Neuzeit. Eine neue Zeit? (1450-1600) (in Arbeit)

 

Neuzeit?

Atlantische und pazifische Wende

Staatlichkeit: Königreiche

Der Krieg

Die Städte Das Ende der bürgerlichen Freiheiten

Neues Bürgertum

Industrie?

Kapitalkonzentration

Das Land

Reformationen

 

 

Neuzeit?

 

Irgendwann zwischen 1400 und 1500 verabschieden Avantgardisten der neuesten Moden das Mittelalter, indem sie es erfinden. Mit zwei sehr modern anmutenden und immer noch propagandistisch verwertbaren Schlagworten, Renaissance und Humanismus, wird das Programm entworfen, die dunkle Zeit germanischer Barbarei durch Wiedererweckung einer wie auch immer gemeinten Antike hinter sich zu lassen. Natürlich bekommen die meisten Menschen im nunmehr immer weniger lateinischen Abendland davon nichts mit, viele starrten einfach nur auf die in kürzeren Abständen sichtbaren Neuerungen.

 

Eine sinnvollere Epocheneinteilung für jenen Großraum, in dem sich Voraussetzungen für Kapitalismus entwickeln, scheint mir die zu sein, von einer sich von den orientalischen Despotien absetzenden abendländische Antike von etwa 1000 vor der Zeitenwende bis ca 400/450 danach zu sprechen, von einer Nachantike in dem durch die islamische Expansion reduzierten Raum bis nach 900,  und von einem ersten kapitalistischen Zeitalter, welches im 18. Jahrhundert ausläuft und durch eine gewaltige Industrialisierung und Säkularisierung abgelöst wird.

 

Es erscheint wenig sinnvoll, Epochalisierung durch eine sogenannte "Geistesgeschichte" bestimmen zu lassen, die nur ganz wenig Leute erreicht und selbst zwischen etwa 1400 und 1800 kaum eine Rolle für Veränderung spielt. Humanismus als Neuinterpretation antiker Texte und Renaissance als Neuinterpretation antiker Künste stehen in einer Tradition, die im 9./10. Jahrhundert einsetzte und erst im 18. Jahrhundert zu Ende geht. Selbst der Rationalismus des 17. und die sogenannte Aufklärung des 18. Jahrhunderts betraf wenige Leute und bleibt für fast alle bis heute völlig unverständlich und unzugänglich. Zudem sind sie die Endphase einer Entwicklung, die im 11. Jahrhundert einsetzt.

Zu Endpunkten: Die diffuse Mischung aus persönlichem Abenteurertum und Kapitalinteresse in der großen französischen "Revolution" bedient sich zwar wenig verstandener Schlagworte aus der Geistesgeschichte, hat ihren Anlass aber eher in der Koppelung einer Adelsreaktion auf Modernisierung mit der Unfähigkeit von Monarchen, letztere durchzusetzen.

Der Nationalismus in jenen Kolonien mit starken Anteilen europäischer Siedler, 1776 in Nordamerika begonnen, entspricht einer zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert einsetzenden Traditionslinie in Europa. von der nur die deutschen und italienischen Lande ausgenommen sind, und lässt sich als deren Übertragung auf andere Kontinente verstehen.

 

Das Mittelalter endet weder im 15. noch im 16. Jahrhundert, sondern es läuft für die meisten Menschen erst im 18./19. Jahrhundert aus, in Teilen Osteuropas erst im 20. Jahrhundert. Kolonien gibt es verstärkt wieder seit der Zeit der Kreuzzüge, aber Kolonisierung war schon Sache der Antike. Und die stärkere Einbeziehung Afrikas und Asiens und der neue Markt in den Amerikas im 16. Jahrhundert sind nur die beschleunigte Erweiterung von Vorgängen, die schon in der Antike begannen und nie ganz aufhörten.

 

Gewiss: Inzwischen haben die Osmanen Byzanz erobert, Columbus macht sich von Italien nach Spanien auf, wo Handels- und Finanzkapital jetzt unternehmungslustiger werden, und dann auf dem Seeweg nach Indien, mit der Eroberung von Granada geht die Vereinigung von Kastilien und Aragon unter den "katholischen Königen" einher. Macchiavelli schreibt mit dem 'Fürsten' (Il Principe) den ersten deskriptiven und nicht mehr bloß normativen politischen Text und Luther wird sich an die Rettung der Christenheit machen, die in der Zerstörung ihrer Einheit und einem weiteren Säkularisierungsschub enden wird.

Aber das einzige wirklich einschneidende Ereignis, das Ende der Osthälfte des römischen Reiches tausend Jahre nach dem Umschwung im Westen, der viel weniger ein Ende war, und die Islamisierung und Orientalisierung dieses nunmehr für immer verschwundenen Reiches wird von den Herstellern von Epochalisierung fast völlig übersehen. Für die Entwicklung des Kapitalismus spielt aber auch dieses Ereignis kaum eine Rolle.

Immerhin verschwindet Griechenland bis ins 19. Jahrhundert aus der abendländischen Geschichte und wird nicht unerheblich orientalisiert, wie auch stattliche Teile des nördlicheren Balkans. Um ein Haar wäre das Osmanenreich auch bis nach Mitteleuropa gelangt. Immerhin stand sein Heer vor Wien.

 

Wenn man die große Industrialisierung des 18./19. Jahrhunderts als Beendigung des Mittelalters bezeichnet, kommt man deshalb aber noch nicht an gegen die gängige Version, das Mittelalter um 1500 zu beenden und danach eine Neuzeit anzusetzen, jene Version, die damals sogenannte Humanisten und Renaissanceideologen erfanden. Hier soll aber diese Neuzeit zwischen etwa 1450 und 1750 als Teil jenes Mittelalters verstanden werden, wie es tatsächlich existierte.

 

Mit dem behelfsmäßigen Begriff der Moderne wäre dann das durch Großindustrie gekennzeichnete Zeitalter danach und bis heute zu benennen, dessen radikale Veränderungen durch den Untergang der bäuerlichen Landwirtschaft und des produktiven Handwerks sowie des Krämergewerbes gekennzeichnet ist. Die direkte Unterwerfung aller unter das Kapital und seine Bewegungen bedeutet dabei nicht nur wirtschaftliche Unselbständigkeit für fast alle, sondern auch den Aufstieg totalitärer, dass heißt alle Lebensbereiche durchdringender Staaten. Indem diese zu schieren Agenturen der Kapitalbewegungen werden, lässt sich von einem Vorgang immer radikalerer Entzivilisierung sprechen, an dessen Ende das Aussterben der abendländischen Völkerschaften steht, die zunächst alleinige  Träger des Kapitalismus waren, samt Kolonisierung aus anderen Kontinenten, und dem ähnlich absehbare Ende des Lebensraumes eines ausgeplünderten Planeten Erde. Nichts spricht mehr dafür, dass diese beiden Entwicklungen noch aufzuhalten wären.

 

Entzivilisierung heißt, dass die Priester und Herrscher ihre Macht an die Bewegungen des Kapitals verlieren, als deren Agenturen die Staaten für das Kleingedruckte der Macht auftreten, während die Massen den Entwicklungen nicht nur ohnmächtig gegenüberstehen, sondern zu deren zugleich willfährigem wie widerspenstigen Material degenerieren. Die Versuche von Bolschewismus, Faschismus, Franquismus und Nationalsozialismus, sich mehr oder weniger mithilfe dieses willfährigen Menschenmaterials gegen die Übermacht dieser Kapitalbewegungen zu stemmen, sind allesamt gescheitert.

 

Die atlantische und pazifische Wende

 

Das 15. Jahrhundert bis in die Anfänge des 16. schafft neue Handelswege über die Meere. Bessere Schiffe umrunden von Italien aus die iberische Halbinsel und bringen ihre Waren dann nach Antwerpen. Portugiesen segeln die afrikanische Küste entlang und konkurrieren mit den Spaniern um die Kanaren. Schließlich gelangt Kolumbus auf drei Fahrten bis nach "Westindien" und Vasco da Gama nach "Ostindien". Magellan schließlich umrundet die Erde auf dem Meer.

 

Waren das Mittelmeer und in etwas geringerem Umfang auch die Ostsee als Handelswege maßgeblich an der Entstehung und Entwicklung des Kapitalismus beteiligt, so geraten sie jetzt nach und nach etwas ins Abseits. Die großen Ozeane übernehmen ihre Rolle. Damit endet nun auch zur Gänze die Vorreiterrolle Italiens und wird erst durch Portugal, dann zudem Spanien und schließlich durch Holland und England abgelöst.

 

Die Küsten Afrikas und die beiden Amerikas werden die Opfer brutalster Söldnerheere, die der Ausplünderung, Unterjochung und teilweisen Ausrottung ganzer Völkerschaften dienen. Das kapitalistische Europa überzieht beide Kontinente mit einem grausamen Terror und etabliert dort Plantagenwirtschaft mit Sklavenarbeit. Während in Europa der Kapitalismus sich immer weiter entfaltet, kehrt man auf den beiden anderen Kontinenten vor allem zum Großgrundbesitz als Quelle des Reichtums zurück.

 

Auf der anderen Seite werden die islamischen Reiche ausgespart, und es geht Richtung Osten. Die russischen Machthaber lassen den Ural überschreiten und beginnen Sibirien zu erobern, Richtung pazifischer Ozean. Durch den indischen Ozean geht es für Portugal und Spanien nach den Küsten (Ost) Indiens, dann Hinterindiens und der indonesischen Inselwelt. Schließlich erreichen die Spanier die Philippinen und den pazifischen Ozean.

 

Welches Unheil bei der Zerstörung gewachsener Kulturen und Zivilisationen und der Entwurzelung der Menschen ganzer Kontinente angerichtet wird, wird sich erst im zwanzigsten Jahrhundert deutlich für die Europäer zeigen.

 

Was den einen Macht und Reichtum verschafft, schadet den anderen. Für den bis dato auf Zypern, Kreta, auf Sizilien und um Granada angebauten Zucker bedeutet die Kolonisierung der Kanaren und Madeiras samt menschenverachtend günstigem Anbau von Zuckerrohr einen erheblichen Preisrückgang. Solcher Zucker ist nicht länger ein Luxusprodukt, so wie nun auch Pfeffer im 16. Jahrhundert von breiteren Massen konsumiert wird.

 

Atlantische und pazifische Wende bedeuten keine Wende für die Machtverhältnisse in den Zivilisationen Europas, sondern eine auf den anderen Kontinenten. Im kapitalistischen Europa herrschen Potentaten und Kapitaleigner in relativer Kontinuität bis ins 18. Jahrhundert weiter, einträchtig zusammen mit ihrer hohen Geistlichkeit.

 

 

Staatlichkeit: Königreiche

 

Die königliche Macht reicht selbst im fortgeschrittenen England des 16. und 17. Jahrhundert überall gerade so weit wie die Männer des Königs. An der Peripherie der Königreiche ist sie minimal, und im ganzen ländlichen Raum beschränkt sich die Obrigkeit auf lokale Grundherren und die Geistlichkeit. Letztere unter staatliche Kontrolle zu bekommen, wird das zentrale Herrschaftsthema dieser beiden Jahrhunderte, und die Reformationen sind die dienstbaren Geister auf diesem Weg, indem sie die Kirchen von Rom lösen und damit den Fürsten anheim stellen. So wird der Protestantismus die Bewegung zur Verstaatlichung der kirchlich verwalteten Religion.

 

Diese in den Griff zu bekommen gab es in deutschen Landen wie in England einen zweiten guten Grund: Bischöfe und Äbte sind oft sehr reich und inbesondere mit enormem Grundbesitz ausgestattet. Zudem reicht die Macht der Geistlichkeit eben bis in den hintersten Winkel: Moderne Staatlichkeit verlangt damals geradezu nach Verstaatlichung von Religion und Kirche.

 

Danach, mit den starken Tudorkönigen, insbesondere mit Henry VIII. und Elisabeth I. wird aus der formalrechtlich feudalen Monarchie in kleinen Schritten die Frühform eines Staatswesens, in dem Förderung möglichst reibungsloser Kapitalverwertung als erstes gemeinwohl-orientiertes Staatsziel auftritt.

 

 

In Frankreich dauern die Kämpfe der Adelsfraktionen gegeneinander und gegen den Monarchen das 16. Jahrhundert hindurch an bis in die Mitte des 17. , bis zur so genannten absoluten Monarchie, die Richelieu und Mazarin für Louis XIV. schaffen. Hier wird der Adel fast zur Gänze unter die Fuchtel des Monarchen und seines sich ausweitenden Apparates gebracht, genauso wie auch das Bürgertum. Ein aus Herrschaftsinteresse unflexibel gewordenes Ständesystem korreliert mit einer zentralistischen Verwaltung mitten in die Regionen hinein. Wo sich in England Mitwirkung entwickelt, ist es in Frankreich rabiate Unterordnung. Für verfolgte Franzosen seit dem 16. Jahrhundert wird England Auswanderungsland, im 18. Jahrhundert sicherer Hafen für Schriftsteller und freie Geister. Eine stabile sozusagen „demokratische“ Ordnung wird Frankreich wie auch (Rest)Deutschland erst viel später entwickeln.

 

In die deutsche Sprache kommt das Wort Nation erst spät, im 16. Jahrhundert, und zwar wie so vieles aus Frankreich importiert. Inzwischen gibt es mit England, Frankreich und Spanien drei Nationen neuen Typs, alle drei verschieden erfunden, aber das ihnen gemeinsame Wort Nation bedeutet ohnehin etwas völlig anderes als früher einmal.

Was in England und Frankreich geschieht, lässt sich als Zerstörung der Regionen und ihrer - insbesondere sprachlichen - Eigenheiten zugunsten eines einheitlichen Herrschaftsraumes beschreiben. Nur so schafft sich das Machtzentrum sein Volk neuen Typs, einen zunehmend zu vereinheitlichenden Untertanenverband. So ist es denn auch die Herausbildung von zwei Nationen bildenden Machtzentren, die auf der iberischen Halbinsel Portugal aus einem spanischen Staatsverband ausgliedert  und dabei im Nordwesten die Galizier in zwei Herrschaftsräume aufteilt. Die Dominanz der kastilischen über die übrigen romanischen Sprachen und eines kastilisch-aragonesischen Herrscherhauses schafft dann jenes Spanien, welchem es aber bis heute nicht gelingt, alle Basken und Katalanen ganz zu integrieren.

 

 

Der Krieg

 

Seit dem 12. Jahrhundert werden Kriege oft mit einem durch Söldner verstärkten Adelsaufgebot geführt, wobei Kosten des Adels auch zunehmend auf die Kriegsherren abgeladen werden. In den nächsten Jahrhunderten nimmt der Söldneranteil immer mehr zu, wobei das Söldnerwesen von unternehmerisch handelnden Söldnerführern organisiert wird, die sich von den kriegführenden Machthabern bezahlen lassen und die Bezahlung dann an ihre militärischen Abteilungen weiterleiten. Im Hundertjährigen Krieg und in den Kriegen der norditalienischen Stadtstaaten und Roms verselbständigen sich solche Söldnertruppen immer mehr, was dazu führt, dass sie in Zeiten ohne Auftrag auf eigene Rechnung marodieren, zerstören, verletzen, vergewaltigen und töten.

 

Der Landsknecht-Unternehmer Georg von Frundsberg wirbt im Auftrag Karls V. rund 12 000 neue Söldner an. Bei Piacenza vereinigen sie sich mit spanischen Truppen des Charles de Bourbon. Diese rund 22 000 Deutschen, Italiener und Spanier warten auf Sold, der nicht kommt. Papst Clemens VII. verspricht einem kaiserlichen Gesandten 60 000 Gulden (neben zu erwartender Beute), was für die Soldateska zu wenig ist, die sich gegen ihre Oberen empört. Charles de Bourbon flieht, und Frundsberg kann sie bei Bologna nur damit beruhigen, dass er das Geld selbst in Rom abholen wolle. Als er einen Schlaganfall erleidet, kehrt Charles de Bourbon zurück und verspricht immer höhere Summen.

Am 5. Mai erreichen die empörten Truppen Rom, im Verlauf des nächsten Tages wird die Stadt gestürmt. Die Kardinäle flüchten in die Engelsburg, die Häuser von arm und reich werden geplündert, den Reichen werden zudem hohe Summen abgepresst. Auch die Kirchen werden ihrer geldwerten Schätze beraubt.

Im Sommer flieht die Söldnerschar in die Berge, um bis zum Herbst den Römern immer mehr abzupressen. Zwischen Herbst und Spätwinter ziehen die Truppen dann wieder ab; ein stattlicher Teil war trotz der Beute inzwischen gestorben, teils an Hunger, teils an Krankheit. Die übrigen suchen neue Kriegsschauplätze.

 

Die Städte

 

Im 15./16. Jahrhundert etabliert sich in immer mehr Städten eine zentrale Wasserversorgung und Entsorgung. Wasserkünste mit Hebewerken auf Mühlenbasis pumpen Wasser in Türme, von denen es durch die Städte mittels Röhren in öffentliche Schöpfbrunnen fließt. Mit diesem System werden in Nürnberg schon in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts 100 Schöpfbrunnen bedient. Dazu kommt eine allerdings noch geringe Anzahl von Hausanschlüssen. Was die Stadt nicht direkt über Stadtbrunnenmeister organisiert, schaffen Genossenschaften wie die Pipenbrüder in Braunschweig. Oft bleiben diese Einrichtungen bis ins 18. oder 19. Jahrhundert in Betrieb. Dann wird Augsburg 1761 ein Leitungssystem von 27km geschafft haben.

 

Das Ende der bürgerlichen Freiheiten

 

Für Regensburg markiert erst die Unterwerfung unter die bayrischen Herzöge von 1486 das Ende der Bürger-Stadt. Kurz darauf wird sie kaiserlichem Regiment unterstellt.

 

Für Flandern beginnt die Neuzeit mit der burgundischen Herrschaft ab 1384, die im 15. Jahrhundert zum Verlust bürgerlicher Selbstverwaltung führt. Immer mehr Bürger laufen zu den Fürsten über, in deren Diensten sich immer besser Karriere machen lässt. Einen weiteren Einschnitt stellt die Habsburgerherrschaft ab 1492 dar, die zum weiteren Abbau städtischer Rechte führt und nach 1540 unter Karl V. auch zur Entrechtung der Gilden.

 

Seit dem 15. Jahrhundert steigt Antwerpen auf Kosten von Gent und besonders Brügge auf. Süddeutsche Kaufleute bringen Gewürze und andere Luxusgüter aus Italien dorthin und bringen als Rückfracht vor allem englische Tuche zurück.  1585 erobern die spanischen Habsburger die Stadt, die darauf den Seehandel zum guten Teil verliert und auf den Landhandel zurückgeworfen wird.

 

Der Abstieg Flanderns ist auch der Aufstieg Hollands, wo das schnelle Anwachsen der Städte einen bürgerlichen Markt für Massenwaren hervorbringt. Besonders England und die nördlichen Niederlande beginnen nun, die Entwicklung des Kapitalismus weiter voranzutreiben. Während die bürgerlichen Freiheiten im größten Teil Europas langsam schwinden, gewinnen sie in Holland und dann auch in England auf eine neue Weise an Gewicht. 

 

Ein neues "Bürgertum"

 

Die Bezeichnung Bürger bleibt durch das späte Mittelalter so unklar wie schon zuvor. Manchmal wird es noch eine Weile von den wohlhabenden Geschlechtern okkupiert, die aber zunehmend dazu tendieren, sich als Herren zu bezeichnen. Überhaupt setzt sich das ganze unternehmerisch nutzbare Kapital und das in Renten verwandelte von denen ab, die am ehesten von ihren Lebensformen her als bürgerlich bezeichnet werden können, die Mittelschichten des Handwerks, des Detailhandels, und kleine Unternehmer. Schließlich darf man auch nicht vergessen, dass das Wort im auslaufenden Mittelalter in dieser Verallgemeinerung zunehmend nur noch im deutschen Sprachraum eine Rolle spielt.

 

Je mehr neueres Kapital und zünftiges Handwerk danach drängen, Anteil an der politischen Macht zu bekommen, desto mehr schließen sich jene alten Geschlechter ab, die teils aus der ritterlichen, teils aus der bürgerlichen Ministerialität hervorgegangen sind, die sowohl größeren Grundbesitz haben wie auch Geschäfte betreiben  und durch adelige Lebensformen gekennzeichnet sind. Diesen "Herren", in Herrenstuben und Tanzvereinigungen versammelt, gelingt es in Nürnberg, wo sie als unternehmerisches Patriziat in die Neuzeit eingehen, im 17. Jahrhundert ihre Adeligkeit bestätigt zu bekommen, während sie anderswo in der südlichen Hälfte der deutschen Lande wie in Basel im 15./16. Jahrhundert nach Konflikten mit der übrigen Macht immer weniger werden und in den Städten an Macht und Bedeutung verlieren. Die enge Verbindung mit dem Landadel und die frühe Tendenz, in den Fürstendienst einzutreten, trägt dazu bei.

 

In Straßburg werden schon 1419 die sich als adelig begreifenden Geschlechter der Constofler gezwungen, das Bürgerrecht anzunehmen, was sie zum Auszug aus der Stadt und einem mehrjährigen Krieg an der Seite des Bischofs gegen die Bürgerschaft veranlasst, nach dem ihre Bedeutung in der Stadt deutlich zurückgeht. Die Mainzer Bürger entmachten die alten Geschlechter 1444, was dann 1462 zur Eroberung  und Zerstörung von Mainz durch den Erzbischof und Kurfürsten führt.

Das ändert nichts an zweierlei: Solange sich adelig fühlende alte Geschlechter in den Städten existieren, gehören sie zur Spitze des Reichtums in der Stadt, und auch dort, wo sie langsam untergehen, bleiben sie als Gäste mit ihren Höfen und Gesellschaften der Stadt erhalten und tragen dabei Geld dorthin. Schließlich ist ab einer bestimmten Stufe des Reichtums adelige Lebensform längst das bürgerliche Leitideal.

 

Unterhalb des Adels, neben dem Klerus und oberhalb eines nicht von seinem Eigentum lebenden Proletariats ist Bürgertum weiterhin ein städtisches Phänomen. Seinen Kern macht immer noch das Handwerk aus. Etwa ein Drittel bis fast die Hälfte der Familien der städtischen Bevölkerung hängt weiterhin direkt vom Handwerk ab. Bei rund 14 000 Bürgern in Augsburg um 1500 hat alleine die Weberzunft rund 1400 Mitglieder, Kramer gibt es um 350, Schmiede ebenfalls in dieser Größenordnung. Um 1600 sind von

48 000 Einwohnern alleine rund 3000 Webermeister. Mit der Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges geht allerdings nicht nur die Einwohnerschaft, sondern in noch erheblicherem Maße das Handwerk zurück.

 

In die Städte ziehen seit dem 15. Jahrhundert in zunehmendem Maße die Akademiker ein, die "Gelehrten" also. Diese sind von ihrer Ausbildung her Juristen, Mediziner und Theologen/Philosophen. Sie gewinnen Eigentum über ihre Fähigkeiten, die sie eigentlich jenseits von einem wie auch immer gearteten Bürgertum absetzen, aber sie in ihrem Lebensstil gehobener Bürgerlichkeit annähern. Juristen und Mediziner können sich mit einer eigenen Praxis selbständig machen, Juristen treten aber vielfach in gehobene Verwaltungsdienste ein. Verwaltung aber nimmt mit dem Ausbau von Staatlichkeit überall zu. Solche mit Verwaltung betraute Menschen wiederum werden zu Stützen der Staaten und oft mit entsprechendem Untertanengeist ausgestattet. Je besser ihre Tätigkeit dotiert wird, desto mehr identifizieren sie sich mit der Obrigkeit.

 

Industrie?

 

Industrie ist eines der vielen Wörter in der (deutschen) Sprache mit etwas unklarer Bedeutung. Das lateinische Wort schleicht sich seit dem späten 17. Jahrhundert mit der Bedeutung Fleiß in die deutsche Sprache ein, verengt sich im 18. Jahrhundert zunächst auf den Gewerbefleiß und dann das Gewerbe überhaupt. Mit dem Aufkommen des Fabriksystems meint es dann im 19. Jahrhundert genau dieses. 

So etwas wie Industrialisierung beginnt mit dem Aufkommen der ersten Maschinen, der Mühlen nämlich. Parallel zu dieser Automatisierung läuft die Mechanisierung, wie sie bei immer mechanischeren Webstühlen aufkommt. Immer aber finden die vielen zerteilten Produktionsvorgänge eines Endproduktes räumlich und kapitalmäßig in verschiedenen Händen statt. 

Seit dem hohen Mittelalter beginnt die Zusammenfassung mehrerer getrennter Produktionsvorgänge in der Hand eines Kapitalisten beziehungsweise einer Firma vor allem im Verlagssystem. Mit zunehmender Mechanisierung und Automatisierung beginnt dann im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit die Zusammenfassung mehrerer Arbeitsgänge an einem Ort und schließlich sozusagen unter einem Dach. Erst im 17. Jahrhundert kommt dafür das missverständliche Wort Manufaktur auf, als in Handarbeit verrichtete Produktion. Tatsächlich werden in ihr mehrere technisch weniger bedeutsame Vorgänge mechanisiert oder finden maschinell statt, werden die wesentliche Kunstfertigkeit noch in Handarbeit vonstatten geht, sei es in Nadel,- Papier- oder Porzellanmanufakturen.

In den Manufakturen finden kunstfertige Handwerker neben angelernter Lohnarbeit ihren Platz, aber sie verbreiten sich nur an einigen Orten und sind zum Teil hochsubventionierte fürstliche Renommierbetriebe zum Beispiel für Gobelins und Porzellan; sie hängen dann an der Auftragsarbeit und Nachfrage einer kleinen reichen Oberschicht.

Im 18. Jahrhundert werden sie manchmal nach dem französischen fabrique als Fabriken bezeichnet, wiewohl das Wort eigentlich nur den Herstellungsort bezeichnet. Ein Erfolgsprojekt auf breiter Fläche werden Manufakturen dann als "Fabriken", wenn auch die Kernbereiche der Produktion Maschinen überlassen werden, und die massenhafte Lohnarbeit im wesentlichen ungelernte veritable Drecksarbeit bedeutet.

 

Der Prozess der Industrialisierung ist also eine kontinuierliche Entwicklung seit dem frühen Mittelalter, und nie mit so etwas wie Revolutionen verbunden, wobei man allerdings die Zerstörung des produktiven Handwerks und der bäuerlichen Landwirtschaft vor allem im 19. und 20. Jahrhundert als einen erheblichen Umbruch bezeichnen kann. Letztlich schwinden damit die Grundlagen (nicht nur) abendländischer Zivilisation, sondern auch die des Adels und eines neuzeitlichen "bürgerlichen Mittelstandes" , letzte Träger dieser Zivilisation.

 

Der Fortschritt dieser Industrialisierung zwischen dem 16. und späten 18. Jahrhundert ist gering bzw. langsam. Die Mechanisierung schreitet zwar fort, aber die Handwerker können sich zum Beispiel die 1589 in England erfundenen Strumpfwirkstühle zum Teil leisten und bleiben nun schneller produzierende Handstricker auf der Grundlage eigener Muskelkraft. Die etwa zur selben Zeit vielleicht in Danzig erfundene Bandmühle, mit der Bänder und Borten gelegentlich über zwanzigmal schneller hergestellt werden, und die keine handwerklichen Fertigkeiten mehr zur Bedienung verlangt, wird vom zünftigen Handwerk massiv bekämpft. Aber selbst von ihm durchgesetzte Verbote lassen sich auf Dauer nicht gegen die billig produzierenden Maschinen durchsetzen. Im 17. Jahrhundert produzieren dann an Orten wie Basel bereits hunderte von Mühlen massenhaft die modischen Bänder und Borten, mit denen Mädchen und Frauen überall in Europa sich meinen verschönen zu müssen. Ein industrielles Massenprodukt vor einer sogenannten industriellen "Revolution" und frühes Beispiel eines daran sterbenden Handwerks.

 

Insgesamt ist aber das 18. Jahrhundert eher noch das Zeitalter der Wassermühlen und nicht der Fabriken, und vom 15. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts finden die technischen Fortschritte im wesentlichen dort statt. Schon früh gelingt es so zum Beispiel, bei den Sägemühlen mit dem Sägen der Baumstämme zugleich ihr Vorrücken bei dem Vorgang zu automatisieren. Kanonenrohre und Gewehrläufe werden mit immer größerer Präzision gebohrt und die Drahtziehmühlen produzieren immer feineren Draht für Geräte und Instrumente.

Städtische Mühlensysteme wie das von Augsburg mit 56 Mühlen 1735 oder das der Oberpfalz mit schon im 17. Jahrhundert über hundert Mühlen für die Eisenindustrie in der Hand vor allem Nürnberger Großkapitals dominieren die Landschaften zumindest Mitteleuropas dort, wo es genug Fließgewässer gibt. Zahlreiche Kanäle verzweigen die Flüsse, um mehr Platz für Mühlen zu schaffen. Holland wird immer mehr zum Windmühlenland. Vielerorts schon sind Regionen soweit mit Mühlen überfüllt, dass sie sich gegenseitig die Wasserkraft wegnehmen. Massive Konflikte bis hin zu gewalttätigen Auseinandersetzungen sind die Folge. Nicht Ersatz, sondern Zuwächse sind dann nur noch mit der Dampfkraft möglich.

 

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Der fast allgegenwärtige Krieg ist ein Geschäft nicht nur für die Kriegsherren und die geschäftsmäßig operierenden Söldner-Unternehmer, sondern vor allem auch für die, welche das Kriegsgerät produzieren und verkaufen. Dieses wird bis ins hohe Mittelalter meist noch von Handwerkern hergestellt. Im späten Mittelalter entsteht neben der friedlichen Zwecken dienenden Textil- und Metallindustrie vorwiegend im Verlagssystem ein breites Feld einer Rüstungsindustrie. Diese wird durch die unritterlichen pulvergetriebenen Fernwaffen gefördert, die Rohre der Vorderlader und insbesondere durch die Herstellung gegossener Kanonenrohre. Der totbringende Rüstungswettlauf, der mit den karolingischen Panzerreitern begann, führt nun von den kapitalistischen Investoren in den Krieg bis zu den frühneuzeitlichen Rüstungsmanufakturen.

Söldner bzw. Soldaten, die sich an die Mächtigen verkaufen, schließlich stehende Heere verlangen Uniformen, optische Gleichmacher zum Gleichschritt, und so entstehen schließlich auch ganze Manufakturen dafür. Wie schon zuvor ist der Krieg wichtigster Ausgabeposten der hohen Herren und treibende Kraft technischer Innovation.

 

Kapitalkonzentration

 

Zwei Entwicklungen  gelten für das 15. und 16. Jahrhundert: Die Zahl der Kapitaleigner nimmt zu, zugleich aber auch eine Konzentration von mehr Kapital in weniger Händen. Wie  das funktioniert, lässt sich anhand der Fugger beispielsweise nachvollziehen,

1367 siedelt sich der Weber Hans Fugger in Augsburg an. Vermutlich geht er vom Webstuhl zum Barchentverlag über. 1396 versteuert er bereits ein Vermögen von 1806 Gulden, was ihn an die vierzigste Stelle in der Reichenskala Augsburg hievt. 1448 versteuern die Söhne Endres und Jakob bereits 10 800 Gulden, das fünftgrößte Vermögen in der Stadt. Während die Kinder des Endres an nicht zurückgezahlten Krediten scheitern, vererbt die Witwe von Jakob Fugger (d.Ä.) bereits 23 000 Gulden. Ab 1485 strecken die Fugger Erzherzog Sigismund von Tirol größere Summen vor, deren Zinsen mit Silber aus Tiroler Bergwerken beglichen werden. 1490 dankt Sigismund völlig verschuldet zugunsten von König Maximilian ab, der die Schulden übernimmt und weitere bei  den Fuggern aufnimmt, deren Zinsen weiter mit Silber bedient werden. 

"Ulrich, Georg und Jakob versteuerten 1492 jeweils knapp 17 000, 14 000 und 11 000 Gulden." (Fuhrmann, S.274) Ihr Vernögen kommt wohl immer noch hauptsächlich aus dem Barchentverlag.

Ein Jahr nach den Welsern treten die Fugger neben anderen süddeutschen Firmen in Kontakt mit der portugiesischen Krone, um am Indiengeschäft beteiligt zu werden.

 

Nach und nach kommt das Finanzgeschäft dazu, dann der Bergbau in der ungarischen Slowakei. Nachdem Jakob ("der Reiche") seine Brüder eberbt hat, versteuert er 1510 ein Vermögen von 258 400 Gulden, bevor er dann mit der Stadt eine feste Steuersumme vereinbart.

 

Zu alledem kommen Geldgeschäfte mit der römischen Kurie und Beteiligung am Ablasshandel. Der immer kapitalintensivere Silberbergbau wird von süddeutschen Unternehmern übernommen. Konflikte mit den brutal ausgebeuteten Bergarbeitern werden in Tirol und der Slowakei in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts mit politischer Hilfe "gelöst".

 

1518 schuldet Maximilian den Fuggern bereits knapp 175 000 Gulden. Rund 540 000 Gulden investiert Jakob Fugger in die Wahl Karls V. , die zum großen Teil mit weiterer Kontrolle über den Tiroler Silber- und Kupferbergbau abgegolten wird. Der Rest soll aus den spanischen Einkünften Karls beglichen werden.

 

Ein aristokratischer Stadtpalast und ein vornehmes Gästehaus sind in Augsburg, dazu kommt der Besitz von zunehmend mehr aufgekauften Dörfern, 1530 werden sie in den hochadeligen Reichsgrafenstand erhoben. Man heiratet in vornehmen Landadel. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts werden die Investitionen in Ungarn und Italien aufgegeben und nun wird am Quecksilberber bau im spanischen Almaden verdient, welches die Spanier für den Silberabbau in ihren amerikanischen Kolonien brauchen. Dann zieht man sich ganz aus dem Unternehmertum zurück und führt ein adeliges Rentiersdasein mit dem Besitz von rund hundert Dörfern kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg.

 

Die Idee vom dem Gemeinwohl nutzenden Eigennutz

 

Die uns derart bekannte Natur wird getrieben von Gesetzmäßigkeiten. Zu ihnen gehört, dass Leben durch Leben ermöglicht wird. Es wäre nicht möglich, wenn es nicht bis einige Zeit nach der Geschlechtsreife anhielte, um dann fruchtbar zu werden. Dabei wird es von Eigennutz getrieben, der manchmal wie bei der Löwin ihre Jungen umfasst und wie bei Ameisen oder Bienen ein ganzes Volk. Ohne Eigennutz keine lebendige Natur. Menschen schlossen sich zu diesem Zweck zu kleinen Verbänden aus wirklichen oder ideellen Verwandten zusammen. In Zivilisationen werden sie den Interessen von Machthabern unterworfen, deren Eigennutz über dem der Untertanen steht. Mit dem beginnenden Kapitalismus treffen der politisch-rechtlich übergeordnete Eigennutz der Machthaber auf den von ihnen geförderten der Agenten des Kapitals. Dieser, von der Gier getrieben, lässt sich nicht mehr "christlich" begründen, sondern nur aus höchst irdischen Interessen heraus. Damit befasst sich schon das hohe und späte Mittelalter in vornehmlich moralisierenden Texten, die immer mehr auf antike Vorbilder zurückgreifen: Der gemeine Nutzen entsteht aus dem höchst eigenen, der auf sehr verschiedene Weise zustandekommt. Die Summe des Eigennutzes aller ergibt den gemeinen Nutzen, wobei die Reichen und Mächtigen eben viel mehr beitragen als die ärmeren und machtloseren Massen.

 

Vom Humanisten Konrad Peutinger ausdrücklich vertreten, ersetzt diese Idee schließlich zunehmend die bislang gängigen Abwehrhaltungen gegenüber den Vorwürfen von Wucher, Geiz und Gier. An die Stelle der gottgewollten Ordnung alten Stils tritt ein säkularer Rationalismus, der dem von der Natur getriebenen Eigennutz eine wirtschaftstheoretische Überhöhung gibt, die bis tief ins 18. Jahrhundert dominieren wird. Lange vor einem Begriff von Kapitalismus wird dieser so zur natürlichen Grundlage von Wohlstand hochstilisiert und geradezu zu einer moralischen Anstalt.

Noch später wird die Verbindung sozialistischer Elemente mit dem ansonsten eher geförderten Kapitalismus in der Sozialdemokratie zur Variante der alten Theorie. Der Staat sorgt dafür, dass der Eigennutz in gemeinsinnige Bahnen gelenkt existieren soll.

 

Das Land

 

Seitdem die Bevölkerung wieder ansteigt, nimmt auch die Nachfrage nach Lebensmitteln zu. Der Ackerbau gewinnt zumindest in Mitteleuropa wieder an Bedeutung und die Getreidepreise steigen. Darum setzen auch wieder Rodungen ein, Landausbau und neue Intensivierung.Es gibt bessere Pflüge, Ackerwalzen für die Einebnung des Bodens nach der Aussaat und mehrgliedrige Eggen. Das Pferd löst nun überall den Ochsen als Zugtier ab.

 

Nordwest- und Süddeutschland entwickeln in Teilen der Landbevölkerung zunehmenden bäuerlichen Wohlstand, während in manchen Regionen für viele Bauern die Höfe durch Erbteilung auch kleiner werden.

 

In Ostdeutschland, insbesondere im Nordosten, beginnt Gutsherrschaft neuen Typs mit der zunehmenden Nachfrage nach Agrarprodukten die Bauernhöfe aufzukaufen oder Bauern mit Druck von ihrem Land zu vertreiben ("Bauernlegen"), Die Gutsherren lassen dann ihre immer größer werdenden Besitzungen von persönlich abhängigen oder direkt leibeigenen Bauern bewirtschaften. Billigste Arbeitskraft eines ländlichen Proletariats ersetzt bis ins 18. Jahrhundert technischen Innovationsdruck.

 

Die deutschen Lande überfällt nach der Krisenhäufung im 14. Jahrhundert mit dem Dreißigjährigen Krieg eine fast noch größere Katastrophe mit riesigen Bevölkerungsverlusten. Erst Mitte des 18. Jahrhunderts wird sie wieder eingeholt. Von da an kommt es zu neuen Modernisierungsschübungen mit rationellerer Wirtschaftsführung, neuen Methoden der Düngung und der Durchsetzung der Kartoffel als Nahrungsmittel.

Parallel zum Weg in die massenhafte Industrialisierung der gewerblichen Produktion beginnt dann auch ganz langsam die der Landwirtschaft.

 

Zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert gelangt der Wald, nun immer weniger Naturraum, sondern Ort von Holzproduktion, im Umfeld von weit entwickelten Gewerberegionen an seine Grenzen. Ein Waldfresser erster Güte wird die Glasproduktion mit ihrer Pottasche-Nachfrage. Der immer mehr in die Tiefe und Länge gehende Bergbau verlangt nach Unmengen von Grubenholz, und die Verhüttung der Erze verschlingt ebenfalls ganze Wälder. "Mitte des 16. Jahrhunderts verbrauchte das Kärntner Eisengewerbe (...) jährlich mit mehr als 220 000 Festmetern Holz das Äquivalent von 1000 Hektar Wald." (Bayerl, S.64)

 

Längst ist das natürliche Potential des Waldes in großen Teilen Mitteleuropas zum Beispiel ausgeschöpft. Mit landesherrlichen Forstordnungen und ähnlichem wird versucht, das im Rahmen zu halten. Äcker schnell wachsender Nadelbäume ziehen überall ein. Salinen verbrauchen Holz aus immer größeren Fernen und man beginnt, es durch Gradierwerke einzusparen, die Verdunstung eines Teils des Wassers ermöglichen. Augsburg versorgt sich nun aus den Alpen mit Holz und Amsterdam aus dem Schwarzwald. Wald wird nun zunehmend kapitalisiert und gerät so in die Hände unternehmerischer Privateigentümer.

Holzknappheit führt allenthalben dann zu Sparmaßnahmen, aber sie reichen nicht aus, um mit dem Wachstum des Kapitals mitzuhalten. Der Weg in die Industrialisierung des 18./19. Jahrhunderts ist der zu Kohle, Koks, Dampfmaschinen und schließlich Öl, Gas und Elektrizität.

 

Nicht nur die Naturlandschaft Wald verschwindet, sondern auch die großen Moorlandschaften Mitteleuropas. Torf wird in großem Maßstab zu einem Substitut für Holz, bevor die Kohle es noch später ablöst. Der Begriff "Natur", zunächst den gelehrten Lateinern für mehr oder weniger philosophische Betrachtungen vorbehalten und ansonsten mit Wildnis übersetzt, wird nun auf Kulturlandschaften, also Menschenwerk, übertragen. Durch Popularisierung in den Volkssprachen wird er immer unklarer und hat bis heute für die meisten einen definitiven und klar-sinnvollen Inhalt verloren. Inzwischen schwindet Natur als Gegensatz zu Kultur in einem immer schnelleren Tempo auf der Erde, und in Mitteleuropa ist Naturlandschaft fast zur Gänze inzwischen unbekannt und selbst Kulturlandschaft verschwindet aus immer mehr Regionen. Der homo faber des Kapitalismus hört nicht auf, auf sein Ende mit dem seiner natürlichen Lebensgrundlagen hin zu arbeiten.

 

Während die Verwandlung des übrig gebliebenen Waldes von einem Naturraum in forstwirtschaftliche Betriebe und die der Moore in Torfproduktionsstätten allenthalten bejaht wird, werden die Schäden, die der Bergbau anrichtet, inzwischen von einzelnen gesehen. In einem 'Iudicium Iovis', also Urteil des Jupiter, tritt die Erde in einer Art Gerichtsverfahren mit einem durchbohrten Leib und zerrissenen Kleidern auf, um die Menschen anzuklagen. Der Mensch dringe in die Eingeweide seiner Mutter ein, er durchwühlt ihren Leib, verletzt und beschädigt alle inneren Teile. So zerfleischt er schließlich den ganzen Körper und lähmt dessen Kräfte völlig. (in Bayerl, S. 137) Aber das Urteil Jupiters ist, dass das alles notwendig sei für den Markt der Waren und die Geldwirtschaft.

 

Ein halbes Jahrhundert später wird Agricola in seinem 'De re metallica' deutlicher: Durch das Schürfen nach Erz werden die Felder verwüstet (...) Wälder und Haine werden umgehauen (...) Durch das Niederlegen der Wälder aber werden die Vögel und andren Tiere ausgerottet, von denen sehr viele den Menschen als feine und angenehme Speise dienen. Die Erze werden gewaschen, durch dieses Waschen aber werden, weil es die Bäche und Flüsse vergiftet, die Fische entweder aus ihnen vertrieben oder getötet. Da also die Einwohner der betreffenden Landschaften infolge der Verwüstung der Felder, Wälder, Haine, Bäche und Flüsse in große Verlegenheit kommen, wie sie die Dinge, die sie zum Leben brauchen, sich verschaffen sollen, und da sie wegen des Mangels an Holz größere Kosten zum Bau ihrer Häuser aufwenden müssen, so ist es vor aller Augen klar, dass beim Schürfen mehr Schaden entsteht, als in den Erzen, die durch den Bergbau gewonnen werden, Nutzen liegt. (deutsch in Bayerl, S.138f)

 

Diese Erkenntnisse hindern Pawer/Agricola aber nicht daran, den "Nutzen" und die "Bequemlichkeit", die die Metalle den Menschen bieten, über das zu stellen, was wir heute als Umweltzerstörung bezeichnen. Umwelt aber meint vernutzte Natur. Der Preis ist eben nicht zu hoch, und das ist ja bis heute im wesentlichen so geblieben. Erst die Möglichkeit der Verlagerung der Zerstörungen in die "dritte Welt" machen es möglich, auf breiterer Front überhaupt darauf einzugehen.

Ein Eigenwert von Natur, von Pflanze und Tier taucht hingegen nicht auf. Alles wird, und auch das bis heute, unter dem Gesichtspunkt der Nützlichkeit für den Menschen gesehen. Das antike Erbe, so wie es Humanisten wie Agricola auffassen, ist eben befreiend vor allem als kapitalistische Hintergrundsideologie, so wie es auch der sogenannte Rationalismus und die daran anschließende Aufklärung sein werden.

 

Und so wird die sogenannte Neuzeit in ihren ersten Jahrhunderten ganze Kulturlandschaften in Industrielandschaften umbauen, getrieben vom Vermehrungsdrang des Kapitals, der Nachfrage der Warenkonsumenten und überhöht durch "politische" Machtinteressen. Und so wird alleine der Oberharzer Raum bis 1740 mit 120 Stauteichen, rund 500 km Wassergräben, unterirdischen Wasserläufen und rund 100 km Entwässerungsstollen der Gruben ausgestattet. Die Abholzung erreicht dabei ein Niveau, dass Grubenholz nun aus dem Solling herbeigeschafft werden muss. (Bayerl, S.148)

In den Bergwerksregionen führt der Bergbau auch zur Herstellung chemischer Substanzen, die entweder als Nebenprodukte gewonnen werden oder aber zur Metallherstellung Verwendung finden. Dazu gehören Arsen, Schwefel, Vitriol, Salpetersäure und Quecksilber. Mit ihnen erreicht die Wasserverschmutzung als Vergiftung ein neues Niveau.

Wo am Berg die Erze gewonnen werden, wird nun im Tal verhüttet. Die Öfen erreichen bis ins 17. Jahrhundert eine Höhe von sieben Metern und verdoppeln die Roheisenproduktion zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert. Am Ende des 18. Jahrhunderts hat England, wo die Wälder längst weitgehend verschwunden sind, dann bereits auf Hochöfen umgestellt, die mit Koks beheizt werden.

 

Reformationen

 

Eine der bedeutenden Thesen Max Webers dreht sich um das enge Verhältnis von Protestantismus und Kapitalismus. Tatsächlich sind es protestantische Länder wie England oder die Niederlande, die den Kapitalismus besonders vorantreiben. Mindestens so interessant ist es aber zu fragen, wieweit der Kapitalismus die Reformationen vorangetrieben hat.

 

Neue Krankheiten

 

Die Bedeutung der Pest geht in Europa in der frühen Neuzeit erheblich zurück. Erforscht wird sie allerdings erst Ende des 19. Jahrhunderts in Indien, und erst Antibiotika stellen ein wirksames Medikament dar so wie Impfungen als Vorbeugung.

 

Was bleibt ist die Malaria, vorwiegend am Nordrand des Mittelmeeres Europa betreffend. Mit der Entdeckung des Chinin im 16. Jahrhundert entsteht ein Heilmittel. Dazu kommt nun das Fleckfieber, eine Typhusart, die die Pest als gefährlichste Seuche bis Anfang des 19. Jahrhunderts ablöst. Dazu kommt des weiteren die Syphilis, Vorläufer für die übrigen Geschlechtskrankheiten der Neuzeit.