Die römische Kirche
Reformationen
Unglauben und Ketzertum
Kirchen 1555-1618
Kirchen 1618-1650
Die römische Kirche. Papsttum der Hoch-Renaissance 1500-1550
"Für die Ausstellung von Bullen, Reskripten, Gnadenerweisungen und Dispensen wurden Gebühren erhoben. Für Pfründenverleihungen wurden z.T. erhebliche Geldsummen verlangt, teilweise verbunden mit Annaten, d.h. Zahlungen der Bewerber in Höhe der Pfünden-Einnahmen des ersten Jahres. Das machte es für Päpste attraktiv, Pfründen an besonders finanzstarke Bewerber zu verleihen." (Schnabel-Schüle, S.45)
Zwischen 1492 und 1503 herrscht Alexander VI. (Borgia) von Rom aus, der versucht, seinen unehelichen Sohn Cesare machtmäßig unterzubringen. Tochter Lucrezia. Für die jahrelangen Liebesdienste der Schwester von Alessandro Farnese macht er diesen zum Kardinal.
Julius II. (della Rovere) ist vor allem Feldherr von 1503-13.
1506 vergibt er bei der Grundsteinlegung zur neuen Peterskirche einen kompletten Ablass an alle Anwesenden. Kurz darauf wird dieser auf alle für die Stunde ihres Todes ausgeweitet, die einen bestimmten Betrag in den Opferstock von St.Peter einwerfen.
1512-17 5. Laterankonzil, welches erst Reformhoffnungen weckt und dann enttäuscht.
Leo X. (Medici) beginnt den Neubau des Petersdoms. Der Finanzbedarf der Päpste nimmt immer mehr zu. 1517 umfasst die römische Kurie bereits rund 2000 Personen "und damit fünfmal mehr als noch 1471" . (Schnabel-Schüle, S.44)
1514 ernennt Papst Leo einen Ablasskommissar für die deutschen Lande. Ausgenommen sind Mainz und Brandenburg, in denen Kurfürst Albrecht selbst den Handel organisieren kann.
Oberster Ablass-Prediger wird Johannes Tetzel, der den Ablass mit marktschreierischen Methoden verkauft,
Albrecht von Brandenburg, Bruder des Kurfürsten, 1513 Erzbischof von Magdeburg und 1514 Erzbischof von Mainz und damit auch Kurfürst, braucht u.a. für beide Ämter den päpstlichen Dispens, der insgesamt 29 000 Gulden kostet und den er sich mit einem großen Kredit vom Bankhaus Fugger leiht. Den möchte er mit der Hälfte der Einnahmen aus dem Ablasshandel eintreiben. Die andere Hälfte soll nach Rom gehen. 1516 wirbt der von Albrecht beauftragte Johann Tetzel im Auftrag Albrechts von Brandenburg so: Sobald der Gülden im Becken klingt im huy die Seel im Himmel springt, was dann sogar auch für noch zu begehende Sünden gilt (Schnabel-Schüle, S.65). Viele Menschen nehmen das gläubig an.
1511 rutscht Luther noch auf Knien die Pilatustreppe in Rom hinauf, um seinen Großvater vom Fegefeuer zu erlösen.
1512 drängt Kaiser Maximilian den Trierer Erzbischof, den "Heiligen Rock" in Trier auszustellen. Es heißt, 100 000 Menschen hätten die Wallfahrt unternommen.
Reformationen (1500-1550)
Glauben heißt Nichtwissen nicht ertragen können. Im religiösen Raum heißt es zudem, eine anthropozentrische Version von Sinnhaftigkeit zu etablieren, also eine, die den logischen Strukturen des menschlichen Verstandes folgt: Über den Tod hinausgehende Zielorientierung menschlichen Lebens, Sinnhaftigkeit menschlichen Handelns über alle Erfahrung hinaus, aber auch Begründungs-Zusammenhänge jenseits aller Natur für Machtentfaltung.
Die Benennung der sich recht bald von der römischen Kirche lösenden religiös-kirchlichen Reformbewegungen der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts als Reformation setzt sich erst um 1550 (bei den Protestanten) durch, als endgültig klar ist, dass es keinen Weg zurück mehr geben soll.
(Oft gescheiterte) Reformen prägten die Geschichte der bisherigen mittelalterlichen Kirche und der Klöster und meinten vor allem wörtlich Rückführungen, auch wo sie tatsächlich darüber hinaus gingen. Die konziliare Bewegung des 15. Jahrhundert meinte letztlich Reform. Im Kaiserreich, vor allem den deutschen Landen, gibt es die Forderung nach Reichsreform, die allerdings vor allem sachte Veränderung meint.
Zwei Entwicklungen werden sich dann in den Reformationen der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts entladen. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts werden Päpste als Fürsten in ihrem Kirchenstaat immer reicher und mächtiger und legen dabei immer weltlicheres Fürstengehabe an den Tag, welches sie auch mit einer Zunahme des Ablasshandels finanzieren. Ähnliches gilt auch für deutsche geistliche Fürsten. Bischöfe, oft ohne höhere Weihen, sind meist vor allem an fürstlicher Hofhaltung und Machtpolitik interessiert und überlassen die Seelsorge den Weihbischöfen.
Zugleich nimmt der Zugriff der weltlichen Fürsten und Könige auf "ihre" Kirche immer mehr zu, wie sich für Frankreich zwischen 1439 und 1516 darstellt. Aber das gilt grundsätzlich auch z.B. für England und die vielen vor allem norddeutschen Fürstentümer und die noch autonomen Städte. 1458 fordert der sächsische Kurfürst die Hälfte eines Türken-Ablasses für sich ein. 1502 beschlagen sie einen vollständig, nachdem absehbar ist, dass kein Türkenzug stattfindet.
An Religion und Kirche kommt niemand vorbei außer den Juden, dort wo sie zugelassen sind. Christentum in der von Rom genehmigten Form ist bis zu den Reformationen Pflicht für alle. Erschwerend kommt hinzu, dass alle Herrschaft christlich begründet ist und mit Religion und Kirche steht und fällt.
Spätestens seit dem 14. Jahrhundert nimmt Kritik an verweltlichten Priestern und Mönchen zu, denen Gier und Lüsternheit vorgeworfen wird, wie man in der Erzählliteratur ausführlich nachlesen kann. Diese aber kollidiert mit der privilegierten und herausgehobenen Stellung der Kirche jenseits des weltlichen Raumes. Das kulminiert dann in der Kommerzialisierung des Bußsakramentes, welches auf dem unermesslichen Heils-Schatz beruht, den der Heiland und die Heiligen angehäuft haben, und welchen die Kirche verwaltet. Sie kann darum dem Sünder Bußleistungen auferlegen, zu denen auch kriegerische Leistungen im Sinne der Kirche, Wallfahrten und ähnliches gehören können. Im 15. Jahrhundert können all solche Leistungen dann auch erkauft werden, und schließlich kann man damit auch die Ableistung von Sündenstrafen im Jenseits für die Vorfahren verringern. Kritik an solcher Praxis wird dann zum Zündstoff für Reformation.
Zwei sehr minoritäre Gegenwelten entfalten sich derweil, die zunächst noch in der Kirche bleiben. Die eine setzt auf persönliche Frömmigkeit, die besonders bei Gruppenbildung de facto Erlösung in persönlicher Lebensgestaltung sucht und dabei mehr oder weniger die Kompartmentalisierung in sündigen Alltag und von den Sakramenten begleiteten Feiertag durchbricht. Die andere, von Historikern als Humanismus bezeichnete, wendet sich ganz von der spätscholastischen Gelehrsamkeit im Rahmen der Kirche ab und sucht nach einem freieren, weniger systematisierten Denken. Mit deutlicher Verspätung erreicht sie auch die deutschen Lande und ihre Universitäten und kulminieren in der Veröffentlichung der satirischen 'Dunkelmännerbriefe'.
Ein Teil der hochgelehrten Humanisten wird zu Protagonisten und Unterstützern der Reformationen werden, wobei das relativ hohe Bildungsniveau sich auf dem Weg zu den Unbeleseneren allerdings deutlich verdünnen wird. Ihre neuartig bürgerliche Existenz bzw. Herkunft und ihre Gelehrsamkeit werden aber verhindern, dass sie anders als bisherige persönliche Frömmigkeit weder gänzlich paulinisch noch evangelisch sind, auch wenn beides behauptet wird. Aber gemeinsam ist den meisten der erklärte persönliche Aspekt des Glaubens, auch wenn dieser dann politisch überformt wird, denn Reformatoren müssen notgedrungen auch politisch handeln, um zu überleben.
Letztlich ist die Abfolge von Reformationen auch Ergebnis des Scheiterns von Reformbemühungen innerhalb der Kirche seit dem 15. Jahrhundert, wenn man einmal von den Reformen von Cisneros in Spanien ab 1495 absieht. Der Erzbischof von Toledo sorgt für bessere Ausbildung der Pfarrer und Seelsorge und ein gewisses Maß an Abbau der Verweltlichung der höheren Geistlichkeit.
Anders ist es mit dem Papsttum: Nachdem der Medici-Papst Leo X. Luther gebannt hat, zeigt Hadrian VI. Reformwünsche, aber er ist nur kurz im Amt und sein Nachfolger Clemens VII., erneut ein Medici, verhindert ein mit Reformen zu befassendes Konzil. Einzelne innere Reformbemühungen unter Paul VI. kommen zu spät; die Reformation ist inzwischen zu weit fortgeschritten. Mit der 1542 dann eingerichteten römischen Inquisition gegen Ketzer ist der Bruch bereits total.
Der erste Weg in die Reformationen
1494 Sebastian Brants 'Narrenschiff'.
1511 Erasmus von Rotterdam: 'Lob der Torheit'
Erasmus von Rotterdam besucht von 1478 bis 1485 in Deventer die zum Stift St. Lebuinus der Brüder vom gemeinsamen Leben gehörende Lateinschule, wo er sehr gut Latein lernt. Er besucht auch das inzwischen an die Brüder vom Gemeinsamen Leben angelehnte Collège de Montaigu in Paris, dessen Strenge und Rigorosität er später beklagt. Um 1525 ist hier auch Jean Calvin.
1516-19 lernt Heinrich Bullinger in der Lateinschule der Brüder vom Gemeinsamen Leben in Emmerich, deren Strenge ihn fasziniert, dass er sogar mit dem Gedanken spielt, Karthäuser zu werden. Sie alle lernen keinen neuen Glauben, sondern eine Art moralische Reformation.
1503 wird die via moderna an der Universität Wittenberg etabliert. (1522 werden dort die Texte des Wessel Gansfort veröffentlicht.)
Martin Luther ist Sohn eines zu einem gewissen Wohlstand gelangten Bergbau-Hüttenmeisters und Ratsmitglieds zu Mansfeld. Universitätsbesuch in Erfurt bis zum Magister unter dem Einfluss von Nominalisten. Lernt antike Klassiker wie Vergil kennen und lebenslang schätzen.
1505 Konversions-Erlebnis Luthers und Eintritt ins Kloster der Augustiner-Eremiten in Erfurt. Diese sind in Konventuale und Observanten gespalten.
Er studiert Theologie, lernt nach dem Lateinischen und Griechischen hebräisch. 1507 wird er Priester. Er studiert Gabriel Biels Ockhamismus. 1508 wird an der Wittenberger philosophischen Fakultät der Nominalismus durchgesetzt.
1509 beginnt er das Studium des Augustinus, was zur Wendung gegen die Scholastik führen wird. Aristoteles wird theologisch gesehen zum Schwätzer (confabulator).
Im Spätsommer 1511 wird Luther von Erfurt nach Wittenberg versetzt. 1511 Romreise. 1512 Doktor der Theologie in Wittenberg, wo er Professor für Bibelexegese und Prediger wird. 1513-15 Luthers Psalmen-Vorlesung. Er gerät in den Streit im Orden hinein.
1511 kommt es zum Streit zwischen Kölner Dominikanern und Johannes Reuchlin darüber, ob jüdische Schriften wie der Talmud verbrannt werden sollten, was Reuchlin im 'Augenspiegel' verneint. 1514-1521 dauert der von den Dominikanern van Hoogstraaten und Prierias angestrengte Prozess, der eine Welle der Empörung auslöst. Die beiden Dominikaner werden neben Tetzel zu Luthers ersten Gegnern.
Verteidigt wird er 1517/17 in den von Crotus Rubeanus und Ulrich von Hutten verfassten Dunkelmänner-Briefen, mit denen sie Scholastik und das ausschweifende Leben des Klerus lächerlich machen.
1516 genehmigt der Papst im Konkordat von Bologna dem französischen König die Besetzung der Mehrzahl der französischen Bistümer, womit der fast schon die Position einnimmt, die Henry VIII. erst noch erreichen wird. Der Weg hin zur Staatskirche von Louis XIV. wird beschritten.
Ebenfalls 1516 wird Guillaume Briconnet Bischof von Meaux. Mit Marguerite d'Angoulême, Faber Stapulensis und Guillaume Farel entsteht dort eine Reformgruppe.
1517 gibt Ulrich von Hutten Vallas Schrift über die Konstantinische Fälschung heraus.
Der Einstieg mit Luther
Luther quält sich solange über seine eigene Sündhaftigkeit und fürchtet sich vor der Strafe Gottes, bis er entdeckt, dass nur der Glaube über göttliche Gnade, nicht aber fromme Werke zur "Erlösung" führen, und dass dieser auf der Bibel beruhen muss. Glaube und zu definierende christliche Lebensführung als Kern von Erlösung (ins Himmelreich) tendieren auch unter dem Einfluss von Paulus ab der Zeit dazu, die sakramental fundierte Macht der Kirche (zunächst implizit) herabzusetzen. Damit wird dann die im Gewissen stattfindende Reue wichtiger als die Buße.
September 1517 erscheint Luthers 'Disputatio contra scholasticam theologiam', die sich grundsätzlich gegen die Scholastik, gegen die Vernunft als Begründer von Theologie wendet, und damit nun auch gegen den früheren Einfluss von Nominalisten.
Im Frühjahr 1517 beginnt Ablass-Prediger Johannes Tetzel mit dem Handel in Brandenburg. Oktober 1517 schickt Luther seine lateinischen 95 Thesen gegen den Ablasshandel an den zuständigen Bischof. Die zentralen ersten formulieren:
Unser Herr und Meister Jesus Christus wollte, als er sprach: 'Tut Buße usw., dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei. Dieses Wort kann nicht auf die sakramentale Buße bezogen sein. (in: Leppin, S.12)
Nicht jeder Ablass, sondern der gegen klingende Münze wird dabei angegriffen. Die Thesen werden öffentlich und immer weiter veröffentlicht, in Nürnberg dann auch auf deutsch. Sola gratia und sola scriptura als Grundgedanken.
Luther sieht sich dabei in eine Entwicklung hinein gestellt, die er vielleicht so zunächst nicht will. Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt, verfasst in Wittenberg Thesen gegen die scholastische Theologie. 1518 kommt Melanchthon auf eine Altgriechisch-Professur nach Wittenberg und setzt sich sofort für das Studium von Originaltexten und gegen das bloße Erörtern von Lehrmeinungen ein. Luther veröffentlicht nun eine Predigt in deutscher Sprache gegen den Ablass-Handel ('Sermon von Ablass und Gnade'). Aus dem kleinen Städtchen mit gut 2000 Einwohnern wird bald eine Universitätsstadt mit der größten Anzahl von Studenten in deutschen Landen.
Friedrich ("der Weise") stimmt in Religionsdingen nicht ganz mit Luther überein, äußert sich auch kaum inhaltlich, rettet aber mit dem Schutz Luthers die entstehende Reformation. (Oberman(2), S.30ff)
Huldrych Zwingli (1484-1531) erhält im Unterschied zu Luther eine ausgesprochen humanistische Ausbildung unter Wölfflin und auch mit dem Studium von Erasmus-Texten. Er ist dann 1506-16 Pfarrer in Glarus. Mit Reisläufern zieht er als Feldprediger zweimal nach Italien und wird Gegner dieses Söldnertums. Ihm wird innere Religiosität immer wichtiger als ihre äußeren, kirchlichen Formen. 1518 wird er durch Luthers öffentliches Auftreten ermutigt, selbst reformerische Positionen zu beziehen, und 1519 wird er Züricher Priester am Großmünster.
Mit seiner Bibel-Auslegung dort wendet er sich gegen den Ablasshandel, die übliche Heiligenverehrung und die Vorstellung vom Fegefeuer.
Öffentlichkeit und Konflikt
Über akademische Disputationen und aggressiver werdende Veröffentlichungen wendet sich Luther nunmehr öffentlich in Teilen gegen eine aristotelisch fundierte Scholastik im gelehrten Raum. In Heidelberg sagt er 1518:
Nicht der wird Theologe genannt, der das unsichtbare Wesen Gottes an den geschaffenen Dingen anschaut, sondern der, der das unsichtbare Wesen Gottes und seine dem Menschen zugewandte Seite wie sie durch die Leiden und das Kreuz geschaut wird, versteht. (in: Leppin, S.18f)
Inzwischen ist Melanchthon an die Wittenberger Universität berufen und in Heidelberg ist Bucer von Luther beeindruckt. Er gewinnt in den Städten an Einfluss.
Die ersten Gegner versuchen seit 1517, ihn als Ketzer bloßzustellen und 1518 läuft gegen ihn in Rom der Ketzerprozess an. Im Oktober 1518 wird er in Augsburg von Kardinal Cajetan als Beauftragtem des Papstes verhört, wobei sich das päpstliche Primat als wesentlicher Konfliktpunkt herausstellt.
Der Ketzerprozess wird zunächst etwas unterbrochen durch den Tod Kaiser Maximilians und den Wahlvorgang, aus dem Karl V. gegen Francois I. als römischer König hervorgeht. Der Franzose war durch den Papst unterstützt worden.
1519 überfällt Herzog Ulrich von Württemberg die Reichsstadt Reutlingen. Bayern und der Schwäbische Bund vertreiben ihn darauf und 1520 überträgt der Scchwäbische Bund das Herzogtum an Erzherzog Ferndinand (Habsburg).
Im Leipziger Disput mit Eck spitzt er seine Ansichten zu, und nun kommt es auch zu der entscheidenden Aussage, dass nicht die Kirche, sondern sei. Luther lehnt die Autorität des Papstes wie die der Konzilien ab.
Im Sommer 1519 disputieren Luther und Karlstadt mit Johannes Eck auf der Leipziger Pleißenburg über den korrekten Glauben. Luther spitzt seine Ansichten zu, indem er dem Papst und den Konzilien absolute Wahrheit abspricht, die Bibel als letzte Autorität für einen Christen darstellt und Hus verteidigt. Damit enden alle Verständigungsversuche. Landesvater Georg wird nun zum aggressiven Gegner Luthers.
1520 wird Luther, Pirckheimer und mehreren Wittenberger Professoren von Rom wegen 41 Thesen der Bann angedroht und Widerruf gefordert. Luther verbrennt die Bannbulle. Er will, dass päpstliche Äußerungen an der Bibel gemessen werden und bezeichnet den Papst nun als Antichrist (der die Endzeit einleitet).
Inzwischen schreibt Ulrich von Hutten im 'Vadiscus', die Papisten
scheren platt und kahl / Und nehmen stets von Teutschen Geld / Dahin ihr Praktik ist gestellt / Und finden täglich neue Weg / Daß Geld man in den Kasten leg / Da kommen Teutsche um ihr Gut. (in: Bünz, S.188)
In der Flugschrift 'Die römische Trinität' heißt es:
Drei Dinge werden verkauft in Rom: Christus, Priestertum, Frauen. Drei Dinge sind verhasst in Rom: ein allgemeines Konzil, eine Reformation der Kirche, und dass den Deutschen die Augen geöffnet werden. Drei Übel erbitt ich für Rom: Pestilenz, Hunger und Krieg. Das sei meine Trinität. (in: Schnabel-Schüle, S.140)
Seit etwa 1520 nehmen Luthers Endzeit-Vorstellungen eher noch zu. Februar 1520 schreibt er im üblichen Latein an Spalatin: Ich bin voll tiefer Sorge,dass es kaum einen Grund gibt, daran zu zweifeln, dass der Papst wirklich der von so vielen erwartete Antichrist ist. (in: Oberman, S.276). Und im November 1521 schreibt er dann an seinen Vater: Ich bin überzeugt, dass der Tag des Herrn nahe herbei gekommen ist. "Was die Endzeit so gefährlich erscheinen ließ, waren der vollkommene Verlust moralischer Orientierung und die Umkehrung aller Werte." (Oberman, S.89)
Mit immer neuen Schriften bringt Luther seine sich entfaltenden Vorstellungen unter das (lesende) Volk: Der Glaube ist Gnade Gottes und soll zu einem christlichen Leben führen. Luthers Text 'Von der Freyheyt eyniß Christen menschen' (1520) formuliert gegen die römische Kirche und ihre Vorstellung von irdischen Leistungen, die das "Himmelreich" ermöglichen sollen, als Gegenposition die Vorstellung von einem (fallweise) gnädigen Christengott, dessen Gnade man vor allem durch den Glauben erringen kann.
Freiheit ist also eine innere Einstellung, die vom "Gewissen" geleitet wird. Wirkliche Freiheit im alltäglichen Leben wird dabei rigoros abgelehnt und soll durch Fürsten mit aller Grausamkeit unmöglich gemacht werden.
Damit unterstützt er de facto jene Tendenz größerer Kapitaleigner, sich als Geschäftspartner immer mächtigerer Herrscher zu verstehen, an die das politische Geschäft weiter abzugeben ist. Er verstärkt des weiteren die Tendenz eines staatstragenden Bürgertums, sich in die Bereiche der nun bald so genannten "Kultur" zurückzuziehen. Das heißt, dass man die korrekte Gesinnung pflegt und ihre gewaltsame Durchsetzung begrüßt.
Andererseits scheint der Text einen nationalen Zug zu haben:
Wir haben des Reichs Namen, aber der Papst hat unser Gut (...) Da wir meinten, Herren zu werden, sind wir der allerlistigsten Tyrannen Knechte geworden, haben den Namen, Titel und Wappen des Kaisertums, aber den Schatz, Gewalt, Recht und Freiheit desselben hat der Papst; so frisst der Papst den Kern und wir spielen mit den Schalen. (in: Oberman(2), S.51)
Aber tatsächlich gibt es den eher bei Hutten, während Luthers Endzeit-Orientierung so etwas letztlich verhindert.
In 'Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche' aus dem selben Jahr lässt Luther als Sakramente nur noch die Taufe und das Abendmahl zu, wobei er in letzterem die Realpräsenz Christi beibehält.
Das alles mündet in die Ablehnung einer privilegierten Kirche mit einem von den Laien abgehobenem Klerus ('An den christlichen Adel deutscher Nation') und wird de facto zur Einladung an Fürsten, mehr noch als die französische Krone als Laien Kirchenherren in ihrem Territorium sein zu können.
Im Dezember 1520 verbrennen Studenten in Wittenberg Bücher des kanonischen Rechts, päpstliche Erlasse und Bücher von Luthergegnern im Beisein von Melanchthon und Luther.
Januar 1521 wird Luther als Ketzer exkommuniziert. Der päpstliche Nuntius Aleander schreibt an den Papst:
Ganz Deutschland ist in hellem Aufruhr. Für neun Zehntel ist das Feldgeschrei "Luther", für die übrigen, falls ihnen Luther gleichgültig ist, wenigstens "Tod der Römischen Kurie", und jedermann verlangt nach einem Konzil. (in: Schnabel-Schüle, S.100)
Er muss sich auf dem Wormser Reichstag verantworten. Auf dem Weg dahin wird er gefeiert. Zunächst werden auf dem Reichstag die Gravamina der deutschen Nation behandelt. Luther betont dann seine Gewissens-Entscheidung:
Mein Gewissen ist im Wort Gottes gefangen. Somit kann ich und will ich nicht widerrufen, denn gegen das Gewissen zu handeln ist weder sicher noch heilsam. Ich kan nicht anderst, hie stehe ich, Gott helff mir. Amen. (so in: Oberman(2), S.216)
Am nächsten Tag lässt Karl verlesen:
Denn es ist gewiss, dass ein einzelner Ordensbruder irrt mit seiner Meinung, die gegen die ganze Christenheit ist sowohl während der vergangenen tausend und mehr Jahre als auch in der Gegenwart; dieser Ansicht nach wäre die ganze genannte Christenheit immer im Irrtum gewesen und würde es heute noch sein. (so in: Schilling, S.133)
Luther lässt sich zu keinem Widerruf bewegen und fällt per (Wormser) Edikt in die Reichsacht. Die Lektüre seiner Schriften wird verboten, aber sie sind wie auch seine Reichstagsrede inzwischen in zahllosen Exemplaren verbreitet. Er kann unter dem Schutz seines Landesherrn Friedrich ("des Weisen") auf die Wartburg fliehen, wo er mit Hilfe des Gräzisten Philipp Melanchthon die Bibel übersetzt.
Im November 1521 schreibt er 'De votis monasticis', aber schon vorher verlassen erste Mönche ihre Orden.
Enorme Massen an Drucken und Flugschriften erreichen einen erheblichen Teil der deutschen Bevölkerung, ein Buchmarkt breitet sich weiter aus, darunter seit 1522 auch Luthers im größten Teil der deutschen Lande sprachlich verständliche Bibelübersetzung. Gegner ziehen mit eigenen Veröffentlichungen nach. Einige Handwerker formulieren eigene öffentliche Texte. 1522 beginnt auch Zwingli mit Veröffentlichungen eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen. Er greift die Fastenpflicht und das Zölibat an. Religion als Diskussions-Gegenstand entzieht sich immer mehr dem kirchlichen Monopol und erfüllt einen weltlich-öffentlichen Raum.
Städte und Spaltung der Reformationen
In Zürich verteidigt Zwingli in der Fastenzeit 1522 ein demonstratives Wurstessen. Zwingli erhält die Unterstützung von Handwerkern und dem Rat. Damit verlässt die Stadt praktisch 1522 das Bistum Konstanz, wird auch zum geistlichen Oberhaupt und erlaubt ihm das Predigen auf der Grundlage des Evangeliums auf einer eigens für ihn geschaffenen Predigerstelle.
Dann nimmt Zwingli 1522/23 an zwei Disputationen teil, in denen er nach Ansicht des Rates nicht widerlegt wird. Klosteraustritt und Priesterehe werden erlaubt und die Heiligen-Verehrung abgeschafft. Bilder, Gemeindegesang und Orgelspiel verschwinden nach und nach aus den Kirchen. Die Klöster werden aufgehoben.
1525 wird ein Sitten- und Ehegericht aus Pfarrern und Ratsmitgliedern eingerichtet, welches die Lebensführung der Züricher überwacht. 1529 wird der Besuch des Gottesdienstes verpflichtend.
Während Luther auf der Wartburg ist, gehen 1521 in Wittenberg Studenten und Bürger gegen altgläubige Geistliche vor. Ein Gutachten der Universität hat gerade festgestellt, dass im Gottesdienst die Predigt im Mittelpunkt stehen solle und einer aus der Gemeinde dann Brot und Wein reichen solle.
Melanchthon setzt darum in Wittenberg das Abendmahl "in beiderlei Gestalt" für die Laien durch, also mit Brot und Wein. Privatmessen werden abgelehnt. Januar 1521 sollen Bilder aus den Kirchen entfernt werden und im Februar kommt es zu einem "Bildersturm".
Mönche treten aus dem Augustinerkonvent aus. Auf eine nahe Endzeit orientierte Chiliasten treten auf, darunter bald die Täufer. Ab Januar 1521 werden den Priestern die Pfründen genommen und diese werden in einem 'Gemeinen Kasten' für die Besoldung von Pfarrern und Lehrern gesammelt. Eine neue Kirchen- und Gottesdienstordnung wird eingeführt.
Im Sommer 1521 kommt es in Erfurt zu Aufruhr gegen die altgläubige Geistlichkeit.
Im Januar 1522 hängen die Augustinermönche in Wittenberg die Bilder in ihrer Kirche ab und der Rat der Stadt schließt sich an. Karlstadt schreibt 'Von Abtuhung der Bilder'. Luther betont, er wolle keine Gewalt.
1522 wird Hadrian IV. Papst, und nach seinem Tod 1523 der wenig an Reformen interessierte Medici-Papst Clemens VII.
1523 schreibt Luther 'Von weltlicher Obrigkeit', in der die weltlichen Fürsten kritisiert, aber zugleich eine weltliche Obrigkeit für notwendig erklärt wird. Die Welt kann nicht nur mit dem Evangelium regiert werden. Erst 1524 legt er die Augustiner-Kleidung ab.
1524 werden Magdeburg, Breslau und Memmingen protestantisch.
In vielen Städten verbreiten Prediger (Prädikanten) wie Osiander in Nürnberg reformatorische Gedanken, die von Leuten wie Dürer und Pirkheimer unterstützt werden. 1525 siegt hier die Reformation, wie auch im Deutschordensland.
Während Zwingli die Einsetzungsworte in der Messe nicht als Gleichsetzung, sondern als Bedeutung versteht, während Luther weiter die reale Anwesenheit Jesu in Brot und Wein vertritt. Ab 1525 nimmt dieser Abendmahls-Streit zu.
Berner Disputation 1528 unter Beteiligung vieler süddeutscher Städte. Bern nimmt die Reformation an, und in der Folge auch Basel, St.Gallen und Schaffhausen.
1527 verlassen die altgläubigen Priester Konstanz. In Straßburg predigen u.a. Bucer und Capito. 1529 dann schafft der Rat die Messe ab. Überwiegend orientieren sich dabei südwestdeutsche Städte an Zwingli, der ab 1525 darin in Gegensatz zu Luther tritt, dass er die Transsubstantiation beim Abendmahl ablehnt. Das Abendmahl wird zum reinen Gedächtnismahl. Die Bibel wird übersetzt und zum Leitfaden. Die Trennung von weltlicher und geistlicher Macht wird geringer als bei Luther.
Ein weiterer Gegensatz entsteht dadurch, dass Luthers Anhänger zwar die Messe nun deutsch durchführen, aber wesentliche Züge von ihr beibehalten, während sich bei den Zwinglianern ein um die Predigt zentrierter Gottesdienst durchsetzt. Schließlich wenden sich Lutheraner nur gegen Bilder der Heiligenverehrung, während die Radikaleren Bilder ganz entfernen möchten.
1529 setzt sich Zwingli im Marburger Gespräch ganz von Luther ab. Inzwischen schließen sich Bern und Basel der Züricher Reformation an.
Gemeinsam ist manchen Protestanten wie südwestdeutschen Reformierten ein Dogmatismus fast wie in der römischen Kirche. Gerade dadurch kommt es zur Sektenbildung von Abweichlern. Zurück in Wittenberg, berät Luther seinen Landesherrn beim Aufbau einer Landeskirche: Der Landesherr übernimmt die bischöflichen Funktionen in seiner territorial bestimmten Kirche, die Besitzungen der römischen Kirche werden verstaatlicht, die Pfarrer werden einem staatlichen Konsistorium unterstellt.
1523 verlässt der universitär gebildete Andreas Bodenstein (später: Karlstadt) das von Luther dominierte Wittenberg, in dem er seit 1517 zunächst dessen Anhänger ist. 1522 heiratet er und bricht damit das Zölibat. Luther ist er zu radikal, und als Bodenstedt in Orlamünde an der Saale Bilder aus den Kirchen entfernen lässt und Kindern die Taufe verweigert, dann sogar bis Jena ausstrahlt, gelingt es Luther mit seinem Landesherrn, ihn aus Sachsen zu vertreiben.
Von Norddeutschland ebenfalls vertrieben, gelangt er über Straßburg und Zürich schließlich nach Basel. Luther wendet sich gegen die von ihm so bezeichneten Schwärmer. Karlstadt wiederum wendet sich gegen Müntzer.
Nach Studium in Leipzig und Frankfurt/Oder wird Thomas Müntzer 1517-19 in Wittenberg von Luther beeinflusst. 1520 ist er eine Weile in Zwickau, mit seinen 7000 Einwohnern fast so groß wie Leipzig, als Prediger fest angestellt. 1521 wird er in Prag wohl von hussitischem Chiliasmus beeinflusst (Prager Manifest), muss es dann aber verlassen. Nach etwas Wanderleben versucht er 1523-24 als Pfarrer im kleinen kursächsischen Allstedt mit einer begeisterten kleinen Gemeinde von kaum 900 Einwohnern umzusetzen. Bis zu 2000 Menschen sollen seine Predigten besucht haben. Der Fürst weist ihn aus und er zieht nach Mühlhausen, wo er eine religiös begründete Stadtordnung beginnt.
Luther wendet sich auch gegen nun langsam aufkommende (Wieder)Täufer, die chiliastische Vorstellungen mit einem massiven und an Müntzer gemahnenden Anti-Klerikalismus verbinden, sowie er auch andere von ihm abweichende Reformversuche scharf verurteilt.
1523 entsteht die erste Täufer-Gemeinde in Zollikon bei Zürich. Es entwickelt sich die Frage, "ob die Kirche auf dem Prinzip der Freiwilligkeit beruhen und ein freiwilliger Zusammenschluss der Gläubigen sein sollte, oder aber eine durch obrigkeitliche Gewalt begründete Zwangskirche, bei der die Mitgliedschaft nicht aus bewusstem Glauben folgte." (Klueting, S.183) Im Züricher Land verbindet sich das mit der Ablehnung des Zehnten. 1526 setzt der Rat von Zürich die Todesstrafe für die Erwachsenentaufe fest.
In dieser Zeit überwirft sich Luther auch mit Erasmus von Rotterdam, der einen gewissen freien Willen des Menschen vertritt, gegen den sich Luther 1525 mit 'De servo arbitrio' (Vom geknechteten Willen) aggressiv wendet. Erasmus, skeptisch, was Lehr-Gewissheit betrifft, blickt bildungs-optimistisch eher hoffnungsfroh in Richtung einer Moderne, wo Luther eine Endzeit herauf dräuen sieht.
Reformation und Reich: 1521-40
Kaiser Karl V. das Reich verlässt, um sich neun Jahre lang um die inneren Verhältnisse in Spanien und dann um Krieg gegen die französische Krone zu kümmern Seitdem werden in Deutschland Religionsfragen nicht mehr von Rom entschieden, sondern auf (weltlichen) Reichstagen behandelt. Friedrich der Weise von Kursachsen mit seiner fortgeschrittenen Staatlichkeit wird immer deutlicher Schutzherr Luthers. 1523 wird weltliche Herrschaft dann von Luther aus der Sündhaftigkeit der Menschen begründet.
Schließlich lösen Landesherren die Bistümer auf und begründen territoriale Kirchenverbände, Kirchengut wird säkularisiert und Klöster werden aufgehoben. Ein staatliches Konsistorium kontrolliert die Pfarrer mit Visitationen.
Auf einem Reichstag zu Nürnberg 1523 erklärt Papst Hadrian VI.:
Wir wissen, dass es an diesem Heiligen Stuhl schon seit Jahren viele greuliche Missbräuche in geistlichen Dingen und Vergehen gegen die göttlichen Gebote gegeben hat, ja, dass eigentlich alles pervertiert worden ist. (in: Oberman(2), S.157)
Derweil werden im Juli 1523 zwei aus dem Kloster Eisleben nach Antwerpen versetzte Augustiner-Mönche wegen reformatorischer Lehre und fehlendem Widerruf verbrannt.
Der Reichstag zu Nürnberg im September 1524 samt den Ständen und Erzherzog Ferdinand ist grundsätzlich bereit, eine deutsche Kirche zu gründen. Von Burgos aus verbietet Karl V. ein Nationalkonzil. "Wäre es in Speyer 1524 tatsächlich zu einer deutschen Kirchenversammlung gekommen, so wäre aller Voraussicht nach die reformatorische Sprengkraft in ein Reformprogramm überführt und somit entschärft worden." (Oberman(2), S.38)
Inzwischen ist Karls Bruder Ferdinand praktisch und seit 1525 zur Gänze Statthalter im Reich. Der protestantisch beeinflusste Reichsritter Franz von Sickingen scheitert bei einer Fehde gegen den Trierer Kurfürsten.
Bauernproteste kulminieren 1524/25 in mehreren kriegerischen Aufständen, die brutal niedergeschlagen werden. Nachdem Müntzer auch in Mühlhausen ausgewiesen wird, verbindet er sich mit den gerade in Thüringen aufständischen Bauern, diese für seine Vereinigung christlicher und politischer Inhalte einnehmend.
Immerhin schreibt Luther 1225 zunächst:
Was hilfts, wenn der Acker eines Bauern soviel Gulden wie Halme und Körner trüge, die Obrigkeit aber desto mehr nimmt, ihren Luxus immer größer macht, und das Gut verschleudert mit Kleidern, Fressen, Saufen, Bauen und dergleichen, als wäre es Spreu. (in: Oberman(2), S.89)
Nach einer Begegnung Luthers mit Müntzer, den Luther als Erzteufel von Mühlhausen bezeichnet, verfasst ersterer eine brutale Kampfschrift gegen die aufständischen Bauern:
Drum soll hie zuschmeißen, würgen, und stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, denn ein aufrührerischer Mensch, gleich als wenn man einen tollen Hund totschlagen muß, schlägst du nicht, so schlägt er dich und ein ganzes Land mit dir.
Luther
Dabei begründen diese im ersten und dritten der 'Zwölf Artikel aller Bauernschaft' ihre Forderungen unter dem Einfluss der Reformation auch religiös und zu jedem Artikel werden Bibelstellen angegeben. Überhaupt finden Aufstände vor allem dort statt, wo protestantische Prediger schon vorher aktiv sind. Nach der Niederlage der 7000 schlecht ausgerüsteten Bauern in der Schlacht von Frankenhausen, bei der rund 6000 sterben, wird Müntzer mit 53 Anhängern hingerichtet. (siehe Großkapitel Land 6)
Luther hatte von Kindesbeinen an die Herr-Knecht-Vorstellungen seiner Zeit verinnerlicht, also die von Obrigkeit und Untertänigkeit, und er baut diese aus, seitdem er in seinem Sachsen mit dem Landesherrn zusammen arbeitet. Im nachherein wird er in einem 'Sendbrief von dem harten Büchlein wider die Bauern' schreiben:
War doch keyn regiment noch ordnunge mehr, Es stund alles offen und mussig, so war auch keyne furtcht noch schew mehr ym volck, Eyn iglicher thet schir, was er wollte, Niemand wollt nichts geben und doch prassen, sauffen, kleyden und mussig gehen, als weren sie allzumal herren. Der esel will schlege haben, und der pofel will mit gewalt regirt seyn, das wuste Gott wol, darumb gab er der oeberkeyt nicht eynen fuchsschwantz, sondern eyn schwerd ynn die hand. (Weimarer Ausgabe, 18, S,394)
Der Weg in den lutherischen Obrigkeitsstaat wird bereitet und von den entsprechenden Fürsten und Städten begangen werden. Nur so wird zumindest die lutherische Reformation überleben können.
Im Juni 1525 heiratet Luther die Nonne Katharina von Bora, was ihm erst einmal auch Kritik einbringt. Sexualität gilt ihm als gottgegeben. Schon 1522 hatte er in 'Wider den falsch genannten geistlichen Stand' geschrieben:
Eine junge Frau, falls ihr nicht die hohe und seltene Gnade der Jungfräulichkeit zuteil geworden ist, kann einen Mann so wenig entbehren als essen, trinken, schlafen und sonstige natürliche Bedürfnisse. Und wiederum: Auch ein Mann kann eine Frau nicht entbehren. Die Ursache liegt darin: Kinder zu zeugen ist der Natur genauso tief eingepflanzt wie Essen und Trinken. Darum hat Gott dem Leib die Glieder, die Adern, den Samenerguss und alles, was dazu gehört, gegeben und eingesetzt. (in: Oberman(2), S.290)
Als weniger klug soll die Frau aber keinen Zugang zur politischen Welt und Kirchenämtern bekommen. Andere protestantische Prediger sind bereits verheiratet. Luther wird nun des ungeachtet im katholischen Sinne ganz zum Laien. Die Reformation löst sich stärker von seiner Person.
1525 führt der Deutsche Orden in Preußen die Reformation ein. Kurz darauf beginnt unter dem neuen sächsischen Kurfürsten Johann offensivere Förderung einer lutherischen Landeskirche.
1526 kommt es auf einem Reichstag zu Speyer zu einer Art Formelkompromiss über das Konfessions-Thema. Man fordert wieder einmal ein (Reform)Konzil, aber seit der Liga von Cognac befinden sich Kaiser und Papst im offenen Krieg und bei Mohacs fällt der böhmische König. In ihren Gravamina wenden sich die Städte gegen die Bettelmönche. "Die Geistlichen seien häufig völlig unqualifiziert und vergnügten sich mit Huren. Deswegen sollten sie heiraten können. In weltlichen Streitereien sollten die Geistlichen auch vor weltliche Gerichte gezogen werden können. Außerdem gebe es zu viele Feiertage, dies beeinträchtige die Stadtbevölkerung in ihrer Arbeit." (Schnabel-Schüle, S.157)
Inzwischen siegt die Reformation in immer mehr Städten zwischen Bremen und Konstanz.
1525 verwandelt der sächsische Johann ("der Beständige") die kostbare Reliquiensammlung seines Vorgängers in klingende Münze. In den nächsten Jahren setzen Visitatoren überall in Sachsen die Reformation durch, was auch eine Umerziehung der Priester bedeutet sowie die Neuordnung der kirchlichen Besitzungen und Einkünfte. Luther schreibt für diese Reformation von oben einen Katechismus.und gibt ein Gesangbuch heraus.
Ein Nebenprodukt ist das folgende: "Zwischen 1526 und 1531 wurden Kirchenschätze, Ornamentalien, Monstranzen und anderes liturgisches Gerät im Gegenwert von knapp 75 000 Rheinischen Gulden (...) konfisziert und und zurück in den sächsischen Wirtschaftskreislauf geschleust." (Rössner in: Bünz, S.189)
Landgraf Philipp von Hessen betreibt ab 1524/26 eine ähnliche, in einzelnen Punkten unterschiedliche vom Fürsten geleitete Reformation mit stark gemeinde-autonomen Elementen, was Luther kritisiert. Er verstärkt sie 1527 durch die Gründung einer Universität in Marburg aus dem Vermögen säkularisierter Klöster. Daneben errichtet er Schulen und Spitäler. Später wird er bei etwas weniger hartem Umgang mit den Täufern als Luther versuchen, diese mit der Konfirmation an sich zu binden.
Papst Hadrian VI (1523-24) erlaubt den bayrischen Landesherren, bei bischöflicher Nachlässigkeit die Strafgerichtsbarkeit über Geistliche auszuüben. In Landau beschließen die Mainzer Suffraganbischöfe Reformen, die aber nicht umgesetzt werden.
1529 versucht Ferdinand, nun auch ungarischer König, auf einem Reichstag zu Speyer die Unterstützung der Stände für den Krieg gegen die Osmanen zu erhalten, die 1526 bei Mohacs ein ungarisches Heer vernichtend geschlagen hatten und nun Wien belagern. Eine Mehrheit des Reichstages folgt ihm bei der Änderung des Speyrer Beschlusses von 1526 und der Einhaltung des Wormser Edikts. Die Fürsten von Sachsen, Hessen, Brandenburg-Ansbach, Braunschweig-Lüneburg und vierzehn süddeutsche Reichsstädte wenden sich in einer Protestation dagegen, die den "Protestanten" ihren Namen gibt. Wieder wird ein Konzil beschlossen und nun auch die Bekämpfung der Wiedertäufer.
Bei den deutschen Fürsten ist es oft nicht ausgesprochene Frömmigkeit, welche die konfessionelle Entscheidung ausmacht, sondern eher klares Machtkalkül. Der Kaiser selbst ist, praktizierend katholisch bleibend, nicht sonderlich an religiösen Einzelfragen interessiert und betrachtet die Protestanten vor allem als bedrohlich für den Zusammenhalt seines Riesenreiches.
Für die Reformation in den süddeutschen Reichsstädten "spielten alte Gegensätze zum geistlichen Stadtherrn, der Kampf um die Einheitlichkeit der Stadtgemeinde gegen den exemten Staat der Kleriker, bereits vollzogene Schritte zur Befriedigung eines erneuerten Frömmigkeitsbedürfnisses eine beträchtliche Rolle." (V.Press in: Postel/Koptzsch, S.254)
Viele Schweizer Städte schließen sich den Zwinglischen Positionen an, während die Waldstätten und Luzern katholisch bleiben. Der hessische Landgraf versucht, zwischen Zwingli und Luther zu vermitteln, was zum Marburger Religionsgespräch führt, auf dem der Dissens sich ganz auf die Auffassung vom Abendmahl konzentriert. Für Luther ist Christus beim Verzehr von Brot und Wein anwesend, während das für Zwingli symbolisch wird.
In der entstehenden Schweiz kommt es 1529/31 zum religiös begründeten Bürgerkrieg, in dem die Reformierten im zweiten auf Drängen Zwinglis bei Kappel unterliegen. Zwingli stirbt. Am Ende bleibt aber den Orten die religiöse Selbständigkeit und es kommt zu immer mehr schweizerischer Selbständigkeit auch in dieser Sache.
Philipp von Hessen bereitet nach Speyer ein Bündnis der evangelischen Stände vor. Melanchthon hofft immer noch auf Verständigung mit den Altgläubigen.
Nach der osmanischen Belagerung Wiens kehrt Karl V. zum Augsburger Reichstag 1530 ins Reich zurück. Es geht u.a um eine erste Reichs-Polizeiordnung, die Wirtschafts-Monopole und die Türkenhilfe.
Einige Fürsten und Städte legen eine wesentlich von Melanchthon verfasste 'Confessio Augustana' vor, Zwingi übergibt seine 'Fidei ratio', Die südwestdeutschen Zwinglianer wiederum stellen mit der 'Tetrapolitana' einen eigenen Text vor. Der Protestantismus ist von nun an ganz gespalten. Die katholische Seite stellt dagegen einen vom Kaiser übernommenen Gegentext, die 'Confutatio '.
Im Reichsabschied kommen protestantische Vorstellungen nicht mehr vor. Von nun an geht es weniger um religiöse als um Machtfragen. "Gestritten wurde fortan über die Kirchenverfassung. Das aber war eine politische FRage." (Schnabel-Schüle, S.179)
1531 formiert sich der Schmalkaldische Bund, in dem nun unter Vermittlung Martin Bucers und mit neuen Formelkompromissen eine deutlich sichtbare gesamt-protestantische Partei im Reich entsteht, an der nur die Schweizer nicht teilnehmen. Eine führende Rolle übernimmt der Landgraf von Hessen und Kursachsen.
1531 wird Ferdinand zum römischen König gewählt, wobei die Stimmen mit etwa einer Million Gulden der Fugger erkauft wird.. Während ein bewaffneter Konflikt zunächst hinausgeschoben wird, verbreitet sich die Reformation im Reich. Es erweist sich aber immer deutlicher, dass die "Evangelischen" ebenso unduldsam sind wie die "Katholischen" schon immer.
In der Abwesenheit des Kaisers geht es in der Folge um die Reichsfinanzen, Wirtschaftspolitik und eine große Strafrechtsreform.
Mai 1532 sagt der französische König den Schmalkaldenern finanzielle Hilfe zu. Im Juli 1532 wird der Landfrieden im Nürnberger Anstand auf die evangelischen Landstände ausgedehnt. Damit kann Ferdinand ein Heer von 80 000 Mann gegen die Osmanen aufstellen. Außerdem wird die Consitutio Criminalis Carolina beschlossen.
Papst Paul III. (Farnese) 1534-49. Er hat vier Kinder, versorgt drei Enkel mit hohen Kirchenämtern.
1534 Ende des Schwäbischen Bundes. Landgraf Philipp von Hessen erobert mit Truppen des Schmalkaldischen Bundes das Herzogtum. Der Landgraf von Hessen unterstützt die vom Herzog von Württemberg dort durchgesetzte moderate Variante der Reformation. 1536 tritt Herzog Ulrich dem Schmalkaldischen Bund bei, der neben Pommern nun auch viele Städte beitreten, dazu 1538 Christian von Dänemark.
Das Täufertum breitet sich nach 1525 über Straßburg bis nach Mähren aus. In den Schleitheimer Artikeln von 1527 findet sich eine Brüderliche Vereinigung zusammen.
Beschlossen wird "die Erwachsenentaufe der Glaubenden, die Eidesverweigerung, die Ablehnung des Wehrdienstes und der Annahme von Beamtenstellen, das Verständnis der christlichen Gemeinde als Gemeinschaft der wahrhaft Glaubenden, die freie Wahl der Prediger, das Abendmahl als Ausdruck der christlichen Gemeinschaft und die Absonderung von der >Welt<". (Klueting, S. 185)
Melchior Hoffmann kann aus Straßburg nach Emden in Ostfriesland fliehen, von wo aus er erheblichen Einfluss auf die Niederlande ausübt. Ab 1533 wird er in Straßburg lebenslang eingekerkert.
1533 wird der Tiroler Jakob Huter Anführer der mährischen Täufer, die mit Güter- und Wohn-Gemeinschaft auf Brüderhöfen leben und arbeiten. Sie werden nach Vertreibung in der Rekatholisierung über die Ukraine gegen Ende des 19. Jahrhunderts als Hutterer in die USA auswandern.
Täufer mit ihrer Ablehnung der Kindertaufe wandern von den Niederlanden nach Münster ein, wo sich die Pfarrgemeinden der Reformation angeschlossen hatten. Darunter sind der Bäckermeister Jan Matthys und der Schneider Jan van Leyden. Es soll keine Trennung mehr zwischen weltlicher und geistlicher Macht geben und auch kein spezielles Priestertum. Als dort 1534 von einer neuen Ratsmehrheit ein sich radikalisierendes städtisches Täuferreich mit Endzeiterwartungen errichtet wird, wird es von Philipp von Hessen und dem Bischof lange belagert. In dieser Zeit wird die Ratsverfassung durch eine Ordnung der zwölf Ältesten unter Jan Matthys ersetzt. Nach seinem Tod gibt es eine eschatologische Königsherrschaft von Jan van Leyden, welche Gütergemeinschaft und Polygamie einzurichten beginnt. Über Massenhysterie beginnt eine Terrorherrschaft. Sie wird im Juni 1535 blutig beendet.
Nach weiterer Verfolgung halten sich Täufer in den entstehenden Niederlanden und zunächst in Ostfriesland. Hier tritt Menno Simons 1536 zum Täufertum über, nach dem sich eine größere Gruppe Mennoniten nennt. Sie verbreiten sich über die Niederlande, Ostfriedland und bis nach dem heutigen Schleswig-Holstein, dann nach Preußen, in die Pfalz und nach Hessen. Sie verlangen Gemeinde-Autonomie und verweigern den Waffendienst. Die Verfolgung in den nächsten Jahrhunderten lässt dann viele nach Nordamerika auswandern, wo sie bislang immer noch geduldet werden.
Mit der Wittenberger Konkordie von 1536 werden die süddeutschen Städte in einen gemeinsamen deutschen, eher lutherischen Protestantismus integriert, während die Schweizer noch stärker abseits stehen.
Ab 1539 führt der ernestinische Herzog von Sachsen in seinem Herrschaftsbereich die Reformation ein und in dieser Zeit setzt sie sich auch im Kurfürstentum Brandenburg unter Rücksichtnahme auf viele katholische Formen durch.
1539 empfiehlt Luther Philipp von Hessen Heimlichkeit beim Eingehen einer Parallelehe zu der mit Christina, die das akzeptiert und ihm dennoch noch drei weitere Kinder gebiert.
Inzwischen wird auch im gemeinsam regierten Dänemark und Norwegen Reformation durchgeführt, und 1538 tritt Dänemark dem Schmalkaldischen Bund bei. Schweden führt nach der Lösung von Dänemark/Norwegen einzelne Reformen ein, die erst bis 1571/93 das komplette lutherische Modell übernehmen.
In Italien mit dem zentral gelegenen Kirchenstaat bleiben reformatorische Ideen auf einzelne Gebildete beschränkt, darunter der Seneser Patrizier Sozzini.
In Frankreich bilden sich um den Bischof von Meaux, unterstützt durch Marguerite d'Alencon, die Schwester von Francois I., reformerische Gesprächskreise eines zwischen Gallikanismus und biblischem Humanismus. Der König unterstützt humanistische Reformgedanken, unterdrückt aber massiv evangelische Gedanken unterhalb davon. 1523 übersetzt Louis de Berquin einen Luthertext, landet dafür im Gefängnis und wird 1529 verbrannt.
England
Mit Henry VIII. herrscht seit 1509 ein machtbewusster, humanistisch und theologisch belesener König, der sehr viel persönliche Macht mit privy council, star chamber und dem Court of Chancery verbindet. Er tritt in offene Gegnerschaft zu Luther und wird dafür vom Papst gelobt. Unter den Untertanen existiert schon lange eine antipapistische bis hin zu antiklerikale Stimmung, die sich unter der Machtfülle von Lordkanzler Wolsey verstärkt. Von Oxford und Cambridge aus verbreiten sich Gedanken der Reformation aus deutschen Landen und werden in einzelnen Fällen getötet.
1529 wird Wolsey gestürzt und ein Reformation Parliament einberufen, welches 1529-36 tagt. Thomas Cranmer, von Gedanken der kontinentalen Reformation beeinflusst, ist seit 1530 Erzbischof von Canterbury und wird einer der wichtigsten Berater des Königs neben Thomas Cromwell. Nachdem der Papst sich als Verbündeter Karls V. weigert, die Erlaubnis für die Scheidung der sohnlosen Ehe mit Katherina von Aragon zu geben und damit den Weg für die Heirat mit Anne Boleyn nicht frei gibt, unterstützt insbesondere das eher antiklerikal eingestellte Unterhaus die Veränderungen, welche nach und nach die englische Kirche umformen.
Mit Cromwell unterstellt Henry 1533 im 'Act of Appeals' die nunmehr "anglikanische" Kirche unter den König. Der von Luther beeinflusste humanistische Gelehrte Cranmer annulliert nun die Ehe des Königs, was die heimliche mit Anne Boleyn legalisiert. 1534 macht das Parlament unter Anleitung durch Cromwell im 'Act of Supremacy' folgerichtig Henry VIII. zum Oberhaupt einer Anglikanischen Kirche, wofür es im Parlament ohnehin schon entsprechende Neigungen gab.
Es geht zunächst um sexuelles Begehren und dynastische Interessen (Nachfolge), vor allem aber um mit Brutalität vorangetriebene königliche Machtpolitik, denen bald Anne und mehrere Kanzler zum Opfer fallen. Die königlich geleitete Kirche bleibt in vielen Punkten dem Katholischen verhaftet, aber der König nutzt seine Macht, um ab 1535 die Klöster aufzulösen, ihren Besitz an sich zu nehmen und dann zum Teil an seine Getreuen zu verteilen. Es folgt 1536/37 der nordenglische Aufstand der Pilgrimage of Grace, welcher niedergeschlagen werden kann.
1540 wird in Smithfield der Augustinermönch Robert Barnes auf Befehl des Königs verbrannt.
1547 übernimmt der Duke of Somerset die Regentschaft für den minderjährigen Nachfolger Edward. Cranmer wird nun bei reformatorischen Maßnahmen unterstützt, die sich immer mehr an Calvin orientieren und 1552 im 'Book of Common Prayer' niederschlagen, einem John Knox aber nicht weit genug gehen.
Calvins Reformation
Bullinger wird Nachfolger Zwinglis in Zürich. In den folgenden Jahren wird die eher französisch-sprachige Westschweiz reformiert, 1535 auch Genf unter dem Einfluss von dem aus der Dauphiné stammenden Guillaume Farel.
Der in der Picardie geborene Jean Calvin (1509-64) lernt am Collège de Montaigu in Paris und kennt bald "seinen Cicero, Vergil, Tacitus und Quintilian auswendig". (Oberman, S.175) Er studiert dann Rechtswissenschaften, findet zur Theologie und wird ab 1531 Anhänger des Reformkreises von Meaux, dem auch Marguerite von Navarra nahesteht. Nach der Placard-Affäre, bei der an das Schlafgemach von Francois I. die Verteidigung der evangelischen Abendmahlslehre angeschlagen wird, was den königlichen Zorn hervor ruft, muss er 1534 nach Basel flüchten, wo er die 'Institutio Christianae Religionis' schreibt.
1536 gelangt er nach Genf, wo die Kirche bereits reformiert wird, während die Bevölkerung den Anschluss an die Eidgenossenschaft sucht.
Aufgrund seiner Vorstellung von der göttlichen providentia entwickelt er im Anschluss an Paulus seine Lehre von dem Auserwähltsein von Menschen für die Erlösung, die sich dann als Prädestination niederschlägt. Aufgrund seiner humanistischen Grundlagen setzt Calvin einer verdorbenen Menschenwelt einen religiös begründeten Moralismus entgegen, aus dem heraus Menschen-Verbesserung betrieben werden soll.
1537 legt er seine 'Articles' vor, die Genf in eine heilige Stadt verwandeln sollen, in der Wohlfahrt und moralische Zucht in kirchlichen Händen sein sollen. Jeden Sonntag soll das Abendmahl im Zwinglischen Sinne stattfinden, alle Kinder sollen in einem reformierten Katechismus unterrichtet und eine Ehegerichtsbarkeit eingeführt werden. Eine strenge, bürgerlich geprägte Sittlichkeit soll in die Häuser einziehen und entsprechend geradezu von Spitzeln kontrolliert werden; Abweichler sollen bald vom Abendmahl ausgeschlossen werden. Hunderte und bald tausende Flüchtlinge aus Frankreich strömen nach Genf.
Der Rat wendet sich gegen Calvin mit seiner Mehrheit, die besorgt ist, er wolle seine eigene quasi Bischofs-Herrschaft einrichten, und dem Rat Kompetenzen entziehen, um sie dem Konsistorium zuzuschieben. Schließlich ist er auch ein Fremder in der Stadt.Calvin und seine unmittelbaren Gefolgsleute müssen 1538 gehen, wobei es Calvin nach Straßburg zu Bucer verschlägt. Bucer tendiert bereits zur Prädestination, weil nur sie erklärt, warum ein Teil der Menschen in seinem Sinne fromm werden und die anderen nicht. Die französischen Flüchtlinge beginnen, mit dieser ihr Leiden und oft auch Standhalten zu erklären. (Oberman) Calvin ist Pastor der Kirche der französischen Flüchtlinge.
Neue Orden
Im Sinne intensivierter Frömmigkeit entstehen angesichts der Reformation neue Orden im Rahmen der katholischen Kirche. Als erstes gründen Pietro Carafa (später Papst Paul IV.) und Kajetan 1524 die Theatiner, die zunächst in Italien gegen die Reformation antreten. Nach 1662 gewinnen sie auch in Bayern Einfluss.
1528 erkennt Papst Clemens VII. die Kapuziner an, die ebenfalls zunächst in Italien an Einfluss gewinnen. 1544 gründet Angela Merici die Ursulinen, die Armut, Keuschheit und Gehorsam geloben, aber nicht in Klöstern leben. Von ihnen wird vor allem katholische Glaubensunterweisung gegen die Vorstellungen der Reformatoren betrieben.
Besonders mächtig und einflussreich wird nach 1540 die schon zuvor von Ignatius von Loyola gegründete Societas Jesu, die Jesuiten. Ohne stabilitas loci und ohne Ordensgewand, aber von einem extremen internen Gehorsamsideal durchdrungen, werden sie einmal eine scharfe Waffe der Päpste gegen die Reformationen und zum anderen Vorreiter der Missionierung der Menschen der neuen Kolonien. Dabei sind sie belesen und beeinflussen Schulen und Universitäten. Strenge Aufnahme-Kriterien und extrem autoritäre Verfassung, unbedingter Gehorsam gegenüber dem Papst. Seit 1546 (Gandia) Jesuiten-Universitäten und dann auch jesuitische Fakultäten an Universitäten.
Reformation und Reich: 1540-55
Der katholischen Unduldsamkeit steht die der Reformierten und Lutheraner nicht nach. Ende der 30er Jahre schreibt Luther eher feindselige Texte gegen die Juden, während in Sachsen den Juden der Aufenthalt verboten wird. Hessen folgt dann in etwas gemäßigterer Form.
Mit dem Aufschub einer militärischen Auseinandersetzung durch mehrere "Anstände" kommt es zu am Ende fruchtlosen Religionsgesprächen im Reich. Der mit Luthers heimlicher Unterstützung seit 1540 offene Bigamie mit Margarethe von der Saale begehende Landgraf Philipp von Hessen nähert sich dem Kaiser an, der sie stillschweigend duldet, um den Landgrafen so in seiner Hand zu haben..
Nach dem Tod des geldrischen Herzogs Karl von Egmont sprechen sich die geldrischen Stände für den Herzog von Kleve-Jülich-Berg-Mark aus. Dieser tendiert zur protestantischen Seite, was die spanischen Niederlande bedrohen könnte. Bis 1543 gelingt es Karl V., unter Stillhalten des Schmalkaldischen Bundes das Herzogtum Geldern an sich zu reißen. Herzog Wilhelm ("der Reiche") muss, wo nötig, sein Herzogtum rekatholisieren, aber in der Folge wird dort kein landesherrliches Kirchenregiment ausgeübt.
Als der Kölner Erzbischof Hermann von Wied sich für eine Reformation entscheidet, wird er auf Betreiben des Papstes und des Kaisers 1546 exkommuniziert und nach dem Schmalkaldischen Krieg vertrieben.1543 versucht der Bischof von Münster, Minden und Osnabrück in Teilen seines Machtbereiches Protestantismus samt Säkularisierung durchzusetzen, um ein Erbfürstentum zu schaffen, scheitert aber und behält es Katholik dann weiter seine Bistümer.
Auf der anderen Seite vertreibt der Schmalkaldische Bund den katholischen Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel im Konflikt um Goslar und Braunschweig und man führt dort 1542 die Reformation durch.
Um 1545 schreibt Luther in 'Von den Juden und ihren Lügen':
Erstlich, das man ire Synagoga oder Schule mit feur anstecke (...) Zum andern, das man auch ire Heuser des gleichen zebreche und zerstöre. Zum dritten, das man inen neme alle ire Betbüchlin und Thalmudisten (... usw.) Zum siebten, das man den junegn starcken Jüden und Jüdin in die Hand gebe flegel, axt, karst, spaten, rocken und spindel, und lasse sie ir brot verdienen im schweis der nasen. (in: Oberman(2), S.306)
Auf einem Reichstag zu Speyer 1544 wird den Protestanten der eingezogene Kirchenbesitz zugesichert. Nachdem der Kaiser dann durch Frieden mit Frankreich und den Osmanen den Rücken frei hat, geht er zum Angriff auf die Protestanten über. 1546 stirbt Luther.
Nach Philipp von Hessens Wankelpolitik tritt 1546 auch der lutherische Moritz von Sachsen wegen seines Konfliktes mit dem ernestinischen Kurfürstentum Sachsen der kaiserlichen Partei bei. Ihm wird die Kurwürde versprochen. Die habsburgischen Erblande, Bayern und das protestantische Sachsen von Herzog Moritz betreiben Kriegsvorbereitungen. Juli 1546 Reichsacht über Kursachsen und Hessen. Moritz fällt in Kursachsen ein und erhält im Juni 1547 die sächsische Kurwürde samt Wittenberg plus Umgebung. Im Schmalkaldischen Krieg unterliegen die Bundesgenossen 1547 bei Mühlberg, die hessischen und kursächsischen Fürsten werden gefangen genommen. Magdeburg kann dann nicht eingenommen werden.
Im vom Kaiser durchgesetzten Interim des "geharnischten" Reichstags von Augsburg 1548 werden überwiegend katholische Positionen für das Reich verbindlich gemacht und vor allem in Süddeutschland (Württemberg) auch durchgesetzt. Protestanten werden aus Städten vertrieben und zu Flüchtlingen.
Es kommt zu Konflikten zwischen verschieden "strengen" lutherischen Richtungen, insbesondere mit den Melanchthon-Anhängern, die erst 1580 ansatzweise beigelegt werden.In Trient werden protestantische Abgesandte abgewiesen.
Januar 1552 Vertrag von Chambord. Die Reichsfürsten bekommen Subsidien gegen den Kaiser und der französische König erhält dafür Metz, Toul, Verdun und Cambrai. Er ist wieder einmal mit den Osmanen verbündet. Im sogenannten Fürstenkrieg von 1552 bleibt eine von Moritz von Sachsen angeführte Koalition mit Mecklenburg, Pommern und Brandenburg-Ansbach erfolgreich. Schließlich werden die hessischen und ehedem kursächsischen Fürsten freigelassen.
Vergebliche Belagerung von Metz, danach überlässt Karl V. die deutschen Lande ganz Ferdinand. Dieser setzt in entscheidendem Maße 1555 mit den Reichsständen den Augsburger Religionsfrieden durch. Wesentliches Element wird, dass die Landesfürsten über die Religion ihrer Untertanen entscheiden. Geistliche Fürsten, die sich der Reformation zuwenden, verlieren allerdings ihre Ämter, was sich in Brandenburg nicht wird durchsetzen lassen. In Reichsstädten, wo sie seit 1548 vorhanden sind, sollen beide Konfessionen zugelassen werden, was nur gelegentlich gelingt. Den Reichsrittern wird die freie Konfessionswahl zugestanden. Wem die entsprechende Konfession seines Landes nicht behagt, und wer einer weiteren angehört, der darf bzw. muss mit seinem Eigentum auswandern.
Der Friede ist seiner Natur nach wesentlich (macht)politisch und wird ohne Einfluss des Papsttums erreicht. Weil Karl V. ihn ablehnt, gilt er nicht für den burgundischen Reichskreis, insbesondere nicht für die Niederlande.
Mit dem Religionsfrieden tendieren die Lutheraner nun zu einem vertrauensvollen sich Einlassen auf die lutherische Obrigkeit. Andererseits nehmen nach Luthers Tod die Konflikte zwischen orthodoxen Lutheranern und Melanchthon-Anhängern zu, die 1557 im Kolloquium von Worms kulminieren.
Calvin in Genf
1541 wird Calvin nach Genf zurückgeholt, wo seine Prädestinationslehre an Bedeutung zunimmt. Er setzt nun sein "Kirchenzucht"-Konzept mit den Ordonnances ecclesiastiques um. Die neue Kirche besteht aus Pastoren, die predigen und Sakramente vergeben, Doktoren, die in Schulen unterrichten, Diakone für die Sozialfürsorge und die aus den Räten entnommenen Ältesten, die die Kirchenzucht durchsetzen sollen. Pastoren und Doktoren sollen vom Rat ernannt werden, Presbyter sollen Mitglieder des Rates sein.
Tanzveranstaltungen werden verboten und zeitweilig Gaststätten geschlossen.
Gemeinsam sind den Reformierten zunächst eher schmucklose Kirchenräume.
Inhaltlich sucht Calvin den Kompromiss mit den Zwinglianern, was die "Reformierten" von den "Lutheranern" trennt und etwas zu einer eigenen "Konfession" insbesondere der Schweizer macht. 1549 übernimmt Calvin Zwinglis Abendmahlslehre
Zum Kern seiner Lehre gehört die von der Prädestination. Es wurzelt die Beharrlichkeit der Gläubigen in Gottes Gnade und in seiner ewigen Erwählung, nicht in ihrer eigenen Kraft. (in: Oberman, S.221) Dazu gehört auch jener biblische Dogmatismus, den er etwa zur selben Zeit formuliert, dass wir nämlich der Schrift dieselbe Verehrung wie Gott schulden, denn sie hat ihren Ursprung allein in ihm, und keinerlei menschliche Urheberschaft ist darin zu finden. (in: Oberman, S.230)
1550 schreibt Calvin in einem weiteren Timoteus-Kommentar:
Wenn man nicht so schnell wie möglich etwas dagegen unternimmt, wird das Krebsgeschwür auf die angrenzenden Glieder übergreifen. Sobald man falsche Lehren zulässt, verbreiten sie sich, bis sie die Kirche vollkommen zerstören. Da die Ansteckung so zerstörerisch ist, müssen wir frühzeitig angreifen und dürfen nicht warten, bis sie an Kraft gewonnen hat, denn dann wird keine Zeit mehr sein zu helfen. (in: Oberman, S.214)
Es kommt zu Hexenprozessen. 1551 wird Jérôme-Hermès Bolsecs von Calvin aus Genf vertrieben, weil er die Prädestinationslehre angegriffen hat.
Sebastian Castiello verteidigt ebenfalls mutig den auch von der Inquisition verfolgten anti-trinitarischen Ketzer Miguel Servet, der vor seiner Hinrichtung aus Vienne nach Genf geflüchtet ist, aber Calvin befürwortet 1553 seine Hinrichtung. Danach verstärkt sich eine Diskussion über religiöse Toleranz.
1549 schließt sich erst Zürich dem Calvinismus an, dann folgen die übrigen protestantischen Kantone. 1548 kommt als Religions-Flüchtling Theodor Beza nach Genf, der dann stark nach Frankreich hinein wirken wird. Später kommen Schotten und Niederländer.
Calvins Vorstellungen verbreiten sich über Frankreich, die Niederlande, England und Schottland.
Hugenotten in Frankreich
Nach 1520 Lutheraner in Frankreich neben der Gruppe von Meaux. Farel und Faber Stapulensis gehen nach Straßburg. Bis 1534 werden zwölf Protestanten verbrannt.Danach fördert Francois I. solche Verbrennungen. Nach 1544 steigert sich die Verfolgung und weitet sich auf die Waldenser aus.
Unter König Henri II. von 1547-59 verschärft sich die Verfolgung von der Reformation nahestehenden Kreisen noch einmal erheblich: chambres ardentes. Dabei geraten sie immer mehr unter den Einfluss der Genfer/Schweizer Reformation, weswegen sie vielleicht seit 1560 Hugenotten (Eidgenossen) genannt werden. Sie machen insgesamt wohl gut 10% der französischen Bevölkerung aus und sind hauptsächlich im Poitou und dem ehemaligen Okzitanien vertreten.
1552 verbündet Henri sich mit den gegen Karls Religionspolitik aufbegehrenden protestantischen Reichsfürsten, die ihm für Geldzahlungen widerrechtlich die Bistümer Metz, Toul und Verdun überlassen, wo er formal als Vikar fungieren soll.
1559 wird der hugenottische Jurist Anne du Bourg nach einer Rede im Parlement von Paris verhaftet und nach kurzem Prozess verbrannt.
Erst 1559 nimmt Calvin das Genfer Bürgerrecht an. Bis dahin war er emigrierter Franzose. Die Genfer Akademie entsteht, die nach Frankreich ausstrahlen soll. Dort kommt es 1559 zu einer ersten reformierten Nationalsynode. Teile des Hochadels wie Bourbon, Condé und Coligny werden Hugenotten, während die Guise einen radikalen Katholizismus vertreten.
Unter der Regentschaft Katharina von Medicis wird ihnen 1562 im Edikt von St.Germain wenigstens die Feier von Gottesdiensten außerhalb der Städte erlaubt. Doch mündet das alles in mehrere "Hugenottenkriege", in denen Henri von Navarra ihr Anführer wird. Sie werden von schweren Gewalttaten begleitet. 1572 Bartholomäusnacht. Um 1589 selbst König als Henri IV. zu werden, muss er Katholik werden, duldet aber seine hugenottischen Untertanen, was 1598 im Edikt von Nantes gipfelt.
Konzil von Trient (1544-63)
Die den Konziliarismus ablehnenden Päpste warten nach dem Edikt von Worms zwanzig Jahre mit der Eröffnung eines Konzils.
Um 1536 setzt langsam von Rom aus massiverer Kampf gegen die Reformation ein, die vor allem auch von den Jesuiten geführt wird. 1542 Gründung des Heiligen Officium der Inquisition.
Nachdem die Reformationen Fakten geschaffen haben, werden unter der dominanten Führung der päpstlichen Legaten in Trient 1545-57/1551-52 und 1562-63 die Grundgedanken der katholischen Glaubenslehre zementiert, die Autorität der Bibel in den beiden Originalsprachen, die sieben Sakramente, die Bedeutung guter Werke und die absolute Autorität des Papstes. Ein Index verbotener Bücher wird 1559 eingeführt, dem auch Erasmus von Rotterdam zum Opfer fällt. Bischöfe sollen stärker auf ihr geistliches Amt konzentriert werden und die Priesterausbildung soll verbessert werden. Residenzpflicht und Zölibat werden bekräftigt.
Die katholische Maria
1553 stirbt König Edward und die katholisch gebliebene Tochter von Katerina von Aragón wird für fünf Jahre Königin. Sie betreibt mit harter Hand eine Re-Katholisierung Englands und lässt zum Beispiel Cranmer auf dem Scheiterhaufen verbrennen.
Mit ihrer Nachfolgerin Elizabeth I., Tochter Anne Boleyns kehrt dann ab 1558 die Reformation zurück.
Schlichtheit und Pracht der Konfessionen
1549 beschwert sich der Kölner Erzbischof, dass Komödianten "Vorstellungen auch auch in den Kirchen und Nonnenklöstern geben, wo sie den Mädchen durch profane, verliebte und weltliche Gesten Lust bereiten. (in: Heers(2), S.78)
Unglauben und Ketzertum
Ketzer welcher Art auch immer werden im 16. Jahrhundert weiter der Todesstrafe zugeführt, zwischen 1557 und 1562 sind das in Lille z.B. zehn Fälle. Wer sich verächtlich gegenüber der "Jungfrau Maria" äußert, kann auf der Galeere landen, wer Christliches verspottet, kann ausgepeitscht werden. (Muchembled, S.154f)
Ein Großpächter aus der Gegend von Lille wird 1565 angeklagt,
verdammte Bücher in seinem Haus gehabt zu haben, überdies abschätzige Äußerungen über die Heiligenverehrung getan zu haben sowie skandalöse Äußerungen gegen die Justiz und sich durch besagte den Ketzern gewogen zu zeigen.
Neben einer heftigen Geldstrafe muss er sich unter die Aufsicht des Pfarrers stellen, "der ihm alle drei Monate eine Bescheinigung seines Wohlverhaltens ausstellt, die dem Gericht vorzulegen ist." (alles in: Muchembled, S.165)
Ein Dorfbewohner aus der Nähe von Roubaix "erlebt 1654 die Überführung der Reliquien des heiligen Vitalis mit und sagt laut: Was für eine Schande, derart große Ausgaben zu machen! Ob man nicht auch im Schlachthaus einen Knochen gefunden hätte?" (Muchembled, S.167)
Kirchen 1555-1618
Papst Paul IV. (Pietro Carafa, 1555-59) ist erster großer Papst der Gegenreformation, verschärft die Inquisition und die Bücherverbote.
Ein Kuriosum bleibt bis um 1700, dass Papst Gregor XIII. 1582 den nach ihm benannten Gregorianischen Kalender mit seiner Differenz von zehn Tagen einführt, während in evangelischen Gebieten der Julianische Kalender weiter gilt.
Französische Bürgerkriege: 1562-94
Machtkämpfe von Adelsfraktionen verbinden sich mit konfessionellen Positionierungen. In den ersten beiden Kriegen scheitern die Protestanten. Nach dem dritten Krieg, indem der Prinz Condé stirbt, kommt es 1570 zum Frieden von Saint-Germain: Protestantische Gottesdienste außerhalb von Paris werden erlaubt und Festungen wie La Rochelle werden eingeräumt.
Zur Hochzeit des Henri de Navarre erscheinen in Paris viele Hugenotten. Bartholomäusnacht, in der mehrere tausend Hugenotten erschlagen werden. Nach dem vierten Bürgerkrieg werden den Hugenotten 1573 nur noch La Rochelle, Nîmes und Montauban zur freien Religionsausübung eingeräumt. Unter Henri de Navarre fünfter Bürgerkrieg, der 1576 freie Religionsausübung außerhalb von Paris und dem königlichen Hof eingeräumt wird.
Unter dem Duc de Guise formiert sich eine Heilige Liga, die zwei weitere Bürgerkriege führt. 1587 Krieg zwischen Henri de Navarre, Henri de Guise und Henri III. Henri III. lässt 1588 die zwei Guise-Brüder ermorden und wird 1589 selbst ermordet. 1593 tritt Henri de Navarre zum Katholizismus über und wird zum König gekrönt. Im Jahr darauf kann er in Paris einziehen. Es siegt das Primat der Politik über den Konfessionalismus.
Calvinismus in Schottland
In Schottland bilden sich Formen gemeindlicher Selbstverwaltung mit reformierten Gottesdiensten heraus.
Unter Königin Mary Stuart ("der Katholischen") muss John Knox 1554 fliehen und landet schließlich in Genf. 1559, als die Königin sich bei Francois II. in Frankreich aufhält, kehrt er zurück in Schottland und treibt zusammen mit dem antifranzösischen Adel eine von Calvin beeinflusste Reformation voran. 1560 beschließt das Parlament die Abschaffung der Messe und der Oberhoheit des Papstes. Ansätze zum Presbyterianismus der Gemeinden. Es ist aber zunächst schwierig, das Genfer Modell von einer religiös verstandenen Stadt auf einen Flächenstaat zu übertragen.
1561 kehrt Mary Stuart nach Schottland zurück und versucht das Land zu re-katholisieren. 1568 unterliegt sie dem Adel und flieht nach England. 1574 kehrt Melville aus Genf zurück: Konflikt zwischen Bischofskirche und Presbyterianismus.
Calvinismus in den (nördlichen) Niederlanden
Seit 1520 Inquisition mit Verfolgung und Verbrennen von Protestanten. 1531 wird der erste Täufer hingerichtet. Flämische Weber wenden sich dem Calvinismus zu.
Mehr noch als in Schottland verbindet sich in den Niederlanden Reformation mit Widerstand gegen die drückende spanische Fremdherrschaft. Mehr und mehr setzen sich aber Züge eines reformierten Protestantentums in den nördlichen Niederlanden durch, die sich dadurch von ihren südlichen Nachbarn trennen.
1559 schafft Felipe II. eine Neuordnung der Bistümer, die sich gegen den Calvinismus richtet und zugleich den Einfluss der Erzbistümer Köln und Reims ausschalten soll.
1566 beginnt der offensive Kampf um die Unabhängigkeit bei Ausbreitung des Calvinismus in den Norden.
Um 1600 lehnen die Arminianer die strenge Prädestination ab und erklären, dass Gott nur den Gläubigen die ewige Seligkeit gebe, und dass der Glaube ein Geschenk von Gottes Gnade sei. Auf der Synode von Dordrecht 1619 werden sie verurteilt und die strenge Prädestinationslehre für die Niederlande beschlossen. Tatsächlich sind hier noch etwa ein Drittel Katholiken und es gibt überhaupt eine Vielfalt der Religionen.
Anglikanische Kirche
In England bewegt sich der Puritanismus immer mehr in Richtung Calvinismus, ohne ganz in ihm aufzugehen.
1559 entsteht eine anglikanische Kirche mit dem Act of Supremacy und der (Wieder)Einführung des Common Prayer Book in der reformierten Fassung von 1522.
Reich
Schon 1538 gestattet Kurfürst Ludwig V. reformatorische Predigt und Laienkelch. 1546 wird das Territorium unter Friedrich II. lutherisch. 1560 Kurfürst Friedrich III. zum calvinistisch-reformierten Glaube über. 1563 tritt die Kurpfalz mit der Kirchenordnung des Caspar Olevian und dem Heidelberger Katechismus zum Calvinismus über. Der Reichstag von 1566 bestätigt das.
1576-83 lutherische Zwischenzeit.
In "Simultanstädten", Reichsstädten, die sich nicht konfessionell durchsetzen dürfen, müssen nach 1555 bei evangelischen Mehrheiten katholische Minderheiten geduldet werden. Das gilt für die schwäbischen Reichs-Städte Augsburg, Biberach, Dinkelsbühl, Donauwörth, Kaufbeuren, Leutkirch, Ravensburg und Ulm. Dabei kommt es immer wieder zu Konflikten.
Die Fürsten von Kleve-Jülich-Berg und Brandenburg verzichten auf Durchsetzung der jeweiligen Konfession (Katholizismus und Calvinismus).
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts beginnen katholische Landesherren verstärkt, die Evangelischen zu unterdrücken. Sobald das gelingt, bleibt nur Konversion oder Auswanderung.
Ab 1563 Gegenreformation in Bayern mit Hilfe der Jesuiten, nachdem eine Adelsgruppe die Zulassung der Confessio Augustana verlangt. In den 70er Jahren wird jeglicher Protestantismus unterdrückt.
1568 gestattet Maximilian II. dem Adel im Erzherzogtum Österreich die evangelische Religionsausübung auf seinen Besitzungen. 1572 gewährt Erzherzog Karl dem steirischen Adel eine gewisse Religionsfreiheit. 1578 muss er das auf Kärnten und die Krain ausdehnen. Seitdem setzt Karl sich aber verstärkt für die Gegenreformation ein.
1573 tritt der Graf von Bentheim vom Luthertum zum Reformiertentum über und überführt seine Grafschaft zwischen 1587-97 ebenfalls dahin.
1574 Vertreibung der Melanchthon-Anhänger der Versöhnung mit dem Calvinismus mit ihrem Wortführer Christoph Pezel aus Kursachsen. Sie fliehen in die Grafschaft Nassau-Dillenburg. Ihr Anliegen ist eine Entkatholisierung des in vielem immer noch katholisch auftretenden Luthertums.
Da Protestanten von Papst und Kaiser keine Universitäten genehmigt werden, gründen sie hohe Schulen. Nach dem Vorbild von Straßburg entsteht 1559 die Genfer Akademie.
In Nassau entsteht 1584 die Hohe Schule zu Herborn, 1610 eine in Bremen. Inzwischen sind auch Hugenotten-Akademien in Sedan und Saumur entstanden.
In Polen, Böhmen und dem ungarischen Siebenbürgen kann sich die Reformation als Minderheit etablieren und wird im 16. Jahrhundert mehr oder weniger geduldet.
Der Streit zwischen unterschiedlichen Lutheranern und Melanchthon-Anhängern wird 1580 etwas beigelegt mit dem Konkordienbuch, 86 Fürsten und Städte oder deren Vertreter unterzeichnen es. Wer sich als Evangelischer verweigert, neigt dann der reformierten Konfession zu.
Einzelne deutsche Fürstentümer wie Anhalt wenden sich dem Calvinismus zu. 1613 tritt der Kurfürst von Brandenburg dahin über.
Auf der anderen Seite findet seit 1593 unter Erzherzog Ferdinand eine verstärkte Rekatholisierung in Österreich und Inner-Österreich statt. Er ist der künftige Kaiser Ferdinand II. Im Mühlviertel findet dagegen 1594 ein Bauernaufstand statt, der sich bis 1597 in großen Teilen Österreichs ausbreitet.
1582 Kalenderreform des Papstes Gregor XIII., während die protestantischen Länder bis ins 18. Jahrhundert weiter an dem Julianischen Kalender festhalten.
Zu Beginn des 17. Jahrhunderts erhalten Juden in beiden Holland die Bürgerrechte.
Die mancherorts zu beobachtenden erzwungenen Konfessionswechsel von Untertanen und die Beobachtung der Politisierung der Religionsfrage führt gelegentlich zu einer gewissen religiösen Apathie bei Untertanen, die später einer gewissen Säkularisierung der Gemüter Vorschub leisten kann, die sich allerdings nicht offen äußern darf. Ähnlich mag auch in Städten mit mehreren Konfessionen die Duldung des andersgläubigen Nachbarn dazu beitragen. Zudem ist ohnehin anzunehmen, dass die Feinheiten der konfessionellen Unterschiede von vielen Menschen auch gar nicht wahrgenommen werden.
Das religiöse Mittelalter dauert bis wenigstens ins 18. Jahrhundert an, und das nicht nur, aber besonders deutlich im katholischen Raum. 1615 schreibt der Mönch und Autor Jeremias Grienewald in seiner Beschreibung von Regensburg über die Schatzkammer von St.Emmeran:
Entgegen hinter diesem Hochaltar ist eine eyserne Thür zum Eingang der Heiligtumbcammer, alda ein unerschätzlicher Schatz von Edelgestain, Gold, Silber, an Creuzen, Stäben, Bildtnussen mit den darin gefassten Heyligthumb vorhanden. (in: Angerer, S.242)
Wundertätige Reliquien in teurem Glitzer eingefasst, einst gefälschte Knochen sogenannter "Heiliger" werden auf Druck von Papst, Rat und Volk auf Prozessionen und an bestimmten Tagen vorgezeigt. Wer den Humbug nicht glaubt, erfreut sich zumindest an dem wirtschaftlichen Erfolg herbeiströmender Massen, die heute mit ihrer "Promi"-Verehrung noch mindestens genauso blöde sind wie die Menschen damals.
Kirche 1618-48
Unter Charles I. 1633 vom König eingesetzter Erzbischof von Canterbury, William Laud. Versuch der Zurückdrängung des Puritanismus in England, wodurch dieser erstarkt und politisiert wird.
Versuch der Durchsetzung der Anglikanischen Kirche in Schottland.
1638 National Covenant in Schottland und 1639 Abschaffung des Episkopats. 1643 Westminster Confession.