Neuzeit. Eine neue Zeit? (1450-1600) (noch völlig unausgegoren!)

 

Neuzeit?

Atlantische und pazifische Wende

Sklaverei

Machtpolitik und Kriege

Staatlichkeit: Königreiche. Nationalstaaten / Territorialstaaten

Monarchen: Maximilian / Karl V / Francois I / Henry VIII

Der Krieg

Kapital und Macht (Habsburger, Spanien / Frankreich / Kirchenstaat)

Gemeinwohl?

 

 

Neuzeit?

 

Irgendwann zwischen 1400 und 1500 verabschieden Avantgardisten der neuesten Moden das Mittelalter, indem sie es erfinden. Mit zwei sehr modern anmutenden und immer noch propagandistisch verwertbaren Schlagworten, Renaissance und Humanismus, wird dann das Programm entworfen, die dunkle Zeit germanischer Barbarei durch Wiedererweckung einer wie auch immer gemeinten Antike hinter sich zu lassen. Natürlich bekommen die meisten Menschen im nunmehr immer weniger lateinischen Abendland davon nichts mit, viele starrten einfach nur auf die in kürzeren Abständen sichtbaren Neuerungen.

 

Eine sinnvollere Epocheneinteilung für jenen Großraum, in dem sich Voraussetzungen für Kapitalismus entwickeln, scheint mir die zu sein, von einer sich von den orientalischen Despotien absetzenden abendländische Antike von etwa 1000 vor der Zeitenwende bis ca 400/450 danach zu sprechen, von einer Nachantike in dem bald durch die islamische Expansion reduzierten Raum bis nach 900,  und von einem ersten kapitalistischen Zeitalter, welches im 18. Jahrhundert ausläuft und durch eine gewaltige Industrialisierung und Säkularisierung abgelöst wird.

Noch besser wäre es wohl eigentlich, mit dem späten 10. Jahrhundert eine Entwicklung einsetzen zu sehen, die bis heute linear und relativ bruchlos anhält. Der immer heftiger triumphierende Kapitalismus wird dabei begleitet von globaler Bevölkerungsvermehrung, Zerstörung der Kulturen weltweit und Zerstörung des Lebensraums Erde. Wenn man einen Endpunkt sehen möchte, dann wäre der das Verschwinden der Zivilisation des ehedem lateinischen Abendlandes im 20./21. Jahrhundert.

 

Es erscheint auf jeden Fall wenig sinnvoll, Epochalisierung durch eine sogenannte "Geistesgeschichte" bestimmen zu lassen, die nur ganz wenig Leute erreicht und selbst zwischen etwa 1400 und 1800 kaum eine Rolle für Veränderung spielt. Humanismus als Neuinterpretation antiker Texte und Renaissance als Neuinterpretation antiker Künste stehen in einer Tradition, die im 9./10. Jahrhundert einsetzte und erst im 18. Jahrhundert zu Ende geht. Selbst der Rationalismus des 17. und die sogenannte Aufklärung des 18. Jahrhunderts betraf wenige Leute und bleibt für fast alle bis heute völlig unverständlich und unzugänglich. Zudem sind sie die Endphase einer Entwicklung, die im 11. Jahrhundert einsetzt.

Zu Endpunkten: Die diffuse Mischung aus persönlichem Abenteurertum und Kapitalinteresse in der großen französischen "Revolution" bedient sich zwar wenig verstandener Schlagworte aus der Geistesgeschichte, hat ihren Anlass aber eher in der Koppelung einer Adelsreaktion auf Modernisierung mit der Unfähigkeit von Monarchen, letztere durchzusetzen.

Der Nationalismus in jenen Kolonien mit starken Anteilen europäischer Siedler, 1776 in Nordamerika begonnen, entspricht einer zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert einsetzenden Traditionslinie in Europa. von der nur die deutschen und italienischen Lande ausgenommen sind, und lässt sich als deren Übertragung auf andere Kontinente verstehen.

 

Das Mittelalter endet weder im 15. noch im 16. Jahrhundert, sondern es läuft für die meisten Menschen frühestens erst im 18./19. Jahrhundert aus, in Teilen Osteuropas erst im 20. Jahrhundert. Kolonien gibt es verstärkt wieder seit der Zeit der Kreuzzüge, aber Kolonisierung war schon Sache der Antike. Und die stärkere Einbeziehung Afrikas und Asiens und der neue Markt in den Amerikas im 16. Jahrhundert sind nur die beschleunigte Erweiterung von Vorgängen, die schon in der Antike begannen und nie ganz aufhörten.

 

Gewiss: Inzwischen haben die Osmanen Byzanz erobert, Columbus macht sich von Italien nach Spanien auf, wo Handels- und Finanzkapital jetzt unternehmungslustiger werden, und dann auf dem Seeweg nach Indien, mit der Eroberung von Granada geht die Vereinigung von Kastilien und Aragon unter den "katholischen Königen" einher. Macchiavelli schreibt mit dem 'Fürsten' (Il Principe) den ersten deskriptiven und nicht mehr bloß normativen politischen Text und Luther wird sich an die Rettung der Christenheit machen, die in der Zerstörung ihrer Einheit und einem weiteren Säkularisierungsschub enden wird.

Aber das einzige wirklich einschneidende Ereignis, das Ende der Osthälfte des römischen Reiches tausend Jahre nach dem Umschwung im Westen, der viel weniger ein Ende war, und die Islamisierung und Orientalisierung dieses nunmehr für immer verschwundenen Reiches wird von den Herstellern von Epochalisierung fast völlig übersehen. Für die Entwicklung des Kapitalismus spielt aber auch dieses Ereignis kaum eine Rolle.

Immerhin verschwindet Griechenland bis ins 19. Jahrhundert aus der abendländischen Geschichte und wird nicht unerheblich orientalisiert, wie auch stattliche Teile des nördlicheren Balkans. Um ein Haar wäre das Osmanenreich auch bis nach Mitteleuropa gelangt. Immerhin stand sein Heer vor Wien.

 

Wenn man die große Industrialisierung des 18./19. Jahrhunderts als Beendigung des Mittelalters bezeichnet, kommt man deshalb aber noch nicht an gegen die gängige Version, das Mittelalter um 1500 zu beenden und danach eine Neuzeit anzusetzen, jene Version, die damals sogenannte Humanisten und Renaissanceideologen erfanden. Hier soll aber diese Neuzeit zwischen etwa 1450 und 1750 als Teil jenes Mittelalters verstanden werden, wie es tatsächlich existierte.

 

Mit dem behelfsmäßigen Begriff der Moderne wäre dann das durch Großindustrie gekennzeichnete Zeitalter danach und bis heute zu benennen, dessen radikale Veränderungen durch den Untergang der bäuerlichen Landwirtschaft und des produktiven Handwerks sowie des Krämergewerbes gekennzeichnet ist. Die direkte Unterwerfung aller unter das Kapital und seine Bewegungen bedeutet dabei nicht nur wirtschaftliche Unselbständigkeit für fast alle, sondern auch den Aufstieg totalitärer, dass heißt alle Lebensbereiche durchdringender Staaten. Indem diese zu schieren Agenturen der Kapitalbewegungen werden, lässt sich von einem Vorgang immer radikalerer Entzivilisierung sprechen, an dessen Ende das Aussterben der abendländischen Völkerschaften steht, die zunächst alleinige  Träger des Kapitalismus waren, samt Kolonisierung aus anderen Kontinenten, und dem ähnlich absehbare Ende des Lebensraumes eines ausgeplünderten Planeten Erde. Nichts spricht mehr dafür, dass diese beiden Entwicklungen noch aufzuhalten wären.

 

Entzivilisierung heißt, dass die Priester und Herrscher ihre Macht an die Bewegungen des Kapitals verlieren, als deren Agenturen die Staaten für das Kleingedruckte der Macht auftreten, während die Massen den Entwicklungen nicht nur ohnmächtig gegenüberstehen, sondern zu deren zugleich willfährigem wie widerspenstigen Material degenerieren. Die Versuche von Bolschewismus, Faschismus, Franquismus und Nationalsozialismus, sich mehr oder weniger mithilfe dieses willfährigen Menschenmaterials gegen die Übermacht dieser Kapitalbewegungen zu stemmen, sind allesamt gescheitert.

 

Bei genauerem Hinsehen ist aber Moderne das, was im 10. Jahrhundert an einigen Orten einsetzt und dann immer mehr überhand nimmt: Unaufhörliche und tendentiell immer schnellere Modernisierung durch Kapitaleinsatz, das, was im eigentlichen Wortsinn eine einzige und die einzig wirkliche Revolution in den letzten 10 Jahrtausenden darstellt. Sie anzuhalten wäre der erste Schritt auf dem Weg zum Überleben der Menschen als Gattung, und nur insoweit hat die Geschichtsbetrachtung von Karl Marx recht behalten, aber wohl zu spät.

 

Die atlantische und pazifische Wende

 

Das 15. Jahrhundert bis in die Anfänge des 16. schafft neue Handelswege über die Meere. Bessere Schiffe umrunden von Italien aus die iberische Halbinsel und bringen ihre Waren dann nach Antwerpen. Portugiesen segeln die afrikanische Küste entlang und konkurrieren mit den Spaniern um die Kanaren. Schließlich gelangt Kolumbus auf drei Fahrten bis nach "Westindien" und Vasco da Gama nach "Ostindien". Magellan schließlich umrundet die Erde auf dem Meer.

 

Waren das Mittelmeer und in etwas geringerem Umfang auch die Nord- und Ostsee als Handelswege maßgeblich an der Entstehung und Entwicklung des Kapitalismus beteiligt, so geraten sie jetzt nach und nach etwas ins Abseits. Die großen Ozeane übernehmen ihre Rolle. Damit endet nun auch zur Gänze die Vorreiterrolle Italiens und wird erst durch Portugal, dann zudem Spanien und schließlich durch Holland und England abgelöst, zwischenzeitlich auch durch Süddeutschland.

Die Schiffe und Händler der neuen Vormächte beherrschen immer mehr das Mittelmeer. Selbst Florenz wird zunehmend von genuesischen und kastilischen Händlern abhängig und versucht mit einem internationalen Freihafen Livorno den Anschluss zu halten. Mitte des 16. Jahrhunderts werden dort neue Docks und ein Arsenal gebaut samt einem Kanal, der es mit Pisa und dem Arno verbindet. Der Ort steigt von wenigen hundert auf 12 000 Einwohner.

Genuesen und Venezianer stellen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ihre Schiffahrt in den Norden ein, während von dort insbesondere englische und holländische Schiffe kommen. Ende des Jahrhunderts setzen sich Engländer und Franzosen aus Marseille mit Handelsposten in der Levante fest.

 

Die Konflikte um Flandern seit Maximilian führen zum Abstieg Brügges. Antwerpen ist nun vorläufig Dreh- und Angelpunkt des Welthandels. 1508 beschließt die portugiesische Krone, die Stadt zum Verteilerzentrum seines Gewürzhandels aus dem fernen Osten zu machen. Der von süddeutschen Firmen kontrollierte Silbermarkt löst sich von Venedig und wendet sich Antwerpen zu. Neben den portugiesischen Gewürzen laufen nun Tuche aus England, Silber, Kupfer, Metallprodukte und Barchent aus Deutschland über die Stadt.

Mitte des 16. Jahrhunderts ziehen sich die Portugiesen aus Antwerpen nach Lissabon zurück und werden mit der Förderung von Karl V. durch Spanier ersetzt, die einen Teil ihrer amerikanischen Edellmetalle dorthin fließen lassen. Von etwa 1500 bis 1565 steigt die Bevölkerung von 30 000 auf 100 000 an, um dann im 17. Jahrhundert mit dem Aufstieg von Amsterdam wieder erheblich zurückzufallen. Im Aufstand der Niederlande gegen die spanischen Habsburger kommt es 1575 zur Sperrung des Antwerpener Hafens und zur Abwanderung eines Teils seines Geschäftes.

 

Zunächst sieht Antwerpen im 16. Jahrhundert die Dominanz süddeutscher Firmen mit ihrer Nähe zum Kaiser und die Abwanderung der Italiener, bleibt aber "internationales" Handels- und Finanzzentrum. Ab 1580 steigt die holländische Wirtschaft rapide auf und macht das nicht fürstlich, sondern direkt vom Kapital regierte Amsterdam zum neuen Weltzentrum im Norden. Daneben haben die von Genuesen beherrschten Messen von Besancon zentrale Bedeutung.

 

 

Die Küsten Afrikas und die beiden Amerikas werden die Opfer brutalster Söldnerheere, die der Ausplünderung, Unterjochung und teilweisen Ausrottung ganzer Völkerschaften dienen. Das kapitalistische Europa überzieht beide Kontinente mit einem grausamen Terror und etabliert dort Plantagenwirtschaft mit Sklavenarbeit. Während in Europa der Kapitalismus sich immer weiter entfaltet, kehrt man auf den beiden anderen Kontinenten vor allem zum Großgrundbesitz als Quelle des Reichtums zurück.

 

Auf der anderen Seite werden die islamischen Reiche ausgespart, und es geht Richtung Osten. Die russischen Machthaber lassen den Ural überschreiten und beginnen Sibirien zu erobern, Richtung pazifischer Ozean. Durch den indischen Ozean geht es für Portugal und Spanien nach den Küsten (Ost) Indiens, dann Hinterindiens und der indonesischen Inselwelt. Schließlich erreichen die Spanier die Philippinen und den pazifischen Ozean.

 

Welthandel über vier Kontinente verändert die Welt. Keine Gegend dort, die nicht für den global agierenden Handel erschlossen wird, Kapital erfasst die ganze Welt Schritt für Schritt und macht sie ihren Interessen untertan. Finanzen, Handel und Produktion sind dabei auf eine Vielzahl von Metropolen des Kapitals ausgerichtet, und die politische Macht unterstützt sie dabei.

Weltweit agierendes Kapital an florentiner Beispielen: Der ursprünglich für die florentiner Cambini-Firma in Lissabon agierende Marchionni macht sich in den 80er Jahren des 15. Jahrhunderts dort selbständig, investiert in Fahrten nach den Indien und in den Gewürzhandel, 1486 bis 1495 kauft er sich in das Nigerdelta ein, von wo er Handelsprivilegien insbesondere für den Sklavenhandel in Westafrika erlangt. Vermarktet wird über Partner in Sevilla und Valencia. Neben den Fuggern und Welsern finanziert auch Marchionni die Fahrten von Vespucci 1501-02 und von Vasco da Gama 1502-03. Ein anderer mittlerer Florentiner Kaufmann finanziert 1510 die vier Schiffe, die nach Malacca fahren. (Goldthwaite, S.158/59)

 

Eine ebenfalls mittelgroße Firma mit den Partnern Strozzi und Capponi in Florenz und Partner-Firmen in Südspanien exportiert nun um 1535 Sklaven, Wein und Fertigtuche nach Mexiko und handelt dort Silber ein. Eine weitere operiert um 1550 von Florenz aus über Firmen in Sevilla, Cadiz und Valladolid, verhandelt dabei über 150 Warenarten, und zwar durch die ganze damals bekannte Welt. (Goldthwaite, S.156). Genuesische und florentinische Banken agieren überall in Südspanien, in Lissabon vorläufig noch vor allem die Florentiner, in Zentralkastilien bald nur noch die Genuesen.

 

Tatsächlich ist es Genua, welches im 15. Jahrhundert langsam zur ersten Handelsstadt im Mittelmeerraum aufsteigt. Als die Messe von Medina del Campo 1500 sowohl offizielles spanisches wie internationales Finanzzentrum wird und in Bedeutung an Lyon und Antwerpen heranreicht, behaupten sich dort Genueser Banken neben süddeutschen, solange Karl V. herrscht, und danach beherrschen sie dort den Markt. Umgekehrt verhilft katalanischen Firmen Förderung durch die toskanischen Herzöge zu immer mehr Präsenz in Florenz.

 

Welches Unheil bei der Zerstörung gewachsener Kulturen und Zivilisationen und der Entwurzelung der Menschen ganzer Kontinente angerichtet wird, wird sich erst im zwanzigsten Jahrhundert deutlich für die Europäer zeigen. Nichts macht das heute offensichtlicher als die Besiedelung Westeuropas durch die Völker der ehemaligen Kolonialreiche.

 

Was den einen Macht und Reichtum verschafft, schadet den anderen. Für den bis dato auf Zypern, Kreta, auf Sizilien und um Granada angebauten Zucker bedeutet die Kolonisierung der Kanaren und Madeiras samt menschenverachtend günstigem Anbau von Zuckerrohr einen erheblichen Preisrückgang. Solcher Zucker ist nicht länger ein Luxusprodukt, so wie nun auch Pfeffer im 16. Jahrhundert von breiteren Massen konsumiert wird.

 

Atlantische und pazifische Wende bedeuten keine Wende für die Machtverhältnisse in den Zivilisationen Europas, sondern eine auf den anderen Kontinenten. Im kapitalistischen Europa herrschen Potentaten und Kapitaleigner in relativer Kontinuität bis ins 18. Jahrhundert weiter, einträchtig zusammen mit ihrer hohen Geistlichkeit.

 

Sklaverei (in Arbeit)

 

Die Mittelmeerantike war zwar keine "Sklavenhaltergesellschaft", kannte aber Sklaverei in Stadt und Land in größerem Umfang. Bis um das erste Millennium christlicher Zeitrechnung verschwindet sie nach und nach aus dem produktiven Sektor des lateinischen Abendlandes und hält sich dann nur noch als besonderer Luxus in den Haushalten der Reichen und Mächtigen insbesondere im nördlichen Mittelmeerraum, wobei die meisten Sklaven dann weiblichen Geschlechts sind.

 

Als Handelsware haben Sklaven aber gerade in Italien großen Anteil an der Entstehung des Kapitalismus, wobei die menschliche Ware vorwiegend aus dem Osten Europas kommen und in die islamische Welt geht. Dass Sklaven bis tief in das 15. Jahrhundert als Arbeitskräfte im lateinischen und längst kapitalistischen Abendland kaum noch eine Rolle spielen, liegt nicht an einer Ablehnung der Sklaverei, sondern vor allem daran, dass sie im Vergleich zu freier Arbeitskraft zu teuer sind.

 

Das alles ändert sich nach und nach mit der Eroberung der Kanaren, wo die Kultur der Einheimischen vollständig zerstört wird und man einen Teil von ihnen als Sklaven exportiert. Darüberhinaus wird dort und auf Madeira Plantagenwirtschaft eingerichtet, die sich recht günstig über Sklavenarbeit betreiben lässt.

1498 schreibt Kolumbus begeistert an die spanischen reyes catholicos, man könne aus Hispaniola pro Jahr locker viertausend Sklaven exportieren, und selbst wenn sie jetzt (bei der Überfahrt) sterben, dann wird das nicht so bleiben, denn das geschah anfangs auch mit den Schwarzen und Kanaren so. (in. Epstein, S.310)

 

Kolumbus sucht damit Argumente, um die Anerkennung seiner Leistungen als "Entdecker" zu steigern und es wird dauern, bis die Spanier (und Portugiesen) das voll verstanden haben werden. Tatsächlich wird das neue, und nun riesengroße Geschäft mit Handel und Einsatz von Sklaven erst zu voller Blüte gelangen, als einmal die indigenen Völker der südlicheren Teile Amerikas durch Massenmord und vor allem auch durch eingeschleppte Krankheiten weithin ausgerottet sind, darüber hinaus sich nur teilweise für Sklavenarbeit eignen, wie sich herausstellt, und andererseits Europäer nicht bereit sind, unter subtropischen und tropischen Bedingungen wie Sklaven zu schuften. Nun erst beginnt der massenhafte Import von Negersklaven, mit denen die ethnische Zusammensetzung ganzer Großregionen massiv verändert wird und womit einige Gegenden geradezu schwarz-afrikanisiert werden.

 

Machtpolitik und Kriege (in Arbeit)

 

Große Untertanenverbände bilden inzwischen Nationalstaaten mit Ausnahme von Italien und den deutschen Landen. Monarchen gewinnen immer stärkeren Zugriff auf die Untertanen, das "Volk", welches für sie zu leben, zu arbeiten und zu kämpfen hat. Dieses wird durch massive Propaganda nicht zuletzt auch von den damaligen Historikern dazu angeleitet, die jeweils eigenen Machthaber zu bewundern und zu verehren.

 

In großem Maßstab ist die Situation die folgende: Das Osmanenreich dringt über den Balkan in Richtung Mitteleuropa vor und versucht in Italien Fuß zu fassen. Auf der anderen Seite hat Spanien sich dort schon etabliert und Frankreich versucht, vom Norden her dort einzudringen.

 

1477 heiratet Erzherzog Maximilian I. mit Maria die Erbin des Burgunder-Reiches. Dann ist da ihr Sohn Philipp, den die Flamen als ihren natürlichen Herrscher ansehen, und Maximilian, der direkt in die Niederlande hineinregieren möchte.

 

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Staatlichkeit: Königreiche und Fürstentümer (in Arbeit)

 

Staat ist einer der Begriffe, die bis heute gerne im Unklaren gelassen werden. Wenn wir ihn definieren als einen differenzierten institutionalisierten Machtapparat, losgelöst von den Personen in den Institutionen, mit einem wenigstens kurzzeitig jeweils klar definierbaren Territorium und darauf lebenden Untertanen, dann ist das zu wenig, um die spezifischen Gebilde zu definieren, die zwischen dem 10. und 18. Jahrhundert im lateinischen Abendland entstehen. Aber es ist die Voraussetzung für jede Form von Definition.

Eine erste Einengung entsteht dort, wo man konstatiert, dass die meisten Staaten in Familienbesitz sind. Die einzige Ausnahme davon stellen jene Stadtstaaten dar, in denen Oligarchien des großen Kapitals gemeinsam die "politische" Macht innehaben. Von ihnen überlebt Venedig am längsten.

Die einzigen Konkurrenten für dynastisch betriebene Staatlichkeit sind ganz unterschiedlich der Adel und das Kapital, also entsprechende Städte. Der Adel wird in die Herrschaftsausübung durch Privilegierung subordiniert integriert, und wo er sich dagegen wehrt, wird er gewaltsam eingeordnet. Das Kapital lernt, grob gesagt, im 15./16. Jahrhundert, dass der Staat auf seine Bewegungen längst angewiesen ist, und verzichtet so nach und nach auf politische Macht, da er von ihr als Juniorpartner anerkannt wird. Staaten sind inzwischen die Vertreter verallgemeinerter Kapitalinteressen, ja, diese definieren Staatlichkeit erst so recht.

 

Staatlichkeit ist wesentlich die Konzentration von Zuständigkeiten über den Lebensalltag der Untertanen. Je mehr Zuständigkeit, desto mehr Verwaltung, in der eine alternative Karriere zu Adel und Kapital in der Identifikation mit der Machtzentrale gesucht werden kann. Das machen im 13./14. Jahrhundert die Stadtstaaten vor und zum anderen der süditalienische Staat Kaiser Friedrichs II. als Erbe der Normannen dort.

 

In Florenz werden im 14./15. Jahrhundert die relevanten politischen Institutionen, die Arti der Gewerbe und die Marcanzia entmachtet und die Macht geht an einen miteinander konkurrierenden Klub schwerreicher Kapitalisten, von denen insbesondere die Medici aus dem Hintergrund operieren. Indem Italien in das Machtspiel der Spanier, der französischen Krone und von Habsburg gerät, verlieren die Städte dann aber ihre politische Bedeutung an Fürsten, die ihre wirtschaftliche Bedeutung nun nutzen. Florenz wird Hauptstadt eines (Groß)Herzogtums, das von fürstlicher Verwaltung beherrscht wird.

 

 

Die königliche Macht reicht selbst im fortgeschrittenen England des 16. und 17. Jahrhundert überall gerade so weit wie die Männer des Königs. An der Peripherie der Königreiche ist sie minimal, und im ganzen ländlichen Raum beschränkt sich die Obrigkeit auf lokale Grundherren und die Geistlichkeit. Letztere unter staatliche Kontrolle zu bekommen, wird das zentrale Herrschaftsthema dieser beiden Jahrhunderte, und Reformationen sind die dienstbaren Geister auf diesem Weg, indem sie Kirche von Rom lösen und damit Fürsten anheim stellen. So wird der Protestantismus die Bewegung zur Verstaatlichung der kirchlich verwalteten Religion.

Diese in den Griff zu bekommen gibt es in deutschen Landen wie in England einen zweiten guten Grund: Bischöfe und Äbte sind oft sehr reich und inbesondere mit enormem Grundbesitz ausgestattet. Zudem reicht die Macht der Geistlichkeit eben bis in den hintersten Winkel: Moderne Staatlichkeit verlangt damals geradezu nach Verstaatlichung von Religion und Kirche.

 

Danach, mit den starken Tudorkönigen, insbesondere mit Henry VIII und Elisabeth I wird aus der formalrechtlich feudalen Monarchie in kleinen Schritten die Frühform eines Staatswesens, in dem Förderung möglichst reibungsloser Kapitalverwertung als erstes gemeinwohl-orientiertes Staatsziel auftritt.

 

 

In Frankreich dauern die Kämpfe der Adelsfraktionen gegeneinander und gegen den Monarchen das 16. Jahrhundert hindurch an bis in die Mitte des 17. Jahrhunerts, bis zur so genannten absoluten Monarchie, die Richelieu und Mazarin für Louis XIV. schaffen. Hier wird der Adel fast zur Gänze unter die Fuchtel des Monarchen und seines sich ausweitenden Apparates gebracht, genauso wie auch das Bürgertum. Ein aus Herrschaftsinteresse unflexibel gewordenes Ständesystem korreliert mit einer zentralistischen Verwaltung mitten in die Regionen hinein. Wo sich in England Mitwirkung entwickelt, ist es in Frankreich rabiate Unterordnung. Für verfolgte Franzosen seit dem 16. Jahrhundert wird England Auswanderungsland, im 18. Jahrhundert sicherer Hafen für Schriftsteller und freie Geister. Eine stabile sozusagen „demokratische“ Ordnung wird Frankreich wie auch (Rest)Deutschland erst viel später entwickeln.

 

In die deutsche Sprache kommt das Wort Nation erst spät, im 16. Jahrhundert, und zwar wie so vieles aus Frankreich importiert. Inzwischen gibt es mit England, Frankreich und Spanien drei Nationen neuen Typs, alle drei verschieden erfunden, aber das ihnen gemeinsame Wort Nation bedeutet ohnehin etwas völlig anderes als früher einmal.

Was in England und Frankreich geschieht, lässt sich als Zerstörung der Regionen und ihrer - insbesondere sprachlichen - Eigenheiten zugunsten eines einheitlichen Herrschaftsraumes beschreiben. Nur so schafft sich das Machtzentrum sein Volk neuen Typs, einen zunehmend zu vereinheitlichenden Untertanenverband. So ist es denn auch die Herausbildung von zwei Nationen bildenden Machtzentren, die auf der iberischen Halbinsel Portugal aus einem spanischen Staatsverband ausgliedert  und dabei im Nordwesten die Galizier in zwei Herrschaftsräume aufteilt. Die Dominanz der kastilischen über die übrigen romanischen Sprachen und eines kastilisch-aragonesischen Herrscherhauses schafft dann jenes Spanien, welchem es aber bis heute nicht gelingt, alle Basken und Katalanen ganz zu integrieren.

 

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Seit dem 11./12. Jahrhundert ist der Weg des römischen Königreiches in eine Föderation von immer mehr erstarkenden Fürstentümern unter einem schwachen Königtum vorgezeichnet. Für das Deutschtum heißt das, dass es bereits im Verlauf des sogenannten Mittelalters im Westen und Süden zurückgedrängt wird, was man am Rückzug der deutschen Sprache dort am besten erkennen kann, während es sich nach Osten ganz erheblich ausdehnt, bis es nach den beiden Weltkriegen des zwanzigsten Jahrhunderts zum größten Teil auf das brutalste vernichtet wird und nur ein kleines Restdeutschland übrig bliebt.

 

Territoriale Staatlichkeit heißt, dass machthabende Dynastien versuchen, möglichst eine geschlossene und zugleich eine möglichst große Fläche ihrer Herrschaft zu unterwerfen, ohne dabei volle Souveränität zu erlangen, wie sie zum Beispiel englische und französische Könige erreichen. Zwar gibt es einzelne Bildungsbürger in einigen deutschen Städten, die ein vages Bewusstsein von einer gemeinsamen deutschen Geschichte entwickeln, aber die Masse der Untertanen wird auf die jeweils herrschende Familie und ihr Territorium orientiert, ein Zustand, den Reformationen und Augsburger Religionsfriede noch vertiefen. Die komplette Entsolidarisierung der Deutschen findet dann in Kriegen gegeneinander statt, deren Krönung die der preußischen Hohenzollern im 19. Jahrhundert sein werden, die am Ende 1871 ein preußisches Großreich als Deutsches Reich definieren und damit alle auch ausschließen, die sie sich nicht unterwerfen können. Es ist dann nur noch konsequent, wenn Adolf Hitler 1933 de facto das Ende der deutschen Geschichte einläutet und eine Art Großreich weithin nach dem Muster des "Sowjet"Bolschewismus mitsamt den Hitlerschen Rassephantasien etablieren möchte. 

 

Wesentliche Opposition gegen die deutschen Fürstenstaaten leisten vor allem größere, sich selbstverwaltende Städte. Darum ziehen die Fürsten aus ihren angestammten Burgresidenzen in solche willfähigerer Orte, wie die fränkischen Zollern, der Kölner Erzbischof oder die sich von Braunschweig nach Wolfenbüttel bewegenden Welfen. Die Magdeburger Erzbischöfe weichen den massiven Konflikten in "ihrer" Stadt aus, unterwerfen Halle 1478 und bauen sich dort mit der Moritzburg eine modernere palastartigere Residenz. 1479 untersagen sie ihrer neuen Hauptstadt den Abschluss von Bündnissen und sorgen damit für ihre Trennung von der Hanse, die nur vullmechtige Städte als Mitglieder akzeptiert.

 

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Monarchen: Maximilian / Karl V / Francois I / Henry VIII (Bis jetzt nur eine Idee)

 

***Der Glanz einer obsoleten Ritterlichkeit***

 

***Der Glanz der zunehmenden Prächtigkeit***

 

Das Mittelalter ist eine Erfindung des 15./16. Jahrhunderts, die Renaissance eine des 19. Sehr derb ausgedrückt handelt es sich um Vermarktungsstrategien von Intellektuellen, Literaten und Künstlern. Eine auch nur ansatzweise Wiedergeburt der Antike hat es nach ihr nie mehr gegeben, vielmehr in jeder Beziehung eine kontinuierlich zunehmende Entfernung von ihr.

 

Die bei Einzelnen feststellbare Emanzipation des später so genannten Kunsthandwerks in das hinein, was dann später in den extrem verengten neuen Kunstbegriff mündet und ihre zunehmende Verweltlichung, ist wesentlich eine Folge des sich immer weiter entfaltenden Kapitalismus. Die neue Kunst ist Prachtentfaltung immer reicher werdender Reicher.

 

Die Paläste hoher Adeliger und Fürsten wie die reicher Kapitalisten werden immer größer und immer kostspieliger ausgestattet. ob in Florenz, an der Loire oder in England. In sie fließt viel produktive Arbeit und distributive Macht: Macht muss als Reichtum dargestellt und offensichtlich werden.

 

1229 lässt Henry VIII die Küchen von Hampton Court erweitern. Es handelt sich nun um 55 Räume mit einer Fläche von rund 300 m², in der 200 Leute für 600 Menschen bei Hofe arbeiten. Es gibt 3 große Keller für Wein und Bier. 27 000 Hektoliter Bier sollen pro Jahr konsumiert worden sein. In 300 Eichenfässern lagert Wein vorwiegend aus der Gascogne, aus denen 680 Hektoliter jährlich entnommen werden. Es wird vorwiegend Fleisch gegessen, und alleine zum Grillen desselben an Spießen wird täglich eine Tonne abgelagertes Eichenholzes verbraucht. Der Tudormonarch ist allerdings selbst ein besonderer Fall von Verfressenheit und verfettet im Laufe seines Lebens so stark, dass er sich irgendwann kaum noch bewegen kann.

 

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***Je mächtiger, desto gieriger***

 

 

Der Krieg

 

Seit dem 12. Jahrhundert werden Kriege oft mit einem durch Söldner verstärkten Adelsaufgebot geführt, wobei Kosten des Adels auch zunehmend auf die Kriegsherren abgeladen werden. In den nächsten Jahrhunderten nimmt der Söldneranteil immer mehr zu, wobei das Söldnerwesen von unternehmerisch handelnden Söldnerführern organisiert wird, die sich von den kriegführenden Machthabern bezahlen lassen und die Bezahlung dann an ihre militärischen Abteilungen weiterleiten. Im Hundertjährigen Krieg und in den Kriegen der norditalienischen Stadtstaaten und Roms verselbständigen sich solche Söldnertruppen immer mehr, was dazu führt, dass sie in Zeiten ohne Auftrag auf eigene Rechnung marodieren, zerstören, verletzen, vergewaltigen und töten.

 

Der Landsknecht-Unternehmer Georg von Frundsberg wirbt im Auftrag Karls V. rund 12 000 neue Söldner an. Bei Piacenza vereinigen sie sich mit spanischen Truppen des Charles de Bourbon. Diese rund 22 000 Deutschen, Italiener und Spanier warten auf Sold, der nicht kommt. Papst Clemens VII. verspricht einem kaiserlichen Gesandten 60 000 Gulden (neben zu erwartender Beute), was für die Soldateska zu wenig ist, die sich gegen ihre Oberen empört. Charles de Bourbon flieht, und Frundsberg kann sie bei Bologna nur damit beruhigen, dass er das Geld selbst in Rom abholen wolle. Als er einen Schlaganfall erleidet, kehrt Charles de Bourbon zurück und verspricht immer höhere Summen.

Am 5. Mai erreichen die empörten Truppen Rom, im Verlauf des nächsten Tages wird die Stadt gestürmt. Die Kardinäle flüchten in die Engelsburg, die Häuser von arm und reich werden geplündert, den Reichen werden zudem hohe Summen abgepresst. Auch die Kirchen werden ihrer geldwerten Schätze beraubt.

Im Sommer flieht die Söldnerschar in die Berge, um bis zum Herbst den Römern immer mehr abzupressen. Zwischen Herbst und Spätwinter ziehen die Truppen dann wieder ab; ein stattlicher Teil war trotz der Beute inzwischen gestorben, teils an Hunger, teils an Krankheit. Die übrigen suchen neue Kriegsschauplätze.

 

Kapital und Macht

 

Das Verhältnis zwischen Kapital und politischer Macht verändert sich im 16. Jahrhundert, als Staaten ihre Finanzen solider ordnen und zugleich die Banken geschickter im Umgang mit Staatsschulden werden.

Die Grenzen zwischen beiden verschwimmen aber überall dort, wo vor allem in Frankreich Unternehmer über den Zugang zum Hof auch Zugang zum Adel suchen. Ein bekanntes Beispiel ist der Florentiner Antonio Gondi, der über den Aufkauf von Landgütern in den Adel aufsteigt und zugleich dem König als Steuereintreiber dient. Von seinem ersten Tätigkeitsbereich in Lyon wechselt er 1550 an den Hof von Paris. Einer seiner Söhne wird dann Bischof von Paris, ein anderer Marschall von Frankreich, während eine Linie als Bankiers in Lyon bleibt. Nachfahren werden dann zu Herzögen und Kardinälen von Retz.

 

****Habsburger und Spanien****

 

Im europäischen Bankwesen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts verlieren florentinische Banken an Bedeutung gegenüber denen aus Süddeutschland und Genua. Letztere haben beide Zugang zu enormen Mengen an Edelmetallen. Die Fugger verleihen erhebliche Summen an Maximilian und erhalten dafür den Zugang zu den Bergwerken in seinem Reich. Sie und die Welser gewinnen großen Einfluss auf den Gewürzhandel in Antwerpen und Lyon. Insbesondere die Fugger besitzen 1527 bereits über 2 Millionen Gulden (dreiviertel des Florin) und 1546 über 5 Millionen, weit mehr als jede Bank in Florenz.

 

1519 benötigt Karl V. 851 000 rheinische Gulden an Bestechungsgeldern, um seine Wahl durchzusetzen. Davon können die Fugger 543 000 leisten, die Welser, 143 000 und ei.n Genuese und ein Florentiner zusammen 165 000.

Deutsche Firmen leisten dann unter Karl V. Geldleihen an die kastilische Krone, die in etwa denen der Genuesen entsprechen. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts setzen sich dann genuesische Banken in Spanien durch, von denen im Mittelfeld des Kapitals viel mehr in zahlreichen spanischen Städten vertreten sind. Zu diesem Netzwerk gehören genuesische Schiffe, die das Edelmetall nach Italien bringen und die Messe von Besancon und später Piacenza, die sie dominieren. Damit kontrollieren sie auch den Edelmetalltransfer von Amerika nach Spanien und den Transfer von Geldern, mit denen Karl V. seine Feldzüge im Norden finanziert.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts finanzieren sie fast alleine die Staatsschuld Philipps II., organisiert in den asientos. Zwischen 1567 und 74 leihen alleine die Brüder Cattaneo 1 125 000 Dukaten an die spanische Krone. Genuesen leihen Philipp III. zwischen 1598 und 1607 fast 23 Millionen Dukaten, 88% allen Geldes, dass er sich leiht. (Goldthwaite, S.257) 

 

****Frankreich****

 

Die kriegerische Rivalität zwischen der französischen Krone und Habsburg führt dazu, dass der Kreditmarkt von Lyon immer mehr Geld hergeben muss. Unter 127 bekannten Geldverleihern in der Regierungszeit von Franz I. dort sind 87 Italiener und darunter noch 45 Florentiner. Für eine Geldleihe von 400 000 livres 1542 liefern Florentiner die Hälfte, Lucchesen 100 000 und die Welser und französische Banken jeweils 50 000.  Die Schulden laufen immer weiter auf und betragen alleine bei drei Florentiner Banken 1555 rund 1 073 000 livres. (Goldthwaite, S.259)

 

Mit dem schwerreichen Del Bene, schon mehr Franzose als Italiener, beginnen Versuche, Banken zu Konsortien für Anleihen zu organisieren. 1550 wird er Aufseher über die königlichen Finanzen für die italienischen Kriege von Henri II. In fünf Jahren, von 1551 bis 56 bringt er so mehr als 8 Millionen Livres für diesen Zweck zusammen.

Als die Staatsschulden immer mehr außer Kontrolle geraten, entwickelt Del Bene das Konzept der sogenannten Grand Parti de Lyon. Jetzt soll ein großes Syndikat von Banken die Staatsschuld gemeinsam bewältigen, wo hinein der König vor allem florentinische und deutsche Banken zwingt. Die Millionenschulden sollen so auf möglichst viele Schultern verteilt werden, die andererseits daraus ein regelmäßiges Einkommen garantiert erhalten. (Goldthwaite, S.260)

1559 im Vertrag von Cateau-Cambrésis verzichtet der König auf seine italienischen Ansprüche, aber seine Schulden steigen weiter, so dass es kaum gelingt, Zinsen auf die Schulden aufzubringen. Nur der Grund, den wichtigen Finanzplatz Lyon nicht aufzugeben, veranlasst die ausländischen Banken zum Bleiben. Aber mit dem Niedergang von Lyon Ende des Jahrhunderts ist die französische Krone bereits dabei, mit eigenen Mitteln den Staatshaushalt zu konsolidieren, während sie nun auf ausländische Banken immer mehr verzichtet.

 

 

****Kirchenstaat****

 

Ein Sonderfall in der mittelalterlichen Geschichte ist die religiös begründete Entstehung eines mittelitalienischen Staates mit einem Papst als Fürst an der Spitze. Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts gelingt es den Päpsten, dieses Staatswesen nach Norden bis nach Umbrien, den Marken, der Romagna und nach Bologna auszudehnen.

Zu den kirchlichen Einnahmen kommen so immer mehr weltliche, allerdings ist der Haushalt in Rom immer mehr im Defizit und schon im frühen 16. Jahrhundert dienen die Einnahmen hauptsächlich der Bedienung der Schulden. Finanziert wird das Staatswesen einmal über das Leihen von Geld, üblicherweise zu 12%, wobei zukünftige Einnahmen als Pfand gelten, zum anderen über das Vergeben von Zöllen, dem Hafen von Ripa, der Münze, des Salzmonopols und der Alaunminen von Tolfa. Ämter werden direkt oder indirekt verkauft, sowohl mit einem Ansehen mehrenden Titel wie mit einem verbundenen Einkommen.

 

1486 beginnt die Konsolidierung der Staatsschuld durch die Etablierung eines Konsortiums von Bankiers, die für einen bestimmten Zeitraum Geld leihen sollten gegen ihre Kontrolle über die Einkünfte. Gegen Ende des Jahrhunderts ist dieser Kreis auf knapp 50 angewachsen, im wesentlichen Genueser und Florentiner. Später wird das in monti umgewandelt, für die Anteile verkauft werden, deren Zinsen durch die Zuweisung bestimmter Einkünfte garantiert werden. Die Mehrzahl dieser Anteile sind praktisch lebenslange Renten (Goldthwaite, S.251). Mit den Monti wird die Staatsschuld übersichtlich geregelt, und sie zieht neben Banken auch private Anleger an.

 

Unter den della-Rovere-Päpsten aus ihrer Heimat beherrschen zwischen 1471 und 1513 Firmen aus Genua das Geschäft. Vorübergehend dominieren deutsche Firmen neben den Genuesen, gefördert von den Habsburgern. Sie transferieren auch die deutschen Kircheneinkünfte nach Rom. Nach dem Sacco di Roma 1526 übernehmen wieder Genuesen und Florentiner.

 

Beispielhaft für das verwickelte Netz römischer Geschäfte fasst Goldthwaite die Karriere von Benvenuto Olivieri (1496-1549) aus Florenz zusammen. Er ist Enkel eines Goldschmieds und Sohn eines Kaufmanns, dessen Firma schon über Europa Geschäfte macht. Mit zwanzig Jahren geht er nach Rom und wird nach einer Weile Partner von Bindo Altoviti und Filippo Strozzi, als Gegner von Cosimo I. im Exil. 1539 ist er so weit, dass er die Salzzölle in Rom kaufen kann, 1540 bis 43 ist er depositario der Apostolischen Kammer, 1540 kauft er mit fünf anderen 25% der Salzzölle in der Romagna, mit drei anderen 25% der Verwaltung der römischen Münze, und alleine 25% der Weinsteuer von Rom. 1541 kauft er sich mit vier anderen mit 20% in den Staatsschatz von Peruigia ein, 1542 mit 30% in den von Parma und Piacenza. Im selbst Jahr kauft er sich mit einer Anleihe den Titel eines apostolischen Sekretärs. 1543 in weitere Zölle von Rom. Von 1545 bis 46 ist er wieder depositario und 1546 erhält er mit fünf anderen 25% des Schatzes der Romagna.

Alle diese Anteile laufen jeweils über mehrere Jahre. Dazu kauft und verkauft er Kreditpapiere der Monti, lässt Getreide nach Rom importieren und gewinnt vom Genueser Großunternehmen einen Untervertrag für die Lieferung von Alaun an bestimmte französische Häfen. Bereits 1543 hat seine Hauptfirma ein Haben von 302 000 Dukaten, dreimal so viel wie die Medicibank in Rom. (Goldthwaite, S.252ff)

 

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Die Idee vom dem Gemeinwohl nutzenden Eigennutz

 

Die uns derart bekannte Natur wird getrieben von Gesetzmäßigkeiten. Zu ihnen gehört, dass Leben durch Leben ermöglicht wird. Es wäre nicht möglich, wenn es nicht bis einige Zeit nach der Geschlechtsreife anhielte, um dann fruchtbar zu werden. Dabei wird es von Eigennutz getrieben, der manchmal wie bei der Löwin ihre Jungen umfasst und wie bei Ameisen oder Bienen ein ganzes Volk. Ohne Eigennutz keine lebendige Natur. Menschen schlossen sich zu diesem Zweck zu kleinen Verbänden aus wirklichen oder ideellen Verwandten zusammen. In Zivilisationen werden sie den Interessen von Machthabern unterworfen, deren Eigennutz über dem der Untertanen steht und ansatzweise bereits als Gemeinwohl propagiert wird.

 

Mit dem beginnenden Kapitalismus treffen der politisch-rechtlich übergeordnete Eigennutz der Machthaber auf den von ihnen geförderten der Agenten des Kapitals. Dieser, von der Gier getrieben, lässt sich nicht mehr "christlich" begründen, sondern nur aus höchst irdischen Interessen heraus. Damit befasst sich schon das hohe und späte Mittelalter in vornehmlich moralisierenden Texten, die immer mehr auf antike Vorbilder zurückgreifen: Der gemeine Nutzen entsteht dabei aus dem höchst eigenen, der auf sehr verschiedene Weise zustandekommt. Die Summe des Eigennutzes aller ergibt den gemeinen Nutzen, wobei die Reichen und Mächtigen eben viel mehr beitragen als die ärmeren und machtloseren Massen.

 

Wo Kapital und Staat so zusammenfallen wie in der Republik Venedig, wird der Erfolg der großen Handelshäuser mit dem Wohlstand der Stadt gleichgesetzt. Tatsächlich fällt von dem Gold und Silber, welche in die Stadt fließen, immer auch etwas für die Handwerker, kleinen Ladeninhaber und für die Lohnarbeiter ab. Um 1500 schreibt der reiche Kaufmann Girolamo Priuli in eines seiner Tagebücher (diari): Mein Vater, der stolz auf sein Heimatland und seine Freiheit war, suchte Tag und Nacht nach Wegen, um Geld zu machen (...) Geschäfte sind etwas Gutes für die öffentliche Wirtschaft. (so in: Rösch, S.154)

 

Der Lokalpatriotismus, seit der Nachantike in norditalienischen Städten von den Mächtigeren propagiert, wird im Maße der Kapitalisierung der jeweiligen Stadt nach und nach durch den Reichtum samt resultierender Macht und seine Symbole ersetzt. Dabei wird der honor, der den Fürsten zusteht, hier auf die Stadt übertragen. Honor, also Ehre, und Stolz gehören dabei zusammen. Die Freiheit, die Venedig seit dem Zugriff auf die Terra Ferma und dem Überfall auf ihre Despoten für sich in Anspruch nimmt, besteht in der Einschränkung der Macht des Dogen, was für die Masse der Menschen dort keinen wesentlichen Unterschied macht, bleibt sie doch politisch entrechtet.

 

Vom Humanisten Konrad Peutinger ausdrücklich vertreten, ersetzt diese Gemeinwohl-Idee schließlich zunehmend die bislang gängigen Abwehrhaltungen gegenüber den Vorwürfen von Wucher, Geiz und Gier. An die Stelle der gottgewollten Ordnung alten Stils tritt ein säkularer Rationalismus, der dem von der Natur getriebenen Eigennutz eine wirtschaftstheoretische Überhöhung gibt, die bis tief ins 18. Jahrhundert dominieren wird. Lange vor einem Begriff von Kapitalismus wird dieser so zur natürlichen Grundlage von Wohlstand hochstilisiert und geradezu zu einer moralischen Anstalt.

Noch später wird die Verbindung sozialistischer Elemente mit dem ansonsten eher geförderten Kapitalismus in der Sozialdemokratie zur Variante der alten Theorie. Der Staat sorgt dafür, dass der Eigennutz in gemeinsinnige Bahnen gelenkt existieren soll.