Die Welt des Gregor von Tours

Die Reichsbildung der Westgoten auf der iberischen Halbinsel scheitert daran, dass sie keine neue stabile Form von Zivilisation hervorbringt. Sie scheitert wirtschaftlich an einem massiv schrumpfenden Binnenmarkt, verursacht dadurch, dass Untertänigkeit nicht als solche unter dem Königtum zustande kommt, sondern im wesentlichen unter den mächtigen geistlichen und weltlichen Großen. Daraus resultiert die Armut der Massen auf dem Lande und in der Stadt in der Hand von Großgrundbesitzern und dem aristokratisch kontrollierten Klerus. Sie scheitert darum auch fiskalisch, und daraus resultiert die Abhängigkeit der Könige vom militärischen Aufgebot der Großen.

 

Die Verschränkung von weltlicher und geistlicher Macht im Königtum bindet dieses, aber nicht die Großen im Lande, die offensichtlich die hehren formulierten Ziele des Königtums nicht teilen, sondern ihren Eigeninteressen den Vorrang geben. Kaum ein König ohne Serien von Rebellionen gegen sich, die mit rabiater Gewalt und Ausplünderung der Gegner beantwortet werden. Eine zunächst ausgesprochen kleine maurische Streitmacht kann darum in wenigen Jahren den größten Teil der iberischen Halbinsel erobern.

 

Es bleibt den Franken, den historischen Gegnern der Westgoten, überlassen, den Vormarsch islamischen Militärs aus Nordafrika und dem Nahen Osten 732 im Kerngebiet des Frankenlandes zum Stillstand zu bringen und dann über die Pyrenäen zurückzudrängen. Aber auch die Versuche der Reichsbildung der Merowinger scheitern. Ihre Nachfolger aus der Familie der Karolinger gehen den Weg militärischer Expansion, überdehnen ihr Reich, welches darauf zur Gänze auseinanderfällt.

 

Im Westen entsteht danach im Verlauf des sogenannten Mittelalters ein erster neuartiger Nationalstaat, ebenso wie in England nach der Eroberung durch die romanisierten Normannen. Im Osten entwickeln sich Fürstentümer und nach Autonomie trachtende Städte auf der Grundlage königlicher Schwäche. Im Süden zerfällt Italien teils in Stadtstaaten, teils wird es von fremden Mächten okkupiert. In Spanien werden die Mauren erst ganz vom Festland vertrieben, als Kolumbus zu seinen großen Fahrten aufbricht.

 

Seinen fruchtbaren Boden gewinnt der Kapitalismus überall dort, wo Städte dabei ihren Charakter als Orte eines neuen Bürgertums finden, welches mit Kreditwirtschaft, Handel und Gewerbe nicht nur ein Eigenleben gewinnt, sondern die grundbesitzenden Großen und die Fürsten und Könige mit ihrer neuen Wirtschaftsweise infiziert und affiziert. Aber das wird noch nicht im Merowingerreich der Franken geschehen.

 

 

 

1. Gregors Welt

2. Die "Franken", oder: Stamm, Volk und Nation

3. Das Volk bei Gregor

4. Christentum fränkisch

5.Das Kloster des fränkischen Adels

6. Macht, Gewalt und Grausamkeit

7. Die Gier und die Ordnung

 

 

284-305 Diokletian

306-337 Konstantin

358 Salische Franken in Toxandrien

451 Aetius mit Franken gegen Attila auf den Katalaunischen Feldern

456-482 Childerich hintereinander verbündet mit Aegidius, Paulus und Syagrius

482-511 Chlodwig

486 Sieg Chlodwigs über Syagrius

bis 494 Chlodwigs Reich bis zur Loire ausgedehnt

um 498 Chlodwigs Taufe

506 Clodwig besiegt die Alemannen

Um 510 Chlodwig integriert das Kölner Frankenreich

511 Fränkisches Reichskonzil in Orléans Reichsteilung: Theuderich (Reims, Osten), Chlodomer (Orléans, Loire), Childebert (Paris, Westen), Chlothar (Soissons, Norden)

524 Tod Chlodomers

531 Theuderich erobert Thüringen

532 Eroberung Burgunds durch Chlothar und Childebert

533 Tod Theuderichs, Nachfolger Theudebert im Ostreich (533-47)

537 Erwerb der Provence für Childebert

540 Chlothar heiratet Radegunde

555 Chlothar erbt das Ostreich, 558 von Childebert den Westen

561 Tod Chlothars, Erneute Vierteilung des Reiches: Charibert (Paris), Gunthram (Orléans), Sigibert (Reims, Champagne, Osten), Chilperich (Soissons)

566 Heirat Sigiberts mit der westgotischen Brunhilde

567 Tod Chariberts, Aufteilung seines Reiches unter den Brüdern, Dreiteilung in Austrasien, Burgund und Neustrien

568 Heirat Chilperichs mit Galswintha

568 Einwanderung der Langobarden in Italien

569/70 Chilperich lässt Galswintha ermorden und heiratet Fredegunde. Deren Konflikt mit Brunhilde

575 Ermordung Sigiberts, Chilperich bringt Brunhilde in seine Gewalt und erbt sein Reich

Gregor beginnt seine Historien.

581 Childebert II., Sohn Sigiberts, zum König erhoben. Chilperich setzt seinen Neffen Childebert zum Erben ein.

584 Chilperich in Chelles ermordet Chilperichs Sohn Chlothar II. als Erbe Neustriens anerkannt

585 Tod des aquitanischen Prätendenten Gundowald

Brunhilde und Childebert in Austrasien und Burgund gegen Chlothar II. und Fredegunde.

596 Regentschaft Fredegundes nach dem Tod Childeberts für ihre Enkel Theudebert II. und Theuderich II. Theudebert II. erhält dann Austrasien, Theuderich II. Burgund.

600 Chlothar II. von den Brüdern besiegt, die dann gegeneinander kämpfen und sterben. Bischof Arnulf von Metz und Pippin d.Ä. unterstützen Chlothar II. gegen Brunhilde

614 Pariser Edikt: Reichseinigung unter Chlothar II.

 

 

1. Gregors Welt

 

Von einer "Welt des Gregor von Tour" zu schreiben, scheint mir deshalb sinnvoll, weil wir ohne seine Texte, insbesondere die 'Historiarum Libri Decem', enorm viel weniger über die Merowingerzeit wüssten. Und für die Zeit zwischen seinem Tod und dem Aufstieg der Karolinger wissen wir heute eben auch entsprechend weniger.

 

Wir befinden uns in einem Gallien, welches sich im 4. und 5. Jh. immer mehr vom römischen Zentrum separiert und in dem sich einwandernde und zunehmend auch erobernde Menschengruppen aus der germanischen Sprachfamilie als Franken konstituieren, nicht als "Volk" in einem neuzeitlichen Sinne, aber mit einem gewissen Gemeinschaftsgefühl. Dabei gelingt es einer Familie, die wir heute Merowinger nennen, im Norden ein "Reich" zu etablieren, einen Herrschaftsbereich, der dann bis zum 7. Jahrhundert in etwa das ganze antike Gallien umfasst.

 

Die so entstehenden "Franken", eine Minderheit in ihrem Reich, leben zunächst neben den gallorömischen Alteingesessenen, bis sich langsam beide Bevölkerungsteile zu vermischen beginnen, wobei die germanische Sprache bis auf den Nordosten und Osten völlig verschwindet. Über beide Bevölkerungsgruppen lässt sich zunächst wenig gemeinsames sagen, sind sie doch in sich schon hochgradig inhomogen. Es gibt bei beiden wenige Reiche und Mächtige und viele Arme und Abhängige, es gibt bis zum Ende der Merowingerzeit eine überwiegend christianisierte Stadtbevölkerung und auf dem Lande vermutlich eine Menge offener oder heimlicher "Heiden", die entweder dem antiken oder dem germanischen Volksglauben anhängen.

 

Schon deshalb ist es ungeheuer schwierig, etwas allgemein über "die Menschen" dieser Zeit und Gegend zu sagen. Zudem macht es das wenige auf uns Überkommene schwer, in die Menschen hineinzuschauen.

 

Autobiographisches gibt es im Westteil des damaligen Abendlandes erst nach 1100 mit den Texten von Abaelard und Gilbert von Nogent. Davor gibt es einige Texte von höhergestellten Frauen, die werteorientiert und nicht wirklich introspektiv sind, und aus denen man mit Mühe etwas über ihre schriftlich öffentlich gemachten Gedanken hinaus erahnen kann.

 

http://la.wikisource.org/wiki/Historiarum_Francorum_libri_X

 

Für unsere Zeit am informativsten ist Gregor von Tours Geschichts- und Geschichtenbuch ('Decem Libri Historiarum'), zumindest für die Zeit des erwachsenen Bischofs im 6. Jahrhundert. Nun ist das eine Aneinanderreihung von Ereignissen, die zum Teil überprüfbar sind, von Geschichten, deren Tatsachengehalt kaum überprüfbar ist, und von Wertungen und Parteilichkeit, die wir heute gelegentlich auf seine gallorömischen Familieninteressen, seine Position als Bischof und insbesondere als solcher von Tours zurückführen können.

 

Zudem ist anzumerken, dass wir in Gregors Text etwas über ihn - und zudem leider sehr wenig - und erst durch die massiven Filter seiner Anschauung etwas über andere erfahren. Noch bedauerlicher ist, dass Gregor als Teil der "senatorischen" Oberschicht, die sich in einem gegenseitigen Durchdringungsprozess mit der fränkischen Herrenschicht befindet, die Masse der Bevölkerung, die unteren und mittleren Schichten, nur kursorisch streift - und das nicht um ihrer selbst willen, sondern vor allem dort, wo sie Opfer des Krieger"adels" werden oder kurz einmal in Städten eigenständig handeln.

 

Außerdem ist die Auswahl dessen, was Gregor darstellt, von seinem christlichen Geschichtsbild geprägt, welches die Menschenwelt in einem ihrem Ende entgegen strebenden Zweikampf zwischen Gut und Böse sieht. Indem wir dem Lauf der Zeiten folgen, berichten wir vermischt und ineinander verwirrt von den Wundertaten der Heiligen und den Unfällen der Völker. (H:II, Einleitung).

 

Wie Heinzelmann dargelegt hat, entspricht das der "Vermischung der beiden Civitates des (augustinischen) Gottesstaates und der "civitas mundi"". (S.92) Gregor schreibt dabei vor allem eine Geschichte von Königen und Bischöfen: Prosequentes ordinem temporum, mixte confusequae tam virtutes sanctorum quam strages gentium memoramus.

 

Dieses dualistische Geschichtsbild, schon laut Augustinus von Anfang an die Welt als Schöpfung konstituierend, zielt ab auf das nahe Weltende, das Gregor zwar gelegentlich erwähnt, das ihm aber wohl kaum so akut erscheint wie beispielsweise seinem Zeitgenossen Papst Gregor ("der Große") oder mehr als ein halbes Jahrtausend später Otto von Freising in seiner Chronik (Geschichte der zwei Städte). Dennoch schreibt er gegen Ende seines Lebens:

 

In Gallien suchte die oft genannte Seuche die Provinz (provintia) von Marseille heim. Die Gebiete von Angers, Nantes und Le Mans litten unter großer Hungersnot. Damit hebt sich <allererst die Not an>, wie der Herr im Evangelium sagt: <Es werden sein Pestilenz und teuere Zeit und Erdbeben hin und wieder, und es werden sich erheben falsche Christi und falsche Propheten, die Zeichen und Wunder tun, dass sie auch die Auserwählten verführen>, wie solches alles in dieser Zeit geschehen ist. (Üb.Buchner, H:X,25)

 

Gregor spielt dabei wie an anderen Stellen von Buch X, insbesondere auch Kapitel 23 und 24, auf Passagen in den Evangelien an und auf ausführlich in der 'Apokalypse (Offenbarung) des Johannes' erwähnte Endzeiterwartungen, die mit den oben beschriebenen Ereignissen eingeleitet werden sollen.

 

Georgius Florentius Gregorius (538-594) stammte wohl aus der Auvergne und entstammt auf beiden Seiten Familien, die Bischöfe stellten und aus dem senatorischen (römischen) Adel kamen.(Vgl. Heinzelmann, S.10ff). Viele Vorgänger im Bischofsamt von Tours sind Verwandte von ihm. Er erhält seine erste Bildung bei Avitus, dem zukünftigen Bischof von Clermont. Ein typischer Zugang zum Klerikerstand trifft auch auf ihn zu: Er kränkelt des öfteren, der ungefähr Dreizehnjährige erkrankt am Magen und verspricht für die Genesung Kleriker zu werden. 563 ist er offensichtlich wieder einmal so krank, dass er sein Ende nahe sieht und begibt sich mit Freunden und Klerikern zum Grab des heiligen Martin nach Tours, wo er, inzwischen wohl Diakon in der Auvergne, Heilung findet. Das verstärkt seine lebenslange Martinsverehrung, beschrieben in 'De virtutibus sancti Martini episcopi'.

 

Bis Gregor 573 in Reims zum Bischof von Tours geweiht wird, erfahren wir wenig, aber zumindest aus einem Gedicht seines Freundes Venantius Fortunatus, dass er drei Gönner hatte, die königliche Nonne Radegundis in Poitiers und das austrasische Königspaar Sigibert und Brunichild. (Heinzelmann, Gregor S.27ff)

 

561 war Chilperich I. von Neustrien an die Macht gekommen, der nach dem Tod des Kollegen Charibert die Gebiete von Tours und Poitiers an sich gerissen hatte, die eigentlich dem austrischen Sigibert zugestanden hätten, der von Reims aus regierte. Derweil wird das damalige Burgund von Orléans aus von König Gunthram regiert.

 

Bischof wurde man in Treue zum König, für Gregor war das Sigibert, und mehr oder weniger übernahm man in spätantiker Tradition ein gutes Stück Stadtherrschaft. Venantius nennt denn auch Freund Gregor unter anderem caput Turonis, plebis pater und ähnlich. (Heinzelmann, Gregor, S.36) Als der Sohn Chilperichs Tours einnimmt, unterstellt er laut Gregor den von ihm eingesetzten Grafen dem Bischof, dem er die Treue schwört. (H: V,48: in omnibus esse fidelem)

 

Gregor schreibt eine Geschichte von Königen und Bischöfen, anders von ihm zu Anfang des zweiten Buches ausgedrückt, von den Wundertaten der Heiligen und den Unfällen der Völker, oder: von dem glückseligen Leben der Heiligen und den unseligen Schicksalen der Gottlosen. Da diese Geschichte einen heilsgeschichtlichen Sinn hat, wird sie immer in diesem Dualismus verharren, der die Blickrichtung vorgibt.

 

Gregors Land ist das immer noch ein Stück weit römisch geprägte Gallien unter fränkischer Herrschaft. Seit mehreren Generationen beherrscht eine eingewanderte Schicht von Franken, von Kriegern und Bauern vor allem, einen immer größeren Teil dieses Galliens. Insbesondere in den Städten im Süden gibt es aber eine Kontinuität von Macht und Besitz der Gallorömer; zwei Kulturen bewegen sich aufeinander zu, um am Ende je nach Gegend ganz unterschiedlich zu verschmelzen.

 

In Gregors Text gibt es immer noch die Autorität eines (ost)römischen Kaisers, der einen Papst einsetzt (H.X,1: ipsum iussit institui). Es gibt mit Kaiser Tiberius eine positive (christliche) Herrschergestalt. Es gibt „Senatoren“ in Gallien, Tribunen und „tribunizische Gewalt“, den Patrizius. Überhaupt werden die Machtstrukturen mit römischen Titeln bezeichnet, auch wenn ihr Inhalt sich wandelt: Es gibt den Rex, den Dux, den Comes, nur die Leudes repräsentieren schon vom Wort her germanisches Gefolgschaftsdenken.

 

Ein dux, Anführer, Feldherr, Herrscher, kann dabei vieles sein. Er kann über mehrere Städte mit ihrem pagus herrschen (H:VIII,26), er kann eine Armee oder eine Teilarmee unter seinem König in den Krieg führen.

 

Das Gallien, welches Gregor betrachtet, ist weiterhin in civitates aufgeteilt, Städte mit ihrem Umland, und in ihnen wohnen cives, freie Römer und Germanen, sowie unfreie Menschen. Die civitates haben ein Doppelregiment aus Bischof und comes, letzterer vom König eingesetzt, ersterer von der königlichen Gewalt abhängig, obwohl Könige vor Ort auch mit den Bischöfen herrschen müssen.

 

Die Spitze der Oberschicht bilden weiter die "Senatoren", zu denen auch Gregor gehört. Besonders in den ersten Büchern seiner Historien taucht der Begriff immer wieder auf (z.B. H:II,33 / H:II,37 / H:III,15).

Genauso wird der "Patricius" zunächst in die fränkische Welt gerettet: Cum autem Gunthchramnus rex regnum partem, sicut fratris sui, obtenuisset, amoto Agroecola patricio, Celsum patriciatus honori donavit, virum procerum statu... (IV, 24). Als Gunthram also König wird, setzt er einen Patricius ab und ernennt einen anderen.

 

Einen solchen Patricius gibt es vor allem weiter für den Südosten mit seiner Sonderstellung, dort, wo es gilt, die Langobarden abzuwehren, d.h. für die zukünftige Provence. Und so heißt es: Eunius quoque cognomento Mummolus a rege Gunthchramno patriciatum promeruit, und: Mummolus, arcessitus a rege, patriciatus culmine meruit (H:IV,42) Das Patriziat ist dort also ein culmen, der Gipfelpunkt der Karriere unter dem König.

 

Erstaunlicherweise taucht bei Gregor sogar ein "Tribun" auf, Medardum tribunum (VII,23). Die räuberischen Söhne des Waddo fallen über einen solchen her: alium tribunitiae potestatis virum circumventum dolis interfecerunt (X,21)

 

Im wesentlichen bleibt die alte gallorömische Oberschicht der proceres erhalten, vor allem in den südlichen und westlichen Zweidritteln Galliens. Sie bleibt unter den Franken privilegiert, wie eine kleine fränkische Oberschicht auch, aber sie ist kein rechtlich fixierter "Adel".

 

Bischof Dalmatius von Rhodez stirbt. Nach seinem Begräbnis wird das Testament des Bischofs vor König und proceres verlesen. (testamento antestitis in praesentia Childeberthi regis ac procerum eius... H:V,46)

 

Ein Gunthram Boso hatte sich den Hass der Königin Brunichilde zugezogen, und deren Sohn König Childebert will sie nun rächen. Gunthram Boso coepit per episcopus ac proceres discurrere et veniam (Gunst) sero praecare, quam ante dispexerat. (IX,8)

 

Gregors Welt ist in gentes eingeteilt, was ursprünglich einen Verwandtschaftsverband meinte und dann den ideellen Verwandtenverband, das, was neuhochdeutsch als Stamm oder Volk bezeichnet wird. So gibt es bei ihm die Francorum gens (z.B. H: II,12), wie auch die Langobarden und andere eine bilden (H: VI,6) .

 

Zur Bestattung des ermordeten Bischofs Praetextatus heißt es: Magnus tunc omnes Rothomagensis cives (Bürger von Rouen) et praesertim seniores loci illius Francos meror obsedit (VIII,31). Besonders kamen die vornehmen Franken, die anderen sind damals wohl die Gallorömer, und im Norden in der zukünftigen Normandie bedeuteten herausragende Franken als die (ehemaligen) Eroberer wohl die deutlichste Ehrung für den Bischof, waren sie doch erst seit wenigen Generationen überhaupt Christen.

 

Die rechtlich klar voneinander abgegrenzten Bevölkerungsgruppen des Römerreiches verlieren allerdings mit einem Teil ihrer Funktionen und Rechte zunehmend ihre Konturen. Wenn wir zwischen 500 und 1000 von "Adel" sprechen, "noblesse", "nobility", so handelt es sich um eine je nach Gegend und Zeit recht verschiedene und nicht sehr klar definierbare Größe, keine undurchlässige "Klasse". Die Übertragung von Vorstellungen von "Adel" des 17./18. Jahrhunderts auf das sogenannte Mittelalter ist darum bis ins 12. Jahrhundert ganz und gar unzulässig.

 

Seit König Childerich war das Verhältnis der gallorömischen Bischöfe zur fränkischen Oberschicht eher gut. Sie wurden als neuer Ordnungsfaktor akzeptiert, nachdem der alte weggebrochen war. Das verstärkte sich noch, als Chlodwig mit seiner Gefolgschaft zum katholischen Glauben übertrat.

 

Der Propagandist des römisch-katholischen Franziens im Gegensatz zu den arianischen Goten schreibt schon für die Zeit Chlodwigs: Viele wünschten schon damals in Gallien von ganzem Herzen, die Franken zu Herren zu haben, (Multi iam tunc ex Galleis habere Francos dominos summo desiderio cupiebant. II,35) - was in dieser Klarheit wohl bezweifelt werden kann.

 

Für Gregor war aber der Unterschied primär kein ethnischer, sondern eben ein religiöser. Gleich im Anschluss daran erzählt er nämlich, dass der Bischof von Rodez von dem (pro)gotischen Bevölkerungsanteil vertrieben wird, weil er die frankisch-katholische Herrschaft anstrebe. In der Einleitung zum nächsten Kapitel kommt er wieder darauf zurück: Wenn es genehm ist, möchte ich kurz vergleichen (conferre), wie die Christen, die der heiligen Dreifaltigkeit vertrauten, gut vorankamen, und wie die Häretiker ins Verderben gerieten (fuerint in ruinam).

 

Mit seinem Wortgebrauch von gens wird andererseits aber bereits unbewusst die Grundlage gelegt für jene ideologischen Termini, die Reich, Volk und Verwandtschaft zur Deckung bringen wollen. Bei Gregor treten denn auch die „Franken“ begrifflich als eine einheitliche Gruppe auf, weswegen Chlodwig I. bei ihm einen so großen Raum einnimmt: Der macht aus den unterschiedlichen Volksgruppen durch Einverleibung und Herrschaft erst „die Franken“, und durch seine Bekehrung zum römischen Christentum tritt er dann die Nachfolge römischer Traditionen an, was ihm der (ost)römische Kaiser schließlich bestätigt, der ihn symbolisch in sein (römisches) Reich aufnimmt wie schon zuvor den Ostgoten Theoderich:

 

Er empfing von Kaiser Anastasius ein Schreiben, das ihn zum Konsul machte, und in der Basilika des seligen Martin legte er die Purpurtunika und Chlamys an, und setzte sich das Diadem aufs Haupt. (Igitur ab Anastasio imperatore codecillos de consolato accepit, et in basilica beati Martini tunica blattea indutus et clamide, inponens vertice diademam. Tunc ascenso equite, aurum argentumque in itinere illo, quod inter portam atrii et eclesiam civitatis est, praesentibus populis manu propria spargens, voluntate benignissima erogavit, et ab ea die tamquam consul aut augustus est vocitatus. H:II,38).

 

Der siegreiche und zum Konsul oder Augustus aufgewertete Chlodwig wirft also in Tours Gold- und Silberstücke unter das Volk wie ein römischer Kaiser. Ein neuer Begriff von Herrscher und Volk tritt damit auf, der der lateinischen Sprache und den römischen Traditionen geschuldet ist, und ganz vage versucht, Neues zu bezeichnen. Mit populus beginnt dabei bereits jene Begriffsverwirrung, die dadurch entsteht, das antike lateinische Begriffe in neue Verhältnisse eingebracht werden. Aber mit gentes hatten Römer schon vorher dazu beigetragen. Deshalb nun ein Exkurs zur Begriffsbestimmung, bzw. zur Darstellung von Begriffsverwirrung:

 

2. Die „Franken“, oder: Stamm, Volk und Nation

 

Unsere Kenntnisse von jenen Germanen, die später als "Franken" die Herrschaft in einem Westteil des Imperium Romanum antreten, sind dürftig, - wie bei jeder lange verschwundenen schriftlosen Kultur. Es gibt nur Texte, in denen Römer sich eine ihnen ferne und fremde Welt in ihre Begrifflichkeit anverwandelten. Daneben gibt es die Ergebnisse der Archäologie.

 

Die meisten Menschen waren wohl ursprünglich freie Bauern mitsamt von ihnen abhängigen Unfreien. Daneben gab es eine Welt von Kriegern, deren Verbindung mit der der Bauern unklar bleibt. Es gab keine Städte, die Leute lebten entweder auf Einzelgehöften oder in kleinen Weilern.

 

Parallel zur Militarisierung der römischen Zivilisation kam es zu einer solchen der germanischen Barbaren. Bevor sie sich in dauerhafteren Stämmen formierten, wurde ein Teil von ihnen zu militärischen Verbänden. Bei immer mehr von ihnen wird der erfolgversprechendste Beruf der des Kriegers.

 

Krieger kämpfen, verteidigen, erobern, verletzen, töten, rauben, machen Beute, vergewaltigen auch. Ihre Legitimation ist das Schlachtenglück, der Erfolg in der Gewalttätigkeit. So fängt das zweite Buch von Gregors Frankengeschichte an:

Eo tempore Genobaude, Marcomere et Sunnone ducibus Franci in Germaniam prorupere, ac pluribus mortalium limite inrupto caesis, fertiles maxime pagus depopulati, Agrippinensi etiam Coloniae metum incusserunt.

Die Franken brachen also unter diesen Führern im (römischen) Germanien ein, durchbrachen die Grenzen und töteten viele, entvölkerten (verwüsteten) die fruchtbaren Gegenden dort und erfüllten selbst die Einwohner von Köln mit Angst.

 

Das ist der Blick eines Bischofs aus gallorömischem "Adel" zurück auf die, die dann zu seiner Zeit, im 6. Jahrhundert, die „weltliche“ Macht innehaben. Aber diese überfallartige Landnahme war nur ein Aspekt.

Tatsächlich sickerten Volkshaufen und Einzelpersonen, aus denen später die Franken werden, durch die ganze Kaiserzeit im Imperium ein, siedelten sich zum Teil friedlich an und werden vor allem in das römische Heer integriert, dem es inzwischen an heimischen Soldaten fehlt.

 

Kurze Anmerkung: Tacitus, Arminius und die Deutschen

 

In den Annalen des Tacitus findet sich eine Textstelle über einen Arminius, die erst rund anderthalbtausend Jahre später richtig Wirkung zeigt:

Unstreitig war er der Befreier Germaniens (liberator haud dubie Germanicae), der das römische Volk (populus Romanus) nicht am Anfang seiner Geschichte..., sondern das in höchster Blüte stehende Reich herausgefordert hat, in den einzelnen Schlachten nicht immer erfolgreich, im Kriege unbesiegt. Er wurde 37 Jahre alt, zwölf Jahre hatte er die Macht (potestas) in Händen, und noch immer besingt man ihn bei den barbarischen Völkern (barbaras gentes). Die griechische Geschichtsschreibung, die nur die eigenen Taten bewundert, kennt ihn nicht, und bei den Römern spielt er nicht die ihm gebührende Rolle, denn die alten Sachen loben wir, die neuen finden wir nicht interessant. (Buch II, Absatz 88, mein Deutsch)

 

Zunächst das, was wir heute wissen: Tacitus schreibt diesen Text mehrere Generationen später und war selbst wohl nie in nichtrömischem Germanenland gewesen. Seine Quellen sind also aus zweiter und dritter Hand. Arminius war lateinisch sprechender römischer Bürger mit „cheruskischer“ Herkunft, der durch den Militärdienst in den römischen Adel aufstieg. Arminius ist kein germanischer Name und hat wohl auch nichts mit einem „Herrmann“ zu tun. Von den Cheruskern wissen wir vor allem, und zwar von römischen Autoren, dass sie ausgesprochene Römerfreunde waren und sich dadurch den Hass bzw. Neid anderer germanischer Gruppen zuzogen.

 

Die sogenannte Varusschlacht, im neunten Jahre "des Herrn", die von Römern eher als „Niederlage“ oder „Unglück“ bezeichnet wurde, war wohl keine Schlacht, sondern ein Hinterhalt mit folgender Metzelei. Wer an diesem Hinterhalt unter besagtem Arminius teilnahm, ist schwer herauszufinden. Der Begriff „Befreier Germaniens“ eröffnet Fragen. Was Tacitus als „Germanien“ bezeichnet, ist Propaganda: Wie vor ihm Caesar tut er implizit so, als ob der Rhein eine Volksgrenze zwischen Kelten und Germanen gewesen wäre, eine Art natürliche Grenze im doppelten Sinn – und zudem jetzt eine römisch-germanische. Er schafft klare sprachliche Verhältnisse, die in den Augen der Leser eine viel unklarere Wirklichkeit absichtsvoll verändern sollen.

 

Einige Absichten des Textes, der ausschließlich an vornehme römische Zeitgenossen gerichtet ist, werden gleich deutlich: Tacitus gibt schon für damals eigenartige Pauschaulurteile über drei große „Völkerschaften“ ab: Römer, Germanen und Griechen. Die Griechen sind so beschränkt und selbstbezogen, dass sie nicht einmal ein Reich wie die Römer zustande bekamen, sondern in dem der Römer aufgingen. Die Römer entkommen den Widrigkeiten der Gegenwart, indem sie in einer wunderbaren eigenen Vergangenheit schwelgen. Die Germanen hingegen machen es richtig, und dafür steht dieser Arminius. Wenn die Römer doch nur...

 

Die Rolle, die ihm gebühren würde, wäre die herausragender Bedrohlichkeit, die mit ihm für „alle Germanen“ gilt. Schließlich besingen sie ihn immer noch, diesen wunderbaren Bösewicht. Tacitus sollte gewusst haben, dass das ganz großer Unfug war, in diesem auch für ihn dunklen Germanien hatte dieser Arminius mehr Feinde als Freunde.

 

Kein Wunder, dass im 16. Jahrhundert unsere Tacitus-Stelle wieder zum Vorschein kommt. Da wird nämlich ein römischer Freiheitsbegriff (auch im Singular: libertas) den Germanen übergestülpt, wodurch sie auf pfiffige Weise im Sinne des Textes „romanisiert“ werden: Hätte er sich mit den den Germanen eigenen Vorstellungen hier abgegeben, hätte er damit keinen Römer hinter dem Ofen hervorgelockt, für den die Germanen nur als Bedrohung interessant werden konnten. Wirklich bedrohlich macht er sie, wenn er sie für die Vorstellung des Lesers ein wenig romanisiert, also für Römer ebenbürtig macht - und sie damit der Verachtung entzieht.

 

Die handfeste Bedrohung durch die Germanen lässt sich nämlich ganz anders in drei Wörtern zusammenfassen: Beute, Land und - möglichst römisch werden. Dieses "römisch werden" bedeutete aber für jeden etwas anderes, es war ein schwieriger Aneignungsprozess. Auf jeden Fall bedeutete es: In den römischen materiellen Wohlstand hinein gelangen.

 

"Römisch werden" war dem Arminius schon ein Stück weit gelungen, auch die Leute, die von ihren Anführern längst unter dem Begriff „Markomannen“ zusammengefasst worden waren, waren beispielsweise dahin auf dem Weg, und ihr „König“ beäugte diesen Arminius sehr misstrauisch als möglichen Konkurrenten bei einer Reichsbildung außerhalb des römischen Reiches.

 

Das römische Reich ist nicht an „den Germanen“ zerbrochen, weder an ihrer „Angriffslust“ noch ihrem „Freiheitswillen“. Ein Gutteil derer, die das Reich verteidigten, waren längst „Germanen“ als einfaches Militär und in Führungspositionen. Dies war der beste von Römern vorgegebene Weg dahin, Römer zu werden. Es war der Weg, den der Vater für seinen „Arminius“ wollte. Die Entstehung römischer Teilreiche wurde zunächst von Römern betrieben, die allerdings nicht aus Rom und meist auch nicht aus Italien stammten.

 

Es ist eine Art „Treppenwitz der Geschichte“, dass Germanen, als sie Römer werden wollten, dabei in die Situation hineinwuchsen, die einzigen zu sein, die das aufrechterhalten konnten, was dabei übrig blieb. So entstand und entsteht immer wieder Neues.

Übrigens: Einen Satz mit "unstreitig" oder "zweifellos" (haud dubie) zu versehen, zeigt an diesem Beispiel, warum Römer das Fach "Rhetorik" so sehr schätzten. Es ist ein Indikator für zweierlei völlig entgegengesetztes: Entweder erwartet der Autor, dass tatsächlich niemand Zweifel hat (ist selten!), oder aber, er erwartet wie hier das genaue Gegenteil und macht den Zweifler zu einem randständigen Idioten, der besser den Mund hält. Des Tacitus zweischneidige Loblieder auf die Germanen sind schließlich dazu da, Überzeugung erst herzustellen. Aber das nur nebenbei.

 

Der romantische Volksbegriff des 18./19. Jhs. passt weder auf den römischen populus noch auf das, was zunächst Kelten und danach auch Römer als Germanen bezeichneten.

 

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Bezeichnungen sind wichtig, denn sie geben dem Bezeichneten etwas, was ihm vorher gefehlt hat: eine Bedeutung, die man schriftlich fixieren kann, so dass sie einen Wert bekommt auf dem unruhigen Feld der Ansichten und Meinungen. Mit den Germanen ist das ganz schwierig, sie sind eine Erfindung der Kelten und Römer. Zwar wurde damals einmal erzählt, einer dieser merkwürdigen Volkshaufen und Sippschaften östlich des Rheins und nördlich der Donau hätte sich selbst so bezeichnet, und deshalb habe man alle so genannt, aber das lässt sich leider nicht verifizieren. Vielleicht haben in Nordgallien angesiedelte sogenannte Germanen, um sich einen Namen zu geben, der sie im schriftlich geregelten römischen Reich zu ordentlichen Partnern anhob, irgendwann angefangen, sich Franken zu nennen. Was das besagen soll, ist der Spekulation anheimgegeben, dass sie frank und frei seien, ist jedenfalls eine hübsche Deutung, die ihnen viel später selbst einfiel, als sie sehr an Wichtigkeit gewonnen hatten.

 

Im 5. Jahrhundert kam es zum Aufstieg einer mächtigen Familie in diesem Gallien, in dem längst alle möglichen Völkerschaften angesiedelt worden waren oder sich selbst angesiedelt hatten, und sie begriff sich selbst als „fränkisch“. Aus ihr ging ein „König“ in einer nordgallischen Region hervor, der eine Dynastie gründete, die sich daran machte, das römische Erbe wenigstens in einer Provinz aufrechtzuerhalten. Dieser König aus der Familie der Merowinger ließ sich in Tournai 481 sowohl mit einer Menge germanisch geopferter Pferde wie mit den Amtsinsignien eines oströmischen Heerführers begraben. Er war, wenn man so will, beides: Germane und Römer. Als Franke konnte er beides sein.

 

Die Erfindung eines Provinzreiches als Nachfolger des römischen Reiches brauchte in der Folge Begründungen, die über die bloße Waffengewalt hinausgingen. Die eine fand der Reichsgründer Chlodwig dann in der Zuwendung zum siegreichen Schlachtengott, zu dem, den auch der römische Bischof vertrat, zum römisch-katholischen nämlich. Auf seiner Seite war man nicht nur siegreich, sondern auch immer im Recht. Zum zweiten ließ er seine Familie erhöhen, indem er sie aus einer sagenhaften Vergangenheit herleitete. Auf den Kriegsgott Wotan ließ sie sich nun allerdings nicht mehr wie früher noch zurückführen.

 

Zum anderen musste das neue Herrenvolk der Franken von einem unbedeutenden kleinen Haufen aufsteigen zu einer Bedeutung, die weit über bloße Macht der Schwerter, Lanzen und Streitäxte, über Hinterlist und Brudermord hinausreichte. Die Gewalt, auf der Macht beruht, muss verschönt werden durch eine schöne Geschichte.

 

Wir können dabei an vielen Beispielen sehen, dass die Franken keine verlässliche "Erinnerung" an "ihre Herkunft" hatten. Sie hatten eben auch keine definitive gemeinsame Herkunft. Ein weiteres sagenhaftes Beispiel liefert Gregor:

Viele erzählen aber, die Franken seien aus Pannonien gekommen und hätten sich zunächst an den Ufern des Rheins niedergelassen, dann seien sie über den Rhein gegangen und nach Thoringien gezogen, dort hätten sie nach Gauen und Stadtbezirken gelockte Könige über sich gesetzt, aus ihrem ersten und sozusagen adligsten Geschlecht.

 

Dass man damals über die fränkische Vergangenheit so wenig wusste, lag nicht zuletzt daran, dass Franken, wie sie sich selbst im 6. Jahrhundert definierten, so vorher kaum existent waren. Irgendwann im 3. Jahrhundert beginnen Römer, fünf bis zehn verschiedene Völkerscharen unter dem Namen Franken zusammenzufassen und rechts des Niederrheins zu lokalisieren. Sie tauchen am Rhein auf, aber auch in Spanien und als "Piraten" zum Beispiel an der nordafrikanischen Küste. Bestimmte Germanen übernehmen den Begriff im römischen Militärdienst. In Pannonien fand man die Grabinschrift von einem: Francus ego cives, miles romanus in armis. In seinen Waffen war er römischer Soldat, von seiner Herkunft ein Franke, der zugleich auch römischer Bürger war. (Geary, S. 86)

 

Zum Zweck der Aufladung fränkischer Geschichte mit Bedeutung wurden die immer noch mächtigen Ruinen des römischen Xanten zum Ausgangspunkt einer Erzählung, die einmal eine römische war und ursprünglich eine griechische. In vollständiger Form wird diese Geschichte auf uns in einem Text überliefert, der kurz nach 700 geschrieben wurde: im 'Buch der Geschichte der Franken' (Liber Historiae Francorum).

 

Danach sind die Trojaner nach dem Untergang ihrer Stadt nicht unter Aeneas über Karthago nach Rom gezogen, um dort die römische Geschichte anzuwerfen, sondern über das südosteuropäische Pannonien bis an den Niederrhein. Dort haben sie in Xanten ihr Troja wieder aufgebaut und dann das gemacht, was sie laut Vergil sagenhafterweise in Italien gemacht haben sollen: ein Reich gegründet. In diesem Reich wurde dann nicht „trojanisch“ gesprochen, sondern eine Vielfalt von germanischen und romanischen Volkssprachen. Geschrieben wurde von den Klerikern und Mönchen, die noch schreiben konnten, lateinisch – was sonst. Und einige von ihnen haben diese Geschichte erfunden, die sich so auch im dritten Buch der Fredegarschronik findet:

 

Über die ältesten Frankenkönige schrieb der heilige Hieronymus, was schon vorher die Geschichte des Dichters Vergil berichtet: Ihr erster König sei Priamus gewesen; als Troja durch die List des Odysseus erobert wurde, seien sie von dort fortgezogen und hätten dann Friga als ihren König gehabt; sie hätten sich geteilt, und der erste Volksteil wäre nach Mazedonien gezogen, der andere hätte unter Friga - sie wurden als Frigier bezeichnet - Asien durchzogen und sich am Ufer der Donau und am Ozean niedergelassen; dann hätten sie sich nochmals geteilt, und die Hälfte von ihnen sei mit ihrem König Francio nach Europa gezogen. Sie durchwanderten Europa und besetzten mit ihren Frauen und Kindern das Ufer des Rheins; nicht weit vom Rhein versuchten sie eine Stadt zu erbauen, die sie nach Troja benannten. (Das ist Xanten, die Colonia Trajana). (In Geary, S.84)

 

In der Zeit Karls d.Gr. bezieht sich einer der begabtesten Hofautoren des Frankenherrschers, der Langobarde Paulus Diaconus, in seiner wohl indirekt von Karl in Auftragung gegebenen Geschichte des Bistums Metz, in dem ein heiliggesprochener karolingischer Stammvater Arnulf Bischof gewesen war, auf diese Fredegarschronik, indem er behauptet, einer der Söhne Arnulfs habe Anchises (Ansegisel) geheißen, was daran erinnern solle, dass Anchises über Aeneas die fränkische Geschichte in Bewegung gesetzt habe: Denn der Stamm der Franken hat, wie die Alten lehrten, seinen Ursprung in dem Trojaner-Geschlecht. (Hägemann, S.47)

 

Die Begrifflichkeiten, um die es hier geht (Stamm, Volk, Nation), entstammen in ihrer modernen Gestalt der romantischen Vorstellungskraft des 18. und insbesondere 19. Jahrhunderts. Da dies mit der jakobinischen "Revolution" sowohl eine Blütezeit des Nationalismus wie die Zeit der Erfindung der modernen Nationalstaaten wurde, verwob sich hier gelehrte Unkenntnis mit "politischen" Interessen.

 

Was daraufhin in der Geschichtsschreibung als "germanische Stämme" beschrieben wurde, waren keine ethnischen Einheiten, wie man annahm, mit eigener längerer Tradition und einem Fundus spezifischer Eigenheiten, sondern neue und zunächst recht fragile Gebilde, die in den kriegerischen Raubzügen und Eroberungen gegenüber dem römischen Reich entstanden sowie unter dem Druck aggressiver Nomaden- und Reitervölker aus dem Osten.

 

Die Bündnisse zwischen "Hunnen", "Goten", "Burgunden" und immer wieder West- und Ostrom zeigen, dass die kriegerischen Scharen in ihrem Auftreten Konföderationen unter kriegerischen Herrschern oder einfach Sammlungen von von diesen Unterworfenen waren. Das bekannteste Bündnis ist das, welches der Romane und kaum noch Römer Aetius 451 zustandebringt, als vor allem Römer (?), Gallier und Burgunder unter ihm die Hunnen des bis nach Orléans vorgedrungenen Attila auf den nicht mehr lokalisierbaren Katalaunischen Feldern schlagen.

 

Es gab in den römischen Reichen der Völkerwanderungszeit kein römisches Volk, sondern nur ein Volk von Rom, und das einigende Band war das einer spezifischen Zivilisation mit einer sehr in Bewegung und Auflösung geratenen Kultur - die im übrigen zwei dominante Sprachen hatte, das Lateinische und das Griechische, die das Reich ohnehin in zwei Kulturkreise teilten. Die Germanen wiederum hatten kein „völkisches“ Gemeinschaftsgefühl, „Volk“ waren einfach die Freien, die mehr oder weniger eng zusammenlebten.

 

Der Stammesbegriff andererseits verifiziert sich erst bei erfolgreicher Eroberung und Ansiedlung und bei gleichzeitiger Integration römischer Elemente. Die Vorstellung vom "Stamm" bezieht sich auf Abstammung, diese rechtfertigt sich aber erst, als regionale Abstammung und Sesshaftigkeit unter spezifischer Herrschaft fixiert werden.

 

Im Zuge der neuen Reichsbildungen vor allem auf dem Boden des ehemaligen römischen Reiches erübrigte sich der römische Volksbegriff und wurde ersetzt durch einen, der vage die unteren Ränge der Bevölkerung betraf. Auf einem langen Weg bis ins hohe Mittelalter verschmolzen jeweils die romanischen bzw. germanischen Minderheiten mit der jeweiligen Mehrheit und diese Differenz wurde ersetzt durch soziale Stratifikation: Dabei sank das "Volk" langsam herab, bis es zur Bezeichnung abhängiger ländlicher Bevölkerung im Herrschaftsraum wurde. Insofern war dann Volk etwas von regionaler Ausprägung und nicht einen Herrschaftsraum, ein Reich oder, im Sinne des 18./19. Jahrhunderts, eine "Nation" umfassend.

 

Die Vorstellung vom "Stamm" bezieht sich auf Abstammung, diese rechtfertigt sich aber erst, als regionale Abstammung und Sesshaftigkeit unter spezifischer Herrschaft fixiert wurden. "Nation" ist nichts anderes als eine latinisierende Version von "Stamm". Es bedeutet ursprünglich nichts anderes als gemeinsame Abstammung, weswegen die nordamerikanischen „Indianer“ ihre Stämme auf englisch denn auch nations nannten. Indem es nicht zu einer deutschen Reichsbildung entsprechend der hin zu einem England oder Frankreich kam, war die Entwicklung dort umgekehrt: Anstelle der starken einigenden Zentrale, die ihre (Hoch)Sprache durchsetzte, setzte sich unter "deutsch" eine Vorstellung durch, die sich über die vorherrschende Sprache definierte und an keine Herrschaftsgrenzen gebunden war.

 

So versuchten Römer, Germanen in die Begrifflichkeit ihrer Vorstellungswelt zu integrieren, und die übernahmen sie dann, ohne dabei in der römischen Vorstellungswelt aufzugehen.

 

Ein damit verbundenes anderes Beispiel ist es, wenn westliche Germanen ihre Vorstellungen des kuning oder cyning (mit seiner nicht ganz klaren sakralen Würde) mit der Heerführerschaft verbinden, die dann römisch dux (später Herzog) heißt, und dafür das Wort rex verwenden, den vorrepublikanischen und ziemlich sagenhaften König über die Römer. Als rex bezeichnen sich zunächst germanische magistri militum, Heermeister unter römischem Oberbefehl. Im Grab des ersten (?) Franken"königs" Childerich befand sich ein Siegelring mit der Aufschrift Childerici regis. Kurz darauf nennt sich der gallorömische Heermeister Syagrius, der von Soissons aus herrschte und sein Amt recht unrömisch von seinem Vater Aegidius geerbt hat, laut Gregor von Tours rex Romanorum, ein „durch und durch barbarischer Titel“, wie Geary (S. 88) schreibt. Er ist gallorömischer, nicht germanischer Abstammung, befehligt aber für die noch nicht fränkisch eroberte Gegend um Soissons eine Art Privatarmee, die sich im wesentlichen wohl aus "Barbaren" zusammensetzt.

 

Heutige Bedeutungen des Wortes "Volk" haben ihre Wurzeln in gelehrten Vorstellungen des nachmittelalterlichen Humanismus und sind für das Mittelalter und alle Zeiten vorher völlig unbrauchbar. Schon im frühen Mittelalter mit seinen Abstufungen in Klerus, Adel und Volk wird der Volksbegriff zu einem Element sozialer Schichtung genauso wie in England, wo folc immer engere Bedeutungen erhält und fast verschwindet, ersetzt durch das ursprünglich altfränzösische people. Ein deutsches Volk im modernen Sinne kennt darum das Mittelalter nicht. Ähnlich ergeht es dem französischen peuple und dem italienischen popolo, die damals nicht ethnisch, sondern sozial definiert sind.

 

Das Mittelalter kennt dann zunehmend bereits Fremdenverachtung sowie eigene Überheblichkeit, gewinnt aber erst in seiner späten Phase Ansätze von dem, was man später Nationalismus nennen wird. Ursprünge dafür sind langandauernde kollektive gegenseitige Feindseligkeit, wie die Jahrhunderte der Kriege zwischen "englischen" und "französischen" Potentaten, wo insbesondere in Phasen allgemeiner Kriegsmüdigkeit in der Bevölkerung Fremdenfeindlichkeit geschürt wird.

 

Zuvor gibt es das gorilla-artige sich auf die Brust Trommeln von Kriegervölkern. Der Autor der Lex Salica spricht in der Einleitung vom berühmten Volk der Franken, von Gott gegründet, mutig im Krieg und beständig im Frieden, zum katholischen Glauben übergetreten, schon in den barbarischen Anfängen dieses Glaubens frei von jeder Häresie.... Mit Gewalt hat dieses Volk das schwere Joch abgeworfen, welches von den Römern auferlegt wurde, es ist das Volk, welches die Taufe empfangen hat und die Körper der heiligen Märtyrer mit Gold und Geschmeide bedeckt hat, welche die Römer verbrannt oder geköpft haben oder haben von den wilden Tieren verschlingen lassen. Diese etwas schräge Reminiszenz an die Vergangenheit wird aber die Verschmelzung der Oberschichten nicht aufhalten können.

 

Das Gemeinschaftsbewusstsein der „Franken“ entsteht erst durch zwei Männer und ihren Anhang: Childerich und seinen Sohn Chlodwig.

Der Autor der Einleitung der Lex Salica, die letztere aus der Zeit des (ersten) Chlodwig stammt, spricht dort, wo sich Völkisches mit Religiösem mischt, vom

 berühmten Volk der Franken, von Gott gegründet, mutig im Krieg und beständig im Frieden, zum katholischen Glauben übergetreten, schon in den barbarischen Anfängen dieses Glaubens frei von jeder Häresie.... Mit Gewalt hat dieses Volk das schwere Joch abgeworfen, welches von den Römern auferlegt wurde, es ist das Volk, welches die Taufe empfangen hat und die Körper der heiligen Märtyrer mit Gold und Geschmeide bedeckt hat, welche die Römer verbrannt oder geköpft haben oder haben von den wilden Tieren verschlingen lassen.

 

Diese etwas schräge Reminiszenz an die Vergangenheit wird aber die Verschmelzung der Oberschichten nicht aufhalten können.

 

Beispiel Gelduba (Krefeld-Gellep)

 

http://www.archaeologie-krefeld.de/news/Tag_Denkmal/tagdenkmal.htm

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Gelduba

 

Anschaulich wird ein Weg der Beeinflussung von Germanen durch Römer in den Ausgrabungen von Gelduba (Krefeld-Gellep). In der Nähe bestand eine Siedlung der keltischen Ubier, die offensichtlich beim Bataveraufstand 68 zerstört wird. Kurz darauf wird ein Kastell aus Holz und Erde und außerhalb davon eine Siedlung für die römischen Hilfstruppen gebaut. Während der nächsten Jahrhunderte wird es in mehreren Versionen in Stein neu errichtet. Zwischendurch wird es mehrmals zerstört. 259 sind vermutlich zum ersten Mal „Franken“ die Zerstörer, welche Besatzung und Zivilbevölkerung töten.

 

Für die Frühzeit des Kastells ist eine keltisch-römische Mischkultur nachgewiesen: Römischer Kultus unter gallischem Einfluss. Im 3. Jahrhundert kam ein Großteil der Truppen wohl aus der näheren Umgebung: Gallorömer, Germanen, aber es gab auch Soldaten aus Dakien.

 

Außerhalb des Kastells entstand ein Vicus mit Markt, Läden, Gaststätten und Kneipen für die Soldaten und Wohnungen für die Angehörigen, zudem Bäder und Herbergen. Es gab ein Mithraeum, eine Ziegelei. Jenseits davon lagen Felder, Obstplantagen, Viehweiden und die Gräberfelder. Im Grunde konnten Germanen hier das Leben in einer kleinen städtischen Siedlung kennenlernen und einüben, so wie sie im Kastell militärische Disziplin kennenlernten.

Außerhalb gab es in der Spätzeit des Kastells auch germanische Gehöfte mit Wohnstallhäusern und Nebengebäuden.

 

Die Menschen von Gelduba lassen sich an den Bestattungsarten unterscheiden. Die Germanen, die zum "Ethnos" der Franken beitragen, neigten zeitweilig zur Scheiterhaufenbestattung, dann zur Brandbestattung in Urnen.

Es folgt Körperbestattung erst in Nord-Süd-Richtung, unter römisch-christlichem Einfluss in West-Ost-Richtung. Im Unterschied zu römischem Militär geben Germanen Waffen mit ins Grab, im Unterschied zu Heiden geben Christen zunächst wenig mit, und kehren erst später zu umfassenderen Grabbeigaben zurück.

 

Das römische Gallien besitzt eine regional unterschiedliche Mischkultur, im Kerngebiet des entstehenden Franken mischen sich römische, keltische und germanische Elemente. Es mischen sich aber auch entsprechende Kulte, zu denen das Christentum hinzukommt, ebenso wie in Gelduba und anderswo der Mithraskult.

 

Die ethnische Zusammensetzung ist noch vielfältiger. In Gelduba könnten zum Beispiel Sarmaten und Leute aus Pannonien, dem heutigen Ungarn, gelebt haben.

 

276 findet eine der nun häufigeren Zerstörungen des Kastells statt, und diesmal wird es gemäß "einheimisch-germanischer Tradition" wieder aufgebaut. "Zwar erinnern einige größere Speicherbauten an römische horrea, doch standen daneben Höfe mit Wohn-Stall-Häusern, kleinen Speichern und runden Vorratsgruben." (R.Pirling in: Franken, S. 81)

 

Im vierten Jahrhundert fehlen offenbar zunächst Germanen in Gelduba, und wenn, dann gibt es nur vollständig romanisierte. Nach der Mitte dieses Jahrhunderts tauchen sie dann wieder auf, und zwar belegt dadurch, dass sie ihren Gräbern ihre Waffen beigeben. Anfang des 5. Jahrhunderts zieht Rom Truppen zunächst aus Britannien und dann auch aus Gallien ab. Nun entsteht ein kleiner Ort, in dem ein Mitglied der fränkischen Oberschicht herrscht.

 

Der fränkische Rüsselbecher aus der Mitte des 5. Jahrhunderts aus Gelduba belegt ästhetische Raffinesse und technische Meisterschaft fränkischer Handwerkskunst.

 

 

Dieser sogenannte Spangenhelm eines Franken aus dem sechsten Jahrhundert, stammt aus einem "Fürstengrab" in Gelduba mit reichen sonstigen Grabbeigaben. Dieses Grab scheint das erste eines neuen Friedhofes zu sein, in dessen Nähe wohl eine neue fränkische Ansiedlung entstanden ist, die im Auftrag Chlodwigs das neu angegliederte linksrheinische Gebiet kontrollieren soll.

 

Durch den ganzen Norden Galliens werden nun spätantike fränkische Gräber gefunden, und zwar von Männern, Frauen und Kindern. Die ersteren sind vor allem an ihren mitgegebenen fränkischen Waffen, die zweiten an den mitgegebenen Accessoires ihrer Kleidung und ihrem Schmuck zu erkennen. Offenbar wurden vor allem zahlreiche Franken, aber auch viele Sachsen und Alemannen dort im römischen Militärdienst verwendet, oft unter fränkischstämmigen Vorgesetzten. Der erste Franken-König Childerich war der Dux der Belgica II gewesen! Diese Männer brachten ihre Familien mit und wurden auf Land, vor allem auf dem Boden einer Villa angesiedelt. Viele kehrten aber auch ins rechtsrheinische Germanien zurück, wo sie dann zum Beispiel ihre von der Militärzeit stammenden römischen Gürtelschnallen mit ins Grab bekamen.

 

Nach der frühen Zeit fränkischer Überfälle und Grenzdurchbrüche kommt es also zu einer friedlichen Durchdringung Nordgalliens (besonders der Germania II und der Belgica II) mit Franken. Nachdem der letzte weströmische Kaiser abgedankt hat, tritt für sie Childerich das Erbe Roms an. (Dieser ganze letzte Abschnitt nach H.W.Böhme in: Franken I, S.92ff)

 

3. Franken, zukünftige Erben Roms

 

358 wird ein erster fränkischer Heer- und Volkshaufen in Toxandrien (in etwa dem späteren Brabant) als Wehrbauern angesiedelt ("befriedet") und bald gemeinhin als "Salier" bezeichnet, wie Ammianus Marcellinus in aller Kürze erwähnt. Diese Region hatte offenbar in den letzten Jahrhunderten einen deutlichen Bevölkerungsverlust erlitten.

 

Schon vorher hatten die Kaiser Constantius und Sohn Constantin massenhaft Kriegsgefangene und eindringende Volksschwärme in Gallien als eine Art Wehrbauern angesiedelt. Das wohl hübscheste sprachliche Dokument ist eine Lobrede auf diesen Constantius Chlorus aus der Zeit um 300. Darin heißt es:

Wahrhaftig! Man möchte im Namen ganz Galliens frohlocken und … den Provinzen selbst den Triumph in den Mund legen: „Also jetzt pflügt für mich der Chamave und Friese, und jener Landstreicher (vagus), jener Räuber (praedator) dort quält sich mit der Bearbeitung des unwirtlichen Bodens, bevölkert meine Wochenmärkte mit Vieh zum Verkauf, und der barbarische Bauer (cultor barbarus) senkt die Getreidepreise. Und wenn er zur Aushebung gerufen wird, dann eilt er herbei, lässt sich drillen und fuchteln und freut sich noch, als Soldat zu dienen! (Kaiser II, S.72)

 

Um 400 kann der fränkisch-stämmige (römische) Heermeister und comes Arbogast, der von Trier aus herrscht, einen anderen fränkischen Haufen erst bremsen, dann darf der sich am Rhein als Verbündeter ansiedeln, wo es diesem wiederum nicht gelingt, den Ansturm der Vandalen, Alanen und Sueben um 406 aufzuhalten.

 

Mitte des 5. Jahrhunderts schafft es der Merowingerkönig Childerich im Bündnis mit gallorömischen Bischöfen aus senatorischem Adel, also den Stadtoberen, und im Bündnis mit römischen Feldherren wie dem Heermeister Aegidius eine Art fränkisches Oberkönigtum für den Nordwesten Galliens herzustellen.

 

Um 460 übernehmen Rheinfranken Köln und Umgebung. Der Heermeister Aegidius kann sie nicht mehr vertreiben. 453 werden sie durch den neuen Heermeister und burgundischen König in ihrem neuen Gebiet anerkannt. Sie kontrollieren nun als Verbündete die niederrheinische Germania II.

 

Indem sein Sohn Chlodwig dann den letzten römischen Heerführer Syagrius, Sohn des Aegidius, schlägt, einen rex Romanorum, der das Gebiet um Soissons beherrschte, beendet er die imperiale römische Geschichte in Gallien.

 

Es gelingt Chlodwig schließlich im Bündnis mit den Bischöfen, sein Reich bis zur Loire auszudehnen, bis wohin sich nun Franken ansiedeln, dann die Westgoten zu schlagen und bis Toulouse vorzurücken. Im Osten besiegt er die Alemannen, während die Burgunder sich zunächst behaupten können.

 

Wegen der rundherum durch Kastelle geschützten Lage und wegen des Standortes des Genoveva-Heiligtums, über welchem Chlodwig und nach seinem Tod seine Frau Chrodechilde eine Basilika erbauen, wird Paris Hauptstadt und bleibt es vom Prestige her auch bei Reichsteilungen bis zum Aufstieg der Karolinger.

 

Mit der Institutionalisierung einer Familie, der Merowinger, als Träger der Herrschaft, schwindet das alte germanische Heerkönigtum, das nun ein Anachronismus ist, den Gregor anhand einer Königserhebung Sigiberts noch einmal beschreibt: Es sammelte sich um ihn das ganze Heer der Franken, hob ihn auf den Schild und machte ihn sich zum König. (inpositumque super clypeum sibi regem statuunt).(H:IV,51) Das führt dann allerdings unmittelbar zu seiner Ermordung.

 

Die Entwicklung fasst Reinhold Kaiser mit Demandt so zusammen: „Das Römerreich löste sich ... auf, weil die Abwehr der äußeren Angriffe scheiterte und weil die Integration und Assimilation von kulturell eigenständigen Gruppen nicht gelang.“ (S.48)

 

Das Ganze lässt sich aber auch von Gallien aus betrachten. Noch einmal zurück: In der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts schwindet erst der römische Einfluss auf Britannien und dann auch auf Gallien. Die Heermeister dort sind zunehmend auf sich alleine gestellt. 476 verschwindet auch ihre Legitimation durch einen weströmischen Kaiser. An seine Stelle tritt der oströmische, aber der ist weit weg und muss sich gerade mit der ostgotischen Eroberung Italiens abfinden. Dass 476 ein Endpunkt ist, stellt sich erst nach einer Weile heraus, als es in Rom keinen kaiserlichen Nachfolger mehr gibt.

 

An der Ostgrenze Galliens sitzen in diesem Jahrhundert Friesen, Sachsen, Thüringer und Alemannen. Die Amorikaner machen sich in der Bretagne selbständig, den Süden beherrschen die Westgoten.

 

Die übrige Gallia ist aufgeteilt zwischen den Heermeistern Childerich (Belgica II) und Aegidius im Norden, einem „fränkischen“ Reich von Köln und wohl anderen fränkischen Klein“königen“, dem Moselland des frankorömischen Heermeisters und comes Arbogast und dem neuen Burgunderreich, ebenfalls mit dem Heermeisteramt betraut.

 

Ein Großteil der römischen Truppen besteht aus „Germanen“, insbesondere im Norden aus „Franken“. Ihre zum Teil „germanischen“ Führer haben mit ihrem Militär römische militärische Traditionen bis hin zu Kleidung und Ausrüstung übernommen. Außerdem untersteht ihnen eine römische Verwaltung. Die einheimischen Gallorömer sind gewohnt, die militärische Macht in solchen Händen zu sehen und arrangieren sich.

 

Childerich, ohne handfeste Ordnungsmacht über sich, muss sich ebenfalls arrangieren. Sein Befehlsbereich, das nach und nach eben zu seinem "Reich" wird, ist relativ stark von germanisch-stämmigen Menschen besiedelt. Diese sind wohl im wesentlichen noch „Heiden“, und ohne handfeste „römische“ Oberhoheit dürften sie zunächst auch weniger (gallo)römischen Anpassungsdruck verspüren. Aber sie sind inzwischen gewohnt, neben „Römern“ her zu leben.

 

Das Grab des Childerich in Tournai zeigt einen römischen Feldherrn germanischer Herkunft. Es liegt am Rand eines bestehenden Gräberfeldes, vermutlich unter einem Grabhügel. Am Fuße des Hügels befinden sich drei Pferdegräber mit insgesamt 21 Pferdeleichen, so wie auch im Fürstengrab selbst ein Pferdekopf gefunden wurde. Mitgegeben wurden dem Toten nach germanischer Sitte die Waffen, das Zaumzeug des Pferdes und 200 Silber- und 100 Goldmünzen. Eine goldene Zwiebelknopffibel weist ihn als römischen Amtsträger aus, Siegelring und goldener Armreif als König.

 

Der wesentliche Motor der Veränderung im 5. Jahrhundert sind dann die Alemannen, die nach Nord-Burgund und in Richtung Rheinfranken drängen. Sohn Chlodwig bleibt wohl gar nichts anderes übrig, als sie militärisch zurückzuschlagen. Als Erbe Roms in Gallien ist es für ihn zudem naheliegend, ganz Gallien unter seine Gewalt zu bekommen. So wird er ein "Wegbereiter Europas", wie ihn Franz Staab nennt (Franken,1, S.10ff).

 

Schließlich erbt er auch die imperialen Machtgelüste des antiken Rom: Mitte des 6. Jahrhunderts haben die Merowinger praktisch das gesamte alte Gallien und (römische) Germanien unter sich, dazu von fränkischen Duces kontrolliert Thüringen, Bayern und zeitweilig Norditalien.Dabei werden in die Gebiete Leute der merowingischen Oberschicht mit ihrem Kriegergefolge geschickt, ihren Leudes, die kleine Siedlungsinseln zur Kontrolle des eroberten Gebietes bilden. In der Germania I werden aus solchen Kernzellen dann "fränkische" Gebiete, d.h. die Einheimischen werden in wenigen Generationen umgewidmet - etwa so, wie es den Franzosen am Ende mit dem Elsass gelingen wird.

 

Ostrom bricht erst unter dem Ansturm der Osmanen tausend Jahre später zusammen. Eine Ursache dieser Dauerhaftigkeit betont Egon Flaig (in: Jussen, S.11ff): 382 siedelt Kaiser Theodosius die in der Schlacht von Adrianopel siegreichen Goten im Reichsgebiet an. Die gotischen Heerführer setzen durch, dass einer der Ihren oberster Heermeister wird. Um 400 marschieren sie in Konstantinopel ein, verärgern die Bevölkerung und richten nach Belieben Mitglieder der Regierung hin. Schließlich steht die Bevölkerung gegen die Fremden auf, massakriert wohl 7000 und verjagt den Rest aus der Stadt. Es gibt eine Verbundenheit zwischen Kaiser und hauptstädtischer Bevölkerung, die Hauptstadt ist immer noch Sitz des Kaisers. Die Leute dort heißen zwar griechisch Romaioi, aber im ehemaligen Byzanz sind die Römer wieder immer bewusster Griechen.

 

Die fränkischen Quellen der Zeit sind lateinisch, und das ist die Begrifflichkeit, die unsere Betrachtung bis heute einfärbt. Der rex steht dabei unter dem Caesar. Bis 800 ist damit der oströmische Caesar der weltliche Oberherr der Christenheit - bis ein fränkischer Kaiser ihn im Westen ablöst. Von diesem rex leitet sich das regnum ab, was sich notdürftig mit Königtum, Königreich, königliche Herrschaft und ähnlichem übersetzen ließe; man sieht, es gibt keinen adäquaten Begriff im Neuhochdeutschen dafür...

 

Wichtig ist zunächst, dass vor dem Hochmittelalter regnum keine unabhängig vom König gedachte Größe ist: Herrschaft entsteht mit dem Herrscher, mit seiner Person, und die Kontinuität ist weder territorial, noch ethnisch, sondern an seine Person und seine Familie gebunden. "Der Gedanke einer fingierten <juristischen Person> ist noch nicht geboren", schreibt Johannes Fried (in: Jussen, S.84)

 

Der Herrschaftsbereich geht so weit, wie ihn der König tatsächlich durchsetzen kann. Es gibt soweit keine Trennung in Vorstellung (verfasste Fiktion) und Wirklichkeit. Damit gibt es auch keinen "Staat", sondern nur Ansätze zu Institutionen, die Vorformen von Staatlichkeit werden können.

 

Um das etwas zu verstehen: Johannes Fried beschreibt (in: Jussen, S.74ff) den Unterschied zwischen romanisierten Franken und „dänischen“ Nordmannen am Beispiel von deren Einfall in Friesland, also "fränkischem" Einflussbereich, 810. Was Karl d.Gr. und seine Nachfolger suchen, ist der Kontakt zum feindlichen "König", in der Schlacht oder im Vertrag. Sie finden keinen. Für Franken ist längst Volk und Herrschaft eine Einheit geworden. Zu dieser Zeit ist das, was wir Frankenreich nennen, im Kern das Karolingerreich, Nachfolger des Merowingerreiches, und die Karolinger definieren, wer in diesem Sinne ein Franke ist.

 

Der Prozess der Veränderung, den die Franken durchlaufen haben, als sie zu Franken wurden, wird in der Konfrontation mit diesen Nordmannen deutlich. Fried schreibt: "Wie sollten die Franken den als Volk oder als Völkergruppe gesehenen, doch zu Hause wohl zu wenig stabilen Sippen, großräumigen Kultbünden, gewissen Rechtsgemeinschaften und Dinggenossenschaften, aber noch kaum zu stabilen politischen Verbänden vereinten, nur in der Fremde zu kleineren oder größeren, in ihrer Zusammensetzung wechselnden und zugleich hochbeweglichen Kampfgruppen zusammengeschlossenen Vikingern entgegentreten? Wie sich auf ihre Sozialverfassung, welche die Franken als Ganzes kaum wahrzunehmen vermögen und die doch einer der Gründe für die hohe Mobilität und militärische Schlagkraft der <<Normannen>> ist, einstellen?" (in: Jussen, S,76)

 

Das Problem, welches die Römer mit den Germanen hatten, haben nun in anderer Form die Franken mit ihnen. Sie haben Vorstellungen einer Einheit von Volk und König, die so den Germanen völlig fehlten. Wie schreibt Fried so schön: "<Völker> lassen sich bekanntlich nicht sinnlich wahrnehmen; ihr Dasein ist an ihre Idee gebunden." Und: "Die Wirklichkeit orientiert sich am Konstrukt." (in: Jussen, S.79/80)

 

Ein grundlegender Irrtum über das "Königtum" der Spätantike und des frühen Mittelalters (die kaum voneinander abgegrenzt werden können) beruht darauf, dass wir heute Königtum und Monarchie gleichsetzen. Dabei stammt für das zukünftige Deutschland das erste Dokument mit monarchischen Vorstellungen von 929, als der sächsische König Heinrich I. anlässlich eines Besuches seiner Familie in der Abtei Reichenau nicht nur sich selbst, sondern auch den ältesten Sohn aus der Ehe mit Gemahlin Mathilde mit Namen Otto als König bezeichnet, nicht aber die anderen Söhne: Es gibt bei mehreren Söhnen zum ersten Mal einen, den ältesten mit der aktuellen Ehefrau, der damit zum Thronfolger designiert wird, als monarchus, Alleinherrscher. Voraussetzung ist (serielle) Monogamie, also: nur eine Ehefrau auf einmal...

 

Blicken wir zurück: Das "Reich" des ersten Chlodwig wird nach seinem Tod zu gleichen Teilen unter den vier Söhnen aufgeteilt. Es bleibt ein fränkischer Herrschaftsraum mit vier Herrschaftsbereichen. Das wiederholt sich, wann immer ein Merowinger als Herrscher stirbt. Genauso machen es dann die Karolinger, bis hin zu der folgenschweren Teilung des Reichs Ludwigs des Frommen im 9. Jh. unter seinen Söhnen. Da treffen ein fehlendes rechtlich-institutionell fixiertes Territorium und die Tatsache aufeinander, dass Könige ihren Herrschaftsbereich mit Macht und Gewalt immer neu festlegen. Unsere Vorstellungen von stabiler Staatlichkeit fehlen völlig.

 

Genau diesen Sachverhalt bestätigt, dass Gregor von Tours überliefert, Chlodwig habe seine Alleinherrschaft massiv durch Ausrotten von Verwandten erreicht. Karl der Große wird Alleinherrscher erst nach dem Tod seiner Brüder.

 

Könige sind so in dieser Zeit nicht von vorneherein Monarchen, sondern das sind nur die wenigen, die tatsächlich alleine herrschen. In diesem Sinne ist damals der unbestrittene Papst oder Bischof ein "Monarch". Hundert Jahre nach Chlodwig ist Chlothar II. wieder Alleinherrscher. In der Vita des Columban wird berichtet, er habe die trium regnorum monarchia übernommen. Drei Mitglieder der Familie hatten die Herrschaft inne, jetzt herrscht er alleine.

 

Herrschaft beruht auf Macht, und die beruht auf Gewalt und Vertrag. Verträge sind nichtig ohne die Macht, die sie garantiert. Die frühmittelalterliche Macht zeigt sich durch Präsenz. Es gibt keine Hauptstadt, und es gibt nicht die königliche Residenz.

 

Könige sind bis ins Hochmittelalter unterwegs, sowohl um die Dinge vor Ort zu erledigen, als auch, um sich mit ihrem Gefolge in Waffen und mit der kleinen königlichen Verwaltung zu zeigen.

 

Das auf Eroberung basierende Großreich der Merowinger ist nicht als Zentralstaat zu halten, auch nicht dann, wenn es auf geteilte Herrschaftsbereiche einer Familie reduziert ist. Chlothars II. Sohn Dagobert vereint das Frankenreich in seiner Person, und dort, wo er für längere Zeit abwesend ist, machen sich die regionalen Großen daran, ihre Stellung auszubauen. In der Fredegars-Chronik heißt es zum Besuch des Königs in Burgund 628:

 

Seine Ankunft hatte die Bischöfe, die Großen, die im Reiche Burgund lebten, und die anderen Gefolgsleute in solche Furcht versetzt, dass sich jedermann wundern musste; die Armen aber, die nun zu ihrem Rechte kamen, hatte dies mit großer Freude erfüllt.

 

Tatsächlich musste sich niemand wundern. Indem die Macht der regionalen Großen durch machtvolle Präsenz reduziert wurde, wurde ihre Möglichkeit zu Übergriffen auf Mitkonkurrenten und die kleinen Leute beschnitten. Diese machtvolle Präsenz bedeutete Rechtsprechung, Konfliktentscheidung und auch das Bestrafen bis hin zum Töten derjenigen Granden, die sich partout nicht unterwerfen wollten. Kaum war der König aber weitergezogen, ließ sein Einfluss wieder nach.

 

Die feine Trennung im römischen Kaiserreich zwischen einer staatlichen Zivilisation, einer institutionalisierten Kultur und einer Alltagskultur darunter, die ohnehin im Zuge der Militarisierung des Reiches und der Christianisierung einem erheblichen Veränderungsprozess ausgesetzt werden, verschwimmt immer mehr im spätantiken und frühmittelalterlichen Gallien. Zugleich schwächt sich die germanische Alltagskultur ab, indem sie den von der Führungsschicht für überlegen gehaltenen römischen und christlichen Elementen ausgesetzt wird.

 

Die Einwanderung der Leute, die dadurch zu Franken werden, dass sie unter "fränkischer" Herrschaft geeint werden, "germanisiert" den Norden und den Osten. Dort bleiben aber für Jahrhunderte "römische" Inseln wie um Trier und im Randbereich der Merowinger-Herrschaft in Gegenden Bayerns, oder es bleibt ein römischer Einwohneranteil wie in Köln, wo er die Severinskirche bis um 500 fast alleine für christliche Bestattungen nutzt. Andererseits gab es im romanischen Teil "germanische" Inseln. Beide verschwinden im Lauf der Jahrhunderte. Reichsbildung zerstört im Laufe der Zeit die Kulturen von Minderheiten, und viele Germanen hatten damals ohnehin schon früh entschieden, dass für sie die römische Kultur in vielem die attraktivere sei.

 

Das Merowingerreich teilt sich dabei in kleinere germanische und größere romanische Sprachgebiete, die sprachliche Klammer ist das von der alten grundbesitzenden und der städtischen Oberschicht tradierte Latein, zudem die Sprache der Kirche, in die sich Chlodwig kurz vor 500 nach dem Vorbild Konstantins nach gewonnener Schlacht einreiht.

 

Was auffällt ist, dass keine "ethnischen" bzw. "sprachlichen" Probleme überliefert sind. Schritt für Schritt wird man überall Franke, gleich, welches Idiom man spricht oder wo man seine Herkunft herleitet. Andererseits führt fränkische Siedlung in romanischen Gebieten - so viel lässt sich durch die Archäologie heute nachvollziehen, offenbar zunächst eher zu einem Nebeneinander, wo sich ein Miteinander vermeiden lässt. Die wenigen von Römern und Franken in Lothringen gemeinsam benutzten Friedhöfe scheinen so belegt worden zu sein, dass eine Seite von der einen, die andere von der anderen Gruppe genutzt wurde. (V.Bierbrauer erwähnt als Beispiel Dieue-sur-Meuse, in: Franken I, S.113)

 

Andererseits führt die Aufteilung erst in vier, später in drei Teilreiche dazu, dass sich einmal die Tendenz zu einem östlichen (Auster/Austrasien) Teilreich mit dem Hauptort Reims/Metz und einem westlichen (Neustrien) mit dem Hauptort Paris festsetzt, verstärkt durch die Orientierung des jeweiligen Adels auf "seinen" Hof. Zum anderen erwacht im romanischen Burgund immer wieder mal die Erinnerung an vormalige Selbständigkeit. Und schließlich wird der nie sehr germanischen Einflüssen unterlegene Süden (Aquitanien, Provence) eine Tendenz zu eigenen Wegen bewahren.

 

Was bleibt von den (Gallo)Römern? Zunächst die Stadt, ein Novum für die Germanen, an das sie sich seit Jahrhunderten versucht haben zu adaptieren. Zudem die römische Aufteilung in civitates, die Reichsteilungen der Merowinger werden sich daran orientieren.

 

Die Kontinuität der Einheit von befestigter Stadt und Pagus mit Villa und Vicus wird ein bestimmendes Moment der Übergangszeit zwischen Antike und sogenanntem Mittelalter, einer Kontinuität, die keine klaren Abgrenzungen erlaubt. Einen Gegensatz zwischen Stadt und Land, was Bevölkerung und Machtverhältnisse angeht, wird es erst in der "Neuzeit" geben, als der sich entfaltende Kapitalismus für die Zeiten bis heute die Oberhand gewinnt und sich daran macht, das Land zu zerstören. (Heers, Moyen Age, Kap. 4 etc)

 

In den Städten, die als solche überleben, bleiben einzelne Techniken der Verwaltung und entsprechende Ämter. Die Machtverhältnisse änderten sich schon in der späten Kaiserzeit: An die Spitze der Städte rückten überwiegend aus dem gallorömischen senatorischen Adel stammende Bischöfe, deren Qualifikationen oft nicht unbedingt im pastoralen oder theologischen, sondern eher im administrativen Bereich lagen.

 

Auf dem Lande schwinden seit dem Zusammenbruch der pax romana die villae (rusticae), die Güter vornehmen römischen Großgrundbesitzes, deren Inhaber aus Gründen der Sicherheit in die Städte geflohen waren. In Zeiten größerer Sicherheit kehren viele zurück. Dort wo Gegenden inzwischen nicht entvölkert waren, dominiert weiter Großgrundbesitz. Der übt die unmittelbare Macht auf dem Lande aus. In den folgenden Jahrhunderten zieht ländliche Bevölkerung in Dörfer zusammen, ein neues Phänomen, welches das spätere Mittelalter und die Neuzeit bis in die industrielle Revolution hinein prägen wird. Die vielen und großen Fiskalgüter des Römischen Reiches werden vermutlich vom neuen Königtum übernommen, woraus die Könige ihren Reichtum beziehen und ihre Gefolgschaften beschenken werden.

 

Was auch bleibt, ist die Schriftkultur der wenigen, auf der Kirche, Verwaltung und Besteuerung beruhen. Das spätrömische Steuersystem wird ebenfalls weitgehend übernommen, und vermutlich von Gallorömern weiter betrieben. Genauso sieht es mit dem römischen Kanzleiwesen aus.

 

Das Rechtswesen zeigt im von Chlodwig erlassenen Pactus Legis Salicae, wie sich die neue Form der Herrschaft in ihren Vorstellungen zwischen germanischen und römischen Rechtsvorstellungen bewegt

 

Zunächst einmal wird hier germanisches Gewohnheitsrecht, welches jeder Kodifizierung widerstrebt, schriftlich fixiert. Germanische und römische Rechtsvorstellungen bestehen dabei nebeneinander.

 

In diesem "salischen" Recht stellt sich eine ländlich - bäuerliche Welt dar, was vermuten lässt, dass in den Städten noch längere Zeit römisches Recht praktiziert wird. Ganz germanisch sind die langen Straflisten für Unfreie und Strafgeldlisten für Freie. Mit dem Allgemeinverbindlich-Machen solcher Strafsätze soll dem wilden Ausüben von Fehde und Blutrache Einhalt geboten werden. Königsherrschaft beginnt so mit der Pazifizierung der wehrfähigen Bevölkerung, ein Prozess, der bis ins späte Mittelalter andauern wird. Befriedung wird aber immer Unterwerfung, Untertänig-Machen bedeuten.

 

Im Wergeld, den Geldstrafen für Tötungsdelikte, zeigt sich eine gewisse Schichtung: Der Tod eines Galloromanen kostet 100 Schillinge, der eines freien Franken 200, galloromanische Mitglieder des Hofes kosten 300, das unmittelbare (fränkische) Gefolge des Königs 600 Schillinge. Hoch bewertet werden freie Frauen im gebärfähigen Alter. Was fehlt, ist der rechtliche Sonderstatus eines "Adels".

 

Kontinuität - der Byzantiner Agathias schreibt um 580 über die Franken:

Die Franken sind ja keine Nomaden wie doch wohl einige von den Barbaren, sondern bedienen sich im allgemeinen der römischen Staatsordnung und Gesetzgebung und teilen im übrigen mit den Römern auch das Handels- und Eherecht sowie auch das Handels- und Eherecht sowie die Gottesverehrung. Sie sind alle Christen und zwar ganz rechtgläubige. Sie haben in ihren Städten Beamte und Priester, feiern die Feste so wie wir und scheinen mir für ein Barbarenvolk sehr gesittet und gebildet; nur ihre barbarische Tracht und Sprache unterscheiden sie von den Römern. (Kaiser II, S.99f. - sobald ich das griechische Original habe, werde ich wohl mehrere Begriffe anders übersetzen...)

 

Eines verschwindet von den Römern im Laufe der Zeit ganz und gar, nämlich der römische Name, dreiteilig wie Gaius Iulius Caesar, und entsprechend aussagekräftig. An seine Stelle tritt die einteilige germanische Namensgebung, die deskriptiv ist und von Sieg, Stolz, Tugenden und deren Versinnbildlichung in Tieren zum Beispiel handelt. Familienzugehörigkeit ist nur an zweierlei erkennbar, einmal an dem ständigen Wiederauftauchen immer derselben Namen durch die Generationen, und zum anderen durch die gelegentliche Wiederholung derselben ersten Silbe, wie bei Chlodwig und Chlothar.

 

Um herausragende Personen besser zu bezeichnen, bekommen sie einen Beinamen wie Jahrzehnte nach seinem Tod der Carolus seinen magnus, zu Lebzeiten schon heißt Karl das Kind (muss als Kleinkind die Herrschaft antreten), Ludwig ist der Stammler (hat einen Sprachfehler) und ein Karl ist der Kahle.

 

Ein frühes Beispiel, an dem man dann wieder die Entstehung eines Nachnamens als wahrhaftem Familiennamen betrachten kann, bietet in der ersten Häfte des 14. Jahrhunderts Francesco Petrarca. Sein Urgroßvater hieß Ser Garzo, dessen Sohn Ser Parenzo, Francescos Vater dann war der Ser Petracco bzw. Petrarca (Formen von Pietro). Der Erfinder der Sonette an Laura macht dann aus Francesco di Ser Petrarca einfach Francesco Petrarca. Der Nachname wird zum Markenzeichen für den, der mit Texten Ruhm suchte, gloria, und dessen Glorie eben ein möglichst unverwechselbares Etikett brauchte.

 

Das Neue des sich so neu markierenden Individuums ist das Umfeld des sich mit Macht entfaltenden Finanzkapitals, während der Familienname Kontinuität als Wiederaufnahme signalisiert, außerhalb der iberischen Halbinsel streng patrilinear. (Heers, La Naissance)

 

3. Das Volk bei Gregor

 

Die Welt des Gregor ist wie die der Goten in Spanien viel dünner besiedelt als heute. Neben den Stadtlandschaften der gallischen Romania gibt es Weiler, die sich an villae bilden, an Festungen, castrae, oder als vicus. Flüsse und Bäche sind nicht in Kanäle verwandelt, die meisten Sümpfe und Moore noch nicht trockengelegt. Im Osten, dort wo die Römer nie siedelten, ist das Land überwiegend von Wäldern bedeckt, die unterhalb der Gebirge Laubwälder mit einer viel größeren Vielfalt an Laubbäumen sind. Darin gab es Wölfe und Bären, Wisente, Auerochsen, Elche.

 

Der Wohlstand basierte im wesentlichen auf menschlicher Energie, und zwar der Körperkraft der Unfreien, Halbfreien und jener Freien, die genötigt waren, selbst Hand anzulegen. Es gab keine Elektrizität, kein Öl, kein Gas, wenigstens aber Holzkohle. Die Nächte waren noch dunkel, die Wohnstallhäuser der germanischen Völkerschaften wurden von einer offenen Feuerstelle geheizt, die Winter waren auch drinnen entsprechend kalt. Die ausgeklügelten Heizsysteme der wohlhabenden Römer verschwanden langsam.

 

Hauptnahrungsmittel war Getreide, soweit es die Ernten und der Geldbeutel hergaben. Fleisch gab es bei den meisten vor allem im Herbst und frühen Winter, wenn das Vieh geschlachtet wurde, damit man es nicht durchfüttern musste. Die Menschen kannten ausgeklügelte Konservierungsmethoden auch für Obst und Gemüse.

 

Periodisch gab es Hungersnöte wegen des Wetters und wegen Seuchen, die Pflanzen und das Vieh hinrafften. Manchmal kamen auch Heuschreckenschwärme.

Und viele buken aus Traubenkernen und Haselblüten Brot, manche auch aus getrockneten und zu Staub zermahlenen Wurzeln des Farnkrautes, denen sie etwas Mehl beimischten. Viele schnitten die grüne Saat ab und machten damit dasselbe. Es gab außerdem viele, die gar kein Mehl mehr hatten und darum Kräuter ausrissen und aßen. Von deren Genuss schwollen sie an und starben.... Damals nahmen die Kaufleute das Volk (populus) mächtig aus... Arme Leute (pauperes) begaben sich in die Knechtschaft (servitium), damit sie auch nur ein kleines bischen Nahrung erhielten. (H:VII, 45)

 

Die Straßen standen im Römerreich unter öffentlicher, "staatlicher" Aufsicht. Mit deren Verfall mussten Straßen und Brücken in Eigeninitiative von lokalen und regionalen Herren instandgesetzt und erhalten werden. Das römische Straßensystem verfiel entsprechend und das behinderte den Handel. Zudem war er sicherer auf Wasserstraßen, denn die Straßenräuberei nahm erheblich zu.

 

Es gab zwar weiterhin in geringerem Umfang Geldwirtschaft, aber kaum so etwas wie ein Kreditwesen. Unternehmer (Händler vor allem) investierten, was sie hatten.

 

Die ganze moderne Amüsierindustrie fehlte und mit ihr die sogenannten Massenmedien. Die Kirche war oft das einzige steinerne Gebäude und der Kirchgang ein Ereignis und ein Schauspiel. Ein Spektakel waren auch die feierlichen und oft ausgedehnten Prozessionen, bei denen Kreuze und Heiligenbilder mitgetragen wurden.

 

Anstelle von Lektüre wurde zunehmend erzählt, und die Unzahl biblischer Geschichten ergänzte diejenigen, in denen die Menschen ihren Alltag bewältigten. Mündliche Überlieferung prägte neben eigenem Erleben das Weltbild.

 

Unter fränkischer Herrschaft wird fortgesetzt, was es in der römischen Antike und bei den Germanen daneben schon gab: Eine grundsätzliche Unterscheidung in Freie und Unfreie, und eine formell nicht sehr klare Schichtung der Freien. Ich möchte sie folgendermaßen vornehmen: Unten gab es die Schicht derjenigen, die selbst arbeiten mussten, darüber diejenigen, die stattdessen andere für sich arbeiten lassen konnten, und ganz oben die ganz kleine Gruppe derjenigen, die sich selbst als nobilitas verstanden, was immer das im Einzelnen heißen mochte. Jedenfalls kann man wohl mit K.F.Werner davon ausgehen, dass es sich dabei um ein direktes römisches Erbe handelt.

 

Am unteren Ende standen die pauperes, die Armen, vom Abstieg in die Unfreiheit bedroht. Der Pauper war in der Regel Eigentümer und bearbeitete Land. Er war zum Kriegsdienst verpflichtet. In diese Schicht gehörten auch viele Handwerker und das Gros der Händler.

 

Weidemann setzt die Mittelschicht mit den cives des Gregor als städtische Oberschicht gleich. Das scheint mir bei ihm aber nicht eindeutig zu sein. Sie definiert sie darüber hinaus als Eigner oder Anteilseigner an villae, also als Grundherren mit abhängig und unfrei Arbeitenden. Nicht wenige unter ihnen sind Eigentümer von Kirchen und Gründer von Klöstern.

 

Dann gibt es für sie eine kleine Oberschicht, die ihren Status vererbt, steuerfrei gestellt ist und für die nur das Königsgericht zuständig ist. Weidemann bezeichnet sie deshalb als „Adel“. Einen klaren Adelsbegriff gibt es aber bei Gregor nicht, was historisch erklärlich ist, setzt sich diese Gruppe doch aus dem alten senatorischen Adel römischer Provenienz und den wirklich Großen unter den Franken zusammen.

 

Der siegreiche und vom Kaiser aufgewertete Chlodwig wirft in Tours Gold- und Silberstücke unter das Volk wie ein römischer Kaiser (siehe oben). Um herauszufinden, was hier mit Volk gemeint ist, wird man jene „besseren“ Leute (proceres, z.B. H:V,46) ausschließen können, die es nicht nötig haben bzw. für die es unwürdig wäre, sich nach dem Edelmetall zu bücken.

 

Aber populus ist längst ein schwieriger Begriff in an klaren Definitionen ärmer gewordener Übergangszeit. Wenn Vandalen und Alemannen von Gregor als populi bezeichnet werden, fällt das Wort mit gens zusammen (H: II,2). Bei einer Gelegenheit zumindest werden „die Franken“ und „das Volk“ bereits gleichgesetzt:

 

Die Franken hassten Parthenius sehr, denn er hatte ihnen in der Zeit des gerade erwähnten Königs Tribute/Steuern auferlegt, und sie begannen ihn anzugreifen. Er erkannte, dass er in Gefahr war und floh aus der Stadt, wobei er zwei Bischöfe bat, sie mögen ihn nach Trier geleiten und den Aufstand des wildgewordenen Volkes durch ihre Predigt unterdrücken. (Franci vero cum Parthenium in odio magno haberent, pro eo quod eis tributa antedicti regis tempore inflixisset, eum persequi coeperunt. Ille vero in periculum se positum cernens, confugium ab urbe facit ac duobus episcopis suppliciter exorat, ut eum ad urbem Treverecam deducentes, populi saevientes seditionem sua praedicatione conpraemerent. H:III,36)

 

Volk sind hier die, die den Steuereintreiber angreifen, also durch eine für Gregors Text relevante Tat auffallen. Sie ist relevant, weil es sich beim König um Chilperich handelt, jenen, den Gregor überwiegend zum schlechten König stilisieren möchte.

 

Steuern mochte im übrigen schon damals niemand gerne zahlen: Gregor berichtet über die Zeit des Bischofs Eufronius von Tours, seines Vorgängers:

Childeberth sandte auf Einladung des Bischofs Marowech nach Poitiers zur Steuerveranlagung als discriptores den Hausmeier der Königin Florentianus und den comes palatii Romulf, denn die Bevölkerung sollte die Steuer (censum), die sie zur Zeit des Vaters entrichtete, nach den neuen Verhältnissen entrichten. Viele von den Steuerpflichtigen waren nämlich gestorben, und die Abgaben (tributi pondus) hing an ihren Witwen, Waisen und Alten (debilibus).Es gelingt dem Bischof von Tours, von den Steuern ausgenommen zu werden, denn der König fürchtete die Macht des heiligen Martin. (H:IX,30)

 

Populus Toronorum (H:II,1) sind die Einwohner von Tours: Qua de re surrexit omnis populus Toronorum in ira, et totum crimen super episcopum referunt, volentes eum unanimiter lapidare. Aber hier wie bei manch anderer Stelle nähern sie sich schon dem (städtischen) Pöbel an, der auch Bischöfe steinigen möchte (der populus surgens, z.B. H:VI,25 ).

 

Gegen zwei böse Bischöfe dringt der clamor populi (H:V,20) bis zum König, den Buchner mit „Klagegeschrei des Volkes" übersetzt (Gregor I, S.327). An anderer Stelle wird „das Volk“ für seinen Bischof laut, nämlich für Gregor, als Chilperich ihn anklagen lässt: Nam foris domum rumor in populo magnus erat....(V,49). Rumor ist per se das, was Volk oder „Leute“ von sich geben. Der populus ist in beiden Fällen der einer Stadt (civitas/urbs), und er meldet sich zu Wort.

 

Populus als Volk bleibt aber Ausdruck einer unklaren Größe, er kann "alle" umfassen, die Leute einer Stadt oder nur die, die gerade auf der Straße sind. Er tritt auf als Opfer der Mächtigen oder aber als unordentlichen und manchmal auch wünschenswerten Widerstand leistend. Die Geschichte vom bösen Parthenius (s.o.) geht folgendermaßen weiter:

 

Und so näherten sich die Bischöfe der vorgenannten Stadt, und da sie den Aufstand des aufsässigen Volkes nicht bändigen konnten, wollten sie ihn in der Kirche verstecken. Sie setzten ihn in einen Kasten und streuten darüber Gewänder, welche in der Kirche in Gebrauch waren. Das Volk kam herein, durchsuchte alle Ecken der Kirche und ging wütend wieder, als sie nichts fanden. Dann sagte einer misstrauisch: „In dem Kasten, in welchem unser Feind nicht gesucht wurde.“ Und als die Wächter sagten, da sei nichts drin außer Einrichtung der Kirche, verlangten sie den Schlüssel und sagten: „Wenn du nicht schnell öffnest, werden wir ihn selbst aufbrechen.“ Schließlich war der Kasten geöffnet, die Leinentücher wurden entfernt, sie fanden ihn und zogen ihn heraus, wobei sie sich freuten und sagten:" Gott hat unseren Feind in unsere Hände gegeben.“ Dann schlugen sie ihn mit Fäusten, speiten ihn an, banden seine Hände auf den Rücken und steinigten ihn neben einer Säule zu Tode.

(Igitur accedentibus episcopis ad antedictam urbem, cum strepentes populi seditionem ferre non possint, eum in eclesia abdire voluerunt, scilicet ponentes eum in arca et desuper sternentes vestimenta, quae erant ad usum aeclesiae. Populus autem ingressus perscrutatusque universus eclesiae angulos, cum nihil repperissent, frendens egrediebatur. Tunc unus ex suspicione locutus, ait: 'En arcam, in qua non est inquisitus adversarius noster'. Dicentibus vero costodibus, nihil in ea aliud nisi ornamenta eclesiae contenere, illi clavem postolant, aientes: 'Nisi reseraveritis velocius, ipsi eam sponte confringemus'. Denique, reserata arca, amotis lintiaminibus, inventum extrahunt, plaudentes atque dicentes: 'Tradidit Deus inimicum nostrum in manibus nostris'. Tunc caedentes eum pugnis sputisque perurguentes, vinctis postergum manibus, ad colomnam lapidibus obruerunt. H:III,36)

 

Ähnlich ergeht es einem comes: Die Leute von Bourges mit ihrem Richter an der Spitze berauben Leudast, der sich mit seinen zusammengeraubten Schätzen zu ihnen geflüchtet hatte, und hätten ihn wohl auch umgebracht, wenn er nicht hätte fliehen können:

Leudastis vero in Biturigo pergens, omnes thesauros quos de spoliis pauperum detraxerat secum tulit. Nec multo post, inruentibus Biturigis cum iudice loci super eum, omne aurum argentumque vel quod secum detulerat abstulerunt, nihilque ei nisi quod super se habuit relinquentes;... (H:V,49)

 

Dass das "Volk" in der Regel arbeitete und brav feiertags in die Kirche ging, findet keine besondere Erwähnung, weswegen man sich nicht zu der Vorstellung verführen lassen sollte, es befände sich, wie bei Gregor, unentwegt in Aufruhr.

 

Schließlich noch eine besonders fromme Anekdote über „das Volk“ von Saragossa: Danach zog König Childebert nach Spanien. Als er mit Chlothar dort ankam, schlossen sie die Stadt Saragossa ein und belagerten sie. Aber jene wandten sich in solcher Demut an Gott, dass sie härene Gewänder anzogen, auf Speise und Trank verzichteten und auf den Mauern der Stadt Psalme singend gingen, wobei sie die Tunika des seligen Märtyrers Vinzenz mit sich führten; die Frauen folgten wehklagend in schwarzen Gewändern, mit offenem mit Asche bestreutem Haar, so dass man denken konnte, sie wären bei der Bestattung ihrer Ehemänner. Und die Stadt setzte ihre ganze Hoffnung so sehr in die Barmherzigkeit Gottes, dass man sagte, sie feierten das Fasten von Ninive, und sie hatten keine andere Vorstellung als die, dass die göttliche Barmherzigkeit durch Gebete gewonnen werden könne. Die Belagerer wussten nicht, was vor sich ging. Als sie sie auf der Mauer derart umhergehen sahen, dachten sie, sie seien in eine Art Hexerei verwickelt. Dann ergriffen sie einen Rustikus aus der Civitas und fragten ihn, was die da täten.Und er sagte: „Sie tragen die Tunika des seligen Vinzenz und zugleich bitten sie den Herrn, er möge Mitleid mit ihnen haben.“ Und da bekamen sie Angst und zogen fort von der Stadt.

(Post haec Childeberthus rex in Hispaniam abiit. Qua ingressus cum Chlothachario, Caesaragustanam civitatem cum exercitu vallant atque obsedent. At ille in tanta humilitate ad Deum conversi sunt, ut induti ciliciis, abstinentis a cibis et poculis, cum tonica beati Vincenti martiris muros civitatis psallendo circuirent; mulieres quoque amictae nigris palleis, dissoluta caesariae, superposito cinere, ut eas putares virorum funeribus deservire, plangendo sequebantur. Et ita totam spem locus ille ad Domini misericordiam rettulit, ut diceretur ibidem Ninivitarum ieiunium caelebrari, nec aestimaretur aliud posse fieri, nisi eorum praecibus divina misericordia flectiretur. Hii autem qui obsedebant, nescientes quid obsessi agerent, cum viderent sic murum circuire, putabant, eos aliquid agere malefitii. Tunc adpraehensum unum de civitate rusticum, ipse interrogant, quid hoc esset quod agerent. Qui ait: 'Tonicam beati vincenti deportant et cum ipsa, ut eis Dominus misereatur, exorant'. Quod illi timentes, se ab ea civitate removerunt. H:III,29 )

 

Diese Geschichte ist so natürlich höchst unwahrscheinlich, aber dafür, wie Buchner anmerkt, immerhin höchst „erbaulich“ (I, S.183) und offensichtlich zur Zeit des Autors vorstellbar. Es fällt auf, dass der Bischof an der Spitze seiner Stadtgemeinde fehlt, so als ob „das Volk“ eine selbständig handelnde Gemeinschaft wäre.

 

Land

 

Dabei ist von einem rusticus der civitas die Rede, einem Bauern aus dem pagus, dem Umland. Beim Populus treten sonst die Leute immer im Plural auf, in Massen, und als solche in kämpferische, kriegerische Aktionen verwickelt. Aber auch unser Rustikus hier hat nur die Aufgabe, das Geschehen zu erklären:

Tunc adpraehensum unum de civitate rusticum, ipse interrogant, quid hoc esset quod agerent. Qui ait: 'Tonicam beati vincenti deportant et cum ipsa, ut eis Dominus misereatur, exorant'. Quod illi timentes, se ab ea civitate removerunt.

 

Das Wort rusticus hatte schon in der klassischen Antike eine Doppelbedeutung und bezeichnete neben dem Bauern auch den Dummen und Ungebildeten, so wie bei Gregor, zum Beispiel, wenn er von seinem "rustikalen" Latein schreibt: Er habe seine Historien-Bücher stilo rusticiori geschrieben und später noch einmal... si in his omnibus ita fueris exercitatus, ut tibi stilus noster sit rusticus, nec sic quoque, deprecor, ut avellas quae scripsi, also: Sein bäurischer Stil (wie Buchner übersetzt) soll nicht dazu veranlassen, etwas an seinem Text in Zukunft zu verändern..

 

Dazu passt auch folgendes: Ein Munderich wollte auch König sein: Sequebatur autem eum rustica multitudo, die dumme Menge, die von seinen Reden verführt wird, ut plerumque fragilitati humanae convenit, dantes sacramentum fidelitatis et honorantes eum ut regem. (H:III,14) Die rustici müssen hier kein Landvolk, sondern können auch die leicht mobilisierbare ungebildete Stadtbevölkerung sein. Dass "bäuerlich" auch ungehobelt, roh, ungebildet meint, tumb, ist ein alter Topos aller städtischen Gesellschaften und ihrer gehobenen Schichten.

 

Als es unter Chilperich zu einer Seuche kommt (desentericus morbus), schreibt Gregor, rusticiores vero coralis hoc pusulas nominabant (V,34), die Ungebildeten hatten also ihre eigene Bezeichnung für die Krankheit. Es waren schließlich wie auch später vor allem die „kleinen Leute", die von den Seuchen betroffen wurden. Überhaupt scheint schon damals das innerstädtische Volk als populus eher eine aktivere Rolle zu spielen, während die Landbevölkerung bei Gregor hauptsächlich als Opfer der häufigen Kriegszüge auftritt - soweit sich das unterscheiden lässt.

 

Dabei besteht das merowingische Heer wohl überwiegend aus Fußtruppen, von dem die berittene Oberschicht nicht einmal in den Waffen sehr abweicht. Man stieg wohl also vom Pferd, wenn es zum Kampf kam und mischte sich mit Gregors multitudo rustica, die wohl die Masse des Heeres ausmachte. (Fleckenstein, S.33)

 

Die Bevölkerung im Pagus war auf den Schutz des Herren in der Villa angewiesen (Erat enim villa in pago Vabrense, (H:IX,12) und auf den bischöflichen und gräflichen Schutz. Der König war in der Regel weit weg. Die Bevölkerung des Vicus war für ihren Schutz auf die ummauerte Stadt bezogen. Zum Vicus wurde ein Weiler durch die Errichtung einer Kirche, einer Pfarrkirche, die bei Gregoir ecclesia heißt (Weidemann 2, S.97)

 

Villen konnten Königsgut sein, Kirche oder Kloster gehören, königlichen Amtsträgern oder anderen Grundherren (cives). Grundbesitz hatten aber auch kleinere Bauern.

 

Volk als Unterschicht

 

Gregor hat wie jeder Historiker das Problem, dass sich die wenigen „oben“, Könige und Bischöfe, in ihren Handlungen nachzeichnen lassen, während der Einzelne aus dem „Volk“ in der Masse untergeht. Er will aber auch in der Welt, die er zeichnet, die Bedeutung finden, die sie für ihn zusammenhält. Diese Welt besteht aus Einzelnen und Massen.

 

König Chilperich klagt Bischof Praetextatus an, gegen ihn das Volk aufgewiegelt zu haben, seduxisti paecunia plebem, und daraufhin will die Menge in die Kirche einbrechen und den Bischof steinigen: infremuit multitudo Francorum voluitque ostea basilicae rumpere, quasi ut extractum sacerdotem lapidibus urgueret; sed rex prohibuit fieri.(H:V,18)

 

Die Menge, der Plebs (und der Populus) fallen hier zusammen. Childebert sagt laut Gregor über die Kinder eines Bruders, die seiner Ansicht nach zu sehr in der Gunst von Chrodichilde standen: utrum incisa caesariae ut reliqua plebs habeantur (H:III,18). Entweder werden ihnen die herrscherlichen Locken abgeschnitten, um sie wie das übrige Volk zu behandeln, oder aber sie müssten getötet werden. Merowingische Königsfamilie und hoi polloi, alle anderen, werden so unterschieden.

 

Die klarere Begrifflichkeit der antiken Römer verunklart sich schon seit den inneren Unruhen, die in die Kaiserzeit führen. Während die Plebs ursprünglich den nichtadeligen Staatsbürger bezeichnete, wird sie zunehmend auch mit der Menge, dem Pöbel gleichgesetzt. Das wird im frühen Mittelalter teilweise, wenn auch nur für einige Zeit, wieder zurückgenommen. Im Pariser Edikt Chlothars II. von 614 wird dieser König als rex super omnem plebem bezeichnet. ...principis Chlothacharii regis super omnem plebem in conventu episcoporum in sinodo Parisius adunata...Andererseits ist die Plebs hier vereint, versammelt (adunata) als Konvent und Synode der Bischöfe.

 

Der Bruder schließt Godegisil in Vienne ein: Verum ubi minori populo alimenta dificere coeperunt, timens Godigiselus, ne ad se usque fames extenderetur, iussit expelli minoris populi ab urbe (H:II,33). Hier wird eine Schichtung im „Volk“ deutlich: Die kleinen Leute sind ganz offensichtlich die nicht waffenfähigen, die zur Verteidigung der Stadt nicht gebraucht werden und darum als "unnütze Esser" fortgeschickt werden können..

 

Weniger klar ist das in folgender Textstelle: Nocte autem quadam commutus exercitus, magnum murmor contra Egidium episcopum et ducibus regis minor populus elevavit ac vociferare coepit et publicae proclamare: 'Tollantur a faciae regis, qui regnum eius venundant, civitates illius dominatione alteri subdunt, populus ipsius principis alterius dicionibus tradunt'. Dum haec et his similia vociferando proferrent, facto mane, adpraehenso armorum apparato, ad tenturium regis properant, scilicet ut adpraehensis episcopum vel senioribus vi obpraemerent, verberibus adficerent, gladiis lacerarent. Quod conperto, sacerdus fugam iniit, ascensoque equitae, ad urbem propria tendit. Ad populus ille cum clamore sequebatur, proiciens post eum lapides evomensque convitia. Fuitque tunc ei haec causa praesidium, quod hi paratus equites non habebant. Attamen lassatis sociorum equis, solus pertendit episcopus, tanto timore perterritus, ut unam caligam (Schuh) de pede elapsam collegare non curaret. Et sic usque civitatem veniens, se infra murorum Rimensium septa conclusit. (H:VI,31)

 

Nach dem Krieg und Friedensschluss zwischen Childerich und Gunthram wird heftig weiter geplündert und verwüstet. Das „niedere Volk“ sind hier offensichtlich die unteren Schichten der Armee (Fußsoldaten?), die die Friedensbedingungen nicht akzeptieren und sich gegen die „Großen“ (seniores) und den mitanwesenden Bischof Egidius von Reims wenden, der sich so bedroht fühlt, dass er in sein Bistum flieht.

 

Um das gemeine Volk abfällig zu bezeichnen, benutzt Gregor das klassisch römische Wort vulgus. Dazu schreibt er die fromme Geschichte vom Klausner Eparchius, der schließlich in Angoulême ein Kloster gründet und sich für die Armen und die Befreiung von Gefangenen einsetzt. Ein Richter (iudex), der tief von ihm beeindruckt ist, verurteilt einen Verbrecher zum Tod am Galgen. Eparchius bittet um sein Leben: Sed insultante vulgo atque vociferante, quod, si hic dimitteretur, neque regioni neque iudici possit esse consultum, dimitti non potuit. Der Richter verspricht, falls Gott den Galgenstrick zerreißt, ihn freizugeben. Der Mönch veranlasst nun seinen Abt, solange für den Verurteilten zu beten, bis der Querbalken und die Ketten brachen und der Aufgeknüpfte zu Boden fiel. (Übersetzung Buchner, Gregor II, S. 23)

 

Der Richter rechtfertigt sich vor dem Mönch: ... insurgente vulgo, aliud facere non potui, timens super me seditionem moveri. (alles H: VI,8) Dem vulgus ist die ernstgenommene Nächstenliebe von Mönch und Abt fremd, die auch das Gebot der Gewaltlosigkeit wörtlich nimmt. Damit tut sich aber der Graben zwischen Religion und juristisch begründeter Rechtschaffenheit auf, der notgedrungen immer weiter werden wird: Beides geht beim besten Willen nicht zusammen. Gregors ecclesia als Gemeinschaft der Heiligen wird vom „Volk“ nicht angenommen werden.

 

Berufe

 

„Berufe“ werden selten erwähnt, einmal taucht ein Handwerker (artifex) auf, der mit dem Bau von Aquädukten beschäftigt ist, aber er taucht nur auf, weil er Belagerern hilft.

 

Die neuzeitliche Bedeutung des deutschen Wortes "Beruf" entsteht in der Reformationszeit, etwa in der Zeit, in der aus dem Französischen das Wort "Profession" entlehnt wird, und mit verwandter Bedeutung. (Beruf als Berufung, vocatio, und als Bekenntnis, professio, wird zu einer bezahlten Tätigkeit). Ein solches Verständnis fehlt dem frühen Mittelalter aber wohl zur Gänze.

 

Die böse Königin Fredegunde erfährt vom ex domesticus Leonardus, wie schlecht ihre Tochter Rigunthe behandelt worden war, und bestraft dann ihn und die unter ihm stehenden Köche und Bäcker, die letzteren nicht nur durch Entblößen, sondern auch durch Geißeln und Verstümmeln. Aber diese Leute gehören zum Haushalt der Königin (H:VII,15), es sind die Domestiken.

 

Mehrmals tauchen Kaufleute bzw. Händler auf (negutiatores). H:VIII,33 stehen domus negutiantum in Flammen, aber es geht darum, dass durch ein Wunder das Bethaus des Hl. Martin verschont bleibt. H:VIII,34 gibt es einen famulus negutiatoris, der Einsiedler wird.

 

Die Söhne eines Waddo verüben im Gebiet von Poitiers schwere Verbrechen: Nam inruentes ante hoc tempus super negutiatores, sub noctis obscuritate eos gladio trucidant abstuleruntque res eorum. (H:X,21)

 

Ein häufiger „Beruf“ bei Gregor ist der des Arztes, vielleicht auch, weil er vor allem im Umfeld der Großen, insbesondere der Könige auftaucht, während das Volk sich eher an die Kräuterweiber und Zauberinnen hält. König Gunthrams Frau Austrechilde stirbt 580 trotz ärztlicher Bemühungen und verlangt von ihm, nach ihrem Tod ihre Ärzte zu töten, was er auch tut. (H:V,35) Königin Fredegunde lässt Bischof Praetextatus in der Kirche (!) ermorden und bietet, um ihre Anstifterrolle zu verschleiern, dem Sterbenden ihre Ärzte an: Respondit mulier: 'Sunt aput nos peritissimi medici, qui hunc vulnere medere possint.' (H:VIII,31)

 

Noch ein anderer Medicus: Gunthram hat die Stadt Poitiers von Childerich zurückerobert. Marileif, qui primus medicorum in domo Chilperici regis habitus fuerat, wird von den Leuten danach heftig bedrängt. Er wird ganz und gar ausgeraubt und ipsum ditioni aeclesiasticae subdiderunt. Servitium enim patris eius tale fuerat, ut molinas aeclesiasticas studeret, fratresque ac consubrini vel reliqui parentes colinis dominicis adque pistrino subiecti erant. (H:VII,25 Sein Vater war schon servus gewesen, Müller der Kirche, und seine Verwandten waren als Köche und Bäcker ebenfalls servi. Und er, der nicht rechtlich, sondern nur de facto aufgestiegen war, fällt nun in den alten Status zurück.

 

Unfreiheit

 

Der Freie, der Freund und der/die Geliebte entstammen derselben Wurzel. Das Freien konnte so das Werben um eine (freie) Frau sein. Die germanische Freiheit wird dann im frühen Mittelalter zu etwas besonderem, schließlich einem Privileg. Die Domfreiheit ist im Mittelalter der privilegierte Raum einer Bischofskirche

 

Alle Freien haben auf Aufforderung des Königs Kriegsdienst zu leisten, was sowohl eine Pflicht wie auch ein Recht ist. Für Arme war das ruinös, und die Kirche war daran interessiert, dass die, die in ihren Diensten standen, diesem Dienst nicht entzogen wurden. Also wurde über Entschädigungen gestritten. (H: V,26/VII,42 z.B.)

 

Das zivilisierte römische Kaiserreich kannte neben freier Arbeit auch in großem Umfang die der Sklaven. Aber in der verrechtlichten römischen Staatlichkeit waren selbst Sklaven rechtlich eingebunden. Als Ergebnis der germanischen Landnahmen und Ausbildungen großflächlicher Herrschaften bleibt davon nicht viel übrig.

 

Unfrei wird man durch Kriegsgefangenschaft, als nicht ausgelöste Geisel, durch Armut usw.. Unfreiheit heißt dauerhafte Bindung an einen Herrn, der weithin über seinen Knecht oder seine Magd verfügen kann. Der Unterschied zur römischen Sklaverei liegt in der rechtlich größeren Unklarheit bzw. regionalen oder individuellen Besonderheit des Status.

 

Die beeindruckendste Geschichte dieser Zeit (um 500) über unfreie Landbevölkerung ist wohl Gregors Darstellung der zwei Liebenden und der Grausamkeit des Dux Rauching, ihres Herren.

Der servus (Diener/Knecht) des folgenden Berichts des merowingischen „Historikers“ Gregor von Tours, unübersehbar ein Geistlicher, der Mindestansprüche an die Behandlung von untergebenen Menschen aufstellt, ist eine Art Sklave, seine Liebste, eine ancilla (Magd/Dienstbotin), wohl eine Sklavin. In dieser Zeit und den nächsten Jahrhunderten wird der Unterschied zwischen abhängig werdenden Freien und Sklaven immer mehr verwischen. Es gibt also kaum klare Abgrenzungen und keine eindeutige allgemeine Begrifflichkeit.

 

Er habe unter seinem Gesinde (famulis) damals einen Mann und ein Mädchen gehab, die, wie es oft geschieht, sich ineinander verliebt hatten (mutuo se amore dilixisse). Solche Beziehungen bedurften aber der Genehmigung durch den Herrn. Und als sich ihre Liebesbeziehung schon zwei Jahre oder noch länger hingezogen hatte, verbanden sie sich (coniuncti) und flüchteten beide in eine Kirche. Als Rauching dies erfuhr, ging er zum dortigen Priester und verlangte, man sollte ihm seine Leute sofort wiedergeben, denn er habe ihnen ihre Schuld verziehen. Darauf sagte der Priester zu ihm: 'Du weißt, welche Achtung man der Kirche Gottes entgegenbringen muss. Du bekommst sie also nur zurück, wenn du dein Wort gibst, dass du ihre Verbindung bestehen lässt und zudem versprichst, sie nicht körperlich zu bestrafen'. Nachdem der länger nachdachte und schwieg, legte er, zum Priester gewandt die Hand zum Schwur auf den Altar, und sagte: Niemals werden sie von mir getrennt werden, sondern ich werde alles dafür tun, dass sie in ihrer Verbindung (coniunctio) bleiben (...) ' Der Priester glaubte dem Versprechen dieses verschlagenen (callidus) Mannes und gab die von Schuld befreiten Menschen zurück.Nachdem er das akzeptiert und sch bedankt hatte, begibt er sich (mit ihnen ) nach Hause. Und sogleich ließ er einen Baum fällen, die Äste abhacken, den Stamm am Ende mit einem Keil spalten und aushöhlen, darauf ließ er drei oder vier Fuß tief die Erde ausgraben und den Kasten in die Grube senken. Dann ließ er das Mädchen wie eine Tote (ut mortuam) hineinlegen und den Knaben obendrauf, schloss den Deckel, füllte die Grube mit Erde und begrub sie lebendig (sepelevitque eos vviventes). Ich habe meinen Eid, sagte er, nicht gebrochen, dass sie niemals mehr getrennt werden sollen. Als dies dem Priester gemeldet wurde, kam er eilig herbei. Er schimpfte den Herr aus und veranlasste ihn mit Mühe, dass sie wieder aufgedeckt wurden. Den Sklaven konnte man noch lebendig herausholen, das Mädchen fand er aber schon erstickt vor. (H:V,3).

 

Ein Unfreier durfte ohne Zustimmung seines Herrn nicht heiraten, insbesondere nicht jemanden, der bzw. die einem anderen Herrn hörig war. Sich aus der Gewalt des Herrn ins Kirchenasyl flüchten, war ein extremer Affront; überhaupt war Flucht strafbar. Im Unterschied zum Freien war kein Gericht für ihn zuständig, wenn also ein Unfreier ein Verbrechen beging, war rechtlich der Herr dafür verantwortlich und konnte sich an ihm schadlos halten.

 

König Chilperichs Tochter Rigunthe ist ins westgotische Spanien verlobt. Eine Gesandtschaft kommt sie abholen. Chilperich ist dabei, ihr in Paris reiche Mitgift mitzugeben. Dazu gehörten auch Menschen: familias multas de domibus fiscalibus auferre praecepit et in plaustris conponi; multus quoque flentes et nolentes abire in custodia retrudi iussit, ut eos facilius cum filia transmittere possit.

 

(Er) ließ jetzt auf den königlichen Gütern viele von den dienstbaren Leuten ausheben und auf Wagen fortschaffen; viele, die sich unter Tränen weigerten, ließ er in den Kerker stecken, damit er sie desto leichter mit seiner Tochter nach Spanien schicken könnte. Viele sollen in dieser bitteren Not durch den Strick ihrem Leben ein Ende gemacht haben, da sie von ihren Angehörigen getrennt zu werden fürchteten. Der Sohn wurde vom Vater, die Mutter von der Tochter gerissen, unter schrecklichen Wehklagen und Verwünschungen trennten sie sich; und es war ein solches Jammergeschrei in der Stadt Paris, dass es mit dem in Ägyptenland verglichen wurde. (Üb. Buchner, H:VI,45)

 

Unfreie konnten also nicht nur verkauft und vererbt werden, sondern auch verschenkt. Als Rigunthe mit ihrem Tross in Toulouse eintrifft, erfährt sie von der Ermordung ihres Vaters, aber andere erfahren es auch, plündern ihren Brautschatz und nehmen sie vorübergehend gefangen.

 

Auch die höhere Geistlichkeit und Klöster besaßen Unfreie und scheinen sie nicht wesentlich häufiger freigelassen zu haben als die Laienwelt. Freilassung machte im übrigen wenig Sinn ohne Ausstattung der Freigelassenen. Dadurch wiederum geriet der Freigelassene in das, was Weidemann schön römisch "Patronat" nennt (2, S.291f), ein Abhängigkeitsverhältnis.

 

Vom Auf- und Abstieg eines Unfreien erzählt nicht nur die Geschichte des Marileif, sondern auch die des Andarchius:

Hic igitur, ut adserunt, Filices (des Felix) senatoris servus fuit. Als persönlicher Diener seines Herrn ad studia litterarum cum eo positus, bene institutus emicuit. Er nimmt also an dessen Studien teil und wird recht gelehrt. Er steigt auf und gerät in das Umfeld König Sigiberts. In Clermont freundet er sich mit dem wohlhabenden civis Ursus an und begehrt dessen Tochter zur Frau. Der zahlt ihm lieber viel Geld, als sie ihm zu überlassen. In Abwesenheit des Ursus geht Andarchius in dessen Haus und kommandiert seine (unfreie) Dienerschaft herum. Sed cum servi domus minime rudi domino apparerent, alius fustibus, alius virgis caedit, nonnullus capita percutiens sanguinem elicuit. Turbata ergo familia (H:IV,46 Wenn die Sklaven im Haushalt dem unerfahrenen Herrn nicht gehorchten, schlug er sie mit Knüppeln, andere mit Ruten, traf einige am Kopf, wo sie bluteten.) Aus Rache zünden sie ihn mitsamt dem Haus an, als er seinen Rausch ausschläft.

Beide Unfreie sind Aufsteiger aus eigener Kraft, deren Rechtsstellung sich dabei allerdings nicht ändert. Gregor erzählt offenbar zwei Geschichten über Hochmut und folgenden Absturz, Geschichten aber auch über irregulären Aufstieg und Einmischung in die Geschäfte derer, die aus entsprechend gediegenen Familien kommen.

 

Über die unfreien Mädchen und Frauen wird von den Herren wohl gelegentlich auch sexuell verfügt: Gunthchramnus autem rex bonus primo Venerandam, cuiusdam suorum ancillam, pro concubina toro subiunxit; de qua Gundobadum filium suscepit. (H:IV,25)

 

Als attraktives, aber armes unfreies Mädchen gab es aber auch, sicher selten, damals noch erstaunliche Karrieren: Habebat tunc temporis Ingoberga (die Gemahlin König Chariberts) in servitium suum duas puellas pauperis cuiusdam filias (Töchter eines Armen), quorum prima vocabatur Marcovefa, relegiosa veste habens, alia vero Merofledis; in quarum amore rex valde detenebatur. Erant enim, ut diximus, artificis lanariae filiae (Töchter eines Wollarbeiters). Der König verlässt Ingoberga und heiratet Meroflede. Habuit et aliam puellam opilionis, id est pastoris ovium filiam, (Schäferstochter) nomen Theudogildem. (H:IV, 26) Beide sind ancillas (H:IV,27)

 

Stadt

 

Dux Lupus der Champagne sieht sich bedroht: Da jener aber sah, dass er in Gefahr war, (se in discrimine), brachte er seine Ehefrau in den Mauern der Stadt Laon in Sicherheit (tutatam infra urbis Lugduni Clavati murus) und floh selbst zum König Gunthram, coniugem suam, ad Guntchramnum regem confugit. (H:VI,4) Die Mauern der Stadt bieten Schutz.

 

Cives sind als Ausschnitt des populus die „Bürger“ einer civitas, nicht unbedingt einer Stadt, wodurch allein schon „Bürger“ nicht übereinstimmt mit dem Begriffsinhalt des Hochmittelalters. ....dicebat tamen civem se esse Burdegalensem. (H:IX,6) Vermutlich ist impliziert, dass es sich bei cives um Freie handelt.

 

Zwischen dem 4. und dem 7. Jahrhundert kommt es zu einem allgemeinen Niedergang der Städte. Zunächst hat das etwas mit dem Verfall städtischer Selbstverwaltung im sich immer weiter militarisierenden Imperium Romanum zu tun, dann aber natürlich auch mit den Überfällen, Raubzügen und Durchzügen vor allem germanischer Verbände. Der wichtigste Grund ist aber wohl der Verlust der Infrastruktur des Imperiums, der einen allgemeinen materiellen Niedergang einleitet.

 

Da die Städte weniger Menschen eine Lebensgrundlage geben können, verringert sich dort die Bevölkerung erheblich. Erhalten bleiben die spätantiken Stadtmauern, zunächst auch die Verkehrswege, und die kirchlichen Areale, Kathedralen, Pfarrkirchen, Friedhofskirchen, Klöster.

 

Paläste, Foren, Thermen, Amphitheater verfallen, da niemand sie mehr aufrechterhält, und sie werden zweckentfremdet genutzt. Neben den Ruinenlandschaften entstehen Garten-, Acker- und Weideflächen, Wingerte innerhalb der Mauern.

Unter den Franken wird die Steinbauweise wie auf dem Land immer mehr durch kurzlebige Holzbauten ersetzt. Langsam setzt sich bis auf den höheren Klerus Analphabetismus durch.

 

Die alte Kaiserresidenz Trier, Colonia Augusta Treverorum, bietet ein gutes Beispiel und ist zugleich ein Extremfall des Niedergangs, der hier noch durch den Abzug der Kaiser um 400 verstärkt wurde. Im 5. Jahrhundert wird die Stadt immer wieder von fränkischen Gruppen erobert. Erhalten bleiben Mauern, Stadttore wie die Porta Nigra und die Palastaula, die spätere "Basilika", auch das Amphitheater, während die Thermen verfallen. Im Modell lässt sich erfassen, was da verfällt:

 

Mit dem Verfall des Imperium Romanum verfällt auch, wie schon gesagt, eine klare lateinische Begrifflichkeit. Ein Musterbeispiel liefert die „Stadt“, ursprünglich als urbs, oppidum, civitas und municipium klar unterschieden. Am ehesten trifft dabei oppidum unseren späteren Stadt-Begriff, dort nämlich, wo es die ummauerte Stadt meint. Dann kann das Wort auch ein castrum bezeichnen, also ein Festung mit ihren Bewohnern wie das castrum Chinon zum Beispiel – im Unterschied zum vicus Chinon.

 

Eine Stadt ist Bischofssitz, besitzt wenigstens eine Stadtmauer, Wohnbebauung, Kirche(n).

 

Gregor betont die enge Verbindung von cives und episcopus. Mit Zustimmung der cives wird Brictius Bischof: Adeptum ergo consentientibus civibus pontificatus officium (H:II,1) Die Königin: Praetextatum vero episcopum egre suscoepit, quem cives Rhodomaginsis post excessum regis de exilio expetentes, cum grande laude civitati suae restituerunt. (H:VII,16) Bischof Magnulf sagt den civibus suis, sie sollten sich gegen Desiderius dux wappnen.(H:VII,27)

 

Unser Autor beklagt immer wieder die „Bürgerkriege“ (bellum civile) seines Jahrhunderts. Das sind sowohl die Bruderkriege unter den merowingischen Herrschern wie auch die zwischen cives einer Stadt. In Tours bezeichnet er so auch die altercatio zwischen zwei cives: Gravia tunc inter Toronicos cives bella civilia surrexerunt. (H:VII,47)

 

Die Beziehung zwischen comes und cives wird von Gregor eher vernachlässigt, stattdessen wird eher die gute Beziehung zwischen den „Bürgern“ und ihrem guten König herausgestellt, da dieser dem Bischof weniger in seinen Anteil am Stadtregiment hineinfunkt und im Falle König Gunthrams diesen laut Gregor sogar zu bestärken beabsichtigt: Digressus vero a Neverno ad Aurilianensem urbem (Orléans) venit, magnum se tunc civibus suis praebens. (er zeigt sich ihnen viel). Nam per domibus eorum invitatus abibat et prandia data libabat; multum ab his muneratus muneraque ipsis proflua benignitate largitus est. (H:VIII,1) Hier wird deutlicher noch als anderswo, dass Gregor geneigt ist, unter den anerkannten cives städtische Mittel- oder eher noch Oberschicht zu verstehen, wobei er sich den letzteren wohl am ehesten selbst zugehörig fühlen konnte.

 

Zur Bestattung unseres ermordeten Bischofs Praetextatus: Magnus tunc omnes Rothomagensis cives (Bürger von Rouen) et praesertim seniores loci illius Francos meror obsedit (VIII,31). Besonders kamen die vornehmen Franken, die anderen sind damals wohl die Gallorömer und im Norden in der zukünftigen Normandie bedeuteten herausragende Franken als die (ehemaligen) Eroberer wohl die deutlichste Ehrung für den Bischof, waren sie doch erst seit wenigen Generationen überhaupt Christen.

 

Die Träger der Civitas waren Grundbesitzer gewesen, Kurialen, Mitglieder der curia. Neben der Selbstverwaltung waren sie für das Steueraufkommen verantwortlich. Mit den steigenden Lasten auch dank zunehmender Militarisierung des Imperiums versuchen sie sich diesen Aufgaben zu entziehen. Die kleineren Landbewohner wiederum stellten sich unter den Schutz der größeren, um der Belastung zu entkommen, und werden von ihnen abhängig. Damit diese colones nicht ganz der kaiserlichen Kontrolle entkommen, werden sie an die Scholle gebunden. Die Civitates werden nun den comites unterstellt, und als dann die Franken die Macht übernehmen, werden die zu einer Art königlicher Amtsträger. (Becher, Chlodwig, S.240f)

 

In der Übergangszeit dazwischen hatten (seit Konstantin I.) die Bischöfe immer mehr Funktionen eines Stadtherrn übernommen, mit den Merowingern müssen sie nun die Macht jeweils mit einem Comes teilen. Das führt zu Konflikten (H: IV,39)

 

Was also erfahren wir von den Leuten damals, soweit sie nicht Bischöfe oder Könige, Heilige oder spezielle Unholde sind? Wenig, da sie kaum einmal alleine auftreten. Das "Volk" agiert nicht, es reagiert höchstens, und schaut vermutlich, wie es mit seinem Leben in schwierigen Zeiten zurande kommt. Zudem darf man nicht vergessen, dass der Lebensraum des Bischofs Gregor, sein wesentliches Aktionsareal, die Stadt ist, soweit sie erhalten geblieben ist. Darum erfahren wir vergleichsweise wenig über den Lebensraum der meisten, das kultivierte Land nämlich. Als Erbe römischer und christlicher Zivilisation, als gebildeter, belesener Mensch gehört der Stadt auch sein Interesse, der dumme Bauer ist nicht seine Sache. Das, was er beschreibt, findet also in den überwiegend sehr klein gewordenen Städten statt. Leben auf dem Lande wird für uns erst im Spätmittelalter wieder lebendig werden, von den Andeutungen auf romanischer Plastik und Buchmalereien einmal abgesehen.

 

4. Christentum fränkisch

 

Das Christentum breitet sich, nachdem es Palästina und damit das jüdische Kern-Gebiet verlässt, in zwei Richtungen aus, einmal in den griechisch-orientalischen Raum, das Erbe Alexanders, und einmal nach Westen, in den lateinischen Raum. Im Osten entwickelt sich ein eher asketischer Strang, im Westen spätestens im 4./5. Jh. ein eher weltoffener.

 

Als das weströmische Reich in von germanischen Gruppen dominierte Teilreiche, die sich nun als Stämme bzw. Völker verstehen, zerfällt, ist der städtische Wohlstand in Gallien zunächst römischer (gallorömischer etc.) Abstammung. Dort gibt es neben den Christen in den Städten aber immer noch altrömische polytheistische „Heiden“. Das Land ist, soweit sichtbar, sowieso wenig christianisiert.

 

Daneben entsteht eine fränkische Oberschicht, die nach Süden und Westen immer dünner wird. Der Vorgang der Verschmelzung beider Gruppen wird dann enorm befördert durch die „Bekehrung“ Chlodwigs kurz vor 500.

 

Chlodwigs Bekehrung und Taufe stilisiert Gregor zu einem Vorgang, der symbolhaft dem des Kaisers Konstantin gleichen soll, mit welchem erst die massenhafte Christianisierung der Römer begonnen hatte:

 

Er ging, ein neuer Konstantin, zum Taufbad hin, um sich rein zu waschen von dem alten Aussatz, und sich von den schmutzigen Flecken, die er sich zugefügt hatte, im frischen Wasser zu reinigen. (Procedit novus Constantinus ad lavacrum, deleturus leprae veteris morbum sordentesque maculas gestas antiquitus recenti latice deleturus (H:II,31)

 

Gregor als Erbe des gallorömischen Christentums beschreibt die frühe Christianisierung dieser fränkischen Krieger- und Herrenschicht als eine Adaption der Religion an germanische Kriegerideale. Bischof Avitus gratuliert in gedrechselter Rhetorik dem König zu seiner Taufe und fügt hinzu:

Er stellt sich vor, wie das unter dem Kriegshelm gepflegte Haar sich nun mit geweihter Ölung behelmte – wie der Panzer (tegmen loricarum) einmal abgelegt wurde und die makellosen Glieder im makellosen Weiß der Taufkleider glänzten. Möge diese weiche Gewandung … möge sie bewirken, dass euch die starren Waffen (rigor armorum) fortan nur um so kräftiger helfen: und was bisher das Glück geschenkt hat, die Heiligkeit (sanctitas) wird es nun vermehren. (Kaiser II, S.87ff)

 

Man sieht den gebildeten Bischof der römischen Oberschicht förmlich vor sich, wie er den Kriegsherr mit dem an sich so friedfertigen Christentum versöhnen möchte: Aus dem rauen Barbaren wird römische Körperlichkeit plus fränkischem crinis, dem langen Merowingerhaar, und wenigstens für einen Moment wird er zum unbewaffneten und ungepanzerten Menschen.

 

Es wird deutlich, wie weit der Weg einer Christianisierung bis zu den Zuständen des Hochmittelalters sein wird, und es wird erahnbar, dass zwischen der Theologie und der Laienwelt jener Graben bestehen bleiben wird, der zu einem der Keime der Pervertierung christlicher in "kapitalistische" Wertvorstellungen werden wird.

 

Laut Gregor verhalf der neue Gott Chlodwig kurz vor 500 zum Sieg in der Schlacht gegen die Alemannen. In dem längst sehr dualistisch ausgeformten Gegensatz zwischen dem Kriegsgott, der Schlachten gewinnen lässt und zu Macht verhilft einerseits, und dem Gegenspieler, dem Fürsten der Finsternis (Et quia princeps tenebrarum mille habet artes nocendi... H:VIII,34) andererseits, wurde den Franken die Wahl leicht gemacht. Dabei ist unklar, wie viele von ihnen noch ihren germanischen Göttern anhingen, wie viele römischem Polytheismus und welche eventuell inzwischen Arianer geworden waren.

 

Als die beiden Heere zusammenstießen, kam es zu einem gewaltigen Blutbad, und Chlodwigs Heer war nahe daran, völlig vernichtet zu werden. Als er das sah, erhob er seine Augen zum Himmel … und er sprach: Jesus Christus … Hilfe, sagt man, gibst du den Bedrängten, Sieg denen, die auf dich hoffen - .gewährst du mir jetzt den Sieg über meinen Feinde und erfahre ich so jene Macht, die das Volk, das deinem Namen sich weiht, an dir erprobt zu haben rühmt, so will ich an dich glauben... Denn ich habe meine Götter angerufen, aber ich erkenne, sie sind weit entfernt davon, mir zu helfen... Dich nun rufe ich an, und ich verlange danach, an dich zu glauben. Nur entreiße mich aus der Hand meiner Widersacher.“ (H:II,30)

 

Das klingt nach einer Erfindung von Gregor, aber es mag sein, dass der gewitzte Chlodwig mit dieser Geschichte sein eigenes Heer überzeugte, das mit ihm zum Christentum übertreten sollte und übertrat. Weit jenseits der Verarbeitung der Konstantinslegende in eine Chlodwigslegende mögen Chlodwig handfestere Gründe zum Übertritt zur katholischen Religion veranlasst haben: Er nimmt damit den "Glauben" der großen lateinischen Bevölkerungsmehrheit in seinem Reich an, er bekommt dafür die Anerkennung durch den Kaiser, - und er bekommt ein effizientes Herrschaftsinstrument in die Hand. Kurz vor seinem Tod, 511, zitiert er 32 Bischöfe zu einem Konzil, und er bestimmt offenbar wie ein Konstantin die Tagesordnung und die Ergebnisse.

 

Schon als er um 482 die Herrschaft von seinem Vater erbte, hatte der einflussreiche (und heilige) Bischof Remigius von Reims (St.Rémy) ihm geschrieben:

Bischof Remigius an den hervorragenden Herrn und durch seine Verdienste glänzenden König Chlodwig. Es ist zu uns die laute Kunde gelangt, dass du die Verwaltung der Belgica Secunda übernommen hast. Es ist nicht überraschend, dass du so zu sein beginnst, wie deine Vorfahren immer gewesen sind. Mögest du insbesondere erwirken, dass Gottes Urteil sich nicht von dir wegwendet...

Du sollst deine Bischöfe hoch achten und auf ihren Rat immer Rücksicht nehmen; sobald du mit ihnen übereinstimmst, wird es deinem Land wohlergehen. Fördere dein Volk, richte die Unterdrückten auf, sorge für Witwen und Waisen... Dein Palast stehe allen offen, keiner soll ihn traurig verlassen. Mit Hilfe des vom Vater ererbten Vermögen befreie Gefangene und Sklaven... (Epistolae Austrasiacae 2, Üb. Kaiser II, S.84)

 

Schließlich mag auch der Einfluss der 502 verstorbenen ("heiligen") Genovefa eine Rolle gespielt haben, die so etwas wie eine Vorsteherin einer Art Stadtrat in Paris war und möglicherweise Chrodechilde angeregt hat, missionarisch auf ihren Mann einzuwirken. Auf jeden Fall gibt es die Entscheidung von Chlodwig für Paris als Hauptort seines Reiches, und für die Apostelkirche dort (später Sainte Geneviève) als Begräbniskirche.

 

Diese ebenso fromme wie "politische" Genovefa, von der wir zeittypisch so wenige gesicherte Erkenntnisse haben, nutzte bereits um 475 das Grab des bei den Christenverfolgungen des Kaisers Decius umgebrachten Missionsbischofs Dionysius zum Bau einer Basilika (französisch: Saint-Denis), die schnell ebenfalls Grablege der fränkischen Oberschicht wird. Hier wird man Königin Arnegundes Überreste, der um 585 gestorbenen Frau Chlothars I., finden. Später wird Saint-Denis zu einer Art Nationalheiligtum der französischen Könige.

 

Chlodwig wird übrigens auf den Brief des Bischofs Avitus reagieren und davon berichten, dass er, zumindest was die Kirche angeht, sie von den Grausamkeiten des Krieges (gegen die Westgoten) befreit habe:

Als erstes haben wir bezüglich des geistlichen Amtes aller Kirchen befohlen, dass keiner die Gott geweihten Frauen rauben möge, noch die Witwen, die erwiesenermaßen dem Dienst des Herrn geweiht sind ; das soll auch gelten für die Kleriker und die Söhne der oben genannten, sowohl der Kleriker als auch der Witwen, die bekanntermaßen mit ihnen in einem Haus wohnen; ebenso auch für die Sklaven der Kirchen, für die die Bischöfe beeiden, dass sie den Kirchen entzogen wurden. Zudem sollen diejenigen kriegsgefangenen Laien befreit werden, für die Bischöfe dies fordern. (Kaiser II, S.90)

 

Unversehens gibt es hier auch einen kleinen Einblick in das, was während Kriegszügen überlicherweise so geschieht. Die Bischöfe dürfen dem König übrigens durchaus bei seiner Herrschaft beistehen, aber natürlich müssen sie auf ihn hören, eher als umgekehrt. Im Text des Konzils von Orléans 511 schreiben die Bischöfe, Chlodwig habe ihnen "befohlen" (iussistis), zum Konzil zu kommen. Er habe Dinge gefordert (secundum voluntates vestrae) und praktisch die Tagesordnung bestimmt (titulos, quos dedistis).

 

Nach und nach werden dann auch die germanischen Begräbnissitten christianisiert: Langsam verschwinden die Waffen aus den Männergräbern und die Grabstätten werden an die sich auf dem Lande ausbreitenden Kirchen und die der Stifterfamilien in ihre Klöster verlegt. Die ländlichen Kirchen entstehen ebenfalls nun oft auf dem Grund wohlhabender Familien als deren Stiftungen, als „Eigenkirchen“ der Familie. Mit der Verschmelzung von gallorömischem und fränkischem Christentum entsteht ganz langsam die Kirche und das Kloster des Mittelalters, in denen Geistliches und Weltliches kaum trennbar verschränkt sind. Es entsteht eine neue christliche Kultur, die dann das frühe Mittelalter prägt und nach und nach auch ein neuer "christlicher" Adel

 

Die römische Kirche ist eine Bischofskirche und die Bischöfe residieren in Städten. Bis ein Netz von Pfarreien das ganze Land überzieht, und die ganze Landbevölkerung ihnen untergeordnet ist, werden wenigstens noch einmal 500 Jahre vergehen. Nebeneinander finden nun Romanisierung und Germanisierung des Christentums statt.

 

Romanisierung: Der alte senatorische Adel, der sich auf Rom nur noch als Sitz des mit einem vagen Primat ausgestatteten römischen Bischof beziehen kann, teilt sich nun in die gallischen (fränkischen) Bischofsämter, die sich auf den Raum der ehemals und „kulturell“ zunächst immer noch römischen civitates beziehen, also die Verbindung von Stadt und großem Umland.

 

Mit der zunehmenden Militarisierung des Römerreiches war die klassische Stadtverwaltung auch insofern zusammengebrochen, als es mit der Freigiebigkeit der Oberschicht zu Ende ging, auf der die städtischen Ämter beruht hatten. In die Verwaltung der civitates teilen sich nun der von den Merowingern geschickte comes, ehedem der Titel eines hohen römischen Offiziers, später mit dem „Grafen“ gleichgesetzt, und auf der anderen Seite der Bischof (episcopus).

 

Ganz langsam, und insbesondere seitdem es mit der Macht der Merowingerfamilie im 7. Jahrhundert bergab ging, gelingt es den Bischöfen, die Macht der comes zu verringern und ihre eigene zu steigern, bis sie diese in ihre eigene Verwaltung integrieren und selbst ernennen. Auf einem langen Weg bis ins Hochmittelalter werden die Bischöfe praktisch zu Stadtherren aufsteigen, aber bis dahin ist noch ein weiter Weg.

 

Kleros ist das griechische "Los", den Klerus trifft das Los einer geistlichen Aufgabe, und die ekklesía ist die Volksversammlung. Aus beidem entsteht die "Kirche" (kyriaké ekklesía), die dem Herrn gewidmete Versammlung, etwas so noch nie Dagewesenes. Jede civitas hat einen Bischof, in den Metropolen sitzen Erzbischöfe, die die Aufsicht führen. In seinem Sprengel ist der Bischof unbestrittene Autorität, und nach dem Auseinanderfallen Westroms zerfällt auch die gallische Kirche in lauter einzelne Kirchen mit ihrem Eigenleben, ihren Festen und Riten.

 

Vom Klerus wurde ein annähernd heiliger Lebenswandel erwartet. Er trug eine Art Tonsur, ein weißes Chorgewand und darüber ein Obergewand mit Kapuze (cappa), um ihn von den Laien abzutrennen. Die cappa des verstorbenen gallischen Großheiligen Martin wurde in der cappella aufbewahrt und von cappellanes betreut.

 

Erwünscht war, dass der städtische Klerus bei der Kirche zusammen wohnte, gemeinsam aß und ein Leben mit Fasten und gemeinsamem Beten führte, ein Leben also nach dem Modell der christlichen Urgemeinde in Jerusalem. 538 wurde beschlossen, dass ein Kleriker nach der Weihe zum Subdiakon nicht mehr heiraten durfte. Dieser Regularklerus wird sich nie ganz durchsetzen lassen. In der Kirchenreform des Hochmittelalters wird ein letzter Versuch in diese Richtung unternommen werden.

 

Die Christianisierung des Landes, die noch bis ins Hochmittelalter dauern wird, geschah mit der Gründung von Landkirchen entweder durch den Bischof oder durch den Herrn der Gegend, wodurch sie zu seiner "Eigenkirche" wurde, was ihm erlaubte, einen seiner Abhängigen, oft einen Hörigen, zum Priester zu bestellen.

 

Höchster Priester unter dem Bischof war der presbyter ("Älteste"), woraus sich das Wort Priester entwickeln wird, darunter kam der Erzdiakon, der die Diakone beaufsichtigte und die Ausbildung des Klerus leitete,was bald der einzige Unterricht war, der im Frankenreich noch stattfand.

 

Vor den monotheistischen Schriftreligionen aus dem Orient war „Religion“ (in Ermangelung eines besseren Wortes) der Kern der traditionellen Kultur. Das Christentum hingegen kommt von außen und wird auch als Herrschaftsinstrument von Bischöfen und weltlicher Macht von oben durchgesetzt. Dort, wo das römische Christentum auf Germanen trifft, findet sich eine Übereinstimmung, was vaterrechtliche Vorstellungen angeht, während die Idee einer praktizierter Sexualität inhärenten Sündhaftigkeit Germanen wohl genauso fremd war wie die jesuanische Form der Friedfertigkeit.

 

Nicht nur das schon lange in Gewalttätigkeit aufgegangene römische Gallien, sondern insbesondere die fränkischen Krieger verstanden unter Frieden kaum etwas anderes als den Sieg der eigenen Waffen. Das absolute Gewaltverbot der Evangelien, das damals natürlich weltliche Macht und Herrschaft nicht betraf, von denen man ohnehin nichts in dieser Hinsicht erwartete, bleibt Sache frommer Sonderlinge.

 

Ein solcher ist laut Gregor der Klausner Eparchius, der schließlich in Angoulême ein Kloster gründet und sich für die Armen und die Befreiung von Gefangenen einsetzt. Ein Richter (iudex), der tief von ihm beeindruckt ist, verurteilt einen Verbrecher nach Recht und Gesetz zum Tode am Galgen. Eparchius bittet um sein Leben: Sed insultante vulgo atque vociferante, quod, si hic dimitteretur, neque regioni neque iudici possit esse consultum, dimitti non potuit. Der Richter verspricht, falls Gott den Galgenstrick zerreißt, ihn freizugeben. Der Mönch veranlasst nun seinen Abt, solange für den Verurteilten zu beten, bis der Querbalken und die Ketten brachen und der Aufgeknüpfte zu Boden fiel.

 

Der Richter rechtfertigt sich vor dem Mönch: ... insurgente vulgo, aliud facere non potui, timens super me seditionem moveri. (H: VI,8) Dem vulgus ist die ernstgenommene Nächstenliebe von Mönch und Abt fremd, die auch das Gebot der Gewaltlosigkeit wörtlich nimmt. Damit tut sich aber der Graben zwischen Religion und juristisch begründeter Rechtschaffenheit auf, der notgedrungen immer weiter werden wird: Beides geht nicht zusammen. Gregors ecclesia als Gemeinschaft der Heiligen wird vom „Volk“ nicht anders als eine Absonderlichkeit für wenige angenommen werden.

 

Während sich das nicht mehr sehr evangelische Christentum in den Städten auch bei den Franken bald durchsetzt, wird es dafür auf dem Lande noch wenigstens ein halbes Jahrtausend dauern. Das Christentum an der Macht ist dabei von gnadenloser Unduldsamkeit. Im 'De Vita Patrum Liber' beschreibt Gregor für Köln um 520 einen besonders schönen "heidnischen" Tempel, in dem die römische Restbevölkerung ihrem Kult nachging. Der heilige Gallus von Clermont legt zusammen mit einem Kleriker Feuer, als gerade niemand da ist, worauf ihn die aufgebrachte Menge bis zum Königspalast verfolgt. (VP:VI,2)

 

Tatsächlich bekommen wohl die wenigsten etwas von der theologischen Substanz mit, aber mit dem Kampf des Guten gegen das Böse konnten sie sich wohl anfreunden. Der Teufel macht dabei eine in den Evangelien noch nicht vorhersehbare Karriere durch und gewinnt zunehmend an Bedeutung. Er kann sich in vielfältige Dämonen und böse Geister aufteilen, die Menschen in ihren Besitz nehmen. So schreibt Gregor über den bösen Ebrulf:

Da wir nun sahen, dass er sozusagen von einem bösen Geist besessen war (Nos vero cum vidissimus eum, ut ita dicam, agi a daemone) machten wir unserem Gebet und dem Ärgernis ein Ende und gingen aus der Kirche. Ebrulf verhält sich, sozusagen (!), als ob er von einem Dämon besessen wäre. Gregor scheint auch hier diesem Geisterglauben etwas skeptisch gegenüber zu stehen. (H:VII,22)

 

Nach christlicher Auffassung war es auch ein böser Dämon, mit dessen Hilfe Wahrsagerei betrieben wurde:

Es gab zu der Zeit eine Frau, die hatte einen Wahrsagegeist (so übersetzt Buchner spiritus phitonis), und die bereitete ihren Herren viel Gewinn mit Wahrsagen und erlangte so deren Gunst, dass sie sie freiließen, und sie nun so lebte, wie sie wollte. Wenn jemand einen Diebstahl oder sonst irgendeinen Schaden erlitt, erklärte sie sogleich, wohin der Dieb entwichen war, wem er das Gestohlene gegeben oder was er damit gemacht hatte. Sie brachte täglich viel Gold und Silber zusammen und ging voller Schmuck herum, so dass man im Volk (in populis) meinte, sie sei irgend etwas Göttliches. Bischof Agerich von Verdun ergreift sie und sieht, dass es, wie wir schon in der Apostelgeschichte formuliert lesen, ein unreiner Geist sei, der aus ihr wahrsage (immundum spiritum esse phitonis). Und als er die Beschwörung (exorcismum) über sie aussprach und ihre Stirn mit dem heiligen Öl (oleum sanctum) salbte, schrie der Dämon laut auf und verriet sich dadurch dem Bischof. Da er sich aber durch ihn nicht austreiben ließ, erlaubte der Bischof dem Mädchen zu gehen. Weil sie aber erkannte, dass sie an diesem Ort nicht mehr leben konnte, zog sie zur Königin Fredegunde und verbarg sich bei ihr. (H:VII,44)

 

Bekanntlich wird sich dieses Geschäft aber durch die Zeiten erhalten, das Bedürfnis, in die Zukunft schauen zu wollen, ist einfach zu groß. Hier scheint denn auch Gregor an die Macht wahrsagender Dämonen selbst zu glauben.

 

Die eng benachbarten Bereiche der Zauberei und Kräuterkunde werden sich ebenfalls bis in die Neuzeit hinein nicht ausrotten lassen. Gregor erzählt aus der Zeit des Königs Chilperich:

Indessen kam der Königin zu Ohren, ihr Sohn, der gestorben war, sei ihr durch Zaubereien (maleficia) und Besprechungen (incantationes) entrissen worden, und der Präfekt Mummolus habe davon gewusst. ...Mummolus erzählt von seinen Erfolgen mit Heilkräutern. Die Königin lässt Weiber (mulieres) in Paris ergreifen, und unter der Folter gestehen sie, Zauberinnen (maleficae) zu sein. Sie hätten den Königssohn sterben lassen, damit Mummolus leben könne. Daraufhin werden sie durch schwerste Foltern umgebracht. Nun wird auch Mummolus eingesperrt, auf das grausamste gefoltert; er gesteht, Kunde dieser Frauen gewesen zu sein und bei ihnen Mixturen (inunctiones) und Zaubertränke (potiones) gekauft zu haben. Er wird seines Eigentums beraubt und stirbt bald darauf (H:VI,35)

 

Wer die Wundertaten christlicher Heiliger für faulen Zauber hielt, konnte auf die Idee kommen, es selbst damit zu probieren:

In jenem Jahre trat in der Stadt (urbs) Tours ein Mann mit Namen Desiderius auf , welcher vorgab, er sei etwas Großes, und behauptete, er könne viele Wunder tun (se multa posse facere signa). Auch rühmte er sich, es liefen Boten zwischen ihm und den Aposteln Petrus und Paulus hin und her. Da ich nicht in der Stadt war, strömte viel gemeines Volk (rusticitas populi) ihm zu, und sie brachten die Blinden und Kranken mit; er aber suchte sie nicht durch Heiligkeit (sanctitas) zu heilen, sondern durch den Trug der schwarzen Kunst (errore negromantici ingenii) zu täuschen. Die gichtbrüchig oder sonst gebrechlich waren, ließ er mit Gewalt ausrecken, um die, welche er durch die Gabe göttlicher Wunderkraft nicht gerade machen konnte, gewissermaßen durch eigene Anstrengung wiederherzustellen. (Üb.Buchner, H:IX,6)

 

Am Ende wird er aus der Stadt verwiesen. Damals erinnert das einen Gregor auch daran, dass in der „Offenbarung des Johannes“ vorhergesagt wurde, dass der Weltuntergang mit der Heraufkunft falscher Propheten eingeleitet werden würde.

 

Ein anderer besonderer Heiliger kommt bis in die Provintia von Arles:

...hier kleidete er sich in Felle und betete wie ein Geistlicher (religiosus). Um ihn zu verführen, verlieh ihm der Widersacher (pars adversi) die Gabe des Wahrsagens. … er... kam in das Gebiet der Stadt Javols, gab vor, er sei etwas Großes und scheute sich nicht, sich für Christus auszugeben. Dabei hatte er eine Frau wie eine Schwester bei sich, die er Maria nennen ließ. Zu ihm strömte eine Menge Volk (populus) und brachte die Kranken herbei, die er durch seine Berührung gesund machte. Auch Gold, Silber und Kleider gaben sie ihm. Er aber schenkte alles den Armen, um die Leute zu verführen, warf sich auf den Boden und betete inbrünstig zusammen mit der Frau, und wenn er aufstand, ließ er sich wieder von den Umstehenden verehren. Er sagte auch die Zukunft voraus, verkündete den einen, dass ihnen Krankheiten, anderen Verluste bevorständen, prophezeite dagegen nur wenigen Glückliches.... Er verführte so eine ungeheure Menge Volk, nicht nur Ungebildete (rusticiores), sondern auch Priester der Kirche. Am Ende folgten ihm mehr als 3000 Leute aus dem Volk nach.

Nun fing er an, manche zu berauben und auszuplündern, die er auf den Landstraßen fand. Das Geraubte schenkte er dann denen, die nichts besaßen.

… er schickte auch Boten vor sich her, Leute, die mit nacktem Körper (nudo corpore) tanzten und sprangen (saltantes adque ludentes), um seine Ankunft anzumelden.

 

Der Bischof sorgt dafür, dass er „in Stücke“ gehauen wird, und so fiel jener Christus, den man lieber Antichrist nennen sollte.

... Dennoch kamen die Leute, welche er durch höllische List verführt hatte, an ihn zu glauben, niemals wieder zu vollem Verstand (ad sensum integrum), sondern sie verehrten ihn weiter als Christus und glaubten, das seine Maria teil an seiner Göttlichkeit habe. (H:X,25)

 

Christianisierung der Laienwelt geschah durch Umformung und Überformung „heidnischen“ Glaubens. Dabei spielt das Wunder eine immer größere Rolle, begründet in den Wundertaten Jesu und überhaupt dem Wunderbaren und Wunderlichen seiner Existenz.

 

Virtus war die lateinische Tugend, die innere Kraft zum jeweils Guten. Aus dem tugendhaften Heiligen entspringen dann die virtutes, seine Wundertaten. Diese sind zu einem großen Teil Krankenheilungen, von denen so manche Erzählung als märchenhaft abgetan werden kann, andere aber wohl so ähnlich geschehen sind, - eben aus der Suggestivkraft des Heiligen heraus. Dann gibt es Heilungen, die im Nachherein auf das Wunderbare bezogen werden. In solchen Wundern wurde das weitergeführt, was Schamanen, Zauberer und andere schon vorher praktiziert hatten.

 

Direkt aus der römischen Kultur übernommen wurde die Bedeutung der prodigia, der Vorzeichen, der Auspizien usw. Dazu gehörte unter anderem die Beobachtung von Himmelszeichen (Sonnenfinsternis, Kometen etc.). Daraus wird sich die Astrologie entwickeln, die bis in die frühe Neuzeit noch nicht von der Astronomie unterschieden ist.

 

Was sich bei den meisten durchsetzt, ist schlichter Volksglaube. Gegen den Teufel stehen dabei vor allem die Heiligen ein, die nun nicht mehr unbedingt Märtyrer sein müssen, sondern Leute werden, die ein besonders heiliges Leben geführt haben. Der Modellfall für Gallien wird Martin von Tours durch die Heiligenvita, die Sulpicius Severus um 396 schreibt.

 

Heiligkeit wird noch nicht in Rom festgelegt, dass von Gallien aus ohnehin damals weit weg ist, sondern wird vom „Volk“ entdeckt und wohl auch von einzelnen Priestern propagiert und von Bischöfen protegiert. Heiligen werden die Kirchen geweiht, und sie werden angerufen, wenn man Wünsche hat.

 

Heilige vollbringen Wunder auch nach ihrem Tod, und insbesondere ihre körperlichen Überreste („Reliquien“) können so etwas vollbringen. Die meisten gab es damals in Rom zu ergattern:

Igitur diaconus Romam directus est, ut beatorum apostolorum vel reliquorum sanctorum, qui urbem illam muniunt, exhiberet. Damals gab es einen Diakon aus jener Gegend (ex provintia illa), der nach Rom geschickt worden war, um von dort Überreste (pignora) der heiligen Apostel oder Reliquien (reliquiae) anderer Heiliger, die jene Stadt schützen, zu holen. (H:VI,6)

 

Gregor hatte durchaus auch ein humoristisches Talent, welches er gerne zur Entlarvung von „Aberglauben“ einsetzte. So heißt es über den Kron-Prätendenten Gundovald:

Da er forschte, was ihm wohl in seiner Sache helfen könne, erzählte ihm jemand, im Morgenland habe ein König den Daumen des heiligen Märtyrers Sergius weggenommen und an seinem rechten Arm befestigt. Und als er einmal Feinde habe vertreiben müssen, habe er im Vertrauen auf den Beistand des Heiligen den rechten Arm erhoben und sogleich habe sich die Menge der Feinde, wie (quasi) von der Macht des Heiligen besiegt, zur Flucht gewandt. (H:VII,31)

 

Gregor erzählt das so, als ob er dabei sehr skeptisch wäre. Gundovald möchte auch so ein Wundermittel ergattern und reißt sich dann ein solches Stück eines Knöchelchens unter den Nagel, das er von einem Syrer bekommt.

 

Natürlich verlangt die Kirche die Kontrolle über den Reliquienkult, eine Verselbständigung jenseits von ihr hätte sie partiell überflüssig machen können und zudem das Christentum weiter seiner nur bei wenigen überhaupt aufgehobenen Substanz berauben können.

 

Die Träger der antiken Civitas waren Grundbesitzer als Kuriale gewesen, Mitglieder der curia. Neben der Selbstverwaltung waren sie für das Steueraufkommen verantwortlich. Mit den steigenden Lasten auch dank zunehmender Militarisierung des Imperiums versuchten sie, sich diesen Aufgaben zu entziehen. Die kleineren Landbewohner wiederum stellten sich deshalb unter den Schutz der größeren, um der Belastung zu entkommen, und werden von ihnen abhängig. Damit diese colones nicht ganz der kaiserlichen Kontrolle entkommen, werden sie an die Scholle gebunden. Die Civitates werden nun den comites unterstellt, und als die Franken die Macht übernehmen, werden sie zu einer Art königlicher Amtsträger. (Becher, S.240f)

 

In der Übergangszeit dazwischen hatten seit Kaiser Konstantin I. die Bischöfe bereits immer mehr Funktionen eines Stadtherrn übernommen.

 

Der alte senatorische Adel, der sich auf Rom nur noch als Sitz des mit einem vagen Primat ausgestatteten römischen Bischof beziehen kann, besetzt die gallischen Bischofsämter als Ersatz für die Spitzenstellungen der alten römischen Ämterlaufbahn, den cursus honorum.

 

Zwischen Bischof und Comes, beide für dieselbe Civitas zuständig, konnten naturgemäß Konflikte auftreten. Ein Fall, den Gregor als parteilicher Bischof schildert, ist der zwischen dem Comes Palladius von Javols und dem Bischof Parthenius, der mit der Absetzung des weltlichen Herrn endet. (H:IV,39), Gregor vertritt offenbar die Position, dass der Bischof der wünschenswerte christliche Stadtherr sei, in Partnerschaft mit seinem christlichen, „guten“ König.

 

Als Theudebert, ein Sohn Chilperichs, gegen seinen Vater rebelliert und Tours einnimmt, unterstellt er laut Gregor den von ihm eingesetzten Comes dem Bischof, dem er die Treue schwört. (H:V,48: in omnibus esse fidelem).

 

Ganz langsam, und insbesondere seitdem es mit der Macht der Merowingerfamilie im 7. Jahrhundert bergab geht, gelingt es den Bischöfen, die Macht ihres comes zu verringern und ihre eigene zu steigern, bis sie diese in ihre eigene Verwaltung integrieren und selbst ernennen. Auf einem langen Weg bis ins Hochmittelalter werden die Bischöfe in manchen Gegenden praktisch zu Stadtherren aufsteigen, aber bis dahin ist noch ein weiter Weg.

 

Ursprünglich waren Bischöfe im Zusammenspiel ihrer christlichen Gemeinde mit den Mächtigen „gewählt“ worden. In Gallien, wo langsam fränkische und gallorömische Oberschicht verschmolzen, wird nun die Macht der Familie zur ersten Voraussetzung für das Amt. Diese beruht vorwiegend auf großem Grundbesitz.

 

Die beste Voraussetzung für das Bischofsamt ist dann eine weltliche Karriere, Verwaltungserfahrung, Erfahrung in Machtausübung und zudem eine Erziehung in Rhetorik und den römischen (heidnischen) Klassikern. Selten waren Bischöfe vorher Priester gewesen, aber manche waren vordem Archidiakone, Verwaltungschefs des Bistums und vor allem seiner „weltlichen“ Güter. Die wenigen mit religiöser Erziehung und Einblick in Theologie waren am Ende einer weltlichen Karriere zeitweilig in ein Kloster eingetreten und hatten dort eben auch geistliche Studien betrieben. Nachdem der römische cursus honorum, die alte Ehrenämterlaufbahn, nach oben abgebrochen war, führte sie nun an der Spitze zum Bischofsamt - und dann oft an den königlichen Hof.

 

Kleriker dürfen damals noch eigenen Besitz haben und vererben. Nur das Kirchengut bleibt bei der Kirche. Die Trennung zwischen beidem ist wohl manchmal nicht einfach.

 

Es wird übrigens auch noch eine Weile dauern, bis Geistliche, auch hohe Kleriker, nicht mehr verheiratet sind. Zumindest von Bischöfen wird aber erwartet, dass sie spätestens mit Amtsantritt ihr Geschlechtsleben zügeln. So wird 567 auf einem Konzil in Tours festgelegt: Der Bischof soll seine Ehefrau wie eine Schwester halten, und in solch heiligem Lebenswandel soll er sein Haus führen, und zwar das kirchliche wie sein eigenes, dass über ihn keinerlei Verdacht in irgendeiner Hinsicht aufkomme. (Hartmann, S.133)

 

Von der natürlichen Ausstattung her ist das „Einschlafen-Lassen“ des Geschlechtstriebes in der Regel für einen Mann schwieriger als für eine Frau, insbesondere angesichts der Tatsache, dass selbst ungewollte Samenergüsse als „Befleckung“ galten. In der folgenden Geschichte des Gregor über den Bischof Felix von Nantes wird deutlich, wie wenig die Frau dem Ehemann Keuschheit überhaupt zutraute, und dass der eheliche Koitus für sie auch Bestätigung ihrer Verfügungsmacht über den Mann ist:

Als er zur Ehre des Bischofsamtes gelangt war, verließ er das Ehebett gemäß der Ordnung der katholischen Kirche. Dies ertrug seine Frau nur schwer. Und nachdem sie einige Tage mit ihm darüber gestritten hatte, dass sie in einem Bett schlafen sollten, und der Bischof dem nicht zustimmte, weil es sowohl schamlos als auch von den kirchlichen Beschlüssen verboten war, sprach die Frau eines Tages zornig zu sich selbst:“ Ich glaube nicht, dass es ohne eine bestimmte Absicht meines Mannes geschieht, dass ich so von seiner Umarmung zurückgestoßen worden bin, sondern ich werde gehen und sehen, ob nicht vielleicht eine andere Frau mit ihm schläft, für deren Liebe er mich verschmäht.“ Und bald stand sie im Zimmer des Bischofs und fand ihn dort nach Mittag schlafend. Als sie an sein Bett trat, sah sie ein Lamm von enormer Reinheit auf seiner Brust ruhen. Da wurde sie von Furcht ergriffen, entfernte sich rasch vom Bett des Heiligen und wagte nicht mehr zu fragen, was der ganz Gott ergebene Mann im Verborgenen täte. (Liber in gloria confessorum, 77)

 

Gregor mochte diesen Felix nicht, nennt ihn aber wegen seiner Keuschheit doch einen „Heiligen“. Die Geschichte ist dergestalt ganz offensichtlich in pädagogischer Absicht erfunden, wie so viele Heiligengeschichten, zumindest wird Hörensagen in eine definitive Tatsache umgewandelt. Besonders deutlich wird das am Lamm auf der Brust des Heiligen, welches auf keusche Unschuld und auf den Heiland verweist. Eine Geschichte stimmt damals, wenn sie glaubhaft ist, und sie ist glaubhaft, wenn die Bedeutung stimmt, also das, worauf sie deutet.

 

Bischöfe kommen also aus wohlhabenden galloromanischen Familien mit viel Grundbesitz, und die Bistümer selbst werden durch Schenkungen etc. Großgrundbesitzer. Bischöfe sind also partielle Stadtherren, Verwalter eigenen Wohlstands und des Bistumsbesitzes, Vorgesetzte des Klerus und oberste regionale Vertreter des Glaubens. Als solche werden sie jahrhundertelang mit dem Niederkämpfen "heidnischer" keltischer, römischer und germanischer Bräuche beschäftigt sein. In einer Mischung aus römischer und christlicher caritas sind sie zudem die Beschützer der Armen und Schwachen. Vor allem sind sie auch Vertreter der lokalen und regionalen Interessen gegenüber den weltlichen Großen von außerhalb und oberhalb.

 

Aus einem Testament des Bischofs Berthram von Le Mans erfahren wir von dem enormen Besitz und Reichtum sowohl des Bistums wie des Bischofs und nebenbei auch, dass dieser sein eigenes und das Geld des Bistums in derselben Truhe aufbewahrte, also nicht voneinander trennte. (Hartmann, S.35)

 

Zum Reichtum der Bischöfe sagt König Childerich laut Gregor: "Siehe, unser Schatz ist arm, und unser Reichtum ist an die Kirchen gefallen; keiner herrscht jetzt überhaupt als allein die Bischöfe; unsere Macht ist dahin und an die Bischöfe der Stadt gekommen." (Üb.Buchner,H:VI,46) Das ist vermutlich stark überzogen, aber deshalb versucht er laut Gregor auch, den Kirchen möglichst viel wieder zu entziehen.

 

Sacerdotes Domini assiduae blasphemabat, nec aliunde magis, dum secricius esset, exercebat ridicola vel iocos quam de eclesiarum episcopis. Illum ferebat levem, alium superbum, illum habundantem, istum luxoriosum; illum adserebat elatum, hunc tumidum, nullum plus odio quam eclesias habens. Aiebat enim plerumque: 'Ecce pauper remansit fiscus noster, ecce divitiae nostrae ad eclesias sunt translatae; nulli penitus nisi soli episcopi regnant; periet honor noster et translatus est ad episcopus civitatum'. (H:VI,46)

 

Zum Hintergrund: "Als Leiter der zivilen Stadtverwaltung fiel dem merowingischen Bischof in immer größerem Maße die Verfügungsgewalt über alle Posten des städtischen Budgets zu, die in den zeitgenössischen Quellen vereinfachend unter der Rubrik "Kirchenbesitz" zusammengefasst wurden. Der Umstand, dass der Bischof nun nicht nur über die öffentlichen Gelder für den Kultus, sondern auch für alle anderen Bereiche des öffentlichen Lebens der Civitas mitbestimmte, änderte natürlich nichts am Einkommen des Königs selbst; dieser verlor über das Instrument der steuerlichen Immunität für die Kirchen zwar die direkte Verfügungsgewalt über bestimmte Teile des Steueraufkommens, gewann aber durch die entstandene Vereinfachung des Einziehungsverfahrens der Steuer unter der Leitung der Bischöfe erhebliche Vorteile." (Heinzelmann, S.159f.)

 

Die Macht der Bischöfe war also eine weltliche, eine seelsorgerische, und eine der Definition der Glaubensinhalte und des Ritus. Konkurrenz wurde entweder aufgrund ihrer Heiligkeit absorbiert oder aber beseitigt, wie es hier geschieht:

 

Der Langobarde Wulfilaich (Vulfilaicus) erzählt Gregor von seiner frommen Karriere. Schon als Kind lernte er lesen und schreiben, pilgert zum Grab des heiligen Martin nach Tours und erlebt ein erstes Wunder.

 

Ich begab mich alsdann in das Gebiet der Stadt Trier (territurium Trevericae urbis), und auf dem Berge, auf dem ihr jetzt seid, erbaute ich mir mit eigener Hand die Wohnung, die ihr seht. Ich fand hier damals ein Bild der Diana vor, das das abergläubische (incredulus) Volk abgöttisch verehrte. Ich errichtete mir auch eine Säule, auf der ich unter großen Schmerzen ohne alle Fußbekleidung stand. Wenn dann die Winterszeit kam, litt ich bei der eisigen Kälte dergestalt, dass mir von dem heftigen Frost öfters die Nägel an den Füßen abgingen und in meinem Bart das gefrorne Wasser wie Zapfen herabhing.

 

Zu Speise und Trank diente mir ein wenig Brot und Kohl und etwas Wasser. Als aber die Menge aus den benachbarten Höfen (villae) herbeizuströmen begann, predigte ich unablässig, es sei nichts mit der Diana, nichts mit den Bildern, nichts mit dem Götzendienst (cultura), den sie trieben; unwürdig seien auch jene Lieder, die sie beim Weine und ihren schwelgerischen Gesängen sängen; würdig sei es allein, dem allmächtigen Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, das <Opfer des Dankes> (sacrificium laudis) darzubringen. Er bringt die Leute dazu, das Götzenbild mithilfe eines Wunders zu zerstören.

 

Bald kamen nun Bischöfe und sagten ihm: „Der Weg,den du einschlägst, ist nicht der rechte, auch kann man dich geringen Mann nicht Symeon von Antiochien, der auf der Säule stand, vergleichen. Überdies lässt die Natur dieses Landes nicht zu, dass du diese Peinigung aushältst. Steig also lieber herab und wohne bei den Brüdern, die du um dich gesammelt.“ Da es als Verbrechen gilt, den Bischöfen nicht zu gehorchen, stieg ich auf diese Worte hin nun herab, wandelte mit den Brüdern und nahm Speise wie sie. Eines Tages schickt der Bischof ihn weiter weg und lässt dann die Säule zerstören. Wulfilaich ist darüber tief unglücklich (Üb.Buchner, H:VIII,15)

 

Die hierarchische Kirchenorganisation war von der Spät-Antike übernommen worden. In der Verfallszeit des Römerreiches sahen sich die Bischöfe aber immer mehr auf sich selbst gestellt. Kurz vor seinem Tod veranstaltet Chlodwig 411 ein Konzil in Orléans nach dem Vorbild Konstantins. Aber eine fränkische Reichskirche wird erst unter den Karolingern entstehen.

 

Bischof konnte ein Laie in 40 Tagen werden (Qui tonsoratus, gradus quos clerici sortiuntur ascendens, post quadraginta diebus, migrante sacerdote (Bischof), successit. H:VI,9) Das war immerhin ein heiliger Mann, aber eigentlich findet Gregor, dass dazu wie bei ihm selbst eine längere geistliche Laufbahn gehört:

 

Bischof Felix liegt im Sterben und erklärt seinen Neffen zum Nachfolger. Dieser bittet Gregor, zu ihm nach Nantes zu kommen um ihm die Tonsur zu verpassen. Gregor:

Consilium tamen praebui, dicens: 'Habemus scriptum in canonibus, fili, non posse quemquam ad episcopatum accedere, nisi prius ecclesiasticus gradus regulariter sortiatur. Tu ergo, dilectissime, revertere illuc et pete, ut ipse te qui elegit debeat tonsorare. Cumque presbiterii honorem acciperis, ad ecclesiam adsiduus esto; et cum eum Deus migrare voluerit (wenn Gott ihn dann in die andere Welt hinüberwandern lässt), tunc tu facile episcopale gradum ascendes'. (H:VI,15).

 

Das, was in der Kirchenreform des 11. Jahrhunderts massiv als Simonie angeklagt wird, ist zwar nicht offiziell erwünscht, wird aber regelmäßig praktiziert:

Es starb auch zu dieser Zeit der Bischof Ragnemod von Paris. Und obwohl sich sein Bruder, der Priester Faramod, um das Bistum bewarb, wurde doch ein Kaufmann Eusebius, ein Syrer von seiner Herkunft, an seiner Stelle eingesetzt, nachdem er viele Geschenke gegeben hatte. (Ragnimodus quoque Parisiacae urbis episcopus obiit. Cumque germanus eius Faramodus presbiter pro episcopato concurreret, Eusebius quidam negotiator genere Syrus, datis multis muneribus, in locum eius subrogatus est. Und es geht weiter: Dieser entfernte, als er das Bistum erhalten, die ganze Dienerschaft seines Vorgängers und setzte Syrer, Leute aus seinem Volk, zu Dienern in seiner bischöflichen Wohnung ein. (H: X,26.)

 

"Sein Volk" sind hier Syrus de genere suo. Syrer, Juden und viel später Friesen sind ausgezeichnete Fernhändler mit entsprechendem Reichtum. Das Beispiel zeigt, dass Geld durchaus vor klerikaler Ausbildung und Laufbahn zum Bischofsthron führen konnte. Die Diener (ministri) sind nicht nur Dienstboten im späteren Wortsinn, sondern Leute, die mit der Verwaltung beschäftigt sind. Der Syrer ist also Bischof mit seinem mitgebrachten Gefolge, welches die bisherigen "Angestellten" verdrängt.

 

Wiewohl Bischöfe immer noch offiziell von den Großen ihres Sprengels erwählt werden, sucht der scheidende Bischof manchmal seinen Sohn oder seinen Neffen, wie oben gezeigt, selbst aus. Tatsächlich ist aber nun die Bestätigung durch den fränkischen König maßgeblich, was verständlich ist, da Bischöfe einen wesentlichen Anteil an der Herrschaft in der Civitas haben und die Könige sie als Amtsträger ihres Reiches betrachten.

 

So findet der König die Leiche seines erschlagenen Neffen. Zur Beerdigung von diesem Merowech heißt es bei Gregor: Convocato igitur episcopo civitatis (Er berief darum den Bischof der Stadt), cum clero et populo ac cereorum innumerabilium ornato ad basilicam sancti Vincenti detulit tumulandum.(H:VIII,10)

 

Mit ihren Machtvollkommenheiten stehen Bischöfe gelegentlich auch im Konflikt mit Königen. Gregor, dessen Bistum von Chilperich annektiert worden war, beschreibt das sehr einseitig am Beispiel seiner Streitpunkte mit ihm. Im Mittelpunkt steht damals das Kirchenasyl, welches in der Kirche des fränkischen Zentralheiligen Martin besonderes Gewicht hatte.

 

Ein besonders kritischer Fall kam, als der aufständische Chilperich-Sohn Merowech, der gerade seine verwitwete Tante Brunichilde geheiratet hatte, 567 in der Kirche Zuflucht suchte. Er ging am Ende von sich aus wieder.

Bischof Praetextatus von Rouen hatte diese Heirat seines Taufpaten gebilligt, obwohl Brunichilde als Feindin von Chilperich verbannt worden war, und obwohl sie nach kirchlichen Vorstellungen viel zu nahe verwandt war.

 

Es folgt die Geschichte vom Bischofsgericht über Praetextatus, eines der längeren Kapitel der Historien. Es beginnt mit dem Gerücht, der Bischof würde sich beim "Volk", dem populus, gegen seinen König Chilperich wenden. Der zitiert ihn zu einer Bischofsversammlung (concilium) nach Paris und wirft ihm auch vor, mit Königsohn Merowech gegen den Vater konspiriert zu haben. Als die Sache für den Bischofskollegen brenzlich wird, hält unser Gregor eine flammende Rede an die santissimi sacerdotes Dei. Darauf wird Gregor zum König zitiert. Der droht ihm und später versucht Königin Fredegunde, ihn zu bestechen. Sie scheitern.

 

Nun wird Praetextatus vom König beschwatzt, alles zuzugeben, um dann begnadigt zu werden. Aus Angst stimmt er zu, "bekennt" vor der Versammlung und wird darauf unter Wortbruch eingesperrt. (H:V,18) Er kommt erst nach dem Tod Chilperichs wieder frei (H:VII,16) und wird 586 auf Veranlassung von Königin Fredegunde getötet.

 

Der König ist an sich auch oberster Richter über den Klerus, der noch keine eigene Gerichtsbarkeit hat. Er kann hier ein "Konzil" einberufen, aber es sind die Pairs, die ihn verurteilen. Andererseits kann jemand wie Bischof Gregor von Tours seinen Standpunkt mit Geschick und Beharrlichkeit behaupten, ohne dafür selbst zu Schaden zu kommen.

 

Der Konflikt zwischen König und Bischof gipfelt in Anklage und Freispruch Gregors 580. Vorausgegangen war, dass Comes Leudast von Tours 579 auf Betreiben Gregors abgesetzt worden war und darauf diesen bei Chilperich der Konspiration gegen ihn anklagte. Subdiakon Riculf, der zweite Intimfeind Gregors, fügte Anschuldigungen hinzu. Es kommt zu einem Verfahren, bei dem sich herausstellt, dass beide gelogen haben und am Ende kann Gregor mit einem Reinigungseid seine Unschuld feststellen. (H:V(VI)

 

Der heilige Gallus, Bischof von Clermont, stirbt und Cato presbiter continuo a clericis de episcopatu laudes accepit. Er betrachtet sich darauf bereits als Bischof, denn König Theobald ist noch ein Kind und kann seine Macht nicht ausspielen. Episcopi tamen qui advenerant ad sanctum Gallum sepeliendum, postquam eum sepelierant, dixerunt Catoni presbitero: 'Videmus, quia te valde diligit pars maxima populorum; veni, consenti nobis, et benedicentes consecremus te ad episcopatum. Rex vero parvulus est, et si qua tibi adscribitur culpa, nos suscipientes te sub defensione nostra, cum proceribus et primis regni Theodovaldi regis agemus, ne tibi ulla excitetur iniuria. Das funktioniert so aber nicht mehr, der Erzdiakon Cautinus reist zum König und wird von diesem mit dem Bistum bestallt. Cato akzeptiert das nicht und muss erst unterworfen werden, indem ihm und seinen Anhängern in Clermont die kirchlichen Einkünfte weggenommen werden (omnes res ecclesiae abstulit).

 

Bischöfe als Teil der Ekklesia sind eigentlich Teil der dem Ende entgegenreifenden Augustinischen Civitas Dei, aber nur insofern, als sie hinreichend fromm sind und ernsthaft nach Heiligkeit streben. Dazu gehörte sicherlich der folgende:

Eo tempore et Dalmatius Rutenae civitatis (Rhodez) episcopus migravit a saeculo, vir in omni sanctitate praecelsus, abstinens vel a cibis vel a concupiscentiis carnis, valde elymosinarius et cunctis humanus, in oratione et vigiliis satis stabilis. Ecclesiam construxit, sed dum eam ad emendationem saepius distruit, inconpositam dereliquit. (H: V,46)

 

Gregor scheint es aber wichtiger, die Bösewichter im Amt detailliert darzustellen, die es offenbar zur Genüge gab:

Als jedoch Palladius und Berthramn abermals zum Mahle des Königs gezogen wurden, fingen sie miteinander Streit an und machten sich gegenseitig wegen Ehebruchs und Unzucht viele Vorwürfe, auch Meineid legten sie einander zur Last. Darüber lachten viele, manche aber, die weiter sahen, beklagten, dass zwischen den Bischöfen des Herrn so das Unkraut des Teufels wuchere. (Nam cum iterato ad convivium regis Palladius atque Berthchramnus acciti fuissent, commoti in invicem multa sibi de adulteriis ac fornicatione exprobraverunt, nonnulla etiam de periuriis. Quibus de rebus multi ridebant, nonnulli vero, qui alacriores erant scientiae, lamentabant, cur inter sacerdotes Domini taliter zezania diabuli pollularet. H:VIII,7 Üb.Buchner)

 

Neben dem unsittlichen Lebenswandel gibt es auch das Ausplündern des "Volkes": Badegysilus vero Cenomannorum episcopus (Le Mans), vir valde saevus in populo, auferens sive deripiens iniuste res diversorum.(H:VIII,39: ein Mann, der sehr hart gegen das Volk war und vielen ungerechterweise ihre Habe nahm und raubte. Seine finstere und grausame Sinnesart verhärtete noch seine Frau... Buchner-Üb.)

 

Zu genussüchtigen Verbrechertypen stilisiert Gregor die Bischöfe Salonius und Sagittarius:

Sed, adsumpto episcopatu in proprio relati arbitrio (und ihren Willen haben konnten), coeperunt in pervasionibus (Raub), caedibus, homicidiis, adulteriis diversisque in sceleribus insano furore crassari (wie wahnwitzig zu wüten), ita ut quodam tempore, celebrante Victore Tricassinorum (Trois-Châteux) episcopo sollemnitatem natalicii sui ( das Gedächtnisfest seiner Erhebung), emissa cohorte, cum gladiis et sagittis inruerent super eum. Venientesque sciderunt (zerrissen) vestimenta eius, ministros (Diener) ceciderunt, vasa vel omne apparatum prandii auferentes, relinquentes episcopum in grandi contumelia. Eine Kirchenversammlung setzt sie ab.

 

Qui accedentes coram papa Iohanne exponunt se nullius rationis existentibus causis dimotos ...Der Papst will, dass sie wieder eingesetzt werden. ... Hi vero in maioribus sceleribus cotidie miscebantur (verwickelten sich); et in proeliis illis, sicut iam supra meminimus, quae Mummolus cum Langobardis gessit, tamquam unus ex laicis, accincti arma, plurimos propriis manibus interfecerunt.(sie bewaffneten sich wie Laien und töteten viele eigenhändig in den Kämpfen von Mummolus mit den Langobarden) In civibus vero suis (gegen ihre eigenen Bürger), nonnullos commoti felle verberantes fustibus, usque ad effusionem sanguinis saeviebant. Der König sperrt sie in Klöster ein, lässt sie dann aber wieder frei.

 

...conversique sunt iterum retrorsum; et ita plerumque noctes epulando atque bibendo ducebant, ut, clericis matutinas in eclesia celebrantibus, hi pocula poscerent et vina libarent. Nulla prorsus de Deo erat mentio (Von Gott war nicht mehr die Rede), nullus omnino cursus memoriae habebatur (sie vergaßen das regelmäßige Beten). Renitente aurora, surgentes a cena (Erst bei der Morgenröte standen sie vom Mahl auf), mollibus se indumentis operientes (bedeckten sich mit weichen Tüchern), somno vinoque sepulti, usque ad horam diei tertiam dormiebant (drei Stunden nach Sonnenaufgang). Sed nec mulieres deerant, cum quibus polluerentur. Exsurgentes igitur, abluti balneis, ad convivium discumbebant; de quo vespere surgentes, caenae inhiabant usque ad illud lucis tempus, quo superius (weiter oben) diximus. Sic faciebant singulis diebus (jeden Tag), donec ira Dei diruit super eos; quod in posterum memoraturi sumus. (was wir im Folgenden wiedergeben werden) (H:V,20)

 

Die Tatsache, dass beide bewaffnet in den Krieg ziehen, findet Gregor so ungehörig, dass er sie schon im Buch vorher erwähnt hatte:

 

Fueruntque in hoc proelio Salonius et Sagittarius fratres atque episcopi, qui non cruce caelesti moniti (nicht mit dem himmlischen Kreuz ausgerüstet), sed galea (Lederhelm) ac lurica (Harnisch) saeculari armati, multos manibus propriis, quod peius est, interfecisse referuntur. (H:IV,42) Natürlich war Bischöfen das eigenhändige Töten ganz besonders verboten. Später wird Sagittarius in Comminges auf Seiten Gundovalds mitkämpfen. (H:VII, 37)

 

Gregor hat mehr mit seinen domini mi sacerdotes (H:V,18) zu tun als mit dem einfachen Klerus, so wie auch das "Volk" in seinen 'Historiae' nicht im Zentrum seines Interesses steht. In der ausführlichen Geschichte von der Flucht des Attalus kommt ein guter Priester vor, ein presbiter (H:III,15). Andererseits schickt Königin Fredegunde einen clericus, der Königin Brunhilde umbringen soll, aber vorher erwischt wird (H:VII,20).

 

Ein Diakon wird zum Beispiel erwähnt, damit der heilige Hospitius an dessen Begleiter ein Wunder vollbringen kann (H:VI,6) Ein anderer, Theodulf, war hingegen et vino deditus et in adulteriis dissolutus. Er verließ nicht nur den Ort seiner Dienstpflichten (Paris), um sich dem Bischof von Angers anzuschließen, er war schließlich so betrunken, dass er vom Söller der Stadtmauer in den Tod stürzt. (H:X,14)

 

Wir haben es noch mit keiner richtigen Papstkirche zu tun. Soweit ich sehe, werden auf den rund 400 Seiten der Darmstädter Buchner-Ausgabe die Päpste gerade zweimal erwähnt. Papst Gregor ("der Große") führt zwar schon den "Titel" papa, aber viel Einfluß auf die gallischen Diözesen ist nicht zu erkennen.

 

Die gallischen Bistümer sind eben eher den fränkischen Königen als Rom untergeordnet, weswegen der erste Papst Gregor seine Briefe an die Königinnen Fredegunde und Brunichilde richtet und nicht an die Bischöfe.

 

Gepilgert wird noch nicht nach Rom, sondern zum heiligen Martin nach Tours. Erst mit Bonifatius und der angelsächsischen Mission beginnt die engere Anbindung der gallischen Kirche an die Zentrale.

 

 

5. Das Kloster des fränkischen Adels

 

Die fränkische Oberschicht, Erobererschicht, militärische Sieger, brauchten als erste Voraussetzung für die Integration in das, was sie vorfanden, die von Chlodwig eingeleitete Konversion zum Christentum, und zwar zu dem der Einheimischen. Diese kann man sich wohl vorstellen als die Addition eines weiteren Sieg und Macht verheißenden Gottes und dessen langsame Vertreibung der übrigen samt ihres Kultes.

 

Jenseits-Gewandtheit, Gewaltverzicht, extreme Bescheidenheit, Kultivierung von Besitzlosigkeit und ähnliches waren Germanen völlig wesensfremd, noch mehr als dem aus der römischen Zivilisation hervorgegangenen gallorömischen Adel. Bischöfe hätten sie nur werden können, wenn sie sich an die provinzielle städtische Kultur schnell akkulturiert hätten. Das war durch das 6. Jahrhundert zumindest wohl für fast alle undenkbar.

 

Das vorgefundene, von Martin von Tours, Klöstern im Rhonetal oder von der Insel Lérins ausgehende klösterliche Leben war für sie schon aus demselben Grunde ausgeschlossen. Zudem kontrollierten die gallorömischen Bischöfe mit Unterstützung der Merowinger die Klöster, für fränkische Edle hätte das doppelte Unterwerfung bedeutet.

 

Undenkbar für freie Franken war sicher vor allem der im Kloster geforderte Gehorsam gegenüber Abt und Regel. Obstinater Ungehorsam wurde am Ende mit Geißelung bestraft, mit Rutenhieben also, zudem mit erweitertem Fasten und zeitweiligem Ausschluss aus der Germeinschaft, einer Art Einzelhaft also. Das war gewiss eines freien Franken unwürdig.

 

Die für den Bestand des Frankenreiches wichtige Integration der Erobererschicht in Kirche und Kloster erhielt einen bedeutenden Anstoß aus Irland, und das ist wenig verwunderlich, denn in manchen Punkten waren keltische und germanische Kulturen miteinander verwandter als beide mit spätrömischer Zivilisation.

 

Irland wurde im 5. Jahrhundert christianisiert. Der spätere Landesheilige Patrick versuchte nach gallischem Vorbild eine Kirche aufzubauen, aber seine bischöfliche Kirchenorganisation verschwand bald wieder. Die irische Insel stand nie unter römischem Einfluss, kannte keine Städte und war ähnlich wie Germanien ohne Zentren, stattdessen aus realen und ideellen überschaubaren Verwandtschaftsverbänden zusammengesetzt.

 

In diesen Großsippen oder Kleinstämmen entwickelten sich mönchische Gemeinschaften, deren Äbte aus der Sippe kamen und deren Amt bald erblich wurde. Über ihnen stand niemand außer ihrem Gott.

 

Die „irische Mission“ unterschied sich massiv von der späteren angelsächsischen, die von einem Bündnis von päpstlicher mit weltlich-christlicher Macht und Mission ausgehen wird. Im wesentlichen handelte es sich um umherwandernde, „pilgernde“ Mönche, für die das Reisen als Pilgerschaft (peregrinatio) eine Form christlicher Lebensweise bedeutete, ohne dass sie eines Auftrags bedurften.

 

Für das Merowingerreich wird am einflussreichsten Columban ("von Luxeuil" bzw. "von Bobbio"), der etwa zwanzig Jahre in Burgund bleibt und dort bedeutende Klöster gründet. Die Kontrolle über diese behält er selbst, was ihn in heftige Konflikte mit den burgundischen Bischöfen bringt. Als er dann noch die in der germanischen Oberschicht übliche Polygamie im burgundischen Herrscherhaus anklagt und die unehelichen Kinder des Königs nicht taufen will, wird er eingesperrt. Irgendwann nach 603 verlässt er das Frankenreich, um am Ende in Italien zu landen und das einflussreiche Kloster Bobbio zu gründen.

 

Columban übt enormen Einfluss auf den fränkischen Adel aus. „Er verkörperte eine Form strengen und furchtlosen Christentums, die weder Ausdruck gallorömischer Kultur noch von den Bischöfen geschaffen war. Darüber hinaus wurde sie von einem Heiligen propagiert, der sich nicht von der Welt abwandte, sondern enge Beziehungen zu den mächtigen Familien des gesamten nördlichen Frankenreiches unterhielt.“ (Geary, S.173)

 

Zunächst treten Mitglieder von Familien der fränkischen Oberschicht in Klostergründungen Columbans ein, bald beginnt aber eine für über tausend Jahre wichtige Neuerung: Die großen Familien gründen auf ihrem Besitz „eigene“ Klöster, in die vor allem Familienmitglieder eintreten, die auch die Spitze der Klosterhierarchie einnehmen. Diese fränkischen Adelsklöster, die später die Regel des Columban mit der des Benedikt verbinden und dabei den asketischen Aspekt weiter zurückdrängen, werden zu regionalen kulturellen Zentren, die zugleich adelige Familienzentren sind. „Es waren große Klöster mit reich geschmückten Kirchen, in denen adlige Männer und Frauen ihren gewohnten Lebensstil trotz aller Hingabe an Gott beibehalten konnten". (Geary, S.175)

 

Unser Gregor erwähnt Columban nicht, der erst wenige Jahre vor seinem Tod nach Gallien kommt.

  Datei:Poitiers-Baptistère Saint-Jean(côté sud).jpg

Das Baptisterium Saint-Jean in Poitiers, 4.Jh., 6.Jh. erhöht und Anbau einer Apsis, im 10.Jh. auf seine heutige Größe reduziert

 

Am anschaulichsten wird wohl das Kloster seiner Zeit anhand der Geschichte der Radegunde und ihres Klosters Sainte Croix, dessen Maria geweihte Kirche nach ihrem Tod in Sainte Radegonde (in späterem Französisch) umbenannt wird.

Ihre erste Erwähnung findet im dritten Buch der Historien des Gregor statt. Danach herrschten in Thüringen drei Brüder, von denen Herminefred Berthachar umbringt. Dieser hinterlässt Radegunde als "Waise" (orfana) mitsamt ihren Brüdern. Als nächstes besiegt Herminefred um 515 mit der Hilfe des Frankenkönigs Theuderich auch den anderen Bruder, der ebenfalls umkommt. (H:III,4)

531 besiegt Frankenkönig Theuderich zusammen mit Bruder Chlothar an der Unstruth nun auch Herminefred.

Chlothar nahm sie bei seiner Rückkehr als Gefangene mit und heiratete sie dann; ihren Bruder ließ er später unrechtmäßig durch schändliche Menschen töten. Sie nun bekehrte sich zu Gott, wechselte ihr Gewand und baute sich ein Kloster in den Mauern von Poitiers. Mit Gebet, Fasten und Almosen glänzte sie so sehr, dass sie beim Volk großes Ansehen gewann. (H:III,7)

 

Die jugendliche Radegunde wird am Hof Chlothars Christin und erhält eine gewisse literarische Bildung. 534 muss sie auch noch ertragen, dass Herminefred von Theuderich heimtückisch ermordet wird. Als sie zwischen fünfzehn und zwanzig ist, nimmt der König sie zu seiner Frau (zwei hat er schon). Um 550 verlässt sie ihren königlichen Gemahl und gründet ihr Kloster. Sie lässt nicht sich selbst, sondern ihre Pflegetochter Agnes zur Äbtissin wählen.

 

Gregor berichtet auch von einem Empfehlungsbrief König Sigiberts, mit dem Geistliche in partibus Orientis geschickt werden, um "ein Stück Holz vom Kreuz des Herrn" und andere Reliquien einzusammeln. Kaiser Justinus gibt ihnen eine solche Kreuzreliquie, die dann (in späterem Französisch) den Namen Sainte-Croix für das Kloster rechtfertigt.

 

Bei dieser Gelegenheit kommt es zum Konflikt mit dem Bischof von Poitiers, der sich weigert, den Ritus der Niederlegung der Reliquien zu zelebrieren, was darauf Eufronius, der Vorgänger Gregors, übernimmt. Da der Bischof von Poitiers sich nun der Konkurrenz einer Institution von besonderer Heiligkeit wegen besonders heiliger Reliquien ausgesetzt sieht, verweigert er die Zusammenarbeit.

 

Radegunde begibt sich mit Agnes nach Arles, erhält dort die Regel des Caesarius und erwirkt schließlich ein vorübergehendes Einvernehmen mit ihrem Bischof. (H:IX, 40)

 

Kurz nach der Klostergründung trifft der etwa 25-jährige Venantius Fortunatus in Tour ein. In Valdobbiadene bei Treviso geboren, hatte er seine klassische Ausbildung in Ravenna empfangen und schrieb "Gelegenheitsgedichte". Drei Jahre bevor die Langobarden in Italien einfielen, pilgerte er zum Gab des heiligen Martin nach Tour, den er zuvor erfolgreich um Heilung einer Augenkrankheit angefleht hatte, um seinen Dank abzustatten. Dort lernt er Radegunde kennen, und entschließt sich, die 22 Jahre bis zu ihrem Tod dort zu bleiben. Zugleich schließt er Freundschaft mit unserem Bischof Gregor.

 

Offenbar bewegt die königliche Nonne ihn dazu, Kleriker zu werden und am Ende wird er auch noch Bischof von Poitiers. Vorher verfasst er eine Heiligen-Vita der Radegunde, ebenso wie auch Gregor von Tours. Eine weitere wird Baudonivia zwischen 609 und 614 schreiben, eine Nonne des Radegundenklosters.

 

Von ihr erfahren wir, dass Chlothar irgendwann versucht, sie zurückzugewinnen, und dass Bischof Germanus von Paris sich dabei für sie einsetzt. Baudonivia ist es auch, die die Geschichte mit den Reliquien beschreibt und mit ihrer Heiligengeschichte stark die Entwicklung des Radegunde-Kultes beeinflusst.

 

Gregor erwähnt anlässlich des späteren Aufstandes von Chrodechilde und Basina einen vielleicht 567 verfassten Brief einer Anzahl von Bischöfen (zu denen auch der von Tours gehörte), der aufgrund der Regel des Caesarius von Arles die Freiwilligkeit des Eintritts ins Kloster ebenso betont wie das Verbot, jemals wieder auszutreten, um in den gemeinen Kot der Straßen gezogen und getreten zu werden (Üb. Buchner, mergenda et conculcanda vili platearum in luto), was letzteres die Exkommunikation nach sich ziehen würde.(H:IX,39) Einen entsprechenden Brief hatte Radegunde an die Bischöfe geschrieben. (H:IX,42)

Laut Weidemann (2, S.39) soll das Kloster zum Zeitpunkt des Todes der Radegunde rund 200 Nonnen umfasst haben. Damit gehört es wohl zu den größten seiner Art.

 

Bei Gregor erfahren wir noch, wie eine Nonne des Klosters im Kreis ihrer Schwestern vorbildlich stirbt und vom Engel Michael in den Himmel (ad caelos) aufgenommen wird. (H:VI,29)

 

Eine weitere Nonne hat eine beeindruckende Vision (visum vidit): Sie macht eine Art "Reise" zu einer "lebendigen Quelle" und findet dafür einen Mann als Führer. Angekommen, bezeichnet er das Wasser als Quelle des "ewigen Lebens". Unsere Nonne begegnet also in der "Vision" ihrem Bräutigam (sponsus) Jesus in einer Art Paradies. In der Vision kommt nun die Äbtissin und kleidet sie in ein königliches Gewand. Nach wenigen Tagen bittet diese Nonne, von ihrer Vision beeindruckt, die Äbtissin um eine Zelle, in der sie abgeschlossen leben könne. Sie lässt sich darauf dort einmauern, vermutlich mit einer Durchreiche für das Minimum an Lebensmitteln – freiwillige Gefangenschaft als Abwendung von der Welt, ein inneres claustrum im Kloster. (H:VI, 29)

 

Cumque illa avide ex his aquis auriret, ecce ab alia parte veniebat abbatissa et, denudatam puellam, induit eam vestem regia, quae tanta luce auroque et munilibus refulgebat, ut vix possit intendi, dicente sibi abbatissa: 'Sponsus enim tuus mittit tibi haec munera'. Haec cum puella vidisset, conpuncta est corde, et post dies paucus rogavit abbatissam, ut sibi in qua inclauderetur cellolam praepararet. At illa velociter perfectam, ait: 'Ecce', inquid, 'cellolam! Quid nunc desideras?' Puella vero petiit, ut recludi permitteretur. Quod cum ei praestitum fuisset, congregatis virginibus cum magno psallentio, accensis lampadibus, tenente sibi beata Radegunde manu, ad locum usque perducitur. Et sic vale faciens omnibus et osculans singulas quasque, reclausa est; structoque aditu, per quem ingressa fuerat, ibi nunc oratione ac lectione vacat.

 

Als nächstes erfahren wir bei Gregor, dass Radegunde 587 stirbt, und dass er beim Begräbnis dabei ist und bei dieser Gelegenheit Zeuge einiger Wunder (virtutes) wird. (H:IX,2) Genaugenommen sind das wenige Informationen über eine Frau, mit der Gregor in guter Beziehung stand, aber er holt das in seinem 'Liber in gloria confessorum' nach. Was er aber genauer beschreibt, ist der Aufstand der Nonnen unter Chrodechilde einige Zeit nach dem Tod von Radegunde und Agnes. Hier erfahren wir auch mehr als irgendwo sonst über das fränkische Adelskloster der Zeit vor den columbanischen Reformen.

 

Chrodechilde ist Tochter von König Charibert und Basina Tochter Chilperichs. Chrodechilde verließ sich auf ihre königlichen Verwandten und nahm Nonnen Eide (sacramenta) ab, dass sie der Äbtissin Leubowera Verbrechen vorwerfen würden, sie aus dem Kloster vertreiben, und sie selbst zum Haupt (principalem) machen würden. Sie verließ mit vierzig oder mehr Jungfrauen (puellis) und ihrer Base (consubrinam) Basina, der Tochter (König) Chilperichs, das Kloster und sprach: "Ich gehe zu meinen Verwandten, den Königen, damit ich ihnen die Schande vermelden kann, da wir nicht wie Königstöchter, sondern wie von niedrigen Mägden (malarum ancillarum) geboren gedemütigt werden. (H:IX,39)

 

Im von Gregor veröffentlichten schlussendlichen Urteil heißt es, sie sagten, sie wollten sich nicht weiter der Gefahr des Hungers, der Blöße und von Misshandlungen aussetzen. (H:X,16)

 

Wir wissen über die Art, wie das Kloster unter der thüringischen Königstochter und Gemahlin eines fränkischen Königs (Chlothar I.) Radegunde geführt wurde, nichts, was nicht zu ihren Gunsten von Gregor, ihrem Freund Venantius Fortunatus und der Nonne ihres Klosters Baudonivia geschrieben wurde. Aber wir ahnen, wie die Damen der fränkischen Oberschicht versuchten, Reste eines adeligen Lebenswandels im Kloster zu bewahren. Vom Kloster der Radegunde ist überliefert, dass es ein Thermalbad besaß.

 

Die "Aufständischen" begeben sich zu Fuß zu Gregor nach Tours, klagen ihm ihr Leid, und er verweist sie auf ihre Ordensregel. Aber sie dürfen bis zur warmen Jahreszeit bei ihm bleiben. Dann zieht Chrodechilde alleine zu König Gunthram, der ein Konzil zur Klärung einberuft.

 

Zwischenzeitlich hatten sich viele der Nonnen "von Männern umgarnen lassen" (a diversis circumventi) und geheiratet. Ungeduldig ziehen sie nach Poitiers in die Kirche des heiligen Hilarius, begehren dort Kirchenasyl und sammelten hier um sich eine Schar von Dieben, Mördern und Ehebrechern... (Üb.Buchner, H:IX,40)

 

Es kommt zu einer Bischofsversammlung in Sankt Hilarius, die keine gütliche Einigung zustande bringt und die Frauen endlich exkommuniziert. Der Haufe verprügelt die geistliche Versammlung in der Kirche darauf bis aufs Blut. Die stieben auseinander und Chrodechilde bemächtigt sich jetzt der Güter des Klosters. (H:IX,41)

 

Am Ende gehen manche der exkommunizierten Nonnen auseinander, zu den Eltern, den Ehemännern oder in die anderen Klöster, aus denen sie herkamen. Chrodechilde und Basina beginnen ihren eigenen Machtkampf miteinander. (H:IX,43) Schließlich lassen die beiden die Äbtissin aus dem Kloster entführen und sperren sie neben St.Hilarius ein, dort wo Basina haust. Darauf wird auch das Kloster selbst von ihnen geplündert. Wie sich nachher herausstellt, werden in dieser Zeit einige der Noch-Insassinnen des Klosters geschwängert. (H:X,16)

 

Schließlich kann die Äbtissin in die Kirche entkommen, von wo aus sie zusehen muss, wie im Kloster gemordet wird (homicidia perpetrantur, H:X,15). Basina fühlt sich inzwischen von Chrodechilde unterdrückt und geht zur Äbtissin über. Am Ende befehlen die Könige Gunthram und Childebert dem Grafen von Tours, Macco, den Aufstand mit Gewalt niederzuschlagen. Das "Volk" (vulgus) schließt sich begeistert an: man band sie an Pfähle, geißelte sie scharf, einigen schnitt man das Haar, anderen die Hände, manchen auch Ohren und Nase ab. (H:X,15)

 

Es kommt dann doch noch zu der Bischofsversammlung, auf der Äbtissin und Chrodechilde gegeneinander antreten. Die Rebellinnen berufen sich auf Radegundes (lockeres) Verhalten im Kloster, aber davon bleibt am Ende nur übrig, sie habe Würfelspiele gespielt, was die Bischöfe und die Ordensregel nicht ausdrücklich verbieten. (H:X,16) Das Kloster wird wiederhergestellt, die nicht reumütigen Rebellinnen werden erneut exkommuniziert. Auf einer späteren Kirchenversammlung wird Basina erlaubt, ins Kloster zurückzukehren.

Der Verdacht spezifisch auf aristokratischen Wurzeln basierender Verhaltensweisen im Kloster bleibt und weist voraus auf das eigensinnige Verhalten der ("heiligen") Hildegard.

 

Ein wenig verwandt ist der Konflikt zwischen der Ingiltruda/Ingotrude und Tochter Berthegunde in Tours. Ingotrude war königlichen Geblüts, gründete in Tours ein Kloster, wo auch eine Tochter König Chariberts sich einfand, die aber bald wieder ging, weil sie die klösterliche Disziplin nicht einhalten wollte. Ingotrude überredet ihre seit ungefähr dreißig Jahren verheiratete Tochter Berthegunde, zu ihr ins Kloster zu gehen. Der Ehemann beschwert sich darauf bei Gregor, der seine Frau zur Rückkehr in die Ehe verpflichtet, die sie nicht verlassen durfte.

 

Später geht sie wieder in das Kloster, ihre Mutter muss sie aber erneut fortschicken, und zwar zu ihrem Bruder, dem Bischof von Bordeaux. Der erklärt die Ehe für ungültig. Darauf greift König Gunthram ein und verpflichtet den Bischof, sie wieder zum Ehemann zu schicken. Ihr Bruder stirbt dann und sie beginnt, sich mit ihrer Mutter zu verfeinden. Es geht um ihr mütterliches und brüderliches Erbe. Gunthram versucht zu vermitteln, aber Berthegunde nimmt den Schiedsspruch nicht an: Sie will alles. (H:IX,33)

 

Nach dem Tod der Mutter, die das Erbe der Tochter ins Kloster eingebracht hatte, gelingt es Berthegunde, König Childebert auf ihre Seite zu ziehen. Darauf sammelt sie Leute um sich und plündert das Kloster der verstorbenen Mutter völlig aus. (H:X,12)

 

Die dem klösterlichen Leben geweihten Mönche und Nonnen aus der Oberschicht sind an sich ebenso wie der Klerus Teil der Civitas Dei, aber wie dieser in die Guten und die Schlechten aufgeteilt. Es gibt gierige Mönche, die von Gott bestraft werden (H:IV,31) und fromme Mönche, die Gott belohnt (H:IV,34)

 

Abt Dagulfus wird angeklagt, weil der raubt und mordet und Ehebruch betreibt, eine verheiratete Nachbarsfrau begehrt und ihr Haus zum Hurenhaus macht, als der Ehemann abwesend ist. (H: VIII,19)

Cum autem saepius Dagulfus abba pro sceleribus suis argueritur, quia furta et homicidia plerumque faciebat, sed et in adulteriis nimium dissolutus erat, quodam tempore uxorem vicini sui concupiscens, miscebatur cum ea. ... domum meretricis

 

Aber vor allem beschreibt und propagiert Gregor doch die Heiligkeit der Mönche und Nonnen. Solche Heiligkeit in ihrer konsequentesten Form findet bei Einsiedlern statt. Aber für den Vertreter der hierarchischen Kirche ist das sehr ambivalent. Hospitius ist ein Positiv-Exemplum für Gregor:

 

Fuit autem apud urbem Nicensim (Nizza) eo tempore Hospicius reclausus magnae abstinentiae, qui constrictus catenis ad purum corpus ferreis, induto desuper cilicio (härenes Gewand), nihil aliud quam purum panem cum paucis dactalis (Datteln) comedebat. In diebus autem quadraginsimae de radicibus herbarum Aegyptiarum, quas heremitae utuntur, exhibentibus sibi negotiatoribus (Händler), alibatur. Et primum quidem ius (Saft) in quo coxerant auriens, ipsas sumebat in posterum. Magnas enim per eum Dominus virtutes (Wunder) dignatus est operare. (H:VI,6)

 

Askese ist hier Verzicht auf alles, was irdisches Vergnügen bereitet, und Einüben in das Leiden. Solches Verhalten würde wohl heute nach aktuellen Normen für pathologisch erklärt. Sein Lohn ist laut Gregor, dass er wie Jesus Blinde sehend machen und böse Geister austreiben kann. Eine ähnlich erfreuliche Gestalt für Gregor und ebenfalls wundertätig ist ein Einsiedler in Angoulême: Eparchius reclausus Ecolesinensis, von dem er berichtet, wie er einem Verbrecher das Leben und die Freiheit rettet. (s.o. H:VI,8)

 

Der Einsiedler ist ein Eremit (heremita), wenn er in der Einöde lebt, und ein Klausner (reclausus), wenn er sich von der Außenwelt abgeschlossen hat. Er konnte von Almosen derer leben, die ihn verehrten und vielleicht von seinen Wundertaten begeistert waren. Das zeigt, dass seine Einsamkeit oft weniger ausgeprägt war, als man vielleicht meinen möchte. Andere wiederum betrieben Gartenbau, Bienenzucht und ähnliches.

 Wir haben schon von einer Nonne im Radegunde-Kloster Ste Croix gehört, die sich im Kloster selbst noch einmal einmauerte. Offenbar war der Drang nach besonderer Heiligkeit durch klösterliche Disziplin gelegentlich über das reguläre Maß gesteigert. Aber selbst auferlegte Askese ohne kirchliche oder klösterliche Aufsicht konnte aufgrund überzogener Ansprüche auch verderblich sein:

 

Et quia princeps tenebrarum (Fürst der Finsternis) mille habet artes nocendi, quid de reclausis ac Deo devotis nuper gestum fuerit, pandam. Vennocus Britto (Bretone) praesbiterii honore praeditus, ... , tantae se abstinentiae dedicavit, ut indumentum (Kleidung) de pellibus tantum uteretur, cybum de herbis agrestibus incoctis sumeret, vinum vero tantum vas ad os poneret, quod magis putaretur libare osculo quam haurire. Sed cum eidem devotorum largitas frequenter exhiberet vasa hoc plena licore, dedicit (lernte er), quod peius est, extra modum haurire (unmäßig zu trinken) et in tantum dissolvi potione, ut plerumque ebrius cerneretur. Unde factum est, ut, invalescente temulentia (Rausch), tempore procidente, a daemonio correptus, per inergiam vexaretur, in tantum ut, accepto cultro vel quodcumque genus teli sive lapidem aut fustem potuisset adrepere, post homines insano furore discurreret. Unde necessitas exigit, ut catenis vinctus costodiretur in cellula. In hac quoque damnatione per duorum annorum spatia debachans, spiritum exalavit. (H:VIII,34)  

 

Dieser fromme und asketisch lebende Priester kippte sozusagen aus seiner Askese in das andere Extrem, den Suff, der Dämon verdarb ihn, er drehte durch und bedrohte die Leute aggressiv. Er wird nun zur unfreiwlligen „Askese“ verurteilt, indem man sich genötigt sieht, ihn in einer Zelle an Ketten zu fesseln.

 

6. Macht, Gewalt und Grausamkeit

 

Exkurs: Aggression

 

1930 schreibt Sigmund Freud in seinem 'Unbehagen in der Kultur':

Für alles weitere stelle ich mich auf den Standpunkt, dass die Aggressionsneigung eine ursprüngliche, selbständige Triebanlage des Menschen ist, und komme darauf zurück, dass die Kultur ihr stärkstes Hindernis in ihr findet. (VI)

  

Es sieht, wenn wir diesen Gedankengängen von Freud folgen, so aus, dass Kultur und damit der Mensch in einem Feld aus konstruktiven und destruktiven Antrieben steht, in einem Kampf, wie er sich an der Menschenart vollzieht. (in: 'Unbehagen') Aber die destruktiven Seiten sind auch die produktiven und die konstruktiven auch die zerstörerischen.

  

Anders gesagt, in den Prozessen der Kulturbildung, d.h. der Menschwerdung, entwickeln Menschen in sich Ambivalenzen, die sich in dem, was als Kultur nach außen tritt, also beschreibbar wird, wiederfinden...

Die Existenz dieser Aggressionsneigung, die wir bei uns selbst verspüren können, beim anderen mit Recht voraussetzen, ist das Moment, das unser Verhältnis zum Nächsten stört und die Kultur zu ihrem Aufwand nötigt. Infolge dieser primären Feindseligkeit der Menschen gegeneinander ist die Kulturgemeinschaft beständig vom Zerfall bedroht. Das Interesse der Arbeitsgemeinschaft würde sie nicht zusammenhalten, triebhafte Leidenschaften sind stärker als vernünftige Interessen. Die Kultur muss alles aufbieten, um den Aggressionstrieben der Menschen Schranken zu setzen, ihre Äußerungen durch psychische Reaktionsbildungen niederzuhalten. ('Unbehagen', V)

  

Die "Kultur" bietet natürlich gar nichts auf, sondern das tun Menschen. Der obige Abschnitt geht folgendermaßen weiter:

 

Daher also das Aufgebot von Methoden, die die Menschen zu Identifizierungen und zielgehemmten Liebesbeziehungen antreiben sollen, daher die Einschränkung des Sexuallebens und daher auch das Idealgebot, den Nächsten so zu lieben wie sich selbst, das sich wirklich dadurch rechtfertigt, dass nichts anderes der ursprünglichen menschlichen Natur so sehr zuwiderläuft.

  

Da das Verbot das Gehemmte aufstaut, so dass es wie eine Flut den Damm brechen kann, sind Kulturen mit hohem Verbotsniveau solche, die episodische Beschleunigungen erhalten. Aber das für sich ist gewiss zu einfach.

  

So bekommt man den Eindruck, dass die Kultur etwas ist, was einer widerstrebenden Mehrheit von einer Minderzahl auferlegt wurde, die es verstanden hat, sich in den Besitz von Macht- und Zwangsmitteln zu setzen.

 

Hier zeigt sich die ganze Schwäche von Freuds Entscheidung, Kultur und Zivilisation nicht zu trennen. Es gibt keinen Hinweis darauf, Kultur nicht als Gemeinschaftsprojekt zu sehen, es sind Zivilisationen, in denen wenige viele unterjochen.

 

Schematisch gesehen beruhen Zivilisationen auf Arbeitszwang, Wildbeuter stillen Hunger und Durst und jungsteinzeitliche Gemeinschaften produzieren Nahrungsmittel und Werkzeuge aus demselben Grund - wenngleich vielleicht "im Schweiße ihres Angesichtes". Zudem ruft gelungene kulturelle Einbindung keine Opposition hervor, denn die tradierten Bindekräfte von Kulturen sind wesentlich größer als die institutionalisierten Zwangskräfte von Zivilisationen.

 

Am Ende von 'Warum Krieg' formuliert Freud an Einstein:

Ich meine das Folgende: Seit unvordenklichen Zeiten zieht sich über die Menschheit der Prozess der Kulturentwicklung hin. (Ich weiß, andere heißen ihn lieber: Zivilisation.) Diesem Prozess verdanken wir das Beste, was wir geworden sind, und ein gut Teil von dem, woran wir leiden.


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Die Aggression leitet sich vom lateinischen aggredi ab: irgendwo hingehen, etwas unternehmen, angreifen. Ihr Gegenstück im Deutschen ist seit dem 19. Jahrhundert die dem Französischen entnommene Depression. Diese bezeichnete das Niederdrücken.

 

Physische Aggression als körperliche Gewalttätigkeit war in fast allen Kulturen überwiegend, wenn auch nicht ausschließlich Männersache. Das mag wenig mit der etwas größeren Körperkraft der Männer zu tun haben, deutlich mehr mit der Mutterschaft der Frauen.

 

Das Testosteron, welches den Männern stärkere Muskeln aufbaut, ist zuvörderst ein Fortpflanzungshormon, welches die Produktion von Spermien befördert und den natürlichen Drang nach deren Insemination in Frauen. Dies Testosteron macht aber auch physisch aggressiv. Das hindert Frauen nicht daran, ebenfalls Aggressionen aufzubauen, aber sie bleiben tendenziell stärker im verbalen Raum.

  

Aggression verläuft bekanntlich in Wellen, in denen Energie(n) aufgebaut und in der aggressiven Aktion wieder abgebaut werden. Sie ist also kein Zustand, sondern ein sich aufbauendes Potential, das sich in der aggressiven Aktion vorübergehend erschöpft.

 

In fast allen Kulturen waren die zwei häufigsten Felder legitimen und offenen Auslebens von Aggressionen (außerhalb des Bereiches der Sexualität) die Jagd und der Krieg, beide eng miteinander verwandt und beide weithin Domänen der Männer.

 

Macht, Herrschaft, Gewalt

 

Das meiste, was Gregor beschreibt, beruht auf Hörensagen und seiner Fabulierkunst, aber, falls es nicht den Tatsachen entspricht, dann ist es doch wenigstens "glaubwürdig" für Zeitgenossen, also möglich bzw. wahrscheinlich für sie. Eine bezeichnende Geschichte aus dem zweiten Buch ist folgende:

  

In dieser Zeit wurden viele Kirchen von Chlodwigs Heer geplündert, weil er bis dahin von Irrtümern besessen war. So raubten sie auch in einer Kirche neben den übrigen schönen Gegenständen für den Kult eine Urne von wunderbarer Größe und Schönheit. Der Bischof jener Kirche schickt Boten an den König und verlangt, wenn schon sonst nichts, wenigstens die Urne zurückzubekommen. Der König antwortet dem Boten: Folge uns nach Soissons, wo wir die Beute verteilen werden. Wenn das Los mir jenes Gefäß zuteilt, werde ich dem Wunsch des Vaters nachkommen.

Als sie nun in Soissons ankommen, und die ganze Beute in der Mitte aufgestellt ist, sagt der König: 'Ich bitte euch, wackere Krieger, dass ihr mir außer dem, was mir aus der Beute zukommt, noch diese Urne - auf die er wies - nicht abschlagt.' Alle, die bei klarem Verstand waren, antworteten: 'Alles, ruhmreicher König, was wir hier sehen, ist dein, selbst wir sind deiner Herrschaft unterworfen. Du magst machen, was du willst; niemand vermag deiner Macht zu widerstehen.

Als sie dies gesagt hatten, erhob ein leichtsinniger, neidischer und wenig geschliffener Soldat seine (fränkische) Doppelaxt, berührte die Urne und sagte: Nichts sollst du davon bekommen, was dir das Los nicht ordentlich zuteilt'. Darob waren alle sehr erstaunt, der König aber zwang sich, die ihm zugefügte Verletzung mit ruhiger Geduld zu ertragen und gab die Urne, nachdem er sie entgegengenommen hatte, dem Boten der Kirche. Seinen Ärger verbarg er derweilen in seiner Brust.

Ein Jahr später gebot er allen Waffenfähigen, sich auf dem Marsfeld zu versammeln, und die richtige und ordentliche Beweffnung zu überprüfen. Umgeben von allen kam er so zu dem, der auf die Urne geschlagen hatte, und sagte ihm: 'Niemand trägt hier seine Waffen so ungeschickt wie du; weder deine Lanze noch dein Schwert noch deine Axt sind zu gebrauchen'. Und er nahm seine Axt und warf sie auf die Erde. Als der Krieger sich ein wenig bückte, um sie aufzuheben, erhob der König seine Hände und schlug ihm mit seiner Doppelaxt auf den Kopf. 'So', sagte er, 'hast du in Soissons auf die Urne geschlagen'.

Der Mann war sofort tot und er befahl den übrigen, sich zu entfernen, denen er dadurch einen mächtigen Schrecken eingejagt hatte.

 

Was Gregor dann noch darunter schreibt, wirkt wie ein indirekter und nicht unbedingt abfälliger Kommentar: Viele Kriege führte er und viele Siege errang er. Im zehnten Jahr seiner Herrschaft trug er den Krieg zu den Thüringern und unterwarf sie seinen Befehlen. (Multa bella victuriasque fecit. Nam decimo regni sui anno Thoringis bellum intulit eosdemque suis diccionibus subiugavit.)

 

Gewalt und Grausamkeit? Es gibt keine Ordnung ohne Disziplin und Unterordnung, und Anarchie ging auch zu Lasten eines Bischofs von Tours. Das Frankenreich der Merowinger entstand im Krieg, und da ging es nicht ohne Gewalt und äußerste Härte ab. Spätestens in der Völkerwanderungszeit entwickelten Germanen ein Kriegerethos, Freiheit, Waffenfähigkeit und Gefolgschaft auf dem Kriegszug fallen in eins. Mit der Christianisierung wird man dann dem Kriegertum in den geistlichen Stand, ins Mönchtum oder in die Unfreiheit entkommen können.

 

Andererseits steht diese Anekdote wenige Seiten vor der Bekehrung des Königs zum Christentum. Chlodwig ist noch soweit in seinen "Irrtümern" befangen, dass er auch Kirchen plündern lässt, anstatt sie zu beschützen.

 

Wichtiger aber sind zwei Dinge: Die Macht des Herrschers beruht auf seiner (kriegerischen) Gefolgschaft, und deren Beziehung zu ihm beruht sowohl auf Unterordnung (Disziplin) wie auf Teilhabe (Partizipation). Wenn wir annehmen, dass der germanische Kriegsführer ein primus inter pares war, dann beschreibt die Geschichte eine Übergangssituation: Die "Franken" sind unter Königen sesshaft geworden, Führerschaft überdauert nun den einzelnen Kriegszug und ist insofern institutionalisiert, als sie lebenslang dauern soll. Mitsprache ändert ihren Charakter, denn sie darf nicht mehr die dauerhafte Einrichtung des Königtums in Frage stellen. J.J.E.Roy übersetzt die Charakterisierung des aufmüpfigen Kriegers u.a. mit à la tête ... moins courtisan (Grégoire de Tours, L'Histoire S. 31). Einen court, also einen "Hof", wird es vielleicht in größerem Maße erst unter Chlothar II. und Dagobert geben. Und dann wird "höfisches" Verhalten langsam eingeübt werden, zum Beispiel, dass man dem Herrscher nicht öffentlich lauthals widerspricht.

 

Die übrige Gefolgschaft verhält sich noch nicht "höfisch", sondern klug, so wie es nicht höfisch ist, dem Widersprechenden mit der fränkischen Streitaxt öffentlich den Kopf einzuschlagen. Aber wir sind unterwegs: Chlodwig ist ein begabter Herrscher, denn er kann sich selbst beherrschen. Er unterdrückt die impulsive Reaktion und inszeniert seine Bestrafung wie einen kalkulierten Staatsakt. Das wirkt wie Gerechtigkeit und nicht wie unkalkulierte Willkür aus dem Augenblick heraus.

 

So wie Gregor Chlodwig beschreibt, passt dazu seine List, ja, Hinterlist, mit der er sich fränkische Herrschaften einverleibt, wozu offenbar auch das Töten von Verwandten gehört, um Alleinherrscher in Nordgallien zu werden. Aber Gregor beschreibt das so, als ob Härte und Hinterhältigkeit allgemein unter den fränkischen Großen und bis hin zu einigen gallorömischen Bischöfen verbreitet seien, als Kampf aller gegen alle mit unterschiedlichen Koalitionen inklusive dazugehöriger Treuebrüchen.

Der Krieg und die physische Gewalt stoßen kaum auf Kritik, weder bei den zivilisierten Römern noch bei den "Barbaren", die ein besonderes Kriegerethos mitbringen. Das Christentum hat den Krieg inzwischen als Teil des irdischen Lebens akzeptiert und mit des Augustinus Doktrin vom "gerechten Krieg" in seine Welt integriert.

 

Ein fränkischer König hat eine Art Charisma und das muss sich in seiner Machtentfaltung auch erweisen. Dazu hat er Speer und Schild als Herrschaftszeichen. Er hat einen Thron, eine cathedra also, die ihn symbolisch über die anderen erhebt. Er hat einen Siegelring, den er von den Römern übernommen hat, und ganz unübersehbar hatte er langes Haupthaar, welches magische Kraft symbolisierte.

 

Dieses lange Haar abscheren bzw. ihm eine Tonsur verpassen hieß, genauso wie bei den Westgoten, soviel wie ihn absetzen. Merowinger, so sie ihre hochstehenden Gegner nicht töteten, verpassten ihnen eine Tonsur und kürzten das restliche Haar, machten sie zu Priestern oder Mönchen und damit wehrlos, ein für freie Franken zunächst demütigender Vorgang. In der Klausur des Klosters waren sie zudem so gut wie eingesperrt.

 

Der Königstitel und die Herrschaft über das Frankenreich sind im Besitz einer Familie, der Merowinger. Unter familia verstand man in römischer Tradition den kompletten Haushalt. So kann Gregor über den "bösen" König Chilperich schreiben: Rex vero, ascenso equite, Parisius est regressus cum coniuge et filia vel omni familia sua. (VI,5) Also: Ehefrau, Tochter und die ganze Familie. Nach dem Suizid von comes Palladius omnes familia voces planctus emittit (IV,39) Das waren alle Mitglieder seines Haushaltes und auch sein Gefolge.

 

Haupt der Familie war der Vater, nach seinem Tod gegebenfalls seine Witwe. Die alltägliche Verwaltung hochgestellter Familien übernahm der maior domus, später als Hausmeier eingedeutscht. Die Karolinger werden als Hausmeier merowingischer Herrscherfamilien aufsteigen.

 

Durch das Erbkönigtum entfällt die Schilderhebung durch das Heer. Stattdessen nimmt der königliche Nachfolger seinen Herrschaftsbereich durch einen "Umritt" sichtbar in Besitz. Dabei leisten die Civitates einen Eid auf ihn (Weidemann 1, S.17).

Hat ein König wie Gunthram keinen Sohn, so kann folgendes geschehen, wie Gregor beschreibt: Hierauf schickte König Gunthram zu seinem Neffen Childebert Gesandte, trug ihm Frieden an und wünschte ihn zu sehen. Da kam dieser mit seinen Großen zu ihm, und bei der Brücke, die man die Steinerne nennt, kamen sie zusammen und grüßten und küssten sich gegenseitig. Es sprach aber König Gunthram: "Es ist meiner Sünden Schuld, dass ich jetzt ohne Kinder dastehe, und deshalb wünsche ich, diesen meinen Neffen zu meinem Sohne anzunehmen." Und indem er ihn auf seinen Thron setzte, übergab er ihm das ganze Reich und sprach: "Ein Schild schirme, ein Speer verteidige uns. Und wenn ich noch Söhne bekommen sollte,, will ich doch dich gleich wie einen von ihnen halten, und dieselbe Liebe soll mich mit dir und mit ihnen verbinden, die ich dir heute hier vor Gottes Angesicht gelobe." Die Großen Childeberts aber gelobten für ihn das Gleiche. Und sie aßen und tranken zusammen und ehrten sich durch wertvolle Geschenke, dann schieden sie in Frieden. (X,5)

 

Der lebenslange König mit seinen Residenzen entwickelt Frühformen eines "Hofes" mit seinen Ämtern. Neben dem Hausmeier ist das vor allem der Schatzmeister (thesaurarius/cubicularius) und der Kämmerer (comes palatii/camerarius) als eine Art Quartiermeister, wobei ersterer als Pfalzgraf bald Vorsitzender des königlichen Gerichtes wird. (Hartmann, S.99)

Für die Schreibarbeiten entsteht eine Kanzlei, die von einem "Referendar" geleitet wird, den "Notare", also "Schreibkräfte" unterstützen.

 

Schließlich gibt es am Hof noch Ärzte, Goldschmiede, Münzmeister, Köche usw.

 

Mit der Entstehung eines solchen Hofes entsteht auch langsam eine neue Form höfischen Lebens. Neben den Amtsträgern versammelt sich dort ein engerer Kreis von Gefährten um den König, man isst und trinkt zusammen und bespricht, was anliegt. Wer aus der Oberschicht etwas auf sich hält, wird versuchen, seine Söhne in der Nähe der Königssöhne unterzubringen, damit sie gemeinsam erzogen werden. Neben den Klosterschulen für den geistlichen Nachwuchs sind das bald fast die einzigen Orte, der allgemeinen Tendenz zur Analphabetisierung zu entgehen, die im 8. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreicht. Selbst der große Karl wird des Schreibens unfähig sein.

 

Die unmitttelbare königliche Machtbasis bilden die leudes, das Gefolge, das laut einzigem überliefertem Vertrag zwischen zwei merowingischen Herrscherhäusern auf den Herrn eingeschworen wird. Als trustis bzw. "Antrustionen" gehen sie in die Quellen ein.

 

Regionalherren verliehen die Könige den Titel dux, der mit Oberaufsicht über mehrere Civitates und mit der Heeresfolge verbunden war.(H:VIII,26) In der Champagne waltete so Lupus vero dux Campanensis (H:VI,4).Der Titel leitet sich möglicherweise von den römischen Militärführern auf Provinzebene ab, wie sie seit dem 4. Jahrhundert aufkamen.

 

Ennodius wird zum Dux von Tours und Poitiers eingesetzt. Sein Vorgänger Berulf hatte offenbar die Schätze König Sigiberts gestohlen. Deshalb wollte er auch nicht abtreten, worauf Dux Rauching eingesetzt wird, um ihn und seinen Kumpanen niederzuringen, wobei auch Teile der Schätze gefunden werden.

Schließlich erhält Ennodius auch noch das "Prinzipat" für Aire und Béarn. Die Comites von Tours und Poitiers lehnen ihn ab, darauf nimmt ihm der König auch noch seine übrigen Aufgaben und er wird Privatmann (privati operis curam gerit. (H.IX,7)

 

Toronicis vero atque Pectavis Ennodius dux datus est. Berulfus autem, qui his civitatibus ante praefuerat, pro thesauris Syghiberti regis, quos clam abstulerat, cum Arnegysilo socio suspectus habetur. Qui cum hoc ducatum in supradictis urbibus expeterit, a Rauchingo duce, facto ingenio, cum satellite allegatur. (VIII,26)

Ennodius cum ducatum urbium Thoronicae atque Pectavae ministraret, adhuc et Vice Iuliensis atque Benarnae urbium principatum accipit.(IX,7)

 

Vor allem sind Duces aber Heerführer. Dux Desiderius zieht gegen die (West)Goten, und bietet dafür das Heer auf: exercitum commovit. (H:VIII,45) König Childebert schickt ein Heer nach Italien: exercitum in Italiam commovere iubet ac viginti duces ad Langobardorum gentem debellandam dirigit.(X,3)

 

Für die einzelnen Civitates sind die comes zuständig, aus denen viele Jahrhunderte später "Grafen" werden. Der Comes ist ursprünglich der "Gefährte" des Kaisers, und daraus wird später ein römischer Offizier. Der ursprüngliche Sinn ist ein wenig noch im comes stabuli (z.B. H:X,5) der Merowingerzeit erhalten, dem Aufseher über die Pferde.

Comites haben Aufgaben in der Verwaltung, leiten das Gericht der Civitas und das dortige Militär. Peonius vero huius municipii comitatum regebat. Er "regiert" also Auxerre "als Graf" (IV,42)

Wiewohl Gregor im nächsten Text extrem parteiisch ist, wird doch deutlich, dass die Macht des Comes nach unten der Ohnmacht nach oben zum König entsprach. Im Sinne des Bischofs wird der Comes Leudast vom König abgesetzt, offenbar um die Konflikte mit dem wichtigen Bischof zu reduzieren:

 

Audiens autem Chilpericus omnia mala, quae faciebat Leudastis ecclesiis Toronicis vel omni populo, Ansovaldum illuc dirigit. Qui veniens ad festivitatem sancti Martini, data nobis populo optionem, Eunomius in comitatum erigitur. Denique Leudastis cernens se remotum, ad Chilpericum dirigit, dicens: 'Usque nunc, o piissime rex, custodivi civitatem Turonicam; (Wächter der Stadt als gräfliche Aufgabe) nunc autem, me ab actione remoto, vide, qualiter custodiatur. Nam noveris, quia Gregorius episcopus eam ad filium Sygiberthi tradere distinat'. Quod audiens rex, ait: 'Nequaquam, sed quia remotus es, ideo haec adponis'. Et ille: 'Maiora', inquit, 'de te ait episcopus; dicit enim, reginam tuam in adulterio cum episcopo Berthramno misceri' (verbunden). Tunc iratus rex, caesum pugnis et calcibus, oneratum ferro recludi praecepit in carcere. (V,47)

 

Diese Stelle zeigt, dass man die anderweitigen Abqualifizierungen des Chilperich durch Gregor mit Vorsicht genießen muss. Darum ist sein folgender Abschnitt (H:V,48) über Leudast möglicherweise auch etwas einseitig.

 

...sein Vater war ... Knecht bei einem Domänenwinzer (a fiscalis vinitoris servo). Er wurde alsdann für den Dienst (ad servitium) angefordert und der königlichen Küche zugeteilt. Da er jedoch in seiner Jugend triefäugig war und den scharfen Rauch nicht vertrug, nahm man ihn vom Kochtopfe weg und brachte ihn an den Backtrog. Da tat er nun so, als ob er sich beim Sauerteig ganz wohl befände, floh aber und entzog sich dem Dienst. Als er zwei- oder dreimal wieder eingefangen worden war und man ihn nicht anders von abermaliger Flucht abhalten konnte, schnitt man ihm zur Strafe das eine Ohr ein. Er flieht zu Marcovefa, wie ihre Schwester Gemahlin von König Charibert, die ihn zum Aufseher über ihre besseren Pferde macht, als comes stabulorum. Er wird reich und nach dem Tod der Marcovefa zur Strafe für die Sünden des Volkes als Graf nach Tour geschickt. Als König Sigibert die Stadt nach dem Tod Chariberts erhält, wird er von dessen Leuten ausgeraubt und flieht in die Bretagne. Als Gregor schon Bischof von Tours ist, erobert Theudebert für seinen Vater Chilperich die Stadt. Etwas später wird Leudast wieder Comes. Nun betrug er sich so unbedacht und hochmütig, dass er selbst im Panzer und Harnisch, den Köcher auf der Schulter, einen Speer in der Hand und den Helm auf dem Haupte in das Kirchenhaus kam; dabei war er vor niemand sicher, weil er allen feind war. Wenn er zu Gericht saß im Kreise angesehener Männer, Laien oder Geistlichen, und einen fand, der einen Rechtsfall betreiben wollte, so wurde er ganz wütend und brach in Schmähungen gegen die Bürger aus; Priester ließ er in Fesseln legen, Krieger mit Knütteln schlagen...(H:V,48)

 

Der Comes wie auch der Dux sind also nicht erst Endpunkte einer Laufbahn, jeder Freie kann offensichtlich dahin aufsteigen, wenn er den König entsprechend beeindruckt.

 

Das Heer von Gunthram zieht gegen den Kronprätendenten Gundovald und den Kämmerer Eberulf. Letzterer hatte sich in eine Kirche geflüchtet. Im Auftrag des Königs soll Claudius ihn erledigen. Er bewegt einen Comes, ihm Truppen zur Verfügung zu stellen:

Regressus autem ad Dunensem castrum (Châteaudun), comitem commovit, ut ei trecentos viros quasi ad costodiendas Toronicae urbis portas adiungeret, scilicet ut, cum venisset, per eorum solatium Eberulfum possit obpremere. ...comes loci viros istos commoneret... (H:VII,29)

 

In ihrem Befehlsbereich haben also auch Comites Truppen zur Verfügung bzw. können sie ausheben. Zudem untersteht ihnen die Rechtspflege und Rechtsprechung. Der Comes ist Gerichtsherr im Comitat, damals auch noch für die Geistlichkeit unterhalb des Bischofsrangs.Er ist also für die Aufrechterhaltung der Ordnung vor Ort zuständig, weshalb Weidemann sein Truppenkontingent als "Polizeitruppe" bezeichnet (1, S. 66).

  

Comes Macco von Poitiers möchte Räubereien der Söhne des Grafen Waddo beenden und wendet sich an den König, so wie die Halunken auch: Eunte autem comite, ut debitum fisco servitium solite deberet inferre. (X,21) Tatsächlich verurteilt der König die Räuber und zieht ihr Diebesgut für den Kronschatz ein (!). Interessanter aber ist die Erwähnung, dass der Comes Abgaben einsammelt und dem König bringt.

 

Im 7. Jh. tritt zum ersten Mal ein grafio in Erscheinung, und ganz langsam wird er dann zu einem Synonym für comes. Selbstredend ist das noch nicht der Graf des späteren Mittelalters.

 

Das alles sind Vorformen von Staatlichkeit, sie bilden aber noch keinen Staat. Das Reich hängt an der Person des Herrschers, und genauso ist es mit den "Ämtern", die genaugenommen noch keine sind: Ein Graf beispielsweise erhält seine Machtbefugnis von einem bestimmten König und diese endet mit dessen Tod. Ausschließlich Beziehungen zwischen Personen konstituieren das Reich.

 

Entsprechend hängen auch Steuern und Abgaben an der Person des Herrschers. Mal wird laut Gregor Landbesitz besteuert, mal der Ertrag daraus. Für seine Unfreien muss der Herr eine Art Kopfsteuer abgeben. Zuständig dafür ist der Comes. Dann gibt es Einnahmen aus Zöllen, eingetrieben von Leuten, die einen Anteil daran für sich behalten als Bezahlung. Gerichtsstrafen landen im königlichen Schatz. Es gibt die Einnahmen aus dem Fiskalland, den Königsgütern. Und schließlich bedeuten erfolgreiche Kriege Beute, die bald ganz dem König zufällt (von Plünderungen abgesehen).

 

Herrschaft der Könige basiert also auf ihrem königlichen Besitz, dem Fiskus, auf den Abgaben der Untergebenen (die Proceres sind ausgenommen), auf der Familia, der unmittelbaren Gefolgschaft, den Leudes, auf der regionalen Folgsamkeit der Duces und Comites und der Zusammenarbeit mit den Bischöfen. In diesem Machtgeflecht tauchen bei Gregor immer wieder pueri auf.

 

Der römische puer war sowohl ein Knabe, ein Jüngling, und später im Umfeld der noblen Oberschicht auch der Page. In den Texten Gregors ist es schwer, diese für die geschilderten Ereignisse so wichtigen Leute einzuordnen.

 

König Sigibert kämpfte gegen seinen königlichen Bruder Chilperich. Dessen Gemahlin Fredegunde lässt ihn darauf umbringen:

 

Tunc duo pueri cum cultris validis (scharfe Messer), quos vulgo scramasaxos vocant, infectis vinino (vergiftet), malificati (verhext) a Fredegundae regina, cum aliam causam suggerire simularent (unter einem Vorwand), utraque ei latera feriunt (stachen ihn in beide Seiten). (H:IV,51)

 

Der bei Gregor so unbeliebte Comes Leudast lockt aus Liebe zu Königin Fredegunde zwei pueri des aufständischen Chilperich-Sohnes Merowech auf dem Lande in den Hinterhalt, erschlägt sie mit dem Schwert, und würde auch Merowech erschlagen, wenn sich die Gelegenheit böte:

Leudastis tunc comis, cum multas ei in amore Fredegundis insidias tenderit, ad extremum pueros eius, qui in pago egressi fuerant, circumventus dolis gladio trucidavit, ipsumque interimere cupiens, si repperire loco oportuno potuisset. (H:V14:)

 

König Gunthram schickt einen puer zu einer Wahrsagerin (V,14). Die Gesandtschaft Chilperichs nach Byzanz zu Kaiser Tiberius ist cum pueris (VI,2). Chilperich wird 584 auf der Jagd von einem seiner pueri im Auftrag einer Adelsgruppe erdolcht. (VI,46)

Claudius, der Eberulf umbringen möchte, wartet, bis dessen pueri abwesend sind (H:VII,29) Der Graf von Bourges schickt pueros suos aus, dass sie auch auf dem Kirchengut des hl. Martin in der Civitas Bourges den Heeresbann eintreiben: Biturigum quoque comes misit pueros suos, ut in domo beati Martini, quae in hoc termino sita est, huiusmodi homines spoliare deberent. (VII,42) Ein Kaufmann zieht cum duobus pueris Saxonibus und viel Geld heimwärts. Da er seine pueri schlecht behandelt hatte, bringen sie ihn unterwegs um.(VII,46)

 

Gregor lobt den für heutige Begriffe grausamen und hinterhältigen Chlodwig, weil er das katholische Christentum einführt und seine Herrschaft zu einem Ordnungsfaktor wird. Für seine eigene Zeit wird König Gunthram von Burgund der „gute König“, und der Gegenspieler zum „bösen“ Chilperich (Heinzelmann, 49ff). Gunthram praktiziert offenbar bereits etwas mehr förmliches Christentum und will offenbar die Bischöfe stärker in seine Herrschaft einbeziehen, bzw. "wie ein guter Priester" handeln:

 

Derselbe König aber war, wie wir oft gesagt haben, groß im Geben von Almosen, bereitwillig im Wachen und Fasten. Eine Krankheit breitet sich aus. Und der König kümmerte sich wie ein guter Priester um die Mittel, durch die die noch nicht verheilten Narben des sündigen Volkes geheilt werden könnten. So befahl er dem ganzen Volk, in der Kirche zusammenzukommen und mit größter Andacht Bittgebete abzuhalten und nichts anderes als Gerstenbrot und schlichtes Wasser zu sich zu nehmen. Er verlangte, dass sie alle bei diesen Wachen unablässig anwesend seien. Das machen die Leute auch. (IX,21)

 

Wie erfolgreich sie waren, sagt uns Gregor hingegen nicht, immerhin aber, dass das Berühren des Mantels dieses Königs schon Heilkräfte entfalten konne – wie man ihm erzählte...

 

Ipse autem rex, ut saepe diximus, in elymosinis magnus, in vigiliis atque ieiuniis prumptus erat.... Sed rex acsi bonus sacerdus providens remedia, qua cicatrices peccatoris vulgi mederentur, iussit omnem populum ad eclesiam convenire et rogationes summa cum devotione celebrare et nihil aliud in usu vescendi nisi panem ordeacium cum aqua munda munda adsumi, vigiliisque adesse instanter omnes iobet.

 

In einer Welt, in der das Gute und das Böse, das Reich Gottes und das des Fürsten dieser Welt vermischt ist, ist die Perspektive Gregors die enge Verbindung von geistlicher und weltlicher Macht, die weitere "Christianisierung" der letzeren. Das Gunthram genauso hart und brutal wie Chlodwig und Chilperich sein konnte, wird aber beiläufig doch deutlich:

 

König Gunthram entdeckt in seinem Vogesenforst die Spuren eines erlegten Büffels. Als er den Waldhüter streng dazu befragt, wer sich im königlichen Wald so etwas herausnähme, gibt der den Namen des königlichen Kämmerers Chundo an. Der bestreitet das, und die Wahrheit soll durch einen Zweikampf der beiden herausgefunden werden, für den Chundo seinen Neffen schickt. Sie sterben beide und Chundo flieht. Der König lässt ihn ergreifen und steinigen. (H:X,10)

 

Dennoch, Gregors Perspektive ist die Einbeziehung der Bischöfe in die Herrschaft einerseits und die Christianisierung weltlicher Herrschaft andererseits. Unterhalb des Königs ist der Dux Chrodin ein Musterbeispiel dafür:

 

ein Mann von ausnehmender Güte und Frömmigkeit, ein großer Geber von Almosen und ein Wohltäter der Armen, höchst freigebig gegen die Kirchen, wohltuend gegenüber der Geistlichkeit. Er richtete oft neue Höfe ein, legte dort Weinberge an, baute Wohnhäuser, bestellte die Äcker, und dann lud er Bischöfe, deren Kirchen nur ein geringes Vermögen hatten, zu einem Mahle und verteilte untersie die Häuser mit den Bauern und den Äckern, dem Silber, den Wandbehängen, dem Hausgerät, den Dienstleuten und Dienern: „All das“, sagte er, „ soll der Kirche gehören, damit sie sich um die Armen kümmert und mir daraus die Gnade Gottes erwächst.“ (H:VI,20)

   

Grausamkeit

 

Das Gewalttätigkeit per se etwas negatives sei, wird erst das Christentum einführen und selten durchsetzen. Unsere Bedeutung des Wortes "grausam" setzt sich sogar erst nach dem Mittelalter durch. Gewalt meint ursprünglich Walten, die freie Tätigkeit („Das walte Gott“). Grausam war ursprünglich alles, wovor einem graute. Unsere heutige Grausamkeit scheint oft nicht dazu gehört zu haben.

 

Gerechtigkeit wurde in letzter Instanz bei den Germanen durch die Fehde und die Rache hergestellt. Gegenstand des Streites sind Eigentum, körperliche Unsehrsehrtheit und Ehre, und das bleibt bis ins hohe Mittelalter auch so, wiewohl Herrscher und Kirche bestrebt sind, dem Fehderecht ein Ende zu setzen.

 

In Paris geriet damals ein Weib in Verdacht (ruit in crimine). Viele behaupteten nämlich, sie habe ihren Mann verlassen und ein Verhältnis mit einem anderen. Daher kamen die Verwandten des Mannes zu ihrem Vater und sagten: Beweise entweder, dass deine Tochter unschuldig ist, oder sie muss gewiss sterben, damit ihr Ehebruch nicht Schande über unser Geschlecht bringt.“ „Ich weiß,“sagte der Vater, „dass meine Tochter völlig unschuldig ist, und es ist kein Wort wahr von dem, was schlechte Menschen behaupten. Damit jedoch diese Beschuldigung nicht wieder vorkommt, will ich ihre Unschuld durch einen Eid bekräftigen“ Und jene darauf: „Wenn sie unschuldig ist, so bestätige dies durch einen Eid über dem Grab des heiligen Märtyrers Dionysius.“ So geschieht es auch, aber die Partei des Ehemannes fällt über die der Frau her und es kommt zu einem Gemetzel.. Viele wurden mit dem Schwert verwundet, die heilige Kirche mit Blut bespritzt, die Türen von Speeren und Schwertern durchbohrt und bis zum Grab selbst (des Heiligen) drangen die entsetzlichen (Wurf)Geschosse. Alle Beteiligten müssen dann Sühne leisten, bevor sie wieder in die Kirche aufgenommen werden. Die Frau aber machte nach wenigen Tagen, als sie zum Gericht (iudicium) gerufen war, ihrem Leben mit dem Strick ein Ende. (V,32)

 

Grausamkeit ist ein moralisches Verdikt, die Natur kennt es nicht und den Germanen war es offenbar auch fremd, so weit die Quellen reichen. Insgesamt scheint aber Empathie in geringerem Umfang erlernt worden zu sein als später. Was wir in den Quellen lesen, ist oft eher aggressiv durchgesetzter Gerechtigkeitssinn, der das Talionsprinzip vertritt bzw. ein Recht auf Rache. Zuviel Empathie hätte das Durchsetzungsvermögen des Einzelnen beeinträchtigen können.

 

Unser Gregor beschreibt eine Doppelwelt der Extreme im Heiligen wie im Diabolischen. Sie lassen Alltag dazwischen aus. Die folgenden Beispiele sollen also nicht den Eindruck vermitteln, sie seien alltäglich. Sie waren vielleicht nicht viel häufiger, als es heutige Sensationsberichterstattung suggeriert. Darüberhinaus müssen wir heute bedenken, dass es bei der Verbrechensbekämpfung keine Kriminaltechnik gab. Vor Gericht gab es manchmal Zeugenaussagen, vor allem aber Eide und Gottesurteile - und nicht zuletzt die Folter als - wie auch immer fragwürdiges - Instrument der Wahrheitsfindung. Die barbarischen Folterstrafen aber sind dann allerdings doch noch eine andere Sache.

 

Nachdem Gregor ausführlich alle Schandtaten seines Diakons Riculf beschrieben hat, die ihn auch selbst betrafen, so am Ende die Tatsache, dass er ihn bei Childerich verleumdet hatte, berichtet er folgendes:

   

Riculf wurde zum Tode verurteilt. Nur knapp erwirkte ich für ihn das Leben, von der Folter konnte ich ihn jedoch nicht befreien. Denn nichts, kein Stück Metall, hätte so viele Schläge aushalten können, wie dieser elendeste aller Menschen (miserrimus). Von der dritten Stunde des Tages hing er, die Hände zusammengebunden, an einem Baum. Um die neunte Stunde nahm man ihn ab, spannte ihn auf den Bock und schlug ihn mit Prügeln, Ruten und doppelten Riemen, nicht einer oder zwei, sondern so viele nur an den Körper des Armen herankommen konnten, so viele schlugen auf ihn ein. (H:V,49)

 

Auch Sunnegisil wurde wieder gefoltert und mit Riemen und Ruten täglich gepeitscht. Wenn dann die Wunden eiterten und nach Abfluss des Eiters sich eben zu schließen anfingen, wurde die Strafe erneut an ihm vollzogen. So gefoltert, legte er nicht nur ein Geständnis über den Mord an König Chilperich ab, sondern auch über verschiedene andere Verbrechen, die er begangen hatte. (H:X,19)

 

Die "Zauberinnen", die am Tod des Königssohns "schuld sind", von denen wir ebenfalls bereits hörten, lässt die Königin

teils erwürgen, teils verbrennen, teils ihnen die Knochen brechen und sie aufs Rad flechten. Der Präfekt Mummolus, der sie angestiftet haben soll, wurde auf den Bock gespannt und mit dreisträhnigen Riemen so lange gegeißelt, bis die Folterknechte müde waren; dann wurden ihm Pflöcke unter die Nägel an Händen und Füßen gekeilt. (Üb.Buchner, H:VI,35)

 

Daneben gab es, wie auch später und bis heute, eine schon aus der Natur gelegentlich bekannte Lust an der Grausamkeit. Dux Rauching, von dem wir bereits die Geschichte von den zwei Liebenden und seiner Grausamkeit kennen, wird bei Gregor so beschrieben:

 

...Rauching, ein Mann, erfüllt von jeder Form von Eitelkeit (vanitas), von Hochmut (superbia) aufgeblasen und sehr überheblich (elatio), der seine Untergebenen so behandelte, als ob er keinerlei Menschlichkeit (humanitas) in sich hätte,sondern über alles Maß menschlicher Bosheit (malitia) und Torheit (stultitia) gegen die Seinen wütete und abscheuliche Untaten beging. Wenn ein Diener (puer) beim Gelage, wie es üblich ist, vor ihm eine (brennende) Wachsfackel hielt, ließ er ihm die Beine entblößen und die Fackel solange darauf drücken, bis sie ausging. Wenn sie dann wieder angezündet war, machte er so weiter, bis die Beine des Dieners ganz verbrannt waren. Wenn der aber einen Laut von sich geben oder sich von der Stelle rühren wollte, zog er das Schwert aus der Scheide und freute sich lauthals, während jener weinte. (H:V,3)

 

Die Chronik des Fredegar belegt, dass es nach Gregors Tod so weiter geht. Chlothar II., Sohn Fredegundes, hat das Frankenreich mit Gewalt wieder geeint und lässt die Kontrahenten ermorden. Brunichilde erleidet ein besonders grausames Schicksal:

 

Er setzte sie drei Tage lang verschiedenen Foltern aus, und dann befahl er, sie zuerst auf ein Kamel zu setzen und im ganzen Heer herumzuführen und sie dann mit dem Kopfhaar, einen Fuß und einem Arm an den Schwanz eines über alle Maßen bösartigen Pferdes zu binden. Dabei wurde sie dann durch die Hufe und den rasenden Lauf in Stücke gerissen. (IV,42)

 

Schließlich sind Krieg und Bürgerkrieg von vorneherein gewalttätig und lassen Menschen zu allen Zeiten verrohen. Gundovald behauptete um 594, wohl zurecht, er sei ein Sohn Chlothars und damit zu einem eigenen Herrschaftsbereich berechtigt. König Gunthram zieht gegen ihn in den Krieg. Zur Belagerung von Comminges 585 und des Gundovald heißt es:

 

Die Belagerung dauerte schon fünfzehn Tage, als Leudegisil neue Werkzeuge zurüstete, um die Stadt zu zerstören, nämlich fahrbare Widder (plaustra cum arietibus), mit Faschinen und Bohlen gedeckt, unter deren Schutz das Heer heranrücken sollte, um die Mauern zu zerstören. Als sie aber vorrückten, wurden sie so mit Steinen überschüttet, dass alle fielen, die sich der Mauer näherten. Auch Fässer mit siedendem Pech und Fett sowie andere, die mit Steinen angefüllt waren, warf man auf sie herab. (Üb.Buchner, VII,37)

 

Gundovald wird durch Hinterlist umgebracht:

 

Als Gundovald sich erhob und wieder den Berg hinauflaufen wollte, warf Boso einen Stein und zerschmetterte ihm damit den Kopf. Da sank er nieder und verschied. Und es lief alles Volk (omne vulgus) herbei und durchbohrte ihn mit den Lanzen, sie banden einen Strick um seine Füße und schleiften ihn durch das ganze Lager des Heeres; sie rissen ihm die Locken und den Bart aus und ließen ihn schließlich unbeerdigt an der Stelle liegen, wo sie ihn getötet hatten ... . Nun wird die ganze Stadt ausgeplündert. Nachdem nun alle umgebracht waren, so dass <nicht einer blieb, der an die Wand pinkelt> (I.Sam.25,34, also männlich ist) steckte man die ganze Stadt mit den Kirchen und den übrigen Gebäuden in Brand und ließ dort nichts zurück als den nackten Boden. (VII,38)

 

Lust an Grausamkeit scheint in Menschen drin zu stecken, schon in Kindern, schon in Tieren. Das zeigen die Römer in ihren Amphitheatern, bei Zirkusspielen, deren kultischer Hintergrund wohl in der Kaiserzeit fast völlig zurücktritt. Aber sie zeigt sich auch in dem, was wir heute etwas ungenau wohl als „Sport“ bezeichnen würden, insbesondere bei den beliebten Pferderennen, bei denen auf Tier und Mensch offenbar wenig Rücksicht genommen wurde.

 

Christen waren aufgefordert, an so etwas nicht teilzunehmen, nicht nur wegen der Grausamkeit, dem absoluten Gegenteil von Nächstenliebe, sondern auch wegen dem kultischen Charakter. An dem Tertulliantext gegen diesen brutalen Amüsierbetrieb lässt sich ermessen, wie viele Christen diesen Vergnügungen dennoch in der Antike nachgingen.

 

Jahrhunderte später schreibt um 440 der fromme Salvian, der irgendwo am mittleren oder unteren Rhein geboren wurde, später in Arles lebte und dann der mönchischen Gemeinschaft auf der Insel Lérins bei Cannes beitrat, über das gerade zum vierten Mal zerstörte Trier:

 

...obwohl die ganze Stadt verbrannt war, wuchsen die Leiden noch nach den Zerstörungen. Man verbrannte, verhungerte, erfror. Überall, was ich selbst gesehen und ausgehalten habe, lagen nackte und zerfleischte Leichen beiderlei Geschlechts, die den Anblick der Stadt schändeten, von Vögeln und Hunden zerrissen. Verderben für die Lebenden war der üble Geruch der Toten. ... Und was nach diesem, so frage ich, was nach diesem allen? Wer kann die Größe dieses Wahnsinns ermessen? Wenige Adelige, die das Verderben überlebt hatten, forderten von den Kaisern Zirkusspiele , sozusagen als höchstes Trostmittel für die zerstörte Stadt. (remedio circenses) (Salvian, De gubernatione dei, 82ff, in Kaiser II, S.79ff)

 

König Chilperich, ein Christ, der auch fromme Dichtung schrieb, und den unser Gregor gerne zum Bösewicht stilisiert, ließ diese Tradition vorübergehend wieder in seinem Reich aufleben, wohl, um sich als besonders römisch kultiviert und zivilisiert darzustellen, aber natürlich mit denselben Absichten wie römische Kaiser. Das sehr römisch gebliebene Arles hielt seinen Zirkusbetrieb bis weit in die Frankenzeit aufrecht unter "Vorsitz" der Frankenkönige, wie Prokop erwähnt.

 

Ein besonderes Thema ist die christliche Askese, die man zumindest des öfteren als Autoaggression betrachten kann. So heißt es zum Beispiel vom heiligen Salvius im Kloster:

 

Aber statt sich den Brüdern zum Zwecke der Aufrechterhaltung der Disziplin (correctio) mehr zu zeigen, zog er sich, nachdem er das Amt (des Abtes) erlangt hatte, zurück. Bald suchte er sich eine noch abgelegenere (secretior) Zelle, und dabei hatte er in der vorherigen schon, wie er selbst erzählte, wegen exzessiver Abstinenz mehr als neunmal die Haut gewechselt (durch Selbst-Geißelung). (H:VII,1)

 

Ein solches Beispiel mit dem modernen Begriff Autoaggression zu belegen, ist natürlich ein gutes Stück weit ein Anachronismus, verweist es doch unter Umständen zu Unrecht auf eine massive psychische Störung. „Autos“ meint hier nicht den ganzheitlich gesehenen Menschen, sondern im Sinne eines christlichen Dualismus das „abzutötende“ Fleisch. Dennoch, Einsiedler Hospitius trug unter der Kleidung Ketten auf der bloßen Haut (H:VI,6), Senoch um den Hals und an Armen und Beinen (H: XV,1), andere ein Büßerhemd unter dem Gewand.

 

Askese ist dabei das Einüben eines Zustands der Spiritualisierung, bei dem Schmerz und Lust nahe beieinander sein oder sich sogar bis zur Unkenntlichkeit vermischen können. Wenn hier dieser Aspekt erwähnt wird, dann nicht, um mit der Lust am Zufügen von Schmerz beim anderen verwechselt zu werden. Dennoch sollte man den Aspekt der Faszination des Leidens Jesu, der Märtyrer und der Asketen dabei nicht ganz außer acht lassen.

 

Jagd

 

Der sogenannte Fredegar lobt König Chlothar II. in fast jeder Hinsicht, aber er gab sich allzu häufig der Jagd auf wilde Tiere hin und verlieh am Ende auch den Einflüsterungen seiner Frauen und Konkubinen zu leichtfertig sein Ohr. Deshalb wurde er freilich von seinen Gefolgsleuten geschmäht. (F:IV,42)

 

Die Jagd ist in Zivilisationen das Vorrecht derer, die über das entsprechende Land verfügen. Damit wird sie ausgerechnet denjenigen entzogen, die ihrer zur Nahrungsmittel-Versorgung bedürfen. Auf diesem Wege verkommt sie zum "Sport" der Großen und Mächtigen. Sport ist ein Wort, das auf das lateinische deportare zurückgeht, was "fortbringen" meint, was im Altfranzösischen zu desporter wird, aus dem Alltag herausbringen, woraus sich die Bedeutung zerstreuen, amüsieren entwickelt, und ins Mittelenglische transportiert dann zu sport verkürzt wird.

 

Wie man oben sieht, wird die Jagd als der ursprüngliche Wortsinn von Sport (Zeitvertreib) von strengeren Geistlichen mit fehlender sexueller Souveränität gleichgesetzt. Sie ist aber eben auch nicht nur reines Vergnügen (am Töten wilder Tiere), sondern, wie man später deutlicher sehen wird, zu Pferd und bewaffnet auch Einübung in den Krieg. Als solche wird sie in Erziehung junger Söhne der Großen integriert.

 

7. Die Gier und die Ordnung

 

Der Jesus der Evangelien hatte alles Begehren, welches sich nicht unmittelbar hin auf das Himmelreich ausrichtet, verurteilt. Das schaffen die meisten Christen aber nicht. So wird denn nun (wie in allem) zwischen gerechtfertigtem Begehren und der Gier als Laster unterschieden. Statt Ablehnung der Triebhaftigkeit wird eine neue Form der Kultivierung menschlichen Getriebenseins propagiert. Das einheimische Christentum setzte den fränkischen Eroberern die Moderation ihres Begehrens entgegen. Aber selbst da scheitern viele.

 

Materielle Gier

 

In der Einleitung zum fünften Buch wendet sich Gregor an die Könige. Damit kommentiert er die „Bürgerkriege“ seiner Zeit, Bruderkriege zwischen den merowingischen Herrschern:

 

Was tut ihr? Was begehrt ihr? An was habt ihr nicht im Überfluss? In euren Palästen habt ihr jeden Genuss im Überfluss, in den Vorratsräumen quillt es über von Wein, Weizen und Öl, in euren Schatzkammern häufen sich Gold und Silber. Eines aber fehlt euch, weil ihr den Frieden nicht habt, fehlt euch die Gnade Gottes. Warum nimmt einer dem anderen das Seine? Warum trachtet der eine nach des anderen Gut? (In domibus dilitiae supercrescunt, in prumtuariis vinum, triticum oleumque redundat, in thesauris aurum atque argentum coacervatur. Unum vobis deest, quod, pacem non habentes, Dei gratiam indegetis. Cur unus tollit alteri suum? Cur alter concupiscit alienum? V, Einleitung)

 

 Das Kernübel bei Gregor sind diese fatalen Begehrlichkeiten: Du König sollst Christus dienen, der du bisher der 'Wurzel alles Übels' gedient hast. (V, Einl.) Das Zitat ist aus dem ersten Timotheusbrief (6,10): radix enim omnium malorum est cupiditas. Das Grundmotiv der Handlungen des Chilperich und der Fredegunde ist die Habsucht. (siehe: Heinzelmann, S.125ff). Sie geht direkt auf die Tochter über:

 

Rigunthe aber, Chilperichs Tochter, überhäufte ihre Mutter (Fredegunde) oft mit Schmähungen und sagte, sie sei die Herrin (se esse dominam) und würde ihre Mutter wieder der Knechtschaft (servitio) überliefern (wo sie herkam); und als sie sie oft durch Schimpfreden reizte und beide sich gegenseitig mit Fäusten und Maulschellen prügelten, sprach die Mutter zu ihr: "was quälst du mich so, Tochter?

 

 

Merowingische Fibeln

 

Siehe, hier sind die Sachen deines Vaters, welche in meinen Händen sind; nimm sie und mache damit, was dir beliebt." Und sie trat in ihre Schatzkammer und öffnete eine Truhe, die war mit Halsketten und kostbaren Schmuckstücken angefüllt. Und als sie daraus lange Zeit ihrer Tochter, die daneben stand, verschiedene Stücke herausgelangt hatte, sagte sie zu ihr: "Nun bin ich müde,; streck' nur selbst deine Hand hinein und nimm heraus, was du findest." Und da jene den Arm hineinstreckte, und die Sachen aus der Truhe langte, ergriff die Mutter den Deckel der Truhe und warf ihn ihr auf das Genick. Und als sie ihn mit Gewalt niederdrückte,und das untere Brett jener so die Kehle quetschte, dass die Augen ihr aus dem Kopf springen wollten, schrie eine von den Mägden, welche drinnen war, mit lauter Stimme: "Herbei, um Gottes willen herbei, denn meine Herrin wird von der Mutter mit Gewalt erwürgt." Da drangen die, die vor der Türe standen und auf ihre Rückkehr warteten, in das Gemach, retteten das Mädchen vor dem drohenden Tode und brachten sie hinaus. Danach aber wurde der Hader (inimicitiae) zwischen ihnen immer erbitterter, und besonders deshalb, weil Rigunthe ständig Unzucht trieb, gab es fortwährend zwischen ihnen Streit und Schläge. (IX,34, Übersetzung Buchner, Gregor II, S. 289f)

 

 Es ist dies dieselbe Rigunthe, deren Mitgift für den westgotischen Prinzen aus großen Schätzen bestand, einer ungeheuren Menge Gold, Silber und Kleidern ... so groß war die Menge der Sachen, dass es fünfzig Wagen brauchte, um das Gold, Silber und den übrigen Zierat (ornamenta) zu transportieren. (H:VI,45)

 

Dasselbe berichtet Gregor aber auch aus der Geistlichkeit, insbesondere von Bischöfen, wichtigen Grundbesitzern:

Zu jener Zeit schrieb Felix, der Bischof der Stadt Nantes, einen Brief an mich voller Schmähungen (plenas opprobriis), in dem er auch anführte, mein Bruder sei nur deshalb erschlagen worden, weil er nach dem Bistum lüstern (cupidus) seinen Bischof getötet habe. Aber er schrieb dies nur, weil sein Sinn nach einem Hofe (villam) meiner Kirche stand. Und da ich ihm diesen nicht geben wollte, stieß er gegen mich, wie gesagt, wutentbrannt tausend Schmähungen aus. (V,5, Buchner-Übersetzung, Gregor I, S. 287)

 

Ein Clericus aus Le Mans betreibt Unzucht mit einer freien Frau, deren wohl fränkisch-germanischstämmige Verwandte aus Rache die Frau verbrennen und ihn einsperren:

  

Wie aber >die verfluchte Gier nach dem Geld< (auri sacra famis) die Leute bewegt, boten sie an, den Geistlichen für einen Preis loskaufen zu lassen, so, dass er entweder von irgendjemandem ausgelöst würde oder aber für seine Schuld sterben müsse. Als Bischof Aetherius davon erfuhr, gab er aus Barmherzigkeit (misericordia) für ihn zwanzig Goldstücke und entriss ihn so dem drohenden Verderben. (H:VI,36)

 

Wichtiger Beweggrund für die Teilnahme an Kriegszügen (neben der Pflicht zur Heeresfolge) war die Erwartung von Beute. Insbesondere in den Bürgerkriegen im Frankenreich wurde massiv geplündert. Über die Duces des Königs Gunthram bei Comminges heißt es, um nur eines von zahllosen Beispielen in Gregors Historien zu nennen:

Es wurde ringsum die ganze Gegend verwüstet; einige aus dem Heer, die der Stachel der Habsucht (avaritia) durchbohrte, kamen dabei zu weit ab und wurden von den Einwohnern erschlagen. (Vastabatur in circuitu tota regio; nonnulli autem ab exercitu, quos fortior avaritiae aculeus terebrabat, longius evacantes, peremebantur ab incolis. VII,35)

 

König Theuderich I., der seine Leute zum Kriegszug gegen Clermont bewegen will, wird von Gregor eine Rede in den Mund gelegt, die schon auf Napoleons Rede vor seinem Italienfeldzug verweist:

Folgt mir, und ich werde euch in ein Land führen, wo ihr Gold und Silber finden werdet, soviel eure Begierde nur verlangen kann, da könnt ihr Herden und Sklaven und Kleider in Hülle und Fülle gewinnen. (H:III,11)

 

Könige, weltliche Große und Bischöfe betrieben Schatzbildung, das heißt, sie häuften Reichtümer an, die aber nicht unmittelbar zu ihrer Vermehrung dienten, sondern vor allem gehortet wurden. Ein später Nachklang dazu ist die Geschichte vom Nibelungenschatz.

 

Der Reichtum des fränkischen (wie des westgotischen) Königs bestand in seinem "Schatz" und es ist anzunehmen, dass damals wie heute für die Menschen Macht und Reichtum zusammen gehörten. Da Könige aufgrund ihres Charisma, ihrer Aura, also aufgrund dessen, was magisch in sie hinein projiziert wurde, dem üblichen Neid der Erbärmlichen entzogen waren, war es wohl schon damals so, dass von ihnen erwartet wurde, dass sie ihre Macht in der Anhäufung eines möglichst großen Schatzes demonstrierten.

 

Gregor von Tour erzählt von einem Besuch bei Chilperich 581:

 

Ich hatte mich zum König an den Hof Nogent begeben. Er zeigte mir ein großes Stück Geschirr, das er aus Gold und Edelsteinen gearbeitet hatte, 50 Pfund schwer, und sagte: „Ich habe es angefertigt, um das Volk der Franken zu schmücken und zu veredeln. Und sollte es mir vergönnt sein, werde ich von dieser Art noch mehr machen.“ Er zeigte mir auch Goldstücke, jedes ein Pfund schwer, welche ihm der Kaiser schickte... Er zeigte mir auch noch viele andere Kostbarkeiten, die die Gesandten mitgebracht hatten. (H:VI,2)

 

Geschenke waren eine Art freiwilliger Tribut, wenn sie von weniger Mächtigen kamen, und dienten als Angebot oder der Aufrechterhaltung von Freundschaft ansonsten. Da Markt und Austausch von Waren nach dem Zusammenbruch des weströmischen Imperiums zurückgingen, wurde ohnehin das Schenken wichtiger als das Kaufen. Das entsprach auch der germanischen Tradition, die nur in geringem Ausmaß Handel kannte und vorwiegend Subsistenzwirtschaft gewesen war.

 

Zudem wurde wie von einem Stammeshäuptling anderswo erwartet, dass der König großzügig war und nicht knauserig. Sein Gefolge musste versorgt werden, seine sich langsam entwickelnde Hofhaltung, und die regionalen und lokalen Größen wurden nicht nur durch Eide und Versprechen gebunden, sondern durch angemessenes gegenseitiges Beschenken.

  

In den Bischofskirchen wurde ein Teil des bischöflichen Schatzes ausgestellt. In der Vita des Bischofs Desiderius von Cahors findet sich folgende Beschreibung, zu der passt, dass Desiderius vorher Schatzmeister König Chlothars II. (569-629) war und als Bischof in Cahors auch große Bauprojekte veranlasst:

 

Es glänzen von Edelsteinen und Gold die Kelche, hoch ragen die Sakramentstürme, es schimmern die Lichterkronen, spiegeln die Kandelaber, es prangt das Rund der goldenen Äpfel, farbig blitzen Wein- und Siebgefäß, und es fehlen nicht die Hostienschalen für die heiligen Eulogienbrote. Da stehen auch Leuchter, die große Kerzenleiber zu fassen vermögen. Über alledem blitzt, an den Bögen aufgehängt und über das Heilige erhoben, als das kostbarste das Kreuz, zugleich bunt und weiß. Das sind die Werke des Desiderius, das ist der Schmuck seiner Braut, der Eifer unseres Hohepriesters... (Berschin 2, S.57)

 

Eulogienbrote waren für die, die nicht zur Kommunion zugelassen waren.

 

 

Sexuelle Gier

 

Das Christentum sprach grundsätzlich beiden Geschlechtern die Fähigkeit zur Heiligkeit zu. In dieser Ausnahmesituation wurden also Mann und Frau „gleichgestellt“. Alltäglich änderte das zunächst wenig daran, dass die ehrbare Frau der römischen Antike insbesondere als Ehefrau auf Heim und Herd beschränkt war. Vermutlich hatten Frauen in der germanischen Welt eine etwas stärkere Stellung, was sich aber nur im Rückschluss belegen lässt.

 

Unser Gregor jedenfalls beschreibt eine männlich dominierte Welt, in der Frauen vor allem als Mitglieder des Königshauses, und dort manchmal sehr einflussreich, seltener als Frauen von Bischöfen vorkommen. Daneben gibt es aber eine bedeutende Schar weiblicher Heiliger, allerdings wiederum in der Regel aus der Oberschicht.

 

Im Prozess der Romanisierung und Christianisierung des germanischen Bevölkerungsanteils wird der weibliche Einfluss zusammengestrichen. Unter den Karolingern verschwinden sie bereits stärker aus der Öffentlichkeit.

 

Damit zusammen hängt die langsame Durchsetzung der christlichen Ehe. Zumindest merowingische Könige waren nicht monogam, sie hatten in der Regel mehrere Ehefrauen und zudem Konkubinen. Sie "nahmen" sich Frauen, eine ordentliche christliche Eheschließung wird erst noch kommen, und darum werden auch erst unter den Karolingern die illegitimen Söhne von der Nachfolge ausgeschlossen.

 

Die Ehe wird unter den Eltern ausgehandelt, und die Eheschließung findet dann in zwei Etappen statt. Zunächst kam die Verlobung mit einer Gabe des Bräutigams (dos), die der möglichen späteren Witwenversorgung diente. Zudem erhält die Verlobte einen Ring von ihm, und das Ganze wird in ein Fest eingebettet.

Dann kommt die eigentliche Hochzeit, für die die Brauteltern der Tochter eine "Mitgift" mitgeben und der Ehemann ihr nach der Hochzeitsnacht die Morgengabe überreicht.

 

Ein Extremfall, was das Eheleben angeht, ist König Chlothar I., wenn man unserem Gregor soweit glauben darf. Vor 520 heiratet er Ingunde, nach 530 geschieht dann folgendes:

 

Als er Ingunde schon zur Ehe genommen hatte und sie mit besonderer Liebe verehrte, da hörte er eine Bitte von ihr: „Mein Herr,“ sagte sie, „hat mit seiner Magd getan, wie ihm beliebte, und mich seinem Lager zugesellt. Nun höre mein Herr und König, um das Maß seiner Gunst voll zu machen, um was ihn seine Magd bittet. Ich bitte euch, bestellt gnädig meiner Schwester, die eure Sklavin ist, einen angesehenen und wohlhabenden Mann, damit ich durch sie nicht erniedrigt, sondern vielmehr erhöht werde und euch umso ergebener diene.“ Als er dies hörte, wurde er, da er allzu ausschweifend war, von Begier nach Arnegunde ergriffen, nahm den Weg zu dem Hof, wo sie wohnte, und vermählte sich mit ihr. Und als er sie zum Weibe genommen hatte, kehrte er zu Ingunde zurück und sagte: „Ich habe versucht, dir die Gunst zu gewähren, um welche deine süße Liebe mich bat. Und da ich einen reichen und weisen Mann suchte, welchem ich deine Schwester vermählen könnte, habe ich keinen besseren gefunden als mich selbst. So wisse denn, dass ich sie zum Weibe genommen habe, und dies wird dir, so glaube ich, nicht missfallen.“ Da sagte jene: “Was in den Augen meines Herrn gut scheint, das möge er tun; wenn nur deine Magd in der Gnade des Königs lebt.“ (H:IV,3)

 Das ist im Detail schön erfunden von Gregor, mag aber im Kern stimmen. Seine zweite Eheschließung lief wohl in der Form der Eheverabredung und des Vollzugs. Gregor akzeptiert sie in seinem Text als zweite Ehefrau, und das war sie wohl auch rechtlich. (Hartmann, S.53)

 

Danach heiratete er die Witwe Chlodomers, Guntheuca, nachdem er ihre Kinder umgebracht oder ins Kloster abgeschoben hatte. Dann eine Chunsina, und darauf die Radegunde. Nach dem Tod Theudowalds riss er dessen Reimser Reich an sich und heiratete dazu auch dessen Witwe Waldrada, was von der Kirche abgelehnt wird wegen zu großer Verwandtschaft ihrer beiden Ehemänner. (Hartmann, S.56)

 

Chlothars I. Sohn Charibert I. macht es nicht viel anders als sein Vater:

 

König Charibert nahm die Ingoberga zur Gemahlin (accepit uxorem), von der er eine Tochter hatte, welche später zu ihrer Verheiratung nach Kent kam (und dort die Christianisierung der Angelsachsen begann). Ingoberga nun hatte zu jener Zeit zwei Mädchen in ihrem Dienst, Töchter eines armen Mannes. Die eine hieß Marcoveia und trug Nonnentracht, die andere war die Merofledis. Der König mochte beide Mädchen sehr (amore valde detenebatur). Sie waren, wie wir gesagt haben, die Töchter eines Wollarbeiters (artifex lanariae). Ingoberga war eifersüchtig auf sie, weil der König sie liebte, und ließ einst den Vater abgesondert arbeiten, in der Hoffnung, dass der König sich ihrer schämen würde, wenn er den Vater bei der Arbeit sähe. Und als der Mann bei der Arbeit war, rief sie den König. Jener aber, der etwas neues zu sehen, erblickte ihn, wie er die königliche Wolle herrichtete. Als er das erkannte, verließ er zornig die Ingoberga und heiratete Meroflede. Er nahm auch ein anderes Mädchen zur Ehe, eine Schäferstochter mit Namen Theudechilde. (Einige Zeit später:) ...nahm er Marcovefa, die Schwester der Theudechilde, zur Ehe. (H:IV,26)

 

Das Ergebnis ist, dass ihn der Bischof von Paris schließlich exkommuniziert und er bald darauf stirbt.

 

Nun schickt Theudechilde Boten an König Gunthram und bot sich ihm zur Ehe an (se offerens matrimonio). Er lädt sie ein, mit ihren Schätzen zu ihm zu kommen, und sie kommt. Als dies der König sah, sagte er: „Besser ist es, diese Schätze bleiben bei mir als bei dieser, die unwürdig das Bett meines Bruders betrat.“ Darauf nahm er ihr vieles, nur weniges ließ er ihr, und schickte sie in das Kloster zu Arles.(s.o.)

 

Selbiger Gunthram hat zunächst eine Konkubine, eine Ehefrau, die er verstößt und dann noch eine Gemahlin. (H:IV,25)

 

Der dritte Bruder, König Sigibert, findet die niedere Herkunft der Frauen seiner Brüder verächtlich und bewirbt sich um die Westgoten-Prinzessin Brunichilde. Der Vater schickt sie ihm mit großen Schätzen. Sie wird ordentliche Katholikin. (H:IV,27)

 

Das beeindruckt König Chilperich, der um 565 Audovera verließ, um sich Fredegunde zuzuwenden, und er bewirbt sich nun um ihre Schwester Galsvintha. Dafür verspricht er, die anderen Ehefrauen zu verlassen. Sie wird von ihm mit großer Liebe bedacht, sie hatte nämlich große Schätze mitgebracht. Aber sie liegt ständig im Streit mit des Königs Liebchen Fredegunde, und so lässt er sie um 570 töten, als sie wieder nach Hause will. Nun wird Fredegunde seine Gemahlin (recipit in matrimonio). (H:IV,28)

 

Aus der Rachelust Brunichildes gegenüber Fredegunde wegen der Ermordung ihrer Schwester mag ein Kern des Nibelungenliedes stammen. Das alles, wie man nicht vergessen darf, ist Text von Bischof Gregor. Fredegunde bewirkt nun die Ermordung Sigiberts und Brunichilde kann zu ihrem Sohn Childebert II. flüchten. 584 wird Chilperich ermordet. König Guntram, Herrscher über Burgund, nimmt Fredegunde unter seine Fittiche und stirbt 593, Fredegunde 597. Brunichilde muss zusehen, wie ihre Enkel gegeneinander kämpfen. Schließlich scheitert sie beim Versuch, eine fränkische Zentralregierung aufzurichten, an Adelsinteressen, wird Fredegundes Sohn Chlothar II. ausgeliefert und brutal getötet.

 

 

Aus der Vielweiberei entstand des öfteren Eifersucht, innerfamiliärer Streit, und das konnte bis zu Kriegen führen. Nachdem der eine Sohn der Audovera den Verfolgungen des Vaters erlegen war, kommt es auch zum Konflikt des zweiten, Chlodowech, mit seiner Stiefmutter Fredegunde. Sein Vater sperrt ihn ein und überantwortet ihn Fredegunde, die ihn töten lässt. Danach lässt sie auch Audovera ermorden. Chlodowechs Schwester Basina wird ins Kloster der Radegunde gesteckt, wo sie es offenbar nur schwer aushält.

 

Geschichten von "Untreue" in der Herrenschicht enden bei Gregor oft in Gewalt, was sicher auch einen moralischen Zweck erfüllt:

Als Dux Amalo seine Ehefrau auf ein anderes Landgut (villa) geschickt hatte, um sich dort um die Wirtschaft (utilitas) zu kümmern, entflammte er (in amorem ruit) für ein junges Mädchen seines Standes (cuiusdam ingenuae). Und als er in der Nacht von Wein trunken war, schickte er Dienstboten (pueri), das Mädchen zu entführen und in sein (Ehe)Bett zu schaffen. Sie sträubte sich und wurde gewaltsam in sein Haus entführt, wobei sie sie ins Gesicht schlugen, so dass die Nase blutete und das Blut sie bedeckte, weshalb auch das Bett des Herzogs dann damit befleckt wurde. Auch er gab ihr Faustschläge, Ohrfeigen und anderes, schloss sie dann in seine Arme und wurde darauf vom Schlaf überwältigt. Sie aber streckte ihre Hand nach oberhalb des Kopfes des Mannes aus, und ergriff sein Schwert. Sie zog es aus der Scheide, und schlug damit seinen Kopf mannhaft wie Judith den des Holofernes. Er gab einen Schrei von sich, worauf die Dienerschaft (famuli) zusammenlief. Als sie sie aber töten wollten, rief er: "Ich bitte euch, tötet sie nicht. Ich habe gesündigt, der ich der Keuschheit Gewalt antun wollte....". Als er dies sprach, hauchte er seinen Geist aus. Das Mädchen flüchtet rund fünfzig Kilometer weit in eine Kirche, wirft sich dem König zu Füßen und klagt ihm ihr Leid. Er stellt sie unter seinen Schutz. Wir haben erfahren, dass durch Gottes Beistand die Keuschheit (castitas) des Mädchens in keiner Weise von ihrem wilden Entführer verletzt worden ist. (H:IX,27)

 

Im Südosten Galliens hatte ein Eulalius ... eine Ehefrau, edel ( nobilis) von seiten der Mutter, von niederem Rang durch ihren Vater. Aber er trieb es auch mit seinen Mägden (ancillae) und begann, seine Frau zu vernachlässigen. Wenn er von einem Liebchen zurückkam, verprügelte er sie oft brutal.

 

Er verschuldet sich aufgrund seines Lebenswandels und bezahlt dann mit dem Eigentum seiner Frau. Ein Virus beginnt sich für sie zu interessieren, sie heiratet ihn und nimmt das ganze bewegliche Eigentum ihres Mannes und ihren älteren Sohn mit. Eulalius erschlägt Virus. Dux Desiderius heiratet Tetradia, und Eulalius entführt darauf eine Nonne aus dem Kloster. Er begeht mehrere Morde. Schließlich gelingt es ihm, sein Eigentum vor Gericht zurück zu bekommen.(H:X,8)

 

Unter Franken von Tours brach ein heftiger Streit aus, weil der Sohn des einen den Sohn eines anderen, der die Schwester jenes ersteren zur Ehe genommen hatte oftmals im Zorn schalt, dass er sein Eheweib vernachlässige und Dirnen aufsuche. Er tötet ihn darauf und wird von der Gegenseite selbst getötet. Darauf geht die Blutrache weiter, und Fredegunde lädt die übriggebliebenen Vertreter beider Parteien ein und tötet sie, womit das Morden aufhört. (H:X,27)

 Wie man sieht, gibt es schon bei Gregor zwei zentrale Mordmotive: Die Gier nach Geld und Gut und das geschlechtliche Begehren. So wie er das darstellt, wirkt das belehrend, es zielt auf die Reduzierung dieser Gier ab.

 

 

Tracht und Kleidung, Macht und Geschlechtlichkeit

 

Durch das Mittelalter und oft noch darüber hinaus war es Sache einer kleinen Oberschicht, sich fertige Bekleidung zu kaufen oder von abhängigen Arbeiterinnen selbst herstellen zu lassen. In den meisten Haushalten wurden Stoffe aus Wolle und Leinen und dann Bekleidungsstücke selbst hergestellt. Das war Sache der Frauen, die damals noch nicht einen Beruf, sondern viele Fertigkeiten hatten, und die Bekleidung im Haus herstellen konnten, während der Mann draußen bei den Schafen für die Wolle und auf den Feldern für das Leinen beim Flachsanbau zuständig war. Später wurden Rohstoffe auch eingekauft und von den Frauen über viele Arbeitsgänge in Tuche verwandelt.

 

Das mittelalterliche Wort im deutschen Sprachraum war „Tracht“, das, was man trug, erst gegen Ende des Mittelalters wird es in der Stadt und in vornehmeren Kreisen durch das Wort „Kleidung“ abgelöst. Kleid meinte zuvor „Tuch“, und die „Kleidung“ löst sich von der „Tracht“ in dem Maße, in dem sie von schnelleren Moden abgelöst wird.

 

Tracht gibt es auf dem Dorf noch bis in die Industrialisierung der Landwirtschaft hinein, bis das Dorf also nur noch eine Größeneinheit von Siedlung ist. Heute ist Tracht kommerzialisierte Folklore, noch eine Modenarretei, nostalgisches Feierabendvergnügen usw.

 

Nach diesen Vorbemerkungen, die den Blick etwas schärfen sollen, nun zu dem, worum es mir vor allem geht: das Verhältnis von Körperlichkeit zu Bekleidung, die im Mittelalter bereits zu einem Spiel mit partieller Entblößung wird, zu einem vor allem weiblichen Machtspiel. Ich bleibe dabei vor allem in unserer Gegend, in Mitteleuropa.

 

 

Bei heidnischen Germanen und dann ins christliche Mittelalter hinein bedeckte, "bekleidete" das Tuch den ganzen Körper und in der Regel auch Arme und Beine. Zudem war bei Frauen Kopfbedeckung üblich, Mädchen trugen das Haar offen, (verheiratete) Frauen zumeist geflochten und hochgesteckt.

 

Männer und Frauen bedeckten Hintern und Scham, die Orte von Fortpflanzung und Ausscheidung so, dass sie nicht prominent hervortraten, also mit fallendem Tuch, was immer sie darunter trugen. Man konnte sich Kleidung noch gar nicht so auf den Leib schneidern, wie das im hohen Mittelalter möglich und üblich wurde. Indem Germanen dann die römische Mode übernahmen, den Gürtel nicht mehr unter einem überhängenden Stück Stoff zu verbergen, begann eine erste Form der Körpermodellierung, die zunächst die Taille zeigte. Frauen in einigen Gegenden begannen dann relativ früh, den Gürtel unter der Brust zu tragen, wodurch sich die weibliche Oberweite besser abzeichnete.

 

Das, was dann passiert, ist ein Spezifikum des christlichen Abendlandes und ein Korrelat der christlichen Versuche, den Geschlechtstrieb einzudämmen. Also: das kirchliche Gebot der Keuschheit produziert eine entsprechende Gegenreaktion. Frauen der Oberschicht begannen mit der Entblößung des Areals unter dem Hals (frz: col, woraus das décolleté entsteht), um den männlichen Blick wie den der weiblichen Konkurrenz in Richtung der Brüste zu lenken. Das betraf zunächst vor allem Frauen, die von körperlicher Arbeit befreit waren – bis auf die nicht unerhebliche des Kinderkriegens und die auch nicht unerhebliche des den Männern bei der Befriedigung ihres Geschlechtstriebes gefällig zu sein.

 

Diese bescheidenen Ansätze zur Modellierung und Zurschaustellung des Körpers bekommen ihren entscheidenden Schub durch das Erlernen des Schnitts im Hochmittelalter, also des Zurechtscheidens und Vernähens des Stoffes so, dass er nicht ungefähr die Größe nachzeichnet, sondern genau die Körperlinien. So etwas gab es auch in Gegenden Asiens.

 

Damit beginnt in großem Umfang das erotische Machtspiel der gekonnten Erregung des Begehrens, des triumphalen Auftritts des machtvollen Körpers und einer Intensivierung weiblicher Konkurrenz. Im Mittelalter wird das dann offen thematisiert und nicht verschämt verleugnet wie oft heute. Das bedeutet nicht nur den Aufstieg des Schneiderhandwerks, sondern den einer Textilindustrie, zunächst oft noch als Verlagswesen organisiert: Der Verleger-Unternehmer liefert Rohstoffe, die in Heimarbeit und später in Werkstätten zu Stoffen verarbeitet werden, und dann von ihm auf dem Markt verkauft werden. Ein anderer Verleger kauft Stoffe, liefert sie in Werkstätten und verkauft dann die Fertigwaren.

 

Anstelle der Landbestellung wird jetzt die handwerkliche Arbeit abhängig; viel später wird der Ruin vieler Handwerke das Heer der „Arbeiter“ hervorbringen, die in die Industrie gehen, die das Handwerk noch einmal ruiniert. Schon im Mittelalter geht zudem die Eigenproduktion im Haushalt zurück.

 

Neben Schmuck, Waffen und Rüstung wird Kleidung zum handwerklichen Handelsartikel, und da im Mittelalter mindestens quer durch Europa gehandelt wird, müssen solche Händler zunehmend Kapital vorschießen, dass erst bei Verkauf „realisiert“, also verwirklicht wird. Schon früh reicht das Eigenkapital nicht mehr, Kapital wird als Kredit vorgeschossen und die Kreditgeber, die Finanziers, beginnen, den Markt zu kontrollieren – genauso wie die hochmittelalterlichen Kriegszüge, die überwiegend bereits auf Pump geführt werden (im Hochmittelalter sind Ritter bereits Randfiguren, die meisten Krieger sind Söldner, was dasselbe ist wie Soldaten übrigens und im Mittelalter synonym verwendet wird. Erst seit der französischen Revolution wird Soldatentum patriotisch verbrämt.

 

Noch einmal zurück: Mann und Frau gehen im Frankenreich unter romanischem Einfluss zur Tunika über, beim Krieger kürzer und bei der möglichst Schönen länger. Römisch ist auch das sichtbare Tragen des Gürtels, der bei den Franken früher unter einer Gewandfalte versteckt war. Unrömisch sind die Hosen und und die Hosenbänder, mit denen sie bis zum Knie geschnürt wurden. Die Schuhe waren aus einem Stück Leder, das oben zusammengebunden wurde – zum Bundschuh. (Die Unterwäsche bestand aus ebenso langer Hose und ähnlich geformtem Unterhemd, soweit man das noch rekonstruieren kann).

 

Fränkische Frauen hatten, bevor sie zur römischen Mode übergingen, ein Kleidungsstück aus einem Stück gewebten Stoff, welches zusammengehalten werden musste, oben zuerst an der Schulter. Zu diesem Zweck gab es eine Art Sicherheitsnadel, die unter einer runden, tierförmigen oder bügelartigen Fibel versteckt wurde. Solche Fibeln wurden mit der römischen Mode überflüssig zum Zusammenhalten des Textils, wurden aber sehr lange weitergetragen, und zwar einmal als Schmuckstücke, aus denen sich dann später die Broschen entwickelten, und zum anderen als Applikationen am Gürtel oder in der Nähe des Gürtels. Männer und Frauen trugen keine Handtaschen, sondern hatten die Taschen an einem „Gehänge“ befestigt, welches meist aus mehreren Schnüren bestand. Außer Taschen wurden bei Frauen daran auch Amulette befestigt, Behälter für Heilkräuter und diverser Schmuck.

 

Jede Frau, die etwas auf sich hielt, trug zwei solche Gehänge, woran man noch eine schmucke Fibel befestigen konnte, um es zu halten. Das zweite saß in der Mitte auf dem Bauch und baumelte so zwischen den Beinen. Ordentliche Römer, und das waren bald nur noch die Oströmer, fanden das alles skurril und lächerlich, wie sie schrieben.

 

Dazu leisteten sich Frauen auch noch einen Überwurf als Mantelart über der Tunika, und dieser Überwurf wurde ebenfalls mit einer Fibel befestigt, in der Spätzeit der Franken war das bei Wohlhabenden eine große runde Fibel, ein Prachtstück sozusagen.

 

Eine Frau trug also (vielleicht nicht bei der Arbeit und nur, wenn sie wohlhabend war) zwei Bügelfibeln und zwei Rundfibeln, möglichst versilbert oder vergoldet und mit Halbedelsteinen besetzt. Darüber hinaus Schmuck am sogenannten „Gehänge“. Dazu Ketten aus bunten Glasperlen, wenn sie nicht so reich war.

 

Auf die Dauer, unter den Karolingern, wird es zwei parallele Gründe geben, solche enormen Werte nicht mehr in der Erde zu vergraben: Offiziell heißt es, dass Christen ohnehin nichts ins Himmelreich oder die Hölle mitnehmen können. Tatsächlich dauert es lange, bis die Leute das glauben. Sie produzieren also nun wertlosere Kopien ihrer Tracht samt Schmuck und Waffen, und nehmen die dann doch unter die Erde mit.

 

Inoffiziell dauert das Begehren nach Macht und die Eitelkeit natürlich weiter, aber nun gilt es als Verschwendung, die Marktwerte zu vergraben. Stattdessen spendet man an Kirchen und Klöster, um sich so das Himmelreich ein wenig zu erkaufen. Damit verlagert sich immer mehr Hortbildung in die Kathedralkirchen und Klöster. Ausgerechnet die sich auf Jesus berufende Religion sammelt nun Schätze an und stellt sie manchmal auch aus.

 

 

Fressgier und Trunksucht

 

In integralen Kulturen sind Essen und Trinken Notwendigkeiten, mit ihnen werden Hunger und Durst gestillt, in Notzeiten im heutigen Wortsinn auch "gierig". Schon im Rom der Kaiserzeit werden bei den Wohlhabenderen Fressgier und Trunksucht ausführlich thematisiert. Auch in dieser Beziehung herrscht Kontinuität, wenn man Gregor glauben kann: Der böse König Chilperich war dem Trunke ergeben (H:VI,46)

 

Über den bösen Parthenius heißt es wie als Nachruf nach seiner Steinigung:

Fuit autem in cibis valde vorax, sed quae sumebat, quo caelerius ad manducandum commoveretur, sumpto aloae, velociter digerebat; sed et strepidus ventris absque ulla auditorium reverentia in publico emittat. (III, 36)

 

Er isst also schnell (gefräßig) und nimmt Aloe zu sich, um auch viel essen zu können. Auch ließ er öffentlich ohne alle Scheu vor den Anwesenden Winde fahren. Soviel nur am Rande: Tatsächlich wissen wir sehr wenig über die Tischmanieren der Übergangszeit zwischen Antike und Frühmittelalter, können aber an diesem Beispiel erahnen, dass sie so "schlecht" nicht waren, sonst hätte Gregor das hier nicht erwähnt.

 

Gegenposition: Heiligkeit und Vernunft

 

Das Christentum war am Anfang eine Gegenwelt in der Welt. Am konsequentesten bleibt das so im Mönchtum, aber in der gallischen Kirche zwischen Spätantike und Frühmittelalter ist davon noch einiges erhalten. Da sind die Positionen der Friedfertigkeit, Gewaltfreiheit, jener Nächstenliebe, die Dienst an den Armen und Schwachen ist und einen Ausgleich zwischen reich und arm anstrebt. Mag die Praxis dem des öfteren auch nicht gerecht werden, und mag die Macht der Kirche auch immer wieder an der des Schwertes und des Dolches Grenzen finden, so gibt es doch Festlegungen, die tausend Jahre später oder gar heute undenkbar wären.

 

511, kurz vor seinem Tod, beruft Frankenkönig Chlodwig eine Art Konzil nach Orléans ein. Unter den Beschlüssen ist auch folgender überliefert:

 

Bezüglich der Totschläger, Ehebrecher und Diebe, wenn sie in die Kirche flüchten, bestimmen wir, dass beachtet werden soll, was die kirchlichen Bestimmungen festlegen und das römische Recht festsetzt: dass es keinesfalls erlaubt sei, sie aus den Vorhöfen der Kirche oder aus dem Haus der Kirche oder dem Haus des Bischofs wegzuführen; sondern sie sollen nur übergeben werden, wenn sie durch auf die Evangelien geleistete Eide vor dem Tode, der Verstümmelung und aller Art Strafen sicher sind, und zwar in der Weise, dass der Verbrecher sich mit demjenigen, gegen den er sich vergangen hat, über einen Schadensausgleich einigt. (Kaiser II, S.95)

 

Die damaligen Bischöfe entstammten alle der römischen Oberschicht, und darum war diese substantielle Festlegung an ihrem Recht orientiert, und nicht an den germanischen Rechten der Franken, Burgunder, Westgoten usw., die damals noch nur für diese galten. Im übrigen waren zu dieser Zeit viele (germanisch-stämmige) Franken noch „Heiden“, es war eher ihre Oberschicht, die gerade christianisiert wurde.

 

Damals aufgeschriebenes Recht der germanischen Volksgruppen kannte im wesentlichen Geldstrafen bzw. Strafen in Naturalien. In der Praxis übten die Freien bis ins Hochmittelalter die Blutrache, an der ihre Ehre hing. Daher kommt die Erwähnung von Tod und Verstümmelung als „Strafe“.

 

Das hier wieder einmal formulierte Kirchenasyl, welches es schon länger gab, beschreibt in eklatanter Weise den insulären Raum der Kirche in der Gesellschaft. Dieser ist ein Raum frei von allen weltlichen Gesetzen und Traditionen, ein wenigstens theoretisch gewaltfreier Raum des Friedens: In die Kirche durfte man nicht in Waffen. Wenn es den Mächtigen wichtig genug war, wurde dies Gebot allerdings gebrochen und man stürmte mit gezückten Schwertern, Dolchen und Streitäxten in den Kirchenraum und tötete.

 

Das zentrale Wort neben dem Asyl ist der „Schadensausgleich“. Das weltliche Recht forderte die Strafe, die Tradition die Rache. Der Schadensausgleich, seit kurzem für mindere Angelegenheiten auch bei uns wieder im Kommen, ist der Versuch der gewaltfreien Schlichtung im Nachhinein.

 

Nächstenliebe und Feindesliebe waren bekanntlich für frühe Christen Kriterien für Heiligkeit. Heilig wurde man damals nicht von der Kirche gesprochen, sondern durch das öffentliche Ansehen, das man genoss. Im Jahrhundert nach Christus galt überhaupt jeder fromme Christ als „heilig“. Das hieß aber: leben gegen die weltliche Wirklichkeit und die Gebote der Mächtigen. Das bedeutete zum Beispiel den Versuch von Gefangenenbefreiungen und den Kampf gegen körperliche Strafen. Genovefa, eine Frau der Pariser Oberschicht des 5. Jahrhunderts, wurde unter anderem für heilig angesehen, weil sie sich unermüdlich und gelegentlich erfolgreich um die Befreiung von Kriegsgefangenen aus fränkischer Haft und Versklavung bemühte.

 

Andere „Heilige“ versuchten, Hinrichtungen auch von Schwerverbrechern zu verhindern, was gelegentlich bei Richtern, nicht unbedingt aber beim „Volk“ auf Sympathien stieß. Da wurde von Heiligen schon mal nachgeholfen, damit jemand beim Hängen nicht stranguliert wurde. Wenn er überlebte, konnte man ihn nicht mehr erneut für sein Verbrechen bestrafen.

 

Die heilige Genoveva (um 420-502), reiche Tochter eines germanischen Edlen in römischen Diensten (Hartmann, S23) befreit zur Zeit Childerichs in ihrer Heimatstadt Paris Gefangene und rettet sie vor der Hinrichtung: ...regem consecuta, ne vinctorum capita amputarentur, obtenuit (Vita Genovefae, 26) Wenn sie Chlodwig bat, Gefangene besonders aus ihrem Geburtsort Nanterre freizulassen, tat er das. Bei einer Hungersnot besorgt sie Getreide von außerhalb für die Bevölkerung.

 

Über den heiligen Salvius heißt es für die Zeit um 576: Als einst zu seiner Zeit der Patricius Mummolus viele Gefangene aus der Stadt fortschleppte, folgte er ihm nach und löste sie alle aus: Cuius tempore cum Mummolus patricius multos captivos ab ea urbe duxisset, prosecutus ille omnes redemit. (VII,1)

 

In der Vita des Bischofs Eligius von Noyon heißt es:

 

Pilger und Mönche eilten zu ihm, und was er erwarb, gab er ihnen zum Almosen oder verwandte es zum Loskauf von Gefangenen... Wo er nur hörte, dass ein Sklave zum Verkauf stehe, eilte er voll Barmherzogkeit hin, zahlte das Geld und befreite den Gefangenen, zuweilen bereite er aber auch einen ganzen Haufen, bis zu hundert Seelen, so wie sie aus dem Schiff kamen. Männer und Frauen aus allen Völkern, Römer, Gallier, Britannier, auch Mauren, vorzüglich aber Sachsen, welche zu jener Zeit häufig wie Herden ihrer Heimat entrissen und nach allen Seiten verkauft wurden. (Hartmann, S.137)

 

Zum Urchristentum gehörte die Besitzlosigkeit, was Gemeineigentum bedeutete. Das Kloster hält daran fest, und im 'Leben der Juraväter' wird interessanterweise dabei auch der inhärente Widerspruch zwischen Gemeinschaft und Eigentum betont:

 

Eine eigene Zelle. Einen Schrank oder ein kleines Kästchen besaß dort keiner.Keinem war auch Gelegenheit gegeben, in irgendeiner Weise zum eigenen Gewinn zu arbeiten. Selbst Nadel und Leinenfaden zum Nähen und Flicken waren für alle gemeinsam. Aufs sorgfältigste nahm er (der Abt) so den Brüdern jede Gelegenheit zur Sünde. Bei allen Arbeiten blieb für alle nur der eigene Besitz: das Lesen und das Beten. Im Übrigen weiß die ganze Brüderschaft wohl, was ich sage: Im gemeinsamen Klosterleben fehlt es niemals an den mächtigsten Antrieben zum Irren und Fehlen, solange dort nicht auch der geringste Eigenbesitz ausgeschlossen ist. (in: Hartmann, S.141)

 

Die Kirche nimmt dagegen hin, dass die meisten Menschen nicht auf Eigentum verzichten wollen. Das Problem mit dem Gemeineigentum ist, dass es Gegenstand von Debatten und Streit ist, wo nicht autoritäre klösterliche Strukturen herrschen. Eigentum schafft Ordnung.

 

Aber die Kirche wendet sich massiv gegen eine zu ungleiche Verteilung von Eigentum. Als Korrektiv empfiehlt sie das Geben von Almosen und die Spenden an die Kirche. Diese hatte die Armenfürsorge aus dem Gedanken der Nächstenliebe (Caritas) und als Erbe vom römischen Kaiser und den Stiftungen der römischen Oberschicht übernommen.

 

Zu diesem Zweck führte jede Kirche eine matricula, in der die Armen der Gemeinde eingetragen waren, zu deren Versorgung die Kirche verpflichtet war, und die ihren größten Ausgabeposten darstellten Zu diesem Zweck gab es einen Raum bei der Kirche (Weidemann 1, S.347f). Dann gab es in manchen Gemeinden xenodochia, also Armenhäuser (wörtlich: Fremdenhäuser), die nicht zuletzt auch von „frommen“ Spenden getragen wurden.

 

Um 675 schreibt der von seinen Gegnern in das Frauenkloster Fécamp eingesperrte Bischof Leodegar von Autun an seine ebenfalls in einem Kloster eingesperrte Mutter:

 

Keine Tugend ist vollkommener als die Feindesliebe, durch die wir Kinder Gottes werden... Und wenn es Menschen gibt, die die perversitas vitae von unserer Gemeinschaft scheidet, so sind sie doch Geschöpfe Gottes nach ihrer Bestimmung nicht zu hassen, sondern zu lieben. (Ewig, S.168)

 

Heiligmäßiges und nicht bloß nominelles Christentum war Überwindung, und die wohl heftigste und seltenste bestand in solcher Feindesliebe, die zutiefst der "Natur" des Menschen widersagt. Diese Gegenwelt einer kleinen christlichen Minderheit verlangte Schutzräume, und diese wurden gelegentlich mit Immunität und Exemtion von der weltlichen Gewalt privilegiert. Die Immunität befreite von Abgaben an den König und die Exemtion aus der Befehlsgewalt des Bischofs.

 

Gewissen: Gott aber, dem die Geheimnisse des Herzens (arcana pectoris) offenbar sind, weiß, ... (H:VII,22) In der Anmerkung 4, S. 115, Band II der Darmstädter Ausgabe gibt es die Information, das die Arcana pectoris ein „Modewort der Zeit“ seien und er gibt dort Beispiele.

 

Das Gewissen (conscientia) ist eine späte koiné-griechische Erfindung als syneidesis, Mitwisserschaft. Jede Missetat hat einen verinnerlichten Mitwisser, was nichts anderes bedeutet als den institutionalisierten inneren Konflikt, wie ihn dann die griechische Tragödie rationalisiert.

Die Banalisierung des Tragischen im lateinischen Raum (nach Euripides bis Lukan) bahnt den Weg hin zum christlichen Gewissen, welches im Althochdeutschen als Bewussstsein auftaucht und christianisiert idealiter zum Schuldbewusstsein in Permanenz wird, das auf der unausweichlichen Sündhaftigkeit des Menschen beruht.

 Bevor ein gewisses Maß an Verinnerlichung dieses Sündenbewusstseins wenigstens bei den etwas Heiligeren gelingt, geht den etwas abstrakteren Gedankenkriegen mit Gefühlsnachdruck das Bildhafte voraus, und zwar in den mannigfaltigen Visionen, ungeheuer intensiven Phantasien von Himmel, Gott, Engeln usw. Neben die sich ausweitende Trennung von eigentlich und wirklich, von Begriff und Wirklichkeit tritt die von Sollen und Wollen, und Visionen enthalten vorläufig vor allem Ratschläge, Aufforderungen oder Befehle aus der himmlischen Sphäre.

 

Aus den Berichten erschließt sich eine erhebliche Intensität solcher Phantasien, die mit deren enormer Macht verbunden ist. Die in Urzeiten begonnene Trennung in Traumwelt und Wirklichkeit wird kirchlich unterstützt ein wenig zurückgenommen und durch keuschen Lebenswandel, insbesondere durch Askese und ein meditatives Leben verstärkt.

 

Überhaupt implementiert das kirchliche Christentum mit seinen philosophischen Anleihen antike Vernunftgedanken in die germanische Welt. Die ratio ist " ein Begriff, der in den Historien auch sonst immer wieder synonym mit ."Regel/Norm der christlichen Gesellschaft" gebraucht wird ...".(Heinzelmann, S.86). Dabei muss man allerdings wohl zu allen Zeiten zwischen der "Vernünftigkeit" der oberen Kreise der Kirche und dem Volksglauben unterscheiden.

 

Vernünftigkeit heißt aber das Verständnis der Welt aus Ursache und Wirkung aus, Absicht, Zweck und Mittel. Gregor schreibt eine solche Geschichte kausaler Zusammenhänge, oberste Verursacher sind Gott und der Teufel. Nichts dokumentiert diese kirchenchristliche Position besser als folgender Passus aus dem Pariser Edikt von 614: Verbessert werden sollen die Dinge, die contra rationis ordinem acta vel ordinata sunt...

 

Die Vernünftigkeit kirchenchristlicher Vorstellungen erwächst aus der Kritik der Wirklichkeit und dem Ziel der "Vergeistigung". Ziel ist der Ersatz materieller Werte durch "Klerikalisierung der Gesellschaft" (Heinzelmann, S.153): Gregor fordert minima cupiditas (H:VII,1)und schimpft über Auri sacra famis: die verfluchte Gier nach Gold (H:VI,36)

 

Der Kleriker ist eigentumslos, die Kirche verwendet Geld für die Armen, also sollte man zur Eigentumsumverteilung der Kirche spenden:

 

Als nämlich Fredegunde, Chlothars Mutter, seinen hoffnungslosen Zustand gesehen hatte, versprach sie der Kirche des heiligen Martin eine große Summe Geldes, und deshalb fing der Knabe an zu genesen. (H:X,11)

 

"Die zentrale Idee von Gregors Gesellschaftskonzept meint die totale Einbeziehung der Bischofskirchen in alle Bereiche staatlicher Aktivität, zumindest auf der Ebene der Civitas. Das Modell solcher kirchlicher Partizipation an der Macht ist im Edikt Gunthchramns von 585 so deutlich vorgegeben, als ob Gregor selbst dem König die Feder geführt hätte: Ausgehend von einem jeweiligen göttlichen Auftrag zur Herrschaft für die Könige und zur sittlichen "correctio" für die Bischöfe werden die letzteren vom rex aufgefordert, unter Beteiligung von höheren Klerikern und örtlichen Staatsbeamten (...), deren Auswahl aufgrund ihres sittlichen Lebenswandels den Bischöfen überlassen wird (!), die Vergehen des Volkes durch "canonica severitas" und - bei Nichtbeachtung - durch "legalis poena" zu ahnden; sonst sei das göttliche Strafgericht für alle, insbesondere aber für den König selbst, zu erwarten." (Heinzelmann, S.165f)