ANHANG 5: DIE ZEIT DER MEROWINGER

 

 

Das Ende Westroms und die Nachfolge-Reiche

Nachantike und Anverwandlung oder frühes Mittelalter (Gelduba / Volk und Stamm)

Merowinger von Childerich bis zu den Söhnen Chlotars

Gregor von Tours und seine Welt (König und "Ämter" / Grausamkeit / Kirche / Kloster / Das Volk / Berufe / Unfreiheit / Die Gier und die Ordnung)

Von Chlothar II. bis zu den Hausmeiern

Christentum und Kirche im 7. Jh.

Iroschottische Mission

Städte im Norden (Trier)

Das Land

 

 

284-305 Diokletian

306-337 Konstantin

358 Salische Franken in Toxandrien

451 Aetius mit Franken gegen Attila auf den Katalaunischen Feldern

456-482 Childerich hintereinander verbündet mit Aegidius, Paulus und Syagrius

482-511 Chlodwig

486 Sieg Chlodwigs über Syagrius

bis 494 Chlodwigs Reich bis zur Loire ausgedehnt

um 498 Chlodwigs Taufe

506 Clodwig besiegt die Alemannen

Um 510 Chlodwig integriert das Kölner Frankenreich

511 Fränkisches Reichskonzil in Orléans Reichsteilung: Theuderich (Reims, Osten), Chlodomer (Orléans, Loire), Childebert (Paris, Westen), Chlothar (Soissons, Norden)

524 Tod Chlodomers

531 Theuderich erobert Thüringen

532 Eroberung Burgunds durch Chlothar und Childebert

533 Tod Theuderichs, Nachfolger Theudebert im Ostreich (533-47)

537 Erwerb der Provence für Childebert

540 Chlothar heiratet Radegunde

555 Chlothar erbt das Ostreich, 558 von Childebert den Westen

561 Tod Chlothars, Erneute Vierteilung des Reiches: Charibert (-567 in Paris), Gunthram (-592 in Orléans), Sigibert (- 575 in Reims, Champagne, Osten), Chilperich (-584 in Soissons)

566 Heirat Sigiberts mit der westgotischen Brunhilde

567 Tod Chariberts, Aufteilung seines Reiches unter den Brüdern, Dreiteilung in Austrasien, Burgund und Neustrien

568 Heirat Chilperichs mit Galswintha

568 Einwanderung der Langobarden in Italien

569/70 Chilperich lässt Galswintha ermorden und heiratet Fredegunde. Deren Konflikt mit Brunhilde

575 Ermordung Sigiberts, Chilperich bringt Brunhilde in seine Gewalt und erbt sein Reich

Gregor beginnt seine Historien.

581 Childebert II., Sohn Sigiberts, zum König erhoben. Chilperich setzt seinen Neffen Childebert zum Erben ein.

584 Chilperich in Chelles ermordet Chilperichs Sohn Chlothar II. als Erbe Neustriens anerkannt

585 Tod des aquitanischen Prätendenten Gundowald

Brunhilde und Childebert in Austrasien und Burgund gegen Chlothar II. und Fredegunde.

596 Regentschaft Fredegundes nach dem Tod Childeberts für ihre Enkel Theudebert II. und Theuderich II. Theudebert II. erhält dann Austrasien, Theuderich II. Burgund.

600 Chlothar II. von den Brüdern besiegt, die dann gegeneinander kämpfen und sterben. Bischof Arnulf von Metz und Pippin d.Ä. unterstützen Chlothar II. gegen Brunhilde

614 Pariser Edikt: Reichseinigung unter Chlothar II.

 

Das Ende Westroms und die Nachfolgereiche

 

In Britannien machen sich nach und nach die Angelsachsen auf den Weg zu einem Nachfolgereich. Das Visigotenreich in Südwestgallien mit der Hauptstadt Tolosa (Toulouse) ist zwar noch formal ins Imperium eingegliedert, aber in seinen Entscheidungen selbständig. Die Sueben und Vandalen im Westen der iberischen Halbinsel sind noch unabhängiger. Der Einfluss des Westimperiums beschränkt sich langsam immer mehr auf Italien.

Die Entwicklung fasst Reinhold Kaiser mit Demandt so zusammen: „Das Römerreich löste sich (...) auf, weil die Abwehr der äußeren Angriffe scheiterte und weil die Integration und Assimilation von kulturell eigenständigen Gruppen nicht gelang.“ (S.48) Was fehlt sind die Kosten, welche das Militär erfordert und der Preis, der für die despotischen Strukturen zu zahlen ist.

 

Nach dem Tod des Honorius ist Theodosius II. in Konstantinopel Herr des Gesamtreiches. 425 wird der kleine Valentinian in Rom Augustus. Mutter Galla Placidia ist Regentin. Die Machtausübung im Osten nimmt immer "byzantinischere" Züge bei weiter anhaltenden innerchristlichen Konflikten (z.B. Kyrill versus Nestorius) an.

Von nun an wird hier Ostrom nur noch in seinem Bezug zum Westen behandelt werden. Es fällt aus jener abendländischen Entwicklung heraus, die hin zum Kapitalismus führen wird.

 

Das römische Gallien, zunehmend unter Heerführern aufgeteilt, wird wirtschaftlich, politisch und kirchlich vorwiegend von senatorischen Aristokraten kontrolliert, die - soweit sie ihm noch nachkommen - den Steuerdruck nach unten weitergeben. Darunter leiden die noch freien Bauern, die verarmen und sich unter den Schutz von Patronen begeben müssen. Kolonen und Sklaven fliehen und reihen sich in Räuberbanden ein (Stichwort Bagauden). Salvian von Massilia beklagt diese verheerenden Zustände am Beispiel des überfallenen Triers:

...obwohl die ganze Stadt verbrannt war, wuchsen die Leiden noch nach den Zerstörungen. Man verbrannte, verhungerte, erfror. Überall, was ich selbst gesehen und ausgehalten habe, lagen nackte und zerfleischte Leichen beiderlei Geschlechts, die den Anblick der Stadt schändeten, von Vögeln und Hunden zerrissen. Verderben für die Lebenden war der üble Geruch der Toten. (De gubernatione Dei)

 

Die Visigoten dringen überfallartig bis nach Narbonne und Arles vor. 425 geht das gallische Heermeisteramt an Aetius über. Der versucht die Macht in Italien zu ergreifen, scheitert und flieht zu den Hunnen, deren Unterstützung er nun sucht. Dann kehrt er zurück und wird zum Heermeister des Westreiches und Patricius. Er wendet sich weiter gegen Rheinfranken und nun auch die salischen Franken.

 

Als Gundahar/Gundichar versucht, sein Burgunden-Reich in die Gallia Belgica auszudehnen, wird er 435 von Aetius und seinen hunnischen Truppen geschlagen.

Um 443 wandern die restlichen Burgunden um den Genfer See und in das Gebiet der Sabaudia, etwas nördlich des heutigen Savoyen, ab, wo sie ein neues Reich begründen, und die alte Reichsgrenze gegen die Alamannen behaupten. 451 werden wir sie auf der Seite des Aetius im Kampf gegen die Hunnen finden, bei denen möglicherweise ein anderer burgundischer Trupp mitkämpft. Sie lösen sich dann als Königtum aus dem Imperium Romanum, dessen Strukturen zunächst teilweise übernehmend in einem Nebeneinander von römischem und burgundischen Recht.

 

Die gallischen Bagauden unterwirft Aetius auch durch die Ansiedlung germanischer Volksgruppen. Der Visigote Theoderich schließt mit dem römischen Vertreter Avitus Frieden.

 

445 wird Attila Alleinherrscher der Hunnen von der (späteren) Ukraine bis zum heutigen Ungarn. 451 marschiert er nach Westen bis Metz und Orléans. Aetius vereint seine Truppen mit dem Heer der Westgoten und Einheiten der Burgunder, Franken und aus Aremorica (später die Bretagne). Auf den Katalaunischen Feldern wird Attila geschlagen und zieht sich nach Ungarn zurück. Theoderich stirbt und es soll weit mehr als hunderttausend Tote gegeben haben, also unzählig viele.

 

Ins zukünftige England dringen nun immer mehr Angelsachsen ein. Inzwischen haben die (arianischen) Vandalen längst unter Geiserich nach Afrika übergesetzt (429) und die Sueben beginnen, ihr Reich zu vergrößern. In Afrika haben die Vandalen immer wieder die Möglichkeit, Rom von der Getreidezufuhr abzuschneiden, welches dann auf die Produktion von Sizilien und Sardinien zurückgreifen muss.

Inzwischen residiert Valentinian III. in Ravenna und geht dann nach Rom. In Ostrom erhebt sich der Monophysitismus (nur eine Natur Christi), der erst 451 auf einem Konzil zu Chalcedon verurteilt wird. Bischof Leo macht deutlich, dass die Petrusstadt Zentrum der Christenheit sei, womit er seine päpstliche Rolle fundiert. 452 reist er zu Attila, um diesen von der Eroberung Roms erfolgreich abzuhalten. Der Hunnenführer stirbt bald darauf und sein Volk zieht sich ans Schwarze Meer zurück.

 

Valentinian ermordet 454 Aetius, was dessen Gefolgsleute mit der Ermordung des Kaisers rächen. Die vielen kurzlebigen Westkaiser, die nun folgen, sind zunehmend machtloser und sterben oft keines natürlichen Todes mehr.

455 fallen die Vandalen unter Geiserich in Italien ein und plündern Rom vierzehn Tage lang auf das Schlimmste. Römer beginnen, die alten Monumente als Steinbruch zu benutzen. Ein Jahr später fallen Vandalen in Sizilien ein. Ein von Kaiser Maiorian betriebener Versuch, das Vandalenreich zu besiegen, scheitert schon im Ansatz, wie dann auch ein Krieg Ostroms gegen dieselben. Bis 461 ersetzt Papst Leo kaiserliche Funktionen in Rom und Italien.

 

Das tolosanische Visigotenreich steht unter Eurich auf der Höhe seiner Macht und erobert immer größere Teile Hispaniens, dringt bis zur Loire und in Richtung Rhône vor. Inzwischen steigt ein Frankenreich unter Childerich (s.u.) auf und begrenzt die visigotische Expansion nach Norden.

 

475 macht der Diplomat und Heerführer Orestes seinen noch recht jungen Sohn als Romulus Augustus zum Kaiser. Laut Prokop revoltiert die Armee, die bezahlt werden möchte. 476 tötet der Offizier Odoaker Orestes und schickt seinen Sohn in Pension in den Süden. Noch einmal versucht er mit imperialen Truppen dem Reich eine Ordnung zu geben und Frieden herzustellen. Ostkaiser Zenon verbindet sich mit dem Ostgoten Theoderich, der für ihn Italien zurückgewinnen soll.

 

Als aber nun die neuen Reiche die Funktionen des Westkaisers jeweils für ihre Territorien übernehmen, ist es nur plausibel, das Amt des immer machtloseren Westkaisers dort für erledigt zu erklären.

 

 

Nachantike und Anverwandlung oder frühes Mittelalter

 

Epochalisierung ist hilfreich, soweit sie hilft, Zeiträume nicht in Zahlenangaben unterzubringen, was einen Anschein von Exaktheit erweckt, der für die Kontinuität von den frühen Mittelmehr-Zivilisationen bis ins abendländische 18. Jahrhundert zumindest irreführend ist. Sie wird schädlich dort, wo sie in diesen Zeiträumen zuviel statisch gedachte Eigenschaften unterbringt.

 

Als belesene Vertreter der städtischen Welt des 14.-16. Jahrhundert besonders in Italien das Mittelalter erfinden und damit eine neue Qualität von Epochalisierung nach der, die aus der christlichen Heilsgeschichte erwuchs, ignorieren sie das Kontinuum, welches sie selbst hervorgebracht hatte, um sich auf die Höhe eines vorgestellten hohen Bildungsniveaus der römischen Antike zu hieven und die Zeit seit dem 5. Jahrhundert entsprechend als eine ungebildeter Finsternis und Dumpfheit anzusehen. Diese "gebildete" Arroganz und Ignoranz beherrscht seitdem den abendländischen Blick auf die Geschichte, der nun als Heilsgeschichte eines letztlich technisch gedachten Fortschritts stattfindet.

Bis ins neunzehnte Jahrhundert wird dieser Fortschritt dann von akademischen Eliten als geistiger formuliert, was in den Texten von Hegel kulminiert und auf niederstem Niveau auch alle Katastrophen des 20. Jahrhunderts überlebt. Für die unbelesenen Massen heute ist der Blick in die Vergangenheit vor allem der auf ein niedrigeres Konsumniveau, welches Spott oder ungläubiges Lächeln auslöst. Dabei hat es gewiss nie ein Mittelalter gegeben, welches sich von einem Vorher und Nachher klar abtrennen ließe. Das Ende der weströmischen Kaiserzeit ging langsam und ohne deutliche Bruchlinie vonstatten, und weder Petrarca noch das Konzil von Konstanz noch Kolumbus oder Luther markieren ein deutliches Ende einer Epoche.

 

Wenn hier von Antike und Nachantike, frühem Mittelalter seit etwa den Ottonen oder vielleicht auch erst nach ihnen, hohem und spätem Mitttelalter gesprochen wird, dann soll das die Zeitangaben so undeutlich lassen, wie es die tatsächlichen Kontinuitäten erfordern.

 

Wenn man die Zeit zwischen dem auslaufenden weströmischen Imperium und den Macht-Krisen von 1776 und 1789 sinnvoll einteilen möchte, dann gibt es eine Mitte zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert, die die Geschichte in eine vorkapitalistische und eine kapitalistische teilt. Aber selbst das bleibt undeutlich, denn der Vorgang von Einwurzelung und Entfaltung kapitalistisch dominierter Strukturen findet in unterschiedlichen Gegenden zu unterschiedlichen Zeiten und manchmal viel später erst statt und braucht in Teilen Europas wesentlich länger.

Tatsächlich bringen selbst die politischen Katastrophen zwischen 1776/89 und dem jeweiligen Heute von Autor und Leser bislang keine klaren Bruchlinien hervor, denn die derzeit anhaltenden Prozesse von Entzivilisierung bei immer totalitäreren Staatsgebilden als schieren politischen Agenturen des inzwischen globalisierten Kapitals sind Konsequenz der vorausgehenden Kapitalbewegungen.

 

Hier soll als Kompromiss zwischen der sich den Ideologen des 15./16. Jahrhunderts anschließenden Epochalisierung, die bis heute die übliche ist, und einer sinnvolleren, den dominanten Linien des Kapitalismus folgenden, von einem kurzen Mittelalter zwischen dem 10. und 15. Jahrhundert gesprochen werden so wie von einem langen, welches bis ins 18. Jahrhundert reicht.

 

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Auf (ehedem) römischem Boden siedelnd, ist der germanische Bevölkerungsanteil, die nun jeweils zunächst herrschende Volksgruppe, in den neuen Reichen oft gering, er beträgt bestenfalls schon mal um die zehn Prozent. Da die Germanen in Schriftlichkeit wenig geübt waren, übernehmen sie für die nun notwendigen Texte das vorgefundene Lateinische, welches im übrigen auch auf dem Kontinent die Sprache der überwältigenden Mehrheit der neuen Untertanen ist. Da sie überhaupt möglichst viel von jenen römischen „Errungenschaften“ übernehmen wollen, die einst ihre Begehrlichkeit geweckt hatten, arbeiten sie recht einvernehmlich mit den Resten römischer Oberschicht zusammen und behalten von römischen Strukturen, was immer möglich ist. Im Laufe der Zeit werden sie sich in vielen Gegenden mit ihr vermischen, um schließlich in ihr aufzugehen, nicht ohne dabei germanische Elemente einzubringen. Am Ende werden sie sogar in manchen Fällen ihre mitgebrachte Sprache verlieren. Die Namen der neuen Herren werden aber weithin auf die bodenständige Bevölkerung übergehen: Gallo-Römer haben dann fränkische Namen, Ibero-Römer visigotische.

 

Vandalen, Sueben, Visi- und Osthrogoten wie auch später die Langobarden scheitern dabei sowohl, weil sie sich die römischen Strukturen aufgrund ihrer Fremdheit nicht hinreichend anverwandeln können, als auch an äußeren Feinden. Auf diesem Wege gehen der dritten abendländischen Zivilisation nach der hellenischen und der römischen schließlich auch für Jahrhunderte der größte Teil der iberischen Halbinsel und Teile Süditaliens verloren – dazu ganz Nordafrika  für immer und zur Gänze. Auf der anderen Seite kann das zunächst überlebende Ostrom seinen südöstlichen östlich-abendländischen Raum (bis hin nach Persien und der arabischen Halbinsel) nicht mehr halten – sein Raum bis tief in den Balkan wird nach und nach einem nun entstehenden islamischen Orient anheimfallen, dessen Einfluss bis heute noch dort hineinreicht, während inzwischen durch Masseneinwanderung der Islam den größeren Teil Europas ethnisch und religiös zu verändern beginnt.

 

In den germanisch dominierten Nachfolgereichen Westroms findet auf dessen Boden also wenig Germanisierung statt, sondern vor allem eine langsame partielle Romanisierung der eingewanderten Germanen.

 

Kontinuität: Der Byzantiner Agathias schreibt um 580 über die Franken:

Die Franken sind ja keine Nomaden wie doch wohl einige von den Barbaren, sondern bedienen sich im allgemeinen der römischen Staatsordnung und Gesetzgebung und teilen im übrigen mit den Römern auch das Handels- und Erbrecht sowie auch das Handels- und Eherecht sowie die Gottesverehrung. Sie sind alle Christen und zwar ganz rechtgläubige. Sie haben in ihren Städten Beamte und Priester, feiern die Feste so wie wir und scheinen mir für ein Barbarenvolk sehr gesittet und gebildet; nur ihre barbarische Tracht und Sprache unterscheiden sie von den Römern. (Kaiser II, S.99f.)

 

 

Romanisierung findet ihre Grenzen dort, wo römische Strukturen aufgrund des weiter vonstatten gehenden Schwundes von Handel und Produktion nicht mehr aufrecht erhalten werden können und ersetzt werden müssen. 

 

Die römische Zivilisation war stadtzentriert und städtisch geprägt und am Ende durch ein militärisch fundiertes Kaisertum zusammengehalten worden. Die Städte hatten Schwundprozesse in der späten Kaiserzeit und dann massive Zerstörungen spätestens in der langen Völkerwanderungszeit erlitten, die nicht mehr durch Wiederaufbau ausgeglichen werden. Überhaupt nimmt die Bevölkerung in vielen Gegenden rapide ab. Viele Mitglieder der alten Oberschicht haben sich längst auf ihren Gütern auf dem Lande niedergelassen, an städtischer Obrigkeit sind oft fast nur die Bischöfe übriggeblieben. Die neuen Reiche müssen also eine Organisationsform schaffen, die eine einst bäuerliche germanische Kriegerschicht zusammenbringt mit den Resten römischer Zivilisation.

 

Die Häuptlinge der erobernden Stammesverbände übernehmen als Herrschertitel im neuen Reich einen, der bei den Römern einst einen eher schlechten Klang gehabt hatte: rex. Er hat eine germanische Entsprechung, die im Deutschen schließlich zu "König" wird. Ihr Herrschaftsbereich ist das regnum. Dies eingedeutscht als Reich entsprang dem althochdeutschen rîhhi, einem vieldeutigen Wort, welches die ganze Vielfalt des Adjektivs und Substantivs "reich" (an Macht und Möglichkeiten) umfasst. Das viel spätere Österreich ist entsprechend ursprünglich ostarrîchi, das Gebiet, welches im (Süd)Osten erobert wird und unter die Königsherrschaft gerät.

 

Damit ist „Reich“ grundsätzlich analog zu imperium gesetzt, der (letztlich militärischen) Befehlsgewalt und des Gebietes, in welchem diese gilt. Der imperator ist so der (vor allem militärische) Gebieter. Angelsächsische Könige werden sich gelegentlich mit diesem Titel schmücken, während er auf dem Kontinent auf die Karolinger übergehen wird. Auf dem Weg zu den Ereignissen von 800 wird über eine Übertragung des Reichsbegriffs des (west)römischen imperium auf den Frankenkönig nachgedacht, während ein solcher für Ostrom noch Bestand hat. Es wird dann noch kürzere Zeit dauern, bis aus dem imperator ein caesar, also „Kaiser“ wird, der noch später in Russland und Bulgarien dann Zar heißt.

 

Heerführer unter nachantiken Königen heißen ebenso lateinisch dux, woraus der deutsche Herzog wird. Und Leute, die neben den Bischöfen die königliche Gewalt in den gerade so überlebenden Städten und ihrem ländlichen Umfeld einzunehmen haben, werden so benannt wie einst die „Gefährten“ der Kaiser, nämlich comes, woraus dann über grafio die andersartigen deutschen "Grafen" werden. Alle zusammen bilden sie mit ihrer Gefolgschaft ein wenig wie im antiken Imperium die militia.

 

Die unterworfene, nun immer weniger römisch, sondern romanisch zu nennende Bevölkerungsmehrheit ist mit einer Ausnahme nicht nur lateinisch-sprachig, sondern auch lateinisch-christlich. Die Ausnahme ist Britannien, wo mit der Entromanisierung auch eine Entchristianisierung stattfindet. Nur die Visigoten waren schon vor ihrem Durchmarsch durch das ost- und weströmische Reich ansatzweise christianisiert worden, wenn auch in einer Form, die von der Westkirche abgelehnt wird.

 

Am Ende war das römische Imperium von einer Doppelstruktur geprägt gewesen, einer „weltlichen“ und einer geistlich-christlichen. Zeitliche Welt, saeculum, befasst sich mit dem Diesseits, den irdischen Dingen, und alles überzeitlich Geistliche gibt vor, auf ein "Jenseits" ausgerichtet zu sein. Civitates und Bistümer fallen zusammen, so wie die Zentralgewalt und das sich ansatzweise herausbildende geistliche Primat des römischen Bischofs.

Zudem ist das Christentum zur legitimatorischen Grundlage des Römerreiches geworden - alle legitime Macht kommt, so wird mit fester Stimme behauptet, von dem "christlichen" Gott, dem nunmehr einzig wahren.

 

Es ist also aus diesem und verwandten Gründen naheliegend, wenn die neuen Könige solches Christentum übernehmen, und zwar in seiner korrekten römischen Form. Solche Legitimation ist nötig, denn aus dem Führer eines einzelnen Heerzuges und dann dem Heerführer der Wanderungszeit wird der König (rex) zu einer Dauerinstitution in Krieg und Frieden. Das wird bei den Franken zumindest zwar durch Gewalt erreicht, durch die Erniedrigung bzw. Vernichtung des darunter und daneben existierenden Häuptlingstums, kann aber ohne solide Ideologie nicht dauerhaft aufrechterhalten werden.

 

Im Zuge der Integration des Christentums in die antik-römischen Machtstrukturen war der evangelische Jesussatz "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist", von seiner ursprünglichen Bedeutung: "Schert euch nicht um die irdischen Machtverhältnisse, da sie euch gar nichts bedeuten sollen" völlig verdreht worden in den, dass geistliche wie weltliche irdische Macht gottgewollt seien, eine völlig unjesuanische Formel. Der Weg der Sakralisierung königlicher Herrschaft wird sich in den nächsten Jahrhunderten erst noch verfestigen, bis er in so schrecklichen Sätzen wie dem von Otto von Freising enden kann: Cum enim omnis potestas a Deo sit, qui potestati resistit, Dei ordinationi resistit. (Weil alle Macht von Gott stammt, widersetzt sich Gottes Anordnung, wer sich der Macht (also: den Mächtigen) widersetzt. OttoGesta, S.144)

 

Innerer Frieden beruht in Zivilisationen auf Unterdrückung, die nur durch Verwandlung offener in latente Gewalt permanent wird (wie in der pax Romana), und die braucht neben Gratifikationen für die, die diese Androhung von Gewalt lokal und regional aufrechterhalten, zumindest für die Untertanen eine Ideologie, die Unterdrückung rechtfertigt.

 

Fundamental wirksam wird damals die augustinische Lehre von den zwei civitates bleiben, der himmlischen und der irdischen, derer, die in der Liebe zum "Herrn" im Himmel und der anderen, die in der Selbstliebe und der zu den irdischen Herren besteht. Die letzteren waren das römische Imperium und damit auch die westlichen Nachfolgestaaten. Aus der Nachfolge Jesu und dem unmittelbar bevorstehenden Weltenende ist damit eine sehr ausgefeilte Rechtfertigungslehre für die Unterwerfung der meisten Menschen unter sehr weltliche Macht geworden. 494 wird sie in einem Brief von Papst Gelasius an Kaiser Anastasius (von Ostrom) erweitert durch die Lehre von den zwei nebeneinander bestehenden irdischen Gewalten, der weltlichen und der geistlichen, wobei letztere insoweit die überlegene sein soll, als sie beim "Jüngsten Gericht" dereinst auch über die Seelen der weltlichen Mächtigen Rechenschaft abzulegen hat. 

Damit ist der messianische Charakter des evangelischen Jesus endgültig in sein kirchliches Gegenteil verkehrt, nämlich in die Rechtfertigung irdischer Machtvollkommenheiten.

 

Vorläufig bleibt derweil Ostrom, das griechische Byzanz, als Beispiel und Vorbild eines christlichen Reiches bestehen, was immer Christentum nun dort wieder bedeuten mag. Immerhin streben nach dem Ende Westroms Franken, Visi- und Ostrogoten nach kaiserlicher Anerkennung von dort.

 

Die neue Art von Königsherrschaft wird also nun durch ein eigenartiges Gemisch aus vorchristlichen und "christlichen", also römischen  Vorstellungen legitimiert, die letztere sich deshalb angeboten hatten, weil der christliche Anteil einer (römisch-christlichen) Zivilisation abgeschaut wird, die Herrschaft und Untertänigkeit in für die neuen Machthaber beneidenswerter Form geregelt hatte. Dabei hat die Ansiedelung der kriegerischen Scharen nicht nur Formen von Macht und Ohnmacht, von Besitz und Armut von der alten Zivilisation übernommen, sondern ergänzt diese noch durch eigene.

 

Die Visigoten in Spanien, bereits christlich, aber arianisch und nicht korrekt römisch, machen den Schritt hin zur korrekten ("katholischen") Religion im westlichen Abendland allerdings erst erheblich später.

Diese Visigoten, deren Königreich sich bald über den größten Teil der iberischen Halbinsel erstreckt, vermeiden Reichsteilungen, was ihnen eine gewisse Stabilität verleiht und auch dazu führt, dass sie mit Toledo zur Etablierung einer Monarchie eine zentrale Hauptstadt einführen können. Zwar folgt auch hier manchmal ein Sohn dem Vater auf den Thron, aber insgesamt gerät dieser nicht auf Dauer in den Besitz einer Familie, sondern wird oft von den Großen des Reiches neu vergeben.. Andererseits verliert sich ihre kriegerische Kraft an der Solidität der Pyrenäengrenze, hinter der es nur noch einen kleinen visigotischen Restraum gibt, und an der Erfolglosigkeit, kantabrische und baskische Volksstämme im Norden zu erobern. Als dann 711 islamisierte und teils von Arabern angeführte Völkerschaften aus Nordafrika auftauchen, sind sie ihnen fast wehrlos ausgeliefert, und ihre Großen ziehen sich nun ihrerseits in den äußersten Norden zurück. (Sehr ausführlich dargestellt in Anhang 4)

 

Nun ist allerdings das Christentum einer herrschenden germanischen Kriegerschicht nicht so recht in Übereinstimmung zu bringen mit dem einer entwickelten städtischen Zivilisation, wie es die römische vorher war. Die Probleme kann man in dem Geschichts- und Geschichtenbuch Gregors von Tour ausführlich verfolgen. Die neue germanische Oberschicht ist sesshaft geworden, ihre Könige haben die früheren Staatsdomänen zum großen Teil neben sonstiger Beute übernommen, und die Einwanderer haben sich auf Ländereien niedergelassen, die entweder herrenlos oder aber den alten Herren weggenommen worden sind. Sie werden zu einer Kriegerschicht, die das Leben auf großen Landgütern ebenso schätzt wie - anders als ihre römischen Vorbilder - den Kampf und Krieg.

 

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Zwei römische Eigenheiten verschwinden im Laufe der Zeit ganz und gar, das professionalisierte Soldatentum und der dreiteilige römische Name.

 

Die merowingische Königsherrschaft basierte ursprünglich ganz germanisch auf der Erhebung "aufs Schild" durch die (kriegerischen) Mächtigen, das heißt durch eine auf Akklamation beruhende Wahl, durch die der König dux wurde, Heerführer, und durch die gleichzeitige Übernahme des ursprünglich davon personell getrennten zivilen, also sakralen indogermanischen Königtums, welches lateinisch mit rex bezeichnet wurde, griechisch mit basileus. Die zwei Säulen waren entsprechend die weltlichen und die geistlichen Großen des Herrschaftsbereiches. Die Volksversammlung war zugleich die Heeresversammlung auf dem Märzfeld (Mars) oder Maifeld (magis campus, großes Feld).

 

Dieses "Volk", die Freien, sind zugleich die Krieger und deren Spitzen eine Wurzel der entstehenden neuen Oberschicht. Dabei entwickelt sich schon in Ansätzen, dass sich Bauern zu Abhängigen, Grundholden lokaler Großer machen, in deren Schutz begeben und dadurch dem Wehrdienst entziehen, der ihre Landwirtschaft durch Abwesenheit ruiniert. Der "Holde" begibt sich in die "Huld" des lokalen Mächtigen, woraus später im christianisierten Deutsch die "Gnade" des gnädigen Herren wird. Die wenigen Quellen geben allerdings zu diesen Vorgängen kaum näheren Aufschluss als zum spätrömischen Patrozinium.

 

Immerhin gibt es später ein Urkundenformular aus Tours für das frühe 8. Jahrhundert: An den großmütigen Herrn ..., ich ... Da es allen wohlbekannt ist, dass es mir an Nahrung und Kleidung fehlt, habe ich mich bittend an Euer Erbarmen gewendet und habe frei beschlossen, mich in eure Herrschaft zu begeben, das heißt zu kommendieren. Und das habe ich auch getan.; es soll so sein,dass Ihr mir mit Speise und Kleidung helft und mir Unterhalt gebt, und zwar in dem Maße, wie ich euch dienen und mir damit Eure Hilfe verdienen kann. Bis zu meinem Tod muss ich Euch dienen und gehorchen, so wie ich es als freier Mann vermag, und Zeit meines Lebens werde ich mich Eurer Gewalt oder Herrschaft nicht entziehen können, sondern ich werde, solange ich lebe, unter Eurer Gewalt und Eurem Schutz bleiben. Und so sind wir übereingekommen, dass derjenige von uns beiden, der sich diesen Abmachungen entziehen wollte, seinem Vertragspartner ... Solidi zahlen muss und dass die Vereinbarung selbst in Kraft bleibt. (in Patzold, S.15)

 

Den Königen konnte das insofern recht sein, als sie dadurch für ihre Kriegszüge eine militärisch immer fähigere Gefolgschaft bekommen. Auf dem Weg in die Zeit Karls d.Gr. wird darüber hinaus die Reiterei militärisch immer wichtiger werden, und die Ausrüstung eines Reiters, des Ritters, ist vom durchschnittlichen freien Landmann nicht zu leisten. Auf dem Weg ins Hochmittelalter wird sie zum "adeligen" bzw. ritterlichen Privileg. 

In diesen Zusammenhang gehört der in seinen Ursprüngen dunkle Begriff des Vasallen. Das keltische gwas meinte wohl einen Knecht. "Der die Vasallität begründende Akt, die bis in die Antike zurückgehende Kommendation, bei welcher der >Mann< (homo) die gefalteten Hände in die sie umschließenden Hände des Herrn legte, war ursprünglich ein Verknechtungsritus, der allerdings nicht auf die niederen Schichten begrenzt blieb und im Übrigen auch nicht nur zur Besiegelung eines Vasallitätsverhältnisses diente. Die Vasallen allerdings, da besteht kein Zweifel, rekrutierten sich zunächst nur aus untergeordneten Leuten." (Fleckenstein, S.40)

Solche ursprünglich unfreien und dienstbaren vassi (pueri) können im 7.Jahrhundert auch schon Freie sein, und im 8. Jahrhundert wird das die Regel. (Patzold, S.17) Vasallität wird so zur immer mehr auch militärischen Dienstbarkeit freier Männer.

 

Es verschwindet auch der römische Name, dreiteilig wie Gaius Iulius Caesar, und entsprechend aussagekräftig. An seine Stelle tritt die einteilige germanische Namensgebung, die deskriptiv ist und von Sieg, Stolz, Tugenden und deren Versinnbildlichung in Tieren zum Beispiel handelt. Familienzugehörigkeit ist nur an zweierlei erkennbar, einmal an dem ständigen Wiederauftauchen immer derselben Namen durch die Generationen, und zum anderen durch die gelegentliche Wiederholung derselben ersten Silbe, wie bei Chlodwig und Chlothar, später Ludwig und Lothar.

 

Um herausragende Personen besser zu bezeichnen, bekommen sie einen Beinamen wie Jahrzehnte nach seinem Tod der Carolus seinen magnus, zu Lebzeiten schon heißt Karl das Kind (muss als Kleinkind die Herrschaft antreten), Ludwig ist der Stammler (balbusus, hat einen Sprachfehler) und ein Karl ist der Kahle.

 

Ein frühes Beispiel, an dem man dann wieder die Entstehung eines Nachnamens als wahrhaftem Familiennamen betrachten kann, bietet in der ersten Häfte des 14. Jahrhunderts Francesco Petrarca. Sein Urgroßvater hieß Ser Garzo, dessen Sohn Ser Parenzo, Francescos Vater dann war der Ser Petracco bzw. Petrarca (Formen von Pietro). Der Erfinder der Sonette an Laura macht dann aus Francesco di Ser Petrarca einfach Francesco Petrarca. Der Nachname wird zum Markenzeichen für den, der mit Texten Ruhm sucht, gloria, und dessen Glorie eben ein möglichst unverwechselbares Etikett braucht.

 

Das Neue des sich so neu markierenden Individuums ist das Umfeld des sich mit Macht entfaltenden Kapitals, während der Familienname Kontinuität als Wiederaufnahme signalisiert, außerhalb der iberischen Halbinsel streng patrilinear. (Heers, La Naissance)

 

***Beispiel Gelduba (Krefeld-Gellep)***

 

Anschaulich wird ein Weg der Beeinflussung von Germanen durch Römer in den Ausgrabungen von Gelduba (Krefeld-Gellep). In der Nähe bestand eine Siedlung der keltischen Ubier, die offensichtlich beim Bataveraufstand 68 zerstört wird. Kurz darauf wird ein Kastell aus Holz und Erde und außerhalb davon eine Siedlung für die römischen Hilfstruppen gebaut. Während der nächsten Jahrhunderte wird es in mehreren Versionen in Stein neu errichtet. Zwischendurch wird es mehrmals zerstört. 259 sind vermutlich zum ersten Mal „Franken“ die Zerstörer, welche Besatzung und Zivilbevölkerung töten.

 

Für die Frühzeit des Kastells ist eine keltisch-römische Mischkultur nachgewiesen: Römischer Kultus unter gallischem Einfluss. Im 3. Jahrhundert kommt ein Großteil der Truppen wohl aus der näheren Umgebung: Gallorömer, Germanen, aber es gab auch Soldaten aus Dakien.

 

Außerhalb des Kastells entsteht ein Vicus mit Markt, Läden, Gaststätten und Kneipen für die Soldaten und Wohnungen für die Angehörigen, zudem Bäder und Herbergen. Es gab ein Mithraeum für den bei Soldaten beliebten Mithraskult, eine Ziegelei. Jenseits davon lagen Felder, Obstplantagen, Viehweiden und die Gräberfelder. Im Grunde konnten Germanen hier das Leben in einer kleinen städtischen Siedlung kennenlernen und einüben, so wie sie im Kastell militärische Disziplin kennenlernen.

Außerhalb gibt es in der Spätzeit des Kastells auch germanische Gehöfte mit Wohnstallhäusern und Nebengebäuden.

 

Die Menschen von Gelduba lassen sich an den Bestattungsarten unterscheiden. Die Germanen, die zum "Ethnos" der Franken beitragen, neigten zeitweilig zur Scheiterhaufenbestattung, dann zur Brandbestattung in Urnen (wie links zu sehen).

Es folgt Körperbestattung erst in Nord-Süd-Richtung, unter römisch-christlichem Einfluss in West-Ost-Richtung. Im Unterschied zu römischem Militär geben Germanen Waffen mit ins Grab, im Unterschied zu "Heiden" geben Christen zunächst wenig mit, und kehren erst später zu umfassenderen Grabbeigaben zurück.

 

Das römische Gallien besitzt eine regional unterschiedliche Mischkultur, im Kerngebiet des entstehenden Franken mischen sich römische, keltische und germanische Elemente. Es mischen sich aber auch entsprechende Kulte, zu denen das Christentum hinzukommt, ebenso wie in Gelduba und anderswo der Mithraskult.

 

Die ethnische Zusammensetzung ist noch vielfältiger. In Gelduba könnten zum Beispiel Sarmaten und Leute aus Pannonien, dem heutigen Ungarn, gelebt haben.

 

276 findet eine der nun häufigeren Zerstörungen des Kastells statt, und diesmal wird es gemäß "einheimisch-germanischer Tradition" wieder aufgebaut. "Zwar erinnern einige größere Speicherbauten an römische horrea, doch standen daneben Höfe mit Wohn-Stall-Häusern, kleinen Speichern und runden Vorratsgruben." (R.Pirling in: Franken, S. 81)

 

Im vierten Jahrhundert fehlen offenbar zunächst Germanen in Gelduba, und wenn, dann gibt es nur vollständig romanisierte. Nach der Mitte dieses Jahrhunderts tauchen sie dann wieder auf, und zwar belegt dadurch, dass sie ihren Gräbern ihre Waffen beigeben. Anfang des 5. Jahrhunderts zieht Rom Truppen zunächst aus Britannien und dann auch aus Gallien ab. Nun entsteht ein kleiner Ort, in dem ein Mitglied der fränkischen Oberschicht herrscht.

 

 

Der fränkische Rüsselbecher aus der Mitte des 5. Jahrhunderts aus Gelduba belegt ästhetische Raffinesse und technische Meisterschaft von Römern erlernter fränkischer Handwerkskunst.

 

 

 

 

 

 

Der darunter hier folgende sogenannte Spangenhelm eines Franken aus dem sechsten Jahrhundert, stammt aus einem "Fürstengrab" in Gelduba mit reichen sonstigen Grabbeigaben.

 

Dieses Grab scheint das erste eines neuen Friedhofes zu sein, in dessen Nähe wohl eine neue fränkische Ansiedlung entstanden ist, die im Auftrag Chlodwigs das neu angegliederte linksrheinische Gebiet kontrollieren soll.

 

Durch den ganzen Norden Galliens werden nun spätantike fränkische Gräber gefunden, und zwar von Männern, Frauen und Kindern. Die ersteren sind vor allem an ihren mitgegebenen fränkischen Waffen, die zweiten an den mitgegebenen Accessoires ihrer Kleidung und ihrem Schmuck zu erkennen. Offenbar wurden vor allem zahlreiche Franken, aber auch viele Sachsen und Alemannen dort im römischen Militärdienst verwendet, oft unter fränkischstämmigen Vorgesetzten. Der erste Franken-König Childerich war der Dux der Belgica II gewesen! Diese Männer bringen ihre Familien mit und werden auf Land, vor allem auf dem Boden einer Villa angesiedelt. Viele kehren aber auch ins rechtsrheinische Germanien zurück, wo sie dann zum Beispiel ihre von der Militärzeit stammenden römischen Gürtelschnallen mit ins Grab bekamen.

 

Nach der frühen Zeit fränkischer Überfälle und Grenzdurchbrüche kommt es also zu einer friedlichen Durchdringung Nordgalliens (besonders der Germania II und der Belgica II) mit Franken. Nachdem der letzte weströmische Kaiser abgedankt hat, tritt für sie Childerich das Erbe Roms an. ( H.W.Böhme in: Franken I, S.92ff)

 

***Volk und Stamm: Von Ilion nach Xanten***

 

Bezeichnungen sind wichtig, denn sie geben dem Bezeichneten etwas, was ihm vorher gefehlt hat: eine Bedeutung, die man schriftlich fixieren kann, so dass sie einen Wert bekommt auf dem unruhigen Feld der Ansichten und Meinungen. Mit den Germanen ist das ganz schwierig, sie sind eine Erfindung der Kelten und Römer. Zwar wurde damals einmal erzählt, einer dieser merkwürdigen Volkshaufen und Sippschaften östlich des Rheins und nördlich der Donau hätte sich selbst so bezeichnet, und deshalb habe man alle so genannt, aber das lässt sich leider nicht verifizieren. Vielleicht haben in Nordgallien angesiedelte sogenannte Germanen, um sich einen Namen zu geben, der sie im schriftlich geregelten römischen Reich zu ordentlichen Partnern anhob, irgendwann angefangen, sich Franken zu nennen. Was das besagen soll, ist der Spekulation anheimgegeben, dass sie frank und frei seien, ist jedenfalls eine hübsche Deutung, die ihnen viel später selbst einfiel, als sie sehr an Wichtigkeit gewonnen hatten.

 

Im 5. Jahrhundert kommt es zum Aufstieg einer mächtigen Familie in diesem Gallien, in dem längst alle möglichen Völkerschaften angesiedelt worden waren oder sich selbst angesiedelt hatten, und sie begreift sich selbst als „fränkisch“. Aus ihr geht ein „König“ in einer nordgallischen Region hervor, der eine Dynastie gründet, die sich daran machte, das römische Erbe wenigstens in einer Provinz aufrechtzuerhalten. Dieser König aus der Familie der Merowinger lässt sich in Tournai 481 sowohl mit einer Menge germanisch geopferter Pferde wie mit den Amtsinsignien eines oströmischen Heerführers begraben. Er ist, wenn man so will, beides: Germane und Römer. Als Franke kann er beides sein.

 

Die Gründung eines Provinzreiches als Nachfolger des römischen Reiches braucht in der Folge Begründungen, die über die bloße Waffengewalt hinausgehen. Die eine findet der Reichsgründer Chlodwig dann in der Zuwendung zum siegreichen Schlachtengott, zu dem, den auch der römische Bischof vertrat, zum römisch-katholischen nämlich. Auf seiner Seite war man nicht nur siegreich, sondern auch immer im Recht. Zum zweiten ließ er seine Familie erhöhen, indem er sie aus einer sagenhaften Vergangenheit herleitete. Auf den Kriegsgott Wotan ließ sie sich nun allerdings nicht mehr wie früher noch zurückführen.

 

Zum anderen muss das neue Herrenvolk der Franken propagandistisch von einem unbedeutenden kleinen Haufen aufsteigen zu einer Bedeutung, die weit über bloße Macht der Schwerter, Lanzen und Streitäxte, über Hinterlist und Brudermord hinausreicht. Die Gewalt, auf der Macht beruht, muss verschönt werden durch eine schöne Geschichte.

 

Wir können dabei an vielen Beispielen sehen, dass die Franken keine verlässliche "Erinnerung" an "ihre Herkunft" hatten. Sie hatten eben auch keine definitive gemeinsame Herkunft. Ein sagenhaftes Beispiel liefert Gregor von Tours:

Viele erzählen aber, die Franken seien aus Pannonien gekommen und hätten sich zunächst an den Ufern des Rheins niedergelassen, dann seien sie über den Rhein gegangen und nach Thoringien gezogen, dort hätten sie nach Gauen und Stadtbezirken gelockte Könige über sich gesetzt, aus ihrem ersten und sozusagen adligsten Geschlecht.

 

Dass man damals über die fränkische Vergangenheit so wenig weiß, liegt nicht zuletzt daran, dass Franken, wie sie sich selbst im 6. Jahrhundert definieren, so vorher kaum existent waren. Irgendwann im 3. Jahrhundert beginnen Römer, fünf bis zehn verschiedene Völkerscharen unter dem Namen Franken zusammenzufassen und rechts des Niederrheins zu lokalisieren. Sie tauchen am Rhein auf, aber auch in Spanien und als "Piraten" zum Beispiel an der nordafrikanischen Küste. Bestimmte Germanen übernehmen den Begriff im römischen Militärdienst. In Pannonien findet sich die Grabinschrift von einem: Francus ego cives, miles romanus in armis. In seinen Waffen war er römischer Soldat, von seiner Herkunft ein Franke, der zugleich auch römischer Bürger war. (Geary, S. 86)

 

Zum Zweck der Aufladung fränkischer Geschichte mit Bedeutung werden die immer noch mächtigen Ruinen des römischen Xanten zum Ausgangspunkt einer Erzählung, die einmal eine römische war und ursprünglich eine griechische. In vollständiger Form wird diese Geschichte auf uns in einem Text überliefert, der kurz nach 700 geschrieben werden wird: im 'Buch der Geschichte der Franken' (Liber Historiae Francorum).

 

Danach sind die Trojaner nach dem Untergang ihrer Stadt nicht unter Aeneas über Karthago nach Rom gezogen, um dort die römische Geschichte anzuwerfen, sondern über das südosteuropäische Pannonien bis an den Niederrhein. Dort haben sie in Xanten ihr Troja wieder aufgebaut und dann das gemacht, was sie laut Vergil sagenhafterweise in Italien gemacht haben sollen: ein Reich gegründet. In diesem Reich wird dann nicht „trojanisch“ gesprochen, sondern eine Vielfalt von germanischen und romanischen Volkssprachen. Geschrieben wird von den Klerikern und Mönchen, die noch schreiben können, lateinisch – was sonst. Und einige von ihnen haben diese Geschichte erfunden, die sich so auch im dritten Buch der Fredegarschronik findet:

 

Über die ältesten Frankenkönige schrieb der heilige Hieronymus, was schon vorher die Geschichte des Dichters Vergil berichtet: Ihr erster König sei Priamus gewesen; als Troja durch die List des Odysseus erobert wurde, seien sie von dort fortgezogen und hätten dann Friga als ihren König gehabt; sie hätten sich geteilt, und der erste Volksteil wäre nach Mazedonien gezogen, der andere hätte unter Friga - sie wurden als Frigier bezeichnet - Asien durchzogen und sich am Ufer der Donau und am Ozean niedergelassen; dann hätten sie sich nochmals geteilt, und die Hälfte von ihnen sei mit ihrem König Francio nach Europa gezogen. Sie durchwanderten Europa und besetzten mit ihren Frauen und Kindern das Ufer des Rheins; nicht weit vom Rhein versuchten sie eine Stadt zu erbauen, die sie nach Troja benannten. (Das ist Xanten, die Colonia Trajana). (In Geary, S.84)

 

In der Zeit Karls ("des Großen") bezieht sich einer der begabtesten Hofautoren des Frankenherrschers, der Langobarde Paulus Diaconus, in seiner wohl indirekt von Karl in Auftragung gegebenen Geschichte des Bistums Metz, in dem ein heiliggesprochener karolingischer Stammvater Arnulf Bischof gewesen war, auf diese Fredegarschronik, indem er behauptet, einer der Söhne Arnulfs habe Anchises (tatsächlich: Ansegisel) geheißen, was daran erinnern solle, dass Anchises über Aeneas die fränkische Geschichte in Bewegung gesetzt habe: Denn der Stamm der Franken hat, wie die Alten lehrten, seinen Ursprung in dem Trojaner-Geschlecht. (Hägemann, S.47)

 

Die Begrifflichkeiten, um die es hier geht (Stamm, Volk, Nation), entstammen in ihrer modernen Gestalt der romantischen Vorstellungskraft des 18. und insbesondere 19. Jahrhunderts. Da dies mit der jakobinischen "Revolution" sowohl eine Blütezeit des Nationalismus wie die Zeit modernisierter Nationalstaaten wurde, verwob sich hier gelehrte Unkenntnis mit "politischen" Interessen.

 

Was daraufhin in der Geschichtsschreibung als "germanische Stämme" beschrieben wurde, waren keine ethnischen Einheiten, wie man annahm, mit eigener längerer Tradition und einem Fundus spezifischer Eigenheiten, sondern neue und zunächst recht fragile Gebilde, die in den kriegerischen Raubzügen und Eroberungen gegenüber dem römischen Reich entstanden sowie unter dem Druck aggressiver Nomaden- und Reitervölker aus dem Osten.

 

Die Bündnisse zwischen "Hunnen", "Goten", "Burgunden" und immer wieder West- und Ostrom zeigen, dass die kriegerischen Scharen in ihrem Auftreten Konföderationen unter kriegerischen Herrschern oder einfach Sammlungen von von diesen Unterworfenen waren. Das bekannteste Bündnis ist das, welches der Romane und kaum noch Römer Aetius 451 zustandebringt, als vor allem Westgoten, Burgunder, aber eben auch "Römer"  unter ihm die Hunnen des bis nach Orléans vorgedrungenen Attila auf den nicht mehr lokalisierbaren Katalaunischen Feldern schlagen.

 

Es gab in den römischen Reichen der langen Völkerwanderungszeit kein römisches Volk, sondern nur ein Volk von Rom, und das einigende Band war das einer spezifischen Zivilisation mit sehr in Bewegung und Auflösung geratenen Lebensformen - die im übrigen zwei dominante Sprachen hatte, das Lateinische und das Griechische, die das Reich ohnehin in zwei Welten teilten. Die Germanen wiederum hatten kein „völkisches“ Gemeinschaftsgefühl, „Volk“ waren einfach jene Freien, die mehr oder weniger eng zusammen lebten und kämpften.

 

Der Stammesbegriff andererseits verifiziert sich hier erst bei erfolgreicher Eroberung und Ansiedlung und bei gleichzeitiger Integration römischer Elemente. Die Vorstellung vom "Stamm" bezieht sich auf Abstammung, diese rechtfertigt sich nun aber erst, als regionale Abstammung und Sesshaftigkeit unter spezifischer Herrschaft fixiert werden.

 

Im Zuge der neuen Reichsbildungen vor allem auf dem Boden des ehemaligen römischen Reiches erübrigt sich der römische Volksbegriff (populus) und wird ersetzt durch einen anderen populus, der oft bald vage die unteren Ränge der Bevölkerung betrifft. Auf einem langen Weg bis ins hohe Mittelalter verschmelzen jeweils die romanischen bzw. germanischen Minderheiten mit der jeweiligen Mehrheit und diese Differenz wird ersetzt durch soziale Stratifikation: Dabei sinkt das "Volk" langsam herab, bis es zur Bezeichnung abhängiger ländlicher Bevölkerung im Herrschaftsraum wird. Insofern ist dann Volk etwas von regionaler Ausprägung und nicht einen Herrschaftsraum, ein Reich oder, im Sinne des 18./19. Jahrhunderts, eine "Nation" umfassend.

 

 "Nation" ist nichts anderes als eine latinisierende Version von "Stamm". Es bedeutet ursprünglich nichts anderes als gemeinsame Abstammung, weswegen die nordamerikanischen „Indianer“ ihre Stämme auf englisch denn auch nations nannten. Indem es nicht zu einer deutschen Reichsbildung entsprechend der hin zu einem England oder Frankreich kommt, ist die Entwicklung dort umgekehrt: Anstelle der starken einigenden Zentrale oder der normativen Kraft des Kapitals, die ihre (Hoch)Sprache durchsetzt, setzt sich unter "deutsch" eine Vorstellung durch, die sich über die vorherrschende Sprache definiert und an keine Herrschaftsgrenzen gebunden wird - bis sich das im 20. Jahrhundert dann unter massiven Druck alliierter Siegermächte ändert.

 

So versuchten Römer, Germanen in die Begrifflichkeit ihrer Vorstellungswelt zu integrieren, und die übernehmen sie dann, ohne dabei in der römischen Vorstellungswelt aufzugehen.

 

Ein damit verbundenes anderes Beispiel ist es, wenn westliche Germanen ihre Vorstellungen des kuning oder cyning (mit seiner nicht ganz klaren sakralen Würde) mit der Heerführerschaft verbinden, die dann römisch dux (später Herzog) heißt, und dafür das Wort rex verwenden, den vorrepublikanischen und ziemlich sagenhaften König über die Römer. Als rex bezeichnen sich zunächst germanische magistri militum, Heermeister unter römischem Oberbefehl. Im Grab des ersten (?) Franken"königs" Childerich fanf man einen Siegelring mit der Aufschrift Childerici regis. Kurz darauf nennt sich der gallorömische Heermeister Syagrius, der von Soissons aus herrscht und sein Amt recht unrömisch von seinem Vater Aegidius geerbt hat, laut Gregor von Tours rex Romanorum, ein „durch und durch barbarischer Titel“, wie Geary (S. 88) schreibt. Er ist gallorömischer, nicht germanischer Abstammung, befehligt aber für die noch nicht fränkisch eroberte Gegend um Soissons eine Art Privatarmee, die sich im wesentlichen wohl aus "Barbaren" zusammensetzt.

 

Heutige Bedeutungen des Wortes "Volk" haben ihre Wurzeln in gelehrten Vorstellungen des deutschen Humanismus und sind für das Mittelalter und alle Zeiten vorher völlig unbrauchbar. Schon im frühen Mittelalter mit seinen Abstufungen in Klerus, Adel und Volk wird der Volksbegriff zu einem Element sozialer Schichtung genauso wie in England, wo folc immer engere Bedeutungen erhält und fast verschwindet, ersetzt durch das ursprünglich altfränzösische people. Ein deutsches "Volk" im modernen Sinne kennt darum das Mittelalter nicht. Ähnlich ergeht es dem französischen peuple und dem italienischen popolo, die damals nicht ethnisch, sondern sozial definiert sind.

 

Das Mittelalter kennt dann zunehmend bereits Fremdenverachtung sowie eigene Überheblichkeit, gewinnt aber erst in seiner späten Phase Ansätze von dem, was man später Nationalismus nennen wird. Ursprünge dafür sind langandauernde kollektive gegenseitige Feindseligkeit, wie die Jahrhunderte der Kriege zwischen "englischen" und "französischen" Potentaten, wo insbesondere in Phasen allgemeiner Kriegsmüdigkeit in der Bevölkerung Fremdenfeindlichkeit geschürt wird.

 

Zuvor gibt es das gorilla-artige sich auf die Brust Trommeln von Kriegervölkern. Der Autor der Lex Salica spricht in der Einleitung vom berühmten Volk der Franken, von Gott gegründet, mutig im Krieg und beständig im Frieden, zum katholischen Glauben übergetreten, schon in den barbarischen Anfängen dieses Glaubens frei von jeder Häresie.... Mit Gewalt hat dieses Volk das schwere Joch abgeworfen, welches von den Römern auferlegt wurde, es ist das Volk, welches die Taufe empfangen hat und die Körper der heiligen Märtyrer mit Gold und Geschmeide bedeckt hat, welche die Römer verbrannt oder geköpft haben oder haben von den wilden Tieren verschlingen lassen. Diese etwas schräge Reminiszenz an die Vergangenheit wird aber die Verschmelzung der Oberschichten nicht aufhalten können.

 

Das Gemeinschaftsbewusstsein der „Franken“ entsteht erst durch zwei Männer und ihren Anhang: Childerich und seinen Sohn Chlodwig.

Der Autor der Einleitung der Lex Salica, die aus der Zeit des (ersten) Chlodwig stammt, spricht dort, wo sich Völkisches mit Religiösem mischt, vom

 berühmten Volk der Franken, von Gott gegründet, mutig im Krieg und beständig im Frieden, zum katholischen Glauben übergetreten, schon in den barbarischen Anfängen dieses Glaubens frei von jeder Häresie.... Mit Gewalt hat dieses Volk das schwere Joch abgeworfen, welches von den Römern auferlegt wurde, es ist das Volk, welches die Taufe empfangen hat und die Körper der heiligen Märtyrer mit Gold und Geschmeide bedeckt hat, welche die Römer verbrannt oder geköpft haben oder haben von den wilden Tieren verschlingen lassen.

 

Diese etwas schräge Reminiszenz an die Vergangenheit wird aber die Verschmelzung der Oberschichten nicht aufhalten können.

 

 

Das Reich der Merowinger von Childerich bis zu den Söhnen Chlotars

 

Da es hier um die Entstehung des Kapitalismus und seine erste Blütezeit im Mittelalter gehen soll, konzentriert sich unser Text inzwischen stärker auf das Frankenreich, weil es in seiner Ausdehnung unter Karl dem Großen bis auf Küsten Englands jene Regionen enthalten wird, in denen Kapitalismus als erstes Wurzeln schlagen wird: Nord- und Mittelitalien, das Rheintal und Flandern vor allem.

 

Unsere Kenntnisse von jenen Germanen, die später als "Franken" die Herrschaft in einem Westteil des Imperium Romanum antreten, sind dürftig, - wie bei jeder lange verschwundenen schriftlosen Kultur. Es gibt nur Texte, in denen Römer sich eine ihnen ferne und fremde Welt in ihre Begrifflichkeit anverwandelten. Daneben gibt es die Ergebnisse der Archäologie.

 

Im 4. Jh. tauchen in römischen Quellen gentes Francorum auf, also nicht ein Stamm, sondern mehrere. Inzwischen werden einzelne fränkische Verbände in Nordgallien als kriegspflichtige Bauern angesiedelt. Diese Laeten betreiben Handel mit den Gallorömern, man heiratet auch miteinander. (Scholz, S.16) Andere werden ins Heer integriert.

 

Die meisten Menschen waren wohl ursprünglich freie Bauern mitsamt von ihnen abhängigen Unfreien. Daneben gab es eine Welt von Kriegern, deren Verbindung mit der der Bauern unklar bleibt. Es gab keine Städte, die Leute lebten entweder auf Einzelgehöften oder in kleinen Weilern.

 

Wie zur Militarisierung in die römische Zivilisation kommt es zu einer solchen der germanischen "Barbaren". Bevor sie sich in dauerhafteren Stämmen formieren, wurde ein Teil von ihnen zu militärischen Verbänden. Bei immer mehr von ihnen wird der erfolgversprechendste Beruf der des Kriegers.

 

Krieger kämpfen, verteidigen, erobern, verletzen, töten, rauben, machen Beute, vergewaltigen auch. Ihre Legitimation ist das Schlachtenglück, der Erfolg in der Gewalttätigkeit. So fängt das zweite Buch von Gregors Frankengeschichte an:

Eo tempore Genobaude, Marcomere et Sunnone ducibus Franci in Germaniam prorupere, ac pluribus mortalium limite inrupto caesis, fertiles maxime pagus depopulati, Agrippinensi etiam Coloniae metum incusserunt.

Die Franken brachen also unter diesen Führern im (römischen) Germanien ein, durchbrachen die Grenzen und töteten viele, entvölkerten (verwüsteten) die fruchtbaren Gegenden dort und erfüllten selbst die Einwohner von Köln mit Angst.

 

Das ist der Blick eines Bischofs aus gallorömischem "Adel" zurück auf die, die dann zu seiner Zeit, im 6. Jahrhundert, die „weltliche“ Macht innehaben. Aber diese überfallartige Landnahme ist nur ein Aspekt.

Tatsächlich sickern Volkshaufen und Einzelpersonen, aus denen später die Franken werden, durch die ganze Kaiserzeit im Imperium ein, siedeln sich zum Teil friedlich an und werden vor allem in das römische Heer integriert, dem es inzwischen an heimischen Soldaten fehlt.

 

 

An der Ostgrenze Galliens sitzen im 5. Jahrhundert Friesen, Sachsen, Thüringer und Alemannen. Die Amorikaner sind in der Bretagne selbständig, den Süden beherrschen die Westgoten.

Die übrige Gallia nach 460 ist aufgeteilt zwischen den Heermeistern Childerich (Belgica II) und Aegidius im Norden, einem rheinfränkischen Reich von Köln und wohl solchen anderer fränkischer Häuptlinge, dem Moselland des frankorömischen Heermeisters und comes Arbogast und dem neuen Burgunderreich, ebenfalls mit dem Heermeisteramt betraut.

 

464 wird Aegidius ermordet und die gallorömischen Großen seines Gebietes machen einen comes Paulus zu ihrem Machthaber. Mit ihm schafft es der Merowinger"könig" Childerich, einen Vorstoß der Visigoten über die Loire abzuwehren. Mit Paulus werden erst Sachsen besiegt und dann werden zusammen mit den Sachsen Alemannen abgewehrt.

Im Bündnis mit gallorömischen Bischöfen aus wohl noch überwiegend senatorischem Adel, also den Stadtoberen, und im Bündnis mit gallorömischen Feldherren gelingt es Childerich, eine Art fränkisches Oberkönigtum für den Nordwesten Galliens herzustellen.

In der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts schwindet so römischer Einfluss auf Britannien dann auch für Gallien. Die Heermeister dort sind zunehmend auf sich alleine gestellt.

 

Ein Großteil der römischen Truppen besteht aus „Germanen“, insbesondere im Norden aus „Franken“. Ihre zum Teil „germanischen“ Führer haben mit ihrem Militär römische militärische Traditionen bis hin zu Kleidung und Ausrüstung übernommen. Außerdem untersteht ihnen eine römische Verwaltung. Die einheimischen Gallorömer sind bald gewohnt, die militärische Macht in solchen Händen zu sehen und arrangieren sich.

 

Childerich, ohne handfeste Ordnungsmacht über sich, muss sich ebenfalls arrangieren. Sein ursprünglicher Befehlsbereich, das nach und nach eben zu seinem "Reich" wird, ist relativ stark von einer Minderheit germanisch-stämmiger Menschen besiedelt. Diese sind wohl im wesentlichen noch „Heiden“, und ohne handfeste „römische“ Oberhoheit dürften sie zunächst auch weniger (gallo)römischen Anpassungsdruck verspüren. Aber sie sind inzwischen gewohnt, neben „Römern“ zu leben.

 

Das Grab des Childerich in Tournai zeigt einen römischen Feldherrn germanischer Herkunft. Es liegt am Rand eines bestehenden Gräberfeldes, vermutlich unter einem Grabhügel. Am Fuße des Hügels befinden sich drei Pferdegräber mit insgesamt 21 Pferdeleichen, so wie auch im Fürstengrab selbst ein Pferdekopf gefunden wurde. Mitgegeben wurden dem Toten nach germanischer Sitte die Waffen, das Zaumzeug des Pferdes und 200 Silber- und 100 Goldmünzen. Eine goldene Zwiebelknopffibel weist ihn als römischen Amtsträger aus, Siegelring und goldener Armreif als König.

 

Spätestens um 460 übernehmen Rheinfranken Köln und Umgebung. Der Heermeister Aegidius kann sie nicht mehr vertreiben. Sie kontrollieren nun als Verbündete die niederrheinische Germania II. Aegidius hat sich, dabei zunehmend abgekoppelt von Rom, ein eigenes Reich zwischen Loire und Somme mit dem Zentrum Soissons errichtet und wehrt die Visigoten an der Loire ab. 464 beerbt ihn sein Sohn Syagrius. Inzwischen errichten Arigius und Sohn Arbogast eine Herrschaft mit dem Zentrum Trier. Die lateinische Sprache befindet sich hier offenbar bereits etwas auf dem Rückzug. Die Visigoten wiederum erobern Clermont und die Auvergne. Zwischen Genf und Lyon breitet sich ein Burgunderreich aus, welches im Süden den visigotischen Vormarsch bremst. Das Gebiet des späteren Bayern südlich der Donau verselbständigt sich und verliert seine Städte ("Hl." Severin).

 

476 verschwindet die Legitimation germanischer Heerführer durch einen weströmischen Kaiser zur Gänze. An seine Stelle tritt der oströmische, aber der ist weit weg und muss sich gerade mit der ostgotischen Eroberung Italiens abfinden. Dass 476 ein Endpunkt ist, stellt sich allerdings erst nach einer Weile heraus, als es in Rom keinen kaiserlichen Nachfolger mehr gibt.

 

 

Indem Childerichs Sohn Chlodwig (um 466-511) dann 486 den letzten römischen Heerführer Syagrius, Sohn des Aegidius, schlägt, einen rex Romanorum (Gregor von Tours), der das Gebiet um Soissons beherrscht, beendet er die imperiale römische Geschichte in Gallien zur Gänze. Syagrius flieht zu den Visigoten, wird aber später von ihnen ausgeliefert und getötet.

 

Schon als er um 482 die Herrschaft von seinem Vater erbt, schreibt ihm der einflussreiche (und bald heilige) Remigius, seit den 60er Jahren Bischof von Reims (St.Rémy):

Bischof Remigius an den hervorragenden Herrn und durch seine Verdienste glänzenden König Chlodwig. Es ist zu uns die laute Kunde gelangt, dass du die Verwaltung der Belgica Secunda übernommen hast. Es ist nicht überraschend, dass du so zu sein beginnst, wie deine Vorfahren immer gewesen sind. Mögest du insbesondere erwirken, dass Gottes Urteil sich nicht von dir wegwendet (...)

Du sollst deine Bischöfe hoch achten und auf ihren Rat immer Rücksicht nehmen; sobald du mit ihnen übereinstimmst, wird es deinem Land wohlergehen. Fördere dein Volk, richte die Unterdrückten auf, sorge für Witwen und Waisen... Dein Palast stehe allen offen, keiner soll ihn traurig verlassen. Mit Hilfe des vom Vater ererbten Vermögen befreie Gefangene und Sklaven... (Epistolae Austrasiacae 2, Üb. Kaiser II, S.84)

 

Es gelingt Chlodwig schließlich im Bündnis mit den Bischöfen, sein Reich gewaltsam bis zur Loire auszudehnen, bis wohin sich nun Franken ansiedeln. Paris soll ihm allerdings lange Zeit Widerstand geleistet haben. Wegen seiner rundherum durch Kastelle geschützten Lage und wegen des Standortes des Genoveva-Heiligtums, über welchem Chlodwig und nach seinem Tod seine Frau Chrodechilde eine Basilika erbauen, wird Paris eine Art Hauptort und bleibt es vom Prestige her oft auch bei Reichsteilungen bis zum Aufstieg der Karolinger.

 

Mit der Institutionalisierung einer Familie, der Merowinger, als Träger der Herrschaft, schwindet das alte germanische Heerkönigtum, das nun langsam ein Anachronismus wird, den Gregor anhand einer Königserhebung Sigiberts noch einmal beschreibt: Es sammelte sich um ihn das ganze Heer der Franken, hob ihn auf den Schild und machte ihn sich zum König. (inpositumque super clypeum sibi regem statuunt). (Gregor IV,51)

 

Chlodwig unterwirft um 491 die Thüringer und muss dann mit dem Burgunderkönig amicitia vereinbaren, während die Rheinfranken bis Trier vorstoßen und sich mit ihm verbünden. Er lässt verwandte Konkurrenten und andere Kleinfürsten brutal ermorden, wie Gregor von Tours überliefert.

 

Inzwischen hat der Osthrogote Theoderich im Einvernehmen mit den Franken Odoaker beseitigt. Dann kann Chlodwig bereits die Thüringer besiegen und 507 gelingt ihm die Eroberung der Auvergne.

Ein wesentlicher Motor der Veränderung im 5. Jahrhundert sind die Alemannen, die nach Nord-Burgund und in Richtung Rheinfranken drängen. Chlodwig bleibt wohl in seinem Expansionsdrang gar nichts anderes übrig, als sie militärisch zurückzuschlagen (506)

 

Schließlich konvertiert er zum (römisch-katholischen) Christentum des Schlachtengottes Kaiser Konstantins. Sowohl Gregor von Tours wie schon früher Bischof Avitus von Vienne betonen die Rolle des Kriegsglücks bei der Konversion.

Diesen Schritt tut er erst, als ihm klar ist, dass ihm auch die fränkischen Großen folgen und dann unter Mithilfe von Drohungen und Gewalt nach und nach das ganze "fränkische" Volk.

Chlodwigs Bekehrung und Taufe stilisiert Gregor zu einem Vorgang, der symbolhaft dem des Kaisers Konstantin gleichen soll, mit welchem erst die massenhafte Christianisierung der Römer begonnen hatte:

Er ging, ein neuer Konstantin, zum Taufbad hin, um sich rein zu waschen von dem alten Aussatz, und sich von den schmutzigen Flecken, die er sich zugefügt hatte, im frischen Wasser zu reinigen. (Procedit novus Constantinus ad lavacrum, deleturus leprae veteris morbum sordentesque maculas gestas antiquitus recenti latice deleturus (Gregor II,31)

 

Gregor als Erbe des gallorömischen Christentums beschreibt die frühe Christianisierung dieser fränkischen Krieger- und Herrenschicht als eine Adaption der Religion an germanische Kriegerideale. Bischof Avitus gratuliert in gedrechselter Rhetorik dem König zu seiner Taufe und fügt hinzu:

 

Er stellt sich vor, wie das unter dem Kriegshelm gepflegte Haar sich nun mit geweihter Ölung behelmte – wie der Panzer (tegmen loricarum) einmal abgelegt wurde und die makellosen Glieder im makellosen Weiß der Taufkleider glänzten. Möge diese weiche Gewandung … möge sie bewirken, dass euch die starren Waffen (rigor armorum) fortan nur um so kräftiger helfen: und was bisher das Glück geschenkt hat, die Heiligkeit (sanctitas) wird es nun vermehren. (Kaiser II, S.87ff)

 

Man sieht den gebildeten Bischof der römischen Oberschicht förmlich vor sich, wie er den Kriegsherr mit dem an sich so friedfertigen Christentum versöhnen möchte: Aus dem rauen Barbaren wird römische Körperlichkeit plus fränkischem crinis, dem langen Merowingerhaar, und wenigstens für einen Moment wird er zum unbewaffneten und ungepanzerten Menschen.

 

Es wird deutlich, wie weit der Weg einer Christianisierung bis zu den Zuständen des Hochmittelalters sein wird, und es wird erahnbar, dass zwischen der Theologie und der Laienwelt jener Graben bestehen bleibt, der zu einem der Keime der Pervertierung christlicher in "kapitalistische" Wertvorstellungen werden kann.

 

Laut Gregor verhilft der neue Gott Chlodwig kurz vor 500 zum Sieg in der Schlacht gegen die Alemannen. In dem längst sehr dualistisch ausgeformten Gegensatz zwischen dem Kriegsgott, der Schlachten gewinnen lässt und zu Macht verhilft einerseits, und dem Gegenspieler, dem Fürsten der Finsternis (Et quia princeps tenebrarum mille habet artes nocendi... Gregor VIII,34) andererseits, wird den Franken die Wahl leicht gemacht. Dabei ist unklar, wie viele von ihnen noch ihren germanischen Göttern anhingen, wie viele römischem Polytheismus und welche eventuell inzwischen Arianer geworden waren.

 

Als die beiden Heere zusammenstießen, kam es zu einem gewaltigen Blutbad, und Chlodwigs Heer war nahe daran, völlig vernichtet zu werden. Als er das sah, erhob er seine Augen zum Himmel … und er sprach: Jesus Christus … Hilfe, sagt man, gibst du den Bedrängten, Sieg denen, die auf dich hoffen - .gewährst du mir jetzt den Sieg über meine Feinde und erfahre ich so jene Macht, die das Volk, das deinem Namen sich weiht, an dir erprobt zu haben rühmt, so will ich an dich glauben... Denn ich habe meine Götter angerufen, aber ich erkenne, sie sind weit entfernt davon, mir zu helfen... Dich nun rufe ich an, und ich verlange danach, an dich zu glauben. Nur entreiße mich aus der Hand meiner Widersacher.“ (Gregor II,30)

 

Das klingt nach einer Erfindung von Gregor, aber es mag sein, dass der gewitzte Chlodwig mit dieser Geschichte sein eigenes Heer überzeugte, welches mit ihm zum Christentum übertreten soll. Weit jenseits der Verarbeitung der Konstantinslegende in eine Chlodwigslegende mögen Chlodwig allerdings handfestere Gründe zum Übertritt zur katholischen Religion veranlasst haben: Er nimmt damit den "Glauben" der großen lateinischen Bevölkerungsmehrheit in seinem Reich an, er bekommt dafür die Anerkennung durch den Kaiser, - und er bekommt ein effizientes Herrschaftsinstrument in die Hand. Kurz vor seinem Tod 511 zitiert er 32 Bischöfe zu einem Konzil, und er bestimmt offenbar wie ein Konstantin die Tagesordnung und die Ergebnisse.

 

Schließlich mag auch der Einfluss der 502 verstorbenen ("heiligen") Genovefa eine Rolle gespielt haben, die so etwas wie eine Vorsteherin einer Art Stadtrat in Paris war und möglicherweise Chlodwigs Gemahlin Chrodechilde angeregt hat, missionarisch auf ihren Mann einzuwirken. Auf jeden Fall gibt es die Entscheidung von Chlodwig für Paris als Hauptort seines Reiches und für die Apostelkirche dort (später Sainte Geneviève) als Begräbniskirche.

 

Diese ebenso fromme wie "politische" Genovefa, von der wir zeittypisch so wenige gesicherte Erkenntnisse haben, nutzte bereits um 475 das Grab des bei den Christenverfolgungen des Kaisers Decius umgebrachten Missionsbischofs Dionysius zum Bau einer Basilika (französisch: Saint-Denis), die schnell ebenfalls Grablege der fränkischen Oberschicht wird. Hier wird man die Überreste von Königin Arnegunde, der um 585 gestorbenen Frau Chlothars I., finden. Später wird Saint-Denis zu einer Art Nationalheiligtum der französischen Könige werden.

 

Chlodwig wird übrigens auf den Brief des Bischofs Avitus reagieren und davon berichten, dass er, zumindest was die Kirche angeht, sie von den Grausamkeiten des Krieges (gegen die Westgoten) befreit habe:

Als erstes haben wir bezüglich des geistlichen Amtes aller Kirchen befohlen, dass keiner die Gott geweihten Frauen rauben möge, noch die Witwen, die erwiesenermaßen dem Dienst des Herrn geweiht sind ; das soll auch gelten für die Kleriker und die Söhne der oben genannten, sowohl der Kleriker als auch der Witwen, die bekanntermaßen mit ihnen in einem Haus wohnen; ebenso auch für die Sklaven der Kirchen, für die die Bischöfe beeiden, dass sie den Kirchen entzogen wurden. Zudem sollen diejenigen kriegsgefangenen Laien befreit werden, für die Bischöfe dies fordern. (in: Kaiser II, S.90)

 

Unversehens gibt es hier auch einen kleinen Einblick in das, was während Kriegszügen nicht nur damals überlicherweise so geschieht.

Das meiste, was Gregor beschreibt, beruht auf Hörensagen und seiner Fabulierkunst, aber, falls es nicht den Tatsachen entspricht, dann ist es doch wenigstens "glaubwürdig" für Zeitgenossen, also möglich bzw. wahrscheinlich für sie. Eine bezeichnende Geschichte aus dem zweiten Buch ist folgende:

  

In dieser Zeit wurden viele Kirchen von Chlodwigs Heer geplündert, weil er bis dahin von Irrtümern besessen war. So raubten sie auch in einer Kirche neben den übrigen schönen Gegenständen für den Kult eine Urne von wunderbarer Größe und Schönheit. Der Bischof jener Kirche schickt Boten an den König und verlangt, wenn schon sonst nichts, wenigstens die Urne zurückzubekommen. Der König antwortet dem Boten: Folge uns nach Soissons, wo wir die Beute verteilen werden. Wenn das Los mir jenes Gefäß zuteilt, werde ich dem Wunsch des Vaters nachkommen.

Als sie nun in Soissons ankommen, und die ganze Beute in der Mitte aufgestellt ist, sagt der König: 'Ich bitte euch, wackere Krieger, dass ihr mir außer dem, was mir aus der Beute zukommt, noch diese Urne - auf die er wies - nicht abschlagt.' Alle, die bei klarem Verstand waren, antworteten: 'Alles, ruhmreicher König, was wir hier sehen, ist dein, selbst wir sind deiner Herrschaft unterworfen. Du magst machen, was du willst; niemand vermag deiner Macht zu widerstehen.

Als sie dies gesagt hatten, erhob ein leichtsinniger, neidischer und wenig geschliffener Soldat seine (fränkische) Doppelaxt, berührte die Urne und sagte: Nichts sollst du davon bekommen, was dir das Los nicht ordentlich zuteilt'. Darob waren alle sehr erstaunt, der König aber zwang sich, die ihm zugefügte Verletzung mit ruhiger Geduld zu ertragen und gab die Urne, nachdem er sie entgegengenommen hatte, dem Boten der Kirche. Seinen Ärger verbarg er derweilen in seiner Brust.

Ein Jahr später gebot er allen Waffenfähigen, sich auf dem Marsfeld zu versammeln, und die richtige und ordentliche Bewaffnung zu überprüfen. Umgeben von allen kam er so zu dem, der auf die Urne geschlagen hatte, und sagte ihm: 'Niemand trägt hier seine Waffen so ungeschickt wie du; weder deine Lanze noch dein Schwert noch deine Axt sind zu gebrauchen'. Und er nahm seine Axt und warf sie auf die Erde. Als der Krieger sich ein wenig bückte, um sie aufzuheben, erhob der König seine Hände und schlug ihm mit seiner Doppelaxt auf den Kopf. 'So', sagte er, 'hast du in Soissons auf die Urne geschlagen'.

Der Mann war sofort tot und er befahl den übrigen, sich zu entfernen, denen er dadurch einen mächtigen Schrecken eingejagt hatte.

 

Was Gregor dann noch darunter schreibt, wirkt wie ein indirekter und nicht unbedingt abfälliger Kommentar: Viele Kriege führte er und viele Siege errang er. Im zehnten Jahr seiner Herrschaft trug er den Krieg zu den Thüringern und unterwarf sie seinen Befehlen. (Multa bella victuriasque fecit. Nam decimo regni sui anno Thoringis bellum intulit eosdemque suis diccionibus subiugavit.)

 

Gewalt und Grausamkeit? Es gibt keine Ordnung ohne Disziplin und Unterordnung, und Anarchie ginge auch zu Lasten eines Bischofs von Tours. Das Frankenreich der Merowinger entsteht im Krieg, und da geht es nicht ohne Gewalt und äußerste Härte ab. Spätestens in der Völkerwanderungszeit entwickelten Germanen ein Kriegerethos, - Freiheit, Waffenfähigkeit und Gefolgschaft auf dem Kriegszug fallen in eins. Mit der Christianisierung wird man dann dem Kriegertum in den geistlichen Stand, ins Mönchtum oder in die Unfreiheit entkommen können.

 

Andererseits steht diese Anekdote wenige Seiten vor der Bekehrung des Königs zum Christentum. Chlodwig ist noch soweit in seinen "Irrtümern" befangen, dass er auch Kirchen plündern lässt, anstatt sie zu beschützen.

 

Wichtiger aber sind zwei Dinge: Die Macht des Herrschers beruht auf seiner (kriegerischen) Gefolgschaft, und deren Beziehung zu ihm beruht sowohl auf Unterordnung (Disziplin) wie auf Teilhabe (Partizipation). Wenn wir annehmen, dass der germanische Kriegsführer ein primus inter pares war, dann beschreibt die Geschichte eine Übergangssituation: Die "Franken" sind unter Königen sesshaft geworden, Führerschaft überdauert nun den einzelnen Kriegszug und ist insofern institutionalisiert, als sie lebenslang dauern soll. Mitsprache ändert ihren Charakter, denn sie darf nicht mehr die dauerhafte Einrichtung des Königtums in Frage stellen.

 

Die übrige Gefolgschaft verhält sich noch nicht "höfisch", sondern klug, so wie es nicht höfisch ist, dem Widersprechenden mit der fränkischen Streitaxt öffentlich den Kopf einzuschlagen. Aber wir sind dahin unterwegs: Chlodwig ist ein begabter Herrscher, denn er kann sich selbst beherrschen. Er unterdrückt die impulsive Reaktion und inszeniert seine Bestrafung wie einen kalkulierten Staatsakt. Das wirkt wie Gerechtigkeit und nicht wie unkalkulierte Willkür aus dem Augenblick heraus.

 

So wie Gregor Chlodwig beschreibt, passt dazu seine List, ja, Hinterlist, mit der er sich fränkische Herrschaften einverleibt, wozu offenbar auch das Töten von Verwandten gehört, um Alleinherrscher in Nordgallien zu werden. Aber Gregor beschreibt das so, als ob Härte und Hinterhältigkeit allgemein unter den fränkischen Großen und bis hin zu einigen gallorömischen Bischöfen verbreitet sind, als Kampf aller gegen alle mit unterschiedlichen Koalitionen inklusive dazu gehöriger Treuebrüchen.

Der Krieg und die physische Gewalt stoßen kaum auf Kritik, weder bei den zivilisierten Römern noch bei den "Barbaren", die ein besonderes Kriegerethos mitbringen. Das Christentum hat den Krieg inzwischen als Teil des irdischen Lebens akzeptiert und mit des Augustinus Doktrin vom "gerechten Krieg" in seine Welt integriert.

 

Nebenbei gesagt: Schon 511 wird in den Kanones der Synode von Orléans deutlich, womit die Kirche seitdem kämpfen muss: Es wird den neuen Christen verboten, Ostern, Weihnachten und Pfingsten dem Kirchgang fernzubleiben und stattdessen in den Kapellen auf ihren Landgütern zu feiern. Es wird ihnen ebenfalls verboten, vor dem Ende der Messe die Kirche zu verlassen. Zudem wird nun exkommuniziert, wer an "Wahrsagungen, Deutungen der Wahrzeichen oder Orakel" glaubt (Scholz, S.82). Christianisierung braucht noch einen langen Weg.

 

 

Als Erbe Roms in Gallien ist es für Chlodwig offenbar naheliegend, ganz Gallien unter seine Gewalt zu bekommen. 507 schlägt Chlodwig mit seinem Heer samt Rheinfranken und Burgunden die (arianischen) Visigoten, erobert 508 Tolosa und vertreibt sie so auf die iberische Halbinsel.

Die heutige Provence wird in einer Gegenwehr Theoderichs vor der fränkischen Übernahme bewahrt, und laut Theoderich, wie Cassiodor schreibt, der römischen Freiheit zurückgegeben. Auf der anderen Seite des südlichen Gallien bleibt Septimanien diesseits der Pyrenäen den Visigoten erhalten, ein Landstrich, der später auch Gothia heißen wird.

 

 

Für soviel Erfolg wird seine Herrschaft von Byzanz mit einem römischen Titel anerkannt, die ihn geradezu auf eine Ebene mit Theoderich stellen und helfen, ihn gegen diesen zu positionieren. Gregor von Tours berichtet: Er empfängt von Kaiser Anastasius ein Schreiben, das ihn zum Konsul macht, und in der Basilika des seligen Martin legt er die Purpurtunika und Chlamys an, und setzt sich das Diadem aufs Haupt.

(Igitur ab Anastasio imperatore codecillos de consolato accepit, et in basilica beati Martini tunica blattea indutus et clamide, inponens vertice diademam. Tunc ascenso equite, aurum argentumque in itinere illo, quod inter portam atrii et eclesiam civitatis est, praesentibus populis manu propria spargens, voluntate benignissima erogavit, et ab ea die tamquam consul aut augustus est vocitatus. (Gregor II,38).

 

Der siegreiche und zum Konsul oder Augustus aufgewertete Chlodwig wirft also in Tours Gold- und Silberstücke unter das Volk wie ein römischer Kaiser. Ein Begriff von Herrscher und Volk tritt auch hier auf, der der lateinischen Sprache und den römischen Traditionen geschuldet ist und dabei ganz vage versucht, Neues zu bezeichnen. Mit populus finden wir jene Begriffsverwirrung, die dadurch entsteht, das antike lateinische Begriffe in neue Verhältnisse eingebracht werden. Tatsächlich ist Chlodwig aber wohl eher zum patricius ernannt worden (Scholz, S.59f).

 

Fast so wie dem Christengott fühlt Chlodwig sich dabei wohl dem längst heiligen Martin von Tours verpflichtet, dessen capa (Übergewand) bald in der königlich-fränkischen, danach benannten capella landen wird.

 

Die hierarchische Kirchenorganisation war von der Spät-Antike übernommen worden. In der Verfallszeit des Römerreiches sahen sich die Bischöfe aber immer mehr auf sich selbst gestellt. Die Funktionalisierung der Kirche für die Einheit des so rasch eroberten Reiches findet ihren ersten Höhepunkt in einem Reichskonzil 511 in Orléans mit reichsweiter Gesetzgebung, ein wenig nach dem Vorbild Konstantins.

Die Bischöfe dürfen dem König durchaus bei seiner Herrschaft beistehen, aber natürlich müssen sie dabei auf ihn hören, eher als umgekehrt. Im Text des Konzils von Orléans 511 schreiben die Bischöfe, Chlodwig habe ihnen "befohlen" (iussistis), zum Konzil zu kommen. Er habe Dinge gefordert (secundum voluntates vestrae) und praktisch die Tagesordnung bestimmt (titulos, quos dedistis).

In den ersten Kanones zum von spätem römischen Recht übernommenen Kirchenasyl wird dieses näher ausgestaltet und die Tendenz zu unblutiger Konfliktbeilegung beschritten. Fehde und Blutrache unterhalb der königlichen Ebene schränken nämlich die Herrschergewalt ein (Scholz, S.68)

Vor allem wird die Befehlsgewalt der Bischöfe über ihren Klerus betont und das bischöfliche Eigentum über alle Güter ihres Bistums, die zudem unveräußerlich sind. Soviel als möglich davon soll in die Armenfürsorge gehen.

 

Übrigens: Kurz nach 500 hat König Gundobad ein beachtlich großes Königreich Burgund geschaffen, welches von Basel bis Nevers und Avignon reicht. Schon einige Monate vor Chlodwigs Taufe gelingt es dann Bischof Avitus, Gundobads Sohn Sigismund zum Übertritt vom arianischen zum römischen Glauben zu bewegen.

 

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Die Landnahme der Stämme und Völkerschaften ist kaum dokumentiert. Teils wurden Stämmen Gebiete friedlich durch die Kaiser zugeteilt, teils werden sie im Auftrag erobert oder durch Eroberungen erweitert. Immer aber ist die Grundlage militärische Bedeutung und Macht.

So sind die neuen Könige zu allererst Heerführer und das, was ihnen vor allem Anerkennung verschafft, sind weiterhin erfolgreiche Kriegszüge. Sie belegen, dass sie im „Heil“ stehen, auch wenn dieses ihnen nun von einem nominell christlichen (Kriegs)Gott verliehen wird. Die edle Freiheit der Krieger, die ihnen dabei folgen, demonstrieren diese mit Waffengewalt, die sie im Konfliktfall auch in Machtkämpfen gegen ihre Kollegen im Reich wenden. Und der Freie, ob großer Gutsherr oder kleiner Bauer, ist per se Krieger, da er das Recht hat, Waffen zu tragen, und er verdient sich dies Recht mit der Pflicht, dem König in die jährlichen, meist sommerlichen Kriegszüge zu folgen.

 

Merowingische Könige werden über viel Land verfügen, das vielleicht aus dem römischen Fiskalgut herrührt. Dieses dient vor allem zur Versorgung des eigenen Hofes, aber auch zu Schenkungen. Dazu kommt ein Königsschatz, zu dem Beutestücke wie auch Steuern beitragen. Letztere basieren auf dem System, mit dem schon Diokletian sowohl Landbesitz wie Personen (Häupter) besteuerte, und die Merowinger führen auch die römischen Steuerlisten weiter. Dazu kommen dann wie schon in der römischen Kaiserzeit Sondersteuern, die schon mal einen Aufstand provozieren können, wie Gregor von Tours (V,28) berichtet.

 

Eine zentrale Säule merowingischer Königsherrschaft wird das Königsrecht der herumreisenden Könige mit ihren lokalen und regionalen Gerichtstagen. Bis ein Pippin (der Jüngere) die Königswürde in einem mit dem Papst eingefädelten Staatsstreich an sich reißt, bleiben die Merowinger formal im Vorsitz bei Versammlungen und oberstem Gericht.

 

Könige sind abhängig von der Gefolgschaft ihrer Krieger und von der Verlässlichkeit der Herzöge (duces) und Grafen, die sie in ihre Aufgaben einsetzen, die aber viele zeitraubende und aufwendige Tagesritte entfernt sind und nur geringer Aufsicht unterliegen. Zudem sind sie auf das Einvernehmen mit den Bischöfen angewiesen, die nicht geringen Einfluss auf die Schäfchen ihrer Herde und die Bewohner der nun deutlich verkleinerten Städte insbesondere haben.

Herrschaft beruht auf Macht, und die beruht auf Gewalt und Vertrag. Verträge sind nichtig ohne die Macht, die sie garantiert. Die frühmittelalterliche Macht zeigt sich durch Präsenz. Könige sind bis ins Hochmittelalter unterwegs, sowohl um die Dinge vor Ort zu erledigen, als auch, um sich mit ihrem Gefolge in Waffen und mit der kleinen königlichen Verwaltung zu zeigen.

 

Ungestörte Machtausübung bedeutet für die Könige innerer Friede, weswegen sie diesen zu ihren hohen Ziel erklären und wenigstens darin mit der Kirche übereinstimmen. Das bedeutet aber, dass die aggressiven Energien nach außen gelenkt werden müssen, wo durch eigene militärische Teilnahme Beute gemacht werden kann, nicht zuletzt auch, indem man Anteil an eroberten Gebieten bekommt. Der kriegerische Charakter der neuen Herren verlangt immer wieder danach.

 

Die teils mit Ämtern versehene Kriegerschicht (militia) und die Schicht der professionellen Betenden hatten die Verachtung produktiver Arbeit und des Geschäftssinns teils schon mitgebracht, die dann von der römischen Oberschicht noch verstärkt wird, und hat beides für unedel erkannt. Dass sowohl der private Reichtum der einen als auch der kollektive Reichtum der anderen von Dritten erarbeitet werden muss, wird als göttliche Verfügung erklärt.

 

Der Reichtum der höheren Herren beruht weiter auf großem Landbesitz. Gefolgsleute des Königs müssen also mit Land und Leuten ausgestattet sein oder werden, damit ihr Unterhalt und ihre Aufgaben gesichert sind. Im Kern geht es Bischofskirche und Kloster genauso. Die Kirche bekommt zwar außerdem den zunächst noch "freiwilligen" Zehnten, aber der sollte ja für geistliche Zwecke wie Kirchenbauten, Verwaltung und Almosen aufgewendet werden.

Die zunächst noch eher wenigen Klöster bedürfen des Grundbesitzes mit darauf arbeitenden Leuten zu ihrer Versorgung, denn Mönche sollen einen Gutteil ihres Tages mit dem Gebet, Messfeiern, Chorgesang und dem Studium der heiligen Schriften verbringen. Und darüber hinaus sollen Kirchengebäude, auch die von Klöstern, innen in jener Pracht ausgestattet sein, die die Pracht Gottes (und die Macht von Bischof oder Abt) wiederzugeben hat.

 

Im Verlauf der Nachantike bleiben Landbearbeitung und Handwerk überwiegend personell in die familiae der Herren als deren wirtschaftliche Basis integriert. Könige übernehmen den riesigen Großgrundbesitz des römischen fiscus und teilen sich in ihn mit einer hohen Herrenschicht, der Kirche und bald dann auch der Klöster. Daneben gibt es noch in größerem Umfang freie Bauern und weiter auch Sklaven.

 

In den verfallenden Städten geraten Handwerk und Handel, was schon im antiken Reich begonnen hatte, immer mehr unter die Aufsicht von Bischof, Graf und den Äbten von Klöstern, die sich hier ansiedeln und mit reichen Gaben der weltlichen Oberschicht bedacht, ebenfalls zu Herren über Ländereien und handarbeitende Bevölkerung aufsteigen.

 

Von römischer Staatlichkeit bleibt dabei immer weniger übrig. Es entsteht also kein Verband von cives gleichen Rechtes wie im Reich der Römer, sondern ein hochgradig instabiler Verbund von Personen bzw. Familien, die in unterschiedlichem Maße Vorrechte (Privilegien) wie auch Besitztümer einsammeln, und von denen wiederum die Masse der Bevölkerung abhängt, die solchen Familien zu- und eingeordnet wird. Instabilität wird die Entwicklung beschleunigen.

 

 

Die Einwanderung der Leute, die auch dadurch zu Franken werden, dass sie unter "fränkischer" Herrschaft geeint werden, "germanisiert" den Norden und den Osten. Dort bleiben aber für Jahrhunderte "römische" Inseln wie um Trier und im Randbereich der Merowinger-Herrschaft in Gegenden Bayerns, oder es bleibt ein römischer Einwohneranteil wie in Köln, wo er die Severinskirche bis um 500 fast alleine für christliche Bestattungen nutzt. Andererseits gibt es im romanischen Teil "germanische" Inseln. Beide verschwinden im Lauf der Jahrhunderte. Reichsbildung zerstört das Besondere von Minderheiten, und viele Germanen hatten ohnehin schon früh entschieden, dass für sie die römische Zivilisation in manchem die attraktivere sei.

 

Das Merowingerreich teilt sich dabei in kleinere germanische und größere romanische Sprachgebiete, die sprachliche Klammer ist das von der alten grundbesitzenden und der städtischen Oberschicht tradierte Latein, zudem die Sprache der Kirche, in die sich Chlodwig kurz vor 500 (vielleicht) nach dem Vorbild Konstantins nach gewonnener Schlacht einreiht.

 

Was auffällt ist, dass keine "ethnischen" bzw. "sprachlichen" Probleme überliefert sind. Schritt für Schritt wird man überall Franke, gleich, welches Idiom man spricht oder wo man seine Herkunft herleitet. Andererseits führt fränkische Siedlung in romanischen Gebieten - so viel lässt sich durch die Archäologie heute nachvollziehen, offenbar zunächst eher zu einem Nebeneinander, wo sich ein Miteinander vermeiden lässt. Die wenigen von Römern und Franken in Lothringen gemeinsam benutzten Friedhöfe scheinen so belegt worden zu sein, dass eine Seite von der einen, die andere von der anderen Gruppe genutzt wurde. (V.Bierbrauer erwähnt als Beispiel Dieue-sur-Meuse, in: Franken I, S.113)

 

Die fränkischen Quellen der Zeit sind lateinisch, und das ist die Begrifflichkeit, die unsere Betrachtung bis heute einfärbt. Der rex steht dabei unter dem Caesar. Bis 800 ist damit der oströmische Caesar formal der weltliche Oberherr der Christenheit - bis ein fränkischer Kaiser ihn im Westen ablöst. Von diesem rex leitet sich das regnum ab, was sich notdürftig mit Königtum, Königreich, königliche Herrschaft und ähnlichem übersetzen ließe; man sieht, es gibt keinen ganz adäquaten Begriff im Neuhochdeutschen dafür...

 

Wichtig ist zunächst, dass vor dem Hochmittelalter regnum keine unabhängig vom König gedachte Größe ist: Herrschaft entsteht mit dem Herrscher, mit seiner Person, und die Kontinuität ist weder territorial, noch ethnisch, sondern an seine Person und seine Familie gebunden. "Der Gedanke einer fingierten >juristischen Person< ist noch nicht geboren", schreibt Johannes Fried (in: Jussen, S.84)

 

Der Herrschaftsbereich geht so weit, wie ihn der König tatsächlich durchsetzen kann. Es gibt soweit keine Trennung in Vorstellung (verfasste Fiktion) und Wirklichkeit. Damit gibt es auch keinen "Staat", sondern nur Ansätze zu Institutionen, die Vorformen von Staatlichkeit werden können.

 

Um das etwas zu verstehen: Johannes Fried beschreibt (in: Jussen, S.74ff) den Unterschied zwischen romanisierten Franken und „dänischen“ Nordmannen am Beispiel von deren Einfall in Friesland, also "fränkischem" Einflussbereich, 810. Was Karl d.Gr. und seine Nachfolger suchen, ist der Kontakt zum feindlichen "König", in der Schlacht oder im Vertrag. Sie finden keinen. Für Franken ist längst Volk und Herrschaft eine Einheit geworden. Zu dieser Zeit ist das, was wir Frankenreich nennen, im Kern das Karolingerreich, Nachfolger des Merowingerreiches, und die Karolinger definieren, wer in diesem Sinne ein Franke ist.

 

Der Prozess der Veränderung, den die Leute durchlaufen hatten, als sie zu Franken wurden, wird in der Konfrontation mit diesen Nordmannen deutlich. Fried schreibt: "Wie sollten die Franken den als Volk oder als Völkergruppe gesehenen, doch zu Hause wohl zu wenig stabilen Sippen, großräumigen Kultbünden, gewissen Rechtsgemeinschaften und Dinggenossenschaften, aber noch kaum zu stabilen politischen Verbänden vereinten, nur in der Fremde zu kleineren oder größeren, in ihrer Zusammensetzung wechselnden und zugleich hochbeweglichen Kampfgruppen zusammengeschlossenen Vikingern entgegentreten? Wie sich auf ihre Sozialverfassung, welche die Franken als Ganzes kaum wahrzunehmen vermögen und die doch einer der Gründe für die hohe Mobilität und militärische Schlagkraft der >Normannen< ist, einstellen?" (in: Jussen, S,76)

 

Das Problem, welches die Römer mit den Germanen hatten, haben nun in anderer Form die Franken mit ihnen. Sie haben Vorstellungen einer Einheit von Volk und König, die so den Germanen völlig fehlte.

 

 

Im 5./6. Jahrhundert veranlassen Könige wie der Visigote Eurich und vielleicht schon Chlodwig die Aufzeichnung tradierter und leicht ans römische Recht angepasster Stammes-Rechte, die neben das römische Recht für die Romanen treten. Ihr archaischer Charakter wird besonders an der Lex Salica (Pactus Legis Salicae) deutlich: Sie handelt von Konfliktbewältigung in einer rein agrarischen Welt ohne Städte und Fernhandel, was vermuten lässt, dass in den Städten noch längere Zeit römisches Recht praktiziert wird. Königliche Gesetzgebung hingegen gibt es vor den Karolingern wohl kaum.

 

Dargestellt wird hier eine Welt von Hausherren und  Knechten, also Freien und mehr oder weniger Unfreien. Von Adel ist keine Rede, die Menschen sind in Freie (ingenui), Halbfreie (laeti) und Unfreie (servi) eingeteilt. Die proceres als Oberschicht tauchen erst in den Texten de Zeit Gregors von Tour auf.

Unter den Herren gilt es, Rache durch Entschädigung (Wergeld) zu vermeiden, welche Versöhnung schafft, sinngleich mit Sühne, die Frieden bedeutet.

Ganz germanisch sind die langen (Körper)Straflisten für Unfreie und Strafgeldlisten für Freie. Mit dem Allgemeinverbindlich-Machen solcher Strafsätze soll dem wilden Ausüben von Fehde und Blutrache Einhalt geboten werden.

Dabei fällt auf, "dass der Pactus legis Salicae bei den Straftatbeständen vor allem Delikte wie Raub, Mord oder Entführung behandelt, also Tatbestände, die eine Fehde oder die Blutrache nach sich ziehen konnten. Für andere Bereiche wie Kauf- oder Grundstücksrecht galt offenbar nach wie vor der Codex Theodosianus." (Scholz, S.77)

 

Königsherrschaft beginnt so mit ersten Versuchen der Pazifizierung der wehrfähigen Bevölkerung, ein Prozess, der bis ins späte (kurze) Mittelalter andauern wird. Befriedung wird aber immer Unterwerfung, Untertänig-Machen bedeuten.

Tatsächlich wird aber ein Fehderecht als eine Art Selbstjustiz fast durch die nächsten tausend Jahre bestehen bleiben, eben dort, wo man nicht friedlich zu seinem Recht zu kommen meint.

 

Im Wergeld, den Geldstrafen für Tötungsdelikte, zeigt sich eine gewisse Schichtung: Der Tod eines Galloromanen kostet 100 Schillinge, der eines freien Franken 200, galloromanische Mitglieder des Hofes kosten 300, das unmittelbare (fränkische) Gefolge des Königs 600 Schillinge. Hoch bewertet werden freie Frauen im gebärfähigen Alter. Was fehlt, ist der rechtliche Sonderstatus eines "Adels".

 

Richten Knechte und Mägde Schaden an, haftet der Herr dafür. Sie  selbst erleiden dafür (Körper)Strafen wie eine Vielzahl von Schlägen, was mit besonderer Härte auch die Sklaven betrifft. Konflikte unter Unfreien kann der Herr wohl nach Gutdünken regeln bzw.strafen.

In einem Dekret des merowinigischen Königs Childebert II. von 596 kommt auch als äußerstes Mittel die Todesstrafe vor, und zwar auf Frauenraub und Inzest. Frühformen des Galgens (patibulum) gibt es jedenfalls. (SchubertRäuber)

 

Das Rechtswesen zeigt, wie sich die neue Form der Herrschaft in ihren Vorstellungen zwischen germanischen und römischen Rechtsvorstellungen bewegt. Zunächst einmal wird hier germanisches Gewohnheitsrecht, welches jeder Kodifizierung widerstrebt, schriftlich fixiert. Germanische und römische Rechtsvorstellungen bestehen dabei nebeneinander.

 

 

Öffentliche Schulen verschwinden und es bleiben Privatlehrer für die, die es sich leisten können und wollen. Da das zivilisatorische Moment der Schriftlichkeit mit den Städten langsam verfällt und sich auf Kirche, Kloster und weltliche Oberschicht zurückzieht, entstehen dabei Strukturen, die vorwiegend auf Mündlichkeit und persönlichen Beziehungen beruhen.

Aufbewahrt wird die Erinnerung an antike Zeiten in (lateinischen) Texten, die vor allem in den Klöstern gesammelt und immer einmal wieder neu abgeschrieben werden. Dabei verblüfft heute das Nebeneinander antik-heidnischer und christlicher Schriften in den Bibiliotheken der Klöster, wobei die Texte aus dem monastischen Kontext belegen, dass das antike Heidentum mit Interesse gelesen und zitatweise wie nicht nur später bei Widukind von Corvey in den eigenen Text eingebunden wird. Aber man darf nicht vergessen, dass es weithin Angehörige adeliger Familien sind, die in den Klöstern leben. Eine gewisse Schriftlichkeit bleibt wie im iberischen Visigotenreich bei der Oberschicht bis zu den Großgrundbesitzern hinab wohl zunächst erhalten.

 

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Ein grundlegender Irrtum über das "Königtum" der Nachantike beruht darauf, dass wir heute Königtum und Monarchie gleichsetzen. Dabei stammt für das zukünftige Deutschland das erste Dokument mit monarchischen Vorstellungen von 929, als der sächsische König Heinrich I. anlässlich eines Besuches seiner Familie in der Abtei Reichenau nicht nur sich selbst, sondern auch den ältesten Sohn aus der Ehe mit Gemahlin Mathilde mit Namen Otto als König bezeichnet, nicht aber die anderen Söhne: Es gibt bei mehreren Söhnen zum ersten Mal einen, den ältesten mit der aktuellen Ehefrau, der damit zum Thronfolger designiert wird, als monarchus, Alleinherrscher. Voraussetzung ist (serielle) Monogamie, also: nur eine Ehefrau auf einmal...

 

Eines der germanischen Überbleibsel ist im Merowingerreich die Erbteilung, die im Frankenreich nach dem Tod des Reichsgründers Chodwig bei mehreren Söhnen und einem Königtum im Familienbesitz dazu führt, dass das Reich in schon etwas vorgegebene Bestandteile aufgeteilt wird, wobei der gemeinsame Reichsgedanke erhalten bleiben soll. Solche Teilkönigtümer, zu denen bald auch das angeschlossene und eigentlich nichtfränkische Burgund gehört, führen dann allerdings auch zu häufigen Kriegen gegeneinander, und da es sich gewissermaßen um Familienkriege handelt, mischen auch königliche Frauen dabei heftig mit, wobei eine besonders brutale Geschichte wohl zu einer der Keimzellen für das viel spätere Nibelungenlied wird.

 

Das Reich des ersten Chlodwig wird nach seinem Tod zu gleichen Teilen unter den vier Söhnen aufgeteilt. Es bleibt ein fränkischer Herrschaftsraum mit vier Herrschaftsbereichen. Das wiederholt sich, wann immer ein Merowinger als Herrscher stirbt.

Theuderich mit dem größten Reichsteil residiert in Reims, Chlodomer in Orléans, Childebert in Paris und Chlothar in Soissons.

 

Die Aufteilung erst in vier, später in drei Teilreiche wird dazu führen, dass sich einmal die Tendenz zu einem östlichen (Auster/Austrasien) Teilreich mit dem Hauptort Reims/Metz und einem westlichen (Neustrien) mit dem Hauptort Paris festsetzt, verstärkt durch die Orientierung des jeweiligen Adels auf "seinen" Hof. Zum anderen erwacht im zunehmend romanischen Burgund immer wieder mal die Erinnerung an vormalige Selbständigkeit. Und schließlich wird der nie sehr germanischen Einflüssen unterlegene Süden (Aquitanien, Provence) eine Tendenz zu eigenen Wegen bewahren.

 

Genauso machen es dann die Karolinger, bis hin zu der folgenschweren Teilung des Reichs Ludwigs des Frommen im 9. Jh. unter seinen Söhnen. Da treffen ein fehlendes rechtlich-institutionell fixiertes Territorium und die Tatsache aufeinander, dass Könige ihren Herrschaftsbereich mit Macht und Gewalt immer neu festlegen. Unsere Vorstellungen von stabiler Staatlichkeit fehlen völlig.

 

523 kommt es zu einem ersten Angriff auf Burgund. Nach kurzer Flucht in ein Kloster wird der Burgunder Sigismund mitsamt seiner Familie umgebracht. 532/34 wird aus Mord und Totschlag ein zweiter fränkischer Krieg gegen Burgund, und das burgundische Reich wird in die Teilreiche der Franken integriert. Das Wort Burgundia verschwindet dann für Jahrhunderte, bis es erst nach 843 wieder auftaucht.

 

Als dann Ostrom nach der Vernichtung des Vandalenreiches 534 unter Justinian die Rückeroberung Italiens beginnt, überlassen die Nachfolger Theoderichs die Gebiete nordwestlich den Franken unter den Söhnen Chlodwigs.

 

Das unter drei Söhnen aufgeteilte Thüringen ist derweil Bruderkämpfen ausgesetzt. Herminefred tötet Bruder Berthachar und führt dann mit Theuderich Krieg gegen den Bruder Baderich, der dabei getötet wird. 531 besiegt dann ein fränkisches Heer Herminefred. Chlothar heiratet Berthachars Tochter Radegunde und soll ihren Bruder umgebracht haben (s.u.: Kloster).

 

Childebert vertreibt die Visigoten aus großen Teilen des ihnen noch verbliebenen Aquitanien. In Gallien bleibt noch die Bretagne. Letztere wird nun von britischen Kelten besiedelt, die ihre Sprache mitbringen.

Chlodomers Erbe, er ist gegen Burgund gefallen, teilen sich Childebert und Chlotar, nachdem sie zwei Erbsöhne getötet haben und der dritte Geistlicher wird.

 

Schon 533 stirbt Theuderich und sein Sohn Theudebert kann sich gegen seine Onkel behaupten. 539 taucht er mit einem Heer plündernd in Norditalien auf. Er heiratet eine Tochter des Langobarden-Königs in Pannonien. 547 stirbt er und für den minderjährigen Sohn führt Hofmeister Conda die Regierung.

 

Mitte des 6. Jahrhunderts haben die Merowinger praktisch das gesamte alte Gallien und (römische) Germanien unter sich, dazu von fränkischen Duces kontrolliert Thüringen und Bayern. Dabei werden in die Gebiete Leute der merowingischen Oberschicht mit ihrem Kriegergefolge geschickt, ihren leudes, die kleine Siedlungsinseln zur Kontrolle des eroberten Gebietes bilden. In der Germania I werden aus solchen Kernzellen dann "fränkische" Gebiete, d.h. die Einheimischen werden in wenigen Generationen umgewidmet - etwa so, wie es den Franzosen am Ende mit dem Elsass gelingen wird.

 

Die kriegerische Machtübernahme einer fränkischen Familie mit ihrem kriegerischen Gefolge kennt keine ethnischen Grenzen. Ob Visigoten im romanischen Südgallien, Burgunden in der romanischen Sabaudia, Alemannen, Rheinfranken, Thüringer oder Friesen, später Bayern und Sachsen oder die Menschen beiderseits der Pyrenäen und selbst südlich der Alpen, für die herrschende Familie und ihr kriegerisches Gefolge handelt es sich immer um potentielle Untertanen, Objekte von Eroberung, Unterdrückung und Integration.

 

Das Erfolgsprogramm fränkischer Könige und ihres Gefolges beruht auch darauf, die enormen kriegerischen Energien von innen nach außen abzuleiten. Der Atlantik bis zum Ärmelkanal, Pyrenäen und Mittelmeer bilden natürliche Grenzen, ebenso das Hochgebirge nach Italien. Offen liegt jenes Land östlich des Rheins, welches von germanischen Nachbarvölkern besiedelt ist, vor allem Friesen, Sachsen, Thüringer, Chatten, Alemannen und nun langsam entstehende Bayern.

 

Unter den Nachfolgereichen des westlichen, lateinischen Teils des Imperiums fällt das Frankenreich seit seiner Entstehungszeit durch besondere oder wenigstens besonders dokumentierte Gewalttätigkeit auf, die an das Römerreich seit den frühen Bürgerkriegen erinnert. Ein Aspekt ist dabei sicherlich, dass es keine wirkliche Monarchie wie das Wahlkönigtum der Visigoten ausbildet. Stattdessen ist die Königsmacht zwar bis ins 9. Jahrhundert in der Hand von hintereinander zwei Familien, aber dabei oft geteilt unter mehrere Erben. Da zugleich die Vorstellung eines Reiches der Franken bestehen bleibt, rivalisieren die Erben untereinander bis in Kriege, Mord und Totschlag hinein.

 

Das Gefolge und damit dann auch die regionalen und lokalen Herren bei der Krone zu halten, ist durchweg mit dem Versprechen von siegreichen Kriegszügen, Ruhm und Beute in vielfältiger Form verbunden. Die jährliche Heeresversammlung im Frühjahr führt regelmäßig zum Aufbruch in den Krieg. Spätestens vor Wintereinbruch kehrt man dann zurück, um sich an den Früchten seines immer gottesfürchtigen Werkes zu erfreuen.

 

Waren Adel (die milites der nobilitas) und der Amtsadel der Kurialen im alten Imperium vor allem mit - im weitesten Sinne - Verwaltung betraut, bei zugleich professionalisiertem Militär,  so ist der "Adel" des Frankenreiches seinem zentralen Wesen nach Militär, Krieger eben, weswegen die in den höheren Ämtern aristokratisch besetzte Kirche des christlichen Kriegsgottes dort Krieg und Gewalt nicht nur rechtfertigt, sondern mitbetreibt.

Die fast schon Alltäglichkeit des Krieges und seine Verherrlichung führen zu einem Kriegerethos und zur Brutalisierung bis hin zu erheblicher Grausamkeit. Was in der Spätantike stärker in den Amüsierbetrieb und die professionalisierte Soldaten-Gewalttätigkeit abgedrängt war, bringt nun im Erfolgsfall auch jenseits davon Ruhm und Ehre. Einen düsteren Höhepunkt erreichten diese Hass- und Mordgeschichten mit den drei Machterben ab 567 und ihren vielen (zum Teil gleichzeitigen) Frauen, die in dem Konflikt zwischen Fredegunde und Brunichilde kulminiert, wie ihn Gregor von Tours beschreibt.

 

Ziel von Gewalt ist Macht und deren Ausübung dann möglichst ohne aufwendige Gewaltanwendung, das, was in Zivilisationen als innerer Friede gilt. Die geringen Machtmittel von Herrschern bis ins 10. Jahrhundert verlangen dabei durchgehend auch das Gespräch mit den Großen des Reiches, denn wenn man ihr (militärisches) auxilium, also ihre Hilfe braucht, dann muss man auch ihren Rat (consilium) annehmen, also ihren Einfluss. Aber Gesprächsteilnehmer haben Gewicht vor allem mit ihrem Gewaltpotential. 

Gewalt wird einerseits als solche und als Heldentum verherrlicht, andererseits aber auch religiös gerechtfertigt, - und damit zugleich ganz weltlich durch Schlagwörter wie Friede, Schutz, Gerechtigkeit, in denen sich Macht gerne spiegelt - sie inszeniert sich also doppelt.

 

 

555 stirbt Theudebald kinderlos und Childebert und Chlothar teilen sich in sein Reich. Aufstände der Thüringer und Sachsen gegen Chlothar werden niedergeschlagen und auch einer seines Sohnes Chramn, der mit seiner Familie in einer Hütte verbrannt wird. 558 stirbt Childebert und Chlothar erbt nun das ganze Frankenreich. Er wiederum stirbt 561.

 

Nach Chlothars Tod wird sein Reich unter den vier Söhnen in manchem ähnlich wie 511 aufgeteilt. Charibert erhält die zentrale Francia, Sigibert den Osten, Burgund geht an Gunthram, während Chilperichs Gebiet mit der Zentrale Soissons unklarer bleibt. Offenbar um das Reich zusammenzuhalten, veranstalten die Bischofe aller Reichsteile eine Synode.

Chilperich reißt den Königsschatz an sich, zieht nach Paris, von wo ihn die anderen Brüder wieder vertreiben. Ein Awareneinfall 562 führt (indirekt) zum Bürgerkrieg.

566 heiratet Sigibert mit Brunichild die Tochter des Visigoten-Königs. Chilperich heiratet nach Audovera und dann Fredegunde Brunichilds Schwester Galsvintha. Fredegunde kehrt bald zu Chilperich zurück und Galsvintha wird ermordet.

 

Als Charibert 567 stirbt, bilden sich drei Teilreiche heraus. Da ist das um Champagne und Auvergne vergrößerte Rheinfranken mit der Hauptstadt Reims bei bleibender Bedeutung von Köln, ein Gebiet, welches später Austrien genannt wird und welches zeitweilig das ganze östlich anschließende Germanien kontrolliert, dann ein Neustrien mit dem Hauptort Paris, welches zum Teil später als Francia firmieren wird, und ein zeitweilig bis ans Mittelmeer reichendes Burgund.

Es kommt zu heftigen Kriegen der Brüder, die gegenseitig ihre Reiche plündern und verwüsten. 575 wird Sigibert ermordet, angeblich auf Veranlassung von Fredegunde. 576 rettet dessen Dux Gundowald seinen Reichsteil für Sigiberts Sohn Childebert (II.).

 

Die zahlreichen Frauen der Könige hinter- und nebeneinander führen über ihre Söhne zu erheblichen kriegerischen Verwicklungen. Chilperichs Frau Fredegunde gebiert einen Sohn, was Merowech, zweiten Sohn der ersten königlichen Gemahlin Audovera, beunruhigt und aufsässig macht. Er heiratet Brunichilde, aber sein Vater erwischt ihn und sperrt ihn ein. Er kann entkommen, wird mit Gefolge gefangengenommen begeht Suizid, während sein Umfeld von Chilperich grausam getötet wird.

Chlodowech ist der dritte Sohn von Audovera. Fredegunde sorgt dafür, dass er gefangen genommen und getötet wird.

Gundowald, der von sich behauptet, unehelicher Sohn von Chlotar (I.) zu sein, flieht nach Konstantinopel, lässt sich vom Kaiser ausstatten, um dann so 582 ins Frankenland zurückzukehren. Inzwischen hat Dux Desiderius Rigunthe in Toulouse überfallen, die mit Brautschatz ins Visigotenland zieht, um Kömigssohn Leovigild zu heiraten. Zusammen mit Dux Mummolus und Gundowald geht es ins Limousin. In Brive-la-Gaillarde wird Gundowald zum König erhoben. Gunthram, der sich inzwischen des jungen Childebert (II.) bemächtigt hat, adoptiert diesen und setzt ihn als seinen Nachfolger ein. Gundowald gerät in seine Hände und er lässt ihn töten.

 

584 wird Chilperich umgebracht. Fredegunde begibt sich mit dem kurz zuvor geborenen Sohn Chlothar (II.) in den Schutz Gunthrams. Es kommt zu Auseinandersetzungen insbesondere um das Erbe Chilperichs. 587 einigen sich dann Gunthram, Childebert und seine Mutter Brunichilde mit Großen und Bischöfen in Andelot. Es kommt aber zu neuen Auseinandersetzungen.

592 stirbt Gunthram und sein Reich fällt an Childebert II., der schnell in das Reich Chlothars II. eindringt.

 

 

Die Merowingerkönige, solange sie tatsächlich herrschen, verfügen zunächst noch über eine gewisse Lesekunst und Schreiber für rechtlich wirksame Texte. Ländliche Pachtverträge in Schriftform gibt es auch noch im Frankenreich des 6. Jahrhunderts. Besonders altrömische Familien mit größeren Besitzungen pflegen  antikes Bildungsgut, wenn auch mit abnehmender Tendenz.

Inzwischen tauchen in den Quellen "bei Hofe" erste Ämter auf, der Pfalzgraf (comes palatii), der Hofmeister (domesticus) und der Hausmeier (maior domus).

 

Das spätrömische Steuersystem wird weitgehend übernommen, und vermutlich von Gallorömern weiter betrieben. Genauso sieht es mit dem Kern des römischen Kanzleiwesens aus.

 

***Gregor von Tours und seine Welt***

 

Von einer "Welt des Gregor von Tour" zu schreiben, scheint mir deshalb sinnvoll, weil wir ohne seine Texte, insbesondere das Geschichts- und Geschichtenbuch 'Historiarum Libri Decem', enorm viel weniger über die Merowingerzeit wüssten. Und für die Zeit zwischen seinem Tod und dem Aufstieg der Karolinger wissen wir heute eben auch entsprechend weniger.

 

Informativ ist der Text zumindest für die Zeit des erwachsenen Bischofs im 6. Jahrhundert, irgendwann um 580 geschrieben. Allerdings ist das eine Aneinanderreihung von Ereignissen, die zum Teil überprüfbar sind, von Geschichten, deren Tatsachengehalt kaum überprüft werden kann, und von Wertungen und Parteilichkeit, die wir heute gelegentlich auf seine gallorömischen Familieninteressen, seine Position als Bischof und insbesondere als solcher von Tours zurückführen können. Dabei erweist er sich immer wieder als eher spät- denn nachantik in unserem Sinne.

 

In Gregors Texten erfahren wir zunächst etwas über ihn und dann erst durch die massiven Filter seiner Anschauung etwas über andere. Noch bedauerlicher ist, dass Gregor als Teil der "senatorischen" Oberschicht, die sich in einem gegenseitigen Durchdringungsprozess mit der fränkischen Herrenschicht befindet, die Masse der Bevölkerung, die unteren und mittleren Schichten, nur kursorisch streift - und das nicht um ihrer selbst willen, sondern vor allem dort, wo sie Opfer des Krieger"adels" werden oder kurz einmal in Städten eigenständig handeln.

 

Außerdem ist die Auswahl dessen, was Gregor darstellt, von seinem christlichen Geschichtsbild geprägt, welches die Menschenwelt in einem ihrem Ende entgegen strebenden Zweikampf zwischen Gut und Böse sieht. Indem wir dem Lauf der Zeiten folgen, berichten wir vermischt und ineinander verwirrt von den Wundertaten der Heiligen und den Unfällen der Völker. (Prosequentes ordinem temporum, mixte confusequae tam virtutes sanctorum quam strages gentium memoramus. Gregor II, Einleitung).

Wie Heinzelmann dargelegt hat, entspricht das der "Vermischung der beiden Civitates des (augustinischen) Gottesstaates und der >civitas mundi<". (S.92) Gregor schreibt dabei vor allem eine Geschichte von Königen und Bischöfen.

 

Dieses dualistische Geschichtsbild, schon laut Augustinus von Anfang an die Welt als Schöpfung konstituierend, zielt ab auf das nahe Weltende, das Gregor zwar gelegentlich erwähnt, das ihm aber wohl kaum so akut erscheint wie beispielsweise seinem Zeitgenossen Papst Gregor ("der Große") oder mehr als ein halbes Jahrtausend später Otto von Freising in seiner Chronik (Geschichte der zwei Städte). Dennoch schreibt er gegen Ende seines Lebens:

In Gallien suchte die oft genannte Seuche die Provinz (provintia) von Marseille heim. Die Gebiete von Angers, Nantes und Le Mans litten unter großer Hungersnot. Damit hebt sich <allererst die Not an>, wie der Herr im Evangelium sagt: >Es werden sein Pestilenz und teuere Zeit und Erdbeben hin und wieder, und es werden sich erheben falsche Christi und falsche Propheten, die Zeichen und Wunder tun, dass sie auch die Auserwählten verführen>, wie solches alles in dieser Zeit geschehen ist. (Üb.Buchner, H:X,25)

 

Gregor spielt dabei wie an anderen Stellen von Buch X, insbesondere auch Kapitel 23 und 24, auf Passagen in den Evangelien an und auf ausführlich in der 'Apokalypse (Offenbarung) des Johannes' erwähnte Endzeiterwartungen, die mit den oben beschriebenen Ereignissen eingeleitet werden sollen.

 

Dieser Georgius Florentius Gregorius (538-594) stammt wohl aus der Auvergne und entstammt auf beiden Seiten Familien, die Bischöfe stellten und aus dem senatorischen (römischen) Adel kamen.(Vgl. Heinzelmann, S.10ff). Viele Vorgänger im Bischofsamt von Tours sind Verwandte von ihm. Er erhält seine erste Bildung bei Avitus, dem zukünftigen Bischof von Clermont. Ein typischer Zugang zum Klerikerstand trifft auch auf ihn zu: Er kränkelt des öfteren, der ungefähr Dreizehnjährige erkrankt am Magen und verspricht für die Genesung Kleriker zu werden. 563 ist er offensichtlich wieder einmal so krank, dass er sein Ende nahe sieht und begibt sich mit Freunden und Klerikern zum Grab des heiligen Martin nach Tours, wo er, inzwischen wohl Diakon in der Auvergne, Heilung findet. Das verstärkt seine lebenslange Martinsverehrung, beschrieben in 'De virtutibus sancti Martini episcopi'.

 

Bis Gregor 573 in Reims zum Bischof von Tours geweiht wird, erfahren wir wenig, aber zumindest aus einem Gedicht seines Freundes Venantius Fortunatus, dass er drei Gönner hatte, die königliche Nonne Radegundis in Poitiers (s.u.) und das austrasische Königspaar Sigibert und Brunichild. (Heinzelmann, Gregor S.27ff)

 

561 ist Chilperich I. von Neustrien an die Macht gekommen, der nach dem Tod des Kollegen Charibert die Gebiete von Tours und Poitiers an sich gerissen hat, die eigentlich dem austrischen Sigibert zugestanden hätten, der von Reims aus regiert. Derweil wird das damalige Burgund von Orléans aus von König Gunthram regiert.

Bischof wird man in Treue zum König, für Gregor ist das Sigibert, und mehr oder weniger übernimmt man in spätantiker Tradition ein gutes Stück Stadtherrschaft. Venantius nennt denn auch Freund Gregor unter anderem caput Turonis, plebis pater und ähnlich. (Heinzelmann, Gregor, S.36) Als der Sohn Chilperichs Tours einnimmt, unterstellt er laut Gregor den von ihm eingesetzten Grafen dem Bischof, dem er die Treue schwört. (Gregor V,48: in omnibus esse fidelem)

 

Gregors Land ist das immer noch ein Stück weit römisch geprägte Gallien unter fränkischer Herrschaft. Seit mehreren Generationen beherrscht eine eingewanderte Schicht von Franken, von Kriegern und Bauern vor allem, einen immer größeren Teil dieses Galliens. Insbesondere in den Städten im Süden gibt es aber eine Kontinuität von Macht und Besitz der Gallorömer; zwei Kulturen bewegen sich aufeinander zu, um am Ende je nach Gegend ganz unterschiedlich zu verschmelzen.

 

In Gregors Text gibt es immer noch die Autorität eines (ost)römischen Kaisers, der einen Papst einsetzt (Gregor X,1: ipsum iussit institui). Es gibt mit Kaiser Tiberius eine positive (christliche) Herrschergestalt. Es gibt „Senatoren“ in Gallien, Tribunen und „tribunizische Gewalt“, zudem den Patricius. Überhaupt werden die Machtstrukturen weiter mit römischen Titeln bezeichnet, auch wenn ihr Inhalt sich wandelt: Es gibt den Rex, den Dux, den Comes, nur die Leudes repräsentieren schon vom Wort her germanisches Gefolgschaftsdenken.

 

Ein dux, Anführer, Feldherr, kann dabei vieles sein. Er kann über mehrere Städte mit ihrem pagus herrschen (Gregor VIII,26), er kann eine Armee oder eine Teilarmee unter seinem König in den Krieg führen.

 

Das Gallien, welches Gregor betrachtet, ist weiterhin in civitates aufgeteilt, Städte mit ihrem Umland, und in ihnen wohnen cives, freie Römer und Germanen, sowie unfreie Menschen. Die civitates haben ein Doppelregiment aus Bischof und comes, letzterer vom König eingesetzt, ersterer meist von der königlichen Gewalt abhängig, obwohl Könige vor Ort auch mit den Bischöfen herrschen müssen.

 

Die Spitze der Oberschicht bilden weiter die "Senatoren", zu denen auch Gregor gehört. Besonders in den ersten Büchern seiner Historien taucht der Begriff immer wieder auf (z.B. Gregor II,33 / II,37 / III,15).

Genauso wird der "Patricius" zunächst in die fränkische Welt gerettet: Cum autem Gunthchramnus rex regnum partem, sicut fratris sui, obtenuisset, amoto Agroecola patricio, Celsum patriciatus honori donavit, virum procerum statu... (IV, 24). Als Gunthram also König wird, setzt er einen Patricius ab und ernennt einen anderen.

Einen solchen Patricius gibt es vor allem weiter für den Südosten mit seiner Sonderstellung, dort, wo es gilt, die Langobarden abzuwehren, d.h. für die zukünftige Provence. Und so heißt es: Eunius quoque cognomento Mummolus a rege Gunthchramno patriciatum promeruit, und: Mummolus, arcessitus a rege, patriciatus culmine meruit (Gregor IV,42) Das Patriziat ist dort also ein culmen, der Gipfelpunkt der Karriere unter dem König.

 

Bei Gregor taucht sogar ein "Tribun" auf, Medardum tribunum (VII,23), wohl ein militärisches Amt. Die räuberischen Söhne des Waddo fallen über einen solchen her: alium tribunitiae potestatis virum circumventum dolis interfecerunt (X,21)

 

Im wesentlichen bleibt die alte gallorömische Oberschicht der proceres erhalten, vor allem in den südlichen und westlichen Zweidritteln Galliens. Sie bleibt unter den Franken privilegiert, wie eine kleine fränkische Oberschicht auch, aber sie ist kein rechtlich fixierter "Adel".

 

Bischof Dalmatius von Rhodez stirbt. Nach seinem Begräbnis wird das Testament des Bischofs vor König und proceres verlesen. (testamento antestitis in praesentia Childeberthi regis ac procerum eius... Gregor V,46)

Ein Gunthram Boso hatte sich den Hass der Königin Brunichilde zugezogen, und deren Sohn König Childebert will sie nun rächen. Gunthram Boso coepit per episcopus ac proceres discurrere et veniam (Gunst) sero praecare, quam ante dispexerat. (IX,8)

 

Gregors Welt ist in gentes eingeteilt, was ursprünglich einen wirklichen und dann einen ideellen Verwandtschaftsverband meinte, das, was neuhochdeutsch als Stamm oder Volk bezeichnet wird. So gibt es bei ihm die Francorum gens (z.B. Gregor II,12), wie auch die Langobarden und andere eine bilden (Gregor VI,6) .

 

Zur Bestattung des ermordeten Bischofs Praetextatus heißt es: Magnus tunc omnes Rothomagensis cives (Bürger von Rouen) et praesertim seniores loci illius Francos meror obsedit (VIII,31). Besonders kamen die vornehmen Franken, die anderen sind damals wohl die Gallorömer, - und im Norden in der zukünftigen Normandie bedeuten herausragende Franken als die (ehemaligen) Eroberer wohl die deutlichste Ehrung für den Bischof, sind sie doch erst seit wenigen Generationen überhaupt "Christen".

 

Die rechtlich klar voneinander abgegrenzten Bevölkerungsgruppen des Römerreiches verlieren allerdings mit einem Teil ihrer Funktionen und Rechte zunehmend ihre Konturen. Primär gibt es die Freien und die Unfreien, dann gibt es die aus der Römerzeit stammende Oberschicht und die neue, von den Franken etablierte.

 

Seit König Childerich ist das Verhältnis der gallorömischen Bischöfe zur fränkischen Oberschicht eher gut. Sie werden als neuer Ordnungsfaktor akzeptiert, nachdem der alte weggebrochen ist. Das verstärkt sich noch, als Chlodwig mit seiner Gefolgschaft zum katholischen Glauben übertritt.

 

Der Propagandist des römisch-katholischen Franziens im Gegensatz zu den arianischen Goten schreibt schon für die Zeit Chlodwigs: Viele wünschten schon damals in Gallien von ganzem Herzen, die Franken zu Herren zu haben (Multi iam tunc ex Galleis habere Francos dominos summo desiderio cupiebant. II,35) - was in dieser Klarheit wohl bezweifelt werden kann.

 

Für den spätantik geprägten Gregor ist aber der Unterschied primär kein ethnischer, sondern eben ein religiöser. Gleich im Anschluss daran erzählt er nämlich, dass der Bischof von Rodez von dem (pro)gotischen Bevölkerungsanteil vertrieben wird, weil er die frankisch-katholische Herrschaft anstrebe. In der Einleitung zum nächsten Kapitel kommt er wieder darauf zurück: Wenn es genehm ist, möchte ich kurz vergleichen (conferre), wie die Christen, die der heiligen Dreifaltigkeit vertrauten, gut vorankamen, und wie die Häretiker ins Verderben gerieten (fuerint in ruinam).

 

Mit seinem Wortgebrauch von gens wird andererseits aber bereits unbewusst die Grundlage gelegt für jene ideologischen Termini, die Reich, Volk und Verwandtschaft zur Deckung bringen wollen. Bei Gregor treten denn auch die „Franken“ begrifflich meist als eine einheitliche Gruppe auf, weswegen Chlodwig I. bei ihm einen so großen Raum einnimmt: Der macht aus den unterschiedlichen Volksgruppen durch Einverleibung und Herrschaft erst „die Franken“, und durch seine Bekehrung zum römischen Christentum tritt er dann die Nachfolge römischer Traditionen an, was ihm der (ost)römische Kaiser schließlich bestätigt.

 

***Der König und die "Ämter"***

 

Ein fränkischer König hat eine Art Charisma und das muss sich in seiner Machtentfaltung auch erweisen. Dazu hat er Speer und Schild als Herrschaftszeichen. Er hat einen Thron, eine cathedra also, die ihn symbolisch über die anderen erhebt. Er hat einen Siegelring, den er von den Römern übernommen hat, und ganz unübersehbar hatte er langes Haupthaar, welches magische Kraft symbolisiert.

 

Dieses lange Haar abscheren bzw. ihm eine Tonsur verpassen heißt genauso wie bei den Westgoten soviel wie ihn abzusetzen. Merowinger, so sie ihre hochstehenden Gegner nicht töten, verpassen ihnen eine Tonsur und kürzen das restliche Haar, machen sie so zu Priestern oder Mönchen und damit wehrlos, ein für freie Franken zunächst demütigender Vorgang. In der Klausur des Klosters sind sie zudem so gut wie eingesperrt.

 

Der Königstitel und die Herrschaft über das Frankenreich sind im Besitz einer Familie, der Merowinger. Unter familia verstand man in römischer Tradition den kompletten Haushalt. So kann Gregor über den "bösen" König Chilperich schreiben: Rex vero, ascenso equite, Parisius est regressus cum coniuge et filia vel omni familia sua. (VI,5) Also: Ehefrau, Tochter und die ganze Familie. Nach dem Suizid von comes Palladius omnes familia voces planctus emittit (IV,39) Das waren alle Mitglieder seines Haushaltes und dazu sein unmittelbares Gefolge.

 

Haupt der Familie ist wie in der römischen Antike der Vater, nach seinem Tod gegebenfalls seine Witwe. Die alltägliche Verwaltung hochgestellter Familien übernimmt der maior domus, später als Hausmeier eingedeutscht. Die Karolinger werden auch als Hausmeier merowingischer Herrscherfamilien aufsteigen.

 

Durch das Erbkönigtum entfällt die Schilderhebung durch das Heer. Stattdessen nimmt der königliche Nachfolger seinen Herrschaftsbereich durch einen "Umritt" sichtbar in Besitz. Dabei leisten die Civitates einen Eid auf ihn (Weidemann 1, S.17).

Hat ein König wie Gunthram keinen Sohn, so kann folgendes geschehen, wie Gregor beschreibt: Hierauf schickte König Gunthram zu seinem Neffen Childebert Gesandte, trug ihm Frieden an und wünschte ihn zu sehen. Da kam dieser mit seinen Großen zu ihm, und bei der Brücke, die man die Steinerne nennt, kamen sie zusammen und grüßten und küssten sich gegenseitig. Es sprach aber König Gunthram: "Es ist meiner Sünden Schuld, dass ich jetzt ohne Kinder dastehe, und deshalb wünsche ich, diesen meinen Neffen zu meinem Sohne anzunehmen." Und indem er ihn auf seinen Thron setzte, übergab er ihm das ganze Reich und sprach: "Ein Schild schirme, ein Speer verteidige uns. Und wenn ich noch Söhne bekommen sollte,, will ich doch dich gleich wie einen von ihnen halten, und dieselbe Liebe soll mich mit dir und mit ihnen verbinden, die ich dir heute hier vor Gottes Angesicht gelobe." Die Großen Childeberts aber gelobten für ihn das Gleiche. Und sie aßen und tranken zusammen und ehrten sich durch wertvolle Geschenke, dann schieden sie in Frieden. (X,5)

 

Der lebenslange König mit seinen Residenzen entwickelt Frühformen eines "Hofes" mit seinen Ämtern. Neben dem Hausmeier ist das vor allem der Schatzmeister (thesaurarius/cubicularius) und der Kämmerer (comes palatii/camerarius) als eine Art Quartiermeister, wobei ersterer als Pfalzgraf bald Vorsitzender des königlichen Gerichtes wird. (Hartmann, S.99)

Für die Schreibarbeiten entsteht eine Kanzlei, die von einem "Referendar" geleitet wird, den "Notare", also "Schreibkräfte" unterstützen.

Schließlich gibt es am Hof noch Ärzte, Goldschmiede, Münzmeister, Köche usw.

 

Mit einem solchen Hofes entsteht auch langsam eine neue Form höfischen Lebens. Neben den Amtsträgern versammelt sich dort ein engerer Kreis von Gefährten um den König, man isst und trinkt zusammen und bespricht, was anliegt. Wer aus der Oberschicht etwas auf sich hält, wird versuchen, seine Söhne in der Nähe der Königssöhne unterzubringen, damit sie gemeinsam erzogen werden. Neben den Klosterschulen für den geistlichen Nachwuchs sind das bald fast die einzigen Orte, der allgemeinen Tendenz zur Analphabetisierung zu entgehen, die im 8. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreicht. Selbst der große Karl wird des Schreibens unfähig sein.

 

Die unmitttelbare königliche Machtbasis bilden die leudes, das Gefolge, das laut einzigem überliefertem Vertrag zwischen zwei merowingischen Herrscherhäusern auf den Herrn eingeschworen wird. Als trustis bzw. Antrustionen gehen sie in die Quellen ein.

 

Regionalherren verleihen die Könige den Titel dux, der mit Oberaufsicht über mehrere Civitates und mit der Heeresfolge verbunden ist. (Gregor VIII,26) In der Champagne waltet so Lupus vero dux Campanensis (Gregor VI,4).Der Titel leitet sich möglicherweise von den römischen Militärführern auf Provinzebene ab, wie sie seit dem 4. Jahrhundert aufkamen.

Ennodius wird zum Dux von Tours und Poitiers eingesetzt. Sein Vorgänger Berulf hatte offenbar die Schätze König Sigiberts gestohlen. Deshalb wollte er auch nicht abtreten, worauf Dux Rauching eingesetzt wird, um ihn und seinen Kumpanen niederzuringen, wobei auch Teile der Schätze gefunden werden.

Schließlich erhält Ennodius auch noch das "Prinzipat" für Aire und Béarn. Die Comites von Tours und Poitiers lehnen ihn ab, darauf nimmt ihm der König auch noch seine übrigen Aufgaben und er wird Privatmann (privati operis curam gerit. (Gregor IX,7)

Toronicis vero atque Pectavis Ennodius dux datus est. Berulfus autem, qui his civitatibus ante praefuerat, pro thesauris Syghiberti regis, quos clam abstulerat, cum Arnegysilo socio suspectus habetur. Qui cum hoc ducatum in supradictis urbibus expeterit, a Rauchingo duce, facto ingenio, cum satellite allegatur. (VIII,26)

Ennodius cum ducatum urbium Thoronicae atque Pectavae ministraret, adhuc et Vice Iuliensis atque Benarnae urbium principatum accipit.(IX,7)

 

Vor allem sind Duces aber Heerführer. Dux Desiderius zieht gegen die (West)Goten, und bietet dafür das Heer auf: exercitum commovit. (Gregor VIII,45) König Childebert schickt ein Heer nach Italien: exercitum in Italiam commovere iubet ac viginti duces ad Langobardorum gentem debellandam dirigit.(X,3)

 

Für die einzelnen Civitates sind die comes zuständig, aus denen viele Jahrhunderte später "Grafen" werden. Der Comes ist ursprünglich der "Gefährte" des Kaisers, und daraus wird später ein römischer Offizier. Der ursprüngliche Sinn ist ein wenig noch im comes stabuli (z.B. Gregor X,5) der Merowingerzeit erhalten, dem Aufseher über die Pferde.

Comites haben Aufgaben in der Verwaltung, leiten das Gericht der Civitas und das dortige Militär. Peonius vero huius municipii comitatum regebat. Er "regiert" also Auxerre "als Graf" (IV,42)

Wiewohl Gregor im nächsten Text extrem parteiisch ist, wird doch deutlich, dass die Macht des Comes nach unten der Ohnmacht nach oben zum König entspricht. Im Sinne des Bischofs wird der Comes Leudast vom König abgesetzt, offenbar um die Konflikte mit dem wichtigen Bischof zu reduzieren:

Audiens autem Chilpericus omnia mala, quae faciebat Leudastis ecclesiis Toronicis vel omni populo, Ansovaldum illuc dirigit. Qui veniens ad festivitatem sancti Martini, data nobis populo optionem, Eunomius in comitatum erigitur. Denique Leudastis cernens se remotum, ad Chilpericum dirigit, dicens: 'Usque nunc, o piissime rex, custodivi civitatem Turonicam; (Wächter der Stadt als gräfliche Aufgabe) nunc autem, me ab actione remoto, vide, qualiter custodiatur. Nam noveris, quia Gregorius episcopus eam ad filium Sygiberthi tradere distinat'. Quod audiens rex, ait: 'Nequaquam, sed quia remotus es, ideo haec adponis'. Et ille: 'Maiora', inquit, 'de te ait episcopus; dicit enim, reginam tuam in adulterio cum episcopo Berthramno misceri' (verbunden). Tunc iratus rex, caesum pugnis et calcibus, oneratum ferro recludi praecepit in carcere. (V,47)

 

Diese Stelle zeigt, dass man die anderweitigen Abqualifizierungen des Chilperich durch Gregor mit Vorsicht genießen muss. Darum ist sein folgender Abschnitt (V,48) über Leudast möglicherweise auch etwas einseitig.

 

...sein Vater war ... Knecht bei einem Domänenwinzer (a fiscalis vinitoris servo). Er wurde alsdann für den Dienst (ad servitium) angefordert und der königlichen Küche zugeteilt. Da er jedoch in seiner Jugend triefäugig war und den scharfen Rauch nicht vertrug, nahm man ihn vom Kochtopfe weg und brachte ihn an den Backtrog. Da tat er nun so, als ob er sich beim Sauerteig ganz wohl befände, floh aber und entzog sich dem Dienst. Als er zwei- oder dreimal wieder eingefangen worden war und man ihn nicht anders von abermaliger Flucht abhalten konnte, schnitt man ihm zur Strafe das eine Ohr ein. Er flieht zu Marcovefa, wie ihre Schwester Gemahlin von König Charibert, die ihn zum Aufseher über ihre besseren Pferde macht, als comes stabulorum. Er wird reich und nach dem Tod der Marcovefa zur Strafe für die Sünden des Volkes als Graf nach Tour geschickt. Als König Sigibert die Stadt nach dem Tod Chariberts erhält, wird er von dessen Leuten ausgeraubt und flieht in die Bretagne. Als Gregor schon Bischof von Tours ist, erobert Theudebert für seinen Vater Chilperich die Stadt. Etwas später wird Leudast wieder Comes. Nun betrug er sich so unbedacht und hochmütig, dass er selbst im Panzer und Harnisch, den Köcher auf der Schulter, einen Speer in der Hand und den Helm auf dem Haupte in das Kirchenhaus kam; dabei war er vor niemand sicher, weil er allen feind war. Wenn er zu Gericht saß im Kreise angesehener Männer, Laien oder Geistlichen, und einen fand, der einen Rechtsfall betreiben wollte, so wurde er ganz wütend und brach in Schmähungen gegen die Bürger aus; Priester ließ er in Fesseln legen, Krieger mit Knütteln schlagen...(V,48)

 

Der Comes wie auch der Dux sind also nicht erst Endpunkte einer Laufbahn, jeder Freie kann offensichtlich dahin aufsteigen, wenn er den König entsprechend beeindruckt.

 

Das Heer von Gunthram zieht gegen den Kronprätendenten Gundovald und den Kämmerer Eberulf. Letzterer hatte sich in eine Kirche geflüchtet. Im Auftrag des Königs soll Claudius ihn erledigen. Er bewegt einen Comes, ihm Truppen zur Verfügung zu stellen:

Regressus autem ad Dunensem castrum (Châteaudun), comitem commovit, ut ei trecentos viros quasi ad costodiendas Toronicae urbis portas adiungeret, scilicet ut, cum venisset, per eorum solatium Eberulfum possit obpremere. ...comes loci viros istos commoneret... (Gregor VII,29)

 

In ihrem Befehlsbereich haben also auch Comites Truppen zur Verfügung bzw. können sie ausheben. Zudem untersteht ihnen die Rechtspflege und Rechtsprechung. Der Comes ist Gerichtsherr im Comitat, damals auch noch für die Geistlichkeit unterhalb des Bischofsrangs. Er ist also für die Aufrechterhaltung der Ordnung vor Ort zuständig, weshalb Weidemann sein Truppenkontingent als "Polizeitruppe" bezeichnet (1, S. 66).

 Comes Macco von Poitiers möchte Räubereien der Söhne des Grafen Waddo beenden und wendet sich an den König, so wie die Halunken auch: Eunte autem comite, ut debitum fisco servitium solite deberet inferre. (X,21) Tatsächlich verurteilt der König die Räuber und zieht ihr Diebesgut für den Kronschatz ein (!). Interessanter aber ist die Erwähnung, dass der Comes Abgaben einsammelt und dem König bringt.

 

Im 7. Jh. tritt zum ersten Mal ein grafio in Erscheinung, und ganz langsam wird er dann zu einem Synonym für comes. Selbstredend ist das (noch) nicht der Graf des späteren Mittelalters.

 

Das alles sind Vorformen von Staatlichkeit, sie bilden aber noch keinen Staat. Das Reich hängt an der Person des Herrschers, und genauso ist es mit den "Ämtern", die genaugenommen noch keine sind: Ein Graf beispielsweise erhält seine Machtbefugnis von einem bestimmten König und diese endet mit dessen Tod. Ausschließlich Beziehungen zwischen Personen konstituieren das Reich.

 

Entsprechend hängen auch Steuern und Abgaben an der Person des Herrschers. Mal wird laut Gregor Landbesitz besteuert, mal der Ertrag daraus. Für seine Unfreien muss der Herr eine Art Kopfsteuer abgeben. Zuständig dafür ist der Comes. Dann gibt es Einnahmen aus Zöllen, eingetrieben von Leuten, die einen Anteil daran für sich behalten als Bezahlung. Gerichtsstrafen landen im königlichen Schatz. Es gibt die Einnahmen aus dem Fiskalland, den Königsgütern. Und schließlich bedeuten erfolgreiche Kriege Beute, die bald ganz dem König zufällt (von Plünderungen des Militärs abgesehen).

 

Herrschaft der Könige basiert also auf ihrem königlichen Besitz, dem Fiskus, auf den Abgaben der Untergebenen (die Proceres sind ausgenommen), auf der Familia, der unmittelbaren Gefolgschaft, den Leudes, auf der regionalen Folgsamkeit der Duces und Comites und der Zusammenarbeit mit den Bischöfen. In diesem Machtgeflecht tauchen bei Gregor immer wieder pueri auf.

 

Der römische puer war sowohl ein Knabe, ein Jüngling, und später im Umfeld der noblen Oberschicht auch der Page. In den Texten Gregors ist es schwer, diese für die geschilderten Ereignisse so wichtigen Leute einzuordnen. Aber es handelt sich wohl um unverheiratete Mitglieder des Gefolges.

 König Sigibert kämpfte gegen seinen königlichen Bruder Chilperich. Dessen Gemahlin Fredegunde lässt ihn darauf umbringen: Tunc duo pueri cum cultris validis (scharfe Messer), quos vulgo scramasaxos vocant, infectis vinino (vergiftet), malificati (verhext) a Fredegundae regina, cum aliam causam suggerire simularent (unter einem Vorwand), utraque ei latera feriunt (stachen ihn in beide Seiten). (Gregor IV,51)

Der bei Gregor so unbeliebte Comes Leudast lockt aus Liebe zu Königin Fredegunde zwei pueri des aufständischen Chilperich-Sohnes Merowech auf dem Lande in den Hinterhalt, erschlägt sie mit dem Schwert, und würde auch Merowech erschlagen, wenn sich die Gelegenheit böte: Leudastis tunc comis, cum multas ei in amore Fredegundis insidias tenderit, ad extremum pueros eius, qui in pago egressi fuerant, circumventus dolis gladio trucidavit, ipsumque interimere cupiens, si repperire loco oportuno potuisset. (Gregor V14:)

König Gunthram schickt einen puer zu einer Wahrsagerin (V,14). Die Gesandtschaft Chilperichs nach Byzanz zu Kaiser Tiberius ist cum pueris (VI,2). Chilperich wird 584 auf der Jagd von einem seiner pueri im Auftrag einer Adelsgruppe erdolcht. (VI,46)

Claudius, der Eberulf umbringen möchte, wartet, bis dessen pueri abwesend sind (Gregor VII,29) Der Graf von Bourges schickt pueros suos aus, dass sie auch auf dem Kirchengut des hl. Martin in der Civitas Bourges den Heeresbann eintreiben: Biturigum quoque comes misit pueros suos, ut in domo beati Martini, quae in hoc termino sita est, huiusmodi homines spoliare deberent. (VII,42) Ein Kaufmann zieht cum duobus pueris Saxonibus und viel Geld heimwärts. Da er seine pueri schlecht behandelt hatte, bringen sie ihn unterwegs um.(VII,46)

 

 

Gregor lobt den für heutige Begriffe grausamen und hinterhältigen Chlodwig, weil er das katholische Christentum einführt und seine Herrschaft zu einem Ordnungsfaktor wird. Für seine eigene Zeit wird König Gunthram von Burgund der „gute König“, und der Gegenspieler zum „bösen“ Chilperich (Heinzelmann, 49ff). Gunthram praktiziert offenbar bereits etwas mehr förmliches Christentum und will offenbar die Bischöfe stärker in seine Herrschaft einbeziehen, bzw. "wie ein guter Priester" handeln:

Derselbe König aber war, wie wir oft gesagt haben, groß im Geben von Almosen, bereitwillig im Wachen und Fasten. Eine Krankheit breitet sich aus. Und der König kümmerte sich wie ein guter Priester um die Mittel, durch die die noch nicht verheilten Narben des sündigen Volkes geheilt werden könnten. So befahl er dem ganzen Volk, in der Kirche zusammenzukommen und mit größter Andacht Bittgebete abzuhalten und nichts anderes als Gerstenbrot und schlichtes Wasser zu sich zu nehmen. Er verlangte, dass sie alle bei diesen Wachen unablässig anwesend seien. Das machen die Leute auch. (IX,21)

 

Wie erfolgreich sie waren, sagt uns Gregor hingegen nicht, immerhin aber, dass das Berühren des Mantels dieses Königs schon Heilkräfte entfalten könne – wie man ihm erzählte...

Ipse autem rex, ut saepe diximus, in elymosinis magnus, in vigiliis atque ieiuniis prumptus erat.... Sed rex acsi bonus sacerdus providens remedia, qua cicatrices peccatoris vulgi mederentur, iussit omnem populum ad eclesiam convenire et rogationes summa cum devotione celebrare et nihil aliud in usu vescendi nisi panem ordeacium cum aqua munda munda adsumi, vigiliisque adesse instanter omnes iobet.

 

In einer Welt, in der das Gute und das Böse, das Reich Gottes und das des Fürsten dieser Welt vermischt ist, ist die Perspektive Gregors die enge Verbindung von geistlicher und weltlicher Macht, die weitere "Christianisierung" der letzeren. Das Gunthram genauso hart und brutal wie Chlodwig und Chilperich sein konnte, wird aber beiläufig doch deutlich:

König Gunthram entdeckt in seinem Vogesenforst die Spuren eines erlegten Büffels. Als er den Waldhüter streng dazu befragt, wer sich im königlichen Wald so etwas herausnähme, gibt der den Namen des königlichen Kämmerers Chundo an. Der bestreitet das, und die Wahrheit soll durch einen Zweikampf der beiden herausgefunden werden, für den Chundo seinen Neffen schickt. Sie sterben beide und Chundo flieht. Der König lässt ihn ergreifen und steinigen. (Gregor X,10)

 

Dennoch, Gregors Perspektive ist die Einbeziehung der Bischöfe in die Herrschaft einerseits und die Christianisierung weltlicher Herrschaft andererseits. Unterhalb des Königs ist der Dux Chrodin ein Musterbeispiel dafür:

ein Mann von ausnehmender Güte und Frömmigkeit, ein großer Geber von Almosen und ein Wohltäter der Armen, höchst freigebig gegen die Kirchen, wohltuend gegenüber der Geistlichkeit. Er richtete oft neue Höfe ein, legte dort Weinberge an, baute Wohnhäuser, bestellte die Äcker, und dann lud er Bischöfe, deren Kirchen nur ein geringes Vermögen hatten, zu einem Mahle und verteilte untersie die Häuser mit den Bauern und den Äckern, dem Silber, den Wandbehängen, dem Hausgerät, den Dienstleuten und Dienern: „All das“, sagte er, „ soll der Kirche gehören, damit sie sich um die Armen kümmert und mir daraus die Gnade Gottes erwächst.“ (Gregor VI,20)

 

 

***Grausamkeit***

 

Das Gewalttätigkeit per se etwas negatives sei, wird erst das Christentum kurz einführen, dann aber kaum noch durchsetzen. Unsere Bedeutung des Wortes "grausam" wird sogar erst nach dem Mittelalter deutlich. Gewalt meint ursprünglich Walten, die freie Tätigkeit („Das walte Gott“). Grausam war ursprünglich alles, wovor einem graute.

Das mittelhochdeutsche gruwen benennt eine Mischung aus Furcht und Widerwillen, Abscheu. Das "Grauen" als Substantiv und im neueren Sinne ist laut Duden (Herkunftswörterbuch) so noch nicht im Mittelalter vorhanden. Gruwesam bezeichnet so noch keine Intention, sondern eine Gefühlsreaktion. Hingegen ist das lateinische crudelis/crudeliter (von crudus: roh, gefühllos) obiger Textstelle das, was unsere heutige "Grausamkeit" bezeichnet.

 

Grausamkeit ist ein (unnatürliches) moralisches Verdikt und den Germanen war es offenbar auch fremd, so weit die Quellen reichen. Insgesamt scheint Empathie in geringerem Umfang erlernt worden zu sein als später. Was wir in den Quellen lesen, ist oft eher aggressiv durchgesetzter Gerechtigkeitssinn, der das Talionsprinzip vertritt bzw. ein Recht auf Rache. Zuviel Empathie hätte das Durchsetzungsvermögen des Einzelnen beeinträchtigen können.

 

 

Gerechtigkeit wurde in letzter Instanz bei den Germanen durch die Fehde und die Rache hergestellt. Gegenstand des Streites sind Eigentum, körperliche Unsehrsehrtheit und Ehre, und das bleibt bis ins hohe Mittelalter auch so, wiewohl Herrscher und Kirche bestrebt sind, dem Fehderecht ein Ende zu setzen.

 

In Paris geriet damals ein Weib in Verdacht (ruit in crimine). Viele behaupteten nämlich, sie habe ihren Mann verlassen und ein Verhältnis mit einem anderen. Daher kamen die Verwandten des Mannes zu ihrem Vater und sagten: Beweise entweder, dass deine Tochter unschuldig ist, oder sie muss gewiss sterben, damit ihr Ehebruch nicht Schande über unser Geschlecht bringt.“ „Ich weiß,“sagte der Vater, „dass meine Tochter völlig unschuldig ist, und es ist kein Wort wahr von dem, was schlechte Menschen behaupten. Damit jedoch diese Beschuldigung nicht wieder vorkommt, will ich ihre Unschuld durch einen Eid bekräftigen“ Und jene darauf: „Wenn sie unschuldig ist, so bestätige dies durch einen Eid über dem Grab des heiligen Märtyrers Dionysius.“ So geschieht es auch, aber die Partei des Ehemannes fällt über die der Frau her und es kommt zu einem Gemetzel. Viele wurden mit dem Schwert verwundet, die heilige Kirche mit Blut bespritzt, die Türen von Speeren und Schwertern durchbohrt und bis zum Grab selbst (des Heiligen) drangen die entsetzlichen (Wurf)Geschosse. Alle Beteiligten müssen dann Sühne leisten, bevor sie wieder in die Kirche aufgenommen werden. Die Frau aber machte nach wenigen Tagen, als sie zum Gericht (iudicium) gerufen war, ihrem Leben mit dem Strick ein Ende. (Gregor V,32)

 

Unser Gregor beschreibt eine Doppelwelt der Extreme im Heiligen wie im Diabolischen. Sie lassen Alltag dazwischen aus. Die folgenden Beispiele sollen also nicht den Eindruck vermitteln, sie seien alltäglich, was wir gar nicht wissen können.

 

Nachdem Gregor ausführlich alle Schandtaten seines Diakons Riculf beschrieben hat, die ihn auch selbst betrafen, so am Ende die Tatsache, dass er ihn bei Childerich verleumdet hatte, berichtet er folgendes:

Riculf wurde zum Tode verurteilt. Nur knapp erwirkte ich für ihn das Leben, von der Folter konnte ich ihn jedoch nicht befreien. Denn nichts, kein Stück Metall, hätte so viele Schläge aushalten können, wie dieser elendeste aller Menschen (miserrimus). Von der dritten Stunde des Tages hing er, die Hände zusammengebunden, an einem Baum. Um die neunte Stunde nahm man ihn ab, spannte ihn auf den Bock und schlug ihn mit Prügeln, Ruten und doppelten Riemen, nicht einer oder zwei, sondern so viele nur an den Körper des Armen herankommen konnten, so viele schlugen auf ihn ein. (Gregor V,49)

 

Auch Sunnegisil wurde wieder gefoltert und mit Riemen und Ruten täglich gepeitscht. Wenn dann die Wunden eiterten und nach Abfluss des Eiters sich eben zu schließen anfingen, wurde die Strafe erneut an ihm vollzogen. So gefoltert, legte er nicht nur ein Geständnis über den Mord an König Chilperich ab, sondern auch über verschiedene andere Verbrechen, die er begangen hatte. (Gregor X,19)

 

Die "Zauberinnen", die am Tod eines Königssohns "schuld sind", lässt die Königin teils erwürgen, teils verbrennen, teils ihnen die Knochen brechen und sie aufs Rad flechten. Der Präfekt Mummolus, der sie angestiftet haben soll, wurde auf den Bock gespannt und mit dreisträhnigen Riemen so lange gegeißelt, bis die Folterknechte müde waren; dann wurden ihm Pflöcke unter die Nägel an Händen und Füßen gekeilt. (Üb.Buchner, Gregor VI,35)

 

Daneben gibt es, wie auch später und bis heute, eine schon aus der Natur gelegentlich bekannte Lust an der Grausamkeit. Dux Rauching, von dem wir bereits die Geschichte von den zwei Liebenden und seiner Grausamkeit kennen, wird bei Gregor so beschrieben:

...Rauching, ein Mann, erfüllt von jeder Form von Eitelkeit (vanitas), von Hochmut (superbia) aufgeblasen und sehr überheblich (elatio), der seine Untergebenen so behandelte, als ob er keinerlei Menschlichkeit (humanitas) in sich hätte, sondern über alles Maß menschlicher Bosheit (malitia) und Torheit (stultitia) gegen die Seinen wütete und abscheuliche Untaten beging. Wenn ein Diener (puer) beim Gelage, wie es üblich ist, vor ihm eine (brennende) Wachsfackel hielt, ließ er ihm die Beine entblößen und die Fackel solange darauf drücken, bis sie ausging. Wenn sie dann wieder angezündet war, machte er so weiter, bis die Beine des Dieners ganz verbrannt waren. Wenn der aber einen Laut von sich geben oder sich von der Stelle rühren wollte, zog er das Schwert aus der Scheide und freute sich lauthals, während jener weinte. (Gregor V,3)

 

Die Chronik des Fredegar belegt, dass es nach Gregors Tod so weiter geht. Chlothar II., Sohn Fredegundes, hat das Frankenreich mit Gewalt wieder geeint und lässt die Kontrahenten ermorden. Brunichilde erleidet ein besonders grausames Schicksal:

Er setzte sie drei Tage lang verschiedenen Foltern aus, und dann befahl er, sie zuerst auf ein Kamel zu setzen und im ganzen Heer herumzuführen und sie dann mit dem Kopfhaar, einen Fuß und einem Arm an den Schwanz eines über alle Maßen bösartigen Pferdes zu binden. Dabei wurde sie dann durch die Hufe und den rasenden Lauf in Stücke gerissen. (IV,42)

 

Schließlich sind Krieg und Bürgerkrieg von vorneherein gewalttätig und lassen Menschen zu allen Zeiten verrohen. Gundovald behauptete um 594, wohl zurecht, er sei ein Sohn Chlothars und damit zu einem eigenen Herrschaftsbereich berechtigt. König Gunthram zieht gegen ihn in den Krieg. Zur Belagerung von Comminges 585 und damit des Gundovald heißt es:

Die Belagerung dauerte schon fünfzehn Tage, als Leudegisil neue Werkzeuge zurüstete, um die Stadt zu zerstören, nämlich fahrbare Widder (plaustra cum arietibus), mit Faschinen und Bohlen gedeckt, unter deren Schutz das Heer heranrücken sollte, um die Mauern zu zerstören. Als sie aber vorrückten, wurden sie so mit Steinen überschüttet, dass alle fielen, die sich der Mauer näherten. Auch Fässer mit siedendem Pech und Fett sowie andere, die mit Steinen angefüllt waren, warf man auf sie herab. (Üb.Buchner, VII,37)

 

Gundovald wird durch Hinterlist umgebracht:

Als Gundovald sich erhob und wieder den Berg hinauflaufen wollte, warf Boso einen Stein und zerschmetterte ihm damit den Kopf. Da sank er nieder und verschied. Und es lief alles Volk (omne vulgus) herbei und durchbohrte ihn mit den Lanzen, sie banden einen Strick um seine Füße und schleiften ihn durch das ganze Lager des Heeres; sie rissen ihm die Locken und den Bart aus und ließen ihn schließlich unbeerdigt an der Stelle liegen, wo sie ihn getötet hatten ... . Nun wird die ganze Stadt ausgeplündert. Nachdem nun alle umgebracht waren, so dass >nicht einer blieb, der an die Wand pinkelt< (I.Sam.25,34, also männlich ist) steckte man die ganze Stadt mit den Kirchen und den übrigen Gebäuden in Brand und ließ dort nichts zurück als den nackten Boden. (Gregor VII,38)

 

Lust an Grausamkeit scheint in Menschen als Option drin zu stecken, schon in Kindern, schon in Tieren. Das zeigen die Römer in ihren Amphitheatern, bei Zirkusspielen, deren kultischer Hintergrund wohl in der Kaiserzeit fast völlig zurücktritt. Aber sie zeigt sich auch in dem, was wir heute etwas ungenau wohl als „Sport“ bezeichnen würden, insbesondere bei den beliebten Pferderennen, bei denen damals auf Tier und Mensch offenbar wenig Rücksicht genommen wurde.

 

Christen sind aufgefordert, an so etwas nicht teilzunehmen, nicht nur wegen der Grausamkeit, dem absoluten Gegenteil von Nächstenliebe, sondern auch wegen des kultischen Charakters. An dem Tertulliantext gegen diesen brutalen Amüsierbetrieb lässt sich ermessen, wie viele Christen diesen Vergnügungen dennoch in der Antike nachgingen.

 

Jahrhunderte später schreibt um 440 der fromme Salvian, der irgendwo am mittleren oder unteren Rhein geboren wurde, später in Arles lebte und dann der mönchischen Gemeinschaft auf der Insel Lérins bei Cannes beitrat, über das gerade zum vierten Mal entsetzlich zerstörte Trier:

Und was nach diesem, so frage ich, was nach diesem allen? Wer kann die Größe dieses Wahnsinns ermessen? Wenige Adelige, die das Verderben überlebt hatten, forderten von den Kaisern Zirkusspiele , sozusagen als höchstes Trostmittel für die zerstörte Stadt. (remedio circenses) (Salvian, De gubernatione dei, 82ff, in Kaiser II, S.79ff)

 

König Chilperich, ein Christ, der auch fromme Dichtung schrieb, und den unser Gregor gerne zum Bösewicht stilisiert, ließ diese Tradition vorübergehend wieder in seinem Reich aufleben, wohl, um sich als besonders römisch kultiviert und zivilisiert darzustellen, aber natürlich mit denselben Absichten wie römische Kaiser. Das sehr römisch gebliebene Arles hielt seinen Zirkusbetrieb bis weit in die Frankenzeit aufrecht unter "Vorsitz" der Frankenkönige, wie Prokop erwähnt.

 

Für den Liebesbegriff, wie ihn die Christenheit in den ersten Jahrhunderten entwickelte und dann weithin vergaß, gibt es in der Welt dieser nachantiken Herren kein volkssprachliches Äquivalent, und Begriffe wie pietas und caritas sind dafür in ihrer wie auch immer gearteten christlichen Bedeutung eher unbrauchbar.

 

Um noch ein Beispiel zu geben: Bis in die Zeit Karls des Großen“ war es dem Herrn freigestellt, eine von ihm genehmigte Ehe zweier von ihm in Unfreiheit gehaltener Menschen mit der Frau (gewaltsam) zu brechen. Das war nicht das kurz vor der Französischen Revolution von Beaumarchais erfundene „Recht der ersten Nacht“, sondern die von Kriegerhorden ins römische Reich eingeschleppte Vorstellung, dass Eigentum und Macht individuelles Willkür-Recht setzen.

 

 

Ein besonderes Thema bei alledem ist die christliche Askese, die man auch im Falle der "Kasteiungen" zumindest auch als Autoaggression betrachten kann. So heißt es zum Beispiel vom heiligen Salvius im Kloster:

Aber statt sich den Brüdern zum Zwecke der Aufrechterhaltung der Disziplin (correctio) mehr zu zeigen, zog er sich, nachdem er das Amt (des Abtes) erlangt hatte, zurück. Bald suchte er sich eine noch abgelegenere (secretior) Zelle, und dabei hatte er in der vorherigen schon, wie er selbst erzählte, wegen exzessiver Abstinenz mehr als neunmal die Haut gewechselt (durch Selbst-Geißelung). (Gregor VII,1)

 

Wenn man natürlich das eigentliche "Selbst" in einer (christlichen) Seele sieht, und den Körper als sein Gefängnis, dann ist das Kasteien (also Bestrafen) des "Fleisches", sein "Abtöten", die Befreiung von ihm. Bei einem eher ganzheitlichen Menschenbild öffnet sich allerdings das Bild einer pathologisch einzuschätzenden Psyche, und man muss Nietzsche Recht geben, der das schon bei Paulus so sieht.

Solche Einzelgänger gabe es durchaus viele. Einsiedler Hospitius trägt unter der Kleidung Ketten auf der bloßen Haut (Gregor VI,6), Senoch um den Hals und an Armen und Beinen (Gregor XV,1), andere ein rauhes Büßerhemd unter dem Gewand.

Askese ist dabei das Einüben eines Zustands der Spiritualisierung, bei dem Schmerz und Lust nahe beieinander sein oder sich sogar bis zur Unkenntlichkeit vermischen können. Wenn hier dieser Aspekt erwähnt wird, dann nicht, um mit der Lust am Zufügen von Schmerz beim anderen verwechselt zu werden. Dennoch sollte man den Aspekt der Faszination des Leidens Jesu, der Märtyrer und der Asketen beim Thema Aggression nicht ganz außer acht lassen.

 

***Kirche und Christentum***

 

Das, was der evangelische Jesus gepredigt hatte, war Germanen noch wesentlich fremder als vielen städtischen Römern zuvor. Also wird der spätrömische Gott des Schlachtenglücks nun noch einmal etwas umgewandelt, er herrscht jetzt wie ein König im Himmelreich mit seinen aus Engeln bestehenden Heerscharen und bekommt einen triumphierenden Jesus zugeordnet, einen, der nun eben gerade im Tod seinen größten Triumph feiert. Petrus etwa kann dann zum edlen Recken werden, der tapfer sein Schwert für seinen Herrn schwingt. Es ist deutlich, dass das kriegerische Alte Testament gegenüber dem Neuen nun noch einmal an Bedeutung gewinnt.

Dabei ist zukünftig für die allermeisten Leute, mehr und mehr Analphabeten, Christentum das, was sie über die Priester und die Bilder in den Kirchen mitbekommen, wo inzwischen jüdische und christliche Geschichten gleichwertig nebeneinander stehen. Für die Mächtigen wird gelegentlich, nach Momenten für die jeweilige Zeit exzessiver Gewalt und Grausamkeit, deutlich, dass es bei ihnen einen Widerspruch zwischen Religion und Praxis gibt, was manchmal zu demonstrativen Akten der Buße und Einkehr führen kann. Alles in allem fallen aber evangelische Lehre und kirchenchristliche Lebenspraxis immer deutlicher auseinander und werden das bis zum Ende der Christenheit auch weithin bleiben.

 

In einer zunehmend schriftlosen Zeit bleibt die Christianisierung der meisten Leute in ein römisch-germanisches Glaubens-Konglomerat rudimentär, zudem mangelt es an Ausbildung eines immer häufiger selbst mehr oder weniger analphabetischen niederen Klerus, der sich oft mühsam seine eigene Glaubenslehre zusammenbastelt, um sie dann Leuten zu vermitteln, denen der Kern der Dinge ziemlich unverständlich erscheinen muss, der dreifaltige und getötete und auferstandene Gott und manches andere auch. Einiges davon kommt erst im hohen Mittelalter halbwegs an, manches wohl bei vielen nie. Immerhin bleiben die Wochentage meist weiter alten Göttern gewidmet, Mars in dem spanischen martes und Donar im deutschen Donnerstag zum Beispiel. Und das höchste christliche Fest wird in England und deutschen Landen nicht lateinisch pascha nach hebräisch pesach heißen, sondern Ostern (easter) nach der germanischen Frühlingsgöttin Eostre.

 

Was den Leuten leichter nahezubringen ist, sind beschauliche oder eindrucksvolle alttestamentarische Geschichten, die Wundertaten Jesu und die magischen Kräfte, die von den Heiligen und ihren Überresten, den Reliquien ausgehen, denen inzwischen die Kirchen geweiht sind. Von den ethisch-moralischen Geboten, die die Herrenschicht für sich eher wenig in Anspruch nimmt, kommt den einfachen Leuten dagegen mehr "zugute": Sie resultieren für sie in der gehorsamen Unterwerfung, und zwar unter ihre weltlichen Herren wie unter die Geistlichkeit, und der Verpflichtung, untereinander Ruhe zu halten und keinen Anlass zum Streit zu liefern. Letzteres fällt ihnen offenbar nicht leicht, wohl auch weil die alten Formen der Selbstregulierung und der Konsensbildung von Germanen durch die Hierarchisierung ihrer Welt ein Stück weit außer Kraft gesetzt werden. Romanen waren durch das lange Ducken unter die Staatsmacht anders vorgeformt, gleichen sich aber den neuen Bedingungen langsam an.

 

Diese partielle Germanisierung des Christentums machen zunächst im wesentlichen romanische Bischöfe der Oberschicht manchmal nur zögernd mit, und in ihrem Fundus heiliger Schriften bleibt weiterhin auch ein Stück weit wenigstens ein ganz anderer Jesus aufbewahrt, inzwischen zwar durch lateinische und griechische Kirchenväter und deren ebenfalls heilige Schriften anphilosophiert und dann eben auch romanisiert, aber doch eben auch dadurch zunächst weit entfernt von traditionellem germanischem Fühlen und Denken. Mit einer gewissen Beharrlichkeit wird diese kirchliche Elite versuchen, römisches Erbe zu bewahren.

 

 

Nach der Bekehrung des Chlodwig und seiner Gefolgschaft werden dann auch im Laufe der Zeit die germanischen Begräbnissitten christianisiert: Langsam verschwinden manchmal die Waffen aus den Männergräbern und die Grabstätten werden an die sich auf dem Lande ausbreitenden Kirchen und bald die der Stifterfamilien in ihre Klöster verlegt. Die ländlichen Kirchen entstehen ebenfalls nun oft auf dem Grund wohlhabender Familien als deren Stiftungen, als „Eigenkirchen“ der Familie. Aus der Verschmelzung von gallorömischem und fränkischem Christentum entstehen die Kirche und das Kloster der Nachantike, in denen Geistliches und Weltliches untrennbar verschränkt sind.

 

Aus der merkwürdigen Ansicht heraus, dass die Seelen der Verstorbenen schon vor einem letzten Gericht für ihre Sünden gequält werden könnten, entwickeln wohl vor allem die wohlhabenderen Kreise mit kirchlichem Zuspruch die Vorstellung, man könne durch regelmäßigen Messebesuch und viele Gebete deren Los erleichtern. Wer schon vor seinem Tod Sünden abbüßen möchte, kann es wie Bischof Bertramn von Le Mans in seinem Testament 616 machen: Er verpflichtet die von ihm freigelassenen Sklaven zu Opfergaben am Altar und dazu, für ihn Totengedenken zu bewahren. Kirchen stiftet er Güter, die er damit zum Gebetsgedenken verpflichtet (Scholz, S.168). Auch weltliche Große machen Stiftungen an Kirchen zu demselben Zweck.

 

Die römische Kirche ist eine Bischofskirche und die Bischöfe residieren in Städten. Bis ein Netz von Pfarreien das ganze Land überzieht, und die ganze Landbevölkerung ihnen untergeordnet ist, werden wenigstens noch einige Jahrhunderte vergehen.

Der alte senatorische Adel, der sich auf Rom nur noch als Sitz des zunehmend mit einem  Primat ausgestatteten römischen Bischof beziehen kann, teilt sich weiter in die gallischen (fränkischen) Bischofsämter, die sich auf den Raum der ehemals und „kulturell“ zunächst immer noch römischen civitates beziehen, also die Verbindung von Stadt und großem Umland.

 

Ursprünglich waren Bischöfe im Zusammenspiel ihrer christlichen Gemeinde mit den Mächtigen „gewählt“ worden. In Gallien, wo langsam fränkische und gallorömische Oberschicht verschmelzen, wird nun die Macht der Familie zur ersten Voraussetzung für das Amt. Diese beruht vorwiegend auf großem Grundbesitz.

Die beste Voraussetzung für das Bischofsamt ist dann eine weltliche Karriere, Verwaltungserfahrung, Erfahrung in Machtausübung und zudem eine Erziehung in Rhetorik und den römischen (heidnischen) Klassikern. Eher selten sind Bischöfe vorher Priester, aber manche waren vordem Archidiakone, Verwaltungschefs des Bistums und vor allem seiner „weltlichen“ Güter. Die wenigen mit religiöser Erziehung und Einblick in Theologie sind oft am Ende einer weltlichen Karriere zeitweilig in ein Kloster eingetreten und haben dort eben auch geistliche Studien betrieben.

 

Zwischen Bischof und Comes, zumindest letzterer vom König bestellt und beide für dieselbe Civitas zuständig, können naturgemäß Konflikte auftreten. Ein Fall, den Gregor als parteilicher Bischof schildert, ist der zwischen dem Comes Palladius von Javols und dem Bischof Parthenius, der mit der Absetzung des weltlichen Herrn endet. (Gregor IV,39), Gregor vertritt offenbar die Position, dass der Bischof der wünschenswerte christliche Stadtherr sei, in Partnerschaft mit seinem christlichen, „guten“ König.

Als Theudebert, ein Sohn Chilperichs, gegen seinen Vater rebelliert und Tours einnimmt, unterstellt er laut Gregor den von ihm eingesetzten Comes dem Bischof, dem er die Treue schwört. (Gregor V,48: in omnibus esse fidelem).

 

Bischof kann ein Laie in 40 Tagen werden (Qui tonsoratus, gradus quos clerici sortiuntur ascendens, post quadraginta diebus, migrante sacerdote (Bischof), successit. Gregor VI,9) Das war immerhin ein heiliger Mann, aber eigentlich findet Gregor, dass dazu wie bei ihm selbst eine längere geistliche Laufbahn gehörte: Bischof Felix liegt im Sterben und erklärt seinen Neffen zum Nachfolger. Dieser bittet Gregor, zu ihm nach Nantes zu kommen um ihm die Tonsur zu verpassen. Gregor:

Consilium tamen praebui, dicens: 'Habemus scriptum in canonibus, fili, non posse quemquam ad episcopatum accedere, nisi prius ecclesiasticus gradus regulariter sortiatur. Tu ergo, dilectissime, revertere illuc et pete, ut ipse te qui elegit debeat tonsorare. Cumque presbiterii honorem acciperis, ad ecclesiam adsiduus esto; et cum eum Deus migrare voluerit (wenn Gott ihn dann in die andere Welt hinüberwandern lässt), tunc tu facile episcopale gradum ascendes'. (Gregor VI,15).

 

Das, was in der Kirchenreform des 11. Jahrhunderts besonders lautstark und massiv als Simonie angeklagt wird, ist zwar nicht offiziell erwünscht, wird aber regelmäßig praktiziert:

Es starb auch zu dieser Zeit der Bischof Ragnemod von Paris. Und obwohl sich sein Bruder, der Priester Faramod, um das Bistum bewarb, wurde doch ein Kaufmann Eusebius, ein Syrer von seiner Herkunft, an seiner Stelle eingesetzt, nachdem er viele Geschenke gegeben hatte. (Ragnimodus quoque Parisiacae urbis episcopus obiit. Cumque germanus eius Faramodus presbiter pro episcopato concurreret, Eusebius quidam negotiator genere Syrus, datis multis muneribus, in locum eius subrogatus est. Und es geht weiter: Dieser entfernte, als er das Bistum erhalten, die ganze Dienerschaft seines Vorgängers und setzte Syrer, Leute aus seinem Volk, zu Dienern in seiner bischöflichen Wohnung ein. (Gregor X,26.)

 

"Sein Volk" sind hier Syrus de genere suo. Syrer, Juden und bald auch Friesen sind ausgezeichnete Fernhändler mit entsprechendem Reichtum. Das Beispiel zeigt, dass Geld durchaus vor klerikaler Ausbildung und Laufbahn zum Bischofsthron führen kann. Die Diener (ministri) sind nicht nur Dienstboten im späteren Wortsinn, sondern Leute, die mit der Verwaltung beschäftigt sind. Der Syrer ist also Bischof mit seinem mitgebrachten Gefolge, welches die bisherigen "Angestellten" verdrängt.

 

Wiewohl Bischöfe immer noch offiziell von den Großen ihres Sprengels erwählt werden, sucht der scheidende Bischof manchmal seinen Sohn oder seinen Neffen, wie schon gezeigt, selber aus, wenn nicht (verbotenerweise) Geld fließt. Tatsächlich ist aber nun die Bestätigung durch den fränkischen König maßgeblich, was verständlich ist, da Bischöfe einen wesentlichen Anteil an der Herrschaft in der Civitas haben und die Könige sie als Amtsträger ihres Reiches betrachten.

So findet der König die Leiche seines erschlagenen Neffen. Zur Beerdigung von diesem Merowech heißt es bei Gregor: Convocato igitur episcopo civitatis (Er berief darum den Bischof der Stadt), cum clero et populo ac cereorum innumerabilium ornato ad basilicam sancti Vincenti detulit tumulandum.(Gregor VIII,10)

 

Mit ihren Machtvollkommenheiten stehen Bischöfe gelegentlich auch im Konflikt mit Königen. Gregor, dessen Bistum von Chilperich annektiert wird, beschreibt das sehr einseitig am Beispiel seiner Streitpunkte mit ihm. Im Mittelpunkt steht damals das Kirchenasyl, welches in der Kirche des fränkischen Zentralheiligen Martin besonderes Gewicht hat.

Ein besonders kritischer Fall kommt, als der aufständische Chilperich-Sohn Merowech, der gerade seine verwitwete Tante Brunichilde geheiratet hat, 567 in der Kirche Zuflucht sucht. Er geht am Ende von sich aus wieder. (Resultat s.o.)

Bischof Praetextatus von Rouen hatte diese Heirat seines Taufpaten gebilligt, obwohl Brunichilde als Feindin von Chilperich verbannt worden war, und obwohl sie nach kirchlichen Vorstellungen viel zu nahe verwandt ist.

 

Es folgt die Geschichte vom Bischofsgericht über Praetextatus, eines der längeren Kapitel der Historien. Es beginnt mit dem Gerücht, der Bischof würde sich beim "Volk", dem populus, gegen seinen König Chilperich wenden. Der zitiert ihn zu einer Bischofsversammlung (concilium) nach Paris und wirft ihm auch vor, mit Königsohn Merowech gegen den Vater konspiriert zu haben. Als die Sache für den Bischofskollegen brenzlich wird, hält unser Gregor eine flammende Rede an die santissimi sacerdotes Dei. Darauf wird Gregor zum König zitiert. Der droht ihm und später versucht Königin Fredegunde, ihn zu bestechen. Sie scheitern, schreibt Gregor..

 

Nun wird Praetextatus vom König beschwatzt, alles zuzugeben, um dann begnadigt zu werden. Aus Angst stimmt er zu, "bekennt" vor der Versammlung und wird darauf unter Wortbruch eingesperrt. (Gregor V,18) Er kommt erst nach dem Tod Chilperichs wieder frei (Gregor VII,16) und wird 586 auf Veranlassung von Königin Fredegunde getötet.

 

Der König ist an sich auch oberster Richter über den Klerus, der noch keine eigene Gerichtsbarkeit hat. Er kann dafür ein "Konzil" einberufen, und es sind die Pairs, die ihn verurteilen. Andererseits kann jemand wie Bischof Gregor von Tours seinen Standpunkt mit Geschick und Beharrlichkeit behaupten, ohne dafür selber zu Schaden zu kommen.

 

Der Konflikt zwischen König und Bischof gipfelt in seinem Text in Anklage und Freispruch Gregors 580. Vorausgegangen war, dass Comes Leudast von Tours 579 auf Betreiben Gregors abgesetzt wurde und darauf diesen bei Chilperich der Konspiration gegen ihn anklagt. Subdiakon Riculf, der zweite Intimfeind Gregors, fügt Anschuldigungen hinzu. Es kommt zu einem Verfahren, bei dem sich herausstellt, dass beide gelogen haben und am Ende kann Gregor mit einem Reinigungseid seine Unschuld feststellen.

 

Der heilige Gallus, Bischof von Clermont, stirbt und Cato presbiter continuo a clericis de episcopatu laudes accepit. Er betrachtet sich darauf bereits als Bischof, denn König Theobald ist noch ein Kind und kann seine Macht nicht ausspielen. Episcopi tamen qui advenerant ad sanctum Gallum sepeliendum, postquam eum sepelierant, dixerunt Catoni presbitero: 'Videmus, quia te valde diligit pars maxima populorum; veni, consenti nobis, et benedicentes consecremus te ad episcopatum. Rex vero parvulus est, et si qua tibi adscribitur culpa, nos suscipientes te sub defensione nostra, cum proceribus et primis regni Theodovaldi regis agemus, ne tibi ulla excitetur iniuria. Das funktioniert so aber nicht mehr, der Erzdiakon Cautinus reist zum König und wird von diesem mit dem Bistum bestallt. Cato akzeptiert das nicht und muss erst unterworfen werden, indem ihm und seinen Anhängern in Clermont die kirchlichen Einkünfte weggenommen werden (omnes res ecclesiae abstulit).

 

Bischöfe als Teil der Ekklesia sind eigentlich Teil der dem Ende entgegenreifenden Augustinischen Civitas Dei, aber nur insofern, als sie hinreichend fromm sind und ernsthaft nach Heiligkeit streben. Dazu gehört sicherlich der folgende:

Eo tempore et Dalmatius Rutenae civitatis (Rhodez) episcopus migravit a saeculo, vir in omni sanctitate praecelsus, abstinens vel a cibis vel a concupiscentiis carnis, valde elymosinarius et cunctis humanus, in oratione et vigiliis satis stabilis. Ecclesiam construxit, sed dum eam ad emendationem saepius distruit, inconpositam dereliquit. (Gregor V,46)

 

Die Almosen gehörten schon lange zu den elementaren Verpflichtungen der Kirche, also das Ernähren der Armen, und sie begründen die Abgaben der Menschen an die Kirche. Erste Städte errichten schon im 6. Jahrhundert Xenodochien, in denen Arme, Kranke und Fremde versorgt und aufgenommen werden. Dass Werke der Barmherzigkeit schon länger auch stabilen Machtstrukturen dienen, belegt zum Beispiel der 5. Kanon einer Synode von Tours (567):

Dass eine Stadt ihre armen und bedürftigen Einwohner mit geeigneten Nahrungsmitteln ernähren soll gemäß ihrer Möglichkeiten; dass der auf dem Land lebende Presbyter wie jeder Stadtbürger seinen Armen ernähren soll. Die soll geschehen, damit die Armen nicht zu fremden Städten wandern. (in: Scholz, S.166)

 

Gregor scheint es aber vor allem wichtig, die Bösewichter im Amt detailliert darzustellen, die es offenbar zur Genüge gibt:

Als jedoch Palladius und Berthramn abermals zum Mahle des Königs gezogen wurden, fingen sie miteinander Streit an und machten sich gegenseitig wegen Ehebruchs und Unzucht viele Vorwürfe, auch Meineid legten sie einander zur Last. Darüber lachten viele, manche aber, die weiter sahen, beklagten, dass zwischen den Bischöfen des Herrn so das Unkraut des Teufels wuchere. (Nam cum iterato ad convivium regis Palladius atque Berthchramnus acciti fuissent, commoti in invicem multa sibi de adulteriis ac fornicatione exprobraverunt, nonnulla etiam de periuriis. Quibus de rebus multi ridebant, nonnulli vero, qui alacriores erant scientiae, lamentabant, cur inter sacerdotes Domini taliter zezania diabuli pollularet. Gregor VIII,7 Üb.Buchner)

 

Neben dem "unsittlichen" Lebenswandel gibt es auch das Ausplündern des "Volkes": Badegysilus vero Cenomannorum episcopus (Le Mans), vir valde saevus in populo, auferens sive deripiens iniuste res diversorum.(Gregor VIII,39: ein Mann, der sehr hart gegen das Volk war und vielen ungerechterweise ihre Habe nahm und raubte. Seine finstere und grausame Sinnesart verhärtete noch seine Frau... Buchner-Üb.)

 

Nicht nur weltliche Große eignen sich Kirchengut an, sondern eben auch hoher Klerus.

 

Zu genussüchtigen Verbrechertypen stilisiert Gregor die Bischöfe Salonius und Sagittarius:

Sed, adsumpto episcopatu in proprio relati arbitrio (und ihren Willen haben konnten), coeperunt in pervasionibus (Raub), caedibus, homicidiis, adulteriis diversisque in sceleribus insano furore crassari (wie wahnwitzig zu wüten), ita ut quodam tempore, celebrante Victore Tricassinorum (Trois-Châteux) episcopo sollemnitatem natalicii sui ( das Gedächtnisfest seiner Erhebung), emissa cohorte, cum gladiis et sagittis inruerent super eum. Venientesque sciderunt (zerrissen) vestimenta eius, ministros (Diener) ceciderunt, vasa vel omne apparatum prandii auferentes, relinquentes episcopum in grandi contumelia. Eine Kirchenversammlung setzt sie ab.

 

Qui accedentes coram papa Iohanne exponunt se nullius rationis existentibus causis dimotos ...Der Papst will, dass sie wieder eingesetzt werden. ... Hi vero in maioribus sceleribus cotidie miscebantur (verwickelten sich); et in proeliis illis, sicut iam supra meminimus, quae Mummolus cum Langobardis gessit, tamquam unus ex laicis, accincti arma, plurimos propriis manibus interfecerunt.(sie bewaffneten sich wie Laien und töteten viele eigenhändig in den Kämpfen von Mummolus mit den Langobarden) In civibus vero suis (gegen ihre eigenen Bürger), nonnullos commoti felle verberantes fustibus, usque ad effusionem sanguinis saeviebant. Der König sperrt sie in Klöster ein, lässt sie dann aber wieder frei.

 

...conversique sunt iterum retrorsum; et ita plerumque noctes epulando atque bibendo ducebant, ut, clericis matutinas in eclesia celebrantibus, hi pocula poscerent et vina libarent. Nulla prorsus de Deo erat mentio (Von Gott war nicht mehr die Rede), nullus omnino cursus memoriae habebatur (sie vergaßen das regelmäßige Beten). Renitente aurora, surgentes a cena (Erst bei der Morgenröte standen sie vom Mahl auf), mollibus se indumentis operientes (bedeckten sich mit weichen Tüchern), somno vinoque sepulti, usque ad horam diei tertiam dormiebant (drei Stunden nach Sonnenaufgang). Sed nec mulieres deerant, cum quibus polluerentur. Exsurgentes igitur, abluti balneis, ad convivium discumbebant; de quo vespere surgentes, caenae inhiabant usque ad illud lucis tempus, quo superius (weiter oben) diximus. Sic faciebant singulis diebus (jeden Tag), donec ira Dei diruit super eos; quod in posterum memoraturi sumus. (was wir im Folgenden wiedergeben werden) (Gregor V,20)

 

Die Tatsache, dass beide bewaffnet in den Krieg ziehen, findet Gregor so ungehörig, dass er sie schon im Buch vorher erwähnt hat:

Fueruntque in hoc proelio Salonius et Sagittarius fratres atque episcopi, qui non cruce caelesti moniti (nicht mit dem himmlischen Kreuz ausgerüstet), sed galea (Lederhelm) ac lurica (Harnisch) saeculari armati, multos manibus propriis, quod peius est, interfecisse referuntur. (Gregor IV,42)

 

Natürlich ist Bischöfen das eigenhändige Töten ganz besonders verboten. Später wird Sagittarius in Comminges auf Seiten Gundovalds mitkämpfen. (Gregor VII, 37)

 

 

Kleros ist das griechische "Los", auf einer Scherbe geschrieben. Den Klerus trifft das Los (zunächst wohl im ursprünglichen Sinn gedacht) einer geistlichen Aufgabe,für die er geweiht werden muss.

Die ekklesía ist die Volksversammlung. Aus beidem entsteht die "Kirche" (kyriaké ekklesía), die dem Herrn gewidmete Versammlung, etwas so noch nie Dagewesenes. Jede civitas hat einen Bischof, in den Metropolen sitzen Erzbischöfe, die die Aufsicht führen. In seinem Sprengel ist der Bischof unbestrittene Autorität, und nach dem Auseinanderfallen Westroms zerfällt auch die gallische Kirche in lauter einzelne Kirchen mit ihrem Eigenleben, ihren Festen und Riten.

 

Höchster Priester unter dem Bischof ist der presbyter ("Älteste"), woraus sich das Wort Priester entwickelt, darunter kommt der Erzdiakon, der die Diakone beaufsichtigt und die Ausbildung des Klerus leitet, was bald der einzige Unterricht ist, der im Frankenreich noch stattfindet.

 

Gregor hat mehr mit seinen domini mi sacerdotes (Gregor V,18) zu tun als mit dem einfachen Klerus, so wie auch das "Volk" in seinen 'Historiae' nicht im Zentrum seines Interesses steht. In der ausführlichen Geschichte von der Flucht des Attalus kommt ein guter Priester vor, ein presbiter (Gregor III,15). Andererseits schickt Königin Fredegunde einen clericus, der Königin Brunhilde umbringen soll, aber vorher erwischt wird (Gregor VII,20).

 

Ein Diakon wird zum Beispiel erwähnt, damit der heilige Hospitius an dessen Begleiter ein Wunder vollbringen kann (Gregor VI,6) Ein anderer, Theodulf, ist hingegen et vino deditus et in adulteriis dissolutus. Er verlässt nicht nur den Ort seiner Dienstpflichten (Paris), um sich dem Bischof von Angers anzuschließen, er ist schließlich so betrunken, dass er vom Söller der Stadtmauer in den Tod stürzt. (Gregor X,14)

 

Vom Klerus wird ein annähernd heiligmäßiger Lebenswandel erwartet. Er trägt eine Art Tonsur, ein weißes Chorgewand und darüber ein Obergewand mit Kapuze (cappa), um ihn von den Laien abzutrennen. Die vorbildliche cappa des verstorbenen gallischen Großheiligen Martin wird in der cappella aufbewahrt und von cappellanes betreut.

 

Erwünscht ist, dass der städtische Klerus bei der Kirche zusammen wohnt, gemeinsam isst und ein Leben mit Fasten und gemeinsamem Beten führt, ein Leben also nach dem Modell der christlichen Urgemeinde in Jerusalem. 538 wird beschlossen, dass ein Kleriker nach der Weihe zum Subdiakon nicht mehr heiraten darf. Dieser Regularklerus wird sich nie ganz durchsetzen lassen. In der Kirchenreform des Hochmittelalters wird ein letzter Versuch in diese Richtung unternommen werden.

Kleriker dürfen damals noch eigenen Besitz haben und vererben. Nur das Kirchengut bleibt bei der Kirche. Die Trennung zwischen beidem ist wohl manchmal nicht einfach.

 

Es wird übrigens auch noch eine Weile dauern, bis Geistliche, auch hohe Kleriker, nicht mehr verheiratet sind, mag es auch noch so oft verboten werden. Zumindest von Bischöfen wird aber erwartet, dass sie spätestens mit Amtsantritt ihr Geschlechtsleben zügeln. So wird 567 auf einem Konzil in Tours festgelegt: Der Bischof soll seine Ehefrau wie eine Schwester halten, und in solch heiligem Lebenswandel soll er sein Haus führen, und zwar das kirchliche wie sein eigenes, dass über ihn keinerlei Verdacht in irgendeiner Hinsicht aufkomme. (in: Hartmann, S.133)

 

Von der natürlichen Ausstattung her ist das „Einschlafen-Lassen“ des Geschlechtstriebes in der Regel für einen Mann noch schwieriger als für eine Frau, insbesondere angesichts der Tatsache, dass selbst ungewollte Samenergüsse als „Befleckung“ gelten. In der folgenden Geschichte des Gregor über den Bischof Felix von Nantes wird deutlich, wie wenig die Frau dem Ehemann Keuschheit überhaupt zutraut, und dass der eheliche Koitus für sie auch Bestätigung ihrer Verfügungsmacht über den Mann ist:

Als er zur Ehre des Bischofsamtes gelangt war, verließ er das Ehebett gemäß der Ordnung der katholischen Kirche. Dies ertrug seine Frau nur schwer. Und nachdem sie einige Tage mit ihm darüber gestritten hatte, dass sie in einem Bett schlafen sollten, und der Bischof dem nicht zustimmte, weil es sowohl schamlos als auch von den kirchlichen Beschlüssen verboten war, sprach die Frau eines Tages zornig zu sich selbst:“ Ich glaube nicht, dass es ohne eine bestimmte Absicht meines Mannes geschieht, dass ich so von seiner Umarmung zurückgestoßen worden bin, sondern ich werde gehen und sehen, ob nicht vielleicht eine andere Frau mit ihm schläft, für deren Liebe er mich verschmäht.“ Und bald stand sie im Zimmer des Bischofs und fand ihn dort nach Mittag schlafend. Als sie an sein Bett trat, sah sie ein Lamm von enormer Reinheit auf seiner Brust ruhen. Da wurde sie von Furcht ergriffen, entfernte sich rasch vom Bett des Heiligen und wagte nicht mehr zu fragen, was der ganz Gott ergebene Mann im Verborgenen täte. (Liber in gloria confessorum, 77)

 

Gregor mochte diesen Felix nicht, nennt ihn aber wegen seiner Keuschheit doch einen „Heiligen“. Die Geschichte ist dergestalt ganz offensichtlich wie so viele Heiligengeschichten in pädagogischer Absicht erfunden, zumindest wird Hörensagen in eine definitive Tatsache umgewandelt. Besonders deutlich wird das am Lamm auf der Brust des Heiligen, welches auf keusche Unschuld und auf den "Heiland" verweist. Eine Geschichte stimmt damals, wenn sie glaubhaft ist, und sie ist glaubhaft, wenn die Bedeutung stimmt, also das, worauf sie deutet. (Da die meisten Menschen diese Geschichte nicht zu lesen bekamen, hatten sie auch keine Gelegenheit, darüber zu kichern, falls ihnen danach war.)

 

 

Bischöfe kommen also aus wohlhabenden galloromanischen Familien mit viel Grundbesitz, und die Bistümer selbst werden durch Schenkungen und wohl manchmal auch Räubereien Großgrundbesitzer. Bischöfe sind also partielle Stadtherren, Verwalter eigenen Wohlstands und des Bistumsbesitzes, Vorgesetzte des Klerus und oberste regionale Vertreter des Glaubens. Als solche werden sie jahrhundertelang mit dem Niederkämpfen "heidnischer" keltischer, römischer und germanischer Bräuche beschäftigt sein. Vor allem sind sie auch Vertreter der lokalen und regionalen Interessen gegenüber den weltlichen Großen von außerhalb und oberhalb.

 

Aus einem Testament des Bischofs Berthram von Le Mans erfahren wir von dem enormen Besitz und Reichtum sowohl des Bistums wie des Bischofs und nebenbei auch, dass dieser sein eigenes und das Geld des Bistums in derselben Truhe aufbewahrte, also nicht voneinander trennt. (Hartmann, S.35)

 

Zum Reichtum der Bischöfe sagt König Childerich laut Gregor: "Siehe, unser Schatz ist arm, und unser Reichtum ist an die Kirchen gefallen; keiner herrscht jetzt überhaupt als allein die Bischöfe; unsere Macht ist dahin und an die Bischöfe der Stadt gekommen." (Üb.Buchner, Gregor VI,46) Das ist vermutlich überzogen, aber deshalb versucht er laut Gregor auch, den Kirchen möglichst viel wieder zu entziehen.

Sacerdotes Domini assiduae blasphemabat, nec aliunde magis, dum secricius esset, exercebat ridicola vel iocos quam de eclesiarum episcopis. Illum ferebat levem, alium superbum, illum habundantem, istum luxoriosum; illum adserebat elatum, hunc tumidum, nullum plus odio quam eclesias habens. Aiebat enim plerumque: 'Ecce pauper remansit fiscus noster, ecce divitiae nostrae ad eclesias sunt translatae; nulli penitus nisi soli episcopi regnant; periet honor noster et translatus est ad episcopus civitatum'. (Gregor VI,46)

 

Zum Hintergrund: "Als Leiter der zivilen Stadtverwaltung fiel dem merowingischen Bischof in immer größerem Maße die Verfügungsgewalt über alle Posten des städtischen Budgets zu, die in den zeitgenössischen Quellen vereinfachend unter der Rubrik "Kirchenbesitz" zusammengefasst wurden. Der Umstand, dass der Bischof nun nicht nur über die öffentlichen Gelder für den Kultus, sondern auch für alle anderen Bereiche des öffentlichen Lebens der Civitas mitbestimmte, änderte natürlich nichts am Einkommen des Königs selbst; dieser verlor über das Instrument der steuerlichen Immunität für die Kirchen zwar die direkte Verfügungsgewalt über bestimmte Teile des Steueraufkommens, gewann aber durch die entstandene Vereinfachung des Einziehungsverfahrens der Steuer unter der Leitung der Bischöfe erhebliche Vorteile." (Heinzelmann, S.159f.)

 

 

Die Macht der Bischöfe war also eine weltliche, eine seelsorgerische, und eine der Definition der Glaubensinhalte und des Ritus. Konkurrenz wird entweder aufgrund ihrer Heiligkeit absorbiert oder aber beseitigt, wie es hier geschieht:

Der Langobarde Wulfilaich (Vulfilaicus) erzählt Gregor von seiner frommen Karriere. Schon als Kind lernte er lesen und schreiben, pilgert zum Grab des heiligen Martin nach Tours und erlebt ein erstes Wunder. Ich begab mich alsdann in das Gebiet der Stadt Trier (territurium Trevericae urbis), und auf dem Berge, auf dem ihr jetzt seid, erbaute ich mir mit eigener Hand die Wohnung, die ihr seht. Ich fand hier damals ein Bild der Diana vor, das das abergläubische (incredulus) Volk abgöttisch verehrte. Ich errichtete mir auch eine Säule, auf der ich unter großen Schmerzen ohne alle Fußbekleidung stand. Wenn dann die Winterszeit kam, litt ich bei der eisigen Kälte dergestalt, dass mir von dem heftigen Frost öfters die Nägel an den Füßen abgingen und in meinem Bart das gefrorne Wasser wie Zapfen herabhing.

Zu Speise und Trank diente mir ein wenig Brot und Kohl und etwas Wasser. Als aber die Menge aus den benachbarten Höfen (villae) herbeizuströmen begann, predigte ich unablässig, es sei nichts mit der Diana, nichts mit den Bildern, nichts mit dem Götzendienst (cultura), den sie trieben; unwürdig seien auch jene Lieder, die sie beim Weine und ihren schwelgerischen Gesängen sängen; würdig sei es allein, dem allmächtigen Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, das >Opfer des Dankes< (sacrificium laudis) darzubringen. Er bringt die Leute dazu, das Götzenbild mithilfe eines Wunders zu zerstören.

Bald kamen nun Bischöfe und sagten ihm: „Der Weg, den du einschlägst, ist nicht der rechte, auch kann man dich geringen Mann nicht Symeon von Antiochien, der auf der Säule stand, vergleichen. Überdies lässt die Natur dieses Landes nicht zu, dass du diese Peinigung aushältst. Steig also lieber herab und wohne bei den Brüdern, die du um dich gesammelt.“ Da es als Verbrechen gilt, den Bischöfen nicht zu gehorchen, stieg ich auf diese Worte hin nun herab, wandelte mit den Brüdern und nahm Speise wie sie. Eines Tages schickt der Bischof ihn weiter weg und lässt dann die Säule zerstören. Wulfilaich ist darüber tief unglücklich (Üb.Buchner, Gregor VIII,15)

 

 

Vor den monotheistischen Schriftreligionen aus dem Orient waren Kulte der Kern der Zivilisation. Das Christentum hingegen kommt von außen und wird auch als Herrschaftsinstrument von Bischöfen und weltlicher Macht von oben durchgesetzt. Dort, wo das römische Christentum auf Germanen trifft, findet sich eine Übereinstimmung, was vaterrechtliche Vorstellungen angeht, während die Idee einer praktizierter Sexualität inhärenten Sündhaftigkeit Germanen wohl genauso fremd war wie die jesuanische Form der Friedfertigkeit, die aber jetzt auf die Unfreien beschränkt wird.

 

Nicht nur das schon lange in Gewalttätigkeit aufgegangene römische Gallien, sondern insbesondere die fränkischen Krieger nun verstehen unter Frieden kaum etwas anderes als den Sieg der eigenen Waffen. Das absolute Gewaltverbot der Evangelien, das damals natürlich weltliche Macht und Herrschaft nicht betrifft, von denen man ohnehin nichts in dieser Hinsicht erwartet, bleibt Sache frommer Sonderlinge.

 

Ein solcher ist laut Gregor der Klausner Eparchius, der schließlich in Angoulême ein Kloster gründet und sich für die Armen und die Befreiung von Gefangenen einsetzt. Ein Richter (iudex), der tief von ihm beeindruckt ist, verurteilt einen Verbrecher nach Recht und Gesetz zum Tode am Galgen. Eparchius bittet um sein Leben: Sed insultante vulgo atque vociferante, quod, si hic dimitteretur, neque regioni neque iudici possit esse consultum, dimitti non potuit. Der Richter verspricht, falls Gott den Galgenstrick zerreißt, ihn freizugeben. Der Mönch veranlasst nun seinen Abt, solange für den Verurteilten zu beten, bis der Querbalken und die Ketten brachen und der Aufgeknüpfte zu Boden fiel.

 

Der Richter rechtfertigt sich vor dem Mönch: ... insurgente vulgo, aliud facere non potui, timens super me seditionem moveri. (Gregor VI,8) Dem vulgus ist die ernstgenommene Nächstenliebe von Mönch und Abt fremd, die auch das Gebot der Gewaltlosigkeit wörtlich nimmt. Damit tut sich aber der Graben zwischen Religion und juristisch begründeter Rechtschaffenheit auf, der notgedrungen immer weiter werden wird: Beides geht nicht zusammen. Gregors ecclesia als Gemeinschaft der Heiligen wird vom „Volk“ nicht anders als eine Absonderlichkeit für wenige angenommen werden.

 

Während sich das nicht mehr sehr evangelische Christentum in den Städten auch bei den Franken bald durchsetzt, wird es dafür auf dem Lande noch wenigstens ein halbes Jahrtausend dauern. Das Christentum an der Macht ist dabei von gnadenloser Unduldsamkeit. Im 'De Vita Patrum Liber' beschreibt Gregor für Köln um 520 einen besonders schönen "heidnischen" Tempel, in dem die römische Restbevölkerung ihrem Kult nachging. Der heilige Gallus von Clermont legt zusammen mit einem Kleriker Feuer, als gerade niemand da ist, worauf ihn die aufgebrachte Menge bis zum Königspalast verfolgt. (VP:VI,2)

 

Tatsächlich bekommen wohl die wenigsten etwas von der theologischen Substanz mit, aber mit dem Kampf des Guten gegen das Böse konnten sie sich wohl anfreunden. Der Teufel macht dabei eine in den Evangelien noch nicht vorhersehbare Karriere durch und gewinnt zunehmend an Bedeutung. Er kann sich in vielfältige Dämonen und böse Geister aufteilen, die Menschen in ihren Besitz nehmen. So schreibt Gregor über den bösen Ebrulf:

Da wir nun sahen, dass er sozusagen von einem bösen Geist besessen war (Nos vero cum vidissimus eum, ut ita dicam, agi a daemone) machten wir unserem Gebet und dem Ärgernis ein Ende und gingen aus der Kirche. Ebrulf verhält sich, sozusagen (!), als ob er von einem Dämon besessen wäre. Gregor scheint auch hier diesem Geisterglauben etwas skeptisch gegenüber zu stehen. (Gregor VII,22)

 

Nach christlicher Auffassung war es auch ein böser Dämon, mit dessen Hilfe Wahrsagerei betrieben wurde:

Es gab zu der Zeit eine Frau, die hatte einen Wahrsagegeist (so übersetzt Buchner spiritus phitonis), und die bereitete ihren Herren viel Gewinn mit Wahrsagen und erlangte so deren Gunst, dass sie sie freiließen, und sie nun so lebte, wie sie wollte. Wenn jemand einen Diebstahl oder sonst irgendeinen Schaden erlitt, erklärte sie sogleich, wohin der Dieb entwichen war, wem er das Gestohlene gegeben oder was er damit gemacht hatte. Sie brachte täglich viel Gold und Silber zusammen und ging voller Schmuck herum, so dass man im Volk (in populis) meinte, sie sei irgend etwas Göttliches. Bischof Agerich von Verdun ergreift sie und sieht, dass es, wie wir schon in der Apostelgeschichte formuliert lesen, ein unreiner Geist sei, der aus ihr wahrsage (immundum spiritum esse phitonis). Und als er die Beschwörung (exorcismum) über sie aussprach und ihre Stirn mit dem heiligen Öl (oleum sanctum) salbte, schrie der Dämon laut auf und verriet sich dadurch dem Bischof. Da er sich aber durch ihn nicht austreiben ließ, erlaubte der Bischof dem Mädchen zu gehen. Weil sie aber erkannte, dass sie an diesem Ort nicht mehr leben konnte, zog sie zur Königin Fredegunde und verbarg sich bei ihr. (Gregor VII,44)

 

Bekanntlich wird sich dieses Geschäft aber durch die Zeiten erhalten, das Bedürfnis, in die Zukunft schauen zu wollen, ist einfach zu groß. Hier scheint denn auch Gregor an die Macht wahrsagender Dämonen selbst zu glauben.

 

Die eng benachbarten Bereiche der Zauberei und Kräuterkunde werden sich ebenfalls bis in die Neuzeit hinein nicht ausrotten lassen. Gregor erzählt aus der Zeit des Königs Chilperich:

Indessen kam der Königin zu Ohren, ihr Sohn, der gestorben war, sei ihr durch Zaubereien (maleficia) und Besprechungen (incantationes) entrissen worden, und der Präfekt Mummolus habe davon gewusst.( ...) Mummolus erzählt von seinen Erfolgen mit Heilkräutern. Die Königin lässt Weiber (mulieres) in Paris ergreifen, und unter der Folter gestehen sie, Zauberinnen (maleficae) zu sein. Sie hätten den Königssohn sterben lassen, damit Mummolus leben könne. Daraufhin werden sie durch schwerste Foltern umgebracht. Nun wird auch Mummolus eingesperrt, auf das grausamste gefoltert; er gesteht, Kunde dieser Frauen gewesen zu sein und bei ihnen Mixturen (inunctiones) und Zaubertränke (potiones) gekauft zu haben. Er wird seines Eigentums beraubt und stirbt bald darauf (Gregor VI,35)

 

Wer wiederum die Wundertaten christlicher Heiliger für faulen Zauber hält, kann auf die Idee kommen, es selbst damit zu probieren:

In jenem Jahre trat in der Stadt (urbs) Tours ein Mann mit Namen Desiderius auf , welcher vorgab, er sei etwas Großes, und behauptete, er könne viele Wunder tun (se multa posse facere signa). Auch rühmte er sich, es liefen Boten zwischen ihm und den Aposteln Petrus und Paulus hin und her. Da ich nicht in der Stadt war, strömte viel gemeines Volk (rusticitas populi) ihm zu, und sie brachten die Blinden und Kranken mit; er aber suchte sie nicht durch Heiligkeit (sanctitas) zu heilen, sondern durch den Trug der schwarzen Kunst (errore negromantici ingenii) zu täuschen. Die gichtbrüchig oder sonst gebrechlich waren, ließ er mit Gewalt ausrecken, um die, welche er durch die Gabe göttlicher Wunderkraft nicht gerade machen konnte, gewissermaßen durch eigene Anstrengung wiederherzustellen. (Üb.Buchner, Gregor IX,6)

 

Am Ende wird er aus der Stadt verwiesen. Damals erinnert das einen Gregor auch daran, dass in der „Offenbarung des Johannes“ vorhergesagt wurde, dass der Weltuntergang mit der Heraufkunft falscher Propheten eingeleitet werden würde.

 

Ein anderer besonderer Heiliger kommt 591 bis in die Provintia von Arles:

(...) hier kleidete er sich in Felle und betete wie ein Geistlicher (religiosus). Um ihn zu verführen, verlieh ihm der Widersacher (pars adversi) die Gabe des Wahrsagens. (…) er (...) kam in das Gebiet der Stadt Javols, gab vor, er sei etwas Großes und scheute sich nicht, sich für Christus auszugeben. Dabei hatte er eine Frau wie eine Schwester bei sich, die er Maria nennen ließ. Zu ihm strömte eine Menge Volk (populus) und brachte die Kranken herbei, die er durch seine Berührung gesund machte. Auch Gold, Silber und Kleider gaben sie ihm. Er aber schenkte alles den Armen, um die Leute zu verführen, warf sich auf den Boden und betete inbrünstig zusammen mit der Frau, und wenn er aufstand, ließ er sich wieder von den Umstehenden verehren. Er sagte auch die Zukunft voraus, verkündete den einen, dass ihnen Krankheiten, anderen Verluste bevorständen, prophezeite dagegen nur wenigen Glückliches. (...) Er verführte so eine ungeheure Menge Volk, nicht nur Ungebildete (rusticiores), sondern auch Priester der Kirche. Am Ende folgten ihm mehr als 3000 Leute aus dem Volk nach.

Nun fing er an, manche zu berauben und auszuplündern, die er auf den Landstraßen fand. Das Geraubte schenkte er dann denen, die nichts besaßen. (…) er schickte auch Boten vor sich her, Leute, die mit nacktem Körper (nudo corpore) tanzten und sprangen (saltantes adque ludentes), um seine Ankunft anzumelden.

Der Bischof sorgt dafür, dass er „in Stücke“ gehauen wird, und so fiel jener Christus, den man lieber Antichrist nennen sollte. (...) Dennoch kamen die Leute, welche er durch höllische List verführt hatte, an ihn zu glauben, niemals wieder zu vollem Verstand (ad sensum integrum), sondern sie verehrten ihn weiter als Christus und glaubten, das seine Maria teil an seiner Göttlichkeit habe. (Gregor X,25) Gregor nimmt eine gewisse Ähnlichkeit zu Jesus durchaus wahr, macht aber (wohl ohne dass es ihm bewusst wird) auch deutlich, dass die Kirche Jesus im Frankenreich noch einmal umgebracht hätte.

 

Christianisierung der Laienwelt geschieht durch Umformung und Überformung „heidnischen“ Glaubens. Dabei spielt das Wunder eine immer größere Rolle, begründet in den Wundertaten Jesu und überhaupt dem Wunderbaren und Wunderlichen seiner legendären Existenz. Aber alle Wunder müssen von der Kirche lizenziert werden.

 

Virtus war die lateinische Tugend, die innere Kraft zum jeweils Guten. Aus dem tugendhaften Heiligen entspringen dann die virtutes, seine Wundertaten. Diese sind zu einem großen Teil Krankenheilungen, von denen so manche Erzählung als märchenhaft abgetan werden kann, andere aber wohl so ähnlich geschehen sind, - eben aus der Suggestivkraft des Heiligen heraus. Dann gibt es Heilungen, die im Nachherein auf das Wunderbare bezogen werden. In solchen Wundern wird das weitergeführt, was Schamanen, Zauberer und andere schon vorher konnten.

 

Direkt aus der "heidnisch"-römischen Kultur ins (nicht nur) fränkische Christentum übernommen wird die Bedeutung der prodigia, der Vorzeichen, der Auspizien usw. Dazu gehört unter anderem die Beobachtung von Himmelszeichen (Sonnenfinsternis, Kometen etc.). Daraus wird sich die Astrologie entwickeln, die bis ins 16./17. Jahrhundert noch nicht von der Astronomie unterschieden ist.

 

Was sich bei den meisten durchsetzt, ist schlichter Volksglaube. Gegen den Teufel stehen dabei vor allem die Heiligen ein, die nun nicht mehr unbedingt Märtyrer sein müssen, sondern Leute werden, die ein besonders heiliges Leben geführt haben. Der Modellfall für Gallien wird Martin von Tours durch die Heiligenvita, die Sulpicius Severus um 396 schreibt.

Dabei wird Heiligkeit noch nicht in Rom festgelegt, dass von Gallien ohnehin damals weit weg ist, sondern wird vom „Volk“ entdeckt und wohl auch von einzelnen Priestern propagiert und von Bischöfen protegiert. Heiligen werden die Kirchen geweiht, und sie werden angerufen, wenn man Wünsche hat.

 

Solche Heilige vollbringen Wunder auch nach ihrem Tod, und insbesondere ihre körperlichen Überreste („Reliquien“) können so etwas vollbringen. Die meisten gab es damals in Rom zu ergattern:

Igitur diaconus Romam directus est, ut beatorum apostolorum vel reliquorum sanctorum, qui urbem illam muniunt, exhiberet. Damals gab es einen Diakon aus jener Gegend (ex provintia illa), der nach Rom geschickt worden war, um von dort Überreste (pignora) der heiligen Apostel oder Reliquien (reliquiae) anderer Heiliger, die jene Stadt schützen, zu holen. (Gregor VI,6)

 

Gregor hatte durchaus auch ein humoristisches Talent, welches er gerne zur Entlarvung von „Aberglauben“ einsetzte. So heißt es über den Kron-Prätendenten Gundovald:

Da er forschte, was ihm wohl in seiner Sache helfen könne, erzählte ihm jemand, im Morgenland habe ein König den Daumen des heiligen Märtyrers Sergius weggenommen und an seinem rechten Arm befestigt. Und als er einmal Feinde habe vertreiben müssen, habe er im Vertrauen auf den Beistand des Heiligen den rechten Arm erhoben und sogleich habe sich die Menge der Feinde, wie von der Macht des Heiligen besiegt, zur Flucht gewandt. (Gregor VII,31)

Gregor erzählt das so, als ob er dabei sehr skeptisch wäre. Gundovald möchte auch so ein Wundermittel ergattern und reißt sich dann ein solches Stück eines Knöchelchens unter den Nagel, das er von einem Syrer bekommt.

 

Natürlich verlangt die Kirche die Kontrolle über den Reliquienkult, eine Verselbständigung jenseits von ihr hätte sie partiell überflüssig machen können und zudem das Christentum weiter seiner nur bei wenigen überhaupt noch aufgehobenen Substanz berauben können.

 

 

Übrigens haben wir es im Frankenreich noch mit keiner richtigen Papstkirche zu tun. Soweit ich sehe, werden auf den rund 400 Seiten der Darmstädter Buchner-Ausgabe die Päpste gerade zweimal erwähnt. Papst Gregor ("der Große") führt zwar schon den "Titel" papa, aber viel Einfluß auf die gallischen Diözesen ist nicht zu erkennen.

Die gallischen Bistümer sind eben eher den fränkischen Königen als Rom untergeordnet, weswegen wohl der erste Papst Gregor seine wwichtigsten Briefe an die Königinnen Fredegunde und Brunichilde richtet und nicht an die Bischöfe.

 

Gepilgert wird auch noch nicht nach Rom, sondern zum heiligen Martin nach Tours. Erst mit Bonifatius und der angelsächsischen Mission beginnt die engere Anbindung der gallischen Kirche an die Zentrale.

 

 

Kloster

 

Jenseits-Gewandtheit, Gewaltverzicht, extreme Bescheidenheit, Kultivierung von Besitzlosigkeit und ähnliches waren Germanen völlig wesensfremd, noch mehr als dem aus der römischen Zivilisation hervorgegangenen gallorömischen Adel. Bischöfe hätten solche Franken nur werden können, wenn sie sich an die provinzielle städtische Kultur schnell akkulturiert hätten. Das war durch das 6. Jahrhundert zumindest wohl für fast alle undenkbar.

 

Das vorgefundene klösterliche Leben, von Martin von Tours, Klöstern im Rhonetal, von den Klöstern Cassians in Marseille oder solche, die von der Insel Lérins ausgehen, war für sie schon aus demselben Grunde ausgeschlossen. Zudem kontrollierten die gallorömischen Bischöfe mit Unterstützung der Merowinger die Klöster, für fränkische Edle hätte das doppelte Unterwerfung bedeutet.

 

Undenkbar für freie Franken war sicher zunächst vor allem der im Kloster geforderte Gehorsam gegenüber Abt und Regel. Obstinater Ungehorsam wurde am Ende mit Geißelung bestraft, mit Rutenhieben also, zudem mit erweitertem Fasten und zeitweiligem Ausschluss aus der Germeinschaft, einer Art Einzelhaft also. Das war gewiss eines freien Franken unwürdig.

 

 

Am anschaulichsten wird vielleicht das Kloster zu Gregors Zeit anhand der Geschichte der Radegunde und ihres Klosters Sainte Croix, dessen Maria geweihte Kirche nach ihrem Tod in Sainte Radegonde (in späterem Französisch) umbenannt wird.

Ihre erste Erwähnung findet im dritten Buch der Historien des Gregor statt. Danach herrschten in Thüringen drei Brüder, von denen Herminefred Berthachar umbringt. Dieser hinterlässt Radegunde als "Waise" (orfana) mitsamt ihren Brüdern. Als nächstes besiegt Herminefred um 515 mit der Hilfe des Frankenkönigs Theuderich auch den anderen Bruder, der ebenfalls umkommt. (Gregor III,4)

531 besiegt Frankenkönig Theuderich zusammen mit Bruder Chlothar an der Unstruth nun auch Herminefred. Über Radegunde heißt es dann:

Chlothar nahm sie bei seiner Rückkehr als Gefangene mit und heiratete sie dann; ihren Bruder ließ er später unrechtmäßig durch schändliche Menschen töten. Sie nun bekehrte sich zu Gott, wechselte ihr Gewand und baute sich ein Kloster in den Mauern von Poitiers. Mit Gebet, Fasten und Almosen glänzte sie so sehr, dass sie beim Volk großes Ansehen gewann. (Gregor III,7)

 

Die jugendliche Radegunde wird am Hof Chlothars Christin und erhält eine gewisse literarische Bildung. 534 muss sie auch noch ertragen, dass Herminefred von Theuderich heimtückisch ermordet wird. Als sie zwischen fünfzehn und zwanzig ist, nimmt der König sie zu seiner Frau (zwei hat er schon). Um 550 verlässt sie ihren königlichen Gemahl und gründet ihr Kloster. Sie lässt nicht sich selbst, sondern ihre Pflegetochter Agnes zur Äbtissin wählen.

 

Gregor berichtet auch von einem Empfehlungsbrief König Sigiberts, mit dem Geistliche in partibus Orientis geschickt werden, um "ein Stück Holz vom Kreuz des Herrn" und andere Reliquien einzusammeln. Kaiser Justinus gibt ihnen eine solche Kreuzreliquie, die dann (in späterem Französisch) den Namen Sainte-Croix für das Kloster rechtfertigt.

Bei dieser Gelegenheit kommt es zum Konflikt mit dem Bischof von Poitiers, der sich weigert, den Ritus der Niederlegung der Reliquien zu zelebrieren, was darauf Eufronius, der Vorgänger Gregors, übernimmt. Da der Bischof von Poitiers sich nun der Konkurrenz einer Institution von besonderer Heiligkeit wegen besonders heiliger Reliquien ausgesetzt sieht, verweigert er die Zusammenarbeit.

 

Radegunde begibt sich mit Agnes nach Arles, erhält dort die Regel des Caesarius und erwirkt schließlich ein vorübergehendes Einvernehmen mit ihrem Bischof. (Gregor IX, 40)

 

Kurz nach der Klostergründung trifft der etwa 25-jährige Venantius Fortunatus in Tour ein. In Valdobbiadene bei Treviso geboren, hatte er seine klassische Ausbildung in Ravenna empfangen und schrieb kunstvolle "Gelegenheitsgedichte". Drei Jahre bevor die Langobarden in Italien einfallen, pilgert er zum Gab des "heiligen" Martin nach Tour, den er zuvor erfolgreich um Heilung einer Augenkrankheit angefleht hatte, um seinen Dank abzustatten. Dort lernt er Radegunde kennen, und entschließt sich, die 22 Jahre bis zu ihrem Tod dort zu bleiben. Zugleich schließt er Freundschaft mit unserem Bischof Gregor.

 

Offenbar bewegt die königliche Nonne ihn dazu, Kleriker zu werden und am Ende wird er auch noch Bischof von Poitiers. Vorher verfasst er eine Heiligen-Vita der Radegunde, ebenso wie auch Gregor von Tours. Eine weitere wird Baudonivia zwischen 609 und 614 schreiben, eine Nonne des Radegundenklosters.

Von ihr erfahren wir, dass Chlothar irgendwann versucht, sie zurückzugewinnen, und dass Bischof Germanus von Paris sich dabei für sie einsetzt. Baudonivia ist es auch, die die Geschichte mit den Reliquien beschreibt und mit ihrer Heiligengeschichte stark die Entwicklung des Radegunde-Kultes beeinflusst.

 

Gregor erwähnt anlässlich des späteren Aufstandes von Chrodechilde und Basina einen vielleicht 567 verfassten Brief einer Anzahl von Bischöfen (zu denen auch der von Tours gehört), der aufgrund der Regel des Caesarius von Arles die Freiwilligkeit des Eintritts ins Kloster ebenso betont wie das Verbot, jemals wieder auszutreten, um in den gemeinen Kot der Straßen gezogen und getreten zu werden (mergenda et conculcanda vili platearum in luto), was letzteres die Exkommunikation nach sich ziehen würde.(Gregor IX,39) Einen entsprechenden Brief hatte Radegunde an die Bischöfe geschrieben. (IX,42)

Laut Weidemann (2, S.39) soll das Kloster zum Zeitpunkt des Todes der Radegunde rund 200 Nonnen umfasst haben. Damit gehört es wohl zu den größten seiner Art.

 

Bei Gregor erfahren wir noch, wie eine Nonne des Klosters im Kreis ihrer Schwestern vorbildlich stirbt und vom Engel Michael in den Himmel (ad caelos) aufgenommen wird. (VI,29)

Eine weitere Nonne hat eine beeindruckende Vision (visum vidit): Sie macht eine Art "Reise" zu einer "lebendigen Quelle" und findet dafür einen Mann als Führer. Angekommen, bezeichnet er das Wasser als Quelle des "ewigen Lebens". Unsere Nonne begegnet also in der "Vision" ihrem Bräutigam (sponsus) Jesus in einer Art Paradies. In der Vision kommt nun die Äbtissin und kleidet sie in ein königliches Gewand. Nach wenigen Tagen bittet diese Nonne, von ihrer Vision beeindruckt, die Äbtissin um eine Zelle, in der sie abgeschlossen leben könne. Sie lässt sich darauf dort einmauern, vermutlich mit einer Durchreiche für das Minimum an Lebensmitteln – freiwillige Gefangenschaft als Abwendung von der Welt, ein inneres claustrum im Kloster. (Gregor VI, 29)

Cumque illa avide ex his aquis auriret, ecce ab alia parte veniebat abbatissa et, denudatam puellam, induit eam vestem regia, quae tanta luce auroque et munilibus refulgebat, ut vix possit intendi, dicente sibi abbatissa: 'Sponsus enim tuus mittit tibi haec munera'. Haec cum puella vidisset, conpuncta est corde, et post dies paucus rogavit abbatissam, ut sibi in qua inclauderetur cellolam praepararet. At illa velociter perfectam, ait: 'Ecce', inquid, 'cellolam! Quid nunc desideras?' Puella vero petiit, ut recludi permitteretur. Quod cum ei praestitum fuisset, congregatis virginibus cum magno psallentio, accensis lampadibus, tenente sibi beata Radegunde manu, ad locum usque perducitur. Et sic vale faciens omnibus et osculans singulas quasque, reclausa est; structoque aditu, per quem ingressa fuerat, ibi nunc oratione ac lectione vacat.

 

Als nächstes erfahren wir bei Gregor, dass Radegunde 587 stirbt, und dass er beim Begräbnis dabei ist und bei dieser Gelegenheit Zeuge einiger Wunder (virtutes) wird. (IX,2) Genaugenommen sind das wenige Informationen über eine Frau, mit der Gregor in guter Beziehung stand, aber er holt das in seinem 'Liber in gloria confessorum' nach. Was er genauer beschreibt, ist der Aufstand der Nonnen unter Chrodechilde einige Zeit nach dem Tod von Radegunde und Agnes. Hier erfahren wir auch mehr als irgendwo sonst über das fränkische Kloster der Zeit vor den columbanischen Reformen.

 

Chrodechilde ist Tochter von König Charibert und Basina Tochter Chilperichs. Chrodechilde verließ sich auf ihre königlichen Verwandten und nahm Nonnen Eide (sacramenta) ab, dass sie der Äbtissin Leubowera Verbrechen vorwerfen würden, sie aus dem Kloster vertreiben, und sie selbst zum Haupt (principalem) machen würden. Sie verließ mit vierzig oder mehr Jungfrauen (puellis) und ihrer Base (consubrinam) Basina, der Tochter (König) Chilperichs, das Kloster und sprach: "Ich gehe zu meinen Verwandten, den Königen, damit ich ihnen die Schande vermelden kann, da wir nicht wie Königstöchter, sondern wie von niedrigen Mägden (malarum ancillarum) geboren gedemütigt werden. (Gregor IX,39)

 

Im von Gregor veröffentlichten schlussendlichen Urteil heißt es, sie sagten, sie wollten sich nicht weiter der Gefahr des Hungers, der Blöße und von Misshandlungen aussetzen. (Gregor X,16)

 

Wir wissen über die Art, wie das Kloster unter der thüringischen Königstochter und Gemahlin eines fränkischen Königs (Chlothar I.) Radegunde geführt wurde, nichts, was nicht zu ihren Gunsten von Gregor, ihrem Freund Venantius Fortunatus und der Nonne ihres Klosters Baudonivia geschrieben wurde. Aber wir ahnen, wie die Damen der fränkischen Oberschicht versuchten, Reste eines adeligen Lebenswandels im Kloster zu bewahren. Vom Kloster der Radegunde ist so überliefert, dass es ein Thermalbad besaß.

 

Die "Aufständischen" begeben sich zu Fuß zu Gregor nach Tours, klagen ihm ihr Leid, und er verweist sie auf ihre Ordensregel. Aber sie dürfen bis zur warmen Jahreszeit bei ihm bleiben. Dann zieht Chrodechilde alleine zu König Gunthram, der ein Konzil zur Klärung einberuft.

 

Zwischenzeitlich hatten sich viele der Nonnen "von Männern umgarnen lassen" (a diversis circumventi) und geheiratet. Ungeduldig ziehen sie nach Poitiers in die Kirche des heiligen Hilarius, begehren dort Kirchenasyl und sammelten hier um sich eine Schar von Dieben, Mördern und Ehebrechern... (Üb.Buchner, Gregor IX,40)

Es kommt zu einer Bischofsversammlung in Sankt Hilarius, die keine gütliche Einigung zustande bringt und die Frauen endlich exkommuniziert. Der Haufe verprügelt die geistliche Versammlung in der Kirche darauf bis aufs Blut. Die stieben auseinander und Chrodechilde bemächtigt sich jetzt der Güter des Klosters. (Gregor IX,41)

 

Am Ende gehen manche der exkommunizierten Nonnen auseinander, zu den Eltern, den Ehemännern oder in die anderen Klöster, aus denen sie herkamen. Chrodechilde und Basina beginnen ihren eigenen Machtkampf miteinander. (Gregor IX,43) Schließlich lassen die beiden die Äbtissin aus dem Kloster entführen und sperren sie neben St.Hilarius ein, dort wo Basina haust. Darauf wird auch das Kloster selbst von ihnen geplündert. Wie sich nachher herausstellt, werden in dieser Zeit einige der Noch-Insassinnen des Klosters geschwängert. (Gregor X,16)

 

Schließlich kann die Äbtissin in die Kirche entkommen, von wo aus sie zusehen muss, wie im Kloster gemordet wird (homicidia perpetrantur, Gregor X,15). Basina fühlt sich inzwischen von Chrodechilde unterdrückt und geht zur Äbtissin über. Am Ende befehlen die Könige Gunthram und Childebert dem Grafen von Tours, Macco, den Aufstand mit Gewalt niederzuschlagen. Das "Volk" (vulgus) schließt sich begeistert an: man band sie an Pfähle, geißelte sie scharf, einigen schnitt man das Haar, anderen die Hände, manchen auch Ohren und Nase ab. (Gregor X,15)

 

Es kommt dann doch noch zu der Bischofsversammlung, auf der Äbtissin und Chrodechilde gegeneinander antreten. Die Rebellinnen berufen sich auf Radegundes (lockeres) Verhalten im Kloster, aber davon bleibt am Ende nur übrig, sie habe Würfelspiele gespielt, was die Bischöfe und die Ordensregel nicht ausdrücklich verbieten. (Gregor X,16) Das Kloster wird wiederhergestellt, die nicht reumütigen Rebellinnen werden erneut exkommuniziert. Auf einer späteren Kirchenversammlung wird Basina erlaubt, ins Kloster zurückzukehren.

Der Verdacht spezifisch auf aristokratischen Wurzeln basierender Verhaltensweisen im Kloster bleibt und weist voraus auf das eigensinnige Verhalten der ("heiligen") Hildegard.

 

Ein wenig verwandt ist der Konflikt zwischen der Ingiltruda/Ingotrude und Tochter Berthegunde in Tours. Ingotrude war königlichen Geblüts, gründete in Tours ein Kloster, wo auch eine Tochter König Chariberts sich einfand, die aber bald wieder ging, weil sie die klösterliche Disziplin nicht einhalten wollte. Ingotrude überredet ihre seit ungefähr dreißig Jahren verheiratete Tochter Berthegunde, zu ihr ins Kloster zu gehen. Der Ehemann beschwert sich darauf bei Gregor, der seine Frau zur Rückkehr in die Ehe verpflichtet, die sie nicht verlassen durfte.

Später geht sie wieder in das Kloster, ihre Mutter muss sie aber erneut fortschicken, und zwar zu ihrem Bruder, dem Bischof von Bordeaux. Der erklärt die Ehe für ungültig. Darauf greift König Gunthram ein und verpflichtet den Bischof, sie wieder zum Ehemann zu schicken. Ihr Bruder stirbt dann und sie beginnt, sich mit ihrer Mutter zu verfeinden. Es geht um ihr mütterliches und brüderliches Erbe. Gunthram versucht zu vermitteln, aber Berthegunde nimmt den Schiedsspruch nicht an: Sie will alles. (Gregor IX,33)

Nach dem Tod der Mutter, die das Erbe der Tochter ins Kloster eingebracht hatte, gelingt es Berthegunde, König Childebert auf ihre Seite zu ziehen. Darauf sammelt sie Leute um sich und plündert das Kloster der verstorbenen Mutter völlig aus. (Gregor X,12)

 

Die dem klösterlichen Leben geweihten Mönche und Nonnen aus der Oberschicht sind an sich ebenso wie der Klerus Teil der Civitas Dei, aber wie dieser von Gregor in die Guten und die Schlechten aufgeteilt. Es gibt gierige Mönche, die von Gott bestraft werden (IV,31) und fromme Mönche, die Gott belohnt (IV,34)

 

Abt Dagulfus wird angeklagt, weil der raubt und mordet und Ehebruch betreibt, eine verheiratete Nachbarsfrau begehrt und ihr Haus zum Hurenhaus macht, als der Ehemann abwesend ist. (Gregor VIII,19) Cum autem saepius Dagulfus abba pro sceleribus suis argueritur, quia furta et homicidia plerumque faciebat, sed et in adulteriis nimium dissolutus erat, quodam tempore uxorem vicini sui concupiscens, miscebatur cum ea. ... domum meretricis

 

Aber vor allem beschreibt und propagiert Gregor doch die Heiligkeit der Mönche und Nonnen. Solche Heiligkeit in ihrer konsequentesten Form findet bei Einsiedlern statt. Aber für den Vertreter der hierarchischen Kirche ist das sehr ambivalent. Hospitius ist ein Positiv-Exemplum für Gregor:

Fuit autem apud urbem Nicensim (Nizza) eo tempore Hospicius reclausus magnae abstinentiae, qui constrictus catenis ad purum corpus ferreis, induto desuper cilicio (härenes Gewand), nihil aliud quam purum panem cum paucis dactalis (Datteln) comedebat. In diebus autem quadraginsimae de radicibus herbarum Aegyptiarum, quas heremitae utuntur, exhibentibus sibi negotiatoribus (Händler), alibatur. Et primum quidem ius (Saft) in quo coxerant auriens, ipsas sumebat in posterum. Magnas enim per eum Dominus virtutes (Wunder) dignatus est operare. (Gregor VI,6)

 

Askese ist hier Verzicht auf alles, was irdisches Vergnügen bereitet, und Einüben in das Leiden, den Schmerz. Solches Verhalten würde wohl heute nach aktuellen Normen für pathologisch erklärt. Sein Lohn ist laut Gregor, dass er wie Jesus Blinde sehend machen und böse Geister austreiben kann. Eine ähnlich erfreuliche Gestalt für Gregor und ebenfalls wundertätig ist ein Einsiedler in Angoulême: Eparchius reclausus Ecolesinensis, von dem er berichtet, wie er einem Verbrecher das Leben und die Freiheit rettet. (s.o. Gregor VI,8)

 

Ein Einsiedler ist ein Eremit (heremita), wenn er in der Einöde lebt, und ein Klausner (reclausus), wenn er sich von der Außenwelt abgeschlossen hat. Er kann von Almosen derer leben, die ihn verehren und vielleicht von seinen Wundertaten begeistert sind. Das zeigt, dass seine Einsamkeit oft weniger ausgeprägt ist, als man vielleicht meinen möchte. Andere wiederum betreiben z.B. Gartenbau, Bienenzucht und ähnliches.

 

Wir haben schon von einer Nonne im Radegunde-Kloster Ste Croix gehört, die sich im Kloster selbst noch einmal einmauerte. Offenbar war der Drang nach besonderer Heiligkeit durch klösterliche Disziplin gelegentlich über das reguläre Maß gesteigert. Aber selbst auferlegte Askese ohne kirchliche oder klösterliche Aufsicht kann aufgrund überzogener Ansprüche auch verderblich sein:

 

Et quia princeps tenebrarum (Fürst der Finsternis) mille habet artes nocendi, quid de reclausis ac Deo devotis nuper gestum fuerit, pandam. Vennocus Britto (Bretone) praesbiterii honore praeditus, ... , tantae se abstinentiae dedicavit, ut indumentum (Kleidung) de pellibus tantum uteretur, cybum de herbis agrestibus incoctis sumeret, vinum vero tantum vas ad os poneret, quod magis putaretur libare osculo quam haurire. Sed cum eidem devotorum largitas frequenter exhiberet vasa hoc plena licore, dedicit (lernte er), quod peius est, extra modum haurire (unmäßig zu trinken) et in tantum dissolvi potione, ut plerumque ebrius cerneretur. Unde factum est, ut, invalescente temulentia (Rausch), tempore procidente, a daemonio correptus, per inergiam vexaretur, in tantum ut, accepto cultro vel quodcumque genus teli sive lapidem aut fustem potuisset adrepere, post homines insano furore discurreret. Unde necessitas exigit, ut catenis vinctus costodiretur in cellula. In hac quoque damnatione per duorum annorum spatia debachans, spiritum exalavit. (Gregor VIII,34)  

 

Dieser fromme und asketisch lebende Priester kippt sozusagen aus seiner Askese in das andere Extrem, den Suff, der Dämon verdirbt ihn, er dreht durch und bedroht die Leute aggressiv. Er wird nun zur unfreiwlligen „Askese“ verurteilt, indem man sich genötigt sieht, ihn in einer Zelle an Ketten zu fesseln.

 

***Das Volk bei Gregor***

 

Die Welt des Gregor ist wie die der Goten in Spanien viel dünner besiedelt als heute. Neben den römisch gegründeten Städten gibt es Weiler, die sich an villae bilden, an Festungen, castrae, oder als vicus. Flüsse und Bäche sind nicht in Kanäle verwandelt, die meisten Sümpfe und Moore noch nicht trockengelegt. Im Osten, dort wo die Römer nie siedelten, ist das Land überwiegend von Wäldern bedeckt, die unterhalb der Gebirge Laubwälder mit einer viel größeren Vielfalt an Laubbäumen sind. Darin gibt es Wölfe und Bären, Wisente, Auerochsen, Elche.

 

Der Wohlstand basiert im wesentlichen auf menschlicher Energie, und zwar der Körperkraft der Unfreien, Halbfreien und jener Freien, die genötigt sind, selbst Hand anzulegen, zudem auf Holz und Holzkohle, selten auf Wasserkraft. Die Nächte sind noch dunkel, die Wohnstallhäuser der germanischen Völkerschaften werden von einer offenen Feuerstelle geheizt, die Winter sind auch drinnen entsprechend kalt. Die ausgeklügelten Heizsysteme der wohlhabenden Römer verschwinden.

 

Hauptnahrungsmittel ist Getreide, eben soweit es die Ernten bzw. der Geldbeutel hergeben. Fleisch gibt es bei den meisten vor allem im Herbst und frühen Winter, wenn das Vieh geschlachtet wird, damit man es nicht durchfüttern muss. Die Menschen kennen ausgeklügelte Konservierungsmethoden auch für Obst und Gemüse.

 

Periodisch gibt es Hungersnöte wegen des Wetters und wegen Seuchen, die Pflanzen und das Vieh hinraffen. Manchmal kommen auch Heuschreckenschwärme. Dann sieht es so aus:

Und viele buken aus Traubenkernen und Haselblüten Brot, manche auch aus getrockneten und zu Staub zermahlenen Wurzeln des Farnkrautes, denen sie etwas Mehl beimischten. Viele schnitten die grüne Saat ab und machten damit dasselbe. Es gab außerdem viele, die gar kein Mehl mehr hatten und darum Kräuter ausrissen und aßen. Von deren Genuss schwollen sie an und starben.... Damals nahmen die Kaufleute das Volk (populus) mächtig aus... Arme Leute (pauperes) begaben sich in die Knechtschaft (servitium), damit sie auch nur ein kleines bischen Nahrung erhielten. (Gregor VII, 45) Die Kaufleute spekulieren vor allem mit Getreide dabei.

 

543 lesen wir zum ersten Mal von der Pest in Gallien. Gregor erzählt von einem Ausbruch in Clermont 571: (...) weil schon Särge und Bretter fehlten, begrub man zehn oder mehr in einer Grube. Es wurden aber an einem Sonntag in der Kirche des heiligen Petrus allein 300 Leichen gezählt. (Gregor IV,5)

 

Die Straßen standen im Römerreich unter öffentlicher, "staatlicher" Aufsicht. Mit deren Verfall müssen Straßen und Brücken in Eigeninitiative von lokalen und regionalen Herren instandgesetzt und erhalten werden. Das römische Straßensystem verfällt entsprechend und das behindert den Handel. Zudem ist er sicherer auf Wasserstraßen, denn die Straßenräuberei nimmt erheblich zu.

 

Es gibt zwar weiterhin in geringerem Umfang Geldwirtschaft, aber kaum so etwas wie ein Kreditwesen. Unternehmer (Händler vor allem) investieren, was sie haben.

 

Die ganze moderne Amüsierindustrie fehlt und mit ihr die sogenannten Massenmedien. Die Kirche ist oft das einzige steinerne Gebäude und der Kirchgang ein Ereignis und ein Schauspiel. Ein Spektakel sind auch die feierlichen und oft ausgedehnten Prozessionen, bei denen Kreuze und Heiligenbilder mitgetragen werden.

Anstelle von Lektüre wird erzählt, und die Unzahl biblischer Geschichten ergänzt diejenigen, in denen die Menschen ihren Alltag bewältigen. Mündliche Überlieferung prägt neben eigenem Erleben das Weltbild. Genaueres weiß man nicht, weil die Autoren damals am niederen Volk wenig interessiert sind.

 

Unter fränkischer Herrschaft wird fortgesetzt, was es in der römischen Antike und bei den Germanen daneben schon gab: Eine grundsätzliche Unterscheidung in Freie und Unfreie, und eine formell nicht sehr klare Schichtung der Freien. Unten gibt es die Schicht derjenigen, die selbst arbeiten müssen, darüber diejenigen, die stattdessen andere für sich arbeiten lassen können, und ganz oben die ganz kleine Gruppe derjenigen, die sich selbst als nobilitas verstehen, was immer das im Einzelnen heißen mochte. Jedenfalls kann man wohl mit K.F.Werner davon ausgehen, dass es sich dabei um ein direktes römisches Erbe handelt.

 

Am unteren Ende stehen die pauperes, die Armen, vom Abstieg in die Unfreiheit bedroht. Der Pauper ist in der Regel Eigentümer und bearbeitet Land. Er ist zum Kriegsdienst verpflichtet. In diese Schicht gehören auch viele Handwerker und das Gros der Händler.

 

Der siegreiche und vom Kaiser aufgewertete Chlodwig wirft in Tours Gold- und Silberstücke unter das Volk wie ein römischer Kaiser (siehe oben). Um herauszufinden, was hier mit Volk gemeint ist, wird man jene wenigen „besseren“ Leute (proceres, z.B. Gregor V,46) ausschließen können, die es nicht nötig haben bzw. für die es unwürdig wäre, sich nach dem Edelmetall zu bücken.

 

Aber populus ist längst ein schwieriger Begriff in an klaren Definitionen ärmer gewordener Übergangszeit. Wenn Vandalen und Alemannen von Gregor als populi bezeichnet werden, fällt das Wort mit gens zusammen (Gregor II,2). Bei einer Gelegenheit zumindest werden „die Franken“ und „das Volk“ gleichgesetzt, was aber zur Klarheit wenig beiträgt:

Die Franken hassten Parthenius sehr, denn er hatte ihnen in der Zeit des gerade erwähnten Königs Tribute/Steuern auferlegt, und sie begannen ihn anzugreifen. Er erkannte, dass er in Gefahr war und floh aus der Stadt, wobei er zwei Bischöfe bat, sie mögen ihn nach Trier geleiten und den Aufstand des wildgewordenen Volkes durch ihre Predigt unterdrücken. (Franci vero cum Parthenium in odio magno haberent, pro eo quod eis tributa antedicti regis tempore inflixisset, eum persequi coeperunt. Ille vero in periculum se positum cernens, confugium ab urbe facit ac duobus episcopis suppliciter exorat, ut eum ad urbem Treverecam deducentes, populi saevientes seditionem sua praedicatione conpraemerent. (Gregor III,36)

 

Volk sind hier die, die den Steuereintreiber angreifen, was Gregor sicher auch erwähnenswert findet, weil es sich beim König um Chilperich handelt, jenen, den Gregor überwiegend zum schlechten König stilisieren möchte.

 

Steuern mag im übrigen schon damals niemand gerne zahlen: Gregor berichtet über die Zeit des Bischofs Eufronius von Tours, seines Vorgängers:

Childeberth sandte auf Einladung des Bischofs Marowech nach Poitiers zur Steuerveranlagung als discriptores den Hausmeier der Königin Florentianus und den comes palatii Romulf, denn die Bevölkerung sollte die Steuer (censum), die sie zur Zeit des Vaters entrichtete, nach den neuen Verhältnissen entrichten. Viele von den Steuerpflichtigen waren nämlich gestorben, und die Abgaben (tributi pondus) hingen an ihren Witwen, Waisen und Alten (debilibus).Es gelingt dem Bischof von Tours, von den Steuern ausgenommen zu werden, denn der König fürchtete die Macht des heiligen Martin. (Gregor IX,30)

 

Populus Toronorum (Gregor II,1) sind die Einwohner von Tours: Qua de re surrexit omnis populus Toronorum in ira, et totum crimen super episcopum referunt, volentes eum unanimiter lapidare. Aber hier wie bei manch anderer Stelle nähern sie sich schon dem (städtischen) Pöbel an, der auch schon mal Bischöfe steinigen möchte (der populus surgens, z.B. Gregor VI,25 ).

 

Gegen zwei böse Bischöfe dringt der clamor populi (Gregor V,20) bis zum König, den Buchner mit „Klagegeschrei des Volkes" übersetzt (Gregor I, S.327). Wir können annehmen, dass damit keine miseri gemeint sind. An anderer Stelle wird „das Volk“ für seinen Bischof laut, nämlich für Gregor, als Chilperich ihn anklagen lässt: Nam foris domum rumor in populo magnus erat....(V,49). Rumor ist per se das, was Volk oder „Leute“ von sich geben. Der populus ist in beiden Fällen der einer Stadt (civitas/urbs), und er meldet sich zu Wort. Den ländlichen Produzenten dürfte das in der Regel kaum gelingen.

 

Populus als Volk bleibt aber Ausdruck einer unklaren Größe, er kann "alle" umfassen, die Leute einer Stadt oder nur die, die gerade auf der Straße sind. Er tritt auf als Opfer der Mächtigen oder aber als unordentlichen und manchmal auch wünschenswerten Widerstand leistend. Die Geschichte vom bösen Parthenius (s.o.) geht folgendermaßen weiter:

 

Und so näherten sich die Bischöfe der vorgenannten Stadt, und da sie den Aufstand des aufsässigen Volkes nicht bändigen konnten, wollten sie ihn in der Kirche verstecken. Sie setzten ihn in einen Kasten und streuten darüber Gewänder, welche in der Kirche in Gebrauch waren. Das Volk kam herein, durchsuchte alle Ecken der Kirche und ging wütend wieder, als sie nichts fanden. Dann sagte einer misstrauisch: „In dem Kasten, in welchem unser Feind nicht gesucht wurde.“ Und als die Wächter sagten, da sei nichts drin außer Einrichtung der Kirche, verlangten sie den Schlüssel und sagten: „Wenn du nicht schnell öffnest, werden wir ihn selbst aufbrechen.“ Schließlich war der Kasten geöffnet, die Leinentücher wurden entfernt, sie fanden ihn und zogen ihn heraus, wobei sie sich freuten und sagten:" Gott hat unseren Feind in unsere Hände gegeben.“ Dann schlugen sie ihn mit Fäusten, speiten ihn an, banden seine Hände auf den Rücken und steinigten ihn neben einer Säule zu Tode.

(Igitur accedentibus episcopis ad antedictam urbem, cum strepentes populi seditionem ferre non possint, eum in eclesia abdire voluerunt, scilicet ponentes eum in arca et desuper sternentes vestimenta, quae erant ad usum aeclesiae. Populus autem ingressus perscrutatusque universus eclesiae angulos, cum nihil repperissent, frendens egrediebatur. Tunc unus ex suspicione locutus, ait: 'En arcam, in qua non est inquisitus adversarius noster'. Dicentibus vero costodibus, nihil in ea aliud nisi ornamenta eclesiae contenere, illi clavem postolant, aientes: 'Nisi reseraveritis velocius, ipsi eam sponte confringemus'. Denique, reserata arca, amotis lintiaminibus, inventum extrahunt, plaudentes atque dicentes: 'Tradidit Deus inimicum nostrum in manibus nostris'. Tunc caedentes eum pugnis sputisque perurguentes, vinctis postergum manibus, ad colomnam lapidibus obruerunt. Gregor III,36)

 

Ähnlich ergeht es einem comes: Die Leute von Bourges mit ihrem Richter an der Spitze berauben Leudast, der sich mit seinen zusammengeraubten Schätzen zu ihnen geflüchtet hatte, und hätten ihn wohl auch umgebracht, wenn er nicht hätte fliehen können:

Leudastis vero in Biturigo pergens, omnes thesauros quos de spoliis pauperum detraxerat secum tulit. Nec multo post, inruentibus Biturigis cum iudice loci super eum, omne aurum argentumque vel quod secum detulerat abstulerunt, nihilque ei nisi quod super se habuit relinquentes;... (Gregor V,49)

 

Dass das "Volk" in der Regel arbeitet und brav feiertags in die Kirche geht, findet keine besondere Erwähnung, weswegen man sich nicht zu der Vorstellung verführen lassen sollte, es befände sich, wie bei Gregor, unentwegt in Aufruhr.

 

Schließlich noch eine besonders fromme Anekdote über „das Volk“ von Saragossa: Danach zog König Childebert nach Spanien. Als er mit Chlothar dort ankam, schlossen sie die Stadt Saragossa ein und belagerten sie. Aber jene wandten sich in solcher Demut an Gott, dass sie härene Gewänder anzogen, auf Speise und Trank verzichteten und auf den Mauern der Stadt Psalme singend gingen, wobei sie die Tunika des seligen Märtyrers Vinzenz mit sich führten; die Frauen folgten wehklagend in schwarzen Gewändern, mit offenem mit Asche bestreutem Haar, so dass man denken konnte, sie wären bei der Bestattung ihrer Ehemänner. Und die Stadt setzte ihre ganze Hoffnung so sehr in die Barmherzigkeit Gottes, dass man sagte, sie feierten das Fasten von Ninive, und sie hatten keine andere Vorstellung als die, dass die göttliche Barmherzigkeit durch Gebete gewonnen werden könne. Die Belagerer wussten nicht, was vor sich ging. Als sie sie auf der Mauer derart umhergehen sahen, dachten sie, sie seien in eine Art Hexerei verwickelt. Dann ergriffen sie einen Rustikus aus der Civitas und fragten ihn, was die da täten.Und er sagte: „Sie tragen die Tunika des seligen Vinzenz und zugleich bitten sie den Herrn, er möge Mitleid mit ihnen haben.“ Und da bekamen sie Angst und zogen fort von der Stadt.

(Post haec Childeberthus rex in Hispaniam abiit. Qua ingressus cum Chlothachario, Caesaragustanam civitatem cum exercitu vallant atque obsedent. At ille in tanta humilitate ad Deum conversi sunt, ut induti ciliciis, abstinentis a cibis et poculis, cum tonica beati Vincenti martiris muros civitatis psallendo circuirent; mulieres quoque amictae nigris palleis, dissoluta caesariae, superposito cinere, ut eas putares virorum funeribus deservire, plangendo sequebantur. Et ita totam spem locus ille ad Domini misericordiam rettulit, ut diceretur ibidem Ninivitarum ieiunium caelebrari, nec aestimaretur aliud posse fieri, nisi eorum praecibus divina misericordia flectiretur. Hii autem qui obsedebant, nescientes quid obsessi agerent, cum viderent sic murum circuire, putabant, eos aliquid agere malefitii. Tunc adpraehensum unum de civitate rusticum, ipse interrogant, quid hoc esset quod agerent. Qui ait: 'Tonicam beati vincenti deportant et cum ipsa, ut eis Dominus misereatur, exorant'. Quod illi timentes, se ab ea civitate removerunt. Gregor III,29 )

 

Diese Geschichte ist so natürlich höchst unwahrscheinlich, aber dafür, wie Buchner anmerkt, immerhin höchst „erbaulich“ (I, S.183) und offensichtlich zur Zeit des Autors vorstellbar. Es fällt auf, dass der Bischof an der Spitze seiner Stadtgemeinde fehlt, so als ob „das Volk“ eine selbständig handelnde Gemeinschaft wäre.

 

 

Gregor hat wie jeder Historiker das Problem, dass sich die wenigen „oben“, Könige und Bischöfe, in ihren Handlungen nachzeichnen lassen, während der Einzelne aus dem „Volk“ in der Masse untergeht.

 

König Chilperich klagt Bischof Praetextatus an, gegen ihn das Volk aufgewiegelt zu haben, seduxisti paecunia plebem, und daraufhin will die Menge in die Kirche einbrechen und den Bischof steinigen: infremuit multitudo Francorum voluitque ostea basilicae rumpere, quasi ut extractum sacerdotem lapidibus urgueret; sed rex prohibuit fieri.(Gregor V,18)

 

Die Menge, der Plebs (und der Populus) fallen hier zusammen. Childebert sagt laut Gregor über die Kinder eines Bruders, die seiner Ansicht nach zu sehr in der Gunst von Chrodichilde standen: utrum incisa caesariae ut reliqua plebs habeantur (Gregor III,18). Entweder werden ihnen die herrscherlichen Locken abgeschnitten, um sie wie das übrige Volk zu behandeln, oder aber sie müssten getötet werden. Merowingische Königsfamilie und hoi polloi, alle anderen, werden so unterschieden.

 

Die klarere Begrifflichkeit der antiken Römer verunklart sich schon seit den inneren Unruhen, die in die Kaiserzeit führen. Während die Plebs ursprünglich den nichtpatrizischen Staatsbürger bezeichnete, wird sie zunehmend auch mit der Menge, dem Pöbel gleichgesetzt. Das wird im frühen Mittelalter teilweise, wenn auch nur für einige Zeit, wieder zurückgenommen. Im Pariser Edikt Chlothars II. von 614 wird dieser König als rex super omnem plebem bezeichnet. ...principis Chlothacharii regis super omnem plebem in conventu episcoporum in sinodo Parisius adunata...Andererseits ist die Plebs hier vereint, versammelt (adunata) als Konvent und Synode der Bischöfe.

 

Der Bruder schließt Godegisil in Vienne ein: Verum ubi minori populo alimenta dificere coeperunt, timens Godigiselus, ne ad se usque fames extenderetur, iussit expelli minoris populi ab urbe (H:II,33). Hier wird eine Schichtung im „Volk“ deutlich: Die kleinen Leute sind ganz offensichtlich die nicht waffenfähigen, die zur Verteidigung der Stadt nicht gebraucht werden und darum als "unnütze Esser" fortgeschickt werden können..

 

Weniger klar ist das in folgender Textstelle: Nocte autem quadam commutus exercitus, magnum murmor contra Egidium episcopum et ducibus regis minor populus elevavit ac vociferare coepit et publicae proclamare: 'Tollantur a faciae regis, qui regnum eius venundant, civitates illius dominatione alteri subdunt, populus ipsius principis alterius dicionibus tradunt'. Dum haec et his similia vociferando proferrent, facto mane, adpraehenso armorum apparato, ad tenturium regis properant, scilicet ut adpraehensis episcopum vel senioribus vi obpraemerent, verberibus adficerent, gladiis lacerarent. Quod conperto, sacerdus fugam iniit, ascensoque equitae, ad urbem propria tendit. Ad populus ille cum clamore sequebatur, proiciens post eum lapides evomensque convitia. Fuitque tunc ei haec causa praesidium, quod hi paratus equites non habebant. Attamen lassatis sociorum equis, solus pertendit episcopus, tanto timore perterritus, ut unam caligam (Schuh) de pede elapsam collegare non curaret. Et sic usque civitatem veniens, se infra murorum Rimensium septa conclusit. (Gregor VI,31)

 

Nach dem Krieg und Friedensschluss zwischen Childerich und Gunthram wird heftig weiter geplündert und verwüstet. Das „niedere Volk“ sind hier offensichtlich die unteren Schichten der Armee (Fußsoldaten?), die die Friedensbedingungen nicht akzeptieren und sich gegen die „Großen“ (seniores) und den mitanwesenden Bischof Egidius von Reims wenden, der sich so bedroht fühlt, dass er in sein Bistum flieht.

 

Um das gemeine Volk abfällig zu bezeichnen, benutzt Gregor das klassisch römische Wort vulgus. Dazu schreibt er die fromme Geschichte vom Klausner Eparchius, der schließlich in Angoulême ein Kloster gründet und sich für die Armen und die Befreiung von Gefangenen einsetzt. Ein Richter (iudex), der tief von ihm beeindruckt ist, verurteilt einen Verbrecher zum Tod am Galgen. Eparchius bittet um sein Leben: Sed insultante vulgo atque vociferante, quod, si hic dimitteretur, neque regioni neque iudici possit esse consultum, dimitti non potuit. Der Richter verspricht, falls Gott den Galgenstrick zerreißt, ihn freizugeben. Der Mönch veranlasst nun seinen Abt, solange für den Verurteilten zu beten, bis der Querbalken und die Ketten brechen und der Aufgeknüpfte zu Boden fiel. (Übersetzung Buchner, Gregor II, S. 23)

 

Der Richter rechtfertigt sich vor dem Mönch: ... insurgente vulgo, aliud facere non potui, timens super me seditionem moveri. (alles Gregor VI,8) Dem vulgus ist die ernstgenommene Nächstenliebe von Mönch und Abt fremd, die auch das Gebot der Gewaltlosigkeit wörtlich nimmt. Damit tut sich aber der Graben zwischen Religion und juristisch begründeter Rechtschaffenheit auf, der notgedrungen immer weiter werden wird: Beides geht immer weniger zusammen. Gregors ecclesia als Gemeinschaft der Heiligen wird vom „Volk“ nicht angenommen werden.

 

***Berufe***

 

„Berufe“ werden selten erwähnt, einmal taucht ein Handwerker (artifex) auf, der mit dem Bau von Aquädukten beschäftigt ist, aber er erscheint nur, weil er Belagerern hilft. Es gibt an anderer Stelle noch einen zweiten. Fast alle Menschen haben eben keinen "Beruf", sondern sie sind das, was fast alle Menschen in Europa schon seit vielen Jahrtausenden waren: Solche, die das Land bewirtschaften, um sich so ernähren zu können. Seit tausend Jahren sind dabei allerdings immer mehr von ihnen unter die direkte Gewalt von anmaßenden Herrenmenschen geraten.

 

Die neuzeitliche Bedeutung des deutschen Wortes "Beruf" entsteht in der Reformationszeit, etwa in der Zeit, in der aus dem Französischen das Wort "Profession" entlehnt wird, und zwar mit verwandter Bedeutung. (Beruf als Berufung, vocatio, und als Bekenntnis, professio, wird zu einer bezahlten Tätigkeit). Ein solches Verständnis fehlt der Nachantike aber wohl zur Gänze.

 

Die böse Königin Fredegunde erfährt vom ex domesticus Leonardus, wie schlecht ihre Tochter Rigunthe behandelt worden war, und bestraft dann ihn und die unter ihm stehenden Köche und Bäcker, die letzteren nicht nur durch Entblößen, sondern auch durch Geißeln und Verstümmeln. Aber diese Leute gehören zum Haushalt der Königin (Gregor VII,15), es sind die Domestiken.

 

Mehrmals tauchen Kaufleute bzw. Händler auf (negutiatores). Gregor VIII,33 stehen domus negutiantum in Flammen, dabei geht es aber darum, dass durch ein Wunder das Bethaus des Hl. Martin verschont bleibt. Gregor VIII,34 gibt es einen famulus negutiatoris, der Einsiedler wird.

Die Söhne eines Waddo verüben im Gebiet von Poitiers schwere Verbrechen: Nam inruentes ante hoc tempus super negutiatores, sub noctis obscuritate eos gladio trucidant abstuleruntque res eorum. (Gregor X,21)

 

Ein häufiger „Beruf“ bei Gregor ist der des Arztes, vielleicht auch, weil er vor allem im Umfeld der Großen, insbesondere der Könige auftaucht, während das Volk sich eher an die Kräuterweiber und Zauberinnen hält. König Gunthrams Frau Austrechilde stirbt 580 trotz ärztlicher Bemühungen und verlangt von ihm, nach ihrem Tod ihre Ärzte zu töten, was er auch tut. (Gregor V,35) Königin Fredegunde lässt Bischof Praetextatus in der Kirche (!) ermorden und bietet, um ihre Anstifterrolle zu verschleiern, dem Sterbenden ihre Ärzte an: Respondit mulier: 'Sunt aput nos peritissimi medici, qui hunc vulnere medere possint.' (Gregor VIII,31)

 

Noch ein anderer Medicus: Gunthram hat die Stadt Poitiers von Childerich zurückerobert. Marileif, qui primus medicorum in domo Chilperici regis habitus fuerat, wird von den Leuten danach heftig bedrängt. Er wird ganz und gar ausgeraubt und ipsum ditioni aeclesiasticae subdiderunt. Servitium enim patris eius tale fuerat, ut molinas aeclesiasticas studeret, fratresque ac consubrini vel reliqui parentes colinis dominicis adque pistrino subiecti erant. (Gregor VII,25 Sein Vater war schon servus gewesen, Müller der Kirche, und seine Verwandten waren als Köche und Bäcker ebenfalls servi. Und er, der nicht rechtlich, sondern nur de facto aufgestiegen war, fällt nun in den alten Status zurück.

 

 

***Unfreiheit***

 

Der Freie, der Freund und der/die Geliebte entstammen derselben sprachlichen Wurzel. Das Freien konnte so das Werben um eine (freie) Frau sein. Die Domfreiheit ist im Mittelalter der privilegierte Raum einer Bischofskirche, frei von jedem Eingriff von außen.

 

Alle Freien haben auf Aufforderung des Königs Kriegsdienst zu leisten, was sowohl eine Pflicht wie auch ein Recht ist. Für Arme kann das ruinös sein, und die Kirche ist daran interessiert, dass die, die in ihren Diensten stehen, diesem Dienst nicht entzogen werden. Also wird über Entschädigungen gestritten. (Gregor V,26/VII,42 z.B.)

 

Das zivilisierte römische Kaiserreich kannte neben freier Arbeit auch in großem Umfang die der Sklaven. Aber in der verrechtlichten römischen Staatlichkeit waren selbst Sklaven rechtlich eingebunden. Als Ergebnis der germanischen Landnahmen und Ausbildungen großflächlicher Herrschaften bleibt davon nicht viel übrig.

 

Unfrei wird man durch Kriegsgefangenschaft, als nicht ausgelöste Geisel, durch Armut usw.. Unfreiheit heißt dauerhafte Bindung an einen Herrn, der weithin über seinen Knecht oder seine Magd verfügen kann. Der Unterschied zur römischen Sklaverei liegt in der rechtlich größeren Unklarheit bzw. regionalen oder individuellen Besonderheit des Status.

 

Die beeindruckendste Geschichte dieser Zeit (um 500) über unfreie Landbevölkerung ist wohl Gregors Darstellung der zwei Liebenden und der Grausamkeit des Dux Rauching, ihres Herren. Der servus des folgenden Berichts Gregors, selbst unübersehbar ein Geistlicher, der Mindestansprüche an die Behandlung von untergebenen Menschen aufstellt, ist eine Art Sklave, seine Liebste, eine ancilla (Magd), wohl eine Sklavin. In dieser Zeit und den nächsten Jahrhunderten wird der Unterschied zwischen abhängig werdenden Freien und Sklaven immer mehr verwischen. Es gibt also kaum klare Abgrenzungen und keine eindeutige allgemeine Begrifflichkeit.

 

Er habe unter seinem Gesinde (famulis) damals einen Mann und ein Mädchen gehabt, die, wie es oft geschieht, sich ineinander verliebt hatten (mutuo se amore dilixisse). Solche Beziehungen bedurften aber der Genehmigung durch den Herrn. Und als sich ihre Liebesbeziehung schon zwei Jahre oder noch länger hingezogen hatte, verbanden sie sich (coniuncti) und flüchteten beide in eine Kirche. Als Rauching dies erfuhr, ging er zum dortigen Priester und verlangte, man sollte ihm seine Leute sofort wiedergeben, denn er habe ihnen ihre Schuld verziehen. Darauf sagte der Priester zu ihm: 'Du weißt, welche Achtung man der Kirche Gottes entgegenbringen muss. Du bekommst sie also nur zurück, wenn du dein Wort gibst, dass du ihre Verbindung bestehen lässt und zudem versprichst, sie nicht körperlich zu bestrafen'. Nachdem der länger nachdachte und schwieg, legte er, zum Priester gewandt die Hand zum Schwur auf den Altar, und sagte: Niemals werden sie von mir getrennt werden, sondern ich werde alles dafür tun, dass sie in ihrer Verbindung (coniunctio) bleiben (...) ' Der Priester glaubte dem Versprechen dieses verschlagenen (callidus) Mannes und gab die von Schuld befreiten Menschen zurück. Nachdem er das akzeptiert und sch bedankt hatte, begab er sich (mit ihnen ) nach Hause. Und sogleich ließ er einen Baum fällen, die Äste abhacken, den Stamm am Ende mit einem Keil spalten und aushöhlen, darauf ließ er drei oder vier Fuß tief die Erde ausgraben und den Kasten in die Grube senken. Dann ließ er das Mädchen wie eine Tote (ut mortuam) hineinlegen und den Knaben obendrauf, schloss den Deckel, füllte die Grube mit Erde und begrub sie lebendig (sepelevitque eos vviventes). Ich habe meinen Eid, sagte er, nicht gebrochen, dass sie niemals mehr getrennt werden sollen. Als dies dem Priester gemeldet wurde, kam er eilig herbei. Er schimpfte den Herr aus und veranlasste ihn mit Mühe, dass sie wieder aufgedeckt wurden. Den Sklaven konnte man noch lebendig herausholen, das Mädchen fand er aber schon erstickt vor. (Gregor V,3).

 

Ein Unfreier darf ohne Zustimmung seines Herrn nicht heiraten, insbesondere nicht jemanden, der bzw. die einem anderen Herrn hörig ist. Sich aus der Gewalt des Herrn ins Kirchenasyl flüchten, ist ein extremer Affront; überhaupt ist Flucht strafbar. Im Unterschied zum Freien ist kein Gericht für ihn zuständig, wenn also ein Unfreier ein Verbrechen begeht, ist rechtlich der Herr dafür verantwortlich und kann sich an ihm nach Möglichkeit schadlos halten.

 

König Chilperichs Tochter Rigunthe ist ins westgotische Spanien verlobt. Eine Gesandtschaft kommt sie abholen. Chilperich ist dabei, ihr in Paris reiche Mitgift mitzugeben. Dazu gehören auch Menschen: familias multas de domibus fiscalibus auferre praecepit et in plaustris conponi; multus quoque flentes et nolentes abire in custodia retrudi iussit, ut eos facilius cum filia transmittere possit.

 Also: (Er) ließ jetzt auf den königlichen Gütern viele von den dienstbaren Leuten ausheben und auf Wagen fortschaffen; viele, die sich unter Tränen weigerten, ließ er in den Kerker stecken, damit er sie desto leichter mit seiner Tochter nach Spanien schicken könnte. Viele sollen in dieser bitteren Not durch den Strick ihrem Leben ein Ende gemacht haben, da sie von ihren Angehörigen getrennt zu werden fürchteten. Der Sohn wurde vom Vater, die Mutter von der Tochter gerissen, unter schrecklichen Wehklagen und Verwünschungen trennten sie sich; und es war ein solches Jammergeschrei in der Stadt Paris, dass es mit dem in Ägyptenland verglichen wurde. (Üb. Buchner, Gregor VI,45)

 

Unfreie konnten also nicht nur verkauft und vererbt werden, sondern auch verschenkt. Als Rigunthe mit ihrem Tross in Toulouse eintrifft, erfährt sie von der Ermordung ihres Vaters, aber andere erfahren es auch, plündern ihren Brautschatz und nehmen sie vorübergehend gefangen.

 

Auch die höhere Geistlichkeit und Klöster besitzen Unfreie und scheinen sie nicht wesentlich häufiger freigelassen zu haben als die Laienwelt. Freilassung macht im übrigen wenig Sinn ohne Ausstattung der Freigelassenen. Dadurch wiederum gerät der Freigelassene in das, was Weidemann schön römisch "Patronat" nennt (2, S.291f), ein Abhängigkeitsverhältnis.

 

Vom Auf- und Abstieg eines Unfreien erzählt nicht nur die Geschichte des Marileif, sondern auch die des Andarchius:

Hic igitur, ut adserunt, Filices (des Felix) senatoris servus fuit. Als persönlicher Diener seines Herrn ad studia litterarum cum eo positus, bene institutus emicuit. Er nimmt also an dessen Studien teil und wird recht gelehrt. Er steigt auf und gerät in das Umfeld König Sigiberts. In Clermont freundet er sich mit dem wohlhabenden civis Ursus an und begehrt dessen Tochter zur Frau. Der zahlt ihm lieber viel Geld, als sie ihm zu überlassen. In Abwesenheit des Ursus geht Andarchius in dessen Haus und kommandiert seine (unfreie) Dienerschaft herum. Sed cum servi domus minime rudi domino apparerent, alius fustibus, alius virgis caedit, nonnullus capita percutiens sanguinem elicuit. Turbata ergo familia (Gregor IV,46. Wenn die Sklaven im Haushalt dem unerfahrenen Herrn nicht gehorchen, schlägt er sie mit Knüppeln, andere mit Ruten, trifft einige am Kopf, wo sie bluten.) Aus Rache zünden sie ihn mitsamt dem Haus an, als er seinen Rausch ausschläft.

 

Beide Unfreie sind Aufsteiger aus eigener Kraft, deren Rechtsstellung sich dabei allerdings nicht ändert. Gregor erzählt offenbar zwei Geschichten über Hochmut und folgenden Absturz, Geschichten aber auch über irregulären Aufstieg und Einmischung in die Geschäfte derer, die aus entsprechend gediegenen Familien kommen.

 

Über die unfreien Mädchen und Frauen wird von den Herren wohl gelegentlich auch sexuell verfügt: Gunthchramnus autem rex bonus primo Venerandam, cuiusdam suorum ancillam, pro concubina toro subiunxit; de qua Gundobadum filium suscepit. (Gregor IV,25)

 

Als attraktives, aber armes unfreies Mädchen gibt es aber auch, sicher selten, damals noch erstaunliche Karrieren: Habebat tunc temporis Ingoberga (die Gemahlin König Chariberts) in servitium suum duas puellas pauperis cuiusdam filias (Töchter eines Armen), quorum prima vocabatur Marcovefa, relegiosa veste habens, alia vero Merofledis; in quarum amore rex valde detenebatur. Erant enim, ut diximus, artificis lanariae filiae (Töchter eines Wollarbeiters). Der König verlässt Ingoberga und heiratet Meroflede. Habuit et aliam puellam opilionis, id est pastoris ovium filiam, (Schäferstochter) nomen Theudogildem. Beide sind ancillas (Gregor IV, 26/27)

 

***Die Gier und die Ordnung***

 

Der Jesus der Evangelien hatte alles Begehren, welches sich nicht unmittelbar  auf das Himmelreich hin ausrichtet, verurteilt. Das schaffen die meisten Christen aber nicht. So wird denn nun zwischen gerechtfertigtem Begehren und der Gier als Laster unterschieden. Statt Ablehnung der Triebhaftigkeit wird eine neue Form der "Kultivierung" menschlichen Getriebenseins propagiert. Das einheimische Christentum setzt den fränkischen Eroberern die Moderation ihres Begehrens entgegen. Aber selbst da scheitern viele.

 

Materielle Gier

 

In der Einleitung zum fünften Buch seiner Geschichte(n) wendet sich Gregor an die Könige. Dabei kommentiert er die „Bürgerkriege“ seiner Zeit, Bruderkriege zwischen den merowingischen Herrschern:

Was tut ihr? Was begehrt ihr? An was habt ihr nicht im Überfluss? In euren Palästen habt ihr jeden Genuss im Überfluss, in den Vorratsräumen quillt es über von Wein, Weizen und Öl, in euren Schatzkammern häufen sich Gold und Silber. Eines aber fehlt euch, weil ihr den Frieden nicht habt, fehlt euch die Gnade Gottes. Warum nimmt einer dem anderen das Seine? Warum trachtet der eine nach des anderen Gut? (In domibus dilitiae supercrescunt, in prumtuariis vinum, triticum oleumque redundat, in thesauris aurum atque argentum coacervatur. Unum vobis deest, quod, pacem non habentes, Dei gratiam indegetis. Cur unus tollit alteri suum? Cur alter concupiscit alienum? V, Einleitung)

 

Das Kernübel bei Gregor sind diese fatalen Begehrlichkeiten: Du König sollst Christus dienen, der du bisher der 'Wurzel allen Übels' gedient hast. (V, Einl.) Das Zitat ist aus dem ersten Timotheusbrief (6,10): radix enim omnium malorum est cupiditas. Das Grundmotiv der Handlungen des Chilperich und der Fredegunde ist die Habsucht. (siehe: Heinzelmann, S.125ff). Sie geht direkt auf die Tochter über:

Rigunthe aber, Chilperichs Tochter, überhäufte ihre Mutter oft mit Schmähungen und sagte, sie sei die Herrin (se esse dominam) und würde ihre Mutter wieder der Knechtschaft (servitio) überliefern (wo sie herkam); und als sie sie oft durch Schimpfreden reizte und beide sich gegenseitig mit Fäusten und Maulschellen prügelten, sprach die Mutter zu ihr: "was quälst du mich so, Tochter.

Siehe, hier sind die Sachen deines Vaters, welche in meinen Händen sind; nimm sie und mache damit, was dir beliebt." Und sie trat in ihre Schatzkammer und öffnete eine Truhe, die war mit Halsketten und kostbaren Schmuckstücken angefüllt. Und als sie daraus lange Zeit ihrer Tochter, die daneben stand, verschiedene Stücke herausgelangt hatte, sagte sie zu ihr: "Nun bin ich müde,; streck' nur selbst deine Hand hinein und nimm heraus, was du findest." Und da jene den Arm hineinstreckte, und die Sachen aus der Truhe langte, ergriff die Mutter den Deckel der Truhe und warf ihn ihr auf das Genick. Und als sie ihn mit Gewalt niederdrückte,und das untere Brett jener so die Kehle quetschte, dass die Augen ihr aus dem Kopf springen wollten, schrie eine von den Mägden, welche drinnen war, mit lauter Stimme: "Herbei, um Gottes willen herbei, denn meine Herrin wird von der Mutter mit Gewalt erwürgt." Da drangen die, die vor der Türe standen und auf ihre Rückkehr warteten, in das Gemach, retteten das Mädchen vor dem drohenden Tode und brachten sie hinaus. Danach aber wurde der Hader (inimicitiae) zwischen ihnen immer erbitterter, und besonders deshalb, weil Rigunthe ständig Unzucht trieb, gab es fortwährend zwischen ihnen Streit und Schläge. (IX,34, Übersetzung Buchner, Gregor II, S. 289f)

 

 Es ist dies dieselbe Rigunthe, deren Mitgift für den westgotischen Prinzen aus großen Schätzen bestand, einer ungeheuren Menge Gold, Silber und Kleidern ... so groß war die Menge der Sachen, dass es fünfzig Wagen brauchte, um das Gold, Silber und den übrigen Zierat (ornamenta) zu transportieren. (H:VI,45)

 

Dasselbe berichtet Gregor aber auch aus der Geistlichkeit, insbesondere von Bischöfen, wichtigen Grundbesitzern:

Zu jener Zeit schrieb Felix, der Bischof der Stadt Nantes, einen Brief an mich voller Schmähungen (plenas opprobriis), in dem er auch anführte, mein Bruder sei nur deshalb erschlagen worden, weil er nach dem Bistum lüstern (cupidus) seinen Bischof getötet habe. Aber er schrieb dies nur, weil sein Sinn nach einem Hofe (villam) meiner Kirche stand. Und da ich ihm diesen nicht geben wollte, stieß er gegen mich, wie gesagt, wutentbrannt tausend Schmähungen aus. (V,5, Buchner-Übersetzung, Gregor I, S. 287)

 

Ein clericus aus Le Mans betreibt Unzucht mit einer freien Frau, deren wohl fränkisch-germanischstämmige Verwandte aus Rache die Frau verbrennen und ihn einsperren:

Wie aber >die verfluchte Gier nach dem Geld< (auri sacra famis) die Leute bewegt, boten sie an, den Geistlichen für einen Preis loskaufen zu lassen, so, dass er entweder von irgendjemandem ausgelöst würde oder aber für seine Schuld sterben müsse. Als Bischof Aetherius davon erfuhr, gab er aus Barmherzigkeit (misericordia) für ihn zwanzig Goldstücke und entriss ihn so dem drohenden Verderben. (Gregor VI,36)

 

Wichtiger Beweggrund für die Teilnahme an Kriegszügen (neben der Pflicht zur Heeresfolge) ist die Erwartung von Beute. Auch in den Bürgerkriegen im Frankenreich wird massiv geplündert. Über die Duces des Königs Gunthram bei Comminges heißt es, um nur eines von zahllosen Beispielen in Gregors Historien zu nennen:

Es wurde ringsum die ganze Gegend verwüstet; einige aus dem Heer, die der Stachel der Habsucht (avaritia) durchbohrte, kamen dabei zu weit ab und wurden von den Einwohnern erschlagen. (Vastabatur in circuitu tota regio; nonnulli autem ab exercitu, quos fortior avaritiae aculeus terebrabat, longius evacantes, peremebantur ab incolis. VII,35)

 

König Theuderich I., der seine Leute zum Kriegszug gegen Clermont bewegen will, wird von Gregor eine Rede in den Mund gelegt, die schon auf Napoleons Rede vor seinem Italienfeldzug verweist: Folgt mir, und ich werde euch in ein Land führen, wo ihr Gold und Silber finden werdet, soviel eure Begierde nur verlangen kann, da könnt ihr Herden und Sklaven und Kleider in Hülle und Fülle gewinnen. (Gregor III,11)

 

Könige, weltliche Große und Bischöfe betreiben Schatzbildung, das heißt, sie häufen Reichtümer an, die aber nicht unmittelbar zu ihrer Vermehrung dienen, sondern vor allem gehortet werden. Ein später Nachklang dazu ist die Geschichte vom Nibelungenschatz.

Der Reichtum des fränkischen (wie des westgotischen) Königs besteht in seinem Schatz und es ist anzunehmen, dass damals wie heute für die Menschen Macht und Reichtum zusammen gehören. Da Könige aufgrund ihres Charisma, ihrer Aura, also aufgrund dessen, was magisch in sie hinein projiziert wird, dem üblichen Neid der Erbärmlichen entzogen sind, ist es wohl schon damals so, dass von ihnen erwartet wird, dass sie ihre Macht in der Anhäufung eines möglichst großen Schatzes demonstrieren.

 

Gregor von Tour erzählt von einem Besuch bei Chilperich 581:

Ich hatte mich zum König an den Hof Nogent begeben. Er zeigte mir ein großes Stück Geschirr, das er aus Gold und Edelsteinen gearbeitet hatte, 50 Pfund schwer, und sagte: „Ich habe es angefertigt, um das Volk der Franken zu schmücken und zu veredeln. Und sollte es mir vergönnt sein, werde ich von dieser Art noch mehr machen.“ Er zeigte mir auch Goldstücke, jedes ein Pfund schwer, welche ihm der Kaiser schickte... Er zeigte mir auch noch viele andere Kostbarkeiten, die die Gesandten mitgebracht hatten. (Gregor VI,2)

 

Das sieht nach Angeberei aus, sowohl was königlichen Reichtum wie Achtungserweis durch den Kaiser angeht.

Da Markt und Austausch von Waren nach dem Zusammenbruch des weströmischen Imperiums zurückgehen, wird ohnehin das Schenken oft wichtiger als das Kaufen. Das entspricht auch der germanischen Tradition, die nur in geringem Ausmaß Handel kannte und vorwiegend Subsistenzwirtschaft gewesen war.

 

Zudem wird wie von einem Stammeshäuptling anderswo erwartet, dass der König selbst großzügig ist und nicht knausert. Sein Gefolge muss versorgt werden, seine sich langsam entwickelnde Hofhaltung, und die regionalen und lokalen Größen werden nicht nur durch Eide und Versprechen gebunden, sondern durch angemessenes (gegenseitiges) Beschenken.

  

In den Bischofskirchen wird ein Teil des bischöflichen Schatzes ausgestellt. In der Vita des Bischofs Desiderius von Cahors findet sich folgende Beschreibung, zu der passt, dass Desiderius vorher Schatzmeister König Chlothars II. (569-629) war und als Bischof in Cahors auch große Bauprojekte veranlasst:

Es glänzen von Edelsteinen und Gold die Kelche, hoch ragen die Sakramentstürme, es schimmern die Lichterkronen, spiegeln die Kandelaber, es prangt das Rund der goldenen Äpfel, farbig blitzen Wein- und Siebgefäß, und es fehlen nicht die Hostienschalen für die heiligen Eulogienbrote. Da stehen auch Leuchter, die große Kerzenleiber zu fassen vermögen. Über alledem blitzt, an den Bögen aufgehängt und über das Heilige erhoben, als das kostbarste das Kreuz, zugleich bunt und weiß. Das sind die Werke des Desiderius, das ist der Schmuck seiner Braut, der Eifer unseres Hohepriesters... (in: Berschin 2, S.57.Eulogienbrote waren für die, die nicht zur Kommunion zugelassen waren.)

 

Sexuelle Gier

 

Das Christentum sprach grundsätzlich beiden Geschlechtern die Fähigkeit zur Heiligkeit zu. In dieser Ausnahmesituation werden also Mann und Frau „gleichgestellt“. Alltäglich ändert das zunächst wenig daran, dass die ehrbare Frau der römischen Antike insbesondere als Ehefrau auf Heim und Herd beschränkt war. Vermutlich hatten Frauen in der germanischen Welt eine etwas stärkere Stellung, was sich aber nur im Rückschluss annehmen lässt.

 

Unser Gregor jedenfalls beschreibt eine männlich dominierte Welt, in der Frauen vor allem als Mitglieder des Königshauses, und dort manchmal sehr einflussreich, seltener als Frauen von Bischöfen vorkommen. Daneben gibt es aber eine Schar weiblicher Heiliger, allerdings wiederum in der Regel aus der Oberschicht.

 

Im Prozess der Romanisierung und Christianisierung des germanischen Bevölkerungsanteils wird der weibliche Einfluss jedenfalls nach und nach zusammengestrichen. Dazu kommt die langsame Durchsetzung der christlichen Ehe. Zumindest merowingische Könige sind allerdings nicht monogam, sie haben oft mehrere Ehefrauen und zudem Konkubinen. Sie "nehmen" sich Frauen, eine ordentliche christliche Eheschließung wird erst noch kommen, und darum werden auch erst unter den Karolingern die illegitimen Söhne von der Nachfolge ausgeschlossen.

 

Der sogenannte Fredegar lobt König Chlothar II. in fast jeder Hinsicht, aber er gab sich allzu häufig der Jagd auf wilde Tiere hin und verlieh am Ende auch den Einflüsterungen seiner Frauen und Konkubinen zu leichtfertig sein Ohr. Deshalb wurde er freilich von seinen Gefolgsleuten geschmäht. (F:IV,42 Nicht also wird er geschmäht, weil er mehrere Ehefrauen und Konkubinen hat, sondern weil er schon mal auf sie hört. )

 .

Die Ehe wird unter den Eltern ausgehandelt, und die Eheschließung findet dann in zwei Etappen statt. Zunächst kommt die Verlobung mit einer Gabe des Bräutigams (dos), die der möglichen späteren Witwenversorgung dient. Zudem erhält die Verlobte einen Ring von ihm, und das Ganze wird in ein Fest eingebettet.

Dann kommt die eigentliche Hochzeit, für die die Brauteltern der Tochter eine "Mitgift" geben und der Ehemann ihr nach der Hochzeitsnacht die Morgengabe überreicht.

 

Ein Extremfall, was das Eheleben angeht, ist König Chlothar I., wenn man unserem Gregor soweit glauben darf. Vor 520 heiratet er Ingunde, nach 530 geschieht dann folgendes:

Als er Ingunde schon zur Ehe genommen hatte und sie mit besonderer Liebe verehrte, da hörte er eine Bitte von ihr: „Mein Herr,“ sagte sie, „hat mit seiner Magd getan, wie ihm beliebte, und mich seinem Lager zugesellt. Nun höre mein Herr und König, um das Maß seiner Gunst voll zu machen, um was ihn seine Magd bittet. Ich bitte euch, bestellt gnädig meiner Schwester, die eure Sklavin ist, einen angesehenen und wohlhabenden Mann, damit ich durch sie nicht erniedrigt, sondern vielmehr erhöht werde und euch umso ergebener diene.“ Als er dies hörte, wurde er, da er allzu ausschweifend war, von Begier nach Arnegunde ergriffen, nahm den Weg zu dem Hof, wo sie wohnte, und vermählte sich mit ihr. Und als er sie zum Weibe genommen hatte, kehrte er zu Ingunde zurück und sagte: „Ich habe versucht, dir die Gunst zu gewähren, um welche deine süße Liebe mich bat. Und da ich einen reichen und weisen Mann suchte, welchem ich deine Schwester vermählen könnte, habe ich keinen besseren gefunden als mich selbst. So wisse denn, dass ich sie zum Weibe genommen habe, und dies wird dir, so glaube ich, nicht missfallen.“ Da sagte jene: “Was in den Augen meines Herrn gut scheint, das möge er tun; wenn nur deine Magd in der Gnade des Königs lebt.“ (IV,3)

 

Das ist im Detail schön erfunden von Gregor, mag aber im Kern stimmen. Seine zweite Eheschließung lief wohl in der Form der Eheverabredung und des Vollzugs. Gregor akzeptiert sie in seinem Text als zweite Ehefrau, und das war sie wohl auch rechtlich. (Hartmann, S.53)

Danach heiratet er die Witwe Chlodomers, Guntheuca, nachdem er ihre Kinder umgebracht oder ins Kloster abgeschoben hat. Dann eine Chunsina, und darauf die Radegunde. Nach dem Tod Theudowalds riss er dessen Reimser Reich an sich und heiratete dazu auch dessen Witwe Waldrada, was von der Kirche abgelehnt wird wegen zu großer Verwandtschaft ihrer beiden Ehemänner. (Hartmann, S.56)

 

Chlothars I. Sohn Charibert I. macht es nicht viel anders als sein Vater:

König Charibert nahm die Ingoberga zur Gemahlin (accepit uxorem), von der er eine Tochter hatte, welche später zu ihrer Verheiratung nach Kent kam (und dort die Christianisierung der Angelsachsen begann). Ingoberga nun hatte zu jener Zeit zwei Mädchen in ihrem Dienst, Töchter eines armen Mannes. Die eine hieß Marcoveia und trug Nonnentracht, die andere war die Merofledis. Der König mochte beide Mädchen sehr (amore valde detenebatur). Sie waren, wie wir gesagt haben, die Töchter eines Wollarbeiters (artifex lanariae). Ingoberga war eifersüchtig auf sie, weil der König sie liebte, und ließ einst den Vater abgesondert arbeiten, in der Hoffnung, dass der König sich ihrer schämen würde, wenn er den Vater bei der Arbeit sähe. Und als der Mann bei der Arbeit war, rief sie den König. Jener aber, der etwas neues zu sehen, erblickte ihn, wie er die königliche Wolle herrichtete. Als er das erkannte, verließ er zornig die Ingoberga und heiratete Meroflede. Er nahm auch ein anderes Mädchen zur Ehe, eine Schäferstochter mit Namen Theudechilde. (Einige Zeit später:) ...nahm er Marcovefa, die Schwester der Theudechilde, zur Ehe. (Gregor IV,26)

 

Das Ergebnis ist, dass ihn der Bischof von Paris schließlich exkommuniziert und er bald darauf stirbt.

Nun schickt Theudechilde Boten an König Gunthram und bot sich ihm zur Ehe an (se offerens matrimonio). Er lädt sie ein, mit ihren Schätzen zu ihm zu kommen, und sie kommt. Als dies der König sah, sagte er: „Besser ist es, diese Schätze bleiben bei mir als bei dieser, die unwürdig das Bett meines Bruders betrat.“ Darauf nahm er ihr vieles, nur weniges ließ er ihr, und schickte sie in das Kloster zu Arles.(s.o.) Selbiger Gunthram hat zunächst eine Konkubine, eine Ehefrau, die er verstößt und dann noch eine Gemahlin. (Gregor IV,25)

 

Der dritte Bruder, König Sigibert, findet die niedere Herkunft der Frauen seiner Brüder verächtlich und bewirbt sich um die Westgoten-Prinzessin Brunichilde. Der Vater schickt sie ihm mit großen Schätzen. Sie wird ordentliche Katholikin. (Gregor IV,27)

Das beeindruckt König Chilperich, der um 565 Audovera verlässt, um sich Fredegunde zuzuwenden, und er bewirbt sich nun um Brunichildes Schwester Galsvintha. Dafür verspricht er, die anderen Ehefrauen zu verlassen. Sie wird von ihm mit großer Liebe bedacht, sie hatte nämlich große Schätze mitgebracht. Aber sie liegt ständig im Streit mit des Königs Liebchen Fredegunde, und so lässt er sie um 570 töten, als sie wieder nach Hause will. Nun wird Fredegunde seine Gemahlin (recipit in matrimonio). (Gregor IV,28)

 

Aus der Rachelust Brunichildes gegenüber Fredegunde wegen der Ermordung ihrer Schwester mag ein Kern des Nibelungenliedes stammen. Das alles, wie man nicht vergessen darf, ist Text von Bischof Gregor. Fredegunde bewirkt nun die Ermordung Sigiberts und Brunichilde kann zu ihrem Sohn Childebert II. flüchten. 584 wird Chilperich ermordet. König Guntram, Herrscher über Burgund, nimmt Fredegunde unter seine Fittiche und stirbt 593, Fredegunde 597. Brunichilde muss zusehen, wie ihre Enkel gegeneinander kämpfen. Schließlich scheitert sie beim Versuch, eine fränkische Zentralregierung aufzurichten, an Adelsinteressen, wird Fredegundes Sohn Chlothar II. ausgeliefert und brutal getötet.

 

Aus der Vielweiberei entsteht des öfteren Eifersucht, innerfamiliärer Streit, und das kann bis zu Kriegen führen. Nachdem der eine Sohn der Audovera den Verfolgungen des Vaters erlegen ist, kommt es auch zum Konflikt des zweiten, Chlodowech mit seiner Stiefmutter Fredegunde. Sein Vater sperrt ihn ein und überantwortet ihn Fredegunde, die ihn töten lässt. Danach lässt sie auch Audovera ermorden. Chlodowechs Schwester Basina wird ins Kloster der Radegunde gesteckt, wo sie es offenbar nur schwer aushält (s.u.).

 

Geschichten von "Untreue" in der Herrenschicht enden bei Gregor oft in Gewalt, was sicher auch einen moralischen Zweck erfüllt:

Als Dux Amalo seine Ehefrau auf ein anderes Landgut (villa) geschickt hatte, um sich dort um die Wirtschaft (utilitas) zu kümmern, entflammte er (in amorem ruit) für ein junges Mädchen seines Standes (cuiusdam ingenuae). Und als er in der Nacht von Wein trunken war, schickte er Dienstboten (pueri), das Mädchen zu entführen und in sein (Ehe)Bett zu schaffen. Sie sträubte sich und wurde gewaltsam in sein Haus entführt, wobei sie sie ins Gesicht schlugen, so dass die Nase blutete und das Blut sie bedeckte, weshalb auch das Bett des Herzogs dann damit befleckt wurde. Auch er gab ihr Faustschläge, Ohrfeigen und anderes, schloss sie dann in seine Arme und wurde darauf vom Schlaf überwältigt. Sie aber streckte ihre Hand nach oberhalb des Kopfes des Mannes aus, und ergriff sein Schwert. Sie zog es aus der Scheide, und schlug damit seinen Kopf mannhaft wie Judith den des Holofernes. Er gab einen Schrei von sich, worauf die Dienerschaft (famuli) zusammenlief. Als sie sie aber töten wollten, rief er: "Ich bitte euch, tötet sie nicht. Ich habe gesündigt, der ich der Keuschheit Gewalt antun wollte....". Als er dies sprach, hauchte er seinen Geist aus. Das Mädchen flüchtet rund fünfzig Kilometer weit in eine Kirche, wirft sich dem König zu Füßen und klagt ihm ihr Leid. Er stellt sie unter seinen Schutz. Wir haben erfahren, dass durch Gottes Beistand die Keuschheit (castitas) des Mädchens in keiner Weise von ihrem wilden Entführer verletzt worden ist. (Gregor IX,27)

 

Im Südosten Galliens hatte ein Eulalius ... eine Ehefrau, edel ( nobilis) von seiten der Mutter, von niederem Rang durch ihren Vater. Aber er trieb es auch mit seinen Mägden (ancillae) und begann, seine Frau zu vernachlässigen. Wenn er von einem Liebchen zurückkam, verprügelte er sie oft brutal.

Er verschuldet sich aufgrund seines Lebenswandels und bezahlt dann mit dem Eigentum seiner Frau. Ein Herr Virus beginnt sich für sie zu interessieren, sie heiratet ihn und nimmt das ganze bewegliche Eigentum ihres Mannes und ihren älteren Sohn mit. Eulalius erschlägt Virus. Er entführt nun eine Nonne aus dem Kloster. Er begeht mehrere Morde. Schließlich gelingt es ihm, sein Eigentum vor Gericht zurück zu bekommen.(Gregor X,8)

 

Unter Franken von Tours brach ein heftiger Streit aus, weil der Sohn des einen den Sohn eines anderen, der die Schwester jenes ersteren zur Ehe genommen hatte oftmals im Zorn schalt, dass er sein Eheweib vernachlässige und Dirnen aufsuche. Er tötet ihn darauf und wird von der Gegenseite selbst getötet. Darauf geht die Blutrache weiter, und Fredegunde lädt die übriggebliebenen Vertreter beider Parteien ein und tötet sie, womit das Morden offenbar aufhört. (Gregor X,27)

Wie man sieht, gibt es schon bei Gregor zwei zentrale Mordmotive: Die Gier nach Geld und Gut und das geschlechtliche Begehren. So wie er das darstellt, wirkt es belehrend: Immerhin ist es bis heute nicht anders.

 

 

Tracht und Kleidung, Macht und Geschlechtlichkeit

 

Durch das Mittelalter und oft noch darüber hinaus ist es Sache einer kleinen Oberschicht, sich fertige Bekleidung zu kaufen oder von abhängigen Arbeiterinnen selbst herstellen zu lassen. In den meisten Haushalten werden Stoffe aus Wolle und Leinen und dann Bekleidungsstücke selbst hergestellt. Das ist Sache der Frauen, die damals noch nicht einen Beruf, sondern viele Fertigkeiten haben und die Bekleidung im Haus herstellen können, während der Mann draußen bei den Schafen für die Wolle und auf den Feldern für das Leinen beim Flachsanbau zuständig ist. Später werden Rohstoffe auch eingekauft und von den Frauen über viele Arbeitsgänge in Tuche verwandelt.

 

Das mittelalterliche Wort im deutschen Sprachraum war „Tracht“, das, was man trägt, erst gegen Ende des Mittelalters wird es in der Stadt und in vornehmeren Kreisen durch das Wort „Kleidung“ abgelöst. Kleid meinte zuvor „Tuch“, und die „Kleidung“ löst sich von der „Tracht“ in dem Maße, in dem sie von schnelleren Moden abgelöst wird.

 

Tracht gibt es auf dem Dorf noch bis in die Industrialisierung der Landwirtschaft hinein, bis das Dorf also nur noch eine Größeneinheit von Siedlung ist. Heute ist Tracht kommerzialisierte Folklore, noch eine weitere Modenarretei, nostalgisches Feierabendvergnügen.

 

Nach diesen Vorbemerkungen, die den Blick etwas schärfen sollen, nun zu dem, worum es vor allem gehen soll: das Verhältnis von Körperlichkeit zu Bekleidung, die in der Nachantike bereits zu einem Spiel mit (noch geringrt) partieller Entblößung wird, zu einem vor allem weiblichen Machtspiel. Ich bleibe dabei in unserer Gegend, in Mitteleuropa.

Bei heidnischen Germanen und dann ins christliche Mittelalter hinein bedeckt, "bekleidet" das Tuch den ganzen Körper und in der Regel auch Arme und Beine. Zudem ist bei Frauen Kopfbedeckung üblich, Mädchen tragen das Haar offen, (verheiratete) Frauen zumeist geflochten und hochgesteckt.

 

Männer und Frauen bedecken Hintern und Scham, die Bereiche von Fortpflanzung und Ausscheidung, so, dass sie nicht prominent hervortreten, also mit fallendem Tuch, was immer sie darunter tragen. Man kann sich Kleidung noch gar nicht so auf den Leib schneidern, wie das im hohen Mittelalter möglich und üblich wird. Indem Germanen dann die römische Mode übernehmen, den Gürtel nicht mehr unter einem überhängenden Stück Stoff zu verbergen, beginnt eine erste Form der Körpermodellierung, die zunächst die Taille zeigt. Frauen in einigen Gegenden beginnen dann relativ früh, den Gürtel unter der Brust zu tragen, wodurch sich die weibliche Oberweite besser abzeichnet.

 

Das, was dann passiert, ist ein Spezifikum des christlichen Abendlandes und ein Korrelat der christlichen Versuche, den Geschlechtstrieb einzudämmen. Das kirchliche Gebot der Keuschheit produziert nämlich eine entsprechende Gegenreaktion. Frauen der Oberschicht beginnen mit der Entblößung des Areals unter dem Hals (frz: col, woraus das décolleté entstehen wird), um den männlichen Blick wie den der weiblichen Konkurrenz in Richtung ihrer Brüste zu lenken. Das betrifft zunächst vor allem Frauen, die von körperlicher Arbeit befreit sind – bis auf die nicht unerhebliche des Kinderkriegens und die auch nicht unerhebliche, den Männern bei der Befriedigung ihres Geschlechtstriebes gefällig zu sein.

 

Diese bescheidenen Ansätze zur Modellierung und Zurschaustellung des Körpers werden ihren entscheidenden Schub durch das Erlernen des Schnitts im Hochmittelalter bekommen, also des Zurechtscheidens und Vernähens des Stoffes so, dass er nicht ungefähr die Umfänge abbildet, sondern genau die Körperlinien.

 

Damit beginnt in großem Umfang das erotische Machtspiel der gekonnten Erregung des Begehrens, des triumphalen Auftritts des machtvollen Körpers und einer Intensivierung weiblicher Konkurrenz.

 

Noch einmal zurück: Mann und Frau gehen im Frankenreich unter romanischem Einfluss zur Tunika über, beim Krieger kürzer und bei der möglichst Schönen länger. Römisch ist auch das sichtbare Tragen des Gürtels, der bei den Franken früher unter einer Gewandfalte versteckt war. Unrömisch sind die (männlichen) Hosen und und die Hosenbänder, mit denen sie bis zum Knie geschnürt werden. Die Schuhe sind aus einem Stück Leder, das oben zusammengebunden wird – zum Bundschuh. (Die Unterwäsche besteht wohl aus ebenso langer Hose und ähnlich geformtem Unterhemd, soweit man das noch rekonstruieren kann).

 

Fränkische Frauen hatten, bevor sie zur römischen Mode übergehen, ein Kleidungsstück aus einem Stück gewebten Stoff, welches zusammengehalten werden muss, oben zuerst an der Schulter. Zu diesem Zweck gibt es eine Art Sicherheitsnadel, die unter einer runden, tierförmigen oder bügelartigen Fibel versteckt wurde. Solche Fibeln werden mit der römischen Mode überflüssig zum Zusammenhalten des Textils, werden aber sehr lange weitergetragen, und zwar einmal als Schmuckstücke, aus denen sich dann später die Broschen entwickeln, und zum anderen als Applikationen am Gürtel oder in der Nähe des Gürtels. Männer und Frauen tragen keine Handtaschen, sondern haben die Taschen an einem „Gehänge“ befestigt, welches meist aus mehreren Schnüren besteht. Außer Taschen werden bei Frauen daran auch Amulette befestigt, Behälter für Heilkräuter und diverser Schmuck.

 

Jede Frau, die "etwas auf sich hält", trug zwei solche Gehänge, woran man noch eine schmucke Fibel befestigen kann, um es zu halten. Das zweite sitzt in der Mitte auf dem Bauch und baumelt so zwischen den Beinen. Ordentliche Römer, und das sind bald nur noch die Oströmer, finden das alles skurril und lächerlich, wie zu lesen ist.

 

Dazu leisten sich Frauen auch noch einen Überwurf als Mantelart über der Tunika, und dieser Überwurf wird ebenfalls mit einer Fibel befestigt, in der Spätzeit der Franken ist das bei Wohlhabenden eine große runde Fibel, ein Prachtstück sozusagen.

 

Eine Frau trägt also (vielleicht nicht bei der Arbeit und nur, wenn sie wohlhabend ist) zwei Bügelfibeln und zwei Rundfibeln, möglichst versilbert oder vergoldet und mit Halbedelsteinen besetzt. Darüber hinaus Schmuck am sogenannten „Gehänge“. Dazu Ketten aus bunten Glasperlen, wenn sie nicht ganz so reich ist.

 

Auf die Dauer, noch unter den Karolingern, wird es zwei parallele Gründe geben, solche enormen Wertean Schmuck  nicht mehr in der Erde zu vergraben: Offiziell heißt es, dass Christen ohnehin nichts ins Himmelreich oder die Hölle mitnehmen können. Tatsächlich dauert es lange, bis die Leute das glauben. Sie produzieren also nun wertlosere Kopien ihrer Tracht samt Schmuck und Waffen und nehmen die dann doch unter die Erde mit.

 

Inoffiziell geht das Begehren nach Macht und die Eitelkeit natürlich weiter, aber nun gilt es als Verschwendung, die Marktwerte zu vergraben. Stattdessen spendet man an Kirchen und Klöster, um sich so das Himmelreich ein wenig zu erkaufen. Damit verlagert sich immer mehr Hortbildung in die Kathedralkirchen und Klöster.

 

Fressgier und Trunksucht

 

In integralen Kulturen sind Essen und Trinken Notwendigkeiten, mit ihnen werden Hunger und Durst gestillt, nach Notzeiten im heutigen Wortsinn auch mal "gierig". Schon im Rom der Kaiserzeit werden bei den Wohlhabenderen Fressgier und Trunksucht ausführlich thematisiert. Auch in dieser Beziehung herrscht Kontinuität, wenn man Gregor glauben kann: Der böse König Chilperich war dem Trunke ergeben (Gregor VI,46)

 

Über den bösen Parthenius heißt es wie als Nachruf nach seiner Steinigung:

Fuit autem in cibis valde vorax, sed quae sumebat, quo caelerius ad manducandum commoveretur, sumpto aloae, velociter digerebat; sed et strepidus ventris absque ulla auditorium reverentia in publico emittat. (Gregor III, 36)

 

Er isst also schnell (gefräßig) und nimmt Aloe zu sich, um auch viel essen zu können. Auch lässt er öffentlich ohne alle Scheu vor den Anwesenden Winde fahren. Soviel nur am Rande: Tatsächlich wissen wir sehr wenig über die Tischmanieren der Übergangszeit zwischen Antike und Frühmittelalter, können aber an diesem Beispiel erahnen, dass sie so "schlecht" vielleicht nicht immer waren, sonst hätte Gregor das hier nicht abwertend erwähnt.

 

Die Gegenposition: Heiligkeit und Vernunft

 

Das Christentum war am Anfang eine Gegenwelt in der Welt. Am konsequentesten bleibt das so im Mönchtum, aber auch in der gallischen Kirche zwischen Spätantike und Frühmittelalter ist davon noch etwas erhalten. Da sind die Positionen der Friedfertigkeit, Gewaltfreiheit, jener Nächstenliebe, die Dienst an den Armen und Schwachen ist und einen Ausgleich zwischen reich und arm anstrebt. Mag die Praxis dem auch sehr oft nicht gerecht werden, und mag die Macht der Kirche auch immer wieder an der des Schwertes und des Dolches Grenzen finden, so gibt es doch Festlegungen, die in diese Richtung gehen.

 

511, kurz vor seinem Tod, beruft Frankenkönig Chlodwig eine Art Konzil nach Orléans ein. Unter den Beschlüssen ist auch folgender überliefert:

 

Bezüglich der Totschläger, Ehebrecher und Diebe, wenn sie in die Kirche flüchten, bestimmen wir, dass beachtet werden soll, was die kirchlichen Bestimmungen festlegen und das römische Recht festsetzt: dass es keinesfalls erlaubt sei, sie aus den Vorhöfen der Kirche oder aus dem Haus der Kirche oder dem Haus des Bischofs wegzuführen; sondern sie sollen nur übergeben werden, wenn sie durch auf die Evangelien geleistete Eide vor dem Tode, der Verstümmelung und aller Art Strafen sicher sind, und zwar in der Weise, dass der Verbrecher sich mit demjenigen, gegen den er sich vergangen hat, über einen Schadensausgleich einigt. (Kaiser II, S.95)

 

Die damaligen Bischöfe entstammen überwiegend der ehedem römischen Oberschicht, und darum ist diese substantielle Festlegung an ihrem Recht orientiert, und nicht an den germanischen Rechten der Franken, Burgunder, Westgoten usw., die damals nur noch für diese gelten. Im übrigen sind damals viele (germanisch-stämmige) Franken noch „Heiden“, es ist eher ihre Oberschicht, die gerade christianisiert wird.

 

Damals aufgeschriebenes Recht der germanischen Volksgruppen kennt im wesentlichen Geldstrafen bzw. Strafen in Naturalien. In der Praxis üben die Freien bis ins Hochmittelalter die Blutrache, an der ihre Ehre hängt. Daher kommt die obige Erwähnung von Tod und Verstümmelung als „Strafe“.

 

Das hier wieder einmal formulierte Kirchenasyl, welches es schon länger gab, beschreibt in eklatanter Weise den insulären Raum der Kirche in der Gesellschaft. Dieser ist ein Raum frei von allen weltlichen Gesetzen und Traditionen, ein wenigstens theoretisch gewaltfreier Raum des Friedens: In die Kirche darf man nicht in Waffen. Wenn es den Mächtigen wichtig genug ist, wird dies Gebot allerdings gebrochen und man stürmt mit gezückten Schwertern, Dolchen und Streitäxten in den Kirchenraum und tötet.

 

Das zentrale Wort neben dem Asyl ist der „Schadensausgleich“. Dieser, seit kurzem für mindere Angelegenheiten auch bei uns heute vielleicht wieder etwas im Kommen, ist der Versuch der gewaltfreien Schlichtung im Nachhinein.

 

Nächstenliebe und Feindesliebe sind für frühe Christen Kriterien für Heiligkeit. Heilig wird man damals nicht von der Kirche gesprochen, sondern durch das öffentliche Ansehen, das man genießt. Im Jahrhundert nach Christus gilt zunächst überhaupt jeder fromme Christ als „heilig“. Das heißt aber: leben gegen die weltliche Wirklichkeit und die Gebote der Mächtigen. Das bedeutet zum Beispiel den Versuch von Gefangenenbefreiungen und den Kampf gegen körperliche Strafen.

 

Andere „Heilige“ versuchen, Hinrichtungen auch von Schwerverbrechern zu verhindern, was gelegentlich bei Richtern, nicht unbedingt aber beim „Volk“ auf Sympathien stößt. Da wird von Heiligen schon mal - zumindest in den Legenden - nachgeholfen, damit jemand beim Hängen nicht stranguliert wird. Wenn er überlebte, konnte man ihn nicht mehr erneut für sein Verbrechen bestrafen.

 

Die "heilige" Genoveva (um 420-502), reiche Tochter eines germanischen Edlen in römischen Diensten (Hartmann, S.23), befreit zur Zeit Childerichs in ihrer Heimatstadt Paris Gefangene und rettet sie vor der Hinrichtung: ...regem consecuta, ne vinctorum capita amputarentur, obtenuit (Vita Genovefae, 26) Wenn sie Chlodwig bittet, Gefangene besonders aus ihrem Geburtsort Nanterre freizulassen, tut er das. Bei einer Hungersnot besorgt sie Getreide von außerhalb für die Bevölkerung.

 

Über den heiligen Salvius heißt es für die Zeit um 576: Als einst zu seiner Zeit der Patricius Mummolus viele Gefangene aus der Stadt fortschleppte, folgte er ihm nach und löste sie alle aus: Cuius tempore cum Mummolus patricius multos captivos ab ea urbe duxisset, prosecutus ille omnes redemit. (Gregor VII,1)

 

In der Vita des Bischofs Eligius von Noyon heißt es:

Pilger und Mönche eilten zu ihm, und was er erwarb, gab er ihnen zum Almosen oder verwandte es zum Loskauf von Gefangenen... Wo er nur hörte, dass ein Sklave zum Verkauf stehe, eilte er voll Barmherzogkeit hin, zahlte das Geld und befreite den Gefangenen, zuweilen befreite er aber auch einen ganzen Haufen, bis zu hundert Seelen, so wie sie aus dem Schiff kamen. Männer und Frauen aus allen Völkern, Römer, Gallier, Britannier, auch Mauren, vorzüglich aber Sachsen, welche zu jener Zeit häufig wie Herden ihrer Heimat entrissen und nach allen Seiten verkauft wurden. (Hartmann, S.137)

 

Zum Urchristentum gehörte die Besitzlosigkeit, was Gemeineigentum bedeutete. Das Kloster hält daran fest, und im 'Leben der Juraväter' wird interessanterweise dabei auch der inhärente Widerspruch zwischen Gemeinschaft und Eigentum betont:

Eine eigene Zelle. Einen Schrank oder ein kleines Kästchen besaß dort keiner. Keinem war auch Gelegenheit gegeben, in irgendeiner Weise zum eigenen Gewinn zu arbeiten. Selbst Nadel und Leinenfaden zum Nähen und Flicken waren für alle gemeinsam. Aufs sorgfältigste nahm er (der Abt) so den Brüdern jede Gelegenheit zur Sünde. Bei allen Arbeiten blieb für alle nur der eigene Besitz: das Lesen und das Beten. Im Übrigen weiß die ganze Brüderschaft wohl, was ich sage: Im gemeinsamen Klosterleben fehlt es niemals an den mächtigsten Antrieben zum Irren und Fehlen, solange dort nicht auch der geringste Eigenbesitz ausgeschlossen ist. (in: Hartmann, S.141)

 

Die Kirche nimmt dagegen hin, dass die meisten Menschen nicht auf Eigentum verzichten wollen. Das Problem mit dem Gemeineigentum ist, dass es Gegenstand von Debatten und Streit ist, wo nicht autoritäre klösterliche Strukturen herrschen. Privateigentum schafft reguläre Ordnung.

 

Aber die Kirche wendet sich gelegentlich gegen eine zu ungleiche Verteilung von Eigentum. Als Korrektiv empfiehlt sie das Geben von Almosen und die Spenden an die Kirche. Diese hatte die Armenfürsorge aus dem Gedanken der Nächstenliebe (Caritas) und als Erbe der Donative des römischen Kaisers und den Stiftungen der römischen Oberschicht übernommen.

 

Zu diesem Zweck führt jede Kirche eine matricula, in der die Armen der Gemeinde eingetragen sind, zu deren Versorgung die Kirche verpflichtet ist, und die manchmal ihren größten Ausgabeposten dargestellt haben soll. Zu diesem Zweck gibt es einen Raum bei der Kirche (Weidemann 1, S.347f). Dann gibt es in manchen Gemeinden xenodochia, also Armenhäuser (wörtlich: Fremdenhäuser), die nicht zuletzt auch von „frommen“ Spenden getragen werden.

 

Um 675 schreibt der von seinen Gegnern in das Frauenkloster Fécamp eingesperrte Bischof Leodegar von Autun an seine ebenfalls in einem Kloster eingesperrte Mutter, den Wert der Nächstenliebe hochhaltend:

Keine Tugend ist vollkommener als die Feindesliebe, durch die wir Kinder Gottes werden... Und wenn es Menschen gibt, die die perversitas vitae von unserer Gemeinschaft scheidet, so sind sie doch Geschöpfe Gottes und nach ihrer Bestimmung nicht zu hassen, sondern zu lieben. (Ewig, S.168)

 

Heiligmäßiges und nicht bloß nominelles Christentum war Überwindung, und die wohl heftigste und seltenste besteht in solcher Feindesliebe, die zutiefst der "Natur" des Menschen widersagt. Diese Gegenwelt einer kleinen christlichen Minderheit verlangt Schutzräume, und diese werden gelegentlich mit Immunität und Exemtion privilegiert. Die Immunität befreit von Abgaben an den König und die Exemtion aus der Befehlsgewalt des Bischofs.

 

Gewissen: Gott aber, dem die Geheimnisse des Herzens (arcana pectoris) offenbar sind, weiß, ... (Gregor VII,22) In der Anmerkung 4, S. 115, Band II der Darmstädter Ausgabe gibt es die Information, das die arcana pectoris ein „Modewort der Zeit“ seien und er gibt dort Beispiele.

Das Gewissen (conscientia) ist eine späte koiné-griechische Erfindung als syneidesis, Mitwisserschaft. Jede Missetat hat einen verinnerlichten Mitwisser, was dann nichts anderes bedeutet als den institutionalisierten inneren Konflikt, wie ihn zum Beispiel die griechische Tragödie externalisiert.

 

Die Banalisierung des Tragischen im lateinischen Raum (nach Euripides bis Lukan) bahnt den Weg hin zum christlichen Gewissen, welches im Althochdeutschen als Bewussstsein auftaucht und christianisiert idealiter zum Schuldbewusstsein in Permanenz wird, das auf der unausweichlichen Sündhaftigkeit des Menschen beruht (und am Ende der Kritik Nietzsches als pathologisch ausgesetzt wird)

Bevor ein gewisses Maß an Verinnerlichung dieses Sündenbewusstseins wenigstens bei den etwas Heiligeren gelingt, geht den abstrakteren Gedankenkriegen mit Gefühlsnachdruck das Bildhafte voraus, und zwar in den mannigfaltigen Visionen, ungeheuer intensiven Phantasien von Himmel, Gott, Engeln usw. Neben die sich ausweitende Trennung von eigentlich und wirklich, von Begriff und Wirklichkeit tritt die von Sollen und Wollen, und Visionen enthalten vorläufig vor allem Ratschläge, Aufforderungen oder Befehle aus der imaginierten himmlischen Sphäre.

Aus den Berichten erschließt sich eine erhebliche Intensität solcher Phantasien, die mit deren enormer Macht verbunden ist. Die in Urzeiten begonnene Trennung in Traumwelt und Wirklichkeit wird kirchlich unterstützt ein wenig zurückgenommen und zugleich durch keuschen Lebenswandel, insbesondere durch Askese und ein meditatives Leben verstärkt.

 

Überhaupt implementiert das kirchliche Christentum mit seinen philosophischen Anleihen antike Vernunftgedanken in die germanische Welt. Die ratio ist " ein Begriff, der in den Historien auch sonst immer wieder synonym mit >Regel/Norm der christlichen Gesellschaft< gebraucht wird ...".(Heinzelmann, S.86). Dabei muss man allerdings wohl zu allen Zeiten zwischen der "Vernünftigkeit" der oberen Kreise der Kirche und dem Volksglauben unterscheiden.

 

Vernünftigkeit heißt aber das Verständnis der Welt aus Ursache und Wirkung, aus Absicht, Zweck und Mittel. Gregor schreibt eine solche Geschichte kausaler Zusammenhänge, oberste Verursacher sind Gott und der Teufel. Nichts dokumentiert diese kirchenchristliche Position besser als folgender Passus aus dem Pariser Edikt von 614: Verbessert werden sollen die Dinge, die contra rationis ordinem acta vel ordinata sunt...

 

Die Vernünftigkeit kirchenchristlicher Vorstellungen erwächst aus der Kritik der Wirklichkeit und dem Ziel der "Vergeistigung". Ziel ist der Ersatz materieller Werte durch "Klerikalisierung der Gesellschaft" (Heinzelmann, S.153): Gregor fordert minima cupiditas (VII,1)und schimpft über Auri sacra famis: die verfluchte Gier nach Gold (VI,36)

 

Der Kleriker ist eigentumslos, die Kirche verwendet Geld für die Armen, also sollte man zwecks Eigentumsumverteilung der Kirche spenden, auch wenn der Eigennutz wohl in der Regel weit überwiegt: Als nämlich Fredegunde, Chlothars Mutter, seinen hoffnungslosen Zustand gesehen hatte, versprach sie der Kirche des heiligen Martin eine große Summe Geldes, und deshalb fing der Knabe an zu genesen. (Gregor X,11.)

 

Die Nutzung der Vernunft auf der Basis des zu Glaubenden soll Christianisierung hervorrufen: Domestikation der Triebhaftigkeit im Rahmen von ordnenden Machtverhältnissen.

"Die zentrale Idee von Gregors Gesellschaftskonzept meint die totale Einbeziehung der Bischofskirchen in alle Bereiche staatlicher Aktivität, zumindest auf der Ebene der Civitas. Das Modell solcher kirchlicher Partizipation an der Macht ist im Edikt Gunthchramns von 585 so deutlich vorgegeben, als ob Gregor selbst dem König die Feder geführt hätte: Ausgehend von einem jeweiligen göttlichen Auftrag zur Herrschaft für die Könige und zur sittlichen "correctio" für die Bischöfe werden die letzteren vom rex aufgefordert, unter Beteiligung von höheren Klerikern und örtlichen Staatsbeamten (...), deren Auswahl aufgrund ihres sittlichen Lebenswandels den Bischöfen überlassen wird (!), die Vergehen des Volkes durch "canonica severitas" und - bei Nichtbeachtung - durch "legalis poena" zu ahnden; sonst sei das göttliche Strafgericht für alle, insbesondere aber für den König selbst, zu erwarten." (Heinzelmann, S.165f)

 

Von Chlothar II. bis zum Aufstieg der Hausmeier

 

Nach dem Tod Childeberts II. 596 regiert Großmutter Brunichilde für die zwei minderjährigen Söhne Theudebert II. und Theuderich II. Fredegunde und ihr etwas älterer Sohn Chlothar (II.) besetzen Paris und andere Städte Richtung Loire. Ein Heer der Enkel Brunichildes wird geschlagen. Beide entzweien sich. 612 verhält Chlothar sich gegen Gebietsversprechen neutral, als Theuderich gegen seinen Bruder in den Krieg zieht. Am Ende unterliegt Theudebert und wird mit seinen Söhnen getötet.

Als Theuderich bald danach stirbt, unterstützt Brunichilde ihren minderjährigen Urenkel Sigibert. Aber nun laufen die Großen Burgunds zu Chlothar über.

Darunter sind die Arnulfinger, Vorläufer der Karolinger. Sie stammen aus dem Raum Prüm, Trier, Echternach, Metz, Verdun, wo sie großen Grundbesitz mit vielen darauf arbeitenden Menschen haben. Arnulf unterstützt König Chlothar II. dabei, Herr des Gesamtreiches zu werden: Nach dem Tod Theuderichs 613 fällt dieser Chlothar auf Anraten Arnulfs, Pippins und weiterer Großer in Austrasien ein. (Fredegarschronik, IV, c.40).  Sigibert und sein Bruder werden getötet.

Er beseitigt damit die Herrschaft Brunichilds (Brunhilde) über Austrien und Burgund.

Der ganze Charme merowingischer Herrschaft wird im weiteren erzählt: Er ließ Brunichild drei Tage lang verschiedenen Foltern aussetzen, dann gab er den Befehl, sie zuerst auf ein Kamel zu setzen und im ganzen Heer herumzuführen, und sie dann mit dem Haupthaar, einem Fuß und einem Arm an den Schwanz eines unmäßig bösartigen Pferdes zu binden. Dabei wurde sie durch die Hufe und den rasenden Lauf in Stücke gerissen. (s.o.IV, c.42)

 

Im Pariser Edikt von 614 schränkt Chlothar Königsrechte zugunsten des hohen fränkischen Adels ein und bestätigt als in Paris residierender (nomineller) Alleinherrscher in ihrem Sinne die Dreiteilung des Reiches in Neuster, Auster und Burgund. In der Vita des Columban wird berichtet, er habe die trium regnorum monarchia übernommen. 

Neustrien regiert er direkt und die beiden anderen patriae, wie sie nun heißen, jeweils über einen Hausmeier, maior domus, aus den Reihen der Großen als Verwaltungschef, wobei beide als Vertreter des Adels zunächst auch dessen Interessen repräsentieren. Auch andere Große werden dafür belohnt, seine Alleinherrschaft befördert zu haben, darunter Arnulf, der schon 614 zum Bischof von Metz gemacht wird und später zum Vormund des künftigen Dagobert I. von Austrien. Dieser Bischof ist verheiratet und hat zwei Söhne, deren einer sein übernächster Nachfolger auf dem Bischofsstuhl wird. 629 zieht er sich in die Vogesen zurück, und das weitere steht in seiner Vita:

 

Er nahm nun einige arme Mönche und Leprakranke zu sich, unter denen er mit eigenen Händen beständig die treuesten Knechtsdienste tat, zog ihnen die Schuhe von den Füßen und putzte sie, wusch ihnen häufig Kopf und Füße und richtete sogar an bestimmten Tagen ihre Betten mit größter Sorgfalt. Ja auch vor dem Küchendienst schauderte nicht zurück der heilige Bischof und Koch, der oft seine Hausgenossen speiste und selbst Hunger hatte. (in: Berschin2, S.89)

 

Er wird hinreichend heilig, dass man seinen Leichnam nach Metz überführt. Mit Karl d.Gr. beginnt dann seine Verehrung als Haus-Heiliger der Karolinger und die Metzer Kirche wird in St.Arnulf umgewidmet.

 

 

Im 7. Jahrhundert verschmelzen germanische Krieger und romanische Magnaten zur Gänze in einer fränkischen Oberschicht. Über erheblichen Grundbesitz und bewaffnete Gefolgschaften sowie über das Bischofsamt entgehen sie zunehmend der dauerhaften Kontrolle der merowingischen Zentralgewalten in den Teilreichen. Ihre Händel tragen sie nach hergebrachtem Fehde"recht" untereinander aus. Neben weltlichem Großgrundbesitz kontrollieren sie die Klöster mit ihrem Reichtum, die Städte, den Fiskus und das Amt des Majordomus, des Chefs der königlichen Verwaltung. Sogar viele eigene kleine Münzstätten werden von den regionalen Großen nun eingerichtet.

 

Das auf Eroberung basierende Großreich der Merowinger ist nicht dauerhaft von einer Zentrale aus zu halten, auch nicht dann, wenn es auf geteilte Herrschaftsbereiche einer Familie reduziert ist.

 

Schließlich verlangen Chefs austrischer Adelsfamilien, insbesondere der Bischof Arnulf von Metz und der mit ihm verbündete Hausmeier Pippin (der Ältere) die Einsetzung eines eigenen Königs, und Chlothar gibt ihnen 623 seinen Sohn Dagobert als Unterkönig für einen kleinen Teil Austrasien. Nun wird Pippin zu Dagoberts Hausmeier ernannt und Bischof Arnulf weiterer Berater bei Hofe. Es gelingt ihm dann mit Unterstützung austrasischer Großer Austrasien ganz unter sich zu vereinen.

 

629 verschafft Dagobert sich nach dem Tod seines Vaters Neustrien und Burgund, muss aber den Ansprüchen seines Bruders Charibert etwas nachgeben, der Gebiete im Süden Neustriens erhält und dann von Toulouse aus das Baskenland unterwirft. Der stirbt allerdings 632 und sein kleiner Sohn überlebt ihn nicht lange.

 

Dagobert stützt sich zunächst auf Pippin und Arnulf. Er macht dann Paris zu seiner Hauptstadt, wohin ihm Pippin folgt. Nach einiger Zeit (um 631) wird Pippin aber entmachtet (es heißt sogar, der König habe ihn gefangen gesetzt)

 

Inzwischen sind die Awaren durch Kaiser Heraclius besiegt worden. Deren Schwächung führt dazu, dass Slawen (Wenden) aus ihrem Einflussbereich austreten. Sie wählen den fränkischen Samo zu einer Art König und bekämpfen  die Awaren weiter. Als sich Dagobert gegen Samo wendet, wird er von diesem geschlagen, worauf sich auch die Sorben ihm anschließen. Bald darauf fallen die Wenden mehrmals in Thüringen ein und werden nun von Franken und Sachsen zurückgeschlagen.

 

Als Dagobert dann den kleinen Sohn Sigibert in Austrien (Metz) einsetzt, ist dieses möglicherweise fast wieder auf das alte Rheinfranken geschrumpft und der Kontrolle über Germanien östlich des Rheins beraubt. Dort wie im Norden Neustriens wird nun eifrig missioniert, um so mehr fränkischen Einfluss durchzusetzen.

Neue Aufstände von Basken und Bretonen müssen abgewehrt werden.

 

Inzwischen hat sich ein etwas prächtigerer Hof mit seinen Amtsträgern entwickelt, "an dem sich der König mit den Söhnen führender Familien traf, gemeinsam mit ihnen wichtige Themen besprach und wohl auch antike Texte las." (Scholz, S.196)

 

Dort, wo Dagobert für längere Zeit abwesend ist, machen sich die regionalen Großen daran, ihre Stellung auszubauen. In der Fredegars-Chronik heißt es zum Besuch des Königs in Burgund 628:

Seine Ankunft hatte die Bischöfe, die Großen, die im Reiche Burgund lebten, und die anderen Gefolgsleute in solche Furcht versetzt, dass sich jedermann wundern musste; die Armen aber, die nun zu ihrem Rechte kamen, hatte dies mit großer Freude erfüllt.

 

Tatsächlich musste sich niemand wundern. Indem die Macht der regionalen Großen durch machtvolle Präsenz reduziert wird, wird ihre Möglichkeit zu Übergriffen auf Mitkonkurrenten und die kleinen Leute beschnitten. Diese machtvolle Präsenz bedeutet Rechtsprechung, Konfliktentscheidung und auch das Bestrafen bis hin zum Töten derjenigen Granden, die sich partout nicht unterwerfen wollen. Kaum ist der König aber weitergezogen, lässt sein Einfluss wieder nach.

 

 

Um 635 vermählt Pippin seine Tochter Begga mit Arnulfs Sohn Ansegisel, erster Schritt hin zum Haus der Karolinger. Dadurch entsteht auf die Dauer eine so mächtige Familie, dass sie das austrasische Hausmeieramt vererben kann, es wird also nicht nur vom König, sondern auch vom übrigen Adel unabhängig. Diese Hausmeier müssen allerdings riesigen Grundbesitz anhäufen und große Adels-Gefolgschaften hinter sich versammeln, um an der Macht zu bleiben.

 

Nach Dagoberts Tod 639 übernehmen Pippin, nunmehr wieder Hausmeier, und der mit ihm eng verbundene Bischof Kunibert von Köln die Regentschaft für den jungen Austrasier Sigibert und verschaffen sich die Unterstützung austrasischer Großer.

Inzwischen drängen die Slawen nach Westen, vom Frankenreich noch ziemlich unbeachtet. 640 stirbt Pippin und sein Sohn Grimoald bleibt zwar Dux, wird aber nicht Hausmeier. Aber offenbar wird er Vormund des minderjährigen austrischen Sigibert III. Nach einem kurzen Krieg gegen aufständische Thüringer wird der Hausmeier ermordet. Um 650 redet ein Bischof diesen Grimoald als Hausmeier Grimoald, den Leiter des ganzen Hofes, ja des Reiches an. (Mühlbacher, S. 29) Grimoald veranlasst den König, seinen eigenen Sohn zu adoptieren, der nun Childebert heißt.

 

 656/57 stirbt Sigibert. Als nun im Laufe der Zeit auch König Sigibert starb, ließ Grimoald dessen kleinen Sohn mit Namen Dagobert die Haare abschneiden, schickte ihn mit Bischof Dido von Poitiers in die Fremde nach Irland und machte seinen eigenen Sohn zum König.  (Liber Historiae Francorum c.43)

 

Irgendwann danach geschieht laut dem 'Liber historiae Francorum' folgendes: Die Franken aber waren drüber sehr erzürnt, legten Grimoald einen Hinterhalt, ergriffen ihn und brachten ihn dem Frankenkönig (...) zur Verurteilung. In der Stadt Paris wurde er in einen Kerker geworfen, in schmerzvolle Fesseln gelegt und starb schließlich als gerechte Strafe für das, was er an seinem Herrn verübt hatte, unter heftigen Qualen. Damit ist die direkte Linie des älteren Pippin ausgestorben. Childebert kann einige Jahre lang in Austrien herrschen.

 

Für den anderen Sohn Chlodwig (II.) übernimmt Mutter Nanthild die Regentschaft über das erweiterte Neustrien (samt Burgund) als regnum Francorum, womit nun die Leute nördlich der Loire und westlich von Austrien zu "eigentlichen" Franken einer Francia werden, während diese wiederum die Menschen im Süden als "Römer" ansehen  und die im Osten eher als unfränkisch. (Werner, S.353)

 

 

Inzwischen gelingt es den Angeln, Sachsen und anderen aus demselben Raum stammenden Völkern, sich im 5. und 6. Jahrhundert in dem Teil Britanniens festzusetzen, der später England heißen wird. Im Unterschied zu den anderen germanischen Volksgruppen, die die Nachfolge des römischen Reiches antreten, gelingt es ihnen, eine durch Fusionierung entstehende eigene Sprache neben dem Latein der wenigen Gebildeten durchzusetzen, aber es wird lange dauern, bis sie ein gemeinsames Königreich bilden.

 

Wie schon angedeutet, hatte sich das römische Bistum/Patriarchat eine gewisse geistliche Führungsrolle im Westen angemaßt. Nach dem Untergang der Ostrogoten war es, wie der größte Teil Italiens, zunächst unter die Herrschaft Ostroms gelangt. Die Hauptstadt Konstantinopel nimmt bald wieder den alten griechischen Namen Byzantion (Byzanz) an und beansprucht, wo immer möglich, das alte Westreich für sich. Den Langobarden gelingt es dann nicht, ganz Italien unter ihre Kontrolle zu bringen. Rom und seine Umgebung, das alte griechische Neapel und einige andere Städte bleiben wenigstens nominell in byzantinischer Oberhoheit, dazu Teile der Ostküste von Venedig bis Bari.

 

Während Friesen und Sachsen sich auch jetzt nicht bezwingen lassen, werden Thüringer, Chatten, Alemannen und Bayern in Kriegen immer mal wieder unter fränkische Oberhoheit gebracht. Nicht nur dem Christentum wird so Verbreitung ermöglicht und in einigen Gegenden zudem fränkische Kolonisierung, sondern diese Völkerschaften werden dabei auch unter von fränkischen Königen abhängige Unterkönige gebracht.

Die Stabilisierung solcher fränkisch beeinflusster Herrschaft schafft einen neuen Stammesbegriff in zukünftigen deutschen Landen. Mustergültig dafür ist jenes große Völkergemisch, welches unter solch zentraler Führung zum Volk der Bayern zusammengeschweißt wird.

 

 

Um 649 wird Chlodwig II. mündig und heiratet eine Angelsächsin namens Balthild. Diese gewinnt eine starke Stellung in der Regierung und wird nach Chlodwigs Tod 657 Regentin in Neustrien (inklusive Burgund) für einen der drei Söhne, nämlich Chlothar (III.). Sie herrscht im Einvernehmen mit Bischöfen und Großen, die wohl 658 den Hausmeier Ebroin, Gegner der "Pippiniden", ins Amt hieven. Als der adoptierte Childebert 661/62 stirbt, wird der zweite Sohn Childerich (II.) als König nach Austrien geschickt. De facto herrscht nun Balthild in gewissem Umfang über das Gesamtreich, wobei Quellen einige Morde an Bischöfen als Herrschaftsmittel erwähnen.

 

Um 665 begibt sich Balthild in das von ihr gegründete Kloster Chelles und Chlothar III. wird Herrscher. Tatsächlich gewinnt aber Hausmeier Ebroin immer mehr Macht, dem Raffgier vorgeworfen wird. Es kommt zum Aufstand der Großen unter Bischof Leodegar von Autun. Ebroin wird gefangen genommen und im Kloster Luxueil inhaftiert. 673 wird dann der austrische (austrasische) König Childerich II. mit einer neustrischen Kusine verheiratet und eingeladen, nun über das Gesamtreich (bis 675) zu herrschen. Schließlich wird er von einer Adelsopposition gestürzt, die beide tötet und die einen Theuderich III. zum König macht, während Ebroin aus dem Kloster entkommt  und Leodegar tötet. Mit einem Marionettenkönig Chlodwig (III.), dem Königsschatz und einem eingesperrten Theuderich kann Ebroin sich nun daran machen, die Opposition gegen ihn umzubringen.

 

Schon um 670 gelingt die Erweiterung des pippinidischen Familienbesitzes, als "der mittlere" Pippin, Sohn der Begga und inzwischen letzter Erbe aus dem Hause Arnulfs und Pippins, mit Plektrud eine sehr vermögende Erbtochter heiratet, deren Familienbesitz über die Großregion vom Niederrhein bis zur Mosel verstreut ist.

Zum fränkischen Helden mit großem Charisma wird Pippin, als er den Mord an seinem Vater Ansegisel eigenhändig rächt. Hier verschmelzen archaische Vorstellungen von Ehre, Mut und Stolz miteinander, wie sie in zukünftigen Heldenliedern auftauchen werden. Seitdem wird Pippin auch als "David" tituliert. (Siehe: Rudolf Schieffer, Die Karolinger. Stuttgart, 2006, S.23) Die herrscherliche Leitfigur Kaiser Konstantin wird immer mehr durch sagenhafte altjüdische "Könige" ergänzt. Neutestamentarische (christliche) Texte taugen dafür nicht.

 

 

Die Duces Martin und Pippin herrschen in Austrien. Der nach Irland fortgeschickte Dagobert (II.) wird zurückgeholt, dann aber wohl auf Veranlassung Ebroins ermordet. Theuderich beansprucht nun die Herrschaft auch in Austrien. Dux Martin wird in einer Schlacht getötet, Pippin kann entkommen. Etwas später, um 680, veranlasst wohl Pippin (der Mittlere), die Ermordung Ebroins. In Neustrien/Burgund wird ein Waratto als Hausmeier eingesetzt.

Den Machtkampf der beiden Reichsteile entscheidet Pippins (der Mittlere) 687 in der Schlacht bei Tertry zu seinen Gunsten. 690 übernimmt Pippin das Hausmeieramt. Der belässt einen relativ entmachteten merowingischen König in Paris, für den bald ein Sohn Pippins, Grimoald (II.) die wirkliche Macht ausübt, und er selbst residiert vorwiegend in Köln als Hauptort Austriens mit seiner Gemahlin Plektrud: Ein König, ein Reich und zwei mächtige Hausmeier aus einer Familie großer weltlicher Grundbesitzer: Sie werden viel später Karolinger heißen.

 

 

Inzwischen beginnt sich im 7. Jahrhundert die Schreibkundigkeit besonders nördlich des Mittelmeerraumes nach und nach fast völlig in Klöster zurückzuziehen. Auch die Erinnerung an die frühen Texte der Christenheit wird in Schrift und Lebensform im wesentlichen nur dort noch gepflegt. Daneben erinnern sich einige belesene Bischöfe mit ihren Kenntnissen noch an die Vergangenheit.

 

 

Christentum und Kirche des 7. Jahrhunderts

 

Eine Besonderheit des westlichen Christentums wird die extreme Ausweitung des Inzestverbotes, die unter den Merowingern schon im 6. Jahrhundert einsetzt. Waren im alttestamentarischen Judentum nur die engsten Verwandten davon betroffen, wie auch in der römischen Antike, so weitet sich das schon 511 auf die Witwe des Bruders und und die Schwester der Ehegattin aus. 535 kommt dann das Eheverbot mit der Kusine oder der Witwe des Onkels dazu. Das wird im Laufe der Zeit noch weiter ausgedehnt und gibt dann später der Kirche das machtintensive und lukrative Erteilen von Ausnahmen in die Hand.

Verboten wird ab 533 auch die Ehe zwischen Christen und Juden, die im übrigen auch von Juden selbst verboten war.

 

Auch noch im 6. Jahrhundert, nämlich auf einer Synode zu Mâcon, verpflichtet die Kirche nun alle zur Abgabe eines Zehnten auf alle Erträge, damit sich die Kirche ganz auf ihre geistlichen Aufgaben konzentrieren könne. Zudem beklagt sie, dass die Sonntagsruhe nicht hinreichend eingehalten würde, was nun schärfer bestraft werden soll, und dass es zu wenig Opfergaben an Brot und Wein für die Altäre gebe. Sowohl die Ausführung der Strafen als Buße wie die Opfergaben würden aber sündentilgend wirken. (Scholz, S.155)

Man kann also immer besser mit seinem Gott Handel treiben, so, wie man ihn auch um etwas bitten kann, wie um eine gute Ernte oder ein Ende der Pest.

 

Der allgemeine Glaubenseifer scheint nicht immer sehr überzeugend gewesen zu sein, wie der Kanon einer Synode belegt: Er "verbot Laien, in der Kirche oder in der Vorhalle (atrium) Auseinandersetzungen zu beginnen, Waffen zu tragen und irgendjemanden zu verwunden oder zu töten. Kanon 19 untersagte, während der Kirchweihfeiern oder der Märtyrerfeste im Atrium oder in der Säulenhalle (porticus) der Kirche unanständige Lieder vorzutragen. Insbesondere sollten Frauenchöre keine unanständigen Gesänge zu Gehör bringen." (Scholz, S.236)

 

Auf Synoden wird immer wieder gemahnt, Ämterkäuflichkeit, Ämterhäufung oder Entfremdung von Kirchenvermögen zu verhindern, was das belegt, was tatsächlich stattfindet. Bischöfen werden ihre Imunitätsbezirke bestätigt, was ihre Macht stärkt, andererseits sorgen die Könige dafür, ihnen genehme Prälaten einzusetzen. Leute wie Desiderius sind z.B. Schatzmeister am Hof (des Dagobert), bevor er Bischof von Cahors wird, oder werden zumindest vom Hof geformt wie Eligius, am Ende Bischof von Noyon.

 

Ganz langsam und insbesondere, wo es mit der Macht der Merowingerfamilie bergab geht, gelingt es den Bischöfen, die Macht ihres comes zu verringern und ihre eigene zu steigern, bis sie diese in ihre eigene Verwaltung integrieren und selbst ernennen. Auf einem langen Weg bis ins Hochmittelalter werden die Bischöfe vielerorts praktisch zu Stadtherren aufsteigen.

 

Inzwischen ist die Christianisierung in den Reichsteilen vorangeschritten und hat auf Teile der Oberschicht Germaniens übergegriffen. Adel und Kirche sind beide an der Verwaltung des Reiches beteiligt, und aus dem Adel werden die Bistümer besetzt. Beteiligung an der Macht findet auch auf Konzilien statt, an denen gelegentlich auch Laien teilnehmen, und auf Hoftagen, auf denen wiederum auch Bischöfe auftreten. Besonders wichtige Bistümer wie Reims, Metz, Paris, Köln, Trier werden als Stützen des Reiches mit Königsgut ausgestattet, und die Bischöfe "wirkten oft im königlichen Dienst als Berater, Verwaltungsbeamte und Finanzleute" (Prinz, S.123).

 

Nun hatte die Kirche aus der endredigierten Version der Evangelien – bzw. aus einer kleinen, vermutlich von ihr betriebenen Einfügung – Jesu Auftrag an Petrus entnommen, fleißig zu missionieren, was inzwischen heißt, möglichst viele Menschen unter die Obhut der (Petrus-)Kirche zu bringen. Das passt zwar nicht zu dem übrigen Evangelien-Text, aber der Kirche und auch den fränkischen Herrschern ins Konzept. Während nun Missionare in England versuchen, in etwas neuer Form an das anzuknüpfen, was da einst als Christentum vorhanden gewesen war, sind manche kaum anzivilisierte Germanen-Völker eher wenig geneigt, ihre eigenen Vorstellungen von der Welt ohne zum Teil gehörigen Widerstand aufzugeben. Das wiederum kommt dem kriegerischen Expansionsdrang der fränkischen Herrscher entgegen, die ihre Kriege nun auch religiös begründen können, wie vor ihnen altjüdische und dann bald auch erste muslimische Herrscher.

 

Damit zieht ein neuer Heiligentyp ins Frankenreich ein: Es sind hocharistokratische und waffengewandte Bischöfe, mit denen sich auch der noch ziemlich heidnische Adel auf dem Lande identifizieren kann. Der Fortschritt der Christianisierung ist die zunehmende weitere Entchristlichung des Christentums.

Um 674 wird auf einer Synode deutlich, was für Kleriker das sind: Ihnen wird nun nämlich verboten, wie Laien zur Jagd zu gehen, sie sollen keine Waffen mehr tragen und überhaupt auch nicht gänzlich verweltlichen. (Scholz, S.246)

 

Iroschottische Mission

 

Die für den Bestand des Frankenreiches wichtige Integration der Erobererschicht in Kirche und Kloster erhält einen bedeutenden Anstoß aus Irland, und das ist wenig verwunderlich, denn in manchen Punkten waren keltische und germanische Kulturen miteinander verwandter als beide mit spätrömischer Zivilisation.

 

Irland wurde im 5. Jahrhundert christianisiert. Der spätere Landesheilige Patrick versuchte nach gallischem Vorbild eine Kirche aufzubauen, aber seine bischöfliche Kirchenorganisation verschwand bald wieder. Die irische Insel stand vorher nie unter römischem Einfluss, kannte keine Städte und war ähnlich wie Germanien ohne Zentren, stattdessen aus realen und ideellen überschaubaren Verwandtschaftsverbänden zusammengesetzt.

 

In diesen Großsippen oder Kleinstämmen entwickelten sich mönchische Gemeinschaften, deren Äbte aus der Sippe kamen und deren Amt bald erblich wurde. Über ihnen stand niemand außer ihrem Gott.

 

Die „irische Mission“ unterscheidet sich massiv von der späteren angelsächsischen, die von einem Bündnis von päpstlicher mit weltlich-christlicher Macht und Mission ausgehen wird. Im wesentlichen handelt es sich um umherwandernde, „pilgernde“ Mönche, für die das Reisen als Pilgerschaft (peregrinatio) eine Form christlicher Lebensweise bedeutet, ohne dass sie dafür eines Auftrags bedürfen.

 

Für das Merowingerreich wird am einflussreichsten Columban, der 590 mit zwölf Gefährten im Frankenreich ankommt und an königlichen Höfen zunächst gut aufgenommen wird. Er wird etwa zwanzig Jahre in Burgund bleiben und dort bedeutende Klöster gründen und prägen. Es gibt mehrere Klosterregeln, aber bis ins 8. Jahrhundert keine einheitliche, weshalb er seinen Einfluss voll einbringen kann.

 

Die Kontrolle über seine Klöster behält er selbst, was ihn in heftige Konflikte mit den burgundischen Bischöfen bringt. Als er dann noch die in der germanischen Oberschicht übliche Polygamie im burgundischen Herrscherhaus anklagt und die unehelichen Kinder des Königs nicht taufen will, wird er eingesperrt. Irgendwann nach 603 verlässt er das Frankenreich, um am Ende in Italien zu landen und das einflussreiche Kloster Bobbio zu gründen.

 

Columban übt enormen Einfluss auf den fränkischen "Adel" aus. „Er verkörperte eine Form strengen und furchtlosen Christentums, die weder Ausdruck gallorömischer Kultur noch von den Bischöfen geschaffen war. Darüber hinaus wurde sie von einem Heiligen propagiert, der sich nicht von der Welt abwandte, sondern enge Beziehungen zu den mächtigen Familien des gesamten nördlichen Frankenreiches unterhielt.“ (Geary, S.173)

 

Columbans Klöster zeichnen sich u.a. durch enorme Strenge aus, was in seiner Vita bezüglich Annegreys für die Mönche heißt, dass sie

Gott die durch die Züchtigung des Fleisches und die Strafe des Hungers abgetöteten Glieder darbrachten und sich bemühten, die Vorschrift der Religion unverletzt zu bewahren. Jede körperliche Lust wurde durch harte Strenge gebrochen, damit freilich die Räuberin der Tugenden aller Verbrechen beraubt werde. (in: Scholz, S.201) Von sechs Schägen für Nachlässigkeiten ist die Rede.

 

Für die Welt-Gemeinden kommen unter diesem Einfluss die Bußbücher hinzu, in denen Bußleistungen für begangene Sünden aufgeführt werden. "Nun wird die Ablösung der Bußleistung durch Geldzahlungen an den Priester möglich, der dem Sünder dafür die Absolution gewährte und die Messe zur Reinigung der Seele feierte." (Scholz, S.202)

 

Die so entstehenden neuartigen Klöster sind derart attraktiv für die fränkische Oberschicht, dass sie nun selbst welche gründet und ausstattet und sie an seine Familien bindet. "Die vom fränkischen Adel gegründeten Klöster standen im Einklang mit dessen vornehmem Status. Es waren große Klöster mit reich geschmückten Kirchen, in denen adelige Männer und Frauen ihren gewohnten Lebensstil trotz aller Hingabe an Gott beibehalten konnten." (Geary(1), S.157).

 

Zunächst treten Mitglieder von Familien der fränkischen Oberschicht in Klostergründungen Columbans ein, bald beginnt aber eine für über tausend Jahre wichtige Neuerung: Die großen Familien gründen auf ihrem Besitz „eigene“ Klöster, in die vor allem Familienmitglieder eintreten, die auch die Spitze der Klosterhierarchie einnehmen. Diese fränkischen "Adelsklöster", die später die Regel des Columban mit der des Benedikt verbinden und dabei den asketischen Aspekt weiter zurückdrängen, werden zu regionalen kulturellen Zentren, die zugleich adelige Familienzentren sind.

 

Die (weltlichen) Reichen und Mächtigen, allesamt Krieger, geben christlichen Institutionen insbesondere seit dem 7. Jahrhundert gerne viel. Einmal können sie so Kirchen und Klöster eng an sich binden oder sogar unter ihre Aufsicht und ihren Schutz stellen. Des weiteren bekommen sie die Möglichkeit, ähnlich wie Klerus und Mönche in größtmöglicher Nähe zu den Überresten von Heiligen bestattet zu werden, in denen göttliche Wunderkraft aufbewahrt ist, was für den Zugang zum Himmelreich von Vorteil sein soll. Zudem kann man größere Geschenke mit der Verpflichtung von Geistlichkeit und Klosterinsassen verbinden, regelmäßig für das Seelenheil insbesondere der verstorbenen Familienmitglieder zu beten und so die Vermeidung von Höllenqualen erreichen, die bei dem Lebenswandel der Laien eigentlich naheliegend sind.

Das wiederum zieht Vorteile nach sich: Eine Kirche, ein Kloster können so später zum Zentrum ihrer Familien werden, zum Versammlungsort und Identifikationspunkt. Es gibt keine Familiennahmen und vorläufig auch keine Burgen, nach denen man sich hätte benennen können, und die den Zusammenhalt und die Traditionsbildung gefördert hätten. Das tut nun bald das Totengedächtnis in Kirche und Kloster, die memoria, während es in den Stammesverbänden früher nur die mündliche Tradition in der Familie konnte.

 

Regentin Balthild wird nicht nur wegen blutiger Beseitigung von Opposition erwähnt, sondern auch für zwei Klostergründungen: Um 658 gründet sie das Nonnenkloster Chelles bei Paris, welches auch ihr Alterssitz werden wird, und in etwa derselben Zeit das Männerkloster Corbie, das sie reichhaltig ausstattet.

Danach "hatten der Bischof, die Geistlichen und der Vogt der Kirche von Amiens keine Verfügungsgewalt über die Klostergüter oder dem Kloster dargebrachte Geschenke, der Bischof musste die Weihe der Altäre und der vom Abt ausgewählten Geistlichen kostenlos vornehmen, er durfte das Kloster nur auf Einladung des Abtes betreten und der Mönchsgemeinschaft stand die Wahl des Abtes zu..." (Scholz, S.240)

Ähnliche Privilegien erhät auch St.Denis, um regelmäßig für den Bestand des Reiches zu beten.

 

Die Stadt der Merowingerzeit

 

Das urbane Zentrum der römischen civitas basierte vor allem auf dem Reichtum, den Großgrundbesitz einbrachte. Andere stadtartige Siedlungen waren Garnisonsstädte. Gewerbe und Handel spielten in beiden Fällen eine untergeordnete Rolle. Eine abgeschlossene Grundbesitzerschicht von dreißig bis hundert der reichsten Familien verwaltet die Stadt in der curia und besorgt ihren Ausbau. Oft haben diese Leute relativ freie Hand, den Frieden, also die Unterordnung der Masse der Bevölkerung aufrechtzuerhalten, mit der Auflage, Steuern (zunächst rund zehn Prozent der Ernte) abzuführen, die vor allem dem Unterhalt der großen Heere dienen. Unter dem Druck der militärisch-fiskalischen Bedürfnisse der Kaiser und ihres riesigen Reiches ziehen sich viele "römische" Großgrundbesitzer in Gallien und Hispanien bereits in der Spätzeit des Imperiums auf ihre Landgüter zurück, wo sie sich ihren städtischen Aufgaben entziehen und nach Selbstversorgung streben und von Steuervorteilen profitieren. Sie versorgen sich dabei nicht nur mit Lebensmitteln, sondern auch mit dem, was ihre eigenen Handwerker produzieren. Dieser Vorgang betrifft allerdings Italien und überhaupt den nördlichen Mittelmeerraum weniger als das übrige Reich (Hythe, S.13), weswegen wir dort im Mittelalter weiterhin städtische Wohnsitze des Adels vorfinden. Das wird denn auch einen der Unterschiede zwischen dem Norden und Süden des westfränkischen Galliens ausmachen.

 

Die kleineren Landbewohner wiederum stellen sich unter den Schutz der größeren, um der Belastung zu entkommen, und werden von ihnen abhängig. Damit diese colones nicht ganz der kaiserlichen Kontrolle entkommen, werden sie an die Scholle gebunden. Die Civitates werden nun den comites unterstellt, und als dann die Franken die Macht übernehmen, werden diese zu einer Art königlicher Amtsträger. (Becher, Chlodwig, S.240f)

 

Bischöfe und ihre Geistlichkeit sind seit dem vierten Jahrhundert von Steuern und Dienstpflichten befreit, was ihre Stellung attraktiver macht, sie werden zu einer Alternative zum weltlichen cursus honorum, dem üblichen Karriereweg durch die Ämter. Zunehmend übernehmen sie gerne die Zivilgerichtsbarkeit für ihre Herde, aus der dann im Laufe der nachrömischen Zeit der Bischof zum zentralen Gerichtsherr in seiner Stadt wird.

In der Übergangszeit hin zur fränkischen Herrschaft sind gallorömische Bischöfe oft große Landbesitzer und verfügen zumindest teilweise auch über Truppen. (Scholz, S.24) Spätestens unter den Merowingern übernehmen sie immer mehr Funktionen eines Stadtherrn und treten nun das Erbe der Kurialen an, unter den Merowingern müssen sie allerdings die Macht jeweils mit einem comes (civitatis) teilen. Das führt zu Konflikten (s.o. Gregor IV,39)

 

In den Bürgerkriegen und den Überfällen und Wanderbewegungen germanischer, asiatischer und dann slawischer, nordafrikanischer und orientalischer Völkerschaften finden massive Zerstörungen an den Städten statt. Städte werden darum ummauert und erhalten "Burgcharakter" (Schott), und so werden die einwandernden Germanen sie kennenlernen und später auch in ihren Volkssprachen benennen.

 

Franken, Alemannen und Angelsachsen übersetzen oft civitas mit Formen des Wortes Burg, was nichts anderes als einen befestigten Ort meint. Umgekehrt werden dann auch im frühen Mittelalter befestigte, im späteren Sinne wenig städtische Orte als civitas bezeichnet, wodurch das Wort vorübergehend eine erhebliche Bedeutungserweiterung erlebt. Das ändert sich erst auf dem Weg ins hohe Mittelalter, als das Wort Burg im Deutschen nach und nach seine engere Bedeutung bekommt, von der sich volkssprachlich stat und dann viel später Stadt ablöst.

 

In vielen einzelnen Provinzen reduziert sich Urbanität zunehmend auf eine Art Hauptstadt einer Großregion, in manchen wie südlich der Donau und in Pannonien verlieren Städte völlig jede Bedeutung. Die römische Zivilisation ist im Westen schon im Untergang begriffen, als germanisch dominierte Völkerschaften sie übernehmen.

 

 Dennoch überlebt in den germanisch dominierten Nachfolgestaaten mit Resten eines Städtewesens auch ein Rest antiker Zivilisation, während es vor allem in den skandinavischen und osteuropäischen Weiten jenseits des Mittelmeerraumes zunächst eine fast städtelose, höchstens schwach anzivilisierte Welt gibt. Kapitalismus wird denn auch vor allem dort entstehen, wo es entweder eine gewisse urbane Kontinuität gibt, wie in der Nordhälfte Italiens oder am Rhein, oder wo neues Städtewesen auf ehedem imperialem Boden dadurch entsteht, dass überlebender Handel und Gewerbe dorthin ausstrahlen oder dort neu entstehen, wie etwa in Flandern.

 

 

Überall und auch in der Provence gehen Städte zugrunde, nur Arles hält sich nebenan. Marseille, Nîmes, Uzès, Carcassonne und Agde behalten eine gewisse Bedeutung, teilweise durch Handelsbeziehungen mit dem vorderen Orient, ebenso Toulouse, Poitiers und Vienne. Überlebende Städte sind inzwischen Festungen mit einem intakt gehaltenen Mauerring, wie auch das aufsteigende burgundische Dijon.

In Bordeaux scheinen "letzte Spuren städtischen Lebens" im 6. Jahrhundert zu verschwinden  und mit ihnen zeitweilig die Existenz von Bischöfen.

 

Etwas mehr Kontinuität scheint Autun, als Augustodunum eine der größten Städte der Gallia Romana, bewahrt zu haben. Hier zieht sich seit dem Ende des 4. Jahrhundert ein Siedlungsrest auf einen höchstgelegenen Südwinkel von nur noch 10 ha zurück, darin die Kathedrale St.Nazaire und eine Kirche Ste.Croix; alles übrige kirchliche Leben blieb ungeschützt im weiten Kreis der Mauertrümmer sowie im Nekropolbereich. Immerhin besteht in der civitas das 312 belegte palatium noch 866 mit einer Kirche St.Jean Baptiste, und die Grafen verfügen als Laienäbte über die wichtige Abtei St.Symphorian.

 

Das einst bedeutendere Paris war schon in der späten Kaiserzeit auf die befestigte Seineinsel geschrumpft. Im dortigen Palatium residiert Chlodwig, wenn er anwesend ist. Im 7. Jahrhundert breitet sich dann eine Kaufmannssiedlung mit ihren Pfarrkirchen beiderseits der Seine aus. In Abstand davon wird die wachsende Stadt von Klöstern wie Sainte-Geneviève oder Saint-Denis umgeben, letztere seit dem siebten Jahrhundert mit einer Herbstmesse ausgestattet.

 

Im Norden des fränkischen Galliens überlebt kaum eine Stadt, nicht einmal in Flandern mit seiner später so reichen Städtelandschaft. Die Colonia Trajana (Xanten) ist bereits Mitte des 5. Jahrhunderts verlassen worden. Entlang des mittleren Rheins bleiben eine Anzahl Städte in kleinerem Umfang erhalten, wie Köln, Mainz und Worms, während am Oberrhein Straßburg beispielsweise zunächst fast völlig verschwindet.

Ein besonders instruktives Beispiel bildet die weströmische Kaiserresidenz Trier (Augusta Treverorum), deren Mauern einst fast 300 ha einschlossen bei einer Bevölkerung von gut 60 - 80 000 Einwohnern. Auf sie soll weiter unten eingegangen werden.

 

Köln lebt in seinem antiken Stadtplan in bescheidenem Umfang weiter. Es gibt eine gewisse Kontinuität von der spätantiken Bischofskirche zum mittelalterlichen Dom an derselben Stelle, und die Merowinger nutzen den Palast des römischen Statthalters weiter als Residenz. Neben der Mainzer befindet sich dort in der Nachantike die einzige Rheinbrücke, wichtig für den in geringem Umfang fortdauernden Handel. Daneben produzieren Handwerker in Köln weiterhin einfacher werdende Produkte. Andere Römerstädte wie Mainz und Speyer überleben nicht mehr in ihren Zentren, sondern in neuen Siedlungen am Rande bzw. nebendran.

 

Das römische Legionslager Regensburg wiederum überlebt dank seiner römischen Mauern. Seit dem 6. Jahrhundert dient der Ort den bayrischen Herzögen als Residenz, 739 entsteht dort ein Bischofssitz. Die Bebauung mit hölzernen Pfostenhäusern ist locker und von Grünflächen durchsetzt.

 

Fassen wir zusammen: Alle Städte Westroms in "christlicher" Hand verfallen zum größeren Teil oder ganz. Die Bauten rund ums Forum, die Tempel, auch die Insulae werden zu Ruinen. Die Bauten des Amüsiergewerbes, Theater, Amphitheater, Zirkus, Bäder werden zweckentfremdet oder als Steinbruch benutzt. Innerhalb des einst römischen Mauerrings entstehen, soweit es darin überhaupt noch Besiedlung gibt, weite unbebaute Flächen. Wasserversorgung und Abwasserentsorgung verfallen, die Lebensverhältnisse gleichen sich denen des Umlandes an. Dieser Niedergang der Städte vollzieht sich bis tief ins 7. Jahrhundert, zum Teil bis in die Karolingerzeit hinein.

 

Unter den Osthrogoten und dann Langobarden, den Burgunden, Franken, den Visigoten und Vandalen verfällt der gemeinsame weströmische Wirtschaftsraum. Der Handel nimmt ab und gerät zunehmend in die Hände von Syrern, Juden und später auch Friesen. Was an den Städten bleibt, ist, dass sie weiter auf dem Reichtum von Großgrundbesitz beruhen, der jetzt ganz besonders auch Kirche und Kloster gehört.

 

Die starke Verringerung des Fernhandels, des Handels überhaupt und der Bevölkerung der Städte hängen eng zusammen. Auch da, wo Städte nicht massiv zerstört werden, können die antiken Zusammenballungen von Menschen nicht mehr hinreichend versorgt werden, da eine immer weniger Überschüsse produzierende Landwirtschaft sie nicht mehr ernährt und sie nicht mehr aus der Ferne versorgt werden können. Die Kosten für Wasserversorgung sind nicht mehr auf antikem Niveau zu finanzieren und damit verfällt die Technik des Aquäduktbaus. Überhaupt geht die Bevölkerung allgemein massiv zurück, und eine gewisse Bevölkerungsdichte ist erste Voraussetzung für die Aufrechterhaltung von Städten.

 

In Fällen von häufiger auftretenden Hungersnöten wird arme Bevölkerung durch angekauftes oder gehortetes Getreide von Bischöfen ernährt, die meisten Menschen haben keine Geldreserven, ja, verfügen, wenn überhaupt, nur nach besonders guten Ernten kurzfristig über Geld, was sofort abgegeben oder ausgegeben wird.

 

Eine schwer abzuschätzende Rolle spielen zwischen dem sechsten und achten Jahrhundert Seuchen, insbesondere die Beulenpest. Zwischen 541 und 544 sollen in Byzanz, so wird geschätzt, ca. 20 Prozent der Bevölkerung daran gestorben sein. Erwähnt wird sie in diesem Jahrhundert auch für Gallien und Italien. Schätzungen sprechen davon, dass die Bevölkerung auf dem Boden des Karolingerreiches zwischen 500 und 700 "um ein Drittel oder mehr" geschrumpft sein könnte (Manfred Vasold in: Römer und Barbaren, S.196ff). Aber das beruht wohl sicher nicht nur auf Seuchen, sondern auch auf Hungersnöten und überhaupt sporadischer Unterernährung.

Vereinzelte Zeugnisse belegen immer wieder Bevölkerungsschwund durch Pest und andere Seuchen. Mitte des 7. Jahrhunderts schreibt der Bischof von Clermont an seinen Kollegen in Cahors:

Da so schlechte Nachrichten über die Seuche aus Marseille kommen, die beinahe die gesamte Provence verheert und entvölkert, möge der Herr Wachen aussenden, damit niemand sich untersteht, von Cahors aus in diesen Tagen nach Rodez oder benachbarte Städte aufzubrechen, damit nicht etwa (...) dieses schlimme Übel über eure Stadt komme. Denn an den jenen Gegenden benachbarten Stellen sind Wachen aufgestellt worden, damit niemand zwecks Kaufs- oder Verkaufsgeschäften irgendeinen Zugang findet. Wenn ihr nicht in eifriger Vorsorge darum nachsucht, droht Lebensgefahr. (in: Fuhrmann, S.18)

 

 

Niedergang heißt meist nicht völliger Untergang. Zwar kannten die Germanen ursprünglich keine Städte, aber durch den Kontakt mit den Römern war ihnen deren Städtewesen bereits ein wenig vertraut. Der erste Kontakt wird Warenaustausch, ein weiterer der Militärdienst im römischen Heer, zudem wurden Germanen im Norden und Osten Galliens wie auch im Ostteil des Reiches angesiedelt. Entsprechend leben dann nach dem Ende des West-Imperiums Germanen und Romanen in den Rest-Städten nebeneinander.

 

Es verbleiben dabei in vermindertem Umfang Städte, Novum für Germanen. Zudem bleibt die römische Aufteilung in civitates, die Reichsteilungen der Merowinger werden sich manchmal daran orientieren. In jenen Städten, die als solche überleben, bleiben einzelne Techniken der Verwaltung und entsprechende Ämter.

 

Die Kontinuität der Einheit von befestigter Stadt und Pagus mit Villa und Vicus wird ein bestimmendes Moment der Übergangszeit zwischen Antike und sogenanntem Mittelalter, einer Kontinuität, die keine klaren Abgrenzungen erlaubt. Einen Gegensatz zwischen Stadt und Land, was Bevölkerung und Machtverhältnisse angeht, wird es erst seit dem eigentlichen Mittelalter geben, als der sich entfaltende Kapitalismus die Oberhand gewinnt und sich daran macht, das Land zu zerstören. (Heers, Moyen Age, Kap. 4 etc)

 

Dort, wo wie im germanischen Raum nicht ohnehin Städte fehlen, setzen sich aber doch fast überall agrarische Strukturen durch, am wenigstens noch an den Küsten Italiens und Südgalliens. Selbst das Handwerk zieht sich weiter aufs Land zurück und geht dann in die großen Grundherrschaften ein. Was zudem immer mehr abnimmt, ist ein Markt, auf dem sich Stadt und Land austauschen könnten, womit auch das Geld deutlich an Bedeutung verliert, auch wenn es nicht verschwindet.

 Die Nahrungsmittelproduktion geht nicht nur mit dem Bevölkerungsschwund zurück, sondern auch aufgrund sinkender Produktivität. Vieles an antiker technischer Innovation schwindet, nicht etwa, weil es ganz vergessen wird, sondern weil es niemand mehr gibt, der den technischen Standard aufrechterhalten kann.

 

 

Dass die Städte des römischen Westreiches nicht völlig mit ihm verschwinden, mag viele, auch lokal und regional verwurzelte Gründe haben, aber einige generelle scheinen doch herauszuragen. Der wichtigste ist, dass die Kirche als Haupterbe der Antike überlebt, und sie war von vorneherein im wesentlichen eine städtische Institution und wurde von Städtern betrieben. Spätestens mit dem Konzil von Serdika 343 war festgelegt worden, dass Bischofssitze nur an Orten größerer Bevölkerungsdichte eingerichtet werden sollen, und dieser Beschluss wird im nächsten halben Jahrtausend noch bekräftigt werden.

 

Als Städte dann im Sturm der Zeiten verwüstet werden, manchmal Reste der Oberschicht fliehen, Handwerk und Handel manchmal völlig zum Erliegen kommen, gibt es entweder eine Kontinuität der bischöflichen Institution oder aber die baldige Wiedererrichtung von Bistümern. Bischöfe wiederum verlangen als Herren über größere Ländereien nach der nahen Arbeitskraft von Handwerk und Handel und bald auch von Finanziers.

Kern der Neubesiedlung wird dann einerseits die Kathedralkirche, die auch insofern Kontinuität verspricht, als zunächst weiter romanische Oberschicht-Familien den Bischof stellen.

Zum Dombezirk mit seinen Wohnhäusern und Wirtschaftshöfen kommt ein kleiner Bereich in der Regel unfreier Handwerker, die die Geistlichkeit versorgen, wobei es sich bei solcher der Kathedrale sowie der Stiftskirchen um Adelige handelt, deren Nachfrage sowohl das lokale Gewerbe wie den Fernhandel fördert. Was verschwindet ist ein geschlossenes Stadtbild von imperial-römischen Ausmaßen. Zwischen besiedelten Flecken gibt es Ruinenlandschaften und zum Teil offenes Land für Gärten, sogar für Viehweiden oder gar neues Naturland.

Daneben bilden befestigte Palastbauten und Burgen Siedlungskerne. Der rheinfränkische König Sigibert residiert kurz vor 500 im Kölner Prätoriumspalast, in Trier dient die Palastaula („Basilika“) als Residenz.

 

Dazu kommen manchmal kleine Kaufmannssiedlungen und Gewerbebezirke (zunächst romanischer Provenienz) mit ihren Pfarrkirchen, die vor allem die lokalen Großen versorgen, von denen sie abhängig sind. Wohngebäude werden im wesentlichen aus Holz und Lehm (Fachwerk) und manchmal, eher selten, auf steinernem Fundament gebaut. Die Städte verwandeln dabei meist völlig ihr Gesicht. Die vorhandenen Straßen werden notdürftig geflickt. Das Abwassersystem der Römerzeit verschwindet, auf den Hausgrundstücken wird oft Kleinvieh gehalten, Kot und Unrat werden in Latrinengruben in der Nähe der Behausungen „entsorgt“. Als Heizung dienen offene Herdstellen. Manche römische Stadtmauern halten noch. Im 6. Jahrhundert sieht Dux Lupus der Champagne sich bedroht: Da jener aber sah, dass er in Gefahr war, (se in discrimine), brachte er seine Ehefrau in den Mauern der Stadt Laon in Sicherheit (tutatam infra urbis Lugduni Clavati murus) und floh selbst zum König Gunthram, coniugem suam, ad Guntchramnum regem confugit. (s.o. Gregor VI,4) Die Mauern der Stadt bieten hier weiter Schutz.

 

 

Mit dem Verfall des Imperium Romanum verfällt auch, wie schon gesagt, eine klare lateinische Begrifflichkeit. Ein Musterbeispiel liefert die „Stadt“, ursprünglich als urbs, oppidum, civitas, colonia und municipium halbwegs klar unterschieden. Am ehesten trifft dabei oppidum unseren späteren Stadt-Begriff, dort nämlich, wo es die ummauerte Stadt meint. Dann kann das Wort auch ein castrum bezeichnen, also eine Festung mit ihren Bewohnern wie das castrum Chinon zum Beispiel – im Unterschied zum vicus Chinon.

 

Die civitas ist kein einheitlicher „staatlicher“ bzw. „politischer“ Raum mehr, ihre territoriale Einheit bleibt nur noch als Diözese gewahrt, Bereich der Zuständigkeit des Bischofs. Als civitas wird oft nur noch der städtische Restkern wahrgenommen, vor allem der Dombezirk. In diesem Bereich im Besitz der Kirche herrscht Befreiung von Steuern und Abgaben, aber auch solche von der weltlichen Gerichtsbarkeit, sogenannte Immunität. (Groten, S.31f)

 

Eine Stadt ist Bischofssitz. Gregor betont die enge Verbindung von cives und episcopus. Mit Zustimmung der cives wird Brictius Bischof: Adeptum ergo consentientibus civibus pontificatus officium (Gregor II,1) Die Königin: Praetextatum vero episcopum egre suscoepit, quem cives Rhodomaginsis post excessum regis de exilio expetentes, cum grande laude civitati suae restituerunt. (Gregor VII,16) Bischof Magnulf sagt den civibus suis, sie sollten sich gegen Desiderius dux wappnen.(Gregor VII,27)

 

Der cives-Begriff wird aber immer unklarer, undeutlicher. Ein Bürgertum im römischen oder mittelalterlichen Sinne gibt es nicht, dafür eine Handvoll weltlicher Großer, deren Macht wie die der Kirche und der Klöster auf Grundbesitz beruht. An die Stelle des römischen Durchfütterns des Proletariats tritt die nicht unbeträchtliche kirchliche Armenfürsorge, die als Ordnungsfaktor auch Machtfaktor ist.

 

Die Beziehung zwischen comes und cives wird von Gregor eher vernachlässigt, stattdessen wird eher die gute Beziehung zwischen den „Bürgern“ und ihrem guten König herausgestellt, da dieser dem Bischof weniger in seinen Anteil am Stadtregiment hineinfunkt und im Falle König Gunthrams diesen laut Gregor sogar zu bestärken beabsichtigt: Digressus vero a Neverno ad Aurilianensem urbem (Orléans) venit, magnum se tunc civibus suis praebens. (er zeigt sich ihnen viel). Nam per domibus eorum invitatus abibat et prandia data libabat; multum ab his muneratus muneraque ipsis proflua benignitate largitus est. (Gregor VIII,1) Hier wird deutlicher noch als anderswo, dass Gregor geneigt ist, unter den anerkannten cives städtische Mittel- oder eher noch Oberschicht zu verstehen, wobei er sich den letzteren wohl am ehesten selbst zugehörig fühlen konnte.

 

Die Friedhöfe bleiben zunächst in römischer Tradition außerhalb der Städte. Während Romanen keine Grabbeigaben dazu legten, werden vornehmeren ("christlichen") Franken zum Beispiel zunächst weiter und bis tief ins 7. Jahrhundert Waffen, Schmuck und Wegzehrung für das Jenseits mitgegeben, zudem Amulette, die Unheil abwehren sollen (Dietmar/Trier, S.70 z.B.). Nur besonders mächtigen Herren gelingt es, ein Grab in den Kirchen zu erlangen, am besten in der Nähe der Heiligen, deren Gräber oder Reliquien sich dort befinden.

 

 

Bis tief ins siebte Jahrhundert bleibt tradiertes Handwerk, insbesondere exzellentes Kunsthandwerk (Glas, Emaille, Keramik, Elfenbeinschnitzerei, Goldschmiedekunst) auch in den Städten. Es gibt weiterhin Bauten aus Stein, aber bald nur noch für einen kleineren Kreis von Reichen und Mächtigen und für bedeutendere Kirchen, von denen allein Reims damals über zwanzig haben soll. Glockentürme und Querschiffe sind Erfindungen der Merowingerzeit. Erhalten geblieben ist bis heute kaum mehr als das Johannes-Baptisterium in Poitiers.

 

Datei:Poitiers-Baptistère Saint-Jean(côté sud).jpg

Das Baptisterium Saint-Jean in Poitiers, 4.Jh., 6.Jh. erhöht und Anbau einer Apsis, im 10.Jh.

auf seine heutige Größe reduziert

 

Das „städtische“ Gewerbe deckt für Jahrhunderte fast nur noch den lokalen Bedarf. Für Köln werden zum Beispiel Metall-, Glas- und Knochenbearbeitung (Kämme) nachgewiesen (Dietmar/Trier, S.107ff). Die außerhalb der Städte in ihren befestigten Villen residierenden Grundherren hatten schon seit der späten Kaiserzeit das Handwerk für ihren Bedarf auf ihren Besitz auf dem Land mitgenommen. Der vornehme Franke hat eventuell ein Stadthaus, aber er lebt vor allem auf seinem Grundbesitz auf dem Lande. „Der Kleriker Adalgisel Grimo, der 634 sein Testament machte, hatte ein Haus in Trier, er verfügte aber auch über sechs Landgüter und hatte Besitz in zehn weiteren.“ (Groten, S. 33)

 

Töpfermanufakturen entstehen in der späten Merowingerzeit neu, aber nun auf dem Lande, genauso wie die Herstellung gläserner Waren. Ähnlich ist es mit dem Metallgewerbe. So gibt es in Mitteleuropa „nirgendwo Städte (...), deren Wirtschaftsleben von einem über den örtlichen oder regionalen Bedarf hinaus produzierenden Exportgewerbe beherrscht wurde.“ (Pitz, S.80) Umgekehrt gibt es zunächst von Seiten der Grundherren auch wenig Ansporn, mehr landwirtschaftliche Produkte herzustellen, als sie selbst verbrauchen, und die Kirche unterstützt Selbstversorger-Wirtschaft als religiös wünschenswert.

 

Es gibt weiter Münzstätten im Frankenreich, insgesamt lassen sich rund 700 nachweisen, von denen viele aber nur kurzlebig sind, und es gibt entsprechend genug Münzen in Gold, Silber und Kupfer. Es gibt noch Märkte, bald sogar einige größere Jahrmärkte und die Nachfrage der Oberschicht nach Luxusgütern. Zölle und andere Abgaben werden eingenommen. Zölle an Häfen, Flüssen, Brücken und Straßen fließen in den Königsschatz (Scholz, S.216)

Entsprechend gibt es negotiatores, Händler (s.o.). Anlässlich der Pest in Marseille 588 schreibt Gregor von Tours:

Inzwischen war ein Schiff aus Spanien mit den üblichen Handelswaren im Hafen von Marseille angelandet worden, das den Keim dieser Krankheit fahrlässig mit sich gebracht hatte. Weil so viele Menschen von diesem Schiff Verschiedenes kauften, brach sofort in einem Haus, das von acht Menschen bewohnt war, die Krankheit aus (... Gregor IX,22)

 

Der Handel geht also massiv zurück, aber er verschwindet nicht völlig. Im nun fränkischen Gallien gibt es weiterhin regionalen Handel. In Marseille gehen immer noch einige Schiffe aus Byzanz und Italien mit Luxuswaren vor Anker.

Laut einer Urkunde von 716 erhält das Kloster Corbie damals im Hafen von Fos-sur-Mer bei Marseille u.a.: 10 000 Pfund Olivenöl, 30 Pfund wertvollstes Garum, 30 Pfund Pfeffer, 150 Pfund Kümmel, 2 Pfund Gewürznelken, 1 Pfund Zimt, 2 Pfund Lavendel, 50 Pfund Datteln, 100 Pfund Feigen, 100 Pfund Mandeln, 30 Pfund Pistazien, 100 Pfund Oliven, 150 Pfund Erbsen, 20 Pfund Reis, 10 Pfund Talg und 50 Rollen Papayrus. (Scholz, S.220)

 

Handel findet auch über Flüsse wie die Loire oder die Seine statt, die um so wichtiger werden, je mehr das Straßenwesen verfällt:

In diesen Tagen begab sich der Kaufmann Christophorus nach Orléans. Er hatte nämlich gehört, dass dorthin viel Wein hingebracht worden war. Er ging also hin, und nachdem er den Wein eingekauft hatte und dieser auf Kähnen verschifft worden war, begab er sich mit viel Geld, das er von seinem Schwiegervater empfangen hatte, mit zwei sächsischen Knechten zu Pferd auf den Heimweg. (Gregor, VII,46)

 

Wichtige Abnehmer sind neben den Herrschern und reichen Bischöfen die großen Klöster wie Saint Denis oder Corbie, die selbst eigene Händler beschäftigen. Bei Saint Denis entsteht daraus der große Jahrmarkt, eine Frühform der Messe, von König Dagobert I. gegründet, in dem bald neben Syrern und Juden auch Friesen und Angelsachsen (z.B. 709) als Händler auftreten.

 

Einzelne reiche Kaufleute sind dokumentiert, wie ein Julianus auf seinem Epitaph: Er häufte sehr viel Gold an, aber er verteilte es an die Armen. Er schickte viele Schätze voraus, denen er dann folgte. (in: Scholz, S. 219) Während sich hier die Gier in Frömmigkeit auflöst, wird sie anderswo durchgehalten, wie Gregor von Tours beschreibt (wenn es denn so stimmt):

Ein gewisser Mann in Lyon trachtete mit Mühe danach, eine Goldmünze zu bekommen, doch entflammt durch den verfluchten Hunger nach Gold wollte er mit diesem einen Goldstück seinen Geldbeutel füllen (...) Also kaufte er von dieser einen Goldmünze Wein und nachdem er ihn mit Wasser vermischt hatte, verkaufte er ihn wieder für Silbergeld und verdoppelte sein Geld. Dies machte er wieder und wieder und so ist er lange ein Anhänger des schändlichen Gewinns geworden, bis er 100 Goldmünzen (Solidi) aus dieser einen erworben hatte. (Liber in gloria confessorum, 10) Vielleicht beschreibt Gregor hier auch nur schematisch die Karriere eines Selfmade-Kapitalisten.

 

Solche Kaufleute scheinen sehr selbständig zu operieren und über ein Netzwerk von Informanten zu verfügen. Bezahlt wird in der Regel mit Geld.

 

Einen weiteren Einbruch in den Fernhandel wird dann die rasante Ausbreitung der islamischen Welt im 7. Jahrhundert, die 656 Ägypten und 711 Hispanien erreicht. Papyrus wie vieles anderes gelangt nicht mehr nach Europa und wird durch Pergament ersetzt. Solide Kapitalbildung gibt es kaum noch. Wir sind inzwischen noch weiter als in Zeiten antik-römischer Kaiser entfernt von irgendeinem Ansatz von Kapitalismus.

 

 

Eine Besonderheit sind die Handelsorte an der nördlichen Periferie des antiken Römerreiches oder außerhalb davon, immer aber an der Küste und/oder an Flüssen. Hier siedeln sich offenbar freie Menschen primär zum Zwecke des Handeltreibens an. Südlich von Boulogne ist Quentowik, südöstlich von Utrecht Dorestadt, auf Jütland Ribe, Haithabu an der Schlei und Birka am Mälarsee im heutigen Schweden, dessen Vorläuferort Helgö bereits im 5. Jahrhundert auch Metallverarbeitung betreibt.

 

In Friesland ragt Dorestad hervor, welches um 800 eine bedeutend größere Fläche als Mainz mit vielen tausend Einwohnern bedeckt. Es gibt dort auch eine Münzstätte und Schmiede, Kammacher und Bearbeiter von Bernstein. Friesen liefern vor allem Waren aus dem Rheinland nach England und kommen mit Sklaven zurück. Wohlhabende heidnische Kaufleute und freie Bauern prägen nach 670 eigene Silbermünzen mit dem Bild Wotans (Brown2, S303f). Kein Wunder, dass schon Merowingerkönige versuchen, die Kontrolle über das Gebiet zu erreichen, welches seine Freiheit auch gegen christliche Missionare verteidigt.

 

Eine weitere Handels"metropole" ist Haithabu mit um die 1000 Einwohnern und Handelsbeziehungen nach Skandinavien, in den slawischen Raum und das Rheinland. Tuche, Getreide, Wein, Keramik, Schmuck und Waffen des Südwestens werden gegen Pelze, Wachs, Honig und Sklaven aus dem Osten gehandelt. Handwerk verarbeitet Holz, Bernstein, Geweihe, es gibt Textil- und Glasproduktion, "Eisenverhüttung, Feinmetallverarbeitung, Bronzeguss und Goldschmiede..." (Fuhrmann, S.28). Es wird Spelzgerste und etwas Roggen angebaut, an Vieh werden Schweine zum Verzehr und Rinder vor allem als Zugtiere gehalten. Häuser haben eigenen Backofen und Brunnen.

 

Neben den in die familia des Grundherren eingereihten Händlern in dessen unmittelbaren Diensten gibt es auch reisende Fernhändler, die mehr Freiheit(en) genießen. Unter ihnen sind viele Friesen, so dass der Volksbegriff oft als Synonym für (freier) Händler auftaucht. In Mainz gibt es ein ganzes Friesenviertel, belegt sind sie auch in Straßburg, Worms, Köln und Duisburg. Neben ihnen treten besonders für den Fernhandel in südliche Richtung und über das Mittelmeer hinweg Juden und Syrer auf.

 

Für die erste Hälfte des 7.Jahrhunderts wird ein waffentüchtiger fränkischer Kaufmann Samo von Fredegar erwähnt, der mit seiner Handelskarawane gerade dann im Slawengebiet unterwegs ist, als man sich dort zum Aufstand gegen die Awaren rüstet, und der zum Anführer dieser Slawen wird, die dann auch noch in Kriege mit Franken und Alemannen geraten.

 

Schon ein Jahrhundert früher erzählt Gregor von Tours von der Bitte des Bischofs von Verdun an seinen König, ihm für die Bürger seiner Stadt Geld zu leihen: "Wenn diese Handel treiben und in unserer Stadt Abgaben, wie sie die übrigen leisten, erbringen, werden wir dein Geld mit Zinsen rechtmäßig zurückgeben." Der König gibt 7000 Goldmünzen, die der Bischof an die Bürger weitergibt. Doch diese wurden Handel treibend dadurch reich gemacht und gelten bis heute als vermögende Leute. Unabhängig davon, was an dieser Geschichte den Tatsachen entspricht, lobt ein Kirchenmann hier das Spiel von Investition und Gewinn und man erfährt nebenbei, dass es in Verdun eine ganze Anzahl handeltreibender Bürger gibt.

 

Rom ist um 900 von fast einer Million Einwohnern unter Augustus auf schätzungsweise 20 000 heruntergegangen, alle Orte im Frankenreich sind noch wesentlich kleiner, aber einige wenige, zum Beispiel Paris, werden danach bald deutlich an Einwohnerschaft zunehmen, Paris auch deswegen, weil es eine beispiellose Ansammlung von Reliquien wundertätiger und schutzbietender Art aufweist, so dass es bald bei den ständigen brutalen Normanneneinfällen zu einer Fluchtstätte für den "gallischen" Norden wird: Die Reliquien sollen vor den Feinden schützen.

 

***Trier***

 

Seit dem Beginn des 5. Jahrhunderts verliert Trier zunehmend seinen römischen Schutz und wird mehrmals vorübergehend von fränkischen Gruppen eingenommen. Dabei ist es erheblichen Verwüstungen ausgesetzt, die besonders auch den Dom betreffen. Seit den 60er Jahren gerät die Stadt in die Hände der Familie des romanisierten und christlichen Comes Arbogast. Zwei Jahrzehnte später nehmen sie Rheinfranken ein, und spätestens mit Chlodwigs Einnahme des Kölner Rheinfrankenreiches gelangt sie in seinen Machtbereich.

 

Teile der römischen Oberschicht fliehen vermutlich nach Westen ins Innere Galliens, ein weiterer Teil der Bevölkerung wird nach diversen Eroberungen und Plünderungen wahrscheinlich verschleppt. Aber die Liste der Bischöfe und die weiter vorwiegend romanische Bevölkerung bedeuten auch Kontinuität. Auf den Gräbern bis ins 8. Jahrhundert tauchen weiter 67% römische, 23% griechische und nur 6% germanische Namen auf. Gesprochen wird in der Stadt und Diözese vorläufig vor allem ein moselländisch-romanisches Idiom mit kleinen fränkischen Sprachinseln. (Anton/Haverkamp, S.13ff)

 

Der größte Teil der Stadt verfällt in Ruinen und mit ihm das rechtwinklige römische Straßennetz. Was bleibt, sind die großen Monumentalgebäude wie der Dom, die von den Franken in eine Königspfalz umgewandelte Palastaula („Basilika“), die in eine Grafenburg umgewandelten Kaiserthermen und die in ein Kloster umgewandelten Getreidespeicher an der Mosel. Dazu kommen die römischen Gründungen St.Eucharius/St.Matthias und St. Maximin. Immerhin etwa das Dreifache der von Mauern umschlossenen Fläche von Mainz oder Köln bleibt der Stadt mit einer Mauerlänge von 6400 Metern und nur noch vielleicht 5000 Einwohnern.

 

Um den Dom und andere zentrale Orte entwickeln sich dann Siedlungskerne mit einem schon mittelalterlich anmutenden Gassengewirr. Trier wird von einer geplanten zu einer neuen, nun ungeplant wachsenden Stadt. Zwischen ihren in manchem eher ländlichen Siedlungskernen gibt es Gärten, Äcker, Viehweiden und wüstes Gelände. Handel und Handwerk nehmen in hohem Maße ab und die Geldwirtschaft kommt vorübergehend (fast?) zum Erliegen. Dem Bischof gelingt es als Erbe der res publica und durch Schenkungen an erhebliche Besitzungen zu gelangen, zum Beispiel den von Dörfern in Stadtnähe und im territorium (Gregor von Tours), also dem Gebiet der antiken civitas.

 

Im Trierer Land setzt fränkische Besiedlung in Tälern im 6. Jahrhundert ein. Fränkische Große übernehmen die Villen der Römerzeit. Herren legen Gutshöfe an, um die sich Abhängige ansiedeln und die von Unfreien bearbeitet werden. Von Taufkirchen ausgehend wird das Land missioniert.

 

Trier entwickelt eine Metropolstellung gegenüber Metz, Toul und Verdun und die Bischöfe stehen in enger Verbindung zu den merowingischen Königen. Irgendwann in der Merowingerzeit tauchen zwei Märkte in der Stadt auf. In den ersten Jahrzehnten des 7. Jahrhunderts bildet sich eine fränkische Grafschaft im pagus Treverensis heraus. Aus Eigenkirchen bei aufkommender Grundherrschaft entstehen Pfarreien auf dem Lande.

 

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Der Kapitalismus wird nicht gegen Kirche und Kloster entstehen. Zwar war nach dem Gebot der Evangelien fast völlig Eigentum oder gar Zinsnehmen, also das Nutzen Ziehen aus der Armut anderer von Christen gegenüber Christen verboten, und die Kirche wird das Zinsverbot später, in der kapitalistischen Anfangsphase, auch deutlicher wiederholen. Aber schon in der Merowingerzeit hält sie sich selbst nicht daran, wenn es opportun erscheint. Gregor erwähnt schon in seiner Geschichte von Tours für die Zeit um 540, wie ein Bischof von Verdun sich an König Theudebert um einen Kredit wendet, auf dass wir damit unsere Bürger zu unterstützen (cives nostros relevare) vermögen; und wenn sie durch ihre Geschäfte den Handel in unserer Stadt auf dieselbe Höhe gebracht haben, wie ihn andere Städte haben, werden wir dir dein Geld mit den genehmigten Zinsen (cum usuris legitimis) zurückgeben. (X,34)

 

Wenn man hier stehen bleibt und nicht vom späten Mittelalter aus, klüger geworden, wieder zurückschaut auf das, was bisher beschrieben wurde, wird man kaum Anzeichen dafür finden, dass sich im lateinischen Abendland „Kapitalismus“ herausbilden wird. Weder das nachantike weströmisch-germanische Christentum, noch die Herrschaftsformen, die Formen des Wirtschaftens oder gar die weiter verfallenden Städte geben irgendeinen Hinweis darauf. Gebäude sind weitgehend aus Holz und Lehm, das Handwerk hat sich inzwischen vorwiegend aufs Land zurückgezogen, gehandelt werden nur noch wenige Luxusgüter für die von ihren großen, wirtschaftlich fast autarken Landgütern lebende Oberschicht, während das produktive Volk vorwiegend auf die schiere Subsistenz reduziert bleibt.

Geld zirkuliert nur noch in geringerem Umfang, es herrscht, wo überhaupt, weithin Tauschhandel. Kapitalisten gibt es auch kaum noch welche, und es besteht auch immer weniger Bedarf an ihnen. Anders sieht es mit den großen Städten von Byzanz und bald auch der islamischen Welt aus, aber dort wird sich schon gar kein Kapitalismus entwickeln.

 

Tatsächlich ist das Neue aber schon im Alten angelegt: In einer bestimmten Ausprägung des Christentums, im nie ganz verloren gehenden Erbe der mittelmeerischen Antike, in Resten von Städten, in denen Verluste zugleich zur Offenheit für Neues werden, in Herrschaftsformen und Strukturen der Machtverteilung, die noch zu anarchisch, zu unsicher für den Aufstieg von Kapitalverwertung sind, aber eine gewisse Offenheit (oder soll man Freiheit sagen?) besitzen, die zu Spielräumen wird werden können.

 

 Das Land

 

Auf dem Lande schwindet seit dem Zusammenbruch der pax romana ein Teil der villae (rusticae), der Güter vornehmen römischen Großgrundbesitzes, deren Inhaber aus Gründen der Sicherheit in die Städte fliehen. In Zeiten größerer Sicherheit kehren manche zurück. Dort wo Gegenden inzwischen nicht entvölkert waren, dominiert weiter Großgrundbesitz. Der übt die unmittelbare Macht auf dem Lande aus. Die vielen und großen Fiskalgüter des Römischen Reiches werden vermutlich vom neuen Königtum übernommen, woraus die Könige ihren Reichtum beziehen und ihre Gefolgschaften beschenken werden.

 

In der späteren Kaiserzeit hatte sich das Klima verschlechtert, es gab niedrigere Temperaturen. Statt Weizen wird darum nun Roggen, Dinkel, Emmer und Hirse angebaut, von denen die letzteren nach der Ernte auch noch entspelzt werden müssen. Dabei sinkt insgesamt der Ertrag.

 

Bei Gregor von Tours ist von einem rusticus der civitas die Rede, einem Bauern aus dem pagus, dem Umland. Beim Populus treten sonst die Leute immer im Plural auf, in Massen, und als solche in kämpferische, kriegerische Aktionen verwickelt. Aber auch unser Rustikus hier hat nur die Aufgabe, das Geschehen zu erklären:

Tunc adpraehensum unum de civitate rusticum, ipse interrogant, quid hoc esset quod agerent. Qui ait: 'Tonicam beati vincenti deportant et cum ipsa, ut eis Dominus misereatur, exorant'. Quod illi timentes, se ab ea civitate removerunt.

 

Das Wort rusticus hatte schon in der klassischen Antike eine Doppelbedeutung und bezeichnete neben dem Bauern auch den Dummen und Ungebildeten, so wie bei Gregor, zum Beispiel wenn er von seinem "rustikalen" Latein schreibt: Er habe seine Historien-Bücher stilo rusticiori geschrieben und später noch einmal... si in his omnibus ita fueris exercitatus, ut tibi stilus noster sit rusticus, nec sic quoque, deprecor, ut avellas quae scripsi, also: Sein bäurischer Stil (wie Buchner übersetzt) soll nicht dazu veranlassen, etwas an seinem Text in Zukunft zu verändern..

 

Dazu passt auch folgendes: Ein Munderich wollte auch König sein: Sequebatur autem eum rustica multitudo, die dumme Menge, die von seinen Reden verführt wird, ut plerumque fragilitati humanae convenit, dantes sacramentum fidelitatis et honorantes eum ut regem. (Gregor III,14) Die rustici müssen hier kein Landvolk, sondern können auch die leicht mobilisierbare ungebildete Stadtbevölkerung sein. Dass "bäuerlich" auch ungehobelt, roh, ungebildet meint, tumb, ist ein alter Topos aller städtischen Gesellschaften und ihrer gehobenen Schichten.

 

Als es unter Chilperich zu einer Seuche kommt (desentericus morbus), schreibt Gregor, rusticiores vero coralis hoc pusulas nominabant (V,34), die Ungebildeten hatten also ihre eigene Bezeichnung für die Krankheit. Es waren schließlich wie auch später vor allem die „kleinen Leute", die von den Seuchen betroffen wurden. Überhaupt scheint schon damals das innerstädtische Volk als populus eher eine aktivere Rolle zu spielen, während die Landbevölkerung bei Gregor hauptsächlich als Opfer der häufigen Kriegszüge auftritt - soweit sich das unterscheiden lässt.

 

Dabei besteht das merowingische Heer wohl überwiegend aus Fußtruppen, von dem die kleine berittene Oberschicht nicht einmal in den Waffen sehr abweicht. Man stieg wahrscheinlich vom Pferd, wenn es zum Kampf kam und mischte sich mit Gregors multitudo rustica. (Fleckenstein, S.33)

 

Die Bevölkerung im Pagus ist auf den Schutz des Herren in der Villa angewiesen (Erat enim villa in pago Vabrense, Gregor IX,12) und auf den bischöflichen und gräflichen Schutz. Der König ist in der Regel weit weg. Villen können Königsgut sein, Kirche oder Kloster gehören, königlichen Amtsträgern oder anderen Grundherren (cives).

Die Bevölkerung des Vicus ist für ihren Schutz manchmal auch auf die ummauerte Stadt bezogen. Zum vicus wird ein Weiler im übrigen durch die Errichtung einer Kirche, einer Pfarrkirche, die bei Gregor ecclesia heißt (Weidemann 2, S.97)

 

Kleinere (freie) Bauern, die bei Gregor pauperes oder miseri heißen, besitzen zwar Land, Zugtiere, Karren, sogar Sklaven, sind aber ohnmächtig gegenüber größeren Herren. Der freie Kleinbauer mit seiner Subsistenzwirtschaft ist darum wie vorher und nachher immer in seiner Existenz gefährdet. Im 14. Kanon der Synode von Mâcon 585 steht dazu:

Durch die Klage einiger haben wir erfahren, dass, indem die Kanones und weltlichen Gesetze mit Füßen getreten werden, diejenigen, die zum Gefolge des Königs gehören und andere, die durch weltliche Macht aufgeblasen werden, nach fremdem Gut streben und ohne, dass von ihnen eine Klage eingeleitet oder ihnen eine gerichtliche Belangung zugestanden wurde, die armen Menschen (miseri) nicht allein von den Feldern, sondern auch aus ihren eigenen Häusern vertreiben. (in: Scholz, S.157)

 

In etwa dieser Zeit schreibt Gregor von Tours über einen Kämmerer König Chilperichs I.: Denn als er noch in Freiheit war, wurden seine Pferde und sein Vieh in die Saaten und Weinberge der armen Leute getrieben. Wenn das Vieh nun von denen, deren Arbeit es zugrunde richtete, hinausgetrieben wurde, wurden sie sogleich von seinen Leuten niedergemacht. (Gregor VII,22) Manchmal werden Bauern ganz vertrieben.