Anh. 18: Frankreich 1270-1500

 

Um 1270 ist Frankreich ein Königreich mit einer großen Hauptstadt und dort angesiedelter Zentralverwaltung. Als Philipp III. dem Vater auf dem Thron folgt, ist das Land aber zum großen Teil immer noch in Fürstentümer aufgeteilt, die bei Hofe Koalitionen und Interessengruppen bilden. Große Macht entfaltet dabei Karl von Anjou mit seinem sizilischen Reich..1274 stirbt König Heinrich von Navarra und es gelingt, die Erbtochter mit dem französischen Thronfolger zu verloben.

 

1282 verliert Karl mit der sizilianischen Vesper die Insel an Aragón. Im Gegenzug gelingt es Philipp III., den mit Hilfe französischer Söldner ins Amt gehievten Papst Martin IV. dazu zu bringen, einen „Kreuzzug“ gegen Aragón auszurufen, der scheitert und mit dem Tod Philipps endet.

 

Philipp der Schöne

 

In den flämischen Städten verschärft sich der Gegensatz zwischen reichen Patriziern gegen die darunter liegenden bürgerlichen Schichten, die sich politisch ausgeschlossen fühlen. Der Graf sucht seine Unterstützung bei diesen und die Patrizier verbünden sich mit Philipp IV. „Le Bel“. Darauf sucht der Graf die Unterstützung Englands.

 

Um dieses zu schwächen, greift Philipp 1294 Guyenne an, während der englische König gegen die Schotten kämpft. An einer anderen Front häufen sich die französischen Erfolge. Pfalzgraf Otto IV. vergibt als Mitgift für die Heirat seiner Tochter mit dem französischen Kronprinzen die Freigrafschaft Burgund. Im Jahr darauf begibt sich Toul unter die französische Krone. Deutsche Schwäche führt dazu, dass nach und nach Frankreich immer größere Teile Lothringens erwerben wird.

 

Derweil beginnt wegen der Sondersteuern, die Philipp dem französischen Klerus auferlegt, der Konflikt mit Papst Bonifaz VIII, der so etwas 1296 von seiner Zustimmung abhängig macht, was Philipp mit einer Handelssperre gegen Italien beantwortet. Der Papst gibt darauf nach, auch weil er französische Unterstützung gegen die Colonna braucht.

 

1300 dringt Philipp in Flandern ein und legt das Land unter königliche Verwaltung. Aber zwei Jahre später erhebt sich Brügge dagegen, dann fast alle flämischen Städte außer Gent. Derweil zieht Karl von Valois durch Mittelitalien nach Neapel, um von dort aus Aragón aus Inselsizilien zu vertreiben.

 

Aber bei Kortrijk wird ein französisches Ritterheer 1302 vom städtischen Aufgebot geschlagen. Karl muss zurück nach Frankreich.

 

Der Streit mit dem Papsttum flammt wieder auf, als der Papst einen dem König unfreundlich gesonnenen Bischof einsetzt, den Philipp wegen Hochverrates verhaftet. In einer Serie von Erklärungen versteigt sich Bonifaz darauf bis zur Bulle 'Unam Sanctam', die auch königliche Unterwerfung unter sein Amt fordert. In Frankreich nimmt die antiklerikale Propaganda zu, was Philipp den Rücken deckt, um über Wlhelm von Nogaret den Papst frontal anzugreifen und deshalb ein Konzil über ihn zu fordern. Der verhängt das Interdikt über Frankreich, worauf Nogaret ihn in Anagni überfällt. Bonifaz stirbt kurz darauf und sein Nachfolger Clemens V. gibt klein bei und siedelt nach Avignon über.

 

Nogaret ist einer der Legisten, die in Justiz und Verwaltung Karriere machen, dort wo der König über sie seine Dominanz als communis utilitas im ganzen Reich als patria durchsetzt. Der Weg vom mittelalterlichen Herrscher zum Souverän wird beschritten. Der conseil des Königs, sein engster Beraterkreis, und die königliche Verwaltung werden immer deutlicher getrennt. Das parlement wird nun immer spezifischer von einer allgemeinen Versammlung zum obersten Gerichtshof, zu dem ein Instanzenweg hinführt. Ein Untersuchungsgericht, chambre des enquêtes, bildet sich daraus, eine grande chambre für die Prozessführung und eine chambre de requêtes für Eingaben an die Krone.

 

Der Staatsschatz wird 1295 den Templern genommen und im Louvre untergebracht. Eine vorwiegend von Bürgerlichen geleitete chambre des comptes bekommt bald die Aufsicht über die königlichen Einnahmen. 

Nachdem auf den Champagnemessen italienische Bankiers auftauchen, werden sie auch die Finanzfachleuten der französischen Krone, und gewinnen Einfluss auf die Krone und die Erhebung von Steuern und Abgaben. 1292/93 laufen "zwei Drittel aller Ausgaben der Staatskasse durch ihre Hände" (Ehlers, S.195) 1305 sind die Münzen von Paris, Troyes und Tournai an die Florentiner Peruzzi verpachtet.

 

Sechs weltliche und sechs geistliche Pairs (pares) standen seit einiger Zeit über diesem System. Sie werden nach und nach vor allem durch Mitglieder der königlichen Familie ersetzt, die damit ihre Apanage erhalten, wörtlich ihre Versorgung mit Brot. Sie und vom König berufene Räte, bald auch darunter Vertreter aus den Städten, treten nun im conseil zusammen. In besonderen Fällen, die besonders Steuern und Abgaben betreffen, tritt ein erheblich erweiterter Rat zusammen, der nun als états (status) bezeichnet wird, zusammen als Generalstände. Sie tagen und beschließen getrennt, erklären sich dann aber gemeinsam. Das Königreich findet neben der Person des Königs nun in einer gewissen Repräsentanz seine Gemeinsamkeit.

 

Kern des königlichen Heeres bleibt zunächst noch die zur Heeresfolge verpflichtete Ritterschaft, wobei ein Teil aus Kostengründen auf die Ritterweihe verzichtet und mit derselben Bewaffnung als serjeants dient. Beide benötigen für den Krieg valets, Knappen und Schildträger. Rund zweihundert zentrale Städte, bonnes villes, stellen ebenfalls serjeants und Kriegsmaterial.

 

Da immer mehr Ritter der Heeresfolge fernbleiben und auch die Städte ihre Mannen gerne durch Geld ablösen, ist der König immer mehr auf vorwiegend berittene Söldner angewiesen, die auch schneller aufgeboten werden können. Generalunternehmer werben sie auf eigene Kosten und bieten sie dann als Geschäft dem König an.

 

Ritter und Söldner kämpfen dann unter einem königlichen connétable in einem Heer nebeneinander. Entsprechend werden Ritter zunehmend durch Geldlehen bezahlt. Geld bestimmt nun zum guten Tei den Kriegserfolg, was bis heute und überall so geblieben ist. „Für den Adel hat das nachteilige Folgen, denn ich Kriegsfalle führte der Herr nicht mehr das Aufgebot seiner Grundherrschaft, sondern stieß als Einzelperson zum königlichen Heer und musste es dem connétable und seinen Beauftragten überlassen, in welcher Funktion sie ihn einsetzten.“ (Ehlers, S.185)

 

Geld nicht zuletzt für den Krieg gewinnt der König einmal ganz herkömmlich aus den königlichen Eigengütern und den Lehen mit ihren Herrenrechten. Dazu kommt die aide als außergewöhnliche Abgabe besonders für den Krieg, die sich in eine Kopfsteuer verwandelt, die taille, von der wegen ihres Kriegsdienstes die Adeligen und jene Bürger, die ebenfalls für den König in den Krieg ziehen, befreit sind. Schließlich werden auch königliche Verbrauchssteuern immer wichtiger, wie die auf Salz (gabelle). Da Adel und bürgerliche Militärs von der Kopfsteuer befreit sind, ist es wichtig, die Kriege auch über besondere Abgaben der Geistlichkeit zu finanzieren, was zu den Konflikten mit Papst Bonfaz führt.

 

Mit konzentrierter und intensivierter königlicher Gerichtsbarkeit und Verwaltung, der über Geld vermittelten königlichen Armee und der (fast) allgemeinen Besteuerung werden die Franzosen zu Untertanen ihres Königs und zunehmend zugleich zu denen eines vom König geführten und repräsentierten Staates.

Die Konzentration aller zu Untertanen werdenden Menschen im Reich des Königs betraf alle Partikulargewalten, Fürsten, Adel, Städte, aber auch die Ritterorden. Besonderes Interesse erregte dabei der Templerorden, der es zu Reichtum und Burgen gebracht hatte und weiterhin nur dem Papst unterstand. In Propaganda-Aktionen wurde er diffamiert und 1307 ist es dann soweit: Alle Templer werden verhaftet und gefoltert. Der Papst stimmt dem Ganzen zu, weil er an das Ordensvermögen gelangen möchte. Zahlreiche Templer werden öffentlich verbrannt, 54 in Sens, die obersten Führungspersonen 1314 in Paris. Der König vergibt das Templervermögen an die Johanniter und holt es sich dann fast vollständig mit einem Trick wieder zurück.

 

Mit dem flächendeckenden Massenmorden gegen die Katharern und der enormen Grausamkeit, mit der gegen die Templer vorgegangen wird, wird schlaglichtartig deutlich, dass der entstehende neue Staat nicht nur mit Verwaltungsakten, Gerichtsurteilen, Heiratspolitik und normalen Kriegen sich entfaltet, sondern zudem mit außerordentlicher Brutalität, die bereits die Schrecken der Neuzeit ankündigt.  

 

Philipp VI.

 

1314 stirbt Philipp der Schöne, zwei Jahre herrscht Ludwig X. und stirbt dann. Das Kind seiner schwangeren Gemahlin Johanna von Navarra stirbt kurz nach der Geburt. Darauf ergreift der Bruder des Königs die Macht als Philipp V.  Der wiederum stirbt 1322 ohne männlichen Nachkommen. Mögliche Thronerben sind König Edward III. von England, Enkel Philipps des Schönen, und Philipp von Valois, Enkel Philipps III.

Die französischen Fürsten scheuen vor der Macht eines englisch-französischen Doppelmonarchen ihnen gegenüber zurück und auch vor der Einsetzung eines Nichtfranzosen. 1328 beginnt so mit Philipp VI. die Herrschaft des Hauses Valois.

 

Navarra wird vom Staatsrat 1238 an Johanna von Évreux abgegeben, während die Champagne und die Brie an den französischen König fallen. Im Konflikt über das Artois gewinnt der König gegen Robert, der nun nicht mehr Pair ist und vom Hof verbannt nach England geht, um den Valois von dort aus zu beseitigen.

Inzwischen hat Frankreich ungefähr 14 Millionen Einwohner gegen 3 Millionen Englands. 

 

In Flandern stehen von der allgemeinen Rezession betroffene Bauern und Städter gegen ihren Grafen Ludwig von Nevers auf und suchen Unterstützung in England. Darauf greift der französische König militärisch ein, besiegt ein flämisches Kommunalheer und richtet in Flandern direkte königliche Verwaltung ein. Da die flämischen Interessen primär an englischer Wolle ausgerichtet sind, kann der reiche Genter Jakob von Artevelde mit antifranzösischer Propaganda durchdringen.

 

Edward sperrt nun, um Druck auf Flandern auszuüben, die Ausfuhr englischer Wolle und die Einfuhr ausländischer Tuche. Zudem lockt er Textilhandwerker ins Land und protegiert damit auch den Aufstieg einer englischen Tuchproduktion. Zunächst die Genter und dann andere Städte wählen ihn zu ihrem Anführer. Ludwig von Nevers flieht nach Paris  Es kommt zur flämischen Anerkennung von Edward als französischem König, und 1340 ist der in Gent. Kurz darauf gelingt die Vernichtung der französischen Flotte bei Sluis. Der bretonisch sprechende Teil der Bretagne wendet sich ebenfalls England zu.

Inzwischen kommt es in Flandern zu Kämpfen der Weber gegen andere Beteiligte an der Tuchproduktion und gegen Artevelde, der 1345 stirbt. 1346 siegt das englische Heer unter Edward bei Crécy mit seinen Langbogenschützen gegen das Ritterheer Philipps. Der Graf von Flandern und viele andere fallen. Dann wird Calais genommen. 

 

Johann II.

 

1350 stirbt Philipp VI. Unter seinem Sohn entbrennt der Konflikt mit dem Haus Navarra, welches ebenfalls nach dem französischen Thron strebt und sich mit Edward III. verbündet. Der englische Thronfolger Edward, später als "schwarzer Prinz" gefeiert, beginnt 1355 von Guyenne aus einen Feldzug durch Südfrankreich nach Norden. Inzwischen ist die französische Krone zahlungsunfähig und muss bei den Ständen um Geld bitten, wobei der Vertreter des Bürgertums, Étienne Marcel, Mitspracherechte verlangt.

Bei Maupertuis in der Nähe von Poitiers unterliegt das in nicht geringem Maße auch aus Söldnern bestehende Heer Johanns und er selbst gerät in Gefangenschaft. Der Prestigeverlust liegt aber beim französischen Adel, bzw. bei ihrem Rittertum

Die Regentschaft unter dem in London gefangen gehaltenen König führt der junge und unerfahrene Thronfolger Karl. Aus Geldnöten einberufene Ständeversammlungen lösen sich ab, und der schwerreiche Führer der Seinekaufleute, Étienne Marcel, kann seine Forderung nach Beteiligung von Ständevertretern am königlichen Conseil durchsetzen, was der König in London strikt ablehnt. 

Nun verbündet sich Karl von Navarra mit den von Marcel angeführten Pariser Bürgern. Eine Menge dringt in den königlichen Palast ein und ermordet hohe Militärs. Karl flieht aus seiner Hauptstadt.

 

Inzwischen bricht in Nordfrankreich ein Aufstand der Bauern gegen ihre Grundherren aus, die Jacquerie, der sich Handwerker und Kleinhändler anschließen. Ziel werden die ländlichen Burgen, die als Orte der Unterdrückung empfunden werden. Von Paris aus zerstört Marcel mit Bürgermilizen Burgen der Umgebung. 

Im Gegenzug schart Karl von Navarra den Adel hinter sich und schlägt die Aufstände blutig nieder. In Paris verbindet er sich dann aber mit Marcel, worauf der Adel zum Regenten umschwenkt. Marcel wird ermordet und der Regent kann darauf in Paris einziehen.

 

Johann verhandelt in London über seine Freilassung gegen enormes Lösegeld und die Abgabe von Touraine, Anjou, Maine und Normandie an Edward. Das verwerfen die französischen Stände. Indem sie "Johanns Abreden mit dem englischen Hof verwarfen, unterschieden sie die Belange des Monarchen von denen des Staates und machten sich unter Führung des Regenten zu Sachwalter des Gemeinwohls." (Ehlers, S.233) Dafür will Edward auf den französischen Thron verzichten. 1360 kann Johann nach Paris zurückkehren, nachdem ein bescheidenerer englischer Erfolg verhandelt worden war (Guyenne, Gascogne, Guines und Calais). Als einer der auf Ehrenwort beurlaubten Gefangenen flieht, geht Johann zurück in englische Gefangenschaft, wo er 1364 stirbt.

 

Karl V. 

 

Im Verlauf des späteren Mittelalters war aus der früheren Ständetheorie eine ständische Ordnung der königlichen Untertanen hervorgegangen. Der Adel gliedert sich nun dabei ganz stark in die Fürsten königlichen Geblütes, die Fürstentümer als Apanagen (appanagium) erhalten, darunter die etwa 350 Barone (Johanns II.) darunter diejenigen Ritter, die nicht zu den obersten Strata dazugehören, um die 3000 im ganzen Königreich, und darunter jene vielleicht 30 000, die auf den immer teurer zu erringenden Rang eines Ritters verzichten, aber als écuyers wie Ritter kämpfen, auch wenn sie deren Lebensstandrad immer weniger halten können.   

Den Adel zu kontrollieren versucht der König nun durch immer weitgehendere Einschränkung des Fehderechtes und Kontrolle über die Burgen im Reich. Durch Adeligung verdienter Beamter entsteht ein Amtsadel, der sich vor allem aus Juristen zusammensetzt. Andererseits werden zunehmend Connétable, baillis und senéchaux vom Conseil gewählt, was dem Adel Einfluss gibt, und das Parlement gewinnt Selbständigkeit dadurch, dass es neue Mitglieder kooptiert, für die ein Universitätsabschluss Voraussetzung wird.

 

Während das Bürgertum so einerseits durch Karrieren an den König gebunden wird, werden andererseits die Stadtverwaltungen immer mehr durch königliche Beamte besetzt. Das bedeutet politische Entmachtung des dortigen Bürgertums bei gleichzeitiger Förderung ihres Wirtschaftens.  

 

Aus den Apanagen werden häufig Herzogtümer, die dazu tendieren, sich zu verselbständigen. Am deutlichsten wird das mit dem Herzogtum Burgund, welches 1363 Könih Johanns vierter Sohn Philipp, bald als "der Kühne" apostrophiert, erhält. Der Thronfolger selbst erhält das Herzogtum Vienne, welches auch als delphinatus (Dauphiné) bezeichnet wird, Hundert Jahre später wird der Thronfolger dann unabhängig von seiner Apanage als Dauphin bezeichnet.

Diese Fürsten königlichen Geblütes führen eigene Verwaltungen nach dem Muster der königlichen ein, müssen aber Teile der Einkünfte und die Ernennung der Bischöfe beim König belassen.

 

Der Söldnerführer Bertrand du Guesclin, ein nachgeborener Rittersohn, siegt für den König 1364 über Karl von Navarra, kann aber nicht verhindern, dass sich Johann von Montfort in der Bretagne als Vertreter der englischen Partei durchsetzt. Nach diesen Kriegen setzen sich die führerlos gewordenen Söldner-Kompanien in Nordfrankreich fest und begründen von Burgen aus eigene (illegitime) Herrschaften und geben sich eigenmächtig Grafen- und sogar Herzogstitel.    

 

In Kastilien kämpft Heinrich von Trastámara, der Halbbruder, gegen König Pedro I. Mit letzterem ist England verbunden, mit dem ersteren verbindet sich nun Karl V. und schickt du Guesclin mit seinen Söldnern. Dessen Erfolg führt zum Königtum Heinrichs 1366 und einige Jahre darauf zur Ermordung Pedros.

Derweil versucht sich der flämische Graf Ludwig von Male erst aus wirtschaftlichen Gründen mit den Engländern zu verbünden. 1369 gibt er aber andererseits seine Tochter Margarethe Philipp dem Kühnen zur Frau. Im gleichen Jahr lädt der Lehnsherr Karl V. unter dem Vorwand einer Klage nach Paris vor. Nachdem der natürlich ablehnt, beginnt nach und nach der Krieg mit England wieder aufzuleben, insbesondere nachdem Edward III. seinen Anspruch auf den französischen Thron erneuert. 

 

Den nun folgenden Kleinkrieg lässt Karl V. von seinem inzwischen zum Connétabel aufgestiegenen du Guesclin und seinen Söldnern führen, was viel Geld kostet und zu besonderen Leiden der vom Krieg betroffenen Bevölkerung führt. Dafür ist es effektiv: Beim Waffenstillstand von 1375 hat die englische Krone ihre Besitzungen bis auf einige atlantische Hafenstädte verloren. Kurz darauf stirbt der englische Thronfolger, dann Edward selbst und  die Krone fällt an den sechsjährigen Richard II. Karl von Navarra wird aus Frankreich auf sein Kernland vertrieben, nachdem er dem englischen König noch Cherbourg verkauft hat. 1380 stirbt Karl V., nachdem er den Kronschatz erschöpft und sich in Schulden gestürzt hat.

 

Karl VII.

 

Nach dem Tod Henry V. wird auch Karl VI. 1422 in Anwesenheit des Herzogs von Bedford, Bruders des verstorbenen englischen Königs begraben. Er ist nun Regent über Frankreich. Gegen die Doppelmonarchie versucht der Dauphin, Karl VII., seinen Anspruch aufrechtzuerhalten. Henry VI. kontrolliert den Norden und ist mit der Bretagne und Burgund  verbündet, während Karl den Süden kontrolliert.

Burgund wiederum gewinnt durch Heirat und Erbschaft Teile des Elsass, die Grafschaft Namur, Brabant, Limburg, den Hennegau, Holland, Seeland und Friesland, weswegen die Niederlande zum Machtzentrum werden. Diese wiederum treten zunehmend in Konkurrenz zur aufstrebenden englischen Tuchproduktion. Außerdem verlangt der englische Regent die Unterwerfung auch Burgunds unter die englische Krone.

 

Im folgenden Feldzug der Engländer wird 1425 Le Mans unterworfen, und 1428 wird Orléans eingeschlossen. Die Lage des Dauphin erscheint hoffnungslos. In dieser Situation schafft es Jeanne d_Arc, nachdem ausgiebige Untersuchungen über ihr mögliches Hexentum und Ketzerei durchgeführt worden waren, vom Dauphin akzeptiert zu werden. Er lässt sie mit Rüstung und Waffen versehen und stellt ihr einen Truppenteil zur Verfügung. So ermutigt, können Truppen Orléans entsetzen. Jeanne wird zur Heldin auch der internationalen Söldnertruppen des Dauphin, Patriotismus kommt auf. während Jeanne von den Engländern als Hure beschimpft wird.

 

Jeanne setzt die feierliche Krönung Karls VII in Reims durch, was im Volk Eindruck macht. Aber dann scheitert die Einnahme von Paris in Begleitung der Jungfrau, die schlagartig wieder an Prestige verliert. Sie wird dann als Gottesgesandte von Cathérine de la Rochelle abgelöst. 1431 fällt sie bei Compiègne in englische Gefangenschaft und ihr wird in Rouen der (Inquisitions)Prozess gemacht. Die Pariser Universität erklärt sie zur Wahrsagerin und Hexe und sie wird darauf verbrannt. 

 

Karl VII. macht nun erste Annäherungsversuche an Burgund, welches das Bündnis mit England verlässt. In der Normandie stehen Bauern gegen die englische Herrschaft auf. Burgund gerät zunehmend in Konflikt mit dem Kaiser.1435 kommt es in Arras zum Frieden zwischen dem französischen König und dem burgundischen Herzog. Während das Land von marodierenden Söldnerbanden durchzogen wird, gelingt es Karl 1437, Paris einzunehmen, welches durch die Kriegszeiten und Aufstände schwer geschädigt ist.

 

Schon unter Karl VI. hatte sich der König über die französische Kirche als ihr alleiniger Schutzherr gesetzt. Mit dem Baseler Konzil hatte sich zudem eine Instanz über den Papst gesetzt. Darauf kommt es in der sogenannten Pragmatischen Sanktion von Bourges 1438 zur ausdrücklichen Kirchenhoheit des Königs, der selbst Domkapitel nun besetzen konnte. An Rom kann nun nur noch appelliert werden, wenn der Instanzenweg bis hoch zum parlement beschritten ist. Damit können auch die Zahlungen der Kirche dorthin erheblich reduziert werden. Die französische ist nun eine Nationalkirche.

 

Eine weitere Steigerung königlicher Macht wird mit der großen Ordonnanz 1439 erreicht, als die Stände dem König und ihm allein ein stehendes Heer bewilligen, für das ihm eine dauerhaft eingerichtete taille royale als direkte Steuer bewilligt wird. Planungen für einen Fürstenaufstand scheitern aber, was mit erheblichen königlichen Zahlungen an sie befestigt wird. 

England verliert inzwischen Gebiete in der Normandie und im Südwesten, obwohl die Weinhändler des Bordelais ihm weiter wohlgesonnen sind (Ehlers, S.334).1449 kommt es zu einem von den europäischen Mächten garantierten Waffenstillstand.

 

Indem der König nun alleine noch Söldner anwerben darf, werden aus ihnen nun Soldaten im modernen Wortsinn. 18 solche Kompanien werden nun über das Land verteilt, um es zu beherrschen. In potentiell aufmüpfige Städte werden darüber hinaus Garnisonstruppen gelegt. Mit dem Ausbau der Artillerie und der Verbesserung der Kanonen ist der Herrscher nun in noch nie dagewesenem Maße Herr in seinem Land. Und wenn er nun von aristokratischen Kritikern als Tyrann benannt wird, ist das bereits zu spät. Die immer untertänigeren Massen der Bevölkerung gewöhnen sich in wenigen Generationen an ihre Untertänigkeit und beginnen sogar, sie ihren Königen zu danken. Gegenüber den französischen Fürsten wird mit der Gefangennahme des Grafen von Armagnac 1444 ein Exempel statuiert.

 

In England kommt es zu bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen zwischen Adelsfraktionen. Das hilft Karl VII. bei der Eroberung der Normandie, die 1450 abgeschlossen ist. Als nächstes wird die Guyenne erobert, wo die Einwohner den Engländern verbunden sind. Aber 1453 fällt Bordeaux nicht zuletzt durch die Überlegenheit französischer Artillerie. 

 

Die Vormachtstellung des königlichen Frankreich soll nun auch nach Osten klargestellt werden. Während Karl VII. als Bundesgenosse König Friedrichs III. seinen Dauphin die schweizer Eidgenossen besiegt, greift er selbst Metz, Toul und Verdun an. In Italien verbündet er sich mit Francesco Sforza und Cosimo Medici, die allerdings bilden mit den anderen italienischen Mächten 1454 eine antifranzösische Allianz in Lodi.

 

Der aufständische Dauphin flieht nach Flandern, wo die burgundische Herrschermacht immer königsgleichere Züge annimmt. Durch Erbe werden für den Herzog Luxemburg und Teile des Elsass gewonnen.

 

Teile des Adels waren durch die lange Kriegszeit ruiniert worden, versuchen aber ihren Status als Mitglied eines gehobenen Standes durch Lebensstil und Kriegsdienst aufrecht zu erhalten, der Steuerfreiheit mit sich bringt. An der Grenze zwischen Adel und Bürgerstand befinden sich jene, die  sich als Kaufleute nobilitieren lassen, aber durch ihre Geschäfte ohnehin Teile des Adels an Reichtum übertreffen. Sie werden so vom Kriegsdienst befreit und müssen meist auch keine Steuern zahlen, ähnlich wie "Bürger", die adelige Landgüter aufkaufen.

Im 'Livre du Corps de policie' schreibt Christine de Pizan 1407: Bourgeois sont ceulx qui sont de nation ancienne, enlignagiez es cites, et ont propre surnom et armes antiques. Bürger sind Leute von alter Abstammung, in den Städten versippt, und sie haben eigenen Zunamen und altes Wappen, wie Ehlers übersetzt, (Ehlers, S.349)

Der Bürger als bourgeois, als Patrizier, wie er deutsch gelegentlich heißt, ist fast eine Art eigener Adelsstand, weit entfernt von der Masse der Leute, die in deutschen Landen Bürger heißen.  

 

Die große Krise des 14. Jahrhunderts und die Kriege hatten die Bevölkerung Frankreichs fast halbiert. Die Landwirtschaft ernährte immer noch fast 90% der Menschen, aber sie ging stärker, wie auch anderswo, vom Ackerbau zur Viehhaltung über und darüber hinaus zur Zuarbeit zum städtischen Gewerbe mit Wid, Krapp und Hanf.

Ein Boomsektor sind inzwischen die Gewerbe der Produktion für den Krieg. Als erstes profitiert dabei der Bergbau, von Kapitalgesellschaften mit Lohnarbeit betrieben. Dann kommen Waffenschmiede und Kanonenhersteller, Herstellung von Rüstungen und anderes. Diese handwerklichen Betriebe werden immer größer, beschäftigen immer mehr Lohnarbeit und nähern sich so dem, was im Deutschen industrielle Produktion heißt.

Die größten Profiteure sind aber im Finanzkapital zu finden, welches zum Teil eng mit der Staatsverwaltung zusammenarbeitet. Es steigt durch Handel auf, finanziert Kriege vor und bekommt das einträgliche Geschäft der Steuereintreibung für ganze Regionen verpachtet. Wenn solche Leute, die einen fürstlichen Lebensstil pflegen, ihren königlichen und hochadeligen Schuldnern zu lästig werden, werden sie schon einmal auf juristischen Wege oder anderweitig ruiniert, was den Akteuren die Schuldenlast nimmt. Auch das große Kapital hat immer noch nur die wirtschaftliche Macht, die sich leicht von der politischen trennen lässt, an der solche wirtschaftlich Mächtige nicht ohne staatliche Zustimmung partizipieren können.

 

Ludwig XI

 

1461 krönt Philipp von Burgund den Dauphin nach dem Tod des Vaters. Die Staatsraison wird endgültig zu einem über aller Moral stehenden Wert, was sie seitdem auch überall geblieben ist. Gegen ihre Entrechtung wehrt sich ein Teil des Hochadels in der 'Liga des öffentlichen Wohls', mitbetrieben von Karl "dem Kühnen", dem auf das Charolais verwiesenen Sohn Philipps "des Guten". Als dieser mit einer List die Gunst seines Vaters zurückgewinnt, lässt der ihn gegen Frankreich marschieren, während Johann von Bourbon in seinem Bereich die königlichen Beamten verhaften lässt.

Ludwig kann Paris halten und bietet dafür die Aufnahme von Vertretern der Bürgerschaft, des Parlements und der Universität in den Conseil. Der Fürstenopposition können Zugeständnisse gemacht werden. 

 

Nach dem Tod seines Vaters wird der kühne Karl Herzog von Burgund. Er löst sein Reich immer stärker von Frankreich und übt selbst zunehmend quasi-königliche Macht aus. Ähnlich wie die französische Krone verstaatlicht er das Heer, inzwischen vorwiegend aus italienischen Söldnern bestehend. Die Finanzierung erledigte er durch Kredite bei den Städten und bei großem Finanzkapital, vor allem bei den von Portinari in Brügge vertretenen Medici. Der Adel soll an den zeremoniell durchorganisierten Hof gezogen und so neutralisiert werden. Bei Karl taucht dann auch der Begriff souverain auf.

 

1468 kommt es zum Bruch zwischen Karl und Ludwig und zum Krieg. 1471 siegt das Haus York in England mit Edward IV. und 1474 kommt es zum Bündnis mit Burgund gegen Frankreich. Schon ein Jahr vorher verhandelt Karl mit dem deutschen Kaiser und es kommt zur Verlobung der Erbtochter Maria mit dem Kaisersohn Maximilian.

1475 wird Lothringen unter Duldung Ludwigs, mit dem ein Waffenstillstand verabredet war, von Karl erobert und es folgen Versuche der Einverleibung Frieslands..

Es kommt zu einem oberrheinisch-schweizerischen Pakt gegen Karl, dem sich Habsburg anschließt.1476/77 scheitert und stirbt Karl in zwei Schlachten. Ludwig lässt Burgund besetzen, während sich die Niederlande gegen burgundische Herrschaft erheben und die Thronerbin Maria in Gent festsitzt. Maria heiratet nun Maximilian und gebiert ihm einen Sohn Philipp.

Maximilian versucht zusammen mit England, der Bretagne und Aragon sein burgundisches Erbe anzutreten. Der englische König war allerdings längst vom französischen bestochen worden. 1482 stirbt Maria und die Niederlande gehen an Philipp, den Erzherzog von Österreich und sind nun habsburgisch, während Teile Burgunds von Ludwig XI. eingenommen sind.

 

Inzwischen kann der französische König sich Anjou und Orléans seiner direkten Herrschaft einverleiben. Bis auf die Bretagne verlieren nun die Apanage-Fürstentümer wesentliche Herrschaftsrechte, die auf den König übergehen. Als Ludovico il Moro seinen Onkel Giovanni Galeazzo Sforza ermordet hat, sucht er französische Unterstützung, was zur Ausweitung französischen Staatsgebietes über Savoyen und Avignon in Richtung Seealpen führt. 

Die französischen Stände werden nach Möglichkeit nicht mehr einberufen und der Staat, repräsentiert durch den König, breitet sich wie eine riesige Krake mit ihren unzähligen Fangarmen über das Land aus, das, was in deutschen Landen die einzelnen Landesfürsten betreiben, während der englische Weg anders verläuft.

 

Ein immer unterwürfigerer und durch Steuerfreiheit privilegierter Beamtenapparat betreibt die Verwaltung von Land und Menschen und verfügt zunehmend detaillierter über sie. Mit einem stehenden Heer, welches nicht nur nach außen, sondern auch im Lande einsetzbar ist, entwickelt sich das königlich/staatliche Gewaltmonopol, ein rabiater Entrechtungsvorgang, immer weiter, während die königlich/staatliche Steuerhoheit die Untertanen maßvoll auszuplündern berechtigt wird,

Die Städte werden nun politisch vollständig entrechtet, der König ernennt Magistrate oder versucht sie ganz durch seine Beamten zu ersetzen.

Die Staatseinnahmen werden verdreifacht, auch durch rücksichtslose Räubereien, die seine Justiz legalisiert, die bis ins Parlement hinauf nun seinem Willen unterworfen wird.

 

Die direkten königlichen Eingriffe in die Wirtschaft zur Erhöhung der Staatseinnahmen und der königlichen Macht nehmen rapide zu. Das Handwerk und der Handel werden zukunftsweisend immer mehr reglementiert. Teile des Handwerks werden durch die Förderung von Manufakturen bewusst zerstört, Facharbeiter werden aus Italien für die Seidenindustrie nach Lyon importiert und aus Deutschland für den Bergbau (Ehlers, S.374). In einer Art Seekrieg wird Venedig aus Teilen des Mittelmeerhandels vertrieben und die Messe von Genf kaputtgemacht, um die von Lyon an ihre Stelle zu setzen. Schließlich gelingt noch ein einheitlicher Zollraum für das ganze Königreich.  

Die französische Kirche wird zu einem reinen Machtinstrument des Königs bzw. des Staates weiter umgebaut und am Ende mit seinen Leuten besetzt, die dadurch fast wie königliche Beamte wirken. Als der kranke König sich schließlich aus seiner Hauptstadt nach Plessis-lès-Tours zurückzieht, läuft der Staatsapparat wie von alleine weiter.

 

Dabei spielt der Ehemann seiner Tochter Anna, Peter von Beaujeu, eine erhebliche Rolle, während Karl VIII. minderjährig ist. 1484 werden die Generalstände nach Tours gerufen und schlagen einen Conseil als Staatsrat vor, in dem die Adelsopposition gegen die immer totalitärere Herrschaft des Königs nicht vertreten ist. Schließlich einigt man sich auf einen Kronrat aus einer gleichen Anzahl von Vertretern der drei états. die der König berufen soll.  Ludwig von Orléans will die Macht an sich reißen. Es gelingt ihm 1491, die dem zukünftigen römischen König Maximilian versprochene Anna der Bretagne zu heiraten.   

 

Wenn das französische Mittelalter einen späten Endpunkt hätte, dann wäre es dieses Jahr, aber es war, sofern man überhaupt von einem solchen der Übersicht halber sprechen möchte, bereits in den letzten hundert Jahren verschwunden, und zwar mit dem Aufkommen moderner Staatlichkeit, die seitdem nur noch geringe Veränderungen erleben wird.