Kirche 3: KIRCHE UND WELT (11.JH.) (in Arbeit)

 

Frömmigkeitsbewegungen

Reformbewegungen

Körperlichkeit und Sexualität

Zölibat

Ehe

Florenz und Mailand

Reformpapsttum

 

Gregor VII. (1): Veritas, Recht, Macht und Gewalt. Lamperts Bischof von Bamberg (1060-75)

Gregor VII. (2): Der Weg in den Investiturstreit

Der Weg zum Wormser Konkordat

Ergebnisse: Bis 1122 und darüber hinaus (Zölibat,   )

 

Ekkehard von St. Gallen und sein Kloster

Klosterreformen in deutschen Landen

Unglauben

 

Frömmigkeitsbewegungen

 

Klosterreform und Kirchenreform überlassen eine Orientierung auf eine wie auch immer geartete Nachfolge Jesu weiter ganz den Klöstern und in Maßen einem reformierten Klerus. Das führt bei Laien zu Versuchen, selbst nach Formen eines christlichen Lebens zu suchen.

 

Bei Thietmar von Merseburg taucht so etwas als Marienfrömmigkeit bereits für die Zeit um 1000 auf: Nach dem Heimgang der Herrin (domne) entschied sich ihr seliger Gefährte (felix comes: Graf Arnfried), das Leben eines Mönches nach einer möglichst strengen Regel auf sich zu nehmen; nicht, dass ihn irdische Beschwernisse dazu gebracht hätten, sondern er beschritt ganz bewusst den Pfad der Tugend (…). Er reiste zur Marienkapelle nach Aachen et mundi domnam exoravit (und betete zur Herrin der Welt). Er muss aber dann erst einmal Bischof werden. Als die Augen im Alter nachließen, wurde er Mönch. Er sorgte täglich eigenhändig für 72 Arme. Von einem camerarius geführt trug der Blinde für die Kranken unter ihnen Wasser vom Tal bis auf den Berg, bereitete ihnen ein Bad, reichte ihnen Wäsche zum Wechseln und anderes Notwendiges für den Leib und hieß sie dann in Frieden ziehen. Er gründet ein Kloster, gibt alles den Armen. Liebevoll ließ er Futterhäuser für die Vögel in die Bäume setzen. Unter seiner Kutte trug er ständig ein härenes Hemd. Im Sterben vertraute er ganz auf die Fürbitte (intercessio) der Gottesgebärerin, der er sich und die Seinen geweiht hatte (dederat IV,35/36).

 

Solche Ausbrüche von Laienfrömmigkeit gefallen der Kirche, wenn sie sich einmal in den kirchlichen oder monastischen Rahmen eingliedern lassen und zum anderen von solchen Herren betrieben werden, denen dieser Rahmen wie auf den Leib geschnitten wirkt. Anders ist es mit belesenen Kreisen in den unteren Schichten, die sich nicht auf Armut und Caritas beschränken, sondern dabei auch wahrnehmen, wie wenig ihnen die Kirche dabei folgt.

 

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Häresien und Katharer

 

Es wirkt wie ein Widersinn der Geschichte, dass sich im lateinischen Abendland, ausgerechnet als der Kapitalismus seine ersten Wurzeln schlägt, neben der römischen ("katholischen") Kirche Initiativen kleiner Gruppen entwickeln, die in Städten einen viel radikaleren Rekurs auf die Evangelien und ihr Jesusbild machen, als ihn die Reformkirche dann einschlagen wird. Und schon im 11. Jahrhundert beginnen solche Grüppchen unter zunehmend nachlassendem Interesse an den altjüdischen "biblischen" Texten, die so wichtig geworden waren seit der Integration der Kirche in den kaiserlichen Machtapparat unter Konstantin, sich sogar kritisch mit den diversen Versionen der evangelischen Botschaft und mit dem Jesusbild selbst auseinanderzusetzen. Kein Zufall ist aber, dass neben diesen dem offiziellen Misstrauen bis Verfolgung und Verbrennung ausgesetzten Menschen im selben Jahrhundert aus dem Mönchtum heraus und dann im Rahmen der Kirche Reformforderungen laut wurden.

 

Dissidenz hat es im Rahmen eines gewaltsam verordneten Christentums immer gegeben, und sie wurde auch stets verfolgt. Ihren Kern hatte sie auch immer in der evangelischen und dann kirchenväterlichen Interpretation des Todes Jesu, in der aus einem väterlichen Gott einer werden musste, der direkter, mehr oder weniger leiblicher Vater des Gekreuzigten war. Aus einem Gescheiterten musste ein vom Erfolg Gekrönter werden, dessen Leiden mit Sinn versehen wurde. Dazu kommen dann die Merkwürdigkeiten von Auferstehung, Himmelfahrt und Pfingsten.

 

Wir wissen weder, wie viele das waren, die sich nun ihr eigenes Jesusbild daraus formten, denn wir sind auf die sehr zufällige Überlieferung angewiesen, noch kennen wir sie durch eigene Verlautbarungen, sondern ausschließlich durch die Stimmen ihrer Gegner und Feinde.  

 

1022 wird eine Gruppe in Orléans unterdrückt. Um 1044 wird eine solche Gruppe in Köln von der Kirche und erst recht dem städtischen Pöbel verfolgt. „Sie hatten einen eigenen Bischof, die Gemeinde war gegliedert in Hörende, Gläubige und Erwählte, zu denen auch Frauen gehörten. Bei ihrem Verhör beriefen sie sich allein auf Worte Christi und der Apostel, und nur wenn man ihre kundigsten Lehrer widerlege, wollten sie ihren Überzeugungen abschwören.“ (KellerBegrenzung, S.291)

 

Die absolute Hoheit über Glaubensfragen hatte die Kirche letztlich mit Konstantin der weltlichen Macht übertragen, aber nach dem Tod Karls des Großen beginnt sie, diese wieder an sich zu ziehen, und mit den Reformpäpsten wird sie seit Gregor VII. zur Gänze dem Papsttum übertragen. Wenn also nun Leute, die im Sinne der Kirche sogar Laien sind, selbständig ihren (christlichen) Glauben formulieren, werden sie als Bedrohung angesehen. Dissenz ist in der katholischen Kirche nicht möglich und muss darum ausgerottet werden.

 

Neben dem Fehlen eigener Texte der Dissidenten, die sofern vorhanden verbrannt wurden, erschwert das mehr oder weniger gewollte Unverständnis der Kirchenleute die Kenntnis dieser Leute. Typisch dafür ist, dass sie gerne mit den persischen Manichäern in einen Topf geworfen werden, von denen man damals nicht mehr viel wusste. Überhaupt übertrug man gerne, was man von der einen secta zu wissen glaubte, auf alle möglichen anderen, und dazu gehört auch, dass diese Leute, die sich selbst gerne zum Beispiel als Christen oder gute Menschen bezeichneten, Namen übergestülpt bekamen, die sie dann manchmal unter der Bedingung von Aussonderung und Verfolgung selbst akzeptierten.

 

 

Reformbewegungen

 

Im 11. Jahrhundert geschieht vieles, was zunächst unabhängig voneinander beginnt und dann miteinander in Verbindung tritt. Da sind Neudefinitionen von Frömmigkeit auf alter Basis, da ist die Neustrukturierung von Kirche und des Verhältnisses von Kirche und Welt, und da tauchen neue Formen klösterlicher Gemeinschaften auf, die stärker aus der benediktinischen Weltferne ausbrechen. Dies und vieles andere muss aber auf der Grundlage einer produktiveren Landwirtschaft und ihrer zunehmenden Marktorientierung gesehen werden, aus der die neue Bedeutung von Handel, Finanzen und Handwerk im Aufstieg der Städte hervorgeht, Geld im Vergleich zu Naturalien aus Grund und Boden an Bedeutung gewinnt und die Herrenschicht sich neu strukturiert, Machtverhältnisse neu sortiert werden (siehe Großkapitel 'Grundherrschaft und Dorf'/ 'Stadt und Bürger')

 

Nicht nur sieht Radulf Glaber um das Jahr 1000 einen Aufbruch mit den vielen neuen Kirchenbauten. Kleine Grüppchen von Frommen erregen in Städten Aufsehen mit dem Versuch, Christentum unabhängig von der Kirche zu definieren, und werden verfolgt. Um das Jahr 1000 beginnt eine vor Ort kirchlich initiierte Friedensbewegung im okzitanischen Raum, den keine zentrale Herrschaft kontrolliert, und in dem auf recht "anarchische" Weise oft Fehden, Rauben, Meucheln und Vergewaltigen stattfinden. Friede wird nun kirchlich definiert als Schutz der Schwachen, und das sind auch damals die allermeisten, und dabei eben auch und vor allem als der von Kirchen und Klöster. (Natürlich herrscht damals keine Anarchie, das griechisch gebildete Wort für Herrschaftslosigkeit, sondern die Herrschaft vieler vor allem neben- und gegeneinander!)

Schon in solchen Reformbewegungen soll das weltliche Gewaltregiment gebrochen, und die magisch kultgebundene Suprematie der Kirche über die Krieger hat darin erste Wurzeln. Gewalt wird im Verlaufe des 11. Jahrhunderts stärker in die kirchliche Lehre integriert werden als eine nur noch, aber dann im Dienste der Kirche legitimierte. Am Ende wird Kirche versuchen, die ritterliche Gewalttätigkeit, Raublust und Machtgier aus dem christlichen Raum umzulenken in Richtung auf „Heiden“. Das waren zunächst die Araber und Berber auf der iberischen Halbinsel und die nordafrikanischen Sarazenen insbesondere in Sizilien und Süditalien. 1095 gelingt es, insbesondere den westfränkischen Krieger-Adel zu einem „Kreuzzug“ zu bewegen, der als bewaffnete Pilgerfahrt zu den heiligen Städten in Palästina gedacht ist, von denen es hieß, dass Christen dort immer stärker bedroht seien. Schon vor diesem christlichen heiligen Krieg entstand der Djihadismus in der islamischen Welt, dessen "heiliger Eifer" (dschihad) von Anfang an auch kriegerisch definiert war.

Dabei wird Friede stärker als zuvor zur Forderung in den Auseinandersetzungen insbesondere in den Städten und Regionen, während die religiösen Reformbewegungen gleichzeitig den Unfrieden dort hineintragen. Die Welt in den Grenzen des längst vergangenen Reiches Karls d.Gr. wird immer widersprüchlicher. Wenn bei Reformern dann auf ein früheres, "reineres" Christentum zurückgegriffen wird, entsteht tatsächlich etwas neues, was so nicht vorgesehen war.

 

Zurück zu den Wurzeln heißt nämlich, sehr viel an wenigstens fünfhundert Jahren wirklichem Christentum abzulehnen oder wenigstens zu überspringen – und nicht zuletzt auch historisch zu verfälschen. Es gibt damals ohnehin keine verwissenschaftlichte Historie, sondern nur schriftlich verfestigte Mythen mit historischem Hintergrund. Vielleicht einen solchen hatte die Apostelgeschichte, aus der Klöster und nun auch Kirche Vorbildfunktion entnehmen: Gemeinbesitz und Zusammenleben einer Männergemeinschaft von Heiligen, deren Heil direkt von Gott gespendet wurde. Kanonisch, also nach kirchlich beglaubigten Regeln leben sollen nun nicht nur die weiterhin aristokratischen Domherren, sondern zunehmend auch jenseits davon angesiedelte Männervereinigungen und mit deutlich geringerem Anspruch ebenso adelige Kanonissen. Die Forderungen vom Beginn des neunten Jahrhunderts sind also wieder aktuell. Dass die Apostelgemeinschaft noch ohne Kirche auskam, wird dabei tunlichst ignoriert

 

Schon an diesem Beispiel wird deutlich, dass es den Reformern vor allem um den Klerus der Kirche und nicht so sehr um die Laien geht. Diese werden zwar in Konflikten in fortgeschrittenen Städten der Nordhälfte Italiens mobilisiert, wie in Mailand und Florenz, aber es wird scharf unterschieden: Die Laien werden mit den Sakramenten bedient, während der Klerus diese nur bei hinreichender Heiligkeit als Reinheit selbst austeilen darf. Diese Reinheit wird in der ersten Hälfte des Jahrhunderts, wie Werner Goez schon früh beschrieben hat, zu einer Anforderung von Teilen des toskanischen Adels an seine Klöster. (In ......) Da es dabei um ihr Seelenheil geht, glauben sie dies in weniger verweltlichten Einrichtungen besser aufgehoben. Ähnliches gilt für die Klosterreformen im burgundischen und lothringischen Raum (Cluny, Gorze etc.).

 

Der Übergang von der Klosterreform zur Kirchenreform hat seine Ursprünge vor allem im Nordteil Italiens, wo die Einwurzelung von frühkapitalistischen Elementen am weitesten fortgeschritten ist. Er wird einmal zu einem Programm von aus dem Eremitentum hervorgegangenem Möchtum, und dann zu einem städtischen Programm, in dem sich sehr weltliche Machtkämpfe mit zunehmenden Anforderungen an die Geistlichkeit vom Bischof und seinem Domklerus bis zum einfachen Geistlichen vermengen. Es geht zunächst um Simonie und dann auch um das Zölibat.

 

Kirchliche Pfründe sind oft einträglich, und in sie aufsteigen zu können wurde schon lange ganz ungeniert materiell honoriert. Die Kirche prangerte diesen Ämterkauf gelegentlich schon vor dem 11. Jahrhundert als "Simonie" an, so genannt nach einem in der Apostelgeschichte erwähnten Magier Simon, der von den magischen Kräften des Christentums überzeugt wurde und dafür zahlen wollte, auch in ihren Besitz zu gelangen. Das Sich Einkaufen in ein einträgliches Amt ist dabei insofern plausibel, als man für eine materiell ergiebige und mächtige Lebensstellung ein Eintrittsgeld zahlt. Andererseits werden so allerdings gelegentlich nicht die geistlich Gewappneten, sondern die Zahlungskräftigeren bevorzugt.

1022 versucht Papst Benedikt VIII. auf einer Synode in Pavia den Kampf gegen die Simonie (und die Priesterehe) wieder aufzugreifen, was ihn etwas deutlicher in das öffentliche Bewusstsein bringt, aber mit wenig praktischem Erfolg. In Sutri 1046 wird dann ein Papst wegen eingestandener Simonie abgesetzt.

 

Dabei ist festzustellen, dass es einen recht vielstimmigen Chor von Kirchenreformern gab, bis die Päpste mit Gregor VII. im wahrsten Sinne das Kommando übernehmen. Da gibt es spätestens mit Sutri (siehe Großkapitel 'Salier')) die Stimmen, die sich dagegen wenden, dass Könige und Kaiser Bischöfe ein- und absetzen, und das betrifft in besonderem Maße die Bischöfe von Rom. Damit nicht notwendig verbunden sind die, welche die Käuflichkeit kirchlicher Ämter als Simonie ablehnen. Dann ist da die etwas weniger lautstark, aber seit bald tausend Jahren vertretene Forderung nach dem Zölibat für den geweihten Klerus, eine nach innen, in die Kirche hinein vertretene Position, und zudem die davon nicht völlig getrennte, welche fordert, dass der Klerus Kirchengut nicht als individuellen Privatbesitz, sondern als kollektives Gut der Kirche zu behandeln habe. Dazu gehört dann überhaupt die Kritik an weltlicher "aristokratischer" Lebensweise von hohem Klerus.

 

Mit solchen Forderungen ist zugleich die bisherige Situation der Kirche beschrieben. So kann denn der bedeutende Reform-Bischof Johannes von Cesena 1042 für die Zustände, die er in seinem Bistum vorfindet, schreiben, dass die Priester, Diakone und übrige kirchlichen Stände ihre Einkünfte und die Oblationen (d.h. freiwilligen Zuwendungen) der Kirche nicht gemeinsam (communiter) besaßen und sie nicht für fromme Dinge verwendeten, sondern sie stattdessen – sie für schändliche Habgier (avaritia) nutzend – untereinander wie eine Beute aufteilten und in ihre jeweiligen Häuser wegschleppten, wo sie ihre Anteile auf höchst verächtliche Weise zusammen mit ihren Hausgenossen und – was noch schlimmer ist – zusammen mit Frauen verbrauchten.

 

Was Johannes hier fordert, ist als gemeinsames Leben des Domklerus, in einigen deutschen Bistümern bei gemeinsamem Besitz über das Notwendigste hinaus in dieser Zeit verwirklicht, auch wenn die „Kanoniker“ bald wieder getrennt und mit eigenem (Kirchen)Besitz ausgestattet leben werden. Ähnlich wie das Zölibat führen solche Themen allerdings nicht zum Konflikt mit der weltlichen Macht und dem Kaiser insbesondere.

 

Aber sie enthalten dennoch Zündstoff. Denn die Ansprüche an den Klerus, die seit der Spätantike bestehen, und mit denen nun Ernst gemacht werden soll, setzen ihn nicht nur stärker von der Laienschar ab und eben auch von weltlichen Machthabern, sondern setzen die Laien den Geistlichen gegenüber gelegentlich massiv herab. Wenn Humbert von Silva Candida, einer der heftigsten Unterstützer der gregorianischen Neuerungen, in seinem 'Adversus Simoniacos' schon am Anfang die Gegensatzpaare sanctum et profanum, mundum et immundum hintereinandersetzt, also heilig und profan (weltlich), rein und unrein (schmutzig), dann schreibt er zwar nicht dazu, dass er den korrekten Kleriker und den Laien meint, sondern den den göttlichen Gesetzen, also denen der Kirche folgenden Geistlichen und andererseits den häretischen Geistlichen, worunter er insbesondere den versteht, der sich mit einer Gabe für die Erlangung seines Amtes bedankt hat oder diesen Dank gar hinreichend vorgeschossen hat. Aber dieser Ketzerkleriker ist tamquam servum emptitum aut venale iumentum seu vile mancipium, also ein käuflicher Knecht, ein käufliches Lasttier oder ein wohlfeiler Sklave, wie in Laudage/Schrör versucht wird, den Satz einigermaßen in modernes Deutsch zu bringen. Was ist in dieser Tonlage dann erst der Laie, und nicht nur der habgierige Kaufmann, der erbärmliche Handwerker oder der mit Zinsen wuchernde Finanzier, sondern eben jeder, der nach irdischem Gut ohne Talar und klerikale Weihe strebt?

 

In einem Privileg Urbans II. für Rottenbuch von 1092 wird dann der Tenor für die nächsten Jahrhunderte fixiert: Es gibt zwei Lebensformen der Menschen, eine unten, eine oben, die eine kauft die täglichen Sünden durch Tränen und Almosen los (cotidiana peccata redimens), die andere erlangt die ewigen Verdienste durch tägliche Beharrlichkeit. Diejenigen, welche die eine, geringere Lebensform beibehalten, genießen (utuntur) die weltlichen Güter; diejenigen, welche den anderen, höheren folgen, verachten die weltlichen Güter und lassen sie links liegen. (…) die erste aber ist wegen der erkaltenden Glut (decalescente fervore) der Gläubigen fast völlig verschwunden. (in Laudage/Schrör, S.188/9)

 

Auffällig ist nicht nur die gerade auch schon für diesen Papst fast klassische Metaphorik aus der Welt des Handels, die dessen theologischer Akzeptanz weit vorausgeht, und die Ungeniertheit, mit der die nominell kollektiven Reichtümer der Kirche weiter wie selbstverständlich unterschlagen werden, sondern die Unfähigkeit zur Wahrnehmung von weltlicher Lebenswirklichkeit beim mönchisch erzogenen Papst, falls er denn ernsthaft meint, dass die von Gewalt begleitete Missionierung der Menschen jemals mehr christliche Leidenschaftlichkeit hervorgebracht hätte. Schließlich ist von der Religion, die der Papst vertritt, immer noch herzlich wenig bei den meisten Menschen angekommen. Dass die Masse der Menschen, die Produzenten von Nahrung und anderen Gütern, überhaupt nicht vorkommen, sondern nur der weltliche Adel, der sie ausnutzt, scheint bei mittelalterlichen Päpsten ohnehin die Regel zu sein.

 

Es geht der Kirche dabei nicht um die Einfachheit des armen und machtlosen Wanderpredigers Jesus, sondern um einen Anspruch an Reinheit, an Heiligkeit, auf dem ihre (ganz irdische) Macht beruhen und gesteigert werden soll. Reinheit, das ist sexuelle Abstinenz ohne den schützenden Kontext der klösterlichen Klausur (mit der sich für Heutige daran anschließenden Frage danach, welche psychischen Folgen das für diese Reinen hat), das ist wirtschaftliche Macht ohne das langsam sich entwickelnde Erwerbsstreben eines neuen Bürgertums, das ist Macht über die Menschen, ohne sich mit dem Schwert selbst schmutzig zu machen. Es handelt sich um religiös begründetes Elitedenken für einen Machtapparat, dem der Kern der evangelischen Religion längst abhanden gekommen ist, mag er das auch selbst nicht so sehen.

 

Körperlichkeit und Sexualität

 

Menschen wirtschaften nicht nur, begründen Macht- und schließlich Herrschaftsverhältnisse, sie sind zu allererst lebendige Körper, die spüren, fühlen, Emotionen nach außen tagen, die begehren und nicht zuletzt sexuell begehren. Im Großkapitel über Körperlichkeit bis ins romanische Zeitalter habe ich mich den Grundkonstanten von Ekel, Scham, resultierenden Schuldgefühlen und Reinheitsvorstellungen bei gleichzeitiger Faszination für das Obszöne angenähert, dies alles von wenigen für viele auch optisch dargestellt.

Dem gegenüber steht als ideale Lösung die Vorstellung von Heiligkeit als Vergeistigung, Spiritualisierung. In diesem Rahmen kommt es im 11. Jahrhundert zu einer Erhöhung von Marien-Vorstellungen.

 

****Die Marien****

 

Maria gehört nicht zur göttlichen Dreifaltigkeit, andererseits ist sie als jungfräuliche Gottesmutter auch nicht irgendeine der Heiligen, die auf Erden nichts anderes als Menschen waren.

Der Aufstieg Marias und nach ihr Maria Magdalenas in den christlichen Pantheon mit der zukünftigen Implikation stärkerer Innigkeit liegt noch in den Anfängen, und dort, wo die Gottesmutter deutlicher auftaucht, wird sie noch eine Weile eher als thronende Herrscherin dargestellt, die ebenso frontal zum Betrachter schaut wie das Kind auf ihrem Schoß, ohne Kontakt zu ihr, in seinen Posen den zukünftigen Herrscher und Triumphator ahnen lassend.

 

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Bei Thietmar von Merseburg taucht solche Marienfrömmigkeit bereits für die Zeit um 1000 auf: Nach dem Heimgang der Herrin (domne) entschied sich ihr seliger Gefährte (felix comes: Graf Arnfried), das Leben eines Mönches nach einer möglichst strengen Regel auf sich zu nehmen; nicht, dass ihn irdische Beschwernisse dazu gebracht hätten, sondern er beschritt ganz bewusst den Pfad der Tugend (…). Er reiste zur Marienkapelle nach Aachen et mundi domnam exoravit (und betete zur Herrin der Welt).

 

Deutlich wird diese Vorstellung einer thronend herrschenden Maria in der Widmung des Speyerer salischen Domes an sie. In einem Evangeliar für „seinen“ Speyrer Dom lässt sich Heinrich III. zusammen mit der Gemahlin Agnes vor der thronenden Gottesmutter abbilden. Sie soll ihnen als Gebärerin Christi einen Thronfolger schenken. Dazu heißt es: Oh Königin des Himmels, weise mich König nicht zurück. Durch die Überreichung dieser Gabe (des kostbaren Buches) vertraue ich mich, den Vater mit der Mutter und insbesondere die, mit der ich in Liebe zum Nachkommen verbunden bin, dir an. Mögest du allzeit eine huldreiche Helferin sein.

Später kommt dazu Heinrichs IV. Anrufung von ihr immer wieder und insbesondere 1080 in seiner Auseinandersetzung mit Gregor VII. und dem Gegenkönig. Mit Maria tritt in den Pantheon/Himmel des dreigestaltigen Gottes auf Augenhöhe mit dem König Christus dessen "Mutter", heilig eigentlich nur durch die göttliche Insemination, die ihr Hymen intakt ließ.

Augenhöhe stellt der Sohn dar, indem er ihr eine Krone aufsetzt, wie er sie selbst trägt. In den nächsten Jahrhunderten werden malerische Darstellungen dieses Krönungsaktes immer mehr christliche Kirchen zieren und bei denen, die ihr geweiht sind, Christus vom Hauptaltar verdrängen.

 

Als regina ist Maria inzwischen dem rex Christus gleichgestellt und mit ähnlicher göttlicher Macht ausgestattet, ein theologisches Phänomen. Zugleich sind Mutter und Sohn als Königspaar dem irdischen im Titel gleichgestellt. Aber Maria bleibt zusammen mit Christus vorläufig noch „Herrin“.

 

Neben die thronende und unnahbare Gottesmutter tritt eine aus mehreren evangelischen Marien fusionierte Maria Magdalena, die nun immer stärker von der Sünderin zur Büßerin wird. (siehe Großkapitel 'Eros' etc). Die deutlichere Erotisierung beider wird noch bis in die nächsten Jahrhunderte auf sich warten lassen, aber bei den Magdalenengestalten ist mit dem Büßertum ein eigenartiger Reflex auf die geschlechtliche Körperlichkeit vorhanden, der sich in der Eremitenbewegung und radikal asketischen Verbindungen von Eremitage und Kloster niederschlägt.

 

Jungfräuliche und büßende Marien und andere weibliche Heilige sind die idealen Frauenbilder, mit denen viele der Reformer schon in jungen Jahren konfroniert werden. Für manche von ihnen ist jene Sozialisation typisch, die wir bei Hildebrand/Gregor aufgrund ausgiebiger Forschung andeutungsweise kennen: Noch als Kinder kamen manche an Domschulen, Hildebrand wohl in den Lateran, steigen im klerikalen oder im monastischen Milieu auf und sind so von der 'Welt' weithin abgeschlossen. Studienmaterial sind für sie vor allem die Bibel und überhaupt geistliche Texte.

Damiani begann in jungen Jahren geistliche Studien, Humbert, als Kardinal von Silva Candida bekannt, wurde als Kind (als Oblate) mit etwa neun Jahren ins Kloster Moyenmoutier geschickt, wo er unter den Einfluss des Reformers Wilhelm von Volpiano gerät. Johannes Gualbertus tritt als Jugendlicher San Miniato bei, um dann Gründer von Vallombrosa zu werden. Sie sind dabei nicht nur isoliert von den üblichen Lebenserfahrungen weltlich Heranwachsender und auf religiöse Themen fixiert, sie wachsen auch in eine (geistliche) Herrenwelt mit ihrer ganzen Verachtung für körperliche Arbeit und die, die sie betreiben, hinein.

 

Wir erfahren bei keinem von ihnen vom Erleben der Pubertät und dem Umgang mit der eigenen Triebhaftigkeit, wesentlicher Aspekt des Erwachsenwerdens. Wir wissen, dass die Masse der Kleriker damals entweder (unerlaubt) verheiratet ist, oft Kinder hat, oder wenigstens mit Konkubinen zusammenlebt. Dagegen steht die gewiss selten leicht errungene sexuelle Enthaltsamkeit derer, die nicht zuletzt auch darin jene Reinheit sehen, aus der Heiligkeit entspringt. Das Aufrechterhalten dieser Enthaltsamkeit, castitas, Keuschheit im Sinne des frühen Mittelalters, ist sicherlich der zentrale Aspekt christlicher Askese.

 

****Askese****

 

Überlanges Beten, Schlafentzug, Hungern und Selbstgeißelung, weder evangelisch, paulinisch noch apostolisch, lässt sich sowohl als Abtöten des Geschlechtstriebes wie als Selbstbestrafung des sündigen Körpers verstehen. Es ist eine Art Heroismus des selbstauferlegten Martyriums.  So etwas ist allerdings weder evangelisch noch paulinisch. In Matthäus VI,25 heißt es: Ideo dico vobis, ne sollitici sitis animae vestrae, quod manducetis, neque corpori vestro, quid induamini. Also: Kümmert euch nicht um euer Leben, was ihr essen oder trinken werdet, und auch nicht um euren Körper, was ihr anziehen werdet. Und 32: Nach solchem allem trachten die Heiden. Dazwischen steht das Beispiel der Vögel unter dem Himmel und der Lilien auf dem Felde. X,9f in der Lutherversion lautet: Ihr sollt nicht Gold noch Silber noch Erz in euren Gürteln haben, auch keine Tasche zur Wegfahrt, auch nicht zween Röcke, keine Schuhe, auch keinen Stecken.

 

Das ist nicht spätere Askese, sondern Bescheiden auf das Allernotwendigste, nichts spezifisch "christliches", das ist nur die Begründung dafür. Nun sind die Apostel laut den 'Acta' nach Jesu Tod in Jerusalem sesshaft geworden, aus der Nachfolge Jesu war die Erwartung seiner Wiederkehr geworden. Und: Possesiones et substantias vendebant, et dividebant illa omnibus, prout cuique opus erat (Acta II, 45: Sie verkauften also alles Eigentum, um es so einfacher gemeinsam zu haben und je nach Bedürfnis aufteilen zu können). Den beleseneren Klerikern war aber auch die bald folgende Stelle bekannt: Multitudinis autem redentium erat cor unum et anima una, nec quisquam eorum , quae possidebat, aliquid suum esse decebat, sed erant illis omnia communia. (Acta IV,32. Die über die Zahl der Apostel hinausgehende Menge der Gläubigen verzichtete ebenfalls auf jegliches Privateigentum: Äcker und Häuser werden verkauft und das Geld den Aposteln gebracht, heißt es weiter, und die sorgten für alle.)

 

Immer mehr askesis als Einübung in Christlichsein schleicht sich schnell ins Christentum ein. Dazu gehört die schon antike Heiligung des Jungfrauenstatus, dazu gehören Fastentage und kultische Reinheit der Geistlichen. Mit dem zweiten Jahrhundert steigern die Wüsteneremiten im vorderen Orient dies zu allgemeiner Lebensführung. Ziel ist das, was als „Abtöten des Fleisches“ bezeichnet wird, also allen irdischen, nicht auf Gott gerichteten Begehrens. Inhalt ist aber auch die Selbstbestrafung des sündigen Charakters der eigenen Person, den man aus den noch vorhandenen Begehrlichkeiten kennt.

Während die Wüstenväter das noch recht offen thematisierten, die Unterdrückung des Geschlechtstriebes nämlich vor allem, wird das Thema danach für die Außenbeziehungen von Klerus, Kanonikern und Mönchen zum Tabu. Unwillkürliche Erektionen und Samenergüsse, sexuelle Phantasien, Selbstbefriedigung sind dann für viele sicher erhebliche Probleme, die nicht reformierte Geistliche mit sexuellen Beziehungen oder Formen von Ersatzbefriedigung lösen, die aber dem radikal asketisch Lebenden nicht möglich sind.

 

Was offensichtlich im 11. Jahrhundert hinzukommt, ist eine Intensivierung solcher Askese. Sie (eigentlich: Übung, Einübung) wird wenigstens bei einigen wie Petrus Damiani durch das Zufügen von Schmerzen gegenüber dem eigenen Körper, vor allem durch (Selbst)Geißelung, erweitert. Solche Askese ist dann auch deutlich etwas anderes als das, was beispielsweise der Benediktregel vorschwebte..

 

Die Lust am Schmerz solcher Askese als Ersatz für originäre Triebbefriedigung lässt sich nicht neumodisch als Masochismus darstellen, denn das Leiden ist selbst zugefügt. Zudem hat es auch eine andere Funktion: Die Umleitung der – modern gesprochen – destruktiven Tendenzen im menschlichen Geschlechtstrieb, zudem den Wunsch nach Vergeistigung als Entkörperlichung. Askese meint Weg zu Gott.

 

Nun kannte das Christentum schon seit langem eine „Kultivierung“ des Schmerzes, des Leidens überhaupt. Den antiken Märtyrern (eigentlich: Glaubenszeugen) hatte man schon längst legendäre Folterqualen angedichtet, von denen viele über das übliche sadistische Potential antiker Strafjustiz hinausgingen. Dieser Aspekt wurde im Frühmittelalter immer weiter ausgebildet. Da werden weiblichen Heiligen die Brüste abgeschnitten, männliche Heilige werden in großen Töpfen bei lebendigem Leib gekocht und der Leib des heiligen Sebastian wird von zunehmend mehr Pfeilen durchbohrt. Solche Folterphantasien, die die Lust an Grausamkeit beim Pöbel der römischen Antike durchaus noch übersteigen kann, hat sicherlich auch mit der Überführung sexueller Lust in eine pervertierte Form zu tun. Zugrunde liegt die originäre und ganz gewöhnliche Schmerzlust im Geschlechtsverkehr, die in die Lust am Schmerz überführt wird.

 

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Aber das massenhafte Publikmachen solcher Folterqualen in Fresken und dann Tafelbildern wird erst später verbreiteter stattfinden, und damit die Ambivalenz in der Faszination, die das Doppel von Faszination und Entsetzen für die Laien hervorruft (wovon heute noch die Ware Nachrichten und der Spielfilm als Unterhaltungsmedium zehren). Was aber schon für die Reformkirche gilt, ist die Überzeugung, dass Heiligkeit und Schmerz oder jedenfalls Leiden zusammengehören. Das hatte Jesus mit der Dornenkrone, bei den Geißelungen und dem brutalen, langsamen Sterben am Kreuz vorgemacht.

 

Gregor VII. gehört wie andere Reformer in hohen klerikalen Ämtern selbst wohl nicht zu den extremen Asketen, sondern zu jenen Kanonikern, die strengere Regulierung verlangen, weswegen er wohl auch als „falscher Mönch“ bezeichnet wurde, einer, der mönchische Tugenden auf den Klerus übertragen möchte. Überhaupt verlangen die Reformer keine individuellen Höchstleistungen über das Maß der offiziellen priesterlichen askesis hinaus, die offensichtlich schwer genug zu tragen ist.

 

Was sie von ihren Vorgängern unterscheidet, ist, dass sie nun durchgehaltene Askese (Heiligkeit) als Berechtigung zu massiven Eingriffen in die Struktur der Kirche ansehen, auch wenn sie das so nicht formulieren, und zudem, dass sie genau das mit theoretischen Texten untermauern, also sich nicht mehr mit dem eigenen Ausdruck von Frömmigkeit bescheiden. Was sie dazu bringt, lässt sich nur erschließen.

 

Zölibat

 

Bei Paulus ist die Ehelosigkeit eine Sache erwünschter Hingabe des Lebens an Gott und die Ehe für die gedacht, die ihren Geschlechtstrieb anders nicht unter Kontrolle bekommen. Ein Klerus bildet sich erst in den hundert Jahren nach ihm heraus. Erst in dieser Zeit wird die Verbindung von Geschlechtstrieb, Sexualität und Sünde immer dogmatischer festgeschrieben und herausgestellt.

 

Da insbesondere der höhere Klerus schon in der Antike aus den höheren Gesellschaftsschichten kommt und sich - zunächst nur bei einzelnen - immer mehr mit der Macht zu verbinden sucht, bleibt das Zölibat der Kleriker, welches vor allem aus ihren eigenen Reihen gefordert wird, aber auch von den „Laien“ als Rechtsfertigung ihrer zunehmenden herausgehobenen Machtbefugnisse gesehen wird, die Ausnahme.

 

Im 4. Jh. gibt es die ersten formellen Enthaltsamkeitsverpflichtungen für den (höheren) Klerus, ergänzt durch weitere Zölibatsregelungen im 5. Jahrhundert. Aber erst die Klosterreformen des 10. Jahrhunderts mit ihrem Versuch, das mönchische Ideal wieder stärker durchzusetzen (Armut, Gemeinschaft, Gehorsam, Unterdrückung der eigenen Sexualität) bringen eine Wende, als sie im 11. Jahrhundert in die Reformbewegung der Kirche hinüberführt, ohne diese allerdings unmittelbar in Gang zu setzen. Sind doch Mönche um ihre eigene Heiligkeit besorgt und nicht um den Fortgang der sündigen Welt mit ihren Weltgeistlichen.

 

1022 ordnen Benedikt VIII. und Kaiser Heinrich II. gemeinsam auf einer Synode in Pavia an, dass Geistliche künftig nicht mehr heiraten dürfen, was besagt, dass sie es bislang oft taten. Sowohl das kultische Reinheitsgebot wie Besitzfragen (Vererbung von Kircheneigentum) spielten dabei eine Rolle. Es gibt einen ersten Versuch, verheirateten Klerikern Amt und Besitz zu entziehen. Kinder von Geistlichen sollen nun als unfreie Hörige der Kirche betrachtet werden. Unter Leo IX. sollen die vielen Priesterfrauen in das Eigentum der Kirche überführt werden.

Aber: "In der Dichtung >Der Einochs< (Unibos), die im deutsch-niederländischen Bauernmilieu des 11. Jahrhunderts spielt, ist wie selbstverständlich von einer >Edelfreien< (nobilis) die Rede, die der Ortspfarrer als Frau heimführt. In das Schenkungsbuch des Klosters Ebersberg wurde um die Mitte des 11. Jahrhunderts mit Ehrfurcht eine >Frau Priesterin< (presbyterissa) eingetragen. (...) In einer Bruderschaftsmatrikel aus Tours, angelegt ebenfalls um die Mitte des 11. Jahrhunderts, begegnen uns unter den rund 150 Namen die Tochter eines Bischofs und zwei Klerikerfrauen als vollwertige Mitglieder." (Weinfurter, S. 83)

 

Das alles bewirkt wenig, so dass 1059 auf der Lateransynode den Priestern, die dauerhaftes Konkubinat betrieben, die Durchführung der Messe verboten wurde. Nur drei deutsche Bischöfe trauten sich überhaupt, diese Beschlüsse in ihren Diözesen zu verkünden. Der Bischof von Passau wäre vom Klerus beinahe gelyncht worden und wurde anschließend vertrieben. Tausende Mitglieder des niedrigen Klerus protestierten gegen die neuen Gesetze. Aber ganz langsam begannen die Laien ihren nicht einmal sich selbst eingestandenen unterschwelligen Antiklerikalismus gegen ihre Priester zu wenden, indem sie es ablehnten, dann, wenn diese „unrein“ waren, zur Messe zu erscheinen. Mysterium und Reinheit gehörten zusammen. Unterwerfung verlangt Hoheit bzw. Heiligkeit, da sonst Ressentiments virulent werden können.

 

In den 6oer Jahren des 11. Jahrhunderts wendet sich besonders Petrus Damiani mit den Argumenten des Paulus gegen die Priesterehe. Nach dem Amtsantritt 1073 wird Gregor VII. das Thema forcieren. Für 1074 schreibt Lampert von Hersfeld, Gregor habe angeordnet, dass entsprechend den Bestimmungen der alten Kirchengesetze die Priester keine Frauen haben dürften, dass, die Verheirateten ihre Frauen entlassen müssten oder andernfalls selbst abgesetzt werden, dass überhaupt niemand mehr zum Priesteramt zugelassen werden dürfe, der sich nicht für alle Zeit zur Enthaltsamkeit und zum ehelosen Leben bekennt.

 

Aber noch 1074 lehnt eine Synode in Paris das Zölibat der Geistlichen als vernunft- und naturwidrig ab. Als Erzbischof Siegfried von Mainz 1075 die Papst-Order seinen Bischöfen bekanntgab, schreibt Lampert: Gegen diese Anordnung erhob sich sogleich ein Sturm der Entrüstung in der gesamten Klerikerschaft: Sie erklärten laut, der Mann sei ein vollendeter Ketzer (homo hereticus) und seine Lehre sei irrsinnig. (Sie berufen sich dann auf Matthäus und Paulus) Er wolle die Menschen durch seine rigorose Forderung zwingen, wie die Engel zu leben, und indem er dem Trieb (consuetum) die gewohnte Bahn (cursus naturae) versperre, lockere er nur der Hurerei und Ausschweifung die Zügel; wenn er weiter an seiner Verordnung festhalte, wollten sie lieber das Priesteramt aufgeben als die Ehe, dann könne er zusehen, wenn er die Menschen für unrein halte, woher er die Engel nehmen solle, um in der Kirche Gottes die Gemeinden zu leiten.

Der Bischof sah laut Lampert, dass es schwere Mühe kosten würde, die seit so langer Zeit eingewurzelte Gewohnheit des Zusammenlebens von Priestern mit Frauen auszurotten. Es erhebt sich ein Tumult in der hier beschriebenen Synode und es kommt zur Entscheidung, nach Rom zu schicken, um die Anordnung zurücknehmen zu lassen.(Annales für 1074)

 

Unübersehbar ist, dass sich der Mönch Lampert nicht ablehnend zur Ablehnung des Zölibates durch die Weltgeistlichen äußert. "Engel" sind für den Mönch am ehesten noch Mönche. Außerdem war Keuschheit überhaupt und das Zölibat insbesondere ein hoher Anspruch, den Menschen in der Erwartung der unmittelbaren Wiederkunft Jesu entwickelt hatten, und der sich in den fast tausend folgenden Jahren als unrealistisch erwiesen hatte: Man hatte sich längst auf Erden eingerichtet.

 

Laut Lampert muss der Erzbischof von Mainz 1075 einen päpstlichen Brief verlesen lassen, in dem befohlen wurde, sämtliche Priester seiner Diözese zu zwingen, entweder sofort ihren Ehefrauen zu entsagen oder für immer auf den Altardienst (und damit ihren Einkünfte) zu verzichten.  Als er das aber tun wollte, sprangen die zahlreich anwesenden Geistlichen auf, protestierten so heftig mit Worten und tobten mit Fäusten und drohenden Gebärden des ganzen Körpers dermaßen gegen ihn, dass er schon die Hoffnung aufgab, heil von der Synode fortzukommen. So ließ er sich endlich durch diesen Widerstand überwältigen und beschloss, sich in Zukunft mit dieser Frage nicht mehr befassen und es dem Papst zu überlassen, eine Sache, deren er sich schon so oft ohne Erfolg angenommen hatte, selber von sich aus zu erledigen...(Annales zu 1075)

 

Keller erwähnt 3600 Pfarrer, die sich in der Diözese des Bischofs von Konstanz versammelten, "und gemeinsam beschlossen, an der Priesterehe festzuhalten." (Begrenzung, S. 159)

 

1089 werden dann aber auf einer Synode in Melfi auch die untersten geweihten Kleriker, die Subdiakone, falls verheiratet, wenigstens theoretisch förmlich aus dem Amt gestoßen. Sollten sie sich nicht daran halten, sollten ihre Frauen den jeweiligen Landesherren als Hörige zugesprochen werden.

Wenige Jahre vor der Eheschließung von Abaelard mit Heloysa verfügt Ivo von Chartres für Paris, dass ein Kanoniker bei Verheiratung seine Pfründe verlieren soll, wobei die Ehe allerdings ihre Gültigkeit behält. (Clanchy, Abaelard, S.248)

 

Ehe

 

Vermutlich fällt es vielen in der heutigen westlichen Welt schwer, sich in Verhältnisse hineinzudenken, in denen verbindliche Beziehungen zwischen den Geschlechtern der Normalfall waren, dabei ist die Propaganda gegen Ehe und Familie in der westlichen Welt erst etwa hundert Jahre alt und die politisch korrekte Skurrilisierung des Geschlechtsbegriffes erst wenige Jahrzehnte. Aber entgegen allen politökonomisch gewollten Deformierungen war die Verbindlichkeit in den geschlechtlich vermittelten Verwandtschaftsbeziehungen in unterschiedlicher Ausformung Kernelement aller Kulturen und wurde bis in den Konsumismus des zwanzigsten Jahrhunderts hinein auch als Basis aller Zivilisationen angesehen

 

Förmlich wird der sakramentale Charakter der Ehe erst 1184 auf einem Konzil von Verona beschlossen. Damit schließt eine Entwicklung ab, die mit der Kirchenreform des 11. Jahrhunderts begonnen hatte. Dabei fallen die Heiligung der Ehe für die Laien und die Durchsetzung des Verbotes der Ehe für Geistliche zeitlich wie inhaltlich zusammen.

Auf diesem Wege wird die Welt des Klerus von der der Laien stärker abgeschieden und getrennt, wobei die Ansprüche an Heiligkeit beim Klerus verstärkt und für die Laien (von griechisch laós, das Volk) gesenkt werden.

 

Die Ehe war mit Paulus und den Kirchenvätern zum Notbehelf für die erklärt worden, die dem Ausleben ihrs Geschlechtstriebes nicht entsagen wollten und konnten. Entsprechend blieb sie durch das frühe Mittelalter eine Angelegenheit der Laien und im Klerus ein geduldeter Verstoß. Dass die Papstkirche der Reformbewegungen sich der Ehe im "Volk" zuwendet, hat einmal sicher etwas mit ihrer neuen Neigung zur Regulierung von immer mehr Details des Alltags, zur Verrechtlichung und hin zu den individualisierenden Gleichheitsvorstellungen des römischen Rechtes zu tun, welche Aspekte neuer Staatlichkeit vorwegnehmen. Immer mehr Privates wird öffentliche Angelegenheit.

 

Andererseits bedeutet diese Romanisierung auch eine Zurückdrängung der Germanisierung, welche die Völkerwanderungen mit sich gebracht hatten und einen Schub von Romanisierung auch dort, wo nie Römer gelebt und Kultur und Zivilisation nachhaltiger geprägt hatten.

 

Wie komplex sich das Zusammentreffen von Christentum und Germanen auswirkte, lässt sich an Vorstellungen erkennen, wie sie das Gesetzeswerk des Liutprand für langobardische Frauen festlegt. In seinem Kapitel 204 findet sich einerseits die Bestimmung, dass die Frau ihr Leben lang im mundium, der germanischen munt des Mannes verbleibt, also des Vaters, des Ehemannes, danach des Sohnes. Das heißt, sie ist frei über ihren freien Vater und Mann. Sie ist aber immer unter seiner rechtlichen Vormundschaft.

 

Andererseits muss der zukünftige Ehemann ihr vor der Hochzeitsnacht Geschenke machen, und auf die Hochzeitsnacht folgt die „Morgengabe“ von einem Viertel seines Eigentums. Die rechtliche Ohnmacht wird also durch erhebliche wirtschaftliche Macht kompensiert. Diese quarta wird im Süden Italiens bis in die Neuzeit hinein erhalten bleiben als germanisches Element einer Stärkung der weiblichen Situation. (Jean-Pierre Martin, Les Lombards, derniers barbares du monde romain. www.clio.fr./BIBLIOTEQUE/les-lombards-derniers-barbares-du-monde-romain.asp.)

 

Das Christentum versucht, diese traditionellen Vorstellungen in einer Christianisierung der Ehe zurückzudrängen. Dabei soll Schritt für Schritt dem Priester eine gewichtigere Rolle bei der Hochzeit zukommen, die er noch unter den Karolingern noch nicht besitzt, wo er in der Regel nur zur Segnung des Brautbettes gebraucht wird. Damit wird aber nicht die Ehe geheiligt, sondern nur ihre Fruchtbarkeit magisch beschworen.

 

Definierte Weiblichkeit verbindet natürlich sexuelle Momente mit ökonomischen und rechtlichen. Die rechtliche Bindung an den Mann als Unterordnung hat wenigstens einen doppelten Aspekt: Damit kontrolliert er einmal die Fortpflanzung als seine eigene und die Verfügbarkeit (s)eines Objektes des Begehrens. Zum anderen steht die Frau als Eigentümerin eines beachtlichen Teils des Familienbesitzes unter seiner Aufsicht. Die ansonsten erhebliche Eigentumsfähigkeit der Frau zeichnet sie als „Freie“ im germanischen Sinn aus und als aus einem solchen Haushalt kommend.

 

In den germanischen Rechtsvorstellungen war die Eheschließung eine "Privatsache" der betroffenen Familien, die sich in der Verehelichung ihrer Kinder miteinander verbanden. Diese Verbindung betraf Eigentum, Machterweiterung, Ansehen, gegenseitige Hilfeleistung und andere praktische Erwägungen. Darum tendierten Eheschließungen zu einer gewissen Endogamie, die Kinder sollten im engeren oder weiteren Verwandtschaftskreis verheiratet werden, damit der Besitz in möglichst engem Rahmen zusammengehalten wurde. Ausgehandelt wurden Ehen von den Eltern, insbesondere den Vätern, deren Kinder unter ihrer Munt standen, latinisiert dem mundium.

 

Ausgehandelt wurden dabei sowohl erhebliche Gaben von seiten der Familie des Bräutigams vor und nach dem ersten "Beilager" (letztere die Morgengabe oder das osculum, also die Gabe nach dem Hochzeitskuss). Andererseits gab es oft auch eine geringere Gabe des Brautvaters. Nach germanischem Recht bleibt die Verfügung über das ihr mit der Hochzeit Gegebene bei der Braut, nun Ehefrau. Noch in Wernher des Gärtners 'Meier Helmbracht' von um 1270 gibt es eine nach germanischen Rechtsvorstellungen vollzogene Heirat mit allerdings satirischen Überspitzungen.

Nach dem Aushandeln der Gabe des Bräutigams geht es so weiter:

 

Dô Lemberslint hêt vernomen, daz im Gotelint was komen, balde er gegen ir gienc. hœret wie er si enphienc: «willekomen, frou Gotelint!» «got lône iu, her Lemberslint!» friuntlîche blicke under in beiden dicke gegen einander giengen entwer: er sach dar, si sach her. Lemberslint schôz sînen bolz mit gefüegen worten stolz gegen Gotelinde;

daz galt si Lemberslinde ûz wîplîchem munde, sô si beste kunde. Nû sul wir Gotelinde geben Lemberslinde und sulen Lemberslinde geben Gotelinde. ûf stuont ein alter grîse, der was der worte wîse; der kunde sô getâniu dinc.

er staltes beide in einen rinc. er sprach ze Lemberslinde: «welt ir Gotelinde êlîchen nemen, sô sprechet jâ!» «gerne» sprach der knabe sâ. er fraget in aber ander stunt: «gerne» sprach des knaben munt. zem dritten mâle er dô sprach: «nemt ir si gerne?» der knabe jach: «sô mir sêle unde lîp ich nîme gerne ditze wîp»

dô sprach er ze Gotelinde: «welt ir Lemberslinde gerne nemen zeinem man?» «jâ, herre, ob mir sîn got gan.» nemt ir in gerne?» sprach aber er. «gerne, herre, gebt mirn her!» zem dritten mâle: «welt irn?» «gerne, herre, nû gebt mirn!» dô gap er Gotelinde ze wîbe Lemberslinde und gap Lemberslinde ze manne Gotelinde.

si sungen alle an der stat, ûf den fuoz er ir trat.

Nû ist bereit daz ezzen. wir sulen niht vergezzen, wir schaffen ambetliute dem briutegomen und der briute. Slintezgeu was marschalc, der fulte den rossen wol ir balc; sô was schenke Slickenwider. Hellesac der sazte nider die fremden und die kunden: ze truhsæzen ward er funden. der nie wart gewære, Rütelschrîn was kamerære. kuchenmeister was Küefrâz, der gap swaz man von kuchen âz, swie manz briet oder sôt. Müschenkelch der gap daz brôt

diu hôchzit was niht arm.

 

Die römische Kirche versuchte immer wieder die germanischen Gewohnheiten der (männlichen) Polygamie und des Konkubinats bei wohlhabenderen Mächtigeren zu unterbinden. Offenbar wurde unter den Merowingern und früheren Karolingern noch nicht rechtlich eindeutig zwischen legitimen und illegitimen (außerehelichen) Kindern unterschieden. Der Vater Wilhelms des Eroberers soll diesen mit der reizvollen Tochter eines Lohgerbers gezeugt und dann legitimiert haben. Dies gelingt, wenn auch nur zum Teil, erst dadurch, dass die Kirche sich im Verein mit der weltlichen Macht in die Vorstellungen und Praktiken von Ehe und Eheschließung einbringt, was mit Ludwig dem Frommen beginnt. Erst seitdem werden außereheliche Kinder in der Regel per se von der Erbfolge ausgeschlossen. Das kirchliche Vorgehen gegen den französischen König Philipp in Bezug auf Bertrada ist ein solcher Versuch, christliche Ehe bei den Mächtigen durchzusetzen, wie auch ihr Vorgehen gegen Guilhem IX. von Aquitanien. Zudem versucht die Kirche von vorneherein, die lebenslange Gültigkeit der Eheschließung durchzusetzen, während nach germanischen Vorstellungen eine Beendigung der Ehe und die Wiederverheiratung möglich waren.

 

Seit dem 11. Jahrhundert beginnt nun die Kirche, hier massive Änderungen durchzusetzen und vor allem römischen Rechtsvorstellungen anzupassen:

1. Sie schreibt strikte Exogamie vor, die Ehen am Ende bis in den siebten Verwandtschaftsgrad ausschließt. Das führt zu einem verstärkten Interesse an Genealogien und deren Manipulierung, eröffnet aber auch Vorwände für die Annullierung von nicht mehr gewollten Ehen.

2. Sie fordert zunehmend das freie Einverständnis von Braut und Bräutigam, das heißt die Individualisierung eines bislang zwischen Familien ausgehandelten Aktes. Damit werden die Vorstellung von der Liebesheirat und von der Verliebtheit als Voraussetzung der Eheschließung zwar noch nicht üblich, aber sie werden in der Herrenschicht überhaupt erst einmal wenigstens theoretisch möglich.

 Tatsächlich werden viele Familien noch Jahrhunderte lang die Konsensualität der Eheschließung zwischen beiden Partnern unterlaufen, am wenigstens wohl dort, wo es wenig oder fast gar kein Eigentum gibt und Liebesheiraten ohnehin möglich waren und dann trotzdem hielten, wohl den Nöten des Alltags geschuldet.

 

3. Die Kirche verlegt die öffentliche Eheschließung als bislang privaten Rechtsakt jetzt in die Öffentlichkeit an der Kirchenpforte und später in den Kirchen-Innenraum, um umso mehr über diesen legitimierten Bereich der Sexualität verfügen zu können. Mit der Sakralisierung der Ehe wird die öffentliche kirchliche Trauung dann später obligat.

 

Die Romanisierung der Ehe stärkt kirchenrechtlich die Spielräume der Mädchen und Frauen, besitzrechtlich verlieren sie allerdings erheblich: Die Gaben aus der Familie des Bräutigams gehen im Laufe von rund zwei Jahrhunderten erheblich zurück und die der Brautfamilie nehmen zu. Da diese Dotationen zudem immer weniger in Immobilien bestehen und stärker in beweglichen Gütern und zunehmend eben auch in Geld, geht die Verfügungsgewalt der Ehefrau darüber zurück.

 

Rechtlich geht das Mädchen aus der Munt des Vaters weiterhin in die des Ehemannes über, aber mit dem Rückgang germanischer Rechtsvorstellungen schwächt sich dieser Aspekt langsam ganz leicht ab. Außer im anglo-normannischen Raum schwindet die rechtliche Bedeutung der förmlichen Übergabe der Tochter durch ihren Vater an den Bräutigam, die wortwörtliche Aushändigung der Tochter, die dann auch in den Kirchen nicht mehr erwünscht ist, die aber als "giving away" in England noch heute ohne rechtliche Grundlage weiter als Folklore stattfindet.

 

Mit dem Rückgang der Bedeutung der kognatischen Verwandtschaftslinie und dem Aufstieg der agnatischen durch diese Veränderungen wird tatsächlich die Situation der Frauen aus der Abhängigkeit von Herkunfts-Familie und Verwandtschaft in die engere vom Ehemann, einer abgewandelten Form des antiken pater familias überführt, was die Zunahme der Bedeutung der sogenannten Kernfamilie fördert. Zur Individualisierung der Entscheidung für den Ehepartner kommt die Abnahme der Bedeutung jener persönlichen, aus Verwandtschaft geknüpften und auf immobilem Besitz gegründeten Beziehungen.

 

Vollendet wird diese Entwicklung aber erst im Verlauf der Neuzeit, als zunehmend Wert auf Rechtsvorstellungen gelegt wird, deren Bindekraft die Staaten garantieren, und die auf Individuen und nicht mehr so sehr auf persönlich gebundene soziale Einheiten abzielen.

 

Über das alltägliche Eheleben ist bis ins späte Mittelalter kaum etwas solide überliefert. Zentrum der "dynastischen" Ehen der Herren und Damen wird die Geburt und Aufzucht eines männlichen Erben, der das "Haus" fortsetzt, die "Linie". Häufige Schwangerschaften sind wohl die Regel und auch in der Erfahrung hoher Kindersterblichkeit begründet.

 

Die Ehe ist nun christlich akzeptabel, die offizielle Doktrin verlangt, dass der Beischlaf nicht von Lustgefühlen durchsetzt ist, was man aber nicht kontrollieren kann. Geburtenkontrolle findet statt, wiewohl sie verboten ist, bis hin zum unterbrochenen Koitus, der eine Sünde ist. Formen der Empfängnisverhütung sind grundsätzlich bekannt und werden von der Kirche als schwere Sünde eingestuft; inwieweit sie praktiziert werden, ist nur wenig dokumentiert. Ein führender Geistlicher der Zeit, Theodulf, mag für den Ton beispielhaft sein: Nicht auf normale Weise mit einer Frau zu verkehren, heißt sich besudeln und eine abscheuliche Sünde begehen. Deshalb lesen wir, dass Onan, der Sohn Judas, von Gott geschlagen wurde, weil er seinen Samen auf die Erde fließen ließ, nachdem er seiner Frau beigewohnt hat. (Pierre Riché, Die Welt der Karolinger, Stuttgart, 2009 (1963), S.69)

 

In der hohen Wertschätzung der Jungfräulichkeit der Mädchen waren sich Kirche und Laien einig. In dem deutschen Wort Jungfrau bildeten weibliche Jugend und Virginität eine selbstverständliche Einheit. Das betraf die eigenen Töchter und die Bräute der Söhne. Etwas vergleichbares wurde zumindest von den Knaben der oberen Schichten nicht erwartet, ganz im Gegenteil. Viemehr erwarteten zumindest in den fiktionalen Texten die Bräute von ihren zukünftigen Partnern im Ehebett die Kenntnisse, die ihnen selbst auf dem Weg in die Neuzeit jenseits des Hochadels wohl weithin fehlten.

 

Weibliche Untreue ist seit der Antike ein todeswürdiges Delikt, denn mit ihr können dem Ehemann Kinder anderer Männer untergeschoben werden. Männliche Seitensprünge werden zwar von der Kirche verurteilt, gelten aber formell nicht als Unrecht. Wenn man den Quellen diesbezüglich glauben kann, ist der treue Ehemann in den oberen Kreisen eher ein erwähnenswerter Sonderfall.

 

Je mehr Macht und Geld ein Herr hatte, desto eher fand er wohl willige (jüngere) Damen, und das erotische Begehren als "Liebe" wird sich wohl stark auf diese konzentriert haben. Viele Ehefrauen haben das offenbar respektiert. Zu den vielen legitimen Kindern Kaiser Friedrichs II. kamen etwa gleich viele "Bastarde" von außerehelichen Beziehungen zu jungen, adeligen Damen. Diese Bastarde wurden oft dann ordentlich vom Vater versorgt.

 

Im entstehenden städtischen (Besitz)Bürgertum, von dem wir selbst aus dem Hochmittelalter noch wenig wissen, entwickelt sich offensichtlich um das Ehepaar eine Kernfamilie, die vergleichsweise größerer sozialer Kontrolle unterliegt, wie noch stärker in den entstehenden Dörfern. Der adeligen Ehre, die bei Männern durchaus nicht im Widerspruch zu möglichst vielen "Eroberungen" auch im sexuellen Bereich stand, wird offenbar in den Städten eine zunehmende bürgerliche "Ehrbarkeit" gegenübergestellt, die gemeinhin "ehrlich" hieß. Ehrlich wurde man allerdings vor allem durch seinen Beruf, der Henker oder die Prostituierte waren "unehrlich".

 

Bevor es dazu kam, musste erst einmal die Eheschließung der umfassenden Kontrolle des jeweiligen Grundherrn entzogen werden. Ein weiterer Schritt war die Erleichterung der Heirat zwischen Knechten und Mägden verschiedener Herren bis hin zu deren Abgabenfreiheit in der Stadt. Dort erfahren wir dann am ehesten etwas von den Ehen von Handwerkern und Kaufleuten. Dass dort Familie eine ganz andere Bedeutung erhält als in den Grundherrschaften, ist darauf zurückzuführen, dass die Eheleute eine Einheit als Gewerbetreibende bzw. Geschäftsleute darstellten, das gemeinsame Geschäft und die Familie fallen schon aus ganz rechtlichen und ökonomischen Gründen zusammen: So entsteht die bürgerliche Kernfamilie, der Verwandtschaft darüber hinaus zu etwas äußerlicherem wird als beim Adel.

 

Diese bürgerliche Ehe war dann in der Regel auch eine Gütergemeinschaft, in der die Ehefrau beim Tod ihres Mannes Geschäft oder Gewerbe erben konnte. Ds wird dann zwischen den späten Saliern und frühen Staufern so auch allgemeiner Rechtsgrundsatz im römischen Reich.

 

Diese neue Ehe und Familie verschmolz dann Elemente von Liebesheirat und gestifteter Vernunftehe miteinander, wobei das persönlich ausgeübte Einverständnis der Braut jenseits der Unterwerfung unter die Entscheidung der Eltern immer wichtiger wurde.

 

 

Florenz und Mailand

 

Johannes, Sohn des adeligen Gualbert, war noch kein Reform-Theoretiker. Ähnlich wie der später heilige Galgano und ein paar andere junge Ritter führt ein Bekehrungserlebnis dazu, dass er das Kriegs“handwerk“ aufgibt und beginnt, nach Heiligkeit zu suchen. Er wird Mönch in San Miniato oberhalb von Florenz.

Aber als er sich gegen den simonistischen Abt Uberto seines Klosters entscheidet, formuliert er aus seiner radikal-asketischen Grundhaltung heraus Ansprüche an Mönche und den Klerus. Sich nicht in ein hohes geistliches Amt einzukaufen, heißt schließlich auch, die geistlich-religiöse Würdigkeit gegenüber der Zahlungskraft mit in den Vordergrund zu schieben.

Nachdem er sich mit dem Stadteremiten Teuzo beraten hat, tritt er auf dem Wochenmarkt auf und fordert die Anwesenden auf, sich gegen Uberto und Bischof Hatto zu wenden. Deren Zorn richtet sich aber gegen ihn und er muss aus Florenz fliehen.

 

Der nach persönlicher Heiligkeit Strebende irrt durch die Lande, landet kurz bei den Camaldulensern und trifft dann im Vallombrosa-Tal auf mehrere asketisch lebende Eremiten, Mönche von San Salvatore auf dem Settimo. Mit Sta Maria entsteht eine radikale klösterliche Gemeinschaft, welche bald die Arbeit außerhalb der Klostermauern Konversen, Laienbrüdern anvertraut, um selbst ganz dem frommen Streben nachzugehen.

 

Kurz nach 1060 gibt es bereits mehrere Vallombrosanerklöster rund um Florenz.

Bischof Hatto war 1044 gestorben, und sein Nachfolger Gerhard wird 1059 zum Papst Nikolaus II. 1061 tritt Petrus Mezzabarba das Amt in Florenz an. Um ihn gibt es schnell Gerüchte, er sei durch Geldzahlungen ins Amt gekommen. Darauf schüren die Vallombrosaner auf öffentlichen Versammlungen die Angst der Leute, dass sie auf wertlose Sakramente angewiesen seien.

 

Es kommt zu neuen schweren Konflikten mit dem für simonistisch erachteten Florentiner Bischof, in die Hildebrand, Archidiakon unter Papst Alexander II. eingreift. Ein frommes Leben und Streben nach Heiligkeit wird zum Politikum. 1068 besteht ein Vallombrosanermönch erfolgreich eine Feuerprobe und der Bischof muss fliehen.

 

Kurz nach dem Tod des Johannes 1073 wird das Papst Gregor VII. an die Vallombrosaner diese dann deutlich für sich in Anspruch nehmen: Täglich sollt ihr an Hand der heiligen Schriften darüber nachdenken, wie die Scheinbeweise der Irrlehrer widerlegt und die Glaubenswahrheiten der heiligen Kirche verteidigt werden können gegen alle Teufelsbrut, die gegenwärtig mit mancherlei Machenschaften das Christentum zu vernichten sucht. (…) Nicht allein euer vorbildlicher Lebenswandel soll den Ruhm eures geistlichen Vaters verkündigen, sondern auch das Gott wohlgefällige Leben aller, die rings um euch im ganzen Lande wohnen. (in diesem Deutsch in WGoez, S.87f)

 

Was der Papst hier für ein besonders radikales Kloster fordert, betreiben bereits Leute wie Humbert und Damiani – das Theoretisieren einer verallgemeinerten, gemäßigten Askese. Es geht nicht um eine neue Missionierung der Laien, jedenfalls nicht vorrangig, sondern um das, was einige Historiker als „Monastisierung des Klerus“ bezeichnen, also ein fast mönchisches Leben des Klerus ohne Klausur im engeren Sinne bei Seelsorge für die Laien. Was der Klerus dabei den Laien predigt, soll er wie das Kloster durch ein vorbildliches (apostolisches) Leben vorgeben.

Den Weg dahin hatte Hildebrand schon als Legat des Papstes begleitet.

 

1086 sorgt Mathilde von Tuszien dafür, dass ein Vallombrosanermönch Bischof von Pistoia wird. In Lucca gelingt es den Vallombrosanern allerdings nicht, den dortigen kaiserlichen Bischof zu vertreiben.

 

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Ariald wird um 1010 in Cucciago  bei Como als Kind kleiner Valvassoren geboren. Um 1055 predigt er in Varese gegen die Unkeuschheit der Priester, später in Mailand auch gegen die Simonie.  Ihm schließt sich als Mitglied des Domklerus der aus einer Kapitanenfamilie stammende Landulf an. Unterstützung erhalten sie aus allen Schichten, vor allem aber aus dem unteradligen "Volk" (pauperes bei Bonizo) und seinen wirtschaftlich erfolgreichen Reihen (Zumhagen).

 

Im gesamten Mailänder Klerus war es seit jeher üblich, mehr oder weniger verheiratet zu sein. Der der Pataria zumindest gewogene Bonizo von Sutri bezeichnet sogar Erzbischof Wipo als vir illiteratus et concubinatus et absque ulla verecundia symoniacus. (Liber ad amicum VI). Genauso regulär war eine gewisse, nicht allzu hohe Gebührenzahlung beim Eintritt in ein kirchliches Amt, wie Damiani um 1060 nach Rom berichtet. Die Kernmannschaft von zwölf Kanonikern im Domklerus ist zwar auf eine regulierte Lebensweise verpflichtet, was sie aber nicht vom Konkubinat abhält. Wie beim Bischof wird dieses aber nicht ungeniert öffentlich ausgelebt wie bei den dekumanischen Priestern.

 

Ariald und Landulf reisen 1057 nach Rom und bitten um päpstliche Unterstützung. Diese erhalten sie bald auch durch die päpstlichen Legaten Damiani und Anselm von Lucca gegen Bischof und hohe Geistlichkeit, die sie auf das Zölibat und gegen Simonie einschwören. Damit gerät die Pataria in Konflikt zu den traditionell herrschenden Kreisen in Mailand, die ein kirchliches Eigenleben gegen Rom verteidigen, denn sie müssen das als Unterordnung unter die Päpste verstehen. Und Wido wird dann auch der erste Mailänder Erzbischof, der sich darauf auf eienr römischen Synode blicken lässt.

 

 

Ariald und seine Freunde propagieren ihre Vorstellungen einerseits in einer Öffentlichkeit, deren höchste gemeindliche Instanz die Volksversammlung ist. Zudem wird ihnen vom Eigenkirchenherr die Kirche Sta. Maria fuori Porta nuova 1057 zur Verfügung gestellt, zu der noch eine zweite Kirche kommt.In den Kirchen sondern sich die Kleriker im Chor von den Laien durch eine Mauer als Sichtschranke ab, ähnlich wie dem Lettner, der jetzt bei den reformierten Regularkanonikern auch sonstwo einzieht.

Andererseits leben sie ab demselben Jahr im Haus des Münzers Nazarius, bis Ariald der Gemeinschaft ein gemeinsames Wohnhaus, die canonica, erbaut hat. Sie leben dort in radikalerer Weise das vor, was sie von der übrigen Mailänder Geistlichkeit verlangen: Die vita communis, zu der gehört, dass aller Besitz an die Gemeinschaft abgegeben wird.

Kleriker, Laien und Frauen leben in unterschiedlichen Teilen des Wohngebäudes, treffen sich aber zum gemeinsamen Gebet und Gesang und den gemeinsamen Mahlzeiten mit der Lesung. Die besondere Stellung des Klerus wird aber nicht wirklich angetastet, wobei das Predigeramt schon deshalb in ihren Händen bleibt, weil die Lese- und Schreibkundigkeit des Adels im 11. Jahrhundert zunächst massiv zurückgegangen war. Ariald ist hingegen nicht nur Geistlicher, sondern auch in Frankreich ausgebildeter artis liberae magister und Landulf Notar der Mailänder Kirche.

Indem die Patarer die Laien für ihre Sache, die Kirchenreform, mobilisieren, ziehen sie sie in die öffentlichen Dispute zugleich geistlichen wie implizit auch machtpolitischen Inhalts hinein, was ihnen sowohl die ambrosianische Amtskirche wie auch moderate Reformer wie Damiani vorwerfen, der die Beteiligung von rustici et insipientes quique, qui nil pene noverunt ablehnt, die nunc in compitis (Kreuzwegen) ac trivis ante mulierculas (vor dummen Weibsbildern) et conbubulcos (Ochsentreibern) suos non erubescent de scripturarum sanctarum sentencis disputare. (Brief Damianis von 1065, in Zumhagen, S.51)

 

Da das Einkaufen in geistliche Ämter und das Ausleben des Geschlechtstriebes in ihnen Bindeglieder zwischen weltlichem Kapitanenleben und Zugehörigkeit zum Domklerus sind, wendet sich die städtische Oberschicht nach und nach gegen die Pataria, sobald diese nicht nur die dekumanischen Priester angreift, sondern auch den hohen Klerus, was mit der Verbindung mit dem Reformpapsttum immer naheliegender wird. Dieses Bündnis der herrschenden Schicht wird seine Reformresistenz bis über den Tod Erlembalds hinaus durchhalten.

 

1062 stirbt Landulf an den Folgen von Misshandlungen und 1064 übernimmt sein Bruder Erlembald die Führung der Pataria. Immer deutlicher wird von ihr die Pflege ambrosianischer Tradition dort, wo sie nicht mit der Kirchenreform zusammenstößt, propagiert. So wie der Erzbischof veranstalten auch die Patarener regelmäßig Prozessionen zu den heiligen Traditionsstätten Mailands. In der Darstellung von Andreas von Strumis Lebensbeschreibung Arialds: Et cum hoc sancto canore ante sanctum veniebamus altare, quo venerabiliter adorato, si dies sollemnis vel pascalis non esset, urtaque genua in terram ponebat, manus expandebat, oculos in celum figebat et sic in crucis modo ante alte stans pro Romano summo pontifice atque pro pace, pro salute universalis ecclesiae ac pro eius adversariorum conversione et pro ceteris huiusmodi utilitatibus multis Deum exorabat cum gemitibus et lacrimis. (in: Zumhagen, S.56)

 

Nach 1063 ruft Alexander II. die Patarener zunehmend zum Widerstand gegen ihren Bischof und seinen Klerus auf, was dann 1064 noch an Militanz gewinnt, das er Erlembald in Rom die Petersfahne überreicht und ihn zu einem päpstlichen Krieger (miles) macht.

 

Erlembald gelingt es 1066 in Rom, die Exkommunikation des von Heinrich III. 1045 eingesetzten Mailänder Erzbischofs Wido zu erreichen. Die Tumulte in der Stadt nehmen zu, Ariald muss fliehen und wird auf der Flucht ermordet. Mit ihm verliert die Pataria ihren religiösen Führer.

Gestützt auf seine Verwandtschaft und Gefolgschaft, übernimmt Erlembald mit militärischen Mitteln die Führung in Mailand.

 

Mit der Anerkennung von Ariald als Märtyrer bezieht das Papsttum deutlich Partei. 1073 ruft Gregor VII. seine Getreuen (fideles) auf, weiter gegen die reformresistenten lombardischen Bischöfe zu kämpfen und die Vallombrosaner, sich weiter für die Pataria einzusetzen. In einem Brief an Erlembald berichtet er, Heinrich IV. wolle sich in seinem Sinne um die Besetzung des Mailänder Bischofsstuhls kümmern.

 

Als 1075 die Stadt brennt, greift eine adelige Schwurgemeinschaft Erlembald an und tötet ihn im Straßenkampf. (siehe auch: Großkapitel 'Bürger und Stadt'). Danach werden größere Teile der Pataria in die allgemeine Kirchenreform-Front integriert.

 

Reformpapsttum

 

Kirchenreform mit ihren frühen Themen, erst Simonie und dann Zölibat, trifft nach einiger Zeit auf einen zentralen Konfliktpunkt mit Königen und Kaisern, und der kreist um die Einsetzung und Absetzung von Bischöfen und damit um die Kontrolle über die Kirche.Damit spitzt sie sich auf eine Machtfrage zu. Zuallererst macht sich das an der Situation der römischen Bischöfe fest, die nicht mehr nur als herausragende Lehrinstanz, sondern vor allem auch als Zentrum und oberste Instanz einer Hierarchie von Befehl und Gehorsam gelten wollen. Diese Position, dass Reform nicht ohne in letzter Instanz diktatorische Befehlsgewalt eines Papstes durchsetzbar sei, formuliert dann in aller Deutlichkeit Gregor VII. und der Konflikt keimt schon vor seinem Amtsantritt in aller Deutlichkeit bei der Besetzung des Bischofsstuhls von Mailand.

 

Der erste Eklat wird die Synode von Sutri 1046, auf und kurz nach der Heinrich III. drei Päpste absetzt bzw. absetzen lässt, und den ersten klassischen Reformpapst mit Clemens II. einsetzt, um sich von ihm zum Kaiser krönen zu lassen. Mit diesem königlichen Akt beginnen die Auseinandersetzungen, deren heute noch bekannter Ausgangspunkt die Streitschrift 'De ordinando pontifice' wird, die allen außer Gott abspricht, einen geweihten Kleriker abzusetzen.

 

Damit wird wieder aufgenommen, was seit der Spätantike immer einmal wieder auftauchte: Die Höherwertigkeit der geistlichen gegenüber der weltlichen Macht. In den in den Gesta des Anselm wiedergegebenen Worten, die Bischof Wazo von Lüttich gesagt haben soll, wird das deutlich: Der Kaiser aber (…) sagte: Aber ich bin in gleicher Weise mit heiligem Öl gesalbt, und mir ist deshalb Befehlsgewalt vor allen anderen gegeben. Der Bischof meinte nun umgekehrt – durch den Wahrheitseifer und die Glut der Gerechtigkeit erhitzt – den anderen durch Worte von derselben Art kurz belehren zu müssen. Er sagte: Eine andere ist sie und weit von der priesterlichen unterschieden, diese Eure Weihe, die ihr da für euch in Anspruch nehmt, weil ihr ja schließlich durch diese zum Töten, wir aber auf Geheiß Gottes zum Lebendigmachen gesalbt worden sind; daraus ergibt sich der Schluss: um wieviel das Leben stärker ist als der Tod, um soviel besser ist ohne Zweifel unsere Weihe als die Eure. (in Laudage/Schrör,S.47)

 

Auf die Ablehnung der Absetzung folgt die der Einsetzung von Bischöfen durch Laien via Einkleidung mit baculus und anulus (Krummstab und Ring) in Humbert von Silva Candidas 'Adversos Simoniacos': Wer sich die Laieninvestitur anmaßt, maßt sich auch an, über dem Hirtenamt zu stehen.

 

Mit dem Sohn des Grafen von Egisheim und dann Bischof von Toul wird Brun als Papst Leo IX. (1049-54) die Kirchenreform von oben noch Hand in Hand mit dem König und Kaiser betreiben und mit ihm erst beginnt sie recht eigentlich Gestalt anzunehmen. In seiner Lebensgeschichte wird berichtet, er habe seine Wahl durch den Kaiser Heinrich III. für ungenügend gehalten und darauf bestanden, erst dann römischer Bischof sein zu wollen, wenn er durch Klerus und Volk von Rom regelgerecht gewählt worden sei.

 

Indem er seine Vertrauten aus der lothringischen Heimat und dem burgundischen Raum mitbringt und den Aufstieg Hildebrands fördert, schafft er sich ein reformfreudiges Umfeld. Mit solchen Leuten besetzt er dann auch die entscheidenden Bischofs-Stellen in der Kirche von Rom, aus denen das Kardinalskollegium hervorgehen wird. Leo umgibt sich mit einem an königliche Praxis erinnernden Hofstaat, der curia, wie sie noch heute heißt, was die Schlagkraft des Amtes erhöht. Dazu gehören auch Rechtsgelehrte, Notare und Schreiber. Ein ebenfalls an Könige gemahnendes Urkundenwesen gehört nun dazu.

 

Mit einer Gesamtsynode der Bischöfe der lateinischen Christenheit jährlich zur Osterzeit, die später auf die Fastenzeit vorverlegt werden wird, schafft er sich einen Rahmen für die Durchsetzung von Reformen und direkten Zugang zu den hohen Geistlichen, die von nun an wenigstens einmal im Jahr zu ihm reisen müssen. Zugleich reist Leo selbst wie noch kein Papst vor ihm, um vor Ort nach dem Rechten zu sehen, wobei er weit über Mittelitalien hinaus zu reisen beginnt. Wo er nicht selbst auf Synoden präsent ist, schickt er Legaten, wie zum Beispiel zur Beilegung von Konflikten in Mailand und Florenz.

 

Mit der Erklärung, der römische Bischof sei alleiniger „Primas und Oberhirte“ der Kirche, wird die monarchische Struktur der Weltkirche bestärkt und von seinem Unterstützer Humbert (von Moyenmotier/Silva Candida) wird bereits angeführt, päpstliche Erklärungen ex cathedra seien unfehlbar. Im Kern ist Leo mit seinen direkten Nachfolgern der große Reformer, und Hildebrand/Gregor nur jener, der das Erbe mit enormer Intransigenz gegen die Könige vertritt, indem er dessen Möglichkeiten erkennt und ausformuliert.

 

Mit Leo beginnt die päpstliche Härte gegen Simonisten, denen zum Erhalt ihres Amtes eine beachtliche Bußleitung auferlegt wird, wo sie doch nur dem bislang üblichen Brauch gefolgt waren. Ehen von Priestern werden auf einen Schlag für ungültig erklärt. Die Priesterfrauen sollen in das Eigentum der Kirche, also die Unfreiheit überführt werden.

Reforminteressen und Machtinteressen allen in der von Humbert von Silva Candida angeführten Delegation nach Konstantinopel, in der es wohl vorrangig darum geht, in wessen Machtbereich Süditalien gehören soll. Der Kardinal tritt dort so offensiv auch in Glaubensfragen auf, dass sich in der Folge die römische und die byzantinische Kirche gegenseitig mit dem Bannfluch belegen.

Als Leo IX. mit einem mächtigen Heer gegen die Normannen zieht, die von Süden gegen den kirchlichen Machtbereich drängen, unterliegt er und stirbt kurz darauf 1054.

 

Sein Nachfolger wird Bischof Gebhard von Eichstätt, der längst zum mächtigsten Berater Heinrichs III. aufgestiegen war. Er scheint sein Bischofsamt zugunsten von Machtpolitik an der Seite des Kaisers vernachlässigt zu haben und ist selten in Eichstätt anzutreffen. Als er die Vormundschaft für den kleinen Heinrich (IV.) annimmt und dafür nach Deutschland reist, erweist sich das womöglich aufs Neue. Zugleich belegt es die weitgespannten Ansprüche des Reformpapsttums.

 

Nach Victors Tod 1057 wird in aller Eile von den Reformkräften, die dem Einfluss des römischen Stadtadels entkommen wollten, der Kardinalpriester und Abt von Monte Cassino Friedrich (von Lothrinmgen) als Stephan IX. inthronisiert. Das immer häufiger aufkommende Schlagwort von der libertas ecclesiae ist dabei zunächst als Befreiung aus den Fängen der Adelsfraktionen vor Ort gemeint. Aber Hildebrand und Bischof Anselm von Lucca werden von den Reformern nach Norden geschickt, um die Zustimmung des Königshofes zu gewinnen.

 

In dieser Zeit formuliert Humbert von Silva Candida: Ein Häretiker ist derjenige, der von der katholischen Glaubenslehre (fides catholica) abweicht, indem er etwas glaubt und verteidigt, was man nicht glauben darf (quod non est credendum), sei es über Gott oder sei es über seine Geschöpfe. (Adversos Simoniacos, Einleitung)

Damit wird der Glaube auch theoretisch und dann auch juristisch zu dem, was er im Kern schon seit vielen Jahrhunderten für die meisten zuallererst war: zu einem Akt der Unterwerfung und des Gehorsams, nun nicht mehr primär unter das weltliche Schwert, sondern die Kirche und spätestens seit Gregor VII. zuallererst unter den Papst.

Damit bekommt auch die Verfolgung von Häretikern, schon vom großen Karl im Verein mit seiner Kirche ohne allzu brutale Härte betrieben, eine neue Qualität; überhaupt befördert diese Position erst so recht Häresien, Irrglauben im Sinne der Papstkirche. Berengar wird mit seiner Abendmahlslehre das erste Opfer, Abaelard wird folgen. Aber es wird noch bis zum Verbot von Aristoteles-Texten an der Pariser Universität dauern, bis ein vernunftgemäßer Diskurs ganz aus der römischen Kirche vertrieben ist und sich dann nach und nach außerhalb von ihr und nicht zuletzt in den größeren Städten etabliert.

 

Kurz nachdem er Petrus Damiani zum Kardinalbischof von Ostia gewählt hat, stirbt Stephan IX. im März 1058, noch bevor seine Botschafter aus deutschen Landen zurück sind.

Tuskulanern und Crescentiern gelingt es darauf in Rom, ebenfalls in Eile, den Bischof von Velletri als Benedikt X. zu inthronisieren. Die Reformkräfte wählen darauf in Siena als "ihren" Papst den aus Burgund stammenden Bischof Gerhard von Florenz, nunmehr Nikolaus II. Kurz vor der Wahl im Dezember erreicht eine Gesandtschaft die Designation durch die deutsche Regentschaft. Mit Hilfe eines mächtigen Heeres unter Gottfried, dem Herrn der Toskana, weiter Teile Norditaliens und Lothringens, wird er nach Rom gebracht. Der Widerstand Benedikts bleibt aber bestehen.

 

Auf einer großen Synode Ostern 1059 wird nun die Laieninvestitur verurteilt und der Papst aus den Reihen gewöhnlicher Bischöfe herausgehoben, indem er nicht mehr "von Klerus und Volk" gewählt werden soll, sondern dass von nun an die Kardinalbischöfe einen neuen Papst aussuchen und sich dann mit dem niedereren Kardinalsklerus ins Benehmen setzen, worauf alle anderen nur noch zustimmen dürfen. Zunächst einmal ist das ein Reflex auf die ungewöhnlichen Bedingungen, unter denen Nikolaus gewählt worden war. Damit soll nun zudem dem römischen Stadtadel jeder Einfluss entzogen werden (unter Volk wurde der hohe Adel verstanden!), womit der Kaiser noch nicht völlig ausgeschlossen ist, der sich gerade das Patricius-Amt von Rom hat bestätigen lassen, welches ihm ein Vorschlagsrecht für die Papstwahl gibt.

Neu zu weihende Priester seien nun auf ihre Qualifikation hin zu überprüfen (Kenntnis der Messtexte und der wichtigsten Gebete zum Beispiel), und an den hohen Kirchen sollten sie in kanonischer Gemeinschaft leben.

 

Zuletzt war 816 dazu ein dem wenigstens ein Stück weit nahekommendes Regelwerk zu Aachen unter Kaiser Ludwig dem Frommen erlassen worden, aber wie Hildebrand (der zukünftige Gregor VII.) auf diesem Laterankonzil 1059 richtig feststellte, war darin in Kanon 115 zumindest implizit Privatbesitz der Kanoniker zugelassen, so wie auch auf dem selben Konzil ein gewisser Lebensmittel-Luxus in den Regeln moniert wurde. Beschlossen wurde dann aber nur, dass der gemeinsame Kirchenbesitz gemeinsam bleiben sollte, der Privatbesitz, den der geweihte und „keusch lebende“ Priester mitbrachte, konnte ihm weiter gehören. Papst Nikolaus II. wusste wohl, dass mehr bei vielen höheren Geistlichen nicht durchsetzbar war.

Was dann geschieht, ist, dass einzelne Bischöfe an ihrer Kirche die Umwandlung des geweihten, höheren Klerus in ein reguliertes Stift neuer Form mit klerikaler Besitzlosigkeit durchsetzen, zum Teil gegen erhebliche Widerstände, während viele Gruppen von Säkularkanonikern daneben existieren, die bald nach der Reformzeit allerdings anfangen werden, größere Teile des gemeinsamen Kirchenbesitzes für sich abzuspalten.

Die radikalen Positionen zum Klerus, wie sie Hildebrand/Gregor vertritt sollten diesen zu einer Art Mönchtum ohne gänzliche Weltabgeschlossenheit und mit der Aufgabe der Seelsorge machen, und aufgrund ihrer zusätzlichen Aufgabe sollte er sogar über den eigentlichen Mönchen stehen. Damiani teilt dies hohe Lob nicht, wiewohl er die Regulierung der Kanoniker befürwortete. Denn für ihn ist das benediktinische Mönchtum eben auch kein Leitbild. Als Abt von Fonte Avellana lobt er nur „die in Einzelzellen klösterlich lebenden Eremiten, die durch ständiges Fasten bei Wasser und Brot, ständiges Beten, Schweigen und Selbstgeißelung“ den harten Weg gehen (Blumenthal, S.118). Diese Einstellung wird er auch als Bischof von Ostia nicht ändern.

 

Als Nikolaus sich dann im Bündnis mit den Normannen neue Verbündete sucht und diese auf einer Reformsynode in Melfi im Sommer 1059 gar mit ihren Eroberungen belehnt, was eigentlich dem Kaiser zustand, rücken die deutschen und norditalienischen Bischöfe von ihm ab. Zum Bruch kommt es im Winter 1060/61, als Kaiserwitwe Agnes für den von ihr eingesetzten Erzbischof Siegfried von Rom die Übersendung des Palliums erbittet. Die Kardinäle lehnen das in einem von Damiani verfassten Brief scharf ab: Er solle dieses in Rom persönlich abholen. 1061 wird Nikolaus II. darauf von einer Reichssynode exkommuniziert. Der drohende massive Konflikt wird wohl nur durch den Tod des Papstes im Juli 1061 vermieden.

 

Vertreter des stadtrömischen Adels und die Bischöfe von Piacenza und Vercelli erscheinen im Herbst 1061 am Königshof in Basel mit der Bitte, einen neuen Papst zu bestimmen, und dazu wird der Bischof Cadalus von Parma auserkoren, der sich Honorius II. nennt. 1062 wird er unter Beteiligung vieler lombardischer Bischöfe von Heinrich IV. auf einer Reichsversammlung in Basel ernannt.

 

Hildebrand rief bereits vier Wochen zuvor die Normannen zur Hilfe, die Teile der Stadt erobern, so dass in der Kirche San Pietro in Vincoli der Bischof Anselm von Lucca als Alexander II. ausgerufen werden kann. Man einigt sich dann aber unter dem Herzog von Lothringen und Tuscien darauf, die Entscheidung des römischen Königs im Norden einzuholen.

In dieser Situation des Schismas entführt Bischof Anno von Köln mit Unterstützung des Erzbischofs von Mainz und des bayrischen Herzogs im April 1062 das Kind Heinrich IV. und bringt es in seine Gewalt. Darauf gewinnen die Unterstützer Alexanders II. im Nordreich die Oberhand.

 

Als Heinrich IV. 1065 die Regierung antritt, ist er mit innerdeutschen Problemen beschäftigt und enttäuscht die Hoffnung von Reformern wie Damiani, dass er bald nach Italien ziehen und dort die Reformer gegen Cadalus/Honorius unterstützen würde.

 

In die Amtszeit des letzten Papstes vor Gregor VII. fällt der erste gravierende Konflikt mit dem Königtum. In Mailand war "Volk" unter der Führung einiger Adeliger,  als zweite Etappe der  'Pataria' auch gegen die traditionelle ambrosianische Kirche aufgestanden, inzwischen nicht nur gegen Simonisten, sondern auch gegen die verheirateten Priester. Zudem unterstützen diese Leute das Reformpapsttum. In den gewaltsamen Konflikten war ein Bischof zurückgetreten und ein neuer von Heinrich IV. wie üblich bestimmt worden. Wie ebenfalls üblich, sind die lombardischen Bischöfe und überhaupt die norditalienischen bislang ausgesprochen königstreu und zugleich gegen die nach Einfluss strebenden Städter eingestellt. Zudem bestehen sie auf ihrer bischöflichen Autonomie und der kollegialen Regelung ihrer Angelegenheiten.

Mehrere königliche Räte werden darauf 1063 exkommuniziert. Aber da Päpste für gewöhnlich alt sind, stirbt auch dieser zwei Jahre später.

 

Gregor VII. (1): Veritas, Recht und Macht

 

Gregors VII. Papst“wahl“ 1073 stimmt nach allen Quellen nur insofern mit dem obigen Dekret von Nikolaus II. überein, als der Kaiser nicht beteiligt ist. Nicht beteiligt und wohl nicht anwesend sind aber ganz offensichtlich auch die inzwischen vorgeschriebenen Kardinalbischöfe, die der progregorianische Bonizo von Sutri dann als quasi nachträglich zustimmende im 'Liber ad amicum' noch einfügt. Mag sein, dass Hildebrand auch deswegen zunächst gezögert hat, die Wahl anzunehmen, und nicht nur aus einem Bescheidenheitsritual heraus.

Papst Alexander war unerwartet verstorben. Bei den Trauerfeierlichkeiten hörte man erste Stimmen, Hildebrand solle Papst werden. Als die Trauernden dann an San Pietro in Vincoli vorbeizogen, scheint, von einem Kardinal so inszeniert, ein Tumult ausgebrochen zu sein, in dem diese Stimmen immer lauter wurden. Man begibt sich in die Kirche und erhebt Hildebrand zum Papst. Dieser hält es nicht für nötig, seine Wahl beim römisch/deutschen König bestätigen zu lassen. Zunächst aber scheinen König und Papst miteinander auszukommen.

 

Nie vorher waren Glaube und Macht so sehr zu einer einheitlichen Vorstellung verschmolzen wie mit ihm. Dabei ist „Glauben“ nicht etwa im Sinne irgendeiner "Aufklärung" zu verstehen, sondern als eine höhere Art des Wissens. Man weiß, was einst im „Heiligen Land“ geschehen war, man weiß, was römische Rechtgläubigkeit ist, es steht schließlich alles geschrieben. Man weiß, dass es einen dreifaltigen Gott gibt und was er möchte, denn das ist von vorneherein festgelegt worden. Glaube ist so nie die Entscheidung für eigene Überzeugungen, sondern die Unterwerfung unter die von anderen.

 

Glaube ist der Besitz ewiger Wahrheit, ein für nicht Gläubige beunruhigendes, weil bedrohliches Phänomen. Gregor wiederholt den Satz nordafrikanischer Kirchenväter, Christus habe gesagt, er sei die veritas, Wahrheit, und nicht die consuetudo, Gewohnheit. Und dieser Besitz der Wahrheit ist über Petrus auf den römischen Bischofsstuhl gelangt, von wo aus sie unerbittlich zu verbreiten ist. Da die Wahrheit göttlicher Offenbarung entspringt, erlöst sie als Selbstverständlichkeit von den Mühen des Verstehens. Das Wahre ist dann wahr, weil es verkündet wird. Insofern kann Gregor VII. die als „fromm“ bezeichnen, die den von ihm selbst vertretenen korrekten Glauben haben. Gemeint ist dabei aber im Kern die korrekte Auffassung von Kirche.

 

Der Besitz von Wahrheit verhindert einen Diskurs, der mehr ist als schiere Überzeugungsarbeit. Die jüdische, christliche und islamische Offenbarungs- und Schriftreligion sind so von vorneherein von Denkverboten und der Tendenz zur Unduldsamkeit geprägt. Diese nehmen im 11. Jahrhundert zu, als sich aus der Auflösung der spät- bzw. nachantiken Welt und ihrer folgenden Beunruhigung neue Strukturen und Ordnungssysteme abzeichnen, für die ein neuartiger Adel und die Städte mit ihrem Wirtschaften stehen. Klosterreform beginnt in Burgund, Reform von Kloster und Kirche in der Nordhälfte Italiens, wo die Entwicklungen am weitesten fortgeschritten sind. Und Italien wird zum Schwerpunkt des Interesses Gregors, so wie auch der Konflikt mit Heinrich IV. sich um Mailand entzünden wird.

Die Verengung des Weltbildes besonders in Italien muss auch etwas mit dem Aufstieg der Städte zu tun haben, die, immer noch unter bischöflicher Kontrolle, etwas verwirrend Neues in der kirchlichen (und klösterlichen) Welt darstellen, die auf heute so genannter Grundherrschaft, also auf Landbewirtschaftung unter der Bedingung abhängiger Produzenten beruht. Bewusste Reflektion findet offenbar nicht statt, aber die Welt beginnt sich schneller zu verändern, was sicher zumindest in Italien Verunsicherung hervorruft. Dazu gehört, und das war auch damals verständlicher, eine komplexere Schichtung der städtischen und im Gefolge sogar der ländlichen Bevölkerung.

 

Wahrheit sortiert richtig und falsch. Im religiösen Kontext tendiert sie zur Dichotomisierung von gut und böse, zur scharfen Abgrenzung voneinander ohne Übergänge dazwischen, man könnte psychologisierend auch von Rechthaberei reden, einer Klarheit, zu der der Besitz von Wahrheit verführt. Eine Richtung dahingehend entwickelt sich schon in den ersten Jahrhunderten der Kirche mit ihrer Neigung zur Dogmatisierung, die unter Konstantin noch zunimmt.

 

Geoffenbarte Schriftreligion und Recht haben die Unduldsamkeit gemeinsam, sobald sie allgemeine Geltung beanspruchen. Sie werden verkündet und verlangen Unterwerfung. Es ist kein Zufall, dass Juden und Christen den Kern der Offenbarung ihres Gottes als Gesetz bezeichnen. Und ebenfalls ist es kein Zufall, dass über Gottesfrieden und Landfrieden mitten im Investiturstreit situative Rechtsetzungen für den Einzelfall sich zu einer allgemeinen Gesetzgebung zu entwickeln beginnen.

 

Es ist die Stadtsässigkeit der Bischöfe, die mit der Wiederherstellung eines umfangreicheren städtischen Lebens im 10./11. Jahrhundert Verrechtlichung wieder vorantreibt, wozu auch gehört, dass an den Kathedralen, von denen die Reform verlangen wird, dass sie überall Schulen einrichten, Vorstellungen eines geschriebenen Rechts für die großen familiae der Bischöfe auftauchen. Leider sind dafür aus den Anfängen nur wenige Dokumente wie das „Hofrecht“ Bischof Burchards von Worms überliefert.

Schulbildung, Verrechtlichung und Dogmatisierung wandern dabei von den Klöstern langsam zu den Bischofskirchen, in denen sich auch eine neue, an Aristoteles orientierte Art des Philosophierens niederzulassen beginnt, was dann in frühen Universitäten als universitates der Gelehrsamkeit sich zusammenschließen wird. (siege Großkapitel 'Intellektualität')

 

Verrechtlichung tendiert zur Schwarz-Weiß-Malerei, zu rechtens und unrecht ohne Grautöne dazwischen. Recht bildet nicht lebendige Wirklichkeit ab, sondern nur die darin enthaltenen Machtverhältnisse. Das aber hat sie mit geoffenbartem Glauben gemeinsam.

 

Die Klarheit neuen rechtlichen und philosophischen Denkens führt aber auch im religiösen Raum zu einer Klarheit, die früheren Pragmatismus nur als Verlotterung und Korruption begreifen kann. Als Religion, die im Zentrum nicht (nur) den Kult, sondern vor allem die heiligen Schriften hat, war das Christentum für eine solche Wendung besonders geeignet – Schriftreligionen fördern eine Form von Gelehrsamkeit, die von Gewissheiten ausgeht.

 

Umgekehrt übrigens werden die Gegner Gregors genau solche Rechtsargumente aufgreifen, wenn sie zum Beispiel ihm vorwerfen, dass er gegen Recht (ius) verstoße und seine Wahl criminosa gewesen sei (Wormser Schreiben der Bischöfe von 1076). Und so kann der dem König feindselige Lampert von Hersfeld dann für 1077 in seinen Annalen auch schreiben: (…) crimina (…) se cognitore et iudice presidente responderet (…), der König möge also unter päpstlichem Vorsitz als Rechtsbeistand und Richter den Anschuldigungen von Verbrechen entgegentreten. Die illusorische Klarheit des Rechtes und die willkürlichen dogmatischen Setzungen der Kirche finden zueinander. Die neuen Formen von Staatlichkeit werden darin ein Vorbild finden

 

Vielfach beruhen die Begründungen für die Kirchenreformen, die sich immer auffälliger um einen Legalismus auf der Basis von Dekretsammlungen bemühen, dem sich parallel die von Verfassungen eines Lehnssystems und der Verrechtlichung von Stadtbürgertum anschließt, im kirchlichen Raum auf zum Teil schon altbewährten kirchlichen Fälschungen, also gefälschten Dokumenten. Dazu gehörte das lange Zeit nicht sehr ernst genommene 'Constitutum Constantini', welches eine Übertragung zumindest großer Teile Italiens samt kaiserlicher Macht und Insignien an die Päpste behauptete. Darauf begründete Reformpapst Nikolaus II. denn auch seine Einkleidung nicht nur mit der Mitra, sondern ebenfalls mit dem mit Edelsteinen besetzten Diadem (Tiara), einer Art kaiserlicher Krone. Besonders gehörten dazu aber die heute so genannten pseudoisidorischen Texte. Sie entstammten einer westfränkischen kirchlichen Fälscherwerkstatt des 9. Jahrhunderts und sind voller halbwegs erfundener Konzilsbeschlüsse und päpstlicher Dekrete, königlicher Verfügungen und ähnlichem.

 

Gut und böse tauchen spätestens unter Gregor VII. als richterliches richtig und falsch auf, von ihm als universalem Richter dann in unschuldig und - vor allem - schuldig (culpabilis) transformiert. Und so fällt er dann Urteilssprüche (sententiae) über jeden und alles, als ob er unentwegt einem Gericht vorsitzen würde, und dient, wie er immer wiederholt, der Gerechtigkeit (iustitia), ein Begriff, der sich im Übergang von einer ethischen zu einer neuartig juristischen Bedeutung befindet und noch mit der von Gregor ebenfalls geschätzten aequitas korrespondiert.

 

Dabei ist Gregor VII. (und selbst Urban II.) noch ein Wegbereiter, denn es wird mit dem Offenbarungscharakter seiner Rede erst der Weg in den Rekurs auf das Recht gebahnt: Recht versteckt die Macht der Person hinter dem allgemeingültigen Text, und geoffenbarte Wahrheit macht genau dasselbe. Mit ihr wird dem Recht der Weg gebahnt. Deshalb finden bis in die Zeit der großen Übereinkünfte zwischen Papstkirche und Herrschern die kirchlichen Rechtssammlungen auch noch nicht auf Geheiß der Päpste statt, sondern aufgrund persönlicher Initiven vor Ort. (Fuhrmann in: Investiturstreit, S. 175ff)

 

Auch wenn das Sprechen von Päpsten ex cathedra erst viel später als unfehlbar dogmatisiert wird, bei Gregor VII. ist es bereits als subjektive Überzeugung voll ausgebildet. Damit ist am Ende jede Verständigung hin zu einem Kompromiss ausgeschlossen. Daran wird er denn auch persönlich scheitern.

 

Das schiebt bestimmte Persönlichkeits- bzw. Charaktertypen nach oben in die Öffentlichkeit, und der Aufstieg Hildebrands entlang mehrerer Reformpäpste ist dafür mustergültig. Die damaligen Reformforderungen und Reformansätze hatten Verwirrung hervorgerufen, weil sie Konflikte produzierten. Als eine schwer rekonstruierbare Menge aus Klerikern und Laien Hildebrand „tumultuarisch“ zu Gregor VII. machten, hoffte sie wohl auf die von ihm persönlich vertretene Klarheit, die wohl als Vereinfachung verstanden wird.

Man muss aber hinzufügen, dass die dogmatische Unduldsamkeit eines Gregor nicht ausschließt, dass er sich in jenem Verhandeln übt, welches Überzeugen und Überredung vor allem meinte. Soweit kann er geduldig mit Herrschern und Bischöfen umgehen, was aber immer zeitlich begrenzt bleibt. Spätestens wenn die dritte Ermahnung nichts fruchtet, ist es mit der Geduld vorbei. Reformpäpste wussten alle, dass die Welt und die Menschen nicht ganz schnell nach dem Evangelium, den Kirchenvätern und Kirchendoktrinen ausgerichtet werden konnten.

 

Die ausgesprochen römische Erhebung des neuen Papstes mag auch mit der Hoffnung verbunden gewesen sein, Rom, von dessen zentraler Bedeutung der „Römer“ Hildebrand zutiefst überzeugt war, wieder aufzuwerten in der Konkurrenz mit Städten wie Venedig, Pisa oder Genua.

Diese Identifikation mit Rom und seinem Reich wird nicht nur Gregor VII. beflügeln, sie ist in römischen Kreisen offenbar immer lebendig geblieben, auch als es sich im frühen Mittelalter um eine flächenmäßig große, aber bevölkerungsarme Ruinenstadt handelte (Blumenthal u.v.a.). Was im 11. Jahrhundert nun mit besonderem Nachdruck betont wird, ist jener magische Vorgang, in dem der von Jesus inspirierte Petrus diese Übertragung auf ihn auf das Amt vererbte. Zur Textgläubigkeit kommt so der Glaube an die Zauberkraft des auch hier wirkenden Heiligen Geistes, der schon Maria magisch inseminiert hatte und nun auf das Amt und über dieses spätestens mit Gregor auch auf die von ihrem Amt durchdrungene Person überging.

 

Was die Kirche nun auf diesem Wege erhöht, ging allerdings zunächst auf Kosten der bisherigen Autonomie der Erzbischöfe und Bischöfe, und traf im 11. Jahrhundert erst einmal auf den Widerstand eines großen Teils des höheren Klerus. Wenn Bischof Wazo tatsächlich seine Unterordnung des Laienstandes öffentlich so ausgesprochen hatte, nahm er noch für sich in Anspruch, selbständig Lehrmeinung zu verkünden.

 

Das Papsttum war vor der Kirchenreform in seinen Bewegungen im wesentlichen beschränkt auf den mittel- und norditalienischen Raum. Dieser weitet sich nach Norden und Nordwesten durch regelmäßige Besuche von Legaten und Päpsten selbst. 

Das kann nur geschehen sein durch ein neues Bewusstsein von einem gemeinsamen öffentlichen Raum, in dem persönliche und öffentliche Perspektive sich verbinden. Insofern schaut Kirchenreform nicht zurück, auch wenn sie so auftritt, sondern bedeutet massive Modernisierung. Sie geht dabei Tendenzen der Verstaatlichung als Institutionalisierung eines weltlichen öffentlichen Raumes voraus.

Genau in den Generationen vor der Reform hatten sich Räume zu öffnen begonnen. Mit päpstlicher Unterstützung gelang es für Pisa, Genua, Amalfi, Venedig (Bari), sich mit militärischer Gewalt einen mittelmeerischen Handelsraum gegen die bisherige muslimische Übermacht zu eröffnen, der als einer, wenn nicht der zentrale Ansatzpunkt für das gilt, was für genau die Zeit der Kirchenreform heute oft als kommerzielle „Revolution“ bezeichnet wird. Handel schafft (geographische) Räume, die durch Schiffswege, Flüsse und Straßen erschlossen werden. Ganz langsam beginnen Orte sich näher zu rücken.

 

Die Friedensbewegungen als Vorformen von Staatlichkeit machen Wege sicherer, so wie weltliche Macht sich nun auch stärker um die Sicherheit von Handelswegen kümmert. Die zeitweilig enge Verschränkung salischen Kaisertums und eines von ihm eingesetzten Reformpapsttums fördert auch die zwischen dem deutschen und dem italienischen Teilreich. Das alles hilft der Papstkirche, ganz handfest für die lateinische Christenheit universal, also allgegenwärtig zu werden.

 

****Reform und Gewalt****

 

Gewaltlosigkeit als Nächstenliebe bis hin zur Feindesliebe ist im hier betrachteten  lateinischen Christentum abgesehen von einigen Virtuosen der Caritas nie christliche Praxis geworden. Ganz im Gegenteil, sobald sich das Christentum mit der weltlichen Macht verbündet und verschränkt hatte, beginnt als erstes die Verfolgung und Ausrottung der Nichtchristen, verbunden mit der Christianisierung des Krieges und des Kriegertums, des Militärs. Als der aus der Militanz geborene Islam und das Christentum aufeinandertreffen, unterscheiden sie sich bereits weder an Grausamkeit noch an gnadenloser Unduldsamkeit. Der christliche Gott wird schon in der späten Antike zu einem Kriegsgott und einem Gott des Schlachtenglücks.

 

Die Kirche verlangt zwar von ihren Amtsträgern den Verzicht auf eigenhändige Ausübung von Waffengewalt, aber in der Übergangszeit zwischen Antike und hohem Mittelalter treten nicht wenige Bischöfe hoch zu Pferde und mit dem Schwert in der Hand ihren Feinden entgegen. Sobald Bischöfe praktisch und dann auch von Rechts wegen Grundherren und Stadtherren werden, lassen sie das damit verbundene Gewaltregiment aber auch in ihrem Namen von weltlichen Stellvertretern ausüben.

 

Andererseits wird die weithin unbewaffnete Kirche und werden die Klöster leicht zum Opfer waffentragender Gewalttäter, die in den zahlreichen Kriegen und Fehden Beute suchen – genauso Opfer wie Bauern und städtische Bevölkerung. Die daraus im 10. und 11. Jahrhundert entstehende Friedensbewegung ist zwar weit entfernt vom evangelischen Friedens(an)gebot, versucht aber die allgemeine Gewalttätigkeit wenigstens einzudämmen – und kann sich dabei auf die heiligen Schriften, wenn auch etwas vage, berufen. Was davon bleibt, ist der sich in diesen Zeiten ausdehnende Gedanke eines (inner)städtischen Friedens, vor allem ein Anliegen der Händler und Handwerker, die nicht auf Beute, sondern auf Gewinn aus waren.

 

Das Verhältnis des Christentums zur Gewalt bleibt aber widersprüchlich, wie die religiös untermauerte Reconquista in Spanien und dann die Kreuzzüge zeigen, die Handwerk und Handel, insbesondere dem Fernhandel und Seehandel, zu einem enormen Aufschwung verhelfen. Was nun beginnt, ist eine immer systematischere Unterscheidung in gute (gerechtfertigte) und böse (sündhafte) Gewalt, und zugleich die Veränderung des Kriegszieles vom bloßen Beutezug hin zum Erwerb von Rohstoffen und Handelswegen. Mit den Handelsniederlassungen der italienischen Seestädte im Heiligen Land und um dieses herum beginnt das erste Zeitalter des Kolonialismus, von der Kirche wohlwollend begleitet.

 

Für den höheren Kriegeradel war Streben nach Heiligkeit unmöglich, dagegen stand schon die Gewalt der Waffen, die für ihn unabdingbar war. Aber es genügte ihm auch weithin, sich um das eigene Seelenheil insofern zu kümmern, als es um die Abwendung von Höllenqualen nach dem Tode ging. Schrittweise bestätigte ihnen die Kirche nun immer theoretischer/theologischer die Sinnhaftigkeit ihres Kriegerstandes. Aber für dies Seelenheil führte kein Weg an der Kirche vorbei, die von Gott eingesetzt war, um seine Gnadenmittel als die Ihren auszugeben (immer noch ein Kriegergott für sie, was aber im 11. Jahrhundert zunehmend problematisiert wird hin zum Befürworter eines gerechten, von der Kirche beauftragten Krieges, Vorfahre eines staatlich legitimierten).

 

Gott war dem Kriegeradel allerdings nur gnädig, wenn sie dafür Leistungen erbrachten: Kirchlich genehmigte Heiratsverbindungen gehörten dazu, großzügige Gaben an Kirche und Kloster und Gehorsam gegenüber den höheren kirchlichen Institutionen. Damit die Gaben wirksam waren, musste Kirche und Kloster aber auch jener Schein von Heiligkeit umgeben, der ihre direkte Verbindung zu Gott glaubhaft machte. Die Standarde setzten nun zunehmend die Reformkräfte, während die zunächst große klerikale Mehrheit in eine Defensive geriet, die ihre hinreichende Heiligkeit zweifelhaft machte.

 

Diese Verschränkung einer zunächst kleinen adeligen Minderheit mit den Reformern, die (seit Gregor VII. sehr deutlich) zum nun neuen christianisierten Kriegerideal führen wird, verdichtet den entstehenden öffentlichen Raum.

 

Solche Reformierung des Klerus, innerkirchliche Reform, war für die adelige Kriegerwelt dennoch überwiegend eine zumindest zwiespältige Angelegenheit. Einerseits beruhte die Wirksamkeit des Gebetes für sie in von ihnen gegründeten oder wenigstens mit Gütern versehenen Kirchen auf der Heiligkeit der Betenden, und die Kirche wird weiterhin auch ihre Macht religiös begründen, die auf derselben Art von großem Grundbesitz basierte. Andererseits schwindet dadurch die ungenierte Verfügung über Personal und Gut von Kirchen, die sie als Eigentum oder wenigstens Verfügungsmasse betrachteten. Wichtig aber war auch, dass die Ansprüche der Reformer und die immer aristokratischere Lebensweise der Oberschicht der Laien einen Graben auftun werden, der nicht mehr zu schließen ist. Christliches Mittelalter bedeutet von nun an etwas anderes.

 

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Wohl in diesen Zusammenhang gehört eben auch die neue Form kirchlicher Militanz. Wurden bisher bischöfliche und klösterliche Vasallenheere entweder für eigene Machtzwecke oder über ihre Bindungen nach oben in die weltliche Sphäre hinein für deren Machtinteressen genutzt, so kommt es nun zu einer kirchlichen Militanz, die sich ganz in den Dienst der Reformkirche stellt und – wohl nicht ganz ohne Rückblick auf Augustinus - um eine rein religiöse Begründung militärischer Gewalt bemüht: um die Neudefinition des gerechten und dann des heiligen Krieges unter kirchlicher Führung.

 

Gewalt war zunächst gefordert bei der Durchsetzung mehrerer Reformpäpste in Rom selbst, und offenbar reichte gelegentlich die Macht der sympathisierenden Adelsgeschlechter der Frangipani und Pierleoni nicht aus, so dass der Erzdiakon Hildebrand Söldnertruppen anwerben und begleiten musste. Als Papst hatte er wohl eine eigene kleinere Truppe, die als familiari militia beati Petri einmal in den Quellen auftaucht (Blumenthal, S.319, Anm.136)

In einzelnen Fällen werden auch Kriege und militärische Gewalt weltlicher Art gefördert, wenn Wilhelm, dem Eroberer Englands, zum Beispiel für diesen Zweck eine Papstfahne übersandt wird, obwohl das mit tante homicidia (soviel Morden) verbunden ist, wie der Papst selbst schreibt, verbunden ist, oder wenn der Anführer der inzwischen papsttreuen Mailänder Pataria Erlembald mit der Petersfahne gesegnet wird. (Blumenthal, S.127/130)

 

Aber Päpste waren auch selbst schon Kriegsherren. Leo IX. begleitet seine Truppen in die Schlacht von Civitate, wo er sie mit Gebeten anfeuert, Nikolaus II. zog mit einem ihm ergebenen römischen Heer und mit normannischen Truppen gegen den Grafen von Galeria. Auf einer römischen Synode von 1078 wird das Tragen von Waffen und das Kämpfen von Papst Gregor als Sünde bezeichnet, es sei denn im Auftrag frommer Bischöfe, zur Verteidigung der Gerechtigkeit (in Blumenthal, S.136). Was längst Praxis war, wird nun religiös begründet.

 

Nach der zweiten Absetzung Heinrichs, der Aufstellung eines Gegenpapstes und dessen erfolgreichem Kriegszug durch Norditalien wird die Möglichkeit eines direkten Krieges zwischen Papst und König akut. Gregor versucht, normannische und norditalienische Truppen zur Verfügung zu bekommen, nachdem Mathilde von Tusziens Heer geschlagen ist. Als Heinrich vor Rom steht, gelingt es Gregor nicht, Kirchenschätze für die Finanzierung von Söldnern aufzutreiben. Die hohe Geistlichkeit dort verweist darauf, dass sie nur für die Armen verwendet werden dürften. Gregor muss sich in das befestigte Haus der Crescentier zurückziehen und schließlich in die Arme des Normannen Robert Guiskards begeben.

 

In Zusammenhang damit lässt sich ein eher psychologischer Aspekt der Veröffentlichung individueller Askese durch das überlieferte Quellenmaterial verständlicherweise nur schwer belegen, da er dort verständlicherweise nicht reflektiert wird: Die nun häufigere, rabiatere (unapostolische und nicht benediktinische) Askese lässt sich, bei aller religiöser Begründung, als Autoaggression sehen, besonders dort, wo sie zu Gesundheitsschäden führt. Insofern ist es nicht besondere Heiligkeit, die eine öffentliche Stimme sucht, die der Sublimation von Triebhaftigkeit als „Vergeistigung“, sondern eher Selbst-Belohnung in der Wendung von Aggression nach außen. Das aggressive Potential, welches in Äußerungen von Gregor, Humbert, Damiani und manchen anderen in unterschiedlichem Umfang als übelste Beschimpfungen, Verdammungen bis hin zu exzessiven Hassgefühlen durchscheint, scheint als Gratifikation für Verzicht (auf Lebenslust) durchzuscheinen. Lebenslust wird dabei zu Korruption, Verderbnis.

Für die tonale Aggression gegen die Reformgegner möge stellvertretend der geradezu alttestamentarische Bannfluch im Papstwahldekret von 1059 dienen: Er verliere seinen Besitz und in seiner Hütte sei niemand, der darin wohne. Seine Kinder mögen zu Waisen werden und seine Frau zu einer Witwe. Im Zorne werde er selbst fortgeschickt und seine Kinder sollen betteln gehen und aus ihren Wohnungen herausgeworfen werden. Ein Wucherer möge ihre ganze Habe durchwühlen, und Fremde mögen alle seine Werke zunichte machen. Der Erdkreis kämpfe gegen ihn und alle Elemente seien ihm Feind... (deutsch in Laudage/Schrör, S.71)

 

Die enorme Aggressivität und Grausamkeit hier gipfelt in ihrer Wendung auch gegen Frau und Kinder des Bösewichts. Der Ton nichtpäpstlicher Reformer konnte das punktuell aber noch steigern. Als der Mainzer Erzbischof 1075 nicht rabiat genug gegen Reformgegner in seinen eigenen Reihen vorgeht, schreibt ihm Gregor VII.: Verflucht sei, wer sein Schwert am Blutvergießen hindert. (in Weinfurter, S.114)

 

Man muss sich einmal anschauen, was angeprangert wird: Die sehr natürliche und sehr weltliche Lust an Machtausübung, die mit mehr oder minder weltlichen Mitteln erkauft wird, das darauf basierende Vergnügen an Luxus in der Ernährung oder Bekleidung zum Beispiel, zusätzlich das ästhetische Vergnügen an schmückendem Beiwerk und dem Prunk und Protz, der damit einhergehen kann. Dann nicht zuletzt das sehr naturgemäße Ausleben sexueller Triebhaftigkeit mit Geliebten oder Ehefrauen (fedam libidinosae contagionis pollutionem, wie es von Gregor VII. gegenüber dem Erzbischof von Mainz heißt), dessen Verzicht unter Bedingungen rabiater Askese kaum noch erträgliche Formen von Sublimation zulässt, sondern sich Ersatzbefriedigung suchen muss.

 

Autoaggression kann so Aggression nach außen als Entschädigung suchen, und die Reformer fanden sie gegenüber ihren Feinden. Gregor gehört da zumindest zeitweilig nicht zu den rabiateren, indem er der vollen Härte die vorausgehenden Versuche der Verständigung in der Regel vorzieht.

 

Zu betrachten ist dabei, wie unter den Bedingungen radikalerer Askese nun der Blick geschärft wird für die tausendjährigen Arrangements auch von Klerikern und Mönchen mit ihrer Lebenswirklichkeit. Gerade für Italien stellt er eine Verlotterung (Korruption) fest, wie sie von Reformern vielfach beschrieben wird. Gerade hier treten sich eine sich nach außen wendende radikale Askese und daneben bestehende "Verderbnis" besonders eng entgegen.

 

****Geistlichkeit und Gewalt an einem Beispiel (1061/64)****

 

Der legendäre Simon Petrus der Evangelien, der Fels, auf den die Kirche gebaut werden sollte, haut einem römischen Soldaten ein Ohr ab, um seinen Herrn und Meister zu verteidigen. Wenn der es schon nicht schaffte, seine Aggressionen zu zügeln, wie dann die Geistlichkeit, die sich später auf ihn beruft. Und in Klöstern war es schon im frühen Mittelalter nicht anders, wie Ekkehard von St.Gallen aus seinem Kloster erzählt.

 

Lampert von Hersfeld berichtet für das Jahr 1063, davon, wie der noch kindliche Heinrich IV. in Goslar Weihnachten feiert, und sich der Bischof von Hildesheim und der Abt von Fulda mit Fäusten prügeln, als es um den privilegierten Sitzplatz neben dem Erzbischof von Mainz ging. Der Bischof meint, den Platz des Abtes einnehmen zu dürfen, weil der Ruhm seines Reichtums den seiner Vorgänger weit übertraf. Eine nicht sehr spirituelle Begründung, wenn sie denn so stimmt.

 

Als der kleine König dann, wiederum in Goslar, Pfingsten feiert, ist Schlimmeres bereits vorprogrammiert. Denn der Bischof von Hildesheim, der die damals erlittene Zurücksetzung nicht vergessen hatte, hatte den Grafen Ekbert  (von Braunschweig) mit kampfbereiten Kriegern hinter dem Altar verborgen. Als diese nun den Lärm der sich streitenden Männer hörten, stürzen sie rasch hervor, schlagen auf die Fuldaer teils mit Fäusten, teils mit Knüppeln ein, werfen sie zu Boden und verjagen sie durch den unvermuteten Angriff wie vom Donner Gerührten mühelos aus der Kapelle der Kirche. Sofort rufen diese zu den Waffen. Die Fuldaer, die Waffen zur Hand hatten, scharen sich zu einem Haufen zusammen, brechen in die Kirche ein, und inmitten des Chores und der psalmodierenden Mönche kommt es zum Handgemenge. Man kämpft jetzt nicht nur mit Knüppeln, sondern auch mit Schwertern. (...) Auf Gottes Altären werden grausige Opfer abgeschlachtet, durch die Kirche rinnen allenthalben Ströme von Blut, vergossen nicht wie ehedem durch vorgeschriebenen Religionsbrauch, sondern durch feindliche Grausamkeit.

 

Laut Lampert wäre es dem Abt schlecht gegangen, wenn er nicht die Anwesenden reichlich bestochen hätte, aber immer da, wo den Autor die Freude am Erzählen packt, muss man besonders vorsichtig sein, denn er schmückt dann gerne aus, übertreibt und ergreift wenig unauffällig Partei.

 

War das nun typisch oder untypisch für mönchische und weltgeistliche Herren? Wohl weder noch, denn die überlieferten Quellen geben dazu zu wenig für Verallgemeinerungen her. Lampert zumindest erschien das Ganze wohl frevelhaft, aber nicht völlig ungewöhnlich. Bei Sigmund Freud heißt es: Da das Verbot das Gehemmte aufstaut, so dass es wie eine Flut den Damm brechen kann, wären Kulturen mit hohem Verbotsniveau solche, die episodische Beschleunigungen erhielten. Das Verbotsniveau bei Geistlichkeit und Mönchen war jedenfalls von den Vorschriften her, so hoch, dass häufige Dammbrüche angenommen werden können. Oder etwas allgemeiner gesagt: Hohe Moral im neudeutschen Wortsinn macht umso aggressiver, je mehr Aggressionen verboten sind. 

 

Das Ganze hat bei Lampert ein Nachspiel. Die jüngeren Mönche in Fulda sind empört

darüber, dass ihr Abt, und nicht nur wegen Goslar, das Geld der frommen Spender für seine Zwecke verplempere. Bei Lampert wird ihm sogar Gewalttätigkeit (violentia) vorgeworfen und sie marschieren unerlaubterweise zum König, um sich über ihn zu beschweren, was nunmehr Lamperts Ordnungssinn wiederum ebenso wie den Abt selbst und seine Lehensleute empört. Sie ließen einen Priester und einen Diakon unter den Mönchen öffentlich mit Ruten auspeitschen und geschoren aus dem Kloster verstoßen. Die übrigen schickte er (der Abt) nach schwerer Geißelung in Nachbarklöster, den einen hierhin, den anderen dorthin. Über die einzelnen wurden jedoch nicht nach dem Maße ihrer Schuld, sondern je nach ihrer hohen oder niederen Herkunft mildere oder strengere Strafen verhängt.

 

Lamperts Bischof Hermann von Bamberg (1065-1075)

 

Man muss sich das Bild solcher Bischöfe einmal anschauen, die nun reformiert werden sollen. Lampert von Hersfeld schreibt in seinen Annalen (für 1065) über Bischof Gunther von Bamberg, der in diesem Jahr stirbt in blühendem und zum Genuss irdischer Freuden besonders tauglichem Alter. Er, der sich außer durch seinen rühmenswerten Lebenswandel (irdische Freuden?) und den Reichtum seiner Seele auch durch körperliche Vorzüge auszeichnete. Er stammte aus einem der vornehmsten Geschlechter des Hofes (was heißt, er war von vorneherein schwerreich) und hatte außer seinem Bistum außerordentlich reiche Besitzungen (privatis possesionibus affluentissimus), er war gewandt in Rede und Rat, bewandert in göttlichen und weltlichen Schriften. An Wuchs, Schönheit der Gestalt (statura et formae elegantia) und Makellosigkeit des ganzen Körpers übertraf er Sterblichen in so hohem Maße, dass während der (seiner) Reise nach Jerusalem die Leute aus Stadt und Land herbeiströmten, um ihn anzuschauen... Bemerkenswert für einen Bischof noch, dass er sich auch gegen Menschen niedersten Standes leutselig und umgänglich zeigte. Letzteres schien nicht üblich, wenn auch für Lampert löblich gewesen zu sein, wenn es extra erwähnt wird. 

Wenn Lampert einen hohen Kirchenherrn loben möchte, dann spielt oft sein edles Äußeres eine gewichtige Rolle, wie auch bei dem die Kirchenreform fördernden Erzbischof Anno von Köln: Er zeichnete sich aber außer durch Geistesgaben und Sittenreinheit auch durch körperliche Vorzüge aus: er war von hohem schlankem Wuchs, sein Antlitz war schön, er war redegewandt und im Ertragen von Nachtwachen und Fasten äußerst ausdauernd, kurz, er war zum Ausführen aller guter Werke mit natürlichen Gaben reich ausgestattet. (Annales zu 1075)

 

Umgekehrt wird ein Bischofskandidat, der Lampert missfällt, wie der königliche Kandidat für die Nachfolge Annos, anhand von sehr äußerlichen Kriterien miesgemacht: Die Wähler widersetzten sich dem mit aller Kraft, indem sie gegen ihn einwandten, er sei ein kleines Männlein mit einem abstoßenden Gesicht und von niedriger Herkunft und habe weder an geistigen noch an körperlichen Vorzügen irgendetwas aufzuweisen, was ihn eines so hohen geistlichen Amtes würdig machte. (s.o.)

 

Der bischöfliche Widerstand sinkt dann in dem Moment, wo sich immer mehr weltliche Herren gegen Könige und Kaiser stellen, mögen Gründe dabei auch zum Teil wenig religiös motiviert sein. Die Bischöfe verlieren so ihren Verbündeten und Orientierungspunkt.

 

Der Mönch Lampert von Hersfeld entwickelt in seinen Annalen eine leidenschaftliche Ablehnung gegen bestimmte Personen, die seine Aufmerksamkeit besonders erregen. Dazu gehört ein Mainzer Vizedominus Hermann, der mit dem hochgelobten Bischof Gunther von Bamberg zu den heiligen Städten in Palästina gepilgert war, und der nach dem Tod desselben eine unermessliche Summe Silber und Gold aufwendet, um sich dort 1065 in das Bischofsamt einzukaufen. Ein wenig löblicher, aber durchaus üblicher Vorgang.

 Wohl aus interessierten Bamberger Kreisen heraus beim Reform-Papst Nikolaus deshalb denunziert, wird er von diesem um 1070 nach Rom vorgeladen, um sich zu rechtfertigen. Was Lampert nun erzählt, lässt sich nicht anderweitig verifizieren: Da gab er dem Papst viele kostbare Geschenke, und dadurch wandelte er dessen wilden Zorn gegen ihn in solche Milde, dass er, von dem man geglaubt hatte, er würde nicht ohne Beeinträchtigung seiner Ehre (honor) und seiner Amts-Würde (gradus) davonkommen, nicht nur Straflosigkeit für das ihm vorgeworfene Verbrechen (crimen) erlangte, sondern auch das Pallium und einige andere erzbischöfliche Abzeichen vom apostolischen Stuhl als Segen empfing.

 

Es geht um Heiligkeit und institutionalisierte Macht und es geht um Gerüchte wie dieses, die die Öffentlichkeit mindestens genauso lebhaft prägen wie heute. Simonie wird hier also – wenn die Nachricht denn stimmt - durch Bestechung geheilt. Das Erstreben von Heiligkeit aber wird im Zuge der Kirchenreform immer wieder neu und anders graduell definiert: Da sind ganz oben die reformierten Mönche, die sich selbst über den nichtreformierten ansiedeln. Da sind andererseits die reformierten Klerikerkollegien, die mönchsähnlich zusammenleben, und die Papst Gregor VII. besonders hoch schätzen wird, da sie der Kirche mehr nützen als die Mönche, die ohnehin der Heiligung der Welt weniger zugetan sind als ihrer eigenen.

 

Auf der anderen Seite sind Bischöfe aber dem hohen Adel gleichrangige und ihm oft entstammende Herren, die auch weltliche Macht ausüben und ganz weltliche Einkünfte erzielen. Von Erzbischof Anno von Köln ist zur gleichen Zeit bekannt, wie er versucht, eine geschlossenere territoriale Herrschaft über reformierte Priesterkollegien und insbesondere Reformklöster zu erlangen, die er selbst einrichtete. Von unserem Bischof Hermann berichtet Lampert nun Folgendes:

 

Der hatte in Bamberg außerhalb der Mauern eine Kirche zu Ehren des heiligen Jakob auf eigene Kosten erbaut und dort eine Kongregation von fünfundzwanzig Chorherren gegründet, die sich durch Gelehrsamkeit, Sittenreinheit und strengen kanonischen Wandel auszeichneten, und er hatte sie ausreichend mit allem bedacht, was sie zu Nahrung und Kleidung benötigten.

 

Der Bischof handelt also wie ein mächtiger und eigenmächtiger adeliger Herr, der sich eine Eigenkirche errichtet. Er, der offiziell als Kleriker eigentumslos ist, verwendet das Geld der Kirche nach eigenes Ermessen – eben wie sein Eigentum, aber hier eben auch zum Lobe Gottes und um sich eine weitere Machtbasis zu schaffen.

 

Als nun der Leiter dieses Kanonikerstiftes starb, vertrieb er die Kleriker und übergab das Stift mit allen seinen Einkünften dem Abt Ekbert von St.Michael, der dort ein Mönchskloster einrichten sollte (…) weil er an der Reinheit des mönchischen Lebens Gefallen fand...

 

Ob diese Begründung zutraf, wissen wir heute nicht, erstaunlich aber ist, dass der Mönch Lampert diesem verbrecherischen Simonisten solche frommen Absichten zutraute. Aber jede geistliche Institution ist auch ein Wirtschaftsunternehmen und eine soziale Einrichtung für die Insassen. Also waren die vertriebenen Chorherren empört darüber, dass ihnen die kirchliche Pfründe, die ihnen den Lebensunterhalt sicherte, ohne Grund entzogen wurde, und dass der Bischof unter Hintansetzung ihres Standes den Mönchsstand so ausschließlich bevorzugte.

 

Die Debatten in der Reformkirche hatten also inzwischen - und für damalige Verhältnisse recht schnell – sich in Kämpfen um die Definition erwünschter Heiligkeit und damit in Machtkämpfen niedergeschlagen. Da nun schierer Eigennutz bei geistlichen Zwistigkeiten argumentativ wenig vermag, wurde zunächst von den Stiftskollegen auf die rechtliche Seite verwiesen: Der rechtlich vorgeschriebene Weg müsse beim Entzug ihres Lebensunterhaltes eingehalten werden. Was noch interessanter ist: Sie fürchteten, sich von den Laien mit Hohn und Spott begaffen lassen zu müssen, wären sie plötzlich mittellos.

 

Da wird plötzlich etwas deutlich, was bei all den Quellen, die für diese Zeit von neuen Frömmigkeitsbewegungen im „Volk“ sprechen, meist übergangen wird, weil dort kaum erwähnt: Jenseits der Debatten über den korrekten Weg zur Heiligkeit scheint es eine Bevölkerung zumindest in den neuartigen Städten zu geben, die die Gelegenheit nutzen könnte, ohnmächtig gewordenen Geistlichen „mit Hohn und Spott“ zu begegnen. Während derzeit in den Sachsenkriegen Vorchristliches als Antizivilisatorisches durchzubrechen scheint, dürfte es in den Städten neben dem Ducken unter die Kirche und dem Konformismus bereits deutliche Aversionen gegen sie geben, die durch die Reformdiskussionen eher noch angeheizt werden. Wenn die einen die anderen abwerten, warum das nicht zu allgemeiner Verachtung ummünzen?

 

Natürlich bringt das enteignete Klerikerkollegium auch die Simonie und andere schändliche Verbrechen vor, seine völlig fehlende Bildung, insbesondere aber seine sehr weltlichen Machtinteressen: ...seitdem er zum Verwalter der himmlischen Pfründe eingesetzt sei (der Einnahmen im Bistum) betreibe er das Geld- und Wucherhandwerk, in dem er von klein auf ausgebildet sei, noch viel eifriger, so dass er die Abteien und Kirchen seiner Diözese, die er schändlich erworben habe, aufs schändlichste verkaufe und der Klerus der Bamberger Kirche, der noch vor kurzem außerordentlich reich gewesen sei (opulentissima) und an allen Gütern reichlich gehabt habe, nunmehr völlig verarmt sei.

 

Geld ist inzwischen auch bei geistlichen Fürsten das wichtigste Mittel, um Ansätze territorialer Herrschaft über die Stadt hinaus zu entwickeln, und darin unterscheidet sich der Bamberger Bischof wohl nicht sehr von anderen. Lampert erwähnt zu 1075 auch einen Bischof Heinrich von Speyer, der stirbt, nachdem er schon fast alle Schätze der Speyrer Kirche mit kindischem Leichtsinn verschleudert und ihre Güter seinen Dienstmannen zu Lehen (beneficium) gegeben hatte...

 

Auch beim König dringen die Stiftsherren nicht durch. Aber sie haben offenbar ein schlagenderes Argument: Das Bistum Bamberg habe nur wenige Klerikerkongregationen und bedürfe daher nicht so sehr der Mönche als der Kleriker, deren Hilfe sich die Leute bei Prozessionen und bei der Unterbringung von Gästen bedienen könnten. Zudem liege die Kirche, die er ja selber erst vor kurzem erbaut habe, an einem verkehrsreichen Platz mitten im Strom der hin- und herziehenden Scharen, von der Bamberger Hauptkirche höchstens dreißig Schritte entfernt, und sei deshalb viel geeigneter für Kleriker als für Mönche.

 

Das Mönchtum, sei es auch in noch so große Heiligkeit hinein reformiert, ist eher eine Sache jener wohlhabenden Herren, die in ihm durch Spenden ihr Seelenheil garantieren wollen, als der Stadtleute, etwas für das Land also. Das wird dann auch bis zu dem Einzug der Bettelmönche so bleiben. Der gemeine Mann in der Stadt aber bedarf für sein Seelenheil des Klerus, genauso wie die Händler und Bauern, die in die Stadt kommen. Denn städtische Frömmigkeit wird durch jene folkloristischen Veranstaltungen aufrechterhalten, in denen für das Volk Christentum fassbar wird.

 

Bischof Hermann wendet sich nun an seinen Vorgesetzten, den Erzbischof Siegfried von Mainz, ...dieser sei ihm doch durch zahlreiche gute Dienste in privaten und öffentlichen Angelegenheiten verpflichtet, er sei Mitwisser und Teilnehmer an allem, was er beim Erwerb und der Verwaltung seines Bischofsamtes getan habe... Der kommt laut Lampert nach Bamberg und ermahnt den Klerus, dass durch dieses Beispiel die übrigen Kleriker der ganzen Welt zur Missachtung ihrer Bischöfe ermutigt würden, und dass diese Pest der Aufsässigkeit und Widerspenstigkeit, von Bamberg ausgehend, (man) den ganzen Leib der Herde des Herrn verseuche. Aber er kann den Bamberger Klerus nicht überzeugen

 

Papst Gregor VII., an den sich die Kleriker ebenfalls wandten, selbst wohl in einem solchen Klerikerkollegium erzogen und der Kirchenreform, nicht der Heiligung des Mönchtums in erster Linie verpflichtet, entzieht dem Bischof seine Amtsbefugnisse und verlangt, dass er in ein Kloster gehe, um dort Buße zu tun. Inzwischen hatte sich Bischof Hermann auf den Weg nach Rom gemacht, erfährt aber vor den Toren der Stadt von seiner Absetzung und kehrt um.

 

Zuhause begibt er sich unter den Schutz seiner Lehnsleute (milites suos), bei denen er sich durch große Freigiebigkeit überaus beliebt und angenommen gemacht hatte. Als er die Befehle des Papstes mitteilte, da widersetzten sich diese heftig und erklärten, es sei höchst schmachvoll und seit Menschengedenken in den gallischen Kirchen (beider Frankenreiche) nicht vorgekommen, dass ein Bischof abgesetzt wurde ohne öffentliche Verhandlung und kanonische Untersuchung ...

 

Diese diktatorische Willkür von Papst Gregor wird dann auch in dieser Zeit zu einem Argument vieler Bischöfe gegen den Reformpapst werden, bis sie die Vorteile einer solchen Konzeption entdecken. Der Bischof Hermann aber kann zunächst einmal bei seinen Lehnsleuten „untertauchen“.

Der Papst und der Bamberger Klerus fordern dann im Sommer 1075 vom König, einen neuen Bischof einzusetzen, was dieser auch mit einem Vertreter der königlichen Partei erledigt. Der Klerus ist es zufrieden, während die Lehnsleute des Bischofs weiter empört sind darüber, wie mit ihrem Bischof, und ihrer Ansicht nach widerrechtlich, verfahren worden war.

 

Gregor VII. (2): Der Weg in den Investiturstreit

 

Das Verhältnis zwischen Reformpäpsten und Laien konzentrierte sich im wesentlichen auf Kaiser, Könige, Fürsten und höheren Kriegeradel. Für die Masse der darunter stehenden Bevölkerung war die Geistlichkeit vor Ort zuständig. Insbesondere Gregor VII. äußerte ein vernichtendes Urteil über die Herrscher: In der ganzen Weltgeschichte bis auf den heutigen Tag... fände man nicht einmal sieben Kaiser und Könige, deren Leben … religiös und durch Zeichen der Tugend ausgezeichnet sei …, während allein auf einem der Bischofsitze, dem römischen, seit Petrus fast hundert unter den heiligsten zu rechnen sind. (So in Blumenthal, S.292)

 

Das wird Gregor VII. 1075 noch einmal variieren: Vergiss nicht (schreibt er dem Mailänder Erzbischof), dass die Macht der Könige und Kaiser und alle Anstrengungen der Sterblichen vor dem apostolischen Recht und der Allmacht des höchsten Gottes wie Asche gelten und Spreu (So in Weinfurter, S.116f) Man ist versucht, im Unterbewussten des eifernden Papstes einen Gegensatz zwischen weltlicher Sterblichkeit und päpstlicher Unsterblichkeit zu erahnen, oder besser, zwischen irdischem Elend und dem Papst Seite an Seite mit Gott im Dienst des Ewigen. Favilla und palea jedenfalls als Bezeichnungen der Sterblichen, die Seite an Seite mit den Papstgegnern nun genannt werden, sind als Diffamierungen nur noch wenig zu übertreffen, es sei denn, man mache sich im Schweinestall heimisch.

 

In solchen Äußerungen definiert Gregor weltliche Herrschaft neu und „modern“. Er nimmt ihnen ein Stück ihres sakralen Nimbus, gibt ihnen dann dafür aber einen „zivilen“ Auftrag, der sich direkt an Forderungen der Friedensbewegungen der ersten Hälfte des Jahrhunderts anschließt: Mehr Herstellung von Frieden und Schutz der Schwachen. Insbesondere Urban II. wird ihm darin folgen. Das wird besonders deutlich, wenn Gregor gegenüber dem entstehenden Frankreich, der ehemaligen Gallia, Anarchie, Fehdewesen und insgesamt kriminelle Verhältnisse anprangert. Das Ganze gipfelt in einem Schreiben an die Erzbischöfe in Frankreich, in dem dem König dort die Ausplünderung von Kaufleuten durch ungerechtfertigte Abgaben als Räuberei vorgeworfen wird (Blumenthal, S.295).

 

Letztlich wird die Machtposition Gregors VII. von ihm nicht in einer Klarheit definiert, wie sie Späteren überlassen bleibt. Immerhin spricht er von seiner universalen Fürsorgepflicht (universali providentia) und dass Christus Fürst (princeps) über alle Reiche der Welt sei, was dann in Stellvertreterschaft sich von Petrus auf alle Päpste übertragen ließ.

Soweit handelt es sich noch nicht um theokratische Anwandlungen, sondern um eine moralische Superiorität des Papstes, der Zivilisierung und ein mehr an staatlicher Ordnung fordert, so wie er sie für die Kirche herstellen möchte. Anders sieht es dort aus, wo solche Staatlichkeit direkt untergeordnet wird. Am deutlichsten geschieht das in der sehr pragmatischen Lehnsabhängigkeit der Normannenherrscher Süditaliens, mit der schon Nikolaus II. von Rom Bedrohung abwenden möchte, und in Versuchen, ein spezifisches Treueverhältnis dänischer und anderer Herrscher zum „Heiligen Stuhl“ herzustellen. Hildebrand unterstützt die Eroberung Englands durch den Normannen Wilhelm, sendet ihm sogar eine heilige, päpstliche Fahne, und erwartet nachher von ihm fidelitas, die der Herrscher ablehnt, da er offenbar darunter eine Art Lehnsabhängigkeit versteht.

 

Dass der Papst selbst (auch) weltlicher Herrscher in der terra sancti Petri und dort direkter Oberhirte ist, ist dabei eine andere Sache. Im Sinne der „konstantinischen Schenkung“, die die Karolinger nun nach Ansicht der Päpste bestätigt hatten, gab es einen „juristischen“ Grund für die Belehnung von Normannenherrschern, und zugleich einen solchen, an sie Gebiete wie die von Amalfi und Salerno nicht abtreten zu wollen. Aber die Geschichte des „Kirchenstaates“ ist ein anderes Kapitel.

 

*****

 

Im 'Dictatus Papae' von 1075 sind die (27) Leitlinien seiner Praxis dargelegt: Da Gott die Kirche gegründet hat, irrt sich diese niemals, und mit ihr auch nicht der Papst, der deshalb die höchste Instanz für Glaubenslehre und oberster Zensor ist. Er operiert mit Synoden, die er inhaltlich führt, und mit Legaten, denen er Gerichtsbarkeit auch über den hohen Klerus übertragen kann. Maiores cause, also von ihm für wichtig erachtete (kirchliche) Rechtsfälle kann er jederzeit an sich ziehen. Bischöfe kann er nach eigener Entscheidung einsetzen und absetzen, Bistümer neu einrichten, teilen oder zusammenlegen. Er kann Kaiser und damit praktisch jeden auch weltlichen Herren absetzen und Untergebene von ihrem Treueid lösen.

 

Man mag geradezu vergessen, dass Diktat hier das Diktieren eines Textes meint, und mag byzantinische Despotie in der Forderung sehen, dass alle Fürsten allein seine Füße küssen sollen und unbezähmte Arroganz in der Erklärung, dass kanonisch eingesetzte römische Bischöfe „unzweifelhaft“ heilig werden: Quod Romanus pontifex, si canonice fuerit ordinatus, meritis beati Petri indubitanter efficitur sanctus, und zwar offenbar schon zu Lebzeiten. Damit schließt sich eine Entwicklung ab, die immer mehr die Definition von "Heiligkeit" alleine den Päpsten zugesteht, die denn auch in Zukunft die alleinige Macht bekommen werden, in den Stand der Heiligen zu erheben.

 

Was hier für heutige Ohren unerhört großmäulig klingt, wie auch Gregors Bibelzitat Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich, oder 1075, dass Widerspruch gegen ihn als Sünde aufzufassen sei, war mehr oder weniger durch seine Vorgänger und die übrigen Reformer vorbereitet worden. Im Mittelpunkt steht, dass es nur eine unbezweifelbare Wahrheit gibt, deren letztinstanzlicher Repräsentant der Papst ist. Das bedeutet konsequente Kompromisslosigkeit in der Sache bei einer gelegentlich geduldigen Erhöhung des Drucks in der Praxis. Insbesondere simonistische Bischöfe werden abgesetzt, für korrekt angesehene auch einmal gegen den Willen der Domherren durchgesetzt. Die Hilfe weltlicher Herren wird dafür gesucht, aber wo das nicht gelingt, wird bis zur Absetzung (des deutschen und des französischen Herrschers) gegangen. Synoden setzen in Rom den Willen Gottes und des Papstes durch und päpstliche Legaten tun das außerhalb. Vom Papst in seinem unmittelbaren Einflussbereich eingesetzte Bischöfe können als Ausdruck seines besonderen Vertrauens der Mittlerinstanz von Erzbischöfen entzogen und ihm selbst unterstellt werden.

 

Bischöflicher Widerstand gegen ihre letztendliche Entmachtung bleibt solange stark, bis der Konflikt mit dem Kaiser und den Königen völlig zugespitzt ist. So schreibt der von Gregor VII. suspendierte Erzbischof Liemar von Hamburg-Bremen: Ich glaube nicht, dass dies gegenüber irgendeinem Bischof ohne das Urteil seiner Amtsbrüder auf einer allgemeinen Synode geschehen dürfe. Aber dieser gefährliche Mensch (periculosus homo) will den Bischöfen nach Belieben befehlen, als seien sie irgendwelche Gutsverwalter (ut villicis suis), wenn sie nicht alles so ausführen, dann müssen sie nach Rom kommen oder werden ohne jedes Gerichtsurteil (sine iudicio) suspendiert.

Solche Gutsverwalter sind in der Regel unfrei. Der Gehorsam, den Gregor VII. im Namen der Freiheit der Kirche fordert, führt also zur internen Unfreiheit und dem Ende bischöflicher Kollegialität.

Das, was da besonders empört, ist die Umsetzung des vierten Satzes des 'Dictatus': Dass sein Legat den Vorrang auf einem Konzil vor allen Bischöfen einnimmt, auch wenn er einen niedrigeren Weihegrad hat, und dass er gegen sie ein Absetzungsurteil fällen kann. In manchem können die Bischöfe dabei auch darauf verweisen, dass Gregor ungeniert überkommenem Kirchenrecht widerspricht und selbst den Fälschungen, deren sich seine reformerischen Vorgänger schon bedient hatten.

 

Auf der römischen Fastensynode 1075 suspendiert Gregor VII. nicht erschienene deutsche Bischöfe und lädt die 1073 wegen der Besetzung des Mailänder Bischofsstuhls bereits exkommunizierten Räte Heinrichs IV. vor. Der Konflikt um Mailand eskaliert dann, als Heinrich entgegen vorheriger Zusicherungen wiederum seinen Erzbischof einsetzt. Gregor sendet ihm ein Protestschreiben, welches Anfang 1076 am Königshof ankommt und dort Empörung auslöst.

 

Der Konflikt eskaliert also um Mailand und allgemeiner die norditalienischen Verhältnisse, um die Gregor besonders besorgt ist. Da insbesondere die Lombardei mit kaisertreuen und antigregorianischen Bischöfen als Herrschaftsträgern durchsetzt ist, kocht er hier hoch und steigert sich dann erst im römisch-deutschen Königreich durch seine Verbindung mit den äufständischen Sachsen und oppositionellen Fürsten überhaupt.

 

Man kann nur ahnen, in welchem Umfang sich zwischen 1075 und 1080 persönliche Animositäten zwischen Heinrich und Gregor entwickeln. Aber eine Kompromisslösung zwischen beiden mächtigen Instanzen wird auch deswegen erst im Verlauf eines halben Jahrhunderts gefunden werden, weil in deutschen Landen zunächst die aufsteigenden Fürsten als Teilhaber an der Macht von den Königen akzeptiert werden müssen.

 

Canossa 1077 wirkt dabei wegen seiner spektakulären Inszenierung wie ein Paukenschlag, ist aber zwischen 1075 und 1080 nur eine von vielen Etappen.

Der eigentliche Investiturstreit beginnt mit dem Verbot der Laieninvestitur durch Gregor VII. 1078/80. (Siehe ausführlicher dazu im Großkapitel 'Salier')

 

Der Weg zum Wormser Konkordat

 

Wichtig ist erst wieder das Ergebnis unter Gregors Nachfolgern, die gegenüber der französischen und englischen Krone einlenken, da sich dort aufgrund fehlenden Kaisertums und einer geringeren Bedeutung der Bischöfe für die Königsmacht lange vor der Wormser Übereinkunft von 1122 Kompromisslinien andeuten, die alle auf eine Trennung von geistlichen und weltlichen Zuständigkeiten hindeuten: Der König verfügt über den Klerus, soweit er weltliche Macht ausübt, und die Papstkirche, was ihr geistliches Amt angeht.

 

Der nordfranzösische Adelige Odo (Eudes) von Châtillon an der Marne besucht die Kathedralschule von Reims, wo Bruno von Köln sein Lehrer ist. Er wird daselbst Archidiakon, zieht dann über Rom nach Cluny, wo er Prior wird. Schließt dient er Rom als Legat in Deutschland und Frankreich als Bewunderer Gregors VII. Noch 1096 wird er in einer Rede in St.Thecla in Mailand formulieren: Quod Minimus clericulus de ecclesia Dei maior est quolibet rege mortali. Der kleinste Geistliche der Kirche Gottes ist größer als jeder sterbliche König.

1088 wird er in Terracina zum Papst gewählt. In deutschen Landen bleibt sein Einfluss, den er erst noch über Bischof Altmann von Passau und dann über Gebhard von Konstanz, zudem über Wilhelm von Hirsau und süddeutsche Adelige ausübt, eher gering. Um die Verbindung zu letzteren zu vertiefen, unterstützt er dort die adelige Klostervogtei, nachdem die Klöster unter päpstliche Aufsicht gestellt sind, und damit den Adel gegen den König (und "seine" Bischöfe, siehe AlfonsBecker in: Investiturstreit, S.267)

 

Einen entscheidenden Übergang liefert Urban II. gegenüber den Bischöfen mit den Kompromisslinien des Konzils von Piacenza 1095: „Mitleid“, „Barmherzigkeit“ und noch viel wichtiger, der „Zwang der großen Notwendigkeit“ (cessante necessitate) führen zum pragmatischen Einlenken gegenüber dem aufmüpfigen Klerus. Immerhin hatte er in deutschen Landen bereits feststellen müssen, dass Kaisertreue Reformfreundlichkeit nicht ausschließt. Andererseits kann die ihrem Gemahl entlaufene Kaiserin Praxedis die Synode als Forum für ihre Vorwürfe über das Sexualleben des Kaisers nutzen.

 

Im selben Jahr stellt sich Urban II. an die Spitze der sich schon vorher (besonders bei Gregor VII.) andeutenden Entwicklung hin zu „heiligen Kriegen“, also die einer kriegführenden Kirche, als welche sie zunächst gegen sogenannte Heiden, dann auch gegenüber Ketzern und schließlich gegen jede Form missliebiger Christen auftreten wird.

 

Kompromisslinien deuten sich an, als der Papst die Trennung in Temporalia und Spiritualia als solche zwischen Klostervogtei und Unterstellung unter den Papst im deutschen Südwesten vor allem hinnimmt. Aber sie deuten sich auch überall dort an, wo deutsche Bischöfe einerseits die königlich-kaiserliche Partei ergreifen, andererseits beispielsweise die Klosterreformen unterstützen.

 

In der Trennung in temporalia und spiritualia formuliert sich eine erste Tendenz zur Säkularisierung der Gesellschaft, wie sie sich zunächst in der Dichtung niederschlägt, in der Kirche und Religion zunehmend an Bedeutung verlieren, von der Liebeslyrik zwischen Katalonien und der Toskana und Sizilien über die ritterliche Epik von Nordfrankreich bis in die deutschen Lande und einer Prosa, in der es zunehmend zu Angriffen auf die Kirche in Gestalt ihres Klerus kommt.

 

Das Gesicht des frühmittelalterlichen Kaisertums verändert sich massiv, es verliert seine theokratischen Züge und öffnet sich einem rationalen Pragmatismus der Macht, der im Staufer Friedrich II. kulminiert, der nicht mehr an Religion, sondern an päpstlicher, sehr weltlicher Machtpolitik unter anderem scheitern wird.

 

Resultate

 

Mit der Kirchenreform ist eine Zäsur verbunden, die die frühmittelalterliche, in weltliche Mächte eingebundene Episkopalkirche von der hochmittelalterlichen autonomen Papstkirche trennt, in der der Bischof von Rom als Papst wenigstens de iure wie ein fast unumschränkter Machthaber als Monarch über seine klerikalen Amtsinhaber herrscht, um dann 1095 in Clermont als Führer der lateinischen Christenheit auftreten zu können. Gewählt vom neuartigen Kardinalskollegium wird er aber zugleich weltlicher Fürst in seinem Staat, so wie bald die Erzbischöfe in ihren Fürstentümern nördlich der Alpen.

Er wird zu einem mit Fürsten, Königen und Kaisern konkurrierenden Herrscher über ein italienisches Staatswesen, dass Päpste aus der Abhängigkeit von kaiserlichen und normannischen Schutzmächten lösen soll, und doch im Konzert der immer mächtiger auftretenden Reiche nicht anders kann, als sich an eine Macht anzulehnen; und die ist dann das immer mehr in Konkurrenz zu Deutschland auftretende französische Königtum. In den Allianzen mit ihm und den in Italien sich entwickelnden Despotien schwinden die Ergebnisse der Kirchenreform insofern hin, als es zu einer massiven Verweltlichung der Kirche kommt, die ihre spirituelle Glaubwürdigkeit immer mehr schmälert. Dadurch wird es zu jenen Wellen von Häresien kommen, die nun zum Teil ganz aus der Kirche ausscheren.

 

Die klarsichtigste Kritik von Seiten der Kirchenreformer fomuliert der bayrische Regularkanoniker Gerhoch von Reichersberg. Peter Classen fasst seine diesbezügliche Position so zusammen: "Die Regalien der Kirche binden die Geistlichen, besonders die Bischöfe, an die Welt und hindern sie an den spirituellen Aufgaben; die Bindung der Kirche an die Welt kommt vor allem im hominium zum Ausdruck. Mit der Preisgabe der Investitur durch Heinrich V. hat die Kirche in Worms nur die halbe Freiheit gewonnen; denn (...) Bischöfe, Äbte, Äbtissinnen werden nach der Wahl gewzungen, an den Königshof zu kommen, um Regalien zu empfangen, wofür sie hominium und Fidelitätseid zu leisten haben."  (nach 'De aedificio Dei', in: Investiturstreit, S.428)

Die Verpflichtungen, die geistliche Herren so gegenüber dem König eingehen, können sie nur leisten, wenn sie selbst Lehnsherren werden. Damit gelangen sie zu einem fürstlichen Leben statt einem in christlicher Armut, und müssen Kirchengut an Krtieger ausgeben, anstatt dem Frieden zu dienen,

 

Mit dem Teil-Verlust ihrer quasi-sakralen Stellung verlieren die Kaiser die enge Verbundenheit mit dem Papsttum, welches in dem aufstrebenden französischen Königtum neue Verbündete findet. Die zersplitternden deutschen Lande geraten machtpolitisch an den Rand des Geschehens, während die Städte in ihnen zu wirtschaftlicher Bedeutung aufsteigen. Wichtige Mächte im europäischen Kontext werden nun England, Frankreich und das Normannenreich in Sizilien und Süditalien.

 

Das alles ist deshalb für unser Leitthema wichtig, weil in dieser Zeit erst Küsten- und dann auch Binnenstädte Italiens zu neuer Bedeutung aufsteigen, und dann auch solche am Rhein und in Flandern. Den Ansprüchen des Reform-Klerus an sich selbst steht so nicht nur ein Kriegertum, sondern auch eine Welt der Geschäftemacherei, des „Wuchers“ und einer neuartigen, „bürgerlich“ werdenden Besitzgier gegenüber. Abschließung des Klerus und Kompartmentalisierung von geistlichen und weltlichen Sphären bei den Laien werden so gefördert werden.

 

Anders gesagt: Der von den Reformern wenigstens de iure durchgesetzte Anspruch an mehr Heiligkeit macht diese uneinlösbarer, rückt sie in weitere Ferne für Krieger wie für Geschäftsleute. Andererseits bedarf der höhere Klerus der Unterstützung durch die Waffen wie die Geschäftemacherei, zumindest zum Schutz, zum prachtvollen Lobe Gottes wie für eine gehobene Lebenshaltung. Für die Kirche führt das zu Kompromissen mit der weltlichen Macht. Dazu kommt dann ein stetes Zurückweichen in der Definition des Wuchers, der ursprünglich kirchlich gesehen den Kern eines „Geschäftes“ ausmachte.

 

Indem nun die materielle Basis des Klerus von ihrem geistlichen Auftrag getrennt wird, er einerseits Königen, andererseits Päpsten untersteht, wird ein Modell entwickelt, welches das frühe Handelskapital analog zu seinem eigenen machen kann: Da ist die Welt der Kirche, in der ist man mehr oder weniger im neuen bürgerlichen Sinne fromm, folgt ihren Zeremonien und Ritualen, und da ist die Welt des Geschäftes, die ihren eigenen, ganz anderen Gesetzen gehorcht.

 

Das heißt nichts anderes als die Abkoppelung des Geschäftes von religiös definierten Normen. Da die Geschäftswelt aber nicht ohne ein eigenes Regelwerk auskommt, wird sie dieses im wesentlichen nach eigenen Bedürfnissen entwickeln und von der sich davon als politisch abtrennenden Sphäre bestätigen lassen. Und mit den drei derart nun (nicht allerdings theoretisch durchdachten) getrennten Sphären von Kirche, Politik und Geschäft wird in ein, zwei Jahrhunderten Kapitalismus möglich, der sich allerdings dann erst im zwanzigsten Jahrhundert zur Gänze von den beiden anderen Sphären emanzipiert, was zur Reaktion in Form von Sozialismus/Bolschewismus dort führen wird, wo kein lateinisches Christentum vorausgegangen ist, und zum Nationalsozialismus dort, wo der Sphäre der Politik die Nationenbildung/Staatlichkeit misslang. Heiligkeit wird aber erneut angestrebt werden, die sich in der jeweils aktuellen, massiv durchgesetzten "politischen Korrektheit" erweist, in der Staat wie eine Art Ersatz-Kirche auftritt.

 

Verweltlichung der Kirche hieß damals in deutschen Landen vor allem, dass aus Äbten und Bischöfen, deren riesige Besitzungen nie zur Debatte standen, mächtige Prälaten werden, deren mächtigste als Fürsten herrschen. Dabei stellen Bischöfe weiter die meisten Kontingente kaiserlicher Heere und sind so Militärs von erstrangiger Bedeutung. In ihren prächtigen und kostspieligen Gewändern (Seide, Pelze usw.) erscheinen sie wie (und als) weltliche Herren.

 

Es entsteht so aber auch eine massive Aufspaltung des kirchlichen Christentums in ein höfisch-aristokratisches, welches sich nördlich der Alpen immer mehr aus der neuen städtischen Lebenswirklichkeit zurückzieht, in ein bürgerliches, welches in den Städten als Form der Christianisierung des Kapitalismus auch für mehrere Jahrhunderte die Oberhand gewinnt, und ein ländlich-bäuerliches, in dem es weiter zu einer theologisch abwegigen Folklore mit weiterhin ungeniert heidnischen Zügen wird, die erst im 19. Jahrhundert mit der massiv zunehmenden Zerstörung bäuerlicher Landwirtschaft schwindet.

 

Diese auf den Papst zentrierte Kirche hatte aber nur ihre weltliche wie geistliche Machtvollkommenheit gesteigert, und diese hatte zunehmende weitere Verweltlichung im 12. und 13. Jahrhundert zur Folge. Höhere Geistliche hielten sich an ihre Pfründe, die Dotierung ihres Amtes, überließen die Seelsorge aber niederen Geistlichen bei spärlicher Bezahlung. Kirchenämter wurden schiere Einkommensquellen, auch eine Form von Simonie. Das Zölibat wurde weiter nur partiell durchgesetzt.

 

Entsprechend steigert sich die oft wenig öffentliche Kritik an Geistlichkeit und Mönchtum. Eine neue christliche Armutsbewegung entsteht, die nicht mehr auf einzelne Personen konzentriert ist. Sie ist, anders als früher, ein deutlicher Reflex auf die Entstehung der neuen, bürgerlichen Städte und des Kapitalismus. Ihr Interesse richtet sich nun stärker auf den evangelischen Jesus, der bislang zugunsten des alttestamentarischen Gottes etwas in den Hintergrund getreten war.

 

Innerkirchliche Exponenten dieser Bewegung werden in der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts Theologen wie der in Paris an Notre Dame als Kantor arbeitende Petrus, dessen Schüler wurden dann"theologisch hoch gebildete Prediker wie Fulko von Neuilly, Johannes von Nivelles, Jakob von Vitry und andere (…) für ihre Zuhörerschaft durch lebensnahe Ansprache und moralisch untadelige Lebensweise zu Lehrmeistern einer von Gebet, Askese, Buße und evangelischer Armut bestimmten Existenz." (C.Andenna in 'Verwandlungen', S.252). Eine neue Art von Predigern entsteht. Auch Innozenz III. ist Schüler dieses Petrus Cantor und wird sich sehr um die Integration von Armutsbewegung in die Kirche bemühen.

 

 

****Zölibat****

 

Noch Jahrzehnte nach 122 hat sich das Zölibat nicht durchgesetzt. 1119 legt Papst Calixt II. folgendes fest und Ordericus Vitalis bringt das in seiner Kirchengeschichte (III, 12): Priestern, Diakonen, und Subdiakonen verbieten wir desweiteren das Zusammensein (contubernia) mit Konkubinen und Ehefrauen. Sollte noch jemand sich in dieser Situation auffinden lassen, wird er seiner Kirchenämter und seiner Benefizien enthoben. Wenn er dann seine Unreinheit (immunditia) noch nicht berichtigt hat, muss er sich von der christlichen Gemeinschaft (communio) fernhalten.

 

D.N. Hasse fasst zusammen, was Ordericus Vitalis für den November 1119 in seiner 'Historica ecclesiastica' berichtet, als die Bischöfe diese Botschaft von der Synode in Reims zurück in ihre Bistümer kommen.

"Einer von ihnen ist Erzbischof Godfried von Rouen. Er lässt die Priester in der Kirche zusammenkommen, um die Beschlüsse der Synode zu verkünden. Eine der Anordnungen betrifft die Enthaltsamkeit: Godfried verbietet den Priestern jegliches Zusammenleben mit Frauen und droht mit drastischen Worten, dass jede Zuwiderhandlung mit Exkommunikation bestraft werde. Die Priester sind entsetzt. Es gibt entrüstetes Gemurmel, man spricht leise vom Konflikt zwischen Körper und Geist, und einer der Betroffenen hebt zum offenen Widerspruch an. Godfried lässt ihn aus der Kirche führen und in ein Gefängnis werfen. Die Priester sehen wie gelähmt zu, während der Erzbischof die Kirche verlässt und seine Leibwächter zusammenruft. Diese dringen mit Stöcken und Waffen in das Gotteshaus ein und attackieren die Geistlichen. Einige fliehen, andere aber wehren sich mit dem, was sie finden können. Die Angreifer werden zurückgeschlagen und bis zum Haus des Erzbischofs getrieben. Doch Godfrieds Leute finden Unterstützung bei Handwerkern und einfachen Leuten, und der Kampf verlagert sich wieder in die Kirche. Die Wut der Angreifer richtet sich nun gegen alle, die sie im Haus oder auf dem Friedhof finden können, Beteiligte und Unbeteiligte, Alte und Junge. Die blutenden Priester fliehen zu ihren Gemeinden und Konkubinen, und der Kampf findet ein Ende. Die Nachricht von der gewaltsamen Auseinandersetzung löst Entsetzen bei den niederen Klerikern und den anständigen Bürgern der Stadt aus. Ihre Sympathie gilt den geschundenen und entehrten Priestern. Der Erzbischof hält sich in seinem Haus versteckt. Erst als wieder eine gewisse Ruhe eingetreten ist, kehrt er in die blutbesudelte Kirche zurück, um sie neu zu weihen."

(In: Abaelards 'Historia Calamitatum, S. 262f) Man ahnt, der mönchische Erzähler hat Mitgefühl mit den Priestern.

 

Nun wird es langsam Ernst für die Geistlichkeit. Aber zunächst gelten immerhin vor der Weihe ordentlich geschlossene Priesterehen noch. 1135 setzen Innozenz II. und Bernhard von Clairvaux auf einer großen Synode in Pisa einen Beschluss durch, der diese Priesterehen für ungültig erklärt. Damit setzt sich die Kirche im Sinne des Zölibats selbst über die zugleich propagierte Unauflöslichkeit der Ehe hinweg:

Um aber das Gesetz der Enthaltsamkeit (continentiae) und der von Gott gewünschten Reinheit (munditia) bei kirchlichen Personen und den geweihten Ständen zu verbreiten, verordnen wir, dass Bischöfe, Priester, Diakone, Subdiakone, Regularkanoniker und Mönche, die das heilige Gelübde (sacrum) übertreten und sich anmaßen, sich mit Frauen zu verbinden (uxores sibi copulare), sich von ihnen trennen müssen. Denn eine solche Verbindung (copulationem), so legen wir fest, ist keine Ehe (matrimonium), denn es steht fest, dass sie gegen die festgesetzte kirchliche Regel ist.

 

Nun hilft kein Jammern und kein Klagen mehr. Damit niemand denkt, dies sei nicht die höchste und letzte Instanz, wird genau dasselbe 1139 auf dem zweites Laterankonzil noch einmal festgelegt.

 

Bei D.N. Hasse bin ich auch an die Chronik des Radulfus von Diceto geraten, der für 1137 über das böse Schicksal der Konkubinen einiger Londoner Säkularkanoniker berichtet, als focariae bezeichnet, Küchenmädchen (von focus, dem Herd):

Focariae quorundam canonicorum qui saeculares dicuntus, raptae sublimes, ad turrim non sine dedecore gravi pertractae sunt, et ibidem constrictae multis diebus. Quae quidem non sine ludibrio corporis (körperliche Erniedrigung), nec sine dispensio famae, nec sine numaeratione pecuniae redierunt ad propria. (in: Abaelards 'Historia.., S.280 Anm. 62) .

 

Das klingt, wie Hasse anmerkt, so, als ob die Kanoniker ihr Lösegeld gezahlt hätten, und wie man vermuten kann, dass sie auch zu ihnen (ad propria) zurückkehrten.

 

Ebenso bei Hasse (s.o., S.280) findet sich: „Über die Londoner Klerikerehefrauen und -konkubinen von St. Paul's wissen wir dank einer guten Quellenlage recht viel. Mindestens 13 der 30 Pfründe wechselten am Anfang des 12. Jahrhunderts von Vater zu Sohn, wie Einträge der Art „Radulf, Sohn des Algod, Wilhelm Sohn des Radulf“ (...) im Prfündekatalog zeigen. Von Radulf beispielsweise wird in anderen Quellen berichtet, dass er eine socia, also eine Konkubine, mit Namen Mahald hatte und einen zweiten Sohn. Manche der Londoner Kleriker waren sicherlich auch verheiratet.“

 

Der Widerspruch zwischen der kirchlich geforderten Unauflöslichkeit der Ehe und ihrer Zwangsauflösung durch die Kirche zeigt ein Wesensmerkmal der sich modernisierenden neuen Kirche: Sie wird politisch, das heißt sie entscheidet von nun an je nach ideologischer Konjunktur. Der Wandel zeigt sich auch darin, dass von nun an nicht mehr die Ehe heilig ist, sondern nur noch jene, die von der Kirche sakralisiert wird.

 

Im übrigen: Die Wirklichkeit sexuellen Alltags bleibt unter den Bedingungen institutionellen Drucks in Zivilisationen immer in Lügengespinste gehüllt. Aber mit dem antisexuellen Impetus der Reformkirche, ihrem sich verstärkenden Kult der Virginität Mariens, ihrem Zölibatsdruck tauchen immer mehr erotische Gegentexte in Latein neben der entstehenden volkssprachlichen Troubadourslyrik auf, von den neuen Scholaren formuliert. Der erneut herabgewürdigte Geschlechtstrieb wird von ihnen kompartmentalisiert, herausgelöst aus dem Lebensalltag, und dabei neu beobachtet, nicht zuletzt mit einer Haltung, die wir in sehr neuzeitlichem Sinne als Zynismus bezeichnen können. Beobachtet wird dabei immer deutlicher auch, dass zwischen der Zölibatsproganda und der Wirklichkeit sich neue Gräben auftun. Beobachtet und in Einzelfällen überliefert wird dabei die Ausflucht des zölibatären Prälaten in die Homosexualität und das Päderastentum, erst wieder Ende des 20. Jahrhunderts an eine breitere Öffentlichkeit gebracht.

 

Da war ein Bischof Johannes II. von Orléans 1096 unter reichlich skandalösen Umständen ins Amt gekommen, nachdem Bischof Ivo von Chartres und große Teile des Domkapitels von Orléans wegen unlauteren Lebenswandels heftig gegen Johannes opponiert hatten. "Erst, nachdem er die anfänglichen Widerstände überstanden hatte, konnte er seine Position innerkirchlich konsolidieren. Johannes II. war eine lange Amtszeit beschieden: Bis 1135 ist er als Bischof von Orléans bezeugt.“ (RoblHilarius) „Von Bischof Johannes II. behauptete wiederum kein geringerer als der französische König persönlich, er sei der succubus seines Amtvorgängers Johannes I. gewesen. Im Übrigen war Johannes II. schon zur Zeit seines Kanonats in Orléans von seinen Kollegen wegen der homosexuellen Beziehungen zu seinem Vorgänger Johannes I. als „Hure Flora“ verspottet worden.“ (Robl mit Belegen) Hilarius schrieb an Hugo Primas:„In servitio domini episcopi Aurelianensis octo annos expendi, non tamen ab ipso aliquid boni, immo maximum dampnum acquisivi – Acht Jahre habe ich im Dienst für den Herrn Bischof in Orléans verschwendet, aber nichts Gutes habe ich von ihm erhalten, sondern nur höchsten Schaden...“ (RoblHilarius)

 

Bischof Ivo von Chartres prangert an, dass einer der Gespielen des Bischofs von Orléans seinen „Geliebten“ mit gesungenen Reimgedichten vergöttert hätte. „Ivo berichtete empört Erzbischof Hugo von Lyon und in einem weiteren, fast gleichlautenden Schreiben sogar Papst Urban II.: Viele Leute aus Orléans würden meine Aussage bezeugen, wenn sie nicht Verhaftung oder Vertreibung befürchten müssten. Damit ihr nicht glaubt, ich hätte mir das alles nur ausgedacht, habe ich Euch stellvertretend für viele andere ein Lied geschickt, das von einem seiner Beischläfer mit Metrik und Klang über ihn verfasst wurde. Dieses Lied trällern ständig die Burschen, die so schwul sind wie er, in unseren Städten, auf den Straßenkreuzungen und Plätzen. Aber auch er selbst hat es mit seinen Gespielen oft gesungen, oder zugehört, wenn sie es ihm vorsangen...“

(58 „Multi enim Aurelianenses ad haec quae dixi mihi darent testimonium, nisi timerent carcerem vel exilium. Et ne me ista aliquae occasione confinxisse credatis, unam cantilenam de multis metrice et musice de eo compositam ex persona concuborum suorum vobis misi, quam per urbes nostras in compitis et plateis similes illi adolescentes cantitant, quam et ipse cum eisdem concubis suis saepe cantavit et ab illis cantari audivit...“ (Siehe Briefe Ivos von Chartres an Hugo, den Erzbischof von Lyon, und an Papst Urban, hier zitiert aus Gallia Christiana Bd. 7, S. 1443-1445.)

 

Ein Hugo „Primas“, der später Orléans verlassen musste, prangert in einem seiner Gedichte später Bischöfe, die simonistisch in ihr Amt gelangen, bewährte Mitarbeiter verstoßen oder der Päderastie frönen, mit folgenden Worten an:

Cil, ki servierant per longum spacium, / amittunt laborem atque servitium, / tristis hypocrita quem vos eligitis, / adeptus honorem non suis meritis... / et presto sit puer, filius militis, / que il deit adober pro suis meritis, / qui virgam suscitet mollibus digitis, / plus menu que moltum hurte de genitis…

Doch die, die ihren Dienst so lange treu versehen, / die müssen von dem Brot aus ihrer Arbeit gehen, / den Heuchler, den ihr Euch erwählt, mit saurem Angesicht, / erlangt dann zwar die Ehr, doch durch Verdienste nicht... / Und wenn ihn dann die Gier des geilen Sinnes plagt, / so ruft den Knaben er zu sich, des Ritters Sohn, / vergelten muss er ihm den Dienst mit hohem Lohn: / Mit weichen Fingern schafft er, dass das Glied sich regt, / noch öfter als der Bock mit seiner Rute schlägt...“ (Aus RoblHilarius)

 

Natürlich ist nicht mehr nachzuvollziehen, wieviel solcher Texte unverdiente Häme ist, Ressentiment, und schon gar nicht, wie häufig Homosexualität und Päderastie beim Klerus auftraten. Vermutlich waren sie nicht die Regel, sondern eine mehr oder minder häufige Abweichung davon. Aber in solchen Dingen offenbarte sich, zumindest in den Städten, wie aus der Widersprüchlichkeit mittelalterlichen Christentums nicht nur jene Widersprüche hervorgehen, die Kapitalismus in seiner zunehmenden Kulturlosigkeit kennzeichnen, sondern auch jene damit eng zusammenhängende Verlogenheit, mit der christliches Abendland mit der menschlichen Geschlechtlichkeit umging und heute noch intensiver umgeht.

 

***Ehe****

 

Um 1200 singt Gottfried von Straßburg ein ebenso archaisches wie ganz neuartiges Hohelied der Liebe. Darin gibt es ein ganzes Kapitel (XIII), in dem sich die irische Isolde zusammen mit ihrer gleichnamigen Mutter dagegen wehren, dass der falsche Truchsess die schöne blonde Maid nur wegen ihres Vaters Ehrenwort bekommt. Die Königinmutter verlangt von ihm ganz unzeitgemäß: (Zeilen 9919ff) lâz uns unser vrouwen art / dune bist niht wol dar mite bewart. / habe dînes mannes sinne / und minne, daz dich minne. /welle, daz dich welle. Und wenig später: si waere ze gemeine, / ob si iegelîchen solte / wellen, der si wolte.

 

Dies Plädoyer für die einverständliche Liebesbeziehung und Heirat ist vielleicht das Innovativste an Gottfrieds (sehr weltlichem) Text, und seine Umsetzung in die Wirklichkeit der Kreise der Herren (und Damen) wird noch einige Zeit brauchen.

 

****Kanonisches Zusammenleben****

 

Wie schwer es war, ein konsequentes reguliertes Kanonikerdasein durchzusetzen, musste Norbert von Xanten erleben. Er trat schon als Kind in das Stift St. Viktor in Xanten ein und wird dort auf einer ergiebigen Pfründe Subdiakon. Er begleitet Kaiser Heinrich V. auf seinem Romzug, wendet sich aber wegen des dort Erlebten der Reformpartei zu. Um 1115 hat er dann eine Art Bekehrungserlebnis. Er lässt sich zum Priester weihen und entsagt dem früheren Luxus. Er wird erst Eremit bei Xanten und dann Wanderprediger. Schließlich verzichtet er auf seine Pfründe.Es gelingt ihm, dem Vorwurf der Ketzerei entgegenzutreten. Er wird Prediger in Frankreich, erhält vom Papst die Predigterlaubnis. Wegen seiner Kirchenkritik suspekt, schenkt ihm der Bischof von Laon ein Grundstück und drängt ihn zur Niederlassung im abgelegenen Prémontré. Mit der Regel des Augustinus entsteht dort ein Chorherrenstift von Regularkanonikern. Zunächst gehört dazu auch ein Frauenkloster. Richtiger Mönch wollte er nicht werden, also nicht abgeschlossen von denen leben, für die er predigen wollte. Norbert kann aber seine radikalen Vorstellungen vom kommunitären Miteinander nicht durchsetzen.1126 wird er Erzbischof vom Magdeburg und vertritt dort mit aller Härte die Kirchenreform, auch gegen Widerstände der Bürger dort. Langsam öffnet er sich wieder dem weltlichen Luxus.

 

5. Ekkehard (IV.) und St.Gallen im 10. Jahrhundert

 

Um 612 gründet Gallus, ein irischer Mönch und Gefährte des Columban, an der Steinach in einiger Entfernung von Bodensee eine Einsiedlerzelle. Um 720 wird ein Otmar als Gründer eines (zönobitischen) Klosters an diesem Ort eingesetzt und bevölkert dieses mit rätischen (romanisierten) Mönchen, die später durch Vertreter alemannischer Adelsfamilien abgelöst werden, die das Kloster mit Grundbesitz beschenken. Die karolingischen Hausmeier machen Konstanz zu einem Zentrum fränkischer Herrschaft und greifen von dort auf das Kloster über. 757 setzt Pippin der Jüngere die Benediktregel durch und St.Gallen wird dem Bistum Konstanz unterstellt. Auf dem Weg zu Pippin wird Otmar von Grafen des Bischofs überfallen und eingekerkert. Er stirbt 759 in der Gefangenschaft. Der Bischof setzt nun seinen Kandidaten als Abt durch, und als er kurz darauf stirbt, übernimmt der Abt das Bischofsamt in Personalunion.

Unter Abt Gozbert erhält St. Gallen 818 von Ludwig dem Frommen dann doch ein Immunitätsprivileg und die Erhebung zum reichsunmittelbaren Kloster. Es wird zu einer wichtigen Stütze der fränkischen Herrschaft in Alemannien. Im Skriptorium entstehen bedeutende biblische und "wissenschaftliche" Texte. In den Kämpfen der Söhne Ludwigs des Frommen wird das Kloster dann in Mitleidenschaft gezogen. 841 setzt Ludwig der Deutsche seinen Kaplan Grimald, also einen Weltgeistlichen, als Abt durch, der vor allem die Beziehungen zum Hof pflegt und einen Mönch für die Aufsicht über das geistliche Leben bestimmt. Unter einem Abt Salomo kommt es 890 bis 919 zu einer erneuten Blütezeit, mit der die Geschichten des Ekkehard (IV.) beginnen, die dann nach 970 abbrechen.

926 fliehen die Mönche vor den Umgarn auf ihre Wasserburg bei Lindau und zu einer Fluchtburg in den Wäldern. Die Ungarn beschädigen das Kloster, brennen den seit etwa 720 entstandenen Ort, inzwischen eine kleine Stadt, nieder und morden die Einsiedlerin Wiborada. 937 legt ein Klosterschüler Feuer, welches dem Kloster erneuten Schaden zufügt.

 

Ekkehard wächst offenbar in der Sankt-Gallener Klosterschule zum Mönch heran und wird dann dort Magister, bis er nach ab 1022 als Magister in Mainz unterrichtet, um dort bis zum Tod Bischof Aribos 1031 zu bleiben und dann wieder als Lehrer nach St.Gallen zurückzukehren, wo er wohl vor 1060 stirbt.

Die gegen Ende seines Lebens geschriebenen 'Casus Sancti Galli' beruhen offensichtlich weit überwiegend auf Hörensagen im Kloster, also mündlicher Tradition. Ihr "Wahrheitsgehalt" sowohl in vielen Details wie auch in den historischen Einordnungen ist darum oft zweifelhaft und mehreren propagandistischen Zielen untergeordnet, deren wichtigstes wohl die implizite wie explizite Kritik an den von Lothringen ausgehenden "gallischen" und "schismatischen" Reformbewegungen seiner alten Tage ist, wie er sie nennt. Ekkehard schreibt wohl zu Zeiten des Abtes Nortpert, der Schüler des im lothringischen Stablo regierenden Reformabtes Poppo gewesen war. "Ekkehards Hass gegen diesen Poppo von Stablo ist unübersehbar. In einigen seiner Glossen beschimpfte er den Reformer und dessen Lehrer, Richard von St.Vannes, als Heuchler, Trunkenbold und Werkzeug des Teufels." (Steffen Patzold in: Ekkehard, S.302). So spricht er denn auch von einem monastischen Schisma, welches sie von den "Galliern" erdulden (tempora, que a Gallis patimur, monachorum scismatis, Ekkehard, S.264). Ziel der 'Casus' ist es offernsichtlich, gewisse Freiheiten im Umgang mit der Benediktregel als harmlos für das Florieren eines Klosters darzustellen.

 

Dem reformerischen Vereinheitlichungsdrang der Praxis der Benediktregeln und deren buchstabentreuer Stricktheit setzt er eine Vielfalt entgegen, die auf den unterschiedlichen Persönlichkeiten beruht, die er an herausragenden Beispielen exemplifiziert. Entsprechend betont er den Geist der Regeln gegen ihre Buchstabentreue (Steffen Pätzold, s.o.). Dafür zitiert er auch den Bischof Arnulf von Toul: Denn nicht über eine einzige Bahn und Regel (unius tramite et regule via) wird das Himmels- und Gottesreich erstiegen; weil es mitten unter uns ist, dürfen die einen so, die anderen aber so emporklimmen (... und dann ein Jesus-Wort aufgreifend:) Und so viele Wohnungen im Reiche des Vaters sind, so viele Wege (vie) (...) führen, wofern ich nicht irre, hinein. (Ekkehard, S.202)

 

Ekkehard erklärt diese unterschiedlichen Wege im selben Geiste deutlich irdischer aus der unterschiedlichen natura der Mönche, ihrer unterschiedlichen Persönlichkeit also. Das macht er vor allem am Beispiel der verschiedenen, immer aber herausragenden Charaktereigenschaften und Talente von Notker Balbulus (der Stammler), Tuotilo und Ratpert deutlich. Solche Talente streifen aber nur am Rande das Thema Frömmigkeit, und so redet er über Notker denn auch als den Gelehrten, Maler und Arzt, um ihn darzustellen (cap.123). Das die "Natur" für Theologen der eher diabolische Gegenpol zum Himmelreich und zu jeder Form von Heiligkeit ist, ignoriert er ungeniert.

 

Dies ist ein Bild klösterlichen Lebens des 10. Jahrhunderts, welches erst im 11. entworfen wird, aber es mag implizit verdeutlichen, was cluniaszensische und dann lothringische Reformer bewegt. So lässt etwa Ekkehard den Bischof von Chur über St. Gallen gegenüber Otto II. urteilen: Wenn der Gerechte sich selbst Gesetz ist, dann habt ihr keine regeltreueren (magis regulares) Mönche in eurem Reich. (Ekkehard, S.204) Das ist offensichtlich eine sehr gewagte Auslegung von Regeltreue.

 

Wir haben es hier nur mit einem Text aus einem Kloster zu tun, aber zugleich immerhin mit einem, der in manchem jene detaillierten Einblicke ins Klosterleben gibt, die ansonsten meist fromm verschwiegen werden. Fast nichts erfahren wir dabei zum Thema Sexualität, welches von seiten der Klöster ohnehin regulär totgeschwiegen wird. Immerhin geht es kurz einmal um die jeweils in deren Zuhause stattfindende Unterrichtung schöner Frauen und implizite gegenseitige Verdächtigungen.

 

Im Kern wird deutlich und vom Autor verteidigt, dass Mönche des Klosters in vielen Punkten von der Benediktregel abweichen, - ohne aber deren "Geist" zu verlassen.

Offenbar gibt es dabei erhebliche Konkurrenz zwischen den Klöstern, wie zwischen Reichenau und St.Gallen, die den Reichenauer Abt veranlasst, sich in St.Gallen einzuschleichen, um Regelverstöße zu entdecken. Er wird dabei entdeckt und kommt nur knapp an Prügel vorbei. Und so wird das Kloster auch bei Otto d.Gr. denunziert, der eine große Untersuchungskommission schickt.

 

Die Klausur schließt eigentlich die Mönche von der übrigen Menschheit ab. Tatsächlich gelangen immer wieder andere, eben auch hochgestellte Laien hinein. Und so heißt es zur Zeit von Abt Notker: Selber habe ich vor den Zeiten des monastischen Schismas, wie wir sie von den Galliern (Lothringern) erdulden müssen (also schon in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts), erlebt, dass Grafen und andere mächtige Herren, Gefolgsleute auch von St.Gallen, um der Freude willen an Festtagen unseren Prozessionen durch das Klosterinnere zu folgen, - junge und alte Männer (...) - in Mönchsröcke gehüllt mit uns marschierten, wohin wir nur immer gingen. Und auch im Refektorium habe ich ihrer acht, die freilich verdiente Männer waren, an einem Ostertag beim Abt und bei den Dekanen im Mönchshabit zu Tische sitzen sehen. (cap.136). Man verkleidet also Laien in Mönchskutten, wenn man sie in die Klausur einlässt.

 

Umgekehrt sollen die Mönche aufgrund der Verpflichtung zur stabilitas loci ihr Kloster regulär nicht verlassen. Daran scheint man sich aber nur wenig zu halten, es genügt offenbar der des öfteren gegebene Dispens des Abtes. Musterbeispiel ist der Autor selbst, der sein Kloster für viele Jahre verlässt, um unter dem Mainzer Erzbischof dort eine Schule zu leiten. Ein anderer Lehrer, Ratpert, betont extra, dass er im Jahr nur zwei paar Schuhe verbraucht habe, so selten habe er das Kloster verlassen. Ausgehen nannte er den Tod, und oft beschwor er unter Umarmungen den reisefrohen (itinerarius) Tuotilo, sich vorzusehen. (Ekkehard, S.79) Tuotilo aber zog mit Erlaubnis der Äbte, unter denen er diente, und meist sogar auf ihre Weisung, durch viele Länder um der Kunst (artificia) und der Wissenschaft (doctrinas) willen. (Ekkehard, S.88) Dabei sind Mönche ohnehin schon aus wirtschaftlichen Gründen, für Verkauf und Einkauf und für die Verwaltung der Güter zum Beispiel unterwegs.

 

Der junge Wolo gehörte zu jenen Vornehmen (nobiliores), die häufiger vom Weg abwichen und dafür mit Worten und Schlägen gezüchtigt werden. Seiner Freiheit offenbar gegen seinen Willen beraubt, steigt er gerne den Glockenturm hoch, um wenigstens so etwas von der Gegend zu Gesicht zu bekommen und stürzt dabei dann zu Tode. Notker träumt es darauf laut Ekkkehard, Ratpert erscheine ihm und sage über Wolo: Ihm sind viele Sünden vergeben, denn er hat viel geliebt. (Ekkehard, S.100). Das ist zwar laut Lukas-Evangelium ein Zitat Jesu, aber eines, welches Kirche und Kloster natürlich nicht teilen konnte und in diesem Kontext eigentlich für frivol hätte halten müssen. Dass eifriges Sündigen durch viel Caritas aufgewogen werden könnte, wäre der Ruin des mittelalterlichen Christentums gewesen.

 

Wolo steigt auf den Turm des Klosters, um die Welt der Freiheit außerhalb der Klostermauern mit den Augen zu ersehnen. Aber in massiven Krisen zeigt sich, dass viele der Mönche froh sind, wenn sie mehr Freiheiten erhalten. Nach Klosterbrand und Renovierung im 10. Jahrhundert heißt es: Die Brüder, die sich nach dem Brand ans Vagabundieren gewöhnt hatten, nötigte (der Abt) Craloh schließlich, ständig in der Klausur zu leben, zu gebotener Stunde zu schweigen und zu sprechen, die Regel täglich anzuhören und auszuüben ... aber: dazwischen ließ er ihnen, gleichwie Novizen, Freiheiten zukommen, die sogar wider die Regel waren (Ekkehard, cap.70).

Dennoch gilt er den Mönchen als zu streng, und er muss darum für zwei Jahre zum König fliehen. Danach kostet es Bischof Ulrich von Augsburg, einst selbst im Kloster erzogen, erhebliche Mühe, Abt und Mönche wieder miteinander zu versöhnen.

 

Ein wesentlicher Punkt ist individuelles Eigentum, im Kloster eigentlich verboten, aber die Gerüchte sagen, dass es in St.Gallen einige gebe, die reich an eigenem Besitz, verwöhnter lebten (cap.98). Das unter anderem veranlasst den Reichenauer Abt Ruodmann, das Kloster beim Kaiser zu denunzieren. Ekkehard kontert das in seinem Text damit, das Ruodmann reiche jährliche Erträge beiseite schaffte (cap.101), also: für sich selbst.

 

Benedikt verbietet alltäglichen Fleischgenuss im Kloster, dem schwächlichen Abt Purchard aber erlaubt laut Ekkehard der Konstanzer Bischof ausdrücklich, Fleisch zu essen und der darf es sogar Mönchen nach eigenem Urteil erlauben. Bischof Dietrich von Metz meint dazu über die Sankt Galler: Einen vortrefflicheren Mönch aber werde ich, glaube ich, niemals sehen, als einer von ihnen war, der manchmal Fleisch verzehrte (cap.105).

 

Daneben liebt dieser fromme Abt Purchard ganz aristoikratisch herrliche Pferde. Dieser Vater nun ist laut Ekkehard vortrefflich, und ihm sind durch lange Übung die Tugenden bereits zur zweiten Natur geworden (in naturam iam vertenti, Ekkehard, S. 176). Man ahnt nicht nur, welche Privilegien Äbte im üblichen Kloster des 10. Jahrhunderts haben, sondern dass sie ihre Liebhabereien auch im Zusammenspiel mit mächtigen Bischöfen ausüben können. Das wird denn auch keine Reform mehr ändern.

Überhaupt scheint der Feischgenuss bei den Mönchen weit verbreitet gewesen zu sein, was ein Bischof damit kommentiert, er habe keine besseren Mönche als solche Liebhaber des Fleischgenusses gekannt: Nur einige dagegen haben in Räumlichkeiten, die der Abt innerhalb der vier eigenen Wände zur Verfügung stellte, auch Fleisch von Vierfüßlern genossen. Einen vortrefflicheren Mönch aber werde ich, glaube ich, niemals sehen, als einer von denen war, die manchmal (interdum) Fleisch aßen. (Ekkehard, S.212)

 

Ekkehard beklagt das zeitweise geringe Eigentum des Klosters, welches zu einem ärmlichen Lebenswandel führe, der geradezu zu Regelverstößen einladen könne. Höchste Aufgabe des Abtes sei es entsprechend, unter anderem durch gute Beziehungen zu fürstlichen und königlichen Höfen den Besitz des Klosters zu mehren. Diese Aufgabe scheint jedenfalls wichtiger zu sein als das Durchsetzen einer monastischen disciplina nach den Buchstaben der Benediktregel.

Solches demonstriert Ekkehard gleich am Anfang seines Textes lobend an Salomo, Hochadeliger mit besten Verbindungen zum Hof, von erheblichem Reichtum, den er auch in teure Geschenke für St.Gallen anlegt, mit Gold und Silber verschönt, wonach es ihm gelingt, mit dem zweifelhaften Titel eines Praemonachus bis in die Klausur vordringen zu können. Schließlich wird er Mönch. Der Abt behandelte ihn milder (delicatius) als Mönch gleichsam von Hof (de palatio) und bevorzugte ihn vor allen, die unter ihm ihren Dienst taten (militabant). (Ekkehard, S.34) Kein Wunder, dass er dann dort Abt wird und bald darauf außerdem Bischof von Konstanz. Mit Gold und Silber verschönte Prächtigkeit umgibt ihn.

Der König kommt zu Besuch und bietet ein Festmahl. Der Lektor erklärt dabei: Die Liebe (caritas), die kein Unrecht kann begehen, sie durfte die Zucht mit Fug verschmähen. Niemand sprach, dies oder das sei eigentlich verwehrt (...) Nie atmeten sie dort in der Klosterluft von Wild und Fleisch den gewürzten Duft. Gaukler tanzten und sprangen; Musikanten spielten und sangen. Niemals erlebte der Saal des Gallus von sich aus solchen Jubelschall. Der König, unter dem Klang der Lieder, schaute auf die gesetzteren (graviores) Brüder und lachte über einige von ihnen, denn da ihnen alles neu war, verzogen sich ihre Mienen. (Ekkehard, S.44)

Das passt zu jener anderen Anekdote, in der der noch junge Salomo die jungfräuliche Tochter eines Gastgebers schwängert. Sie büßt das, damit. dass sie Nonne und später Äbtissin wird, für ihn war das offenbar ein üblicher Fehltritt.

Das Gegenteil ist Hartmann, der vor lauter Frömmigkeit die Güter des Klosters vernachlässigt und den Meiern zuviel Freiheiten lässt, was laut Ekkehard zum Niedergang des klösterlichen Wohlstandes führt.

 

Benediktinische Klöster sind im frühen Mittelalter nicht gewaltfrei, alle physische Gewalt wie die Prügelstrafe hat aber vom Abt und vom Kapitel auszugehen. So wird der widerspenstige Wolo häufig (wenn auch vergeblich) mit Worten und Schlägen gezüchtigt. Gewalttätigkeit unter den Mönchen kommt aber nicht nur in St.Gallen vor. Dort wird ein Sindolf, der hinter den Regelverstößen der Mönche herspioniert, offenbar mit Zustimmung unseres Autors mit Peitschenhieben heftig verprügelt und wird dabei übel zugerichtet (cap.36).

 

Mönche gehören zu jener militia, die waffenlos zu bleiben hat. Tuotilo, einmal wieder auf Reisen, kann dazu beitragen, eine Räuberbande mit einem großen Holzknüppel niederzukämpfen. Sollte die wiederkommen, würden seine Reisigen ihn mit einer erbeuteten Lanze versorgen. Beim großen Ungarneinfall vergessen die Mönche natürlich das Gebot der Gewaltlosigkeit. Der Abt heißt die kräftigeren unter den Brüdern die Waffen ergreifen (arma sumere) und rüstete das Gesinde; selber zog er (,,,) den Panzer an, streifte Kukulle und Stola darüber und gebot den Brüdern, ein Gleiches zu tun. (...) Es wurden Wurfspieße verfertigt, aus Filzstoffen Panzer hergestellt, Schleudern geflochten, aus zusammengefügten Brettern und Korbgeflechten Schilde nachgebildet, Sparren und Knüttel zugespitzt und in der Herdglut gehärtet. (Ekkehard, S.114) Man zieht sich dann aber doch in eine Burg bzw. in den Wald zurück, wohlwissend, dass man sich so kaum wehren könne, während die Ministerialen des Klosters wenig Kampfgeist zeigen.

Als die Gefahr vorüber ist und die Ungarn abgezogen sind, legen die Mönche die Waffen nieder und gewöhnen sich wieder an den himmlischen Kriegsdienst (militia caelestis).

Spontane Prügeleien im Kloster kommen wohl auch, wenngleich selten vor. Als der unbeliebte Sandrat Schlechtes über sich reden hört, springt er auf ihn zu und versetzte ihm, der hochgeboren, aber auch hochgebildet war, einen tüchtigen Backenstreich. Jener aber, viel kräftiger als er, schoss im Nu den Arm vor und schlug ihm mit der Faust mächtig gegen die Schläfe und ließ ihn halb tot zu boden sinken. Dafür wird er denn auch hart mit Rutenstreichen gezüchtigt (cap141).

 

Der rituell-spirituelle Alltag der Mönche kommt nur am Rande vor, was mehrere Erklärungen nahelegt. Einmal, dass er als alltägliche Routine nicht besonders zu erwähnen wäre, und zum anderen, dass er für den Autor gegenüber anderen Aspekten geringere Bedeutung hat. Wichtig ist ihm zum Beispiel, dass die Söhne des Adels im Kloster im Saitenspiel unterrichtet werden, von jenem Tuotilo, der zugleich in der Dichtkunst so gut ist, dass er damit für Unterhaltung sorgen kann ( er ist serio et ioco festivus, Ekkehard S.79). Überhaupt gehören Scherze und Späße, hilaritas, zum mönchischen Alltag (cap.110/112 z.B.). Über Abt Notker heißt es denn auch: ... sein Frohsinn (hilaritas), der ihm gewissermaßen von Natur aus zu eigen war und unter heutigen Verhältnissen dem Luxus zugeschrieben werden mag, lässt sich nur zum Teil beschreiben (cap.134). Bei diesem Mann, largifluo in omni hilaritate, taucht denn auch wieder einmal die natura auf, hier als persönliche Disposition zur Heiterkeit, jener, die den Reformern des 11. Jahrhunderts eher abgehen wird. Für unseren Autor aber ist er ein "vortrefflicher Abt".

 

Von Ratpert, dem Magister, schreibt Ekkehard: Emsig in der Schule tätig, kümmerte er sich meist nicht um Tageszeiten und Messen, indem er sagte: "Gute Messen hören wir, sooft wir lehren, sie zu halten." Und wiewohl er als größtes Verbrechen für ein Kloster die Straflosigkeit bezeichnete, kam er doch nur, wenn man ihn rief, zum Kapitel; denn ihm sei, wie er sagte, das schwierigste Amt, zu kapiteln und zu strafen (officium capitulandi et puniendi) anvertraut. (Ekkehard, S.78) Natürlich ist es ein krasser Regelverstoß, häufig bei Messe und Kapitelsitzung abwesend zu sein, den wichtigsten gemeinschaftlichen Pflichten eines Mönches, und seine Lehrtätigkeit für gleichwertig zu halten. Aber bei seinem Tod ist man einigermaßen sicher, dass er umgehend im Paradies landen würde.

 

Hervorgehoben wird stattdessen jene disciplina, die im unbedingten Gehorsam (gegenüber dem Abt vor allem) besteht, und von der Ekkehard berichtet, dass sie eine hervorragende Tugend der Gallener Mönche darstelle, und sie ist immerhin der Inbegriff der Regel (cap.107).

 

Auch wenn die stark anekdotisch gefärbten Klostergeschichten sich im Einzelnen kaum verifizieren lassen, dürften sie, was das Maß an Regelverstößen angeht, eher untertreiben, und was ihre Art betrifft, wohl grundsätzlich nicht aus der Luft gegriffen sein.

Wer selbst kein Vertreter strenger mönchischer Disziplin im Sinne der wortwörtlichen Befolgung der Benediktregel ist, kann leicht mit Ekkehards Anliegen sympathisieren, dass klösterlicher Alltag vor allem Rücksicht zu nehmen hat auf die unterschiedlichen "Naturen" der Mönche, dass er ihre Talente (vor allem Schreiben, Dichten, Musizieren, Malen, schöne Reliefs etc herstellen) zu berücksichtigen und zu fördern hat und das strenge Bescheidenheit beim Essen und Wein zum Beispiel dem nicht förderlich seien, so wenig wie das uneingeschränkte Eingesperrtsein in der Klausur.

Die von ihm beschriebenen unentwegten Regelverstöße, die er dem 10. Jahrhundert zuordnet, werden weithin von den Autoritäten, die sie von außerhalb begutachten, gutgeheißen, was einmal heißen könnte, dass sie gängige Praxis waren, zum anderen aber auch, dass das Kloster viele mächtige Gönner hat, von denen nicht wenige bereits aus der Klosterschule hervorgegangen waren.

Was den "Geist" der Benediktregel betrifft, so mag Ekkehard vielleicht nicht ganz unrecht gehabt haben, war diese doch wohl ursprünglich darauf aus gewesen, übermäßige weltverachtende Askese einzudämmen. Andererseits schimmert bei ihm aber durch, was Klosterleben durch Nachantike und frühes Mittelalter auszeichnet: Eine stete Tendenz zur Nachlässigkeit in der disciplina, irgendwann dann entweder von Reformen gefolgt oder aber, auch nicht selten, dem Untergang des Klosters.

 

6. Kloster-Reformen in deutschen Landen

 

Von innen gesehen dienen Klöster dem eigenen Seelenheil der Mönche, von außen dem des Weltklerus und der Laien durch das Gebet. Unter den Laien ist dabei jener Adel zu verstehen, der genug besitzt, um sich durch Stiftung und Schenkungen in das Gebet der Mönche "einzukaufen".

Der Adel bedarf der dauerhaften Institution Kloster, denn das Gebet für ihn, welches ihm die Sündenstrafen erleichtern soll, wird erst nach dem Tod so richtig wichtig, und es soll andauern, bis er ins ewigen Heil gelangt ist. Da nun die Klöster auf Schenkungen von Grundherrschaften angewiesen sind, um viel Zeit für den Erwerb jener Heiligkeit zu gewinnen, die ihr Gebet für den Adel erst wirksam macht, kommt es zu einer engen Verbindung der Klöster mit der regionalen weltlichen Macht. Diese wird noch dadurch unterstützt, dass bislang solche Klöster selbst dem Adel weitgehend vorbehalten sind.

 

Insbesondere stiften Adelsfamilien „eigene“ Klöster, die sie dann auch materiell ausstatten. Nachdem sie nun Mitte des 11. Jahrhunderts beginnen, (Höhen)Burgen zu bauen und eine Stammburg zu ihrem Familiensitz zu machen, haben sie so ein geistliches und ein weltliches Zentrum, von denen aus sie dynastisches Bewusstsein entwickeln können, ähnlich wie die salischen Könige. Es gibt dann so ein Zentrum für die Lebenden, nachdem sie anfangen, sich zu benennen, und eines für die Toten, die sie bald in der Klosterkirche bei denen zu bestatten trachten, die für sie zu beten hatten.

 

Im Zuge einer Entwicklung intensiverer Frömmigkeit, wie sie schon in Burgund im zehnten Jahrhundert in der Gründung von Cluny kulminierte, Anfang des 11. Jahrhunderts in Italien (Fruttuaria) anlief und etwas später auch in den deutschen Landen, wurde beim Adel das Bewusstsein dafür geschärft, dass die Gebetsleistung der Mönche dort an Wert für das eigene Seelenheil gewinnt, wo diese sich besonderer Heiligkeit befleißigen. Familien unterstützen so Neugründungen mit größerem Heiligkeitspotential und zudem die Reformierung „ihrer“ Klöster, weil Reform mehr Heiligkeit erwarten lässt. Dies wird im 11. Jahrhundert um so wichtiger, als das Bewusstsein für die eigene Gewalttätigkeit und sexuelle Sündhaftigkeit (und ähnliches) zunimmt, ohne dass diese sich deshalb verringern.

 

Mit dem Tod dessen, der sich ein Kloster verpflichtet hatte, wird dieses zu einer Art Memorialeinrichtung. Zusätzliche Geschenke zu Lebzeiten werden darauf verwendet, das Kloster darauf zu verpflichten, jährlich zum Todestag nicht nur für einen zu beten, sondern die Qualen des Abbüßens von Sünden durch Almosenspenden an die Armen zu verkürzen. Bevor man also Kapital investierte, investierte man Geld und Gut in die Ersparnis von Höllenqualen.

In Cluny wurden alleine schon die Mittel, die die (adeligen) Mönche in ihren Klostereintritt mitbrachten, an jedem ihrer Todestage für die Speisung eines Armen verwendet, was um 1100 auf jährlich über 12 000 Armenspeisungen angewachsen war.

 

Die klösterliche Reformbewegung entwickelte sich im römisch-“deutschen“ Reich zunächst in Lothringen, in Gorze, Moyenmoutier, Lüttich und anderswo. Unreformierte Klöster gelten bald als korrupt, verderbt, während diese die reformierten als schismatische Abspaltung vom gemeinsamen benediktinischen Mönchtum empfinden, wie dies zum Beispiel Ekkehard von St.Gallen darlegt. Es geht um die Kontakte der Mönche mit der Außenwelt, eine gewisse Heiterkeit im internen Umgang miteinander in der Klausur, gegen die ein konsequentes Schweigegebot gesetzt wird. Es geht gegen die Lektüre heidnischer Autoren, gegen bequeme oder gar prächtige Kleidung. „Strengeres Fasten, häufigeres Wachen, längeres und intensiveres Chorgebet, vertiefte Kontemplation und persönliche Askese“ (KellerBegrenzung, S.150) sollen zu den Wurzeln der benediktinischen Regel zurückführen. Was sich in deutsche Klöster eingeschlichen hatte, war in der Regel nicht massive Verwahrlosung, sondern Anpassung an die Tatsache, dass das Kloster von Kindheit an gemeinsamer Lebensraum war.

 

Dennoch sieht das ein Lampert von Hersfeld etwas schärfer, wiewohl er radikalerer Klosterreform eher ablehnend gegenüber steht. Zunächst ist es Parteinahme gegen den König, was ihn dazu führt, einen neuen Abt für das Kloster Reichenau 1071 als Schacherer zu verurteilen: er hatte an die königliche Kasse 1000 Pfund reinsten Silbers gezahlt. Durch schmutzige Wuchergeschäfte, die er auch schon als einfacher Mönch im Kloster betrieben hatte. hatte er sich ein riesiges Vermögen erschachert ... Dann verallgemeinert er allerdings, dass man in unserer Zeit und in unserem Lande die Mönche nicht nach ihrer Unschuld und der Reinheit ihres Lebenswandels, sondern nach der Menge ihres Geldes einschätzt, und dass man bei Abtswahlen nicht fragt, wer der Würdigste ist für das Amt, sondern wer es am teuersten kaufen kann. So drang (...) die Gewohnheit in die Kirche ein, dass die Abteien in der Pfalz öffentlich als käufliche Ware prostituiert werden (publice venales prostituantur), und dass niemand einen so hohen Preis dafür verlangen kann, dass er nicht sofort einen Käufer fände, während die Mönche sich nicht mit löblichem Eifer in  der Beobachtung der Regel, sondern mit üblem Eifer in Gelderwerb und Wucher (de questibus et usuris) zu übertreffen suchen

 

Während dieser neue Abt von Bamberg nach Reichenau wechselt, hatte dieses dort inzwischen Ekbert, ein Mönch aus der strengen Zucht von Gorze, übernommen. Bei dessen Amtsantritt stoben sofort alle Brüder. die er bisherige Abt erzogen hatte, nämlich in der Schacher- und Wucherkunst, und die er wie der Vater seine Söhne gelehrt hatte, in Lebensführung und Sitten, wie man sagt, in seine Fußstapfen zu treten, auseinander wie Blätter, die der Wind vor sich hertreibt. (Alles Annales für 1071)

 

Ein Beispiel, das wohl nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, aber wie es allgemein in den Klöstern aussah, lässt sich kaum mehr genau ergründen. Dafür sind die Quellen der Zeit zu parteiisch. Bei Lampert heißt es aber zum selben Jahr: Selbst um ein kleines Amt (honor) zu erkaufen, versprachen sie täglich goldene Berge und schlossen weltliche Käufer durch ihr übermäßig hohes Angebot aus (...) Die Welt fragte sich staunend, aus welcher Quelle eigentlich dieser gewaltige Geldstrom hervorsprudele, wieso Privatleute Schätze (opes) wie Krösus und Tantalus hätten anhäufen können, und noch dazu solche Menschen, die >das Ärgernis des Kreuzes< und den Ehrentitel der Armut als Aushängeschild benutzten und vorgaben, außer einfacher Nahrung und Kleidung nichts zu besitzen.

Und damit niemand denke, es handele sich um Einzelfälle, erwähnt Lampert für 1075 in seinen Annalen, die sich des Öfteren mit Fulda befassen, noch folgendes: Als dann (...) der König mit den Fürsten zur Wahl eines Abtes von Fulda eine Sitzung abhielt, entstand ein heftiger Streit zwischen Äbten und Mönchen, die in großer Zahl aus verschiedenen Orten herbeigekommen waren. (...) der eine versprach goldene Berge, der andere ungeheure Lehen aus den Fuldaern Besitzungen, ein dritter außergewöhnliche Dienstleistungen für das Reich, und alle wahrten nicht Maß noch Ziel in ihren Angeboten.

Es muss nicht immer eine Geldsumme sein, mit der man seinen Eintritt in das Amt eines Abtes (oder Bischofs) bezahlt. Klöster sind immer auch große Wirtschaftsbetriebe, und bei manchem größeren bedeutete die Abtswürde Macht und die Verfügung über viel Geld. Dass da vor der Wahl Versprechungen gemacht werden, dürfte normal gewesen sein.  

 

Es kommt dazu, dass der Ruf nach der libertas ecclesiae auch zu einem nach der „Freiheit“ des Klosters führt, und die soll nun wie in Cluny nicht mehr vom Bischof und dem König eingeschränkt werden. Mehrere Generationen nach der Gründung von Cluny beginnen Adelige in Lothringen wie 1049 jener Egisheimer Grafensohn, der zum Papst Leo IX. wird, im Fall von Heiligkreuz-Woffenheim, „ihre“ Klöster direkt dem Papst zu unterstellen, was heißt, sie der königlichen Oberaufsicht zu entziehen, der bisher oberster Schutzherr der Klöster war. Tatsächlich bleiben sie nun aber unter der erblichen Aufsicht der jeweiligen adeligen Stifterfamilie, im Egisheimer Fall wird dort die Vogtei an den Besitz des Stammsitzes der Familie, die Egisheimer Dagsburg gebunden. Das gilt aber selbst dort, wo die Familie den Mönchen nicht nur die Wahl des Abtes, sondern auch die freie Wahl des Vogtes gewährt, der die weltliche Gewalt ausübt.Auf diese Weise werden in den südwestdeutschen Reformklöstern dann lange vor den Übereinkünften zwischen Königen und Päpsten Temporalia und Spiritualia getrennt.

Das Kloster tut dabei gut daran, sich von denen beschützen zu lassen, die ihnen am nächsten stehen und die tatsächliche Macht in der Gegend innehaben.

Neben den Ämtern der Kirche und denen, die die Ministerialität innehatte, etabliert sich so der Amtsgedanke auch in den Vogteien, selbst wo diese, wie meist, in einer Familie erblich sind.

 

Tatsächlich scheint es bei einigen südwestdeutschen Adeligen auch zu intensiverer "Christianisierung" bis hin zu persönlicher Frömmigkeit zu kommen, die einige von ihnen sogar dazu bringt, sich aus der Welt zurückzuziehen und in Klöster einzutreten. Auch das wohl brachte sie dazu, im Streit zwischen Papst und Kaiser die päpstliche Seite einzunehmen.

 

1070 gründet Erzbischof Anno von Köln das Kloster Siegburg und verpflanzt dorthin zwölf Mönche aus dem reformierten Kloster Fruttuaria, die er von einer Italienreise mitbringt (Lampert). Dann vertrieb er laut Lampert Annales 1072) die Kanoniker aus Saalfeld und führte dort mönchisches Leben ein, indem er Mönche aus Siegburg und St.Pantaleon (in Köln, ebenfalls reformiert) hinschickte. Lampert muss dort erfahren, dass das Volk die herkömmlichen Benediktiner (uns) für nichts hält - und hielten diese, die etwas Neues und Ungewohntes zu bieten schienen, nicht für Menschen, sondern für Engel, nicht für Fleisch, sondern für Geist.

Und diese Meinung (opinio) hatte sich in den Köpfen der Vornehmen noch tiefer und fester eingenistet als in denen der einfachen Leute. Von jenen aus war diese Ansicht ins Volk (ad populum) gedrungen und erregte in den meisten Klöstern dieses Landstrichs solche Angst, dass bei ihrem Herannahen hier dreißig, dort vierzig und anderswo fünfzig Mönche, durch die Furcht vor einem strengeren Leben verscheucht, die Klöster verließen und es für besser hielten, ihr Seelenheil in der Welt in Gefahr zu bringen, als über das Maß ihrer Kräfte hinaus mit Gewalt das Himmelreich erobern zu wollen.   

 

Die Skepsis der altgedienten Mönche vor den Neuerungen ist groß, und in mehreren Quellen wird davon berichtet, dass Mönche sich vielerorts dagegen stemmen oder ihre Klöster fluchtartig verlassen. Am Beispiel des Erzbischofs Anno wird deutlich, wie sich moralische Säuberungen mit den Interessen territorialer Kontrolle durch Reform verbinden. 

 

1072 wird St.Blasien vom schwäbischen Herzog Rudolf dem Einfluss Fruttuarias unterstellt. Zwischen 1069 und 79 wird das Kloster Hirsau von einem Grafen von Calw nach dem Vorbild von Cluny und in enger Verbindung zu diesem reformiert.1075 dokumentiert das 'Hirsauer Formular' die Investitur des Abtes durch den Klosterpatron, von dessen Altar er den Stab nimmt. Später wird dieser Stab im Wieheakt des Abtes diesem vom Bischof überreicht und wird so Teil der Weihe und nicht mehr Investitur im eigenkirchlichen Sinne.

 

Alle diese Reformen werden dann auf andere deutsche Klöster übertragen. Es verbinden sich innerklösterliche Reformbestrebungen mit der Sorge von Adeligen um ihr Leben nach dem Tode, und diese wiederum mit den territorialen Bestrebungen des Adels. Damit verknüpft wird das Sympathisieren mit dem Reformpapsttum, ein weiterer Konfliktpunkt mit König und Kaiser.

Um 1030 werden sowohl die Habsburg wie das dazu gehörige Kloster Muri gegründet. Allerdings erst 1064 wird die Klosterkirche geweiht. Um sein Kloster zu stabilisieren, geht Graf Werner von Habsburg nach Hirsau, um sich dort Hilfe zu erbitten. Vier Mönche und Wilhelm von Hirsau selbst reisen darauf nach Muri. Der Graf bietet freie Vogtswahl, was aber wenig erfolgreich bleibt, und übernimmt dann wieder die Vogtei, die in Zukunft an den jeweils ältesten Erben fallen soll. Damit kann das Kloster nicht mehr geteilt werden und so wird die Zukunft des Hauses Habsburg wie die des Klosters zur gleichen Zeit gesichert.

 

Bald gibt es päpstliche und kaiserliche Klöster, Reformmönche werden dort vertrieben, wo kaiserlicher Hochadel die Oberhand gewinnt und umgekehrt. Dabei bleibt der Einfluss Clunys auf die consuetudines der Klöster beschränkt, ihre Einreihung in Machtgruppen ist eine ausgesprochen deutsche Angelegenheit.

 

Mit der neuen Frömmigkeit, wie sie vor allem von Hirsau aus Schwaben beeinflusst, wandelt sich das benediktinische Kloster. Wurden bislang die Klöster im wesentlichen mit Kindern aus Adelshäusern bestückt, so wird nun zunehmend ein Eintrittsalter verlangt, welches dem Manne die freie und bewusste Entscheidung für das Klosterleben überlässt, was alleine schon dessen Charakter verändert. Vor allem Kleriker und Mönche, die eine strengere Regeleinhaltung wünschen, treten nun ein. Entsprechend werden Laienbrüder (Konverse) aus der Klausur ausgeschlossen, tragen einen Bart und eine andere Tracht, um so von der neuen Rigorosität abgegrenzt zu sein. Die Arbeit außerhalb des Klosters und das Betreiben von Geschäften werden den regulären Mönchen oft zur Gänze abgenommen.

 

Zugleich kommt es zu einer weiteren Neuerung. Bislang waren die Klöster dem Adel und der arrivierteren Ministerialität vorbehalten, nun wurde dieser de facto, wenn auch nicht nach der Regel existierende Adelsvorbehalt ein Stück weit aufgehoben. All dies wird für einige Jahrzehnte mehr Strenge, „Askese“ in diese Klöster einziehen lassen. Dort, wo dann im 12. Jahrhundert der Reformeifer wieder nachlässt, werden neue Gruppierungen nachziehen.

 

Reform betrifft nicht die Regel Benedikts, sondern die Details und damit wohl auch den Geist der Regel. Im Zuge zunehmender allgemeiner Schriftlichkeit beginnt man diese jeweiligen Gewohnheiten als Regelzusätze aufzuschreiben. Aus solchen Anfängen wird sich nach und nach ein Bewusstsein für verschiedene „Orden“, also Ordnungen des Mönchtums herauszubilden.

 

 

Unglaube

 

Auf dem Land, also bei der großen Mehrheit der Menschen, halten sich bis in die Neuzeit vorchristliche Elemente, die nicht nur teilweise ins Christentum integriert werden, sondern zum Teil auch verbotenerweise daneben bestehen bleiben. Davon wissen wir heute mehr als davon, was die Leute wirklich glaubten, wobei Elemente von Unglauben wohl auch in den Städten immer vorhanden waren. Zweifellos plapperten die Menschen, ohne es wie auch immer zu verstehen, das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser nach, prägten sich vor allem alttestamentarische Geschichten ein und hielten ansonsten das jeweils von oben Angeordnete für Christentum. Aber Dokumente darüber, was sie dabei alles nicht glaubten oder gar für Unfug hielten, gibt es naturgemäß nur wenige, denn dokumentierbarer Unglauben hätte schlimmste Folgen nach sich gezogen.

 

Insbesondere der mirakulöse sakramentale Zauber wurde wohl des öfteren für faulen Zauber gehalten. Jemand bezeichnet eine Kirche als Schlafzimmer. Im Mirakelbuch der heiligen Foy von ungefähr 1030 wird erzählt, wie einer an einer einfachen Holzkirche vorbeigeht und sie als bloße Hundehütte bezeichnet, ihr also allen sakralen Charakter abspricht. Der Legendenschreiber darauf:

Der Unglückliche! Er hat nicht begriffen, dass dieses Gebäude seine Kraft durch seine heilige Weihung aus dem göttlichen Licht bezieht. Ähnlich ist der Irrtum der Häretiker, die in Unkenntnis der spirituellen Gnade dem Taufwasser seine Kraft aberkennen, seine Natur zu verändern und erklären, das Wasser bleibe einfach immer Wasser. Es ist nötig, dass sie wissen und dass sie glauben, dass sich darin zwei Elemente befinden, nämlich das Wasser selbst und die heiligende Gnade, und dass aus der Verbindung beider das Sakrament entsteht. (in Audebert/Treffort, S.98) Vermutlich ist es vielen, die etwas helle im Kopf waren, so gegangen, dass sie dem Zauber nicht trauten. Aber im Verlauf des Mittelalters wurde es immer lebensgefährlicher, das laut zu sagen. Mächtige werden bis heute nur dort Unglauben dulden, wo sie sich durch ihn nicht gefährdet sehen. Wie sonst sollte institutionalisierte Macht auch überleben können...

 

Bei Keller (Begrenzung S.197ff) ist folgende Geschichte zusammengefasst. Ein holsteinischer Bauer kämpfte 1189 für Heinrich den Löwen, wurde schwer verletzt, und seine Seele verließ ihn am 20. Dezember und kehrte erst am 124. zurück. Darauf konnte er eine phantastische Geschichte von einem märchenhaft ausgemalten Jüngsten Gericht erzählen, in dem sechs besonders Sündhafte schlimmste Höllenqualen durchlaufen mussten. Den sechs Schwerbelasteten hielt der Engel vor: Ihr habt das Wort des Herrn von euren Priestern vielfach gehört , doch ihr wolltet es nicht begreifen und wolltet nicht Gutes tun; Ihr habt gehört, aber nicht gehandelt. Jammernd antworteten sie: Was die Priester an Zeugnissen vortrugen, kam uns unglaubwürdig vor, denn sie sprachen von unsichtbaren Dingen. Wir erfreuten uns aber nur an sichtbaren und kamen gar nicht auf den Gedanken wie Hoffnung auf ewige Güter, noch hatten wir Angst, in Verderbnis zu geraten. Ihr Jammern wird ihnen aber nicht helfen.

 

Das aufgezwungene Christentum machte wohl aus den meisten "Gläubigen" gedankenlose Mitläufer, weil das der bequemste Weg ist, und zwar auch, weil es den Mühen selbständigen Nachdenkens ausweicht, die in Zivilisationen ohnehin wenig erwünscht sind. Dass es allerdings zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert mehr Interesse an Religion gab als in der Neuzeit, zeigen die vielen Abweichler von den katholischen Glaubenspflichten, die als Häretiker verfolgt werden. Ihnen gemeinsam ist die Rückbesinnung auf den evangelischen Jesus und die Apostelgemeinde, was sie der Verfolgung durch die römische Kirche anheim gibt.

 

Für Otto von Freising sind die Gelehrteren mit ihrem nachdenklicheren Vernunftgebrauch gefährdeter, was Unglauben angeht, denn jene, die gemäß der menschlichen Vernunft über die Ursachen der Dinge philosophieren, lassen sich leichter durch vernünftige Argumente zur Leugnung des Glaubens verleiten (ut fidem negant) als durch Drohungen oder irdische Genüsse. (Chronica sive Historia)

 

Nach 1100 beginnen sich in einzelnen Personen Philosophie und Theologie/Religion in ganz langsamen und vorsichtigen Schritten auseinander zu bewegen, ein Vorgang, der seinen genialen Abschluss allerdings erst in Kants 'Kritik der reinen Vernunft' erhält. Das flankiert dann jenen Unglauben, der ohne philosophische Gedankengänge nur mit Hilfe des gesunden Menschenverstandes alles Wundersame und Seltsame am römischen Christentum als Unsinn ablehnt, jenen nämlich, der in genau dieser Zeit immer dogmatischer verhärtet auftritt: Jungfrauengeburt, Transsubstantiation, Auferstehung, ewiges Leben usw. (siehe die vielen Beispiele in Dinzelbacher, Unglaube).

 

Glaube setzt dort ein, wo man nichts mehr wissen kann. Das Glauben scheint aber darüber hinaus ein Grundbedürfnis zivilisierter Menschen zu sein. In der institutionalisierten Untertänigkeit erscheint die Tatsache des Nichtwissens unerträglich, die erkannten Lücken werden gefüllt. Das passt denn auch gut dazu, dass christliche Zivilisationen wie die anderer Schriftreligionen mit Druck und Gewalt durchgesetzt werden. Der rechte Glaube wird eine Sache des Überlebens, Glauben zumindest vorzuspielen wird eine Notwendigkeit, und von dort ist es kein weiter Weg dazu, ihn für den eigenen zu halten.

Ohnehin fördern Zivilisationen mit ihrem Unterdrückungspotential und der steten latenten Gewaltdrohung von oben nach unten Konformismus und Denkfaulheit, beides Resultate von Angstvermeidung. Die gedanklichen Mühen hinter der sich radikal vollziehenden Säkularisierung seit dem 18. Jahrhundert sind denn auch die Sache ganz weniger, hinter denen die immer machtvolleren Bewegungen des Kapitals stehen, der Unglaube wird so konformistisch und gedankenlos sein wie es der Glaube vorher war. (Nietzsches toller Mensch wird das in seinem 'Zarathustra' entgeistert feststellen).  

 

 

Konformismus betrifft auch die Mächtigeren im christlichen Mittelalter, denn Macht und das, was gerade für Christentum gehalten wird, sind seit dem 5.Jahrhundert untrennbar verbunden. Auf diese Weise wird "Religion" eine Sache unreflektierter Gewohnheit, zu jener Selbstverständlichkeit, die darin besteht, gar nicht mehr verstehen zu wollen bzw. zu können. Zudem ist nach dem römischen auch germanisches Erbgut in die Religion eingezogen, welches letzteres dann in jenem Totengedenken kulminiert, welches adelige Geschlechter hervorbringt und dynastische Linien verfestigt. 

Solcher Glaube kann beim Adel allerdings auch Formen intensiver Frömmigkeit annehmen, wie aus Heiligengeschichten des frühen Mittelalters deutlich wird. Und schon im hohen Mittelalter kann ein Graf Gottfried von Cappenberg 1121 seine Burg und seinen ganzen Besitz Norbert von Xanten und seinem Prämonstratenserorden übergeben, der asketischeren Variante zu den Zisterziensern, und mit seiner Frau und seinem Bruder beitreten.  Nachdem er den Bruder zum Probst eines der von ihm konvertierten Klöster macht, bleiben beide ohne Nachkommen. Das Geschlecht wird so aussterben. 

 

Ein weiteres Beispiel, allerdings etwas anderer Art liefert der dritte Sohn Welfs V. neben dem sechsten Welf und Heinrich dem Stolzen, der später sogar heilig gesprochen werden wird:

Konrad wurde zum Kleriker bestimmt. Nachdem er zu Hause schon in den Kinderjahren Unterricht in den Wissenschaften erhalten hatte, wurde er als Jüngling dem Kölner Erzbischof zum weiteren Studium und zur Erziehung in klösterlicher Zucht übergeben. In beidem schritt er dort so sehr voran und zeichnete sich durch andere Tugenden und das Vermeiden von Fehlern aus, dass er vom ganzen Klerus und Volk geliebt und von allen als aller Ehren würdig erachtet wurde. Er aber floh Ehren, Reichtümer und menschliches Lob und schloss sich einigen Mönchen an, mit denen er  ohne Wissen der Seinen ins Kloster Clairvaux eintrat und dort zum Mönch wurde. Nach einiger Zeit ging er nach Jerusalem , wo er sich einem in der Wüste lebenden Diener Gottes anschloss und ihm in vollkommener Demut das Notwendige verrichtete. Als er schließlich fühlte, dass er von Krankheit befallen war, dachte er an die Rückkehr, bestieg ein Schiff und gelangte nach Bari, der Stadt des heiligen Nikolaus. In seligem Ende beschloss er hier seine Tage und liegt dort ehrenvoll begraben. (Historia Welforum)

Zu korrigieren wäre mit Ehlers, dass er nicht in Clairvaux, sondern bei den Zisterziensern von Morimond eintrat, welches er zusammen mit dem Abt und einigen weiteren Mönchen enttäuscht und regelwidrig verließ. Außer ihm sind denn auch alle anderen wieder dorthin zurückgekehrt. (EhlersOtto, S.16ff) 

 

Was es sicher gab, war immer wieder aufflackernde Abneigung gegen die Prätentionen der Kirche. Durch das 11. Jahrhundert sind immer wieder einzelne Gruppen dokumentiert, die ohne Kirche originär jesuanisch leben wollen. 1022 wird zum ersten Mal laut Quellenlage in Orléans eine Ketzerverbrennung dokumentiert. Für Goslar ist eine solche für 1052 erwähnt.  Wer als Christ ohne Kirche auszukommen meint, ist eben gefährlicher als selbst die Juden, die sich unter die Machtverhältnisse ducken. 

 

Christliches Mittelalter? Das Mittelalter selbst, eine Erfindung der Renaissance des 14.-16- Jahrhunderts, lässt sich als Epoche nicht klar abgrenzen, sondern ist Teil einer Kontinuität, die von den städtischen Zivilisationen der Mittelmeer-Antike erstaunlich bruchlos bis in die Gegenwart reicht, und wird hier nur als Zeitangabe benutzt. Und christlich ist diese Zeit sicherlich nicht im Sinne der Apostelgeschichte und der Evangelien gewesen, sondern höchstens in dem Sinne, dass eine römisch-katholische Kirche auf immer wieder neue Weise eng mit der weltlichen Macht verschränkt Macht über die untergebenen Menschen hat. Was diese glaubten, wird nur selten erkennbar, denn die Gedanken sind solange frei, wie man sie für sich behält. Das ist bekanntlich bis heute so geblieben...