KIRCHE 4: KIRCHE UND KOMMERZ VOM 13. BIS 15. JAHRHUNDERT

 

Die große Bewegung der Kirchenreform hatte die Machtfrage zwischen Papst-Kirche und Königen gestellt und erreicht, dass sie sich als Partner der Mächtigen für einige Zeit ein wenig verselbständigte. Das Ergebnis dürfte aber dann nicht dem entsprechen, was sich die großen Reformer vorgestellt hatten: In deutschen Landen werden Bischöfe mehr noch als zuvor zu Fürsten sehr weltlicher Art, und mehrere steigen dabei in die erste Liga der Kurfürsten auf. Mit den Formelkompromissen für Frankreich und England ändert sich nicht, dass das Episkopat weiter in die königliche Machtpolitik eingebunden bleibt und oft auch Könige sich ihre Bischöfe weiter aussuchen, gelegentlich im Einvernehmen mit päpstlicher Machtpolitik.

Wird den hohen Prälaten im entstehenden Frankreich auch nicht fürstliche Macht wie in deutschen Landen zugestanden, so bemühen sie sich doch um fürstliche Lebensformen. Und in England sind Bischöfe weiter große Barone mit entsprechender weltlicher Macht. Entsprechend lässt sich bereits im 12. Jahrhundert von einer Art Ausprägung von Nationalkirchen sprechen, mit ihren Besonderheiten und ihren Verwicklungen in das weltliche Machtgeschehen.

 

Die wirtschaftliche Basis dieser Bischofskirchen bleibt riesiger Großgrundbesitz, auf dem aus bäuerlicher Arbeit Gewinne gezogen werden, bleiben Rechte, die Geldeinnahmen mit sich bringen, und bleibt der Zehnte, den die mehr oder weniger Gläubigen wie selbstverständlich aus der Zwangsmitglied in der Kirche erbringen müssen.

 

Kirche bedeutet so enormen Reichtum, von dem sehr wenig an die Armen als Almosen abgeht, aber ein nicht geringer Teil in Rom zusammenkommt. während eher arme Landpfarrer davon meist nicht viel sehen. Mit der Monetarisierung und Kommerzialisierung der Welt, die im 12. Jahrhundert schnell voranschreitet, wird die Kirche zu einem das ganze lateinische Europa umspannenden großen Wirtschaftsunternehmen, in dem die Bistümer als regionale Unternehmen untergeodnet sind. Dabei fließen unentwegt enorme Summen.

 

Das übrige Reformprogramm der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts macht im 12. nur langsame Fortschritte, wobei alte Unsitten durch neue ersetzt werden. Die Lesekunst der ländlichen Priester steigt nur allmählich, und viele müssen weiter die zehn Gebote, den Text der Messe, die Namen der sieben Sakramente und die Formeln für die Beichte auswendig im Kopf behalten, da sie sie nicht nachlesen können.

Wenn man den Bestimmungen des vierten Laterankonzils von 1215 folgt, sind viele Priester weiter verheiratet, vererben ihre Pfarreien und sind dem Würfelspiel, dem Tavernenbesuch und anderem weltlichem Amüsement ergeben. Es ergibt sich der Eindruck, als ob die weitere Christianisierung einer religiös überwiegend uninformierten Bevölkerung nur schleppend vorangeht. Immerhin wird versucht, die Leute wenigstens einmal im Jahr zur Beichte und zur Kommunion (des leibhaftig gemeinten Verspeisens des Leibes und Blutes Christi) zu verpflichten. 

 

Ämter in der Kirche sind seid dem frühen Mittelalter käuflich und das nimmt nun weiter zu, als ob es keinen Kampf gegen die Simonie gegeben hätte. Pfründen sind kirchliche Einkunftsquellen, und sie werden als Freundesdienst und zur Klientelbildung verschachert oder verschenkt. Dabei setzt sich im späten Mittelalter sogar die Ansammlung von Pfründen auf jeweils eine Person durch, wobei diese zunmehmend zu keinerlei kirchlichen Gegenleistungen verpflichtet sind. Wenn sie solche Dienste beinhalten, werden sie an Vikare weitergegeben, die sich mit minimaler Bezahlung zufrieden gegeben müssen und oft kaum religiöse Kenntnisse haben. Ein Petrarca wird sich von solcher Pfründenwirtschaft ernähren können.

 

In den Städten entwickelt sich zwischen der Kirche und den Bettelorden eine heftige Konkurrenz um die Einnahmen, und insbesondere den Franziskanern gelingt es bald, die Pfarrkirchen und die alten monastischen Klosterkirchen an Größe und (gotischer) Höhe zu übertreffen. Unternehmerisch werden sie allerdings erheblich übertreffen von den Zisterziensern, die zum Teil riesige Wirtschaftsunternehmen auf dem Lande mit Dependancen in den Städten entwickeln. Ihre Größe lässt sich noch erahnen in so großen baulichen Komplexen wie dem des Klosters Eberbach im Rheingau.

 

Ein besonderes Phänomen wird in dieser Hinsicht der Orden der Tempelritter, der sich über ganz Westeuropa mit Niederlassungen verbreitet und seine Einnahmen zentral im Londoner und Pariser Tempel (temple) verstaut. Das nehmen sich Magnaten und Könige zum Vorbild und deponieren ihre Reichtümer zumindest teilweise in denselben Schatzkammern. Mit der Kapitalisierung solcher hoher Summen werden die Templer dann zu Kreditgebern und bringen die Großen manchmal finanziell in ihre Abhängigkeit, was ihnen ähnlich zum Verhängnis werden wird wie jüdischem Finanzkapital.