Kirche 3: KIRCHE UND CHRISTENTUM IM 12.JH.

 

Ergebnisse der Reform (Zölibat / Ehe / Kanonisches Zusammenleben / Bischofswahl und Machtpolitik in Trier / Kirche und Kapitalismus)

Heilige, Wallfahrt, Macht und Geschäft (in Arbeit)

Verbürgerlichendes Christentum

Goderich und die Synthese von Heiligkeit und Handelskapital

"Kunst"

 

 

Ergebnisse der Reform

 

Mit der Kirchenreform ist eine gewisse Zäsur verbunden, die die frühmittelalterliche, in weltliche Mächte eingebundene Episkopalkirche von der hochmittelalterlichen autonomen Papstkirche trennt, in der der Bischof von Rom als Papst wenigstens de iure wie ein fast unumschränkter Machthaber als Monarch über seine klerikalen Amtsinhaber herrscht, um dann 1095 in Clermont als Führer der lateinischen Christenheit auftreten zu können. Gewählt vom neuartigen Kardinalskollegium wird er aber zugleich weltlicher Fürst in seinem Staat, so wie bald die Erzbischöfe in ihren Fürstentümern nördlich der Alpen.

Er wird zu einem mit Fürsten, Königen und Kaisern konkurrierenden Herrscher über ein italienisches Staatswesen, dass Päpste aus der Abhängigkeit von kaiserlichen und normannischen Schutzmächten lösen soll, und doch im Konzert der immer mächtiger auftretenden Reiche nicht anders kann, als sich an eine Macht anzulehnen; und die ist dann das immer mehr in Konkurrenz zu Deutschland auftretende französische Königtum. In den Allianzen mit ihm und den in Italien sich entwickelnden Despotien schwinden die Ergebnisse der Kirchenreform insofern hin, als es zu einer massiven Verweltlichung der Kirche kommt, die ihre spirituelle Glaubwürdigkeit immer mehr schmälert. Dadurch wird es zu jenen Wellen von Häresien kommen, die nun zum Teil ganz aus der Kirche ausscheren.

 

Die klarsichtigste Kritik von Seiten der Kirchenreformer fomuliert der bayrische Regularkanoniker Gerhoch von Reichersberg. Peter Classen fasst seine diesbezügliche Position so zusammen: "Die Regalien der Kirche binden die Geistlichen, besonders die Bischöfe, an die Welt und hindern sie an den spirituellen Aufgaben; die Bindung der Kirche an die Welt kommt vor allem im hominium zum Ausdruck. Mit der Preisgabe der Investitur durch Heinrich V. hat die Kirche in Worms nur die halbe Freiheit gewonnen; denn (...) Bischöfe, Äbte, Äbtissinnen werden nach der Wahl gezwungen, an den Königshof zu kommen, um Regalien zu empfangen, wofür sie hominium und Fidelitätseid zu leisten haben."  (nach 'De aedificio Dei', in: Investiturstreit, S.428)

Die Verpflichtungen, die geistliche Herren so gegenüber dem König eingehen, können sie nur leisten, wenn sie selbst Lehnsherren werden. Damit gelangen sie zu einem fürstlichen Leben statt einem in christlicher Armut, und müssen Kirchengut an Krtieger ausgeben, anstatt dem Frieden zu dienen,

 

Mit dem Teil-Verlust ihrer quasi-sakralen Stellung verlieren die Kaiser die enge Verbundenheit mit dem Papsttum, welches in dem aufstrebenden französischen Königtum neue Verbündete findet. Die zersplitternden deutschen Lande geraten machtpolitisch an den Rand des Geschehens, während die Städte in ihnen zu wirtschaftlicher Bedeutung aufsteigen. Wichtige Mächte im europäischen Kontext werden nun England, Frankreich und das Normannenreich in Sizilien und Süditalien.

 

Das alles ist deshalb für unser Leitthema wichtig, weil in dieser Zeit erst Küsten- und dann auch Binnenstädte Italiens zu neuer Bedeutung aufsteigen, und dann auch solche am Rhein und in Flandern. Den Ansprüchen des Reform-Klerus an sich selbst steht so nicht nur ein Kriegertum, sondern auch eine Welt der Geschäftemacherei, des „Wuchers“ und einer neuartigen, „bürgerlich“ werdenden Besitzgier gegenüber. Abschließung des Klerus und Kompartmentalisierung von geistlichen und weltlichen Sphären bei den Laien werden so gefördert werden.

 

Anders gesagt: Der von den Reformern wenigstens de iure durchgesetzte Anspruch an mehr Heiligkeit macht diese uneinlösbarer, rückt sie in weitere Ferne für Krieger wie für Geschäftsleute. Andererseits bedarf der höhere Klerus der Unterstützung durch die Waffen wie die Geschäftemacherei, zumindest zum Schutz, zum prachtvollen Lobe Gottes wie für eine gehobene Lebenshaltung. Für die Kirche führt das zu Kompromissen mit der weltlichen Macht. Dazu kommt dann ein stetes Zurückweichen in der Definition des Wuchers, der ursprünglich kirchlich gesehen den Kern eines „Geschäftes“ ausmachte.

 

Indem nun die materielle Basis des Klerus von ihrem geistlichen Auftrag getrennt wird, er einerseits Königen, andererseits Päpsten untersteht, wird ein Modell entwickelt, welches das frühe Handelskapital analog zu seinem eigenen machen kann: Da ist die Welt der Kirche, in der ist man mehr oder weniger im neuen bürgerlichen Sinne fromm, folgt ihren Zeremonien und Ritualen, und da ist die Welt des Geschäftes, die ihren eigenen, ganz anderen Gesetzen gehorcht.

 

Das heißt nichts anderes als die Abkoppelung des Geschäftes von religiös definierten Normen. Da die Geschäftswelt aber nicht ohne ein eigenes Regelwerk auskommt, wird sie dieses im wesentlichen nach eigenen Bedürfnissen entwickeln und von der sich davon als politisch abtrennenden Sphäre bestätigen lassen. Und mit den drei derart nun (nicht allerdings theoretisch durchdachten) getrennten Sphären von Kirche, Politik und Geschäft wird in ein, zwei Jahrhunderten Kapitalismus möglich, der sich allerdings dann erst im zwanzigsten Jahrhundert zur Gänze von den beiden anderen Sphären emanzipiert, was zur Reaktion in Form von Sozialismus/Bolschewismus dort führen wird, wo kein lateinisches Christentum vorausgegangen ist, und zum Nationalsozialismus dort, wo der Sphäre der Politik die Nationenbildung/Staatlichkeit misslang. Heiligkeit wird aber erneut angestrebt werden, die sich in der jeweils aktuellen, massiv durchgesetzten "politischen Korrektheit" erweist, in der Staat wie eine Art Ersatz-Kirche auftritt.

 

Verweltlichung der Kirche hieß damals in deutschen Landen vor allem, dass aus Äbten und Bischöfen, deren riesige Besitzungen nie zur Debatte standen, mächtige Prälaten werden, deren mächtigste als Fürsten herrschen. Dabei stellen Bischöfe weiter die meisten Kontingente kaiserlicher Heere und sind so Militärs von erstrangiger Bedeutung. In ihren prächtigen und kostspieligen Gewändern (Seide, Pelze usw.) erscheinen sie wie (und als) weltliche Herren.

 

Es entsteht so aber auch eine massive Aufspaltung des kirchlichen Christentums in ein höfisch-aristokratisches, welches sich nördlich der Alpen immer mehr aus der neuen städtischen Lebenswirklichkeit zurückzieht, in ein bürgerliches, welches in den Städten als Form der Christianisierung des Kapitalismus auch für mehrere Jahrhunderte die Oberhand gewinnt, und ein ländlich-bäuerliches, in dem es weiter zu einer theologisch abwegigen Folklore mit weiterhin ungeniert heidnischen Zügen wird, die erst im 19. Jahrhundert mit der massiv zunehmenden Zerstörung bäuerlicher Landwirtschaft schwindet.

 

Diese auf den Papst zentrierte Kirche hatte aber nur ihre weltliche wie geistliche Machtvollkommenheit gesteigert, und diese hatte zunehmende weitere Verweltlichung im 12. und 13. Jahrhundert zur Folge. Höhere Geistliche hielten sich an ihre Pfründe, die Dotierung ihres Amtes, überließen die Seelsorge aber niederen Geistlichen bei spärlicher Bezahlung. Kirchenämter wurden schiere Einkommensquellen, auch eine Form von Simonie. Das Zölibat wurde weiter nur partiell durchgesetzt.

 

Entsprechend steigert sich die oft wenig öffentliche Kritik an Geistlichkeit und Mönchtum. Eine neue christliche Armutsbewegung entsteht, die nicht mehr auf einzelne Personen konzentriert ist. Sie ist, anders als früher, ein deutlicher Reflex auf die Entstehung der neuen, bürgerlichen Städte und des Kapitalismus. Ihr Interesse richtet sich nun stärker auf den evangelischen Jesus, der bislang zugunsten des alttestamentarischen Gottes etwas in den Hintergrund getreten war.

 

Innerkirchliche Exponenten dieser Bewegung werden in der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts Theologen wie der in Paris an Notre Dame als Kantor arbeitende Petrus, dessen Schüler wurden dann"theologisch hoch gebildete Prediker wie Fulko von Neuilly, Johannes von Nivelles, Jakob von Vitry und andere (…) für ihre Zuhörerschaft durch lebensnahe Ansprache und moralisch untadelige Lebensweise zu Lehrmeistern einer von Gebet, Askese, Buße und evangelischer Armut bestimmten Existenz." (C.Andenna in 'Verwandlungen', S.252). Eine neue Art von Predigern entsteht. Auch Innozenz III. ist Schüler dieses Petrus Cantor und wird sich sehr um die Integration von Armutsbewegung in die Kirche bemühen.

 

 

***Zölibat***

 

Noch Jahrzehnte nach 1222 hat sich das Zölibat nicht durchgesetzt. 1119 legt Papst Calixt II. folgendes fest und Ordericus Vitalis bringt das in seiner Kirchengeschichte (III, 12): Priestern, Diakonen, und Subdiakonen verbieten wir desweiteren das Zusammensein (contubernia) mit Konkubinen und Ehefrauen. Sollte noch jemand sich in dieser Situation auffinden lassen, wird er seiner Kirchenämter und seiner Benefizien enthoben. Wenn er dann seine Unreinheit (immunditia) noch nicht berichtigt hat, muss er sich von der christlichen Gemeinschaft (communio) fernhalten.

 

D.N. Hasse fasst zusammen, was Ordericus Vitalis für den November 1119 in seiner 'Historica ecclesiastica' berichtet, als die Bischöfe diese Botschaft von der Synode in Reims zurück in ihre Bistümer kommen.

"Einer von ihnen ist Erzbischof Godfried von Rouen. Er lässt die Priester in der Kirche zusammenkommen, um die Beschlüsse der Synode zu verkünden. Eine der Anordnungen betrifft die Enthaltsamkeit: Godfried verbietet den Priestern jegliches Zusammenleben mit Frauen und droht mit drastischen Worten, dass jede Zuwiderhandlung mit Exkommunikation bestraft werde. Die Priester sind entsetzt. Es gibt entrüstetes Gemurmel, man spricht leise vom Konflikt zwischen Körper und Geist, und einer der Betroffenen hebt zum offenen Widerspruch an. Godfried lässt ihn aus der Kirche führen und in ein Gefängnis werfen. Die Priester sehen wie gelähmt zu, während der Erzbischof die Kirche verlässt und seine Leibwächter zusammenruft. Diese dringen mit Stöcken und Waffen in das Gotteshaus ein und attackieren die Geistlichen. Einige fliehen, andere aber wehren sich mit dem, was sie finden können. Die Angreifer werden zurückgeschlagen und bis zum Haus des Erzbischofs getrieben. Doch Godfrieds Leute finden Unterstützung bei Handwerkern und einfachen Leuten, und der Kampf verlagert sich wieder in die Kirche. Die Wut der Angreifer richtet sich nun gegen alle, die sie im Haus oder auf dem Friedhof finden können, Beteiligte und Unbeteiligte, Alte und Junge. Die blutenden Priester fliehen zu ihren Gemeinden und Konkubinen, und der Kampf findet ein Ende. Die Nachricht von der gewaltsamen Auseinandersetzung löst Entsetzen bei den niederen Klerikern und den anständigen Bürgern der Stadt aus. Ihre Sympathie gilt den geschundenen und entehrten Priestern. Der Erzbischof hält sich in seinem Haus versteckt. Erst als wieder eine gewisse Ruhe eingetreten ist, kehrt er in die blutbesudelte Kirche zurück, um sie neu zu weihen."

(In: Abaelards 'Historia Calamitatum, S. 262f) Man ahnt, der mönchische Erzähler hat Mitgefühl mit den Priestern.

 

Nun wird es langsam Ernst für die Geistlichkeit. Aber zunächst gelten immerhin vor der Weihe ordentlich geschlossene Priesterehen noch. 1135 setzen Innozenz II. und Bernhard von Clairvaux auf einer großen Synode in Pisa einen Beschluss durch, der diese Priesterehen für ungültig erklärt. Damit setzt sich die Kirche im Sinne des Zölibats selbst über die zugleich propagierte Unauflöslichkeit der Ehe hinweg:

Um aber das Gesetz der Enthaltsamkeit (continentiae) und der von Gott gewünschten Reinheit (munditia) bei kirchlichen Personen und den geweihten Ständen zu verbreiten, verordnen wir, dass Bischöfe, Priester, Diakone, Subdiakone, Regularkanoniker und Mönche, die das heilige Gelübde (sacrum) übertreten und sich anmaßen, sich mit Frauen zu verbinden (uxores sibi copulare), sich von ihnen trennen müssen. Denn eine solche Verbindung (copulationem), so legen wir fest, ist keine Ehe (matrimonium), denn es steht fest, dass sie gegen die festgesetzte kirchliche Regel ist.

 

Nun hilft kein Jammern und kein Klagen mehr. Damit niemand denkt, dies sei nicht die höchste und letzte Instanz, wird genau dasselbe 1139 auf dem zweites Laterankonzil noch einmal festgelegt.

 

Bei D.N. Hasse bin ich auch an die Chronik des Radulfus von Diceto geraten, der für 1137 über das böse Schicksal der Konkubinen einiger Londoner Säkularkanoniker berichtet, als focariae bezeichnet, Küchenmädchen (von focus, dem Herd):

Focariae quorundam canonicorum qui saeculares dicuntus, raptae sublimes, ad turrim non sine dedecore gravi pertractae sunt, et ibidem constrictae multis diebus. Quae quidem non sine ludibrio corporis (körperliche Erniedrigung), nec sine dispensio famae, nec sine numaeratione pecuniae redierunt ad propria. (in: Abaelards 'Historia.., S.280 Anm. 62) .

 

Das klingt, wie Hasse anmerkt, so, als ob die Kanoniker ihr Lösegeld gezahlt hätten, und wie man vermuten kann, dass sie auch zu ihnen (ad propria) zurückkehrten.

 

Ebenso bei Hasse (s.o., S.280) findet sich: „Über die Londoner Klerikerehefrauen und -konkubinen von St. Paul's wissen wir dank einer guten Quellenlage recht viel. Mindestens 13 der 30 Pfründe wechselten am Anfang des 12. Jahrhunderts von Vater zu Sohn, wie Einträge der Art „Radulf, Sohn des Algod, Wilhelm Sohn des Radulf“ (...) im Prfündekatalog zeigen. Von Radulf beispielsweise wird in anderen Quellen berichtet, dass er eine socia, also eine Konkubine, mit Namen Mahald hatte und einen zweiten Sohn. Manche der Londoner Kleriker waren sicherlich auch verheiratet.“

 

Der Widerspruch zwischen der kirchlich geforderten Unauflöslichkeit der Ehe und ihrer Zwangsauflösung durch die Kirche zeigt ein Wesensmerkmal der sich modernisierenden neuen Kirche: Sie wird politisch, das heißt sie entscheidet von nun an je nach ideologischer Konjunktur. Der Wandel zeigt sich auch darin, dass von nun an nicht mehr die Ehe heilig ist, sondern nur noch jene, die von der Kirche sakralisiert wird.

 

Im übrigen: Die Wirklichkeit sexuellen Alltags bleibt unter den Bedingungen institutionellen Drucks in Zivilisationen immer in Lügengespinste gehüllt. Aber mit dem antisexuellen Impetus der Reformkirche, ihrem sich verstärkenden Kult der Virginität Mariens, ihrem Zölibatsdruck tauchen immer mehr erotische Gegentexte in Latein neben der entstehenden volkssprachlichen Troubadourslyrik auf, von den neuen Scholaren formuliert. Der erneut herabgewürdigte Geschlechtstrieb wird von ihnen kompartmentalisiert, herausgelöst aus dem Lebensalltag, und dabei neu beobachtet, nicht zuletzt mit einer Haltung, die wir in sehr neuzeitlichem Sinne als Zynismus bezeichnen können. Beobachtet wird dabei immer deutlicher auch, dass zwischen der Zölibatsproganda und der Wirklichkeit sich neue Gräben auftun. Beobachtet und in Einzelfällen überliefert wird dabei die Ausflucht des zölibatären Prälaten in die Homosexualität und das Päderastentum, erst wieder Ende des 20. Jahrhunderts an eine breitere Öffentlichkeit gebracht.

 

Da war ein Bischof Johannes II. von Orléans 1096 unter reichlich skandalösen Umständen ins Amt gekommen, nachdem Bischof Ivo von Chartres und große Teile des Domkapitels von Orléans wegen unlauteren Lebenswandels heftig gegen Johannes opponiert hatten. "Erst, nachdem er die anfänglichen Widerstände überstanden hatte, konnte er seine Position innerkirchlich konsolidieren. Johannes II. war eine lange Amtszeit beschieden: Bis 1135 ist er als Bischof von Orléans bezeugt.“ (RoblHilarius) „Von Bischof Johannes II. behauptete wiederum kein geringerer als der französische König persönlich, er sei der succubus seines Amtvorgängers Johannes I. gewesen. Im Übrigen war Johannes II. schon zur Zeit seines Kanonats in Orléans von seinen Kollegen wegen der homosexuellen Beziehungen zu seinem Vorgänger Johannes I. als „Hure Flora“ verspottet worden.“ (Robl mit Belegen) Hilarius schrieb an Hugo Primas:„In servitio domini episcopi Aurelianensis octo annos expendi, non tamen ab ipso aliquid boni, immo maximum dampnum acquisivi – Acht Jahre habe ich im Dienst für den Herrn Bischof in Orléans verschwendet, aber nichts Gutes habe ich von ihm erhalten, sondern nur höchsten Schaden...“ (RoblHilarius)

 

Bischof Ivo von Chartres prangert an, dass einer der Gespielen des Bischofs von Orléans seinen „Geliebten“ mit gesungenen Reimgedichten vergöttert hätte. „Ivo berichtete empört Erzbischof Hugo von Lyon und in einem weiteren, fast gleichlautenden Schreiben sogar Papst Urban II.: Viele Leute aus Orléans würden meine Aussage bezeugen, wenn sie nicht Verhaftung oder Vertreibung befürchten müssten. Damit ihr nicht glaubt, ich hätte mir das alles nur ausgedacht, habe ich Euch stellvertretend für viele andere ein Lied geschickt, das von einem seiner Beischläfer mit Metrik und Klang über ihn verfasst wurde. Dieses Lied trällern ständig die Burschen, die so schwul sind wie er, in unseren Städten, auf den Straßenkreuzungen und Plätzen. Aber auch er selbst hat es mit seinen Gespielen oft gesungen, oder zugehört, wenn sie es ihm vorsangen...“

(58 „Multi enim Aurelianenses ad haec quae dixi mihi darent testimonium, nisi timerent carcerem vel exilium. Et ne me ista aliquae occasione confinxisse credatis, unam cantilenam de multis metrice et musice de eo compositam ex persona concuborum suorum vobis misi, quam per urbes nostras in compitis et plateis similes illi adolescentes cantitant, quam et ipse cum eisdem concubis suis saepe cantavit et ab illis cantari audivit...“ (Siehe Briefe Ivos von Chartres an Hugo, den Erzbischof von Lyon, und an Papst Urban, hier zitiert aus Gallia Christiana Bd. 7, S. 1443-1445.)

 

Ein Hugo „Primas“, der später Orléans verlassen musste, prangert in einem seiner Gedichte später Bischöfe, die simonistisch in ihr Amt gelangen, bewährte Mitarbeiter verstoßen oder der Päderastie frönen, mit folgenden Worten an:

Cil, ki servierant per longum spacium, / amittunt laborem atque servitium, / tristis hypocrita quem vos eligitis, / adeptus honorem non suis meritis... / et presto sit puer, filius militis, / que il deit adober pro suis meritis, / qui virgam suscitet mollibus digitis, / plus menu que moltum hurte de genitis…

Doch die, die ihren Dienst so lange treu versehen, / die müssen von dem Brot aus ihrer Arbeit gehen, / den Heuchler, den ihr Euch erwählt, mit saurem Angesicht, / erlangt dann zwar die Ehr, doch durch Verdienste nicht... / Und wenn ihn dann die Gier des geilen Sinnes plagt, / so ruft den Knaben er zu sich, des Ritters Sohn, / vergelten muss er ihm den Dienst mit hohem Lohn: / Mit weichen Fingern schafft er, dass das Glied sich regt, / noch öfter als der Bock mit seiner Rute schlägt...“ (Aus RoblHilarius)

 

Natürlich ist nicht mehr nachzuvollziehen, wieviel solcher Texte unverdiente Häme ist, Ressentiment, und schon gar nicht, wie häufig Homosexualität und Päderastie beim Klerus auftraten. Vermutlich waren sie nicht die Regel, sondern eine mehr oder minder häufige Abweichung davon. Aber in solchen Dingen offenbarte sich, zumindest in den Städten, wie aus der Widersprüchlichkeit mittelalterlichen Christentums nicht nur jene Widersprüche hervorgehen, die Kapitalismus in seiner zunehmenden Kulturlosigkeit kennzeichnen, sondern auch jene damit eng zusammenhängende Verlogenheit, mit der christliches Abendland mit der menschlichen Geschlechtlichkeit umging und heute noch intensiver umgeht.

 

***Ehe*** (umbauen)

 

Um 1200 singt Gottfried von Straßburg ein ebenso archaisches wie ganz neuartiges Hohelied der Liebe. Darin gibt es ein ganzes Kapitel (XIII), in dem sich die irische Isolde zusammen mit ihrer gleichnamigen Mutter dagegen wehren, dass der falsche Truchsess die schöne blonde Maid nur wegen ihres Vaters Ehrenwort bekommt. Die Königinmutter verlangt von ihm ganz unzeitgemäß: (Zeilen 9919ff) lâz uns unser vrouwen art / dune bist niht wol dar mite bewart. / habe dînes mannes sinne / und minne, daz dich minne. /welle, daz dich welle. Und wenig später: si waere ze gemeine, / ob si iegelîchen solte / wellen, der si wolte.

 

Dies Plädoyer für die einverständliche Liebesbeziehung und Heirat ist vielleicht das Innovativste an Gottfrieds (sehr weltlichem) Text, und seine Umsetzung in die Wirklichkeit der Kreise der Herren (und Damen) wird noch einige Zeit brauchen.

 

***Kanonisches Zusammenleben***

 

Wie schwer es war, ein konsequentes reguliertes Kanonikerdasein durchzusetzen, musste Norbert von Xanten erleben. Er trat schon als Kind in das Stift St. Viktor in Xanten ein und wird dort auf einer ergiebigen Pfründe Subdiakon. Er begleitet Kaiser Heinrich V. auf seinem Romzug, wendet sich aber wegen des dort Erlebten der Reformpartei zu. Um 1115 hat er dann eine Art Bekehrungserlebnis. Er lässt sich zum Priester weihen und entsagt dem früheren Luxus. Er wird erst Eremit bei Xanten und dann Wanderprediger. Schließlich verzichtet er auf seine Pfründe.Es gelingt ihm, dem Vorwurf der Ketzerei entgegenzutreten. Er wird Prediger in Frankreich, erhält vom Papst die Predigterlaubnis. Wegen seiner Kirchenkritik suspekt, schenkt ihm der Bischof von Laon ein Grundstück und drängt ihn zur Niederlassung im abgelegenen Prémontré. Mit der Regel des Augustinus entsteht dort ein Chorherrenstift von Regularkanonikern. Zunächst gehört dazu auch ein Frauenkloster. Richtiger Mönch wollte er nicht werden, also nicht abgeschlossen von denen leben, für die er predigen wollte. Norbert kann aber seine radikalen Vorstellungen vom kommunitären Miteinander nicht durchsetzen.1126 wird er Erzbischof vom Magdeburg und vertritt dort mit aller Härte die Kirchenreform, auch gegen Widerstände der Bürger dort. Langsam öffnet er sich wieder dem weltlichen Luxus.

 

***Bischofswahl und Machtpolitik in Trier***

 

Wie wenig die Vorstellungen von einer autonomen Kirche in Wirklichkeit umgesetzt werden, zeigen die Ereignisse in Trier nach dem Tod von Erzbischof Arnold (I.) 1183.Am Vorabend der Beerdigung gewinnt der Dompropst Rudolf von Wied eine Mehrheit im Domkapitel, während eine Minderheit den Archidialon Folmar aus der Grafenfamilie von Blieskastel favorisiert.

Laut Gesta Treverorum kommen nach seiner Beerdigung "Adelige, Minsterialen und auch Bürger des Bistums vor dem Dom zusammen, um gemeinsam mit dem Domkapitel und der höheren Geistlichkeit den neuen Erzbischof zu wählen." (M. Pundt in: Anton/Haverkamp, S.257) Anwesend sind auch der Pfalzgraf Konrad und der Reichsministeriale Werner von Bolanden, die für Rudolf eintreten.

 

Die Mehrheitspartei des Domkapitels tritt für eine Verschiebung der Wahl auf den Nachmittag ein und geht. Viele bleiben aber und wählen unter dem Einfluss von Herzog Heinrich von Limburg Folmar. Am Nachmittag erklären die Zurückgekehrten diese "Wahl" für ungültig.

Konrad und Werner reisen zum Kaiser, der die Kontrahenten nach Konstanz bestellt. Kaiser Friedrich I. investiert nun Rudolf von Wied. Der kann in Trier als erwählter, aber noch nicht geweihter Bischof einziehen. Heinrich VI. verfolgt nun 1184 Parteigänger Folmars in Koblenz und Trier.

 

1186 weiht Papst Urban III. Folmar zum Erzbischof. Der verbündet sich mit antistaufischen Kräften um den Kölner Erzbischof und den französischen König.  1187 verbündet sich der Kaiser mit Philipp II. ("Auguste"), so dass die Unterstützung für Folmar nachlässt. 1189 setzt Papst Clemens III. beide Kandidaten ab und fordert Neuwahlen. Als der Kaiser dann Kreuzzugspläne schmiedet, erlangt er stärkeres Wohlwollen vom Papst und kann seinen Favoriten, seinen Kanzler Johann durchsetzen, den die Trierer dann auch auf Vorschlag und Bitten des Königs wählen (Gesta Treverorum).

 

***Kirche und Kapitalismus***

 

Kirche und Kloster als in vielen Gegenden Europas größte Grundbesitzer und Teil der Herrenwelt kritisieren, dulden und fördern Aspekte des entstehenden Kapitalismus gleichermaßen. Für die Legitimierungsstrategien werden die rationaleren Argumentationslinien der Scholastik dabei immer wichtiger. Selbst verbunden mit der zweckrationalen Praxis eines Wirtschaftens auf einem Markt und für ihn schwindet der unvernünftige Kern der evangelischen Botschaft ganz aus dem Zentrum ihres Augenmerks.

 

Als in derselben Zeit in den Städten des Mittelalters Leute außerhalb der Kirchenämter wieder imstande sind, die heiligen Texte zu lesen, beginnt die Lektüre der Evangelien Häresien hervorzurufen, die sich zum Teil als Armutsbewegungen artikulieren. Das betrifft nicht nur die Waldenser, sondern auch Leute wie den Franz von Assisi, soweit es der Kirche nicht gelingt, sie zu integrieren. 

 

Zwischen beiden laviert die Kirche im 11./12. Jahrhundert, wobei sie  ihr sehr weltlicher Reichtum und die vielen Fäden, die sie mit dem sich einnistenden und dann entfaltenden Kapitalismus verbinden, immer stärker in die Akzeptanz kapitalistischer Strukturen treibt, auch wenn sich dagegen Kritik in den eigenen Reihen auftut.

 

Im 11. Jahrhundert reagiert die (Papst)Kirche mit ihrem geschärften Selbstbewusstsein auch schärfer auf die sich verbreitende Geldwirtschaft und den sich einnistenden Ansatz für Kapitalismus. Zins- und Wucherverbote samt abwertenden Äußerungen zum Handel werden "zusammengetragen und unverändert eingeschärft." (Gilomen, S. 94) Im zweiten und dritten Laterankonzil werden Wucherer mit dem Kirchenausschluss und dem Ausschluss vom christlichen Begräbnis bedroht, massiven Diffamierungen also. 1163 wird die Pfandsatzung zur Umgehung des Kreditverbotes verboten, 1185/87 der Kreditkauf zu erhöhtem Preis mit demselben Ziel, 1127/34 das Seedarlehen. (Gilomen, s.o.). Inzwischen werden Wucherverbote auch explizit für Klöster ausgesprochen.

 

Hatte man den Juden bislang selbst hohe Zinsen oft stillschweigend gestattet, so setzen nun nicht nur Pogrome gegen sie ein, die auch eine brutale Form der Schuldentilgung für Christen bedeutet, sondern es kommt zur Erlaubnis, Juden für die Finanzierung von Kreuzzügen zu enteignen. Darauf beginnt in England und Frankreich die periodisch stattfindende Enteignung von Juden auch durch die dortigen Könige, die Ende des 12. bzw. 13. Jahrhunderts in deren Vertreibung endet.

 

Was man den Juden nicht mehr erlauben wollte, wurde zwar den Finanziers aus Cahors, den Kawertschen der deutschen Lande, und den Lombarden, also Norditalienern, zwar kirchlicherseits ebenfalls verboten, in der Praxis jedoch waren sie überall zwischen England, Frankreich und den deutschen Landen vertreten, und sie arbeiteten für Bischöfe ebenso wie für Fürsten.

 

In genau der Zeit immer verschärfterer Wucherverbote und der Judenverfolgung in mehreren Ländern findet aber, und das wird wesentlich tiefgreifender, zugleich eine zunehmende Einschränkung dieser Verbote durch die Bestimmung von immer mehr Fällen erlaubten Gewinnes statt. "Neben dem Risiko (periculum sortis) und der Ungewissheit (ratio incertitudinis) war dies ein tatsächliche erlittener (damnum emergens) oder ein virtueller, für die Zukunft als möglich gedachter Schaden bzw. entgangener Gewinn (lucrum cessans). Unter dem titulus morae konnte eine Entschädigung für Zahlungsverzug geltend gemacht werden (poena convntualis, interesse). War mit der Ausleihung eine Mühewaltung verbunden, so konnte dafür ein Lohn verlangt werden (stipendium laboris). Außerdem war eine Verzinsung bei Verwendung des Geldes durch Fürsten und Herren zur Prachtentfaltung (ad pompam) erlaubt." (Gilomen, S.95)

 

Diese vielen Möglichkeiten zur "christlichen" Erlangung eines Gewinns werden dann in der Wirklichkeit des späten Mittelalters das Kreditwesen und den Handel immer weiter vorantreiben.

 

1179 wird auf dem großen Laterankonzil festgestellt, dass Handel seinen Gewinn als Lohn aus dem Dienst zieht, den der Händler den Menschen leistet. Schließlich hat der Händler auch Auslagen, muss sich mühen und ein Risiko eingehen. Was weiter und noch von Thomas von Aquin beklagt wird sind sogenannte überhöhte Preise. Aber in der Praxis hat das dann mit dem sogenannten gerechten Preis des frühen Mittelalters in der christlichen Doktrin kaum noch etwas zu tun.

 

Heilige, Wallfahrt, Macht und Geschäft (in Arbeit)

 

Die Kunst, die Überreste von Heiligen "aufzufinden", wurde nirgendwo so beherrscht wie im zukünftigen Santiago de Compostela. Aber auch anderswo ist man darin begabt. 1072 öffnet man in St.Paulin eine bis dato, wie es heißt, nicht zugängliche Krypta und entdeckt die Knochen von sage und schreibe 300 Märtyrern, von denen ein Teil der Thebäischen Legion angehören soll und ein Teil der gleichzeitigen Trierer Oberschicht. Wie man diese identifiziert hat, wird nicht angegeben. Man hofft auf eine lukrative Wallfahrt, was aber nicht funktioniert, dafür aber kann sich die Trierer Oberschicht nun mit ebenso heiligen wie vornehmen Vorfahren schmücken.

 

1111 wird ein Eberhard Abt von St. Eucharius bei Trier und beginnt bald mit dem Neubau der Abteikirche. Man hat mit dem Apostel Matthias inzwischen den einzigen im Blick, dessen Überreste nicht schon lokalisiert sind. Ein ganz richtiger Apostel ist er nicht, denn der angebliche jüdische Schriftgelehrte wird nur als Ersatzmann für den abtrünnigen Judas überliefert, aber immerhin...

Man lässt suchen und findet natürlich auch Knochen, die man zunächst verheimlicht, da man ihren Raub fürchtet. 1127 findet man sie bei den Bauarbeiten erneut, und sie werden nun öffentlich - wie auch immer - als die Reliquien dieses Apostels Matthias identifiziert. Das Kloster besitzt so das einzige Apostelgrab nördlich der Alpen, also Knochen von enormer Heiligkeit, deren Ruf sich bald weit verbreitet und aus dem Kloster einen Wallfahrtsort macht. Nach und nach entstehen im Westen und Süden der deutschen Lande Matthias-Bruderschaften. Bei Gelegenheit der Wallfahrt spenden die Pilger und vermehren so den Reichtum der ohnehin reichen Abtei. Seit Anfang des 13. Jahrhunderts taucht das Kloster dann zunehmend nur noch als Matthias-Kloster auf.

 

ff

 

Verbürgerlichendes Christentum (ist umzuarbeiten)

 

Wenn wir nun durch die ersten elf, zwölf Jahrhunderte eines "Christentums" gewandert sind, dann haben wir gelernt, dass dieses bislang immer das gewesen ist, was die geistlichen und weltlichen Mächtigen den Menschen als solches vorgesetzt und mit Druck, Drohungen und Gewalt durchgesetzt haben. Es ist in stetem Wandel begriffen, hat aber auf jeden Fall mit dem armen Jesus der Evangelien kaum mehr etwas zu tun. Anders gesagt, die sogenannten Christen haben fast alle mit diesem Jesus nicht nur nichts "am Hut", sondern sie hätten ihn vermutlich sofort erneut umgebracht, wäre er noch einmal aufgetaucht.

Die wenigen Leute, die seine Botschaft mehr oder weniger ernst nehmen, und sich dabei nicht als "Heilige" von der Kirche instrumentalisieren lassen, werden schließlich ebenfalls verfolgt, sobald sie Aufsehen erregen, und zunehmend umgebracht.

 

Die Frage, die sich stellt, wenn man die Entstehung und Entfaltung des Kapitalismus je nach Gegend zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert verfolgt und sich dabei immer bewusst bleibt, dass solch sogenanntes "Christentum", wie es die Machthaber durchsetzen, eine wesentliche Rahmenbedingung ist: Gibt es ein spezifisches "Christentum" dieser Zeit? Genauer gesagt, entwickeln die Träger dieser Entwicklung ein diesem angepasstes Christentum? Und noch spezifischer gefragt: Gibt es ein spezifisch stadtbürgerliches Christentum in der Frühzeit des Kapitalismus?

 

Der Versuch einer Antwort stolpert sofort über die Tatsache, dass es zum einen keinen klaren Bürgerbegriff gibt, weder in den Volkssprachen noch auf Latein (cives). Wenn wir nun einmal einfach postulieren, Bürger seien die gehobeneren unteradeligen Schichten in der Stadt, dann stolpern wir als nächstes über das doppelte Faktum, dass insbesondere im Mittelmeerraum sowohl Adel wie unteradelige Kreise kapitalistisch agieren wie auch darüber, dass erfolgreiche Kapitalisten "bürgerlicher" Art oft nichts mehr anstreben, als entweder in den Adel aufzusteigen oder aber ihn wenigstens so weit als möglich in seinen Lebensformen zu imitieren.

 

Die obigen Ausgangsfragen werden aber durch alle diese Widernisse eher noch spannender. Zum einen ist daran zu erinnern, dass die Kirche in ihrer Praxis selbst am entstehenden Kapitalismus partizipiert und zugleich mit einem gewissen Abstand hinter der Entwicklung des Kapitalismus herrennt, indem sie diesen einmal immer wieder ganz allgemein als Sünde der Habgier verurteilt, zum anderen aber ganz konkret legitimiert.

Zum anderen muss daran erinnert werden, dass die Menschen fast alle in ihrer Gier nach Reichtum und Macht spätestens seit dem 4. Jahrhundert nur das als "Christentum" hinnehmen, was dieser Gier keinen Abbruch tut.

 

Wir wissen heute wenig davon, was die Städter im 11./12. Jahrhundert glaubten, aber um so mehr von dem, was ihnen als Glauben vorgesetzt wurde. Da ist der sich allem Verständnis entziehende dreifaltige Gott, der mehr straft als erlöst, weshalb gute Werke nottun. Da ist der Teufel, der zur Sünde verführt, Gott einer Unterwelt. Da sind die Sakramente, das Erlösungswerk der Kirche. Und da ist eine ganze Anzahl von sagenhaften bis legendären Geschichten aus dem jüdischen Leben und dem des Jesu und zunehmend auch von seiner Mutter. 

Das zentrale Ereignis, die Besuch des leeren Grabes an Ostermorgen, führt in unserer Schwellenzeit zu einer frühen szenischen Darstellung im Wechselgesang zweiér Chöre, dem der Frauen am Grabe und dem der Engel, die ihnen die Auferstehung verkünden, allesamt von Klerikern dargestellt. Auf dem Weg ins hohe Mittelalter werden daraus (immer noch von Priestern dargestellte) individuelle Figuren mit eigenen Kostümen und ersten Requisiten. Ganz langsam wird der Gesang durch gemessenes Sprechen abgelöst. Das neue Theater des lateinischen Christentums entsteht. (Werner Mezger in: Heinzle, S.210) Auf dem Weg ins späte Mittelalter kommen weitere biblische Szenen hinzu, die ihren Weg aus der Kirche heraus finden, bis sie am Ende dann von Laien gespielt werden.

 

Christentum löst sich so in der Stadt auf der einen Seite in wundersame Rituale auf, hinter denen sich unverständliche und wohl wenige interessierende Theologie verbirgt, und auf der anderen in eine Vielzahl von recht anschaulichen Geschichten, die im Gewand des jeweiligen Alltags dargestellt werden und so ein besonderes neues Theater hervorbringen. Noch besonderer wird, dass dieselben Geschichten ausführlich an den Kirchenwänden aufgemalt werden und sich am Ende von ihnen als Tafelbilder lösen werden.

Indem Heiligengeschichten dazu kommen, wird ein riesiger literarischer und bildlicher Propekt entwickelt, der nun wohl für Adel wie Stadtbürger wesentlich ihr Christentum ausmacht. Je anschaulicher diese Geschichten in ihre jeweilige Lebenswelt eingebunden werden, desto mehr wird wohl auch ihr Unterhaltungswert gestiegen sein. (Ich konnte noch vor wenigen Jahrzehnten solche Darbietungen in Süditalien und Sizilien beobachten).

 

Daneben lässt sich erkennen, dass in dieser Zeit Geschichten von Wundern und von Wunder vollbringenden Heiligen und ihrer Reliquien zu Gemüte geführt werden, deren Irrationalität jenseits aller Erfahrung die Vorstellungswelt eines entstehenden Bürgertums in zwei Sphären aufteilt: Die zweckrationale des Wirtschaftens und die irrationale des Glaubens. Stärker als die Aufspaltung der Herren in Gewalttätigkeit und christlichen Glauben, die durch milde Gaben besonders an die Kirche und durch Christianisierung der Gewalttätigkeit ausgeglichen werden kann, führt das bei Bürgern zur Dichotomisierung von Vorstellungswelten und zur Kompartmentalisierung von ganz unterschiedlicher Erfahrung.

 

Wenn wir die so unterschiedlichen Gruppen der städtischen Produzenten (Handwerker) und der Kapitaleigner betrachten, die zwar unterschiedlich wirtschaften, aber zunehmend dabei aufeinander angewiesen sind. dann lassen sich, sobald es dafür überhaupt Belege gibt, zwei Strategien erst erahnen und erst später dokumentieren. Sie sind beide nicht neu, sondern für das Christentum (wie auch in wohl geringerem Maße für die anderen Religionen) fast von Anfang an typisch, nur erreichen sie jetzt ein hohes Niveau: Es wird relativiert und kompartmentalisiert.

 

Es dauert, bis wir sehen können, wie die oberen Schichten des neuen Bürgertums sich die neuen adeligen Wertvorstellungen anverwandeln, in eigene verwandeln. Dabei entwickeln sie neben dem Ehrbegriff der adeligen Krieger Vorstellungen großbürgerlicher Ehrbarkeit. So entsteht mit dem bürgerlichen Gewerbe in der Stadt die bürgerliche Familie, die sich stärker aus den tradierten Verwandtschaftsbindungen heraushebt. Die Werte scheinen auf beiden Feldern die gleichen zu sein: Einhalten von Verbindlichkeiten, Sparsamkeit, Kalkulierbarkeit des Risikos, Planungssicherheit, Gleichstellung des Ansehens von Familie und Geschäft. Was für den Adel auf Gewalt basierende Macht ist, wird für den Bürger das auf den Geflogenheiten des Geschäftes basierende und sich langsam verschriftlichende Recht.

Wesentlich ist, dass weder die adelige Ehre (honor) noch die bürgerliche Ehrbarkeit irgendetwas mit originärem Christentum zu tun haben, sondern sich unabhängig davon entwickeln.

 

Das Geschäft und das Recht fördern eine neuartige, vernunftgeleitete Bewältigung des Alltags, die aus dem Sündenkanon der Kirche herauswächst und ihn durch einen neuen Katalog von rationaler begründbaren Tugenden und Lastern zu ersetzen beginnt. Da beide in der Stadt nebeneinander und eben auch räumlich getrennt existieren, beginnt eine Koexistenz zweier ihrem Wesen nach diametral entgegengesetzter Welten. Was den menschlichen Sexus betrifft, so wird seine Bedrohlichkeit zwischen Kirche und Bürgertum zunächst wohl unterschiedlich betrachtet: Während die Lust kirchlicherseits dem Menschen eine Erdenschwere gibt, die ihn von der Bewegung himmelwärts abzieht, wird sie bürgerlicherseits in seine Familie integriert, die zugleich das Geschäft ist. Nach und nach übernimmt die Kirche für ihre bürgerliche Klientel Aspekte dieser bürgerlichen Wertvorstellungen, was aber erst im 14./15. Jahrhundert durchschlagendere Wirkung bekommt.

 

Die Koexistenz zwischen kirchlichen und bürgerlich-geschäftsmäßigen Vorstellungen schafft im Bürgertum ein räumlich und zeitlich getrenntes Nebeneinander, in dem sich nach und nach die so gesehene Unabdingbarkeit, quasi Naturnotwendigkeit der Zwänge der Kapitalverwertungsprozesse herausstellt, von denen auch alle nichtbürgerliche Macht abzuhängen beginnt. Das Armutsideal wird für Kirche und Kloster reserviert (dort allerdings nicht sehr überzeugend nur umgesetzt), das Geschäft hingegen salviert sich mit Spenden und Wohltätigkeit. Am kirchlichen Festtag wird der Kirche gehuldigt, im geschäftlichen Alltag dem Geschäft. In öffentlichen Prozessionen wird die Einheit von Kirche und Bürgertum zelebriert, und indem nach dem Kriegertum und der Ehe nun auch das Geschäft "christianisiert" wird, das "Christentum" ihnen angeglichen wird, entfernt dieses sich immer mehr von den paulinischen und evangelischen Wurzeln des Christentums, um sich dann mit der Kirche darauf zu einigen, dass bürgerliche Ehrbarkeit und Christentum zusammengehören können – jene Ehrbarkeit, der der Jesus der Evangelien mit radikaler Ablehnung begegnet war.

 

Das, was beide Welten zusammenhält und von Kirche und Kloster unterstützt wird, ist der religiöse Aspekt vor allem der kleinbürgerlichen Gesellschaften, die oft aus christlichen Bruderschaften hervorgehen und neben archaischen Festritualen ihren eigenen christlichen Kult entwickeln, mit einem eigenen wundertätigen Heiligen und bald auch mit dem dazugehörigen Altar in einer mit der Gesellschaft verbundenen Kirche.

Kaum etwas wissen wir für diese Zeit von häuslicher Frömmigkeit der meisten, während die Herren längst dokumentierte private Kapellen und Altäre manchmal samt dafür zuständigen Kaplanen besitzen.

 

Neben den rituellen Mindestpflichten des Kirchenchristen, Taufe, Besuch der Messe, nunmehr bald auch Hochzeit und Beichte und schließlich kirchliche Beerdigung gibt es den ethischen (und übrigens jüdischen) Katalog der Zehn Gebote. Er hat mit den elementaren Vorstellungen des evangelischen Jesus wenig zu tun, der nur auffordert, ihm zu folgen, und selbst gelegentlich sehr eklatant alle möglichen jüdischen Vorschriften bricht und ihre Vorstellungen in ganz elementaren Bereichen verächtlich macht.

 

Um diesen Katalog und andere Vorschriften immer wieder zu brechen, was wohl bei Juden wie Christen eher alltäglich ist, wird einmal auf die antik-christliche Vorstellung von der Erbsünde zurückgegriffen: Die Sünde gehört zum Menschen wie das Amen in der Kirche. Fromme Gebote sind schön und gut, aber eben nicht immer einzuhalten. Da hilft dann die Kirche, indem sie Bußen verhängt, spätestens, wenn man erwischt wird.

Genau das gilt auch für die einzige spezifisch jesuanische Auffoderung, ihm nachzufolgen. Sie funktioniert wortwörtlich nicht mehr nach seinem Tod. Aber sie funktioniert auch für fast alle "Christen" nicht, denn sie wollen nicht als Arme bettelnd durch die Gegend ziehen und "Gutes tun". Nun möchte die Kirche aber auch selbst nicht, dass man das tun solle, denn im Zuge der Rejudaisierung des Christentums wurde schon früh festgestellt, dass es auch dem Christenmenschen als Untertanen der Kirche geziemt, sich fleißig zu vermehren und des irdischen Daseins mit aller Macht zu pflegen. Ansonsten gäbe es bald keine Kirche mehr.

 

Relativieren heißt also, zwischen dem eigentlich Richtigen und dem tatsächlich Falschen eine Versöhnung herzustellen, welche eben genau Aufgabe der Kirche ist.

Dabei wissen insbesondere die Reichen und Mächtigen, dass sie unentwegt mit dem Beistand der Kirche sündigen, weswegen sie im Angesicht des Todes und des großen Gerichtstages Spenden an Kirche, Kloster, an Arme und Kranke in ihre Testamente einbauen. Soweit bestimmt kaufmännisches Denken schon vor der Entfaltung des Kapitalismus das Verhältnis zum Christengott ganz ungeniert.

 

Kompartmentalisierung wiederum, das Leben in verschiedenen abgeteilten Sphären, bedeutet etwas anderes. Die beiden klassischen Abteile sind der öffentliche und der private Raum. Der private Raum ist zeitlich wie räumlich klein, er konzentriert sich auf die Familie und mehr oder weniger die Verwandtschaft und manchmal Freunde. Der große öffentliche Raum ist der der Machtausübung, des Geschäftes und der Arbeit. 

Eine solche Aufteilung in Abteilungen gibt es auch für die Religion. Räumlich wird sie beschränkt auf Kirche, Taufkapelle und Friedhof, dazu kommt die größere Öffentlichkeit der Prozessionen. Die Religion hat so ihre Orte, in denen sie meist auch als Zusammenkunft eine Art gesellschaftliches Ereignis ist. Für die vermutlich wenigen Frommen kommen dann noch abgeteilte Zeiten frommer Andacht dazu. Den Rest regiert das Geschäft (und die Welt produktiver Arbeit).

 

Das Besondere an der "stadtbürgerlichen" Religion ist das Maß, in dem sie gesellschaftsbildend wird. Nach allem, was hier heute wissen können, spielt Religion auf dem Lande bis tief ins sogenannte hohe Mittelalter nur eine geringe Rolle. Der Weg zur nächsten Kirche ist oft weit und es mangelnd an halbwegs ausgebildeten Priestern. Die wiederum können zufrieden sein, wenn ihre Schäflein halbwegs das Vaterunser herunterbeten können und wissen, dass der Teufel um jede Ecke lauert.

In den Städten wird das langsam etwas anders. Pfarrkirchen werden nun gemeinschaftsbildendes Zentrum des Stadtviertels, Kathedralkirchen neben dem Markt und bald auch dem Rathaus sind Mittelpunkt der Stadt. Vergesellschaftung in Bruderschaften, später Zünften und Gilden kreist um einen religiösen Fixpunkt, oft um einen eigenen Altar. Feste und Feiern sind fast alle religiös begründet. Der gemeinschaftsbildende Eid ist religiöser Natur.

 

Solche großen Feste können mit sehr weltlichen Festivitäten verbunden werden, wie der Vorgang des Fastenanbruchs und des Fastenbrechens und vor allem die Spektakel um Ostern und Pfingsten. Sehr weltliche Jahrmärkte und Messen werden gerne mit hohen Festtagen verbunden und manchmal nach ihnen benannt. Nirgendwo wie hier finden kirchliche und klösterliche Macht mit ihrem religiösen Anspruch und blankes Gewinnstreben und Geschäftemacherei zusammen.

 

Religion ist Brauchtum und Ritual und schmückendes Beiwerk. Sie begleitet das gesamte Regelwerk des Alltags wie die Feste. Genau deshalb dürften die religiösen Inhalte als selbstverständlich auch auf wenig Interesse stoßen: Mit dem Selbstverständlichen beschäftigt man sich nicht, man betreibt es einfach und möglichst gedankenlos. Es gehört in die Kirche und ist Sache der Priester und Mönche. Das nimmt mit den Kirchen- und Klosterreformen noch zu: Man erwartet von Priestern und Mönchen nun umso mehr Heiligkeit, um selbst weniger für sich beanspruchen zu müssen.

 

Kurz gesagt: Die Religion gehört in die Kirche und der Alltag ist - notgedrungen - weit jenseits davon. Man lügt, betrügt (auch sich selbst), geht ins Bordell oder bricht die Ehe, man tötet (oft auch im Auftrag), - und dann geht man in die Kirche, beichtet, zahlt einen Obolus und ist erleichtert. Das Leben geht weiter...

 

 

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Kein Wunder also, das die Häresien auf dem Weg ins Hochmittelalter ihren Ursprung in den Städten haben und aus dem bürgerlichen Milieu herkommen. Soweit sie nicht vernichtet werden, werden sie integriert in eine städtische Welt, in der die Kompartmentalisierung der „Gesellschaft“ in nebeneinander her lebende tatsächliche Gesellschaften stattfindet. Die Widersprüche finden aber nicht nur ihr mehr oder minder gedeihliches Nebeneinander, sie balgen sich auch unter der Oberfläche des Bewusstseins in jedem Einzelnen auf ihre Weise – aber möglichst nicht mehr offen. Die Mahnungen, die die obszön drohenden und zugleich skurrill unterhaltsamen Kleinplastiken an romanische Kirchen hefteten, verschwinden, und gotische Kirchen purifizieren ihren Figurenschmuck: Was als Mahnung bleibt sind die Darstellungen des jüngsten Gerichts, in denen auf der einen Seite die Erlösten bürgerlicher Rechtschaffenheit sich selbst sehen dürfen, während die Obszönitäten der Lasterhaften auf der anderen Seite ihren skurril-unterhaltsamen Aspekt verlieren und einer stärker sadistisch vernunftgemäß eingefärbten Strafmentalität unterzogen werden. Das Unterbewusstsein wird zunehmend unbewusster, auch wenn das Mühen kostet.

Ansonsten demonstrieren die gotischen Kathedralen vor allem den Triumph eines Bürgertums, welches nun im kirchlichen Rahmen seine Vorstellungen von Ehrbarkeit und Rechtschaffenheit als "Christentum" darstellen kann.

 

Aber stärker als in den Häresien und im Kirchenschmuck brechen die internalisierten Ambivalenzen in der neuen Literatur hervor. Im Tristan des hochgebildeten und vermutlich bürgerlichen Gottfried kulminiert der Sexus als raffinierter Eros und orgiastische erotische Phantasie eingebettet in einen quasi-sakralen Raum, dem zwar nicht der versteckte christliche Einfluss, aber jedes unmittelbar religiöse Gedankengut abgeht, in dem Kirche und Christentum Randphänomene bleiben wie bürgerliche Lebensformen, in einem Phantasialand erotischer Fluchten. Jenseits eines in einen Fiebertraum hochstilisierten gefeierten Eros verendet der Sexus aber im Schmerz, seiner extrem formulierten anderen Seite.

Was Gottfried verloren scheint, taucht bei ihm als Idealbild von Liebe, von rechter Minne im Tristan auf:

 

Ez ist vil wâr, daz man dâ saget:

«Minne ist getriben unde gejaget - Liebe ist vertrieben und verjagt

in den endelesten ort.»

wirn haben an ir niwan daz wort. - nur das Wort ist geblieben

uns ist niwan der name beliben - nur der Name

und han ouch den alsô zetriben, - und der ist zerredet

alsô verwortet und vernamet,

daz sich diu müede ir namen schamet

und ir daz wort unmaeret. - sie mag das Wort selbst nicht mehr

 

sî swachet unde swaeret

ir selber ûf der erde.

diu êrelôse unwerde,

si slîchet under hûsen biten - sie schleicht bettelnd herum

und treit von lasterlîchen siten - trägt...

gemanicvaltet einen sac, - einen mannigfaltigen Sack

in dem s'ir diube und ir bejac - wie Diebe und Bettler

ir selbes munde verseit - es sich vom Munde absparn

und ez ze strâze veile treit. - auf der Straße feilbieten.

ôwê! den market schaffen wir.

daz wunder trîbe wir mit ir - das Wunderliche...

und wellen des unschuldic sîn.

Minne, aller herzen künigîn,

diu vrîe, diu eine

diu ist umbe kouf gemeine! - die ist käuflich geworden

wie habe wir unser hêrschaft

an ir gemachet zinshaft! - bei ihr zum Gelderwerb gemacht

wir haben ein boese conterfeit - wir haben eine böse Fälschung

in daz vingerlîn geleit - an den Ring gemacht

und triegen uns dâ selbe mite. - betrügen uns selbst damit

ez ist ein armer trügesite, - es ist eine arme Lügensitte

der vriunden alsô liuget, - man belügt die Freunde

daz er sich selben triuget. - und betrügt sich damit selbst

wir valschen minnaere, - wir falschen Liebhaber

der Minnen trügenaere,

wie vergânt uns unser tage, - vergehen

daz wir unserre clage

sô selten liebez ende geben! - zu einem guten Ende bringen

wie vertuon wir unser leben

âne liep und âne guot! - ohne Liebe und Güte

nu gît uns doch daz guoten muot,

daz uns ze nihte bestât. - was uns nicht zukommt

swaz ieman schoener maere hât - was jemand an schöner Märe hat

von vriuntlîchen dingen,

swaz wir mit rede vür bringen

von den, die wîlent wâren weiland

vor manegen hundert jâren,

daz tuot uns in dem herzen wol

und sîn der selben state sô vol, - und sind dieses Zustands so voll

daz lützel ieman waere - dass selten jemand wäre

getriuwe unde gewaere - getreu und wahr

und wider den vriunt âne âkust, - nicht gegenüber seinem Freund

ern möhte sus getâne lust

von sîn selbes sachen

in sînem herzen machen. (Tristan, Kapitel 17, Zeilen 12279ff)

 

"Wie vertun wir unser Leben ohne Liebe und ohne Güte." In einer der schönsten Textpassagen aus der Blütezeit deutscher Literatur, die völlig ohne Gott, Christus und ewiges Leben auskommt, wird in Unterstellung früherer, besserer Gegebenheiten der Einfluss des alles durchsetzenden Kapitalismus  auf die Lebensverhältnisse am gravierendsten Beispiel deutlich gemacht: Sogar die Liebe ist, wie die Freundschaft, aus der sie hervorgeht, käuflich geworden und auf den Markt getragen. Das "Herz" wird vom Geld regiert, die innigsten Gefühle sind wohlfeil geworden.

 

Für die Herrenschicht so wie die Kirche ist Arbeit etwas Verächtliches. Entsprechend haben die Wörter für „arbeiten“ in einigen germanischen wie romanischen Sprachen die Grundbedeutung von Mühsal, Quälerei, Tortur. Da gegen entwickelt sich in den Städten ein „Arbeitsethos“ der Handwerker und Kaufleute (auf unterschiedliche Weise), während große Händler, die es zu Reichtum schaffen, versuchen, aristokratische Verhaltensweisen und Lebensformen nachzuahmen. Die Bevölkerung der Städte zerfällt dabei bereits bei deren Aufstieg in eine Oberschicht aus adeligen und nichtadeligen „Geschlechtern“, eine Mittelschicht aus Kleinhandel und Handwerk, und eine breite Unterschicht. Dabei entsteht von vorneherein keine „bürgerliche Gesellschaft“, sondern ein Konglomerat aus förmlichen und formlosen „Gesellschaften“, die nur punktuell zusammenfinden.

 

Das Christentum der Bürger verdünnt sich auch in dieser Beziehung in die schon erwähnte Kompartmentalisierung: Hier bin ich Geschäftsmann, dort frommer Christ. Die Geschäfte werden dabei „christianisiert“, indem sie einer gewissen Rechtschaffenheit unterliegen, und der Bürger der neuen Ehrbarkeit. Nach und nach gelingt es sogar, diese bürgerliche Ehrbarkeit und Rechtschaffenheit zum Kern christlicher Tugendhaftigkeit hoch zu veredeln. Die Kompartmentalisierung schafft aber auch einen vom geschäftlich-familiären Alltag abgetrennten Raum der Frömmigkeit, die darum bei wenigen intensiver, vor allem gefühlsintensiver werden kann.

 

Dem Zerfall des bürgerlichen Lebens in unterschiedliche Abteilungen ging ein anderer seit der Antike in Kirche, Eremitentum und monastische Bewegungen voraus. Letztere entstanden, um Jesu Gebot, ihm zu folgen, ernstzunehmen, was die übrige Christenheit und die Weltkirche selbst verständlicherweise ablehnten. Die Selbstversorgung der Klöster ließ diese spätestens in der benediktinischen Regel ein ganz neuartiges, so nie dagewesenes Arbeitsethos aus dem Geist religiöser Vorstellungen entwickeln: Arbeit als Dienst auf dem Weg zu Gott, streng reglementiert und geradezu paramilitärisch organisiert. Auf dem Weg ins hohe Mittelalter werden Klöster aber oft durch Schenkungen Großgrundbesitzer mit Scharen abhängiger Landbewohner, deren Verhältnis zum monastischen Herrn dem der Abhängigkeit und verhältnismäßigen Rechtlosigkeit von weltlichen Herren entspricht.

 

Den Klöstern als frühmittelalterlichen Herrschaftsbezirken analog zu denen der Bischöfe und der weltlichen Herren entkommen die in und für die neuen Städte entstehenden Bettelorden, die das Armutsgebot als Ablehnung jedweder Arbeit zur Selbstversorgung ansehen, - schließlich hatte sich Jesus offenbar auch als eher arbeitsscheuer Bettler ernährt. Sie knüpfen damit auch an jene städtische Armut im hohen Mittelalter an, die das Gebot der Caritas zum Erwerb arbeitslosen Einkommens und als ein zum Teil sich selbst organisierendes Gewerbe nutzte, bis der Bürgerfleiß anfing, sie zu vertreiben.

 

Wie Menschen allgemein Handwerk auf dem Weg ins hohe Mittelalter erlebt haben, ist kaum mehr aus Quellen ablesbar. Aus dem 12. Jahrhundert kennen wir vor allem den Reflex in den aufgeschriebenen Predigten von Bettelmönchen:

Berthold von Regensburg sagt in der schriftlichen Version: Du Schuhmacher, du brennst die Sohlen und auch die Flecken und sagst: „Seht wie dick!“, wenn sie hart sind. Und wenn der Käufer die Schuhe dann trägt, so geht er kaum eine Woche darauf. Du Betrüger! Du betrügst manchen armen Menschen, denn die Reichen wagst du nicht zu täuschen. (Engel/Jacob, S. 274) Wenig später heißt es bei einem anderen Franziskanerprediger, Ludovicus: Ach, wie viele lügen und bekräftigen ihre Lügen sogar mit einem Eid, indem sie behaupten, dass es gute Ware sei, die sie verkaufen, obschon sie minderwertig ist; sie behaupten auch, teurer eingekauft zu haben und um einen geringeren Preis zu verkaufen. (Engel/Jacob, S. 276)

 

Solche Äußerungen, denen sich bald dann auch weltliche anschließen, lassen sich kaum quantitativ bewerten. Sie beschreiben die Möglichkeiten, die Markt und Warenkonsum für Betrug und Täuschung liefern und die entsprechend auch genutzt werden, wie sehr, lässt sich höchstens vermuten.

 

Es wird später zu untersuchen sein, wie die Zisterzienser selbst arbeitsfreies Einkommen durch neue Formen der Delegierung von Arbeit nach außen erzielen werden und dabei der Entwicklung des Kapitalismus ganz neue Impulse geben.

 

Alles in allem ist das neue Bürgertum aufgrund seiner weltlichen Fundierung nicht imstande, über die eigene Widersprüchlichkeit so hinwegzusehen wie Kirche und Kloster. In den Gaben von Spenden und Almosen bleibt ein Restbewusstsein einer Schuld, die insbesondere die wohlhabenderen Geschäftsleute abzutragen haben. Angesichts des Todes und der Bedrohung durch ewige Verdammnis äußert sie sich in Testamenten, in denen Teile des zusammengetragenen Vermögens und im Extremfall sogar das ganze an Kirche oder Kloster oder direkt an karitative Einrichtungen übertragen werden.

 

Der Handel befriedigt bekanntlich nicht nur Bedürfnisse, er weckt sie. Wenige Kulturen erwiesen sich einst als resistent gegen die Verlockungen von Tand und Flitter, von käuflichen Statussymbolen oder von Waren, die das Leben scheinbar vereinfachten, in Wirklichkeit aber neue Mühen hervorriefen, um an das Geld zu gelangen, um sie zu erwerben. Der Luxusbedarf der geistlichen und weltlichen Großen wurde zu einem Gutteil durch das Wiederaufleben des Fernhandels gefördert, und sobald es bürgerliche Reiche gibt, geht es ihnen genauso. Nicht durch den Stand und Status eines Fürsten oder Adeligen legitimiert, nehmen reiche Bürger durchaus die Ambivalenzen zwischen Verlockungen ihrer animalischen Natur (Begehren/Gier) und den Forderungen eines nicht kulturell vermittelten, sondern seit der Antike als Fremdkörper aufgesetzten Christentums wahr.

Während in der Kompartmentalisierung die Religion aus großen Teilen des Alltags hinausgedrängt wird, insbesondere aus dem Wirtschaften und aus den Betten (in denen sie vieleicht auch nie sonderlich zu Hause war), ist sie in der Internalisierung als drängender Widerspruch zwischen Norm und Verlockung im Schuldgefühl latent immer präsent. Unter der prächtigen Oberfläche gärt gelegentlich eine zerrissene Persönlichkeit, deren Energien zunehmend auch darauf gerichtet sein müssen, in den Befriedigungen, die Warenkonsum bietet, einen allerdings wenigstens vorrübergehenden Kitt zu finden. Vor den Reformationen bleibt allerdings immer ein Rest des Zweifels, ob Reichtum und möglichst viel davon das zentrale gottgewollte Ziel für einen Christenmenschen sei.

 

 

Goderich und die Symbiose von Christentum und Handels-Kapital

 

Der Abt Ailred von Rievaulx, der Goderich selbst kannte, beauftragte den Mönch Reginald von Durham, dessen Heiligenvita zu schreiben. Das hatten vorher schon andere getan. Reginald besucht Goderich des öfteren in Finchale, und seine Vita macht, was dessen weltliches Vorleben angeht, den Eindruck relativ großer Seriosität. Hier nun Auszüge aus der dritten Version dieses Textes:

 

Beide Eltern waren von geringem Rang und Wohlstand. (vitam pauperem ducebant)… Als er die Kindheit hinter sich ließ, verfolgte er eine klügere Lebensweise, und begann sorgfältig und ausdauernd die Lehren weltlicher Vorausplanung zu erlernen. (coepit adolescentior prudentiores vitae vias) Dazu entschloss er sich, nicht mehr das Leben eines Bauern weiter zu führen, sondern die Grundlagen verfeinerter Vorstellungen zu studieren, zu erlernen und sich in ihnen zu üben. (Unde non agricultura delegit exercitia colere, sed potious quae sagacioris animi sunt, rudimenta studuit arripiendo exercere.) Weil er ein Händler werden wollte, begann er zunächst das Gewerbe eines Hausierers auszuüben, in dem er anfangs kleine Gewinne machte mit Gegenständen von geringem Preis. (Hinc est quod mercatoris aemulatus studium, coepit mercimonii frequentare negotium, et primitus in minoribus quidem et rebus pretii inferioris coupit lucrandi officia discere.)Und dann, immer noch in seiner Jugend, machte sein Geist Fortschritte, indem er nun Dinge von größerem Wert kaufte, verkaufte, und dabei Gewinn machte. (Postmodem vero paulatim ad maioris pretii emolumenta adolescentiae suae ingenia promovere.) Er verbindet sich nun mit Kaufleuten in der Stadt. Bald profitierte der Junge, der sich viele anstrengende Stunden abgemüht hatte, von Dorf zu Dorf und von Hof zu Hof, so durch sein Alter und seine Kenntnisse, dass er nun mit Kollegen seines Alters durch Orte und Weiler reiste, durch Festungen und große Städte, zu den Märkten und den verschiedenen Buden der Marktplätze. (Nam et in primordiis per rura et villanos circumquaque positos coepit cum mercibus minutis pervagando circuire, postmodum vero paulatim se urbanis mercatoribus consociando confoederare. Unde in brevi contigit ut qui per villulas et rura diutius solebat pedibus lassabundis incedere, postea aetate similiter cum sapientiae maioris sagacitate crescente, cum sodalibus coaetaneis coepit per castra et castella, munitiones et civitates, ad nundinas per diversas fori venales officina, ad publica mercimonia exsequenda procedere.)

 

Sein Gewissen (conscientia) hatte damit keine großen Probleme, denn er hatte als Kind das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis gelernt und denkt oft daran. Schließlich reist er ins Ausland, zuerst nach St. Andrews in Schottland und dann das erste Mal nach Rom. Dann schließt erFreundschaft mit einigen jungen Leuten, die bestrebt waren, an Waren zu kommen. So segelt er oft von Britannien nach Schottland und wieder zurück. (Unde sapius de Britannia in Scotiam vadens et rediens)… Er begegnet zu See vielen Gefahren, aber Gottes Gnade (Dei providentia) bewahrte ihn vor dem Untergang. Denn Er, der den heiligen Petrus vor dem Untergang bewahrt hatte (conservaverat), als er auf dem Wasser ging, bewahrte mit derselbe starken Hand sein auserwähltes Gefäß (vas electionis futurum) vor allem Unglück und solchen Gefahren. Deshalb wendet sich Goderich immer intensiverer Heiligenverehrung zu, und er erlernt immer neue Gebete, die er mit Erfolg einsetzt: creberrime expiriri solebat sibi promptae consolationis adesse... Indem er so immer höher und höher strebte, und von ganzem Herzen hoch hinaus wollte, trugen seine Mühen und Sorgen am Ende viele Früchte weltlichen Gewinns. (Tandem semper altiora appetens et ad proveciora cordis desiderio suspirans, de nimio labore sollicitudinum, multimodi provectus secularis assequi promeruit emolumentum.)

 

Inzwischen ist er auch Schiffer, und bewegt sein Schiff nach Dänemark, Flandern und Schottland. In all diesen Ländern findet er seltene und darum besonders kostbare Waren, welche er in andere Gegenden befördert, wo sie wenig bekannt sind und von den Einwohnern mehr als Gold begehrt werden. Darum tauscht er diese Waren gegen andere, die anderswo begehrt sind. (In quibus singulis terrarum finibus aliqua rara et idio pretiosiora, reperiens, ad alias secum regiones transtulit, in quibus ea maxime ignota fuisse persensit,, quae apud indigenas desiderabiliora super aurum exstiterant.)… Und so machte er großen Gewinn in all seinen Geschäften und sammelt viel Gewinn im Schweiße seines Angesichts an. Denn er verkaufte an einem Ort die Waren teuer, die er anderswo billig eingekauft hatte. (De quibus singulis negotiando plurimum profecerat, et maximas opum divitias in sudore vultus suisibi perquisierat; quia hic multo venundabat quod alibi ex parvi pretii sumtibus congregaverat).

 

Dann kaufte er die Hälfte eines Handelsschiffes zusammen mit einigen Handelspartnern (cum sociis negatiatoribus), und wieder durch seine vorsichtige Klugheit (sua prudentia) kaufte er den vierten Teil eines anderen Schiffes.Auf die Dauer erwarb er sich durch seine Navigationskünste, in denen er alle seine Genossen übertraf, die Beförderung zum Posten eines Steuermannes.

 

Nun werden seine ganzen körperlichen Vorzüge und Talente beschrieben. Dann: Auf seinen verschiedenen Seefahrten besuchte er die Schreine vieler Heiliger unter deren Schutz er sich auf das allerfrömmste stellte, insbesondere in der Kirche von St. Andrews (domicilium Sancti Apostoli Andreae) … Auf dem Weg dorthin berührte er oft die Insel Lindisfarne, wo der heilige Cuthbert Bischof gewesen war, und die Insel Farne, wo der Heilige als Eremit gelebt hatte. … Von hieran begann er sich nach der Einsamkeit (solitudo) zu sehnen, und er schätzte seine Waren geringer ein (negotiandi lucra exinde paulo minus aestimare).

 

Jetzt hatte er sechzehn Jahre als Kaufmann gelebt, und er begann daran zu denken, die Güter, die er so mühsam erworben hatte, als Almosen zu geben, zu Gottes Ehre und Dienst (...in Dei famulatu atque obsequio exspendere proponebat). Er pilgert nach Jerusalem und auf dem Rückweg besucht er auch Santiago de Compostela. Bald darauf wird er eine Art Majordomus im Haus eines reichen Mannes in seiner Heimat. Als er seinem Herrn von den Missetaten der jüngeren Männer des Haushaltes (Viehdiebstahl zum Beispiel) berichtet, wehrt dieser ihn ab. Er verlässt also auch diesen Posten und pilgert nach St.Gilles und nach Rom. Als er später wieder nach Rom pilgern möchte, bittet seine Mutter mitkommen zu dürfen. Sie reisen nach London und sie waren kaum von dort abgereist, als die Mutter sich ihrer Schuhe entledigte und derart barfuß nach Rom reiste, und von dort barfuß zurück nach London. Der heilige Goderich, der demütig seiner Mutter diente, hätte sie gerne die ganze Strecke getragen.

 

Bald nach der Rückkehr verkaufte er alle seine Besitztümer und verteilte sie unter den Armen.(Coepit omnia quaesita vendere, pauperibuis eorum pretia erogare.) Nachdem er dann seinen Eltern von seinen Absichten erzählt und ihren Segen erlangt hatte, ging er fort an einen ungewissen Ort, nämlich dorthin, wohin ihn der Herr führen würde. Denn mehr als alles andere begehrte er das Leben eines Einsiedlers.

 

In den fast zweihundert Jahren nach der Beschreibung der Kaufleute von Tiel hat sich offensichtlich viel geändert. Da ist natürlich zum einen der vom entstehenden Kapitalismus und von der Kirche beförderte Zivilisierungsprozess und zum anderen die Zielperspektive Reginalds von einer sich entwickelnden Heiligkeit Goderichs, die sich alles aussucht, was da hinführt. Aber viel wichtiger ist etwas anderes: Es fehlt die Kritik des geistlichen Autors an der Sünde des Geizes bzw. der Gier, die nun einmal aus christlicher Sicht zu einem Kaufmann gehört, dessen erstes Augenmerk auf seinen sehr weltlichen Gewinn gerichtet ist. Vielmehr ist seine ganze Vita eine einzige Erfolgsgeschichte von Anfang an. Frühes kapitalistisches Erwerbsstreben führt (hier) zur Heiligkeit.

 

Goderichs prudentia erlaubt ihm den Schritt von der ehedem gottgefälligeren Landwirtschaft zum Handel und schließlich zu beachtlichem Reichtum, den der Autor als Weg zur Heiligkeit positiv beschreibt. Die frommen Eltern geben ihm nur das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis mit auf den Weg, wohl in mündlicher Tradition, und diese Minimalformeln widersprechen offenbar inzwischen auch nicht einem Kaufmannsdasein, sein Gewissen bleibt rein. Das einzige, was da später noch dazu kommt, ist eine ausgiebige Heiligenverehrung und sind eine Anzahl weiterer vorgegebener Gebete, über die wir im  Detail nichts erfahren.

 

Goderich bleibt also in Unkenntnis der evangelischen Botschaft, und er kennt entsprechend den krassen Unterschied zwischen seiner und der dort propagierten Lebensform nicht. Das dürfte beim Autor seiner Vita anders sein. Da es sich dabei um eine geistliche Auftragsarbeit handelt, wird er wohl der Regel gefolgt sein, dass ein Heiliger in seiner Vita ein wenig bzw. ursprünglich (fast?) gar nicht sündiger Mensch zu sein hat. Aber um 1200 wäre es längst möglich gewesen, Heiligkeit auch aus der Abkehr von der Sünde zu beschreiben. Es wird deutlich dass sich inzwischen Heiligkeit und tugendhaftes (?) Kaufmannsleben nicht mehr widersprechen.

 

Christliche Heiligkeit hängt also nicht an der evangelischen Botschaft, sondern an der Anerkennung der magischen Qualität von Heiligtümern. Der vermutlich bis zum Schluss illiterate Kaufmann ist offenbar auch nicht von Priestern oder Mönchen ins Christentum eingeführt worden, sondern knüpft unmittelbar an die magischen Vorstellungen vorchristlicher Zeit an.

 

Nehmen wir an, dass Goderich selbst meint, ein christlicher Kaufmann zu sein und einer christlichen Seefahrt zu frönen, so bleibt immer noch, dass er nach damaligen Vorstellungen erst als älterer Mann davon ablässt, und erst als richtig alter Mann jenes Eremitenleben anstrebt, - was so etwas wie Heiligkeit bedeuten soll. Damit ließe er sich in jene mittelalterliche Vorstellung einreihen, dass Heiligkeit für Bürger und Adelige bestenfalls eine Sache des Alters sei, oder gar erst etwas, dem man sich angesichts des Todes zuwendet, - so wie Frömmigkeit und Kirchgang später einmal zu einer Sache alter Weiber werden wird.

 

Der geistliche Autor hält es nicht für Kompartmentalisierung, wenn Goderich den besten Gewinn herausschlagen möchte, und dann bei nächster Gelegenheit vor Anker geht, um am Ort der Reliquien eines Heiligen zu beten. Er findet es auch nicht problematisch, dass die zweite, zeitliche Kompartmentalisierung (erst weltliches, dann geistliches Leben) zwei Extreme gegeneinander setzt, Extreme deshalb, weil auf der einen Seite die Eremitage steht, die auch so etwas wie radikale örtliche Kompartmentalisierung als Abgrenzung bedeutet, und auf der anderen Seite die große weite Welt des seefahrenden Händlers.

 

Reginalds Bericht beruht angeblich nicht zuletzt auf den Worten des alten Heiligen selbst. Aber wir werden nicht erfahren, was in dessen Innerem tatsächlich vor sich gegangen ist. Frommes Handeln ist äußerlich, sichtbar, es fehlt die Darstellung innerer Bewegung. Vielleicht hat Goderich selbst keine Widersprüche wahrgenommen, was seinem geringen Christianisierungsgrad entsprochen hätte. Zwischen den frühen Heiligen der späten Antike und denen des hohen Mittelalters ist kaum noch Ähnlichkeit zu erkennen, was nicht verwundern kann. Goderich ist kein antiker Märtyrer, sondern ein erfolgreicher Geschäftsmann.

 

"Kunst"  (in Arbeit)

 

Die Kunst steht hier in Anführungsstrichen, um irgendwelchen Missverständnissen vorzubeugen. Den zugleich sehr vagen und dennoch sehr eingeengten Kunstbegriff seit dem 16. Jahrhundert, der bis ins frühe 20. Jahrhundert hineinreicht, gibt es bis ins sogenannte späte Mittelalter nicht. Kunst ist ganz allgemein Könnerschaft, und man ist nicht Künstler, sondern Gelehrter oder Handwerker; beherrscht man etwas davon, ist man Meister.

 

Wenn es dennoch hier eben nicht um Kunst im Sinne des hohen Mittelalters gehen soll, sondern um "Kunst", dann deshalb, weil diese sich damals ganz langsam anzudeuten beginnt. Sie ist ein Aspekt des Luxusbedürfnisses der Reichen und Mächtigen, zu denen in unserer Zeit in herausragender Weise viele Kirchen und manches Kloster gehören, ebenso wie manche Laien. Luxus wiederum dient primär der Zurschaustellung von Macht und Reichtum.

 

Von unserer Zeit hier sind vor allem Mosaiken, Fresken und Buchmalerei erhalten, zudem Feinschmiedearbeiten, solche aus Elfenbein oder Ton, und schließlich Skulpturen und Bauwerke insbesondere aus Stein. Die Masse des Erhaltenen ist religiöse "Kunst", einmal weil es über alle späteren Moden hinaus wegen seiner Tendenz zur Heiligkeit erhaltenswerter erschien, was aber eher ein seltener Grund ist, und zum anderen, weil Kirche und Kloster mehr von ihrem Reichtum in das, was manche heute sehr ahistorisch als Kunst betrachten, investierten.

 

Kirche und Kloster des 10-12. Jahrhunderts sind im wesentlichen weltliche Mächte, die diese sehr irdische Macht religiös begründen, und dafür weitgehend auf physische Gewalt verzichten. Die Vertretung ihrer (Macht)Interessen durch (durchaus auch ganz brutale) Gewalt überlässt sie überwiegend weltlichen Herren. Das Imponiergehabe des Waffengeklirres ersetzt sie durch möglichst beeindruckende Bauwerke und eine möglichst kostbare Ausstattung. Kirchengebäude dienen einmal der Inszenierung von magischem Zauber, und der lässt sich gut begleiten durch Gold und Silber, das Funkeln von Edelsteinen, das Leuchten damals reichlich teurer Wachskerzen und den benebelnden Duft des Weihrauchs. Zum anderen dienen Kirchengebäude auch der Indoktrination der mehr oder weniger Gläubigen, und da die theologischen Themen für sie unzugänglich sind, werden sie vor allem mit legendären Geschichten gefüttert, die als Illustrationen zugänglich gemacht werden. Eine naive Religion für das dumme Volk.

 

Die Zurschaustellung kirchlicher Macht geschieht vor allem dadurch, dass ein Teil der Kirchengebäude immer größer und höher wird. Kirchengebäude bestimmen die Silhouette einer Stadt wie die Moscheen des Islam. Kunst heißt Technik, nämlich immer größere und höhere Räume zu schaffen, die von Gewölben überspannt und an den Seiten abgestützt werden müssen. Schon das alleine verschlingt große Summen Geldes, die die Untertanen der Kirche aufbringen müssen, zusammen mit Großspenden von wohlhabenden Laien, die sich im engen Bündnis mit der Kirche sehen.

 

Soweit stellt der Kirchenbau wie seine Ausstattung außen und innen vor allem die Macht des in der Kirche versammelten Geldes dar. Aber im sogenannten hohen Mittelalter nimmt der Einfluss auf diese Baukunst einmal durch den Laien-Adel und zum anderen durch weltliche unteradelige Kapitaleigner und bald auch durch Handwerksbruderschaften zu. Sie stellen sich selbst dar, indem sie Mosaiken, Fresken, Statuen, eigene Kapellen und Altäre finanzieren. Dabei konkurrieren sie mit Geld und technischer Vervollkommnung um die Darstellung von Macht und Ansehen. Schon im 11. Jahrhundert finanziert amalfisches Großkapital die ungemein teuren Bronzetüren von Kathedralen. Kurz darauf stellt sich römisches Großkapital auf Mosaiken in den Kirchen selbst dar - in der Gesellschaft von Heiligen.

 

Vom kirchlichen Raum strahlt dieses zugleich schmückende und propagandistische Handwerk auf die Laienwelt der Reichen und Mächtigen aus. Und da die legendären Erzählungen an den Kirchenwänden sich (insbesondere wenn sie dem Judentum entstammen) oft auch ganz weltlich sehen lassen, ist der Übergang zu weltlichen Themen fließend. Und die Vorstellungen, wie sich Edelmetalle, Edelsteine, Elfenbein und andere kostbare Materialien handwerklich aufhübschen lassen, sind im klerikalen und Laienraum ohnehin nicht verschieden.

 

Einen weiteren Einstieg in das, was viel später einmal unter Kunst verstanden werden wird, liefert die Aufwertung besonders technisch versierter ("Kunst")Handwerker. Sichtbar wird sie dort, wo sie im 11. Jahrhundert in Einzelfällen, und danach dann immer häufiger ihren Namen hinterlassen. Diese Handwerker werden langsam zu Kleinunternehmern mit einer Anzahl Angestellter, die beginnen, über einen gewissen Kapitalstock zu verfügen. Sie konkurrieren im wesentlichen über das technische Können, über welches sie verfügen, und welches spätere Zeiten dann ästhetisieren werden.

 

So wie in den Kleidermoden des Adels und der gehobenen städtischen Schichten ziehen die Moden auch in solche Bereiche des Handwerks ein. Baumeister und andere ("Kunst")Handwerker reisen viel und verbreiten dabei solche Moden. Als Kinder der Monetarisierung und Kommerzialisierung nutzen sie einen sich stetig erweiternden Markt der Eitelkeiten. Die aufeinander folgenden Moden der sogenannten Gotik sind dabei nicht zuletzt Phänomene eines technischen Fortschritts. Vor allem aber sind sie Kinder eines langsam aufblühenden Kapitalismus.

 

Kunst im Sinne des lateinischen 16.-18. Jahrhunderts ist etwas, was sich zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert aus dem zunehmend eigenen Charakter technisch besonders versierter ("Kunst")Werke renommierter Handwerker entwickelt. Ihre Betrachtung gehört im 12. Jahrhundert noch fast ganz in den kirchlich-religiösen Bereich, in dem sie ihre wesentlichen Wurzeln hat. Genau wegen diesen Wurzeln wird solche Kunst bis ins 18. Jahrhundert weltweit einzigartig bleiben, und erst mit dem Untergang ihrer tragenden Kräfte wieder verschwinden.

 

ff