KIRCHE 4: KIRCHE, CHRISTENTUM UND KOMMERZ VOM 13. BIS 15. JAHRHUNDERT (in Arbeit)

 

Inquisition und Ketzerverfolgung

Frömmigkeit

Papsttum, Schisma und Konzilien

Verweltlichte Prälaten im französischen 15. Jahrhundert

Widersprüche: Frömmigkeit und Unglaube (Totentanz / Alchemie / Magie)

 

 

 

Die große Bewegung der Kirchenreform hatte die Machtfrage zwischen Papst-Kirche und Königen gestellt und erreicht, dass Kirche sich als Partner der Mächtigen für einige Zeit ein wenig verselbständigte. Das Ergebnis dürfte aber dann nicht dem entsprechen, was sich die großen Reformer vorgestellt hatten: In deutschen Landen werden Bischöfe mehr noch als zuvor zu Fürsten sehr weltlicher Art, und mehrere steigen dabei in die erste Liga der Kurfürsten auf. Mit den Formelkompromissen für Frankreich und England ändert sich nicht, dass das Episkopat weiter in die königliche Machtpolitik eingebunden bleibt und oft auch Könige sich ihre Bischöfe weiter aussuchen, gelegentlich im Einvernehmen mit päpstlicher Machtpolitik.

Wird den hohen Prälaten im entstehenden Frankreich auch nicht fürstliche Macht wie in deutschen Landen zugestanden, so bemühen sie sich doch um fürstliche Lebensformen. Und in England sind Bischöfe weiter große Barone mit entsprechender weltlicher Macht. Entsprechend lässt sich bereits im 12. Jahrhundert von einer Art Ausprägung von Nationalkirchen sprechen, mit ihren Besonderheiten und ihren Verwicklungen in das weltliche Machtgeschehen.

 

Die wirtschaftliche Basis dieser Bischofskirchen bleibt riesiger Großgrundbesitz, auf dem aus bäuerlicher Arbeit Gewinne gezogen werden, bleiben Rechte, die Geldeinnahmen mit sich bringen, und bleibt der Zehnte, den die mehr oder weniger Gläubigen wie selbstverständlich als Zwangsmitglieder in der Kirche erbringen müssen.

 

Kirche bedeutet so enormen Reichtum, von dem sehr wenig an die Armen als Almosen abgeht, aber ein nicht geringer Teil in Rom zusammenkommt. während eher arme Landpfarrer davon meist nicht viel sehen. Mit der Monetarisierung und Kommerzialisierung der Welt, die im 12. Jahrhundert schnell voranschreitet, wird die Kirche zu einem das ganze lateinische Europa umspannenden großen Wirtschaftsunternehmen, in dem die Bistümer als regionale Unternehmen untergeodnet sind. Dabei fließen unentwegt enorme Summen.

 

Das übrige Reformprogramm der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts macht im 12. bestenfalls langsame Fortschritte, wobei alte Unsitten durch neue ersetzt werden. Die Lesekunst der ländlichen Priester steigt nur allmählich, und viele müssen weiter die zehn Gebote, den Text der Messe, die Namen der sieben Sakramente und die Formeln für die Beichte auswendig im Kopf behalten, da sie sie nicht nachlesen können.

Wenn man den Bestimmungen des vierten Laterankonzils von 1215 folgt, sind viele Priester weiter verheiratet, vererben ihre Pfarreien und sind dem Würfelspiel, dem Tavernenbesuch und anderem weltlichem Amüsement ergeben. Es ergibt sich dabei auch der Eindruck, dass die weitere Christianisierung einer religiös überwiegend uninformierten Bevölkerung nur schleppend vorangeht. Immerhin wird versucht, die Leute wenigstens einmal im Jahr zur Beichte und zur Kommunion (des leibhaftig gemeinten Verspeisens des Leibes und Blutes Christi) zu verpflichten. 

 

Ämter in der Kirche sind seid dem frühen Mittelalter käuflich und das nimmt nun weiter zu, als ob es keinen Kampf gegen die Simonie gegeben hätte.

Kirchliche Stellen sind mit einem eigenen Einkommen versehen, den Pfründen (praebenda). Höhere Kirchenämter bedeuten reichhaltigere Pfründen. Pfründen sind kirchliche Einkunftsquellen, und sie werden als Freundesdienst und zur Klientelbildung verschachert oder verschenkt.

 

Dabei setzt sich im späten Mittelalter sogar die Ansammlung von Pfründen auf jeweils eine Person durch, wobei diese zunmehmend zu keinerlei kirchlichen Gegenleistungen verpflichtet sind. Wenn sie solche Dienste beinhalten, werden sie an Vikare weitergegeben, die sich mit minimaler Bezahlung zufrieden gegeben müssen und oft kaum religiöse Kenntnisse haben. Ein Petrarca wird sich von solcher Pfründenwirtschaft ernähren können.

 

Als Domherr muss man nur jene niederen Weihen durchlaufen haben, die nicht mit dem Zölibat verbunden sind, was sie auch für den Adel attraktiv macht. Aber selbst Bischöfe müssen bei der Wahl noch nicht einmal die Priesterweihe erhalten haben. Man kann dann als Domherr und sogar als Bischof wieder von seinem Amt zurücktreten und heiraten, vor allem wenn ein Spitzenplatz in der Dynastie offen wird.

Da ein Teil der das Fürstentum nicht erbenden Söhne auf solche Kirchenstellen abgeschoben wird, sind sie darauf angewiesen, solche Pfründe anzunhäufen, was kirchlicherseits eigentlich wegen der Residenzpflicht verboten, aber gang und gebe ist. Man versucht sich dann Dispense zu verschaffen. Dasselbe gilt auch für den übrigen Adel.

 

Hermann IV. aus dem hessischen Landgrafenhaus wird 1461 mit elf Jahren Domherr zu Mainz. Er studiert im Folgejahr an der Universität Köln, wo er mit 13 Jahren Domherr wird. Mit 15 wird er Propst es Petersstiftes zu Fritzlar und Domscholaster in Worms. Mit 18 Jahren hat er drei weitere Pfründen errungen. 1480 wird er Erzbischof von Köln.

 

Solche Stellenvergaben sind oft nicht mit sonderlichem religiösem Interesse verbunden, was die Kirche des späten Mittelalters dann auch stark prägt: Kirchenämter sind oft schiere Einnahmequellen.

 

In den Städten entwickelt sich zwischen der Kirche und den Bettelorden eine heftige Konkurrenz um die Einnahmen, und insbesondere den Franziskanern gelingt es bald, die Pfarrkirchen und die alten monastischen Klosterkirchen an Größe und (gotischer) Höhe zu übertreffen. Unternehmerisch werden sie allerdings erheblich übertreffen von den Zisterziensern, die zum Teil riesige Wirtschaftsunternehmen auf dem Lande mit Dependancen in den Städten entwickeln. Ihre Größe lässt sich noch erahnen in so großen baulichen Komplexen wie dem des Klosters Eberbach im Rheingau.

 

Ein besonderes Phänomen wird in dieser Hinsicht der Orden der Tempelritter, der sich über ganz Westeuropa mit Niederlassungen verbreitet und seine Einnahmen zentral im Londoner und Pariser Tempel (temple) verstaut. Das nehmen sich Magnaten und Könige zum Vorbild und deponieren ihre Reichtümer zumindest teilweise in denselben Schatzkammern. Mit der Kapitalisierung solcher hoher Summen werden die Templer dann zu Kreditgebern und bringen die Großen manchmal finanziell in ihre Abhängigkeit, was ihnen ähnlich zum Verhängnis werden wird wie jüdischem Finanzkapital.

 

 

Inquisition und Ketzerverfolgung

 

Die Reformbewegungen in der Kirche des 11. Jahrhunderts erreichen am Ende keines ihrer Ziele außer einer Machtsteigerung des Papsttums, die aber dann in Frankreich und England durch die Herausbildung von Vorformen eines Nationalstaates auch wieder gebremst werden. Die weiter zunehmende Verweltlichung des Kirchenapparates trifft darum auf die Armutsbewegungen und andere der Häresie verdächtige Entwicklungen, die zurück zu den Ursprüngen des Christentums wollen. Einige wie die Franziskaner können in die Kirche integriert werden, andere werden mit Hilfe der weltlichen Gewalt unterdrückt oder wie die Katharer vernichtet.

 

Ein zentrales Instrument zur Beseitigung nicht kirchenkonformer Richtungen wird der Predigerorden der Dominikaner, ein anderes und brutaleres wird die Einrichtung der Inquisition, in der Dominikaner eine herausragende Rolle spielen. Ihre Anfänge hängen mit der großflächigen Verbreitung von häretischen Bewegungen um 1200 wie der Katharer, Waldenser und Humiliaten zusammen, der man zunächst nicht mehr Herr werden kann.

Es handelt sich um ein immer ausgefeilteres Untersuchungsverfahren geistlicher Gerichtsbarkeit, mit dem zunächst Bischöfe beauftragt werden, unkorrekte Glaubensinhalte bei Menschen ihrer Diözese zu entdecken, zu verurteilen und der harten Bestrafung durch die weltliche Macht zuzuführen. 1252 wird von Papst Innozenz IV. die Folter als Untersuchungsinstrument legalisiert und die Finanzierung der Prozesse durch ein Drittel des Vermögens der Verurteilten festgelegt.

 

Ihrem Wesen nach bedeutet die Inquisition flächendeckenden Gesinnungsterror zunächst religiöser Natur, der mit der fortschreitenden Tendenz zur Säkularisierung in der Neuzeit dann seit dem 18. Jahrhundert als politischer Gesinnungsterror weitergeführt wird. Auf der anderen Seite bedeutet er eine Modernisierung der Justiz mit weitreichenden Folgen. Da es um Glaubensinhalte geht, findet ein ausgeklügeltes Untersuchungsverfahren statt, welches viele lokale und regionale Zeugenaussagen umfasst, die nun in schriftlichen Protokollen niedergelegt werden, ebenso wie die Verhöre der Angeklagten. 

Als päpstliches Rechtsprechungsorgan wird die Inquisition damit auch den Bischöfen entzogen, deren Mitarbeit allerdings erwartet wird. In Frankreich und Italien dienen päpstliche Legaten als Generalinquisitoren, die wiederum Stellvertreter zu lokalen und regionalen Prozessen delegieren können. Im entstehenden Frankreich dient die Inquisition mit den Katharerprozessen zum ersten Mal ganz ungeniert auch weltlichen Machtinteressen, nämlich der Annektion großer Teile des Südens im Zuge eines sogenannten Kreuzzuges durch den französischen König.

 

Die schwerste Strafe ist die Verbrennung des Ketzers, die es auch schon vor der päpstlichen Inquisition gab und die nun bis in die frühe Neuzeit (Hexenverbrennungen) zunehmen wird. Daneben gibt es andere Formen der Hinrichtung. Besonders intensiv wütet die Inquisition im Zuge der Vernichtung der Katharer. Der zwischen 1307 und 1323 besonders aktive Inquisitor Bernard Gui soll von 930 bis heute überlieferten Urteilen 42 Hinrichtungen ausgesprochen haben, 307 Urteile von lebenslanger Kerkerhaft, fast immer auch eine Art Todesurteil. Die übrigen Strafen bestehen in unterschiedlich drakonischen Bußleistungen wie zum Beispiel der Verpflichtung zu größeren Wallfahrten. Die meisten Katharer werden aber im Zuge der Militäraktionen ohne Verfahren umgebracht. Einige andere Inquisitoren sollen übrigens überhaupt keine Todesurteile ausgesprochen haben. Andererseits beschleunigt die Inquisition die Anwendung der Folter in weltlichen Prozessen.


Die Vollziehung der schwereren Strafen obliegt den Fürsten, die offiziell dabei kein Mitspracherecht haben. Gesinnungsterror heißt aber vor allem, dass Anklage, Untersuchung und Urteilsspruch in einer Hand sind. Das ist im religiösen Raum nichts neues, ist doch das Christentum seit dem vierten Jahrhundert vor allem mit Gewalt und anderen Druckmitteln durchgesetzt worden, ähnlich wie das Tempeljudentum und der Islam. Darüber hinaus gab es vor dem späten Mittelalter bereits eine fast tausendjährige Ketzerverfolgung mit zunehmend härteren Mitteln.

 

Grundsätzlich ist es möglich, dass der Angeklagte sich einen Verteidiger besorgt.  Der katalanische Dominikaner und Generalinquisitor von Katalonien von 1357-92, Nicolau Eymeric, verfasst 1376 ein 'Directorium Inquisitorum', das sich vor allem mit Hexen und Zauberern beschäftigt. Darin heißt es: Wenn der Angeklagte sein Vergehen gesteht - ob nun durch die Zeugen überführt, die ihn denunziert haben, oder nicht - und wenn sein Geständnis mit den Vorwürfen übereinstimmt, dann ist es unnötig, ihm einen Verteidiger zu bewilligen, um wider die Zeugen zu reden. Letztlich ist sein Geständnis beweiskräftiger als die Aussagen der Zeugen. Wenn er aber sein Verbrechen leugnet, wenn Entlastungszeugen da sind  und er nach einem Verteidiger verlangt, dann muss er sich verteidigen können, ob man ihn nun für unschuldig halten mag oder für verstockt, für unbußfertig oder böse, man wird ihm also juristischen Beistand gewähren. (in: Reliquet, S.174)

In der Praxis heißt das zur oft erwünschten Beschleunigung der Verfahren, dass man versucht, ein schnelles Geständnis mit der Androhung der Folter oder künftiger Höllenqualen zu erpressen. Immerhin ist damit aber schon der Weg zu neuzeitlichen Gerichtsprozessen gewisen.

 

Die modern wirkende Untersuchungs- und Prozessführung bleibt aber weiter kirchlicher Willkürakt. In Handbüchern des späten Mittelalters wird das offen ausgedrückt. Bei Eymeric heißt es: Alles, was in Wort oder Tat, in ausgeführter Handlung oder bloßem Vorsatz einen Lehrsatz oder Brauch berührt, den Christus, die Kirchenväter, die Konzile und die Päpste verdammt haben, fällt in die Zuständigkeit der Inquisition. (so in: Reliquet, S. 165).

 

Frömmigkeit (in Arbeit)

 

Das Christentum des späten Hochmittelalters, der frühen Gotik, beginnt den leidenden Christus wie auch die Mutter mit dem Jesuskind stärker zu vermenschlichen. Es ist eine Zeit des Wiederaufblühens der Städte und eines neuen Bürgertums, welches zu neuen Formen von Frömmigkeit neigt. Immer noch wird der Mensch am Ende gerichtet werden, aber zwischen Himmel und Hölle schiebt sich das Purgatorium, das Fegefeuer, ein Ort schmerzhafter Vorgänge der Reinigung von den Sünden. Das aber gibt den Sündern neue Chancen, andererseits verschiebt es das Christentum langsam in einen Raum merkantilen Denkens. Das do ut des des frühen Mittelalters, ich tue das, und dafür gewährt mir Gott (vielleicht) jenes, z.B. den Sieg in der Schlacht oder ein Kind oder eine Heilung von Krankheit, wird einerseits detaillierter und kalkulierter, andererseits führt es zu Verinnerlichungen, aus denen heraus ein neuartiges Gewissen entsteht.

 

Dem dient die sich immer mehr durchsetzende Ohrenbeichte vor dem Geistlichen, die um 1200 als neues Sakrament eingeführt wird. Da wird ein langer Katalog von Sünden abgearbeitet, die dabei ins Gedächtnis rücken, und das wird dann verbunden mit spezifisch geistlichen Leistungen, mit denen man seine Bußfertigkeit in die Praxis umsetzen kann. Gebete aufsagen, fasten, auf Pilgerschaft gehen usw.

 

Daneben besteht durch die Texte hindurch der allgemeine Eindruck, dass die Christenheit in ihrer Frömmigkeit sehr nachgelassen habe und sich zunehmend der luxuria hingebe, jener Wollust, zu der auch, aber nicht nur die ungezügelte Sexualität gehört, sondern eine ganz allgemeine Besitzgier. Auf Seiten der mit den Franziskanern entstehenden Dominikaner wird eine neue Ära des Bußpredigertums einsetzen. In schlechtem Latein: Memento mori (memento moriendum esse) und: Wehe, du stehst an der Himmelspforte und wirst abgewiesen.

 

Während exaltierte Schübe von Volksfrömmigkeit auftreten und in ihr Religion gefühlsseliger und emotionaler wird, verliert die  kommerzialisierte und verweltlichte Kirche bei manchen an Ansehen.

 

Im 14. Jahrhundert werden die Vorstellungen der Apokalypse des Johannes (weiterhin als Endzeitvision gelesen) immer stärker popularisiert. Zwischen 1373 und 1380 wird im Auftrag des Herzogs Louis I von Anjou die nach ihrem Ausstellungsort Angers benannte Apokalpyse gewirkt.

Bild

 

In hochadeligen Kreisen beginnt die Blütezeit reich illustrierter Stundenbücher, Gebetbücher als ästhetisierte Luxus-Frömmigkeit: Da sind die herausragenden des Herzogs Jean de Berry, der von 1340 bis 1416 lebte, und die 'Très riches heures' der Brüder Limburg, die 1411-16 geschaffen werden.

Bild

 

Papsttum, Schisma und Konzilien (in Arbeit)

 

Bertrand de Got wird als Clemens V. (1305-14) mehrmals genötigt, sich in Südfrankreich aufzuhalten. Damit ist die Kurie in Perugia weit vom Papst getrennt. Clemens ernennt 23 Franzosen und einen Engländer zu Kardinälen. Die Spitze der Papstkirche schert aus der italienischen Geschichte aus und wird Teil der französischen. Bis 1375 werden weitere 110 Kardinäle ernannt, von denen 90 Franzosen sind. Das Vorgehen des französischen Königs gegen Bonifaz VIII. wird von Clemens weitgehend anerkannt.

Nachfolger wird der vom französischen König abhängige Johannes XXII., der im Streit mit Ludwig dem Bayern liegt. 1334 tritt Benedikt XII. sein Amt an und identifiziert sich noch stärker mit der königlich-französischen Politik. Zwar behauptet er, nach Rom zurückkehren zu wollen, lässt aber den Bau des Papstpalastes in Avignon beginnen. Unter Clemens VI. (1342-52), vorher Kanzler Philipps VI.,  wird der Palast fertiggestellt, wo ein sehr weltlich-prunkvolles Hofleben einzieht. 1342 kann zusätzlich zur Grafschaft Venaissain die Stadt Avignon erworben werden, die sich mit den Kardinalspalästen zu einem bedeutenden Wirtschaftszentrum entwickelt. Nepotismus wird zum Normalfall in der Kirchenspitze.

Als Entschädigung erhält Rom nach 1300 1350 ein zweites Jubeljahr, für das den Pilgern ein umfassender Ablass aus dem infinitus thesaurus ecclesiae geliefert wird. Nach 1352 versucht Innozenz VI., die Rückkehr nach Rom vorzubereiten. Der Kardinal Aegidius Albornoz versucht den Kirchenstaat zu befrieden und zu reorganisieren. Ab 1352versucht Urban V. die Pfründenhäufung einzuschränken und die Residenzpflicht der Geistlichkeit wiederherzustellen - mit wenig Erfolg. 1367 zieht er nach Rom um, wo er aber nur bis 1370 bleibt. Gregor XI. muss nach der Wahl erst in zwei Tagen Priester- und Bischofsweihe durchlaufen. 1376 siedelt auch er nach Rom um. Die Kirche bleibt gespalten.

 

1378 wird der Kardinal von Bari von einflussreichen Römern als Urban VI. inm einer zweifelhaften Wahl von nur zwölf Kardinälen durchgesetzt. Alle außer den italienischen Kardinälen verlassen kurz darauf die Stadt. Im Juli wird die Wahl für ungültig erklärt, und vor allem französische Kardinäle wählen Clemens VII., der in Avignon residiert und sich in Italien nicht durchsetzen kann. Seitdem gibt es das sogenannte 'Große Schisma'. Deutschland, England, Flandern, Norditalien unterstützen den römischen Papst, Frankreich, Schottland, Kastilien und Portugal den avignonesischen.

 

1414-17 Konzil von Konstanz

 

Verweltlichte Prälaten im französischen 15. Jahrhundert

 

Zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert lässt sich (nicht nur) für Frankreich die Fortsetzung und Steigerung jenes Prozesses erkennen, der schon seit dem frühen Mittelalter aus der hohen Geistlichkeit schwerreiche verweltlichte Machthaber macht, auch wenn ihnen die fürstliche Stellung des römisch-deutschen Reiches fehlt. Diese Prälaten leben in Schlössern und Palästen, umgeben von Rittern und Vasallen, gehen wie weltlicher Adel auf die Jagd, führen Krieg und oft ein Leben voller Ausschweifungen auch sexueller Natur, dabei immer auf der Suche nach Möglichkeiten, Macht und Reichtum auszubauen.

 

Der Theologe und Kanzler der Sorbonne, Jean Gerson (1363-1429) schreibt: Wo findet man heute noch einen Bischof, der sein Amt nicht durch Ehrgeiz und Habgier erlangt hat? Entweder der Geistliche Nicolas de Clemanges (1360 bis um 1440) oder ein Zeitgenosse schreibt in 'De corrupto Ecclesiae statu': Wenn in unseren Tagen jemand das Hirtenamt übernimmt und sich der Seelsorge weiht, dann ist mit keinem Wort vom Dienst an Gott und der Erbauung und dem Seelenheil der Gläubigen die Rede; das einzige, was zählt, ist die Höhe der Einkünfte.

 

Entsprechend sind solche Prälaten oft mehr Politiker als Geistliche, und geben die geistlichen Aufgaben an Untergebene ab. Ein Musterbeispiel ist der Gegenspieler von Gilles de Rais, Jean de Malestroit, der als jüngster Sohn der bretonischen Adelsfamilie Geistlicher wird. 1375 geboren, ist er 1405 bereits Bischof von Saint-Brieuc und häuft immer mehr geistliche wie weltliche Ämter an. Im selben Jahr gelangt er in den Großen und Geheimen Rat des bretonischen Herzogs und reüssiert immer mehr mit Geldgeschäften. "1406 ist er Generalgouverneur der Finanzen der Bretagne, 1408 erster Präsident des Rechnungshofes, einige Monate später Kanzler und seit 1409 Schatzmeister und General-Steuereinnehmer." (Reliquet, S.135) Im weiteren leitet er die bretonische Schaukel-Außenpolitik und wird 1419 Bischof von Nantes. An Finanzen kann er nun mit den reicheren Fürsten in Frankreich mithalten.

Er ist nur einer von vielen. Ludwig von Luxemburg ist erst Bischof von Thérouanne, das er aber kaum aufsucht, da er seine Residenz in Paris hat, wird dann Erzbischof von Rouen und später von Ely in England. Zugleich ist er zunächst burgundischer Kanzler und häuft durch englische Gelder immer mehr Reichtum an.

Jacques Jouvenel des Ursins wird mit 26 Jahren Ratgeber des Königs im parlement, 1441 erhält er die Pfründe eines Archidiakons von Paris, 1443 wird er als Kanoniker Schatzmeister der Sainte Chapelle, 1444 Erzbischof von Reims und 1445 geistlicher Präsident des königlichen Rechnungshofes.

 

Diese Vermischung  von klerikaler Prachtentfaltung, Habgier und politischer Macht adeliger Prälaten klagt der fromme Bauernsohn Jean Gerson (Charlier), der durch seine erhebliche Bildung eine dem konziliaren Gedanken verpflichtete Karriere macht, immer wieder an:

Was soll dieser üppige fürstliche Glanz? Was gewinnt die Kirchean dem überlüssigen Prunk der Prälaten und Kardinäle, der sie fast vergessen lässt, dass sie Menschen sind? und was ist das für ein Zustand, dass einer 200 Pfründen hat und der andere gar 300? Daher kommt es doch, bicht wahr, dass der Gottesdienst vernachlässigt wird, dass die Kirchen verarmen, dass es ihnen an würdigen Männern und Lehrern gebricht, und dass den Gläubigen ein schlechtes Beispiel gegeben wird ... Warum müssen die Kanoniker der Kathedralen gestiefelt und gespornt einhergehen und im kurzen Gewand; warum haben sie den Priesterhabit abgelegt und kleiden sich wie Soldaten, schwingen den Wirfspieß und üben sich im Waffenhandwerk? Denn auch die Bischöfe ziehen das Chorhemdn aus, vergessen ihre Bücher und greifen zu den Waffen; sie ziehen in die Schlacht wie weltliche Herren ... Macht doch die Augen auf und schaut hin, ob nicht die Nonnenklöster den Häusern der Kurtisanen gleichen und die heiligen Stifte der Chorherren den geschäftigen Märkten, ob nicht die Kathedralen zu Räuber- und Mörderhöhlen geworden sind! Haben nicht manche Priester unter dem Vorwand, es sei zu ihrer Bedienung, die Gewohnheit angenommen, sich Konkubinen zu halten? (in: Reliquet, S.145)

Das alles ist nicht wirklich neu zu Gersons Zeit, hat aber eine neue Qualität erhalten.

 

Widersprüche: Frömmigkeit und Unglaube

 

Das fünfzehnte Jahrhundert ist der Weg in eine zweite Blütezeit des Kapitalismus, dessen Welt immer komplexer und widersprüchlicher wird, was eben auch Kirche, Glauben und Frömmigkeit betrifft. Das Renaissance-Papsttum wird immer mehr zu einem schwerreichen Finanzunternehmen in den Händen mächtiger hochadeliger Familien, welches aber einer konziliaren Reformbewegung gegenübersteht. In dieser operieren aber wiederum auch starke Kräfte, die mit Gewalt und Grausamkeit gegen Reformatoren und andere Abweichler vorgeht. Die Zahl der Leute, die seit dem 13. Jahrhundert im Feuer sterben, nimmt kontinuierlich zu. Auch der Kirchenreformer Jean Gerson befürwortet den Feuertod von Hus. Im Laufe des 15. Jahrhunderts nehmen auch die sogenannten Hexenverfolgungen zu, um im folgenden ihren Höhepunkt zu erreichen.

 

Neben fürstlichem Reichtum mit seiner Prachtentfaltung, die die Massen abwechselnd zu Ablehnung und vor allem zu Identifikation einladen, steht die zunehmende Konzentration von Kapital in wenigen Händen, die immer weniger selbat nach politischer Macht streben, sondern nun das enge Bündnis mit ihr suchen. Die Geschäfte dieser großen Familienunternehmen und darüber hinaus auch familienübergreifender Unternehmen, oft europaweit, entziehen sich dem Einblick und Verständnis der meisten Menschen nun genauso wie die große Machtpolitik, die nur noch schemenhaft wahrgenommen werden kann.

 

Die Komplexität der erlebten Welt wird als immer krisenhafter wahrgenommen und ihr Unverständnis fördert wahnhafte, ans paranoide gemahnende Persönlichkeits-Strukturen bei den städtischen Massen, die situativ nach Durchbruch drängen. Der Jubel beim Aufstieg von Savonarola in Florenz und der gedämpfte Jiubel bei seiner Verbrennung im Zeitraum weniger Jahre mag dafür beispielhaft stehen, wie auch der Hexenwahn, paranoide Wahnvorstellungen über Juden, die Angstlust gegenüber Alchemie, Astrologie und vieles andere.

 

Ein verblüffender Widerspruch des ausgehenden Mittelalters ist der zwischen einer vom Haupt bis zu den Gliedern verlotternden Kirche und frommen Reformbewegungen, die sich rückwärts gewandt glauben und doch den Fortschritt des Kapitalismus befördern werden. Er äußert sich auch als zu vermutender zunehmender Unglaube, der in abgeschwächter Form Frömmigkeit durch äußerliche Förmlichkeiten ersetzt. Da Unglaube als todeswürdig gilt, gibt es nur wenige Zeugnisse, die auf uns heute überlebt haben. Da in komplexeren Strukturen abweichende Ansichten, Skepsis,  Dissidenz immer massiver verfolgt wird, lebt sie nur heimlich, im privaten Raum.

 

Im Gegensatz dazu zeigen sich glaubensfrohe Frömmigkeitsbewegungen öffentlich - auch angesichts ihrer gelegentlich ebenfalls stattfindenen Verfolgung. Dem Kirchenchristentum schon in der späten Antike beigemischte (etwas platt benannte) sadistische und masochistische Elemente nehmen zu, die Angstlust-Faszination der von Massen von Zuschauern begleiteten öffentlichen Hinrichtungen am Galgen und im Feuer sind ein Beispiel. Ähnliche Faszination lösten schon im vierzehnten Jahrhundert die Geißlerzüge im Gefolge der Pest aus. Der doppelte Schmerz von Kulturbildung und zivilisierter Untertänigkeit explodiert immer stärker  angesichts der Komplexität des Lebensumfeldes besonders in den größeren Städten. Die städtischen Massen werden zum leicht manipulierbaren Pöbel, der sie bis heute geblieben sind und der von einer in die nächste psychosoziale Krise rutscht.

 

****Totentanz****

 

Makaber ist ein Wort, welches erst im 19. Jahrhundert im Französischen allgemeiner auftaucht und vielleicht über das Englische im 20 Jahrhundert ins Deutsche gelangt. Zum ersten Mal vorher taucht es in der Totentanzdichtung 1396 in 'de Macabré la danse' auf. Ursprünge des Wortes aus dem Arabischen oder Hebräischen bleiben unklar.

 

Das Makabre ist wie das Groteske ein Spiel mit Ambivalenzen, allemal Ort für Angstlust. Das durch Kultivierung und Zivilisierung ge- und verformte Bewusstsein oszilliert in seiner Unentschiedenheit zwischen Angst bzw. Schrecken und Lust und versucht beide zusammenzubringen, ein Phänomen zumindest vieler Zivilisationen.

Beim Makabren geht es spezifisch um die so hergestellte Faszination des Todes. Es taucht im Gefolge der Pest einmal 1376 im 'Respit de la Mort' des Jean Le Febre (Je fie de Macabré la danse) auf,  dann als literarisches Produkt für die szenische Darstellung, und zwar zunächst als Wechselreden zwischen dem Tod und vielen Personen unterschiedlichen Ranges. Frühe Aufführungen sind aus dem Kloster aux Innocents (der von Herodes laut kurioser Legende hingerichteten Kinder) als Chorea Machabaeorum bzw. danse macabre bekannt. Jean Gerson schreibt um 1423 einen solchen Totentanz. In deutschen Landen taucht dann die Übersetzung einer lateinischen Version (Uniblibliothek Heidelberg) auf.

 

Im Gefolge tauchen oft monumentale Wandgemälde in Frankreich (Abtei La Chaise Dieu und Pariser Friedhof Cimetière des Innocents schon um 1425), Deutschland (z.B. Metnitz in Kärnten, Basel, Lübeck) und Italien auf, dort zum Beispiel auf dem Pisaner Campo Santo (1380).

 

Bild

 

Ursprung ist sicher der Widerspruch zwischen zwei Zwanghaftigkeiten im Menschen: Seinem unwillkürlichen Lebenswillen und der ihm bewussten Unabänderlichkeit des Todes. Im späten Mittelalter scheinen die Häufung von Naturkatastrophen mit vom Menschen durch Globalisierung und Überbevölkerung hervorgerufenen Seuchen und den zunehmenden Greueln der Kriege und allgemeiner Gewalttätigkeit und Grausamkeit die bisherigen Versuche von psycho-mentalen Arrangements mit dem Tod durch sein zunehmend massenhaftes Auftreten bei vielen zu zerbrechen. 

Das Starren auf den deutlich werdenden Widerspruch scheint ein Versuch zu sein, diesen magisch bannen zu wollen. Der bisherige kirchliche Versuch, ihn durch die Begründung des Todes mit der menschlichen Sündhaftigkeit aufzulösen, gerät offensichtlich in eine Krise. Andererseits nehmen seit dem 13. Jahrhundert mit den öffentlichen Bußpredigten von Mönchen der Bettelorden, die mit dem allerhöchsten Gericht nach dem Tod und einem ewigen Leben drohen, neue Versöhnungsversuche zu. 

Ein Bruder Richard predigt denn auch schon 1429 auf dem Friedhof der unschuldigen Kinder in Paris auf einem Gerüst, hinter dem sich die Beinhäuser und die Abbildung des Totentanzes befinden. Fünf-bis sechstausend Menschen sollen sich zwischen fünf und zehn Uhr morgens zu diesen langen Predigten eingefunden haben, die die Obrigkeit dann so beunruhigen, dass sie ihn unter den Klagen der Leute aus der Stadt verbannen.

 

In diesen Zusammenhang gehört auch die Erfindung der Kreuzwege und der Passionsspiele im Mittelalter sowie die Zunahme von Abbildungen von Kreuzigungen mit leidenden Marien und von Pietàs, also Bildern der leidenden Maria. Passion, also psychisches Leiden und solches unter Schmerzen, wird noch betont durch die immer "realistischeren" Darstellungen der Martyrien von Heiligen, deren zweifellos religiöser Inhalt zugleich sadomasochistische Züge hat, da er die faszinierende Lust am Leiden (anderer) fördert und zugleich die (auch) Empathie fördernde Lust am Mitleiden.

 

Bilder

 

****Alchemie****

 

Das altgriechische Wort chimeia wird unter arabischem Einfluss zur Alchemie, nachdem die Araber Alexandria erobert haben und Gelehrte sich der dortigen Bibliothek bedienen. Seit dem Pharaonenreich gibt es den Wunsch Einzelner, sich durch Verwandlung von Metallen in Edelmetalle Reichtum zu verschaffen. Im hohen Mittelalter werden in Toledo und anderswo arabische Texte darüber ins Lateinische übersetzt. Im späten Mittelalter tauchen immer mehr Alchemisten im lateinischen Abendland auf.

 

Alchemisten sind wie in anderen Vorformen von Wissenschaften oft Geistliche, darunter auch bedeutende Denker. Das führt zu einer ersten päpstlichen Verurteilung 1317 durch den französischen Papst Johannes XXII. Darin heißt es: Und obwohl sie nicht zu entdecken vermögen, was was auch andere nicht fanden, meinen sie immer noch, es in Zukunft einmal finden zu können.. Ihre Verwegenheit geht zu weit, denn auf diese Weise prägen sie falsches Geld und betrügen das Volk. (in Reliquet, S.216)

Gelegentlich verbieten auch Könige die Alchemie, wie der französische Charles V., aber das hindert den Sohn Charles VI. nicht daran, sich ein alchemistisches Labor im Schloss Vincennes einzurichten.

 

Da Alchemie schon wie viel später häufig die modernen Naturwissenschaften von einem Allmachtswahn geprägt ist (Der Mensch als zweiter Schöpfer, der die Welt nach seinen Wünschen straflos korrigieren kann) und von erheblicher Verantwortungslosigkeit, wird sie auch bald (und bis ins 18. Jahrhundert) zum Feld von Gaunern und Betrügern, die sie mit einer Aura von Heimlichkeit überziehen. Gerne wird sie auch mit der Astrologie verbunden, die ähnliche Wurzeln hat wie die Alchemie selbst. Beide sind Ausdruck von Emanzipationsprozessen von Christentum und Kirche, die dann in der frühen Neuzeit zur Emanzipation von Astronomie und Physik (wie der sie begleitenden Mathematik) aus den magischen Weltvorstellungen des Christentums führen wird.

 

****Sonstige magische Vorstellungen jenseits der Kirche****

 

Das ländliche Christentum im lateinischen Abendland ist von Anfang an und bis tief ins 19. Jahrhundert von einem Synkretismus aus vorchristlichen und christlichen magischen Vorstellungen geprägt, die sich in den Augen vieler Menschen nicht widersprechen, sondern eher ergänzen. Das christlich-doktrinäre Glaubensmonopol mit seiner Naturfeindlichkeit und die durch die Ausbeutung der ländlichen Produzenten durch die Herrenschichten und später staatliche Instanzen hervorgerufene tendenzielle Feindseligkeit gegenüber den Kräften der Natur führt wie wohl in allen Zivilisationen zu widersprüchlichen Haltungen zu dieser, die die durchaus magischen Deutungen vorzivilisatorischer Kulturen bricht.

 

Da man nicht mehr einfach Naturkräfte dämonisieren bzw.personifizieren darf, entsteht ein neuer Raum der Spritualisierung von Natur am Rande und außerhalb des Erlaubten. Dieser ist entsprechend von Ambivalenzen durchdrungen, die Feen, Kobolde, Zwerge und andere Fabelwesen sowohl gute wie böse Eigenschaften zusprechen, immer aber magische Kräfte, wie sie auch christlichen Heiligen und ihren Überresten zukommen. Teils werden sie verehrt, teils gefürchtet, sie werden beschworen und in agrarische Fruchtbarkeitsrituale einbezogen.

Daneben werden Menschen, und nicht nur Priestern, magische Kräfte zugesprochen. Hexen können wie andere Zauberer gut (als weise Frauen) oder böse sein. Menschen können sich nachts in Werwölfe verwandeln. Die Kirche auf dem Lande anerkennt oft diese Phänomene, um sie darum zu bekämpfen. Dazu gehört ja schon die Taufe, in der der Teufel aus dem Kind ausgetrieben wird.

 

In der romanischen Kunst beginnt die Vorstellung, die noch Luther umtreiben wird, Gestalt anzunehmen, dass nämlich die Welt voller Teufel bzw. Dämonen sei. Theologischer wird das mit dem Aufstieg der Apokalypse (Offenbarung) des Johannes, der seine Anfänge im 10. Jahrhundert, seine Blütezeit aber erst im späten Mittelalter hat. Dabei wird der vermutlich symbolische Gehalt des Textes übersehen und für konkrete Realität genommen, obwohl es sich für Heutige eher wie Fieberträume liest: Und ich trat an den Sand des Meeres und sah ein Tier aus dem Meer steigen, das hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Hörnern zehn Kronen und auf seinen Häuptern Namen der Lästerung. Doch das Tier, das ich sah, war gleich einem Parder und seine Füße wie Bärenfüße und sein Mund wie eines Löwen Mund. Und der Drache gab ihm seine Kraft und seinen Stuhl und große Macht. (XIII, 1-2)

 

Auch eine im späten Mittelalter massiv verweltlichte Kirche hält offiziell an der Doktrin fest, dass die Welt nicht nur das Reich des Teufels ist, sondern von unzähligen Teufeln beherrscht wird. Seit dem vierzehnten Jahrhundert beginnt sie zunächst sporadisch und im fünfzehnten dann häufiger Menschen zu unterstellen, ihre "Seele" dem Teufel verschrieben zu haben. Das sind Hexen und Zauberer, denen die Inquisition nun den Prozess macht. Vermutlich haben solche Teufelspakte in einzelnen Fällen tatsächlich stattgefunden, wofür zum Beispiel Gilles de Rais mit seinen Helfershelfern in den dreißiger Jahren des fünfzehnten Jahrhunderts steht und zudem eine Anzahl von Texten, in denen gelehrt wird, wie man Teufel beschwört. Das Insistieren der Kirche auf der handfesten Existenz solcher Teufel und eines Oberteufels legt einen solchen magischen Glauben schließlich immer wieder nahe...

 

Die Phantasie von Geistlichen und Leuten aus dem Volk wird besonders dadurch aufgeladen, dass Magie gelegentlich direkt mit sexuellen Praktiken assoziiert wird. Der (männliche) Teufel fährt dann vaginal oder anal in die Hexe ein oder läßt sich entsprechend von Zauberern "buhlen". Hexentanz und Hexensabbat werden dabei zu sexuellen Orgien phantasiert.