckens, die überall dazu führt, dass man, um ihnen zu entkommen, hohe Lösegelder zahlt. Dieses Flüssigmachen vorhandener Schätze führt vielleicht zu einer frühen Stufe der Einsicht in die Verbindung von Ansammlung bzw. Akkumulation und

Investition mit dem Ziel eines Gewinnes.

In einem zweiten Schritt setzen sich die Normannen wie im Mittelmeer die sarazenischen Piraten an einzelnen Punkten der Küsten fest, die zunächst Stützpunkte für ihre Überfälle sind. Dort entwickeln sie aber schnell eine enorme Anpassungsfähigkeit an die zivilisatorisch Überlegenen, sofern sie die dort vorfinden. An den irischen Küsten gründen sie sogar die ersten dortigen Städte.

 

Im Westen wird ein Robert der Starke/Tapfere (Robert le Fort) um 861 Markgraf von Neustrien im Dienste der Abwehr von Normannen und Bretonen unter Karl dem Kahlen. 866 begründet er mit einem wichtigen Sieg über die Normannen das Ansehen seines Geschlechts, aus dem viel später die Kapetinger hervorgehen werden. Er erhält als wichtige Machtbasis zudem die reiche Abtei Sankt Martin in Tours und begründet eine Dynastie, die bald im Wechsel mit Karolingern und ab 987 alleine die westfränkischen Könige stellen wird.

 

Südlich davon restauriert sich nach und nach ein mächtiges Aquitanien, und südöstlich gewinnt die Provence unter einem Grafen Boso ein Eigenleben, wiederum nördlich davon entsteht 888 ein neues Königreich Burgund unter dem bayrischen Welfen Rudolf.

 

Der Lothar II. des nördlichen "Lothringen" lebt mit der concubina Waltrada zusammen, von der er Sohn Hugo hat. Er heiratet dann eine Theutberga, die kinderlos bleibt, worauf er sich wieder förmlich von ihr scheiden lässt. Nun heiratet er Waltrada. Hinkmar von Reims und der Papst verurteilen die Annullierung der Ehe mit Theutberga als illegal und das benutzen Karl der Kahle und Ludwig von Ostfranken 867 für einen Teilungsvertrag von Lothars II. Lothringen. 

 

870 gelingt dem ostfränkischen Ludwig und dem westfränkischen Karl die Aufteilung des nördlichen Lotharingiens im Vertrag von Meersen, nachdem alle drei Söhne Kaiser Lothars gestorben sind. An den Osten fällt der Ostteil mit Metz, Trier, Köln und Aachen, an Karl den Kahlen Gebiete von Friesland über Lüttich, das Maastal bis nach Toul und die Regionen um Lyon und Vienne. Damit sind die alten Teilgebiete Gallien, Germanien und Italien fast wieder hergestellt.

Im Süden setzt Karl seinen Schwager Boso ein, der sich 879 zum König von Provence-Burgund ausrufen lässt.

 

872 stirbt Lothar in Italien, wo er mit dem Papst vergeblich über seine Ehe verhandelte. Hugo wird nach Kämpfen geblendet und im Kloster zu Prüm eingesperrt.

Im selben Jahr schreibt Karl der Kahle an Papst Hadrian II. einen Brief, in dem (seine) Souveränität religiös begründet wird: Er ist jemand, der zum Titel und der Würde eines Königs durch die Gnade Gottes gelangt ist. Und: Ich, von Gott eingesetzt, mit einem zweiseitigen Schwert ausgestattet, um am Bösen Rache zu üben und die Unschuldigen zu verteidigen (…) Ihr wisst, dass Christus gesagt hat: "Durch mich herrschen die Könige".(in Audebert/Treffort, S.17) Anders ausgedrückt: der Jesus radikaler Jenseitigkeit dient weiter als Begründung zur Unterdrückung der Massen durch die christlich gewendete Macht weltlicher Herrscher.

 

873 kommt es zu einem Aufstand der Söhne Karl und Ludwig gegen Ludwig II., den dieser zu seinen Gunsten beilegen kann.

 

875 stirbt auch der italienische Kaiser Ludwig II., Karl der Kahle eilt mit einem Heer nach Italien und erobert sich die Kaiserkrone aus der Hand von Papst Johannes VIII., der ihn eingeladen hatte.

 

876 stirbt Ludwig II., nachdem er sein Reich unter seinen drei Söhnen geteilt hatte: Karlmann erhält Bayern, Karl "der Dicke" Alemannien, Ludwig der Jüngere Ostfranken und Sachsen, wo er Luitgart, die Tochter des Grafen Liudolf heiratet. Die drei Söhne Ludwigs II., Teilkönige, müssen sich nun des Übergriffes von Kaiser Karl II. erwehren, der ihnen Ost-Lotharingien bis zum Rhein wieder wegnehmen möchte. Bei Nördlingen beschwören die drei ihr Bündnis in ostfränkisch-germanischer Sprache. Ludwig der Jüngere gewinnt nach einem Sieg über Kaiser Karl II. in der Schlacht bei Andernach 876 den Ostteil des nunmehrigen Lothringens.

 

876 entlädt sich die Ablehnung der Großmacht- und Italienpolitik Karls II. durch den westfränkischen Adel bei andauernder Normannengefahr in einer Versammlung in Ponthion. Karl kann sich der Normannengefahr nur noch durch Tributzahlungen erwehren, die er auf sein Reich umlegt. Dennoch beschließt er auf einen päpstlichen Hilferuf gegen die Sarazenen noch einmal einen Heerzug nach Italien, und der Regentschaft des Sohnes Ludwig ("des Stammlers") werden vorher enge Zügel angelegt.

Zudem verfügt Karli m Kapitular von Quierzy vor seiner Abreise, dass im Falle des Todes eines Grafen während der Heerfahrt der Sohn in das Amt und die Benefizien und Lehen des Vaters eintreten soll, genauso ist es auch in Bezug auf unsere Vasallen zu machen. Damit ist in einem eng beschränkten Fall die Erblichkeit des Lehens offiziell geworden, was sich bald auf alle großen Lehen ausdehnen wird.

 

877 stirbt Karl der Kahle, dem die Kontrolle über Italien wieder entglitten war.

Im Osten übernimmt Karlmann die Vorherrschaft, nachdem er sich auch als König von Italien durchgesetzt hat. Darauf fällt Ludwig in Bayern ein und macht es von sich abhängig. Karlmann dankt dann krank zugunsten Ludwigs ab, der Karlmanns unehelichen Sohn Arnulf von Kärnten damit um sein Erbe bringt.

 

Im Westen herrscht der letzte überlebende Sohn Karls des Kahlen, Ludwig der Stammler, der sofort Probleme mit seiner königlichen Rolle bekommt: Als Ludwig in Orville den Tod seines Vaters erfuhr, suchte er sofort möglichst viele für sich zu gewinnen, indem er Abteien, Grafschaften und Güter verlieh, wie jeder forderte. (...) Als er hörte, die Großen (primores) des Reiches, sowohl Äbte wie Grafen, seien empört, weil er ohne ihren Konsens einigen Lehen gegeben hatte, und sie hätten sich deshalb wider ihn verschworen, ging er nach Compiègne. Diese Großen aber kamen (...) alles verwüstend, was auf ihrem Wege lag, nach dem Kloster Avenay, beriefen eine Versammlung der Ihren nach Montaimé und entsandten von da ihre Abgeordneten an Ludwig, der ebenfalls seine Gesandten an sie schickte. (Annales Bertiniani in: Althoff(2), S.67)

Die geforderte Beratung meinte einmal, wie Hincmar an anderer Stelle schreibt, Versammlungen der geistlichen und weltlichen Großen des Reiches, wohl oft vorbereitet durch solche eines kleinen Kreises daraus, zum anderen den unmittelbaren Zugang zum Herrscher, der meist nur durch Vermittlung von Hofbediensteten zustande kommt. Themen werden vom König dafür vorgegeben (De ordine palatii).

 

Ludwig macht dann nicht nur seine Behinderung zu schaffen, sondern auch zunehmende Krankheit. Inzwischen werden die Sarazenen in Süditalien so stark, dass der Papst ins Westfrankenreich flieht. 879 stirbt der Westfrankenherrscher.

 
Dort kristalliert sich immer mehr die Machtfülle einer Familie der Robertiner heraus, die später Kapetinger heißen werden. Die Schwäche der Karolinger dort führt zum Vertrag von Ribémont 880, in dem nun auch der Westteil Lotharingien an die Ostfranken fällt.

 

Im selben Jahr stirbt der ostfränkische Karlmann, sein Bruder Ludwig der Jüngere versucht nun das Reich zu dominieren, während der andere Bruder es schafft, vom Papst als Karl III. zum König von Italien gemacht zu werden. Derweil fallen die Normannen immer heftiger an Rhein und Mosel ein, wo sie die Städte in Schutt und Asche legen.

 
Unter dem jüngeren Ludwig steigen nun die drei Familien auf, die unter sich in Zukunft das Königtum des Ostreiches ausmachen werden: Die Babenberger, die Konradiner und die Liudolfinger (später: Ottonen). Kurz darauf stirbt auch er, die Karolinger werden nicht mehr alt. .

 
Zum frühen Tod durch Krankheit und Jagdunfälle von Ludwig im Osten und Karlmann im Westen kommt dann noch die Kinderlosigkeit bei den Karolingern hinzu. 881 erreicht Karl "der Dicke", jüngerer Bruder von Ludwig dem Jüngeren, es, von Papst Johannes VIII. zum Kaiser gekrönt zu werden. 884 bleibt nur er übrig, unter dem das ganze Franken-Reich 885 noch einmal vereinigt ist. Er versucht, in zahllosen Feldzügen auch  Italien wieder zu kontrollieren. 

 

882 wird Trier verwüstet, Normannen dringen immer tiefer ins Inland der Frankenreiche ein. Karlmann spricht 884 zu seinem Gefolge über die Normannenplage:

Soll man sich wundern, dass die Heiden und fremden Völker Herr über uns werden und unseren zeitlichen Besitz wegnehmen, wo doch jeder von uns mit Gewalt seinem Nächsten das Lebensnotwendige entreißt? Wie sollen wir mit Zuversicht gegen unsere und der Kirche Feinde kämpfen, da wir doch in unserem eigenen Haus das den Armen geraubte Gut aufbewahren und da wir doch ins Feld ziehen, den Bauch vollgeschlagen

mit Geraubtem. (übersetzt aus Riché, S.301)

Das Unheil von außen entspricht den zu schwachen Bindekräften im Inneren, die sich als Lasterhaftigkeit, Sündhaftigkeit erweisen. Der Topos von den grausamen Normannen wird bestehen bleiben und in Süditalien und bezüglich Siziliens durch den von den tyrannischen Normannen noch ergänzt werden.

 

Zwischen Sarazenen und Normannen eingeklemmt, muss er sich immer mehr auf aufsteigende Regionalpotentaten verlassen, aus denen ganz langsam die neuen ostfränkischen "Stammes"-Herzogtümer und die westfränkischen Fürstentümer hervorgehen. Solche regionale Große wie der Graf Odo müssen denn auch die Abwehr der Normannen bewältigen, während der dicke Karl sich durch Tribute, sogenannte Geschenke, zum Beispiel von der Belagerung von Paris freikauft.

 
Schon 887 wird Arnulf zum ostfränkischen König gewählt. Als die Großen des Reiches sahen, dass nicht nur seine Körperkraft, sondern auch sein Verstand ihn (Karl) verließ, holen sie aus eigenem Antriebe Karlmanns Sohn Arnolf in die Regierung, fallen in einer plötzlichen Verschwörung vom Kaiser ab und gehen um die Wette zu besagtem Mann über, schreibt Regino von Prüm in seiner Chronik.

Arnulf ist Karolinger in der weiblichen Linie, Bastard von Karlmann, der seinem Bastardsohn Zwentibold ein Königreich Lothringen überträgt, bis ins 20. Jahrhundert Zankapfel zwischen Deutschland und Frankreich.

 

Karl III. “der Dicke“ kann 887 vor seinem Tod 888 seinen Wahlerben nicht mehr durchsetzen. Es folgt der Robertiner Odo (den die Franzosen Eudes nennen). Regino berichtet: Nach dem Tode des Kaisers lösen sich die Reiche, die seinem Gebote gehorcht hatten, da sie eines gesetzmäßigen Erben entbehrten, aus ihrem Verbande in Teile auf (...), ein jedes schickt sich an, sich einen König aus seinem Inneren zu wählen. Mit der Beschränkung Arnulfs auf Ostfranken wird die Reichsteilung nun endgültiger.

 

893 wird im Westreich der dreizehnjährige Ludwig der Stammler zum König gekrönt, um ein Königtum des allzu mächtig gewordenen Sohnes Roberts, Odo zu verhindern. Folgende Passage aus den 'Annales Vedastini' zu 897 macht aber die Machtverhältnisse deutlich: Indem den Gesandte ihn- und hergingen, kam Karl zu Odo. Dieser empfing Karl gütig, gab ihm soviel vom Reich, als ihm angemessen schien, stelle ihm noch mehr in Aussicht und entließ ihn darauf wieder nach Hause. (in LHL, S.86) Kurz darauf stirbt Odo kinderlos und Bruder Robert bescheidet sich mit der ererbten Macht.

Der Karolinger Karl der Einfältige ist darauf von 898-922 westfränkischer König. Sein Königreich ist allerdingsin regna zerfallen (Neustrien, Bretagne, Burgund, Aquitanien, Gascogne, Spanische Mark), von denen er eine direkt kontrolliert, die Francia um Paris, seine Krondomäne, wie Historiker das später nennen werden. Die übrigen regna fallen den Erben der karolingischen „Reichsaristokratie“ des Westens zu, „einige zehn Familien als Nachfahren von alten Grafen“, von denen „rund zehn unter ihnen über mehrere pagi verfügt.“ (Audebert/Treffort, S.22. Aus dem pagus wird das französische pays.)

Immerhin siegt Karl über die Normannen und siedelt sie dann 911 an und es gelingt ihm, sich zumindest nominell zur Oberherrn über Lothringen zu machen. 

 

In den Fuldaer Annalen heißt es: Viele kleine Könige in Europa oder im Reiche Karls steigen empor. Berengar machte sich zum König in Italien, Rudolf aber beschloss, Hochburgund für sich in der Art eines Königs zu behalten. Ludwig, Bosos Sohn, und Wido nahmen sich vor, das belgische Gallien imd die Provence wie Könige zu haben. Odo nahm das Land bis an die Loire und die aquitanische Provinz für sich in Anspruch. Hiernach wollte Ramnulf als König gelten.

 

891 wird als Gegenspieler Berengars Wido von Spoleto zum Kaiser gekrönt, was Bände über den Verfall des Titels spricht. 892 salbt Papst Formosus dann den Berengarsohn Lambert ebenfalls zum Kaiser. Zweimal tritt Arnulf gegen Berengar und seinen Sohn an, und 896 gelingt es ihm, Rom zu erobern, und der Papst macht auch ihn zum Kaiser. Tatsächlich teilen sich aber Berengar und Lambert die Macht in Italien.

 

Immerhin gelingt es Arnulf, 891 bei Löwen über die Normannen zu siegen, was ihre Einfälle ins Ostreich beendet. 895 setzt er Sohn Zwentibold in ein Königreich Lothringen ein, zu dem auf dem Papier auch Burgund gehören soll. Im Schreiben zur Synode von Tribur von 895 wird das Gottesgnadentum des ostfränkischen Königs betont,dessen Ausmaß erst von der Reformkirche der zweiten Hälfte des elften Jahrhunderts beschnitten werden wird. Arnulf ist der Fürst, der durch den rex regum (Gott) allen kirchlichen und weltlichen ordines und dignitates vorangestellt sei; dessen Herz die Glut des Heiligen Geistes entflammen und zum Eifer für die göttliche Sache entbrennen wolle, damit die ganze Welt erkenne, dass er nicht vom Menschen und durch den Menschen, sondern von Gott selbst erwählt worden sei. (in: Althoff(2), S.91)

 

Schon 899 verbünden sich die Spitzen der Konradiner mit lothringischen Großen zum Sturz Zwentibolds und Arnulfs. Die lothringischen Großen schaffen es, sein Königtum 900 wieder zu beseitigen. Die Konradiner bilden eine Art Regentschaft zusammen mit den Bischöfen von Mainz, Augsburg und Konstanz für Arnulfs kränkelnden jungen Sohn Ludwig "das Kind".

Der Bischof von Konstanz anlässlich der Erhebung Ludwig des Kindes zum König 900: Wenige sind unter den unsrigen einträchtigen Sinnes; alle hadern, der Bischof, der Graf und die Dienstmannen; untereinander kämpfen Mitbürger und Stammgenossen, das Stadtvolk murrt, auch in den Städten tobt der Aufruhr ... Wenn die Zerissenheit eines Volkes groß ist, glaubst du, das Reich, deshalb gespalten, könnte bestehen?. (deutsch in: Jussen, S. 83)

 

Die Liudolfinger bleiben abwartend am Rande und sehen auch zu, wie die Konradiner zusammen mit Bischof Hatto von Mainz die Familie der Babenberger brutal vernichten. Das wird ihnen 919 die Königswürde einbringen. (Hageneier in LHL, S.83f)

In gerade dieser Zeit fallen die Ungarn fast jährlich in den zukünftigen deutschen Landen raubend und mordend ein. Die Zentralgewalt im Ostreich löst sich völlig auf. 911 unterstellen sich die lothringischen Großen dem westfränkischen König. 

 

Derweil stirbt auch Odo und ein Karolinger, Karl der Einfältige, kommt im Westreich wieder an die Macht. Derweil erobert sich Berengar, ein Enkel Ludwigs des Frommen, die italienische Königskrone. 

Nach dem Tod Widos und seines Sohnes erkämpft sich Ludwig von der Provence 900 gegen Berengar den Kaisernamen, um fünf Jahre später von diesem überwältigt und geblendet zu werden.

 

Graf Boso lässt sich 900 in Pavia als König von Italien krönen und ein Jahr später lässt er sich neben dem mehr oder weniger legitimen Berengar zum Kaiser erklären.

905 erhält Hugo von Arles die Provence vom nach Höherem strebenden Boso anvertraut, die er später an Rudolf II. von Burgund übergibt.

 

911 stirbt Ludwig das Kind kinderlos. Damit verschwinden die Karolinger als dem Ostreich. Es kommt zum kurzen Intermezzo mit König Konrad I. 

 

Auch indem es keine Herrscher vom Format Karls d.Gr. gibt, fällt alles auseinander bzw. in sich zusammen. Dies liegt daran, dass es keinen Staat gibt, sondern ein Bindegeflecht persönlicher/personaler Beziehungen, dessen Zentrum und Gipfel ein Herrscher sein muss. Wenn das nicht mehr funktioniert, sind in der Deutung der Zeit fehlende Sittlichkeit oder Moral schuld, es ist also das falsche persönliche Verhalten des einzelnen. Erst deutlich nach der Jahrtausendwende werden Institutionen von konkreten Personen gelöst, zunächst als Vorstellung, und viel später in rechtlicher Form.

 
Während die Normannen langsam sesshafter und friedlicher werden, sieht sich Ostfranken dem nächsten Sturm aus den asiatischen Steppen gegenüber: Den Ungarn, die Oberitalien und Bayern plündernd durchziehen.

 

Sie kommen wie Hunnen und Awaren ursprünglich aus den Weiten Nordasiens. Anfang des 9. Jahrhunderts lassen sie sich zwischen Don und Donau nieder, und ziehen dann mit etwa einer halben Million Menschen unter dem Druck der Bulgaren und von Byzanz nach dem heutigen Ungarn.

Sie sind Reiterkrieger, die als erstes das Reich der Mähren vernichten, und dann für etwa 150 Jahre in schnellen Raubzügen durch Italien und die beiden Frankenreiche Beute machen.

 
Ohne handlungsfähigen König gerät das Ostreich dabei immer mehr in die Hand regionaler Großer: Der Welfen, der Konradiner, der sächsischen Liudolfinger, der Babenberger. Ähnlich ergeht es dem westfränkischen Karl. Ihm gelingt es aber, 911 den Normannenhäuptling Rollo vom Plündern abzubringen, worauf der das Christentum annimmt und sich fest mit seinen Leuten in der Normandie niederlässt.

 

Ein Zeitalter geht zu Ende, als 919 von den östlichen Großen der Sachsenherzog Heinrich zum "König der Franken und Sachsen" gewählt wird. Mit dieser Zäsur ist der Einstieg in eine zukünftige "deutsche Geschichte" erreicht, und damit zerteilt sich der Kern des lateinischen Abendlandes in zwei Herrschaftsbereiche, welche die zukünftigen Deutschen und Franzosen umfassen, die bis 1945 gegeneinander um Macht und Einfluss kämpfen werden, - mit dem direkten Ergebnis der weitgehenden Zerstörung Deutschlands und dem indirekten des Absinkens Frankreichs zu einer drittklassigen Macht in der Welt. 


Die Ansätze einer auf Schriftlichkeit beruhenden höfischen Kultur und einer Hofhaltung bei Karl d.Gr. verschwinden bei den Ostfranken im 9. Jahrhundert fast völlig. Bis zum ersten Sachsenkönig im 9. Jh. werden stärker wieder germanische Strukturen in neuem Gewand sichtbar.