RITTER (12.Jh)

 

Ministeriale werden Ritter

Ritter

Jagd

Gewalt als Sport

Höfischkeit

Kaufkraft

Ritterorden

Gewalt, Macht und Herrschaft: Ein Exkurs (in Arbeit)

 

 

Ministeriale und Ritter

 

Erst noch unterhalb des Adels angesiedelt, treten Ministeriale in der Salierzeit mit Waffentragen und befestigtem Sitz in Konkurrenz zu ihm. Mit Pferd, Waffen und Rüstung so ausgestattet wie er, genügen sie einer ersten Definition von Ritterlichkeit. In dem Maße, indem sie mit insbesondere niederem Adel gleichziehen, bilden sie eine gemeinsame Kriegerschicht.

 

Besonders verdiente Ministeriale dürfen am Ende wie die von Bolanden nur noch zum Dienst als Truchsess, Mundschenk, Kämmerer, Marschall oder Oberjäger herangezogen werden. Als Ministerialen versehen sie nun "die Ansehen bringenden Hofämter, die bei besonders feierlichen Anlässen von den Vornehmsten der adeligen Vasallen wahrgenommen wurden."(KellerBegrenzung, S.270)

 

Am Hof, Seite an Seite mit dem edelfreien Adel, verschmelzen sie ein Stück weit mit dessen unterer Schicht, beide sind dann milites als Ritter, berittene Krieger, und ihr Standesethos nähert sich an.

 

Ein solcher Ritter bewirtschaftet in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts den Oberhof Borbeck des Klosters Essen und entschließt sich (wohl 1226) keine Abgaben mehr zu zahlen, was auf de-facto Enteignung hinausliefe. Die Äbtissin muss eine Schar Ritter aussenden, um ihn zu unterwerfen, was mit dem Abbrennen des Herrenhofes dann auch geschieht. Nachdem er sich zur Abgabenleistung verpflichtet, wird diese als Entschädigung in einem Vergleich 1227 für das nächste Jahr erlassen.

 

Das ist seit dem 12. Jahrhundert ein allgemeines Phänomen. Adel und Klöster müssen gelegentlich sogar Höfe für enorme Summen von ihren Schultheißen zurückkaufen, um es dann zeitlich befristet vergeben zu können, für Essen führt das dazu, dass solche Stellen am Ende nur noch jährlich vergeben werden und alles schriftlich fixiert wird.

 

 Für 1161/62 ist ein erstes (Bamberger) Ministerialenrecht überliefert (iustitia ministerialium Babenbergensium), in dem sie bereits als eigene „Rechtsgruppe“ (Weinfurter) auftreten. Sie besitzen danach bereits eigene Lehen als Dienstlehen, die erblich sind und sind von der Vogteigerichtsbarkeit befreit und direkt dem Hofgericht des Bischofs unterstellt. Ein gemeinsames Dienstrecht entwickelt sich aber nicht. Noch im 'Sachsenspiegel' wird für die Ministerialen der Geistlichkeit erklärt, dass man kein generelles Recht darlegen könne, da es von Herrn zu Herrn verschieden sei:

 

Got hat den man noch im gebildit unde mit siner martir irlost, den einen als den an- dern; im was der arme also liep alse der riche. Nu last uch nicht wundirn, das dis buch so luzzil sait von dinstlute rechte, wenne is ist so manch- valt, das is nimant zu ende kumen kan. Un- dir iclicheme bischove unde epte unde eptischin- nen haben dinstlute sundirlich recht. Dar umme enkan ich is nicht bescheiden. (Sachsenspiegel C.XLII.)

Gott hat den Mann nach seinem Ebenbild geschaffen und durch seine Marter erlöst, den einen wie den anderen; ihm war der Arme so teuer wie der Reiche. Nun wundert euch nicht, daß dieses Buch so wenig vom Recht der Dienstleute enthält, denn dieses ist so mannigfaltig, daß es niemand zu Ende bekommen kann. Unter jedem Bischof und unter den Äbten und Äbtissinnen haben die Dienstleute besonderes Recht. Deshalb kann ich darüber nicht berichten.

 

Seit Beginn des 12. Jahrhunderts werden Konflikte zwischen Adel und Ministerialen manchmal auch kriegerisch, können bis in Revolten gegen diesen ausarten. "Niemand konnte verhindern,, dass sich 1146 in Sachsen Reichsministeriale und Dienstmannen anderer Herren ohne deren Erlaubnis zu Standestagen trafen und ein Standgericht abhielten." (KellerBegrenzung S. 275)

 

Der Ministeriale Ludwig von der Brücke führt 1131/32 in Trier im Bündnis mit einer Eidgenossenschaft der Bürger eine Fronde von Ministerialen gegen die Wahl Erzbischofs Albero ohne ihre Zustimmung an. Laut Gesta Alberonis: Burggraf Ludwig hatte Erzbischof Gottfried so von sich abhängig gemacht, dass er sagen konnte, er habe die Bischofspfalz zu Lehen und alle bischöflichen Einkünfte müssten dorthin gebracht werden. Er habe für den Unterhalt des Bischofs und seiner Kappelläne zu sorgen, und alle übrigen zum Bistum gehörenden Dinge seien ihm unterstellt. Die Aufgaben des Bischofs seien dagegen, Messen zu lesen, Geistliche zu ordinieren und Kirchen zu weihen; als sein Recht erklärte er, das Land zu regieren, alle Geschäfte im Bistum zu regeln und die Kriegsmannschaft zu befehligen. Für die Mahlzeiten des Bischofs lieferte er täglich einen Sester Wein und zwei Sester Bier, während er selbst wie ein großer Fürst Tafel hielt. Er trat überall mit einer großen Gefolgschaft von Rittern auf und regierte in jeder Weise das ganze Land. Es wird längere Zeit dauern, bis der geistliche dem weltlichen Machthaber die Macht wieder entreißen kann.

 

Der Konflikt geht bis in die Domkapitel und Klöster hinein, wo zunehmend mehr Ministeriale Aufnahme finden, was zur Gegenreaktion des Adels führt, der nun expliziter als zuvor für sich edelfreie Abkunft verlangt.

 

Wie weit die Macht führender Ministerialer im Reich um 1146 bereits gediehen ist, bekunden die Annales Palidenses (von Pöhlde): Die Minsterialen des Reichs und anderer Gewalten kamen ohne Einladung häufiger zur Besprechung zusammen. Ohne den König oder die anderen Fürsten zu fragen, sprachen sie allen, von denen sie angerufen waren, Recht nach Art der Gerichte. (in Schneidmüller, S.210)

 

Klassischer Fall eines rasanten Aufstieges von Dienstmannen bietet die Bolanden-Familie. Ihre Besitzungen in der nördlichen (heutigen) Pfalz wachsen im 12. Jahrhundert soweit an, dass Werner von Bolanden um 1185 ein Lehnsverzeichnis anlegen lässt, in dem neben dem Kaiser weitere 44 Lehnsherren verzeichnet sind, von denen er formal abhängig ist.

 

Markward von Annweiler wiederum erhält 1195 sogar schon die Freiheit für seine Dienste für Heinrich VI. und sammelt die Herzogstitel Ravenna und Romagna sowie den Markgrafentitel von Ancona und Grafschaften ein. Diese außerordentliche Karriere beruht allerdings auf der nur vagen Kontrolle über diese Gebiete und der besonderen Situation Heinrichs in Italien.

 

Ritter

 

Wenn die staufischen Könige Heere nach Italien bringen wollen, dann müssen sie die ursprünglich zur Heeresfolge Verpflichteten immer mehr mit Geld locken. Der Kriegszug, der mit Friedrichs II. großem Sieg bei Cortenuova endet, wird auch durch die königlich englischen Dotationen für Friedrichs Braut Isabella finanziert. Derselbe Friedrich muss die Krieger bezahlen, die ihm in seinen Kreuzzug folgen. Tendenziell werden Kriege zudem immer stärker kreditfinanziert. Selbst städtische "bürgerliche" Milizen, die Friedrich Barbarossa seine empfindlichste Niederlage in der Lombardei beibringen, werden immer mehr durch Söldner ergänzt.

 

Umgekehrt geht es in den hochmittelalterlichen Kriegen und Fehden immer mehr um Geld. Ordericus Vitalis meint im 12. Jahrhundert, Ritter würden deshalb so selten getötet, weil sie so gut gewappnet seien, aber ein anderer Grund dominiert wohl. Ritter und Fürsten werden nach Möglichkeit höchstens verletzt und gefangen genommen, um dann gegen Lösegeld wieder freigelassen zu werden. Den Rekord schafft das Lösegeld von 150 000 Mark, welche für Richard Löwenherz 1194 gezahlt werden. Er war auf der Rückkehr vom Kreuzzug vom Babenberger gekidnappt und an den deutschen König weiterverhökert worden. Nach der Schlacht von Bouvines kann König Philipp August seinen Staatshaushalt mit dem Lösegeld der vielen Gefangenen sanieren.

 

Dennoch töten Ritter durchaus, nur eben weniger sich selbst gegenseitig, sondern andere, zum Beispiel die eher wehrlose Bevölkerung von Jerusalem 1099 oder Landbevölkerung bei Requirierungen oder Verwüstungsfeldzügen.

 

Die hohe Zeit des Rittertums, 1100 bis 1300, ist auch die erste Blütezeit des Söldnertums, der Soldaten, also der für den Kriegsdienst Besoldeten, so wie es auch die erste Blütezeit des Kapitals ist. Die okzitanischen soudadiers sind selbst zum Teil "Ritter", also Leute mit ritterlicher Ausrüstung und Ausbildung, die sich für den Kriegsdienst verdingen.

Im 'Tristan' aus Franzien, dort wo Forscher die Entstehung des Rittertums annehmen, heißt um 1180 die Tätigkeit des Söldners soudoyer, woraus im frühen Spätmittelalter der soudard wird und am Ende des Mittelalters der soldat, der dann mit dem italienischen soldato auch ins Deutsche gelangt. Mit dem Rittertum gleichzeitig entsteht also die Profession der besoldeten Auftragskrieger.

Für seinen vierten Italienzug wirbt Friedrich Barbarossa in Brabant Söldner an, die sogenannten Brabanzonen, die auf dem Rückweg dann die Champagne plündern. Der französische König und der Kaiser kommen darauf überein, solche Leute nicht mehr zu benutzen, halten sich dann aber genauso wenig wie der englische König daran.

 

Was ein Ritter war, ein knight, chevalier, caballero, entzieht sich zunächst einer eindeutigen Definition. Bevor diese Begriffe dokumentiert sind, war er ein miles, ein (berittener) Krieger, ein Militär. Klarer definiert wird er erst, als er an militärischer und gesellschaftlicher Bedeutung verliert und Rittertum zunehmend im späten Mittelalter vor allem (vor)gespielt wird. Auf jeden Fall hebt er sich im 12. Jahrhundert immer klarer von vier Gruppen ab, mit Ausnahme der Ritterorden von den Mönchen, den Weltgeistlichen, vor allem aber von den Bauern (rustici), denen ganz allgemein das Waffentragen untersagt ist, und den Stadtbürgern nicht ritterlicher Art, die sich nur für die Verteidigung ihrer Stadt bewaffnen dürfen.                                                                         . 

 

Grundsätzlich ist er ein geübter Bewaffneter und Gepanzerter zu Pferde. Er "kleidet" sich in ein ursprünglich mehr oder weniger knielanges Geflecht aus Eisenringen oder solchen aus Messing, welches um 1200 den Körper umschließt. Darüber trägt er einen langen Waffenrock. Erst im späteren Mittelalter wird daraus der Plattenharnisch, französisch harnais. Dazu kommen Helm und Schild, wobei letzterer bemalt sein konnte, ein Ursprung adeliger Wappen.

Die Defensiv-Bewaffnung wird immer schwerer, macht den Ritter unbeweglicher und kann im Extremfall durch Überanstrengung alleine schon seinen Tod herbeiführen. In der Regel braucht er zunehmend, der ihm die Rüstung an- und auszieht. Wichtigste Angriffswaffen sind Schwert und Lanze, dazu können noch Streitkolben und Streitaxt kommen.

Zur Ausrüstung gehören dann noch ein Marschpferd (palefridus) und ein Streitross (dextrarius), welches ebenfalls gepanzert und darüber mit einer Decke versehen ist.

 

Er kämpft selten in offener Feldschlacht, liebt vor allem den Hinterhalt in kleinen Gruppen und sein wichtigstes Mittel im Krieg ist die "Verwüstung"einer Gegend durch Abbrennen der Holzgebäude nach Plünderung, das Stehlen des Viehs und Rauben der Ernte, also die Vernichtung der Lebensgrundlagen des Gegners. Hauptopfer solcher Kriege ist die Landbevölkerung und sind nicht zuletzt die Frauen, und es ist manchmal dort, wo es Städte gibt, auch deren gesamte Bevölkerung.

 

Direkter "Feindkontakt" führt zur Metzelei, dem Abhacken von Gliedmaßen, dem Durchbohren des Körpers usw. Im Unterschied zu später besteht oft unmittelbarer Kontakt, wer Scheu vor solchen Metzeleien hat, ist fehl am Platz und gehört ins Kloster oder wenigstens in eine kirchliche Karriere.

Was wir vor den vollständig überlieferten Texten erschließen können, ist eine Literatur, die solche Metzeleien feiert und daneben die auf Gegenseitigkeit beruhende Gefolgschafts-Treue vor allem im militärischen Dienst für einen Herrn. Der Adelige als Ritter ist wesentlich exklusiver Jäger und Krieger, zudem wird für ihn und seine Ausrüstung ein größerer Wohlstand Voraussetzung, ebenso wie der Verzicht auf niedere Arbeiten im Handwerk und der Nahrungsmittelproduktion. Die komplette Ausrüstung eines Ritters kostete damals, wird geschätzt, in den "fränkischen" Nachfolgereichen den Gegenwert von etwa zwanzig Kühen, ein Vermögen also.

 

Die Verchristlichung des Kriegers in den Ritter neuen Typs findet ihre Wurzeln zunächst in Vorstellungen wie denen, mit denen ein Abt Odo von Cluny das Leben des recht heiligen Adelsherrn Gerald von Aurillac beschreibt, welches im Loblied um Friedfertigkeit und Grechtigkeit kreist. (siehe Großkapitel...)

Die vielleicht intensive Frömmigkeit dieses adeligen Herren hindert diesen allerdings nicht daran, seinen überschaubaren Machtbereich gegen den Markgrafen Wilhelm von Aquitanien zu behaupten, den dessen Vater Bernhard zur Erziehung an Gerald übergeben hatte.

 

"Verchristlichung" oder besser Zivilisierung findet sich einige Zeit später in den katalanischen und westfränkischen Friedensbewegungen seit dem späten 10. Jahrhundert, dann in der religiösen Verbrämung der Reconquista und den Kriegszügen ins sogenannte Heilige Land. Beim Burgenbau schlägt sich das in der Einrichtung von Burgkapellen nieder. 

 

Die erste Etappe in Westfranzien sind die kirchlich initiierten Friedensbewegungen, die zuerst in der Synode von Charroux 989 kulminieren. Vor allem wird Plünderung und Raub von Kirchengut unter Kirchenstrafen gestellt, insbesondere der Mord an Klerikern, sofern diese unbewaffnet sind (!). Aber daneben wird auch der Schutz von Bauern und ceteri pauperi (die übrigen Armen) beschlossen. Inzwischen gibt es soviele Burgen mit ihren Besatzungen, dass diese mit ihren unmittelbaren Nachbarn in (auch kriegerische) Konkurrenz treten. Solche Fehden einzuschränken funktioniert aber nur, wenn die Krieger verchristlicht, also in ein neues Kriegerbild einbezogen werden. 

Wohl von Katalonien aus entwickelt sich daraus die Treuga Die, eine allgemeine Friedenspflicht für hohe Feiertage und dann für mehrere Wochentage. Dabei traten nun auch weltliche Körperstrafen und der Verlust des Eigentums auf. Aus dem Gottesfriedne werden dann die noch allgemeineren Landfriedensbestimmungen entwickelt, die dann auch in deutsche Lande übergreifen werden.

 

Das neue Bild vom etwas edleren Ritter schlägt sich dann darin nieder, dass seine Aufgabe als die der Verteidigung einerseits, und des Schutzes der Unbewaffneten andererseits definiert wird. Der Priester segnet dann am Ende nicht nur das so bestimmte Schwert, sondern "weiht" den Ritter selbst. Selbstredend führt das nicht dazu, dass sich nun die meisten auch an diese neue Definition ihres Kriegertums halten. Dennoch schreibt Fleckenstein: "Im 11. Jahrhundert erscheinen sie disziplinierter und sind - wenn die Beschlüsse der Synoden nicht täuschen - offenbar auch stärker an den Normen der christlichen Ethik orientiert als zuvor." (S.110)

Die Kehrseite ist selbstredend, dass auf diese Weise eine Aufwertung der Krieger und der Gewalt stattfindet, so sie nur kirchlichen Wünschen entspricht.

 

Das setzt sich mit dem Kreuzzugsaufruf von 1095 fort, in dem ein Friedensgebot für die Besitzungen der Kreuzritter und diese selbst mit einem Sündenablass für die Krieger selbst verbunden wird, wie es ihn schon für Krieger gegen den iberischen Islam gab. In der Begegnung mit der Pracht des Lebens einer islamischen Oberschicht entwickeln wohlhabendere Ritter den Ansporn zu mehr alltäglichem Luxus, von dem sie einigen in den lateinischen Westen importieren. Und mit der Entstehung der Ritterorden findet dann die Verschmelzung von Rittertum und Christentum ihren krönenden Abschluss.

 

Ende des 11. Jahrhunderts setzt in einigen Gegenden Westfranziens wie dem Mâconnais die Verschmelzung von alter Nobilität und erfolgreichem übrigem (niederem) Kriegertum in eine Ritterschaft ein, die beginnt, sich als Adel neuen Typs zu verstehen. Mit der stärkeren Betonung der agnatischen Familie zu Ungunsten einer älteren Vorstellung von Geschlechterbildung, der Sakralisierung der Ehe(schließung) und der Konzentration auf einen Familiensitz und ein Hauskloster wird ein dynastisches Moment bis nach unten sichtbar. 1097 wird der spätere Ludwig VI. zum Ritter geschlagen (adoubement), was dazu führt, dass  alle, die es sich leisten können, ihm gleichtun. werden   

 

Mitte des 12. Jahrhunderts dann wird "Ritter" zu einem auch für den hohen Adel und für Könige und Kaiser wie Friedrich Barbarossa erstrebenswerten Etikett. Damit miles diesen hohen Rang behält, wird der Aufstieg in die Ritterschaft nun massiv eingeschränkt. Um 1188 untersagt dann Barbarossa "den Söhnen von Priestern, Diakonen und Bauern den Erwerb des Rittergürtels (cingulum militare) und verfügt, dass bei Zuwiderhandlung der Landrichter solche Leute aus der militia entfernen solle." (Fleckenstein, S.167). Wie man sieht, wird militia nun mit Ritterschaft gleichgesetzt und die nun mit Adel, da man in diesen "Stand" hineingeboren sein muss.

In den Konstitutionen von Melfi Friedrichs II. heißt es dann, dass von nun an niemand zur Ehre des Rittertums aufsteige, der nicht aus dem Geschlecht von Rittern (genere militum)  stammt. Rittersein ist mit honor verbunden. Ähnliche Bestimmungen gelten für Aragon und das immer französischere Königreich

Wenn man allerdings die Schwertleite nicht bis zu einem gewissen Alter vollzogen hat, fällt man aus dieser Gruppe heraus. 

 

Und genau in dieser Zeit arbeitet ein Kleriker namens Wace Geoffrey von Monmouths 'Historia regum Britanniae' um einen sagenhaften König Arthurus/Artus in altfranzösischen Versen um, während in mehreren englischen Romanen antike Stoffe in die neue Zeit und die Volkssprache transponiert werden. Kurz darauf kommt es zu ersten Geschichten um Artusritter. Es entsteht das Bild vom idealen Ritter, schön, kampfesfreudig, anfällig für Amouren. Bei Chrétien de Troyes kommt dann noch eine gewisse Bildung dazu, und Hartmann der Aue bezeichnet sich schließlich im 'Armen Heinrich' als rîter, der gelêret was

An den Höfen wird dabei aufmerksam wahrgenommen, wie dies ritterlich-aristokratische Idealbild aussieht, wobei man von einer Interdependenz von Literatur und höfischem Idealverhalten ausgehen kann. Höfischkeit und Kriegerisch-Sein finden dabei in einer neuen Adelsvorstellung zusammen, die Ritterlichkeit und Geburtsadel zusammenbringen. Dabei entsteht ein höfischer Tugendkatalog einer curialitas, die deutsch reht als Gerechtigkeitssinn, milte (largitas) als Freigebigkeit, staete als constantia, Beständigkeit, und maze als Sinn für das rechte Maß so zusammenbringt, dass sie mit einem schönen Äußeren, Heiterkeit (hilaritas) und einem Sinn für Treue die Ehre (Honor) des Adels ausmachen, der sich darin nicht vom Fürsten, König und Kaiser mehr unterscheidet. Selbstredend liebt dieser ritterliche Adel den wohlgeregelten Kampf als Basis für Ruhm, ohne den die Ehre gering bleibt.

 

Das alles will erst einmal erlernt sein, und hohe Fürsten schicken im 11./12. Jahrhundert Söhne als Knappen oder vaselliti an ruhmreiche Höfe, gerne in Westfranzien, um höfische Sitte mehr noch als Kriegshandwerk und außerdem die jeweilige Sprache zu lernen (Beispiele von Thomas Zotz in Fleckenstein, S.195f) Wenn sie das entsprechende Alter erreicht und "ausgelernt" haben, sind sie reif für das Anlegen des Militärgürtels (cingulum milicie)  und des Schwertes., wie für Karl, den Sohn Ludwigs des Frommens, schon für 838 erwähnt wird und für Heinrich (IV). bei Mündigkeit 1065. Bei letzterem erteilt ein Erzbischof von Trier den kirchlichen Schwertsegen. 

Das immer religiöser verbrämte Zeremoniell löst sich im 12. Jahrhundert immer mehr vom Moment der Mündigkeit und wird von einer altersmäßigen Initiations-Routine zu einem ganz besonderen Fest, bei dem in der Literatur dann Nachtwache, Reinigungsbad und andere religiöse Riten vorausgehen können und im Anschluss immer rauschendere Feste samt jubelndem "Volk" gefeiert werden. Aus der im 12. Jahrhundert so bezeichneten Schwertleite wird so eine immer großartigere "Ritterweihe".

Schließlich werden bei besonders großen Festen massenhafte Ritterweihen als zentraler Bestandteil mitgefeiert. 

 

Für die Vasallen der Herren, deren Söhne zum Ritter geweiht und geschlagen werden, und damit dann auch für die von ihnen abhängigen Bauern, war das zeitweilig nicht nur ein Grund zum Feiern, konnten Herren doch für solche kostspielige Feiern eine allgemeine Rittersteuer erheben. Andererseits führen die Kosten dahin, dass Kleinadel im Knappenstatus verbleibt und sich entsprechend statt goldenen mit silbernen Sporen begnügen.

 

Jagd

 

Dies war eine der Beschäftigungen des freien (germanischen) Mannes gewesen. Schon vorher, dann aber verstärkt unter dem großen Karl und noch umfassender nachher wird sie zunehmend zum Privileg, zum Vorrecht des Adels bzw. des Herrschers. Dem dient dann auch die zunehmende Entwaffnung der produktiv arbeitenden Landbevölkerung, die zugleich vom Kriegsdienst freigestellt wird.

Der Adelige wird wesentlich zum exklusiven Jäger und Krieger, zudem wird für ihn und seine Ausrüstung ein größerer Wohlstand Voraussetzung, ebenso wie die Ablehnung von in seinen Augen verächtlichen Arbeiten im Handwerk und der Nahrungsmittelproduktion. Die komplette Ausrüstung eines Ritters kostet damals, wird geschätzt, den Gegenwert von etwa zwanzig Kühen, ein Vermögen also. 

Die Exklusivität des adeligen Kriegers macht aber mehr seinen Nimbus in einer auf Krieg gegründeten Welt aus, als dass sie der Realität entspricht: Das entstehende Bürgertum der Städte partizipiert zunehmend mit eigenen Waffen an der Verteidigung seiner Stadt und mit der Zunahme der Bedeutung des Geldes beginnt Adel sich in klingender Münze für kriegerische Einsätze bezahlen zu lassen. Darunter entsteht eine ganze Berufsgruppe von Söldnern, die ihre Dienste als Mordbrenner und Landschafts-Verheerer dem Meistbietenden verhökern. 

 

Die Grundausbildung adeliger „Jungs" bestand entsprechend hauptsächlich im Reiten, Jagen und Waffengebrauch. Dies kam vielen dieser Knaben zwischen vier und vierzehn sehr entgegen, denn da paart sich Geschicklichkeit mit erschöpfendem Einsatz von Körperkräften, das Vergnügen des Wettbewerbs mit dem Lohn des Erfolges. Andererseits gab es auch einige, die sich lieber in eine Schreibstube zurückgezogen hätten. Hierfür bot das Kloster den hauptsächlichen Freiraum. Während Gottfrieds Tristan sich um 1210 mit dem Erlernen der litterae und des Bücherwissens zunächst quälte, macht ihm die Ausbildung im eigentlichen ritterlichen Fach wohl eher Freude, wie sich im Text niederschlägt:

 

über diz allez lernet er / mit dem schilte und mit dem sper / behendeclîche rîten, / daz ors (Ross) ze beiden sîten / bescheidenlîche rüeren, (mit den Sporen)/ von sprunge ez vreche (kühn) vüeren, / turnieren (wenden) und leisieren, (anrennen lassen) / mit schenkeln sambelieren (Schenkeldruck ausüben) / rehte und nâch ritterlîchem site. / hie bankete (beschäftigte) er sich ofte mite./ wol schirmen (beim Fechten), starke ringen, / wol loufen, sêre springen, / dar zuo schiezen den schaft, / daz tete er wol nâch sîner craft. / ouch hoere wir diz maere sagen, / ezn gelernete birsen (pirschen) unde jagen / nie kein man sô wol sô er, / ez waere dirre oder der. / aller hande hovespil / diu tete er wol und kunde ir vil. / ouch was er an dem lîbe, (er hatte einen solchen Körper) daz jungelinc von wîbe / (Zeilen 2103ff)

 

Die Jagd zu Pferde und mit Waffen wird immer weniger primär als Nahrungsbeschaffung betrachtet und mehr einmal als "sportliches" Vergnügen, woraus im englischen Mittelalter die Gleichsetzung von Jagd und sport(s) hervorging, ein Wortimport aus Nordfrankreich (desportes), welcher so etwas wie Freizeitvergnügen meint, die deutsche kurzewîle. Zum anderen ist es ein stetes Üben für die Fehde, die seit den Friedensbewegungen verpönt wird, für die Blutrache, die trotz Verbotes nicht verschwindet, und für den Krieg.

 

Pirschjagd mit Hunden und Dienstpersonal wird ebenso Hauptvergnügen der meisten Adeligen wie die Treibjagd, bei der zu Pferde Tiere mit Hunden und Treibern bis in die Erschöpfung gehetzt werden. 

  

Jagen und Kriegen hat das Verletzen und Töten gemeinsam. Der sich zu einem "christlichen" entwickelnde Adel sieht damals darin keinen Widerspruch zur Religion, man orientiert das Männerbild in Adel und Herrschaft nicht an Jesus, sondern an David, Salomo oder Josias, die man sich als Abbilder des eigenen Ideals vorstellt. In ersten volkssprachlichen Texten für zukünftige Deutsche wie dem 'Heliand' wird beispielsweise Jesus zu einem edlen aristokratische Krieger und Herrscher oder Petrus zu einem wackeren Recken, dem das Abschlagen des Ohres des Feindes gar nicht hoch genug angerechnet werden kann, während Jesu Mahnung an ihn einfach ignoriert wird.

 

Gewalt und Agression, wenn sie für "gerecht" oder gar "heilig" erklärt werden, sind erwünscht und "männlich". Wo aus der klösterlichen und kirchlichen Ecke schon mal (nicht allzu häufig) der Verweis auf den Friedensfürsten Jesus kommt, wird das in der Regel als dem Adel wesensfremd ignoriert.

In seinem ersten Kapitular von 769 erklärt Karl: Den Geistlichen ist das Tragen von Waffen und das Ziehen in den Krieg ganz und gar verboten, ausgenommen sind die, die ausgewählt wurden, (...) um die Messe abzuhalten und die Reliquien der Heiligen mitzuführen. Tatsächlich halten sich aber Geistliche des öfteren daran so wenig wie an andere offizielle Ge- und Verbote. Während die einen zum Beispiel weltliche Jagdvergnügen hart kritisieren, frönen Teile der höheren Geistlichkeit selbst wie weltlicher Adel der Jagd. 

 

Schon die Jagd zu Pferde war nicht ungefährlich und eine relativ häufige Todesursache im Adel. Man konnte nicht nur stürzen, beim Kampf gegen Wölfe, Bären und Auerochsen konnte man auch schon mal den kürzeren ziehen, vor allem, wenn die Tiere die Distanz verkürzten, damit die Distanzwaffen Lanze und Pfeil und Bogen ausschalteten, der Jäger absteigen und mit Schwert oder langem Dolch kämpfen musste. Der Unterschied zwischen einem großen Jäger und einem großen Krieger ist damals also nicht sehr bedeutend.

Schon das Reiten selbst führte zu Unfällen. Bei Lampert von Hersfeld wird berichtet, dass beim Zug Heinrichs IV. 1071 nach Mainz einer aus seiner Begleitung wie von ungefähr vom Pferd stürzte und von seinem eigenen Schwert durchbohrt verschied. Karolingische Könige sterben recht häufig bei der Jagd, genauso wie Adelige aller Arten, Grafen und Markgrafen. 

 

Die Jagd mit einem Jagdmeister, mit Gefolge und einer Hundemeute scheint König Markes liebstes Vergnügen zu sein. Das ganze fünfte Kapitel von Gottfrieds 'Tristan' ist der Jagd gewidmet, die ihn zu König Marke nach Tintagel führt. Aber die Jagd ist auch im wirklichen Leben ein fürstliches und insbesondere königliches Vergnügen. In den Quellen wird sie als wichtigste königliche Freizeitbeschäftigung erwähnt, geradezu den Status von Königen markierend.

Damit wird nicht nur der Weg von Wäldern in Holzäcker vorgezeichnet, soweit sie nicht ganz verschwinden, sondern auch der von Forsten in fürstliche Freizeitparadiese, in denen Bedienstete die Konkurrenz von Wölfen, Füchsen und Bären zu bekämpfen haben, die den Wildbestand für die Jagd gefährden. Im Landfrieden von 1152 werden Netze und Schlingen, die zu keinem edlen Waidwerk führen verboten, es sei denn für Bären, Wölfe und Wildschweine, immer weniger edle, eher vielmehr gefährliche oder der Landbewirtschaftung schädliche Tiere in der Nähe von Ortschaften.

 

Einen Extremfall in Europa stellt die Waldgesetzgebung der anglonormannischen und angevinischen Könige und ihrer Nachfolger dar, die ihnen riesige Waldgebiete als Jagdreviere reserviert und zahlreiche Fälle von Übertretungen zu beträchtlichen Einnahmequellen in Form von Gerichtsstrafen verwandelt. Im 12. Jahrhundert beginnen die größeren Herren, Lords, sich selbst hunting-parks aus Wald und offenem Land für ihr Jagdvergnügen einzurichten, wobei sie vom König charters für free warrens einholen: Zwischen 1227 und 1258 gewährt der König seiner Herrenschicht 630 solcher Lizenzen für Vergnügungsparks. Nicht nur die spätere Verwandlung von Ackerland in Weiden, sondern schon so etwas fördert den Weg in die sogenannte englische Parklandschaft.

 

Als besonders edel wird die kostspielige Jagd mit domestizierten Jagdvögeln betrachtet, wie sie auch im Orient beliebt war. Kaiser Friedrich II. wird sie mit wissenschaftlicher Akribie studieren und sogar ein Buch darüber schreiben. Seinem Sohn Konrad wird er die Beizjagd anempfehlen, ihn aber zugleich ermahnen, sich dabei nicht mit dem zahlreichen Jagdpersonal gemein zu machen, welches auf subalterne und wenig edle Aufgaben beschränkt bleibt.

 

Gewalt als Sport

 

Die mittelalterliche Zivilisation ist ihrem Wesen nach offen gewalttätig und Gewalt verherrlichend. Und Ritterlichkeit ist selbst in seiner Verklärung noch nichts anderes als Inszenierung menschlicher Raubtiernatur. Roger von Howden erklärt zur Zeit der angevinischen Könige zum Ideal jenen, der schon sein eigenes Blut gesehen hat, dessen Zähne unter Fausthieben geknirscht haben (…) der jedes Mal, wenn er stürzte umso trotziger wieder aufstand. (Chronica)

 

Es fällt schwer, die einzelnen Schilderungen von oft auch ungeniert verherrlichter Gewaltätigkeit in ein Gesamtbild einzufügen, und es ist problematisch, sie einfach zu verallgemeinern. Aber es herrschen die Waffen, auch wo sie nicht klirren, sondern nur in der Sonne funkeln. Gewaltandrohung im Sinne von überall lauernder latenter Gewalt ist steter Alltag. Sie beherrscht die Beziehung zwischen den Herren, die es sonst gar nicht gäbe, und den produktiv Arbeitenden, und sie droht unentwegt im Hintergrund der Beziehungen zwischen den Herren selbst.  Dass "Herrlichkeit" immer noch positiv konnotiert wird, zeigt, wie wenig kritisches Bewusstsein darüber bis heute entstanden ist, und der negative Gebrauch von "Dämlichkeit", der auch erzwungenen Verzicht auf physische Gewalt inhärent ist, ebenso.

 

Im Zentrum inszenierter Ritterlichkeit steht das Turnier, in dem alleine sich das Idealbild mit der Wirklichkeit messen kann. Frühe Vorläufer sind die Schaukämpfe, wie Nithard einen für 842 in Worms beschreibt, an dem Karl der Kahle und Ludwig ("der Deutsche") teilnahmen: Zur Leibesübung stellten sie oft Kampfspiele in folgender Weise an. Dabei kam man zusammen, wo es für das Zuschauen zweckmäßig schien, und während hüben und drüben umher das ganze Volk stand, stürzten zuerst von beiden Seiten in gleicher Zahl Sachsen, Wasken, Austrasier und Bretonen wie zum Kampfe in schnellem Laufe aufeinander; darauf machten die einen Kehrt und taten als wollten sie sich mit dem Schild gedeckt vor den Nachdrängenden durch die Flucht zu den Ihrigen zu retten, dann aber suchten sie wieder die zu verfolgen, vor denen sie flohen; bis zuletzt beide Könige, umgeben von der ganzen jungen Mannschaft, mit lautem Geschrei, in gestrecktem Lauf, die Lanzen schwingend vorstürmten, und bald den einen, bald den anderen nachjagten, wenn sie sich zur Flucht wendeten. Und es war sehenswert wegen des hohen Sinnes und der Zucht, die dabei herrschte... (Historiarum III, in LHL, S.169)

 

In den Gesta Ottos von Freising (1,18) wird für 1127 ein tyrocinium, quod vulgo nunc turneimentum dicitur erwähnt, welches Herzog Friedrich II. mit seinem Bruder vor den Mauern von Würzburg abhält. Kurz darauf überfällt er ein solches tyrocinium vor den Mauern der Burg des Grafen Heinrich von Wolfratshausen (1,26), was belegt, dass inszenierte Ritterlichkeit eben nur ein Spiel ist und kaum gültige Regeln für die Wirklichkeit enthält.

 

Im hohen Mittelalter wird im Turnier insbesondere der Zusammenhalt der commilitones geübt, der militärischen Kampfgemeinschaft bis hin zur Männerbündelei. Dies einmal in dem Erlebnis des regulierten Kampfes, zum anderen aber in den Massenkämpfen, in denen geschlossene gepanzerte Reiterformationen auftreten und den kollektiven Angriff mit Lanze und Gebrüll und Geschrei üben. Gewalttätigkeit kultivieren wird so zum zivilisierenden Kern, und zugleich zum Amüsement für Massen. Und die Kirche ist von der Segnung des Schwertes bis zur endlichen Akzeptanz des Turniers immer dabei.

Dass im Krieg der Ritter die zivile Bevölkerung wie selbstverständlich wie früher schon der Hauptleidtragende ist, wird von dieser bejammert, wenn es sie trifft, und erfüllt sie mit stolz, wenn die "eigenen Leute" beim "Feind" marodieren.

 

Das Turnier wird zunehmend in oder vor eine Stadt verlegt, welches in der Regel aus einer Serie von Einzelkämpfen zu Pferde und Mann gegen Mann besteht und außerdem aus einer inszenierten Massenschlacht zweier Gruppen, die gegeneinander antreten und sich in ein schon realistisches Schlachtengetümmel verwickeln. Realistisch daran ist immerhin, dass es unerbittlich um Sieg oder Niederlage geht, wie bei allem späteren „Sport“. Verletzungen und Tote sind dabei an der Tagesordnung. Wenn Ritter dann die Tafelrunde von Artus nachspielen, treten sie schon mal mit den Namen der epischen Helden auf.

Auf dem Weg ins 13. Jahrhundert werden um der Echtheit des Kampfes willen auch ganz ordentlich Gefangene gemacht, die sich dann mit erheblichen Summen auslösen müssen. Auf diese Weise erficht sich der "größte aller Ritter", Guillaume le Maréchalein Vermögen, welches seinen Aufstieg bis zur Regentschaft Englands finanziert.

 

Verehrtes Publikum bei Turnieren ist die Damenwelt, die im 13. Jahrhundert dann zunehmend solchen militärsportlichen Veranstaltungen einen verfeinerten höfischen Charakter verleihen.

Publikum bei solchen Festivitäten ist auch das städtische Bürgertum, dessen Oberschicht sich in prächtiger Kleidung und vornehmem Auftreten oft nicht vom Adel unterschied. Solche Leute kamen zum Teil auch von weit her angereist, um an den Spielen wenigstens als Publikum teilzunehmen, und auch der ritterlichen Oberschicht der Städte beim Turnier zuzuschauen. Das betrifft weniger jene norddeutschen Städte, die von Kaufleuten dominiert wurden und sich dann nach und nach in der Hanse zusammenfinden und einen stärker vom ritterlich-höfischen Leben unterschiedenen Lebensstil zu pflegen beginnen.

 

Im Turnier wird die Gewalttätigkeit zum geregelten Sport, zum zweiten nach der adeligen Jagd. Manche Ritter auf der Suche nach Ehre, Ruhm und Preisgeldern machen solche Schaukämpfe zeitweilig zum "Beruf", wie William Marshal, dem sein Ruhm dabei hilft, Earl of Pembroke zu werden und dann sogar auf seine alten Tage Regent von England. In den Jahren um 1170/80 wird er nicht zuletzt über solche sportiven Veranstaltungen zum "größten Ritter der Welt" erklärt. Mehrere Generationen später wird Edward (I.) noch ohne englische Krone, in der Mitte des 13. Jahrhunderts ein ähnlicher Publikumsmagnet, als er quer durch Europa von Turnier zu Turnier eilt.

Diese Ritter kennen selten ein Vaterland, raffen zusammen, wo sie können, und dienen wie überhaupt typische Söldner den Herren, die ihnen am meisten Ruhm und Geld versprechen. Ein solches Beispiel erwähnt Carpenter:

"Thus Meath in Ireland and Ludlow in Wales eventually passed through marriage to Geoffrey de Joinville, lord of Vaucouleurs in Champagne, and younger brother of Jean de Joinville, who had also crusaded with Louis (von Frankreich, U.W.) and had later written a life of the Saint. Geoffrey was summoned to the armies of the king of France, crusaded with the future Edward I of England and ended his days in the house of Dominican Friars at Trim in Ireland." (S.25)

 

1130 verbietet ein Konzil von Clermont zum ersten Mal Turniere, dann schließlich auf höchster Ebene das dritte Laterankonzil von 1179, weil sie das Seelenheil gefährden (animarum pericula proveniunt). Entsprechend ist die Kirche bestrebt, auf einem Turnier Gestorbenen die kirchliche Bestattung zu verweigern. Schließlich gibt sie klein bei, indem sie anerkennt, dass Turniere für das Ausüben des Kriegerhandwerks unentbehrliche Übung sind. Denselben Weg gehen jene Herrscher, die zwischen Verbot und Erlaubnis schwanken. Im Kern wird die Entwicklung neuer Staatlichkeit aber dahin gehen, die Gewalttätigkeit zu verstaatlichen und nach unten und nach außen zu wenden.

 

Höfischkeit ist Modischsein

 

Neben unmittelbar militärischer Potenz, zunehmend despotischer nach innen und aggressiver nach außen, möchten und müssen Fürsten und Adel ihre Machtvollkommenheiten, ebenfalls nach innen (unten) wie nach außen, durch Bauten und Lebensführung demonstrieren. Das höfische Zeitalter deutet sich an. Es ist vor allem geprägt von seiner neuen städtischen Basis, die die früheren agrarischen Grundlagen weithin ablöst.

 

In ihrer Hofhaltung demonstrieren Fürsten Macht und Reichtum, aber zunehmend indirekt durch Prunk und Pracht und die Demonstration eines möglichst aktuellen Modebewusstseins, wobei in deutschen Landen die Moden immer mehr aus dem Westen und manchmal auch aus dem Süden kommen. Dazu gehört die Anverwandlung altfranzösischer Literatur genauso wie die allmähliche Übernahme gotischer Bauformen und Skulpturen. Das beginnt um 1130 im Pariser Becken, wo Kirchenfürsten der neuen Mode bei immer größeren Bauten folgen und Architekten miteinander in immer filigraner durchbrochenem Mauerwerk und immer gewagteren Maßwerken miteinander konkurrieren. Während sich so Ästhetik in technischer Errungenschaft abspielt, übernehmen deutsche Kirchenfürsten erst Generationen später die neue Mode, indem sie sie als Detail übernehmen, wie der Erzbischof von Magdeburg den Domchor mit seinem Kapellenkranz oder neuartigen Kapitellen neben romanischen. In deutschen Landen taucht dann vollgültige Gotik erst mit den Neubauten der Trierer Liebfrauenkirche (ab 1227) und der Marburger Elisabethenkirche (ab 1235) auf. Danach ist dann kein Halten mehr, Innovation wird zum Selbstläufer, modern bzw. modisch zu sein wird zu einem erstklassigen Statussymbol, wie die Straßburger Kathedrale dann bald beweist. Italien wird da nicht ganz folgen, da es seine ganz eigene Verlängerung antiker Bauformen hatte.   

 

Dazu kommt aber auch die Tendenz, in der Musik Moden zu folgen, sowohl in der Entwicklung in die Mehrstimmigkeit wie in dem Erscheinen neuer Instrumente und der Differenzierung in dörfische, städtisch-bürgerliche und adelige Musik. Polyphonie wird zwar von Leuten wie Bernhard von Clairvaux und Petrus Cantor verurteilt, zumindest für den kirchlichen Raum, aber die "Welt" schert sich bald nicht mehr darum und Bettelorden werden ihr bereits wie selbstverständlich anhängen.

 

Aber es geht nicht nur um Protz, sondern um das Herstellen einer Parallelwelt jenseits der rauhen Wirklichkeit, in der ihre Herrschaft auf roher Gewalt beruht. Dazu dient die Idealisierung des berittenen Kriegers als eines edlen Ritters, der die Schwachen schützt, den Armen hilft und die Bösen in die Flucht schlägt. Was bei den kapitalkräftigen Bürgern Kompartmentalisierung wird, in der bürgerliche Ehrbarkeit, bürgerliche Frömmigkeit und das rücksichtslose Begehren des Kapitals nach Verwertung und Vermehrung in unterschiedlichen Schubladen derselben Person eingeordnet und recht deutlich getrennt aufbewahrt sind, wird beim Adel und dem höfischen Fürstentum die Trennung in zunehmend christlich verbrämte Kriegerwelt einerseits und dem, was man viel später erst als höfische „Kultur“ bezeichnen wird. Man sollte sich darunter keinen allzu alltäglich wahrnehmbaren Bildungshorizont vorstellen. In der Regensburger Kaiserchronik aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts unterhalten sich die vornehmen Herren bei Hofe  über edle Pferde und Hunde, über Beizvögel und schöne Frauen. 

Das Ideal stellt Hartmann von der Aue um 1190 im 'Iwein' am Fest am Artushof dar: diese sprachen wider diu wip / diese banecten den lîp / diese tanzten, diese sungen, / diese liefen, diese sprungen,/ diese hôrten seitspil / diese schuzzen zuo dem zil, / diese retten von seneder arbeit, / diese von grôzer manheit. (V) Was macht man also: man redet mit Frauen, lustwandelt, tanzt und singt, betreibt Sport, hört Musik, schießt auf eine Zielscheibe, jammert über die Last der Liebe und lobt großes Heldentum.  

 

Im Kunsthandwerk bis zur sich verselbständigenden Plastik, der Goldschmiedekunst und der Malerei schafft sich höfische Lebensform ein Wohnumfeld, in welchem sich Macht und Reichtum ausdrücken können. Das Zentrum höfischer Selbstdarstellung wird das Fest, welches sich je nach Macht und Reichtum durch aufwendige Inszenierungen und prächtige Amüsierveranstaltungen auszuzeichnen hatte, nicht zuletzt aber durch die Zahl und den Status der Besucher. „Der Domscholaster Balderich beschreibt als Augenzeuge, wie Erzbischof Albero von Trier 1147 zum Hoftag König Konrads III. nach Frankfurt fuhr: Mit vierzig Wohnschiffen sei er gereist, nicht gezählt die kleineren Kriegsfahrzeuge, Lastkähne und Küchenschiffe; acht Grafen und zwei Herzöge als Vasallen befanden sich in seinem Gefolge, dazu eine riesige Zahl von Geistlichen und Rittern, auch zwei berühmte Gelehrte, der Mathematiker Gerland von Besancon und der Philosoph Theoderich von Chartres, an deren gelehrten Disputationen er auf seinem Wohnschiff teilnahm. Die Heimreise nutzte er zu einer Machtdemonstration gegen die Mainzer, indem er auf allen Schiffen die Fahnen hissen ließ und befahl, dass sich die Ritter mit ihren goldglänzenden Schilden, ihren silberhellen Harnischen und Helmen sichtbar aufstellen sollten.; mit schmetternden Trompeten und klingenden Hörnern, mit Waffengetöse und furcherregendem Gesang der Männer versetzte er die ganze Stadt in Aufruhr und Angst – als ob sie schon erobert wäre.“ (KellerBegrenzung, S.441f)

 

Im Fest selbst stellen sich höherer Adel und Fürsten so dar, wie sie sind, nämlich mächtig und reich, und zudem so, wie sie gerne sich selbst sehen wollten, nämlich zunehmend kunstsinnig in einem mittelalterlichen Sinne und manchmal auch schon von einem gewissen Bildungsniveau. Dazu gehören Manieren, formalisierter Umgang miteinander und die Hochstilisierung einer Bindung an ethische Normen, die immer auch als christlich ausgegeben werden. Auf dem höfischen Fest, in dessen Hintergrund auch „politische“ Verhandlungen stattfanden, wird im Vordergrund eine Welt inszeniert, die sich deutlich von denen absetzt, deren Arbeit das Ganze finanziert. Entsprechend wird eine ritterlich-höfische Welt unterhaltsam und prächtig in Szene gesetzt, die völlig ablenkt von dem, was adelig/fürstlich den Alltag ausmacht, in dem mehr oder wenig gewalttätig und brutal Ressourcen erweitert und Einnahmen abgepresst werden.

 

Mustergültig wird das Mainzer Hoffest Barbarossas zu Pfingsten 1184. Von Erzbischöfen über Herzöge bis zu Ministerialen erscheint der ganze abkömmliche Adel aus deutschen Landen. Laut Giselbert von Mons erscheint Herzog Leopold V. von Österreich mit 500 Rittern, Landgraf Ludwig III. von Thüringen 1000  und der Erzbischof von Köln mit 1700 Rittern, wohl etwas überzogene Zahlen. Andere Teilnehmer, schreibt Otto von St.Blasien, kommen aus Spanien, rankreich, Italien und slawischen Ländern. Eine ganze Stadt aus Holz und Zelten wird errichtet. Es gibt einen Festgottesdienst und die feierliche Schwertleite von Söhnen des Kaisers, dazu ein gigantisches zweitägiges Schaureiten.

 

Das Stichwort für diese neue höfische Welt heißt modischer Luxus, zunehmendes Raffinement, und der verlangt nicht nur die Ausweitung der Geldwirtschaft und der Verwandlung von Naturaleinnahmen in Geld, er verschlingt vor allem einen immer größeren Teil adeliger Einnahmen. Dabei kann nicht jeder immer mithalten, auch nicht auf niedrigem Niveau. So wie im Laufe der Zeit die Zahl der durch die Schwertleite bzw. das adoubement zu vollgültigen Rittern wegen der steigenden Kosten dafür abnimmt, so findet besonders in Frankreich seit dem 13. Jahrhundert, mehr noch dem 14., eine Verarmung des niederen Adels statt, der dann  an Lebensstil unter den reicher Bauern fallen kann.

 

In dieser Welt einer ideologisierenden Eigentlichkeit, in der Macht zunehmend auch durch die edle Lebensform begründet und in ihr ausgelebt wird, spielt fiktionale Literatur eine immer größere Rolle. Dabei liefert sie einmal als Ritterepik und höfische Lyrik die ideologische Begründung für Herrschaft und Standesüberhöhung, zum anderen entwickeln beide aber zugleich, um aus dem Vorgebrachten Spannung zu erzeugen, innere Widersprüche und Problematisierungen. Kennzeichnend für solche Literaturen wie denen der Trouvères und des späteren deutschen Minnesangs, von Chrétien de Troyes oder Gottfried von Straßburg wird, dass das ritterlich-höfische Milieu, welches dargestellt wird, völlig ohne seine finanziellen Grundlagen auskommt und das städtische Milieu, welches solchen Eskapismus aus der Wirklichkeit mit seinen Strukturen fördert, kaum eine Rolle spielt. (siehe Großkapitel Schwert und Scheide)

 

Da höhere Bildung klassisch-antiker Art bei Hofe zunächst eher selten ist, wird dort das Latein von Theologie und Philosophie, die sich manchmal inzwischen auch zu trennen beginnen, was zu ersten philosophischen Texten in den Volkssprachen wie beim Catalán des Raimundus Lull führt, zunehmend durch die Volkssprachen ersetzt, die seit dem 11. Jahrhundert immer mehr auch zu Schriftsprachen werden. Damit entwickelt sich das Sichtbarmachen eines unterschiedlichen Volkscharakters. Die Übertragung von Texten aus dem langue d'oeil in deutsche Sprachen macht das dann augenfällig. Den Anfang machen das Catalán und das Okzitanische, von wo das einmal auf Norditalien übergreift, und zum anderen auf das Sizilianische am Hofe Friedrichs II., welche Texte dann in toskanischer Übersetzung nach Mittelitalien gelangen und dort einen eigenen Stil aufblühen lassen, und zum anderen in die deutschen Lande.

 

So wie Literatur seit der Erfindung des Buchdrucks vom Markt abhängig wird, so ist sie es bis dahin und noch darüber hinaus vom Wohlwollen des sie subventionierenden Adels. Der Autor bindet sich an den adeligen und am besten fürstlichen Mäzen, der sich mit ihm schmückt, weil er mit seinen Werken zufrieden ist. Das prägt ihre Texte in hohem Maße. Heinrich der Löwe und Hermann von Thüringen besorgen „ihren“ Autoren (dem Pfaffen Konrad und Wolfram von Eschenbach) die französischen Vorlangen für das Rolandslied und den Willehalm, die dann deutschen Verhältnissen angepasst werden. 

 

Beispielhaft ist, wie Walther von der Vogelweide zum Propagandisten seiner Herren wird, um an sein Lehen zu gelangen. Als er beim Staufer Friedrich II. angekommen ist, diffamiert er dessen Gegner und seinen früheren „Herrn“ folgendermaßen im modernisierten 'König Friedrichston'::

Ich hatt' Herrn Ottos Wort, er wollte reich mich machen / Wie trüglich war sein Wort! Es ist zum Lachen / Soll das, was er versprach, mir Friedrichs Hand verleihen? / Ich kann ihn bitten nicht um eine Bohne. (…) Ich wollt Herrn Ottens >Milde< an seiner Körperlänge messen; da hat ich mich im Maßstab nicht wenig vertan. Denn wär er so großzügig wie lang, wäre er ein Vorbild edler Eigenschaften. Maß ich aber die Körperlänge daran, wie er Ehre einlegte, da wurde er an allen Enden zu kurz wie ein verschnittener Stoff, an Großmut viel kleiner als ein Zwerg.

Die Milte ist die Freigiebigkeit gegenüber dem Sänger, und tatsächlich war er oft davon abhängig, gab es doch keine wohlfeilen Vervielfältigungsmöglichkeiten für seine Texte und keinen entsprechenden Markt. Und so heißt es denn auch bei Walter: Von Rôme voget, von Pülle künec, lât iuch erbarmen / daz man mich bî rîcher Kunst lât alsus armen! 

Wenn dann Leute wie Walter von der Vogelweide einen volkstümlicheren Ton anschlagen, ist das nicht so sehr Ausdruck von Nähe zur Masse der Bevölkerung in erster Linie, der ländlichen Bevölkerung insbesondere, sondern eher Ausdruck einer neuen Mode in den Adelskreisen und an Fürstenhöfen, bald auch im gehobenen Bürgertum.

 

Noch deutlicher wird Guilhem Figueira um 1237: Ein neu Sirventes beabsichtige ich dem Kaiser zu übersenden, dem edlen Menschen, denn nun ist es mir dienlich, dass ich mich in seinen Dienst begebe, denn kein Mensch teilt besser Lohn aus als er. (in Heinisch, S.108)

Die Künste, und auch die Literatur als Kunstform, sind von der Gunst von einzelnen Mächtigen und ihrer Finanzkraft abhängig, und das wird sich durch die Erfindung des Buchdrucks und der Produktion für einen größeren Markt zunächst kaum ändern, da Literatur sich auch dann zunächst nicht über einen allgemeinen Markt finanzieren lässt.

 

Das alles soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Masse der Texte weiter lateinisch geschrieben wird. 

 

Kennzeichnend für die höfische Kultur wird eine Verfeinerung der Manieren, in der Impulsivität durch zurückhaltende Förmlichkeit abgelöst wird, ein Vorgang, der in den etwas „barbarischeren“ deutschen Landen erst in der frühen Neuzeit abgeschlossen sein wird. Dazu gehören Tischmanieren und nicht zuletzt das Verhalten gegenüber Frauen.

 

Mit der Marienverehrung und der Minnelyrik, soweit sie die Verehrung der unerreichbaren Dame betrifft, wird der Sexus wenigstens in der ideologisierenden Phantasie sublimer bis zum Extrem seiner Unauslebbarkeit. Eine solche Erotisierung in Religion und Höfischkeit lässt eine freier flottierende Sexualität zu, die dann aber auch wieder rücksexualisiert werden kann wie bei Isoldes Tristan.

Höfisches Dasein in Reichtum und zeitweiligem Müßiggang fördert ein Kreisen um die „Liebe“, die immer mehr ins Zentrum höfischer Lebensform gerät. Für den höheren Adel zumindest war es immer selbstverständlich gewesen, dass die aus Machtgründen gestiftete Ehe und sexuelle Lustbarkeit zwei getrennten und beide selbstverständlichen Räumen angehörten. Dabei war natürlich die Möglichkeit einer in der Ehe wachsenden Liebesbeziehung der Gatten nicht ausgeschlossen.

 

Nun wird mit der Erotisierung des höfischen Alltagslebens eine neue Sphäre entschlossen. Das findet sich in der kirchlichen Welt wieder in den erotisierten „schönen“ Skulpturen von Ekklesia und Synagoge, von klugen und törichten Jungfrauen und Heiligengestalten. Hier begegnen sich Fürsten, niederer Adel und Großbürgertum in einer neuen, erotisch durchsetzten Ästhetik, in die als frühe verführerisch attraktive Nackte die Eva des Paradieses einzieht, entblößtes Begehren wie das der Nackten des Jüngsten Gerichtes.

Der aggressive und angeklagte Sexus romanischer Kleinskulpturen schwindet zugunsten einer sublimeren Sexualität, die nicht unbedingt der Wirklichkeit entspricht, sondern dieser als Legitimation dient. Erotisierung als Teil höfischen Alltags findet sich bei Männern und Frauen auch in der Kleidung, die nicht nur immer aufwendiger und kostbarer wird, sondern auch immer mehr von den Körperformen offenbart (siehe...)

 

Männer zeigten so immer mehr von den Waden und bald auch den Oberschenkeln und vom Hintern in engen Kleidungsstücken, während die gotisch gekleidete Frau dassselbe mit ihrer Brust schaffte und der Teilentblößung durch das Dékolleté.

 

Die Erotisierung des adeligen Alltags geht nicht nur auch von der Literatur aus, sondern in diese ein. Schon Anfang des 12. Jahrhunderts beschreibt ein 'Liebeskonzil von Remiremont' das Streitgespräch zweier dortiger Nonnengruppen, von denen die eine dem Ritter, die andere dem Kleriker das höfischere Auftreten bescheinigt. Damen übernommen in der Literatur vor allem als Mäzeninnen eine immer größere Rolle: Eleonore von Aquitanien für Wace, Marie von der Champagne für Chrétien von Troyes, Mathilde, Gemahlin von Heinrich dem Löwen, für den Pfaffen Konrad.

Damen sind eben nicht nur Gegenstand der Minnelyrik, sondern besonders auch Konsumentinnen jener Epik, die damals auch Roman heißt, und werden zu den wichtigsten Konsumenten von Romanen bis heute. Sie sind bei Hofe auch nicht nur Schmuck, sondern wesentlicher Bestandteil, Quelle männlicher Inspiration und Kampfeslust. 

 

Literarisch sichtbar wird das ganze zum ersten Mal mit Wilhelm von Poitiers/Aquitanien, und in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts dann in den okzitanischen Liebesliedern der Troubadoure. Bei Barbarossas Italienzügen sind dann deutsche Liedermacher aus ministerialen und niedrigadeligen Familien dabei. Zugleich beginnt deutsche Liebeslyrik nach französischem Vorbild anverwandelt am Braunschweiger Welfenhof, dem Babenbergischen in Wien und dem der Thüringer Landgrafen. 

 

Kaufkraft

 

Wenn Kapitalismus ein spezifisches Geflecht aus Produktion, Distribution und Konsum ist, dann treibt der Adel und insbesondere das Fürstentum seine Entstehung aus der dritten Sphäre heraus an. Im frühen Mittelalter sind es Kirche, Kloster und die Frühformen von Adel, die nicht nur die Überschüsse der ländlichen Produzenten dafür nutzen, sondern dabei auch die Abnehmer der Waren jenes Fernhandels sind, der vor allem zu größerer Kapitalanhäufung führt. Dieser Fernhandel mit Luxusgütern diente einer winzigen, aber umso mächtigeren kleinen Schicht.

Originäre Kapitalanhäufung findet also in den Händen derer statt, die den Konsumbedarf und die Machtgelüste kleiner Gruppen Reicher und Mächtiger bedienen, derer, die Kaufkraft haben. Dazu kommt, dass wir es mit einer Welt zu tun haben, in der Geschenke eine elementare Bedeutung für die Herstellung und Aufrechterhaltung "freundschaftlicher" Beziehungen haben. Und ob es sich um Gegenstände aus Gold, Silber, Elfenbein und mit Edelsteinen verziert, um kostbare Kleider oder Luxus-Pferde handelt, das alles muss zunehmend auf dem Markt erworben werden.

 

Im elften und zwölften Jahrhundert werden geistliche und weltliche Fürsten Förderer und Gründer von Städten, in denen etwas neues entsteht, nämlich Massenkaufkraft. Diese betrifft zuallererst Lebensmittel, denn die Städter sind keine Selbstversorger mehr wie bislang das Land. Mit der Zunahme städtischer Bevölkerung ist das Umland bald nicht mehr ausreichend, um die städtische Bevölkerung zu versorgen, was bereits im 12. Jahrhundert für die reichsitalienischen Städte zu gelten beginnt. Insbesondere in Zeiten von regionalen Missernten müssen Massen von Lebensmitteln, Getreide vor allem, aus der Ferne herbeigeschafft werden. Daneben gibt es einen ständigen, täglichen Zufluss an Konsumgütern aller Art durch die Tore der größeren Städte in die entstehenden Läden und aufblühenden Märkte. Zunehmende Spezialisierung bedeutet Arbeitsteilung und zunehmenden Warenverkehr, innerstädtisch wie aus größerer Ferne.

 

Eine städtische Oberschicht aus Ministerialität und Großkaufleuten entsteht, in Italien und Südgallien insbesondere darüber eine des stadtsässigen Adels. Sie vereint auf verliehenen Rechten basierende Macht mit solcher, die aus ihrem wachsenden Reichtum entsteht. Nach und nach übertreffen sie manche ländliche Adelsfamilie an Wohlstand, und sie setzen ihre Kaufkraft nicht nur in Investitionen um, sondern legen sie zunehmend auch wie der Adel in jenen Luxusgütern an, die überhaupt erst ihre Anstrengungen in der Erlangung von Reichtum begründen und als Machtinsignien zugleich ihren Status demonstrieren. Diese wachsende Gruppe eines manchmal so genannten Patriziats beginnt in eingeschränkterem Maße ebenfalls Massenkaufkraft darzustellen: Luxusgüter gehen nun sozusagen in Serienproduktion über. Dazu gehören zuallererst die immer mehr der Mode folgenden Tuche, aus denen nun Kleidung geschneidert wird, dazu Produkte aus Leder wie Schuhe, Produkte aus Pelz, Kopfbedeckungen usw.

 

Die Verstetigung von Massenkaufkraft setzt eine massive Vermehrung des umlaufenden Geldes voraus und setzt sie in Gang. Dazu gehört die Integration der Landbevölkerung in ein Marktgeschehen, wenn auch auf niedrigem Niveau. Immer mehr handwerkliches Können löst sich aus dem Kontext ländlicher Selbstversorgung und zieht in die Städte ab, wo es größere Abnehmerschaft gibt. Zugleich nimmt der Anteil an Pflanzenproduktion zu, die nicht mehr der Ernährung dient, sondern handwerkliche Rohstoffe darstellt (Wachs, Flachs, Wolle, Farbstoffe usw.).

 

Die Ablösung von ländlichen Dienstleistungen durch Geld füllt nicht nur die Taschen der Herren, sondern treibt die entstehende Bauernschaft stärker als zuvor auf die Märkte. War die Kaufkraft der einzelnen Bauernfamilie auch gering, so gehörten doch andererseits meist immer noch 80 bs 90 Prozent der Bevölkerung zur ländlichen Bevölkerung, was insegsamt sich durchaus ebenfalls als eine Form von Massenkaufkraft darstellen lässt.

 

Der rapide Aufstieg der Bedeutung des Geldes zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert ist Ausdruck einer enormen Veränderung der Lebensverhältnisse. Überall im lateinischen Abendland wird das auch so wahrgenommen. Die Literatur wimmelt nur so von Feststellungen, welche Umwertung traditioneller Wertvorstellungen das mit sich bringt. Geldgier macht sich als Thema breit, während die „ritterliche“ Literatur als ideale Gegenwelt das systematisch ausspart.

 

Die Fürsten brauchen das Geld zuallerst für die militärische Machtentfaltung. Kriege und größere Fehden müssen finanziert und immer häufiger vorfinanziert werden. Zunächst helfen dabei lombardische, später auch toskanische Kreditgeber, die sich zu frühen „Bankiers“ entwickeln. Es entsteht jene enge Verbindung von großbürgerlichem Kapital und fürstlicher Herrschaft, aus der dann die neue Staatlichkeit triumphal emporsteigen wird. Macht, fiskalischer Reichtum und Bankwesen beginnen eine Einheit zu bilden. Nicht die mythenbildenden ritterlichen Heldentaten, sondern die fürstliche Kaufkraft siegt immer mehr auf den Schlachtfeldern.

 

Treue, der Eid und ritterliche Ideale schwinden rapide, sobald sie in der Literatur auf den Podest gehoben werden. Käuflichkeit tritt an ihre Stelle. „Erzbischof Arnold von Köln soll für den Übertritt zu Philipp vom Staufer 5.000 oder gar 9.000 Mark erhalten haben (…) Dass Otto IV. nach dem Tod Philipps als dessen Schwiegersohn allgemein als König anerkannt wurde, kostete ihn nach der Braunschweiger Reimchronik wol zwe und zwenzich dhusent marc, ... dhe he gaph dhen herren.“ (KellerBegrenzung, S.434) Und das waren keine Einzelfälle.

 

Neue Staatlichkeit hat so ihren ersten Motor in der Geldgier der Fürsten, die bei der Bildung von Territorien darauf achteten, vor allem fiskalische Möglichkeiten auszuschöpfen oder zu gewinnen. Wenn diese dann für einen für notwendig erachteten Kriegszug nicht ausreichten, oder der ansteigende Bedarf der Höfe in Friedenszeiten nicht ausreichte, wurden insbesondere auf dem Weg ins Spätmittelalter Herrschaftsrechte verpfändet, später auch ganze Städte mit ihrer Bevölkerung. Die kriegerischen Ambitionen und die höfische Prachtentfaltung führen so immer wieder in Verschuldung, die bis an die Grenzen der Kreditwürdigkeit der Potentaten geht. Wo die überschritten wird, droht der Herrscher mit seiner militärischen Macht, der kreditgebendes „bürgerliches“ Kapital wenig entgegenzusetzen hat.

 

Und so werden die Messeorte der Champagne auch zu Plätzen, an denen die Fürsten Kredite aufnehmen und einlösen. Aber auch an ihren Höfen wird der Verkehr mit lombardischen und später auch toskanischen Finanziers üblich. „Bald gab es in West- und Südeuropa kaum noch einen Krieg, den nicht die italienischen Gesellschaften mitfinanzierten.“ (KellerBegrenzung, S.436)

 

Das betrifft auch die geistlichen Fürsten, die neben ihren Fehdekriegen und ihrer immer prunkvolleren Hofhaltung auch für das sich perfektionierende Steuersystem der Päpste aufzukommen haben. Anfang des 13. Jahrhunderts sind die Erzbischöfe von Trier, Mainz und Köln bereits hoch verschuldet, ebenso wie viele Bischöfe und Abteien in deutschen Landen zum Beispiel, und so mancher Nachfolger muss sich dann mit dem übernommenen Schuldenberg herumschlagen. Bislang wurden für die Liturgie bestimmte Kirchenschätze dann eingeschmolzen, um sie in Zahlungsmittel zu verwandeln, aber nun gelangen sie auf einen neuartigen „Kunstmarkt“, wo zum Wert des Edelmetalls und der applizierten Preziosen das offenbare Talent spezialisierter Kunsthandwerker wertsteigernd hinzukommt.

 

Ritterorden

 

Die Integration des Krieges in das Christentum begann bereits in der späten Antike. Dass Christen Krieg führen, bleibt dann im Mittelalter eine Selbstverständlichkeit, auch die Kirche betrachtet sich seitdem als kriegerische und kriegführende Institution. Mit den ursprünglich von Klerus ausgehenden Friedensbewegungen und dem intensiveren christlichen Anstrich, den miles, (Krieger/Ritter) seit dem 11. Jahrhundert erhalten, wird der Weg in die neue, immer mehr territorial definierte Herrschaft von Fürsten und Königen vorbereitet: Nach innen gilt zunehmend Gewalt nur noch zur Durchsetzung von fürstlicher Herrschaft als legitim, weswegen sie nach außen umgelenkt werden muss. Das geschieht in großem Maßstab in den Rückeroberungen der ehedem christlich-lateinischen iberischen Halbinsel, des ehemals christlich-griechischen „Heiligen Landes“ in den sogenannten Kreuzzügen dorthin und in der Einverleibung eines slawischen Ostens westlich von Polen durch deutsche Fürsten und des baltischen Nordostens - durch einen Ritterorden.

 

Mit dem Aufstieg der Zisterzienser wird aus einem Verband von Klöstern ein wesentlich strenger organisierter Verband, der dann später als Orden bezeichnet wird, auch weil es sich dabei um eine große Teile Europas durchwirkende wirtschaftliche Organisation frühkapitalistischen Typs handelt. Als solche Orden organisierten sich dann im Gefolge der Kriegszüge in den Orient Gruppierungen, die Mönchtum und Kriegertum miteinander vereinen. Über der Ritterrüstung tragen sie so die Mönchskutte, und zwar eine, die ihre jeweilige Ordenszugehörigkeit bezeichnet. So entsteht um 1130 der Templerorden, um 1150 die Johanniter und deutlich später, 1197, der Deutsche Orden. 

 

In Jerusalem gründen Mitte des 11. Jahrhunderts Kaufleute aus Amalfi ein Spital unter dem Patrozinium des "heiligen" Johannes zur Betreuung armer und kranker Pilger. Das zugehörige Kloster steht unter der Benediktregel. Nach 1099 trennt ein Gerard das Hospital vom Kloster und erweitert es durch Tochterspitäler in Asti, Pisa, Bari, Otranto, Tarent und Messina, die alle die Pilgerströme versorgen. Die Bruderschaft vom Hl.Johannes erhält um 1130 durch einen Ritter Raimund von Puy eine erste Ordensregel nach der des Augustinus. (Fleckenstein). 

Vermutet wird, dass das Beispiel der Templer die frommen Brüder dazu veranlasst, auch einmal zu den Waffen zu greifen. Schließlich spricht Papst Alexander III. den "Johannitern" das Recht zu, neben der Krankenpflege im Notfall auch zu den Waffen greifen zu dürfen. 

Um 1120 verbünden sich laut Wilhelm von Tyrus sieben Ritter unter der Leitung eines Hugo von Payns zum Schutz der Jerusalem-Pilger. Ihr Mischgebilde aus Militia und Mönchsorden, der Templerorden, stagniert aber zunächst, und Hugo wendet sich darum an seinen Verwandten Bernhard von Clairvaux. Der schreibt darauf seinen Text 'Vom Lob der neuen Ritterschaft' (De laude novae militiae), die sich nicht den üblichen Unsitten der adeligen milites wie der Jagd hingeben. 1129 gibt eine Synode von Troyes ihnen eine eigene Regel. Damit ist mönchisches Christentum nun mit ritterlichem Kampf verbunden.

Beide Orden haben adelige Ritterbrüder, meist bürgerliche dienende Brüder und als dritte Gruppe Ordensgeistliche. Sie sammeln erheblichen Grundbesitz in Europa an, der von Kommenden verwaltet wird, die wiederum zu Balleien zusammengefasst werden. Besonders die Templer entwickeln dann Finanztechniken, um Gelder über weite Strecken zu transferieren, was sich bei den Templern dahin entwickelt, dass sie unter anderem eine Art von Bankhäusern werden, besonders die Tempel von London und Paris, die Kredite geben und Gelder aufbewahren.

 

Um 1146 wird Otto von Freising seine 'Historia' der zwei Staaten mit einem Lob auf den novum militiae genus beenden (Chronik 7,9, S.514), deren Mitglieder mehr Mönche als Ritter seien, non milites sed monachi videantur, und militiae cingulum se non sine causa gestare considerantes, also nicht mehr moralisch gesehen grundlos weiterkämpfen, nämlich um des eigenen Vorteils willen.

 

Um 1157 sieht sich Calatrava an der wichtigen Straße zwischen Cordoba und Toledo so gefährdet, dass, wie es heißt, die dortigen Tempelritter sie unter dem almoravidischen Ansturm nicht mehr zu halten glauben, und sie ziehen ab. Dafür kommen Mönche, die die Versorgung des Ortes und der Gegend gewährleisten. Unter ihnen findet sich eine Gruppe, die die Stadt gegen die Mauren verteidigt. Diese Mönche bleiben Zisterzienser, verbinden aber 1158 in ihrem neuen Orden das Beten mit dem ritterlichen Kampf.1164 werden sie von Papst Alexander III mit entsprechenden Privilegien ausgestattet.

Ähnliches geschieht mit der Gründung des Ordens von Alcántara, der zu einer Art Filialunternehmen des von Calatrava wird. Zwei weitere den Zisterziensern zugehörige Ritterorden entstehen in Aragón.

 

Anders entsteht der Orden vom Hl.Santiago nach der Eroberung von Cáceres (heutige Extremadura) 1170, nämlich als Bruderschaft von Rittern zur Verteidigung der Stadt. Man lebt nicht in einem Kloster zusammen, sondern ähnlich wie ein Domkapitel in einer Art kanonischer Gemeinschaft bei Erlaubnis, sogar zu heiraten. Die namensgebende Bindung zu Santiago de Compostela ergibt sich unter anderem daraus, dass der "Orden" sozusagen in Westspanien das Vorfeld der Verteidigung der galizischen Bischofsstadt kontrolliert. Da León und Kastilien damals unter einem Herrscherhaus verbunden sind, gelingt es bald, viele ihrer Mitglieder nach Kastilien zu transferieren (Manzano, S.362).

 

Eine Besonderheit des 'Deutschen Ordens' wird, wie schon der Name sagt, seine enge Verknüpfung mit der Herrschaft, die sich in der Förderung durch die Staufer Philipp von Schwaben und Friedrich II. niederschlägt.1189 gründen Lübecker und Bremer Kaufleute während der Belagerung von Akkon ein Spital für kranke Landsleute. Nach Einnahme der Stadt lässt es sich in Akkon nieder. 1198 erhebt eine Versammlung deutscher Fürsten sie zum Ritterorden mit einer Satzung, die sich an Johannitern und Templern orientiert.

Deutschordensritter mit ihren Niederlassungen im Reich werden dann ungeachtet ihres Mönchsgelübdes gern gesehen in der sich ausbreitenden höfischen Gesellschaft und Lebensform, was mit ihrer Förderung durch die Staufer einhergeht.

 

 

1202 gründet ein Zisterzienser wohl in Riga den livländischen Orden der Schwertbrüder, den Papst Innozenz III. 1204 anerkennt. In den nächsten Jahren erobern sie das Land der Liven , von dem sie ein Drittel als ersten Ordensstaat erhalten. 

 

Gewalt, Macht und Herrschaft: Ein Exkurs (in Arbeit)

 

Das germanische "Walten" entwickelt sich in der mittelalterlichen Zivilisation zu Machtausübung durch mehr oder weniger institutionalisierte Gewalt. Es waltet der Herr über den Knecht, und später "verwaltet" ein Vertreter des Herrn dessen Macht. Herr sein heißt herrschen, im kleinen oder großen Rahmen. Der Herr über Herren delegiert Macht, und im Kern ist diese die Verfügung über Land und Menschen.

Dass der Knecht (cneht) im Englischen zum knight, also Ritter wird, sagt dabei etwas über den Fluss der Dinge in der Zeit. Er wird es durch Verfügung über Land und Menschen, die ein Einkommen sichert, welches ihm jene militärische Ausrüstung ermöglicht, mit der er sich zum Herrn aufschwingen kann.

 

Herren haben Familie, weil diese über den Tod hinaus für seine Gier nach Macht Sinn stiftet. Sie generiert legitimen Nachwuchs, der Verfügung über Land und Menschen nicht mit dem Tod verfallen lässt. Der neuartige Adel des hohen Mittelalters entsteht einmal durch den zunehmenden erbrechtlichen Ausschluss nichtehelicher Kinder, die nun außerhalb der Norm versorgt werden müssen, ebenso wie ihre Mütter. Noch im christlichen Spanien des 10. Jahrhunderts zum Beispiel waren sie eher gleichgestellt. Zum anderen entwickelt er sich durch die patrilineare Primogenitur, also das Erbrecht des erstgeborenen Sohnes. Nur so kann aus der durch die Generationen sich bis in die Unkenntlichkeit verzweigenden, mütterliche Linien einbeziehenden Verwandtschaft jene Adelsfamilie werden, die man, wie man später sagen wird, eine Dynastie ausbildet. Damit kommt es auch erst zur Herausbildung eines Familiennamens, während vorher Linien durch die Generationen nur durch ein kleines Arsenal von Vornamen gekennzeichnet waren, was uns heute dazu bringt, von Ottonen zum Beispiel zu reden, die vorher Liudolfinger waren.

 

Herren üben die physische Gewalt aus, die sie erst zu Herren macht, mit Ausnahme der geistlichen Herrenmenschen, die andere Herren für sich gewalttätig sein lassen. Diese Gewalt der Herren, die Machtausübung auch als latente Gewaltandrohung ergibt, dient der Familie. In ihrem Sinne wird Macht mehr oder weniger ausgeübt. Edle Herrschaft über ein Landgut mit seinen Bauern und Landarbeitern ist also genauso Familiensache wie die über viele Herren, die über ihre Güter verfügen oder gar über Herren, die über Herren herrschen, die wiederum über Herren herrschen. Das sind dann Fürsten oder Könige.

 

Herrschaft ist wesentlich durch mit Gewalt hergestellte Gewohnheiten definiert, bis sie sich auf sogenannte feudale Rechtsformen und dabei auch zunehmend römisches Recht beruft. Macht geht dabei soweit, wie die Gewalt der herrschaftlichen Waffen jeweils reicht. Mit dem Herrn ist sie, wie gesagt,  die Macht der Familie, die nun eine Dynastie zu bilden versucht. Angelegenheiten der Herrschaft sind Familienangelegenheiten. Insofern gibt es keinen Staat im modernen Sinne, denn es gibt zunächst auch noch keine Staatsgebiete und relativ dauerhafte Untertänigkeit gegenüber einer Familie. Mit ihr kann der Herrschaftsraum verschwinden, genauso auch durch einen Krieg. Und an der Macht der Familie hängt die Macht, die ausgeübt werden kann.

 

Die Solidität von königlichen Familien kann aber auf die Dauer Herrschaftsräume stabilisieren, die sich daraus zu Nationen entwickeln. Das funktioniert im Laufe des Hochmittelalters mit England und Frankreich vor allem, aber auch in Skandinavien und Teilen Osteuropas, nicht aber in italienischen und deutschen Landen. Herrscherfamilien etablieren so Nationalität, die aber dann erst noch affirmativ ins Bewusstsein vieler gelangen muss. Diese bleibt bekanntlich bis heute oft instabil, da in Kriegen Nationen neue Grenzen erhalten. Die Nationenbildung im Mittelalter ist also wesentlich eine Sache weniger mächtiger Familien.

 

Als sich die feudalen Rechtsformen ausbilden und zugleich römisches Recht wieder interessant wird, entsteht auch der Kapitalismus, der mit wiederum ganz eigenen Rechtsvorstellungen hantiert. Damit kommt es zum ersten Mal in der Geschichte zu einem Unterschied zwischen ökonomischer und "politischer" Macht und zudem zu mehreren unterschiedlichen Rechtsformen zu gleicher Zeit, die nicht mehr einfach unterschiedliche Volksrechte sind. 

Die Erträge aus der Landwirtschaft verlieren langsam an Bedeutung und die aus Handwerk, Handel und Finanzgeschäften werden immer wichtiger. Für manchen wird das allerdings erst im späten Mittelalter und dann besonders nach den Krisen des 14. Jahrhunderts deutlich. Damit sinkt die Bedeutung des kleinen Adels, sofern er sich weiter auf agrarische Produktion stützt, und es steigt die der großen Herren, die als Fürsten nun die Erträge aus den aufsteigenden Gewerben mit Hilfe von Methoden der Besteuerung abschöpfen.

 

So wie Kapitalakkumulation zu Kapitalkonzentration führt, so wird auch die Gewalttätigkeit zumindest rechtlich immer mehr auf wenige Herrscherfamilien konzentriert, die nun über Heere zu verfügen beginnen, die sie bezahlen, auch wenn sie teilweise weiter ritterliche Ausrüstung haben. Das Rittertum der Heldengeschichten um 1200 wird erzählt, als es gerade verschwindet. Leute, die wie Richard Löwenherz noch an so etwas glauben, scheitern daran. Jener William Marshall, in etwa ein Zeitgenosse, machte sich vor allem als Turniersportler einen Namen, und steigt über eine geschickte Heirat und in königlichen Diensten auf.

 

Geld regiert noch lange nicht die Welt, sondern Fürstenhäuser sind es, aber sie regieren immer mehr nur soweit, wie ihr Geld reicht. Der Aufstieg Frankreichs zur europäischen Vormacht bis 1214 hat damit zu tun, dass es den größten königlichen Haushalt erringt und damit die englische Krone weitgehend vom Kontinent vertreiben kann. Die unentwegten italienischen Kriege Barbarossas gehen im wesentlichen darum, die Erträge städtischen Wirtschaftens in Norditalien wieder zu gewinnen. Und wer keine Söldnerheere aus Brabant und anderswo mehr bezahlen kann, verliert auf Dauer seine Schlachten.

 

Wer immer noch von Feudalismus redet, sollte wissen, dass bereits im 12. Jahrhundert rechtlich feudal strukturierte Verträge mit ihren Privilegien teuer bezahlt werden müssen, und dass das Geld dafür immer weniger aus der Landwirtschaft selbst kommt. Das Ende ist nicht der traurige Blick armer Ritter des 14. und 15. auf reiche Bürger, man denkt dabei sicher an den Briefwechsel zwischen Hutten und Pirckheimer, sondern viel früher sichtbar mit den Schimpfpredigten von Bettelordensmönchen des 13. Jahrhunderts über bürgerliche Gier und im Luxus versinkende Lasterhaftigkeit der Städte, wovon Savonarola nur ein ganz später Abklatsch ist.

 

Die Macht kommt, zuerst in Teilen Italiens und der Niederlande, dann auch in deutschen und französischen Städten, immer weniger aus edler physischer Gewaltätigkeit und immer mehr aus jenen Vorgängen, die in dem Wort Kapital einbegriffen sind. Aber die, die als Eigentümer über seine Bewegungen verfügen, sind nur an jenen Räumen interessiert, die dafür nötig sind. Sie streben nach Kontrolle der Städte, bis sie völlig aus diesen herauswachsen und im Verlauf des späten Mittelalters ihre Partner in den von ihm wirtschaftlich abhängigen Fürsten haben.

 

Die Macht beruht weiter auf Waffengewalt, aber diese wird über die Bewegungen erfolgreichen Kapitals finanziert. Dieses Kapital wiederum imitiert den Adel in der Ausbildung von Familiendynastien und in den Lebensformen und strebt nach Möglichkeit nach "Augenhöhe" mit diesem. Erst als diese in den letzten Zuckungen später aristokratischer Arroganz verweigert wird, verbünden sich großbürgerliche Plantagenbesitzer in Nordamerika und großbürgerliche Handelsherren in der Gironde (zum Beispiel) mit kleinbürgerlichen ideologischen Heißspornen und Abenteurern gegen die Adelsherrschaft und erzwingen die Machtübernahme kongenialerer Polit-Agenturen ihrer Interessen.