DIE STADT IM 10.JH.

 

1. Produktivität für einen Markt

2. Italien

3. Erneute Entfaltung der Städte im Norden

 

 

Produktivität für einen Markt (10./11.Jh.)

 

Trotz geringer Produktivität und Überschussbildung gelingt es bis ins frühe Mittelalter, zunächst vor allem in einigen dafür günstigen Gegenden, hin und wieder kleine Überschüsse zu erwirtschaften, die vom Grundherr, aber auch manchmal von abhängigen Bauern auf einem Markt in Geld verwandelt werden können.

 

Insgesamt lassen unsere vagen Kenntnisse zu, von einer langsam zunehmenden Vermehrung der Bevölkerung seit dem 9. Jahrhundert zu sprechen, die sich je nach Gegend zwischen 800 und 1200 in etwa verdreifachen wird. Im Zusammenhang damit wird die Nahrungsmittelproduktion erhöht. Ein Weg dahin lässt sich seit dem 9. Jahrhundert als Zunahme der landwirtschaftlich genutzten Fläche erkennen, Verlust von Naturlandschaft also. Ein zweiter Weg führt neben der Extensivierung in die ganz langsam voranschreitende Intensivierung, dem Boden wird mehr vom selben Produkt abgewonnen.

 

Allerdings, während das Agrarland und die Landbevölkerung sich in wenigen Jahrhunderten so vervielfachen, steigt die Produktivität bis ins 11. Jahrhundert nur geringfügig.  Der Anstieg beruht manchmal  unter anderem auf Arbeitspferden mit neuartigem Geschirr als wesentlich flotter arbeitenden Zugtieren für Pflüge, der Verwandlung des Hakenpfluges in den mit einer Pflugschar, die Schollen herausheben und umwerfen kann, und auf der an einigen Stellen aufkommenden Dreifelderwirtschaft, die alle die Produktivität etwas anheben können. Die sogenannte Dreifelderwirtschaft beruht auf der Idee eines erweiterten Fruchtwechsels, nur eine Feldflur liegt, und zwar nur ein Jahr lang, brach, die beiden anderen werden mit jeweils verschiedenen Feldfrüchten bebaut. Das Brachland wird gelegentlich dann auch noch als Weideland genutzt, wobei die Tiere mit ihren Exkrementen die Erde düngen.

 

Mit der Technik und den Techniken sind erhebliche Veränderungen in den Verhältnissen zwischen den Menschen verbunden. Die drei Fluren oder Feldmarken sind in sich geschlossene Gebiete, an denen jeder Bauer seinen Anteil hat. Dafür muss es eine Art "Flurbereinigung" gegeben haben und die Zusammenarbeit der Bauern, die nun nicht mehr in Streusiedlung auf einer Grundherrschaft hausen, sondern in Dörfer zusammensiedeln und ansatzweise genossenschaftlich zusammenarbeiten, was zunächst ihre Stellung gegenüber dem Grundherrn aber nicht verändert. Bis ins 11. Jahrhundert lassen sich bei der geringen Überlieferung nur an wenigen Orten solche Neuerungen feststellen.

 

Die technischen Veränderungen, Kummet und insbesondere Wendepflug und die langsam zunehmende Verwendung von Eisen und überhaupt Metallen bei den Arbeitsgeräten verlangen mehr Einsatz von Geld für Beschaffungen auf einem Markt.

 

Gemessen an modernen Verhältnissen bleibt die Produktivität immer noch enorm niedrig, und sie wird immer wieder insbesondere durch Wetter-Schwankungen massiv eingeschränkt, aber es können doch offenbar insgesamt damit mehr Menschen ernährt und die Märkte mit mehr Waren beliefert und solche vom Lande zudem nachgefragt werden. Wo aber mehr Geld zwischen die Menschen tritt, sinkt im lateinischen Europa tendenziell die Macht persönlicher Bindungen.

 

Abgaben an Kirche und Grundherren werden nach und nach dadurch stärker auch in Geld geleistet, so wie auch Dienstleistungen noch später in Geldzahlungen verwandelt werden können. Das alles aber sind Entwicklungen, die je nach Gegend manchmal erst tief ins Hochmittelalter hinein stattfinden werden und die zudem oft sehr wenig dokumentiert sind.

 

Nicht ganz unwichtig ist für die Produktionssteigerung ein weiterer und nicht menschengemachter Faktor. Zwischen 1000 und 1250 kommt es zu einem Temperaturanstieg um durchschnittlich ein Grad und die zuvor manchmal verheerend starken Niederschläge nehmen etwas ab. Damit werden Ernten im Mittel etwas ertragreicher und Pflanzen können etwas weiter im Norden und in etwas höheren Lagen angebaut werden, was letzteres die Wälder in den Mittelgebirgen weiter schrumpfen lässt.

 

Städte wachsen nur über die Steigerung der Nahrungsmittelproduktion und damit der Bevölkerung, und je mehr sie wachsen, desto mehr Nachfrage nach Lebensmitteln entsteht dort. Indem dort dann durch mehr Nachfrage bedeutendere Märkte auch für handwerkliche Produkte entstehen, siedelt sich dort auch mehr Handwerk an.

Was da stattfindet, ist eine Tendenz zu stärkerer Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land. Von ihr profitieren auch die Grundherren. Sie verfügen nun über mehr Geld, weshalb einige anfangen, ihr zuvor autarkes Wirtschaften einzuschränken: Sie kaufen mehr Güter in der Stadt. Neben dem Bedarf großer kirchlicher und weltlicher Herren über das in Eigenwirtschaft Produzierte sind auf der Nachfrageseite vor allem die Klöster mit der dort konzentrierten Anzahl von Menschen zu verzeichnen. Zwar sind sie in aller Regel auf Autarkie aus, also auf Selbstversorgung, aber dort, wo die Produktion ihrer familia abhängiger Produzenten nicht ausreicht, wird auf dem Markt Kleidung und Nahrung zugekauft.Dafür senden die Klöster eigene Händler über Land zu wichtigen Marktplätzen.

Andererseits versuchen Klöster, besonders auch Wein über den eigenen Bedarf zu produzieren, und an Klöstern angesiedelte frühe Messen wie die von Saint-Denis ziehen im 9. Jahrhundert bereits englische und friesische Fernhändler an.

 

Dass es steten Fernhandel gibt, bezeugen im Norden Händlersiedlungen in Dorestad, Quentovic und Haithabu mit Radien bis nach England, Skandinavien und dem Baltikum und indirekt in die Tiefen des späteren Russland und darüber ebenso indirekt bis in den Orient. Als wichtige Ware darf man auch durch das zehnte Jahrhundert nicht die allgegenwärtigen Sklaven vergessen, wobei Europa auch bereitwillig den großen islamisch-nordafrikanischen und orientalischenBedarf mit deckt.

 

Steigende Nahrungsproduktion, wachsende Landbevölkerung und Wachstum der Städte samt stärkerer Monetarisierung des Wirtschaftens, mehr Arbeitsteilung und technische Neuerungen werden das in Gang setzen, was dann zu Kapitalismus führen wird.

 

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Angebot und Nachfrage am Ort steigen im Zusammenhang, beide bedingen sich gegenseitig, um ein erneutes Aufblühen der Städte hervorzubringen. Kathedralen, Stifte, Klöster und weltliche Herren versorgen sich zu einem guten Teil selbst aus ihren Besitzungen, die eben dafür ihnen gegeben sind. Sie kaufen das, was nicht auf ihrem Besitz und dem ihnen Geliehenen hergestellt wird, dann nicht nur auf dem örtlichen Markt, sondern je größer, mächtiger und reicher sie sind, desto weiter entfernt auch auf anderen Märkten. Marktwirtschaft entfaltet sich nicht nur über einen, sondern über viele Märkte.

Die erhöhte Produktion für den Markt versorgt nicht nur die Reichen und Mächtigen, sondern auch das Handwerk und den Handel, die sich bei ihnen als wichtigste Abnehmer ansiedeln, mit gewerblichen Produkten. Der Reichtum der Mächtigen, den sie vor allem den auf dem Land Arbeitenden abpressen, das Handwerk und der Handel am selben Ort machen die sich neu entwickelnmde Stadt aus. Den Zusammenhang stellt her, dass Bauern, Handwerker und Händler den familiae dieser Herren angehören, die erst langsam ein eigenes Interesse daran entdcken werden, den Untergebenen Spielräume zu geben, um Märkte zu bedienen. Soweit sie nur Aufträge der Machthaber über ihnen ausführen, gibt es noch wenig Marktgeschehen. Dies kommt erst auf, wo sie auch auf den Markt als Ort von Nachfrage hin spekulierend eigenständig produzieren.

 

Soweit das idealtypische Bild, welches überall anders Wirklichkeit ist. Als idealtypisch hat auch etwas anderes zu gelten: Wie schon Max Weber und Sombart feststellen konnten, kristallisiert sich spätestens im 10. Jahrhundert bereits ein grundlegender Unterschied zwischen antiker und mittelalterlicher Stadt heraus: Die antike Stadt mit ihrer Integration des Großgrundbesitzes dient primär dem Konsum und dabei besonders militärischen Bedürfnissen, während die mittelalterliche sich auf eine Dominanz gewerblicher und immer weniger landwirtschaftlicher Produktion hinbewegt. Sie wird zu einer Stadt der Händler und Handwerker. (Vgl. die Zusammenfassung in: Beiträge 1, S.25ff)

Keith Hopkins schreibt schon 1978: "Towns were centres of consumption in which landowners spent profits derived from rural property and from the hard work of dependent peasants." (zitiert in: Beiträge 1, S.47). Das muss natürlich etwas korrigiert werden: Städte enthalten auch in der Antike Handwerk und Handel und frühe mittelalterliche Städte leben vorwiegend von dem Geld, welches vor allem geistlicher Großgrundbesitz in ihnen ausgibt. Der zentrale Unterschied besteht in der Andersartigkeit der (vor allem städtischen) Herrenschicht mit ihrer andersartigen Reichsbildung. Die Frage nach der Entstehung des Kapitalismus muss sich also zunächst auch ausgiebig damit auseinandersetzen.

 

2. Italien

 

Goten, Langobarden und Franken beließen auf der italienischen Halbinsel bei allen Zerstörungen, zu denen auch Byzanz und nordafrikanische (muslimische) Piraterie beitrugen, dem Städtewesen mehr Kontinuität als sonst im westlichen Römerreich. Hier war es ohnehin schon länger zuhause gewesen als weiter nördlich.

Nirgendwo wird sich Kapitalismus früher als in der Nordhälfte Italiens etablieren, von Mailand und Genua bis Venedig und bis Florenz, Pisa und Siena. Das ist grob betrachtet der Bereich, in dem immer einmal wieder fränkische und später ostfränkische/deutsche Oberhoheit durchgesetzt wird. In der Südhälfte teilen sich Byzanz, Sarazenen und auf langobardischem Erbe beruhende Fürstentümer die Macht, und dazu kommt dann als besondere Kraft noch das Papsttum. Diese Nord-Süd-Teilung der Halbinsel beginnt mit dem Schwundprozess des Westteils des Imperiums und setzt sich dann durch alle germanisch dominierten Eroberungen fort, von den Ostgoten über die Langobarden bis zu den Franken und Deutschen. Allesamt nimmt ihr Einfluss von Norden nach Süden erheblich ab. 

 

Anfang des 9. Jahrhunderts beginnen die Sarazenen, von Raubzügen an Italiens Küsten zur Ansiedlung überzugehen. Sie gewinnen Sardinien, Korsika, Ischia und 902 verfügen sie über ganz Sizilien. Erst 871 greift mit Ludwig II., dem imperator Italiae, ein karolingischer Kaiser in Süditalien ein und befreit zusammen mit byzantinischem Militär das muslimische Zentrum Bari. Sein weiteres Auftreten in Süditalien stößt aber auf den Widerstand von Adelchis von Benevent, so dass es am Ende Byzanz ist, welches seine Präsenz in Süditalien wieder stabilisieren kann. 875 krönt Papst Johannes VIII. den westfränkischen König Karl den Kahlen zum Kaiser, der damit wenigstens nominell über ein italienisches Königreich verfügt. Der wiederum macht Boso von Vienne zu einer Art Statthalter für Italien. Der wird 879 dann König von Niederburgund in unmittelbarer Nachbarschaft zum Piemont, aus dem wiederum das Arelat entstehen wird.

 

Mit dem Tod Karls III. 888 fällt die italienische Königskrone zunächst an Berengar I. und 891 dann an Wido von Spoleto, den der Papst zum Kaiser macht. 894 vertreibt der ostfränkische König Arnulf diesen aus Oberitalien und erhält 896 die Kaiserkrone, die er aber gegen Widos Sohn Lambert und Berengar nicht durchsetzen kann. Als König Ludwig von Provence gegen die Ungarn zur Hilfe gerufen wird, wird auch er zum Kaiser gekrönt, kann sich dann aber gegen Berengar nicht durchsetzen.

Von den  Sarazenen wird Westküste Süditaliens erst 915 durch eine Allianz von Papst Johannes X. mit Byzanz und dem norditalienischen Großen Markgraf Berengar I. befreit, den der Papst in Rom im selben Jahr noch mit dem Kaisertitel belohnt, worauf er bald wieder von dort abzieht.

 

Der Welfe König Rudolf II. von Hochburgund, Sohn Rudolfs I. und einer Tochter Bosos von Vienne, lässt sich von Gegnern Berengars nach Italien rufen, 921 zum König von Italien erheben und besiegt 923 Kaiser Berengar.

Graf Hugo von Vienne gelingt es 924, sich Niederburgunds zu bemächtigen. Danach wendet er sich in Italien gegen Rudolf II. Damit erfolgreich, lässt er sich und Sohn Lothar 925 in Pavia zum König ausrufen. Rudolf von Hochburgund wird das später hinnehmen gegen Hugos Verzicht auf Niederburgund.

Hugo heiratet die römische Hochadelige Marozia, aber deren Sohn Alberich setzt die Mutter gefangen und vertreibt den Stiefvater.

937 wird er nach dem Tod Rudolfs versuchen, dessen jungem Erben Konrad Niederburgund zu entreißen,was an König Ottos I. Unterstützung für ihn scheitert. In den vierziger Jahren versucht er, Berengar II. von Ivrea zu übertfallen, der, von Hugos Sohn Lothar gewarnt, kann aber zu Otto I. entkommen und kehrt 945 mit Militär nach Italien zurück.  Hugo muss in die Provence fliehen und Lothar behält einen zumindest nominellen Ttel für Italien.

 

Aber Lothar stirbt jung und hinterlässt die ebenfalls junge und schöne Witwe Adelheid. Als Nukleus der Anti-Berengar-Fraktion nimmt dieser sie gefangen und sperrt sie am Gardasee ein. Sowohl Hroswith von Gandersheim wie Donizo von Canossa und ein weiterer Autor berichten Geschichten von ihrer abenteuerlichen Flucht bis zur Burg von Canossa.

 

Der erste Heerzug Ottos d.Gr. 951 trifft auf ein nicht nur von inneren Machtkämpfen, sondern auch von den regelmäßigen Einfällen und Raubzügen von Sarazenen und Ungarn geschädigtes Land. Adel und Landbevölkerung ziehen darum vielerorts in Burgen und befestigte Orte, was einer gewissen Verstädterung Vorschub leistet. In Kathedralstädten übernehmen die Bischöfe die Stadtherrschaft auch ohne königliche Förderung wie sie in deutschen Landen üblich ist.

 

Dabei hat Norditalien als Besonderheit mit Pavia eine auf die Langobarden zurückgehende Hauptstadt. „Dort hatte die königliche Kammer ihren Sitz, der regelmäßige, zentral verwaltete Einkünfte zuflossen: die Einnahmen aus den Zöllen an den Alpenklausen, aus Flusszöllen, aus der Goldwäscherei in den von Alpen und Appenin herabströmenden Wasserläufen. Bestimmte Waren, die die Kaufleute Venedigs Venedigs oder Amalfis aus den Mittelmeerländern in das Regnum brachten, sollten nur dort zum Verkauf angeboten werden. Von Pavia aus organisierte der Pfalzgraf an Stelle des Königs die Rechtsprechung im Reich, dort lag das Orientierung gebende Zentrum für die im Regnum tätigen Pfalz- und Königsrichter. Dort besaßen vor allem viele der Bischöfe, Klöster und weltlichen Großen Ober- und Mittelitaliens ein Haus, das sie bei ihren Aufenthalten am Königshof aufsuchen konnten und das ihnen sozusagen institutionell eine Präsenz in der Haupstadt des Reiches sicherte.“ (Althoff/Keller, S.192)

 

Otto I. schickt von Pavia eine Gesandtschaft, die mit dem Papst Agapet II. über die Kaiserwürde verhandelt. Dort herrscht Alberich II. im weltlichen Bereich und kontrolliert das Papsttum. Er ist an keinem Kaiser über sich interessiert. Otto zieht wieder nach Norden ab, ohne Berengar II. nennenswerten Schaden zugefügt zu haben. 960 dann die Wende. Papst Johannes XII., Sohn Alberichs, war wegen seines wenig frommen Lebenswandels und durch Berengar II. von Ivrea unter Druck geraten und bietet nun Otto die Kaiserkrone an. Der wird 962 in Rom gekrönt.

Während er sich dann gegen Berengar wendet, aber dabei offenbar dem Papst in Italien zu mächtig wird, nähert sich dieser Berengars Sohn Adalbert an. Otto kehrt nach Rom zurück, verjagt Johannnes und macht Leo VIII. zum Papst. Kaum ist der Kaiser abgezogen, holt Rom Johannes zurück und Papst Leo muss flüchten. Johannes stirbt kurz darauf und wird in Rom durch Benedikt V. ersetzt. 964 kehrt Otto mit militärischer Gewalt nach Rom zurück und lässt Benedikt nach Hamburg eskortieren, um dann selbst nach Norden aufzubrechen. Seine Statthalter in Rom setzen nach dem Tod Leos Papst Johannes XIII. durch.

966 zieht Otto wieder mit einem Heer nach Italien, vor allem offenbar, um seinen jungen Sohn Otto (II.) zum Mitkaiser krönen und so würdig erscheinen zu lassen für eine byzantinische Prinzessin. Der byzantinische Kaiser lehnt ab, eine solche zu schicken, was der Situation in Süditalien Schärfe verleiht, wo Fürst Pandulf Eisenkopf in die Hände der Byzantiner fällt, die nun ganz Kalabrien und Apulien kontrollieren. Otto schickt ein Heer, welches gegen die Byzantiner vorgeht.

 

978 zieht Otto II. auf einen Hilferuf von Papst Benedikt nach Italien, wo er versucht, gegenüber Venedig und den langobardischen Fürsten direktere königlich-kaiserliche Herrschaft durchzusetzen und sowohl die Sarazenen als auch Byzanz zurückzudrängen. Nach ersten militärischen Erfolgen scheitert er gegen die ersteren und stirbt 983 in Italien.

In Rom herrscht bei Abwesenheit des Kaisers weiter die Familie des Alberich (oder der „Crescentier“). „Die Schwerpunkte ihres innerstädtischen Besitzes massierten sich an der südliche Via Lata (im Bereich des heutigen Corso), bei der Apostel-Basilika und um die Via Recta. Ein Zweig der Familie beherrschte die Engelsburg und ließ dort ein Kastell errichten. Außerhalb der Stadt erstreckten sich die umfänglichen Liegenschaften der Familie in Latium und der Grafschaft Terracina im Süden. Ein weiterer Familienzweig kontrollierte weite Teile der Sabina mit Palästrina und Cerveteri.“(Goez, S.82) Gegen so viel Adelsmacht kommen Kaiser nur mit militärischer Gewalt und eigener Präsenz an. Als Gegengewicht setzt Otto III., ohne die Befugnis dafür zu haben, seinen Verwandten Brun ein und macht ihn zum Papst Gregor V. Der krönt Otto dafür 996 zum Kaiser. Kaum ist der wieder im Norden, verjagt Crescentius den Papst und setzt dafür Johannes XVI. ein. Otto III. herrscht nun stärker von Rom aus, ohne verhindern zu können, dass er am Ende von dort verjagt wird und dann 1002 außerhalb stirbt.

Kaum ist Otto III. tot, lässt sich Arduin von Ivrea zum langobardisch-italienischen König krönen. Er gewinnt Unterstützung auch dadurch, dass er die Reformbewegung in den Klöstern unterstützt, die dabei ist, auf die Kirche überzugreifen. Heinrich II., der sich auch in Italien ganz auf die durch von ihm eingesetzte Bischöfe verlässt, tritt ebenfalls auf die Seite der Reformbewegung. 1004 lässt er sich in Pavia krönen, ohne Arduin besiegen zu können. Einwohner Pavias empören sich gegen ihn und er kehrt in die deutschen Lande zurück, während die ihn unterstützenden Bischöfe den Kampf gegen Arduin fortsetzen

 

****Adel, Macht und Herrschaft in Italien****

 

Die bedeutenderen nord- und mittelitalienischen Städte des 10. Jahrhunderts sind weit überwiegend unmittelbare Erben der antik-römischen Zivilisation. Nach dem Zusammenbruch antiker Staatlichkeit werden Bischöfe als übriggebliebene spätantike institutionalisierte Macht eine Art Stadtherren, die sich diese zeitweilig, als die neuen, instabilen Reiche entstehen, mit Grafen teilen müssen. Eine langobardische Oberschicht wird von einer vorwiegend fränkischen, manchmal auch alemannisch- oder bayrischstämmigen abgelöst und in die zweite Reihe verwiesen, wobei man die Herkunft an ihrer Zugehörigkeit zu unterschiedlichem Recht und ihren Namen erkennen kann. Dieser Bruch von langobardischer Herrschaft zu der einer karolingischen Reichsaristokratie ist eine norditalienische Besonderheit. Im zehnten und elften Jahrhundert gelingt den alten langobardischen nobiles manchmal der Wiederaufstieg in diese höheren Ränge mit dem Titel eines miles, wie er sich im zehnten Jahrhundert als Inhaber von Grundherrschaft, Besitzer eines Kastells, mehr oder weniger noch Vasall des Königs, vor allem aber zunehmend des Bischofs darstellt.

 

Hagen Keller beschreibt das Besondere der norditalienischen Situation so: "Die Machtstellung der fränkischen Zuwanderer, die die Karolingerherrschaft in Italien trugen, war vor allem auf Ämter, auf Amtsgut und Amtsgewalt, auf Lehen und Leihegut gegründet, kaum dagegen auf "autogene" Herrschaftsrechte." (Oberitalien, S. 372) Anders als im Norden müssen also Eigengüter erst einmal aus dieser Machtstellung heraus erworben werden, um dann durch bischöfliche Lehen ergänzt zu werden. Daraus kann sich dabei keine fürstliche Spitzengruppe entwickeln. Und die Folge ist: " Nicht ein Königs- oder Fürstenhof mit seinen durch die Nähe zum Herrschenden bestimmten Rangordnungen prägt diese Adelsschicht, sondern die bischöfliche Lehnskurie, oft neben das Domkapitel gestellt." (s.o. S.374) Bischof, hoher Klerus und diesen beschickender Adel bilden dabei gemeinsam die städtische Führungsgruppe.

 

Die besondere Bedeutung von Städten erschließt sich in Italien auch daraus, dass mit Pavia von den Langobarden eine funktionierende Hauptstadt geerbt wird, etwas, was im Norden und Westen völlig fehlt. Bischöfe, Äbte und weltliche hohe Herren besitzen dort noch im 10. Jahrhundert Niederlassungen. Auf regionaler Ebene gelingt es dann im 10. Jahrhundert Bischofsstädten, eine ähnliche Hauptstadtfunktion einzunehmen, mit Gerichtsbarkeit der Richter, Schöffen und den Notaren sowie Einrichtungen der Verwaltung von Bischof und Graf und den städtischen Sitzen auch ländlich orientierten Adels. Schöffen und Notare bilden dabei eine städtische Oberschicht, die gelegentlich als nobiles bezeichnet wird. Schriftlichkeit ist ein weiteres spezifisches Kennzeichen dieser Leute.

 

Soweit der königliche (kaiserliche) Arm reicht, versucht er, Stadtherrschaft selbst (als bischöfliche vor allem) zu legitimieren. Der Bosone Hugo, von 926-46 "italienischer" König, macht aus den gräflichen Schöffen und Notaren königliche und seit Otto I. finden vor ihnen die placita statt.

Von seinem Stadtpalast aus kontrolliert der Bischof kirchlich und soweit möglich auch weltlich seine Diözese. Mehr als weltliche große Herren verfügt er über Eigenbesitz und Besitz der Kirche, das heißt über Land und darauf arbeitende Leute. Seine Macht ist also "politisch" und wirtschaftlich begründet, aber zugleich auch militärisch über seine milites in Stadt und Land, eine edelfreie Kriegerschicht, die er sich durch das Verleihen von Aufgaben, manchmal von befestigten Gebäuden, oft von Land und Rechten verpflichtet. Indem es ihm gelingt,  Adel der Diözese in Stadt und Land in seine Vasallität und teilweise eine Art Lehnshoheit zu bringen, bietet er sich den ottonischen Kaisern als der entscheidende Partner zur Herrschaftsausübung an.

 

Die Bedeutung von Markgrafen und Grafen ursprünglich nördlicher Herkunft nimmt im 9. Jahrhundert zunächst zu, wobei eine toskanische Markgrafschaft die größte Geschlossenheit erreicht. Es gelingt den marchiones dabei, die königlichen Ämter in ihre Abhängigkeit zu bringen. Solche vassi regis in direkter Verbindung zum König gibt es um 900 nur noch in Pavia und den übriggebliebenen übrigen Königspfalzen, nachdem die Königsgewalt in Italien zurückgeht. "Am Ausgang des 9. Jahrhunderts war die Stellung der italienischen Markgrafen der der westfränkischen Fürsten oder der ostfränkischen Herzöge durchaus vergleichbar." (KellerOberitalien, S.324) Im zehnten Jahrhundert verschwinden aber diese alten "fürstlichen" Familien der karolingischen Reichsaristokratie und es bilden sich neuartige Marken in den Händen neuer Familien aus, von denen nicht wenige langobardischen Ursprungs sind. Musterbeispiel wird das Fürstentum der Familie, die sich später nach Canossa benennt. (siehe Anh.11)

 

Mit wachsender Bedeutung treten die Bischöfe, unterstützt von Königen, neben die Markgrafen und Grafen und deren Macht geht zurück, es gelingt ihnen nicht wie weiter nördlich, Positionen wie die Stammesherzöge oder westfränkische principes einzunehmen, ihre schieren Titel erheben sie in der Lombardei bald nicht mehr über die realen Machtvollkommenheiten der übrigen alten nobiles-Familien und am Ende erheben sie sich als Teil der bischöflichen Lehnskurien auch formal nicht mehr über die allgemeine Oberschicht der Vasallen, der direkten Vasallen von Bischof und König. Das in Norditalien besonders reiche Kirchengut dient den Bischöfen dabei zum Aufbau einer großen Vasallenschaft, mit der die sich gegen die Unterordnung unter weltliche Fürsten wehren können, die ihnen drückender erscheinen musste.Zudem können ihnen inzwischen die Bischöfe auch Kastelle und gewisse Herrschaftsrechte übergeben.

 

Reformer als Vorläufer der Kirchenreform des 11. Jahrhunderts werden Bischöfen (und Äbten) in der zweiten Hälfte des zehnten Jahrhunderts dann "Verschleuderung des Kirchengutes" vorwerfen. Dabei wird nicht nur die Lehnsmannschaft und Vasallenschar vergrößert, um Anhängerschaft zu schaffen. Um für Bischofswahlen Gegenleistung zu bieten und um Verwandte zu begünstigen wird Kirchengut samt Kastellen auch als Livell, also gegen eine Art Pachtzins vergeben. Das war dann nicht einmal mehr notwendig mit einem Vasallitätsverhältnis verbunden und konnte neue hohe Herren zu Konkurrenten der herrscherlichen Macht des Bischofs machen, wenn sie Teile ihres Pachtgutes an eigene Vasallen zu Lehen ausgaben. Wenn Ottonenkaiser dann Landesfremde aus dem Norden auf Bischofs- und Abtsstühle setzen, die eine Revindikationspolitik betreiben, also verlorenes Kirchengut zurückfordern, kommt es notwendig zu Konflikten.

 

Die norditalienischen Bischöfe hatten seit der Spätantike in zunehmendem Maße über eigene Gerichtsbarkeit verfügt und können auch darüber ihre Macht ausbauen, die im 10. Jahrhundert bereits die weltlicher Herren übertrifft, unterstützt von Königen, die den Machtausbau dieser Herren zu neuartigen Fürsten anders als nördlich und westlich der Alpen so verhindern kann.

Zunehmend übernehmen dabei hochedle Laien bischöfliche Ämter wie die der Schöffen und Notare und entsenden Familienmitglieder in das Domkapitel. Ähnlich wie im ottonischen Versuch der Etablierung von Herrschaft nördlich der Alpen steigt die Bedeutung der Bischöfe als Stadtherren mit ihrer militia und ihren famuli ecclesiae. In den Diözesen sind dabei zukünftige städtische Territorien vorgezeichnet, wobei Vasallität in der Lehnskurie und Mitgliedschaft im Domkapitel Stadt und Land verzahnen. Nur selten aber versuchen machtbewusste Bischofspersönlichkeiten wie ein Landulf II. oder ein Aribert sich an Annäherungen an Alleinherrschaft.

 

Bis weit ins 11. Jahrhundert ist das Land weithin in riesige Güter von Klöstern und aus der Karolingerzeit stammendem altem Adel aufgeteilt, wobei in der Nordhäfte Italien große Teile Sümpfe, Wälder und andere Naturlandschaft sind. Zu den Pflichten der abhängigen Landbevölkerung konnte dann die regelmäßige Jagd auf wilde Tiere gehören, um das Kulturland zu schützen. „...a donation made by the Marchesa Willa in 978 to the Florentine monastery known as the Badia shows that one third of an estate at Signa in the Arno valley only a few miles from the city was uncultivated; at another estate in the same region, the proportion of waste was five-eighth, while at Bibbiano in the Valdelsa, near the boundaries of Florentine territory, the uncultivated part of the estate was ten times the area where grain, vines and olives were grown.“ (Hythe, S.25)

 

Ein Weg, Kulturland zu gewinnen, wird es, Leute dort anzusiedeln, denen dafür größere Freiheiten gewährt wurden. Die Markgräfin Mathilde, mit diesem Titel allerdings nicht belehnt, geht nicht zuletzt über Klostergründungen in der Poebene, ihrem Kernland, dabei voran, indem sie solche Gründungen in unkultivierte Gegenden verlegt und die Klöster damit zur Schaffung von Kulturland bringt. (Elke Goez)

 

Der aus dem 9. und 10. Jahrhundert stammende alte "Adel" (milites) zeichnet sich inzwischen sowohl durch großen Grundbesitz auf dem Land und Immobilien in der Stadt aus wie auch durch Land, welches ihm vom König/Kaiser und zunehmend vom Bischof verliehen wird. Solcher Besitz ist weithin verstreut, manchmal auch über mehrere Diözesen bzw. Grafschaften hinweg.

Hagen Keller beschreibt anhand eines Diploms Ottos d.Gr. von 969 die Dimensionen des Besitzes eines solchen Hochadeligen namens Ingo. Diesem fidelis bestätigt der Kaiser Besitz in Grafschaften von Bulgaro, Lomello, Pombia, Mailand, Ivrea, Pavia, Piacenza und Parma. Dazu gehören wenigstens 10 Herrenhöfe (curtes, meist mit einem castrum versehen, "darunter eine curtis cum castro in derr Stadt Novara selbst." (Oberitalien, S. 254). In der Urkunde wird Ingo samt Söhnen weitgehende Immunität gewährt, was Abgaben und Gerichtsbarkeit betrifft. Von anderen solchen Herren ist das Privileg erhalten, beim Kastell Jahrmarkt abzuhalten, ohne dafür selbst Abgaben zu zahlen. Wenige Jahre später taucht Ingo dann als miles des Novareser Bischofs auf, wie eine Generation später einer seiner Söhne. Vermutlich hat ihm der Bischof Land verliehen, um sich seiner Treue zu versichern.

Von solchen Kastellen aus können Adelige dann selbst Funktionen von Herrschaft ausüben und ausweiten, während sie oft zugleich mindestens ein Haus, manchmal auch mehrere und ganze Häuserkomplexe in der Stadt bzw. in mehreren Städten besitzen.

 

Mit der Instrumentalisierung der Bischöfe für die Königsherrschaft durch die Sachsenkaiser ergibt sich daraus bis in den Investiturstreit selten ein Interessenkonflikt. Hoher Adel stellt zunächst als iudices die Richter beim Königsgericht in der Bischofsstadt, die Münzmeister (monetarii), Schultheißen (sculdassi), Notare und Schöffen (scabini), oft im 10. Jahrhundert schriftkundig, und entsendet gleichzeitig einen Teil seiner Verwandtschaft in die hohen geistlichen und monastischen Positionen wie die Domkapitel und Abtsstellen, bildet zudem als Vasallen das militärische Gefolge von Königen/Kaisern bei Italienzügen und von Bischöfen bei kriegerischen Aktionen. 

 

Während der Adel nördlich der Alpen sein Zentrum zunehmend auf dem Lande sieht, ist und bleibt eine norditalienische Besonderheit in der Nordhälfte Italiens die Stadtsässigkeit vieler Großer, die ein Stadthaus in der Bischofsstadt und zumindest ein befestigtes Gebäude auf dem Lande haben, wohin sie sich in städtischen Konflikten zurückziehen können. Nur ein Teil sieht seinen Lebensmittelpunkt vorwiegend auf dem Land und wird erst im 12./13. Jahrhundert voll in städtischen Machtstrukturen einbezogen. Deshalb ist und bleibt der Adel wesentlicher Motor der Entwicklungen in den Städten, die darum einen weniger "bürgerlichen" Charakter annehmen als später im Norden.

Das führt zu folgendem: "Gerade in der Oberschicht ist die städtische Gesellschaft so nicht nur in Familiengruppen gegliedert, die, gestützt auf ein bewaffnetes Hausgefolge und ihren Rückhalt in einzelnen Stadtteilen, Einfluss auf die städtische Politik ausüben. Sondern es bestehen in dieser Oberschicht auch vertikale Gruppierungen, die durch Vasallenbindungen und Lehnsabhängigkeiten bestimmt sind." (KellerOberitalien, S.380)

Neben der Trennung der Menschen in der Stadt in Kleriker und Laien gibt es dort auch die in milites und plebs oder populus, deren oberste Ränge von den negotiatores eingenommen werden, denen ohne Muße, wörtlich genommen, den Kaufleuten vor allem. Der edelfreie Krieger bildet dabei die städtische Oberschicht. Alle zusammen werden gelegentlich als cives bezeichnet, die Bewohner der civitas.

 

Mit der Bevölkerungsvermehrung, zugleich steigender Produktivität auf dem Lande, zunehmender Geldwirtschaft und städtischer Produktion entwickelt der alte Adel seit dem späteren 9.Jahrhundert zunehmend das Vermögen, selbst Land gegen Dienste zu verleihen. Die milites als vassi spalten sich so auf in große und kleine vavassores, wobei erstere sich dann später als capitanei definieren.

Dort, wo die gräfliche Amtsgewalt schwindet, übernehmen diese alten nobiles-Familien als miles dann öffentliche Funktionen wie Gerichtsbarkeit, mit Immunität verbunden, die sie später auf dem Lande zu Bannherren machen und in der Stadt zum beratenden und kriegerischen Gefolge in der Lehnskurie der Bischöfe oder zu Königsboten im bischöflichen Gericht. Neben vom König und vom Bischof oder Abt verliehenen Kastellen erbauen sie spätestens in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts eigene, manchmal, indem sie eigene curtes einfach nur befestigen.

Die spätere Abtrennung der Stadt vom Land im Norden und die Trennung in ländlichen Adel und städtisches Bürgertum findet hier so nicht statt. Als im 11. Jahrhundert die kommunale Bewegung einsetzt und auch wohlhabende Leute unterhalb des Adels in Ämter kommen, entwickelt sich eine etwas andere Vorstellung von Bürgerlichkeit als im Norden.

 

Entstammen die großen noblen Grundherren der alten fränkischen Herrenschicht, so stammen ihre Vasallen, ihr militärisches Gefolge, wiederum vor allem aus der Gruppe jener wehrfähigen karolingischen freien Bauern, die mittels der Vasallität dem Abstieg in zunehmende Unfreiheit entkommt. Ausgestattet sind bzw. werden diese kleinen Untervasallen zunächst mit Bauerngütern mit Haus und Wingert von einem Wert von 30-50 solidi, die den Lebensunterhalt sichern und zunächst von ihnen selbst bewirtschaftet werden.

 

Daneben begeben sich einzelne nichtadelige Geschäftsleute und Rechtskundige in die Vasallität großer Herren und werden so zu Vavassoren. Andere Städter begeben sich in eine Art "klientelartiger Abhängigkeit" zum alten Adel (KellerOberitalien, S.366). Schließlich beginnen die ersten vavassores minores selbst eine Art Kleinstvasallen heranzuziehen, denen allerdings die vollwertige Integration in die militia nicht mehr gelingt. Unterhalb der grundherrlichen Oberschicht ist also seit dem späten neunten und zunehmend dann im zehnten Jahrhundert eine Mobilität im Gange, die am Ende Unsicherheit verursacht, die zu Konflikten führt und auch die Stadt ergreift. Friedensbewegung, religiöse Reformbewegungen und kommunale Bewegung verbinden sich nach und nach damit und führen dann zur Entwicklung ständischer Vorstellungen und lehnsrechtlicher Lösungen wie auch zur städtischen Gemeindebildung.

 

"Soziale" Mobilität: In seinen Praeloquia schreibt Bischof Rather von Verona um 940 modellartig: Ponamus namque ante oculos quemlibet praefecti filium, cuius avus iudex, abavus tribunus, vel scoldascio, ataavus cognascatur miles fuisse: quis illius militis pater? ariolatur, an pictor; aliptes, an auceps; cetarius, an fingulus; sartor, an fartor; mulio, an sagmio fuerit; postremo eques, an agricola; servus, an liber? (I,23)

Von hinten nach vorne gelesen, ergibt sich eine Stufenleiter sozialen Aufstiegs zum Grafen (preafectus), die für eine ferne Vergangenheit fragt, ob am Anfang ein berittener Krieger stand oder ein einfacher Bauer, ein Freier oder gar ein mehr oder weniger Unfreier. Die nächste Stufe jedenfalls sind spezifische Dienste in der curtis eines Herren, wie der des Mediziners, des Falkners oder des Schneiders. Von dort aus wird man bei ihm miles mit den Aufstiegssprossen Schultheiß (scoldascio), Tribun, Richter (iudex) und dann eben Graf. Bei ihm genügen für diese Karriere noch nur fünf Generationen. Im weiteren Verlauf wird allerdings das Grafenhand in Familien erblich.

Diese Karriereleiter vom miles aufwärts beschreibt nun Adel, und dort, wo dann Grundbesitz und Kastelle durch Lehen des Königs und des Bischofs ergänzt sind und mit Ämtern des Richters und des Schöffen, Funktionen des Notars (und dazugehörige Schriftlichkeit) verbunden werden, kann von jenem Hochadel geredet werden, der sich langsam von den einfachen Valvassoren als Capitane abhebt. Ämter, Besitzungen , erblich werdende Lehen und Kastelle machen sie nun aus, die Summe aus Grundherrschaften und darüber hinausgehende öffentliche Funktionen.

Während diese herrschaftlich-adelige Gruppe sich nach unten abschließt, kann man im 10. Jahrhundert noch weiter vom einfachen Freien zum niederen Valvassoren aufsteigen.

 

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Bedeutende Städte wie Mailand konzentrieren im ummauerten Bereich Besiedlung um die Kathedrale, den Bischofspalast, die Herzogsburg, während der kaiserliche Palast (Pfalz) außerhalb der Mauern beim wichtigen Kloster Sant'Ambrogio angesiedelt ist. Der Bischofspalast mit mehreren Stockwerken, „vielen, zum Teil beheizbaren Sälen und einer Badestube“ (Pitz, S.154) und mit seinem Park ist das vielleicht monumentalste Gebäude. Zwei Märkte mit ihren festen Buden bieten täglich ihre Produkte an. Aber die unbebauten Räume innerhalb der Mauern sind auch im 10. Jahrhundert noch groß.

 

Vor den kleinen ummauerten Städten entstehen auch in Italien immer mehr Vorstädte (borgi). „Die Wohnhäuser waren meist kleine, ebenerdige Buden aus Holz mit Dächern aus Schindeln oder Stroh, doch gab es auch Häuser mit einem oder gar zwei Obergeschossen und Häuser aus Ziegelstein und mit Ziegeldach.“ (Pitz, S.154)

 

904 überträgt Berengar I. für Bergamo die Pflicht zum Mauerbau an Bischof und Bürger: Wir befehlen, dass wegen der drohenden Not infolge des Einfalls der Ungarn die Stadt Bergamo wiederhergestellt wird, wo immer es der Bischof und die Bürger für erforderlich halten. Die Türme, die Mauern und die Tore der Stadt, die durch den Einsatz und die Fürsorge des Bischofs, der Bürger und der Flüchtlinge entstehen werden, sollen für immer der Herrschaft des Bischofs und seiner Nachfolger anvertraut bleiben und für ihre Verteidigung zur Verfügung stehen. (In Staufer und Italien, S.212) Herr der Stadt ist hier der Bischof, aber er ist auf die Arbeit, das Geld und die Beratung der Bürger angewiesen.

 

Eine der vielleicht heute am besten erhaltenen Neugründungen des 10. Jahrhunderts beginnt mit dem Bau einer Turmburg durch den Bischof von Volterra, vor der eine Marktsiedelung entsteht und eine Pfarrkirche, die San Gimignano geweiht ist, die der kleinen Stadt ihren Namen gibt. Zwischen Burg und Markt führt eine Brücke über einen Graben. Ende des Jahrhunderts wird diese Siedlung von einer langen Mauer umfasst. Eine Fernstraße führte über zwei Tore durch die Stadt.

 

Südlich der Toskana und jenseits des islamischen Machtbereichs leben viele „Städte“ von der Landwirtschaft und entwickeln so wenig wie die in Byzanz (Griechenland) ein diese tragendes neuartiges Bürgertum. Das ändert sich in Süditalien erst mit dem Aufstieg eines Städtewesens unter der Herrschaft der Normannen. In Byzanz wird die antik-römische Tradition von Städten ohne bürgerliche Mittelschicht fortgeführt. Ein Sonderfall wird darüber hinaus Rom, eine „Stadt des Adels und des Klerus“, aber vor allem auch eine Stadt der Pilger, die einen zunehmenden Anteil am Einkommen der Menschen beitragen.

 

Handel und Städte hatten in Ostrom besser überlebt. Die Millionen-Stadt Byzanz war alleine schon auf Lebensmittel-Einfuhren angewiesen. Von dort wiederum wurden Gewürze, feine Tuche und andere Luxusgüter ausgeführt. Der Handel mit den byzantinischen Enklaven in Italien, Neapel, Gaeta, Amalfi, Salerno, Bari und Venedig wurde auch in schweren Zeiten aufrechterhalten, wenn auch die „politischen“ Bindungen schwächer wurden.

 

Venedig entsteht erst nach dem Untergang des römischen Westreiches. Es fehlt ihm zunächst an Territorium auf dem Festland, und so ist es in besonders hohem Maße auf den Handel angewiesen und wird im lateinischen Abendland zum frühen Prototypen einer Kaufmannsstadt. Da Venedig fast ausschließlich vom Seehandel abhängt, "verbürgerlicht" die Stadt früher als andere: Ohne Festland gab es keine Grundherrschaft und keine Feudalstrukturen. Die soziale Schichtung beruht also wesentlich auf Eigentum und Kapital. Ihre Bevölkerung setzt sich aus Kapitalisten und für diese Arbeitende zusammen.

 

Vermutlich verlegt schon der byzantinische dux Agnello Partecipazzo Anfang des 9. Jahrhunderts seinen Amtssitz dorthin, wo heute der Dogenpalast steht. Unter seinem ebenso wohlhabenden Sohn Guistiniano werden dann 828 die Reliquien des heiligen Markus aus Alexandria gestohlen, um der Stadt Prestige zu verleihen. Mit dem Bau des Markusdomes wird Venedig dann auch zur Pilgerstadt. Das Wahlamt des Dogen wird nicht erblich, aber dafür wie das päpstliche auf Lebenszeit verliehen, und ist im 9. und 10. Jahrhundert vor allem in den Händen weniger reicher Familien.

 

In dieser Zeit beginnt Venedig die nördliche Adria unter seine Kontrolle zu bringen und zur Seemacht aufzusteigen. Schon mit der Kaiserkrönung 800 geriet Venedig in das Spannungsfeld zwischen den beiden Kaisern, welches es zu nutzen sucht. Die Stadt entwickelte sich unter einem dux/Dogen, dessen Residenz 811 nach Rialto verlegt worden war, relativ unabhängig von den byzantinischen Oberherren, was 812 zwischen Karl und Kaiser Michael I. bestätigt wird.

 

Sie beginnen mit einem Flottenbau-Programm. Zu Bündnissen mit lateinischen Kaisern kommen im 9. Jahrhundert solche mit Byzanz und mit muslimischen Herrschern hinzu.

883 wird Comacchio an der Po-Mündung erobert, womit Venedig die Kontrolle über den regionalen Salzhandel bekommt und in den nächsten Jahrzehnten erlangt die Stadt die Hegemonie über Istrien. Der Frachtverkehr von Norditalien nach Konstantinopel gerät immer mehr in ihre Hand.

Bis zu seinem Tod versucht Kaiser Otto II., Venedig unter imperiale Kontrolle zu bekommen. Anfang 981 ordnet er eine erste Handelsblockade an, die Venedig allerdings noch kaum beeinträchtigt. Eine zweite im Juli 983 fügt der Stadt dann erhebliche Schäden zu.

 

Seit 992 (Goldene Bulle von Basilios II.) gibt es zunehmende Zollbefreiungen und andere Privilegien für venezianische Kaufleute im Reich von Byzanz. In den nächsten Jahrzehnten entstehen venezianische Niederlassungen in allen wichtigen Handelsstädten, besonders an den Küsten.

Gegen Ende des 10. Jahrhunderts erobert das Königreich Kroatien die Mittelmeerküste, von wo aus Piraten nun die venezianische Schiffahrt bedrohen. 1000 kann eine venezianische Flotte unter Petrus II. Orseolo darauf die dalmatinische Küste erobern, wo in der Folge venezianische Kolonial-Städte entstehen werden. Derselbe Doge beginnt dann auch mit dem Bau von San Marco.

 

Schon als italienische Konkurrenten sich noch blutige Seegefechte mit muslimischen Flotten liefern, knüpfen Venezianer als zweites Standbein Handelsbeziehungen mit dem vorderen Orient an, mit Ägypten und Syrien. Dalmatinische (christliche) Sklavinnen werden genauso dorthin verkauft wie Holz und Eisen für die Waffenproduktion. Auch Papst und Kaiser können nicht verhindern, dass sie den Feind der Christenheit beliefern, das Kapitalinteresse übertrifft längst alle christlichen Normen. (Pirenne, S. 20f) Zurück kamen Gewürze und feine Textilien.

 

Während Venedig im 10. Jahrhundert zu einer Handelsmacht zwischen dem lateinischen und griechischen Abendland aufsteigt, finden Versuche statt, das Herzogsamt in eine Art Erbmonarchie zu verwandeln, was aber am Ende immer wieder scheitert.

 

Auch das sehr kleine Amalfi gehörte zum Herrschaftsbereich von Byzanz und auch hier gehen Macht und Kapital bereits früh zusammen. Amalfi schafft sich kein Territorium, welches grundherrschaftliche Züge in die Machtstrukturen der Stadt eingebracht hätte. Es wird darum bald wieder aus jenen Zusammenhängen ausscheren, in denen Kapitalismus entsteht.

Aber im 10. Jahrhundert ist diese Kleinstadt der Händler ökonomisch eine Macht. 942 gelangen sie mit vielen Waren in einer größeren Gruppe vielleicht als erste christliche nichtspanische Kaufleute bis nach Córdoba, wo sie ihre Satinstoffe und ihren kostbaren Purpur erst dem Kalifen zum Auswählen vorlegen müssen, bevor sie den Rest auf den Markt der reichen Oberschicht bringen können.

 

Nach Venedig steigt auf der anderen Seite der italienischen Halbinsel die Hafenstadt Pisa auf, die zwischen 933 und 1011 mehrmals von Sarazenen geplündert wrd, und die in Konkurrenz um die Vormacht im zentralen Mittelmeer tritt.

 

3. Erneute Bedeutung der Städte im Norden

 

Im 10. Jahrhundert steigt die Bevölkerung im lateinischen Abendland und durch Zuzug offenbar auch die in den Städten. Regionaler und Fernhandel scheinen ebenfalls insgesamt etwas zuzunehmen, insbesondere nachdem Nord- und Ostsee etwas sicherer werden, dann die Ungarngefahr gebannt wird und auch der Mittelmeerhandel mit Byzanz und den islamischen Reichen durch Zwischenhandel mehr oder weniger erleichtert wird. Man sollte das aber nicht überschätzen: Handel über Land bleibt unsicher und gefährlich.

 

In einigen Gegenden wie der Nordhälfte Italiens scheint der Geldumlauf etwas mehr zu werden, aber noch immer steht neben der Zahlung in barer Münze oft reiner Tauschhandel.

Noch im 10. Jahrhundert schreibt ein arabischer Reisender über Böhmen und auch über Prag: Auch verfertigt man im Lande Böhmen dünne lockergewebte Tüchelchen wie Netze, die man zu nichts anwenden kann. Ihr Preis ist bei ihnen wertbeständig, 10 Tücher für einen Pfennig. Mit ihnen handeln sie und verrechnen sich untereinander. Davon besitzen sie ganze Truhen. Die sind ihr Vermögen und die kostbarsten Dinge kauft man dafür: Weizen, Sklaven, Pferde, Gold, Silber und andere Dinge. (Ennen, S. 68)

Und noch nach 1129 wird es in den Bestimmungen des Bischofs von Straßburg heißen: Ferner soll der Burggraf den Zoll für Öl, Nüsse und Äpfel erhalten (...), sofern sie für bares Geld verkauft werden. Wenn sie aber für Salz, Wein, Getreide oder irgendeinen anderen Gegenstand verkauft werden, muss der Burggraf den Zoll mit dem Zoller teilen (in Hergemöller, S.171)

Dennoch, im ganzen Frankenreich zum Beispiel sind im 10. Jahrhundert Münzen im Umlauf, und sie geraten wohl grundsätzlich auch überall in die Hände der von ihren Herren abhängigen Produzenten. Detailliertere Informationen dazu fehlen allerdings.

 

Dort, wo das urbane Zentrum der spätantiken civitas mit seinem Bischofssitz überlebt hat, existiert es bis durch das Frühmittelalter weiter. Das betrifft besonders das spätere Frankreich und noch mehr die italienische Halbinsel, wo fast jede größere Ansiedlung einen Bischof hat. Der wichtigste Förderer der Entwicklung seiner Residenz zu einer bedeutenderen Stadt ist darum dieser Bischof.

In den nichtromanisierten deutschen Landen, insbesondere im erst vom großen Karl eroberten Sachsen, entstehen stadtähnliche Siedlungen im neunten, zehnten Jahrhundert an neuen Bischofssitzen, und ihre Namen sind noch von adeligen Grundherren abgeleitet, wie Braunschweig von Brun/Bruno. Außer höchstens der Kirche gibt es dort nur Holzbauten, adelige Herrensitze haben eventuell bereits ein Steinfundament.

 

Städte sind festungsartige Großburgen. Im zehnten Jahrhundert wird Regensburg von einer ersten mittelalterlichen (neuen) großen Stadtmauer umgeben

Dort ist gegen Ende des 10. Jahrhunderts ein freier Kaufmann überliefert. „Willihalm schenkte zusammen mit seiner Frau Heilrat dem Kloster St. Emmeran seinen gesamten Besitz mit allen Unfreien, die ihn bewirtschafteten, mit Ausnahme von vier Hörigen. Der Kaufmann hatte also den Gewinn aus seinen Handelsgeschäften in Grundbesitz investiert und seine Lebensweise derjenigen adliger Herren angepasst.“ (Groten, S. 37)

 

Ungefähr um 900 erlässt der Bischof von Worms eine Verordnung, die die Zuständigkeit von Einwohnern in Orten und Ortsteilen seiner civitas für die Instandsetzung der Stadtmauer beschreibt. Da sind die zusammen siedelnden und sich selbst organisierenden Friesen für einen Mauerabschnitt zuständig, für andere abhängige bischöfliche Höfe, für eine die familia sancti Leodegarii des Klosters von Murbach, für eine weitere die urbani, qui Heimgereiden vocantur, bis zur Pfauenpforte (Pawemportam), für weitere Fischer- und Kaufmannssiedlungen auf der anderen Rheinseite (Hergemöller S.8/S.68). Auch wer außerhalb der Mauern wohnt, wird beteiligt, immerhin ist die ummauerte Stadt letztlich Fluchtort für alle Untertanen.

 

Regensburg und Würzburg sind Burgen mit Dombezirk, die sich erst langsam zu Städten entwickeln. Für Mainz zum Beispiel wird erwähnt, dass Teile der Stadt noch aus Äckern bestehen. Ibrahim ibn Yakub aus Andalusien ist andererseits erstaunt über das Vorhandensein von Pfeffer, Ingwer und Gewürznelken, was Handelsbeziehungen in ferne Kontinente bedeutet.

 

In England sind die mit Steinmauern befestigten Orte ceaster (von castrum), als burh oder dann borough werden zunächst königliche Festungen gegen die Dänen bezeichnet, die Garnison, Münze und bald auch einen überwachten Markt enthalten und in denen sich dann Siedlungen bilden können. Im 8. Jahrhundert nimmt der Umlauf von Silbermünzen zu. Handwerker arbeiten zunächst im Auftrag reicher Adeliger, um dann zunächst nebenbei auch für einen Markt zu produzieren. Beliebt bei der Oberschicht ist die Ansiedlung von Goldschmieden. Im 10. Jahrhundert wandern Töpfer vom Land in Städte wie Norwich, Lincoln und York. Zwar müssen die Massen von Brennholz und in geringerem Maße Ton nun von weiter her transportiert werden, aber dafür ist man in der Nähe des Marktes und der Kundschaft.

Ein kleines Umland für die Versorgung mit Nahrungsmitteln wird der entstehenden Stadt zugeordnet.

Um 900 wird die römische Mauer von Winchester ausgebessert und ein System aus Hauptstraße (der späteren High Street) und rechtwinkligen Seitenstraßen entwickelt. Im Norden und Osten verlaufen die Straßen dagegen eher unregelmäßig. Eine solche städtische Siedlung ist auch schon vor 940 Shrewsbury am oberen Severn mit seiner Münzstätte, dort, wo der Fluss so schmal ist, dass eine Brücke hier bald England mit dem walisischen Hinterland verbinden kann. Im Domesdaybook wird es dann als borough bezeichnet werden.

 

Adel lebt sowohl auf dem Lande wie auch in städtischen Niederlassungen, wo er in einer Art Gilden Treffen abhält.

 

Handel etabliert sich in den englischen frühen Städten für die Versorgung mit Nahrung, Rohstoffen und Energie (Holz) für das Handwerk. Töpferwaren werden von einer Stadt in die andere gehandelt, bald auch einfache Tuche.

 

Im gallischen Franken wiederum ist der burgus die offene Siedlung vor der Stadt, das, was im germanischen Osten sich als Neustadt etabliert. Möglicherweise (Pitz, S.110) soll dieser Begriff Händler- und Gewerbesiedlungen von den agrarisch geprägten Vorstädten unterscheiden. In beiden Fällen aber (in Italien selten auch als borgo überliefert) dient die Stadtfestung als Fluchtburg im Moment der Bedrohung von außen.

 

In den Niederen Landen haben sich schon im 9. Jahrhundert Siedlungskerne wie Brügge, Dinant, Gent, Maastricht, Huy, Namur Tournai herausgebildet, die die sich allesamt im 10.Jahrhundert stadtähnlich entwickeln. In Flandern bilden sich Ansiedlungen an Klöstern. Um 950 kommt in Gent dazu die Grafenburg mit ihrer Besatzung und mit einer Handwerkersiedlung und einem Marktflecken (portus) in der Nähe.

Die Marktsiedlung erhält ihre Privilegien samt Münze und Zoll vom Grafen, Grund und Boden gehören zu den Klöstern, die zunächst einen Zins kassieren, der dann immer mehr an Bedeutung verliert. Schon im 10. Jahrhundert gibt es am Tag des Hl. Bavo einen großen Jahrmarkt, für den Wolle von den Ländereien der beiden Abteien geliefert wird. Seit dem späteren 11. Jahrhundert führen sie zudem bessere englische Wolle ein. Für diese Zeit bezeichnet Schulz Gent bereits als Stadt. (S. 32)

Ebenfalls im 10. Jahrhundert entwickeln sich über Handel auch Antwerpen, Deventer, Lüttich und Tiel zu Frühformen von Städten. Über Haithabu wird der Ostseehandel angebunden.

 

Einen neuen Schub bekommen die (werdenden) Städte im ostfränkischen Reich durch ihre Förderung unter den Ottonen. Das noch immer ein Gutteil in germanischen Vorstellungen wurzelnde Herrschertum als Reisekönigtum übte im 10. Jahrhundert Herrschaft noch weithin von königlichen Pfalzen, befestigten Gutshöfen, aus, die in Ermangelung anderer Wörter oft urbs hießen, womit die Römer ihre Stadt bezeichnet hatten. Aber Bischofsstädte beginnen für die Aufgabe an Bedeutung zu gewinnen.

 

Magdeburg ist seit 805 als Handelsplatz "mit fränkischem Kastell, Königsgut, einem Grafensitz und gewiss auch einer Kirche" (Schieffer in: Ottonische Neuanfänge S.31) dokumentiert. 929 übergint Otto I. den Ort als Morgengabe bzw. dem Wittum an seine englische Gemahlin Edgitha, um ihn dann selbst auszubauen. "Von Edgitha unterstützt, hat er die Kaufmannssiedlung, die sich schlecht geschützt unten am Ufer der Elbe befand, an eine etwas höher gelegene Stelle (...) verlegt, er hat diese Höhe und die benachbarte, wo die Pfalz stand (beim Dom) befestigt und zu einer starken Einheit verschmolzen." (Holtzmann, S.111)

937 beginnt der Bau des Moritzklosters. Die vielen Besuche Ottos erzeugen Nachfrage nach Handel und Gewerbe, 942 ist der König als Besitzer von Zoll und Münze bezeugt. In einer Urkunde von 965 ist dann die Rede vom Markt in Magdeburg und der Münze, von allen Zöllen und Abgaben von Schiffen, Wagen, Karren und sonstigen Fuhrwerken und von Reitern und Fußgängern und von allen zum Ein-und Verkauf dorthin gelangenden Leuten. (in: Ottonische Neuanfänge, S.33). Aus Pfalz, Kirche und Kloster entsteht eine Stadt, civitas bei Thietmar von Merseburg. 975 wird den dortigen Kaufleuten dann weitgehende Abgabenfreiheit im Reich zugestanden. 

Besonderheit der entstehenden deutschen Städte insbesondere im Vergleich mit den italienischen ist die weitgehende Unfreiheit ihrer Bewohner, die den Weg in eine Bürgerstadt verlangsamt. Vorreiter in diese Richtung können so vor allem Teile der zunächst ebenfalls noch unfreien Ministerialität werden

 

Den Bischöfen wird nun die volle Gerichtsbarkeit für die Siedlung um die engere Bischofs“stadt“ gegeben. In der Sichtweise Thietmars von Merseburg erhält einer seiner Vorgänger-Bischöfe von Otto II. quidquid Merseburgiensis murus continet urbis, cum Iudeis et mercatoribus ac moneta et foresto (alles, was in den Mauern enthalten ist, samt Juden, Kaufleuten, Münze und Forst. III,1). „So entstanden weltliche Herrschaften, in denen die Bischöfe und Reichsäbte den Königsbann ausübten und die kein Graf in seiner Beamteneigenschaft betreten durfte. Diese Bannbezirke, die sonst durchaus den Grafschaften entsprachen, waren von jeder herzoglichen Gewalt befreit, durchsetzten die Herzogtümer mit staatlichen Gebilden, die in der Hand der hohen geistlichen Herren lagen.“ (Holtzmann, S.182)

 

Adressat für die Könige ist immer der Bischof, der nun deutlicher Stadtherr wird, in deutschen Landen wie in Reichsitalien. 902 überträgt Ludwig IV. ("das Kind") für Trier die Münze der Stadt, den Zoll und jede Abgabe von Klöstern, Dörfern (villis) und Weinbergen inner- und außerhalb der Stadt sowie in der ganzen Grafschaft, aber auch alle Zinser und Hörigen und den Ackerscheffel (siebten Teil der Erträge) vollständig und ungeschmälert von der Grafschaft auf das Bistum übertragen, von unserem Rechtsbereich (nostro iure) dem Bereich und der Gebotsgewalt des heiligen Petrus zurückgegeben (... in Hergemöller, S.74f)

 

Zum Marktrecht, dem Münz- und Zollrecht kommen im ostfränkischen 10. Jahrhundert immer mehr Regalien, königliche Rechte, die an die Bichöfe abgetreten werden, wie der "Wildbann, Forst-, Fischerei-, Weidegerechtigkeit, Befestigungsrecht", usw. (Hergemöller, S.6). Immer mehr gräfliche Rechte fallen Bischöfen zu. Dafür nutzt der König nun die geistlichen Stadtherren für seine Machtausübung und bestellt sie überall, wo ihm das wichtig erscheint, selbst.

Von der Privilegierung des bischöflichen Stadtherrn zu der der Bürger ist dann manchmal nur ein kleiner bzw. kurzer Schritt.  Kaiser Otto der Große hatte dem Bischof von Passau als beneficium auf Lebenszeit einen Teil der Zollrechte verliehen, 976 vergibt ihn Otto II. dauerhaft für den Wiederaufbau und Unterhalt von St.Stephanus, und 980 wird dann auf Bitten des Bischofs den Hauseigentümern (possessores) der Stadt Zollfreiheit per omnes aquas in nostro regno, also für alle Flüsse im Reich vergeben und zusätzlich Befreiung vom Zins auf ihre Grundstücke in der Stadt (Hergemöller, S.84).

990 vergibt Otto III. der Äbtissin von Gandersheim für den Ort bei ihrem Kloster Markt, Zoll, Münze und die alleinige Vollmacht zur Machtausübung (exercendi potestam). Dazu aber erhalten die Händler (negotiatores) und Bewohner (habitatores) die Rechte, die auch für ihre Dortmunder Kollegen gelten (in: Hergemöller, S.88f). Dasselbe verleiht der Kaiser dann auch 1000 für Helmarshausen.

 

Dass dabei der Keim für Kapitalismus und ein neuartiges Bürgertum gelegt ist, wird wohl niemandem deutlich. Erst wenn Könige/Kaiser zwischen Konrad II. und Barbarossa nach Italien ziehen, wird ihnen sichtbar, dass sich da etwas fremdes, neues entwickelt, aber sie werden es nicht verstehen. Und mit diesem Unverständnis wird ihnen Nord- und Mittelitalien immer wieder aufs Neue entgleiten.

 

Das erste Privileg eines herrschaftlich garantierten Marktes ist der dafür verordnete Friede, also eine verrechtlichte, in Raum und Zeit begrenzte Sphäre der Gewaltlosigkeit. Aus den Gepflogenheiten des Handels entsteht eine Art Gewohnheitsrecht, welches nach und nach von den Herren anerkannt wird. Dabei gründet sich die neue Stadt aus der Privilegierung der Stadtherren. Als Kaiser Otto I. 965 dem Erzbischof von Hamburg gestattet, in Bremen einen Markt zu gründen, überlässt er die königlichen Einkünfte dem Bischof. Dazu tritt er ihm Zoll und Münze ab. 989 erhält der Bischof von Halberstadt einen Markt mit Marktgerichtsbarkeit, Münze und Zoll. Dies alles geschieht im Rahmen einer Machtausübung der sächsischen Könige, die sich stark auf die Bischöfe stützt.

 

Neben dem Jahrmarkt und den Märkten an bestimmten Festtagen gibt es bald auch den täglichen Markt der örtlichen Handwerker und Krämer. 996 genehmigt Otto III. dem Freisinger Bischof Gottschalk einen täglichen Markt in Regensburg, dessen Erträge der Freisinger Kirche zufallen sollten (EhlersOtto, S.136). Am Ende gibt es in deutschen Landen rund 200-300 Märkte (Fuhrmann).

 

Märkte sind mehr als nur Orte von wirtschaftlicher Bedeutung im engeren Sinne. Auf ihnen findet Informationsaustausch statt, Neuigkeiten und Neuerungen werden bekannt, und als Lokalmärkte sind sie immerhin Orte der Geselligkeit, so wie auch die Kirchen (samt ihren Festen). Das alles findet mündlich statt, denn inzwischen hat sich die Schriftlichkeit auf Teile des Klerus und der Klöster zurückgezogen.

 

Eine Stadtgemeinde (Kommune) aber gibt es noch nicht, vielmehr eine Vielzahl von Herren mit den Verbänden der von ihnen Abhängigen (ihren familiae), die voneinander durch ihre Privilegien bzw Immunitäten abgeschieden sind. Unter ihnen ragt in Kathedralorten der Bischof heraus, während die Grafen eher auf dem Lande residieren. Als dann zum Beispiel der Bischof von Trier um 900 die gräflichen Rechte für seine Stadt bekommt, wird das Schöffengericht aus der Landschaft herausgezogen und rein städtisch. Diese Trennung von Stadt und Land erfolgt auch anderswo und wird Voraussetzung für Gemeindebildung.

 

Die Schöffen des Vogtes sind nicht nur mächtige Städter, ihr Einfluss nimmt durch ihr Amt noch zu. Zu diesem gehört nicht nur die Strafgerichtsbarkeit, sondern auch das städtische Urkundenwesen. Schöffen wachen auch außerhalb der Gerichtstermine über die öffentliche Ordnung und nehmen dabei auch Polizeifunktionen wahr.

Für Groten (Die deutsche Stadt im Mittelalter) sind es der Anstieg der städtischen Bevölkerung und der zunehmende Regelungsbedarf, der dan in den Bischöfsstädten zur Erweiterung der Domimmunität auf die ganze (entstehende) Stadt führt (S. 63). Für Speyer geschieht das 969 durch Otto I. Vier Jahre vorher wird der Gerichtsbann „für die Juden und andere Kaufleute und Bewohner von Magdeburg“ (s.o.) dem Vogt des Mauritiusstiftes übergeben. Als Magdeburg Erzbistum wird, wird dieser dann auch zum Domvogt.

 

Gerichtsherr für die Schöffen bleibt der Stadtherr, und ihre Loyalität schwankt denn auch zwischen diesem und den übrigen einflussreichen Bürgern. Und gelegentlich bricht mit der Konzentration auf einen Stadtherren dann ein Kampf um die Macht zwischen ihm und den wohlhabenden Städtern und ihrem Anhang aus, wie er seit dem 10. Jahrhundert auch für den sich herausbildenden deutschen Raum dokumentiert ist (Konstanz, Straßburg). Aber solche Konflikte sind eher selten. Der Kapitalismus selbst und die bürgerliche Welt entstehen nicht gegen, sondern mit den adeligen Herren. Dabei sind die bischöflichen Stadtherren auch außerhalb der Rechtsprechung auf die Mitarbeit vom Amtsträgern aus dem Laienstand angewiesen, so beim Bau und Erhalt von Mauern und der Verteidigung der Stadt. In manchen der Städte versammelte sich seit alters her die männliche Einwohnerschaft vor der Kathedrale und bestätigt oder wählt solche Leute sogar.

 

Im Unterschied zu Italien, wo der Adel zum Teil nach der Antike stadtsässig bleibt, zum Teil in die Städte gezwungen wird, verschwindet er im entstehenden Deutschland, soweit überhaupt dort vorhanden, nach und nach aus diesen. Die städtische Oberschicht bilden entsprechend unter dem bzw. den Stadtherren zunehmend „bürgerliche“, also nichtadelige Freie, eine sehr kleine Gruppe. Darunter stehen rechtlich, nicht aber wirtschaftlich die Ministerialen, unfreie Dienstleute des Stadtherrn, der Klöster und des übrigen hohen Adels, die neben dem Dienst an der Waffe auch Aufgaben der Verwaltung übernehmen oder Kaufleute im Auftrag ihres Herrn sind. Wenn sie Karriere machen, kann sich ihr Prestige zumindest dem freier Bürger annähern oder dies auch übertreffen.

 

Die dritte, nicht völlig mittellose Gruppe sind die Zensualen, die einen festen jährlichen Kopfzins (zwei Pfennige oft) an ihren Herrn zu zahlen haben und zunächst in der Stadt auch noch Abgaben im Erlebensfall zahlen müssen: Bei Eheschließung, Todesfall, Vererbung usw. Indem ihre Dienstbarkeit durch Abgaben abgelöst worden war, sind sie frei, ein Gewerbe oder Handel zu betreiben.

 

Für 1016 ist eine charta ingenuitatis für die Zensualen von Worms aus der Hand ihres Bischofs Burchard erhalten, die ihre Freiheit von allen persönlichen Dienstleistungen als libertas bezeichnet. „Das betraf vor allem die große Zahl von Handwerkern und Gewerbetreibenden, die nun auf eigene Rechnung für den Markt produzierten oder für die Kunden arbeiteten, aber nicht mehr im Rahmen der Grundherrschaft Knechtsdienste verrichteten und/oder Abgaben leisteten.“ (Schulz, S. 34)

Die „Freiheit“ dieser Zinspflichtigen ist aber zunächst noch massiv eingeschränkt, müssen sie doch neben dem jährlichen festen Kopfzins eine Abgabe im Todesfall leisten und sich in der Wahl des Ehepartners auf jemanden aus der herrschaftlichen familia beschränken. In den nächsten zweihundert Jahren werden solche Beschränkungen dann entweder durch Geldleistungen abgelöst oder durch Rechtsbestimmungen aufgehoben. Die Bürger werden in diesem Sinne tatsächlich frei.

 

Unter ihnen breitet sich dann die Gruppe der Armen aus, die von der Hand in den Mund leben. Periodische Hungersnote, durch schlechte Witterungsbedingungen und andere Plagen hervorgerufen, treiben sie in Wellen in die Städte, um dort zu betteln oder Arbeit zu finden.

 

In der Vita, die Reginhard von Siegburg über Anno II. von Köln schrieb, einen sehr weltlich orientierten Machtmenschen, wird so zum Beispiel etwas legendär beschrieben, wie der Erzbischof auf einem seiner nächtlichen Rundgänge durch die Stadt einer Frau begegnet, die auf der Straße lebt und dort ihr Kind gebiert. Ein anderes Mal trifft er auf einen Säugling, der ausgesetzt worden war, und um den er sich kümmert. Anno wird so zum Heiligen hochstilisiert, wozu auch solche Geschichtchen dienen. Aber die beschriebene Armut war real.

 

In den sich neu entfaltenden Städten siedeln, wie schon erwähnt, nicht nur Händler, sondern auch Handwerker, oft in getrennten Vierteln. Handwerker sind dabei wie in den ländlichen Grundherrschaften Teil der familia von Herren wie Bischöfen oder Äbten. Da sie im 10. Jahrhundert primär auf deren Versorgung ausgerichtet sind, werden sie zunächst noch kaum zum Motor der Entwicklung. Als Ausnahme immer wieder erwähnt werden die Töpfereien bei Köln bis in das Eifeler Umfeld, deren Produktion bis an die nördliche Küste verkauft wird.

Der massiv zurückgegangene Bergbau ist ebenfalls Teil der ländlichen Grundherrschaft und genauso die Metallverarbeitung, das Schmieden vor allem, die zum Beispiel in den Ansiedlungen an Abteien betrieben wird  Dabei geht es um Waffen, aber im wesentlichen auch um landwirtschaftliche Geräte oder zumindest eiserne Teile davon, wie bei Sensen, Pflügen oder Fassbändern.

 

Um die Jahrtausendwende ist das „christliche“ Europa, aus dem sich Kapitalismus entwickeln wird, immer noch wesentlich agrarisch geprägt und basiert weiterhin von seinen Machtstrukturen her auf landwirtschaftlich genutztem Großgrundbesitz. Aber inzwischen gibt es auch im nicht ehedem römisch kontrollierten Raum des germanischen Nordens außerhalb Skandinaviens überall Städte, fast allesamt nicht nur durch zunehmende Flächen von Kulturland, sondern immer noch durch weite Strecken von Wildnis voneinander getrennt.

Aber im 10. Jahrhundert entwickeln sich mit der Zunahme vor allem auch neuer Städte ganze Städtelandschaften dadurch,. dass der Abstand zwischen den einzelnen immer mehr schrumpft. Neben Regionen in Nord- und Mittelitalien betrifft das vor allem das Rheintal ab Basel, Flandern und einzelne Gebiete in Nordfrankreich.

Handwerk und Handel dort existieren im wesentlichen weiter in persönlicher Abhängigkeit von Herren, und erst ihre Emanzipation da heraus wird Kapitalismus ermöglichen. Aber die Jahrzehnte vor und nach dem Millenium sind auch durch den Ausbau von Handelswegen gekennzeichnet. Im Norden und Nordosten geschieht das durch Zivilisierung von germanischen und slawischen Völkerschaften, im Mittelmeerraum durch den Beginn des Zurückdrängens islamischer Kontrolle.