ANHANG 5: DIE ZEIT DER MEROWINGER (Derzeit in Arbeit)

 

Gelduba

Gregor von Tours und seine Welt (König und "Ämter" / Grausamkeit / Kirche / Kloster / Das Volk / Berufe / Unfreiheit / Die Gier und die Ordnung)

Islam

Das islamische Hispanien im 8. Jahrhundert

 

 

451 Aetius mit Franken gegen Attila auf den Katalaunischen Feldern

456-482 Childerich hintereinander verbündet mit Aegidius, Paulus und Syagrius

482-511 Chlodwig

486 Sieg Chlodwigs über Syagrius

bis 494 Chlodwigs Reich bis zur Loire ausgedehnt

um 498 Chlodwigs Taufe

506 Clodwig besiegt die Alemannen

Um 510 Chlodwig integriert das Kölner Frankenreich

511 Fränkisches Reichskonzil in Orléans Reichsteilung: Theuderich (Reims, Osten), Chlodomer (Orléans, Loire), Childebert (Paris, Westen), Chlothar (Soissons, Norden)

524 Tod Chlodomers

531 Theuderich erobert Thüringen

532 Eroberung Burgunds durch Chlothar und Childebert

533 Tod Theuderichs, Nachfolger Theudebert im Ostreich (533-47)

537 Erwerb der Provence für Childebert

540 Chlothar heiratet Radegunde

555 Chlothar erbt das Ostreich, 558 von Childebert den Westen

561 Tod Chlothars, Erneute Vierteilung des Reiches: Charibert (-567 in Paris), Gunthram (-592 in Orléans), Sigibert (- 575 in Reims, Champagne, Osten), Chilperich (-584 in Soissons)

566 Heirat Sigiberts mit der westgotischen Brunhilde

567 Tod Chariberts, Aufteilung seines Reiches unter den Brüdern, Dreiteilung in Austrasien, Burgund und Neustrien

568 Heirat Chilperichs mit Galswintha

568 Einwanderung der Langobarden in Italien

569/70 Chilperich lässt Galswintha ermorden und heiratet Fredegunde. Deren Konflikt mit Brunhilde

575 Ermordung Sigiberts, Chilperich bringt Brunhilde in seine Gewalt und erbt sein Reich

Gregor beginnt seine Historien.

581 Childebert II., Sohn Sigiberts, zum König erhoben. Chilperich setzt seinen Neffen Childebert zum Erben ein.

584 Chilperich in Chelles ermordet Chilperichs Sohn Chlothar II. als Erbe Neustriens anerkannt

585 Tod des aquitanischen Prätendenten Gundowald

Brunhilde und Childebert in Austrasien und Burgund gegen Chlothar II. und Fredegunde.

596 Regentschaft Fredegundes nach dem Tod Childeberts für ihre Enkel Theudebert II. und Theuderich II. Theudebert II. erhält dann Austrasien, Theuderich II. Burgund.

600 Chlothar II. von den Brüdern besiegt, die dann gegeneinander kämpfen und sterben. Bischof Arnulf von Metz und Pippin d.Ä. unterstützen Chlothar II. gegen Brunhilde

614 Pariser Edikt: Reichseinigung unter Chlothar II.

 

Das Beispiel Gelduba (Krefeld-Gellep)

 

Anschaulich wird ein Weg der Beeinflussung von Germanen durch Römer in den Ausgrabungen von Gelduba (Krefeld-Gellep). In der Nähe bestand eine Siedlung der keltischen Ubier, die offensichtlich beim Bataveraufstand 68 zerstört wird. Kurz darauf wird ein Kastell aus Holz und Erde und außerhalb davon eine Siedlung für die römischen Hilfstruppen gebaut. Während der nächsten Jahrhunderte wird es in mehreren Versionen in Stein neu errichtet. Zwischendurch wird es mehrmals zerstört. 259 sind vermutlich zum ersten Mal „Franken“ die Zerstörer, welche Besatzung und Zivilbevölkerung töten.

 

Für die Frühzeit des Kastells ist eine keltisch-römische Mischkultur nachgewiesen: Römischer Kultus unter gallischem Einfluss. Im 3. Jahrhundert kommt ein Großteil der Truppen wohl aus der näheren Umgebung: Gallorömer, Germanen, aber es gab auch Soldaten aus Dakien.

 

Außerhalb des Kastells entsteht ein Vicus mit Markt, Läden, Gaststätten und Kneipen für die Soldaten und Wohnungen für die Angehörigen, zudem Bäder und Herbergen. Es gab ein Mithraeum für den bei Soldaten beliebten Mithraskult, eine Ziegelei. Jenseits davon lagen Felder, Obstplantagen, Viehweiden und die Gräberfelder. Im Grunde konnten Germanen hier das Leben in einer kleinen städtischen Siedlung kennenlernen und einüben, so wie sie im Kastell militärische Disziplin kennenlernen.

Außerhalb gibt es in der Spätzeit des Kastells auch germanische Gehöfte mit Wohnstallhäusern und Nebengebäuden.

 

Die Menschen von Gelduba lassen sich an den Bestattungsarten unterscheiden. Die Germanen, die zum "Ethnos" der Franken beitragen, neigten zeitweilig zur Scheiterhaufenbestattung, dann zur Brandbestattung in Urnen (wie links zu sehen).

Es folgt Körperbestattung erst in Nord-Süd-Richtung, unter römisch-christlichem Einfluss in West-Ost-Richtung. Im Unterschied zu römischem Militär geben Germanen Waffen mit ins Grab, im Unterschied zu "Heiden" geben Christen zunächst wenig mit, und kehren erst später zu umfassenderen Grabbeigaben zurück.

 

Das römische Gallien besitzt eine regional unterschiedliche Mischkultur, im Kerngebiet des entstehenden Franken mischen sich römische, keltische und germanische Elemente. Es mischen sich aber auch entsprechende Kulte, zu denen das Christentum hinzukommt, ebenso wie in Gelduba und anderswo der Mithraskult.

 

Die ethnische Zusammensetzung ist noch vielfältiger. In Gelduba könnten zum Beispiel Sarmaten und Leute aus Pannonien, dem heutigen Ungarn, gelebt haben.

 

276 findet eine der nun häufigeren Zerstörungen des Kastells statt, und diesmal wird es gemäß "einheimisch-germanischer Tradition" wieder aufgebaut. "Zwar erinnern einige größere Speicherbauten an römische horrea, doch standen daneben Höfe mit Wohn-Stall-Häusern, kleinen Speichern und runden Vorratsgruben." (R.Pirling in: Franken, S. 81)

 

Im vierten Jahrhundert fehlen offenbar zunächst Germanen in Gelduba, und wenn, dann gibt es nur vollständig romanisierte. Nach der Mitte dieses Jahrhunderts tauchen sie dann wieder auf, und zwar belegt dadurch, dass sie ihren Gräbern ihre Waffen beigeben. Anfang des 5. Jahrhunderts zieht Rom Truppen zunächst aus Britannien und dann auch aus Gallien ab. Nun entsteht ein kleiner Ort, in dem ein Mitglied der fränkischen Oberschicht herrscht.

 

 

Der fränkische Rüsselbecher aus der Mitte des 5. Jahrhunderts aus Gelduba belegt ästhetische Raffinesse und technische Meisterschaft von Römern erlernter fränkischer Handwerkskunst.

 

 

 

 

 

 

Der darunter hier folgende sogenannte Spangenhelm eines Franken aus dem sechsten Jahrhundert, stammt aus einem "Fürstengrab" in Gelduba mit reichen sonstigen Grabbeigaben.

 

Dieses Grab scheint das erste eines neuen Friedhofes zu sein, in dessen Nähe wohl eine neue fränkische Ansiedlung entstanden ist, die im Auftrag Chlodwigs das neu angegliederte linksrheinische Gebiet kontrollieren soll.

 

Durch den ganzen Norden Galliens werden nun spätantike fränkische Gräber gefunden, und zwar von Männern, Frauen und Kindern. Die ersteren sind vor allem an ihren mitgegebenen fränkischen Waffen, die zweiten an den mitgegebenen Accessoires ihrer Kleidung und ihrem Schmuck zu erkennen. Offenbar wurden vor allem zahlreiche Franken, aber auch viele Sachsen und Alemannen dort im römischen Militärdienst verwendet, oft unter fränkischstämmigen Vorgesetzten. Der erste Franken-König Childerich war der Dux der Belgica II gewesen! Diese Männer bringen ihre Familien mit und werden auf Land, vor allem auf dem Boden einer Villa angesiedelt. Viele kehren aber auch ins rechtsrheinische Germanien zurück, wo sie dann zum Beispiel ihre von der Militärzeit stammenden römischen Gürtelschnallen mit ins Grab bekamen.

 

Nach der frühen Zeit fränkischer Überfälle und Grenzdurchbrüche kommt es also zu einer friedlichen Durchdringung Nordgalliens (besonders der Germania II und der Belgica II) mit Franken. Nachdem der letzte weströmische Kaiser abgedankt hat, tritt für sie Childerich das Erbe Roms an. ( H.W.Böhme in: Franken I, S.92ff)

 

 

Gregor von Tours und seine Welt

 

Von einer "Welt des Gregor von Tour" zu schreiben, scheint mir deshalb sinnvoll, weil wir ohne seine Texte, insbesondere das Geschichts- und Geschichtenbuch 'Historiarum Libri Decem', enorm viel weniger über die Merowingerzeit wüssten. Und für die Zeit zwischen seinem Tod und dem Aufstieg der Karolinger wissen wir heute eben auch entsprechend weniger.

 

Informativ ist der Text zumindest für die Zeit des erwachsenen Bischofs im 6. Jahrhundert, irgendwann um 580 geschrieben. Allerdings ist das eine Aneinanderreihung von Ereignissen, die zum Teil überprüfbar sind, von Geschichten, deren Tatsachengehalt kaum überprüft werden kann, und von Wertungen und Parteilichkeit, die wir heute gelegentlich auf seine gallorömischen Familieninteressen, seine Position als Bischof und insbesondere als solcher von Tours zurückführen können. Dabei erweist er sich immer wieder als eher spät- denn nachantik in unserem Sinne.

 

In Gregors Texten erfahren wir zunächst etwas über ihn und dann erst durch die massiven Filter seiner Anschauung etwas über andere. Noch bedauerlicher ist, dass Gregor als Teil der "senatorischen" Oberschicht, die sich in einem gegenseitigen Durchdringungsprozess mit der fränkischen Herrenschicht befindet, die Masse der Bevölkerung, die unteren und mittleren Schichten, nur kursorisch streift - und das nicht um ihrer selbst willen, sondern vor allem dort, wo sie Opfer des Krieger"adels" werden oder kurz einmal in Städten eigenständig handeln.

 

Außerdem ist die Auswahl dessen, was Gregor darstellt, von seinem christlichen Geschichtsbild geprägt, welches die Menschenwelt in einem ihrem Ende entgegen strebenden Zweikampf zwischen Gut und Böse sieht. Indem wir dem Lauf der Zeiten folgen, berichten wir vermischt und ineinander verwirrt von den Wundertaten der Heiligen und den Unfällen der Völker. (Prosequentes ordinem temporum, mixte confusequae tam virtutes sanctorum quam strages gentium memoramus. Gregor II, Einleitung).

Wie Heinzelmann dargelegt hat, entspricht das der "Vermischung der beiden Civitates des (augustinischen) Gottesstaates und der >civitas mundi<". (S.92) Gregor schreibt dabei vor allem eine Geschichte von Königen und Bischöfen.

 

Dieses dualistische Geschichtsbild, schon laut Augustinus von Anfang an die Welt als Schöpfung konstituierend, zielt ab auf das nahe Weltende, das Gregor zwar gelegentlich erwähnt, das ihm aber wohl kaum so akut erscheint wie beispielsweise seinem Zeitgenossen Papst Gregor ("der Große") oder mehr als ein halbes Jahrtausend später Otto von Freising in seiner Chronik (Geschichte der zwei Städte). Dennoch schreibt er gegen Ende seines Lebens:

In Gallien suchte die oft genannte Seuche die Provinz (provintia) von Marseille heim. Die Gebiete von Angers, Nantes und Le Mans litten unter großer Hungersnot. Damit hebt sich <allererst die Not an>, wie der Herr im Evangelium sagt: >Es werden sein Pestilenz und teuere Zeit und Erdbeben hin und wieder, und es werden sich erheben falsche Christi und falsche Propheten, die Zeichen und Wunder tun, dass sie auch die Auserwählten verführen>, wie solches alles in dieser Zeit geschehen ist. (Üb.Buchner, H:X,25)

 

Gregor spielt dabei wie an anderen Stellen von Buch X, insbesondere auch Kapitel 23 und 24, auf Passagen in den Evangelien an und auf ausführlich in der 'Apokalypse (Offenbarung) des Johannes' erwähnte Endzeiterwartungen, die mit den oben beschriebenen Ereignissen eingeleitet werden sollen.

 

Dieser Georgius Florentius Gregorius (538-594) stammt wohl aus der Auvergne und entstammt auf beiden Seiten Familien, die Bischöfe stellten und aus dem senatorischen (römischen) Adel kamen.(Vgl. Heinzelmann, S.10ff). Viele Vorgänger im Bischofsamt von Tours sind Verwandte von ihm. Er erhält seine erste Bildung bei Avitus, dem zukünftigen Bischof von Clermont. Ein typischer Zugang zum Klerikerstand trifft auch auf ihn zu: Er kränkelt des öfteren, der ungefähr Dreizehnjährige erkrankt am Magen und verspricht für die Genesung Kleriker zu werden. 563 ist er offensichtlich wieder einmal so krank, dass er sein Ende nahe sieht und begibt sich mit Freunden und Klerikern zum Grab des heiligen Martin nach Tours, wo er, inzwischen wohl Diakon in der Auvergne, Heilung findet. Das verstärkt seine lebenslange Martinsverehrung, beschrieben in 'De virtutibus sancti Martini episcopi'.

 

Bis Gregor 573 in Reims zum Bischof von Tours geweiht wird, erfahren wir wenig, aber zumindest aus einem Gedicht seines Freundes Venantius Fortunatus, dass er drei Gönner hatte, die königliche Nonne Radegundis in Poitiers (s.u.) und das austrasische Königspaar Sigibert und Brunichild. (Heinzelmann, Gregor S.27ff)

 

561 ist Chilperich I. von Neustrien an die Macht gekommen, der nach dem Tod des Kollegen Charibert die Gebiete von Tours und Poitiers an sich gerissen hat, die eigentlich dem austrischen Sigibert zugestanden hätten, der von Reims aus regiert. Derweil wird das damalige Burgund von Orléans aus von König Gunthram regiert.

Bischof wird man in Treue zum König, für Gregor ist das Sigibert, und mehr oder weniger übernimmt man in spätantiker Tradition ein gutes Stück Stadtherrschaft. Venantius nennt denn auch Freund Gregor unter anderem caput Turonis, plebis pater und ähnlich. (Heinzelmann, Gregor, S.36) Als der Sohn Chilperichs Tours einnimmt, unterstellt er laut Gregor den von ihm eingesetzten Grafen dem Bischof, dem er die Treue schwört. (Gregor V,48: in omnibus esse fidelem)

 

Gregors Land ist das immer noch ein Stück weit römisch geprägte Gallien unter fränkischer Herrschaft. Seit mehreren Generationen beherrscht eine eingewanderte Schicht von Franken, von Kriegern und Bauern vor allem, einen immer größeren Teil dieses Galliens. Insbesondere in den Städten im Süden gibt es aber eine Kontinuität von Macht und Besitz der Gallorömer; zwei Kulturen bewegen sich aufeinander zu, um am Ende je nach Gegend ganz unterschiedlich zu verschmelzen.

 

In Gregors Text gibt es immer noch die Autorität eines (ost)römischen Kaisers, der einen Papst einsetzt (Gregor X,1: ipsum iussit institui). Es gibt mit Kaiser Tiberius eine positive (christliche) Herrschergestalt. Es gibt „Senatoren“ in Gallien, Tribunen und „tribunizische Gewalt“, zudem den Patricius. Überhaupt werden die Machtstrukturen weiter mit römischen Titeln bezeichnet, auch wenn ihr Inhalt sich wandelt: Es gibt den Rex, den Dux, den Comes, nur die Leudes repräsentieren schon vom Wort her germanisches Gefolgschaftsdenken.

 

Ein dux, Anführer, Feldherr, kann dabei vieles sein. Er kann über mehrere Städte mit ihrem pagus herrschen (Gregor VIII,26), er kann eine Armee oder eine Teilarmee unter seinem König in den Krieg führen.

 

Das Gallien, welches Gregor betrachtet, ist weiterhin in civitates aufgeteilt, Städte mit ihrem Umland, und in ihnen wohnen cives, freie Römer und Germanen, sowie unfreie Menschen. Die civitates haben ein Doppelregiment aus Bischof und comes, letzterer vom König eingesetzt, ersterer meist von der königlichen Gewalt abhängig, obwohl Könige vor Ort auch mit den Bischöfen herrschen müssen.

 

Die Spitze der Oberschicht bilden weiter die "Senatoren", zu denen auch Gregor gehört. Besonders in den ersten Büchern seiner Historien taucht der Begriff immer wieder auf (z.B. Gregor II,33 / II,37 / III,15).

Genauso wird der "Patricius" zunächst in die fränkische Welt gerettet: Cum autem Gunthchramnus rex regnum partem, sicut fratris sui, obtenuisset, amoto Agroecola patricio, Celsum patriciatus honori donavit, virum procerum statu... (IV, 24). Als Gunthram also König wird, setzt er einen Patricius ab und ernennt einen anderen.

Einen solchen Patricius gibt es vor allem weiter für den Südosten mit seiner Sonderstellung, dort, wo es gilt, die Langobarden abzuwehren, d.h. für die zukünftige Provence. Und so heißt es: Eunius quoque cognomento Mummolus a rege Gunthchramno patriciatum promeruit, und: Mummolus, arcessitus a rege, patriciatus culmine meruit (Gregor IV,42) Das Patriziat ist dort also ein culmen, der Gipfelpunkt der Karriere unter dem König.

 

Bei Gregor taucht sogar ein "Tribun" auf, Medardum tribunum (VII,23), wohl ein militärisches Amt. Die räuberischen Söhne des Waddo fallen über einen solchen her: alium tribunitiae potestatis virum circumventum dolis interfecerunt (X,21)

 

Im wesentlichen bleibt die alte gallorömische Oberschicht der proceres erhalten, vor allem in den südlichen und westlichen Zweidritteln Galliens. Sie bleibt unter den Franken privilegiert, wie eine kleine fränkische Oberschicht auch, aber sie ist kein rechtlich fixierter "Adel".

 

Bischof Dalmatius von Rhodez stirbt. Nach seinem Begräbnis wird das Testament des Bischofs vor König und proceres verlesen. (testamento antestitis in praesentia Childeberthi regis ac procerum eius... Gregor V,46)

Ein Gunthram Boso hatte sich den Hass der Königin Brunichilde zugezogen, und deren Sohn König Childebert will sie nun rächen. Gunthram Boso coepit per episcopus ac proceres discurrere et veniam (Gunst) sero praecare, quam ante dispexerat. (IX,8)

 

Gregors Welt ist in gentes eingeteilt, was ursprünglich einen wirklichen und dann einen ideellen Verwandtschaftsverband meinte, das, was neuhochdeutsch als Stamm oder Volk bezeichnet wird. So gibt es bei ihm die Francorum gens (z.B. Gregor II,12), wie auch die Langobarden und andere eine bilden (Gregor VI,6) .

 

Zur Bestattung des ermordeten Bischofs Praetextatus heißt es: Magnus tunc omnes Rothomagensis cives (Bürger von Rouen) et praesertim seniores loci illius Francos meror obsedit (VIII,31). Besonders kamen die vornehmen Franken, die anderen sind damals wohl die Gallorömer, - und im Norden in der zukünftigen Normandie bedeuten herausragende Franken als die (ehemaligen) Eroberer wohl die deutlichste Ehrung für den Bischof, sind sie doch erst seit wenigen Generationen überhaupt "Christen".

 

Die rechtlich klar voneinander abgegrenzten Bevölkerungsgruppen des Römerreiches verlieren allerdings mit einem Teil ihrer Funktionen und Rechte zunehmend ihre Konturen. Primär gibt es die Freien und die Unfreien, dann gibt es die aus der Römerzeit stammende Oberschicht und die neue, von den Franken etablierte.

 

Seit König Childerich ist das Verhältnis der gallorömischen Bischöfe zur fränkischen Oberschicht eher gut. Sie werden als neuer Ordnungsfaktor akzeptiert, nachdem der alte weggebrochen ist. Das verstärkt sich noch, als Chlodwig mit seiner Gefolgschaft zum katholischen Glauben übertritt.

 

Der Propagandist des römisch-katholischen Franziens im Gegensatz zu den arianischen Goten schreibt schon für die Zeit Chlodwigs: Viele wünschten schon damals in Gallien von ganzem Herzen, die Franken zu Herren zu haben (Multi iam tunc ex Galleis habere Francos dominos summo desiderio cupiebant. II,35) - was in dieser Klarheit wohl bezweifelt werden kann.

 

Für den spätantik geprägten Gregor ist aber der Unterschied primär kein ethnischer, sondern eben ein religiöser. Gleich im Anschluss daran erzählt er nämlich, dass der Bischof von Rodez von dem (pro)gotischen Bevölkerungsanteil vertrieben wird, weil er die frankisch-katholische Herrschaft anstrebe. In der Einleitung zum nächsten Kapitel kommt er wieder darauf zurück: Wenn es genehm ist, möchte ich kurz vergleichen (conferre), wie die Christen, die der heiligen Dreifaltigkeit vertrauten, gut vorankamen, und wie die Häretiker ins Verderben gerieten (fuerint in ruinam).

 

Mit seinem Wortgebrauch von gens wird andererseits aber bereits unbewusst die Grundlage gelegt für jene ideologischen Termini, die Reich, Volk und Verwandtschaft zur Deckung bringen wollen. Bei Gregor treten denn auch die „Franken“ begrifflich meist als eine einheitliche Gruppe auf, weswegen Chlodwig I. bei ihm einen so großen Raum einnimmt: Der macht aus den unterschiedlichen Volksgruppen durch Einverleibung und Herrschaft erst „die Franken“, und durch seine Bekehrung zum römischen Christentum tritt er dann die Nachfolge römischer Traditionen an, was ihm der (ost)römische Kaiser schließlich bestätigt.

 

***Der König und die "Ämter"***

 

Ein fränkischer König hat eine Art Charisma und das muss sich in seiner Machtentfaltung auch erweisen. Dazu hat er Speer und Schild als Herrschaftszeichen. Er hat einen Thron, eine cathedra also, die ihn symbolisch über die anderen erhebt. Er hat einen Siegelring, den er von den Römern übernommen hat, und ganz unübersehbar hatte er langes Haupthaar, welches magische Kraft symbolisiert.

 

Dieses lange Haar abscheren bzw. ihm eine Tonsur verpassen heißt genauso wie bei den Westgoten soviel wie ihn abzusetzen. Merowinger, so sie ihre hochstehenden Gegner nicht töten, verpassen ihnen eine Tonsur und kürzen das restliche Haar, machen sie so zu Priestern oder Mönchen und damit wehrlos, ein für freie Franken zunächst demütigender Vorgang. In der Klausur des Klosters sind sie zudem so gut wie eingesperrt.

 

Der Königstitel und die Herrschaft über das Frankenreich sind im Besitz einer Familie, der Merowinger. Unter familia verstand man in römischer Tradition den kompletten Haushalt. So kann Gregor über den "bösen" König Chilperich schreiben: Rex vero, ascenso equite, Parisius est regressus cum coniuge et filia vel omni familia sua. (VI,5) Also: Ehefrau, Tochter und die ganze Familie. Nach dem Suizid von comes Palladius omnes familia voces planctus emittit (IV,39) Das waren alle Mitglieder seines Haushaltes und dazu sein unmittelbares Gefolge.

 

Haupt der Familie ist wie in der römischen Antike der Vater, nach seinem Tod gegebenfalls seine Witwe. Die alltägliche Verwaltung hochgestellter Familien übernimmt der maior domus, später als Hausmeier eingedeutscht. Die Karolinger werden auch als Hausmeier merowingischer Herrscherfamilien aufsteigen.

 

Durch das Erbkönigtum entfällt die Schilderhebung durch das Heer. Stattdessen nimmt der königliche Nachfolger seinen Herrschaftsbereich durch einen "Umritt" sichtbar in Besitz. Dabei leisten die Civitates einen Eid auf ihn (Weidemann 1, S.17).

Hat ein König wie Gunthram keinen Sohn, so kann folgendes geschehen, wie Gregor beschreibt: Hierauf schickte König Gunthram zu seinem Neffen Childebert Gesandte, trug ihm Frieden an und wünschte ihn zu sehen. Da kam dieser mit seinen Großen zu ihm, und bei der Brücke, die man die Steinerne nennt, kamen sie zusammen und grüßten und küssten sich gegenseitig. Es sprach aber König Gunthram: "Es ist meiner Sünden Schuld, dass ich jetzt ohne Kinder dastehe, und deshalb wünsche ich, diesen meinen Neffen zu meinem Sohne anzunehmen." Und indem er ihn auf seinen Thron setzte, übergab er ihm das ganze Reich und sprach: "Ein Schild schirme, ein Speer verteidige uns. Und wenn ich noch Söhne bekommen sollte,, will ich doch dich gleich wie einen von ihnen halten, und dieselbe Liebe soll mich mit dir und mit ihnen verbinden, die ich dir heute hier vor Gottes Angesicht gelobe." Die Großen Childeberts aber gelobten für ihn das Gleiche. Und sie aßen und tranken zusammen und ehrten sich durch wertvolle Geschenke, dann schieden sie in Frieden. (X,5)

 

Der lebenslange König mit seinen Residenzen entwickelt Frühformen eines "Hofes" mit seinen Ämtern. Neben dem Hausmeier ist das vor allem der Schatzmeister (thesaurarius/cubicularius) und der Kämmerer (comes palatii/camerarius) als eine Art Quartiermeister, wobei ersterer als Pfalzgraf bald Vorsitzender des königlichen Gerichtes wird. (Hartmann, S.99)

Für die Schreibarbeiten entsteht eine Kanzlei, die von einem "Referendar" geleitet wird, den "Notare", also "Schreibkräfte" unterstützen.

Schließlich gibt es am Hof noch Ärzte, Goldschmiede, Münzmeister, Köche usw.

 

Mit einem solchen Hofes entsteht auch langsam eine neue Form höfischen Lebens. Neben den Amtsträgern versammelt sich dort ein engerer Kreis von Gefährten um den König, man isst und trinkt zusammen und bespricht, was anliegt. Wer aus der Oberschicht etwas auf sich hält, wird versuchen, seine Söhne in der Nähe der Königssöhne unterzubringen, damit sie gemeinsam erzogen werden. Neben den Klosterschulen für den geistlichen Nachwuchs sind das bald fast die einzigen Orte, der allgemeinen Tendenz zur Analphabetisierung zu entgehen, die im 8. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreicht. Selbst der große Karl wird des Schreibens unfähig sein.

 

Die unmitttelbare königliche Machtbasis bilden die leudes, das Gefolge, das laut einzigem überliefertem Vertrag zwischen zwei merowingischen Herrscherhäusern auf den Herrn eingeschworen wird. Als trustis bzw. Antrustionen gehen sie in die Quellen ein.

 

Regionalherren verleihen die Könige den Titel dux, der mit Oberaufsicht über mehrere Civitates und mit der Heeresfolge verbunden ist. (Gregor VIII,26) In der Champagne waltet so Lupus vero dux Campanensis (Gregor VI,4).Der Titel leitet sich möglicherweise von den römischen Militärführern auf Provinzebene ab, wie sie seit dem 4. Jahrhundert aufkamen.

Ennodius wird zum Dux von Tours und Poitiers eingesetzt. Sein Vorgänger Berulf hatte offenbar die Schätze König Sigiberts gestohlen. Deshalb wollte er auch nicht abtreten, worauf Dux Rauching eingesetzt wird, um ihn und seinen Kumpanen niederzuringen, wobei auch Teile der Schätze gefunden werden.

Schließlich erhält Ennodius auch noch das "Prinzipat" für Aire und Béarn. Die Comites von Tours und Poitiers lehnen ihn ab, darauf nimmt ihm der König auch noch seine übrigen Aufgaben und er wird Privatmann (privati operis curam gerit. (Gregor IX,7)

Toronicis vero atque Pectavis Ennodius dux datus est. Berulfus autem, qui his civitatibus ante praefuerat, pro thesauris Syghiberti regis, quos clam abstulerat, cum Arnegysilo socio suspectus habetur. Qui cum hoc ducatum in supradictis urbibus expeterit, a Rauchingo duce, facto ingenio, cum satellite allegatur. (VIII,26)

Ennodius cum ducatum urbium Thoronicae atque Pectavae ministraret, adhuc et Vice Iuliensis atque Benarnae urbium principatum accipit.(IX,7)

 

Vor allem sind Duces aber Heerführer. Dux Desiderius zieht gegen die (West)Goten, und bietet dafür das Heer auf: exercitum commovit. (Gregor VIII,45) König Childebert schickt ein Heer nach Italien: exercitum in Italiam commovere iubet ac viginti duces ad Langobardorum gentem debellandam dirigit.(X,3)

 

Für die einzelnen Civitates sind die comes zuständig, aus denen viele Jahrhunderte später "Grafen" werden. Der Comes ist ursprünglich der "Gefährte" des Kaisers, und daraus wird später ein römischer Offizier. Der ursprüngliche Sinn ist ein wenig noch im comes stabuli (z.B. Gregor X,5) der Merowingerzeit erhalten, dem Aufseher über die Pferde.

Comites haben Aufgaben in der Verwaltung, leiten das Gericht der Civitas und das dortige Militär. Peonius vero huius municipii comitatum regebat. Er "regiert" also Auxerre "als Graf" (IV,42)

Wiewohl Gregor im nächsten Text extrem parteiisch ist, wird doch deutlich, dass die Macht des Comes nach unten der Ohnmacht nach oben zum König entspricht. Im Sinne des Bischofs wird der Comes Leudast vom König abgesetzt, offenbar um die Konflikte mit dem wichtigen Bischof zu reduzieren:

Audiens autem Chilpericus omnia mala, quae faciebat Leudastis ecclesiis Toronicis vel omni populo, Ansovaldum illuc dirigit. Qui veniens ad festivitatem sancti Martini, data nobis populo optionem, Eunomius in comitatum erigitur. Denique Leudastis cernens se remotum, ad Chilpericum dirigit, dicens: 'Usque nunc, o piissime rex, custodivi civitatem Turonicam; (Wächter der Stadt als gräfliche Aufgabe) nunc autem, me ab actione remoto, vide, qualiter custodiatur. Nam noveris, quia Gregorius episcopus eam ad filium Sygiberthi tradere distinat'. Quod audiens rex, ait: 'Nequaquam, sed quia remotus es, ideo haec adponis'. Et ille: 'Maiora', inquit, 'de te ait episcopus; dicit enim, reginam tuam in adulterio cum episcopo Berthramno misceri' (verbunden). Tunc iratus rex, caesum pugnis et calcibus, oneratum ferro recludi praecepit in carcere. (V,47)

 

Diese Stelle zeigt, dass man die anderweitigen Abqualifizierungen des Chilperich durch Gregor mit Vorsicht genießen muss. Darum ist sein folgender Abschnitt (V,48) über Leudast möglicherweise auch etwas einseitig.

 

...sein Vater war ... Knecht bei einem Domänenwinzer (a fiscalis vinitoris servo). Er wurde alsdann für den Dienst (ad servitium) angefordert und der königlichen Küche zugeteilt. Da er jedoch in seiner Jugend triefäugig war und den scharfen Rauch nicht vertrug, nahm man ihn vom Kochtopfe weg und brachte ihn an den Backtrog. Da tat er nun so, als ob er sich beim Sauerteig ganz wohl befände, floh aber und entzog sich dem Dienst. Als er zwei- oder dreimal wieder eingefangen worden war und man ihn nicht anders von abermaliger Flucht abhalten konnte, schnitt man ihm zur Strafe das eine Ohr ein. Er flieht zu Marcovefa, wie ihre Schwester Gemahlin von König Charibert, die ihn zum Aufseher über ihre besseren Pferde macht, als comes stabulorum. Er wird reich und nach dem Tod der Marcovefa zur Strafe für die Sünden des Volkes als Graf nach Tour geschickt. Als König Sigibert die Stadt nach dem Tod Chariberts erhält, wird er von dessen Leuten ausgeraubt und flieht in die Bretagne. Als Gregor schon Bischof von Tours ist, erobert Theudebert für seinen Vater Chilperich die Stadt. Etwas später wird Leudast wieder Comes. Nun betrug er sich so unbedacht und hochmütig, dass er selbst im Panzer und Harnisch, den Köcher auf der Schulter, einen Speer in der Hand und den Helm auf dem Haupte in das Kirchenhaus kam; dabei war er vor niemand sicher, weil er allen feind war. Wenn er zu Gericht saß im Kreise angesehener Männer, Laien oder Geistlichen, und einen fand, der einen Rechtsfall betreiben wollte, so wurde er ganz wütend und brach in Schmähungen gegen die Bürger aus; Priester ließ er in Fesseln legen, Krieger mit Knütteln schlagen...(V,48)

 

Der Comes wie auch der Dux sind also nicht erst Endpunkte einer Laufbahn, jeder Freie kann offensichtlich dahin aufsteigen, wenn er den König entsprechend beeindruckt.

 

Das Heer von Gunthram zieht gegen den Kronprätendenten Gundovald und den Kämmerer Eberulf. Letzterer hatte sich in eine Kirche geflüchtet. Im Auftrag des Königs soll Claudius ihn erledigen. Er bewegt einen Comes, ihm Truppen zur Verfügung zu stellen:

Regressus autem ad Dunensem castrum (Châteaudun), comitem commovit, ut ei trecentos viros quasi ad costodiendas Toronicae urbis portas adiungeret, scilicet ut, cum venisset, per eorum solatium Eberulfum possit obpremere. ...comes loci viros istos commoneret... (Gregor VII,29)

 

In ihrem Befehlsbereich haben also auch Comites Truppen zur Verfügung bzw. können sie ausheben. Zudem untersteht ihnen die Rechtspflege und Rechtsprechung. Der Comes ist Gerichtsherr im Comitat, damals auch noch für die Geistlichkeit unterhalb des Bischofsrangs. Er ist also für die Aufrechterhaltung der Ordnung vor Ort zuständig, weshalb Weidemann sein Truppenkontingent als "Polizeitruppe" bezeichnet (1, S. 66).

 Comes Macco von Poitiers möchte Räubereien der Söhne des Grafen Waddo beenden und wendet sich an den König, so wie die Halunken auch: Eunte autem comite, ut debitum fisco servitium solite deberet inferre. (X,21) Tatsächlich verurteilt der König die Räuber und zieht ihr Diebesgut für den Kronschatz ein (!). Interessanter aber ist die Erwähnung, dass der Comes Abgaben einsammelt und dem König bringt.

 

Im 7. Jh. tritt zum ersten Mal ein grafio in Erscheinung, und ganz langsam wird er dann zu einem Synonym für comes. Selbstredend ist das (noch) nicht der Graf des späteren Mittelalters.

 

Das alles sind Vorformen von Staatlichkeit, sie bilden aber noch keinen Staat. Das Reich hängt an der Person des Herrschers, und genauso ist es mit den "Ämtern", die genaugenommen noch keine sind: Ein Graf beispielsweise erhält seine Machtbefugnis von einem bestimmten König und diese endet mit dessen Tod. Ausschließlich Beziehungen zwischen Personen konstituieren das Reich.

 

Entsprechend hängen auch Steuern und Abgaben an der Person des Herrschers. Mal wird laut Gregor Landbesitz besteuert, mal der Ertrag daraus. Für seine Unfreien muss der Herr eine Art Kopfsteuer abgeben. Zuständig dafür ist der Comes. Dann gibt es Einnahmen aus Zöllen, eingetrieben von Leuten, die einen Anteil daran für sich behalten als Bezahlung. Gerichtsstrafen landen im königlichen Schatz. Es gibt die Einnahmen aus dem Fiskalland, den Königsgütern. Und schließlich bedeuten erfolgreiche Kriege Beute, die bald ganz dem König zufällt (von Plünderungen des Militärs abgesehen).

 

Herrschaft der Könige basiert also auf ihrem königlichen Besitz, dem Fiskus, auf den Abgaben der Untergebenen (die Proceres sind ausgenommen), auf der Familia, der unmittelbaren Gefolgschaft, den Leudes, auf der regionalen Folgsamkeit der Duces und Comites und der Zusammenarbeit mit den Bischöfen. In diesem Machtgeflecht tauchen bei Gregor immer wieder pueri auf.

 

Der römische puer war sowohl ein Knabe, ein Jüngling, und später im Umfeld der noblen Oberschicht auch der Page. In den Texten Gregors ist es schwer, diese für die geschilderten Ereignisse so wichtigen Leute einzuordnen. Aber es handelt sich wohl um unverheiratete Mitglieder des Gefolges.

 König Sigibert kämpfte gegen seinen königlichen Bruder Chilperich. Dessen Gemahlin Fredegunde lässt ihn darauf umbringen: Tunc duo pueri cum cultris validis (scharfe Messer), quos vulgo scramasaxos vocant, infectis vinino (vergiftet), malificati (verhext) a Fredegundae regina, cum aliam causam suggerire simularent (unter einem Vorwand), utraque ei latera feriunt (stachen ihn in beide Seiten). (Gregor IV,51)

Der bei Gregor so unbeliebte Comes Leudast lockt aus Liebe zu Königin Fredegunde zwei pueri des aufständischen Chilperich-Sohnes Merowech auf dem Lande in den Hinterhalt, erschlägt sie mit dem Schwert, und würde auch Merowech erschlagen, wenn sich die Gelegenheit böte: Leudastis tunc comis, cum multas ei in amore Fredegundis insidias tenderit, ad extremum pueros eius, qui in pago egressi fuerant, circumventus dolis gladio trucidavit, ipsumque interimere cupiens, si repperire loco oportuno potuisset. (Gregor V14:)

König Gunthram schickt einen puer zu einer Wahrsagerin (V,14). Die Gesandtschaft Chilperichs nach Byzanz zu Kaiser Tiberius ist cum pueris (VI,2). Chilperich wird 584 auf der Jagd von einem seiner pueri im Auftrag einer Adelsgruppe erdolcht. (VI,46)

Claudius, der Eberulf umbringen möchte, wartet, bis dessen pueri abwesend sind (Gregor VII,29) Der Graf von Bourges schickt pueros suos aus, dass sie auch auf dem Kirchengut des hl. Martin in der Civitas Bourges den Heeresbann eintreiben: Biturigum quoque comes misit pueros suos, ut in domo beati Martini, quae in hoc termino sita est, huiusmodi homines spoliare deberent. (VII,42) Ein Kaufmann zieht cum duobus pueris Saxonibus und viel Geld heimwärts. Da er seine pueri schlecht behandelt hatte, bringen sie ihn unterwegs um.(VII,46)

 

 

Gregor lobt den für heutige Begriffe grausamen und hinterhältigen Chlodwig, weil er das katholische Christentum einführt und seine Herrschaft zu einem Ordnungsfaktor wird. Für seine eigene Zeit wird König Gunthram von Burgund der „gute König“, und der Gegenspieler zum „bösen“ Chilperich (Heinzelmann, 49ff). Gunthram praktiziert offenbar bereits etwas mehr förmliches Christentum und will offenbar die Bischöfe stärker in seine Herrschaft einbeziehen, bzw. "wie ein guter Priester" handeln:

Derselbe König aber war, wie wir oft gesagt haben, groß im Geben von Almosen, bereitwillig im Wachen und Fasten. Eine Krankheit breitet sich aus. Und der König kümmerte sich wie ein guter Priester um die Mittel, durch die die noch nicht verheilten Narben des sündigen Volkes geheilt werden könnten. So befahl er dem ganzen Volk, in der Kirche zusammenzukommen und mit größter Andacht Bittgebete abzuhalten und nichts anderes als Gerstenbrot und schlichtes Wasser zu sich zu nehmen. Er verlangte, dass sie alle bei diesen Wachen unablässig anwesend seien. Das machen die Leute auch. (IX,21)

 

Wie erfolgreich sie waren, sagt uns Gregor hingegen nicht, immerhin aber, dass das Berühren des Mantels dieses Königs schon Heilkräfte entfalten könne – wie man ihm erzählte...

Ipse autem rex, ut saepe diximus, in elymosinis magnus, in vigiliis atque ieiuniis prumptus erat.... Sed rex acsi bonus sacerdus providens remedia, qua cicatrices peccatoris vulgi mederentur, iussit omnem populum ad eclesiam convenire et rogationes summa cum devotione celebrare et nihil aliud in usu vescendi nisi panem ordeacium cum aqua munda munda adsumi, vigiliisque adesse instanter omnes iobet.

 

In einer Welt, in der das Gute und das Böse, das Reich Gottes und das des Fürsten dieser Welt vermischt ist, ist die Perspektive Gregors die enge Verbindung von geistlicher und weltlicher Macht, die weitere "Christianisierung" der letzeren. Das Gunthram genauso hart und brutal wie Chlodwig und Chilperich sein konnte, wird aber beiläufig doch deutlich:

König Gunthram entdeckt in seinem Vogesenforst die Spuren eines erlegten Büffels. Als er den Waldhüter streng dazu befragt, wer sich im königlichen Wald so etwas herausnähme, gibt der den Namen des königlichen Kämmerers Chundo an. Der bestreitet das, und die Wahrheit soll durch einen Zweikampf der beiden herausgefunden werden, für den Chundo seinen Neffen schickt. Sie sterben beide und Chundo flieht. Der König lässt ihn ergreifen und steinigen. (Gregor X,10)

 

Dennoch, Gregors Perspektive ist die Einbeziehung der Bischöfe in die Herrschaft einerseits und die Christianisierung weltlicher Herrschaft andererseits. Unterhalb des Königs ist der Dux Chrodin ein Musterbeispiel dafür:

ein Mann von ausnehmender Güte und Frömmigkeit, ein großer Geber von Almosen und ein Wohltäter der Armen, höchst freigebig gegen die Kirchen, wohltuend gegenüber der Geistlichkeit. Er richtete oft neue Höfe ein, legte dort Weinberge an, baute Wohnhäuser, bestellte die Äcker, und dann lud er Bischöfe, deren Kirchen nur ein geringes Vermögen hatten, zu einem Mahle und verteilte untersie die Häuser mit den Bauern und den Äckern, dem Silber, den Wandbehängen, dem Hausgerät, den Dienstleuten und Dienern: „All das“, sagte er, „ soll der Kirche gehören, damit sie sich um die Armen kümmert und mir daraus die Gnade Gottes erwächst.“ (Gregor VI,20)

 

 

***Grausamkeit***

 

Das Gewalttätigkeit per se etwas negatives sei, wird erst das Christentum kurz einführen, dann aber kaum noch durchsetzen. Unsere Bedeutung des Wortes "grausam" wird sogar erst nach dem Mittelalter deutlich. Gewalt meint ursprünglich Walten, die freie Tätigkeit („Das walte Gott“). Grausam war ursprünglich alles, wovor einem graute.

Das mittelhochdeutsche gruwen benennt eine Mischung aus Furcht und Widerwillen, Abscheu. Das "Grauen" als Substantiv und im neueren Sinne ist laut Duden (Herkunftswörterbuch) so noch nicht im Mittelalter vorhanden. Gruwesam bezeichnet so noch keine Intention, sondern eine Gefühlsreaktion. Hingegen ist das lateinische crudelis/crudeliter (von crudus: roh, gefühllos) obiger Textstelle das, was unsere heutige "Grausamkeit" bezeichnet.

 

Grausamkeit ist ein (unnatürliches) moralisches Verdikt und den Germanen war es offenbar auch fremd, so weit die Quellen reichen. Insgesamt scheint Empathie in geringerem Umfang erlernt worden zu sein als später. Was wir in den Quellen lesen, ist oft eher aggressiv durchgesetzter Gerechtigkeitssinn, der das Talionsprinzip vertritt bzw. ein Recht auf Rache. Zuviel Empathie hätte das Durchsetzungsvermögen des Einzelnen beeinträchtigen können.

 

 

Gerechtigkeit wurde in letzter Instanz bei den Germanen durch die Fehde und die Rache hergestellt. Gegenstand des Streites sind Eigentum, körperliche Unsehrsehrtheit und Ehre, und das bleibt bis ins hohe Mittelalter auch so, wiewohl Herrscher und Kirche bestrebt sind, dem Fehderecht ein Ende zu setzen.

 

In Paris geriet damals ein Weib in Verdacht (ruit in crimine). Viele behaupteten nämlich, sie habe ihren Mann verlassen und ein Verhältnis mit einem anderen. Daher kamen die Verwandten des Mannes zu ihrem Vater und sagten: Beweise entweder, dass deine Tochter unschuldig ist, oder sie muss gewiss sterben, damit ihr Ehebruch nicht Schande über unser Geschlecht bringt.“ „Ich weiß,“sagte der Vater, „dass meine Tochter völlig unschuldig ist, und es ist kein Wort wahr von dem, was schlechte Menschen behaupten. Damit jedoch diese Beschuldigung nicht wieder vorkommt, will ich ihre Unschuld durch einen Eid bekräftigen“ Und jene darauf: „Wenn sie unschuldig ist, so bestätige dies durch einen Eid über dem Grab des heiligen Märtyrers Dionysius.“ So geschieht es auch, aber die Partei des Ehemannes fällt über die der Frau her und es kommt zu einem Gemetzel. Viele wurden mit dem Schwert verwundet, die heilige Kirche mit Blut bespritzt, die Türen von Speeren und Schwertern durchbohrt und bis zum Grab selbst (des Heiligen) drangen die entsetzlichen (Wurf)Geschosse. Alle Beteiligten müssen dann Sühne leisten, bevor sie wieder in die Kirche aufgenommen werden. Die Frau aber machte nach wenigen Tagen, als sie zum Gericht (iudicium) gerufen war, ihrem Leben mit dem Strick ein Ende. (Gregor V,32)

 

Unser Gregor beschreibt eine Doppelwelt der Extreme im Heiligen wie im Diabolischen. Sie lassen Alltag dazwischen aus. Die folgenden Beispiele sollen also nicht den Eindruck vermitteln, sie seien alltäglich, was wir gar nicht wissen können.

 

Nachdem Gregor ausführlich alle Schandtaten seines Diakons Riculf beschrieben hat, die ihn auch selbst betrafen, so am Ende die Tatsache, dass er ihn bei Childerich verleumdet hatte, berichtet er folgendes:

Riculf wurde zum Tode verurteilt. Nur knapp erwirkte ich für ihn das Leben, von der Folter konnte ich ihn jedoch nicht befreien. Denn nichts, kein Stück Metall, hätte so viele Schläge aushalten können, wie dieser elendeste aller Menschen (miserrimus). Von der dritten Stunde des Tages hing er, die Hände zusammengebunden, an einem Baum. Um die neunte Stunde nahm man ihn ab, spannte ihn auf den Bock und schlug ihn mit Prügeln, Ruten und doppelten Riemen, nicht einer oder zwei, sondern so viele nur an den Körper des Armen herankommen konnten, so viele schlugen auf ihn ein. (Gregor V,49)

 

Auch Sunnegisil wurde wieder gefoltert und mit Riemen und Ruten täglich gepeitscht. Wenn dann die Wunden eiterten und nach Abfluss des Eiters sich eben zu schließen anfingen, wurde die Strafe erneut an ihm vollzogen. So gefoltert, legte er nicht nur ein Geständnis über den Mord an König Chilperich ab, sondern auch über verschiedene andere Verbrechen, die er begangen hatte. (Gregor X,19)

 

Die "Zauberinnen", die am Tod eines Königssohns "schuld sind", lässt die Königin teils erwürgen, teils verbrennen, teils ihnen die Knochen brechen und sie aufs Rad flechten. Der Präfekt Mummolus, der sie angestiftet haben soll, wurde auf den Bock gespannt und mit dreisträhnigen Riemen so lange gegeißelt, bis die Folterknechte müde waren; dann wurden ihm Pflöcke unter die Nägel an Händen und Füßen gekeilt. (Üb.Buchner, Gregor VI,35)

 

Daneben gibt es, wie auch später und bis heute, eine schon aus der Natur gelegentlich bekannte Lust an der Grausamkeit. Dux Rauching, von dem wir bereits die Geschichte von den zwei Liebenden und seiner Grausamkeit kennen, wird bei Gregor so beschrieben:

...Rauching, ein Mann, erfüllt von jeder Form von Eitelkeit (vanitas), von Hochmut (superbia) aufgeblasen und sehr überheblich (elatio), der seine Untergebenen so behandelte, als ob er keinerlei Menschlichkeit (humanitas) in sich hätte, sondern über alles Maß menschlicher Bosheit (malitia) und Torheit (stultitia) gegen die Seinen wütete und abscheuliche Untaten beging. Wenn ein Diener (puer) beim Gelage, wie es üblich ist, vor ihm eine (brennende) Wachsfackel hielt, ließ er ihm die Beine entblößen und die Fackel solange darauf drücken, bis sie ausging. Wenn sie dann wieder angezündet war, machte er so weiter, bis die Beine des Dieners ganz verbrannt waren. Wenn der aber einen Laut von sich geben oder sich von der Stelle rühren wollte, zog er das Schwert aus der Scheide und freute sich lauthals, während jener weinte. (Gregor V,3)

 

Die Chronik des Fredegar belegt, dass es nach Gregors Tod so weiter geht. Chlothar II., Sohn Fredegundes, hat das Frankenreich mit Gewalt wieder geeint und lässt die Kontrahenten ermorden. Brunichilde erleidet ein besonders grausames Schicksal:

Er setzte sie drei Tage lang verschiedenen Foltern aus, und dann befahl er, sie zuerst auf ein Kamel zu setzen und im ganzen Heer herumzuführen und sie dann mit dem Kopfhaar, einen Fuß und einem Arm an den Schwanz eines über alle Maßen bösartigen Pferdes zu binden. Dabei wurde sie dann durch die Hufe und den rasenden Lauf in Stücke gerissen. (IV,42)

 

Schließlich sind Krieg und Bürgerkrieg von vorneherein gewalttätig und lassen Menschen zu allen Zeiten verrohen. Gundovald behauptete um 594, wohl zurecht, er sei ein Sohn Chlothars und damit zu einem eigenen Herrschaftsbereich berechtigt. König Gunthram zieht gegen ihn in den Krieg. Zur Belagerung von Comminges 585 und damit des Gundovald heißt es:

Die Belagerung dauerte schon fünfzehn Tage, als Leudegisil neue Werkzeuge zurüstete, um die Stadt zu zerstören, nämlich fahrbare Widder (plaustra cum arietibus), mit Faschinen und Bohlen gedeckt, unter deren Schutz das Heer heranrücken sollte, um die Mauern zu zerstören. Als sie aber vorrückten, wurden sie so mit Steinen überschüttet, dass alle fielen, die sich der Mauer näherten. Auch Fässer mit siedendem Pech und Fett sowie andere, die mit Steinen angefüllt waren, warf man auf sie herab. (Üb.Buchner, VII,37)

 

Gundovald wird durch Hinterlist umgebracht:

Als Gundovald sich erhob und wieder den Berg hinauflaufen wollte, warf Boso einen Stein und zerschmetterte ihm damit den Kopf. Da sank er nieder und verschied. Und es lief alles Volk (omne vulgus) herbei und durchbohrte ihn mit den Lanzen, sie banden einen Strick um seine Füße und schleiften ihn durch das ganze Lager des Heeres; sie rissen ihm die Locken und den Bart aus und ließen ihn schließlich unbeerdigt an der Stelle liegen, wo sie ihn getötet hatten ... . Nun wird die ganze Stadt ausgeplündert. Nachdem nun alle umgebracht waren, so dass >nicht einer blieb, der an die Wand pinkelt< (I.Sam.25,34, also männlich ist) steckte man die ganze Stadt mit den Kirchen und den übrigen Gebäuden in Brand und ließ dort nichts zurück als den nackten Boden. (Gregor VII,38)

 

Lust an Grausamkeit scheint in Menschen als Option drin zu stecken, schon in Kindern, schon in Tieren. Das zeigen die Römer in ihren Amphitheatern, bei Zirkusspielen, deren kultischer Hintergrund wohl in der Kaiserzeit fast völlig zurücktritt. Aber sie zeigt sich auch in dem, was wir heute etwas ungenau wohl als „Sport“ bezeichnen würden, insbesondere bei den beliebten Pferderennen, bei denen damals auf Tier und Mensch offenbar wenig Rücksicht genommen wurde.

 

Christen sind aufgefordert, an so etwas nicht teilzunehmen, nicht nur wegen der Grausamkeit, dem absoluten Gegenteil von Nächstenliebe, sondern auch wegen des kultischen Charakters. An dem Tertulliantext gegen diesen brutalen Amüsierbetrieb lässt sich ermessen, wie viele Christen diesen Vergnügungen dennoch in der Antike nachgingen.

 

Jahrhunderte später schreibt um 440 der fromme Salvian, der irgendwo am mittleren oder unteren Rhein geboren wurde, später in Arles lebte und dann der mönchischen Gemeinschaft auf der Insel Lérins bei Cannes beitrat, über das gerade zum vierten Mal entsetzlich zerstörte Trier:

Und was nach diesem, so frage ich, was nach diesem allen? Wer kann die Größe dieses Wahnsinns ermessen? Wenige Adelige, die das Verderben überlebt hatten, forderten von den Kaisern Zirkusspiele , sozusagen als höchstes Trostmittel für die zerstörte Stadt. (remedio circenses) (Salvian, De gubernatione dei, 82ff, in Kaiser II, S.79ff)

 

König Chilperich, ein Christ, der auch fromme Dichtung schrieb, und den unser Gregor gerne zum Bösewicht stilisiert, ließ diese Tradition vorübergehend wieder in seinem Reich aufleben, wohl, um sich als besonders römisch kultiviert und zivilisiert darzustellen, aber natürlich mit denselben Absichten wie römische Kaiser. Das sehr römisch gebliebene Arles hielt seinen Zirkusbetrieb bis weit in die Frankenzeit aufrecht unter "Vorsitz" der Frankenkönige, wie Prokop erwähnt.

 

Für den Liebesbegriff, wie ihn die Christenheit in den ersten Jahrhunderten entwickelte und dann weithin vergaß, gibt es in der Welt dieser nachantiken Herren kein volkssprachliches Äquivalent, und Begriffe wie pietas und caritas sind dafür in ihrer wie auch immer gearteten christlichen Bedeutung eher unbrauchbar.

 

Um noch ein Beispiel zu geben: Bis in die Zeit Karls des Großen“ war es dem Herrn freigestellt, eine von ihm genehmigte Ehe zweier von ihm in Unfreiheit gehaltener Menschen mit der Frau (gewaltsam) zu brechen. Das war nicht das kurz vor der Französischen Revolution von Beaumarchais erfundene „Recht der ersten Nacht“, sondern die von Kriegerhorden ins römische Reich eingeschleppte Vorstellung, dass Eigentum und Macht individuelles Willkür-Recht setzen.

 

 

Ein besonderes Thema bei alledem ist die christliche Askese, die man auch im Falle der "Kasteiungen" zumindest auch als Autoaggression betrachten kann. So heißt es zum Beispiel vom heiligen Salvius im Kloster:

Aber statt sich den Brüdern zum Zwecke der Aufrechterhaltung der Disziplin (correctio) mehr zu zeigen, zog er sich, nachdem er das Amt (des Abtes) erlangt hatte, zurück. Bald suchte er sich eine noch abgelegenere (secretior) Zelle, und dabei hatte er in der vorherigen schon, wie er selbst erzählte, wegen exzessiver Abstinenz mehr als neunmal die Haut gewechselt (durch Selbst-Geißelung). (Gregor VII,1)

 

Wenn man natürlich das eigentliche "Selbst" in einer (christlichen) Seele sieht, und den Körper als sein Gefängnis, dann ist das Kasteien (also Bestrafen) des "Fleisches", sein "Abtöten", die Befreiung von ihm. Bei einem eher ganzheitlichen Menschenbild öffnet sich allerdings das Bild einer pathologisch einzuschätzenden Psyche, und man muss Nietzsche Recht geben, der das schon bei Paulus so sieht.

Solche Einzelgänger gabe es durchaus viele. Einsiedler Hospitius trägt unter der Kleidung Ketten auf der bloßen Haut (Gregor VI,6), Senoch um den Hals und an Armen und Beinen (Gregor XV,1), andere ein rauhes Büßerhemd unter dem Gewand.

Askese ist dabei das Einüben eines Zustands der Spiritualisierung, bei dem Schmerz und Lust nahe beieinander sein oder sich sogar bis zur Unkenntlichkeit vermischen können. Wenn hier dieser Aspekt erwähnt wird, dann nicht, um mit der Lust am Zufügen von Schmerz beim anderen verwechselt zu werden. Dennoch sollte man den Aspekt der Faszination des Leidens Jesu, der Märtyrer und der Asketen beim Thema Aggression nicht ganz außer acht lassen.

 

***Kirche und Christentum***

 

Das, was der evangelische Jesus gepredigt hatte, war Germanen noch wesentlich fremder als vielen städtischen Römern zuvor. Also wird der spätrömische Gott des Schlachtenglücks nun noch einmal etwas umgewandelt, er herrscht jetzt wie ein König im Himmelreich mit seinen aus Engeln bestehenden Heerscharen und bekommt einen triumphierenden Jesus zugeordnet, einen, der nun eben gerade im Tod seinen größten Triumph feiert. Petrus etwa kann dann zum edlen Recken werden, der tapfer sein Schwert für seinen Herrn schwingt. Es ist deutlich, dass das kriegerische Alte Testament gegenüber dem Neuen nun noch einmal an Bedeutung gewinnt.

Dabei ist zukünftig für die allermeisten Leute, mehr und mehr Analphabeten, Christentum das, was sie über die Priester und die Bilder in den Kirchen mitbekommen, wo inzwischen jüdische und christliche Geschichten gleichwertig nebeneinander stehen. Für die Mächtigen wird gelegentlich, nach Momenten für die jeweilige Zeit exzessiver Gewalt und Grausamkeit, deutlich, dass es bei ihnen einen Widerspruch zwischen Religion und Praxis gibt, was manchmal zu demonstrativen Akten der Buße und Einkehr führen kann. Alles in allem fallen aber evangelische Lehre und kirchenchristliche Lebenspraxis immer deutlicher auseinander und werden das bis zum Ende der Christenheit auch weithin bleiben.

 

In einer zunehmend schriftlosen Zeit bleibt die Christianisierung der meisten Leute in ein römisch-germanisches Glaubens-Konglomerat rudimentär, zudem mangelt es an Ausbildung eines immer häufiger selbst mehr oder weniger analphabetischen niederen Klerus, der sich oft mühsam seine eigene Glaubenslehre zusammenbastelt, um sie dann Leuten zu vermitteln, denen der Kern der Dinge ziemlich unverständlich erscheinen muss, der dreifaltige und getötete und auferstandene Gott und manches andere auch. Einiges davon kommt erst im hohen Mittelalter halbwegs an, manches wohl bei vielen nie. Immerhin bleiben die Wochentage meist weiter alten Göttern gewidmet, Mars in dem spanischen martes und Donar im deutschen Donnerstag zum Beispiel. Und das höchste christliche Fest wird in England und deutschen Landen nicht lateinisch pascha nach hebräisch pesach heißen, sondern Ostern (easter) nach der germanischen Frühlingsgöttin Eostre.

 

Was den Leuten leichter nahezubringen ist, sind beschauliche oder eindrucksvolle alttestamentarische Geschichten, die Wundertaten Jesu und die magischen Kräfte, die von den Heiligen und ihren Überresten, den Reliquien ausgehen, denen inzwischen die Kirchen geweiht sind. Von den ethisch-moralischen Geboten, die die Herrenschicht für sich eher wenig in Anspruch nimmt, kommt den einfachen Leuten dagegen mehr "zugute": Sie resultieren für sie in der gehorsamen Unterwerfung, und zwar unter ihre weltlichen Herren wie unter die Geistlichkeit, und der Verpflichtung, untereinander Ruhe zu halten und keinen Anlass zum Streit zu liefern. Letzteres fällt ihnen offenbar nicht leicht, wohl auch weil die alten Formen der Selbstregulierung und der Konsensbildung von Germanen durch die Hierarchisierung ihrer Welt ein Stück weit außer Kraft gesetzt werden. Romanen waren durch das lange Ducken unter die Staatsmacht anders vorgeformt, gleichen sich aber den neuen Bedingungen langsam an.

 

Diese partielle Germanisierung des Christentums machen zunächst im wesentlichen romanische Bischöfe der Oberschicht manchmal nur zögernd mit, und in ihrem Fundus heiliger Schriften bleibt weiterhin auch ein Stück weit wenigstens ein ganz anderer Jesus aufbewahrt, inzwischen zwar durch lateinische und griechische Kirchenväter und deren ebenfalls heilige Schriften anphilosophiert und dann eben auch romanisiert, aber doch eben auch dadurch zunächst weit entfernt von traditionellem germanischem Fühlen und Denken. Mit einer gewissen Beharrlichkeit wird diese kirchliche Elite versuchen, römisches Erbe zu bewahren.

 

 

Nach der Bekehrung des Chlodwig und seiner Gefolgschaft werden dann auch im Laufe der Zeit die germanischen Begräbnissitten christianisiert: Langsam verschwinden manchmal die Waffen aus den Männergräbern und die Grabstätten werden an die sich auf dem Lande ausbreitenden Kirchen und bald die der Stifterfamilien in ihre Klöster verlegt. Die ländlichen Kirchen entstehen ebenfalls nun oft auf dem Grund wohlhabender Familien als deren Stiftungen, als „Eigenkirchen“ der Familie. Aus der Verschmelzung von gallorömischem und fränkischem Christentum entstehen die Kirche und das Kloster der Nachantike, in denen Geistliches und Weltliches untrennbar verschränkt sind.

 

Aus der merkwürdigen Ansicht heraus, dass die Seelen der Verstorbenen schon vor einem letzten Gericht für ihre Sünden gequält werden könnten, entwickeln wohl vor allem die wohlhabenderen Kreise mit kirchlichem Zuspruch die Vorstellung, man könne durch regelmäßigen Messebesuch und viele Gebete deren Los erleichtern. Wer schon vor seinem Tod Sünden abbüßen möchte, kann es wie Bischof Bertramn von Le Mans in seinem Testament 616 machen: Er verpflichtet die von ihm freigelassenen Sklaven zu Opfergaben am Altar und dazu, für ihn Totengedenken zu bewahren. Kirchen stiftet er Güter, die er damit zum Gebetsgedenken verpflichtet (Scholz, S.168). Auch weltliche Große machen Stiftungen an Kirchen zu demselben Zweck.

 

Die römische Kirche ist eine Bischofskirche und die Bischöfe residieren in Städten. Bis ein Netz von Pfarreien das ganze Land überzieht, und die ganze Landbevölkerung ihnen untergeordnet ist, werden wenigstens noch einige Jahrhunderte vergehen.

Der alte senatorische Adel, der sich auf Rom nur noch als Sitz des zunehmend mit einem  Primat ausgestatteten römischen Bischof beziehen kann, teilt sich weiter in die gallischen (fränkischen) Bischofsämter, die sich auf den Raum der ehemals und „kulturell“ zunächst immer noch römischen civitates beziehen, also die Verbindung von Stadt und großem Umland.

 

Ursprünglich waren Bischöfe im Zusammenspiel ihrer christlichen Gemeinde mit den Mächtigen „gewählt“ worden. In Gallien, wo langsam fränkische und gallorömische Oberschicht verschmelzen, wird nun die Macht der Familie zur ersten Voraussetzung für das Amt. Diese beruht vorwiegend auf großem Grundbesitz.

Die beste Voraussetzung für das Bischofsamt ist dann eine weltliche Karriere, Verwaltungserfahrung, Erfahrung in Machtausübung und zudem eine Erziehung in Rhetorik und den römischen (heidnischen) Klassikern. Eher selten sind Bischöfe vorher Priester, aber manche waren vordem Archidiakone, Verwaltungschefs des Bistums und vor allem seiner „weltlichen“ Güter. Die wenigen mit religiöser Erziehung und Einblick in Theologie sind oft am Ende einer weltlichen Karriere zeitweilig in ein Kloster eingetreten und haben dort eben auch geistliche Studien betrieben.

 

Zwischen Bischof und Comes, zumindest letzterer vom König bestellt und beide für dieselbe Civitas zuständig, können naturgemäß Konflikte auftreten. Ein Fall, den Gregor als parteilicher Bischof schildert, ist der zwischen dem Comes Palladius von Javols und dem Bischof Parthenius, der mit der Absetzung des weltlichen Herrn endet. (Gregor IV,39), Gregor vertritt offenbar die Position, dass der Bischof der wünschenswerte christliche Stadtherr sei, in Partnerschaft mit seinem christlichen, „guten“ König.

Als Theudebert, ein Sohn Chilperichs, gegen seinen Vater rebelliert und Tours einnimmt, unterstellt er laut Gregor den von ihm eingesetzten Comes dem Bischof, dem er die Treue schwört. (Gregor V,48: in omnibus esse fidelem).

 

Bischof kann ein Laie in 40 Tagen werden (Qui tonsoratus, gradus quos clerici sortiuntur ascendens, post quadraginta diebus, migrante sacerdote (Bischof), successit. Gregor VI,9) Das war immerhin ein heiliger Mann, aber eigentlich findet Gregor, dass dazu wie bei ihm selbst eine längere geistliche Laufbahn gehörte: Bischof Felix liegt im Sterben und erklärt seinen Neffen zum Nachfolger. Dieser bittet Gregor, zu ihm nach Nantes zu kommen um ihm die Tonsur zu verpassen. Gregor:

Consilium tamen praebui, dicens: 'Habemus scriptum in canonibus, fili, non posse quemquam ad episcopatum accedere, nisi prius ecclesiasticus gradus regulariter sortiatur. Tu ergo, dilectissime, revertere illuc et pete, ut ipse te qui elegit debeat tonsorare. Cumque presbiterii honorem acciperis, ad ecclesiam adsiduus esto; et cum eum Deus migrare voluerit (wenn Gott ihn dann in die andere Welt hinüberwandern lässt), tunc tu facile episcopale gradum ascendes'. (Gregor VI,15).

 

Das, was in der Kirchenreform des 11. Jahrhunderts besonders lautstark und massiv als Simonie angeklagt wird, ist zwar nicht offiziell erwünscht, wird aber regelmäßig praktiziert:

Es starb auch zu dieser Zeit der Bischof Ragnemod von Paris. Und obwohl sich sein Bruder, der Priester Faramod, um das Bistum bewarb, wurde doch ein Kaufmann Eusebius, ein Syrer von seiner Herkunft, an seiner Stelle eingesetzt, nachdem er viele Geschenke gegeben hatte. (Ragnimodus quoque Parisiacae urbis episcopus obiit. Cumque germanus eius Faramodus presbiter pro episcopato concurreret, Eusebius quidam negotiator genere Syrus, datis multis muneribus, in locum eius subrogatus est. Und es geht weiter: Dieser entfernte, als er das Bistum erhalten, die ganze Dienerschaft seines Vorgängers und setzte Syrer, Leute aus seinem Volk, zu Dienern in seiner bischöflichen Wohnung ein. (Gregor X,26.)

 

"Sein Volk" sind hier Syrus de genere suo. Syrer, Juden und bald auch Friesen sind ausgezeichnete Fernhändler mit entsprechendem Reichtum. Das Beispiel zeigt, dass Geld durchaus vor klerikaler Ausbildung und Laufbahn zum Bischofsthron führen kann. Die Diener (ministri) sind nicht nur Dienstboten im späteren Wortsinn, sondern Leute, die mit der Verwaltung beschäftigt sind. Der Syrer ist also Bischof mit seinem mitgebrachten Gefolge, welches die bisherigen "Angestellten" verdrängt.

 

Wiewohl Bischöfe immer noch offiziell von den Großen ihres Sprengels erwählt werden, sucht der scheidende Bischof manchmal seinen Sohn oder seinen Neffen, wie schon gezeigt, selber aus, wenn nicht (verbotenerweise) Geld fließt. Tatsächlich ist aber nun die Bestätigung durch den fränkischen König maßgeblich, was verständlich ist, da Bischöfe einen wesentlichen Anteil an der Herrschaft in der Civitas haben und die Könige sie als Amtsträger ihres Reiches betrachten.

So findet der König die Leiche seines erschlagenen Neffen. Zur Beerdigung von diesem Merowech heißt es bei Gregor: Convocato igitur episcopo civitatis (Er berief darum den Bischof der Stadt), cum clero et populo ac cereorum innumerabilium ornato ad basilicam sancti Vincenti detulit tumulandum.(Gregor VIII,10)

 

Mit ihren Machtvollkommenheiten stehen Bischöfe gelegentlich auch im Konflikt mit Königen. Gregor, dessen Bistum von Chilperich annektiert wird, beschreibt das sehr einseitig am Beispiel seiner Streitpunkte mit ihm. Im Mittelpunkt steht damals das Kirchenasyl, welches in der Kirche des fränkischen Zentralheiligen Martin besonderes Gewicht hat.

Ein besonders kritischer Fall kommt, als der aufständische Chilperich-Sohn Merowech, der gerade seine verwitwete Tante Brunichilde geheiratet hat, 567 in der Kirche Zuflucht sucht. Er geht am Ende von sich aus wieder. (Resultat s.o.)

Bischof Praetextatus von Rouen hatte diese Heirat seines Taufpaten gebilligt, obwohl Brunichilde als Feindin von Chilperich verbannt worden war, und obwohl sie nach kirchlichen Vorstellungen viel zu nahe verwandt ist.

 

Es folgt die Geschichte vom Bischofsgericht über Praetextatus, eines der längeren Kapitel der Historien. Es beginnt mit dem Gerücht, der Bischof würde sich beim "Volk", dem populus, gegen seinen König Chilperich wenden. Der zitiert ihn zu einer Bischofsversammlung (concilium) nach Paris und wirft ihm auch vor, mit Königsohn Merowech gegen den Vater konspiriert zu haben. Als die Sache für den Bischofskollegen brenzlich wird, hält unser Gregor eine flammende Rede an die santissimi sacerdotes Dei. Darauf wird Gregor zum König zitiert. Der droht ihm und später versucht Königin Fredegunde, ihn zu bestechen. Sie scheitern, schreibt Gregor..

 

Nun wird Praetextatus vom König beschwatzt, alles zuzugeben, um dann begnadigt zu werden. Aus Angst stimmt er zu, "bekennt" vor der Versammlung und wird darauf unter Wortbruch eingesperrt. (Gregor V,18) Er kommt erst nach dem Tod Chilperichs wieder frei (Gregor VII,16) und wird 586 auf Veranlassung von Königin Fredegunde getötet.

 

Der König ist an sich auch oberster Richter über den Klerus, der noch keine eigene Gerichtsbarkeit hat. Er kann dafür ein "Konzil" einberufen, und es sind die Pairs, die ihn verurteilen. Andererseits kann jemand wie Bischof Gregor von Tours seinen Standpunkt mit Geschick und Beharrlichkeit behaupten, ohne dafür selber zu Schaden zu kommen.

 

Der Konflikt zwischen König und Bischof gipfelt in seinem Text in Anklage und Freispruch Gregors 580. Vorausgegangen war, dass Comes Leudast von Tours 579 auf Betreiben Gregors abgesetzt wurde und darauf diesen bei Chilperich der Konspiration gegen ihn anklagt. Subdiakon Riculf, der zweite Intimfeind Gregors, fügt Anschuldigungen hinzu. Es kommt zu einem Verfahren, bei dem sich herausstellt, dass beide gelogen haben und am Ende kann Gregor mit einem Reinigungseid seine Unschuld feststellen.

 

Der heilige Gallus, Bischof von Clermont, stirbt und Cato presbiter continuo a clericis de episcopatu laudes accepit. Er betrachtet sich darauf bereits als Bischof, denn König Theobald ist noch ein Kind und kann seine Macht nicht ausspielen. Episcopi tamen qui advenerant ad sanctum Gallum sepeliendum, postquam eum sepelierant, dixerunt Catoni presbitero: 'Videmus, quia te valde diligit pars maxima populorum; veni, consenti nobis, et benedicentes consecremus te ad episcopatum. Rex vero parvulus est, et si qua tibi adscribitur culpa, nos suscipientes te sub defensione nostra, cum proceribus et primis regni Theodovaldi regis agemus, ne tibi ulla excitetur iniuria. Das funktioniert so aber nicht mehr, der Erzdiakon Cautinus reist zum König und wird von diesem mit dem Bistum bestallt. Cato akzeptiert das nicht und muss erst unterworfen werden, indem ihm und seinen Anhängern in Clermont die kirchlichen Einkünfte weggenommen werden (omnes res ecclesiae abstulit).

 

Bischöfe als Teil der Ekklesia sind eigentlich Teil der dem Ende entgegenreifenden Augustinischen Civitas Dei, aber nur insofern, als sie hinreichend fromm sind und ernsthaft nach Heiligkeit streben. Dazu gehört sicherlich der folgende:

Eo tempore et Dalmatius Rutenae civitatis (Rhodez) episcopus migravit a saeculo, vir in omni sanctitate praecelsus, abstinens vel a cibis vel a concupiscentiis carnis, valde elymosinarius et cunctis humanus, in oratione et vigiliis satis stabilis. Ecclesiam construxit, sed dum eam ad emendationem saepius distruit, inconpositam dereliquit. (Gregor V,46)

 

Die Almosen gehörten schon lange zu den elementaren Verpflichtungen der Kirche, also das Ernähren der Armen, und sie begründen die Abgaben der Menschen an die Kirche. Erste Städte errichten schon im 6. Jahrhundert Xenodochien, in denen Arme, Kranke und Fremde versorgt und aufgenommen werden. Dass Werke der Barmherzigkeit schon länger auch stabilen Machtstrukturen dienen, belegt zum Beispiel der 5. Kanon einer Synode von Tours (567):

Dass eine Stadt ihre armen und bedürftigen Einwohner mit geeigneten Nahrungsmitteln ernähren soll gemäß ihrer Möglichkeiten; dass der auf dem Land lebende Presbyter wie jeder Stadtbürger seinen Armen ernähren soll. Die soll geschehen, damit die Armen nicht zu fremden Städten wandern. (in: Scholz, S.166)

 

Gregor scheint es aber vor allem wichtig, die Bösewichter im Amt detailliert darzustellen, die es offenbar zur Genüge gibt:

Als jedoch Palladius und Berthramn abermals zum Mahle des Königs gezogen wurden, fingen sie miteinander Streit an und machten sich gegenseitig wegen Ehebruchs und Unzucht viele Vorwürfe, auch Meineid legten sie einander zur Last. Darüber lachten viele, manche aber, die weiter sahen, beklagten, dass zwischen den Bischöfen des Herrn so das Unkraut des Teufels wuchere. (Nam cum iterato ad convivium regis Palladius atque Berthchramnus acciti fuissent, commoti in invicem multa sibi de adulteriis ac fornicatione exprobraverunt, nonnulla etiam de periuriis. Quibus de rebus multi ridebant, nonnulli vero, qui alacriores erant scientiae, lamentabant, cur inter sacerdotes Domini taliter zezania diabuli pollularet. Gregor VIII,7 Üb.Buchner)

 

Neben dem "unsittlichen" Lebenswandel gibt es auch das Ausplündern des "Volkes": Badegysilus vero Cenomannorum episcopus (Le Mans), vir valde saevus in populo, auferens sive deripiens iniuste res diversorum.(Gregor VIII,39: ein Mann, der sehr hart gegen das Volk war und vielen ungerechterweise ihre Habe nahm und raubte. Seine finstere und grausame Sinnesart verhärtete noch seine Frau... Buchner-Üb.)

 

Nicht nur weltliche Große eignen sich Kirchengut an, sondern eben auch hoher Klerus.

 

Zu genussüchtigen Verbrechertypen stilisiert Gregor die Bischöfe Salonius und Sagittarius:

Sed, adsumpto episcopatu in proprio relati arbitrio (und ihren Willen haben konnten), coeperunt in pervasionibus (Raub), caedibus, homicidiis, adulteriis diversisque in sceleribus insano furore crassari (wie wahnwitzig zu wüten), ita ut quodam tempore, celebrante Victore Tricassinorum (Trois-Châteux) episcopo sollemnitatem natalicii sui ( das Gedächtnisfest seiner Erhebung), emissa cohorte, cum gladiis et sagittis inruerent super eum. Venientesque sciderunt (zerrissen) vestimenta eius, ministros (Diener) ceciderunt, vasa vel omne apparatum prandii auferentes, relinquentes episcopum in grandi contumelia. Eine Kirchenversammlung setzt sie ab.

 

Qui accedentes coram papa Iohanne exponunt se nullius rationis existentibus causis dimotos ...Der Papst will, dass sie wieder eingesetzt werden. ... Hi vero in maioribus sceleribus cotidie miscebantur (verwickelten sich); et in proeliis illis, sicut iam supra meminimus, quae Mummolus cum Langobardis gessit, tamquam unus ex laicis, accincti arma, plurimos propriis manibus interfecerunt.(sie bewaffneten sich wie Laien und töteten viele eigenhändig in den Kämpfen von Mummolus mit den Langobarden) In civibus vero suis (gegen ihre eigenen Bürger), nonnullos commoti felle verberantes fustibus, usque ad effusionem sanguinis saeviebant. Der König sperrt sie in Klöster ein, lässt sie dann aber wieder frei.

 

...conversique sunt iterum retrorsum; et ita plerumque noctes epulando atque bibendo ducebant, ut, clericis matutinas in eclesia celebrantibus, hi pocula poscerent et vina libarent. Nulla prorsus de Deo erat mentio (Von Gott war nicht mehr die Rede), nullus omnino cursus memoriae habebatur (sie vergaßen das regelmäßige Beten). Renitente aurora, surgentes a cena (Erst bei der Morgenröte standen sie vom Mahl auf), mollibus se indumentis operientes (bedeckten sich mit weichen Tüchern), somno vinoque sepulti, usque ad horam diei tertiam dormiebant (drei Stunden nach Sonnenaufgang). Sed nec mulieres deerant, cum quibus polluerentur. Exsurgentes igitur, abluti balneis, ad convivium discumbebant; de quo vespere surgentes, caenae inhiabant usque ad illud lucis tempus, quo superius (weiter oben) diximus. Sic faciebant singulis diebus (jeden Tag), donec ira Dei diruit super eos; quod in posterum memoraturi sumus. (was wir im Folgenden wiedergeben werden) (Gregor V,20)

 

Die Tatsache, dass beide bewaffnet in den Krieg ziehen, findet Gregor so ungehörig, dass er sie schon im Buch vorher erwähnt hat:

Fueruntque in hoc proelio Salonius et Sagittarius fratres atque episcopi, qui non cruce caelesti moniti (nicht mit dem himmlischen Kreuz ausgerüstet), sed galea (Lederhelm) ac lurica (Harnisch) saeculari armati, multos manibus propriis, quod peius est, interfecisse referuntur. (Gregor IV,42)

 

Natürlich ist Bischöfen das eigenhändige Töten ganz besonders verboten. Später wird Sagittarius in Comminges auf Seiten Gundovalds mitkämpfen. (Gregor VII, 37)

 

 

Kleros ist das griechische "Los", auf einer Scherbe geschrieben. Den Klerus trifft das Los (zunächst wohl im ursprünglichen Sinn gedacht) einer geistlichen Aufgabe,für die er geweiht werden muss.

Die ekklesía ist die Volksversammlung. Aus beidem entsteht die "Kirche" (kyriaké ekklesía), die dem Herrn gewidmete Versammlung, etwas so noch nie Dagewesenes. Jede civitas hat einen Bischof, in den Metropolen sitzen Erzbischöfe, die die Aufsicht führen. In seinem Sprengel ist der Bischof unbestrittene Autorität, und nach dem Auseinanderfallen Westroms zerfällt auch die gallische Kirche in lauter einzelne Kirchen mit ihrem Eigenleben, ihren Festen und Riten.

 

Höchster Priester unter dem Bischof ist der presbyter ("Älteste"), woraus sich das Wort Priester entwickelt, darunter kommt der Erzdiakon, der die Diakone beaufsichtigt und die Ausbildung des Klerus leitet, was bald der einzige Unterricht ist, der im Frankenreich noch stattfindet.

 

Gregor hat mehr mit seinen domini mi sacerdotes (Gregor V,18) zu tun als mit dem einfachen Klerus, so wie auch das "Volk" in seinen 'Historiae' nicht im Zentrum seines Interesses steht. In der ausführlichen Geschichte von der Flucht des Attalus kommt ein guter Priester vor, ein presbiter (Gregor III,15). Andererseits schickt Königin Fredegunde einen clericus, der Königin Brunhilde umbringen soll, aber vorher erwischt wird (Gregor VII,20).

 

Ein Diakon wird zum Beispiel erwähnt, damit der heilige Hospitius an dessen Begleiter ein Wunder vollbringen kann (Gregor VI,6) Ein anderer, Theodulf, ist hingegen et vino deditus et in adulteriis dissolutus. Er verlässt nicht nur den Ort seiner Dienstpflichten (Paris), um sich dem Bischof von Angers anzuschließen, er ist schließlich so betrunken, dass er vom Söller der Stadtmauer in den Tod stürzt. (Gregor X,14)

 

Vom Klerus wird ein annähernd heiligmäßiger Lebenswandel erwartet. Er trägt eine Art Tonsur, ein weißes Chorgewand und darüber ein Obergewand mit Kapuze (cappa), um ihn von den Laien abzutrennen. Die vorbildliche cappa des verstorbenen gallischen Großheiligen Martin wird in der cappella aufbewahrt und von cappellanes betreut.

 

Erwünscht ist, dass der städtische Klerus bei der Kirche zusammen wohnt, gemeinsam isst und ein Leben mit Fasten und gemeinsamem Beten führt, ein Leben also nach dem Modell der christlichen Urgemeinde in Jerusalem. 538 wird beschlossen, dass ein Kleriker nach der Weihe zum Subdiakon nicht mehr heiraten darf. Dieser Regularklerus wird sich nie ganz durchsetzen lassen. In der Kirchenreform des Hochmittelalters wird ein letzter Versuch in diese Richtung unternommen werden.

Kleriker dürfen damals noch eigenen Besitz haben und vererben. Nur das Kirchengut bleibt bei der Kirche. Die Trennung zwischen beidem ist wohl manchmal nicht einfach.

 

Es wird übrigens auch noch eine Weile dauern, bis Geistliche, auch hohe Kleriker, nicht mehr verheiratet sind, mag es auch noch so oft verboten werden. Zumindest von Bischöfen wird aber erwartet, dass sie spätestens mit Amtsantritt ihr Geschlechtsleben zügeln. So wird 567 auf einem Konzil in Tours festgelegt: Der Bischof soll seine Ehefrau wie eine Schwester halten, und in solch heiligem Lebenswandel soll er sein Haus führen, und zwar das kirchliche wie sein eigenes, dass über ihn keinerlei Verdacht in irgendeiner Hinsicht aufkomme. (in: Hartmann, S.133)

 

Von der natürlichen Ausstattung her ist das „Einschlafen-Lassen“ des Geschlechtstriebes in der Regel für einen Mann noch schwieriger als für eine Frau, insbesondere angesichts der Tatsache, dass selbst ungewollte Samenergüsse als „Befleckung“ gelten. In der folgenden Geschichte des Gregor über den Bischof Felix von Nantes wird deutlich, wie wenig die Frau dem Ehemann Keuschheit überhaupt zutraut, und dass der eheliche Koitus für sie auch Bestätigung ihrer Verfügungsmacht über den Mann ist:

Als er zur Ehre des Bischofsamtes gelangt war, verließ er das Ehebett gemäß der Ordnung der katholischen Kirche. Dies ertrug seine Frau nur schwer. Und nachdem sie einige Tage mit ihm darüber gestritten hatte, dass sie in einem Bett schlafen sollten, und der Bischof dem nicht zustimmte, weil es sowohl schamlos als auch von den kirchlichen Beschlüssen verboten war, sprach die Frau eines Tages zornig zu sich selbst:“ Ich glaube nicht, dass es ohne eine bestimmte Absicht meines Mannes geschieht, dass ich so von seiner Umarmung zurückgestoßen worden bin, sondern ich werde gehen und sehen, ob nicht vielleicht eine andere Frau mit ihm schläft, für deren Liebe er mich verschmäht.“ Und bald stand sie im Zimmer des Bischofs und fand ihn dort nach Mittag schlafend. Als sie an sein Bett trat, sah sie ein Lamm von enormer Reinheit auf seiner Brust ruhen. Da wurde sie von Furcht ergriffen, entfernte sich rasch vom Bett des Heiligen und wagte nicht mehr zu fragen, was der ganz Gott ergebene Mann im Verborgenen täte. (Liber in gloria confessorum, 77)

 

Gregor mochte diesen Felix nicht, nennt ihn aber wegen seiner Keuschheit doch einen „Heiligen“. Die Geschichte ist dergestalt ganz offensichtlich wie so viele Heiligengeschichten in pädagogischer Absicht erfunden, zumindest wird Hörensagen in eine definitive Tatsache umgewandelt. Besonders deutlich wird das am Lamm auf der Brust des Heiligen, welches auf keusche Unschuld und auf den "Heiland" verweist. Eine Geschichte stimmt damals, wenn sie glaubhaft ist, und sie ist glaubhaft, wenn die Bedeutung stimmt, also das, worauf sie deutet. (Da die meisten Menschen diese Geschichte nicht zu lesen bekamen, hatten sie auch keine Gelegenheit, darüber zu kichern, falls ihnen danach war.)

 

 

Bischöfe kommen also aus wohlhabenden galloromanischen Familien mit viel Grundbesitz, und die Bistümer selbst werden durch Schenkungen und wohl manchmal auch Räubereien Großgrundbesitzer. Bischöfe sind also partielle Stadtherren, Verwalter eigenen Wohlstands und des Bistumsbesitzes, Vorgesetzte des Klerus und oberste regionale Vertreter des Glaubens. Als solche werden sie jahrhundertelang mit dem Niederkämpfen "heidnischer" keltischer, römischer und germanischer Bräuche beschäftigt sein. Vor allem sind sie auch Vertreter der lokalen und regionalen Interessen gegenüber den weltlichen Großen von außerhalb und oberhalb.

 

Aus einem Testament des Bischofs Berthram von Le Mans erfahren wir von dem enormen Besitz und Reichtum sowohl des Bistums wie des Bischofs und nebenbei auch, dass dieser sein eigenes und das Geld des Bistums in derselben Truhe aufbewahrte, also nicht voneinander trennt. (Hartmann, S.35)

 

Zum Reichtum der Bischöfe sagt König Childerich laut Gregor: "Siehe, unser Schatz ist arm, und unser Reichtum ist an die Kirchen gefallen; keiner herrscht jetzt überhaupt als allein die Bischöfe; unsere Macht ist dahin und an die Bischöfe der Stadt gekommen." (Üb.Buchner, Gregor VI,46) Das ist vermutlich überzogen, aber deshalb versucht er laut Gregor auch, den Kirchen möglichst viel wieder zu entziehen.

Sacerdotes Domini assiduae blasphemabat, nec aliunde magis, dum secricius esset, exercebat ridicola vel iocos quam de eclesiarum episcopis. Illum ferebat levem, alium superbum, illum habundantem, istum luxoriosum; illum adserebat elatum, hunc tumidum, nullum plus odio quam eclesias habens. Aiebat enim plerumque: 'Ecce pauper remansit fiscus noster, ecce divitiae nostrae ad eclesias sunt translatae; nulli penitus nisi soli episcopi regnant; periet honor noster et translatus est ad episcopus civitatum'. (Gregor VI,46)

 

Zum Hintergrund: "Als Leiter der zivilen Stadtverwaltung fiel dem merowingischen Bischof in immer größerem Maße die Verfügungsgewalt über alle Posten des städtischen Budgets zu, die in den zeitgenössischen Quellen vereinfachend unter der Rubrik "Kirchenbesitz" zusammengefasst wurden. Der Umstand, dass der Bischof nun nicht nur über die öffentlichen Gelder für den Kultus, sondern auch für alle anderen Bereiche des öffentlichen Lebens der Civitas mitbestimmte, änderte natürlich nichts am Einkommen des Königs selbst; dieser verlor über das Instrument der steuerlichen Immunität für die Kirchen zwar die direkte Verfügungsgewalt über bestimmte Teile des Steueraufkommens, gewann aber durch die entstandene Vereinfachung des Einziehungsverfahrens der Steuer unter der Leitung der Bischöfe erhebliche Vorteile." (Heinzelmann, S.159f.)

 

 

Die Macht der Bischöfe war also eine weltliche, eine seelsorgerische, und eine der Definition der Glaubensinhalte und des Ritus. Konkurrenz wird entweder aufgrund ihrer Heiligkeit absorbiert oder aber beseitigt, wie es hier geschieht:

Der Langobarde Wulfilaich (Vulfilaicus) erzählt Gregor von seiner frommen Karriere. Schon als Kind lernte er lesen und schreiben, pilgert zum Grab des heiligen Martin nach Tours und erlebt ein erstes Wunder. Ich begab mich alsdann in das Gebiet der Stadt Trier (territurium Trevericae urbis), und auf dem Berge, auf dem ihr jetzt seid, erbaute ich mir mit eigener Hand die Wohnung, die ihr seht. Ich fand hier damals ein Bild der Diana vor, das das abergläubische (incredulus) Volk abgöttisch verehrte. Ich errichtete mir auch eine Säule, auf der ich unter großen Schmerzen ohne alle Fußbekleidung stand. Wenn dann die Winterszeit kam, litt ich bei der eisigen Kälte dergestalt, dass mir von dem heftigen Frost öfters die Nägel an den Füßen abgingen und in meinem Bart das gefrorne Wasser wie Zapfen herabhing.

Zu Speise und Trank diente mir ein wenig Brot und Kohl und etwas Wasser. Als aber die Menge aus den benachbarten Höfen (villae) herbeizuströmen begann, predigte ich unablässig, es sei nichts mit der Diana, nichts mit den Bildern, nichts mit dem Götzendienst (cultura), den sie trieben; unwürdig seien auch jene Lieder, die sie beim Weine und ihren schwelgerischen Gesängen sängen; würdig sei es allein, dem allmächtigen Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, das >Opfer des Dankes< (sacrificium laudis) darzubringen. Er bringt die Leute dazu, das Götzenbild mithilfe eines Wunders zu zerstören.

Bald kamen nun Bischöfe und sagten ihm: „Der Weg, den du einschlägst, ist nicht der rechte, auch kann man dich geringen Mann nicht Symeon von Antiochien, der auf der Säule stand, vergleichen. Überdies lässt die Natur dieses Landes nicht zu, dass du diese Peinigung aushältst. Steig also lieber herab und wohne bei den Brüdern, die du um dich gesammelt.“ Da es als Verbrechen gilt, den Bischöfen nicht zu gehorchen, stieg ich auf diese Worte hin nun herab, wandelte mit den Brüdern und nahm Speise wie sie. Eines Tages schickt der Bischof ihn weiter weg und lässt dann die Säule zerstören. Wulfilaich ist darüber tief unglücklich (Üb.Buchner, Gregor VIII,15)

 

 

Vor den monotheistischen Schriftreligionen aus dem Orient waren Kulte der Kern der Zivilisation. Das Christentum hingegen kommt von außen und wird auch als Herrschaftsinstrument von Bischöfen und weltlicher Macht von oben durchgesetzt. Dort, wo das römische Christentum auf Germanen trifft, findet sich eine Übereinstimmung, was vaterrechtliche Vorstellungen angeht, während die Idee einer praktizierter Sexualität inhärenten Sündhaftigkeit Germanen wohl genauso fremd war wie die jesuanische Form der Friedfertigkeit, die aber jetzt auf die Unfreien beschränkt wird.

 

Nicht nur das schon lange in Gewalttätigkeit aufgegangene römische Gallien, sondern insbesondere die fränkischen Krieger nun verstehen unter Frieden kaum etwas anderes als den Sieg der eigenen Waffen. Das absolute Gewaltverbot der Evangelien, das damals natürlich weltliche Macht und Herrschaft nicht betrifft, von denen man ohnehin nichts in dieser Hinsicht erwartet, bleibt Sache frommer Sonderlinge.

 

Ein solcher ist laut Gregor der Klausner Eparchius, der schließlich in Angoulême ein Kloster gründet und sich für die Armen und die Befreiung von Gefangenen einsetzt. Ein Richter (iudex), der tief von ihm beeindruckt ist, verurteilt einen Verbrecher nach Recht und Gesetz zum Tode am Galgen. Eparchius bittet um sein Leben: Sed insultante vulgo atque vociferante, quod, si hic dimitteretur, neque regioni neque iudici possit esse consultum, dimitti non potuit. Der Richter verspricht, falls Gott den Galgenstrick zerreißt, ihn freizugeben. Der Mönch veranlasst nun seinen Abt, solange für den Verurteilten zu beten, bis der Querbalken und die Ketten brachen und der Aufgeknüpfte zu Boden fiel.

 

Der Richter rechtfertigt sich vor dem Mönch: ... insurgente vulgo, aliud facere non potui, timens super me seditionem moveri. (Gregor VI,8) Dem vulgus ist die ernstgenommene Nächstenliebe von Mönch und Abt fremd, die auch das Gebot der Gewaltlosigkeit wörtlich nimmt. Damit tut sich aber der Graben zwischen Religion und juristisch begründeter Rechtschaffenheit auf, der notgedrungen immer weiter werden wird: Beides geht nicht zusammen. Gregors ecclesia als Gemeinschaft der Heiligen wird vom „Volk“ nicht anders als eine Absonderlichkeit für wenige angenommen werden.

 

Während sich das nicht mehr sehr evangelische Christentum in den Städten auch bei den Franken bald durchsetzt, wird es dafür auf dem Lande noch wenigstens ein halbes Jahrtausend dauern. Das Christentum an der Macht ist dabei von gnadenloser Unduldsamkeit. Im 'De Vita Patrum Liber' beschreibt Gregor für Köln um 520 einen besonders schönen "heidnischen" Tempel, in dem die römische Restbevölkerung ihrem Kult nachging. Der heilige Gallus von Clermont legt zusammen mit einem Kleriker Feuer, als gerade niemand da ist, worauf ihn die aufgebrachte Menge bis zum Königspalast verfolgt. (VP:VI,2)

 

Tatsächlich bekommen wohl die wenigsten etwas von der theologischen Substanz mit, aber mit dem Kampf des Guten gegen das Böse konnten sie sich wohl anfreunden. Der Teufel macht dabei eine in den Evangelien noch nicht vorhersehbare Karriere durch und gewinnt zunehmend an Bedeutung. Er kann sich in vielfältige Dämonen und böse Geister aufteilen, die Menschen in ihren Besitz nehmen. So schreibt Gregor über den bösen Ebrulf:

Da wir nun sahen, dass er sozusagen von einem bösen Geist besessen war (Nos vero cum vidissimus eum, ut ita dicam, agi a daemone) machten wir unserem Gebet und dem Ärgernis ein Ende und gingen aus der Kirche. Ebrulf verhält sich, sozusagen (!), als ob er von einem Dämon besessen wäre. Gregor scheint auch hier diesem Geisterglauben etwas skeptisch gegenüber zu stehen. (Gregor VII,22)

 

Nach christlicher Auffassung war es auch ein böser Dämon, mit dessen Hilfe Wahrsagerei betrieben wurde:

Es gab zu der Zeit eine Frau, die hatte einen Wahrsagegeist (so übersetzt Buchner spiritus phitonis), und die bereitete ihren Herren viel Gewinn mit Wahrsagen und erlangte so deren Gunst, dass sie sie freiließen, und sie nun so lebte, wie sie wollte. Wenn jemand einen Diebstahl oder sonst irgendeinen Schaden erlitt, erklärte sie sogleich, wohin der Dieb entwichen war, wem er das Gestohlene gegeben oder was er damit gemacht hatte. Sie brachte täglich viel Gold und Silber zusammen und ging voller Schmuck herum, so dass man im Volk (in populis) meinte, sie sei irgend etwas Göttliches. Bischof Agerich von Verdun ergreift sie und sieht, dass es, wie wir schon in der Apostelgeschichte formuliert lesen, ein unreiner Geist sei, der aus ihr wahrsage (immundum spiritum esse phitonis). Und als er die Beschwörung (exorcismum) über sie aussprach und ihre Stirn mit dem heiligen Öl (oleum sanctum) salbte, schrie der Dämon laut auf und verriet sich dadurch dem Bischof. Da er sich aber durch ihn nicht austreiben ließ, erlaubte der Bischof dem Mädchen zu gehen. Weil sie aber erkannte, dass sie an diesem Ort nicht mehr leben konnte, zog sie zur Königin Fredegunde und verbarg sich bei ihr. (Gregor VII,44)

 

Bekanntlich wird sich dieses Geschäft aber durch die Zeiten erhalten, das Bedürfnis, in die Zukunft schauen zu wollen, ist einfach zu groß. Hier scheint denn auch Gregor an die Macht wahrsagender Dämonen selbst zu glauben.

 

Die eng benachbarten Bereiche der Zauberei und Kräuterkunde werden sich ebenfalls bis in die Neuzeit hinein nicht ausrotten lassen. Gregor erzählt aus der Zeit des Königs Chilperich:

Indessen kam der Königin zu Ohren, ihr Sohn, der gestorben war, sei ihr durch Zaubereien (maleficia) und Besprechungen (incantationes) entrissen worden, und der Präfekt Mummolus habe davon gewusst.( ...) Mummolus erzählt von seinen Erfolgen mit Heilkräutern. Die Königin lässt Weiber (mulieres) in Paris ergreifen, und unter der Folter gestehen sie, Zauberinnen (maleficae) zu sein. Sie hätten den Königssohn sterben lassen, damit Mummolus leben könne. Daraufhin werden sie durch schwerste Foltern umgebracht. Nun wird auch Mummolus eingesperrt, auf das grausamste gefoltert; er gesteht, Kunde dieser Frauen gewesen zu sein und bei ihnen Mixturen (inunctiones) und Zaubertränke (potiones) gekauft zu haben. Er wird seines Eigentums beraubt und stirbt bald darauf (Gregor VI,35)

 

Wer wiederum die Wundertaten christlicher Heiliger für faulen Zauber hält, kann auf die Idee kommen, es selbst damit zu probieren:

In jenem Jahre trat in der Stadt (urbs) Tours ein Mann mit Namen Desiderius auf , welcher vorgab, er sei etwas Großes, und behauptete, er könne viele Wunder tun (se multa posse facere signa). Auch rühmte er sich, es liefen Boten zwischen ihm und den Aposteln Petrus und Paulus hin und her. Da ich nicht in der Stadt war, strömte viel gemeines Volk (rusticitas populi) ihm zu, und sie brachten die Blinden und Kranken mit; er aber suchte sie nicht durch Heiligkeit (sanctitas) zu heilen, sondern durch den Trug der schwarzen Kunst (errore negromantici ingenii) zu täuschen. Die gichtbrüchig oder sonst gebrechlich waren, ließ er mit Gewalt ausrecken, um die, welche er durch die Gabe göttlicher Wunderkraft nicht gerade machen konnte, gewissermaßen durch eigene Anstrengung wiederherzustellen. (Üb.Buchner, Gregor IX,6)

 

Am Ende wird er aus der Stadt verwiesen. Damals erinnert das einen Gregor auch daran, dass in der „Offenbarung des Johannes“ vorhergesagt wurde, dass der Weltuntergang mit der Heraufkunft falscher Propheten eingeleitet werden würde.

 

Ein anderer besonderer Heiliger kommt 591 bis in die Provintia von Arles:

(...) hier kleidete er sich in Felle und betete wie ein Geistlicher (religiosus). Um ihn zu verführen, verlieh ihm der Widersacher (pars adversi) die Gabe des Wahrsagens. (…) er (...) kam in das Gebiet der Stadt Javols, gab vor, er sei etwas Großes und scheute sich nicht, sich für Christus auszugeben. Dabei hatte er eine Frau wie eine Schwester bei sich, die er Maria nennen ließ. Zu ihm strömte eine Menge Volk (populus) und brachte die Kranken herbei, die er durch seine Berührung gesund machte. Auch Gold, Silber und Kleider gaben sie ihm. Er aber schenkte alles den Armen, um die Leute zu verführen, warf sich auf den Boden und betete inbrünstig zusammen mit der Frau, und wenn er aufstand, ließ er sich wieder von den Umstehenden verehren. Er sagte auch die Zukunft voraus, verkündete den einen, dass ihnen Krankheiten, anderen Verluste bevorständen, prophezeite dagegen nur wenigen Glückliches. (...) Er verführte so eine ungeheure Menge Volk, nicht nur Ungebildete (rusticiores), sondern auch Priester der Kirche. Am Ende folgten ihm mehr als 3000 Leute aus dem Volk nach.

Nun fing er an, manche zu berauben und auszuplündern, die er auf den Landstraßen fand. Das Geraubte schenkte er dann denen, die nichts besaßen. (…) er schickte auch Boten vor sich her, Leute, die mit nacktem Körper (nudo corpore) tanzten und sprangen (saltantes adque ludentes), um seine Ankunft anzumelden.

Der Bischof sorgt dafür, dass er „in Stücke“ gehauen wird, und so fiel jener Christus, den man lieber Antichrist nennen sollte. (...) Dennoch kamen die Leute, welche er durch höllische List verführt hatte, an ihn zu glauben, niemals wieder zu vollem Verstand (ad sensum integrum), sondern sie verehrten ihn weiter als Christus und glaubten, das seine Maria teil an seiner Göttlichkeit habe. (Gregor X,25) Gregor nimmt eine gewisse Ähnlichkeit zu Jesus durchaus wahr, macht aber (wohl ohne dass es ihm bewusst wird) auch deutlich, dass die Kirche Jesus im Frankenreich noch einmal umgebracht hätte.

 

Christianisierung der Laienwelt geschieht durch Umformung und Überformung „heidnischen“ Glaubens. Dabei spielt das Wunder eine immer größere Rolle, begründet in den Wundertaten Jesu und überhaupt dem Wunderbaren und Wunderlichen seiner legendären Existenz. Aber alle Wunder müssen von der Kirche lizenziert werden.

 

Virtus war die lateinische Tugend, die innere Kraft zum jeweils Guten. Aus dem tugendhaften Heiligen entspringen dann die virtutes, seine Wundertaten. Diese sind zu einem großen Teil Krankenheilungen, von denen so manche Erzählung als märchenhaft abgetan werden kann, andere aber wohl so ähnlich geschehen sind, - eben aus der Suggestivkraft des Heiligen heraus. Dann gibt es Heilungen, die im Nachherein auf das Wunderbare bezogen werden. In solchen Wundern wird das weitergeführt, was Schamanen, Zauberer und andere schon vorher konnten.

 

Direkt aus der "heidnisch"-römischen Kultur ins (nicht nur) fränkische Christentum übernommen wird die Bedeutung der prodigia, der Vorzeichen, der Auspizien usw. Dazu gehört unter anderem die Beobachtung von Himmelszeichen (Sonnenfinsternis, Kometen etc.). Daraus wird sich die Astrologie entwickeln, die bis ins 16./17. Jahrhundert noch nicht von der Astronomie unterschieden ist.

 

Was sich bei den meisten durchsetzt, ist schlichter Volksglaube. Gegen den Teufel stehen dabei vor allem die Heiligen ein, die nun nicht mehr unbedingt Märtyrer sein müssen, sondern Leute werden, die ein besonders heiliges Leben geführt haben. Der Modellfall für Gallien wird Martin von Tours durch die Heiligenvita, die Sulpicius Severus um 396 schreibt.

Dabei wird Heiligkeit noch nicht in Rom festgelegt, dass von Gallien ohnehin damals weit weg ist, sondern wird vom „Volk“ entdeckt und wohl auch von einzelnen Priestern propagiert und von Bischöfen protegiert. Heiligen werden die Kirchen geweiht, und sie werden angerufen, wenn man Wünsche hat.

 

Solche Heilige vollbringen Wunder auch nach ihrem Tod, und insbesondere ihre körperlichen Überreste („Reliquien“) können so etwas vollbringen. Die meisten gab es damals in Rom zu ergattern:

Igitur diaconus Romam directus est, ut beatorum apostolorum vel reliquorum sanctorum, qui urbem illam muniunt, exhiberet. Damals gab es einen Diakon aus jener Gegend (ex provintia illa), der nach Rom geschickt worden war, um von dort Überreste (pignora) der heiligen Apostel oder Reliquien (reliquiae) anderer Heiliger, die jene Stadt schützen, zu holen. (Gregor VI,6)

 

Gregor hatte durchaus auch ein humoristisches Talent, welches er gerne zur Entlarvung von „Aberglauben“ einsetzte. So heißt es über den Kron-Prätendenten Gundovald:

Da er forschte, was ihm wohl in seiner Sache helfen könne, erzählte ihm jemand, im Morgenland habe ein König den Daumen des heiligen Märtyrers Sergius weggenommen und an seinem rechten Arm befestigt. Und als er einmal Feinde habe vertreiben müssen, habe er im Vertrauen auf den Beistand des Heiligen den rechten Arm erhoben und sogleich habe sich die Menge der Feinde, wie von der Macht des Heiligen besiegt, zur Flucht gewandt. (Gregor VII,31)

Gregor erzählt das so, als ob er dabei sehr skeptisch wäre. Gundovald möchte auch so ein Wundermittel ergattern und reißt sich dann ein solches Stück eines Knöchelchens unter den Nagel, das er von einem Syrer bekommt.

 

Natürlich verlangt die Kirche die Kontrolle über den Reliquienkult, eine Verselbständigung jenseits von ihr hätte sie partiell überflüssig machen können und zudem das Christentum weiter seiner nur bei wenigen überhaupt noch aufgehobenen Substanz berauben können.

 

 

Übrigens haben wir es im Frankenreich noch mit keiner richtigen Papstkirche zu tun. Soweit ich sehe, werden auf den rund 400 Seiten der Darmstädter Buchner-Ausgabe die Päpste gerade zweimal erwähnt. Papst Gregor ("der Große") führt zwar schon den "Titel" papa, aber viel Einfluß auf die gallischen Diözesen ist nicht zu erkennen.

Die gallischen Bistümer sind eben eher den fränkischen Königen als Rom untergeordnet, weswegen wohl der erste Papst Gregor seine wwichtigsten Briefe an die Königinnen Fredegunde und Brunichilde richtet und nicht an die Bischöfe.

 

Gepilgert wird auch noch nicht nach Rom, sondern zum heiligen Martin nach Tours. Erst mit Bonifatius und der angelsächsischen Mission beginnt die engere Anbindung der gallischen Kirche an die Zentrale.

 

 

Kloster

 

Jenseits-Gewandtheit, Gewaltverzicht, extreme Bescheidenheit, Kultivierung von Besitzlosigkeit und ähnliches waren Germanen völlig wesensfremd, noch mehr als dem aus der römischen Zivilisation hervorgegangenen gallorömischen Adel. Bischöfe hätten solche Franken nur werden können, wenn sie sich an die provinzielle städtische Kultur schnell akkulturiert hätten. Das war durch das 6. Jahrhundert zumindest wohl für fast alle undenkbar.

 

Das vorgefundene klösterliche Leben, von Martin von Tours, Klöstern im Rhonetal, von den Klöstern Cassians in Marseille oder solche, die von der Insel Lérins ausgehen, war für sie schon aus demselben Grunde ausgeschlossen. Zudem kontrollierten die gallorömischen Bischöfe mit Unterstützung der Merowinger die Klöster, für fränkische Edle hätte das doppelte Unterwerfung bedeutet.

 

Undenkbar für freie Franken war sicher zunächst vor allem der im Kloster geforderte Gehorsam gegenüber Abt und Regel. Obstinater Ungehorsam wurde am Ende mit Geißelung bestraft, mit Rutenhieben also, zudem mit erweitertem Fasten und zeitweiligem Ausschluss aus der Germeinschaft, einer Art Einzelhaft also. Das war gewiss eines freien Franken unwürdig.

 

 

Am anschaulichsten wird vielleicht das Kloster zu Gregors Zeit anhand der Geschichte der Radegunde und ihres Klosters Sainte Croix, dessen Maria geweihte Kirche nach ihrem Tod in Sainte Radegonde (in späterem Französisch) umbenannt wird.

Ihre erste Erwähnung findet im dritten Buch der Historien des Gregor statt. Danach herrschten in Thüringen drei Brüder, von denen Herminefred Berthachar umbringt. Dieser hinterlässt Radegunde als "Waise" (orfana) mitsamt ihren Brüdern. Als nächstes besiegt Herminefred um 515 mit der Hilfe des Frankenkönigs Theuderich auch den anderen Bruder, der ebenfalls umkommt. (Gregor III,4)

531 besiegt Frankenkönig Theuderich zusammen mit Bruder Chlothar an der Unstruth nun auch Herminefred. Über Radegunde heißt es dann:

Chlothar nahm sie bei seiner Rückkehr als Gefangene mit und heiratete sie dann; ihren Bruder ließ er später unrechtmäßig durch schändliche Menschen töten. Sie nun bekehrte sich zu Gott, wechselte ihr Gewand und baute sich ein Kloster in den Mauern von Poitiers. Mit Gebet, Fasten und Almosen glänzte sie so sehr, dass sie beim Volk großes Ansehen gewann. (Gregor III,7)

 

Die jugendliche Radegunde wird am Hof Chlothars Christin und erhält eine gewisse literarische Bildung. 534 muss sie auch noch ertragen, dass Herminefred von Theuderich heimtückisch ermordet wird. Als sie zwischen fünfzehn und zwanzig ist, nimmt der König sie zu seiner Frau (zwei hat er schon). Um 550 verlässt sie ihren königlichen Gemahl und gründet ihr Kloster. Sie lässt nicht sich selbst, sondern ihre Pflegetochter Agnes zur Äbtissin wählen.

 

Gregor berichtet auch von einem Empfehlungsbrief König Sigiberts, mit dem Geistliche in partibus Orientis geschickt werden, um "ein Stück Holz vom Kreuz des Herrn" und andere Reliquien einzusammeln. Kaiser Justinus gibt ihnen eine solche Kreuzreliquie, die dann (in späterem Französisch) den Namen Sainte-Croix für das Kloster rechtfertigt.

Bei dieser Gelegenheit kommt es zum Konflikt mit dem Bischof von Poitiers, der sich weigert, den Ritus der Niederlegung der Reliquien zu zelebrieren, was darauf Eufronius, der Vorgänger Gregors, übernimmt. Da der Bischof von Poitiers sich nun der Konkurrenz einer Institution von besonderer Heiligkeit wegen besonders heiliger Reliquien ausgesetzt sieht, verweigert er die Zusammenarbeit.

 

Radegunde begibt sich mit Agnes nach Arles, erhält dort die Regel des Caesarius und erwirkt schließlich ein vorübergehendes Einvernehmen mit ihrem Bischof. (Gregor IX, 40)

 

Kurz nach der Klostergründung trifft der etwa 25-jährige Venantius Fortunatus in Tour ein. In Valdobbiadene bei Treviso geboren, hatte er seine klassische Ausbildung in Ravenna empfangen und schrieb kunstvolle "Gelegenheitsgedichte". Drei Jahre bevor die Langobarden in Italien einfallen, pilgert er zum Gab des "heiligen" Martin nach Tour, den er zuvor erfolgreich um Heilung einer Augenkrankheit angefleht hatte, um seinen Dank abzustatten. Dort lernt er Radegunde kennen, und entschließt sich, die 22 Jahre bis zu ihrem Tod dort zu bleiben. Zugleich schließt er Freundschaft mit unserem Bischof Gregor.

 

Offenbar bewegt die königliche Nonne ihn dazu, Kleriker zu werden und am Ende wird er auch noch Bischof von Poitiers. Vorher verfasst er eine Heiligen-Vita der Radegunde, ebenso wie auch Gregor von Tours. Eine weitere wird Baudonivia zwischen 609 und 614 schreiben, eine Nonne des Radegundenklosters.

Von ihr erfahren wir, dass Chlothar irgendwann versucht, sie zurückzugewinnen, und dass Bischof Germanus von Paris sich dabei für sie einsetzt. Baudonivia ist es auch, die die Geschichte mit den Reliquien beschreibt und mit ihrer Heiligengeschichte stark die Entwicklung des Radegunde-Kultes beeinflusst.

 

Gregor erwähnt anlässlich des späteren Aufstandes von Chrodechilde und Basina einen vielleicht 567 verfassten Brief einer Anzahl von Bischöfen (zu denen auch der von Tours gehört), der aufgrund der Regel des Caesarius von Arles die Freiwilligkeit des Eintritts ins Kloster ebenso betont wie das Verbot, jemals wieder auszutreten, um in den gemeinen Kot der Straßen gezogen und getreten zu werden (mergenda et conculcanda vili platearum in luto), was letzteres die Exkommunikation nach sich ziehen würde.(Gregor IX,39) Einen entsprechenden Brief hatte Radegunde an die Bischöfe geschrieben. (IX,42)

Laut Weidemann (2, S.39) soll das Kloster zum Zeitpunkt des Todes der Radegunde rund 200 Nonnen umfasst haben. Damit gehört es wohl zu den größten seiner Art.

 

Bei Gregor erfahren wir noch, wie eine Nonne des Klosters im Kreis ihrer Schwestern vorbildlich stirbt und vom Engel Michael in den Himmel (ad caelos) aufgenommen wird. (VI,29)

Eine weitere Nonne hat eine beeindruckende Vision (visum vidit): Sie macht eine Art "Reise" zu einer "lebendigen Quelle" und findet dafür einen Mann als Führer. Angekommen, bezeichnet er das Wasser als Quelle des "ewigen Lebens". Unsere Nonne begegnet also in der "Vision" ihrem Bräutigam (sponsus) Jesus in einer Art Paradies. In der Vision kommt nun die Äbtissin und kleidet sie in ein königliches Gewand. Nach wenigen Tagen bittet diese Nonne, von ihrer Vision beeindruckt, die Äbtissin um eine Zelle, in der sie abgeschlossen leben könne. Sie lässt sich darauf dort einmauern, vermutlich mit einer Durchreiche für das Minimum an Lebensmitteln – freiwillige Gefangenschaft als Abwendung von der Welt, ein inneres claustrum im Kloster. (Gregor VI, 29)

Cumque illa avide ex his aquis auriret, ecce ab alia parte veniebat abbatissa et, denudatam puellam, induit eam vestem regia, quae tanta luce auroque et munilibus refulgebat, ut vix possit intendi, dicente sibi abbatissa: 'Sponsus enim tuus mittit tibi haec munera'. Haec cum puella vidisset, conpuncta est corde, et post dies paucus rogavit abbatissam, ut sibi in qua inclauderetur cellolam praepararet. At illa velociter perfectam, ait: 'Ecce', inquid, 'cellolam! Quid nunc desideras?' Puella vero petiit, ut recludi permitteretur. Quod cum ei praestitum fuisset, congregatis virginibus cum magno psallentio, accensis lampadibus, tenente sibi beata Radegunde manu, ad locum usque perducitur. Et sic vale faciens omnibus et osculans singulas quasque, reclausa est; structoque aditu, per quem ingressa fuerat, ibi nunc oratione ac lectione vacat.

 

Als nächstes erfahren wir bei Gregor, dass Radegunde 587 stirbt, und dass er beim Begräbnis dabei ist und bei dieser Gelegenheit Zeuge einiger Wunder (virtutes) wird. (IX,2) Genaugenommen sind das wenige Informationen über eine Frau, mit der Gregor in guter Beziehung stand, aber er holt das in seinem 'Liber in gloria confessorum' nach. Was er genauer beschreibt, ist der Aufstand der Nonnen unter Chrodechilde einige Zeit nach dem Tod von Radegunde und Agnes. Hier erfahren wir auch mehr als irgendwo sonst über das fränkische Kloster der Zeit vor den columbanischen Reformen.

 

Chrodechilde ist Tochter von König Charibert und Basina Tochter Chilperichs. Chrodechilde verließ sich auf ihre königlichen Verwandten und nahm Nonnen Eide (sacramenta) ab, dass sie der Äbtissin Leubowera Verbrechen vorwerfen würden, sie aus dem Kloster vertreiben, und sie selbst zum Haupt (principalem) machen würden. Sie verließ mit vierzig oder mehr Jungfrauen (puellis) und ihrer Base (consubrinam) Basina, der Tochter (König) Chilperichs, das Kloster und sprach: "Ich gehe zu meinen Verwandten, den Königen, damit ich ihnen die Schande vermelden kann, da wir nicht wie Königstöchter, sondern wie von niedrigen Mägden (malarum ancillarum) geboren gedemütigt werden. (Gregor IX,39)

 

Im von Gregor veröffentlichten schlussendlichen Urteil heißt es, sie sagten, sie wollten sich nicht weiter der Gefahr des Hungers, der Blöße und von Misshandlungen aussetzen. (Gregor X,16)

 

Wir wissen über die Art, wie das Kloster unter der thüringischen Königstochter und Gemahlin eines fränkischen Königs (Chlothar I.) Radegunde geführt wurde, nichts, was nicht zu ihren Gunsten von Gregor, ihrem Freund Venantius Fortunatus und der Nonne ihres Klosters Baudonivia geschrieben wurde. Aber wir ahnen, wie die Damen der fränkischen Oberschicht versuchten, Reste eines adeligen Lebenswandels im Kloster zu bewahren. Vom Kloster der Radegunde ist so überliefert, dass es ein Thermalbad besaß.

 

Die "Aufständischen" begeben sich zu Fuß zu Gregor nach Tours, klagen ihm ihr Leid, und er verweist sie auf ihre Ordensregel. Aber sie dürfen bis zur warmen Jahreszeit bei ihm bleiben. Dann zieht Chrodechilde alleine zu König Gunthram, der ein Konzil zur Klärung einberuft.

 

Zwischenzeitlich hatten sich viele der Nonnen "von Männern umgarnen lassen" (a diversis circumventi) und geheiratet. Ungeduldig ziehen sie nach Poitiers in die Kirche des heiligen Hilarius, begehren dort Kirchenasyl und sammelten hier um sich eine Schar von Dieben, Mördern und Ehebrechern... (Üb.Buchner, Gregor IX,40)

Es kommt zu einer Bischofsversammlung in Sankt Hilarius, die keine gütliche Einigung zustande bringt und die Frauen endlich exkommuniziert. Der Haufe verprügelt die geistliche Versammlung in der Kirche darauf bis aufs Blut. Die stieben auseinander und Chrodechilde bemächtigt sich jetzt der Güter des Klosters. (Gregor IX,41)

 

Am Ende gehen manche der exkommunizierten Nonnen auseinander, zu den Eltern, den Ehemännern oder in die anderen Klöster, aus denen sie herkamen. Chrodechilde und Basina beginnen ihren eigenen Machtkampf miteinander. (Gregor IX,43) Schließlich lassen die beiden die Äbtissin aus dem Kloster entführen und sperren sie neben St.Hilarius ein, dort wo Basina haust. Darauf wird auch das Kloster selbst von ihnen geplündert. Wie sich nachher herausstellt, werden in dieser Zeit einige der Noch-Insassinnen des Klosters geschwängert. (Gregor X,16)

 

Schließlich kann die Äbtissin in die Kirche entkommen, von wo aus sie zusehen muss, wie im Kloster gemordet wird (homicidia perpetrantur, Gregor X,15). Basina fühlt sich inzwischen von Chrodechilde unterdrückt und geht zur Äbtissin über. Am Ende befehlen die Könige Gunthram und Childebert dem Grafen von Tours, Macco, den Aufstand mit Gewalt niederzuschlagen. Das "Volk" (vulgus) schließt sich begeistert an: man band sie an Pfähle, geißelte sie scharf, einigen schnitt man das Haar, anderen die Hände, manchen auch Ohren und Nase ab. (Gregor X,15)

 

Es kommt dann doch noch zu der Bischofsversammlung, auf der Äbtissin und Chrodechilde gegeneinander antreten. Die Rebellinnen berufen sich auf Radegundes (lockeres) Verhalten im Kloster, aber davon bleibt am Ende nur übrig, sie habe Würfelspiele gespielt, was die Bischöfe und die Ordensregel nicht ausdrücklich verbieten. (Gregor X,16) Das Kloster wird wiederhergestellt, die nicht reumütigen Rebellinnen werden erneut exkommuniziert. Auf einer späteren Kirchenversammlung wird Basina erlaubt, ins Kloster zurückzukehren.

Der Verdacht spezifisch auf aristokratischen Wurzeln basierender Verhaltensweisen im Kloster bleibt und weist voraus auf das eigensinnige Verhalten der ("heiligen") Hildegard.

 

Ein wenig verwandt ist der Konflikt zwischen der Ingiltruda/Ingotrude und Tochter Berthegunde in Tours. Ingotrude war königlichen Geblüts, gründete in Tours ein Kloster, wo auch eine Tochter König Chariberts sich einfand, die aber bald wieder ging, weil sie die klösterliche Disziplin nicht einhalten wollte. Ingotrude überredet ihre seit ungefähr dreißig Jahren verheiratete Tochter Berthegunde, zu ihr ins Kloster zu gehen. Der Ehemann beschwert sich darauf bei Gregor, der seine Frau zur Rückkehr in die Ehe verpflichtet, die sie nicht verlassen durfte.

Später geht sie wieder in das Kloster, ihre Mutter muss sie aber erneut fortschicken, und zwar zu ihrem Bruder, dem Bischof von Bordeaux. Der erklärt die Ehe für ungültig. Darauf greift König Gunthram ein und verpflichtet den Bischof, sie wieder zum Ehemann zu schicken. Ihr Bruder stirbt dann und sie beginnt, sich mit ihrer Mutter zu verfeinden. Es geht um ihr mütterliches und brüderliches Erbe. Gunthram versucht zu vermitteln, aber Berthegunde nimmt den Schiedsspruch nicht an: Sie will alles. (Gregor IX,33)

Nach dem Tod der Mutter, die das Erbe der Tochter ins Kloster eingebracht hatte, gelingt es Berthegunde, König Childebert auf ihre Seite zu ziehen. Darauf sammelt sie Leute um sich und plündert das Kloster der verstorbenen Mutter völlig aus. (Gregor X,12)

 

Die dem klösterlichen Leben geweihten Mönche und Nonnen aus der Oberschicht sind an sich ebenso wie der Klerus Teil der Civitas Dei, aber wie dieser von Gregor in die Guten und die Schlechten aufgeteilt. Es gibt gierige Mönche, die von Gott bestraft werden (IV,31) und fromme Mönche, die Gott belohnt (IV,34)

 

Abt Dagulfus wird angeklagt, weil der raubt und mordet und Ehebruch betreibt, eine verheiratete Nachbarsfrau begehrt und ihr Haus zum Hurenhaus macht, als der Ehemann abwesend ist. (Gregor VIII,19) Cum autem saepius Dagulfus abba pro sceleribus suis argueritur, quia furta et homicidia plerumque faciebat, sed et in adulteriis nimium dissolutus erat, quodam tempore uxorem vicini sui concupiscens, miscebatur cum ea. ... domum meretricis

 

Aber vor allem beschreibt und propagiert Gregor doch die Heiligkeit der Mönche und Nonnen. Solche Heiligkeit in ihrer konsequentesten Form findet bei Einsiedlern statt. Aber für den Vertreter der hierarchischen Kirche ist das sehr ambivalent. Hospitius ist ein Positiv-Exemplum für Gregor:

Fuit autem apud urbem Nicensim (Nizza) eo tempore Hospicius reclausus magnae abstinentiae, qui constrictus catenis ad purum corpus ferreis, induto desuper cilicio (härenes Gewand), nihil aliud quam purum panem cum paucis dactalis (Datteln) comedebat. In diebus autem quadraginsimae de radicibus herbarum Aegyptiarum, quas heremitae utuntur, exhibentibus sibi negotiatoribus (Händler), alibatur. Et primum quidem ius (Saft) in quo coxerant auriens, ipsas sumebat in posterum. Magnas enim per eum Dominus virtutes (Wunder) dignatus est operare. (Gregor VI,6)

 

Askese ist hier Verzicht auf alles, was irdisches Vergnügen bereitet, und Einüben in das Leiden, den Schmerz. Solches Verhalten würde wohl heute nach aktuellen Normen für pathologisch erklärt. Sein Lohn ist laut Gregor, dass er wie Jesus Blinde sehend machen und böse Geister austreiben kann. Eine ähnlich erfreuliche Gestalt für Gregor und ebenfalls wundertätig ist ein Einsiedler in Angoulême: Eparchius reclausus Ecolesinensis, von dem er berichtet, wie er einem Verbrecher das Leben und die Freiheit rettet. (s.o. Gregor VI,8)

 

Ein Einsiedler ist ein Eremit (heremita), wenn er in der Einöde lebt, und ein Klausner (reclausus), wenn er sich von der Außenwelt abgeschlossen hat. Er kann von Almosen derer leben, die ihn verehren und vielleicht von seinen Wundertaten begeistert sind. Das zeigt, dass seine Einsamkeit oft weniger ausgeprägt ist, als man vielleicht meinen möchte. Andere wiederum betreiben z.B. Gartenbau, Bienenzucht und ähnliches.

 

Wir haben schon von einer Nonne im Radegunde-Kloster Ste Croix gehört, die sich im Kloster selbst noch einmal einmauerte. Offenbar war der Drang nach besonderer Heiligkeit durch klösterliche Disziplin gelegentlich über das reguläre Maß gesteigert. Aber selbst auferlegte Askese ohne kirchliche oder klösterliche Aufsicht kann aufgrund überzogener Ansprüche auch verderblich sein:

 

Et quia princeps tenebrarum (Fürst der Finsternis) mille habet artes nocendi, quid de reclausis ac Deo devotis nuper gestum fuerit, pandam. Vennocus Britto (Bretone) praesbiterii honore praeditus, ... , tantae se abstinentiae dedicavit, ut indumentum (Kleidung) de pellibus tantum uteretur, cybum de herbis agrestibus incoctis sumeret, vinum vero tantum vas ad os poneret, quod magis putaretur libare osculo quam haurire. Sed cum eidem devotorum largitas frequenter exhiberet vasa hoc plena licore, dedicit (lernte er), quod peius est, extra modum haurire (unmäßig zu trinken) et in tantum dissolvi potione, ut plerumque ebrius cerneretur. Unde factum est, ut, invalescente temulentia (Rausch), tempore procidente, a daemonio correptus, per inergiam vexaretur, in tantum ut, accepto cultro vel quodcumque genus teli sive lapidem aut fustem potuisset adrepere, post homines insano furore discurreret. Unde necessitas exigit, ut catenis vinctus costodiretur in cellula. In hac quoque damnatione per duorum annorum spatia debachans, spiritum exalavit. (Gregor VIII,34)  

 

Dieser fromme und asketisch lebende Priester kippt sozusagen aus seiner Askese in das andere Extrem, den Suff, der Dämon verdirbt ihn, er dreht durch und bedroht die Leute aggressiv. Er wird nun zur unfreiwlligen „Askese“ verurteilt, indem man sich genötigt sieht, ihn in einer Zelle an Ketten zu fesseln.

 

***Das Volk bei Gregor***

 

Die Welt des Gregor ist wie die der Goten in Spanien viel dünner besiedelt als heute. Neben den römisch gegründeten Städten gibt es Weiler, die sich an villae bilden, an Festungen, castrae, oder als vicus. Flüsse und Bäche sind nicht in Kanäle verwandelt, die meisten Sümpfe und Moore noch nicht trockengelegt. Im Osten, dort wo die Römer nie siedelten, ist das Land überwiegend von Wäldern bedeckt, die unterhalb der Gebirge Laubwälder mit einer viel größeren Vielfalt an Laubbäumen sind. Darin gibt es Wölfe und Bären, Wisente, Auerochsen, Elche.

 

Der Wohlstand basiert im wesentlichen auf menschlicher Energie, und zwar der Körperkraft der Unfreien, Halbfreien und jener Freien, die genötigt sind, selbst Hand anzulegen, zudem auf Holz und Holzkohle, selten auf Wasserkraft. Die Nächte sind noch dunkel, die Wohnstallhäuser der germanischen Völkerschaften werden von einer offenen Feuerstelle geheizt, die Winter sind auch drinnen entsprechend kalt. Die ausgeklügelten Heizsysteme der wohlhabenden Römer verschwinden.

 

Hauptnahrungsmittel ist Getreide, eben soweit es die Ernten bzw. der Geldbeutel hergeben. Fleisch gibt es bei den meisten vor allem im Herbst und frühen Winter, wenn das Vieh geschlachtet wird, damit man es nicht durchfüttern muss. Die Menschen kennen ausgeklügelte Konservierungsmethoden auch für Obst und Gemüse.

 

Periodisch gibt es Hungersnöte wegen des Wetters und wegen Seuchen, die Pflanzen und das Vieh hinraffen. Manchmal kommen auch Heuschreckenschwärme. Dann sieht es so aus:

Und viele buken aus Traubenkernen und Haselblüten Brot, manche auch aus getrockneten und zu Staub zermahlenen Wurzeln des Farnkrautes, denen sie etwas Mehl beimischten. Viele schnitten die grüne Saat ab und machten damit dasselbe. Es gab außerdem viele, die gar kein Mehl mehr hatten und darum Kräuter ausrissen und aßen. Von deren Genuss schwollen sie an und starben.... Damals nahmen die Kaufleute das Volk (populus) mächtig aus... Arme Leute (pauperes) begaben sich in die Knechtschaft (servitium), damit sie auch nur ein kleines bischen Nahrung erhielten. (Gregor VII, 45) Die Kaufleute spekulieren vor allem mit Getreide dabei.

 

543 lesen wir zum ersten Mal von der Pest in Gallien. Gregor erzählt von einem Ausbruch in Clermont 571: (...) weil schon Särge und Bretter fehlten, begrub man zehn oder mehr in einer Grube. Es wurden aber an einem Sonntag in der Kirche des heiligen Petrus allein 300 Leichen gezählt. (Gregor IV,5)

 

Die Straßen standen im Römerreich unter öffentlicher, "staatlicher" Aufsicht. Mit deren Verfall müssen Straßen und Brücken in Eigeninitiative von lokalen und regionalen Herren instandgesetzt und erhalten werden. Das römische Straßensystem verfällt entsprechend und das behindert den Handel. Zudem ist er sicherer auf Wasserstraßen, denn die Straßenräuberei nimmt erheblich zu.

 

Es gibt zwar weiterhin in geringerem Umfang Geldwirtschaft, aber kaum so etwas wie ein Kreditwesen. Unternehmer (Händler vor allem) investieren, was sie haben.

 

Die ganze moderne Amüsierindustrie fehlt und mit ihr die sogenannten Massenmedien. Die Kirche ist oft das einzige steinerne Gebäude und der Kirchgang ein Ereignis und ein Schauspiel. Ein Spektakel sind auch die feierlichen und oft ausgedehnten Prozessionen, bei denen Kreuze und Heiligenbilder mitgetragen werden.

Anstelle von Lektüre wird erzählt, und die Unzahl biblischer Geschichten ergänzt diejenigen, in denen die Menschen ihren Alltag bewältigen. Mündliche Überlieferung prägt neben eigenem Erleben das Weltbild. Genaueres weiß man nicht, weil die Autoren damals am niederen Volk wenig interessiert sind.

 

Unter fränkischer Herrschaft wird fortgesetzt, was es in der römischen Antike und bei den Germanen daneben schon gab: Eine grundsätzliche Unterscheidung in Freie und Unfreie, und eine formell nicht sehr klare Schichtung der Freien. Unten gibt es die Schicht derjenigen, die selbst arbeiten müssen, darüber diejenigen, die stattdessen andere für sich arbeiten lassen können, und ganz oben die ganz kleine Gruppe derjenigen, die sich selbst als nobilitas verstehen, was immer das im Einzelnen heißen mochte. Jedenfalls kann man wohl mit K.F.Werner davon ausgehen, dass es sich dabei um ein direktes römisches Erbe handelt.

 

Am unteren Ende stehen die pauperes, die Armen, vom Abstieg in die Unfreiheit bedroht. Der Pauper ist in der Regel Eigentümer und bearbeitet Land. Er ist zum Kriegsdienst verpflichtet. In diese Schicht gehören auch viele Handwerker und das Gros der Händler.

 

Der siegreiche und vom Kaiser aufgewertete Chlodwig wirft in Tours Gold- und Silberstücke unter das Volk wie ein römischer Kaiser (siehe oben). Um herauszufinden, was hier mit Volk gemeint ist, wird man jene wenigen „besseren“ Leute (proceres, z.B. Gregor V,46) ausschließen können, die es nicht nötig haben bzw. für die es unwürdig wäre, sich nach dem Edelmetall zu bücken.

 

Aber populus ist längst ein schwieriger Begriff in an klaren Definitionen ärmer gewordener Übergangszeit. Wenn Vandalen und Alemannen von Gregor als populi bezeichnet werden, fällt das Wort mit gens zusammen (Gregor II,2). Bei einer Gelegenheit zumindest werden „die Franken“ und „das Volk“ gleichgesetzt, was aber zur Klarheit wenig beiträgt:

Die Franken hassten Parthenius sehr, denn er hatte ihnen in der Zeit des gerade erwähnten Königs Tribute/Steuern auferlegt, und sie begannen ihn anzugreifen. Er erkannte, dass er in Gefahr war und floh aus der Stadt, wobei er zwei Bischöfe bat, sie mögen ihn nach Trier geleiten und den Aufstand des wildgewordenen Volkes durch ihre Predigt unterdrücken. (Franci vero cum Parthenium in odio magno haberent, pro eo quod eis tributa antedicti regis tempore inflixisset, eum persequi coeperunt. Ille vero in periculum se positum cernens, confugium ab urbe facit ac duobus episcopis suppliciter exorat, ut eum ad urbem Treverecam deducentes, populi saevientes seditionem sua praedicatione conpraemerent. (Gregor III,36)

 

Volk sind hier die, die den Steuereintreiber angreifen, was Gregor sicher auch erwähnenswert findet, weil es sich beim König um Chilperich handelt, jenen, den Gregor überwiegend zum schlechten König stilisieren möchte.

 

Steuern mag im übrigen schon damals niemand gerne zahlen: Gregor berichtet über die Zeit des Bischofs Eufronius von Tours, seines Vorgängers:

Childeberth sandte auf Einladung des Bischofs Marowech nach Poitiers zur Steuerveranlagung als discriptores den Hausmeier der Königin Florentianus und den comes palatii Romulf, denn die Bevölkerung sollte die Steuer (censum), die sie zur Zeit des Vaters entrichtete, nach den neuen Verhältnissen entrichten. Viele von den Steuerpflichtigen waren nämlich gestorben, und die Abgaben (tributi pondus) hingen an ihren Witwen, Waisen und Alten (debilibus).Es gelingt dem Bischof von Tours, von den Steuern ausgenommen zu werden, denn der König fürchtete die Macht des heiligen Martin. (Gregor IX,30)

 

Populus Toronorum (Gregor II,1) sind die Einwohner von Tours: Qua de re surrexit omnis populus Toronorum in ira, et totum crimen super episcopum referunt, volentes eum unanimiter lapidare. Aber hier wie bei manch anderer Stelle nähern sie sich schon dem (städtischen) Pöbel an, der auch schon mal Bischöfe steinigen möchte (der populus surgens, z.B. Gregor VI,25 ).

 

Gegen zwei böse Bischöfe dringt der clamor populi (Gregor V,20) bis zum König, den Buchner mit „Klagegeschrei des Volkes" übersetzt (Gregor I, S.327). Wir können annehmen, dass damit keine miseri gemeint sind. An anderer Stelle wird „das Volk“ für seinen Bischof laut, nämlich für Gregor, als Chilperich ihn anklagen lässt: Nam foris domum rumor in populo magnus erat....(V,49). Rumor ist per se das, was Volk oder „Leute“ von sich geben. Der populus ist in beiden Fällen der einer Stadt (civitas/urbs), und er meldet sich zu Wort. Den ländlichen Produzenten dürfte das in der Regel kaum gelingen.

 

Populus als Volk bleibt aber Ausdruck einer unklaren Größe, er kann "alle" umfassen, die Leute einer Stadt oder nur die, die gerade auf der Straße sind. Er tritt auf als Opfer der Mächtigen oder aber als unordentlichen und manchmal auch wünschenswerten Widerstand leistend. Die Geschichte vom bösen Parthenius (s.o.) geht folgendermaßen weiter:

 

Und so näherten sich die Bischöfe der vorgenannten Stadt, und da sie den Aufstand des aufsässigen Volkes nicht bändigen konnten, wollten sie ihn in der Kirche verstecken. Sie setzten ihn in einen Kasten und streuten darüber Gewänder, welche in der Kirche in Gebrauch waren. Das Volk kam herein, durchsuchte alle Ecken der Kirche und ging wütend wieder, als sie nichts fanden. Dann sagte einer misstrauisch: „In dem Kasten, in welchem unser Feind nicht gesucht wurde.“ Und als die Wächter sagten, da sei nichts drin außer Einrichtung der Kirche, verlangten sie den Schlüssel und sagten: „Wenn du nicht schnell öffnest, werden wir ihn selbst aufbrechen.“ Schließlich war der Kasten geöffnet, die Leinentücher wurden entfernt, sie fanden ihn und zogen ihn heraus, wobei sie sich freuten und sagten:" Gott hat unseren Feind in unsere Hände gegeben.“ Dann schlugen sie ihn mit Fäusten, speiten ihn an, banden seine Hände auf den Rücken und steinigten ihn neben einer Säule zu Tode.

(Igitur accedentibus episcopis ad antedictam urbem, cum strepentes populi seditionem ferre non possint, eum in eclesia abdire voluerunt, scilicet ponentes eum in arca et desuper sternentes vestimenta, quae erant ad usum aeclesiae. Populus autem ingressus perscrutatusque universus eclesiae angulos, cum nihil repperissent, frendens egrediebatur. Tunc unus ex suspicione locutus, ait: 'En arcam, in qua non est inquisitus adversarius noster'. Dicentibus vero costodibus, nihil in ea aliud nisi ornamenta eclesiae contenere, illi clavem postolant, aientes: 'Nisi reseraveritis velocius, ipsi eam sponte confringemus'. Denique, reserata arca, amotis lintiaminibus, inventum extrahunt, plaudentes atque dicentes: 'Tradidit Deus inimicum nostrum in manibus nostris'. Tunc caedentes eum pugnis sputisque perurguentes, vinctis postergum manibus, ad colomnam lapidibus obruerunt. Gregor III,36)

 

Ähnlich ergeht es einem comes: Die Leute von Bourges mit ihrem Richter an der Spitze berauben Leudast, der sich mit seinen zusammengeraubten Schätzen zu ihnen geflüchtet hatte, und hätten ihn wohl auch umgebracht, wenn er nicht hätte fliehen können:

Leudastis vero in Biturigo pergens, omnes thesauros quos de spoliis pauperum detraxerat secum tulit. Nec multo post, inruentibus Biturigis cum iudice loci super eum, omne aurum argentumque vel quod secum detulerat abstulerunt, nihilque ei nisi quod super se habuit relinquentes;... (Gregor V,49)

 

Dass das "Volk" in der Regel arbeitet und brav feiertags in die Kirche geht, findet keine besondere Erwähnung, weswegen man sich nicht zu der Vorstellung verführen lassen sollte, es befände sich, wie bei Gregor, unentwegt in Aufruhr.

 

Schließlich noch eine besonders fromme Anekdote über „das Volk“ von Saragossa: Danach zog König Childebert nach Spanien. Als er mit Chlothar dort ankam, schlossen sie die Stadt Saragossa ein und belagerten sie. Aber jene wandten sich in solcher Demut an Gott, dass sie härene Gewänder anzogen, auf Speise und Trank verzichteten und auf den Mauern der Stadt Psalme singend gingen, wobei sie die Tunika des seligen Märtyrers Vinzenz mit sich führten; die Frauen folgten wehklagend in schwarzen Gewändern, mit offenem mit Asche bestreutem Haar, so dass man denken konnte, sie wären bei der Bestattung ihrer Ehemänner. Und die Stadt setzte ihre ganze Hoffnung so sehr in die Barmherzigkeit Gottes, dass man sagte, sie feierten das Fasten von Ninive, und sie hatten keine andere Vorstellung als die, dass die göttliche Barmherzigkeit durch Gebete gewonnen werden könne. Die Belagerer wussten nicht, was vor sich ging. Als sie sie auf der Mauer derart umhergehen sahen, dachten sie, sie seien in eine Art Hexerei verwickelt. Dann ergriffen sie einen Rustikus aus der Civitas und fragten ihn, was die da täten.Und er sagte: „Sie tragen die Tunika des seligen Vinzenz und zugleich bitten sie den Herrn, er möge Mitleid mit ihnen haben.“ Und da bekamen sie Angst und zogen fort von der Stadt.

(Post haec Childeberthus rex in Hispaniam abiit. Qua ingressus cum Chlothachario, Caesaragustanam civitatem cum exercitu vallant atque obsedent. At ille in tanta humilitate ad Deum conversi sunt, ut induti ciliciis, abstinentis a cibis et poculis, cum tonica beati Vincenti martiris muros civitatis psallendo circuirent; mulieres quoque amictae nigris palleis, dissoluta caesariae, superposito cinere, ut eas putares virorum funeribus deservire, plangendo sequebantur. Et ita totam spem locus ille ad Domini misericordiam rettulit, ut diceretur ibidem Ninivitarum ieiunium caelebrari, nec aestimaretur aliud posse fieri, nisi eorum praecibus divina misericordia flectiretur. Hii autem qui obsedebant, nescientes quid obsessi agerent, cum viderent sic murum circuire, putabant, eos aliquid agere malefitii. Tunc adpraehensum unum de civitate rusticum, ipse interrogant, quid hoc esset quod agerent. Qui ait: 'Tonicam beati vincenti deportant et cum ipsa, ut eis Dominus misereatur, exorant'. Quod illi timentes, se ab ea civitate removerunt. Gregor III,29 )

 

Diese Geschichte ist so natürlich höchst unwahrscheinlich, aber dafür, wie Buchner anmerkt, immerhin höchst „erbaulich“ (I, S.183) und offensichtlich zur Zeit des Autors vorstellbar. Es fällt auf, dass der Bischof an der Spitze seiner Stadtgemeinde fehlt, so als ob „das Volk“ eine selbständig handelnde Gemeinschaft wäre.

 

 

Gregor hat wie jeder Historiker das Problem, dass sich die wenigen „oben“, Könige und Bischöfe, in ihren Handlungen nachzeichnen lassen, während der Einzelne aus dem „Volk“ in der Masse untergeht.

 

König Chilperich klagt Bischof Praetextatus an, gegen ihn das Volk aufgewiegelt zu haben, seduxisti paecunia plebem, und daraufhin will die Menge in die Kirche einbrechen und den Bischof steinigen: infremuit multitudo Francorum voluitque ostea basilicae rumpere, quasi ut extractum sacerdotem lapidibus urgueret; sed rex prohibuit fieri.(Gregor V,18)

 

Die Menge, der Plebs (und der Populus) fallen hier zusammen. Childebert sagt laut Gregor über die Kinder eines Bruders, die seiner Ansicht nach zu sehr in der Gunst von Chrodichilde standen: utrum incisa caesariae ut reliqua plebs habeantur (Gregor III,18). Entweder werden ihnen die herrscherlichen Locken abgeschnitten, um sie wie das übrige Volk zu behandeln, oder aber sie müssten getötet werden. Merowingische Königsfamilie und hoi polloi, alle anderen, werden so unterschieden.

 

Die klarere Begrifflichkeit der antiken Römer verunklart sich schon seit den inneren Unruhen, die in die Kaiserzeit führen. Während die Plebs ursprünglich den nichtpatrizischen Staatsbürger bezeichnete, wird sie zunehmend auch mit der Menge, dem Pöbel gleichgesetzt. Das wird im frühen Mittelalter teilweise, wenn auch nur für einige Zeit, wieder zurückgenommen. Im Pariser Edikt Chlothars II. von 614 wird dieser König als rex super omnem plebem bezeichnet. ...principis Chlothacharii regis super omnem plebem in conventu episcoporum in sinodo Parisius adunata...Andererseits ist die Plebs hier vereint, versammelt (adunata) als Konvent und Synode der Bischöfe.

 

Der Bruder schließt Godegisil in Vienne ein: Verum ubi minori populo alimenta dificere coeperunt, timens Godigiselus, ne ad se usque fames extenderetur, iussit expelli minoris populi ab urbe (H:II,33). Hier wird eine Schichtung im „Volk“ deutlich: Die kleinen Leute sind ganz offensichtlich die nicht waffenfähigen, die zur Verteidigung der Stadt nicht gebraucht werden und darum als "unnütze Esser" fortgeschickt werden können..

 

Weniger klar ist das in folgender Textstelle: Nocte autem quadam commutus exercitus, magnum murmor contra Egidium episcopum et ducibus regis minor populus elevavit ac vociferare coepit et publicae proclamare: 'Tollantur a faciae regis, qui regnum eius venundant, civitates illius dominatione alteri subdunt, populus ipsius principis alterius dicionibus tradunt'. Dum haec et his similia vociferando proferrent, facto mane, adpraehenso armorum apparato, ad tenturium regis properant, scilicet ut adpraehensis episcopum vel senioribus vi obpraemerent, verberibus adficerent, gladiis lacerarent. Quod conperto, sacerdus fugam iniit, ascensoque equitae, ad urbem propria tendit. Ad populus ille cum clamore sequebatur, proiciens post eum lapides evomensque convitia. Fuitque tunc ei haec causa praesidium, quod hi paratus equites non habebant. Attamen lassatis sociorum equis, solus pertendit episcopus, tanto timore perterritus, ut unam caligam (Schuh) de pede elapsam collegare non curaret. Et sic usque civitatem veniens, se infra murorum Rimensium septa conclusit. (Gregor VI,31)

 

Nach dem Krieg und Friedensschluss zwischen Childerich und Gunthram wird heftig weiter geplündert und verwüstet. Das „niedere Volk“ sind hier offensichtlich die unteren Schichten der Armee (Fußsoldaten?), die die Friedensbedingungen nicht akzeptieren und sich gegen die „Großen“ (seniores) und den mitanwesenden Bischof Egidius von Reims wenden, der sich so bedroht fühlt, dass er in sein Bistum flieht.

 

Um das gemeine Volk abfällig zu bezeichnen, benutzt Gregor das klassisch römische Wort vulgus. Dazu schreibt er die fromme Geschichte vom Klausner Eparchius, der schließlich in Angoulême ein Kloster gründet und sich für die Armen und die Befreiung von Gefangenen einsetzt. Ein Richter (iudex), der tief von ihm beeindruckt ist, verurteilt einen Verbrecher zum Tod am Galgen. Eparchius bittet um sein Leben: Sed insultante vulgo atque vociferante, quod, si hic dimitteretur, neque regioni neque iudici possit esse consultum, dimitti non potuit. Der Richter verspricht, falls Gott den Galgenstrick zerreißt, ihn freizugeben. Der Mönch veranlasst nun seinen Abt, solange für den Verurteilten zu beten, bis der Querbalken und die Ketten brechen und der Aufgeknüpfte zu Boden fiel. (Übersetzung Buchner, Gregor II, S. 23)

 

Der Richter rechtfertigt sich vor dem Mönch: ... insurgente vulgo, aliud facere non potui, timens super me seditionem moveri. (alles Gregor VI,8) Dem vulgus ist die ernstgenommene Nächstenliebe von Mönch und Abt fremd, die auch das Gebot der Gewaltlosigkeit wörtlich nimmt. Damit tut sich aber der Graben zwischen Religion und juristisch begründeter Rechtschaffenheit auf, der notgedrungen immer weiter werden wird: Beides geht immer weniger zusammen. Gregors ecclesia als Gemeinschaft der Heiligen wird vom „Volk“ nicht angenommen werden.

 

*****

 

Bei Gregor von Tours ist von einem rusticus der civitas die Rede, einem Bauern aus dem pagus, dem Umland. Beim Populus treten sonst die Leute immer im Plural auf, in Massen, und als solche in kämpferische, kriegerische Aktionen verwickelt. Aber auch unser Rustikus hier hat nur die Aufgabe, das Geschehen zu erklären:

Tunc adpraehensum unum de civitate rusticum, ipse interrogant, quid hoc esset quod agerent. Qui ait: 'Tonicam beati vincenti deportant et cum ipsa, ut eis Dominus misereatur, exorant'. Quod illi timentes, se ab ea civitate removerunt.

 

Das Wort rusticus hatte schon in der klassischen Antike eine Doppelbedeutung und bezeichnete neben dem Bauern auch den Dummen und Ungebildeten, so wie bei Gregor, zum Beispiel wenn er von seinem "rustikalen" Latein schreibt: Er habe seine Historien-Bücher stilo rusticiori geschrieben und später noch einmal... si in his omnibus ita fueris exercitatus, ut tibi stilus noster sit rusticus, nec sic quoque, deprecor, ut avellas quae scripsi, also: Sein bäurischer Stil (wie Buchner übersetzt) soll nicht dazu veranlassen, etwas an seinem Text in Zukunft zu verändern..

 

Dazu passt auch folgendes: Ein Munderich wollte auch König sein: Sequebatur autem eum rustica multitudo, die dumme Menge, die von seinen Reden verführt wird, ut plerumque fragilitati humanae convenit, dantes sacramentum fidelitatis et honorantes eum ut regem. (Gregor III,14) Die rustici müssen hier kein Landvolk, sondern können auch die leicht mobilisierbare ungebildete Stadtbevölkerung sein. Dass "bäuerlich" auch ungehobelt, roh, ungebildet meint, tumb, ist ein alter Topos aller städtischen Gesellschaften und ihrer gehobenen Schichten.

 

Als es unter Chilperich zu einer Seuche kommt (desentericus morbus), schreibt Gregor, rusticiores vero coralis hoc pusulas nominabant (V,34), die Ungebildeten hatten also ihre eigene Bezeichnung für die Krankheit. Es waren schließlich wie auch später vor allem die „kleinen Leute", die von den Seuchen betroffen wurden. Überhaupt scheint schon damals das innerstädtische Volk als populus eher eine aktivere Rolle zu spielen, während die Landbevölkerung bei Gregor hauptsächlich als Opfer der häufigen Kriegszüge auftritt - soweit sich das unterscheiden lässt.

 

***Berufe***

 

„Berufe“ werden selten erwähnt, einmal taucht ein Handwerker (artifex) auf, der mit dem Bau von Aquädukten beschäftigt ist, aber er erscheint nur, weil er Belagerern hilft. Es gibt an anderer Stelle noch einen zweiten. Fast alle Menschen haben eben keinen "Beruf", sondern sie sind das, was fast alle Menschen in Europa schon seit vielen Jahrtausenden waren: Solche, die das Land bewirtschaften, um sich so ernähren zu können. Seit tausend Jahren sind dabei allerdings immer mehr von ihnen unter die direkte Gewalt von anmaßenden Herrenmenschen geraten.

 

Die neuzeitliche Bedeutung des deutschen Wortes "Beruf" entsteht in der Reformationszeit, etwa in der Zeit, in der aus dem Französischen das Wort "Profession" entlehnt wird, und zwar mit verwandter Bedeutung. (Beruf als Berufung, vocatio, und als Bekenntnis, professio, wird zu einer bezahlten Tätigkeit). Ein solches Verständnis fehlt der Nachantike aber wohl zur Gänze.

 

Die böse Königin Fredegunde erfährt vom ex domesticus Leonardus, wie schlecht ihre Tochter Rigunthe behandelt worden war, und bestraft dann ihn und die unter ihm stehenden Köche und Bäcker, die letzteren nicht nur durch Entblößen, sondern auch durch Geißeln und Verstümmeln. Aber diese Leute gehören zum Haushalt der Königin (Gregor VII,15), es sind die Domestiken.

 

Mehrmals tauchen Kaufleute bzw. Händler auf (negutiatores). Gregor VIII,33 stehen domus negutiantum in Flammen, dabei geht es aber darum, dass durch ein Wunder das Bethaus des Hl. Martin verschont bleibt. Gregor VIII,34 gibt es einen famulus negutiatoris, der Einsiedler wird.

Die Söhne eines Waddo verüben im Gebiet von Poitiers schwere Verbrechen: Nam inruentes ante hoc tempus super negutiatores, sub noctis obscuritate eos gladio trucidant abstuleruntque res eorum. (Gregor X,21)

 

Ein häufiger „Beruf“ bei Gregor ist der des Arztes, vielleicht auch, weil er vor allem im Umfeld der Großen, insbesondere der Könige auftaucht, während das Volk sich eher an die Kräuterweiber und Zauberinnen hält. König Gunthrams Frau Austrechilde stirbt 580 trotz ärztlicher Bemühungen und verlangt von ihm, nach ihrem Tod ihre Ärzte zu töten, was er auch tut. (Gregor V,35) Königin Fredegunde lässt Bischof Praetextatus in der Kirche (!) ermorden und bietet, um ihre Anstifterrolle zu verschleiern, dem Sterbenden ihre Ärzte an: Respondit mulier: 'Sunt aput nos peritissimi medici, qui hunc vulnere medere possint.' (Gregor VIII,31)

 

Noch ein anderer Medicus: Gunthram hat die Stadt Poitiers von Childerich zurückerobert. Marileif, qui primus medicorum in domo Chilperici regis habitus fuerat, wird von den Leuten danach heftig bedrängt. Er wird ganz und gar ausgeraubt und ipsum ditioni aeclesiasticae subdiderunt. Servitium enim patris eius tale fuerat, ut molinas aeclesiasticas studeret, fratresque ac consubrini vel reliqui parentes colinis dominicis adque pistrino subiecti erant. (Gregor VII,25 Sein Vater war schon servus gewesen, Müller der Kirche, und seine Verwandten waren als Köche und Bäcker ebenfalls servi. Und er, der nicht rechtlich, sondern nur de facto aufgestiegen war, fällt nun in den alten Status zurück.

 

 

***Unfreiheit***

 

Der Freie, der Freund und der/die Geliebte entstammen derselben sprachlichen Wurzel. Das Freien konnte so das Werben um eine (freie) Frau sein. Die Domfreiheit ist im Mittelalter der privilegierte Raum einer Bischofskirche, frei von jedem Eingriff von außen.

 

Alle Freien haben auf Aufforderung des Königs Kriegsdienst zu leisten, was sowohl eine Pflicht wie auch ein Recht ist. Für Arme kann das ruinös sein, und die Kirche ist daran interessiert, dass die, die in ihren Diensten stehen, diesem Dienst nicht entzogen werden. Also wird über Entschädigungen gestritten. (Gregor V,26/VII,42 z.B.)

 

Das zivilisierte römische Kaiserreich kannte neben freier Arbeit auch in großem Umfang die der Sklaven. Aber in der verrechtlichten römischen Staatlichkeit waren selbst Sklaven rechtlich eingebunden. Als Ergebnis der germanischen Landnahmen und Ausbildungen großflächlicher Herrschaften bleibt davon nicht viel übrig.

 

Unfrei wird man durch Kriegsgefangenschaft, als nicht ausgelöste Geisel, durch Armut usw.. Unfreiheit heißt dauerhafte Bindung an einen Herrn, der weithin über seinen Knecht oder seine Magd verfügen kann. Der Unterschied zur römischen Sklaverei liegt in der rechtlich größeren Unklarheit bzw. regionalen oder individuellen Besonderheit des Status.

 

Die beeindruckendste Geschichte dieser Zeit (um 500) über unfreie Landbevölkerung ist wohl Gregors Darstellung der zwei Liebenden und der Grausamkeit des Dux Rauching, ihres Herren. Der servus des folgenden Berichts Gregors, selbst unübersehbar ein Geistlicher, der Mindestansprüche an die Behandlung von untergebenen Menschen aufstellt, ist eine Art Sklave, seine Liebste, eine ancilla (Magd), wohl eine Sklavin. In dieser Zeit und den nächsten Jahrhunderten wird der Unterschied zwischen abhängig werdenden Freien und Sklaven immer mehr verwischen. Es gibt also kaum klare Abgrenzungen und keine eindeutige allgemeine Begrifflichkeit.

 

Er habe unter seinem Gesinde (famulis) damals einen Mann und ein Mädchen gehabt, die, wie es oft geschieht, sich ineinander verliebt hatten (mutuo se amore dilixisse). Solche Beziehungen bedurften aber der Genehmigung durch den Herrn. Und als sich ihre Liebesbeziehung schon zwei Jahre oder noch länger hingezogen hatte, verbanden sie sich (coniuncti) und flüchteten beide in eine Kirche. Als Rauching dies erfuhr, ging er zum dortigen Priester und verlangte, man sollte ihm seine Leute sofort wiedergeben, denn er habe ihnen ihre Schuld verziehen. Darauf sagte der Priester zu ihm: 'Du weißt, welche Achtung man der Kirche Gottes entgegenbringen muss. Du bekommst sie also nur zurück, wenn du dein Wort gibst, dass du ihre Verbindung bestehen lässt und zudem versprichst, sie nicht körperlich zu bestrafen'. Nachdem der länger nachdachte und schwieg, legte er, zum Priester gewandt die Hand zum Schwur auf den Altar, und sagte: Niemals werden sie von mir getrennt werden, sondern ich werde alles dafür tun, dass sie in ihrer Verbindung (coniunctio) bleiben (...) ' Der Priester glaubte dem Versprechen dieses verschlagenen (callidus) Mannes und gab die von Schuld befreiten Menschen zurück. Nachdem er das akzeptiert und sch bedankt hatte, begab er sich (mit ihnen ) nach Hause. Und sogleich ließ er einen Baum fällen, die Äste abhacken, den Stamm am Ende mit einem Keil spalten und aushöhlen, darauf ließ er drei oder vier Fuß tief die Erde ausgraben und den Kasten in die Grube senken. Dann ließ er das Mädchen wie eine Tote (ut mortuam) hineinlegen und den Knaben obendrauf, schloss den Deckel, füllte die Grube mit Erde und begrub sie lebendig (sepelevitque eos vviventes). Ich habe meinen Eid, sagte er, nicht gebrochen, dass sie niemals mehr getrennt werden sollen. Als dies dem Priester gemeldet wurde, kam er eilig herbei. Er schimpfte den Herr aus und veranlasste ihn mit Mühe, dass sie wieder aufgedeckt wurden. Den Sklaven konnte man noch lebendig herausholen, das Mädchen fand er aber schon erstickt vor. (Gregor V,3).

 

Ein Unfreier darf ohne Zustimmung seines Herrn nicht heiraten, insbesondere nicht jemanden, der bzw. die einem anderen Herrn hörig ist. Sich aus der Gewalt des Herrn ins Kirchenasyl flüchten, ist ein extremer Affront; überhaupt ist Flucht strafbar. Im Unterschied zum Freien ist kein Gericht für ihn zuständig, wenn also ein Unfreier ein Verbrechen begeht, ist rechtlich der Herr dafür verantwortlich und kann sich an ihm nach Möglichkeit schadlos halten.

 

König Chilperichs Tochter Rigunthe ist ins westgotische Spanien verlobt. Eine Gesandtschaft kommt sie abholen. Chilperich ist dabei, ihr in Paris reiche Mitgift mitzugeben. Dazu gehören auch Menschen: familias multas de domibus fiscalibus auferre praecepit et in plaustris conponi; multus quoque flentes et nolentes abire in custodia retrudi iussit, ut eos facilius cum filia transmittere possit.

 Also: (Er) ließ jetzt auf den königlichen Gütern viele von den dienstbaren Leuten ausheben und auf Wagen fortschaffen; viele, die sich unter Tränen weigerten, ließ er in den Kerker stecken, damit er sie desto leichter mit seiner Tochter nach Spanien schicken könnte. Viele sollen in dieser bitteren Not durch den Strick ihrem Leben ein Ende gemacht haben, da sie von ihren Angehörigen getrennt zu werden fürchteten. Der Sohn wurde vom Vater, die Mutter von der Tochter gerissen, unter schrecklichen Wehklagen und Verwünschungen trennten sie sich; und es war ein solches Jammergeschrei in der Stadt Paris, dass es mit dem in Ägyptenland verglichen wurde. (Üb. Buchner, Gregor VI,45)

 

Unfreie konnten also nicht nur verkauft und vererbt werden, sondern auch verschenkt. Als Rigunthe mit ihrem Tross in Toulouse eintrifft, erfährt sie von der Ermordung ihres Vaters, aber andere erfahren es auch, plündern ihren Brautschatz und nehmen sie vorübergehend gefangen.

 

Auch die höhere Geistlichkeit und Klöster besitzen Unfreie und scheinen sie nicht wesentlich häufiger freigelassen zu haben als die Laienwelt. Freilassung macht im übrigen wenig Sinn ohne Ausstattung der Freigelassenen. Dadurch wiederum gerät der Freigelassene in das, was Weidemann schön römisch "Patronat" nennt (2, S.291f), ein Abhängigkeitsverhältnis.

 

Vom Auf- und Abstieg eines Unfreien erzählt nicht nur die Geschichte des Marileif, sondern auch die des Andarchius:

Hic igitur, ut adserunt, Filices (des Felix) senatoris servus fuit. Als persönlicher Diener seines Herrn ad studia litterarum cum eo positus, bene institutus emicuit. Er nimmt also an dessen Studien teil und wird recht gelehrt. Er steigt auf und gerät in das Umfeld König Sigiberts. In Clermont freundet er sich mit dem wohlhabenden civis Ursus an und begehrt dessen Tochter zur Frau. Der zahlt ihm lieber viel Geld, als sie ihm zu überlassen. In Abwesenheit des Ursus geht Andarchius in dessen Haus und kommandiert seine (unfreie) Dienerschaft herum. Sed cum servi domus minime rudi domino apparerent, alius fustibus, alius virgis caedit, nonnullus capita percutiens sanguinem elicuit. Turbata ergo familia (Gregor IV,46. Wenn die Sklaven im Haushalt dem unerfahrenen Herrn nicht gehorchen, schlägt er sie mit Knüppeln, andere mit Ruten, trifft einige am Kopf, wo sie bluten.) Aus Rache zünden sie ihn mitsamt dem Haus an, als er seinen Rausch ausschläft.

 

Beide Unfreie sind Aufsteiger aus eigener Kraft, deren Rechtsstellung sich dabei allerdings nicht ändert. Gregor erzählt offenbar zwei Geschichten über Hochmut und folgenden Absturz, Geschichten aber auch über irregulären Aufstieg und Einmischung in die Geschäfte derer, die aus entsprechend gediegenen Familien kommen.

 

Über die unfreien Mädchen und Frauen wird von den Herren wohl gelegentlich auch sexuell verfügt: Gunthchramnus autem rex bonus primo Venerandam, cuiusdam suorum ancillam, pro concubina toro subiunxit; de qua Gundobadum filium suscepit. (Gregor IV,25)

 

Als attraktives, aber armes unfreies Mädchen gibt es aber auch, sicher selten, damals noch erstaunliche Karrieren: Habebat tunc temporis Ingoberga (die Gemahlin König Chariberts) in servitium suum duas puellas pauperis cuiusdam filias (Töchter eines Armen), quorum prima vocabatur Marcovefa, relegiosa veste habens, alia vero Merofledis; in quarum amore rex valde detenebatur. Erant enim, ut diximus, artificis lanariae filiae (Töchter eines Wollarbeiters). Der König verlässt Ingoberga und heiratet Meroflede. Habuit et aliam puellam opilionis, id est pastoris ovium filiam, (Schäferstochter) nomen Theudogildem. Beide sind ancillas (Gregor IV, 26/27)

 

***Die Gier und die Ordnung***

 

Der Jesus der Evangelien hatte alles Begehren, welches sich nicht unmittelbar  auf das Himmelreich hin ausrichtet, verurteilt. Das schaffen die meisten Christen aber nicht. So wird denn nun zwischen gerechtfertigtem Begehren und der Gier als Laster unterschieden. Statt Ablehnung der Triebhaftigkeit wird eine neue Form der "Kultivierung" menschlichen Getriebenseins propagiert. Das einheimische Christentum setzt den fränkischen Eroberern die Moderation ihres Begehrens entgegen. Aber selbst da scheitern viele.

 

Materielle Gier

 

In der Einleitung zum fünften Buch seiner Geschichte(n) wendet sich Gregor an die Könige. Dabei kommentiert er die „Bürgerkriege“ seiner Zeit, Bruderkriege zwischen den merowingischen Herrschern:

Was tut ihr? Was begehrt ihr? An was habt ihr nicht im Überfluss? In euren Palästen habt ihr jeden Genuss im Überfluss, in den Vorratsräumen quillt es über von Wein, Weizen und Öl, in euren Schatzkammern häufen sich Gold und Silber. Eines aber fehlt euch, weil ihr den Frieden nicht habt, fehlt euch die Gnade Gottes. Warum nimmt einer dem anderen das Seine? Warum trachtet der eine nach des anderen Gut? (In domibus dilitiae supercrescunt, in prumtuariis vinum, triticum oleumque redundat, in thesauris aurum atque argentum coacervatur. Unum vobis deest, quod, pacem non habentes, Dei gratiam indegetis. Cur unus tollit alteri suum? Cur alter concupiscit alienum? V, Einleitung)

 

Das Kernübel bei Gregor sind diese fatalen Begehrlichkeiten: Du König sollst Christus dienen, der du bisher der 'Wurzel allen Übels' gedient hast. (V, Einl.) Das Zitat ist aus dem ersten Timotheusbrief (6,10): radix enim omnium malorum est cupiditas. Das Grundmotiv der Handlungen des Chilperich und der Fredegunde ist die Habsucht. (siehe: Heinzelmann, S.125ff). Sie geht direkt auf die Tochter über:

Rigunthe aber, Chilperichs Tochter, überhäufte ihre Mutter oft mit Schmähungen und sagte, sie sei die Herrin (se esse dominam) und würde ihre Mutter wieder der Knechtschaft (servitio) überliefern (wo sie herkam); und als sie sie oft durch Schimpfreden reizte und beide sich gegenseitig mit Fäusten und Maulschellen prügelten, sprach die Mutter zu ihr: "was quälst du mich so, Tochter.

Siehe, hier sind die Sachen deines Vaters, welche in meinen Händen sind; nimm sie und mache damit, was dir beliebt." Und sie trat in ihre Schatzkammer und öffnete eine Truhe, die war mit Halsketten und kostbaren Schmuckstücken angefüllt. Und als sie daraus lange Zeit ihrer Tochter, die daneben stand, verschiedene Stücke herausgelangt hatte, sagte sie zu ihr: "Nun bin ich müde,; streck' nur selbst deine Hand hinein und nimm heraus, was du findest." Und da jene den Arm hineinstreckte, und die Sachen aus der Truhe langte, ergriff die Mutter den Deckel der Truhe und warf ihn ihr auf das Genick. Und als sie ihn mit Gewalt niederdrückte,und das untere Brett jener so die Kehle quetschte, dass die Augen ihr aus dem Kopf springen wollten, schrie eine von den Mägden, welche drinnen war, mit lauter Stimme: "Herbei, um Gottes willen herbei, denn meine Herrin wird von der Mutter mit Gewalt erwürgt." Da drangen die, die vor der Türe standen und auf ihre Rückkehr warteten, in das Gemach, retteten das Mädchen vor dem drohenden Tode und brachten sie hinaus. Danach aber wurde der Hader (inimicitiae) zwischen ihnen immer erbitterter, und besonders deshalb, weil Rigunthe ständig Unzucht trieb, gab es fortwährend zwischen ihnen Streit und Schläge. (IX,34, Übersetzung Buchner, Gregor II, S. 289f)

 

 Es ist dies dieselbe Rigunthe, deren Mitgift für den westgotischen Prinzen aus großen Schätzen bestand, einer ungeheuren Menge Gold, Silber und Kleidern ... so groß war die Menge der Sachen, dass es fünfzig Wagen brauchte, um das Gold, Silber und den übrigen Zierat (ornamenta) zu transportieren. (H:VI,45)

 

Dasselbe berichtet Gregor aber auch aus der Geistlichkeit, insbesondere von Bischöfen, wichtigen Grundbesitzern:

Zu jener Zeit schrieb Felix, der Bischof der Stadt Nantes, einen Brief an mich voller Schmähungen (plenas opprobriis), in dem er auch anführte, mein Bruder sei nur deshalb erschlagen worden, weil er nach dem Bistum lüstern (cupidus) seinen Bischof getötet habe. Aber er schrieb dies nur, weil sein Sinn nach einem Hofe (villam) meiner Kirche stand. Und da ich ihm diesen nicht geben wollte, stieß er gegen mich, wie gesagt, wutentbrannt tausend Schmähungen aus. (V,5, Buchner-Übersetzung, Gregor I, S. 287)

 

Ein clericus aus Le Mans betreibt Unzucht mit einer freien Frau, deren wohl fränkisch-germanischstämmige Verwandte aus Rache die Frau verbrennen und ihn einsperren:

Wie aber >die verfluchte Gier nach dem Geld< (auri sacra famis) die Leute bewegt, boten sie an, den Geistlichen für einen Preis loskaufen zu lassen, so, dass er entweder von irgendjemandem ausgelöst würde oder aber für seine Schuld sterben müsse. Als Bischof Aetherius davon erfuhr, gab er aus Barmherzigkeit (misericordia) für ihn zwanzig Goldstücke und entriss ihn so dem drohenden Verderben. (Gregor VI,36)

 

Wichtiger Beweggrund für die Teilnahme an Kriegszügen (neben der Pflicht zur Heeresfolge) ist die Erwartung von Beute. Auch in den Bürgerkriegen im Frankenreich wird massiv geplündert. Über die Duces des Königs Gunthram bei Comminges heißt es, um nur eines von zahllosen Beispielen in Gregors Historien zu nennen:

Es wurde ringsum die ganze Gegend verwüstet; einige aus dem Heer, die der Stachel der Habsucht (avaritia) durchbohrte, kamen dabei zu weit ab und wurden von den Einwohnern erschlagen. (Vastabatur in circuitu tota regio; nonnulli autem ab exercitu, quos fortior avaritiae aculeus terebrabat, longius evacantes, peremebantur ab incolis. VII,35)

 

König Theuderich I., der seine Leute zum Kriegszug gegen Clermont bewegen will, wird von Gregor eine Rede in den Mund gelegt, die schon auf Napoleons Rede vor seinem Italienfeldzug verweist: Folgt mir, und ich werde euch in ein Land führen, wo ihr Gold und Silber finden werdet, soviel eure Begierde nur verlangen kann, da könnt ihr Herden und Sklaven und Kleider in Hülle und Fülle gewinnen. (Gregor III,11)

 

Könige, weltliche Große und Bischöfe betreiben Schatzbildung, das heißt, sie häufen Reichtümer an, die aber nicht unmittelbar zu ihrer Vermehrung dienen, sondern vor allem gehortet werden. Ein später Nachklang dazu ist die Geschichte vom Nibelungenschatz.

Der Reichtum des fränkischen (wie des westgotischen) Königs besteht in seinem Schatz und es ist anzunehmen, dass damals wie heute für die Menschen Macht und Reichtum zusammen gehören. Da Könige aufgrund ihres Charisma, ihrer Aura, also aufgrund dessen, was magisch in sie hinein projiziert wird, dem üblichen Neid der Erbärmlichen entzogen sind, ist es wohl schon damals so, dass von ihnen erwartet wird, dass sie ihre Macht in der Anhäufung eines möglichst großen Schatzes demonstrieren.

 

Gregor von Tour erzählt von einem Besuch bei Chilperich 581:

Ich hatte mich zum König an den Hof Nogent begeben. Er zeigte mir ein großes Stück Geschirr, das er aus Gold und Edelsteinen gearbeitet hatte, 50 Pfund schwer, und sagte: „Ich habe es angefertigt, um das Volk der Franken zu schmücken und zu veredeln. Und sollte es mir vergönnt sein, werde ich von dieser Art noch mehr machen.“ Er zeigte mir auch Goldstücke, jedes ein Pfund schwer, welche ihm der Kaiser schickte... Er zeigte mir auch noch viele andere Kostbarkeiten, die die Gesandten mitgebracht hatten. (Gregor VI,2)

 

Das sieht nach Angeberei aus, sowohl was königlichen Reichtum wie Achtungserweis durch den Kaiser angeht.

Da Markt und Austausch von Waren nach dem Zusammenbruch des weströmischen Imperiums zurückgehen, wird ohnehin das Schenken oft wichtiger als das Kaufen. Das entspricht auch der germanischen Tradition, die nur in geringem Ausmaß Handel kannte und vorwiegend Subsistenzwirtschaft gewesen war.

 

Zudem wird wie von einem Stammeshäuptling anderswo erwartet, dass der König selbst großzügig ist und nicht knausert. Sein Gefolge muss versorgt werden, seine sich langsam entwickelnde Hofhaltung, und die regionalen und lokalen Größen werden nicht nur durch Eide und Versprechen gebunden, sondern durch angemessenes (gegenseitiges) Beschenken.

  

In den Bischofskirchen wird ein Teil des bischöflichen Schatzes ausgestellt. In der Vita des Bischofs Desiderius von Cahors findet sich folgende Beschreibung, zu der passt, dass Desiderius vorher Schatzmeister König Chlothars II. (569-629) war und als Bischof in Cahors auch große Bauprojekte veranlasst:

Es glänzen von Edelsteinen und Gold die Kelche, hoch ragen die Sakramentstürme, es schimmern die Lichterkronen, spiegeln die Kandelaber, es prangt das Rund der goldenen Äpfel, farbig blitzen Wein- und Siebgefäß, und es fehlen nicht die Hostienschalen für die heiligen Eulogienbrote. Da stehen auch Leuchter, die große Kerzenleiber zu fassen vermögen. Über alledem blitzt, an den Bögen aufgehängt und über das Heilige erhoben, als das kostbarste das Kreuz, zugleich bunt und weiß. Das sind die Werke des Desiderius, das ist der Schmuck seiner Braut, der Eifer unseres Hohepriesters... (in: Berschin 2, S.57.Eulogienbrote waren für die, die nicht zur Kommunion zugelassen waren.)

 

Sexuelle Gier

 

Das Christentum sprach grundsätzlich beiden Geschlechtern die Fähigkeit zur Heiligkeit zu. In dieser Ausnahmesituation werden also Mann und Frau „gleichgestellt“. Alltäglich ändert das zunächst wenig daran, dass die ehrbare Frau der römischen Antike insbesondere als Ehefrau auf Heim und Herd beschränkt war. Vermutlich hatten Frauen in der germanischen Welt eine etwas stärkere Stellung, was sich aber nur im Rückschluss annehmen lässt.

 

Unser Gregor jedenfalls beschreibt eine männlich dominierte Welt, in der Frauen vor allem als Mitglieder des Königshauses, und dort manchmal sehr einflussreich, seltener als Frauen von Bischöfen vorkommen. Daneben gibt es aber eine Schar weiblicher Heiliger, allerdings wiederum in der Regel aus der Oberschicht.

 

Im Prozess der Romanisierung und Christianisierung des germanischen Bevölkerungsanteils wird der weibliche Einfluss jedenfalls nach und nach zusammengestrichen. Dazu kommt die langsame Durchsetzung der christlichen Ehe. Zumindest merowingische Könige sind allerdings nicht monogam, sie haben oft mehrere Ehefrauen und zudem Konkubinen. Sie "nehmen" sich Frauen, eine ordentliche christliche Eheschließung wird erst noch kommen, und darum werden auch erst unter den Karolingern die illegitimen Söhne von der Nachfolge ausgeschlossen.

 

Der sogenannte Fredegar lobt König Chlothar II. in fast jeder Hinsicht, aber er gab sich allzu häufig der Jagd auf wilde Tiere hin und verlieh am Ende auch den Einflüsterungen seiner Frauen und Konkubinen zu leichtfertig sein Ohr. Deshalb wurde er freilich von seinen Gefolgsleuten geschmäht. (F:IV,42 Nicht also wird er geschmäht, weil er mehrere Ehefrauen und Konkubinen hat, sondern weil er schon mal auf sie hört. )

 .

Die Ehe wird unter den Eltern ausgehandelt, und die Eheschließung findet dann in zwei Etappen statt. Zunächst kommt die Verlobung mit einer Gabe des Bräutigams (dos), die der möglichen späteren Witwenversorgung dient. Zudem erhält die Verlobte einen Ring von ihm, und das Ganze wird in ein Fest eingebettet.

Dann kommt die eigentliche Hochzeit, für die die Brauteltern der Tochter eine "Mitgift" geben und der Ehemann ihr nach der Hochzeitsnacht die Morgengabe überreicht.

 

Ein Extremfall, was das Eheleben angeht, ist König Chlothar I., wenn man unserem Gregor soweit glauben darf. Vor 520 heiratet er Ingunde, nach 530 geschieht dann folgendes:

Als er Ingunde schon zur Ehe genommen hatte und sie mit besonderer Liebe verehrte, da hörte er eine Bitte von ihr: „Mein Herr,“ sagte sie, „hat mit seiner Magd getan, wie ihm beliebte, und mich seinem Lager zugesellt. Nun höre mein Herr und König, um das Maß seiner Gunst voll zu machen, um was ihn seine Magd bittet. Ich bitte euch, bestellt gnädig meiner Schwester, die eure Sklavin ist, einen angesehenen und wohlhabenden Mann, damit ich durch sie nicht erniedrigt, sondern vielmehr erhöht werde und euch umso ergebener diene.“ Als er dies hörte, wurde er, da er allzu ausschweifend war, von Begier nach Arnegunde ergriffen, nahm den Weg zu dem Hof, wo sie wohnte, und vermählte sich mit ihr. Und als er sie zum Weibe genommen hatte, kehrte er zu Ingunde zurück und sagte: „Ich habe versucht, dir die Gunst zu gewähren, um welche deine süße Liebe mich bat. Und da ich einen reichen und weisen Mann suchte, welchem ich deine Schwester vermählen könnte, habe ich keinen besseren gefunden als mich selbst. So wisse denn, dass ich sie zum Weibe genommen habe, und dies wird dir, so glaube ich, nicht missfallen.“ Da sagte jene: “Was in den Augen meines Herrn gut scheint, das möge er tun; wenn nur deine Magd in der Gnade des Königs lebt.“ (IV,3)

 

Das ist im Detail schön erfunden von Gregor, mag aber im Kern stimmen. Seine zweite Eheschließung lief wohl in der Form der Eheverabredung und des Vollzugs. Gregor akzeptiert sie in seinem Text als zweite Ehefrau, und das war sie wohl auch rechtlich. (Hartmann, S.53)

Danach heiratet er die Witwe Chlodomers, Guntheuca, nachdem er ihre Kinder umgebracht oder ins Kloster abgeschoben hat. Dann eine Chunsina, und darauf die Radegunde. Nach dem Tod Theudowalds riss er dessen Reimser Reich an sich und heiratete dazu auch dessen Witwe Waldrada, was von der Kirche abgelehnt wird wegen zu großer Verwandtschaft ihrer beiden Ehemänner. (Hartmann, S.56)

 

Chlothars I. Sohn Charibert I. macht es nicht viel anders als sein Vater:

König Charibert nahm die Ingoberga zur Gemahlin (accepit uxorem), von der er eine Tochter hatte, welche später zu ihrer Verheiratung nach Kent kam (und dort die Christianisierung der Angelsachsen begann). Ingoberga nun hatte zu jener Zeit zwei Mädchen in ihrem Dienst, Töchter eines armen Mannes. Die eine hieß Marcoveia und trug Nonnentracht, die andere war die Merofledis. Der König mochte beide Mädchen sehr (amore valde detenebatur). Sie waren, wie wir gesagt haben, die Töchter eines Wollarbeiters (artifex lanariae). Ingoberga war eifersüchtig auf sie, weil der König sie liebte, und ließ einst den Vater abgesondert arbeiten, in der Hoffnung, dass der König sich ihrer schämen würde, wenn er den Vater bei der Arbeit sähe. Und als der Mann bei der Arbeit war, rief sie den König. Jener aber, der etwas neues zu sehen, erblickte ihn, wie er die königliche Wolle herrichtete. Als er das erkannte, verließ er zornig die Ingoberga und heiratete Meroflede. Er nahm auch ein anderes Mädchen zur Ehe, eine Schäferstochter mit Namen Theudechilde. (Einige Zeit später:) ...nahm er Marcovefa, die Schwester der Theudechilde, zur Ehe. (Gregor IV,26)

 

Das Ergebnis ist, dass ihn der Bischof von Paris schließlich exkommuniziert und er bald darauf stirbt.

Nun schickt Theudechilde Boten an König Gunthram und bot sich ihm zur Ehe an (se offerens matrimonio). Er lädt sie ein, mit ihren Schätzen zu ihm zu kommen, und sie kommt. Als dies der König sah, sagte er: „Besser ist es, diese Schätze bleiben bei mir als bei dieser, die unwürdig das Bett meines Bruders betrat.“ Darauf nahm er ihr vieles, nur weniges ließ er ihr, und schickte sie in das Kloster zu Arles.(s.o.) Selbiger Gunthram hat zunächst eine Konkubine, eine Ehefrau, die er verstößt und dann noch eine Gemahlin. (Gregor IV,25)

 

Der dritte Bruder, König Sigibert, findet die niedere Herkunft der Frauen seiner Brüder verächtlich und bewirbt sich um die Westgoten-Prinzessin Brunichilde. Der Vater schickt sie ihm mit großen Schätzen. Sie wird ordentliche Katholikin. (Gregor IV,27)

Das beeindruckt König Chilperich, der um 565 Audovera verlässt, um sich Fredegunde zuzuwenden, und er bewirbt sich nun um Brunichildes Schwester Galsvintha. Dafür verspricht er, die anderen Ehefrauen zu verlassen. Sie wird von ihm mit großer Liebe bedacht, sie hatte nämlich große Schätze mitgebracht. Aber sie liegt ständig im Streit mit des Königs Liebchen Fredegunde, und so lässt er sie um 570 töten, als sie wieder nach Hause will. Nun wird Fredegunde seine Gemahlin (recipit in matrimonio). (Gregor IV,28)

 

Aus der Rachelust Brunichildes gegenüber Fredegunde wegen der Ermordung ihrer Schwester mag ein Kern des Nibelungenliedes stammen. Das alles, wie man nicht vergessen darf, ist Text von Bischof Gregor. Fredegunde bewirkt nun die Ermordung Sigiberts und Brunichilde kann zu ihrem Sohn Childebert II. flüchten. 584 wird Chilperich ermordet. König Guntram, Herrscher über Burgund, nimmt Fredegunde unter seine Fittiche und stirbt 593, Fredegunde 597. Brunichilde muss zusehen, wie ihre Enkel gegeneinander kämpfen. Schließlich scheitert sie beim Versuch, eine fränkische Zentralregierung aufzurichten, an Adelsinteressen, wird Fredegundes Sohn Chlothar II. ausgeliefert und brutal getötet.

 

Aus der Vielweiberei entsteht des öfteren Eifersucht, innerfamiliärer Streit, und das kann bis zu Kriegen führen. Nachdem der eine Sohn der Audovera den Verfolgungen des Vaters erlegen ist, kommt es auch zum Konflikt des zweiten, Chlodowech mit seiner Stiefmutter Fredegunde. Sein Vater sperrt ihn ein und überantwortet ihn Fredegunde, die ihn töten lässt. Danach lässt sie auch Audovera ermorden. Chlodowechs Schwester Basina wird ins Kloster der Radegunde gesteckt, wo sie es offenbar nur schwer aushält (s.u.).

 

Geschichten von "Untreue" in der Herrenschicht enden bei Gregor oft in Gewalt, was sicher auch einen moralischen Zweck erfüllt:

Als Dux Amalo seine Ehefrau auf ein anderes Landgut (villa) geschickt hatte, um sich dort um die Wirtschaft (utilitas) zu kümmern, entflammte er (in amorem ruit) für ein junges Mädchen seines Standes (cuiusdam ingenuae). Und als er in der Nacht von Wein trunken war, schickte er Dienstboten (pueri), das Mädchen zu entführen und in sein (Ehe)Bett zu schaffen. Sie sträubte sich und wurde gewaltsam in sein Haus entführt, wobei sie sie ins Gesicht schlugen, so dass die Nase blutete und das Blut sie bedeckte, weshalb auch das Bett des Herzogs dann damit befleckt wurde. Auch er gab ihr Faustschläge, Ohrfeigen und anderes, schloss sie dann in seine Arme und wurde darauf vom Schlaf überwältigt. Sie aber streckte ihre Hand nach oberhalb des Kopfes des Mannes aus, und ergriff sein Schwert. Sie zog es aus der Scheide, und schlug damit seinen Kopf mannhaft wie Judith den des Holofernes. Er gab einen Schrei von sich, worauf die Dienerschaft (famuli) zusammenlief. Als sie sie aber töten wollten, rief er: "Ich bitte euch, tötet sie nicht. Ich habe gesündigt, der ich der Keuschheit Gewalt antun wollte....". Als er dies sprach, hauchte er seinen Geist aus. Das Mädchen flüchtet rund fünfzig Kilometer weit in eine Kirche, wirft sich dem König zu Füßen und klagt ihm ihr Leid. Er stellt sie unter seinen Schutz. Wir haben erfahren, dass durch Gottes Beistand die Keuschheit (castitas) des Mädchens in keiner Weise von ihrem wilden Entführer verletzt worden ist. (Gregor IX,27)

 

Im Südosten Galliens hatte ein Eulalius ... eine Ehefrau, edel ( nobilis) von seiten der Mutter, von niederem Rang durch ihren Vater. Aber er trieb es auch mit seinen Mägden (ancillae) und begann, seine Frau zu vernachlässigen. Wenn er von einem Liebchen zurückkam, verprügelte er sie oft brutal.

Er verschuldet sich aufgrund seines Lebenswandels und bezahlt dann mit dem Eigentum seiner Frau. Ein Herr Virus beginnt sich für sie zu interessieren, sie heiratet ihn und nimmt das ganze bewegliche Eigentum ihres Mannes und ihren älteren Sohn mit. Eulalius erschlägt Virus. Er entführt nun eine Nonne aus dem Kloster. Er begeht mehrere Morde. Schließlich gelingt es ihm, sein Eigentum vor Gericht zurück zu bekommen.(Gregor X,8)

 

Unter Franken von Tours brach ein heftiger Streit aus, weil der Sohn des einen den Sohn eines anderen, der die Schwester jenes ersteren zur Ehe genommen hatte oftmals im Zorn schalt, dass er sein Eheweib vernachlässige und Dirnen aufsuche. Er tötet ihn darauf und wird von der Gegenseite selbst getötet. Darauf geht die Blutrache weiter, und Fredegunde lädt die übriggebliebenen Vertreter beider Parteien ein und tötet sie, womit das Morden offenbar aufhört. (Gregor X,27)

Wie man sieht, gibt es schon bei Gregor zwei zentrale Mordmotive: Die Gier nach Geld und Gut und das geschlechtliche Begehren. So wie er das darstellt, wirkt es belehrend: Immerhin ist es bis heute nicht anders.

 

 

Tracht und Kleidung, Macht und Geschlechtlichkeit

 

Durch das Mittelalter und oft noch darüber hinaus ist es Sache einer kleinen Oberschicht, sich fertige Bekleidung zu kaufen oder von abhängigen Arbeiterinnen selbst herstellen zu lassen. In den meisten Haushalten werden Stoffe aus Wolle und Leinen und dann Bekleidungsstücke selbst hergestellt. Das ist Sache der Frauen, die damals noch nicht einen Beruf, sondern viele Fertigkeiten haben und die Bekleidung im Haus herstellen können, während der Mann draußen bei den Schafen für die Wolle und auf den Feldern für das Leinen beim Flachsanbau zuständig ist. Später werden Rohstoffe auch eingekauft und von den Frauen über viele Arbeitsgänge in Tuche verwandelt.

 

Das mittelalterliche Wort im deutschen Sprachraum war „Tracht“, das, was man trägt, erst gegen Ende des Mittelalters wird es in der Stadt und in vornehmeren Kreisen durch das Wort „Kleidung“ abgelöst. Kleid meinte zuvor „Tuch“, und die „Kleidung“ löst sich von der „Tracht“ in dem Maße, in dem sie von schnelleren Moden abgelöst wird.

 

Tracht gibt es auf dem Dorf noch bis in die Industrialisierung der Landwirtschaft hinein, bis das Dorf also nur noch eine Größeneinheit von Siedlung ist. Heute ist Tracht kommerzialisierte Folklore, noch eine weitere Modenarretei, nostalgisches Feierabendvergnügen.

 

Nach diesen Vorbemerkungen, die den Blick etwas schärfen sollen, nun zu dem, worum es vor allem gehen soll: das Verhältnis von Körperlichkeit zu Bekleidung, die in der Nachantike bereits zu einem Spiel mit (noch geringrt) partieller Entblößung wird, zu einem vor allem weiblichen Machtspiel. Ich bleibe dabei in unserer Gegend, in Mitteleuropa.

Bei heidnischen Germanen und dann ins christliche Mittelalter hinein bedeckt, "bekleidet" das Tuch den ganzen Körper und in der Regel auch Arme und Beine. Zudem ist bei Frauen Kopfbedeckung üblich, Mädchen tragen das Haar offen, (verheiratete) Frauen zumeist geflochten und hochgesteckt.

 

Männer und Frauen bedecken Hintern und Scham, die Bereiche von Fortpflanzung und Ausscheidung, so, dass sie nicht prominent hervortreten, also mit fallendem Tuch, was immer sie darunter tragen. Man kann sich Kleidung noch gar nicht so auf den Leib schneidern, wie das im hohen Mittelalter möglich und üblich wird. Indem Germanen dann die römische Mode übernehmen, den Gürtel nicht mehr unter einem überhängenden Stück Stoff zu verbergen, beginnt eine erste Form der Körpermodellierung, die zunächst die Taille zeigt. Frauen in einigen Gegenden beginnen dann relativ früh, den Gürtel unter der Brust zu tragen, wodurch sich die weibliche Oberweite besser abzeichnet.

 

Das, was dann passiert, ist ein Spezifikum des christlichen Abendlandes und ein Korrelat der christlichen Versuche, den Geschlechtstrieb einzudämmen. Das kirchliche Gebot der Keuschheit produziert nämlich eine entsprechende Gegenreaktion. Frauen der Oberschicht beginnen mit der Entblößung des Areals unter dem Hals (frz: col, woraus das décolleté entstehen wird), um den männlichen Blick wie den der weiblichen Konkurrenz in Richtung ihrer Brüste zu lenken. Das betrifft zunächst vor allem Frauen, die von körperlicher Arbeit befreit sind – bis auf die nicht unerhebliche des Kinderkriegens und die auch nicht unerhebliche, den Männern bei der Befriedigung ihres Geschlechtstriebes gefällig zu sein.

 

Diese bescheidenen Ansätze zur Modellierung und Zurschaustellung des Körpers werden ihren entscheidenden Schub durch das Erlernen des Schnitts im Hochmittelalter bekommen, also des Zurechtscheidens und Vernähens des Stoffes so, dass er nicht ungefähr die Umfänge abbildet, sondern genau die Körperlinien.

 

Damit beginnt in großem Umfang das erotische Machtspiel der gekonnten Erregung des Begehrens, des triumphalen Auftritts des machtvollen Körpers und einer Intensivierung weiblicher Konkurrenz.

 

Noch einmal zurück: Mann und Frau gehen im Frankenreich unter romanischem Einfluss zur Tunika über, beim Krieger kürzer und bei der möglichst Schönen länger. Römisch ist auch das sichtbare Tragen des Gürtels, der bei den Franken früher unter einer Gewandfalte versteckt war. Unrömisch sind die (männlichen) Hosen und und die Hosenbänder, mit denen sie bis zum Knie geschnürt werden. Die Schuhe sind aus einem Stück Leder, das oben zusammengebunden wird – zum Bundschuh. (Die Unterwäsche besteht wohl aus ebenso langer Hose und ähnlich geformtem Unterhemd, soweit man das noch rekonstruieren kann).

 

Fränkische Frauen hatten, bevor sie zur römischen Mode übergehen, ein Kleidungsstück aus einem Stück gewebten Stoff, welches zusammengehalten werden muss, oben zuerst an der Schulter. Zu diesem Zweck gibt es eine Art Sicherheitsnadel, die unter einer runden, tierförmigen oder bügelartigen Fibel versteckt wurde. Solche Fibeln werden mit der römischen Mode überflüssig zum Zusammenhalten des Textils, werden aber sehr lange weitergetragen, und zwar einmal als Schmuckstücke, aus denen sich dann später die Broschen entwickeln, und zum anderen als Applikationen am Gürtel oder in der Nähe des Gürtels. Männer und Frauen tragen keine Handtaschen, sondern haben die Taschen an einem „Gehänge“ befestigt, welches meist aus mehreren Schnüren besteht. Außer Taschen werden bei Frauen daran auch Amulette befestigt, Behälter für Heilkräuter und diverser Schmuck.

 

Jede Frau, die "etwas auf sich hält", trug zwei solche Gehänge, woran man noch eine schmucke Fibel befestigen kann, um es zu halten. Das zweite sitzt in der Mitte auf dem Bauch und baumelt so zwischen den Beinen. Ordentliche Römer, und das sind bald nur noch die Oströmer, finden das alles skurril und lächerlich, wie zu lesen ist.

 

Dazu leisten sich Frauen auch noch einen Überwurf als Mantelart über der Tunika, und dieser Überwurf wird ebenfalls mit einer Fibel befestigt, in der Spätzeit der Franken ist das bei Wohlhabenden eine große runde Fibel, ein Prachtstück sozusagen.

 

Eine Frau trägt also (vielleicht nicht bei der Arbeit und nur, wenn sie wohlhabend ist) zwei Bügelfibeln und zwei Rundfibeln, möglichst versilbert oder vergoldet und mit Halbedelsteinen besetzt. Darüber hinaus Schmuck am sogenannten „Gehänge“. Dazu Ketten aus bunten Glasperlen, wenn sie nicht ganz so reich ist.

 

Auf die Dauer, noch unter den Karolingern, wird es zwei parallele Gründe geben, solche enormen Wertean Schmuck  nicht mehr in der Erde zu vergraben: Offiziell heißt es, dass Christen ohnehin nichts ins Himmelreich oder die Hölle mitnehmen können. Tatsächlich dauert es lange, bis die Leute das glauben. Sie produzieren also nun wertlosere Kopien ihrer Tracht samt Schmuck und Waffen und nehmen die dann doch unter die Erde mit.

 

Inoffiziell geht das Begehren nach Macht und die Eitelkeit natürlich weiter, aber nun gilt es als Verschwendung, die Marktwerte zu vergraben. Stattdessen spendet man an Kirchen und Klöster, um sich so das Himmelreich ein wenig zu erkaufen. Damit verlagert sich immer mehr Hortbildung in die Kathedralkirchen und Klöster.

 

Fressgier und Trunksucht

 

In integralen Kulturen sind Essen und Trinken Notwendigkeiten, mit ihnen werden Hunger und Durst gestillt, nach Notzeiten im heutigen Wortsinn auch mal "gierig". Schon im Rom der Kaiserzeit werden bei den Wohlhabenderen Fressgier und Trunksucht ausführlich thematisiert. Auch in dieser Beziehung herrscht Kontinuität, wenn man Gregor glauben kann: Der böse König Chilperich war dem Trunke ergeben (Gregor VI,46)

 

Über den bösen Parthenius heißt es wie als Nachruf nach seiner Steinigung:

Fuit autem in cibis valde vorax, sed quae sumebat, quo caelerius ad manducandum commoveretur, sumpto aloae, velociter digerebat; sed et strepidus ventris absque ulla auditorium reverentia in publico emittat. (Gregor III, 36)

 

Er isst also schnell (gefräßig) und nimmt Aloe zu sich, um auch viel essen zu können. Auch lässt er öffentlich ohne alle Scheu vor den Anwesenden Winde fahren. Soviel nur am Rande: Tatsächlich wissen wir sehr wenig über die Tischmanieren der Übergangszeit zwischen Antike und Frühmittelalter, können aber an diesem Beispiel erahnen, dass sie so "schlecht" vielleicht nicht immer waren, sonst hätte Gregor das hier nicht abwertend erwähnt.

 

Die Gegenposition: Heiligkeit und Vernunft

 

Das Christentum war am Anfang eine Gegenwelt in der Welt. Am konsequentesten bleibt das so im Mönchtum, aber auch in der gallischen Kirche zwischen Spätantike und Frühmittelalter ist davon noch etwas erhalten. Da sind die Positionen der Friedfertigkeit, Gewaltfreiheit, jener Nächstenliebe, die Dienst an den Armen und Schwachen ist und einen Ausgleich zwischen reich und arm anstrebt. Mag die Praxis dem auch sehr oft nicht gerecht werden, und mag die Macht der Kirche auch immer wieder an der des Schwertes und des Dolches Grenzen finden, so gibt es doch Festlegungen, die in diese Richtung gehen.

 

511, kurz vor seinem Tod, beruft Frankenkönig Chlodwig eine Art Konzil nach Orléans ein. Unter den Beschlüssen ist auch folgender überliefert:

 

Bezüglich der Totschläger, Ehebrecher und Diebe, wenn sie in die Kirche flüchten, bestimmen wir, dass beachtet werden soll, was die kirchlichen Bestimmungen festlegen und das römische Recht festsetzt: dass es keinesfalls erlaubt sei, sie aus den Vorhöfen der Kirche oder aus dem Haus der Kirche oder dem Haus des Bischofs wegzuführen; sondern sie sollen nur übergeben werden, wenn sie durch auf die Evangelien geleistete Eide vor dem Tode, der Verstümmelung und aller Art Strafen sicher sind, und zwar in der Weise, dass der Verbrecher sich mit demjenigen, gegen den er sich vergangen hat, über einen Schadensausgleich einigt. (Kaiser II, S.95)

 

Die damaligen Bischöfe entstammen überwiegend der ehedem römischen Oberschicht, und darum ist diese substantielle Festlegung an ihrem Recht orientiert, und nicht an den germanischen Rechten der Franken, Burgunder, Westgoten usw., die damals nur noch für diese gelten. Im übrigen sind damals viele (germanisch-stämmige) Franken noch „Heiden“, es ist eher ihre Oberschicht, die gerade christianisiert wird.

 

Damals aufgeschriebenes Recht der germanischen Volksgruppen kennt im wesentlichen Geldstrafen bzw. Strafen in Naturalien. In der Praxis üben die Freien bis ins Hochmittelalter die Blutrache, an der ihre Ehre hängt. Daher kommt die obige Erwähnung von Tod und Verstümmelung als „Strafe“.

 

Das hier wieder einmal formulierte Kirchenasyl, welches es schon länger gab, beschreibt in eklatanter Weise den insulären Raum der Kirche in der Gesellschaft. Dieser ist ein Raum frei von allen weltlichen Gesetzen und Traditionen, ein wenigstens theoretisch gewaltfreier Raum des Friedens: In die Kirche darf man nicht in Waffen. Wenn es den Mächtigen wichtig genug ist, wird dies Gebot allerdings gebrochen und man stürmt mit gezückten Schwertern, Dolchen und Streitäxten in den Kirchenraum und tötet.

 

Das zentrale Wort neben dem Asyl ist der „Schadensausgleich“. Dieser, seit kurzem für mindere Angelegenheiten auch bei uns heute vielleicht wieder etwas im Kommen, ist der Versuch der gewaltfreien Schlichtung im Nachhinein.

 

Nächstenliebe und Feindesliebe sind für frühe Christen Kriterien für Heiligkeit. Heilig wird man damals nicht von der Kirche gesprochen, sondern durch das öffentliche Ansehen, das man genießt. Im Jahrhundert nach Christus gilt zunächst überhaupt jeder fromme Christ als „heilig“. Das heißt aber: leben gegen die weltliche Wirklichkeit und die Gebote der Mächtigen. Das bedeutet zum Beispiel den Versuch von Gefangenenbefreiungen und den Kampf gegen körperliche Strafen.

 

Andere „Heilige“ versuchen, Hinrichtungen auch von Schwerverbrechern zu verhindern, was gelegentlich bei Richtern, nicht unbedingt aber beim „Volk“ auf Sympathien stößt. Da wird von Heiligen schon mal - zumindest in den Legenden - nachgeholfen, damit jemand beim Hängen nicht stranguliert wird. Wenn er überlebte, konnte man ihn nicht mehr erneut für sein Verbrechen bestrafen.

 

Die "heilige" Genoveva (um 420-502), reiche Tochter eines germanischen Edlen in römischen Diensten (Hartmann, S.23), befreit zur Zeit Childerichs in ihrer Heimatstadt Paris Gefangene und rettet sie vor der Hinrichtung: ...regem consecuta, ne vinctorum capita amputarentur, obtenuit (Vita Genovefae, 26) Wenn sie Chlodwig bittet, Gefangene besonders aus ihrem Geburtsort Nanterre freizulassen, tut er das. Bei einer Hungersnot besorgt sie Getreide von außerhalb für die Bevölkerung.

 

Über den heiligen Salvius heißt es für die Zeit um 576: Als einst zu seiner Zeit der Patricius Mummolus viele Gefangene aus der Stadt fortschleppte, folgte er ihm nach und löste sie alle aus: Cuius tempore cum Mummolus patricius multos captivos ab ea urbe duxisset, prosecutus ille omnes redemit. (Gregor VII,1)

 

In der Vita des Bischofs Eligius von Noyon heißt es:

Pilger und Mönche eilten zu ihm, und was er erwarb, gab er ihnen zum Almosen oder verwandte es zum Loskauf von Gefangenen... Wo er nur hörte, dass ein Sklave zum Verkauf stehe, eilte er voll Barmherzogkeit hin, zahlte das Geld und befreite den Gefangenen, zuweilen befreite er aber auch einen ganzen Haufen, bis zu hundert Seelen, so wie sie aus dem Schiff kamen. Männer und Frauen aus allen Völkern, Römer, Gallier, Britannier, auch Mauren, vorzüglich aber Sachsen, welche zu jener Zeit häufig wie Herden ihrer Heimat entrissen und nach allen Seiten verkauft wurden. (Hartmann, S.137)

 

Zum Urchristentum gehörte die Besitzlosigkeit, was Gemeineigentum bedeutete. Das Kloster hält daran fest, und im 'Leben der Juraväter' wird interessanterweise dabei auch der inhärente Widerspruch zwischen Gemeinschaft und Eigentum betont:

Eine eigene Zelle. Einen Schrank oder ein kleines Kästchen besaß dort keiner. Keinem war auch Gelegenheit gegeben, in irgendeiner Weise zum eigenen Gewinn zu arbeiten. Selbst Nadel und Leinenfaden zum Nähen und Flicken waren für alle gemeinsam. Aufs sorgfältigste nahm er (der Abt) so den Brüdern jede Gelegenheit zur Sünde. Bei allen Arbeiten blieb für alle nur der eigene Besitz: das Lesen und das Beten. Im Übrigen weiß die ganze Brüderschaft wohl, was ich sage: Im gemeinsamen Klosterleben fehlt es niemals an den mächtigsten Antrieben zum Irren und Fehlen, solange dort nicht auch der geringste Eigenbesitz ausgeschlossen ist. (in: Hartmann, S.141)

 

Die Kirche nimmt dagegen hin, dass die meisten Menschen nicht auf Eigentum verzichten wollen. Das Problem mit dem Gemeineigentum ist, dass es Gegenstand von Debatten und Streit ist, wo nicht autoritäre klösterliche Strukturen herrschen. Privateigentum schafft reguläre Ordnung.

 

Aber die Kirche wendet sich gelegentlich gegen eine zu ungleiche Verteilung von Eigentum. Als Korrektiv empfiehlt sie das Geben von Almosen und die Spenden an die Kirche. Diese hatte die Armenfürsorge aus dem Gedanken der Nächstenliebe (Caritas) und als Erbe der Donative des römischen Kaisers und den Stiftungen der römischen Oberschicht übernommen.

 

Zu diesem Zweck führt jede Kirche eine matricula, in der die Armen der Gemeinde eingetragen sind, zu deren Versorgung die Kirche verpflichtet ist, und die manchmal ihren größten Ausgabeposten dargestellt haben soll. Zu diesem Zweck gibt es einen Raum bei der Kirche (Weidemann 1, S.347f). Dann gibt es in manchen Gemeinden xenodochia, also Armenhäuser (wörtlich: Fremdenhäuser), die nicht zuletzt auch von „frommen“ Spenden getragen werden.

 

Um 675 schreibt der von seinen Gegnern in das Frauenkloster Fécamp eingesperrte Bischof Leodegar von Autun an seine ebenfalls in einem Kloster eingesperrte Mutter, den Wert der Nächstenliebe hochhaltend:

Keine Tugend ist vollkommener als die Feindesliebe, durch die wir Kinder Gottes werden... Und wenn es Menschen gibt, die die perversitas vitae von unserer Gemeinschaft scheidet, so sind sie doch Geschöpfe Gottes und nach ihrer Bestimmung nicht zu hassen, sondern zu lieben. (Ewig, S.168)

 

Heiligmäßiges und nicht bloß nominelles Christentum war Überwindung, und die wohl heftigste und seltenste besteht in solcher Feindesliebe, die zutiefst der "Natur" des Menschen widersagt. Diese Gegenwelt einer kleinen christlichen Minderheit verlangt Schutzräume, und diese werden gelegentlich mit Immunität und Exemtion privilegiert. Die Immunität befreit von Abgaben an den König und die Exemtion aus der Befehlsgewalt des Bischofs.

 

Gewissen: Gott aber, dem die Geheimnisse des Herzens (arcana pectoris) offenbar sind, weiß, ... (Gregor VII,22) In der Anmerkung 4, S. 115, Band II der Darmstädter Ausgabe gibt es die Information, das die arcana pectoris ein „Modewort der Zeit“ seien und er gibt dort Beispiele.

Das Gewissen (conscientia) ist eine späte koiné-griechische Erfindung als syneidesis, Mitwisserschaft. Jede Missetat hat einen verinnerlichten Mitwisser, was dann nichts anderes bedeutet als den institutionalisierten inneren Konflikt, wie ihn zum Beispiel die griechische Tragödie externalisiert.

 

Die Banalisierung des Tragischen im lateinischen Raum (nach Euripides bis Lukan) bahnt den Weg hin zum christlichen Gewissen, welches im Althochdeutschen als Bewussstsein auftaucht und christianisiert idealiter zum Schuldbewusstsein in Permanenz wird, das auf der unausweichlichen Sündhaftigkeit des Menschen beruht (und am Ende der Kritik Nietzsches als pathologisch ausgesetzt wird)

Bevor ein gewisses Maß an Verinnerlichung dieses Sündenbewusstseins wenigstens bei den etwas Heiligeren gelingt, geht den abstrakteren Gedankenkriegen mit Gefühlsnachdruck das Bildhafte voraus, und zwar in den mannigfaltigen Visionen, ungeheuer intensiven Phantasien von Himmel, Gott, Engeln usw. Neben die sich ausweitende Trennung von eigentlich und wirklich, von Begriff und Wirklichkeit tritt die von Sollen und Wollen, und Visionen enthalten vorläufig vor allem Ratschläge, Aufforderungen oder Befehle aus der imaginierten himmlischen Sphäre.

Aus den Berichten erschließt sich eine erhebliche Intensität solcher Phantasien, die mit deren enormer Macht verbunden ist. Die in Urzeiten begonnene Trennung in Traumwelt und Wirklichkeit wird kirchlich unterstützt ein wenig zurückgenommen und zugleich durch keuschen Lebenswandel, insbesondere durch Askese und ein meditatives Leben verstärkt.

 

Überhaupt implementiert das kirchliche Christentum mit seinen philosophischen Anleihen antike Vernunftgedanken in die germanische Welt. Die ratio ist " ein Begriff, der in den Historien auch sonst immer wieder synonym mit >Regel/Norm der christlichen Gesellschaft< gebraucht wird ...".(Heinzelmann, S.86). Dabei muss man allerdings wohl zu allen Zeiten zwischen der "Vernünftigkeit" der oberen Kreise der Kirche und dem Volksglauben unterscheiden.

 

Vernünftigkeit heißt aber das Verständnis der Welt aus Ursache und Wirkung, aus Absicht, Zweck und Mittel. Gregor schreibt eine solche Geschichte kausaler Zusammenhänge, oberste Verursacher sind Gott und der Teufel. Nichts dokumentiert diese kirchenchristliche Position besser als folgender Passus aus dem Pariser Edikt von 614: Verbessert werden sollen die Dinge, die contra rationis ordinem acta vel ordinata sunt...

 

Die Vernünftigkeit kirchenchristlicher Vorstellungen erwächst aus der Kritik der Wirklichkeit und dem Ziel der "Vergeistigung". Ziel ist der Ersatz materieller Werte durch "Klerikalisierung der Gesellschaft" (Heinzelmann, S.153): Gregor fordert minima cupiditas (VII,1)und schimpft über Auri sacra famis: die verfluchte Gier nach Gold (VI,36)

 

Der Kleriker ist eigentumslos, die Kirche verwendet Geld für die Armen, also sollte man zwecks Eigentumsumverteilung der Kirche spenden, auch wenn der Eigennutz wohl in der Regel weit überwiegt: Als nämlich Fredegunde, Chlothars Mutter, seinen hoffnungslosen Zustand gesehen hatte, versprach sie der Kirche des heiligen Martin eine große Summe Geldes, und deshalb fing der Knabe an zu genesen. (Gregor X,11.)

 

Die Nutzung der Vernunft auf der Basis des zu Glaubenden soll Christianisierung hervorrufen: Domestikation der Triebhaftigkeit im Rahmen von ordnenden Machtverhältnissen.

"Die zentrale Idee von Gregors Gesellschaftskonzept meint die totale Einbeziehung der Bischofskirchen in alle Bereiche staatlicher Aktivität, zumindest auf der Ebene der Civitas. Das Modell solcher kirchlicher Partizipation an der Macht ist im Edikt Gunthchramns von 585 so deutlich vorgegeben, als ob Gregor selbst dem König die Feder geführt hätte: Ausgehend von einem jeweiligen göttlichen Auftrag zur Herrschaft für die Könige und zur sittlichen "correctio" für die Bischöfe werden die letzteren vom rex aufgefordert, unter Beteiligung von höheren Klerikern und örtlichen Staatsbeamten (...), deren Auswahl aufgrund ihres sittlichen Lebenswandels den Bischöfen überlassen wird (!), die Vergehen des Volkes durch "canonica severitas" und - bei Nichtbeachtung - durch "legalis poena" zu ahnden; sonst sei das göttliche Strafgericht für alle, insbesondere aber für den König selbst, zu erwarten." (Heinzelmann, S.165f)

 

 

Islam

 

Von Mohammed weiß man, historisch gesichert, kaum mehr als von Jesus, also so gut wie gar nichts, außer dass man erschließend vermuten kann, dass es Menschen dieses Namens zur entsprechenden Zeit gegeben hat.

Die frühesten christlichen Texte stammen von Paulus, der allerdings nach eigener Aussage teilweise und besonders in einem zentralen Punkt ein anderes Christentum vertreten hat als damals eine nur legendär überlieferte kleine Gemeinde in Jerusalem. Über einen Jesus erfahren wir in seinen Texten, die über eine Generation nach dem angeblichen Tod von ihm geschrieben wurden, fast gar nichts. Die teils ähnlichen, teils sehr widersprüchlichen Aussagen über die Person eines Jesus in den Evangelien beruhen auf einer vermuteten, sehr dürftigen gemeinsamen Textquelle, die nicht überliefert ist und wurden wiederum eine bis mehrere Generationen (noch) später verfasst.

 

Mit Mohammed steht es nicht besser. Der Koran ist eine um 700, also mehrere Generationen nach seinem Tod redigierte Textsammlung, von der man nicht weiß, ob die Redaktion vorher schriftliche Quellen besaß oder ganz auf mündlicher Überlieferung beruhte (was fast alle Wissenschaftler vermuten). In ihm kommt Mohammed weder namentlich noch sonstwie, was seine Person oder sein Leben betrifft, soweit vor, dass man irgendetwas wissenschaftlich gesichertes über ihn erfahren könnte. Zugleich (um 700) beginnt man aber im Auftrag eines Kalifen, der dem Islam eine bestimmte politische Wendung geben möchte, Legendäres von Geschichtenerzählern auf arabischen Marktplätzen zu sammeln, was widersprüchlich bleibt, aber dann in die Legendensammlungen der Hadith eingeht, die für einen Muslim so glaubenswert sind wie die Geschichten der Evangelien für wirkliche Christen, soweit sie sie überhaupt kennenlernen.

 

Derselbe Kalif gab um 700 wohl auch eine bzw. mehrere „Biographien“ des Mohammed in Auftrag, die auf mündlichen volkstümlichen Legenden beruhten und Sira heißen, und sich ebenfalls widersprechen.

Man weiß also so gut wie gar nichts über ihn, so wenig eben wie über Jesus, während Moses ohnehin eine Phantasiefigur ist.

 

Solche Offenbarungen, wie sie den Koran ausmachen, hatten in der Zeit, in der der Islam entstand, viele Männer in Arabien. Im Koran aber werden solche Offenbarungen an den letzten Propheten immer von dem einzigen, weil wahren Gott geleistet. Alle früheren, nichtarabischen und für den Koran anerkannten Propheten hatten ihre Offenbarungen so wie der letzte von ihnen erhalten, manchmal im Schlaf wie im Traum, manchmal in besonderen Wachzuständen. Als man bei der Niederschrift längst dem Bedürfnis nachkommt, durch mehr oder weniger märchenhafte oder besser legendäre Geschichten und Geschichtchen sich einen Propheten konkreter vorstellen zu wollen, wurde in der Hadith-Tradition auch erzählt, der Erzengel Gabriel habe Mohammed Gottes Texte eingeflüstert. In solchen Geschichten wird man stark daran erinnert, wie Gabriel Maria ihre göttliche Insemination und Jungfrauengeburt angekündigt hat, was in Arabien bei den Geschichtenerzählern bekannt war.

 

In der ganzen durch Texte bekannten damaligen Welt gab es solche Offenbarungen und auch in der römischen Antike, in der das Christentum seinen Schliff bekommt. Kaiser Konstantin hat, heißt es, im Traum Gottes Aufforderung gehört, er solle im Zeichen des Kreuzes die Schlacht gewinnen. Römische Priester und griechische Wahrsagerinnen hatten ständig Eingebungen, die alle von oben kamen. Der evangelische Jesus redete unentwegt so, als ob durch ihn sein Gott spräche. Etwas Handfestes über die Offenbarungen, die Gott einem Mohammed mitteilt, haben wir nicht. Es gibt keine zeitgenössischen Texte dazu, niemanden, der in der Zeit um 620/30 aus Mekka überliefert hätte, was da geschah, so wie niemand in der römischen Provinz Palästina zu dessen Lebzeiten etwas auch nur ansatzweise ergiebiges von einem Jesus berichtet, jedenfalls ist nichts derartiges überliefert.

 

Offenbarungen gab es also damals viele, aber was da mit einem Mohammed und wie passiert sein soll, wie sein Al-Lah sich mit ihm in Verbindung setzte, was da geschah, in welcher Form, und wie das alles bis um 700 so genau noch gewusst wurde, ist völlig unbekannt. Im Koran sagt Gott nur, dass er ganz bewusst arabisch spreche. Vielleicht stimmt an den Geschichtchen, die heute junge Leute im Islamunterricht in Deutschland lernen, irgendetwas, wäre also historisch, so oder ähnlich geschehen, aber vielleicht ist auch alles erfunden, niemand weiß es.

 

Juden und Christen haben in Arabien die Voraussetzungen für den Islam geliefert.

In der Zeit, in der sich auf der arabischen Halbinsel ein panarabisches Bewusstsein herauszubilden beginnt, nämlich vor allem im sechsten Jahrhundert, und zwar vor allem gegen Persien und das oströmische (griechische) Reich gerichtet, ist der Norden dieses Arabiens in Teilen christlich, während im heutigen Jemen ein jüdisches Reich besteht und gegenüber in Äthiopien seit dem vierten Jahrhundert ein christliches mit einer jüdischen Minderheit. Wenn man dem Koran und den Legenden sammelnden Texten aus der Zeit um 7oo glauben kann, gab es in der Gegend von Medina beispielsweise arabische Stämme, die jüdischen Glaubens waren.

Von Judentum und Christentum stark beeinflusst, bildet sich eine Art arabische Reformbewegung heraus, die Panarabismus der arabischen Halbinsel mit der Forderung nach religiösen Reformen verbindet. Manchmal ist da von Hanifa die Rede und in der Gegend des kleinen Städtchens Mekka von Hums. Dabei treten Tendenzen in Richtung auf einen Gott als Hauptgott auf, der offenbar (nicht nur) in der Mekkagegend noch drei Töchter hat, die im Koran als Begleiter des Hauptgottes gelten. Dem oder den Gründern des Islam als einer panarabischen Religion ist dann als wesentliche Steigerung der Reform daran gelegen, diese Töchter al-Lahs zu verbieten. Wahrscheinlich gelingt es ihm/ihnen zunächst, sie aus dem ummauerten heiligen Bezirk um die Kaaba zu verdrängen, und mit der kriegerischen Explosion, die dann von dort ausgeht, werden ihre Heiligtümer auch draußen vernichtet. Im Koran ist darum immer wieder von den „Begleitern“ Al-Lahs die Rede, die es zu vernichten gelte, damit er zum „unbegleiteten Gott“ wird. Dasselbe würden sie dann auch von den Christen verlangen, den Gott ohne Begleitung anderer Götter wie Jesus, der wie Mohammed nur ein Mensch und ein Prophet sei.

 

Arabien sorgt dafür, dass man über die Entstehungsgeschichte des Islam vor Ort nicht forschen kann. Islamische heilige Städte wie Mekka, Yathrib, oder Medina, was aber eigentlich auf arabisch nur Stadt heißt, und andere sind für jede wissenschaftliche Forschung und darüber hinaus für alle Nicht-Muslime verschlossen. Das bisschen, was man dennoch weiß, legt nahe, dass Mekka Anfang des 7. Jahrhunderts ziemlich klein und unbedeutend war, hingegen der Nachbar Yathrib groß und mächtig. Mekka nun hat mit seinem großen heiligen Stein immerhin die Einkünfte von Pilgern, die ihn dort verehren, und vermutlich damals etwas Edelmetall-Bergbau. Yathrib wiederum war bedeutende Handelsstadt. In der Konkurrenz beider Orte kann Mekka darauf verweisen, dass dort arabische Stämme hausen, die zum Teil jüdisch, zum Teil christlich seien, sich gegenseitig bekriegten und vielleicht auch schon mal feindselig gegenüber dem Stamm der Kureisch wären, der wie alle arabischen Stämme wiederum aus Clans bestand, von denen die Legenden behaupten, das aus einem von ihnen „Mohammed“ stamme. Mohammed ist aber womöglich gar kein Eigenname gewesen, sondern ein Ehrentitel, der so etwas wie der Erhabene bedeutete. Dann wäre er einem Religionsgründer nachträglich beigegeben worden. Man weiß aber nichts belegbares.

 

Vermutlich hatte er oder wer auch immer alles den Islam begründete, auch nur wenige Neuerungen gegenüber den bisherigen arabischen Reformbewegungen „geoffenbart“ bekommen. Diese bestanden darin, dass er Al-Lah seine Begleiterinnen nahm, allen anderen arabischen Orten ihre auf Al-Lah gerichtete Heiligtümer, und als einziges noch die Kaaba in Mekka zuließ.

 

Die Suren des Koran lassen deutlich erkennen, dass sie von verschiedenen Autoren stammen, und dass fast jede einzelne, vor allem aber die längeren, aus unterschiedlichen Texten wiederum zusammengestückelt wurden. Wenn irgendetwas an den Sira und den Hadith dran ist, dann war es zunächst Familie und Verwandtschaft dieses Mohammed, die sich seiner Lehre (den Offenbarungen Al-Lahs) anschlossen. Auf jeden Fall entsteht der Islam wohl in Mekka unter Mitgliedern eines Clans der Kureisch, von denen man ansonsten herzlich wenig weiß. Wie dieser Islam aussieht, bevor der Koran um 700 endverfasst wird, ist weitgehend unbekannt. Ähnlich stand es ja schon mit dem frühen Christentum, von dem man auch nur weiß, was sich aus den Paulusbriefen erschließen lässt, die aber fast nur den griechischen Raum (vor allem Anatolien) abdecken. Wenn es übrigens einen rigorosen monotheistischen Islam gab, dann blieben doch alle möglichen Geister (dschinns) und Dämonen bestehen, gingen auch in den Koran ein, und eine arabische Variante des christlichen Teufels gibt es denn auch.

 

 

Im Koran wird immer wieder deutlich, dass sein Autor oder seine Autoren die „biblischen“ jüdischen wie christlichen Texte nicht gelesen hatte(n). Es ist aber auch unübersehbar, dass er oder sie diese indirekt aus Erzählungen der damals üblichen und wohl oft professionellen Geschichtenerzähler kannten, allerdings eben nur ungefähr. Diese für Christen „biblischen“ Texte waren also in Arabien auch außerhalb von dessen jüdischen und christlichen Regionen weit verbreitet.

 

Und dann haben diese Autoren sie wiederum so verändert, dass sie in die neuen Vorstellungen des Islam passen. Dabei übernehmen sie das Kernthema des sogenannten Alten Testamentes: Der eine wahre Gott sucht, zum ersten Mal mit Abraham, einen Bündnispartner unter den Menschen, der dafür sorgen soll, dass sie nur an ihn glauben und nicht an die anderen Götter. Und sobald sie dann wieder von ihm abfallen, bestraft er sie. Insoweit sind Koran und antike jüdische Texte identisch. Zum letzten Mal nach Jesus hatte er nun Mohammed als letzten Versuch auserkoren, um die Menschen zu ermahnen, und sich als Volk eben nicht mehr die Juden auserwählt, sondern die Araber. Wenn sie ihm nun nicht die Treue halten würden, würde es einen Weltuntergang ohne Gläubige als Überlebende geben, also kein Paradies, keine sich selbst reparierenden himmlischen Jungfrauen und all das andere Schöne, was sich arabische Männer damals so ausdachten.

 

Die Araber hatten seit mehreren Jahrhunderten eine gemeinsame Sprache, in der sie sich verständigen konnten, und seit einigen Jahrzehnten auch eine eigene Schrift. Deswegen spricht Al-Lah nunmehr auch arabisch, wie er immer wieder im Koran betont, denn alle Araber können ihn so verstehen und die extrem wenigen, die schreiben können, alles aufschreiben. Bei allen anderen Völkern ist er schließlich bereits hoffnungslos gescheitert. Aber die Geschichte von göttlichem Angebot und anschließender Bestrafung als Vorgeschichte des Islam ist überwiegend jüdisch und nur in geringem Umfang arabisch.

 

Dem entspricht auch, dass offenbar von den Juden als einzig wahrer Gott ein sehr maskuliner übernommen wird, und viele der falschen Götter waren entsprechend bei beiden Religionen Frauen. In der viel mächtigeren Konkurrenzstadt Mekkas hieß die Göttin Al-Lat, deren Kult Al-Lah beseitigt sehen will, in Mekka werden neben ihm auch drei Töchter von ihm verehrt, die laut Koran nun nicht mehr verehrungswürdig sein dürfen.

 

Im arabischen Raum sind Stämme wie die Kureisch, denen Mohammed entstammt sein soll, auch berittene Kriegerhorden, aber daneben gibt es auch Händler und Leute, die Land bearbeiten. Mit dem einen männlichen Gott unter Ausschluss eben auch alles Weiblichen im Göttlichen wurde dies kriegerische Element gestärkt, und auch das scheint die Geschichten vom Stamm Juda zu wiederholen, die man auch in dieser Hinsicht kannte. Wie kriegerisch zudem das Christentum inzwischen ist, konnten sie an direkten Nachbarn, den Byzantinern beobachten.

 

Der Koran ist so in wesentlichen Punkten eine Übernahme altjüdischer Vorstellungen, die auf den Raum arabischer Lebensgewohnheiten übertragen werden. Mit dem neuen Testament und insbesondere mit seinem Aufruf zur Friedfertigkeit können die Autoren hingegen nichts anfangen, genauso wenig wie die Christen selbst seit spätestens dem 4. Jahrhundert. Auch deshalb wohl bleibt der letzte Prophet des einzigen wahren Gottes, der sich nun als Al-Lah ganz arabisch gibt, blass und sehr unscharf im Koran. Er hat wenig neues hinzugefügt. Aber niemand muss sich wundern, wenn Muslime Abraham heißen, arabisch Ibrahim, oder je nach Weltgegend Merjem oder Miryam oder wie auch immer in ihrer Sprache die Prophetenmutter Maria heißt.

 

 

Der Islam ist der letzte Versuch Gottes, sich ein Volk auszusuchen, welches nur an ihn glaubt. Die Grundthese, die sich aus dem Koran herausdestillieren lässt, ist, dass Al-Lah sich (unter anderem Namen) zum ersten Mal Abraham geoffenbart hatte, der somit der erste Prophet war. Danach kommt es aber wieder zu fürchterlichster Vielgötterei. Ein weiterer Prophet kommt, beseitigt sie, danach kommt sie wieder zurück. Schließlich erinnert Jesus daran, dass es nur einen Gott gebe, aber auch diese Offenbarung wird zumindest mit der Trinität bald nicht mehr befolgt.

 

Und so findet sich Gott nun und nur noch einmal bereit, an sich zu erinnern, und dafür offenbart er sich dem letzten Propheten vor dem Weltende, der in der späteren Überlieferung Mohammed heißt und der dafür besonders geeignet ist, weil er schon vorher spürte, dass das Weltenende (wie bei Jesus) ganz nah sei und man schnell zum Gott Abrahams zurückkehren müsse, der mit Al-Lah identisch ist, und wegen dem einige bereits inzwischen zum heiligen Stein in Mekka gepilgert waren. Das mit dem Weltenende taucht ganz früh im fertigen Koran auf.

Im siebten Jahrhundert war das schlagendste Argument, Juden und Christen zum Islam zu überreden, die Erklärung, nur der Islam würde dem (einen) Gott Abrahams derzeit noch die Stange halten.

 

Im Koran wird an einer ganzen Anzahl Stellen darauf verwiesen, dass der Islam eine originär arabische Religion sein soll, also die, unter der sich die „Araber“ (ver)einigen sollen. In gewissem Sinne werden sie so zum (neuen) auserwählten Volk Gottes, allerdings später grundsätzlich offen für die ganze Menschheit, was zwischen den Zeilen impliziert, dass sie dann auch irgendwie eine Art Araber werden würden, wenn sie sich zu Al-Lah als einzig wahrem Gott bekennen, etwas, was im islamischen Spanien wichtig werden wird.

 

In gewissem Sinne übernimmt der Gott, der im Koran spricht, auch die Vorstellung von einer mit Gott verbundenen heiligen Sprache, bei Juden althebräisch, bei den Arabern eine der vielen verwandten Sprache, die sich vor mehreren Jahrhunderten als gemeinsame durchzusetzen begonnen hatte und damit die Vorstellung eines gemeinsamen Arabertums beförderte. Al-Lah begründet darum immer wieder im Koran, warum er nun sehr bewusst arabisch spricht. Deswegen bemühen sich fromme Muslime in aller Welt, ihre auswendig gelernten Suren, die sie pflichtschuldigst täglich fünfmal als Gebet hersagen,  auch in koran-arabisch aufsagen zu können. Die magische Wirkung der Unterwerfungsgebärde im Gebet ist vom genauen Verständnis des Inhaltes dann letztlich so unabhängig, wie die lateinischen Teile der Messe der römisch-christlichen Kirche durch Unkenntnis des Lateinischen beim Gläubigen ebenfalls ihrer magischen Charakter nicht verloren, ja, dieser eher noch gesteigert wird.

 

Bevor der Islam sich um 700 als fixierte Religion konsolidiert, ist er bereits bis tief in das damals von zoroastrischen Persern beherrschte Mesopotamien und Syrien vorgedrungen und bis nach Nordafrika. Dies aber als vor allem auch völkisch begründeter Vorstoß, der ein arabisches Reich schafft, in dem die Araber weithin eine winzige, dünne Herrenschicht bilden und der Islam zunächst nur ihre Religion ist. Als der besagte Kalif in Damaskus merkt, das ein Reich, in dem es hauptsächlich Christen und an zweiter Stelle Juden gibt und nur verschwindend wenige Muslime, beginnt man, auch die Untertanen zu arabisieren und zu islamisieren. Der Druck von oben nach unten nimmt zu. Islam wird zur Weltreligion, und da seine Inhalte stark arabisch geprägt sind, beginnt eben mit der Islamisierung auch Arabisierung, zum Beispiel auch in Spanien, als es ab 711 von Arabern und ihren Hilfstruppen aus schon eroberten Gebieten erobert wird.

 

 

Wie schon angedeutet, hat der Islam von Anfang an eine „politische“ oder besser gesagt sehr weltliche Seite. Die arabische Halbinsel ist zunächst in jüdische und christliche Stämme sowie besonders im Wüsten-Inneren solche mit Vielgötterei und Dämonenglauben geteilt, in sich sehr uneinig und sich dem Untergang, also der Unterwerfung zunächst durch Byzanz und dann durch Persien nahe fühlend. Arabische Stämme verhökern ihre Kriegerscharen mal als Söldner an Ostrom, mal an Persien. Der jüdische Jemen ist im 6. Jahrhundert persisch geworden und wird „entjudaisiert“. Christliche Araberstämme im Norden, die mit Ostrom verbündet sind, werden ebenfalls von Persien erobert und „entchristianisiert“. Arabische Christen übrigens nannten ihren Gott oft auch Al-Lah, was zeigt, dass er nicht nur einer der Götter Mekkas war, und sie scheinen dessen Heiligtümer in Arabien deshalb in Ehren gehalten zu haben, indem sie ihn mit dem Christen-Gott identifizierten.

 

Im Koran ist von zwei Arten von Weltuntergang die Rede (also vor allem Untergang eines eigenständigen Arabiens), die wohl beide damit zu tun hatten, dass man befürchtet, Persien würde die ganze Halbinsel unter seine Kontrolle bringen. Da Al-Lah allmächtig ist, droht er im Koran, die Araber untergehen zu lassen, wenn sie sich nicht zu ihm bekehren und bekennen. Und es ist dann laut legendärer Tradition im Islam das Verdienst des letzten aller Propheten, dass sie dabei seien, sich ganz im Gegenteil zur Weltherrschaft aufzumachen.

Aspekte eines solchen Gedankens konnten direkt von den Juden und Christen übernommen worden sein, die beide eine Erlösung als Endsieg des wahren Gottes in Form eines allgemeinen Weltuntergangs predigten, nachdem einerseits die Juden dann als einzige Überlebende paradiesische irdische Zustände bekämen, die die Christen andererseits als „Himmelreich“ irgendwo anders bezeichneten, in die hinein wiederum nur sie wiedergeboren würden.

 

 

Der Islam des Koran und der Krieg gehören zusammen wie bei Juden und bald auch Christen. Es gibt keinen soliden Hinweis darauf, dass die frühen Muslime zehn Jahren nach der ersten Offenbarung Al-Lahs für Mohammed aus Mekka vertrieben worden wären, wie spätere Legenden behaupten. Möglich scheint auch, dass der Prophet in Medina einen Stützpunkt für die Entfesselung eines Krieges gegen Mekka brauchte, der im Falle eines Sieges zur Ausrottung aller Ungläubigen führen sollte. Medina bietet sich einmal wegen der Nähe an, zum anderen wegen der Anwesenheit vieler arabischer Juden, mit denen Mohammed zunächst sich verbündet.

 

Die ersten Lebensgeschichten (Sira) Mohammeds von etwa 700 (vor allem die Ibn Ishaqs) beschreiben sieben Versuche, die Kureisch von Mekka in Kämpfe zu verwickeln und schließlich den Überfall auf eine Karawane von ihnen, die durch mekkanische Krieger verstärkt war. Mohammeds Leute siegen und töten, wie es ihnen ihr Gott befohlen hatte. In der Sure 9 sagt Al-Lah zu Mohammed: Doch die glaubten, auswanderten und auf dem Wege Gottes kämpften, mit ihrem Gut und ihrem Leben, die haben den höchsten Rang bei Gott. Das sind die Gewinner.

 

In der zu Recht berüchtigten Sure 49 wird das ergänzt: Wenn ihr jedoch die trefft, die ungläubig sind, dann schlagt sie auf den Nacken, bis ihr sie ganz besiegt habt. Dann schnürt die Fesseln fest! Dann entweder Gnade oder Lösegeld – solange bis der Krieg ein Ende nimmt. So soll es sein. Wenn Gott wollte, könnte er sich ihrer selbst erwehren. Doch will er euch auf die Probe stellen. Und die auf dem Wege Gottes getötet wurden, deren Werke lässt er nicht verloren gehen. Recht leiten wird er sie und ihnen Wohlergehen schenken und sie in den Paradiesgarten führen, den er für sie ausersehen hat.

 

Als die jüdisch-arabischen Stämme in der Gegend von Medina sich weigern, zum Glauben Mohammeds überzutreten, gelingt es Mohammed mit seinen durch den Sieg gestärkten Kriegern, mehrere von ihnen mit kriegerischer Gewalt zu vertreiben (Sure 59), und laut der islamisch-arabischen Tradition um 700 einen komplett abzuschlachten. In der Sure 33 heißt es dazu: Er (Al-Lah) gab euch ihr Land zum Erbe, ihre Häuser und ihr Gut, Land, das ihr noch nicht betreten hattet. Gott ist allmächtig.

 

Inzwischen unternehmen die Kureisch von Mekka, reichlich provoziert, einen halbwegs erfolgreichen Kriegszug gegen Mohammeds Leute. Aber am Ende können sie besiegt werden, wie Al-Lah es will.

 

 

Viel vom Koran und den parallel dazu entwickelten Geschichten handelt von Krieg und Gewalt, Überfällen auf Stämme, Krieg gegen die Juden und gegen Mekka. Es geht gegen" ungläubige" Araber und überhaupt dann gegen alle, die sich dem einzigen wahren Gott nicht unterwerfen, - und Mohammed, seinem Propheten.

Es ist schwer, Historisches darin zu fixieren, immerhin siegen am Ende die Muslime unter Mohammed und Al Bakr, nehmen Mekka ein und etablieren es als (lukrativen) Wallfahrtsort.

Bekannter ist, was dann passiert. Kalif Al Bakr unterwirft handstreichartig nach Mohammeds Tod diejenigen, die meinten, nur dem Propheten selbst Loyalität schuldig zu sein. Ali von der Familie Mohammeds wird übergangen, was nach und nach zur Schia Ali, also der Partei Alis führen wird.

 

Direkt nach dem zweiten Krieg zwischen Ostrom und Persien, als beide Parteien massiv geschwächt sind,  platzt um 630 islamisch-arabischer Expansionsdrang gegen sie herein. Der Kalif und seine Gefolgschaft brauchen Feinde und militärische Erfolge. 634 übernimmt Kalif Omar/Oman. Mit Anfängen der Kodifizierung der mündlichen Tradition der Suren des Koran wohl unter ihm, der dessen Ergebnis auch gegen die schiitischen Feinde durchsetzen kann, erschüttern seitdem drei "ewige" Offenbarungen und Wahrheiten enthaltende und miteinander konkurrierende heilige Bücher die Welt.

 

 

Die Oströmer verlieren zwischen 636 und 640 Palästina und Syrien. Im Krieg brutal, erweisen sich die Araber zunächst duldsam gegenüber den christlichen und jüdischen Untertanen, die nicht die "islamische", sondern eine eigene Sondersteuer zu zahlen habe, aber nie rechtlich gleichgestellt sind.Sie dürfen auch keine neuen Kirchen bzw. Synagogen mehr bauen.

 

In den folgenden Jahren 640-42 wird Schritt für Schritt Ägypten erobert, wo vor allem die hellenisierte Oberschicht Widerstand leistet. Kleinasien wird immer wieder einmal angegriffen, aber dann rettet Ostrom ein innerarabischer Bürgerkrieg. Aber die städtische Zivilisation in Kleinasien verfällt. 651 verschwindet das persische Sassanidenreich, aber erst um 900 wird die Mehrheit der Bevölkerung dort islamisiert sein.

 

643 fällt Tripolis. Der Vormarsch in Nordafrika wird dann etwas durch Gegenwehr der Berber abgeschwächt. 656 wird Ali zum vierten Kalifen gewählt, dann aber ermordet. 680 wird Nachfolger Husain in Kerbela ermordet. Der Islam ist gespalten in viele Parteien.

 

Bis 698 ganz Nordafrika an die Araber. Anfang des 8. Jahrhundert befinden sich muslimische Truppen in Zentralasien (Samarkand) und an den Grenzen Indiens und Chinas.

 

Verwaltet werden die Regionen von Städten aus, wobei byzantinische Muster übernommen werden so wie das Münzwesen. Gegen Ende des 7. Jahrhunderts nimmt der arabische Druck auf die nicht muslimischen Untertanen zu.

 

Das islamische Hispanien

 

Der arabische Koran trifft bald auf den Arabern völlig fremde Zivilisationen. Im Zusammentreffen mit Persien kommt es zum ersten großen Schisma, auf dem Weg nach Spanien bewegt er die Berber zu erheblichem Expansionsdrang, der sie an der Eroberung des Westgotenreiches auf der iberischen Halbinsel teilhaben lässt.

 

Als Sarakenoi wurden vom frühen Konstantinopel aus gesehen Nomadenstämme auf der Sinaihalbinsel bezeichnet. Seit den Kirchenvätern wurde dann die Legende verbreitet, die "Hagarener“, die Nachkommen der verstoßenen Nebenfrau Abrahams, hätten sich „Sarazenen“ genannt, um vorzutäuschen, sie stammten von Sarah, der Ehefrau Abrahams ab.

Die Franken können halbwegs zwischen den arabischen Herrschern in Bagdad und der auch von Berbern geprägten Zivilisation von Cordoba unterscheiden. Sie nennen sie manchmal im Sinne des Alten Testamentes Ismaeliten, in der Regel bald aber Sarazenen, wodurch sie von den östlichen Arabern, wenn auch etwas verschwommen, abgetrennt sind.

 

 

Das Kalifat in Damaskus kann die multiethnischen und multireligiösen Gebiete nicht lange gut kontrollieren. An vielen Stellen bilden sich militärisch begründete, nach mehr Selbständigkeit strebende islamische Regionen heraus. Der Einfall in Spanien beispielsweise geschieht recht unabhängig von der Zentrale des Kalifates.

Um 698 marschiert der vom Kalifen bestimmte Gouverneur Musa ibn Nusayr in Kairouan (Qayrawán) ein. Einer seiner Offiziere, Tarik ibn Ziyád, wie andere für den Chef mit der Eroberung des heutigen Marokkos beschäftigt, nimmt Tanger und Ceuta ein. 711 setzt er mit von einigen geschätzten 18 000 Soldaten, überwiegend wohl Berbern ("Mauren"), nach Spania über.

 

Nachdem Roderich 711 in der entscheidenden Schlacht getötet wird, sind die Goten ohne Führer. Musa ibn Nusayr kommt nach und bemächtigt sich gleich Sevillas. Teile der gotischen Großen laufen zu den Invasoren über. Laut arabischen Chroniken heiratet der Sohn des Eroberers Músa ibn Nusayr nicht nur Egilona, die Witwe von König Rodrigo, sondern setzt sich auch eine Krone auf, was Glaubensgenossen dazu bringt, ihn zu töten, - er könnte eine unislamische Monarchie einführen wollen.

Die Söhne Witizas arbeiten sofort mit den Neuankömmlingen zusammen. Der visigotische Große Teodomir unterwirft sich, um gegen einen Tribut eine Art Herrschaft um Orihuela und Lorca zu erwerben, und wird zum arabischen Tudmír. Er gibt eine Tochter einem Offizier des muslimischen Heeres zur Ehe und diese begründen um Orihuela und Elche die "arabische" Familie der Banú Jattáb, die bis zur Reconquista in der Gegend von Murcia einflussreich bleiben. Ein weiteres von vielen Beispielen bietet Casius, ein hoher visigotischer Offizier, der im Nordosten mit der Grenzsicherung betraut war, zu den Eroberern und zum Islam übertritt, und seinen Befehlsraum im oberen Ebrotal behalten kann. Seine Familie wird für Jahrhunderte als Banú Qasí die Gegend dort kontrollieren. Dabei operiert sie mit wechselnden Bündnissen, auch zu den Pamplona kontrollierenden christlichen Inigos.

 

Päpste und Bischöfe werden in den nächsten zwei Jahrhunderten solche Mischehen mit ihren Konsequenzen der Arabisierung und Islamisierung beklagen. Andere Leute leisten wie in Huesca sieben Jahre Widerstand und um 720 schafft es ein Pelayo mit einer eher kleinen Truppe, in Cova Dominica (Covadonga später) um 720 auch eine Schlacht gegen die Invasoren zu gewinnen. Auf ihn als Stammvater wird sich dann später das asturische Königshaus berufen.

 

Musa ibn Nusayr schafft es bis Zaragoza, dann wird er vom Kalifen in Damaskus zurückberufen, da er zu eigenmächtig handelt. Vorher hatte er eine neue Goldwährung als Solidi eingeführt, die dann bald in Dinare umbenannt wird, um dann Mitte des 8. Jahrhunderts durch silberne Dirhems ersetzt werden.

Machtzentrale wird Cordoba, und von dort wird sehr schnell das ganze eroberte Gebiet fiskalisch erfasst, um eine Kopfsteuer und eine Steuer je nach Landbesitz eintreiben zu können. Das Heer muss bezahlt werden.

 

Der Islam ist eine Religionsgemeinschaft, umma, und zunächst zugleich ein ethnisches und militärisches Gebilde, nämlich arabisch und auf Eroberung aus. Eine Besonderheit im Vergleich mit der christlichen Welt ist, dass die Herrscher, Kalifen, in der arabischen Richtung der sunna als Nachkommen Mohammeds gelten: Religion und weltliche Macht sind in einer Hand. Damit die Macht "arabisch" bleibt, wird zur Zeit der Eroberung Hispaniens, der Spania, bereits bewusste Arabisierung betrieben, d.h. die vorherrschende Sprache wird das Arabische, welches die anderen Sprachen, zum Beispiel die der Berber, verdrängt. Da Araber sein und Muslim sein vorläufig außerhalb Persiens

identisch wird, wird zugleich Islamisierung betrieben, allerdings eher mit Druck als offener Gewalt.

 

 

Das Regiment der Araber und Berber/Mauren auf der iberischen Halbinsel ist das einer kleinen alt/neuen Herrenschicht samt seinem Militär; es sind am Ende vielleicht 100 000 Menschen, und die Unterwerfung der Visigoten gelingt auch nicht bis in den äußersten Norden, wo sich schnell ein Königreich Asturien bildet, und auch nicht in Kantabrien und in den nordwestlichen Pyrenäen. Neben den Herren gibt es das Militär, welches aus Arabern, vor allem auch Berbern und vielen anderen Völkerschaften besteht, die nach und nach arabisiert werden.

 

Die Expansion des damaszenischen Kalifats bedeutet religiöse, aber vor allem auch ethnische Unterdrückung durch Arabisierung über die Sprache hinaus. Deshalb kommt es um 740 zwar nicht zu einem hispanischen Aufstand, aber zu einem nordafrikanischer Berber. Dieser wird vor allem durch schnell herangeführte syrische Truppen brutal niedergeworfen. Diese wollen dann aber nicht mehr zurück und setzen durch, nach Al-Andalus verschoben zu werden, wo jedem ihrer Truppenteile dann Gebieten zugeordnet werden. Nun sind es bereits überwiegend islamisierte Truppen von Arabern, Berbern und Syrern vor allem, die die Besatzungsarmee stellen und sich die Einziehung der Abgaben aneignen, die dann mehr oder weniger nach Cordoba fließen. In den nächsten Generationen werden sie auch sprachlich angeglichen an die Machthaber und verlieren Trachten und Stammesstrukturen, eine Entwicklung, die im 9. Jahrhundert vermutlich abgeschlossen wird.

 

Teile der christlichen Bevölkerung Spaniens werden zwar in diesem Sinne auch "arabisiert" und zu sogenannten Mozárabes, aber nur langsam und zum Teil islamisiert. Christen und Juden werden zwar mit heftigen Abgaben belastet, aber Kirchen und Synagogen überleben zum Teil, wenn auch immer eingeschränkter und drangsalierter.

 

Die tradierte westgotische Kirchenverfassung und Organisation überdauert die ersten Jahrhunderte, in denen die Christen sich auch nicht unter die Oberhoheit eines Papstes stellen und damit in Konflikt mit fränkischen römisch-katholischen Vorstellungen geraten.

 

Der Berberaufstand gibt in den christlich gebliebenen Gebieten Zeit zum Atemholen und zum Strukturieren von Herrschaftsgebieten wie dem des asturischen Alfonso I (739-57). Solche Gebiete werden auch noch etwas von Flüchtlingen aufgefüllt, wie es in der im 11. Jahrhundert verfassten Chronik von Alfonso III heißt. Ebenfalls rückblickend wird darin auch die Legitimität des Herrscherhauses fetsgestellt: Nach dem Tod von Favela folgte ihm Alfonso auf den Thron, Mann von großer Tapferkeit, Sohn des Herzogs Pedro, Abkömmling der Linie der Könige Leovigod und Rekkared; in der Zeit von Egica und Witiza war er der Führer des Heeres. (in: Manzano, S.803)

 

Die genetische Überfremdung in den islamischen Gebieten nimmt von Süden nach Norden ab, wie man noch heute tendenziell sehen kann, und ist auch nach einer gewissen Vermischung der einheimischen und einmarschierten Bevölkerungen nicht allzu groß. Sie wird dann im Zuge der Reconquista noch ergänzt werden durch die Einwanderung von "Franken" aus dem Osten und Norden, die allerdings weniger auffällig bleibt.

 

Al-Andalus ist zunächst eine von Cordoba dirigierte Militärdiktatur mit vielen kleinen regionalen Warlords in größeren Städten. Im fernen Damaskus hingegen herrscht die Familie der Omayaden, die ihr Kalifat auf ihre Abstammung von Mohammed begründet und faktisch auf ihr Militär. Nach dem Berberaufstand ist dies Kalifat geschwächt und besonders fromme Prediger beginnen, der Familie unsittlichen Lebenswandler (Tänzerinnen, Wein etc.) vorzuwerfen. Agitatoren mit schwarzen Fahnen eines radikaleren Islams fordern einen Umschwung und als der Kalif Marwan II stirbt, gelingt es einem Al-Abbás aus einer anderen Familie, die behauptet, von einem Onkel Mohammeds abzustammen und ebenfalls kernarabische Kureischi zu sein, die Macht zu ergreifen. Demonstrativ gründen sie mit Bagdad eine neue Hauptstadt und töten jeden aus der Omeya-Familie, dessen sie habhaft werden. Einem Enkel des vorletzten Omayadenkalifen, Abd al-Rahmán ibn Mu'awiya, gelingt es, ins Maghreb in Berbergebiet der Familie seiner Mutter zu entkommen. Von dort gelangt er mit militärischem Anhang bis an die Meerenge gegenüber Gibraltar und beschließt,

nach Almunecar überzusetzen. Von dort gelingt es ihm, Cordoba einzunehmen und sich zum Emir von Al-Andalus ausrufen zu lassen.

 

Das Omayadenreich ist eine religiös begründete Despotie mit Zügen einer Militärdiktatur, die sich von den entsprechenden germanisch dominierten Reichen in einigen wesentlichen Punkten unterscheidet. Sie basiert auf einem stehenden Heer bezahlter und über das ganze Land verteilter Soldaten, deren Chefs vor Ort jeweils auch Verwaltungschefs sind. Zum zweiten finanziert sie sich über die Besteuerung aller außer wenigen privilegierten Kreisen. Zum dritten kooperiert sie mit keiner Kirche, sondern einer lokalen Geistlichkeit, die vorläufig keinen mit der lateinischen Kirche vergleichbaren, immer riesiger werdenden Großgrundbesitz hat und auch kein dem benediktinischen vergleichbares Klosterwesen mit seinen zum Teil ebenfalls großen Besitzungen. Als Besonderheit wäre noch hervorzuheben, dass diese relativ despotische Zivilisation wie im Orient und in Nordafrika viel stärker auf städtischen Zentren beruht als die Reiche der Franken und Angelsachsen zum Beispiel, bei denen Städte bis mindestens ins 9. Jahrhundert teilweise weiter verfallen.

 

"Die arabische Welt war eine städtische Welt" (Ennen, S.75), viel mehr als das mittelalterliche christliche Abendland. In ihren viel größeren Städten (Cordoba soll um das Jahr 1000 zwischen einer halben und einer Million Einwohner gehabt haben) gedeihen Gewerbe und Handel mehr als in den spätantik-frühmittelalterlichen Städten, aber es entsteht nicht das Bürgertum des abendländischen Mittelalters mit seinem Selbstbewusstsein. Die orientalischen Despoten fördern zwar Handel und Gewerbe, unterbinden aber jede Selbstorganisation der Städte. Es fehlen zudem die - wenn auch in engen Grenzen -  befreienden Aspekte des intellektuellen Disputes, die die Widersprüchlichkeit christlicher Gesellschaften samt ihrem gedanklichen Überbau auslöst.

 

Der Reichtum der Emire und später der Kalifen von Cordoba wie einzelner Lokal-Potentaten beruht auf immer brachialer eingetriebenen Abgaben und der Beute aus Raubzügen gegen die zunächst kleinen christlichen Herrschaften von Asturien über Navarra und der Grafschaft Barcelona. Mit diesem Geld finanzieren sich die Herrscher opulente Höfe, große Sakralbauten wie die Mesquita von Cordoba oder Luxusbauten wie den großen Palast bei Cordoba und eine alles kontrollierende Burgenlandschaft.

 

Viele dieser Herrscher sind sehr weltlichen Genüssen nicht nur mit ihrem teils großen Harem zugetan, sondern auch mit Tänzerinnen, Musikanten und nicht gegenständlichem (dekorativen) Kunsthandwerk, mit erlesenem Essen und viel Wein, mag das auch nicht alles im Sinne des Propheten sein. Dazu kommt eine erzählende und Verse schmiedende Poesie, die zunehmend orientalische Formen von Sinnenlust preist.

 

Die massive Despotie mit ihrer Steuerbelastung führt zu gelegentlichen Aufständen in Stadtteilen und Städten, von denen der in einer Vorstadt (arrabal) von Cordoba 818 von besonders vielen Autoren erzählt wird. Dabei ist nach Niederschlagung von der völligen Zerstörung des Stadtteils die Rede, der Flucht der Einwohner (auch in das immer wieder rebellische Toledo) und der Kreuzigung von 300 Rebellen (Quellen in Manzano, S.804ff).

Daneben kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen regionalen Machthabern und ihrerseits auch mit ihrer Zentrale in Cordoba.