HERR UND KNECHT AUF DEM LANDE (10.JH.)

 

Eigentum, Verfügungsrechte und Arbeit: Kontinuität und Wandel

Das Land

Hochadel: Das Beispiel Sachsen

Hochadel: Das Beispiel der frühen Welfen

 

 

 

Eigentum, Verfügungsrechte und Arbeit: Kontinuität und Wandel

 

Wem gehört das Land, von dem die Menschen leben? Für heute lässt sich sagen, den meisten Menschen gehört wenig davon und meist gar keines. Wenigen wiederum gehört davon viel. In der Regel wissen die Menschen kaum, wem was von dem Grund und Boden in Mitteleuropa gehört. Seit dem Beginn kapitalistischer Entwicklung ist es zu einer Ware wie alle anderen geworden, wird gekauft und verkauft.

Darüber steht der Staat, Agentur riesiger Kapitalien, die ihm nicht gehören, zu dessen Hoheitsrechten eine letztendliche Verfügung über allen Grund und Boden gehört. Letztlich kann er jeden mit der Begründung übergeordneter Interessen enteignen. Wem gehört das Land?

 

Heute ist jeder Quadratzentimeter Grund und Boden vergeben. Wer kein Land erbt, kann nur kaufen, was auf den Markt kommt. Wer nicht genug Geld hat und nicht erbt, steht und geht überall auf Land, welches ihm nicht gehört. Landlosigkeit aber ist eine Form von Ohnmacht, und die gibt es für die Menschen Europas schon sehr lange.

Alles beginnt in der Jungsteinzeit mit Ackerbau und Gartenbau, mit denen sich Land unter der Bedingung von Sesshaftigkeit in Eigentum verwandelt. Dort, wo sich dann frühe Zivilisationen entwickeln, geschieht zweierlei vor allem: Die Unterschiede zwischen kleineren und  größeren Besitztümern entwickeln sich auseinander, und institutionalisierte Machthaber entwickeln Vorstellungen von Hoheit über alles Land in ihrem Herrschaftsraum.

 

Im Mittelmeerraum und daneben auch unter den Kelten vor allem entwickeln sich Formen von Häuptlingstum und daneben von Adel, wie wir das alles heute nennen. Bei den Hellenen, die die Lateiner dann Graeci nennen, sind diese Oberschichtleute mit großem Grundbesitz die aristoi, das heißt, die Besten, bei den Römern sind es die nobiles. Sie zeichnet vor allem aus, dass sie großen Landbesitz damit verbinden, andere darauf arbeiten zu lassen. Sie selbst werden zu vornehm für körperliche Arbeit und zeichnen sich stattdessen durch Waffenbesitz und darauf beruhende Gewalttätigkeit aus und durch die Kontrolle über gemeinsame Opferkulte vermittels einer Priesterschaft.

 

Mit zunehmender ländlicher Produktivität und spezialisierterem Handwerk siedeln Menschen in Orten zusammen, die sich zu Städten entwickeln. Konzentrieren wir uns nun auf die "Römer", die von einer solchen Stadt aus immer mehr Umland gewinnen und erobern. Zunehmend mehr Menschen wohnen dabei nicht mehr in der urbs Roma, betrachten sich aber weiterhin als Römer. Ihr gemeinsames Band ist neben der Sprache eine spezifische Hierarchisierung in Adel und Plebs, wobei erstere dank ihres großen Grundbesitzes die Macht im öffentlichen Raum besitzen, in der res publica.

 

Die einen arbeiten also, teils als freie Bauern, teils als Sklaven und Lohnarbeiter auf Großgrundbesitz, teils als Handwerker und Händler, die anderen kontrollieren das entstehende Staatswesen, führen Militärs an und genießen daneben den auf ihren Gütern generierten Wohlstand.

Immer noch sehr stark schematisierend, beruht die Macht des Großgrundbesitzers in der (latenten) Gewaltandrohung und grundsätzlich überhaupt auf Gewalt. Im Deutschen ist Walten Macht ausüben und Gewalt besagt, wie das im Kern geschieht. Insofern ist der Adelige im Kern bzw. ursprünglich auch ein Krieger. Wird seine Machtausübung institutionalisiert und das heißt vom Lateinischen abgeleitet zivilisiert, wird sie zur Amtsausübung. Das nunmehr aristokratische oder noble Gemeinwesen, im Falle der urbs Roma die res publica Romana, delegiert die Gewaltausübung im wesentlichen an von der Republik beauftragte Gewalttäter, miles, die die militia bilden, das Militär, welches von Adel geleitet wird.

Nobilis verbindet sich zugleich mit dem Amt in der res publica, wobei es zu einer Ämterhierarchie kommt, die es in einem cursus zu durchlaufen gilt. Natürlich ist die handfeste Basis der ehrenhaften Amtsausübung weiterhin Großgrundbesitz, der sich im Amt auch günstig erweitern lässt.

 

Im Verlauf der Verwandlung der res publica der Urbs Roma durch Eroberungen in einen Flächenstaat entsteht ein von einer Hauptstadt aus geleitetes Staatswesen, dessen wesentliche Basis Städte mit einer stadtsässigen Gruppe von Großgrundbesitzern sind, welche die Ämter darin einnimmt und sich durch einen überall ähnlichen "adeligen" Lebensstil, seine civilitas auszeichnet. Seine Spitze bildet die nobilitas der Senatoren, von denen es am Ende mehrere tausend geben wird. Am unteren Ende dieser stark und formell geschichteten Strukturen befinden sich die in immer größere Abhängigkeit vom Großgrundbesitz geratenden ländlichen Produzenten und eine städtische Schicht von Gewerbetreibenden.

Diese "römischen" Städte replizieren also ein Stück weit das Modell der urbs Roma. Aber was oben in Anführungsstrichen als "adelig" bezeichnet wurde, ist keine römische nobilitas, die ja aus dem städtischen Original, der Stadt Rom, hervorgegangen ist und an ihr oberstes Gremium, den Senat gebunden ist. Zwar bilden diese Leute die curia der Städte, ihren Verwaltungsrat, und sind selbst Großgrundbesitzer, die ihre Amtsbefugnisse entsprechend ehrenamtlich ausüben, aber als eigentlicher Adel gelten die in vielen Städten ansässigen Senatoren der Nobilität, auch wenn die Kurialen uns heute und den einwandernden Völkern damals wie Adel vorkommen.

 

Infolge der ständigen Kriege schwindet das freie Bauerntum besonders in Italien immer mehr dahin. Die einen geraten in Abhängigkeit vom teilweise nun riesigen Großgrundbesitz, die anderen wandern in die wachsenden Städte ab und werden dort oft zum städtischen Proletariat.

 

Als im Großreich die Bedeutung des Militärs immer mehr zunimmt, bildet sich auf dieses gestützt eine Monarchie heraus, die wir heute unter Bezug auf den Namen ihres entscheidenden Vorläufers Caesar, der so zum Titel wird, als Kaiserreich bezeichnen. Da er eine militärische Befehlsgewalt innehat, deren Reichweite imperium genannt wird, tritt als Titel auch der des Imperators auf. Als Erhabener, augustus, und göttlicher, divus, kommen ihm oberste Priesterschaft und eine sakrale Aura zu. Als mit Konstantin die Christianisierung des Reiches beginnt, geht diese sakrale Funktion fast unauffällig auf den nunmehr bald mehr oder weniger christlichen Herrscher über.

Fast wie ein orientalischer Despot ist der Kaiser Herr über das riesige Heer, über die Kirche, einen großen Hofstaat und eine kaiserliche Beamtenschaft. Heer und Amtsinhaber bilden die militia, die nach Rang streng gestaffelt ist. Äußeres Zeichen des miles ist sein cingulum (militare), ein nach Rang ausgestatteter Gürtel. 

Wie bei den öffentlichen Kulten zuvor werden nun die Spitzen der kirchlichen Hierarchie von Vertretern dieser grundbesitzenden Oberschicht eingenommen. Das sogenannte Christentum rechtfertigt dabei schon lange den Reichtum und die Macht der Wenigen als gottgewollt und bezieht sich dabei immer deutlicher auf die antiken jüdischen Texte und die dort beschriebenen Machtverhältnisse.

 

Die germanischen Völkerschaften, die das westliche Reich übernehmen, waren zunächst wesentlich weniger geschichtet, und Krieger und freie Bauern (manchmal dasselbe) waren nicht unter derart ausgebildeten Formen von Staatlichkeit zivilisiert, ähnlich wie später auch zunächst nicht die sich in Ostmitteleuropa ansiedelnden Slawen. Im Zuge jener Wanderbewegungen, die sich dann als Eroberungen und zum großen Teil auch friedliche Ansiedlungen erweisen, verbinden sich Kriegertum, alter und neuer (Groß)Grundbesitz miteinander zu neuen Formen von Nobilität und Edelfreiheit, neben alter und neuer Unfreiheit, und aus wichtigen Heerführern werden Könige. Die große Flächen umfassenden Reiche sind zudem nur durch eine Zwischenschicht zwischen Adel und Herrscher kontrollierbar, eine Art Hochadel, der mehr oder weniger vom Herrscher mit Amtsgewalten versehen wird.

Die umfassenden Formen ökonomischer und „politischer“ gestaffelter Halb- und Unfreiheit des Römerreiches wie zum Beispiel auch die Sklaverei werden dabei genauso übernommen wie die gesamte Begrifflichkeit mit ihren Titeln und Vorstellungen.

 

Im Grunde genommen versuchen Franken, Burgunden, Visigoten und bald auch Osthrogoten, das römische Imperium in ihren Bereichen soweit als möglich weiterzuführen und ihre Könige lassen sich dafür zunächst einmal vom oströmischen Cäsaren legitimieren. Die alte Nobilität bleibt bestehen und beruht weiter auf Großgrundbesitz mit dazugehörigen abhängigen Bauern und wird nun durch eine germanische Oberschicht ergänzt. Darunter positionieren sich eingewanderte Edelfreie mit neuem, manchmal großem Grundbesitz.

 

Die Noblen besetzen weiter die Bischofsstellen und erhalten darüber hinaus weltliche Ämter zur Kontrolle der Städte, civitates, und ihres jeweiligen Umlandes, seit dem vierten Jahrhundert zugleich Diözese des Bistums. Dieser hohe Adel ist entweder als Krieger Führer einer örtlichen bzw. regionalen militia, oder delegiert im Falle der hohen Geistlichkeit diese Aufgabe an weltliche Herren.

Im Frankenreich setzt sich darüber die königliche Familie, welcher Kriegeradel und wehrfähige Bauern jährliche Heeresfolge zu leisten haben, bzw. dann mit den Reichsteilungen Familien königlicher Abstammung. Darunter gibt es in militärischer und ziviler Doppelrolle duces und comites, hohen Adel und darunter jene Edelfreien, die sowohl Krieger sind wie auch Grundbesitzer. Während es im späten Kaiserreich eine Art geordnete Verfasstheit des Staatswesens gab, strukturieren sich die neuen Verhältnisse mit der Faust, der Waffe in der Hand und mit geschickter Heirats"politik". 

 

Eine gewisse Art von "Adel" steht also schon am Beginn der neuen Reiche, und sie baut auf der christlich-kaiserlichen römischen Oberschicht auf, die die Einwanderer mindestens in den Kernorten der civitates soweit möglich übernehmen und samt Titeln in ihre neuen Reiche einbauen. (K.F. Werner)

Sie definiert sich aus der Verbindung von Kriegertum und Amtsführung nun für den König als militia mit hinreichend großem Grundbesitz und Bevorrechtigung samt wahrem Glauben. Der höhere Klerus entstammt zunächst in der Regel wie schon unter römischer Herrschaft der senatorischen nobilitas und delegiert dabei die eigentliche Waffengewalt förmlich weiter an die weltlichen Partner. Der Aufstieg bzw. die Weiterexistenz dieser Schicht nobler Privilegierter mit ihrem Gewaltmonopol ist für die Anfänge der neuen Reiche heute nur schlecht überliefert, und die Tatsache, dass die antik-römische Begrifflichkeit und Titulatur unter etwas neuen Bedingungen in den von Geistlichen und Mönchen verfassten Texten weitergeführt wird, macht es nicht leichter.

 

Ganz schwierig wird das Ganze durch die generelle Zweisprachigkeit. Schriftliches ist uns von Mönchen und der Geistlichkeit überliefert, die in ihrem fast noch "klassischen" Latein römische Verhältnisse in die neuen Reiche transportieren. Das regionale, nur gesprochene Volkslatein der Laien, würde es geschrieben, wiche davon immer mehr ab. Und die germanischen "Dialekte" oder Volkssprachen, ebenfalls zunächst nicht in schriftlicher Form, waren jedenfalls von ihrer Begrifflichkeit her kaum geeignet, römische Verhältnisse adäquat wiederzugeben, so wenig wie Christliches, wie es von der Kirche gepredigt wird.

 

Adel wird dabei erst auf dem Weg ins Hochmittelalter klar definiert werden, zusammen mit einem Ständebegriff. Vorher wird mit Vorstellungen von Herr und Knecht, dominus und servus, operiert, die gemeinsam zugleich Grundherrschaft und familia beinhalten. Das, was wir für diesen Zeitabschnitt als Adel vielleicht notdürftig zusammenfassen können, beinhaltet die Schicht von Grundherren, die sich aufgrund ihres Besitzes, ihrer Macht über andere  und ihrer besonderen Rechte als frei empfinden.

 

Unter diesen Bedingungen leben die meisten Menschen schon im frühen Mittelalter. Mit den Herrschaften, die in Europa durch Eroberung entstehen, wird die Situation der römischen Antike, in welcher das Land im wesentlichen einer kleinen, reichen Oberschicht gehört, fortgeführt und noch ausgebaut.

Zunächst gibt es noch eine Anzahl freier Bauern, die Land als Eigentum besitzen. Aber bis zur ersten Jahrtausendwende verschwinden sie bis auf wenige Regionen in Mitteleuropa. Wer auf dem Land, also fast überall, arbeitet, arbeitet nun auf dem Grund und Boden von Herren. Das wird erst anders in den neuen Städten, in denen Bürger später zu Eigentümern werden.

 

Die Herren, die über das Land verfügen, sind darauf entweder Eigentümer, oder sie haben es von Herren über ihnen verliehen bekommen. Über die darauf lebende und arbeitende Landbevölkerung "herrschen" sie aufgrund von vielerlei Rechten, die diese in Unfreiheit halten. Nulle terre sans seigneur, wird man später in Frankreich sagen. Mit dem sich entfaltenden Kapitalismus wird diese Unfreiheit ein wenig abnehmen, die Landbevölkerung wird in die Marktwirtschaft integriert werden, die sich intensiviert, und Herren tauschen nicht mehr nur Land untereinander, es gerät als Ware auf den Markt. Bauern, wie man solche Landleute nun bald nennen kann, können nach und nach de facto Eigentümer ihres Landes werden, jedenfalls in manchen Gegenden, wenngleich sie de iure immer noch Herren unterworfen bleiben, die weiter viele Rechte ausüben.

 

Nun war einerseits im frühen Mittelalter das Land unter Herren aufgeteilt gewesen, aber der größte Teil davon war entweder verwildert, oder er war schon immer Wüste, Ödland gewesen, also Urwald, Sumpf, Talaue oder Marschland. Ungenutztes Herrenland also. Solange diese Herren es nun nicht selbst nutzten, stand es stillschweigend der Landbevölkerung offen, die seiner bedurfte, und zwar mit der Entstehung von Dörfern auch auf der Basis gemeinsamer Vereinbarungen. Daraus wird die Allmende entstehen, ein wesentlicher Teil des Dorfes so wie die Feldflur.

Wiesen als Weiden gehören dazu, aber am wichtigsten ist der Wald. Aus ihm kamen Bau- und Brennholz, Beeren, Pilze und Kräuter. In ihn wurden Schweine zur Mast getrieben. Ihm ihm wurde gejagt, solange das keinen Herrn störte.

 

Die wichtigste Nutzung des Waldes, in Mitteleuropa zunächst der größte Teil des Landes, bestand für die Herren darin, dass es sich für sie um Jagdgebiete handelte. Die Jagd war das elementare Freizeitvergnügen der Herren, dem Krieg verwandt, und in manchem diesen einübend. Schon früh reservierten sich Herren und insbesondere Könige und Fürsten Wälder aufgrund ihres Wildreichtums als ihre privaten Jagdgebiete. Wer sonst dort einfach so jagte, als ob er sich in Gottes freier Natur befände, wurde zum Wilderer, also zum Verbrecher. De facto wurden so riesige Waldgebiete zu Sperrbezirken für die Landbevölkerung, der überhaupt die Jagd zunehmend verboten wurde.

 

Das Riesenreich Karls des Großen wird zusammengehalten durch die königliche Instrumentalisierung einer Oberschicht, die einmal als vassi regis den Kern des militärischen Gefolges stellen, und zum anderen Bistümer und große Klöster besetzen. Kontrolliert wird das Ganze von Königsboten, den missi regis aus der Oberschicht.

 

Im Verlauf des Verfalls der Karolinger-Reiche gewinnen diese hohen geistlichen und weltlichen Herren gegenüber ihren Herrschern an Macht und Einfluss, und zwar durch Druck mit Gewalt oder Gewalt selbst und durch königliche Vergaben an sie. Sie teilen sich immer mehr die Macht mit den Königen, wobei sie die Bindung an ihn immer mehr durch eine an Fürsten ersetzen. Ihre Besitzungen an und ihr Verfügen über Grund und Boden und darauf arbeitenden Menschen bleiben weiter über große Regionen hinaus zersplittert, während eine niedere Herrenschicht über regional oder nur lokal ausgebreiteten Grundbesitz verfügt.   

Zu den unmittelbaren vassi regis Karls d.Gr. kommen im 9. Jahrhundert zunehmend mehr Vasallen dieser Vasallen, also von Bischöfen und Grafen vor allem, die so zu Senioren ihrer Mannen werden. Diese Untervasallen betreiben zunächst Bauerngüter, die auch für ihre militärische Ausstattung ausreichen. Wir erkennen so eine Schicht von (bäuerlichen) Freien, liberi, die nicht nobilis sind (Thegan), da keine Königsvasallen, sondern ignobilis (Hildemar), mögen sie auch zu Reichtum gelangen, denn sie stammen von Bauern ab. Vasallen und ihre Vasallen wiederum beginnen dann im 10. Jahrhundert hohen und niederen Adel zu bilden.

 

Arno Borst gibt ein Bild vom frühmittelalterlichen Krieger:

...der niedere Adel Frankreichs war eine Horde von Draufgängern, die nur Erfolg und Faustrecht anerkannten. Sie paktierten mit Tod und Teufel und überfielen jeden Schwachen. Rücksichtnahme war Feigheit, der tapferste Gegner wurde ohne jede Ritterlichkeit rabiat niedergehauen. Neben dem Raubkrieg war der Lieblingssport dieser Frischluftfanatiker die Hetzjagd auf Großwild... Das Geraubte und Erjagte gab man mit vollen Händen wieder aus; knausern mochten die Schwächlinge, die selber arbeiteten. Keuschheit und Zucht galten gleichfalls als Geiz; die engen Holztürme, in denen sie wohnten, wimmelten von unehelichen Kindern und niemand schämte sich ihrer. Das Leben im Turm spielte sich in lärmendem Gedränge ab. Man saß dicht nebeneinander auf langen Bänken und griff sich das Fleisch aus der Schüssel mit den Fingern; was übrigblieb, schnappten die Hunde, oder es fiel ins Stroh, das den kalten Boden deckte. Lesen und Schreiben konnten die Herren selten. Höchstens ließ sich einer vorlesen von gewaltigen Recken, die waren, wie er es sich wünschte, muskelstark, tollkühn, von unerschöpflichem Appetit. Man war eher abergläubisch als fromm; die Frauen wurden wenig geachtet und viel geschlagen. (Borst, S.219f)

 

Das ist natürlich ein wenig die übertreibende Verallgemeinerung eines akademischen Schreibtischtäters, der mit gepflegten Fingernägeln hier ein emotional gefärbtes Kontra zu modischen Ritterlichkeitsvorstellungen darlegen möchte. Aber die Quellen geben sowohl ein solches Bild des Kriegeradels her wie auch ein wesentlich kultiviertes.

 

Im Westfrankenreich beginnt der Burgenbau von meist hölzernen, befestigten  Gebäuden Ende des 9. und im 10. Jahrhundert mit dem Absinken königlicher Machtbefugnisse erst auf regionale und dann auf immer lokalere Herrschaften. Der dominus, bewaffneter Herr eines befestigten Platzes, der Grundherrschaften innehat, eine oder mehrere Vogteien, Gerichtsrechte hat, kann dann unter sich milites haben, die ihm für den Kampf zur Verfügung stehen, und der eine oder andere unter ihnen kann sich selbst einen befestigten Platz zulegen oder zugeordnet bekommen. Das Land teilt sich in solche Burgenlandschaften auf. Nur die Mächtigeren gelten als nobiles, principes, proceres, bei nicht rechtlich festgelegten Begriffen.

 

"Die militärische Gefolgschaft eines solchen Burgherren bestand zu Anfang des 10. Jahrhunderts üblicherweise aus kleinen Leuten der Umgebung, die um Schutzes willen dienten und nicht mit einem Dienstlehen ausgestattet waren. Erst um das Jahr 1000 finden sich bei den Burgen ansässige milites, die sich dem castellanus für ein Gut kommendieren und zur Burghut als ihrem wichtigsten Dienst verpflichtet sind" Das gilt zunächst für Kirchengut. (Ehlers, S.50) Das Lehnsrecht führt dann zu einem "Geflecht vonvasallitischen Beziehungen" (Ehlers, S.51)

 

Das regnum eines rex, eines Königs, reduziert sich auf  sein Reich rund um Paris, die innere Francia. Formalrechtlich unter ihm und tatsächlich neben ihm stehen duces und comites, zweifellos Hochadel. darunter ein Adel, den diese Fürsten von sich abhängig zu machen versuchen, darunter jene, die auch zur nobilitas dazugehören möchten und dann jene milites, denen das nicht gelingt.

 

Ein Geflecht von personalen Beziehungen unterschiedlicher Mächtiger mit ihren befestigten Plätzen und ihren Vasallen durchzieht das Land. Funktionen von Staatlichkeit sind zunächst immer weiter dezentralisiert. Im Verlauf des 10. Jahrhunderts wird eine staatliche Hauptaufgabe, die Friedenssicherung nach Innen bzw. Schutzfunktion nach unten in den Bereich der Unbewaffneten durch die Friedensbewegungen eingefordert.

 

Was da als Adel (nobilitas) betrachtet wird, wird nicht ganz klar. Für den Mönch und Geschichtsschreiber Ademar von Chabannes aus Angoulême sind duces und comites Adel. Es ist offenbar eine Schicht, die nur noch untereinander heiratet, zu Beziehungen von amicitia fähig ist, die auch die von Vasallen sein können. Vielfach wird beobachtet, dass besonders in den nördlichen Fürstentümern Westfranziens nach und nach sich eine agnatische Familienlinie durchsetzt, die sich auf einen gemeinsamen Vorfahren in der väterlichen Linie beruft und das Eigentum und die Rechte dem ältesten Sohn vererbt. Geheiratet wird dann mit Unterstützung der Kirche immer exogamer. Diese Verbindung von Adel und Familie setzt sich von den obersten Rängen im 11. Jahrhundert zu den unteren durch, in Südfranzien erst viel später.

Dieses Denken in dynastischen Linien führt zu mehr Aufmerksamkeit für die Familiengeschichte. Von 951/59 ist mit der im Kloster St-Bertin aufgezeichneten Stammtafel Arnulfs von Flandern zum ersten Mal eine Genealogie überliefert (Ehlers, S.49f).

 

In deutschen Landen beginnt adeliger Burgenbau im 10. Jahrhundert mit gehöftartigen Holzbauten mit hölzenen Palisaden. Später kommt ein Turm hinzu. Im Flachland entstehen vielleicht nach normannischem Vorbild Motten, befestigte und von Palisaden umgebene Turmhäuser auf künstlich aufgeschütteten Hügeln mit einer Vorburg als befestigtem Ort für Wirtschaftsgebäude.

 

Alle Macht geht einerseits wirtschaftlich von den in Privatbesitz befindlichen allodialen und den verliehenen Grundherrschaften aus und andererseits rein physisch von der kriegerischen Gewalt, zu der die Herren berechtigt sind und die ihnen nach Maßgabe ihrer wirtschaftlichen Verfügungsmasse möglich ist. Aus der Macht ergeben sich Rechte, solche des Grundherren und solche, die ihnen verliehen werden. Darüber hinaus entwickelt der höhere Adel immer mehr Amtsgewalt, das heißt, er partizipiert an der königlichen Macht und vergibt Teile davon an niederen Adel. Einen klaren Adelsbegriff ergibt das noch nicht, die Oberschicht bezeichnet sich selbst als miles.

 

Ab dem 11. Jahrhundert wird das zu einem Prozess der Territorialisierung führen, zuerst wohl in Nord- und Mittelitalien und dem später französisch werdenden Mittelmeerraum, bald hin bis Katalonien.

Früher als weiter nördlich beginnt dort zunehmende Geldwirtschaft, die alte Ordnung aufzulösen. In der Schwellenzeit des 10./11.Jahrhunderts hin zu den Anfängen eines Kapitalismus beginnt - zunächst im Süden - eine enorme Mobilisierung der Verhältnisse, deren wichtigste Grundlage vielleicht einmal zunehmende Agrar-Produktion für den Markt ist und dann auch die Vermarktung von Grundbesitz, zunehmend auch von geliehenem, und schließlich auch die Vermarktung von Rechten und anderen Einnahmen. In dieser Zeit verschwindet der Großteil übriggebliebener freier Bauernschaft bis auf wenige Gegenden, zugleich aber die völlige Unfreiheit. Freie Bauern steigen hin und wieder in Ministerialität und niederen Adel auf, der sich am Ende nach unten abschließt, oder sie begeben sich in Formen von Abhängigkeit. Damit entsteht langsam der neue Volksbegriff, der die Menschen unterhalb des Adels umfasst.

 

Um dieser Welt in Bewegung neue Stabilität zu verleihen, beginnen dann neue Abgrenzungsversuche zwischen milites und rustici, Kriegern und Bauern, zwischen Capitanen und Valvassoren in der Nordhälfte Italiens, zwischen Fürsten, Adel und Ministerialien in deutschen Landen usw.. Ständetheorien entstehen und die Verhältnisse zwischen denen, die Grund und Macht verleihen und denen, die Lehen nehmen, beginnen normiert, d.h. verrechtlicht zu werden. Ein systematisierendes Lehnswesen entsteht, womit wir allerdings bereits über die Schwelle des 10. Jahrhunderts hinausgetreten sind.

Alter, viel Privatbesitz (Allodien) neben den Lehen sein Eigen nennender Adel wird zum Hochadel, den principes neuen Stils, die sich von den neuen Herren absetzen.

Aus diesem Hochadel entstehen seit dem späten 9. Jahrhundert durch weiteren Aufstieg die im Deutschen so genannten Fürsten, die sich allerdings in der Nordhälfte Italiens nicht durchsetzen können.

 

Adelsherrschaft entwickelt sich auch dort, wo es Edelfreien gelingt, die Schutzfunktion über Kirche oder Kloster zu gewinnen. Der adelige Krieger kann sich dann als Vogt in einer schon vorhandenen Burg niederlassen, die Mittel von Kirche und Kloster für seine Zwecke nutzen, und von dort aus herrschaftliche Befugnisse über das zugestandene Maß erwerben. "Die Vogtei bot also vorzügliche Möglichkeiten der Herrschaftsbildung, ohne dass der Besitz der Güter oder der Hörigen dafür erforderlich war. Außerdem war die Vogtei ein Amt, das heißt, sie unterstand nicht der erbrechtlichen Teilung." (Weinfurter, S.72)

 

Im Unterschied zum familiengebundenen weltlichen Adel, dessen neuartige Herrschaft bei fehlender männlicher Nachkommenschaft immer vom Aussterben bedroht war, sind die adeligen Bischöfe aufgrund ihres Amtscharakters durch Kontinuität ausgezeichnet. Diese Urbanität bischöflicher Herrschaft drückte sich auch in einem dem weltlichen Adel vorausgehenden Effizienzdenken aus, welches das Wirtschaften (Erzielen von Einnahmen) und die Verwaltung gleichermaßen betraf. Dabei verwandeln sich die klerikalen Untergebenen des Bischofs immer mehr in Beamte mit spezifischen Aufgaben.

 

Effizienz erscheint in den Urkunden in der zunehmenden Forderung nach Gehorsam (oboedientia) und in den übrigen Quellen als Klage über die zunehmende "Strenge" der bischöflichen Herren. In der Effizienz treffen sich die klerikalen Herren mit dem Handel und dem Handwerk ihrer Städte.

 

 

Das Land

 

Die Welt des frühen Mittelalters ist wesentlich ländlich, agrarisch geprägt. Die meisten Menschen produzieren Nahrungsmittel auf dem Land ihrer Herren, wo auch immer noch Handwerk, vor allem für die Selbstversorgung, betrieben wird. Langsam konzentriert sich aber etwas mehr Handwerk unter grundherrlicher Aufsicht in den Städten, wo auch reisende Händler Station machen.  Zugleich wird in Städten und von einigen Städtern auch um die Städte herum noch Nahrung produziert.

 

Landwirtschaft ist nicht nur Nahrungsproduktion, sondern auch die von Rohstoffen für die handwerkliche Produktion: Flachs, Wolle, Leder, Färberwaid usw. Bewirtschaftet werden auch die langsam zurückgedrängten Wälder, vor allem als Baustoff für Schiffe und Häuser und vieles andere. Ein weiterer Grundbereich des Wirtschaftens ist die Gewinnung von Rohstoffen aus und unter der Erde.

 

Über die rechtliche Situation der Unterschicht im 10. Jahrhundert, also fast aller, wissen wir wegen der Dürftigkeit der Quellen sehr wenig. Widukind sagt für Sachsen: Bis heute ist das Sachsenvolk (gens Saxonica) dreigeteilt in bezug auf Abstammung und Recht (genere ac lege), von den Knechtsstatus abgesehen (preter condicitonem servilem. I,14). Der servus kann im Mittellateinischen ein Sklave sein oder ein anderer Status der Unfreiheit. Widukind setzt ihn wohl gleich mit dem vile mancipium (II,11). Ihm gilt im 10. Jahrhundert oft Verachtung bei denen, die uns Texte hinterlassen haben.. Solche mehr oder weniger unfreie Familien können verkauft oder verschenkt werden (Widukind, Thietmar), allerdings oft nur mit dem Land, auf dem sie wohnen und arbeiten. Sie haben soweit fast Sklavenstatus (T.Reuter). Überhaupt ist der Handel mit Sklaven im 10. Jahrhundert ein Hauptzweig des Handels überhaupt.

 

Der unfreie servus ist wie schon Landbevölkerung in der Spätantike an den Boden und an seinen Herrn gebunden, dem er abgaben- und dienstpflichtig ist. Dieser ist nicht nur Grundherr als Herr über die Menschen darauf, sondern kann auch Gerichtsherr sein, ein Recht, welches aber oft auch nicht daran gekoppelt ist: Grundherr und Gerichtsherr können verschiedene Personen sein. Vermutlich haben in der Regel die Grundherrschaften Immunität, also die Gerichtsgewalt über die Bauern.

Wünsche nach mehr Freiheit werden von Thietmar noch als presumptio bezeichnet, als Anmaßung, und vermutlich besteht ein beträchtliches Konfliktpotential. Für Thietmar von Merseburg jedenfalls bedeutet der plebeius furor eine beachtlichte Bedrohung.

 

Für das 10. Jahrhundert fehlen aber weithin die Güterverzeichnisse, Urbare, die uns die Strukturen auf dem Lande näherbringen könnten.

 

Die frühmittelalterliche Grundherrschaft entsteht wohl zwischen dem 7. und 9. Jahrhundert, laut Gilomen im mittleren Seinegebiet mit seiner dichteren Bevölkerung und der Eignung für den Ausbau von Getreideproduktion. Von dort strahlt sie dann nach Norden, Osten und Süden aus (Gilomen, S. 31f). Die villa des Herrn wird größer, ebenso das Ackerland vor allem auch durch Rodungen, und mit dem saisonalen Charakter des Getreideanbaus (Pflügen, Aussaat, Ernte) wird es günstiger, Sklaven nicht mehr in großen Stil selbst zu unterhalten, sondern ihnen wie auch bislang freieren Bauern Land abzugeben, von dem sie sich selbst unterhalten.  Damit entsteht die Teilung in abhängige Bauernstellen und einem durch diese Bauern mittels Frondiensten bewirtschaftetem  Herrenland.

Die Namen mansus (von mansio, Gebäude) und die altdeutsche Entsprechung Hufe (wohl von Hof) als Bezeichnung für die vom Herrn abhängigen Bauernstellen verbreiten sich mit diesen zwischen dem 7. und 9. Jahrhundert. Es handelt sich dabei kaum keine Größenbenennung, denn innerhalb einer Grundherrschaft konnte die Fläche einer Manse um das zwanzig- oder dreißigfache unterscheiden.

 

"Die Ausdehnung der Frondienstpflichten ist zuerst auf Königsgut und erst danach auf Kirchengütern erfolgt. Während die Frondienste zuerst von Kolonen und Sklaven verlangt wurden, sind sie später auf die Güter verlegt worden." (Gilomen, S.33). Diese Entwicklung ist allerdings Vermutung und kaum durch schriftliche Quellen zu belegen.

 

Der Form nach ist Grundherrschaft zunächst gegenüber halbfreien Bauern wie die Vasallität eine persönliche Beziehung auf Gegenseitigkeit und zum gegenseitigen Vorteil, allerdings mit einer ausgeprägter vertikalen Machtstruktur. Tatsächlich bedeuten die Verhältnisse innerhalb der familia des Grundherrn jedoch große Vielfalt von Formen der geringeren oder größeren Unfreiheit.

 

Schon in Kapitularen Karls d.Gr. wird beschrieben, dass der Weg in die bäuerliche Abhängigkeit zum Beispiel mit der Vermeidung des Kriegsdienstes begründet wurde, mit dem Schutz durch den Herren oder der Annektierung bäuerlichen Landes durch den Herrn während des Kriegsdienstes.

 

Die Tendenz von Grundherrn, freie Bauern auch gegen deren Willen in die Abhängigkeit, Hörigkeit (das heißt: den Gehorsam) zu bringen, kann vermutet werden, ist aber erst später in Quellen belegt. Für um 1040 wird beschrieben, dass im Aargau etwas in dieser Art vor sich ging: Einige Freie nun (liberi homines), die in diesem Dorfe (dem vicus Wolen nämlich) wohnten, übergaben ihm (Guntran) in der Meinung, er sei gütig und milde, ihr Land gegen den gesetzmäßigen üblichen Zins (census) mit der Bedingung, dass sie unter seinem Schutz und Schirm sicher sein könnten. Dem war aber nicht so, denn er befahl ihnen nach einiger Zeit, ihm Dienst zu leisten (servire), und zwar in seiner Landwirtschaft, beim Schneiden und Einbringen des Heues, und er bedrückte sie bei jeder Gelegenheit, wo es ihm passte. (in: Nonn, S. 55) Es steht zu vermuten, dass vieles an der Grundherrschaft auch schon viel früher auf ähnlichen Wegen entstanden ist. Aber die Quellen geben kaum etwas dazu her.

 

Als Heinrich III. nach Solothurn kommt, wird verhindert, dass die Bauern mit ihren Klagen bis zu ihm durchdringen. Der Adelige aber argumentiert, dass die Renten auf das Land immer mehr abnehmen, und diese immer mehr von seinem (also bislang ungenutzem und eigentumsmäßig undefinierten „Ödland, Wald etc.) zu ihren Nutzen aneignen, weshalb er von ihnen zusätzliche Leistungen verlangen müsse.

 

Offenbar war es häufig geschehen, dass Bauern, die sich unter den Schutz eines Herrn begaben, nach und nach in dessen familia, seinen Hörigenverband übergingen und deren Rechtsstatus annahmen. Beim Tod eines solchen Mannes musste sein „Beststück“ an Vieh und Gewand abgegeben werden. Die Ehe mit der Hörigen einer anderen familia wurde, falls genehmigt, mit einer Abgabe belastet. Im Falle des Todes eines solchen Mannes wurden zwei Drittel seines Besitzes vom Herrn eingezogen.

Es steht zu vermuten, dass vieles der Villifikationsverfassung und den inzwischen daraus aufkommenden Konflikten auch schon früher auf diesem Wege entstanden ist. Und so nimmt denn im elften Jahrhundert das zu, was manchmal in den Dokumenten als „Aufsässigkeit“ der Bauern erscheint.

 

Zur Vermeidung des Heeresdienstes kommt das Argument des örtlichen Schutzes durch den Grundherrn vor Räubern und anderem Gesindel, die Hoffnung darauf, bei Ernteausfällen und anderen Hungersnöten von den größeren Ressourcen des Grundherrn durchgefüttert zu werden und manches mehr. Allerdings forderte noch der "große" Karl, dass Grundherrn je nach Anzahl ihrer abhängigen Freien Leute zum Kriegsdienst schicken sollten.

 

Die Antike wie auch die Nachantike basierte nicht unwesentlich auf Sklavenarbeit. Der Nachschub kam bis tief ins Mittelalter aus Kriegen und anderen Überfällen und - wohl in deutlich geringerem Maße - durch Verkauf von Kindern aus Armutsgründen. Mit ihnen wurde ein schwunghafter Handel betrieben, wobei es eine Anzahl zentrale Sklavenmärkte wie in Prag oder Mainz gab. Aber auf dem Weg ins 10. Jahrhundert nimmt die Bedeutung der Sklaverei ab. Dennoch, so Gilomen allerdings ohne Belege: "Auch kleine Bauern besaßen zumindest einzelne Sklaven; noch um 800 galt es als Zeichen bitterer Armut für einen freien Mann, wenn er keinen Sklaven sein eigen nannte." (S.43). "Die karolingische Gesetzgebung sah für jede Pfarrkirche eine Ausstattung mit mindestens vier Sklaven zur Bearbeitung der Kirchengüter vor. Zu Karls d.Gr. Vertrauten Alkuin wird gesagt, er besitze in seinen vier Abteien 20 000 Sklaven. Aber im 10. Jahrhundert erweisen sich rundum zu versorgende Sklaven unrentabler als abhängige Bauern auf ihren Hufen.

Sklaven wachsen so erste "Menschenrechte" zu und zugleich werden freie Bauern in die Abhängigkeit gedrängt. Beide gehen mit abgestuften und zunächst auch individuell bemessenen Rechten in die Grundherrschaft ein, in der sie dann als früher Keim zukünftiger Bannherrschaft unter die direkte Gerichtsbarkeit des Herrn und zugleich unter seine Verfügung über die ländlichen Kirchen geraten. 

 

Im frühen Mittelalter bildet sich vielerorts, besonders auf ehedem römisch-imperialem Boden, die heute so genannte Villifikationsverfassung herausgebildet, mit ihrer Trennung in den Herrenhof (villa) und die auf ihren Hufen siedelnden, vom Herrn persönlich abhängigen Bauern.  .


Zentrum der Grundherrschaft ist die villa des Herrn, der Salhof, mit Wohngebäuden, Scheunen, Ställen und Werkstätten, Backhaus, Brauhaus bzw. Kelter, Spinn- und Webstuben, eventuell einem Fischteich. Wo möglich kommt dazu eine Wassermühle. Dort arbeiten Sklaven und Hörige. In den Werkstätten werden vor allem die Werkzeuge hergestellt und instandgehalten, die die Landwirtschaft braucht. Daneben gibt es die rein weiblich besetzten Textilwerkstätten, beim Hof Staffelsee in Bayern sind es 24 Frauen, die vor allem mit Leinen und Wolle arbeiten, und die bei großen Anwesen auch schon einmal Überschüsse für den Markt anbieten. Die Hörigen bzw. Sklaven, die ganz dort arbeiten, servi non casati, hausen in einfachen Hütten, oft mit ein wenig Gartenland versehen.


Dieser Hof (lat. curtis) mit gelegentlich um die 500 ha ist mit Palisaden oder bei ganz vornehmen einer Steinmauer und Türmen umgeben und befestigt. "Alles in allem gewinnen wir weniger den Eindruck eines Bauernhofes als vielmehr den eines kleinen Dorfes" (Leiverkus in LHL, S.173), allerdings eines, welches streng hierarchisch gegliedert ist.

 

Das übrige Land des Herrn wird unter den Karolingern in Mansen oder Hufen aufgeteilt, die so groß sind, dass sie eine Familie ernähren können, zwischen einem und 10 ha meist. Dort leben die Hufenbauern, die in völlig verschiedenen Verhältnissen von Freiheit oder Unfreiheit für ihre Selbstversorgung arbeiteten, zudem zeitweilig Arbeitsleistungen direkt für den Herrn erbringen und dann auch noch einen Teil ihres Ernteertrages abgeben müssen. Dazu kommen Abgaben zum Beispiel im Todesfall oder für die Erlaubnis einer Heirat mit jemandem außerhalb der Grundherrschaft. Diese Leistungen sind aber zunächst wohl gering im Vergleich mit den verheerenden Auswirkungen des Kriegsdienstes freier Bauern: lange Abwesenheit von Haus und Hof, Verletzungen und Verstümmelungen, Tod.

 

Ziel der gesamten Grundherrschaft ist aber insbesondere als Villifikation eine Art Autarkie, komplette Selbstversorgung für einen abgeschlossenen Bereich.

 

Daneben entwickelt sich jene Gutsverfassung, bei der sich der Herrenhof auf das Eintreiben von Abgaben mehr oder weniger Unfreier vorwiegend wohl in Form von Naturalien, aber vielleicht zum kleinen Teil auch schon in barer Münze beschränkt. Solche Hof-Ordnungen entstehen bis in die Frühzeit des hohen Mittelalters.Wenn es dann kaum unmittelbares Herrenland gibt, fallen auch die Frondienste weg, stattdessen werden im Süden Westfranziens und in Italien rund 10% der Ernte als taxa abgegeben. Der Eigentümer wird so zum Grundrentner von der Sorte, die dazu neigt, diese Einnahmen auf den Markt zu werfen und zu Geld zu machen.

In Burgund wiederum sollen Höfe bis ins 10. Jahrhundert noch vorwiegend "von zentral wohnenden" Sklaven bewirtschaftet worden sein. (Gilomen, S. 35)

 

Besonders mächtige Grundherren besitzen mehrere, manchmal zwanzig oder mehr solche Herrenhöfe mit Hufenland, die weit verstreut liegen können. Der am Rhein liegende Hof Friemersheim des Klosters Werden hatte Salland, unmittelbares Herrenland bei fünf Ortschaften, gut 122 Hufen in zwanzig Orten. An der Spitze solcher Fronhöfe steht dann ein villicus oder maior, der den Komplex für den Herrn verwaltet. Ein solcher Verwalter ist ein minister, ein selbst abhängiger Dienstmann. Aus solchen Leuten wird sich ländliche Ministerialität entwickeln.

 

Schon in der Merowingerzeit kam es zu großem Grundbesitz. "Aus den Testament des Bischofs Bertechramnus von Le Mans aus dem Jahr 616 geht hervor, dass sein Besitz mehr als 300 000 Hektar Grund und Boden umfasste."

Über den Umfang des Grundbesitzes eines wohlhabenden weltlichen Herren erfahren wir aus der Zeit Karls d.Gr. dadurch, dass ein königlicher fidelis Otakar aus dem Wormsgau mit seiner Gemahlin Hruodswind (vielleicht, weil sie nur eine Tochter haben) nach und nach zumindest große Teile davon verschenken: An das Kloster Fulda geht 754 ein Wingert bei Wackernheim, 772 erhalten "die Mönche außerdem einen Herrenhof mitsamt einem Haus, das er selbst bewohnte, dazu die Hälfte seines Eigentums, das er in Wackernheim von seinen Eltern geerbt oder zwischenzeitlich hinzuerworben hatte, sowie die Hälfte seines Gutes in Saulheim." Allerdings alles erst nach dem Tode beider und ihrer Tochter. 774 gehen an Fulda unter derselben Bedingung "in Wackernheim eine weitere Hofstelle mitsamt Haus, einem Weingarten, einer Wiese und vier Unfreien". 775 gehen "die Hälfte von zwei Tagwerken Land" an eine zu Fulda gehörende Kirche in Bretzenheim. Dazu besitzen sie noch weitere Ländereien. (alles in und laut Patzold, S.29f). Dazu kommen jene beneficia an vier Orten, die nach dem Tode an den König zurückfallen, der offensichtlich der Bitte entspricht, sie dem Kloster Fulda zu schenken. "Allein in Mainz umfasste das beneficium 25 Hofstellen, 56 Unfreie und 16 Liten ("Halbfreie"), außerdem mehrere Weinberge." (s.o.). 

 

Nur zufällig ist etwas vom Umfang der geistlicher Grundherrschaften überliefert, wie vom Bistum Augsburg, dass es um 810 etwa "1427 besetzte und 80 unbesetzte Hufen" besäße (Rösener in: Römer und Barbaren, S.285).

Einen überschaubar großen Fronhof bekommen wir zur Zeit Karls d.Gr. im Urbar, dem Besitz- und Leistungsverzeichnis des Klosters Saint-Germain-des-Prés bei Paris laut dem unvollständigen Polyptichon des Abtes Irmino mit:

Das Kloster hat in Nuviliacus eine Herrenhufe mit reichlichen Nebengebäuden. Es hat dort zehn kleine Felder mit 40 Gewannen, darauf können 200 Scheffel Hafer gesät werden; Wiese neun Joch, von denen an Heu zehn Karren geerntet werden können. Es hat dort an Wald schätzungsweise drei Meilen in der Länge, in der Breite eine Meile, in dem 800 Schweine gemästet werden können. (...) Der Knecht Electeus und seine Frau, die Kolonin Landina, Eigenleute von Saint-Germain, bleiben in Nuviliacus, Er hat eine halbe Hufe, bestehend aus Ackerland sechs Gewann, aus Wiese ein halbes Joch. Er pflügt bei der Winterbestellung vier Ruten, bei der Frühjahrsbestellung 13. Er fährt Mist auf das Herrenfeld und tut und zahlt sonst nichts, wegen des Dienstes, den er dort übernimmt. (...) Es gibt in Nuviliacus sechseinhalb besetzte Hufen, die andere halbe ist unbesetzt. An Feuerstellen sind es 16. Sie erbringen für die Heeressteuer zwölf Hammel, für Kopfzins fünf Schilling vier Pfennig; 48 Hühner, 160 Eier, 600 Bretter und ebenso viele Schindeln, 54 Dauben und ebenso viele Reifen, 72 Fackeln. Sie machen zwei Weinfuhren und zweieinhalb Bretterfuhren im Mai, und einen halben Ochsen. (in: LHL, S.174)

 

Neben Dienst- und Sachleistungen ist also auch Geld zu erbringen, was bedeutet, dass die Hufenbauern Überschüsse auf dem Markt verkaufen müssen. Eine Hufe von vielleicht 14 ha konnte so im besten Falle auch einen geringen (relativen) Wohlstand erwirtschaften, wenn der Herr seinem Bauern nicht zu viel abpresste.

Und  so besitzt die Abtei Saint-Germain-des-Prés"  "mehr als 30 000 Hektar Land", was etwa 2 000 Bauernstellen entspricht. (alles Gilomen, S.35) Abteien auch östlich des Rheins können inzwischen sogar  ein Vielfaches davon besitzen.

 

Rechtlich bleiben freie Bauern, die sich in eine Grundherrschaft begeben und dort auch ihr Land einbringen, in gewissem Sinne Freie, im Unterschied zu den Hörigen des Herrenhofes. "... sie bleiben dem jeweiligen Grafen und natürlich dem König untergeordnet. Sie sind rechtlich frei, vom Grundherrn jedoch abhängig, denn er hat die niedere Gerichtsbarkeit und die Polizeigewalt über alle Angehörigen seiner Grundherrschaft." (Leiverkus in LHL, S.176)

 

Ein eigener Begriff für fast alle, nämlich die produktiv tätige Landbevölkerung, existiert zunächst nicht. Im 11. Jahrhundert wird dann in deutschen Landen gebure, der Nachbar oder Mitbewohner, langsam immer mehr auf die „Bauern“ eingegrenzt. Das hat etwas mit jener Reflektion ständischer Gliederung zu tun, in der diese erst zugleich aus den Eigentums- und Machtverhältnissen entsteht. Weinfurter spricht vom neuen "Schema von der funktionellen Einteilung der Gesellschaft". War die frühmittelalterliche Ordnung zunächst eine von Laien, Klerus und Mönchen gewesen, so werden nun "Klerus und Mönche (...) in einer Gruppe zusammengefasst, die Laien dagegen in zwei neue Gruppen aufgeteilt. (...) Das Entscheidende daran aber ist, dass diese neue Gliederung keine biblischen Grundlagen mehr hat." (WGeschichte, S. 72) Ergänzen ließe sich, dass es sich um eine Abwertung des Mönchtums als eigentlichem Weg zum Heil handelt, d.h. um eine Aufwertung des Priestertums, um das also, was in Papst Gregor VII. kulminieren wird.

 

Dabei werden die Bauern zunächst von den milites abgegrenzt, indem sie in Unfreiheit keine Waffen mehr tragen können. Im Lateinischen sind sie nun die laboratores, daneben gibt es notdürftige Versuche, den altrömischen agricola oder rusticus ins entstehende Mittelhochdeutsche zu übersetzen. Später werden von ihnen die cives ausgegrenzt, deren wesentliches Kennzeichen nicht mehr labor, sondern ihr Rechtsstatus ist.

 

Ganz unten in der neuen Hierarchie, deren Vorläufer schon von allen Autoren der Karolingerzeit als „Ordnung“ verstanden wurde, als Frieden und Sicherheit gewährende ordo, verschwinden unabhängig-"freie" Bauern in die entstehende Grundherrschaft, um dem Kriegsdienst und anderen Verpflichtungen wie dem Erscheinen bei Gerichtstagen zu entgehen, aber vermutlich auch aufgrund von Druck von seiten der Herren. Dabei vermischen sie sich statusmäßig und rechtlich ganz langsam immer mehr mit den Knechten und Sklaven des Grundherrn, die dieser in der Grundherrschaft nun manchmal so einsetzt wie die ehemals freien Bauern.

 

In den zwanziger Jahren des 11. Jahrhunderts hatte der Bischof Adalbero von Laon in seinem Rotbertlied ein solches Schema erstellt, in dem die laboratores identisch sind mit den servi. Arbeit ist Dienst an den Höhergestellten. Er ist naturgegeben, d.h. von Gott gewollt, denn wie anders sollten Klerus, Mönche und Krieger ansonsten ihre Aufgaben erfüllen.

Der Bischof war sich der Tatsache bewusst, dass die Arbeiter das schlechteste Los erwischt hatten, die Verbindung von Mühen und Unfreiheit: Aber die Tränen und Klagen der Arbeiter sind grenzenlos. Hier an wie an wenigen Stellen wird deutlich, dass die Landbevölkerung ihr Los nicht immer klaglos hinnahm: Sie wird alles daransetzen, es zu verändern, was aber erst auf dem Weg in den Kapitalismus gelingen wird.

 

Zu vermuten ist, dass die meisten Menschen dieser abhängigen bis unfreien Landbevölkerung am absoluten Existenzminimum leben. Und so lässt denn Karl auch verkünden: Wer ein Lehen von uns innehat, soll eindringlich mit Gottes Hilfe dafür Sorge tragen, dass kein dem Lehen zugeordneter Knecht Hungers sterbe; was den Eigenbedarf für seine Leute übersteigt, soll er wie geboten verkaufen. (in Fried, S.230)

 

Die einfache Feldwechsel-Bewirtschaftung, die Ackerland zur Erholung der Böden für Jahre in Brache liegen ließ, also sehr extensiv ist,  genügt oft bestenfalls für die Subsistenz, das Überleben, wobei jede Naturkatastrophe selbst das in Frage stellte. Dazu kommen Epidemien und der bis tief ins 11. Jahrhundert anhaltende Alltag von Fehden und Kriegen. Subsistenz beinhaltet das täglich Brot des Vaterunsers, wenig Fisch und Fleisch, zur Eigennutzung angebaute Salate, Gemüsesorten und Obst. Dazu gehörten einfachste Häuser aus Holz, zunächst  auf dem zu bebauenden Land, wo oft in einem Raum gewohnt, gearbeitet und geschlafen wird, und wo unter dem selben Dach auch das wenige Vieh untergebracht ist. 

Das bäuerliche Leben ist Arbeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, und nicht nur auf den Feldern. Bauern sind bis tief ins frühe Mittelalter Selbstversorger mit fast allem. Sie backen ihr Brot aus ihrem Getreide, sie brauen ihr Bier daraus. Das Zugvieh muss versorgt werden, das Milchvieh, die Hühner. Die Frauen sind für die Kleiderproduktion von der Wolle, dem Hanf bzw. Flachs an zuständig und natürlich für kochen, waschen und putzen - und die Kleinkinder, die noch nicht mitarbeiten können.

 

Der Ackerbau ist zunächst extensive und knochenharte Zweifelderwirtschaft, wobei Ochsen Hakenpflüge ziehen, die in die Erde gedrückt werden müssen und manchmal vorne auch Räder besitzen (die carrucae). Erste Beetpflüge, die die Schollen umwenden, kommen lokal an wenigen Orten Mitteleuropas auf, Neuerfindungen, die vermutlich zunächst auch sehr teuer sind.Ähnlich vereinzelt taucht der Hufeisenbeschlag und das Kummet für Pferde auf, die dann zu effektiveren Zugtieren werden können.

Intensivierung entwickelt sich sehr langsam, dafür beginnt zwischen dem 7. und 9. Jahrhundert jene Extensivierung vor allem durch Rodung, in der einzelne große Waldgebiete zu Resten in einer immer agrarischer geprägten Landschaft verschwinden - und mit ihnen immer mehr Tierarten. 

Neben der Selbstversorgung mit Getreide, aus dem unter anderem Breis gemacht werden, gibt es auch den Anbau von Gemüse und Salaten, die schneller verderblich vermutlich zunächst weniger auf Märkte gelangen. Für den Markt wichtiger wird der Weinbau, den vor allem die Kirchen vorantreiben. "Das Aachener Konzil von 816 bestimmte, an jedem Dom sei ein Kanonikerkolleg einzurichten, zu dessen Pflichten u.a. auch die Pflanzung und der Unterhalt eines Weinbergs gehörte." (Gilomen, S.41) Es gibt Schätzungen, nach denen sich der Anbau von Wein in Mitteleuropa in den Jahrhunderten bis ins 10. etwa verzehnfacht.

Wein ist auf Grund seiner relativen Haltbarkeit ein wichtiges Handelsgut, auch für den Fernhandel geeignet. Viele Wingerte werden zwecks Delegierung der saisonalen Arbeiten und ihrer Organisation an Bauern verpachtet, und die Pacht wird dann in Wein bezahlt.

Für die Ernährung der Unterschichten spielt Fleisch offenbar eine immer geringere Rolle, und Jagd und Fischfang werden von der Herrenschicht imemr mehr monopolisiert. Rinder sind vor allem Zugtiere und Milchlieferanten und Schafe werden mindestens zur Hälfte zur Woll- und Milchproduktion gehalten.

 

Für die Unterschicht der übrigbleibenden freien Bauern und die Knechte ihrer Herren bedeutet das Mangelwirtschaft, Abhängigkeit von der Qualität der Ernten, vom Wetter und vom Erfolg von Nahrungskonkurrenten. Periodische Hungersnöte auf regionaler Ebene und manchmal sogar in einem großen Teil Europas sind die Folge.

 

Grundherren können auch Bergwerks- oder Salinenbesitzer sein. Aber der Kern ihres Reichtums ist meist die Bearbeitung des Bodens, die Viehzucht und die Nutzung des Waldes. Indem sie später auf ihrem Grund Mühlen bauen lassen, Backstuben und Braustuben, wird jeder, der sie benutzen will, abgabenpflichtig.

 

In der ländlichen Grundherrschaft, in der die allermeisten Menschen damals leben, steht neben dem Bezug zum Herrn auch der zum Diener des höchsten Herrn, dem Priester. In dem fränkischen Eigenkirchen“system“ war der Stifter und Erbauer der Kirche auch der, der den Priester bestellte. In den Anfängen war das billigerweise oft einer seiner Knechte, dessen Vorbildung und geistlicher Lebenswandel vermutlich sehr zu wünschen übrig ließen. Der große Karl fordert, die Qualität der Priester zu heben, die Erfolge treten aber, wo überhaupt, erst Jahrhunderte später ein.


Die Verbindung von Grundherrschaft und Eigenkirche tendiert dazu, priesterliche Aktivitäten und kirchliches Leben auf den Grundherrn hin zu orientieren. In den vielen kirchlichen Festivitäten entwickelt sich aber ein eigenständiges Gemeindeleben. Dieses verbindet sich später mit gemeinsamen Verabredungen für die Landarbeit und anderes.

 

Erhalten ist aus der Zeit Karls d.Gr. das Urbar, also Gesamtverzeichnis eines augsburgisch-bischöflichen Hofes in Staffelsee mit der Michaelskirche. Die Kirche selbst ist eine Art Schatzkammer: der Altar mit Gold und Silber geschmückt, fünf vergoldete Reliquienkapseln mit durchscheinenden Edelsteinen und Kristallen verziert, dazu eine kupferne teilvergoldete, ein Reliquienkreuz aus vergoldetem Blattsilber mit einem Riegel, ein zweites kleines Reliquienkreuz aus Gold und Glas, ein größeres Kreuz aus Gold und Silber mit durchscheinenden Edelsteinen. Es hängt über dem Altar eine teilvergoldete silberne Krone.

Dann finden wir dort den Herrenhof und das Haus mit den übrigen Bauten, die zur Kirche gehören. Dem Hof sind zugeordnet 740 Joch Pflugland, Wiesen, die 610 Fuder Heu einbringen können. Von der Ernte fanden wir bloß die 30 Fuder, die wir an die 72 Pfründner gaben, (...) weiter ein zugerittenes Ross, 26 Ochsen, 20 Kühe, 1 Stier, 61 Stück Kleinvieh, 5 Kälber, 87 Schafe, 14 Lämmer, 17 Hammel, 58 Ziegen, 12 Böcklein, 40 Schweine, 50 Ferkel, 63 Gänse, 50 Küken.

Vorhanden ist ferner ein genitium mit 24 Frauen, die an Webstühlen arbeiten, Gebäude für andere vom Herrn abhängige Handwerker und die Hütten der den unmittelbaren Bereich des Herrenlandes bestellenden Landarbeiter.

Soweit das Herrenland, dazu kommen 23 Hufe, auf denen freie Bauern sitzen, von denen ein Teil gelegentlich Botendienste zu leisten und die Hälfte Kriegsdienste zu leisten hat. 19 Hufen sind mit mehr oder weniger unfreien Knechten besetzt, die drei der sechs Werktage Frondienste leisten müssen und deren Frauen ein Leinenhemd oder Stoff abzuliefern hatten. Insgesamt umfasst die Grundherrschaft zwischen 200 und 300 Menschen. (Alles nach Fried, S.220ff)

 

Eine andere Größenordnung hat das von Königsboten 787 untersuchte Kloster Fontenelle in der Normandie (St.Wandrille, in den 'Gesta' der heiligen Väter dort aufgehoben), wobei die Mansen für die Hufen stehen:

Dies ist die Summe der Besitzungen dieses Klosters, die auf Befehl des unbesiegbaren Königs Karl aufgenommen wurde von dem Abt Landricus von Jumièges und dem Grafen Richard im 20. Jahr seines Königtums, dem Jahr des Todes des Abtes Wido. Zunächst das, was zum persönlichen Gebrauch der Mönche und zu ihrem Unterhalt zu gehören scheint: 1326 ungeteilte Mansen, 238 halbe Mansen, 18 Handwerkermansen, zusammen 1569, unbewirtschaftet 158 Mansen; sie haben 24 Mühlen.

Zur Versorgung der Mönche dienten knapp zwei Fünftel, der Rest stand dem Abt auch und vor allem für seinen Dienst am König zu. (alles in und nach Fried, S.363)

 

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Die Hufenbauern eines Herrn konnten sich ein Stück weit als Dorfgemeinschaft fühlen, wenn sie alle auf denselben Herrn und seine Kirche fixiert waren. Das konnten dann 20 oder 200 Menschen sein. Ein Vorläufer des Dorfes konnte aber auch aus Abhängigen mehrerer Herren bestehen. Dann schuf immerhin noch die gemeinsame Nutzung der Allmende von Wald und Weideland Gemeinschaft. Stärker verflochten wird das (Arbeits)Leben seit der Karolingerzeit duch die Einführung der Dreifelderwirtschaft, die allerdings bis ins hohe Mittelalter nicht überall auftritt. Dabei wird das gesamte (nun auf jeden Fall dörfliche) Feld in der Regel durch Gebot eines großen Grundherrn in drei Fluren aufgeteilt, von denen eine Wintergetreide, eine Sommergetreide enthält und eine brachliegt. Entsprechend erhalten die Hufenbauern dann von jeder Flur ihren Anteil. Absprachen werden nun nötig. Bauernhöfe siedeln enger zusammen.

 

Zentrale Punkte bäuerlichen Lebens sind der Herrenhof und die ebenfalls aus Holz gebaute (Dorf)Kirche, die recht weit entfernt sein konnte. Der Grad der „Christianisierung“, also der förmlichen Unterwerfung unter die Kirche, bleibt umso geringer, je weiter man sich von dem dauerhaft in der Antike romanisierten Gebiet und den Städten entfernt. Christianisierung ist dabei zugleich Zivilisierung als domestizierende Unterwerfung unter die weltlichen Mächte, die Hand in Hand mit der geistlichen Macht einherkamen. 

 

Die Menschen auf dem Lande können weder lesen noch schreiben und haben so keinen Zugang zu den heiligen Schriften einer an sich auf Schriftlichkeit basierenden Religion. Die evangelikalen Ideale von Armut und Friedfertigkeit übersetzen sich für sie in bedingungslose Unterwerfung unter ihre Herren, deren Position gottgewollt ist, wie ihnen beigebracht wird, und erzwungene Armut. Die von den wenigen beleseneren Mönchen und Weltgeistlichen vertretenen religiösen Positionen dringen nicht zu ihnen vor. Verständlich werden ihnen einmal die magischen Kräfte der Priesterschaft, jener Zauber, mit dem man versuchen konnte, die Natur gnädig zu stimmen oder Feinde abzuhalten.

Ansonsten vermischten sich vorchristlicher Volksglaube und der in den Evangelien schon für den vorderen Orient anklingende Glaube an Geister, Dämonen, Teufel usw. Tote stehen nachts aus den Gräbern auf und wandeln durch die Nacht. Man hört Geschichten von Begegnungen mit ihnen, von Ungeheuern in den Wäldern und der noch vorhandenen Wildnis, aber auch von guten Geistern, Feen usw.. Am Himmel und auf Erden gibt es Vorzeichen, die Unheil ankündigen, wie sie selbst Thietmar, der Bischof von Merseburg, noch aufzählt.

 

Daneben besteht Christentum aus biblischen Geschichten, die zu den vorchristlichen Geschichten hinzukommen und sich mit ihnen vermengen: Adam und Eva, Kain und Abel, Noah, Abraham usw. Aber auch die Heldentaten tapferer (jüdischer) Helden, die als Herrscher zu Vorläufern der meist weit entfernten neuartigen Fürsten werden.

 

Der dreifaltige Kriegs-Gott, ein drohender und strafender Gott, ist weit weg und nicht wirklich verständlich. Wichtiger wird die Heerschar der Heiligen, die weithin an seine Stelle treten, und die man sich in Menschengestalt vorstellen konnte und durfte. Irgendwie gelangten diese Heiligen zur Engelsschar in der Umgebung des Herrscher- und Kriegergottes, haben an seiner Macht teil und können Wunderbares bewirken.

 

Immerhin beschert das Christentum arbeitsfreie Tage, allerdings mit der Pflicht zum Kirchgang und mit Abgaben verbunden. Neben den allgemeinen Kirchenfesten des jesuanischen Jahres zwischen Geburt, Himmelfahrt und Pfingsten, die längst ergänzt sind durch das marianische Jahr, in das zahlreiche eigentlich von der Kirche nicht anerkannte Marienlegenden eingehen, daneben also ist jeder Tag wenigstens einem oder einer Heiligen gewidmet, denen eben auch die jeweilige Kirche geweiht ist. Die kirchlich bestimmten Feste haben neben dem zeremoniellen und rituellen Teil einen sehr weltlichen: Man trifft sich und feiert miteinander und vergisst dabei vermutlich des öfteren schnell den religiösen Anlass.

 

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Dem Leben dieser Landbevölkerung scheint es ebenso an Friedfertigkeit zu mangeln wie dem unter den Herren. Ein frühes Dokument ist die doppelte Urkunde für das Bistum Worms und das Kloster Lorsch 1023 durch Kaiser Heinrich II. Da ist die Rede von „heftigen Kämpfen“ zwischen den Hörigen beider Seiten. „Unzähligen Leuten hätten sie schon das Leben gekostet. Hofbauern der einen Seite überfielen mit großem Gefolge Bauern der anderen in wechselseitigen Raub- und Rachezügen: fehdeartige Auseinandersetzungen … tobten auch im bäuerlichen Milieu, und zwar nicht nur zwischen Angehörigen verschiedener Grundherrschaften, sondern auch innerhalb der einzelnen Grundherrschaftsverbände selbst.“ (Keller, S. 43)

 

Der betroffene Bischof Burchard von Worms gibt dem Verband seiner eigenen Hörigen in derselben Zeit (um 1023) eine Art Rechtserklärung, (lex familiae Wormatiensis eclesiae), die unter anderem die Willkür der Verwalter des Bischofs über die miseri et pauperes, die Elenden und Armen, einschränken soll. „Von den inneren Verhältnissen der familia hören wir zum Schluss, dass Totschlag fast täglich geschehe, dass allein im Jahr zuvor 35 Hörige der Kirche von Hörigen der Kirche erschlagen worden seien und dass die Totschläger sich hochmütig der Untat brüsteten und keinerlei Buße getan hätten. Gegen solche Missstände soll mit körperlicher Bestrafung der Beteiligten und Brandmarkung der Anführer vorgegangen werden. Aber das Grundanliegen der (…) Bestimmungen ist die reconciliatio: die Verwandtschaft des Täters muss zur compositio bereit sein und der Verwandtschaft des Getöteten Frieden garantieren, während diese (…) dazu gebracht werden muss, das Friedensangebot anzunehmen und ihrerseits der Verwandtschaft des Täters firmam et perpertuam pacem (sicheren und dauerhaften Frieden) zu geloben.“ (Keller, S. 43)

 

 

4. Hochadel: Das Beispiel Sachsen

 

Für die nicht romanisierten Gebiete unter neuer Herrschaft bieten sich für die Entwickliung eines Adels die späteren germanischen Völkerschaften, welche fränkische Herrscher eroberten und unterjochten, wie die Sachsen, an, und ebenfalls die noch später christianisierten und dabei zivilisierten Völkerschaften Skandinaviens. Nur ist aufgrund fehlender Schriftlichkeit dort die Übergangsphase kaum und nur durch die (feindseligen) Eroberer und die sich etablierenden neuen Machthaber dort dokumentiert, was erneute Schwierigkeiten bietet.

 

Die Kulturen sächsischer Volksgruppen lassen sich aber noch dadurch erahnen, dass bei ihnen die Erinnerung an eine spezifische (ethnisch verstandene) „Freiheit“ bis ins hohe Mittelalter bei manchen wach blieb, was sich in regelmäßigen massiven Widerständen gegen die Könige äußerte, die sie mit Gewaltmaßnahmen und brutalen Strukturveränderungen unter ihre Botmäßigkeit zu bringen versuchten. Als zweites Erbe aus ihrer Phase ethnischer Kulturen formulieren Leute nur in Sachsen noch ein anderswo so schon massiv unterdrücktes Bestehen auf Recht, welches auf ethnischer Tradition beruht und nicht auf sich institutionalisierenden Machtverhältnissen. Zwar wird das in der Regel bereits von dem schon von den Karolingern eingerichteten neuartigen Adel artikuliert, aber darunter ist gelegentlich bäuerlicher Widerstand wahrnehmbar, der für die Könige, selbst die aus sächsischem Hochadel, im Bündnis mit der Kriegerschicht besonders bedrohlich werden kann.

Solches dokumentiert mehr als eine andere Quelle das Geschichts- und Geschichtenbuch des Widukind von Corvey, in dem von Anfang bis Ende völkisch fundierter Sachsenstolz durchschimmert. Dazu gehört die zum Teil legendär gehaltene Frühgeschichte der Sippschaft der Billunger, selbst durch die fränkische Eroberung und Überfremdung hochgekommen, in das merkwürdige Christentum eines germanischen Kriegeradels eingebunden, aber dennoch nur partiell und gelegentlich widerwillig mit den neuen Machtverhältnissen verklammert, die den Edelfreien gelegentlich einen Teil ihrer Würde und ihres Stolzes rauben.

 

Dabei ist dieser neue sächsische Adel nur durch jene Privilegierung entstanden, die mit Unterordnung unter das fremde regnum möglich wurde, um als dessen Herrschaftsinstrument zu dienen. Der Wendepunkt in der Zerstörung sächsischer Kultur war die mit brutaler Gewalt vollzogene Christianisierung, also Unterwerfung unter die Kirche, die auch mit Hilfe dieser Überläufer zu den militärisch Mächtigeren stattfand, und die diesen neuen Adel von fränkischen Gnaden erst hervorbringt.

 

Nach Unterwerfung unter die von den Franken als Unterdrückungsinstrument benutzte Kirche wird tatsächliche Christianisierung noch Jahrhunderte dauern und beim neuen Krieger-Adel vor allem Anerkennung eines neuen Kriegsgottes bedeuten, dem man nun Kirchen und Klöster und ihre Ausstattung als Opfergaben darbringt. Von diesen wird dann die innere Unterwerfung der Sachsen ausgehen. Neu ist dabei vor allem die Drohung mit schlimmstem Unheil nach dem Tode, wichtigstes Motiv für die Unterwerfung unter die Kirche. 

 

Die Familie des älteren Wichmann steigt unter den sächsischen Königen und Kaisern durch Eheschließungen und wachsenden Großgrundbesitz mit abhängig gemachten Bearbeitern des Landes bis zu Verwandtschaftsbeziehungen mit dem Königshaus auf. Da die Könige bzw. Kaiser selbst Sachsen sind, entwickelt sich dort kein sogenanntes Stammesherzogtum als eine Art Unter-Regnum, sondern die Könige versuchen, das Land unter direkter Kontrolle zu halten. Aber die Sippe der Billunger wird zeitweilig von Teilen der Sachsen als authentische Führer angesehen. Sie werden Lüneburg und das zugehörige Kloster gründen, was nicht nur ein Bündnis mit dem vorgeschriebenen Kriegsgott bedeutet und darüber Ort des familiären (noch sehr germanisch aufgefassten) Totengedächtnisses, sondern im Zusammenhang damit auch den Ort, der Zentrum ihres Familienverbandes sein kann, bevor eine zentrale Burg auf dem Weg ins Hochmittelalter diese Rolle übernimmt.

 

Es gab kein Verfassungsdenken, welches seine Anfänge erst mit der Legalisierung eines Lehnswesens seit dem 11. Jahrhundert hat, und welches mit der gleichzeitigen Reformkirche im klerikalen Raum aufkommt. Damit gibt es bis dahin auch keine entsprechende Definition von Adel, dieser ist vielmehr aus Gewalttätigkeit, Sippenbildung und dem Sammeln von Grundbesitz zustande gekommen, und von oben durch Privilegierung und Einheirat. Adel entwickelt sich aus großem Grundbesitz, aus sogenannter Grundherrschaft, wie die Historiker das genannt haben, aus einem durch Privilegierungen erweiterten und durch Dienste in persönlichen Bindungen wiederum eingeschränkten Freiheitsbegriff und aus einer all das überliefernden Familientradition. Solcher Adel ist vererbbar. Einen Familiennamen gibt es noch nicht, aber bestimmte Namen, die in der Sippe tradiert wurden, wie Liudolf, Heinrich und Otto bei den Liudolfinger/Ottonen oder Wichmann und Hermann bei den Billungern.

 

Die wichtigsten ethischen Werte sind Ehre und Stolz, die nicht nur zusammengehören, sondern sich auch durch Erfolg im Kampf und bei der Anhäufung von Reichtümern als Schätzen erweisen. Dazu kommen Heiratsverbindungen, die Machtvergrößerung bedeuten, was Adel de facto, wenn auch noch nicht de iure nach unten abschließt. Unten, das ist dann Unfreiheit und Minderwertigkeit.

 

Ehre und Stolz sind ohne ein gewisses Maß an handfester Freiheit nicht möglich, und diese kann nur darin bestehen, dass Adel seine Angelegenheiten weitestmöglich selbst regelt. Wenn also jemand eigenes Recht durch edle Konkurrenten bedroht sieht, oder aber durch den König selbst, dann kann er auf dem Anspruch bestehen, sich zu wehren, indem er zur Fehde übergeht, sich also sein Recht erkämpft. Ein Widerstandsrecht nimmt der Adel gelegentlich auch gegenüber dem König oder einem dazwischen angesiedelten Fürsten in Anspruch. Solche Herrscher sind oft so klug, nach Sieg über den Widerborstigen ihn nicht rechtlich zu verfolgen oder dauerhaft zu enteignen, sondern ihm nach Unterwerfung zu verzeihen bzw, ihn nach einer Weile wieder in die eigene Huld aufzunehmen.

 

937 kommt es zu einem Aufstand Thankmars, des Halbbruders Ottos I., und anderer sächsischer Großer gegen den König. Dieser überträgt die Führung des königlichen Heeres nun nicht an den mächtigen und ehrgeizigen Sachsen Wichmann, sondern an dessen jüngeren Bruder Herrmann (Billung). Wichmann unterstützt darauf zunächst die Aufständischen gegen seinen Bruder und den König, merkt aber wohl bald, wo die stärkeren Battalione versammelt sind. Thankmar wird am Ende erschlagen. Wichmann wird vom König wohl stillschweigend eine Art Widerstandsrecht gegen Entscheidungen des Königs zugestanden, die er für ungerecht oder unangemessen hält, denn ihm wird verziehen.

 

Eine knappe Generation später, 953, wendet sich Ottos Sohn Liudolf, Herzog von Schwaben, zusammen mit seinem Schwager, dem Herzog von Lothringen, gegen seinen Vater. Höchster Adel wendet sich gegen die immer stärkere Unterordnung unter den Herrscher. Hermann (Billung) ist inzwischen die wichtigste Stütze des Königs, und seine Neffen, Wichmann der Jüngere und Ekbert, verweigern, die Gelegenheit nutzend, Otto nun auf wohl recht hinterhältige Weise die Unterstützung. Sie werfen dabei dem Onkel vor, sie um Erbe und Macht durch sein Bündnis mit dem König ein Stück weit betrogen zu haben.

 

Hermann ist inzwischen längst wichtiger Markgraf im Osten und einer der mächtigsten Freunde des Königs. Also verurteilt ein königliches Gericht zumindest den jüngeren Wichmann zu einer Art ehrenhafter Haft. Er flieht, verbündet sich wieder mit seinem Bruder, ihr erneuter Aufstandsversuch wird aber vom Onkel niedergeschlagen. Wichmann der Jüngere ist von nun an unentwegt auf der Flucht, mal führt er eine Gruppe Slawen gegen das neue "frankisierte" Sachsen an, mal ist er bei dänischen, mal bei französischen Feinden des Königs. Manchmal führt er auch Wenden gegen den polnischen Herrscher, ihren Feind auf der anderen Seite. Er wähnt das Recht, die Freiheitsliebe und die Ehre dabei immer auf seiner Seite.

 

Wäre alles anders gekommen, wenn der König Wichmanns Vater statt dessen Bruder ausgewählt und bevorzugt hätte? Möglicherweise schon, aber vielleicht wäre dann auch die andere Seite aufständisch geworden. Der sächsische Adel fränkischer Art vertritt dabei für sich selbst manchmal alte sächsische Freiheit, bezieht diese aber nur auf die eigene Person und arbeitet dabei zugleich an der Verbreiterung von Unfreiheit unter der produktiven Bevölkerung, aus der er seinen neuen Reichtum bezieht.

 

Zivilisierung heißt hier Ambivalenzen herstellen und dann nicht mehr wahrzunehmen bzw. die Wahrnehmung mit allen Mitteln zu verhindern, wozu auch Religion und Kirche dienen. Die Entstehung des neuen Adels nach fränkischem Muster heißt, Unfreiheit nach unten herstellen und Freiheit nach oben verteidigen. Es heißt aber auch, von oben durch Dienste Privilegien ergattern und gegen Konkurrenten verteidigen, denn Adel entsteht auch in militanter Konkurrenz, die zugleich wirtschaftliche ist, die nämlich um Besitz und Reichtum.

 

Ehre, Freiheit und Kriegertum/Waffenbesitz gehören zusammen und sind alle drei auf Besitz gegründet, im wesentlichen Grundbesitz. Aus ihnen resultiert das archaischem Germanentum entspringende und unrömisch-vorzivilisatorische Recht zur Fehde, zum gewaltsamen Herstellen von Recht aufgrund hergebrachter und tief verwurzelter Vorstellungen. Diese geben zuweilen Anlass zu unterschiedlicher Interpretation und dann müssen die Waffen sprechen. Dem Sieger gebürt es, stolz zu sein, der Verlierer ist gedemütigt, körperlich verletzt oder tot. In diesem Punkt ändern sich die spätantiken Verhältnisse grundlegend.

 

Nobilitas und militia  sind Herren nach unten und sie möchten von oben ebenfalls so wahrgenommen werden, nicht nur von Gleichgestellten. Im Fehderecht als Herrenrecht fechten sie ihre Rechtsstreitigkeiten aus. Gemeinsamkeit besitzen sie in der Unterstellung unter denselben König bzw. Fürst.  

Im den fränkischen Reichen wird es im 10./11. Jahrundert analog zur Monarchie üblicher, dass nur einer die Macht erbt. Andere werden als Kinder ins Kloster gesteckt oder zum Weltklerus gegeben. Wo das versäumt wird, müssen edelfreie Jungs sich durchschlagen. Mädchen werden früh verlobt und dann verheiratet und so aus einer Hand in eine andere gegeben. Das ist als Übergang von der cognatischen zur agnatischen Familie bezeichnet worden.

 

Der frühmittelalterliche Aufstieg der Vasallen mit großer Grundherrschaft verbindet diese mit dem Amtsadel als Träger von honores. Die Verbindung von Vasallität und größerem Beneficium tendiert zunehmend zur Erblichkeit dessen, was zukünftig einmal im Deutschen als "Lehen" fixiert werden wird. Dabei wird das Eigengut (Allod) des Vasallen mit dem Lehen zunehmend verbunden, und dieses wird zur Grundlage von Adelsherrschaft. Der vassus wird dabei begrifflich durch den miles ersetzbar und immer häufiger ersetzt. Aus diesem wird dann im 11./12. Jh. die Ritterschaft hervorgehen, die allerdings nie mit "Adel" deckungsgleich ist. Aber im 12. Jahrhundert werden die wohlhabenderen Adeligen zu Rittern, und über ihnen ebenfalls die Fürsten und Könige.

Auf diese Weise trennen sich die Miles von den nicht mehr für den Krieg zuständigen rustici. Als laboratores werden diese dann in den ersten literarisch-ständischen Modellen von den miles (Kriegführenden) und den Betenden (oratores) abgetrennt werden.

 

Eine weitere Entwicklungslinie führt von der Infanterie, den Fußsoldaten, zur Reiterei. War diese unter Karl Martell und mehr noch unter Karl d. Gr. schon von Bedeutung, so steigt diese noch einmal unter dem römischen Sachsen-König Heinrich I. in der Auseinandersetzung mit den Reiterhorden der Ungarn. Im Laufe der Zeit werden unter milites nur noch schwer bewaffnete Reiterei verstanden, loricati, eine Entwicklung, die mit großem Tempo auch die Normannen in der Normandie vormachen.

 

Das reine Vasallenheer Ottos II. im Indiculus loricatorum von 981 besteht im Kern aus der Oberschicht der Panzerreiter, ergänzt durch leichte Reiterei. Für Fleckenstein spiegelt sich darin die Ambivalenz eines entstehenden neuen Adels: Er gehört in der militia zu den Vasallen, "steht aber gleichzeitig über ihnen, da er der Senior seiner Vasallen ist (…)." (S.53)

 

Töchter dienen ebenso wie Söhne zur Herstellung von Familienverbindungen im abendländischen Raum. So wie die Töchter des Großfürsten Jaroslaw von Kiew mit den Königen von Frankreich, Norwegen, Ungarn und Polen verheiratet werden, so Söhne und Töchter deutscher Adelsfamilien mit fürstlichen Familien in Ungarn, Böhmen, Polen, Dänemark oder Reichsitalien. Vor allen Dingen aber fühlt sich ein in der Karolingerzeit aufgestiegener Adel bis ins 11. Jahrhundert noch nicht an die Grenze zwischen West- und Ostreich gebunden. Man hat Besitzungen in beiden Reichen, heiratet über die "Grenze" hinweg und kann sich dabei zu wechselnden Loyalitäten verstehen. Erst danach findet eine Regionalisierung statt, die dann für besonders mächtige Familien in das späte Mittelalter hinein sich in den deutschen Landen in Territorialisierung verwandelt, während im Westen der Weg in dieser Zeit umgekehrt von der Zersplitterung zur vereinheitlichenden Monarchie führt - etwas, was die Normannen-Herrscher in England ab 1066 konsequent durchsetzen.

 

5. Hochadel: Das Beispiel der frühen Welfen

 

819 erfahren wir von einer zweiten Eheschließung Kaiser Ludwigs des Frommen mit einer Judith, von deren Familie bis dahin nichts Schriftliches überliefert ist. Der von den Historikern heute gelegentlich als Astronom bezeichnete zeitgenössische Geschichtsschreiber berichtet folgendermaßen:

Um diese Zeit dachte er auf Anraten seiner Vertrauten darüber nach, ob er eine neue Ehe schließen solle; manche waren nämlich besorgt, dass er die Regierung des Reiches niederlegen könnte. Doch, von ihnen gedrängt, tat er schließlich ihrem Willen Genüge, beschaute die von überall herbeigeführten Töchter der Vornehmen und nahm Judith, die Tochter des edlen Grafen Welpo, zur Gemahlin.

 

Damit tritt eine der mächtigen Familien der Karolingerzeit für uns heute ins Blickfeld, ohne dass wir viel davor über sie wissen. Der Trierer Thegan schreibt noch in seinem Tatenbericht Kaiser Ludwigs:

Im folgenden Jahr vermählte er sich mit der Tochter eines Herzogs Welf, der einer hochadeligen Familie der Bayern entstammte. Das Mädchen hieß Judith und gehörte von Seiten seiner Mutter Heilwig einem hochadeligen sächsischen Geschlecht an. (Beides so in Schneidmüller, S.45f)  

 

Bayern, Alemannien und das alte Kerngebiet Franziens sind vermutlich die Gegenden, in denen die Familie große Besitzungen hatte. Judiths Schwester Hemma wird Ludwig II. heiraten, ihr Bruder Konrad wird Schwager von Kaiser Lothar I. Heilwig wird Äbtissin des einflussreichen Klosters Chelles werden. 

 

Als Sohn Judiths und Ludwigs wird Karl II. in den folgenden Jahrzehnten zum Herrscher über den Westteil des Frankenreiches, im Sinne agnatischer Dynastiebildung wird er allerdings Karolinger und eben ein Erbe des großen Karl.

Die bürgerkriegsartigen Zustände im Reich Kaiser Ludwigs steigern die Macht der Adelsverbände, von denen die streitenden Parteien jeweils abhängig sind. An der Spitze kristallisiert sich ein Hochadel von principes heraus, deren führende Leute die regna der ostfränkischen Stammesverbände führen, während sie im Westen die Kontrolle von Regionen übernehmen, die als ehemalige Teile des Imperium Romanum nicht derart ethnisch definiert sind. 

 

Die welfischen Brüder Konrad und Rudolf können ihre durch Verwandtschaft gestärkten Beziehungen zu dem west- und ostfränkischen Königshof über alle Reichswirren hin erhalten und wohl dabei ihre Besitzungen ausbauen. Konrad gewinnt zu den alemannischen Besitzungen die Grafschaft Paris hinzu und taucht als Laienabt von St.Germain zu Auxerre auf, Rudolf mit Besitzungen in Alemannien und Rätien als Laienabt von Jumièges und St.Riquier..

 

Als 858-60 Adelsgruppen wie die Robertiner Ludwig II. ins Westreich rufen, unterstützen die Söhne Konrads und Roberts Karl den Kahlen und verlieren nach dessen Sieg ihren Einfluss im Ostreich. Zunächst steigt Hugo, wegen seiner Laienabt-Stellen auch Hugo Abbas genannt, am Hof Karls auf, bis er dann von Robert "dem Tapferen" verdrängt wird, und sie sich dem Lotharingien Lothars II. zuwenden.

Inzwischen beginnt der Adel mit dem Zerfall des Karolingerreiches sich stärker regional zu orientieren. West- und ostfränkische Welfen verlieren den Kontakt zueinander. Im Ostreich gab es wohl Vorfahren der dortigen Welfen in Alemannien und Bayern.

 

864 wird Konrad das Gebiet um Lausanne, Genf und Sitten von König Ludwig II verliehen mitsamt der Laienabtswürde für St.Maurice d'Agaune beim Großen Sankt Bernhard und dem Herzogstitel.

Hugo Abbas gelingt es bald darauf, mit Unterstützung Karls II das Erbe Roberts zwischen Loire und Seine mit den wichtigen Klöstern von Tours anzutreten. Unter den Nachfolgern Karls wird Hugo führender Großer, und als das Westreich geteilt wird, herrscht er de facto unter Karlmann über Aquitanien und das westfränkische Burgund. Mit seinem Tod 886 endet dann die westfränkische Welfengeschichte, die dort von den Robertinern mit Odo beerbt wird.

 

Konrads Sohn Rudolf führt das Herzogtum Hochburgund weiter. Zur Königskrönung des Welfen 888 schreibt Regino von Prüm: Um diese Zeit eroberte (…) Rudolf, Sohn Konrads und Neffe des Hugo Abbas, die provintia zwischen Jura und penninischen Alpen. Unter Beiziehung einer Adeliger und Priester setzte er sich selbst die Krone auf und befahl, dass er König genannt werde. Danach schickte er Gesandte durch ganz Lotharingien; durch Zureden und Versprechungen stimmte er den Sinn der Bischöfe und adeliger Männer zu seinen Gunsten. Als das Arnulf gemeldet wurde, fiel er sogleich mit einem Heer über ihn her. (nach Schneidmüller, S.76)

Aber es gelingt dem König des Ostreiches nicht, ihn in seinem Anspruch einzuschränken. Rudolf herrscht als König von Hochburgund, wie es Historiker später nennen, bis 912. Er kann dann gegen das alte Erbrecht mit seinen Teilungen die Nachfolge seines Erstgeborenen Rudolf durchsetzen.

 

Der Versuch Rudolfs II., sich stärker in Schwaben zu etablieren, scheitert zwar, aber es kommt durch die Heirat mit der Tochter des Schwabenherzogs Burchard zu einem Familienbündnis. Im selben Jahr 922 macht eine italienische Adelsgruppe Rudolf II. zum italienischen König. 924 wird sein Kontrahent Berengar ermordet, aber italienische Hochadelige unterstützen nun Hugo von Arles. Als Burchard nach Italien zieht, um dem Schwiegersohn auszuhelfen, wird er 926 erschlagen und Rudolf muss Hugo das Feld überlassen.

Darauf beginnt eine Phase der Bündnisse mit König Heinrich I., der Rudolfs alemannische Eroberungen südlich von Basel anerkennt. Den minderjährigen Sohn Konrad stellt König Otto I. nach dem Tod des Vaters unter seinen Schutz. Inzwischen hat Hugo von Arles Berta, die Witwe des (hoch)burgundischen Königs geheiratet und ihre Tochter Adelheid, Konrads Schwester, mit seinem Sohn Lothar verheiratet.

 

Währenddessen gibt es Mitte des 10. Jahrhunderts einen Bischof Konrad von Konstanz, der laut späterer welfischer Familiengeschichte einen Bruder namens Rudolf und einen namens Eticho oder Welf gehabt haben soll. Nachdem Rudolf in Altdorf bestattet wird, gibt es dort einen Kristalisationspunkt für Familiengeschichte, die nun agnatisch-dynastisch wird. Damit entwickelt sich ein neues Verständnis von Adel. Der Familienbesitz scheint sich auf ein Gebiet zwischen Bodensee und Ammer zu konzentrieren.