ZEIT DER ENTFALTUNG VON KAPITAL (12.Jh.bis 1250)

 

Rückblick / Überblick

Königreiche (England / Frankreich / Deutsche Lande / Sizilien /  Spanien / Übrige)

Geld, Kapital und Macht

Kapital und Macht: Die Kreuzzüge

Feudalisierung

Ritter

Burgen

Volk und Sprache

Späte Zivilisierungen: Kelten, Germanen und Slawen

 

   

 

 

Ein Rückblick

 

Wieweit sind wir bisher gelangt? In der Jungsteinzeit kam es zur Differenzierung von Bauern, wenigen Handwerkern und noch weniger Händlern, also zu Arbeitsteilung. Dazu kommen Kultexperten, die in Teilen Europas das Errichten von Megalithbauten aus riesigen Steinen anleiten und damit Energien von produktiver Arbeit abziehen können. Es beginnt die Trennung in privilegierte Welt-Erklärer und eine gläubige, ihnen dienstbare Menge. 

 

In der Bronzezeit kommt dazu die regionale Machtergreifung eines Bündnisses von Herren mit ihren Kultexperten, die frühe Formen herrschaftlicher Verfügung über Land und Leute schafft, städtebasierte Zivilisationen eben, also systematische Unfreiheit der meisten Menschen zum Zweck der Abschöpfung eines Teils ihrer Produktion. Zu diesem Zweck werden auch Schriften erfunden. Daneben werden in großen Reichen größere Menschenmengen für umfangreichere Kriege nutzbar. 

 

Unter den Städten und Reichen im Mittelmeerraum setzt sich Rom im letzten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung immer mehr als am Ende einzige Großmacht durch, wobei es sich von einer Republik der Reichen und Mächtigen in eine Art militär-basierte Monarchie über denselben verwandelt. Ein ausgeklügeltes Rechtssystem für alle Staatsbürger, ein systematisches Durchfüttern der armen Massen und ihre wohlfeile Beteiligung an von den hohen Herren finanzierten Amüsier-Veranstaltungen sowie an einer ausgebauten Infrastruktur hält diese fast durchgehend ruhig. Darunter leisten Sklaven in vielen Bereichen die körperliche Arbeit.  

 

In Handel und Finanzen bildet sich in wohl erheblichem Umfang Kapital, welches sich aber nicht prägend auf die allgemeinen Verhältnisse auswirkt, und welches mit dem Untergang des westlichen Kaiserreiches massiv zurück geht. Ansonsten übernehmen die nachantiken lateinisch-christlichen Reiche nach Möglichkeit manches von den bisherigen Besitz- und Macht-Verhältnissen und dehnen es auf weitere Gebiete durch Eroberung und Beeinflussung aus. Dabei gelingen ihnen aber keine stabilen Reichsbildungen und sie gehen entweder durch Eroberung oder Zerfallserscheinungen unter.

 

In einer Übergangszeit des 10./11. Jahrhunderts entstehen jene Herrschaften, auf deren Boden sich danach dann Kapitalismus etablieren kann, einer, der sich in feudale Rahmenbedingungen einbetten wird. In diesen Herrschaften entwickeln sich dafür neuartige Städte, in denen Handwerk und Handel an Bedeutung gewinnen, um bald in Partnerschaft mit den Stadtherren zu gelangen, bevor sie dann im nördliche Mittelmeerraum früher und im Norden später selbst vorübergehend mehr oder weniger zu Herren in ihren Städten werden. Während auf diese Weise ein Bürgertum im lateinischen Abendland entsteht, an dessen Spitze sich Kapitaleigner befinden, die wir in Ermangelung eines besseren Begriffes Kapitalisten nennen, setzen auf dem Lande Ansätze von Kommerzialisierung ein, die mit dem Kapital in den Städten in einer noch fast unscheinbaren Verbindung stehen.

 

Auf dem Boden des antiken Imperiums haben sich also bis etwa 1100 die Jahrtausende alten zivilisierten Verhältnisse der Macht von wenigen und Ohnmacht fast aller sowie der Verfügung entsprechend weniger über das Land und die arbeitende Bevölkerung verfestigt, auch wenn inzwischen Geld beginnt, all dies langsam etwas zu entpersonalisieren, quasi zu verflüssigen. In solchen Fluss geraten die Verhältnisse auch mit der Verbreitung von Kapital in den Städten, in denen dessen Eigner am nördlichen Mittelmeer-Rand langsam Rechte und Macht zu beanspruchen beginnen, die ihrer zunehmenden wirtschaftlichen Bedeutung entsprechen, während das dort sich ausbreitende Handwerk, langsam an einen Markt gebunden, bald unter ein Bündnis aus alten Herren und großbürgerlichen Aufsteigern gerät.

 

Über den Städten stehen in West- wie Ostfranzien mächtige Fürsten und von ihrer Unterstützung abhängige Könige, wobei vor allem in deutschen Landen geistliche Stadtherren beginnen, in die Fürstenriege aufzusteigen, während in Italien eine gewisse Emanzipation der Städte von Fürsten und Königen/Kaisern stattfindet. In Richtung auf einen Zentralstaat begeben sich von vorneherein die anglonormannischen Herrscher, und man kann bereits erahnen, dass das sich auch im süditalienischen Normannenreich so entwickelt. In Skandinavien und dem slawischen Osteuropa beginnen mächtige Familien, tastend und zugleich so gewalttätig wie überall, eigene Reiche für sich zu erfinden.

 

Konflikte zwischen den an Untertänigkeit gewohnten Nahrungsproduzenten und ihren Herren finden nur dort statt, wo die ersteren sich für unrecht gehaltenen, besonderen Übergriffen ausgesetzt sehen, und das betrifft genauso die Kapitaleigner und das Handwerk. Sie finden vielmehr im wesentlichen, und zudem oft sehr gewalttätig, zwischen den Herren statt. Dabei gibt es selten größere Schlachten, vielmehr werden Zermürbungskriege geführt, die sich vor allem gegen die bäuerliche Bevölkerung und damit die wesentliche Lebensgrundlage des jeweiligen Feindes richten. Größere Kriege von Fürsten und Königen bedürfen dabei immer mehr des Geldes, welches nicht nur der Masse der Bevölkerung abgenommen, sondern immer mehr auch als Kredit gegeben wird.

 

Ein Überblick über die Zeit der Entfaltung von Kapital

 

Zwischen der Jahrtausendwende im nordwestlichen Mittelmeerraum - bzw. etwa 1100 nördlich davon - und etwa 1250 vollzieht sich jene Wende, in der sich entfaltender Kapitalismus und neue Konturen gewinnende Formen von Herrschaft bzw. Staatsmacht dauerhaft miteinander verbinden. Zwar bleibt die große Mehrheit der Menschen dabei auf dem Lande und ist vorrangig mit der Produktion von Nahrungsmitteln beschäftigt, zwar etabliert sich ein sich neuartig konstituierender Adel mit seinen Privilegien und feudalen Strukturen immer mehr als Stand über Bauern und Bürger, aber alle Beteiligten hängen nun mehr oder weniger von einem allgemeinen wie auch insbesondere regionalen und lokalen Marktgeschehen ab, welches in seiner Spitze an Kapitaleinsatz hängt, welcher zum zentralen Motor der Entwicklung wird. Anschaulich wird das für Zeitgenossen in der zunehmenden Bedeutung des Geldes.

 

Die Nahrung und zunehmend auch gewerbliche Rohstoffe produzierende Landwirtschaft bedeutet für die Bauern weiterhin vor allem Selbstversorgung, aber darüber hinaus Produktion für einen Markt. Die Preise für Getreide und andere landwirtschaftliche Produkte steigen an und werden auch bezahlt. Warentausch wird dabei häufiger über Geld vermittelt, und dieses braucht der Adel für Erhalt und Ausbau seiner Macht und für eine allmählich prächtigere Lebensführung, und dies brauchen die Fürsten und Könige für Hofhaltung und nicht zuletzt kriegerische Machtentfaltung. Am Ende werden darum selbst ländliche Dienste immer mehr durch Geld abgelöst werden. Die bäuerlichen Spielräume für eigenes Wirtschaften nehmen etwas zu. Es kommt zu ersten größeren Einkommensdifferenzierungen zwischen Bauern und im Adel, die einkommensmäßig immer weniger homogene Gruppen bilden.

 

In Dörfern zusammen siedelnde Bauern entwickeln Formen von Kooperation und Selbstverwaltung. Dasselbe geschieht intensiver in den Städten, die mehr und größer werden. Außerhalb Nord- und Mittelitaliens haben Städte überall Herren, wobei diese weit weg sein können, wie der Kaiser für seine Städte, oder nah wie ein kleinerer Fürst mit seiner Hauptburg in der Nähe oder mittendrin. Aber selbst im entstehenden Frankreich, wo Städte nicht dieselben politischen Rechte bekommen werden wie oft im Kaiserreich, wächst ihre Bedeutung als befestigte Großburg und als Abgaben leistendes Wirtschaftszentrum.

 

Für Fürsten und als erste unter ihnen die Könige steigt die Bedeutung von Einnahmen, die ihnen zunehmend auch aus unternehmerischer Tätigkeit in ihren Herrschaftsbereichen entstehen, einmal direkt, aber auch indirekt durch die Anstöße, die Kapital dem allgemeinen Wirtschaften gibt. Ihre erste herrscherliche Aufgabe bleibt Machtentfaltung vor allem durch Kriege, und die verschlingen immer höhere Ausgaben, da die Kriegsfolge leistenden Vasallen zunehmend mit Geld gelockt werden müssen, und zudem ganze Gruppen des Militärs vorübergehend in den Sold von Machthabern treten. Küstenstädte bieten Flotten auf, die bezahlt werden müssen, Proviant muss beschafft werden, auch wenn das Plündern weiter stattfindet und sowieso Teil der Kriegführung ist. Es gibt zudem immer mehr professionalisiertes Söldnertum.

 

Außerdem beginnt hier und da der Aufbau von Verwaltungen, die die Resultate von Gewalt "friedlich" absichern, und diese müssen bezahlt werden. In ihnen gelingt ersten "Bürgerlichen" als Fürstendienern der Aufstieg in den Kreis der Macht, in den Sizilien Friedrichs II. wie im Frankreich von Philippe II. Auguste und bald auch in England. Weiterer und nicht zu unterschätzender Geldbedarf entsteht in der fürstlichen Hofhaltung, die fürstlicher Selbstdarstellung und Repräsentation ihres Status dient. 

Dabei wird nicht nur Adel als Partner fürstlicher Macht vorübergehend an Höfe gezogen, sondern es wird Identifikation mit der Macht bei den großen Gruppen der produktiv Arbeitenden erreicht. 

 

Der Kapitalismus entfaltet sich so nicht mehr nur aus der hochadeligen Nachfrage nach Luxusgütern, sondern vor allem auch über einen allgemeinen fürstlichen und dann auch bürgerlichen Geldbedarf. Der aber muss durch Bauern und Handwerker erarbeitet und zunehmend durch Händler auf einem Markt zu Geld werden. Dann gelangt ein Teil davon durch Abgaben "nach oben", woraus auch die punktuellen Ansätze von Wirtschaftsförderung finanziert werden.

Den Rest liefert ein immer wichtiger werdendes Kreditgewerbe, welches auch Handelsunternehmungen in größerem Maßstab finanziert. An ihm hängen die größten Risiken und Gewinne.

 

Der Geldbedarf verschiebt die Gewichte der Großregionen. Nachdem die Erzvorräte im Mittelmeerraum sich erschöpfen, springen solche in Mitteleuropa dafür ein. In südenglischen, flämischen und nordfranzösischen wie in Städten am Rhein, besonders in Köln, später in Süddeutschland, beginnen Unternehmer - etwas später als in machen italienischen Städten -  zunehmend erheblichere Kapitalien anzusammeln.

 

Die Kreuzzüge mit ihrer ursprünglich kirchlichen Begründung helfen dabei mit, das Gewicht im Handel langsam vom bislang reicheren islamischen Orient in das lateinische Europa zu verschieben, noch einmal verschärft durch die Eroberung von Byzanz durch die Kreuzfahrer und insbesondere durch Venedig. Nach und nach kehrt sich die Ost-West-Handelsbilanz um. Der Niedergang des Orients deutet sich an, und zugleich der Aufstieg eines Europas nördlich der Alpen.

 

Vor allem im Handels- und Finanzgeschäft sammeln sich die Kapitalien. So wie diese Kapitaleigner wirtschaftliche Macht gewinnen, sind sie doch "politisch" abhängig von fürstlicher Gunst, spätestens sobald es Mitbewerber auf dem Markt gibt. Dann ist der fürstliche Herr nicht auf den einzelnen Kapitalisten, aber dennoch auf den Erfolg des Kapitals insgesamt angewiesen.

Dieses sammelt sich in den Händen weniger Unternehmerfamilien, die aber nicht nur auf Fürsten, sondern auch in langsam steigendem Maße auf Massenkaufkraft und Massenproduktion angewiesen sind. In dieser Zeit sind es vor allem Getreide und Wein, auf die sich Gegenden immer mehr spezialisieren, und die beides nun zunehmend für den Markt produzieren. Besonders die größere Überschussproduktion von Getreide antwortet auf massenhaftere Nachfrage und Kaufkraft in den Städten. Insofern sind die Handwerker, Facharbeiter und übrigen kleinen Gewerbetreibenden bei steigendem Konsumniveau dort direkt in den Aufstieg des Kapitalismus integriert. 

 

Dies sind sie aber auch dadurch, dass immer mehr Rohstoffe insbesondere für die Textilproduktion aus spezialisierter Massenproduktion vom Lande kommen: Wolle, Flachs für Leinen, pflanzliche Farbstoffe. An immer mehr Stellen wird handwerkliche Produktion auf diese Weise kapitalintensiver, wie ebenso auch im metallverarbeitenden Bereich. Mit der Lieferung von Rohstoffen und dem Verkauf der Produkte tritt größeres Kapital in den Bereich der Produktion, und Bau und Unterhalt von Mühlen als frühe Maschinen für die Massenproduktion steigern ebenfalls den Kapitalbedarf, hier zunächst beim wohlhabenderen Adel. 

 

Das Stichwort heißt nicht Ursache und Wirkung, sondern Interdependenz vieler Faktoren. Heraus ragt dabei zunächst der biologische: Die bäuerliche Bevölkerung vermehrt sich auch dank entstehendem Kapitalismus und fördert diesen wiederum. Mehr Kinder erreichen das Erwachsenenalter und zeugen selbst wieder Kinder. Sie gründen neue Dörfer und füllen die Städte auf. Zudem steigt in beispielloser Weise die Anzahl der Städte. Verglichen damit wirkt der technische Fortschritt in seinen Auswirkungen geringer: Die Produktivität bei den Nahrungsmitteln steigt insgesamt nur gering an, aber mehr Menschen erhöhen den Überschussanteil insgesamt. Mehr Städter produzieren mehr Güter, es erhöht sich das Angebot an umlaufenden Geld, welches auch nachgefragt wird. Mehr Geld kann in mehr Kapital münden und damit dann am Ende Herrschaft in Richtung auf "mehr Staat", also erweiterte Herrschaftsinstrumente intensivieren.

 

Mehr Markt und mehr Geld differenziert die von Autoren wahrgenommenen Stände, die nun nach ihren Funktionen aufgeteilt sind, immer mehr auseinander. Dabei entsteht eine Schicht von zehn bis zwanzig Prozent Armen, die in das Marktgeschehen nur hinein geraten, indem sie ihre schiere Arbeitskraft anbieten. Sie werden Tagelöhner auf dem Lande und daneben etwas stetiger Dienstboten und beim Handwerk angestellte Arbeitskräfte. Aber ohne ihre Arbeit zum Beispiel saisonal bei der Weinlese oder bei Baumaßnahmen würde der aufstrebende Kapitalismus nicht mehr weiter expandieren können.

 

Kapitalismus bedeutet notwendig Wachstum,  Kapital existiert nur im Prozess seiner Vermehrung, und die erste Voraussetzung dafür ist die Zunahme der Bevölkerung bei Zunahme der Produktion und der Abnahme von Waren. Beides wird in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts mit klimatischen Veränderungen, Hungersnöten und Seuchen vorübergehend verringert. Aber dann ist der Kapitalismus ein so integraler Bestandteil des Lebens geworden, dass er auch die partielle Rezession überlebt. Er hat die Lebensverhältnisse der Menschen von den Reichen zu den Armen, von den Mächtigen bis zu den Untertanen soweit in Besitz genommen, dass er für die meisten nicht mehr wegzudenken ist, auch wenn nur wenige verstehen, was da geschieht. In diesem Moment beginnt dann in ersten Beispielen Fortschrittsglaube und weltliches utopisches Denken an ersten Beispielen die christlichen Endzeiterwartungen abzulösen.

 

 

Königreiche

 

Inzwischen ist das lateinische Abendland in Königreiche aufgeteilt, deren Grenzen von der Macht der jeweiligen Könige bestimmt werden und sich darum immer wieder einmal verändern. Diese Macht hängt einmal an dem militärischen Gefolge, welches über Vasallität und Lehen an den Herrscher gebunden werden kann, und zum anderen zunehmend an der Finanzkraft des Herrschers, die an seinem Besitz und immer mehr auch an der Entfaltung von Kapitalismus hängt und damit auch der von Städten.

 

Wir befinden uns weiter in Zeiten ungenierter Gewalttätigkeit von Herrschern und unter ihnen etablierter Herren, die mit ansteigender Reconquista und Kreuzzügen auch kirchlich als "Rittertum" idealisiert werden. Diese Gewalt der Herrscher richtet sich nach innen und außen, und ihr entspricht eine Tendenz zu "bürgerkriegs"artigen Zuständen im Inneren insbesondere in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Sakralisiert wird aber nicht nur die ritterliche Gewalt, sondern auch die königliche, die von hohen geistlichen Würdenträgern in einer Krönungskirche verliehen wird. Man wird nun Machthaber von Gottes Gnaden. Alle legitime Gewalt leitet sich so aus himmlischen Gefilden her.

 

England

Das anglonormannische Reich ist zunächst eines fremder Herren, und es wird erst mit dem Verlust der Normandie für die Krone und den Adel ganz zu einem englischen werden. Die Tatsache, dass es einer Familie gelingt, die Königsmacht unter sich zu vererben, hindert immer wieder nicht daran, dass kriegerische Auseinandersetzungen um die Krone ausbrechen. Insofern geht es hier durch das ganze 12. Jahrhundert kaum reibungsloser zu als beim Wahlkönigtum des römischen (deutschen) Reiches.

 

König Heinrich kann sich mit dem Papst über die Investitur der Bischöfe einigen und verheiratet seine Tocher Mathilde 1128 mit Gottfried von Anjou, der auch über Maine und die Touraine herrscht. Die Grafen werden teilentmachtet und durch Sheriffs ersetzt, welche die Abgaben für den König einsammeln und dann den barons of the exchequer übergeben.

 

Bischöfe, die Stadt London und einige Barone wählen nach dem Tod von Henry ("Beauclerc") 1135 Stephan von Blois, den Neffen der mit Geoffroi ("Plantagenet") verheirateten Mathilde, und Stephan wird von Innozenz II. bestätigt. Dagegen steht Mathilde mit ihrem kleinen Sohn Heinrich, was zu immer wieder aufflackerndem Bürgerkrieg führt, in dem die Barome an Macht gewinnen. Am Ende einigt Stephan sich auf die Nachfolge durch Henry II. ab 1154.

 

Neben der kriegerischen Gewalt wird Familienpolitik betrieben. Den anglo-normannischen Herrschern, ohnehin mächtigste Herrscherfamilie in Europa, gelingt auf diese Weise der Zugriff über die Normandie hinaus auf große Teile Westfranziens durch die Heirat des zweiten Heinrich mit Eleonore von Aquitanien 1152, mit der bald das von Historikern so genannte angevinische Reich entsteht,

Der "englische" König wird sich dann häufiger in der Normandie und im Anjou aufhalten als in England. Um 1160 riskiert er einen ersten Feldzug nach Toulouse, sichert seinem Sohn Gottfried die Bretagne, sich die Lehnshoheit über Wales und Schottland und beginnt mit Ansätzen einer Eroberung Irlands. 

 

Die englische Krone ist zunächst viel reicher als die französische. Zum einen entwickelt sie einen durchgehenderen  und finanziell effizienteren Verwaltungsapparat, in dem königlich eingesetzte Sheriffs und baillis Aufgaben der Barone übernehmen und sich ein Beamtentum entwickelt, zum anderen entfaltet sie insbesondere am Hof von Poitiers luxuriösere "höfische" Lebensformen, die solchen Reichtum demonstrieren. Zweimal im Jahr werden nun in den pipe rolls die Abgaben an die Krone verzeichnet. Der exchequer kontrolliert dann die (in Heinrichs Regierungszeit sich verdoppelnden) Einnahmen und Ausgaben. Damit können auch mehr Soldritter bezahlt werden. Das Marktgeschehen wird mit einer erheblichen Zahl neuer Städte intensiviert.

Es gelingt in gewissem Umfang, königliche Rechtsprechung eines sich dabei entwickelnden common law  über kirchliche Gerichte und die der Barone zu setzen. Das Festungsrecht fällt wieder an den König, der auf repräsentativen königlichen Schlössern residiert.

 

In der Zeit von Henry II. wird die Gerichtsbarkeit zwischen Klerus und weltlichem Gericht deutlicher getrennt. Als Thomas Beckett 1162 Erzbischof von Canterbury wird, beginnen Konflikte. Gegenspieler Becketts wird der Jurist Foliot, seit 1163 Bischof von London. Die Konstitutionen von Clarendon, die wichtige Urteile dem königlichen Gericht vorbehalten, möchte Thomas am Ende nicht besiegeln. Er wird angeklagt, flieht nach Frankreich. Erst 1170 kommt es zu einem Ausgleich und er kehrt zurück. Den Zorn des Königs verstehen Ritter als Aufforderung zu seiner Ermordung, und der König muss wegen der folgenden Empörung auf die Konstitutionen verzichten.

 

Das Poitou und Aquitanien gibt der König 1169 an Sohn Richard ("Löwenherz") ab, Sohn Henry soll England und die Oberhoheit über das gesamte Erbe erhalten, Geoffrey die Bretagne. Henry II. Sohn und Nachfolger John wird für Irland vorgesehen. Er ist erst zwei Jahre alt und noch "Ohneland".

Aber der ganze kontinentale "Besitz" des "angevinischen Reiches" geht dann mit den gewalttätig ausgetragenen Machtansprüchen seiner Söhne zugrunde. Bei all dieser Gewalt fließen aber unterdessen immer wieder erhebliche Geldsummen, mit denen Loyalität oder Gnade(n) erkauft werden. Neben ihrer Brutalität zeichnet sich die ritterliche Kriegerkaste durch Beutegier und letztlich Geldgier aus.

 

1189 stirbt der alte König, welcher Richard zu seinem Nachfolger macht. Der hält sich selbst nur wenig in England auf. Ab 1191 ist John praktisch Regent, und Ende 1192 wird Richard auf der Rückreise vom Kreuzzug gefangen genommen. Ein enormes Lösegeld muss aufgebracht werden. Danach unterwirft sich John und Richard versucht, kontinentale Gebiete zurück zu gewinnen. 

 

König John ("Lackland", ab 1196) werden mit einem feudalrechtlichen Vorwand vom französischen König 1202 alle kontinentalen Lehen eingezogen, und 1206 gehört ihm nur noch die Gascogne. Er versucht, sich inzwischen stärker gegenüber den alten Baronen durchzusetzen. 1208-14 lastet das päpstliche Interdikt auf dem Land und der König wird aus Wales bedroht. 1213 gibt er England und Irland als Lehen an den Papst.

Im Juli 1214 unterliegt ein mit England verbündetes Heer unter König Otto IV. Welf bei Bouvines gegen den französischen König, nachdem ein Heer Johns schon vorher besiegt worden war. John  kann darum seine Festlandslehen bis auf Gascogne und Guyenne nicht zurück gewinnen.. 

 

Das alles führt zu erheblichem Machtverlust der Krone, die Schwierigkeiten hat, gegen die Großen des Reiches noch Abgaben durchzusetzen. Diese können 1215 in der Magna Carta Libertatum die Festschreibung ihrer Rechte erreichen, deren zentrale wohl das Steuerbewilligungs-Recht der tenants-in-chief ist. Adel kann nur noch von seinen Peers abgeurteilt werden.

Es geht allerdings vor allem um die Freiheitsrechte einer kleinen Elite im Land, die zunächst umkämpft bleiben, aber immerhin langfristig in die Mitarbeit eines Parlamentes an der Herrschaft der Krone münden werden.

 

Als der König das alles wieder zurücknimmt, kommt es zum Aufstand der Barone, in dem John 1216 stirbt. In der Einzahl ist ursprünglich der baro ein Vasall, in der Mehrzahl benennt das Wort hohe Adelige überhaupt. (EhlersHeinrich, S.243) 

William Marshall sichert als Regent dem Sohn Henry (III.) die Nachfolge. Teile der Magna Charta werden wieder eingesetzt.

1225 kann die vom französischen König überfallene Gascogne wieder zurück gewonnen werden.

 

In England wird aber alles in allem ein Weg eingeschlagen, der zu einem zentral organisierten Reich mit einem einheitlichen Münzwesen und einer verschriftlichten wachsenden Verwaltung führt und dem zunehmend erfolgreicheren Weg, über die Gerichte königliche Macht auszuüben. Das königliche Finanzwesen löst sich langsam von den Einnahmen aus königlichen Gütern und geht zu immer weniger feudalen Einnahmequellen über, die besonders in England hin zu einer geordneten Besteuerung der Bevölkerung führen werden. Ähnlich wie in West-Franzien werden dabei Juristen einbezogen. (siehe Anhang 21)

 

Frankreich

Noch vor der anglonormannischen Herrscherfamilie haben die Kapetinger in Westfranzien ein Erbkönigtum dynastisch betriebener Familienpolitik durchgesetzt. Dieses ist aber zunächst auf die Île de France um Paris und kleine angrenzende Gebiete beschränkt, während das restliche Land unter mächtigen Fürsten de facto selbständig ist, und dann zu einem guten Teil unter anglonormannische Kontrolle gerät. Noch bis etwa 1180 umfasst es nur ein von Senlis, Étampes, Melun und Orléans begrenztes Gebiet.

Die Besonderheit, von einem relativ kleinen Zentrum aus seine Macht ausweiten zu müssen, führt etwas anders als in dem von fremden Herren eroberten England zu Anfängen eines Zentralismus mit zentraler verschriftlichter Verwaltung, zentralem Münzwesen und zentralen königlichen Finanzen in diesem Kerngebiet. Darüber hinaus führt das Ausbreiten französischer Macht insbesondere im 12. Jahrhundert zur propagandistischen Nutzung eines frühen Nationalismus.

 

Schon früh stellt der Abt Suger von Saint-Denis fest, dass der sich im Konflikt mit Kaiser Heinrich V. befindliche Papst Paschalis II. nach seiner Verbindung mit dem französischen König erfüllt von Liebe zu den Franzosen und von Furcht und Hass auf die Deutschen nach Rom zurückkehrt (in: Borgolte, S.111). Zwar geht es eigentlich nur um Könige und Kaiser, aber der Autor identifiziert ungeniert die Völker mit ihnen.

 

Ein Jahr vor der vernichtenden Niederlage bei Brémule wird 1118 dieser Abt Suger enger Berater König Ludwigs VI. Ein Jahr danach wird der "heilige" Dionysius zum Patron des Königreiches und löst damit den "heiligen" Remigius (St.Rémi) ab. Dies symbolisiert der König, indem er die Krone seines Vaters dem nun führenden Kloster St.Denis übergibt.

1124 wird der Heilige zum Retter vor einer Invasion Kaiser Heinrichs V. hochstilisiert, und das Kloster wird weiter privilegiert. Wenig später tritt neben ihn Karl ("der Große") als Urvater einer sich langsam erfindenden "Nation".

 

Die Könige stützen sich in der Île de France "auf eine relativ homogene Schicht von stadtsässigen und Burgen haltenden Vasallen niederer Herkunft, die sog. milites regni". Es gelingt ihnen im Laufe der Zeit, diese "rechtlich zu nivellieren und alle Lehnsträger, vom Herzog bis zum einfachen châtelain oder Burgvogt, einheitlich als barones zu qualifizieren." (Laudage in: Laudage/Leiverkus, S.87)

 

Während unter Henry I. England und die Normandie in Personalunion geführt werden, kann Louis VI. die Lehnshoheit über Flandern gegen England durchsetzen. Nach der Ermordung des Grafen Karls des Guten 1127 versucht er, das Verfahren gegen die Attentäter mit dem Recht des Lehnsherrn in die Hand zu bekommen und versucht zudem, aus außenpolitischen Gründen Wilhelm Clito als Nachfolger durchzudrücken. Die Kaufmanns-Interessen in Lille, Gent und Brügge stehen dagegen, wo die enge Beziehung zu England Vorrang hat. Im Aufstand verbündet sich der Handel mit dem Adel und den Spitzen des Handwerks. Solche wirtschaftlichen Oberschicht-Interessen begründen dann Formen von Patriotismus, in denen das "Volk" mitgezogen wird.

 

1125 vermählt der englische König seine Tochter Mathilde mit Gottfried ("Plantagenista") von Anjou und Touraine. 1137 verheiratet Wilhelm X. von Aquitanien seine Tochter Eleonore mit dem Königsohn Louis VII. Der gewinnt damit Poitou, Limousin, Saintonge und Gascogne. 1152 heiratet Eleonore dann nach einer "Affaire" im zweiten Kreuzzug den Plantagenet Henry, der nun Herr über einen großen Teil des späteren Frankreichs wird. Aber schon zuvor, im Kreuzzug unter ihrem König, finden bald französische Fürsten und Ritter enger zusammen.

 

Im Herrschaftsraum des französischen Königs werden Ansätze von Zentralisierung mit der Einsetzung von prevôts, welche erwartetes Steueraufkommen vorschießen und dann einziehen, und nach 1187 ihrer Unterordnung unter beamtete und sie kontrollierende baillis erreicht. Die großen Hofämter werden dem höheren Adel mühsam entzogen und etwas niederen Adeligen und städtischer Oberschicht anvertraut.

 

Die französischen Könige bauen auf die Einbeziehung der französischen Kirche in ihr Staatswesen und auf enge Zusammenarbeit mit ihnen wohlwollenden Päpsten. Immer konsequenter werden die (Erz)Bistümer von den Kapetingern mit willfährigen Prälaten besetzt.

1209 beginnt der von Papst Innozenz III. ausgerufene Kreuzzug gegen die Katharer, der u.a. schlimmste Massaker an der städtischen Bevölkerung mit sich bringt, und 1229 mit der nun einsetzenden Integration großer Teile Südgalliens in das französische Königreich endet.

 

Im nunmehr entstehenden Frankreich fehlt der allodiale Besitz, in dem sich noch ein Gutteil deutscher Lande befinden. Da alles Land einen Herren hat, fallen hier wie auch in England feudale Strukturen und Herrschaft zusammen. Die französischen Könige werden bei der Expansion, also der militärischen oder friedlichen Einvernahme benachbarter Fürstentümer durch große Gebiete unter anglonormannischer Herrschaft eingeschränkt, die erst Anfang des 13. Jahrhunderts mit Ausnahme der Gascogne eingenommen werden. Nach der Schlacht von Bouvines 1214 ist der französische König (Philippe II. "Auguste", 1180-1223) dann allerdings reichster und mächtigster Herrscher im lateinischen Europa, auch wenn er gerade erst dabei ist, den Süden des ehemaligen Galliens einzunehmen.

 

Ihm gelingt es mehr noch als seinem Vater, die Burgen in seinem engeren Machtbereich unter seine Kontrolle zu bekommen. Unter ihm und seinem Nachfolger entstehen drei Zentralbehörden: das Hofgericht (Parlement), eine Rechnungskammer und ein Staatsrat. Wie Henry II. setzt er beamtete baillis und im Süden sénéchaussées ein, die Verwaltungs- und richterliche Aufgaben versehen, dabei im Lande umherreisen und die prévots vor Ort kontrollieren. Dann versucht er, die anderen französischen Fürsten lehnsrechtlich an sich zu binden. Dazu dient das vom königlichen Hofgericht durchzusetzende Recht.

Der König fördert auch die Neugründung und den Ausbau von Städten, die ihm Zölle, Salzsteuern und andere Abgaben bringen sollen. (ausführlicher siehe Anhang 22)

 

Deutsche Lande und Italien

Im Unterschied zu England und Frankreich entwickelt sich auch weiterhin kein Deutschland. Die deutschen Lande sind ein sehr unklarer Begriff, verweisen sie doch einmal auf die Sprache von Deutsch-Flandern bis in den neuen deutsch werdenden Osten, von Holstein bis an den südlichen Alpenrand, umfassen aber als Herrschaftsraum der römischen Könige im Westen und Süden auch romanisch-sprachige Gebiete und im Osten das überwiegend slawisch sprechende Böhmen mit einer langsam wachsenden deutschen Minderheit.

Römische Könige heißen sie auch deswegen, weil sie als solche die Anwartschaft auf die vom Papst in Rom zu verleihende Imperatoren-Krone haben, die später Kaiserkrone heißen wird.

 

Es existiert ein vages "Wahl"recht der regionalen Herren, wobei mächtige Herrscher in dieser Zeit aber fast immer Dynastiebildung durchsetzen können. Der Machtantritt muss allerdings mit Geschenken erreicht werden, mit dem Versprechen von Lehen, Titeln und immer mehr auch von Geld. Dabei nehmen die der Krone zustehenden Güter immer weiter ab.

 

Im sogenannten Wormser Konkordat heißt es 1122: ... all dies wurde bewirkt mit der Zustimmung und dem Rat der Fürsten (der principes). In deutschen Landen bilden sich im 12. Jahrhundert so immer deutlicher Fürstentümer heraus, deren Existenz die Staufer anerkennen und mit deren Hilfe sie regieren müssen. Das Reich versteht sich seit den späten Saliern zunehmend als Fürstenföderation. Feudale Strukturen weiter unten werden darum weiter oben ergänzt durch solche, die nun das Reich zusammenhalten sollen.

 

Das römisch-deutsche Reich als Fürstenkonföderation stellt sich am deutlichsten auf Hoftagen dar, zu denen der König einlädt und denen die Fürsten aufgrund ihrer Pflicht zur Hoffahrt auch nachzukommen haben. Nur hier und auf den Heerzügen wird es eben auch in seinen jeweiligen Ausmaßen sichtbar, und im 12. Jahrhundert wird daraus auch ein Recht der Mitbestimmung abgeleitet. Eine sich auf Staatlichkeit hinbewegende Herrschaft mit dauerhafteren Grenzen und einer klaren politischen Verfasstheit wird das erst einmal aber weniger als in England und Frankreich.

 

Die römischen Könige/Kaiser leben zunächst von ihren Krongütern und ihrem Familienbesitz, zudem von den wenigen königlichen Rechten, Regalien, die noch nicht vergeben sind. Macht ausüben können sie aber jenseits ihrer Hausmacht nur noch in Zusammenarbeit mit den Fürsten, die in die Regierung einbezogen werden, und auf deren Dienste der König angewiesen ist. Insbesondere Friedrich I. stützt sich dabei auf die geistlichen Fürstentümer und versucht dort mit einem gewissen Druck seine Leute durchzusetzen, wie in Köln, Magdeburg, Mainz und Trier. Auf seinem zweiten Italienzug befinden sich wenigstens 19 deutsche Bischöfe in seinem Gefolge. Auf dem sechsten entstammen rund 85 Prozent des Heeres aus den deutschen Bistümern. Aber schon auf dem ersten Italienzug weigern sich die Bischöfe von Hamburg-Bremen und Halberstadt und werden mit dem Entzug von Lehen bestraft.

 

1115 nimmt Lothar von Süpplingenburg gegen Heinrich V. an der Schlacht am Welfesholz teil und baut danach seine Macht als Herzog in Sachsen systematisch aus. 1125 wird mit ihm als Lothar III. ein neues Königshaus gewählt. Tatsächlich kämpfen inzwischen vor allem Welfen und aufsteigende Staufer um die Macht. Es kommt zu Konflikten um die Frage, was Königsgut und was staufisches Erbgut sei. 1126 wird Heinrich ("der Stolze") Herzog in Bayern. 1127 lassen die Staufer Konrad III. zum Gegenkönig wählen, was Lothar bis 1135 zu steter Gegenwehr zwingt. Seit 1130 gibt es das Schisma zwischen Anaklet und Innozenz. 1130 verzichtet Lothar auf die praesentia regis bei der Bischofswahl und schwächt so die königliche Stellung. Er lässt sich auf einem zweiten Italienzug 1133 von Innozenz zum Kaiser krönen.

 

1137/38 gelangt Konrad zur Alleinherrschaft. Inzwischen ist die Witwe Lothars III., Richenza, Regentin für Heinrich ("den Löwen") in Sachsen, während Welf VI. Bayern übernimmt. Es gelingt Konrad, die staufische Hausmacht deutlich zu vermehren. Derweil kann Albrecht ("der Bär") im Osten ein eigenes Herrschaftsgebiet ausweiten und stabilisieren. In Meißen und der Lausitz wird Konrad von Wettin stärker, und im Norden steigen die Schauenburger in Holstein und Wagrien auf. 1147 scheitert Konrad mit seinem Anteil am zweiten Kreuzzug bereits in Kleinasien.  

 

Nicht Konrads designierter Sohn, sondern der Neffe Friedrich I. ("Barbarossa") wird 1152 zum Nachfolger gewählt. Er beginnt mit einem Reichsfrieden, macht Friedrich von Rothenburg, den Sohn Konrads III., zum Herzog von Schwaben und schafft es ohne stärkere Konflikte mit dem Papst, seine Kirchenhoheit in allen wichtigen Bistümern herzustellen. Gegenüber diesem lässt er sich 1153 im Konstanzer Vertrag darauf ein, dass Verträge mit der Stadt Rom, mit Sizilien und Byzanz der päpstlichen Zustimmung bedürfen. 1156 paktiert dann der Papst in Benevent mit Sizilien, mit dem sich auch Genua verbündet, während Pisa auf Seiten Venedigs steht.

 

1154 findet ein erster Italienzug statt, auf dem Tortona unterworfen und Friedrich im folgenden Jahr zum Kaiser gekrönt wird. Die Konflikte mit Mailand und dann auch dem Papsttum nehmen zu.

 

1157 kommt es aufgrund der Übersetzung eines Papstbriefes durch Rainald von Dassel auf einem Hoftag zu Besancon zu einem Eklat um das Wort beneficium, den Hadrian dann beilegt. 1158 kommt es zum nächsten Italienzug und der Feststellung der Reichsrechte in Italien bei Roncaglia mit Hilfe von vier Rechtsgelehrten aus Bologna. Nach einer Doppelwahl stehen sich die Päpste Alexander III. und Victor IV. gegenüber. Die Feindseligkeit des ersteren gegen Friedrich steigt noch nach der ersten Unterwerfung Mailands 1158 und dann seiner Zerstörung 1162.

1165 lässt ein neuer Senat Papst Alexander nach Rom einziehen. Nachdem Friedrich Rom erobert hat, gebietet ihm eine Malaria-Katastrophe Einhalt. Derweil bildet sich ein größerer Lombardischer Bund. Es geht weiter darum, das reiche Nord- und Mittelitalien unter kaiserlicher Kontrolle zu halten, um daraus Einnahmen zu ziehen, d.h. es geht vor allem um Geld. Carlrichard Brühl spricht, möglicherweise übertreibend, von 70.000 bis 80.000 Pfund, was in etwa den Einnahmen der französischen und englischen Könige entsprechen würde.

 

Das scheitert aber fast völlig an der neuen Macht zunehmend kapitalistisch strukturierter norditalienischer Städte, die sich untereinander und mit (italienischen) Päpsten verbünden und so den dauerhaften Erfolg mehrerer weiterer Kriegszüge des Kaisers nach Italien verhindern. Venedig steigt nach der Zerstörung seiner Niederlassung in Konstantinopel 1173 unter Sebastiano Ziani aus dem Lombardenbund aus, verbündet sich mit Friedrich und inszeniert 1177 den Frieden in seiner Stadt zwischen Papst und Kaiser.

Nach dem Frieden von Konstanz 1183 versuchen italienische, über Territorien herrschende Städte durch Bündnissysteme Zentralstaatlichkeit zu ersetzen (Rösch). das nach Machtzuwachs strebende Mailand wird nun reichstreu.

Schon wache Zeitgenossen wie Otto von Freising sehen, wie das italienische Engagement wenig Gewinn für die Könige bringt, dafür aber die Königsmacht in deutschen Landen schwächt (siehe Anhang 16 'Staufer').

 

Nach Friedrich I. schwindet der Einfluss der Könige auf Norddeutschland und die burgundischen Fürstentümer, und die französische Krone beginnt, Einfluss auf Lothringen zu nehmen, während langsam eine Ostorientierung nordöstlicher deutscher Fürsten einsetzt.

 

Je weniger der Titel des Westkaisers noch reale Macht bedeutet, desto mehr wird er unter den Staufern propagandistisch aufgewertet. Konrad III., der selbst nie den Kaisertitel erwirbt, bezeichnet sich selbst dennoch als solchen und weist bei dieser Gelegenheit dem Ostkaiser eine untergeordnete Stellung zu. Für

Friedrich I. ist dieser dann nur noch der König der Griechen und der Papst nur eine gleichrangige Macht. Als Vertreter der stadtrömischen Oberschicht ihm den Kaisertitel antragen, weist er sie damit zurecht, dass die Hand der Franken und der Deutschen (sic!) über ihnen herrsche und sie darum ihm gar nichts anzubieten hätten.

Anlässlich des Konfliktes von Besancon formuliert er in einem Rundschreiben: Wir haben Königtum und Kaisertum durch die Wahl der Fürsten allein von Gott empfangen, der bei dem Leiden Christi, seines Sohnes, den beiden Schwertern, die notwendig sind, die Regierung des Erdkreises überantwortet hat. (in: Borgolte S. 37).

Das Reich wird nun auch als heilig bezeichnet.

 

Das, was einige Engländer und Franzosen zunehmend als staufisch-deutsche Großmannssucht erleben, wird von ihnen immer deutlicher abgelehnt. Die Könige beider Reiche begreifen sich schließlich de facto als mit dem Kaiser gleichrangig. Tatsächlich ist der französische König bereits in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts dem römisch-deutschen an Macht und Reichtum weit überlegen.

 

Die wirklich supranationale, Völker übergreifende Macht im lateinischen Abendland, die von Rom aus herrscht, nämlich die durch die Kirchenreform gestärkte Papstkirche, kann zwar im Zusammenspiel mit den neuen Mächten, mit Königreichen und Städten, das Kaisertum in enge Schranken weisen, verfügt außerdem zunehmend über enorme finanzielle Mittel und einen immer beachtlicheren Hofstaat, aber nur über ein relativ kleines Territorium, den sich ausweitenden Kirchenstaat.

 

Zwischen Gregor VII., Innozenz IV. und später Bonifaz VIII. wird so zwar von den Päpsten ein effektiver, in manchem kaiserähnlicher monarchischer Anspruch vertreten, eine Art Oberhoheit im lateinischen Abendland, aber er lässt sich gegenüber den Königreichen nicht dauerhaft durchsetzen. Die Herleitung von Gott über Christus und Petrus als Stellvertreter Gottes auf Erden beeindruckt außer einigen Frommen vergleichsweise wenig gegenüber jener Macht, die mit hinreichend militärischer Gewalt verbunden ist.

 

Das Papsttum errichtet in seinem mittelitalienischen Bereich eine Sonderform von Fürstentum mit seinem entstehenden Kirchenstaat und der Hauptstadt Rom samt Residenz im Lateran. Ein päpstlicher Hof (curia) aus Kardinälen, Kanzlei, Kapelle, Kammer und Gericht residiert in Rom. Solche Leute werden immer weniger aus dem römischen Adel rekrutiert und haben zunehmend ein akademisches Studium hinter sich gebracht. Effektiviert wird vor allem auch die päpstliche Finanzverwaltung, für die der Kämmerer Cencius 1192 ein 'Liber Censuum Ecclesiae Romanae' anlegt.

 

Der mit der Übernahme des Erbes Welfs VI. gesteigerte Konflikt mit Heinrich ("dem Löwen"), gegen den sich auch die Fürsten stellen, führt 1180 zum Fürstengericht, welches den Welfen absetzt. Nutznießer sind der Erzbischof von Köln für Westfalen und der Wittelsbacher Otto für das um die Steiermark verkleinerte Bayern.

1185 verbündet sich Papst Urban III. gegen den Kaiser mit Philipp von Heinsberg und Heinrich ("dem Löwen"). Nach dem Fall Jerusalems 1187 wird der Konflikt mit dem Papst durch die Kreuznahme des alten Kaisers entschärft.

 

Während Kaiser Friedrich I. 1190 im Saleph ertrinkt, gelingt es Tankred, Neffe der Konstanze, sich mit Zustimmung des Papstes zum König krönen zu lassen. Nach Aussöhnung mit Heinrich ("dem Löwen") und weiterer Privilegierung italienischer Städte lässt sich Heinrich VI. zum Kaiser krönen, scheitert aber beim Versuch der Eroberung Siziliens vor Neapel. Erst mit dem Lösegeld Richards ("Löwenherz") kann dann 1194 Sizilien erobert werden. Versuche, ein Erbkaisertum zu etablieren, scheitern. Bevor der Kaiser zum versprochenen Kreuzzug aufbrechen kann, stirbt er im Zuge der Niederschlagung eines sizilischen Aufstandes an der Malaria.

 

1198 lässt sich der Staufer Philipp von Schwaben, nachdem er den kleinen Friedrich nicht aus Italien holen kann, zum König krönen, während der Erzbischof von Köln die Wahl des Welfen Ottos IV. betreibt. Ein staufisch-kapetingisches und ein welfisch-englisches Bündnis vertiefen sich. Innozenz III. geht zu Otto über. 1208 wird Philipp von Schwaben ermordet und Otto anerkannt. Der zieht nach Italien unter Aufgabe der Versprechungen an den Papst und gelangt bis in den Süden.

 

1211 wird Friedrich II. von deutschen Fürsten zum König gewählt, und er zieht nach Konstanz.1214 scheitert Otto IV. bei Bouvines und damit auch als König.

Friedrich II. versucht, auf der Basis normannischer Vorarbeit Frühformen von Staatlichkeit in seinen beiden Sizilien einzuführen. Dabei wird zentrale Verwaltung ergänzt durch eine bis ins Detail gehende Regulierung von Ämtern und Wirtschaftsleben, die an ein paar Stellen bereits an die Durchregulierung des Lebens im Europa des 20. Jahrhunderts gemahnt.

Nachdem schon Friedrich I. ("Barbarossa") einen Großteil der Zeit seiner Herrschaft in Norditalien (vergeblich) damit verbrachte, die dortigen Städte in brutalen Heerzügen zu unterwerfen, versucht Friedrich II. dasselbe (ebenso vergeblich) von seiner soliden Machtbasis des Königreichs Sizilien (samt Süditalien) aus. Die Regierung im deutschen Teil seines Machtbereichs muss er Söhnen überlassen, was zu Konflikten führt.

 

Die hoffnungslose Fixierung der Kaiser auf Italien stärkt die Macht deutscher Fürsten, die der erste Friedrich mit der Entmachtung des übermächtigen Heinrichs ("des Löwen") noch einmal in den Griff bekommt. Und auch gegenüber dem zweiten, sizilianischen Friedrich weigern sich die norditalienischen Stadtstaaten, eine Unterordnung wie im staufischen Kernreich im Süden hin zu nehmen

Er scheitert dabei auch an einem Papsttum, welches im Bündnis nicht zuletzt mit Frankreich keine Unterordnung unter Kaiser wie noch bei den frühen Saliern hinnehmen möchte. Damit ruiniert der zweite Friedrich mit seinen Kaiser-Vorstellungen letztlich ebenfalls das normannische Erbe, auf dem er zunächst einmal aufbaut, auch wenn aus herrschaftlicher Solidarität die Könige von Frankreich, England, Ungarn und Kastilien dem Kaiser Hilfstruppen stellen.

 

Nicht zuletzt aber führt das alles nach 1241 zur dauerhaften Entmachtung römisch/deutscher Könige zugunsten konsolidierter deutscher Fürstentümer, und die wenigen Könige, die danach noch den Kaisertitel in Rom erringen, können damit keinen Machtzuwachs mehr verbinden.

 

Sizilien

Nachdem Apulien und das Fürstentum Tarent an Roger II. gefallen sind, macht der (Gegen)Papst Anaklet II. ihn 1130 zum König seines Reiches, und er lässt sich Weihnachten 1130 in Palermo krönen. Er erobert Djerba und gewinnt 1137 Neapel dazu. 1139 erkennt ihn Papst Innozenz II. nach Gefangennahme notgedrungen an. Seit 1144 bildet eine durch die Halbinsel gehende Linie von Terracina bis Ascoli die Grenze zum Kirchenstaat. Versuche einer Allianz der beiden Kaiser gegen die Normannen gehen mit dem zweiten Kreuzzug zu Ende.

 

In Palermo richten die Könige einen auf zentralisierter Herrschaft basierenden Hof ein, nachdem schon die Päpste, allerdings in sehr eigenartiger Form, sich zu uneingeschränkten Despoten erklärt hatten. Adelige Teilhabe fehlt, denn auch sie sind Untertanen, und es gibt kaum Landvergabe an sie. Eine hierarchisch gegliederte Beamtenschaft verwaltet das Reich. Den König unterstützt bei Hofe eine Kanzlei, die Spitzen der Rechtsprechung der Finanzverwaltung laufen bei ihm selbst zusammen. Mit Monopolen und indirekten Steuern gewinnt der Staat ein solides Einkommen.

1151 macht Roger II. seinen Sohn Wilhelm (I.) gegen den Willen des Papstes zum Mitkönig. Der kann eine von Byzanz unterstützte Rebellion in Apulien niederschlagen, und es kommt zur vertraglichen Einigung mit Rom.

1172-89 herrscht Wilhelm II., welcher Konstanze, Tochter Rogers II., mit Heinrich VI. verheiratet. Die Zentralverwaltung und zentral gesteuerte Gerichtsbarkeit werden immer effektiver.

 

Zwischen 1198 und 1220 kommt es zur Krise, in der zentrale Herrschaft nur noch über Insel-Sizilien ausgeübt wird, während auf dem Festland Adelsgeschlechter erstarken. Es gelingt Heinrich VI., Sizilien zu erobern. Nach dem Tod des Herrscherpaares übernimmt Papst Innozenz III. die Regentschaft, und das Reich zerfällt.

 

Kaiser Friedrich II. rekurriert auf die zentralistischen normannischen Strukturen, und er verstärkt die typischen Aspekte despotischer Herrschaft noch ganz erheblich, insbesondere, nachdem er die Residenz nach Foggia in der nordapulischen Capitanata, in die Nähe seiner sarazenischen Militärkolonie und Festung Lucera verlegt, wo er mit ihnen eine ihm auf Gedeih und Verderb ausgelieferte, weil in seinem Reich völlig isolierte muslimische Leibgarde und Elitetruppe von Bogenschützen besitzt.

Kanzlei, Kammer für die Finanzen, Großhofjustiziare mit weitreichenden (auch Verwaltungs)Kompetenzen und Vertraute wie Petrus de Vinea mit weitreichenden beratenden Aufgaben bestimmen die Machtausübung. Mehr als anderswo entsteht im Laufe der Zeit ein Gebilde, welches auf despotischer Überwachung, Angst und dem Gefühl allgegenwärtiger (vorgestellter) Anwesenheit des Königs beruht.

 

Spanien

1104-34 herrscht Alfonso ("El Batallador") über Aragon und Navarra. 1109 heiratet er die Thronerbin Urraca von Kastilien/León, um kurz darauf Krieg gegen sie zu führen. Bis 1113 verliert er ganz Kastilien. Dafür kann er Ende 1118 Zaragoza erobern. Ein Feldzug führt ihn dann bis Andalusien. Mit seinem Tod endet die Personalunion Aragons mit Navarra und wird auf der anderen Seite die mit Katalonien (Barcelona) eingeleitet, die dann 1164 festgeschrieben wird. Damit wird Aragon dann Seemacht, und Kastilien entwickelt sich weiter als Landmacht.

 

1037 bis 1157 sind mit kurzer Unterbrechung León und Kastilien unter einem Herrscher vereinigt. Seit 1085 trägt, mit der Eroberung von Toledo, Alfonso VI. von Kastilien-León den Titel eines Imperators.  Unter Alfonso VIII. (1185-1214) werden Tajo und Ebro bis weit südlich überschritten. Von Lissabon bis Tortosa ist die Halbinsel nun bis auf Granada christlich beherrscht. Die spanischen Ritterorden steigen auf. Etwas Hofadel, ländliche (infanzones) und städtische Ritter (caballeros) differenzieren sich aus. Im neu eroberten Andalusien nimmt Viehzucht immer größeren Raum ein.

 

Der König Afonso I. ("O Conquistador") gilt als Begründer Portugals, über das er 1139-85 herrscht. Dies geschieht durch Erweiterung der nördlichen Grafschaft Portucale nach Süden. Mit Hilfe französischer Kreuzritter kann Afonso 1147 Lissabon (Ulixbona) einnehmen und später dann das Alentejo.

 

Mit dem Tod König Pedros II. von Aragon 1213 und dem Verlust der südgallischen Gebiete bis auf Montpellier, die nun an die französische Krone fallen, orientiert sich die aragonesische Krone unter Jaime I. (1213-1276), nun aggressiv ihren Handelsinteressen folgend, hin zur Hegemonie über das westliche Mittelmeer. Zudem werden Valencia und Teile von Murcia erobert.

 

Übrige Reiche

1204 geht das oströmische Kaiserreich im Ansturm des von Venedig beeinflussten Kreuzzuges unter. Hof und Verwaltung fliehen nach Kleinasien, und es bilden sich zwei kleine griechische Nachfolgereiche, von denen aus dann die Rückeroberung von Byzanz/Konstantinopel stattfinden wird, während das lateinische Reich dann in einen hoffnungslosen Abwehrkampf gegen Bedrohungen aus allen Richtungen verwickelt werden wird.

 

Zur Trennlinie zwischen griechischem Byzanz und lateinischem Abendland kommt die entsprechende zwischen orthodoxem und römisch-katholischem Christentum. Während das oströmische Kaiserreich nicht nur am Ansturm des Islam, sondern zugleich auch eines vorwiegend feindlich gesonnenen lateinischen Westens seinem ersten Untergang entgegengeht, erweitert sich die Orthodoxie über die Russen auf die Karelier und Samen (Lappen) im Norden und im Süden auf die Bulgaren und Serben. Zwar stört die Religion wie auch beim Islam nicht den Handel, nicht einmal die Kapitalbildung, aber doch die freiere Entfaltung des Kapitals. Aus Städten werden so keine Kommunen, es gibt keine Gemeindebildung. Von Russland über den Balkanraum bis Griechenland wird Kapital sich bis ins zwanzigste Jahrhundert kaum wie im lateinischen Abendland zu Kapitalismus entwickeln. 

 

Die Reichsbildung mit ihrem Entstehungsprozess von (Reichs)Völkern findet in Skandinavien bei instabilen Grenzziehungen und Expansionsbestrebungen nur langsam statt. Die dänische Krone beherrscht Schonen und dehnt sich auf die südliche Ostseeküste und das Baltikum aus, Norwegen auf Island, Grönland, Färöer, die Shetland-Inseln und den Norden Schottlands. Schweden wiederum dehnt sich nach Finnland aus.

 

1206 gelingt es Temudschin als Dschingis Khan, allumfassender Herrscher, die Mongolen und Nachbarvölker unter seiner Führung zu vereinen. Er schafft eine alles einigende Wehrverfassung und formuliert das Ziel, die "Welt" zu erobern. Nordchina, Zentralasien und Persien werden brutal erobert, und dann geht es ab 1235 nach Westen. Hunderttausende werden getötet. An der Liegnitz in Schlesien wird ein christliches Heer vernichtet. Dann kommt ein Rückzug. 

Nach dem Tod des Groß-Khans bleiben vier Reiche. Im Osten erobert Kublai Khan ganz China und residiert in Peking. Im südlichen Osteuropa herrscht die Goldene Horde, wie die Russen sie später nennen werden, bis ins 15. Jahrhundert.

 

 

Geld, Kapital und Macht 1

 

Feudale Strukturen reichen von den Königen bis zu den kleinen Herren und den langsam aufsteigenden Dienstmannen. Erwirtschaftet werden diese Rechtsbeziehungen über bäuerliche und handwerkliche Arbeit, die Abgaben aus dem Handel und durch das sich entfaltende Finanzwesen. Um diese zunehmend auch in Geldform fließenden Einnahmen zu erweitern, wird sich um Effizienzsteigerung in der landwirtschaftlichen Produktion bemüht und den Bauern dabei tendenziell freiere Hand gelassen. Handwerk und Handel werden weiter durch Privilegierungen gefördert. Sich entfaltende feudale Strukturen und Kapitalismus entstehen gleichzeitig und bedingen sich dabei gegenseitig.

Schließlich beruhen Zivilisationen auf Herrschaft, die wiederum ihren ersten Zweck in dem Erzwingen von Abgaben ihrer Untertanen sehen. Historiker sprechen dabei für das 12. Jahrhundert von einem zunehmenden "Fiskalismus", also dem steigenden Augenmerk der Machthaber auf monetäre Einnahmen. Zu diesem Zweck engagieren sie sich überall in immer mehr Wirtschaftsförderung: "Ohne herrschaftliche Initiative oder Förderung sind der Silberabbau (Goslar, Ungarn), die Champagne-Messen, Donau- und Ostseehandel, flandrische Tuch- und sizilianische Seidenindustrie nicht denkbar." (Jakobs, S.5)

 

Das zunehmende Zirkulieren von Geld beruht auf Vermehrung der Produktion für einen Markt, die eine Ausweitung von Handel und Finanzwesen ermöglicht. Dabei nimmt der Handel mit jenen Regionen außerhalb des lateinischen Abendlandes zu, welche zwar keinen entfalteten Kapitalismus entwickeln, aber immerhin Waren anbieten. Zugleich beruht der zunehmende Geldumlauf auf einer Zunahme der Nachfrage.

Mehr Geld im Umlauf erhöht wiederum die Chancen für Kapitalbildung. Kapitalismus wird daraus durch Freiräume, die dem heimischen Kapital eine wirtschaftliche Machtposition einräumen. Der zunehmende Geldumlauf verändert dabei die Menschen und ihre Beziehungen zueinander in dem Maße, in dem er zwischen sie tritt. Dieser Prozess der Kommerzialisierung lässt sich nirgendwo besser beschreiben als bei der Prostitution, also dem Ausagieren des Geschlechtstriebes gegen Bezahlung, was die Beziehung zwischen den Geschlechtern nicht nur dort massiv verändert. Im Kern verändert Kommerzialisierung aber überhaupt die menschlichen Beziehungen, was, dazu führt, dass ein übrig bleibender Schutzraum des Privaten vorläufig an Bedeutung gewinnt.

 

Im zwölften Jahrhundert regiert Geld zwar nicht die Welt, aber große Teile Europas. Für England heißt das z.B: Die für 1130 erhaltene pipe roll König Henry I von England gibt an, was Barone dem König für das Jahr an Abgaben schulden: Beim Earl Ranulf II von Chester sind das 1613 Pfund, bei Geoffroy de Mandeville 846, und beim Earl Roger von Warwick immerhin noch 218 Pfund, allesamt enorme Summen (Carpenter, S.161)

 

Indem auch die Beziehungen zwischen Herr und Knecht ansatzweise kommerzialisiert werden, wird es nötig, ein Feudalrecht davon abzulösen, welches eben nicht primär über Geld vermittelt ist. Da es rechtlich über den Sphären von Produktion und Markt steht, kann es im lateinischen Abendland Beziehungen persönlicher Art rechtlich klarer formulieren. Andererseits basieren diese feudalen Rechts-Strukturen, die sich um Grundherrschaft und Militärdienst ranken, bereits auf den Einkünften der geschichteten Herren, die zunehmend in Geldform ankommen, und nicht mehr erst auf einem Markt in Geld verwandelt werden müssen. Königsmacht gründet sich dann auf zwei Strukturen, einer zunehmend kommerzialisierten und einer, die immer mehr ständisch strukturiert wird und den aufsteigenden Kapitalismus möglichst lange zu leugnen versucht, ohne mehr ohne ihn auszukommen. Mitte des Jahrhunderts formuliert Bischof Otto von Freising in seinen Gesta Kaiser Friedrichs I. noch so, als ob viele handfest materiell gegründete Auseinandersetzungen sich um viel immateriellere Wertvorstellungen drehten. 

 

Die Wahrnehmung der massiv zunehmenden Käuflichkeit der Menschen äußert sich in Texten des 12. Jahrhunderts sehr verschieden. In der Lebensbeschreibung des Abtes Guibert von Nogent von 1115 erscheint die Geistlichkeit vom Priester bis zum Bischof so korrupt wie die Masse der weltlichen Herren, anders gesagt, hier ist der höchste Wert meist das Geld:  Moris enim est, ut audito auri nomine mansuescant. Es ist Sitte, dass die Erwähnung von Gold die Herzen erweicht. (De vita sua, III,4)

 

Überall, wo Krieg geführt wird oder Lösegeld (wie für Richard Löwenherz) beschafft werden muss, tritt nun Hochfinanz auf. Erzbischof Philipp von Köln finanziert seine Teilnahme am fünften Italienzug Friedrichs I. mit einem Darlehen der Stadt Köln von 1000 Mark, die dafür die Münze erhält, und einem weiteren von 650 Mark nur von Gerhard Unmaze, der dafür Zölle und ein Stadthaus verpfändet bekommt.

Der französische König Philippe II. Auguste mietet "im Februar 1190 für 5850 Mark genuesische Schiffe, um 650 Ritter, 1300 Schildknappen und 1300 Pferde sowie Verpflegung für acht und Wein für vier Monate aufzunehmen." (Borgolte, S.224)

 

Der Jude Aaron aus Lincoln wird bei seinem Tode 1186 vor allem an hohe englische Herren ausstehende Kredite besitzen, die knapp dem königlichen englischen Haushalt entsprechen.

William fitz Florence "aus St.Omer konnte sowohl die französische Invasion in England von 1216 finanzieren als auch die Abfindung Englands für den Verzicht des französischen Thronprätendenten, insgesamt die horrende Summe von 6000 Mark Silber." (N.Fryde in: Stromer/Fees, S.81)

 

Richards Lösegeld wird auch durch Privatkredite wohl von Gerhard Unmaze, der Bank Speroni & Bagaroti und von Hugh Oisel aus Ypern bezahlt. (Stromer/Fees in: Stromer, S.39) Die enorme Lösegeld-Erpressung von der englischen Krone finanziert die Eroberung Siziliens durch Heinrich VI. und den Ausbau von Wien. In dieser Zeit kauft ein Lusignan den Tempelrittern Zypern für 40 000 syrische Besant ab und wird dort König.

 

Kurz vor 1180 schreibt der Leiter des königlich-englischen Exchequer Richard Fitz Nigel eine Abhandlung unter dem Titel 'Liber de Scaccario', in dem er die Bedeutung des Geldes für die Ausübung von Herrschaft unterstreicht:

Wir wissen natürlich, dass Königreiche regiert und Gesetze aufrechterhalten werden vor allem durch Klugheit, Tapferkeit, Maß, Gerechtigkeit und andere Tugenden, weshalb die Herrscher der Welt diese mit ihrer ganzen Kraft beherzigen müssen. Aber es gibt Gelegenheiten, bei denen eine richtige und kluge Staatsführung viel schneller wirksam wird durch die Macht des Geldes. (so in: Borgolte, S.103)

 

Er hätte auch schreiben können, dass in Zivilisationen nichts geht ohne Geld, und dass Geld längst die (bekannte) Welt regiert. Aber als treuer Diener seines Herrn muss er dessen Tugenden, also das, was ihn persönlich tauglich macht, natürlich in den Vordergrund stellen, so wie es die Geschichtsschreibung bis heute tendenziell weiter tut - und die persönliche Befähigung zur erfolgreichen Machtausübung gehört tatsächlich eben auch dazu.

 

Überall wo gewählt wird, ist es nun naheliegend, mit Geld nachzuhelfen. Treue, der Eid und ritterliche Ideale schwinden rapide, während sie in der Literatur immer mehr auf den Podest gehoben werden. Käuflichkeit tritt an ihre Stelle. „Erzbischof Arnold von Köln soll für den Übertritt zu Philipp vom Staufer 5.000 oder gar 9.000 Mark erhalten haben (…) Dass Otto IV. nach dem Tod Philipps als dessen Schwiegersohn allgemein als König anerkannt wird, kostet ihn nach der Braunschweiger Reimchronik wol zwe und zwenzich dhusent marc, ... dhe he gaph dhen herren.“ (KellerBegrenzung, S.434) Und das sind keine Einzelfälle.

 

Die Kölner Kapitaleigner Gerhard Unmaze, Constantin teleonarius und Lambert, an der Unterstützung ihres Englandhandels interessiert, entscheiden sich 1198 für die Wahl des England-nahen Welfen Ottos IV. und finanzieren sie wohl zum größten Teil. Schon an seinem Krönungstag zahlt Otto mit einem Privileg für die Stadt zurück. (Hanse, S.11) Da er ein enormes Vermögen übernimmt, treten die Reichsministerialen einigermaßen geschlossen zu ihm über. Er hat viel zu bieten. Philipp von Schwaben wiederum berichtet dem Papst 1206, habuimus pecuniam multam, wir hatten viel Geld, und dieser unterstützt ihn 1208. (in: Stromer, S.30)

In dieser Zeit entscheidet womöglich " eine verschleierte Vermögenstransaktion über die >Hausbank< der Ziani, Bernardus teotonicus&Co. zwischen den drei aussichtsreichsten Prätenden" der Dogenwahl, und Petrus Ziani gewinnt. (Stromer/Fees in: Stromer, S.39)

 

Um 1214 vermitteln Genter Kaufleute englische Subsidien von am Ende 30 000 Pfund, wofür sie ein Handelsprivileg für alle flämischen Städte erhalten. 1216 rettet ein Kredit über sagenhafte 6000 Mark Silber des Bankiers William fitz Florence aus St.Omer den englischen Henry III. vor dem Bankrott. Als Gegenleistung erhält er die Ausfuhrzölle für Häute und Wolle.

 

Ein erster Höhepunkt der zunehmenden Käuflichkeit wird in der Doppelwahl des römischen Königs 1257 erreicht. In der Fortsetzung der 'Gesta Treverorum' heißt es dazu sehr Partei ergreifend:

Der Herr Konrad nämlich, Erzbischof von Köln, wählte wegen der ungeheuren Menge Geldes, die er bekommen hatte, (...) nicht aus Eifer für das Recht, sondern wegen des Wunsches nach Geld. Und er zog den Herrn Gerhard, Erzbischof von Mainz, der damals in Thüringen gefangen gehalten und für 8000 Mark Sterling des genannten Grafen von Cornwall freigelassen wurde, und den Pfalzgraf bei Rhein, der mit 10 000 Mark gewonnen wurde, auf seine Seite. Der Herr Arnold aber, Erzbischof von Trier, wollte (...) auf keinen Fall einen fremden Mann wegen des Geldes wählen. 15 000 Mark Sterling waren dem Erzbischof Arnold von Trier angeboten worden, doch sie konnten seine Haltung nicht ändern. (in: Kaufhold(1), S.56)

 

Auf die Zahlen des die Trierer Sache vertretenden Schreibers ist kein Verlass, eine englische Quelle gibt noch höhere Summen an (Kaufhold(1), S.62), und dass zwischen den Mächtigen immer mehr Geld fließt, ist nicht neu, nur die Quantität steigert sich. Das Kölner Viertel St. Columba "mit 889 Objekten wurde im Jahr 1286 mit einem Immobilienwert von etwa 29 000 Mark taxiert. Das war ungefähr die Größenordnung der Summe, die Richard von Cornwall für seine Königswahl zahlen musste." (Kaufhold(1), S.63)

Klar ist auch, dass für alle Königswähler ihre übergeordneten Machtinteressen ebenfalls zu ihrer Entscheidung beitragen. Aber es wird auch deutlich, dass schon längst übliche Gratifikationen als offene Bestechung angesehen und propagandistisch ausgeschlachtet werden können. Und ein anderer englischer Autor, Matthäus Parisiensis, beklagt durch seine ganze Chronik die Rolle des Geldes im Geschäft der Macht, wie käuflich Menschen bereits sind, welche andere für der Bestechung wert halten. Er hat besonders dabei das Papsttum im Auge.

 

Nach und nach kommt es inzwischen auch in deutschen Landen zu Elementen der Selbstverwaltung der unteradligen Spitzengruppen in der Stadt und in geringerem Umfang auf dem Lande. Es handelt sich dabei vor allem um unternehmerisch denkende und handelnde Kapitaleigner oft ministerialen oder aftervasallischen Ursprungs, von denen zunächst im Mittelmeerraum und dann auch im Norden einige vor Ort in Bezug auf Reichtum am niederen Adel vorbeiziehen. Dabei orientieren sie sich in Selbstverständnis und Lebensstil an diesem und entfernen sich so weiter von der Masse der städtischen und ländlichen Bevölkerung. Dazu gehört dann auch die allgegenwärtige Korruption.

 

Der Krieg ist der Vater aller Dinge, auch wenn Heraklit dabei mit polemos wohl jede Form von Machtentfaltung in der Natur meint. Zivilisationen beruhen alle wesentlich auf offener oder latenter Gewalt. Die mittelalterliche beruht auf einer privilegierten Herrenschicht, deren weltlicher Teil aus Kriegern besteht, aus der militia. Bis ins hohe Mittelalter bildet deren Militärdienst - nunmehr als "Ritter" - die vornehmste Machtbasis der Könige. Aber zunehmend müssen Herrscher diese subventionieren und dann ergänzen durch Fußsoldaten, also bezahlte und vorübergehend angeheuerte Söldner.

Kriege wie die italienischen von Kaiser Friedrich I. dienen der Erschließung von Finanzquellen, und gewonnene wie der gegen Polen 1157 enden auch in finanziellen Unterwerfungsgesten: König Boleslaw verspricht am Ende, dem Kaiser 2000 Mark zu geben, den Fürsten 1000, der Kaiserin 20 Mark Gold und dem Hof 200 Mark Silber. (Rahewin in OttoGesta, S.403, III,5)

 

Zu den enormen Kosten der nach außen gelenkten Kriege kommen die zur "Befriedung" im Inneren. Schließlich verlassen sich Könige nicht mehr auf Vasallentreue, sondern auf bezahltes Militär am Hofe, wofür der englische dritte Heinrich alleine 1228 siebzig Berittene finanziert. Im späteren Mittelalter wird dann vielerorts begonnen werden, daraus ein stehendes Heer einzurichten.

Ein riesiger Anteil des königlich-englischen Haushaltes geht schon im 12. Jahrhundert für Burgenbau drauf. In England kostet jetzt eine größere königliche Burg tausende von Pfunden. Daneben müssen Pfalzen/Paläste gebaut und erhalten werden und zudem repräsentative Kirchenbauten, und all das repräsentiert die Macht, die aus Gewalt entspringt, und erzeugt entsprechenden Respekt.

 

Während Herrschaft im 11. Jahrhundert sich immer mehr des Geldes bedient und auf die Anhäufung von Geld abzielt, lernt sie im 12. Jahrhundert die Machtausübung über das Schuldenmachen und wird zunehmend dabei von Finanzkapital abhängig. Gelernt wird das gezielte Schuldenmachen ursprünglich im Fernhandel, wo bei größeren Transaktionen nicht die entsprechenden Silberpfennig-Mengen mitgeführt werden können, bevor dann Goldwährung eingeführt wird. 

 

Könige und Barone bzw. Fürsten benötigen situativ Geld für Kriege und dabei insbesondere für Sold, zudem für Käufe von Land und für Großbauten. Mit dem angevinischen Herrscher Henry II besitzen wir den ersten dokumentierten Fall einer zum großen Teil kreditfinanzierten Herrschaft. Zwischen 1155 und 1166, so hat man nachgerechnet, finanziert er Unternehmungen mit wenigstens 12 000 Pfund aus Krediten. Teile der Kriegführung laufen bei ihm darüber, dass Barone keine oder nur wenige Ritter schicken, sondern lieber dafür scutage bezahlen, manchmal ein Pfund pro angefordertem Ritter, wofür der König dann Militär mieten kann. Auch dafür versucht der englische König eine vollständige Aufstellung der Ländereien mit ihren tenants für sein Reich zu bekommen.

Dass es Henry II. gelingt, die vereinten Kräfte des französischen Königs, seiner Gemahlin und seiner Söhne bis auf Johann samt denen englischer Granden, die sich anschließen, und zudem die des schottischen Königs zu besiegen, liegt an einem kaum noch feudal zu nennenden Heer, welches sich zum großen Teil aus Söldnern zusammensetzt, wobei Niederländer herausragen, pauschal nach einer der Herkunfts-Gegenden als Brabantiner bezeichnet. Das sind Söldnertruppen, die auch Friedrich I. Barbarossa in dieser Zeit einsetzt.

 

Dieser deutsche Kaiser verlässt sich aber militärisch noch überwiegend auf die Vasallentreue seiner Fürsten, deren Ausbleiben hart bestraft wird. Für seinen Kreuzzug kann er immerhin 4000 Ritter und über 10 000 übriges militärisches Personal versammeln, wobei unter den hohen Herren Erzbischöfe und Bischöfe herausragen. Die alle sollen sich eigentlich aus eigenen Mitteln versorgen, aber tatsächlich muss der Kaiser erhebliche Summen beisteuern, die den Städten, Kirchen und Abteien des Reiches abgepresst werden. Sein Geld reicht aber dann tatsächlich auch, um Welf VI. sein schwäbisches Welfenerbe abzukaufen.

 

Heinrich VI. wird Süditalien durch Bereitstellung einer genuesisch-pisanischen Flotte erobern, was enorme Summen kostet. Finanzieren kann er das nur durch Nutzung eines Teils des Lösegeldes, welches die Untergebenen von Richard ("Löwenherz") für seine Freilassung zahlen. Auch dieses Geld ist erst einmal von Bauern und Handwerkern erarbeitet und von Handel und Finanzgeschäften erwirtschaftet worden.

 

Dass der angevinische König John überhaupt noch Wert auf feudal gewonnenes Militär legt, liegt nicht zuletzt auch daran, dass Heeres-Gefolgschaft immer noch, wie bei Barbarossa und Philippe Auguste, Repräsentanz feudal begründeter Macht und ihrer Bindekräfte ist. Aber auch so gewonnene Ritter werden indirekt bezahlt über prests, geliehenes Geld, welches kaum noch zurückgezahlt wird. (Carpenter, S.269)

 

Unter solchen Bedingungen ist es nicht verwunderlich, dass große Kaufleute und Finanziers in die Finanz- und Wirtschaftsverwaltung der angevinischen Krone einziehen, in das Amt des Exchequers, die Chamber, Wardrobe und das Excambium. Dazu gehört Londoner Großkapital, darunter auch schon mal ein Deutscher, vor allem aber englisches Kapital der Festland-Besitzungen.

 

Einen wesentlichen Teil des Finanzkapitals stellen noch im 12. Jahrhundert Juden, der wohlhabendere Teil jüdischer Gemeinden, deren Reichtum sich in prächtigen Stadthäusern zeigt. Der Aufbau ihres Kapitals ist schwer nachzuvollziehen, die auffällige Anhäufung von Finanzkapital nördlich der Alpen in den Händen einer etwas exotischen Religionsgemeinschaft. Nach England kommen sie erst mit Wilhelm dem Eroberer nach 1066, wobei sie zunächst wohl hauptsächlich mit Gold- und Silberbarren (bullions) operieren und zudem den obligaten Geldwechsel an der Grenze übernehmen.

 

Ihr Reichtum ist wohl vor allem aus kurzzeitigen, maximal einjährigen Krediten zu 20-43% Zinsen per annum hervor gegangen. Als Pfand dient oft Land, welches besonders in England bei Nichtzahlung der Schuld in jüdische Hand übergeht. In der Mitte des 13. Jahrhunderts sind es dort schon mal um die 80 000 Pfund, die Juden in einem Jahr als Gläubigermasse halten.

Die Könige tendieren vorläufig noch dazu, "ihre" Juden zu schützen, und zwar nicht nur als Kreditgeber, sondern vor allem als regelmäßige Einnahmequelle durch Schutzgelderpressung, die Judensteuer, in England eine tallage. Zwischen 1241 1256 nimmt der englische König insgesamt 73 000 Pfund an regulärer Judensteuer ein.

Schützen sollen sie dort königliche justices of the Jews, die um 1200 zu den exchequers of the Jews werden, und die unter anderem die Sheriffs dazu anhalten sollen, darauf zu achten, dass ihnen die Schulden bezahlt werden.

 

Im zweiten und dritten Laterankonzil werden Wucherer mit dem Kirchenausschluss und dem Ausschluss vom christlichen Begräbnis bedroht, massiven Diffamierungen also. 1163 wird die Pfandsatzung zur Umgehung des Kreditverbotes verboten, 1185/87 der Kreditkauf zu erhöhtem Preis mit demselben Ziel, 1127/34 das Seedarlehen. (Gilomen, s.o.). Inzwischen werden Wucherverbote auch explizit für Klöster ausgesprochen.

 

Hatte man den Juden als geduldeten Heiden bislang selbst hohe Zinsen oft stillschweigend gestattet, so setzen nun nicht nur, von der Kirche allerdings nicht unterstützte, Pogrome gegen sie ein, die auch eine brutale Form der Schuldentilgung für Christen bedeutet, sondern es kommt schließlich zur Erlaubnis, Juden für die Finanzierung von Kreuzzügen zu enteignen.

 

In genau der Zeit immer verschärfterer Wucherverbote und der Judenverfolgung in mehreren Ländern findet aber, und das wird wesentlich tiefgreifender, zugleich eine zunehmende Einschränkung dieser Verbote durch die Bestimmung von immer mehr Fällen erlaubten Gewinnes statt. "Neben dem Risiko (periculum sortis) und der Ungewissheit (ratio incertitudinis) war dies ein tatsächliche erlittener (damnum emergens) oder ein virtueller, für die Zukunft als möglich gedachter Schaden bzw. entgangener Gewinn (lucrum cessans). Unter dem titulus morae konnte eine Entschädigung für Zahlungsverzug geltend gemacht werden (poena convntualis, interesse). War mit der Ausleihung eine Mühewaltung verbunden, so konnte dafür ein Lohn verlangt werden (stipendium laboris). Außerdem war eine Verzinsung bei Verwendung des Geldes durch Fürsten und Herren zur Prachtentfaltung (ad pompam) erlaubt." (Gilomen, S.95)

 

Solche und andere Möglichkeiten zur "christlichen" Erlangung eines Gewinns werden dann in der Wirklichkeit der nächsten Jahrhunderte das Kreditwesen und den Handel immer weiter vorantreiben.

1179 wird auf dem großen Laterankonzil festgestellt, dass Handel seinen Gewinn als Lohn aus dem Dienst zieht, den der Händler den Menschen leistet. Schließlich hat der Händler auch Auslagen, muss sich mühen und ein Risiko eingehen. Was weiter und noch von Thomas von Aquin beklagt wird, sind sogenannte überhöhte Preise. Aber in der Praxis hat das dann mit dem sogenannten gerechten Preis des frühen Mittelalters in der christlichen Doktrin kaum noch etwas zu tun.

 

 

Kapital und Macht 2: Die Kreuzzüge

 

Religiös begründete Gewalt entfaltet das Christentum seit dem vierten Jahrhundert und der Islam von Anfang an. Als Papst Urban II. 1095 zum später sogenannten ersten Kreuzzug aufruft, ist der Islam auf kriegerische Weise bis Anatolien auf der einen Seite, und auf der anderen bis Spanien vorgedrungen, und übt dort überall auf das Christentum zunehmend Druck aus. Umgekehrt halten christliche Machthaber den Krieg gegen anzivilisierte Heiden in Osteuropa und gegen den Islam im nördlichen Mittelmeerraum für gottgewollt. Auf beiden Seiten bilden Macht und Religion, wenn auch in unterschiedlichen Formen, eine Einheit.

 

Während lateinisch-europäische christliche Herrscher im 10./11. Jahrhundert auch über Mittel der Konsensbildung mit ihren Großen Macht nach innen ausbilden, sind die islamischen Reiche despotische Militärdiktaturen, und während in Europa ein Bürgertum immer mehr Elemente der Selbstverwaltung entwickelt, wird im islamischen Raum eine solche bürgerliche Verselbständigung wesentlich unterbunden. Dass es sich tatsächlich um einen Kampf zwischen erheblich unterschiedlichen Zivilisationen handelt, ist aber noch wenig absehbar und wird durch das lange lateinische Mittelalter hindurch auch von den Lateinern nur selten so gesehen.

 

Der Aufruf zum ersten Kreuzzug verbindet die Interessen eines vom (westlichen) Kaiserreich bedrängten und nach mehr Macht strebenden Reformpapsttums mit der Beutegier einer vor allem westfränkischen Ritterschaft.

Haupt-Leidtragender der Kreuzzüge wird das ostchristliche Byzanz, zeitweilig auch der islamische Orient, schnell stellt sich andererseits bald das große Kapital des lateinischen Abendlandes als der große Gewinner heraus. Demnächst wird es die islamische Welt zwischen Nordafrika und dem Mittleren Osten an Wirtschaftskraft überflügeln.

 

Mustergültig ist die frühe Rolle Pisas, dessen Erzbischof Dagobert (Daimbert) nicht nur bei Papst Urbans Kreuzzugsaufruf in Clermont anwesend ist, sondern dann auch selbst in Pisa zum Kreuzzug aufruft.

1098 wird er zum päpstlichen Legaten ernannt, und er reist ins "heilige Land" ab.

Begleitet wird er von einer pisanischen Flotte, die unterwegs Raubüberfälle auf die zum Byzantinischen Reich gehörigen Inseln Korfu, Leukas, Kephalonia, Zante, sowie auf Zypern verübt. Den darbenden Belagerungstruppen vor Jerusalem liefern genuesische Schiffe dann Lebensmittel und Material für Gerätschaften zur Einnahme der Stadt.

 

Daimbert kommt erst nach der Eroberung von Jerusalem dort an. Er lässt sich zum Patriarchen wählen und versucht daraufhin, das neue Königreich zu einer kirchlichen Herrschaft unter dem Papst zu machen. Er muss sich dann aber mit Balduin von Boulogne arrangieren.

Als der Patriarch versucht, sich selbst zu bereichern, wird er abgesetzt und geht ins Exil nach Antiochia. Derweil verlieren die Pisaner zunächst fast alle ihre Privilegien im eroberten Orient.

 

Darauf reagiert Byzanz 1110/11 mit einem Vertrag, in dem die Pisaner sich verpflichten, die Rückeroberungs-Pläne von Byzanz gegen die Kreuzfahrer-Staaten zu unterstützen, worauf Pisa dann auch seine Privilegien in Antiochia verliert. Erst nach der Jahrhundert-Mitte gelingt es ihnen wieder, in Jerusalem und Antiochia Fuß zu fassen.

 

1104 gelingt es mit Hilfe eines genuesischen Geschwaders, Akkon einzunehmen. 1107 scheitert ein "Kreuzzug" Bohemunds gegen die "byzantinischen Verräter" bei Durazzo. 1110 sind genuesische und pisanische Schiffe an der Eroberung von Beirut beteiligt, und dann noch mit der Unterstützung norwegischer Schiffe von der von Sidon.

 

Inzwischen gibt es längst heftige Konkurrenz zwischen Genua, Pisa und Venedig um Handels-Niederlassungen und Vorteile. Es gibt auch mehr Einwanderer aus den Städten Italiens. Der Seehandel von Palästina und Nordsyrien nach Europa ist fest in ihrer Hand. Ihrem Wunsch nach Privilegien steht der der christlichen Herrschaften gegenüber, aus diesem Handel ihre einzigen soliden Einkünfte zu ziehen. Andererseits haben diese Herrschaften keine eigene Flotte, sind aber auf steten Nachschub aus Europa angewiesen. Sie bestehen dennoch auf der Pilgersteuer eines Drittels des Passagepreises, auf Liegegeldern in den Häfen und Steuern beim Reparatur-Aufenthalt in den Arsenalen. (Favreau-Lilje in: Stromer/Fees, S.216f)

 

Ähnlich wie die Interessen Pisas und Genuas sind grundsätzlich auch die Venedigs gelagert, welches sich aber weniger engagiert. 1100 verhilft eine venezianische Flotte zur Einnahme von Haifa. 1123 kommt es zu einer Übereinkunft zwischen dem Patriarchen Warmund von Jerusalem und der Republik Venedig. Nachdem die Fatimiden bedrohlich in das Königreich Jerusalem eingedrungen sind, schickt Venedig eine Hilfsflotte. Bevor die Venezianer (erfolgreich) Akkon angreifen, konzediert Jerusalem ihnen ihre eigenen Kirchen, Straßen, Bäder, Märkte, Maße,  Mühlen und Backöfen in den Städten außerhalb der Hauptstadt. In Akkon sollen sie ein voll autonomes Viertel der Stadt erhalten, im noch zu erobernden Tyros und Askalon ein Drittel der Stadt und ein Drittel des Umlandes. Bei Tyros erhält Venedig dann Land, auf dem es seit islamischer Zeit Zuckerrohrfelder und Zuckerrohrmühlen gab. "Die Kultivation der Plantagen bewerkstellen sie mittels Frondiensten, Sklaveneinsatz und Lohnarbeit." (Mitterauer(2), S.218) Es entsteht ein frühkapitalistisches Kolonialunternehmen.

Nur die Pilgersteuer soll weiter an den König fallen.

 

Venezianer integrieren sich am wenigsten in die Kreuzfahrerstaaten, Genuesen schon deutlich mehr, aber es sind vor allem Pisaner, die burgenses der Kreuzfahrerstädte werden. Insgesamt bleiben die Zahlen aber niedrig. Über die "fränkischen" Siedler schreibt schon früh Fulcher von Chartres etwas irrtiert:

Die wir Abendländer waren, wurden zu Orientalen; wer ein Römer oder Franke war, ist in diesem Land zum Galiläer oder zum Palästinenser geworden. Wer aus Reims oder Chartres stammte, wurde zum Tyrer oder Antiochener. Schon haben wir die Stätten unserer Geburt vergessen, schon sind sie den meisten von uns unbekannte, nie gehörte Namen. Der eine besitzt hier ein Haus mit Gesinde, als wie vom Vater ererbt, der andere heiratete eine Frau, nicht  nur eine Landsmännin, sondern auch eine Syrerin (...) oder getaufte Sarazenin (...) Wer ein Fremder war, ist jetzt gleichsam einheimisch geworden (...) Die dort arm waren, hier macht Gott sie reich. (Historien von Jerusalem, III, in: Haas, S.127f)

 

Was immer religiöser Grund oder Vorwand gewesen sein mag, die Konflikte mit den (christlichen) Byzantinern bleiben, die sich zu Recht betrogen fühlen, von denen aber die neuen Herrschaften abhängig sind. Daneben nehmen Konflikte untereinander  zu.

 

Ritterorden markieren dann eine neue Etappe der Militarisierung des römischen Christentums. Je bedrohter die neuen Herrschaften in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts werden, 1144 fällt Edessa, desto betonter wird ihr militärischer Auftrag.

 

Der 2. große Kreuzzug von 1147-49, vom französischen und deutschen König betrieben, scheitert. Im 12. Jahrhundert eines Bernhard von Clairvaux finden sich Analogien zwischen Verkaufen von Waren und von Religion. Dieser ruft dazu auf, wie ein kluger Kaufmann zu rechnen und sich mit der Teilnahme am (zweiten) Kreuzzug die Rettung der Seele zu erkaufen. Zudem heißt es bei ihm:

Freue dich, starker Kämpfer, wenn du im Herren lebt und siegst! Aber mehr noch frohlocke und rühme dich, wenn du stirbst und dich mit dem Herrn vereinst (...) Ein Ritter Christi tötet mit gutem Gewissen, noch ruhiger stirbt er. Wenn er stirbt, nützt er sich selber, wenn er tötet, nützt er Christus. (Dinzelbacher, S.249)

 

Für die Eroberung/Missionierung des nordöstlichen Slawenlandes erlaubt der Papst 1145 das Privileg einer Art "ständigen Kreuzzuges" (Mittermaier(2), S.217). 1147 ruft dann Papst Eugen III. extra zu einem wenig erfolgreichen Wendenkreuzzug zwecks (gewaltsamer) Missionierung auf. Immerhin erklärt Bernhard von Clairvaux zu letzterem: Ihr tötet nicht Menschen, sondern das Böse. (in: Haas, S.135) Erfolgreicher ist die Reconquista auf der iberischen Halbinsel. 

 

Mitte des zwölften Jahrhunderts kamen die zwei kurdisch-sunnitischen Brüder Ayyub und Sirkuh aus dem damaligen Armenien in den heutigen Irak und dann nach Syrien,  kriegerische Abenteurer. Sie steigen in den Diensten Nuraddins von Mossul auf, und ein von ihm als Dschihad erklärter Krieg gegen die Christen im Osten wird immer erfolgreicher. Er erobert Damaskus und dann Ägypten.

Ayyub wird Gouverneur von Damaskus und Sirkuh Feldherr.  

 

Ayyubs Sohn Saladin (Salah ad-Din ibn Ayyub) nimmt in den sechziger Jahren an Feldzügen gegen die schiitischen (ismaelitischen) Fatimiden in Ägypten teil, und nach der Eroberung des Landes für Nuraddin 1169 wird Sirkuh Wesir in Kairo. Nach seinem Tod wird Saladin sein Nachfolger und führt Ägypten 1171 als Sultan von Kairo gewaltsam in die sunnitische Orthodoxie zurück. Kurz darauf wird Saladin sein Nachfolger dort und begründet die Dynastie der Ayubiden. Kilic Arslan vernichtet 1176 ein byzantinisches Landheer. 1182 kommt es in Konstantinopel zu einem Gewaltakt gegen die Lateiner. Ab 1185 herrscht Isaac II, aus der Dynastie der Angeloi. Die Bulgaren sind nun fest etabliert auf byzantinischem Boden.

 

Inzwischen nehmen die die Auseinandersetzungen um die Macht im Königreich Jerusalem zu. Nach einem letzten Sieg 1177 kommt es zu Niederlagen der Kreuzfahrer. Nach dem Tod Nuraddins 1174 kann Sultan Saladin Damaskus erobern und 1183 Aleppo. 1186 kommt Mossul dazu. Im selben Jahr wird Lusignan mit Unterstützung beider Ritterorden in einer Art Coup König von Jerusalem

 

1187 besiegt Saladin die von Durst und Hitze geplagten Krieger der Kreuzfahrerstaaten bei Hattin, lässt dabei viele Christen töten und erobert kurz darauf Jerusalem. Ähnlich wie die Christen baut auch Saladin auf das Mittel des heiligen Krieges, als Dschihad im Koran verankert. Und ähnlich wie im christlichen Europa des 12. und frühen 13. Jahrhunderts setzt er Religion nicht nur gegen äußere Feinde, sondern auch zur Unterdrückung der Untertanen ein. Moscheen, Koranschulen und Sittengesetzgebung dienen dazu wie die Kontrolle des Verhaltens auf den Marktplätzen.

 

Papst Gregor VIII. ruft zu neuem Kreuzzug auf und erwartet ihn von den christlichen Königen. Kaiser Friedrich I. nimmt Kredite auf dem venezianischen Finanzmarkt auf, kann sich aber den teuren Seeweg nicht leisten. Die englischen und französischen Könige erheben bei entwickelteren königlichen Finanzen einen Zehnten.

 

Barbarossa stirbt auf dem Hinweg, und sein Heer versucht, irgendwie die Rückreise anzutreten. Der König von Frankreich und der von England sind zu Hause Gegner und auf dem Zug nach Südosten schon in Sizilien voller Misstrauen gegen einander. Der Kreuzzug scheitert wieder und Jerusalem kann nicht eingenommen werden. Wie fromm das christliche Zeitalter ist, demonstriert die Gefangennahme von Richard Löwenherz und die immense Lösegeld-Forderung. Die christlichen Herrschaften im "Heiligen Land"  konzentrieren sich nun, ganz im Interesse der italienischen Seemächte, auf den Küstenstreifen.

 

Nach 1187 lässt das Interesse der italienischen Städte am Markt in den Kreuzritter-Herrschaften etwas nach; die Privilegien werden weniger und es gibt längst Alternativen. Die Ritterorden nehmen an der Versorgung der Kreuzfahrer-Herrschaften teil, und ein Teil der Pilger nach Jerusalem reist über Ägypten, Zudem gibt es mehr Direkthandel vor allem mit Damaskus und Aleppo, und dann sind die christlichen Städte nur noch Durchgangs-Stationen. Aber Pisaner und Genuesen konkurrieren wie zuvor heftig um Marktanteile, während Venedig nach 1204 andere Interessen wahrnimmt.

 

Die Kreuzzüge und der Dschihad unterbinden immer nur kurzzeitig die Handelsbeziehungen zwischen christlicher und islamischer Welt, die auf beiderseitigem Interesse beruhen. Auch weiterhin gelangen zum Beispiel Gewürze, Weihrauch, Zucker, Seide, Baumwolle, Färbemittel, Edelsteine, Elfenbein und Gold über den Orient aus Indien nach Europa.

 

Das lateinische und griechische Abendland sind sich längst fremd geworden und das steigert sich gelegentlich bis in gegenseitigen Hass hinein. Byzanz wiederum verliert neben dem Verlust eines italienischen Stützpunktes 1172 den Zugriff auf das Inland Kleinasiens an die Seldschuken und konzentriert sich nach Norden in Richtung Balkan, was die Reibungsfläche mit dem lateinischen Abendland verstärkt.

Seit den 1190er Jahren konkretisiert sich der Wunsch der italienischen Seemächte, Byzanz anzugreifen, und der des Papstes, sich die oströmische Kirche unterzuordnen. Derweil will Innozenz III. einen neuen Kreuzzug unter Leitung eines päpstlichen Legaten und ruft 1198 dazu auf. Nach Saladins Tod 1193 fehlt eine zentrale islamische Führung.

Ende des Jahrhunderts gelingt dem dritten Kreuzzug die Eroberung von Akkon, aber das Binnenland wird immer stärker vom Islam kontrolliert. Friedliches Pilgern nach Jerusalem bleibt allerdings möglich, wenn auch nicht mehr unter dem Schutz der Tempelritter.

 

Die Werbung für einen neuen (vierten) Kreuzzug hat nicht die erwarteten Ergebnisse und das Einsammeln von Geld ebenso wenig. Venedig soll den Transport von Rittern, Knappen und Fußsoldaten gegen erhebliche Gelder und die Hälfte aller Beute an Land und Habe übernehmen. Die Stadt bestimmt dann auch den von Brutalität gekennzeichneten Weg an der Küste entlang über Zara bis Konstantinopel, welches 1204 unter enormer Zerstörungswut und Raubgier eingenommen wird. Ein lateinisches Kaiserreich und ein Patriarchat unter einem Venezianer entsteht, denen schwache Fürstentümern zugeordnet werden, die Fremdkörper bleiben. Den Löwenanteil der Beute aber erringen die Venezianer, drei Achtel von Konstantinopel und große Teile der Inseln. (ausführlicher in: Stadt It)

 

Die Pervertierung des Kreuzzugs-Gedankens wird von den Päpsten weitergeführt mit sogenannten Kreuzzügen gegen christliche Abweichler. Kurz nach der Katastrophe von 1204 erklärt Papst Innozenz III. den Kreuzzug gegen die Katharer in Südgallien, angeführt von Simon de Montfort, der u.a. zur Massakrierung der Bevölkerung von Béziers und Carcassonne und nach und nach zur Zerstörung der okzitanischen Besonderheiten und Sprache führt, und an dessen Ende 1229 Raimund VII. von Toulouse seinen Herrschaftsraum an den französischen König abgeben muss.

Dann wird es so weiter gehen mit Kreuzzügen gegen die Stedinger und am Ende auch gegen die Hussiten.

 

In Kleinasien hält sich ein wirtschaftlich zunächst schwaches byzantinisches Reich von Nicaia und im Norden ein Despotat Epirus, beides Kaiserreiche. Nördlich davon konsolidieren sich das Bulgarenreich und die Albaner, Serben und Kroaten. Der lateinische Kaiser hat kaum Einfluss auf die "fränkischen" Fürstentümer. Etwas aufblühen können ein Herzogtum Athen und ein Fürstentum Morea. 1261 wird ein Kaiser von Nicaia Konstantinopel zurück erobern.

 

1217/18 fahren österreichische und ungarische Truppen nach Palästina, und wenden sich dann nach Damiette im Nildelta, welches sie, nun im Verein mit "fränkischen" Rittern und den beiden Ritterorden, erobern und gegen Jerusalem austauschen wollen. Die Stadt fällt nach 18 Monaten Belagerung 1219, aber anstatt auf das Angebot eines erneuten Tausches mit Jerusalem einzugehen, versucht man nun Kairo einzunehmen, was scheitert und dann auch zum Verlust von Damiette führt.

1229 gelingt Kaiser Friedrich II. die Übergabe eines unbefestigten Jerusalem an die Christen und ein zehnjähriger Waffenstillstand, aber die Konflikte im "heiligen Land" nehmen zu. Papst, Deutschordensritter, Johanniter und Pisa stehen gegen Templer, große Barone, Genua und Venedig. 1244 fällt Jerusalem erneut und nun endgültig.

1248-50 versucht sich König Louis IX. an der Eroberung Ägyptens und scheitert militärisch. Aus der Gefangenschaft wird er nur durch ein Lösegeld von 500 000 Livres tournois ausgelöst, wozu die Tempelritter nur widerwillig beitragen. Vier Jahre lang wird er sich dann in Palästina wie ein dortiger König aufführen. Danach werden feudale Interessen der Barone und von Kapital getragene von Genua, Pisa und Venedig den Rest des "heiligen Landes" zerreißen.

 

Inzwischen haben 1250 die Mameluken in Ägypten die Macht an sich gerissen. 1260 besiegen sie in Galilea die dort eingefallenen Mongolen. 1268 wird der Mameluken-Sultan Baibar Antiochia einnehmen. 1270 scheitert ein "Kreuzzug" von König Louis IX. gegen Tunis, bei dem dieser stirbt. 1291 fällt mit Akkon die letzte christliche Stadt im Nahen Osten. Die Einwohner werden massakriert

 

 

Feudalisierung

 

Im zwölften Jahrhundert deuten sich Anzeichen eines Weges in (spätere) neuartige Staatlichkeit an, die in England und Frankreich zu Zentralisierung führen, während diese in deutschen Landen dezentral auf der Ebene der Fürstentümer geschieht und ebenso dezentral in Italien auf der Ebene von Städten.

 

Dieser Weg geschieht über zwei miteinander verbundene, aber zugleich wesens-verschiedene Sphären: Die eine bildet sich über das Lehen (feudum) und wird im 18. Jahrhundert, zunächst in Frankreich, zu dem bürgerlichen Propaganda-Begriff "Feudalismus" führen, die andere bildet sich um Kapital und bürgerliche Eigentumsformen, die sich in unserem Text inselartig in den feudalen als kapitalgenerierte, kapitalistische Strukturen darstellen lassen. 

 

Herrschaft basiert grundsätzlich auf der Verfügung über Grund und Boden und die Menschen, die ihn bearbeiten, und sie nimmt an Macht zu, je mehr davon an Untergeordnete verliehen werden kann. In Frankreich und England wird alles Land unter den Königen feudal eingeordnet, während es in deutschen Landen und Italien mehr allodiales, also als Eigentum besessenes Land gibt.

Die originären Gegenleistungen im frühen Mittelalter werden als auxilium und consilium bezeichnet, und das sind vor allem die Heeresfolge und ein beratender Beitrag bei Hofe. 

 

Die Systematisierung eines Feudalrechtes deutet sich im 11. Jahrhundert über Einzelfälle erst an, und nimmt dann im frühen 12. Jahrhundert in Italien Fahrt auf, ausgerechnet dort, wo sich auch mit am frühesten Kapitalismus entfaltet.

 

Die Nordhälfte Italiens ist auf dem Weg zu Stadtstaaten Vorreiter dieser Entwicklung hin zu neuer Staatlichkeit. Schon im 11. Jahrhundert beginnt hier das Interesse am römischen Recht zu wachsen, welches ohnehin in einigen Bereichen noch im Gebrauch ist. Indem dieses nun nicht mehr nur teilweise tradiert, sondern in seiner Systematik neu betrachtet wird, und zwar von den neuartigen Rechtsgelehrten, kann es dann auch auf die vorhandenen Strukturen ansatzweise übertragen werden.

In fünf Abhandlungen, die zwischen dem Ende des 11. Jahrhunderts und 1136 entstehen, entwickeln "Feudisten" nun in später so genannten libri feudorum ein normierendes Rechtssystem des Lehnswesens, der feuda also. Das beginnt so:

Weil wir von feuda handeln wollen, sollten wir zunächst betrachten, welche Leute ein feudum geben können. Ein Erzbischof, ein Bischof, ein Abt, eine Äbtissin, ein Probst, wenn es von alters her ihre Gewohnheit gewesen ist, können ein feudum geben; außerdem ein Markgraf und ein Graf, die eigentlich 'Capitane des Königs' heißen. Es gibt noch weitere Leute,, die von den bisher genannten ein feudum empfangen und eigentlich 'Valvasares des Königs' heißen, aber heute 'Capitane' genannt werden; auch sie können selbst feuda geben. Diejenigen aber, die von ihnen feuda empfangen, heißen 'kleine Valvassores'. (in: Patzold, S.52)

 

Danach geht es auf der Basis der Konstitution Konrads II. so weiter:

In ältester Zeit (...) war ein feudum so in die Gewalt der Herren eingebunden, dass sie es, wann immer sie wollten, wieder entziehen konnten. Später aber kam es dazu, dass es auf Lebenszeit des Getreuen weitergeführt wurde. Aber da sich das nicht nach Nachfolgerecht  auf die Söhne bezog, ging es so weiter, dass es bis zu den Söhnen kam, wobei freilich der Herr das Lehen bestätigen wollte. Das ist heute so verfestigt, dass es sich auf alle gleichermaßen bezieht. (in: s.o., S.53)

 

Und dann wird noch zwischen ritterlichen Lehen (feuda) und bäuerlichen (beneficia) unterschieden:

Es ist zu beachten, dass über dasjenige beneficium, das von den Capitanen des Königs und von den Valvassoren des Königs anderen geliehen wird, ausschließlich nach dem ius feudi gerichtet wird, über jenes dagegen, das von den kleineren anderen übertragen wird, nicht nach dem ius feudi gerichtet wird; sondern, wann immer sie wollen, können sie es mit Recht wieder entziehen - es sei denn, sie wären mit ihnen im Heer nach Rom gezogen, in welchem Fall ihr beneficium in das ius feudi übergeht. (in: s.o., S.54)

 

Verlieren soll man sein feudum dann, wenn man in der Schlacht seinen Herrn verlässt, obwohl dieser am Leben ist, oder wenn man mit der Frau bzw. der Tochter des Herrn oder der Frau des Sohnes schläft, wenn man die Burg angreift, von der man weiß, dass der Herr oder die Herrin gerade dort ist, wenn man den Bruder oder Sohn des Bruders des Herrn tötet oder wenn man mehr als die Hälfte seines feudum verpfändet. (usw., alles nach Patzold, S.55, siehe auch ...)

 

Während Ende des 11. und Anfang des 12. Jahrhunderts aus der Kenntnis der König Konradschen Bestimmungen so etwas wie ein Lehnsrecht formaljuristisch fixiert wird, fehlt so etwas noch im Norden, obwohl sich ähnliche Formen immer stärker in der Praxis durchzusetzen beginnen. Der Graf von Flandern gründet seine Herrschaft einmal auf der Huldigung durch die Untertanen und zum anderen auf eine offenbar schon eingeübte Form der Belehnung. Der Geistliche und gräfliche Notar Galbert von Brügge erzählt von einem solchen Ereignis. Die Vorgeschichte ist, dass ein Borsiard den Grafen Karl den Guten während des Gebetes in der Kirche des Stiftes St. Donat erschlagen hat und König Ludwig VI. von Frankreich Wilhelm Clito, Enkel Wilhelms des Eroberers, zu seinem Nachfolger macht. Auf einer Rundreise lässt sich der neue Graf huldigen, im April auch in Brügge. Danach schildert Galbert für den 7. April folgenden Akt:

Zuerst leisteten sie ihm auf folgende Weise hominium: Der Graf fragte, ob er ganz und gar sein Mann sein wolle, und dieser antwortete: "Ich will." Dann umschloss der Graf die zusammengefalteten Hände des anderen mit seinen Händen und sie verbündeten sich durch einen Kuss. Als zweites gab derjenige, der Mannschaft geleistet hatte, dem prolocutur (Vorsprecher) des Grafen ein Treueversprechen mit folgenden Worten: "Ich verspreche, in meiner Treue von jetzt an dem Grafen Wilhelm treu zu sein und ihm die Mannschaft ganz und gar gegen alle zu wahren in guter Treue und ohne List." Drittens schwor derselbe über den Reliquien von Heiligen einen Eid. Anschließend erteilte der Graf mit dem Stab, den er in der Hand hielt, all denen, die auf diese Weise Sicherheit, Mannschaft und Eid geleistet hatten, die Investitur. (in: Patzold, S.61)

 

In ein Lehnsverhältnis tritt man also dadurch ein, dass man dem Herrn Mannschaft leistet, indem man seine gefalteten Hände in die des Herrn legt, wie das Vasallen schon früher taten, und dann einen Treueid leistet. Darauf erfolgt die Investitur des Mannes mit dem Lehen. Lehen werden nun langsam auch in deutschen Landen erblich, wobei sie aber beim Tod des Mannes oder des Herrn formell erneuert werden müssen.

Dem belehnten Vasall leistet der Herrn militärischen und rechtlichen Schutz für sein Lehen. Der Mann wiederum muss wie Vasallen schon früher an Heerfahrten seines Herrn teilnehmen (auxilium), ihm mit Rat bei Hofe zur Seite stehen (consilium) und im Lehnsgericht mitwirken. In der Praxis werden diese Leistungen aber nicht von allen Vasallen bei jeder Gelegenheit geboten. In der Regel werden sie auch nicht schriftlich festgehalten, sie sind Gewohnheitsrecht.

 

Zugleich mit der Verbindung von Vasallität und Lehen kommt es zu Konfliktsituationen, da Adel unterhalb des Fürstenrangs in der Regel mehrere, manchmal wie Werner von Bolanden sehr viele Lehnsherren besitzt. Dem wird durch Treuevorbehalte für einen oder mehrere Herren versucht, Ordnung in das Beziehungsgeflecht zu bringen. Seit dem späten 11. Jahrhundert wird in Frankreich und England versucht, eine "ligische" Vorrangbindung an einen Herrn einzurichten. Wenn der militärische Treue-Konflikt auftritt, ist der Mann genötigt, dem einen Herrn Treue und Lehen aufzukündigen, was Herren dann wiederum vertraglich zu verhindern versuchen. Man kann erkennen, dass das sich langsam auch nördlich der Alpen etablierende feudale System konfliktgeladen ist. Versammelt sind die deutschen Vasallen nun in Lehnskurien, wie es sie an den norditalienischen Bischofshöfen schon viel länger gibt, und im Lehnsgericht, welches vom Herrn eingeladen wird. Dort ist der Herr entweder Richter oder aber er setzt als Konfliktpartei einen seiner Mannen dazu ein (Spieß, S.36f).

 

Ein sich entfaltendes Lehnswesen gelangt in die deutschen Lande vermutlich auch über Vermittlung der italienischen Neuerungen. Im Verlauf des 12. Jahrhunderts wird das Wormser Konkordat immer stärker lehnsrechtlich interpretiert. Auch daraus entsteht ein geistlicher Reichsfürstenstand, der um 1200 47 Erzbischöfe und Bischöfe umfasst. Dazu kommen dann noch 29 Äbte und 17 Äbtissinnen (Spieß, S.42). 

 

In deutschen Landen scheint die "Feudalisierung" des Reiches zunächst an einzelnen Punkten dokumentiert auf: Da ist das Privilegium Minus und der Umgang mit Heinrich dem Löwen, da ist die Fürstenerhebung des Grafen vom Hennegau zum Markgrafen von Namur (1184). Die Fürsten werden so strukturell zu Hebeln der königlichen Macht, die sie zugleich einschränken, indem sie sich in ihrer Gesamtheit als das "Reich" verstehen, ein Vorgang, der schon unter Heinrich IV. einsetzte. Daneben versucht die Krone zunehmend auch kleine Edelfreie zu Kronvasallen zu machen und die Reichsministerialen erreichen bei ihrem Übergang zu "Ritteradeligen" , dass ihre Dienstlehen zu echten Reichslehen werden. (Spieß)

 

Im Lehnsgesetz von Roncaglia 1158 gibt es zwar den Vorbehalt, dass "bei allen Treueiden die Person des Kaisers auszunehmen sei", aber  der König verliert doch jetzt den direkten Zugriff auf seine Untervasallen. (Spieß, S.47) Zudem verstehen die Fürsten nun zwar ihr Fürstentum als Ganzes als Lehen, nehmen davon aber ihren Eigenbesitz und dessen Vasallen aus.

Das Auseinanderdriften des Reiches geschieht auch darüber, dass Fürsten immer wieder und oft auch ungeahndet weder ihrer Pflicht zur Heerfahrt noch zur Hoffahrt nachkommen, und in königsfernen Gebieten im Norden auch ganz auf den Vorgang der Belehnung verzichten.

Da die Vasallität an das dingliche Lehen gebunden ist, kommt es zum Beispiel beim Verkauf eines Lehnsgutes durch den Besitzer zu der Tendenz, dieses als Allod zu betrachten, "Zusammenfassend lassen sich zahlreiche allodiale Elemente in der Reichsverfassung festhalten, die gegen eine vollständige Feudalisierung sprechen." (Spieß, S.49)

 

Verliehen werden kann im Prinzip fast alles, Land (und darauf arbeitende Leute), Städte, Burgen und Ämter, die mit Einkünften aus Höfen, Münzen, Rechtsprechung mit ihren Bußgeldern, Vogteien, der Mühlenbann, Zollstellen und so weiter.

 

Dabei hat die Systematisierung eines Lehnswesens für die deutschen Lande und Frankreich bzw. England ganz unterschiedliche Folgen. Zunächst einmal ist das Westreich unter den Kapetingern eine Erbmonarchie, was dazu führt, dass das Familieninteresse und das königliche in eins fallen, während die Mischung aus Erb- und Wahlmonarchie im Osten die Könige dazu bringt, ihre Familieninteressen punktuell über die ihres königlichen Amtes zu setzen. (Werner Goez)

 

Zudem und damit zusammenhängend verfügen die "deutschen" (römischen) Könige über einen einigermaßen geschlossenen, wenn auch sehr dezentral organisierten Reichsverband, während ein solcher im zukünftigen Frankreich erst einmal hergestellt werden muss. Französische Fürsten stehen "auf Augenhöhe" (Patzold) mit ihrem König, und dieser muss sie sich erst einmal unterordnen. Das klassische Mittel dort wird mit dem ranghöchsten Vasallen, dem englischen König, 1202 in einem lehnsrechtlichen Prozess praktiziert, dem nämlich, das Lehen bei Vergehen einzuziehen und der Krondomäne zuzuschlagen. In deutschen Landen hingegen werden Fürstentümer erst zwischen der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts und und dem 13. Jahrhundert zu Lehen, und wenn sie fällig werden wie im Fall Heinrichs des Löwen, werden sie umgehend wieder ausgegeben. Die deutschen Könige besitzen nämlich im Unterschied zu den französischen noch kein Instrumentarium wie zum Beispiel eine Finanzverwaltung, um sich große Gebiete nutzbringend einzuverleiben. (Hanna Vollrath)

Schließlich setzt sich in Frankreich die Tendenz durch, dass aller Boden lehnsrechtlich eingeordnet wird, was bis zur sogenannten Revolution von 1789 zu dem Spruch nulle terre sans seigneur führt. Damit entwickelt sich über das Lehnsrecht die Möglichkeit, über alles Land Kontrolle zu gewinnen, während in deutschen Landen viel Grund und Boden Allod, Eigengut bleibt, auch wenn die entstehenden Landes-Fürstentümer versuchen werden, über das Lehnswesen Territorialisierung zu erreichen. (Werner Goez)

 

Eine juristische Systematisierung des Lehnswesens wie in Italien findet zwar in deutschen Landen noch nicht statt, aber mit dem Sachsenspiegel erscheint in der späten Stauferzeit ein erstes umfassenderes Rechtsbuch, welches Recht und Lehnswesen miteinander verbindet. Verschriftlichung nimmt zu, die Vergabe von Lehen wird häufiger in einem Dokument festgehalten. Erste Verzeichnisse von Lehen und Vasallen wie das des Grafen Siboto IV. von Neuburg-Falkenstein von etwa 1065 (siehe Großkapitel Land 3) und das des Reichsministerialen Werner von Bolanden von etwa 1190 sind erhalten. Solche Auflistungen werden dann im 13. Jahrhundert häufiger. 1217/27 zählt ein Graf Heinrich von Regenstein 150 Vasallen auf, im selben Jahrhundert können die Edelherren von Eppstein ähnlich wie die von Bolanden rund 200 Vasallen aufbieten.

 

Ansätze von "Territorialpolitik" haben wir schon bei rheinischen Bischöfen im späten 11. Jahrhundert erwähnt. Diese, also die Herstellung eines möglichst geschlossenen Hoheitsgebietes, in dem sich möglichst viel Eigenbesitz und einseitige Bindung von Vasallen an einen Lehnshof paaren, nimmt im 12. und 13. Jahrhundert rapide zu und führt bis 1400 zu einer extremen Zersplitterung der deutschen Kernlande.

Das sich verallgemeinernde Feudalwesen fördert einerseits diese Zersplitterung, aber die entstehenden Territorialherrschaften nutzen es andererseits doch auch zur Abrundung ihrer Gebiete. Einerseits basiert das entstehende Territorium auf den wichtigsten Burgen, Ämtern, Gerichten und Vogteien im Eigenbesitz, andererseits in Lehnsauftragungen von Burgen und dazugehörigem Land, manchmal freiwillig, oft durch erheblichen, auch kriegerischem Druck erzwungen oder durch die Zahlungen beträchtlicher Summen "erkauft", wobei Herren im Laufe ihres Lebens schon mal zigtausende Mark aufwenden.

Wo möglich wird die als Lehen aufgetragene Burg mit einer Öffnungsklausel versehen, die es dem Lehnsherr ermöglicht, diese im Kriegsfall selbst zu nutzen. Ansonsten muss sie nun vom Vasall samt der Mannschaft versorgt werden, ist aber zugleich Stützpunkt der Herrenmacht. Wo man anders an das Lehen eines anderen Herren nicht herankommt, greift man zu Scheinlehen, wie sie Friedrich I. im Lehnsgesetz von Roncaglia 1158 beschreibt:

Indem wir ferner den Machenschaften (machinationibus) gewisser Leute entgegentreten, die nach Empfang des Kaufpreises gleichsam unter dem Deckmantel der Investitur - die ihnen nach ihrer Aussage zustehe - Lehen verkaufen (feuda vendunt) und auf andere übertragen, verbieten wir gänzlich, dass derlei Betrug oder Ähnliches künftig (...) ausgedacht werde. (in: Spieß, S.78)  

 

Das Netz persönlicher Beziehungen, wie sie Lehnswesen und Vasallität und immer noch auch in hohem Maße Verwandtschaft darstellen, bedarf in zunehmend höherem Maße des Mittlers Geld. Was sich als Geschenk oder Verleihung ausgibt, ist oft durch größere Geldsummen vermittelt. Das bezeugen die hohen Summen, die bei der Erhebung des Grafen Balduin 1184 in den Fürstenstand fließen (siehe Anhang 19), oder die, mit denen Erzbischof Konrad von Mainz nach 1183 verlorenes Mainzer Terrain wieder zurückkauft: 200 Mark für die Ebersburg, Burg Wasungen für 15 Pfund, 300 Mark für die municio Döbritschen usw. Sein Nachfolger Philipp lässt dann auf seinem Grabstein festhalten, dass er 50 000 Mark insgesamt für den Ausbau seines Herzogtums ausgegeben habe, worunter der Kauf zahlreicher Burgen fällt. Solche Burgen werden dann allerdings in der Regel an Getreue wieder als Lehen ausgegeben, denn eine direkte Verwaltung ihrer entstehenden Territorien ist für die Fürsten noch nicht möglich.

 

Die zwingende Verbindung von Lehen und Vassalität beruht auf der Gewalttätigkeit der Herren, der Legitimität von Krieg und Fehde und der dazu allgegenwärtigen illegitimen Gewalt. Wie schon die Erlasse Lothars und Friedrichs I. belegen, geht es darum, über Krieger (milites) zum Zwecke der Gewaltausübung mittels deren gesicherter Versorgung zu verfügen. Die sich aufbauende Ständeordnung ordnet dabei vor allem, wer von wem Lehen empfangen kann, wie also das System der Krieger gestaffelt ist. Sie verlangt aber die Erblichkeit der Lehen, so dass ein adeliges Geschlecht sie ebenso wie das Eigentum als gesicherte Versorgungsgrundlage bzw. als jeweils standesgemäße Ausstattung begreifen kann.

Diese feudalen Strukturen entstehen zugleich mit dem Phänomen der Mehrfach-Vasallität, welches einer Systematisierung der Ordnung wiederum entgegensteht. Wie solche Konflikte manchmal dem Anschein der Quelle nach auch friedlich gelöst werden, zeigt folgendes Beispiel: Erzbischof Rainald von Köln hatte ein Lehen in Lechenich an den Grafen Hermann von Müllenarck vergeben, von dem es wiederum ein Hermann von Dyck zu Lehen nimmt. Als der Graf seine Dienste in Anspruch nehmen will,

hat der nach wohlerwogenem Rat seiner Freunde geantwortet, weil er mehr sowohl die Herrschaft des Grafen von Ares als auch dessen Lehen liebe, wolle er daher lieber diesem dienen. Was er auch gemacht hat.

Damit fällt das Lehen an den Grafen zurück, vom dem es dann Erzbischof Philipp von Köln um 1170 zur Abrundung seines Herrschaftsraumes zurückkauft. (in: Spieß, S.85)

 

Mit der zwingenden Verbindung von Lehen und militärischem Vasallendienst entsteht eine militärisch wie ständisch definierte Rangordnung im (Kaiser)Reich wie in den einzelnen Fürstentümern. In der nun entstehenden Heerschildordnung wird der Empfang von Lehen geregelt, der möglich ist, ohne den eigenen Rang zu erniedrigen. (Patzold, S.109). Die Rangordnung im Sachsenspiegel beginnt so oben beim König, es folgen die geistlichen Fürsten, dann die weltlichen, danach die "freien Herren", dann die schöffenbaren Freien und schließlich deren Lehnsleute.

 

Nachdem für das frühe Mittelalter vor allem klösterliche Urbare über die großen Wirtschafts- und Machtkomplexe Auskunft geben, erfahren wir mit der zunächst kaum in schriftlichen Quellen nachvollziehbaren Entwicklung eines allgemeinen Lehnswesens in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts mit dem Falkenstein-Verzeichnis (s.u.) und dann dem Lehnsverzeichnis des Reichsministerialen Werner (II.) von Bolanden um 1190) mehr über die Dimensionen und zugleich die bestehende Zersplitterung geradezu "aristokratischer" weltlicher Besitzungen an Allod und Lehen. Dieser Werner zählt 45 Lehnsherren auf und zudem rund 100 Vasallen mit ihren Lehen (Ausschnitt in: Spieß, S.95ff). Diese Familie begann ihren Aufstieg in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts als Ministeriale der Mainzer Erzbischöfe,  um dann in der zweiten Hälfte als Reichsministeriale vom Donnersberg-Raum aus über das Nahegebiet bis in den Wormsgau Grundsteine für den Aufbau eines Territoriums zu legen.

 

 

Ritter (ausführlicher in: Anhang 18)

 

Vom König über Fürsten bis zum niederen Adel und immer mehr auch zu den Ministerialen sind alle Krieger nur durch ihren Status samt Macht und Reichtum unterschieden. Solche Krieger (milites) als Vasallen sind längst beritten, aber erst im Verlauf des 12. Jahrhundert werden sie zu Rittern aufgewertet, zu chevaliers, caballeros oder knights, im sportiven wie im kriegerischen Kampf auf dem geschmückten Pferd, gekleidet mit Kettenhemd und Waffenrock, erst später mit dem Plattenharnisch, und mit einem Helm, der immer mehr vom Kopf bedeckt. Zur Abwehr kommt ein manchmal bemalter Schild dazu.

In der Regel braucht der Ritter zunehmend einen Knappen, der ihm die Rüstung an- und auszieht und ihm im Kampf assistiert, und ein Packpferd für das Gepäck.

 

Wichtigste Angriffswaffen sind ein beidseitig scharf geschliffenes Schwert und und eine gut drei Meter lange schwere Lanze aus Eschenholz, dazu können noch Dolch, Streitkolben und Streitaxt kommen.

Zur Ausrüstung gehören vor allem auch ein Marschpferd (palefridus) und ein Streitross (dextrarius), welches ebenfalls gepanzert und darüber mit einer Decke versehen ist. Als destrier ist es von lateinisch dexter, rechts abgeleitet, da der Knappe dies Pferd außerhalb der Schlacht mit der rechten Hand führt. (Tuchman)

 

Je teurer das alles wird, desto exklusiver wird diese hierarchisch gegliederte kleine Minderheit der Bevölkerung, für die es eines hinreichend großen Lehens bedarf. Je aufwendiger die Ausstattung des Ritters wird, desto geringer wird ihre Zahl im 12./13. Jahrhundert werden. Darunter verarmt dann nach und nach ein Teil des niederen Adels und sinkt später manchmal sogar in das Bauerntum ab.

Andererseits steigt in deutschen Landen ein stattlicher Teil der rechtlich unfreien Ministerialen über seine steigenden militärischen Aufgaben und den Sitz auf einer Burg in die Ritterschaft auf, nähert sich so gemeinsam mit freien Herren, die in die Ministerialität eintreten, dem niederen Adel an und wächst dann in Einzelfällen sogar darüber hinaus.

Fürsten und Könige andererseits betrachten ursprünglich Ritter als ihre militia, d.h. ihnen Untergeordnete, sehen dann aber in ritterlichem Auftreten für sich selbst Vorteile.

 

Das Ideal

Die Kirche stellt seit den Friedensbewegungen um die Jahrtausendwende, seit der bewussteren Christianisierung der spanischen Reconquista und dann auch mit den Kreuzzügen das Ideal des deutlicher christlich inspirierten Kriegers auf, der Kirche, Klöster, Kaufleute, Witwen, Waisen und Arme schonen bzw. schützen  und seine Gewalttätigkeit gegen die Heiden und andere Feinde der Kirche wenden soll. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts beginnen epische Texte das zu einem ritterlichen Ethos zu verdichten.

 

Dieses verbindet sich mit neuen Lebensformen an den Höfen wohlhabender und mächtiger geistlicher wie weltlicher principes, von denen ein Teil erfolgreich nach neuartiger Landesherrschaft in geschlosseneren Territorien zu streben beginnt, und die wir nun Fürsten nennen. In Frankreich sind sie zunächst oft noch mächtiger als der König, und erst in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts gelingt es diesem langsam, sie stärker zu lehnsgebundenen Vasallen zu machen. In deutschen Landen kristallisiert sich in der Zeit Friedrichs I. ("Barbarossa") eine feste Zahl solcher Fürsten heraus, auf deren Unterstützung und Rat der König angewiesen ist.  

 

Über das Lehen sind Ritter als Vasallen mit den Höfen ihrer Herrren verbunden, denen sie entsprechend Mannschaft zu leisten haben. Umgekehrt ist ein vornehmerer Herr darauf angewiesen, ein solches militärisches Gefolge an sich zu ziehen. Wenn man dabei von feudalen Strukturen sprechen möchte, sind das solche des Gebens und Nehmens, die durch die Arbeit von Bauern und zunehmend auch Handwerkern und Händlern zu finanzieren sind.

 

Der Hof ist eine größere Burg bzw. Pfalz (palatia), wie sie Könige und Fürsten besitzen. Der Hof ist aber nicht nur ein Gebäude, sondern auch eine Versammlung von Menschen, die dort entweder dauerhaft und gelegentlich zusammen kommen.

Am jeweiligen Hof treffen vornehmer Adel, Fürsten und Könige mit ihrer Ritterschaft zusammen. Diese orientiert sich an deren modischem Auftritt und dem ritterlicher Kollegen. Mode ist der neueste "Schick", mit dem man zeigt, wo man dazu gehört.

 

Höfische Lebensformen dringen im 12./13. Jahrhundert aus Frankreich nach Osten in die deutschen Lande und nach Norden nach England. Sie entwickeln sich an Fürstenhöfen wie denen Poitous/Aquitaniens, Blois/Champagne, Anjou und Normandie.

 

Das alte Kriegerideal von Kraft und Stärke, Ehre und Tapferkeit, nunmehr zudem von der Kirche mit neuen Idealen versehen, wird durch höfische Ideale wie staete, triuwe und Schönheit angereichert, soweit der neue Rittersmann sich das leisten kann. Dazu gehören ungenierte Prachtentfaltung, die großzügige Freigebigkeit (die largitas) als Ausdruck von Reichtum, die Milde (milte), sich in Empathie äußernde Barmherzigkeit (misericordia), mit der ein gewisser Gefühlshaushalt in eine von heftigeren Emotionen zerrissene Welt einziehen kann. All das geht im 12. Jahrhundert von England und Frankreich ausgehend in Heldenepen ein, die an den Höfen sehr populär werden, und die das neue Ritterideal propagieren.

 

Einen weiteren Gefühlshorizont entfaltet Literatur an den Höfen, die Liebe jenseits von arg zugreifender Geschlechtlichkeit propagiert, passenderweise in poetischer Form der Troubadoure und dann auch der deutschen Minnesänger. Dazu passend werden nun die Körperformen in Skulpturen und Bekleidung immer deutlicher betont. Bei Hofe beginnen sich zuweilen feinere Manieren durchzusetzen, zum Beispiel bei Tisch oder im Umgang mit Frauen.

 

Zur kriegerischen Körperertüchtigung gehört neben der Ausbildung in der Jugend, gerne an fremden Höfen, auch die Jagd, für die sich Könige, Fürsten und Adel immer größere Forste reservieren, und die auch als Vergnügung zu einer Frühform von Sport und auch so benannt wird (desportes). Auch durch die Jagd werden Bauern immer mehr aus Wäldern vertrieben. Noch näher an dem, was später in das Wort Sport mündet, sind die Turniere, Massenkampfszenen und Einzelkämpfe, die zunehmend mit Festen verbunden werden.

 

Die Wirklichkeit

Die Ideale, wie sie in Texten und Abbildungen dargestellt werden, färben mehr oder weniger in die alltägliche Wirklichkeit ab, aber eben nur manchmal und nur ein wenig. An französischen, englischen und bald auch ersten deutschen Höfen wie dem von Thüringen oder dem des Kaisers dient ihre Verwirklichung vor allem öffentlicher Selbstdarstellung bei Festen, in Einzelfällen dienen sie auch einer gewissen ritterlichen Regelhaftigkeit, aber im Alltag sind sie eher seltener.  

 

Ritterlicher Kampf ist Nahkampf größerer Kriegermassen, der mit der Lanze, beginnt, mit der vom Pferd gestoßen werden soll, und dann vor allem mit dem Schwert, welches ein übles Gemetzel und Zerstückeln herbeiführen soll. Diese Gewalttätigkeit wird in vielen literarischen Texten als höchstes Lebensglück neben den großen Festen gefeiert. Zur Ritterlichkeit gehört dabei auch die List, als Klugheit dargestellt, und oft selbst die Hinterlist.

Tatsächlich kämpfen Ritter aber nicht so oft auf Leben und Tod miteinander, auch da das Schlachtenglück trügerisch ist. Stattdesssen wird das Land des Gegners verwüstet, abgebrannt und die Gewalttätigkeit an wehrlosen Bauern und ihren Frauen ausgelassen, gelegentlich auch an Mönchen und Nonnen. Danach werden manchmal auch Städte und Burgen belagert und auf das Brutalste ausgehungert, bis sie sich ergeben müssen, worauf dann oft geplündert und zerstört wird.

Quellen berichten dann schon mal von jener infernalischen Grausamkeit von Kriegern, welche die Kirche eigentlich den Folterqualen der Hölle zuschreibt. Das betrifft zwar sicher nicht jeden Ritter, da das auch mit dessen Persönlichkeit zusammenhängt, aber schon tenzenziell jenen Eifer des Gefechts, der im Blutrausch enden kann. Und es betrifft auch jene Herren, die beim Foltern von Gefangenen gerne zuschauen, wie es zum Beispiel Guibert von Nogent für einen Herren von Coucy beschreibt. Dann werden Feinde bei lebendigem Leib gehäutet, man schlägt Wehrlosen Gliedmaße ab, blendet sie, lässt sie langsam verhungern oder was dem Raubtier Mensch sonst so alles einfällt.

 

Im Krieg kommt es immer wieder vor, dass nicht nur Söldner, sondern auch Ritter Frauen als Freiwild betrachten. Zu den Verheerungs- und Verwüstungsfeldzügen scheinen auch Vergewaltigungen fast als die Regel gehört zu haben, auch wenn oft darüber aus naheliegenden Gründen geschwiegen wird. In der Zeit, in der Richard ("Löwenherz") unter der Oberhoheit seines Vaters versuchte, Aquitanien sehr grausam unter seine Kontrolle zu bekommen, wird berichtet, er habe sich allenthalben Mädchen und Frauen nach Gutdünken "genommen", wie es schon damals hieß, und sie nach Gebrauch an seine Gefolgsleute weitergereicht.

 

Festzuhalten ist auch, dass die angestrebte Disziplin höfischen Verhaltens, die Arbeitsdisziplin von Bauern und Handwerkern und die Perspektivlosigkeit von Armut allesamt oft in nicht unerheblichem Alkoholkonsum münden. Dabei geht es um Prozesse der Enthemmung, einer drogeninduzierten "Fröhlichkeit" im Gelage, die erst die Leitungsfunktion der Vernunft und dann zunehmend die ganze Verstandestätigkeit reduzieren. Vorübergehende Verblödung wird mit Lebensfreude in dem Maße gleichgesetzt, in dem sie ohne Drogenkonsum schwerer fällt.

In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, als der Niedergang des Rittertums bereits eingeläutet ist, verweist der junge Helmbrecht des Wernher ("der Gaertenere") auf das, was für ihn zum Beispiel Rittertum ausmacht:

Höfisches Leben sieht heute so aus: "Trinkt, Herr, trinkt und trinkt!" Früher traf man die vornehmen Herren bei den schönen Damen an, heute findet man sie im Wirtshaus. Von früh bis spät sind ihre größten Sorgen, dass ihnen der Wirt, falls der Wein ausgeht, auch ja eine ebenso gute Sorte herbeischafft wie die, die sie so in Hochstimmung versetzt hat. (etc.)

 

Zwar betonen Historiker immer wieder - und in gewissem Sinne auch zu Recht - dass der Alkoholgehalt dieser Getränke niedriger war als heute, und dass sie auch getrunken werden, weil in Städten reines Quellwasser fehlt, aber Alkohol ist immer wieder auch Genussmittel als Treibstoff von Geselligkeit und Festen.

 

Wer keine Burg samt Land und darauf arbeitenden Bauern erbt, muss als Ritter erst einmal Karriere machen. Man tritt oft in den Dienst von Herren, von denen man Gegenleistungen erwartet, und man zieht auch von einem Herren zum anderen. Einige schaffen es auch, über die Preisgelder bei Turnieren wohlhabend zu werden. Immer aber geht es vorrangig um Besitzgier. Deshalb achtet man in kriegerischen Aktionen oft darauf, den (wohlhabenden) Gegner möglichst nicht zu töten, sondern als Geisel gefangen zu nehmen, um dann Lösegeld zu erpressen. Das bekannteste Beispiel ist die hinterhältige Gefangennahme von Richard Löwenherz durch den österreichischen Herzog.

 

***Militär und Geld***

 

Militärdienst kann schon unter den Karolingern in Einzelfällen durch Geld abgelöst werden. Mit solchem Geld können zunehmend dann eine Art Lohnritter bezahlt werden. Im 11. Jahrhundert nimmt das Söldnerwesen zu, sowohl von Berittenen wie von Fußtruppen, welche Ritterheere ergänzen, und dabei dann bald auch unritterliche Distanzwaffen wie Bogen oder Armbrust mit sich bringen. Wer sich Erfolg im Krieg nun leisten will, muss Handel und Gewerbe fördern und damit die Einkünfte. Der Grad der Entfaltung von Kapitalismus bedeutet jetzt das Maß fürstlicher Machtentfaltung.

 

1094 befiehlt Wilhelm Rufus seinen milites, sich für einen Kriegszug gegen Bruder Robert Curthose von der Normandie zu sammeln. Dort kassiert dann Ranulf Flambard von ihnen Geld ein. "Jeder gab die zehn Schilling, die er als Kostgeld mitgebracht hatte, dann wurden die Leute wieder nach Hause geschickt. Söldner waren effizienter und verlässlicher." (Moore, S.201)

 

Wenn die staufischen Könige Heere nach Italien bringen wollen, dann müssen sie die ursprünglich zur Heeresfolge Verpflichteten immer mehr mit Geld (und natürlich Beute) locken. Kaiser Friedrich II. muss die Krieger bezahlen, die ihm in seinen Kreuzzug folgen. Tendenziell werden Kriege zudem immer stärker kreditfinanziert. Auch städtische "bürgerliche" Milizen, die Friedrich ("Barbarossa") seine empfindlichste Niederlage in der Lombardei beibringen, werden immer mehr durch Söldner ergänzt.

 

Für seinen vierten Italienzug wirbt Erzbischof Christian von Mainz für Friedrich Barbarossa in Brabant Söldner an, die sogenannten Brabanzonen, die über die Lombardei und die Toskana herfallen und die auf dem Rückweg dann die Champagne plündern. Der französische König und der Kaiser kommen darauf überein, solche Leute nicht mehr zu benutzen, halten sich dann aber genauso wenig wie der englische König daran.

 

Die okzitanischen soudadiers sind selbst zum Teil "Ritter", also Leute mit ritterlicher Ausrüstung und Ausbildung, die sich für den Kriegsdienst verdingen.

Im 'Tristan' aus Franzien, dort wo Forscher die Entstehung des Rittertums annehmen, heißt um 1180 die Tätigkeit des Söldners soudoyer, woraus im frühen Spätmittelalter der soudard wird und am Ende des Mittelalters der soldat, der dann mit dem italienischen soldato auch ins Deutsche gelangt. Mit dem Rittertum gleichzeitig entsteht also die Profession der besoldeten Auftragskrieger. Dort, wo die feudalen Stukturen für ein Lehnsaufgebot regulär nur vierzig Tage Kriegsdienst vorsehen, müssen ohnehin auch schon mal Söldner eingeplant werden.

 

Die reinen Söldner, beutegierige Totschläger, Mordbrenner und Vergewaltiger, kommen zunächst vor allem aus den (späteren) Niederlanden, dann auch aus der Schweiz und schließlich von überall her. Sie gelten als noch brutaler als die edlen Ritter, von denen sie zunächst als pöbelartiges Fussvolk verachtet werden, und natürlich als Konkurrenz. Wilhelm von Malmesbury beschreibt mit Robert FitzHubert einen solchen (anglisierten) Flamen als einen Mann von äußerster Grausamkeit, der keinem an Bosheit und Frevelhaftigkeit gleichkam. "Es heißt, er habe seine Gefangenen gerne nackt ausgezogen. mit Honig bestrichen und dann den Angriffen der Stechmücken überlassen. Und er soll sich damit gebrüstet haben, er habe entzückt zugesehen, wie achtzig Mönche in einer brennenden Kirche in Flandern in den Flammen elendiglich zugrunde gingen." (Ashbridge, S.46)

 

Im 13. Jahrhundert gewinnt dann auch in Katalonien professionalisiertes Söldnertum wie das der Almogávares an Bedeutung, welche sich Anfang des 14. Jahrhunderts in ihrem Freibeutertum zu Lande mit seinem Unheil immer mehr auf byzantinische Gebiete konzentriert.

 

Die Kreuzzüge als das ritterliche Projekt überhaupt hängen von Anfang an am Geld, welches sie überhaupt erst ermöglicht. Kreuzritter verpfänden oder verkaufen ihr Gut, so welches vorhanden, um ihre lange Reise nach dem Nahen Osten zu finanzieren. Pisaner, Venezianer und Genuesen vermieten ihre Schiffe und werden reich dadurch. Die von italienischen Händlern mitgeprägten Küstenstädte generieren dabei erhebliche Reichtümer.

 

 

Die Burg im Norden

 

Im 10./11. Jahrhundert entwickeln die Normannen in der Normandie und dann in England steinerne Wohntürme, Donjons, die später als Bergfriede Teil der Burgen bleiben. Im Verlauf des 11. Jahrhunderts entstehen wie manchmal am Niederrhein oder in der Wetterau die ersten steinernen Burgbauten des deutschen Adels mit Wall bzw. Mauer und Türmen, manchmal auf einem künstlich aufgeschütteten Hügel, und steinerne Burgen eines vornehmeren Adels nehmen dann im 12. Jahrhundert schnell zu. Dabei werden oft zusätzliche, zunächst kleinere Wohngebäude an den Turm angebaut, die dann später zum Palas ausgebaut werden können. Immer dazu gehört eine Kapelle. Ministeriale und niederer Adel residieren in burgähnlichen Holzhäusern in oder neben den Dörfern und führen eine Art großbäuerliches Leben, welches sich u.a. durch erhöhten Fleischkonsum von den übrigen Bauern abhebt. Hier oder auch an Stadtmauern kann sich eine steinere Burg entwickeln.

Mangels Natursteinen beginnt man in den Niederlanden in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts mit Burgbauten aus Ziegelsteinen. Mangels Bergen beginnt man im Flachland im 13. Jahrhundert dann mit Wasserburgen.

 

In Westfranzien entwickelte sich schon im 9. Jahrhundert ein königliches Befestigungsrecht, welches dann vor allem außerhalb der Île de France verfällt und erst im 12. Jahrhundert langsam wieder eingeholt werden kann. In deutschen Landen ist der Burgenbau etwa vom 10. Jahrhundert bis zu Friedrich II. königliches Recht, welches verliehen werden kann. Aber in beiden Reichen ist dies Recht oft nicht durchsetzbar, und spätestens im 13, Jahrhundert ist es in deutschen Landen auf die Fürsten übergegangen.

 

Burgen dienen sowohl der Verwaltung von Grundbesitz, der Unterordnung der Beherrschten wie auch dem Schutz vor kriegerischen Nachbarn.

Von Burgen aus werden Straßen, Flüsse oder ganze Gebiete beherrscht und verwaltet und sie sind Zentren eines Wirtschaftsbetriebes. Neben den nunmehr steinernden Befestigungs- und Wohnteilen gibt es die meist hölzernen Wirtschaftsbereiche, Ställe, Scheunen usw. Es gibt lautes Vieh, Pferde, bellende Hunde lärmen und verbreiten Gestank, wie noch Ulrich von Hutten nach 1500 klagen wird. Von der Burg wird so ein unmittelbarer Bereich direkt bewirtschaftet, neben dem übrigen Land und Dörfern. Wer als Burgherr einigermaßen in der Nähe einer Stadt lebt, wird spätestens ab dem 13. Jahrhundert, wenn er es sich leisten kann, einen komfortableren Stadthof besitzen wie die Ravensburger in Würzburg.

 

Ritter ist ein Kriegerstatus und dafür muss man kein Burgherr sein. Bis zum 12. Jahrhundert sind auch vor allem Könige, Fürsten und Grafen Burgherren. Dann nimmt der Anteil von niederen Adeligen und Ministerialien zu, der Masse der Ritter. Zu den Besatzungen von Burgen gehören spätestens seit dem 13. Jahrhundert auch Ritter, die aus der besoldeten Burgmannschaft hervorgehen.

 

Stadtsässige Ritter bauen sich in den Stadtmauern Wohntürme, und das geschieht besonders in Italien, wo ohnehin ein Großteil des Adels seinen Lebensmittelpunkt weiter in den Städten seinen Lebensmittelpunkt hat.

 

 

Volk und Sprache

 

Wenn man "Volk" notdürftig mit einer gemeinsamen Sprache gleichsetzt, muss man es deutlich trennen von der jeweiligen Bevölkerung unter einem Herrscher. Die anglonormannischen Machthaber im England des 11./12. Jahrhunderts sprechen eine andere Sprache als ihre englischen nichtadeligen Untergebenen, unter denen sich langsam ein Mittelenglisch entwickelt, und als ihre Unterworfenen in Wales und Irland. Henry II. beispielsweise als anglonormannischer Herrscher spricht nur Mittelfranzösisch und Latein, und auch seine Gemahlin Eleonore von Aquitanien wird nur mittels eines Dolmetschers mit der angelsächsisch sprechenden Bevölkerung kommuniziert haben können, falls sie so etwas jemals getan hat.

 

Dieses Mittelfranzösische muss übersetzt werden, wenn nach der Eroberung Südgalliens jemand mit den nun unterworfenen Menschen und ihrem Okzitanisch kommunizieren will. Wenn andererseits Heinrich der Löwe vom einen Herzogtum Sachsen nach dem anderen von Bayern reist, muss er zwei recht unterschiedliche deutsche Idiome beherrschen oder braucht einen Dolmetscher. Der zeitgenössische Graf Adolf von Schauenburg, Herr über die Holsten und bald auch über Slawen, soll immerhin laut Helmold von Bosau nicht nur das Lateinische und Niederdeutsche, sondern auch "das Slawische" gesprochen haben. Kaufleute aus Venedig oder Mailand wiederum werden erhebliche sprachliche Probleme im Umgang mit jenen aus Neapel oder Palermo gehabt haben.

 

Die meisten Menschen sind vor allem Opfer der Machtgelüste ihrer hohen Herren. Es sind den Herrschern zuarbeitende Mächtige, die im entstehenden (königlichen) Frankreich im Konflikt mit dem (deutschen) Kaiserreich deutlichere Ansätze eines "Nationalismus" entwickeln, der die adelige Oberschicht um den König scharen soll.

1124 erfährt der französische Hof von einer wohl mit dem englischen König koordinierten Invasion Kaiser Heinrichs V. ins Herz des Westfranken-Reiches. Ludwig eilt nach St.Denis cum ad aures nostras pervenisset Alemannorum regem ad ingrediendum et oprimendum regnum nostrum, wie es in der königlichen Urkunde dann heißt. (in: Sohn, S.65)

Der Heilige und seine zwei Gefährten werden aus der Krypta geholt, auf den Hauptaltar versetzt, damit er, wie es heißt, das regnum Francorum verteidigen möge. Vom Altar nimmt er dann ein Banner, womit er als Graf des Vexin zum Vasallen des Heiligen (bzw. seines Klosters) wird. Diese seidene, rote oriflamme, mit der er dem Kaiser erfolgreich entgegen zieht, symbolisiert nicht mehr nur sein Königtum als persönliche Fahne, sondern das Reich als Vorläufer einer nationalen Kriegsflagge.

Als Dank für die sakrale Unterstützung kriegerischer Aktivität erhält das Kloster erhebliche Privilegien, die seine Einkünfte deutlich steigern, darunter die Bestätigung einer später Lendit genannten Messe für alle Zeiten.

Von klösterlicher Seite wird in diesen Zeiten ein Dokument gefälscht, in welchem Karl ("der Große") allen Leibeigenen ihre Freilassung garantiert, wenn sie dem Heiligen vier Goldstücke abliefern. Zudem sollen alle seine Nachfolger in der Abteikirche beerdigt werden. Außerdem heißt es nun, Karl der Kahle habe St. Denis einen Nagel aus dem Kreuz der Dornenkrone Jesu gestiftet. Damit erhält das entstehende Reich der Franzosen nicht nur einen neuen "National"heiligen, sondern auch mit Carolus Magnus einen weltlichen Fixpunkt.

 

Die zu Franzosen werdenden Menschen der noblen Oberschicht im nördlichen Westfranzien betrachten sich selbst längst als einzige Erben der Franken und zunehmend als Mittelpunkt lateinischer Zivilisation. In seinem 'Cligès' schreibt Chrétien von Troyes:

Das haben uns unsere Bücher gelehrt, / dass die erste Blüte der Ritterschaft / und Bildung in Griechenland entstand. / Und dann kam die Ritterschaft / und die gesamte Bildung nach Rom, / die nun nach Frankreich gewandert ist. / Gott gebe, dass sie dort bleibt / und der Ort ihr so sehr gefällt, / dass Frankreich nie mehr die Ehre und den Ruhm / verliert, der sich dort niedergelassen hat. (vv).

 

In wieweit das in dieser Zeit bereits auf das Volk als die große produktive Mehrheit durchschlägt, ist noch kaum nachzuvollziehen.

 

Das, was viel später einmal sich in Nationalismus im Vollbild verwandeln wird, gibt es nicht nur zwischen Franzosen und Deutschen, sobald sie sich deutlicher als solche verstehen, sondern auch zwischen Engländern und Franzosen und Engländern und Deutschen. Dabei reiben sich Menschen aus im Prozess der Zivilisation weiter fortgeschrittenen Völkerschaften auch immer wieder am Kaisertum "deutscher Nation". So schreibt Johann von Salisbury Mitte des zwölften Jahrhunderts in einem Brief:

Wer hat die Deutschen zu Richtern über die Nationen bestellt? Wer hat diesen dummen und aufbrausenden Menschen Autorität verliehen, nach ihrer Willkür den Fürsten über die Häupter der Menschenkinder zu setzen? Fürwahr, dies hat ihr Wüten schon allzu häufig versucht, doch wurde es ebenso häufig durch Gott gezüchtigt und verwirrt und schämte sich seines Unrechts. (Brief 124 in Rexroth, S.243)

 

Dass Deutsche als Fremde unter dem Vorwand des Kaisertums seit dem zehnten Jahrhundert in regelmäßigen Abständen in die italienische Halbinsel einfallen, beginnt im 11. Jahrhundert langsam als Fremdherrschaft angesehen zu werden, und Deutsche sind dann unter den Staufern deutlicher Fremde im Land. 1177 sollen die Abgesandten der Lombarden Papst Alexander III. gesagt haben, universa Italia stehe gegen den Kaiser und man trete für honor et libertas Italie ein. Italia steht hier für die Italiener des Nordens, genauer für die Stadtstaaten dort.

Diese ethnische Komponente von Kriegen wird sich immer weiter verstärken, und Juni 1241 kann dann Friedrich II. an den König von Ungarn schreiben: Krieg gegen die Lombarden findet statt unter Verströmung deutschen Blutes (…) und mit Hilfe deutscher Schwerter (Heinisch, S.510).

 

Es ist die oft gewalttätige Konfrontation, die im Anderen das Fremde hervorhebt und so das Eigene erkennt. Da verbindet sich Ablehnung von Fremdherrschaft bei denen, die nun immer deutlicher zum Volk neuen Types werden, mit der Propaganda der Mächtigen da oben, die sie zunehmend nun für ihre Interessen einsetzen. Wenn Konstanze dann die von den Staufern nach Sizilien geholten Deutschen fortschickt, dürfte das bei Menschen dort auf Zustimmung gestoßen sein.

Dass die allmählich hergestellte Volkszugehörigkeit auch auf den Gewalttaten der Mächtigen beruht, lässt sich an der Zweiteilung dessen, was geographisch die italienische Halbinsel ist, sehr gut erkennen. Das Königreich beider Sizilien umfasst Süditalien und die Insel und von ihm blickt man auf einen Norden, der als Italien bezeichnet wird. Jedenfalls gehören oft das Königreich bzw. die Königreiche beider Sizilien nicht dazu, spricht man dort auch eine etwas andere Sprache als im Norden

Norditalien wird oft mit Lombardia gleichgesetzt, aber manchmal heißt auch das ganze Gebiet nördlich der Toskana Italia. Oft ist aber wie bei Romuald von Salerno mit Italia auch das ganze Reichsitalien gemeint, selbst wieder ein sehr unklarer heutiger Begriff.

 

Wenn in unserem Text von deutschen Landen und nicht von Deutschland die Rede ist, dann deshalb, weil sich die Vorstellung von einem solchen erst langsam herausbilden wird. 

Deutsch ist die Sprache bzw. der Oberbegriff für die Sprachen, die in deutschen Landen gesprochen werden. Aber noch Mitte des 12. Jahrhunderts gibt es für den belesenen Bischof Otto von Freising, Verwandten des Kaisers, kein Deutschland, sondern es ist weiter das Frankenreich, und dessen Raum westlich bis zum Rhein ist weiter Teil Galliens. Ottos Schriftsprache wie die fast aller außer den für Fürsten arbeitenden Dichter ist weiter das Lateinische.

 

Otto von Freising nennt Deutschland gelegentlich Germania und meint damit den Herrschaftsbereich eines deutschen Königs, woraus die Engländer später Germany entwickeln, und die Italiener Germania, aber er ist sich der Unsicherheit in den Benennungen durchaus bewusst. So schreibt er in den Gesta I,8:

Nach jenem Lemannfluss (dem Genfer See …) heißt jene ganze Provinz Alemannia. Daher glauben manche, das danach die ganze teutonicam terram Alemannien benannt ist, und pflegen alle Deutschen Alemannen zu nennen, während nur jene Provinz, dass heißt Suevia, nach dem Lemannusfluss Alemannia heißt und allein deren Einwohner Alemannen genannt werden.

Das wird die Franzosen dann aber nicht daran hindern, von Alemagne zu reden und die Spanier von Alemania, wenn sie von Deutschland reden.

 

Für Otto von Freising herrscht König Heinrich I. noch einerseits in orientali Francia, also im östlichen Frankenland, und ist damit zugleich Herr über ein regnum Germaniae. (Chronik, S.460). Deutsch ist ein vulgärsprachliches Wort und des Lateinischen nicht würdig und so sind die Deutschen denn auch im lateinischen Text Germani (s.o.). 

 

Für den Freisinger Bischof hat Otto I. die Kaiserwürde an die Teutonicos orientales Francos gebracht (Otto, Chronik S.456), wobei es dasselbe Reich (regnum) bleibt, auch wenn die Herrscher nun "eine andere Sprache" (lingua) sprechen als die fränkischen Karolinger. Und nicht ganz klar ist für ihn auch, ob die Eroberung "Italiens" durch den großen Otto das regnum Romanorum nun den Teutonicos neuerdings oder den Francos wieder überträgt (Chronik, S. 464).

 

Als dann 1025 Konrad II. das Königsamt der östlichen Franken antritt, kann er erklären,

dass er von mütterlicher Seite von den bedeutendsten gallischen Fürsten abstammte, die dem alten Stamm/Geschlecht (stirpe) der Trojaner entstammten und vom heiligen Remigius getauft worden waren (Chronik, S.472).

Damit war die französische Vornehmheit, wie sie dort proklamiert wird, hinreichend konterkariert. Und entsprechend dieser Tradition ist dann auch ein Krieg des Reiches unter Konrad III. gegen die Sachsen 1141 noch plausibel, die sich möglicherweise in den Augen mancher noch nicht hinreichend integriert haben.

 

Aber in vielen damaligen literarischen Texten sehen sich Deutsche bereits als Gemeinschaft, auch wenn diese nicht klar definiert wird. Solche zwar höfisch konzipierte Dichtung wird aber von Rittern oder unteradeligen Kreisen geschrieben. 

Bei Etzels Turnier im Nibelungenlied sind die tiuschen geste kämpferisch (22,1351), deutsch taucht aber hier nur an dieser Stelle auf. In Wolframs 'Parzival' ist von tiuscher erde ein ort die Rede (P1,4) Vor Kanvoleis lagern unter anderem die stolzen Alemâne (P2,67, das Wort ist allerdings wohl auch dem Reim geschuldet). Auf deutsch sagen heißt tiuschen sagen (P6,314), man hat seine lantsprâche (Tristan12,8701 / T15,10874). Francrîche taucht in diesen literarischen Texten ebenfalls als fester Begriff auf (P9,455), man ist nicht mehr Westfranke, Franzosen sind Franzois (P1,37). Soviel für die Zeit um 1200.

Für den deutschen Autor des Nibelungenliedes haben die Völker unter Etzel jeweils ihre site, nach der sie leben (22,1336), unter denen eine die hunnische site ist (23,1386). Stämme/Völkerschaften sind also nicht nur nach der Sprache unterschieden, sondern auch nach ihren Lebensformen, den Gebräuchen, bei Chrétien de Troyes la costume (Erec 38) und die usages (E1761). Dabei werden im angedeuteten neuen Volksbegriff Land und Sitte miteinander verbunden zur site von ir lant (31,1861) mîn lantsite, zum Landesbrauch (T4,2828).

 

Im deutschen Sprachraum des Mittelalters gehören Volk, Reich und Land zusammen, aber da sie noch nicht in klare Rechtsformen einer Staatlichkeit gegossen sind, weicht ihre Bedeutung je nach Kontext und zivilisatorischer Entwicklung ab. Dazu genügt ein Blick in die deutschen Heldenromane um 1200.  Das rîch ist im Kern der Machtbereich eines Herrschers, denn reich und mächtig fallen oft zusammen. Noch um 1200 ist das so.  

Rîch ist auch das Kaiserreich, in Wolframs 'Parzival' sind die vürsten ûz sîme rîche die Reichsfürsten (P14,683). Rîch kann aber auch wie im Nibelungenlied identisch sein mit lant (3,80) als Königreich (14,812), und das ist dann auch schon mal mit einem Stamm identisch, so das es dann heißt: Burgonden, sô was ir lant genant.(1,3). Burgonden lant (3,60) ist Gunthers lant (3,57), beides ist identisch, Herrschaft, Reich, Land und Stamm/Volk.

Wo es eines (einzigen) Herrschers ermangelt, wird das Land im Nibelungenlied von den Leuten her benannt: Die Burgunden ziehen durch der Beyer lant (26,1597) und die von Beyerlande werden von Hagen besiegt (26,1613). In Wolframs 'Parzival' tritt aber eine weitere Variante auf. Wo man kein Stammesvolk namhaft machen kann, tritt ein geographischer Begriff auf, und  so ist daz lant genennet Stîre die Steiermark (P2,9,499).

 

Erst im zwölften Jahrhundert taucht dann auch ein Dûtisce rîche auf, ein volkssprachlicher Versuch, etwas aus dem offiziell so heißenden „römischen Reich“ herauszulösen.

Um 1200 sind lant und liute unter Herrschaft so verschmolzen, dass sich daraus ein neuer Volksbegriff wird entwickeln können, so unklar, wie er eben sein wird, und er wird dennnoch die Vorstellung von einer Abstammungsgemeinschaft oft aus der Stammesvorstellung herleiten. Siegfried spricht so im Nibelungenlied von mîns vater lant (3,105), und Kriemhild sieht Männer von ir vater lande (27,1713), also aus Burgund. Das ist noch nicht das neuzeitliche Vaterland, sondern der Herrschaftsbereich des Vaters, aber es wird sich dazu entwickeln. Wo Land und Volk zusammengehören, ist der lantman der Landsmann (P9,434 / T7,3935) und  mîn lantgesinde sind meine Landsleute (T12,8860).

Im Altfranzösischen liegen die Dinge natürlich anders. Bei Chrétien taucht wenige Jahrzehnte zuvor terre als Reich auf (Erec2725), und so eines ist auch Alemaigne (E6590).

 

Inzwischen tritt aber das Land auch als Gegensatz zur Stadt auf. In Wien kommen nicht alle Recken in der Stadt unter, viele müssen in daz lant Herberge nehmen, also auf dem Lande (Nibelungenlied 22,1360). Beim Reisen geht es über lant unde velt (NL22,1375). Bei Passau gibt es recken von dem lande (NL21,1294), also nicht aus der Stadt. Natürlich ist das Land auch Gegensatz zum Wasser und es bezeichnet zudem unabhängig von Menschen und Machtverhältnissen eine Gegend: Wein gibt es so in dem lande al umb den Rîn (NL20,1184).

 

In einer weiteren Entwicklung ist Volk längst in einer anderen Bedeutung die unterschichtige Masse der Menschen. In den 'Gesta' Ottos von Freising wird Abaelard bedrohlich, weil homo ille multitudinem trahit post se et populum, qui sibi credat, habet. Die Menge und das Volk stehen zwar nebeneinander, die ersteren zieht er hinter sich her und letztere glauben ihm, aber das ist wohl Rhetorik geschuldet. Da nun aber die meisten Leute Untertanen sind, sinkt der Volksbegriff immer mehr zu diesen hinab und bekommt einen verächtlichen Beigeschmack.

 

 

Späte Zivilisierungen: Kelten, Germanen und Slawen

 

Kulturen, also durch Tradition und geringe und wenig institutionalisierte Machtstrukturen geprägte Gemeinschaften, werden uns vor der Kolonisierung Nordamerikas und des pazifischen Insel-Raumes erst schriftlich vermittelt, wenn sie bereits im Kontakt mit Zivilisationen stehen und durch diese beeinflusst sind. Das betrifft schon die Germanen jenseits des römischen Imperiums und dann noch die Sachsen vor ihrer blutigen Unterdrückung unter die Herrschaft des großen Karl. Die Archäologie hilft da nur geringfügig weiter. Grundsätzlich hat bei Kelten, Germanen und Slawen für unsere Zeit bereits ein Ansatz der Zivilisierung durch Einflüsse von außen und interne Vorgänge der Machtergreifung stattgefunden. Dazu kommt nicht selten langsame Eroberung von außen.

Was neben dem offenen Gewaltcharakter von Zivilisierung geschieht ist die damit verbundene sich langsam einschleichende und von oben geförderte Kapitalisierung der Wirtschaft. Auf die zunehmend verbriefte Einführung des Eigentums an Grund und Boden und die daraus resultierende Privatisierung der (Verwandtschafts)Beziehungen zwischen den Menschen, deren gesellschaftsbildender Charakter dabei verloren geht, folgen der Ausbau von Marktwirtschaft, Kommerzialisierung und ein sich ausweitender Konsumsektor, die zunehmend auch als attraktiv erlebt und genutzt werden

 

Neben die gewaltsam von oben und außen durchgesetzte Zivilisierung tritt so die Attraktivität von Zivilisation. Der Preis ist zunehmende Untertänigkeit und Entrechtung, - zusätzlich zu "natürlichen" Zwängen.

Dabei ist es aber sinnvoll, nicht in eine Idealisierung des "Natürlichen" oder "Kulturellen" zu verfallen. Die nordeuropäischen Viehzüchterkulturen zum Beispiel mit ihrer Vermischung von Raub und Handel waren tendenziell bereits gewalttätig, es herrschte ein starker Konkurrenzdruck um die Macht, neben den vielen Freien, die Gemeinschaften und Gesellschaften prägten, gab es mehr oder wenige Unfreie bis hin zu Formen von Sklaverei.

Das Unheil, welches Zivilisierung durch die letzten Jahrtausende über die Menschheit und ihre natürlichen Lebensgrundlagen bringt, löst keine auch nur ansatzweise paradiesischen Zustände ab. Aber Zivilisierung lässt das Unheilspotential immer weiter wachsen und das Potential zu einer anderen Entwicklung bald völlig ersticken. 

 

Da die Kelten insbesondere in Wales, aber auch in Irland und in geringerem Maße in Schottland sich lange gegen die angelsächsische und anglonormannische Unterjochung und Überfremdung wehrten und dabei ihre Eigenheiten auch schriftlich zu formulieren begannen, wissen wir wenigstens aus ihrer Übergangszeit hin zur Zivilisation über sie etwas mehr.

 

Durch die seit der römischen Invasion in Wellen laufenden Angriffe sehr unterschiedlicher Art scheint sich ein gewisses Gemeinschaftsbewusstsein der britischen Kelten gebildet haben. Dabei haben sie innerhalb der großen keltischen Sprachfamilie unterschiedliche Sprachen in Irland, Wales, Cornwall und einem zukünftigen Schottland ausgebildet. Auch die Verhältnisse in den vier Großregionen sind verschieden so wie auch Art und Grad der Überfremdung von außen.

Cornwall verliert nach der angelsächsischen Einwanderung nach und nach seine keltischen Eigenheiten und wird als erstes in ein englisches Großreich des frühen Mittelalters eingegliedert. Bis 875 ist noch ein kornischer König dokumentiert. Die blutige Anglisierung durch Enteignung und Etablierung einer angelsächsischen Schicht von Grundbesitzern wird unterstützt durch die angelsächsische Überformung der keltischen Kirche durch "englische" Geistlichkeit. Der nächste Schub von Enteignung und Überfremdung geschieht nach der normannischen Eroberung. Die kornische Sprachgrenze zum Englischen verschiebt sich kontinuierlich vom 13. bis zum 18. Jahrhundert von Nordwesten nach Südosten, um dann auszusterben.

 

In Ansätzen von Zivilisierung hat sich bei den Kelten früh ein kleinräumiges Häuptlingstum entwickelt, welches sich dann mit dem Königtum im lateinischen Abendland entsprechenden Titeln schmückt. Auf der irischen Insel gibt es etwa 150 , die jeweils einem Stamm, tuath, angehören, der sich wiederum in mehrere Verwandschaftsverbände aufteilt. Die Macht dieser Häuptlinge ist aber gering. Gelegentliche Versuche, eine Art Oberhoheit zu gewinnen, scheitern schnell.

 

Das durch Gebirge zerklüftete Wales ist wie Irland zunächst ebenfalls durch nicht territorial definierte von solchen Häuptlingen angeführte Personenverbände bestimmt, also vorzivilisatorische Vorstellungen jenseits des römischen Rechtes. Wie schon bei den noch nicht zivilisierten Germanen ist das Land im Kern im Gemeinbesitz des ideellen Verwandtschaftsverbandes, was überall nördlich der Alpen dadurch gefördert wird, das dieser Verband der Freien seinen Wohlstand in hohem Maße auf Viehbesitz gründet.

 

Im späteren Schottland entwickelt sich Zivilisierung etwas anders. Zunächst in die im Norden siedelnden Pikten und die aus Irland stammenden und gälisch sprechenden Scoten geteilt, die im neunten Jahrhundert locker durch ein von einer scotischen Dynastie gestelltes Königtum vereint werden, welches sich zunächst noch Königtum der Pikten nennt. Tatsächliche dauerhaftere Herrschaft wird zunächst nur in den Lowlands hergestellt, während Highlands und Inseln im Westen fast unzugänglich sind. Letztere sind unter skandinavischen und irischen Häuptlingen aufgeteilt. Im entstehenden Schottland wird ein sich zunehmend an anglonormannischen Vorbildern orientierendes Königtum zum Motor von Zivilisierung.

 

Die Zerstörung des keltischen Wales beginnt nach der normannischen Eroberung mit der Einrichtung von drei Grenzmarken (später: marches) im Osten, den Grafschaften von Hereford, Shrewsbury und Chester, wie die Orte später heißen. In den nächsten Jahrhunderten werden die später Earls genannten und sehr selbständig herrschenden Grafen durch die Errichtung von Burgen und Marktstädten (boroughs), Verleihung von Land an Vasallen, durch Einführung des anglonormannischen Kirchensystems und Zuwanderung aus England dort eine am Ende vollständige Anglisierung unter anglonormannischen Vorzeichen erreichen, allerdings mit eigenem Recht, weder walisischem Gewohnheitsrecht noch anglonormannischem common law.

Während der Thronwirren unter Stephan und Mathilde gewinnen einzelne Häuptlinge die Kontrolle über ein sich in drei Regionen teilendes Rest-Wales mit Gwynned (Nordwesten), Powys und Deheubarth. Diese versuchen wiederum, gegeneinander die Oberhoheit zu gewinnen und gelegentlich unter einem von ihnen die englische Oberhoheit abzuschütteln. 1282 scheitern solche Versuche endgültig.

 

Eine Mittlerstellung im 12. Jahrhundert nimmt Geoffrey von Monmouth ein, der aus einer dortigen anglonormannischen Kolonistenfamilie stammt und erst Magister in Oxford und dann Bischof von St.Asaph wird. Wohl ganz im Sinne seines Förderers, des Earl of Glouvester und Lord von Glamorgan, eines illegitimen Sohnes von König Henry I., phantasiert er sich eine ruhmreiche Geschichte der keltischen Briten insbesondere unter einem König Artus zusammen, der ein mächtiges Großreich beherrscht habe. Die anglonormannischen Herrscher führen, so impliziert er, dessen glorioses Reich weiter. Er fördert so mit einem romantisierenden Keltentum walisisches Selbstbewusstsein, ohne aber den substantiellen Erhalt seines kulturellen Erbes zu wollen.  

 

Die "Anglisierung" der Küsten- und Talregionen geht von englischen Zwingburgen aus, zu deren Besatzungen sich englische und flämische Handwerker und Händler gesellen. Von dort strahlt der Einfluss der Vorstellungen und Einrichtungen einer fortgeschritteneren Zivilisation ins keltische Gebiet aus. Als größere Stadt jenseits der Marken kann aber bis ins 13. Jahrhundert nur Cardiff mit gut 2000 Einwohnern gelten.

 

Zur Anglisierung der weltlichen Strukturen kommt die der geistlichen. Ein wenig wie auf der Insel der Iren waren zunächst mönchische Gemeinschaften (clasau) und zentrale Kirchen eng verbunden, Äbte waren des öfteren zugleich eine Art Bischöfe. "Die Kanoniker teilten zwar ein gemeinsames Einkommen, lebten aber wie Weltgeistliche  und waren oft verheiratet; sie vererbten ihre Klerikerstellen deshalb auch auf ihre Söhne." (Borgolte, S.124) Immerhin waren diese Institutionen Zentren eines lateinischen Christentums und der Tradierung antik-römischer Texte.

 

In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts wird die walisische Kirche dem Erzbistum Canterbury unterstellt und in vier Diözesen unterteilt. Die walisischen Bischöfe werden nun geistliche Vasallen der englischen Könige. Von oben bis in die Pfarreien hinein wird auch so ein weiterer Schub der Zivilisierung im Verlaufe der nächsten Jahrhunderte durchgesetzt. Tief eingreifend in den Alltag wird die langsame Durchsetzung einer lateinisch-christlichen Sexualmoral: Die relativ einfache Auflösung gescheiterter Ehen wird ebenso als sündhaft angeprangert wie die Gleichstellung unehelicher mit ehelichen Kindern.

 

Auch in Irland wird Zivilisierung über eine von außen eingeleitete Christianisierung der Sexualität und die Bindung von Macht an den individuellen Besitz von Land bzw. der Verfügung darüber durchgesetzt, was vor allem auch durch partielle Eroberung und Kolonisierung durch Skandinavier und dann Anglonormannen und die davon ausgehenden Einflüsse geschieht. 

Überall, wo diese die Verhältnisse nicht durchgreifend ändert, gelingt es zum Beispiel nicht, eine konsequente Monogamie durchzusetzen

 

Zwar gibt es wie etwas später in Wales auch eine Regionalisierung der Machtverhältnisse, die die Insel in Ulster, Leinster, Munster und Connacht aufteilt, aber die Schwäche des Häuptlingstums im Unterschied zu englischem Königtum führt wie in Wales zu keiner überregionalen Herrschaft. Ähnlich wie Geoffrey von Monmouth für Wales entwickeln so irische Geschichtserzähler schon im 11. Jahrhundert ein legendäres und ruhmreiches irischen Königtum von Tara. 

 

Etwa in derselben Zeit, in der Wales der englischen Kirchenorganisation unterworfen wird, erhält auch Irland eine solche nach römischem Muster mit Bischöfen und Diözesen und Klöstern nach kontinentalen Vorbildern. Damit kann der Kampf gegen das aufgenommen, was in Irland wie in Wales vom lateinischen Christentum als sexuelle Freizügigkeit bzw. Unmoral angesehen wird: Häufige Scheidungen bzw. das eigenhändige Verstoßen unliebsam gewordener Ehefrauen insbesondere in den Kreisen der Reichen und Mächtigen, Polygamie dort, wo man es sich leisten kann und fehlende Diskriminierung unehelicher Kinder.

 

Der kirchlichen Durchdringung Irlands geht unmittelbar die Eroberung der Südosthälfte der Insel  durch die Anglonormannen/Engländer voraus, welche die Iren auch schon mal Sachsen nennen. Voraus gegangen war der Versuch von Diarmait Mac Mucharda, mit Hilfe von walisischen und flämischen Söldnern und des Earls of Pembroke ("Strongbow") ein irisches Hochkönigtum zu errichten. Nun greift König Henry II. ein und erobert in den 70er Jahren des 12. Jahrhunderts mit einer Flotte von rund 400 Schiffen große Teile der Insel. Er erklärt sich zum Herrn von Irland und behält Wexford, Waterford und Dublin für die Krone. 1077 macht er Sohn John zum Lord of Ireland. Barone der Welsh Marshes wie Strongbow erobern für sich Leinster bzw. Hugh of Lacy Meath. Die irischen Herrscher werden abgedrängt. Eine Infrastruktur von Orten, Straßen, Brücken und Burgen soll der Ausbeutung des Landes dienen.

1187 erkennt der Papst ein Königreich Irland an, welches der König seinem Sohn John anvertraut.

Die Königsmacht in Irland bleibt aber schwach, weniger wegen der Autonomie der übrigen keltischen Teilfürstentümer, sondern einmal wegen der bald einsetzenden Abwesenheit der anglonormannischen Könige und zum anderen wegen der zunehmenden Macht "englischer" Barone auf irischem Boden. Immerhin zieht die englische Krone erhebliche Summen aus dem Land.

 

Im 13. Jahrhundert beginnen diese Barone durch systematische Ansiedlung von Engländern eine über die kirchlichen und weltlichen Machtstrukturen hinaus gehende ethnische Anglisierung. Heimische Iren werden von den weltlichen und geistlichen Ämtern zunehmend ausgeschlossen, was sogar Papst Honorius III. zu heftigem Protest und zum eher vergeblichen Eingreifen eines Legaten bewegt.

 

Zwischen der englischen und der schottischen Krone wechselt die Beziehung zwischen Partnerschaft und kriegerischem Konflikt, wobei die schottischen Könige erkennen, dass die Strukturen der römischen Kirche, des kontinentalen Klosterwesens ebenso ihrer Machterweiterung dienen wie eigener Burgenbau, durch Lehen und Vasallität begründetes Militär und die Förderung der Anlage von Städten und die Privilegierung von Markt und Handel samt eigener königlicher Münze. Die Städte sind Momente einer durchgreifenden Überfremdung, nicht zuletzt auch, weil in ihnen Engländer, Flamen und Nordfranzosen angesiedelt werden, die ihre Gewerbe von der Tuchproduktion bis zu Metallgewerben mitbringen.

Übernommen wird auch eine Hofhaltung, wie sie im anglonormannischen Reich und auf dem Kontinent üblich geworden war.

 

Im selben 12. Jahrhundert wie in Wales und Irland wird die römische Kirchenorganisation durchgesetzt und die mit ihr verbundene Sexualmoral, die sich auch hier gegen die Auflöslichkeit der Ehe, die Polygamie, Priesterehe und laschen Gebrauch der Sakramente wendet. In dieser Zeit beginnt auch die Einführung des Kirchenzehnten in nun eingerichteten Pfarrbezirken, Vorläufer aller späteren weltlichen Steuern. Zudem beginnt der Import kontinentaler Klosterformen.

Dieser von den schottischen Königen zwecks Machtsteigerung vorangetriebene Prozess der Zivilisierung führt so einmal zur mal größeren, mal geringeren Unabhängigkeit Schottlands, andererseits aber zur Überfremdung durch die eigene Krone selbst. Diese gelingt aber bis durchs späte Mittelalter vor allem im Kernland der Lowlands, während die Highlands, der große Norden und die Inseln im Westen ihr keltisches Wesen und ihre skandinavischen Einflüsse behalten und nur unter eine lockere Oberhoheit geraten.

 

 

Die Betrachtung der späten Zivilisierung der Nordgermanen (und zudem der Lappen/Samen und Finnen) Skandinaviens wird dadurch erschwert, dass hier der inzwischen etwas zivilisierte Nachbar Norddeutschland mit einer gewissen Schriftlichkeit klerikaler und mönchischer Kreise entfernter ist und auch nicht durch Eroberung Kenntnis von den nördlichen Nachbarn gewinnt. Mit dem Danewerk und der Ostsee ist Skandinavien recht umfassend vor fremden Völkern geschützt.

Mehr noch als einst die germanischen Lande östlich des Rheins und nördlich der Donau waren diese Nordgermanen und ihre nördlichen und östlichen Nachbarvölker von römisch-imperialem Einfluss abgeschottet und bleiben dies auch zunächst von den Reichsbildungen im Süden und Westen, soweit sie nicht selbst wie in Britannien daran teilhaben. 1104 schottet sich mit Lund eine skandinavische Kirchenprovinz von Hamburg/Bremen ab.

 

Dann ist es das nächstgelegene Dänemark, welches als erstes im 11. Jahrhundert Königtum und Christentum mit seiner römischen Kirchenorganisation aus dem Süden übernimmt. Mächtig wird dies Königtum unter Waldemar I. (1157-82), der seinen Sohn Knut als Mitkönig durchsetzen kann. Waldemar erobert 1168 Rügen, Knut VI. um 1185 die Küsten von Mecklenburg und Pommern, und Waldemar II. 1203 Holstein mit Hamburg und Lübeck. 1227 wird das Großreich in der Schlacht von Bornhöved zerstört.

 

Gotland bleibt vorläufig ohne Herrschaft und steigt insbesondere auf, nachdem heidnische Slawen das schwedische Sigtuna zerstört haben (Jakobs, S.59). 1180 gründen Gotländer den Olafshof in Nowgorod mit deutschen Gästen. Um 1200 besteht Visby aus einer gotländischen und einer deutschen Gemeinde.

 

Kurz darauf folgt Norwegen, wo sich das Christentum etwas mühsamer durchsetzt. Ein gemeinsames Königtum der Svear und Götar kommt mit der Herausbildung eines "Schwedens" und einer Diözesan-Organisation erst im 12. Jahrhundert im Kampf zwischen Swerker I. und Erich ("dem Heiligen") durch und vereinnahmt dann die finnischen Volksgruppen nebenan. Von der Rus aus werden Samen und Karelier schließlich orthodox christianisiert.

 

Was die Nordgermanen verlieren, beschreibt Adam von Bremen für das ausgehende 11. Jahrhundert am Beispiel der zentralen Kultstätte der Svear in Alt-Uppsala mit eingestreuten Übertreibungen dessen, der das nur vom Hörensagen her kennt, aber immerhin in Dänemark war und dort Berichte aus oder über Schweden erhalten hat. Die Übersetzung nordgermanischer Verhältnisse in antik-römische und lateinisch-christliche ist unübersehbar, wenn Adam von Tempeln (gar goldenen!) statt eher einfachen Kultstätten spricht und von Königen statt Häuptlingen . Die im Vergleich zur Kirche recht geringe Macht der "Priester" als Durchführer des Opfers bleibt implizit ebenso wie die Tatsache, dass die Opfer keine Abgaben an Menschen, also Priester sind, sondern an die Vertreter der Naturmächte, und wie die weitere, dass an sich üblicherweise diese Opferkulte sehr dezentral sind.

So heißt es an anderer Stelle bei Adam :

Die Opferfeier geht folgendermaßen vor sich: von jeder Art männlicher Lebewesen werden neun Stück dargebracht; mit ihrem Blute pflegt man die Götter zu versöhnen. Die Leiber werden in einem den Tempel umgebenden Haine aufgehängt. Dieser Hain ist den Heiden so heilig, dass man glaubt, jeder einzelne Baum darin habe durch Tod und Verwesung der Schlachtopfer göttliche Kraft gewonnen. Da hängen Hunde, Pferde und Menschen; ein Christ hat mir erzählt, er habe 72 solche Leichen ungeordnet nebeneinander hängen sehen. Im übrigen singt man bei solchen Opferfeiern vielerlei unanständige Lieder, die ich deshalb lieber verschweigen will.

 

Die Einrichtung von periodischen Versammlungen vor allem der Großen in Thingen fördert ein Wahlkönigtum. In Thingen "wurden Erbangelegenheiten, und Eigentum an Grund und Boden geregelt, Sklaven freigelassen, politische Debatten geführt , soziale Kontakte jeder Art gepflegt, einschließlich des Kaufs und Verkaufs von Alltagswaren, nicht zuletzt aber auch sportliche Wettkämpfe abgehalten und religiöse Kulte" gepflegt. (Borgolte, S.157). Hier werden auch Könige gewählt bzw. bestätigt, und in einigen werden Gesetze erlassen, weswegen die Könige versuchen, diese unter ihre Kontrolle zu bringen. Damit werden sie nach und nach, am spätesten in Schweden, zu Zentren von Verwaltungseinheiten, aus denen dann auch oft Städte hervorgehen. 

 

In Dänemark und Norwegen wird in diesem Prozess der Zivilisierung die Kirche größter Landbesitzer, während in Schweden Bauern bis tief ins späte Mittelalter noch über die Hälfte des Landes verfügen und Finnland weiter im wesentlichen bäuerlichen Grundbesitz kennt. Langsam entwickelt sich mit dem Königtum ein Adel.

 

Einen bemerkenswerten Sonderfall stellt Island dar, welches überhaupt erst ab 870 besiedelt wird, und zwar von kaum anzivilisierten Norwegern vor allem. Immer wieder auf Getreidelieferungen aus Norwegen angewiesen, entstehen auf dem kargen Land in Küstennähe vereinzelte Bauernhöfe und es kommt nicht einmal zur Konzentration in Dörfern, geschweige denn Städten. Mitgebrachte Sklaven werden im Verlauf der Zeit freigelassen, so dass die Isländer ein Volk von Freien sind, um die Jahrtausendwende bereits eine Seltenheit im Abendland.

 

Besonders wohlhabende und anerkannte Bauern erhalten eine Art schwachen Häuptlingsstatus dadurch, dass einzelne Bauern ihnen Aufgaben der Einberufung von Gerichtstagen und Festsetzung von Warenpreisen übertragen. (Borgolte, S. 212). Sich einem anderen gothi anzuschließen, stand jedem Bauern (bondi) jederzeit frei.

Mehrmals im Jahr berufen die Häuptlinge Thinge ein, auf denen vor allem Konflikte der Bauern untereinander geklärt werden sollen. Das Gewohnheitsrecht zielt dabei auf Kompromiss-Lösungen ab, Gerichtstage sollen also in strittigen Angelegenheiten vermitteln, wobei die Parteien im Kern immer selbst eine Lösung finden sollen und im Notfall eine Fehde bis hin zur Blutrache durchführen. Weder Grundbesitz, noch das Recht und auch nicht die Kulte vermitteln Herrschaft.

Auf dem wichtigsten Thing im Sommer wird nicht nur Gericht gehalten und werden Dinge von allgemeiner Bedeutung besprochen, sie sind auch Treffpunkt für Händler, Ort des Gedankenaustausches und des Anknüpfens von Ehen.

 

Die Zivilisierung beginnt um die Jahrtausendwende damit, dass der norwegische König für Island das Christentum durchsetzt, welches es in einzelnen Familien bereits gibt. Die Durchsetzung eines kontinentalen, kirchlich sanktionierten Christentums wird mehrere Jahrhunderte dauern. Zunächst gibt es selbsternannte Wanderbischöfe, im Verlauf des 11. Jahrhunderts sehen einzelne Häuptlinge mit der Annahme des Bischofsamtes die Chance, ihren Status zu erhöhen. Damit setzt eine Reduzierung der Zahl der Häuptlinge ein. Um 1100 wird ein Kirchenzehnter eingeführt, im 12. und 13. Jahrhundert wird dann nach und nach die Kirchenreform des 11. Jahrhunderts auf der Insel durchzusetzen. Aber bis ins 13. Jahrhundert sind Bischöfe und Priester verheiratet und haben eine Familie. Die christliche Version der Ehe braucht genauso lange, bis sie sich durchsetzt.

 

Im 13. Jahrhundert gelingt es dann den norwegischen Königen, die nunmehr vom Erzbistum Trondheim aus kontrollierte Kirche sich genauso unterzuordnen wie die wenigen verbliebenen Häuptlinge, die von ihnen lehnsabhängig werden. Jarle kontrollieren Island in ihrem Auftrag und sorgen dafür, dass zum Kirchenzehnten nun auch weltliche Abgaben an den König fließen. Ansonsten bleiben aber weite Teile des tradierten Gewohnheitsrechtes bestehen.

 

Die Kulturen anzivilisierter ostrheinischer Völkerschaften von Germanen sind bereits durch Integration in das Reich der Franken weitgehend zerstört worden. Was blieb waren die bäuerlichen Kulturen der Dithmarscher und Holsten. Diese zu zerstören sah Adolf von Schauenburg, unterstützt von Heinrich ("dem Löwen"), als vordringliches Ziel an. Helmold von Bosau, wie seine Kirche an der Zerstörung traditioneller Kulturen interessiert, schreibt dazu:

Viel Mühe gab er sich, die aufsässigen Holsten zu bändigen; das ist nämlich ein freiheitsliebendes, halsstarriges Volk, bodenständig und wild, das das Joch des Friedens nicht tragen wollte. Doch dieser Mann überwand sie mit Klugheit (...) Mit bezaubernden Gesängen kockte er sie heran, bis er diesen, ich möchte sagen: ungezähmten Wildeseln den Zaum übergeworfen hatte. (in: Ehlers, Heinrich, S.63)

Andere äußern sich noch grobianischer, aber der Grundtenor wird bis heute derselbe bleiben: Entweder Freiheit oder Friede, Friede ist Unfreiheit und Freiheit wird mit Krieg beseitigt.

 

Die Dithmarscher Bauern werden sich etwas länger halten. 1144 erschlagen sie ihren hohen Herrn, den Grafen von Stade. Als dann Heinrich ("der Löwe") sein Erbe antreten kann, wird er einen "Rache"feldzug starten und einen Grafen über Dithmarschen einsetzen, aber ohne dass der vorläufig viel ausrichten kann. Bis ins 16. Jahrhundert können sie ihre Freiheiten und ihr eigenes Recht auch militärisch verteidigen, auch nach Christianisierung, um dann allerdings auch ihrer Kultur beraubt zu werden.

 

 

Kelten, Germanen und Slawen sind Namen für indogermanische Sprachgruppen, die darüber hinaus auch gewisse andere Gemeinsamkeiten haben. Die slawische Völkerwanderung, die vielleicht von dem Gebiet zwischen Karpaten und Dnjepr ausgeht, liegt dabei so im Dunkel wie die Anfänge der germanischen, auf die sie folgt. Sie besetzt im Nordwesten Gebiete, welche Germanen verlassen haben, und überrennt im Süden solche des ehedem römischen Imperiums und solche Ostroms bis nach Griechenland.

 

Die Stämme und Kultverbände durchlaufen vorrangig Zivilisierung unter dem Einfluss von außen: Warägische Händler, Skandinavier, entwickeln Handelsposten zwischen Nowgorod und Kiew, die sich zu Städten entwickeln, und von solchen Städten aus entstehen die warägischen Fürstentümer der Rus, die zunächst die Gebiete freier Bauern kontrollieren.

Nordwestslawen bilden in Kernpolen, Böhmen und Mähren unter dem Einfluss der deutschen Lande Fürstentümer, die sich durch Ausweitung zu Königreichen entwickeln. Durch Kriege und später überwiegend deutsche Kolonisierung und Städtegründungen werden die Stämme zwischen Elbe und Oder zivilisiert und dem römisch-deutschen Reich eingegliedert.

 

Wenn bei indoeuropäischen Kulturen seit langem von Polytheismus die Rede ist, so ist das leicht misszuverstehen, da es sich dabei nicht um Götter von der Art derer von Juden, Christen und Muslimen handelt. Vielmehr wird in der Vorstellung die eine Kraft der Natur in ihren verschiedenen Aspekten gesehen. Dementsprechend kann Adam von Bremen über die später von Westen her kolonisierten Slawenstämme zwischen Elbe und Oder schreiben:

Bei all den vielgestaltigen Gottheiten, mit denen sie Fluren und Wälder, Leiden und Freuden beleben, leugnen sie doch nicht, dass ein Gott im Himmel über die übrigen herrsche; dieser Allmächtige sorge nur für den Himmel, die anderen aber gehorchten ihm im anvertrauten Pflichtkreise, seien aus seinem Blute hervorgegangen, und jeder von ihnen sei umso vornehmer, je näher er dem Gott der Götter stehe. (in: Borgolte, S.244) 

 

Da hinein geflochten ist der Versuch des Autors, diese Vorstellungswelt nicht nur mit der der römischen Antike zu analogisieren, sondern auch mit der der christlichen, um das alles für sich verständlich zu machen. Dabei unterläuft ihm sicher als Fehler der "allmächtige" Gott im "Himmel" mit seinen Verwandtschaftsbeziehungen. Einmal gemeint sein könnte der teilweise zumindest vorhandene zentrale Kult eines Stammes, der sich auf ein alle einigendes Kultobjekt konzentriert, zum anderen kann man vermuten, dass Adam nicht zwischen Kult und Mythos unterscheidet, da ja das Christentum eine Unterscheidung zwischen Messopfer und evangelischer Geschichte zwischen Passion und Himmelfahrt nicht erlaubt, die nicht als Mythos aufgefasst werden darf, und das ja auch nicht ist, sondern eine Art phantasierte Heiligenlegende.

 

Helmold von Bosau ist näher (an den Slawen) dran und trotz fragwürdiger Details der bessere Beobachter:

Außer Hainen und Hausgöttern, von denen Fluren und Ortschaften voll waren, wurden am meisten verehrt Prove, der Gott des Oldenburger Landes, Siwa, die Göttin der Polaben, und Radigast, der Gott im Gebiet der Abodriten. (...) Unter den vielgestaltigen Gottheiten der Slawen ragt Swantewit hervor, der Gott von Rügen; (...) darum opfern sie ihm zu Ehren alljährlich einen Christen, auf den das Los gefallen war. Sie schicken dorthin aus allen slawischen Ländern festgesetzte Abgaben zu den Opfern. (Helmold in: EhlersHeinrich, S.61)

 

Weiter östlich, am Mittellauf der Wolga, liest sich die Beschreibung einer Totenfeier von Rus-Kaufleuten, die einen Anführer bestatten, schon weniger nett. Sie stammt von 922 von Ibn Fadlan aus Bagdad. Eine junge Sklavin wird ausgesucht, mitbestattet zu werden. Sie wird alkoholisiert, dann begatten sie sechs ausgesuchte Männer in einem Zelt. Eine mit dem Totenkult besonders beauftragte Frau soll die Sklavin töten:

Zwei Männer fassten sie bei den Füßen, und zwei bei den Händen. Darauf legte die Alte , die man den Todesengel nennt, ihr einen quergezogenen Strick um den Hals und reichte ihn dann zwei Männern, die ihn an den beiden Enden zuzogen. Dann trat die Alte hinzu und hatte dabei einen breitspitzigen Dolch und begann, ihn ihr in die Rippen zu stoßen und herauszuziehen, und die beiden Männer würgten sie mit dem Stricke, bis sie tot war. (so in: Hansen, S.120)

 

Die traditionsgeleiteten, naturnahen und nur leicht anzivilisierten und noch stark Gemeinschaften bildenden Nordwestslawen, in manchem den Sachsen vor der Unterwerfung durch Karl ("den Großen") durchaus ähnlich, kannten noch ein weiteres Element des Miteinanders, welches unter Bedingungen von Zivilisierungen erheblich zurückgedrängt wird. Für 1156 berichtet Helmold folgendes über den von Adolf von Schauenburg unterworfenen Pribislaw anlässlich der Feier eines Epiphaniasfestes in Oldenburg:

Von den Slawen waren keine Zuhörer da außer Pribislaw und einigen wenigen. Als das heilige Amt vollzogen war, lud Pribislaw uns in sein Haus, das an einem fernen Ort lag. Dort empfing er uns eifrig bemüht und gab uns ein ansehnliches Gastmahl. Dort habe ich selbst erfahren, was ich vorher nur vom Hörensagen wusste, dass kein Volk, was Gastlichkeit anlangt, ehrenwerter ist als die Slawen. (1.83)

 

Wie die dänische und dann deutsche Zivilisierung von Slawen zunächst gelingt, zeigt das westliche Abodritenland. In Alt-Lübeck (Liubice) herrscht ein Fürst Heinrich, der offenbar eng mit Lothar III. (von Spplingenburg) verbündet ist. Nachdem der Slawenfürst und seine Söhne ermordet werden, zerfällt das Abodriten"reich" in mehrere Teile, und den Westen erobern die Grafen von Holstein und Ratzeburg. Derweil kauft um 1128 der Jarl von Schleswig

für schweres Geld das Abodritenreich (...) und der Kaiser setzt ihm eine Krone aufs Haupt, dass er König über die Abodriten wäre, und nahm ihn als Lehnsmann an. (Helmold, Slawenchronik, Kap.49)

 

Dieser Knut ist mit einer Nowgoroder Prinzessin verheiratet. Nachdem auch er ermordet wird, bemächtigt sich Lothar des Gebietes und lässt die Burg Segeberg errichten. Aber kaum dass Lothar 1137 stirbt, verwüsten Slawen Alt-Lübeck. Nachdem König Konrad das Herzogtum Sachsen an Heinrich ("den Löwen") vergeben hat, verleiht dieser 1142 Holstein und Wagrien an Adolf II. von Schauenburg, während sein Vorgänger dort zum Grafen von Ratzeburg wird.

 

1143 eingeladen von einem mächtigen Slawen, treffen Adolf von Holstein und sein Gefolge auf einen heiligen Hain der Slawen,

und es rief uns der Bischof auf, tüchtig zuzupacken und das Heiligtum zu zerstören. Es sprang auch selbst vom Pferd und zerschlug mit seinem Stab die prächtig verzierten Vorderseiten der Tore; wir drangen in den Hof ein, häuften alle Zäune um die heiligen Bäume herum auf, warfen Feuer in den Holzstapel und machten ihn zum Scheiterhaufen, in steter Angst, von den Eingeborenen überfallen zu werden. Doch Gott schützte uns. (Helmold, 1.84)

Abwechselnd verlangen Slawen, für die Konvertierung ihre alten Rechte zu behalten, oder aber sich den christlichen Zivilisatoren zu unterwerfen, wenn sie ihren alten Glauben behalten könnten. Aber die christlichen Krieger verlangen beides.

 

Graf Adolf baut die Siegesburg/Segeburg als Herrschaftszentrum wieder auf und unterstützt die Missionierung in seinem Gebiet. Diese wird flankiert mit Kolonisierung, wie Helmold von Bosau beschreibt:

Da das Land verlassen war, schickte er Boten in alle Lande, nämlich nach Flandern und Holland, Utrecht, Westfalen und Friesland, dass jeder, der zu wenig Land hätte, mit seiner Familie kommen sollte, um den schönsten, geräumigsten , fruchtbarsten, an Fisch und Fleisch überreichen Acker nebst günstigen Weidegründen zu erhalten (...) Darauf brach eine zahllose Menge aus verschiedenen Stämmen auf, nahm Familien und Habe mit und kam zu Graf Adolf nach Wagrien, um das versprochene Land in Besitz zu nehmen. (Helmold, S.211f)

 

Holsten siedeln nun zwischen Segeberg und Plön, Westfalen östlich von Segeberg, Holländer um Eutin, Friesen südöstlich davon. Slawen und Deutsche wohnen nebeneinander und ganz bleibt Slawen nur noch (zunächst) das Oldenburger Land überlassen.

 

Nach und nach erobert Graf Adolf das Gebiet (Wagrien) und gründet nahebei 1144 Lübeck neu. Von hier aus dehnt die Stadt dann ihren Einfluss in Richtung südliche Ostseeküste aus. Bistümer, Städte, Burgen strukturieren den Prozess der Zivilisation und damit den der Zerstörung gewachsener Kulturen. Die Sachsen machen mit den Nordwest-Slawen nun das, was ihnen einst von den Franken widerfahren war.

 

Das Gebiet zwischen Trave, Elbe und Oder ist einmal deutscher Siedlungsexpansion ausgesetzt und zum anderen der Gegenwehr anzivilisierter slawischer Stämme wie der Obodriten und der Heveller. Offenbar taucht immer einmal wieder in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts der Gedanke eines Kreuzzuges gegen die "heidnischen" Wenden auf, der 1147 in einem Aufruf Bernhards von Clairvaux gipfelt.

Ein Heer unter Albrecht ("dem Bär") zieht von Magdeburg aus in das Gebiet der Heveller und Liutizen los, ein zweites unter Heinrich ("dem Löwen") in das der Obodriten. In beiden Heeren sind hohe geistliche Würdenträger.

Slawische Kultstätten werden zerstört, wenig nachhaltige Zwangstaufen werden abgehalten und daran dann Herrschaftsansprüche der beiden Fürsten gekoppelt. Mehrere Bistümer werden wiederhergestellt (Havelberg, Brandenburg, Mecklenburg, Oldenburg), aber der machtpolitische Erfolg reduziert sich zunächst auf den kirchlichen Zugriff auf solche kirchliche Inseln. Erst in der Folge kommt es zu verstärkter Ansiedlung von deutschen Bauern.

 

Als Slawenfürst Niklot 1160 nicht auf einem Landtag in der Nähe von Lauenburg erscheint, beginnt Heinrich ("der Löwe") einen brutalen Verwüstungsfeldzug durch das Slawenland, der in der Tötung Niklots in einem Hinterhalt endet. Seinen Kopf bringen die Krieger ins Lager des Welfenfürsten. (Helmold 1.88) Große des Welfen werden dort nun auf Burgen verteilt.

 

1164 beteiligt sich Graf Adolf II. erneut an einem Feldzug Heinrichs ("des Löwen") gegen die aufständischen Söhne Niklots, die erst im Bündnis mit Waldemar von Dänemark besiegt werden können und in die Wälder fliehen. Heinrich erhält nun das ganze Abodritenland und die Lehnshoheit über slawische Fürsten von Demmin und Stettin. Das Gebiet von Wolgast fällt an Waldemar.

1163 gelingt Waldemar im nunmehr funktionierenden Bündnis mit slawischen Fürsten die Eroberung von Rügen mit der Zerstörung des Heiligtums der Ranen Arkona. Als der Dänenkönig nichts von der Beute abgeben will, ruft Heinrich die Slawenfürsten zum Kampf gegen ihn auf:

Man hat mir erzählt, dass in der Mecklenburg an einem Markttag siebenhundert gefangene Dänen gezählt wurden, alle verkäuflich, wenn nur Käufer genug dagewesen wären. (Helmold 2,109)

Nun werden auch Zisterzienser in größerem Umfang angesiedelt, die dem Werk der Zivilisierung einen neuen Schub hionzufügen.

 

Das Fazit, welches der Pfarrer Helmold von Bosau am Ende seiner Slawenchronik zieht, lautet so: Mehr als alle Herzöge vor ihm, mehr als selbst der gefeierte Otto, hat er die Kraft der Slawen gebrochen und ihnen den Zaum ins Gebiss geschoben. (2.109). Und:

Das ganze Gebiet (...) ist nun durch Gottes Gnade vollständig verwandelt worden, gleichsam in eine einzige Kolonie der Sachsen; dort werden Städte und Dörfer angelegt, dort vervielfacht sich die Zahl der Kirchen und der Diener Christi. (Helmold 2.110)

 

Im Süden sind die Karantanen seit dem 9. Jahrhundert einem Bajuwarisierungsprozess ausgesetzt.  Slowenen (Slavonen), Kroaten und Serben in Vermischung mit den Einheimischen bilden Völker aus, die auf ehedem oströmischem Gebiet siedeln. Erst in Kern-Griechenland, wo Slawen vor allem auf die Peloponnes einwandern, und in Ungarn können sich slawische Idiome nicht mehr durchsetzen.

 

Mit den Piasten in Polen, den Przemysliden in Böhmen und den Arpaden in Ungarn gelingt es Dynastien, über Jahrhunderte zu herrschen und auf diesem Weg Stammeskulturen zu zerschlagen. 

Mit den Piasten gelingt es einer mächtigen Familie aus dem Stamm der Polanen (um Posen), über diesen hinaus Herrschaft zu erweitern und neben militärischer Gewalt dabei Christianisierung und Kirchenorganisation einzusetzen. Aus den vielen Burgen lokaler Häuptlinge entwickeln sich Städte, unter denen Krakau als königliche Residenz hervorragt, während Prag zum Hauptort der Przemysliden wird, von wo aus Böhmen unterworfen wird. Die Westbindung beider Reiche wird durch die Ansiedlung vor allem auch deutscher Händler und Handwerker verstärkt. Dabei hinkt das böhmische Städtewesen hinter dem polnischen zunächst hinterher.

 

1109 kann Boleslaw III. die deutsche Lehnsherrschaft abschütteln, zwei Jahre später Böhmen besiegen und 1121 Pommern erobern. Über Erbteilung entstehen die Teilreiche von Schlesien (Breslau), Masowien/Kujawien, Großpolen (Posen) und Kleinpolen (Sandomir). Der Älteste soll zusätzlich Krakau erhalten. Den Gedanken an ein gemeinsames Reich erhalten Kirche und Adel.

 

Das Baltikum wird mit teils brutaler Gewalt christianisiert und in die lateinische Welt eingegliedert. Versuche der Christianisierung Livlands finden in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts gegen heftigen Widerstand statt. Ein Bistum Uexküll wird 1186 gegründet, aber da die Livländer (Esten und Letten) partout keine Christen werden wollen, stellt der Bischof ein Kreuzfahrer-Heer auf, welches 1198 in einer Schlacht militärisch siegt. Die folgende Zwangstaufe wird aber von den Menschen wieder zurückgenommen, sobald das Heer abgezogen ist. Bischof Albert gründet 1201 mit einer Bischofsburg das an der Düna und fast am Meer gelegene Riga, wohl schon seit Jahrzehnten eine Lübecker Handelsstation. Eine zweite Burg kommt dann an der Dünamündung hinzu.

 

Bis 1224 reist der Bischof immer wieder in deutsche Lande, um Kreuzfahrerheere anzuwerben, in denen Ritter ihrer Gewalttätigkeit religiös begründet frönen dürfen. Dazu gründet der kriegerische Bischof 1202 den Schwertbrüderorden, der auch gegen Russen und Litauer kämpfen muss. Zuerst wird das Dünatal erobert und mit einer Kette von Burgen versehen. 1236 scheitert der Orden allerdings gegen ein Heer aus Livländern und Litauern und wird in den deutschen Ritterorden bei einer gewissen Autonomie eingegliedert.

 

Die Prussen/Pruzzen sind ein baltisches Volk, dessen Ränder zu den Slawen zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert immer stärker von polnischen Fürsten eingenommen werden, bis sie fast ganz auf das spätere Preußenland zurückgedrängt sind. Dort gelingt es ihnen, sich gegen polnische Christianisierungsversuche erfolgreich zur Wehr zu setzen und zu Gegenangriffen überzugehen. Schließlich verhandelt der Herzog von Masowien, Vasall des polnischen Königs, um Hilfe. 1230 kommt es zu einer Übereinkunft: Der Orden soll das Kulmerland und alle noch nicht "zivilisierten" Pruzzengebiete zu freiem Besitz erhalten.

Zwischen 1231 und etwa 1285 erobert der Deutschritterorden nun das Land der sich verzweifelt wehrenden Pruzzenn in blutig-brutalen Eroberungszügen. Es wird dann wie das der anderen Balten zwangschristianiert und Diözesen unterstellt, deren Domkapitel der Ritterorden kontrolliert. Im Zuge dieses Wütens wird ein Großteil der Bevölkerung getötet und durch systematische deutsche Besiedlung ersetzt.

Sehr früh werden die Städte Kulm und Thorn gegründet. "1233 gab Hermann von Salza ihnen eine Rechtsordnung (Kulmer Handfeste), die für die anderen preußischen Städte maßgebend wurde. Sie erhielten ein ausgedehntes Stadtgebiet, einen Teil der Gerichtsgefälle, das Magdeburger Stadtrecht, eine gewisse Verwaltungsautonomie, aber der Orden blieb im Besitz der Befestigungshoheit und erlegte den Bürgern einen sehr harten Wehrdienst auf." (Dollinger, S.41)

Es ist kein Zufall, dass Lübecker Kaufleute die weitgehende Vernichtung der Pruzzen durch Schiffe unterstützt und mit zur Gründung von Elbing 1237 nach lübischem Recht beitragen. Die Macht der Kirche, der weltlichen Herren-Menschen und des großen Kapitals gehen Hand in Hand.

 

In der Nachbarschaft bleibt Litauen standhaft heidnisch gegen Christianisierungs-Versuche des Deutschen Ritterordens, was durch das späte 13. und dann das 14. Jahrhundert hindurch zu den sogenannten Preußenreisen deutscher Ritter führt, auch als Kreuzzüge deklariert, und von enormer Grausamkeit. Oft scheinen diese Züge mit ihren Metzeleien eine Art besonderes Jagdvergnügen des Adels gewesen zu sein.

 

Den Kelten, Germanen und Slawen im Kulturzustand ist zwar keine prinzipielle Friedfertigkeit zu unterstellen, aber im Unterschied zu den Christen doch zumindest eine, was ihre "Götter" betrifft. Und so schreibt Peter von Dusburg über die vom deutschen Orden schwer heimgesuchten Pruzzen Anfang des 14. Jahrhunderts:

Eines jedoch war löblich an ihnen und höchst bemerkenswert, dass sie, wenn sie auch ungläubig waren, nichtsdestoweniger Frieden mit den benachbarten Christen hielten und sie nicht an der Verehrung des lebendigen Gottes hinderten oder irgendwie belästigten. (in: Borgolte, S.245)

 

Erst in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts beginnt auch die Christianisierung der Litauer, welche dann aber zunächst in kein solides Königtum, sondern eine Vielzahl von Burgherrschaften mündet.

 

Mitten hinein in das slawische Osteuropa stoßen seit den Hunnen und Awaren immer neue nomadische Steppenvölker aus Zentralasien vor. Die Petschenegen vertreiben die Ungarn, die sich im 9. Jahrhundert an ihrem endgültigen Siedlungsgebiet niederlassen. Ein Reich der von einer jüdischen Oberschicht beherrschten Chazaren wird von Wolgabulgaren zerstört, die um 920 Muslime werden.

 

Die Westbulgaren, unter denen Slawen immer mehr Einfluss gewinnen, nehmen das orthodoxe Christentum an und werden bis ins 10. Jahrhundert Zaren unterworfen, dann noch einmal nach 1014/18. Erst mit ungarischer Hilfe können sie ab 1185 wieder ein eigenes Reich gründen. Ähnlich wie in Russland wird die Bauernschaft unter der harten Knute der Boljaren gehalten, und als die Bauern sich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts erheben, zerfällt das Bulgarenreich, um schließlich von den Türken erobert zu werden.

 

Die vielen Stämme, die sich im künftigen Ungarn niederlassen, werden von einer starken Zentralgewalt zusammengehalten, die sich des lateinischen Christentums und seiner Sprache bedient, und der es gelingt, im Laufe weniger Jahrhunderte ein einheitliches Reichsvolk herzustellen, in das sich auch der muslimische Bevölkerungsanteil integriert. Zu Förderung des Ackerbaus werden um 1100 Slawen angesiedelt, und in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts Deutsche in Siebenbürgen, die gegen jährliche 500 Silbermark und die Stellung von 500 Rittern eine beachtliche Autonomie unter einem königlichen Grafen erhalten und ihr Volkstum bis ins 20. Jahrhundert erhalten können.

 

Wie auch anderswo hat die christliche Kirche mit ihren Diözesen und Pfarreien erheblichen Anteil an der Zivilisierung, wobei "heidnische" Aufstände (1046) konsequent niedergeschlagen werden. Die Kirche bleibt wie bei den süditalienischen Normannen unter starker Kontrolle der Könige. Aber erst im 13. Jahrhundert werden die Bauern unter Andreas II. Grundherren unterworfen, die dann einen ländlichen Adel ausbilden. Aber bis dahin existiert kein Lehnsrecht.

 

Um 1100 gibt es einen ersten ungarischen Versuch der Annektion Kroatiens und der damlamtischen Küste, vom Papst und Ostrom unterstützt. Damit beginnt die Feindschaft mit Venedig. Das Ungarische Reich ist ein Vielvölker-Regime: Es gibt Slowenen und Italiener, Slowaken, Russen, Bulgaren und viele Deutsche in westlichen Städten wie Preßburg und Eisenburg und in Siebenbürgen.

 

Das zunehmend geeinte Reich der Rus verbündet sich um 988 mit Byzanz durch Heirat, Militärhilfe und Übertritt zur byzantinischen Orthodoxie. Im 11. Jahrhundert besiegt das Reich von Kiew die Petschenegen, deren Untergang zum Vorstoß der Kumanen, mit Mongolen verwandten Reiternomaden, im Süden bis an die Grenze Ungarns führt. Kiew ist inzwischen eine der größten und reichsten Städte des geographischen Europas.

Das entstehende riesige Russland schwankt zunächst zwischen Einflüssen aus dem Norden und Westen, aus Byzanz und von den asiatischen Völkerschaften. So wird das Christentum aus Ostrom kombiniert mit der Einführung des römischen Kirchenzehnten. Gegen Ende des 11. Jahrhunderts zerfällt das Reich immer mehr in Einzel-Fürstentümer, unter denen Susdal und Moskau herausragen.

 

Der asiatische Einfluss nimmt dann massiv zu, als die Mongolen sowohl die Kumanen wie die Wolgabulgaren und die Russen unterwerfen. 1257 fällt als letzte russische Stadt Nowgorod. Nunmehr Teil der Goldenen Horde, behalten die Russen zwar ihre orthodoxe Religion, werden aber stärker aus den Entwicklungen im lateinischen Abendland heraus gehalten, was Konsequenzen bis heute haben wird.

 

In diesem Russland unter den Nachkommen des Warägers Rurik bis zur Mongolenherrschaft findet die Zerstörung der Stammeskulturen einmal durch Unterwerfung unter von Städten aus herrschenden Fürsten statt, die mit der druschina, ihrem bewaffneten Gefolge, in ihren Herrschaften Abgaben einsammeln, zudem vermittels der sich langsam vermischenden vielen Völkerschaften, wobei sich wirkliche und ideelle Verwandtschaftsverbände auflösen; dann auch wie überall durch die Christianisierung, und schließlich durch die Unterwerfung der bis dato freien Bauern im 11./12. Jahrhundert unter Klöster und Adel. Im 13. Jahrhundert scheint die bäuerliche Freiheit  der smerdy zur Gänze zu verschwinden. Neben den Klöstern ist die nunmehr unfreie Landbevölkerung zusammen mit Sklaven Grundherren unterworfen, den Bojaren, die selbst in Städten residieren und Verwalter für ihre Grundherrschaften haben. Extreme bäuerliche Unfreiheit, geringe bürgerliche Freiheiten in den Städten und Mongolenherrschaft werden dafür sorgen, dass Russland sich weitgehend anders als das lateinische Abendland entwickelt und für die Entfaltungsgeschichte des Kapitalismus noch mehr ausfällt als Byzanz.

 

Die westslawischen Reiche (samt Ungarn) werden von außen in die Entwicklungsgeschichte des Kapitalismus integriert, den die Herrscher bald zu fördern beginnen. Im Norden ist es die Hanse, die das Baltikum zunächst dem Handelskapitalismus erschließt, im Süden Venedig, welches auf die Adriaküste und bis in die Küstengebiete von Byzanz übergreift. Die Machthaber in Polen, Böhmen und Ungarn wiederum fördern sowohl Handel wie Handwerk nicht zuletzt auch durch Einwanderung aus dem Westen.