ZEIT DER ENTFALTUNG (12.Jh.bis 1250) (in Arbeit)

 

 

Feudalisierung

England: Feudale Strukturen und ihre Kommerzialisierung

Geld, Kapital und Macht

Königreiche

Volk, Bevölkerung, Stand und Schicht (in Arbeit)

Späte Zivilisierungen: Kelten, Germanen und Slawen

 

Zwischen der Jahrtausendwende (im nördwestlichen Mittelmeerraum) - bzw. etwa 1100 im Norden - und etwa 1250 vollzieht sich jene Wende, in der sich entfaltender Kapitalismus und neue Konturen gewinnende Formen von Herrschaft bzw. Staatsmacht dauerhaft miteinander verbinden. Zwar bleibt die große Mehrheit der Menschen dabei auf dem Lande und ist vorrangig mit der Produktion von Nahrungsmitteln beschäftigt, zwar etabliert sich ein sich neuartig konstituierender Adel mit seinen Privilegien und feudalen Strukturen immer mehr als Stand über Bauern und Bürger, aber alle Beteiligten hängen nun von einem allgemeinen wie auch regionalen und lokalen Marktgeschehen ab, welches in seiner Spitze von Kapitaleinsatz abhängt, welches zum zentralen Motor der Entwicklung wird. Anschaulich wird das schon für Zeitgenossen in der zunehmenden Bedeutung des Geldes.

 

Die Nahrung und gewerbliche Rohstoffe produzierende Landwirtschaft bedeutet für die Bauern weiterhin vor allem Selbstversorgung, aber zunehmend darüber hinaus Produktion für einen Markt. Warentausch wird dabei immer mehr über Geld vermittelt, und dieses braucht der Adel für Erhalt und Ausbau seiner Macht und für eine allmählich prächtigere Lebensführung. Am Ende werden darum selbst ländliche Dienste immer mehr durch Geld abgelöst. Die bäuerlichen Spielräume für eigenes Wirtschaften nehmen zu. Es kommt zu ersten größeren Einkommensdifferenzierungen zwischen Bauern und im Adel, die einkommensmäßig immer weniger homogene Gruppen bilden.

 

In Dörfern zusammensiedelnde Bauern entwickeln Formen von Kooperation und Selbstverwaltung. Dasselbe geschieht intensiver in den Städten, die mehr und größer werden. Außerhalb Nord- und Mittelitaliens haben Städte überall Herren, wobei diese weit weg sein können, wie der Kaiser für seine Städte, oder nah wie ein kleinerer Fürst mit seiner Hauptburg in der Nähe. Aber selbst im entstehenden Frankreich, wo Städte nicht dieselben politischen Rechte bekommen werden wie oft im Kaiserreich, wächst ihre Bedeutung als befestigte Großburg und als Abgaben leistendes Wirtschaftszentrum.

 

Für Fürsten und als erste unter ihnen die Könige steigt die Bedeutung von Einnahmen, die ihnen zunehmend aus unternehmerischer Tätigkeit in ihren Herrschaftsbereichen entstehen, einmal direkt, aber auch indirekt durch die Anstöße, die Kapital dem allgemeinen Wirtschaften gibt. Ihre erste Aufgabe bleibt der Krieg, und der verschlingt immer höhere Ausgaben, da die Kriegsfolge leistenden Vasallen zunehmend mit Geld gelockt werden müssen und zudem ganze Gruppen des Militärs vorübergehend in den Sold von Machthabern treten. Küstenstädte stellen Flotten, die bezahlt werden müssen, Proviant muss beschafft werden, auch wenn das Plündern weiter anhält und sowieso Teil der Kriegführung ist. Es gibt zudem immer mehr professionalisiertes Söldnertum.

 

Außerdem beginnt der Aufbau von Verwaltungen, die die Resultate von Gewalt "friedlich" absichern, und diese müssen bezahlt werden. In ihnen gelingt ersten "Bürgerlichen" als Fürstendienern der Aufstieg in den Kreis der Macht, in den Sizilien Friedrichs II. wie im Frankreich von Philipp II. August und bald auch in England. Weiterer und nicht zu unterschätzender Geldbedarf entsteht in der fürstlichen Hofhaltung, die fürstlicher Selbstdarstellung und Repräsentation ihres Status dient. 

Damit wird nicht nur Adel als Partner fürstlicher Macht vorübergehend an Höfe gezogen, sondern die Identifikation mit der Macht bei den breiten Scharen "kleinerer Leute" erreicht. 

 

Der Kapitalismus entfaltet sich so nicht mehr nur aus der hochadeligen Nachfrage nach Luxusgütern, sondern vor allem auch über den allgemeinen fürstlichen und dann auch bürgerlichen Geldbedarf. Der aber muss durch Bauern und Handwerker erarbeitet und zunehmend durch Händler auf einem Markt zu Geld werden. Dann gelangt ein Teil davon durch Abgaben "nach oben", woraus auch die punktuellen Ansätze von Wirtschaftsförderung finanziert werden.

Den Rest liefert ein immer wichtiger werdendes Kreditgewerbe, welches auch Handelsunternehmungen in größerem Maßstab finanziert. An ihm hängen die größten Risiken und Gewinne.

 

Im Handel und Finanzgeschäft sammeln sich die größeren Kapitalien. So wie diese Kapitaleigner wirtschaftliche Macht gewinnen, sind sie doch "politisch" abhängig von fürstlicher Gunst, sobald es Mitbewerber auf dem Markt gibt. Dann ist der fürstliche Herr nicht auf den einzelnen Kapitalisten, aber dennoch auf das Walten des Kapitals insgesamt angewiesen.

Dieses sammelt sich in den Händen weniger Unternehmerfamilien, die aber nicht nur auf Fürsten, sondern auch in steigendem Maße auf Massenkaufkraft und Massenproduktion angewiesen sind. In dieser Zeit sind es vor allem Getreide und Wein, auf die sich Gegenden immer mehr spezialisieren, die beides nun zunehmend für den Markt produzieren. Besonders die massenhafte Überschussproduktion von Getreide antworten auf massenhaftere Kaufkraft besonders in den Städten. Insofern sind die Handwerker und kleinen Gewerbetreibenden dort direkt in den Aufstieg des Kapitalismus integriert. 

 

Dies sind sie aber auch dadurch, dass immer mehr Rohstoffe insbesondere für die Textilproduktion aus spezialisierter Massenproduktion vom Lande kommen: Wolle, Flachs für Leinen, pflanzliche Farbstoffe. An immer mehr Stellen wird handwerkliche Produktion auf diese Weise kapitalintensiver wie ebenso auch im metallverarbeitenden Bereich. Mit der Lieferung von Rohstoffen und dem Verkauf der Produkte tritt größeres Kapital in den Bereich der Produktion, und Bau und Unterhalt von Mühlen als frühe Maschinen für die Massenproduktion steigern ebenfalls den Kapitalbedarf, hier zunächst beim wohlhabenderen Adel. 

 

Das Stichwort heißt nicht Ursache und Wirkung, sondern Interdependenz vieler Faktoren. Heraus ragt dabei zunächst der biologische: Die (bäuerliche) Bevölkerung vermehrt sich dank entstehendem Kapitalismus und fördert diesen wiederum. Mehr Kinder erreichen das Erwachsenenalter und zeugen selbst wieder Kinder. Sie gründen neue Dörfer und füllen die Städte auf. Verglichen damit wirkt der technische Fortschritt in seinen Auswirkungen gering: Die Produktivität bei den Nahrungsmitteln steigt insgesamt nur gering an, aber mehr Menschen erhöhen den Überschussanteil insgesamt. Mehr Städter produzieren mehr Güter, es erhäht sich das Angebot an umlaufenden Geld, welches auch nachgefragt wird. Mehr Geld kann in mehr Kapital münden und damit dann am Ende Herrschaft in Richtung auf "mehr Staat", also erweiterte Herrschaftsinstrumente intensivieren.

 

Mehr Markt und mehr Geld differenziert die von Autoren wahrgenommenen Stände, die nun nach ihren Funktionen aufgeteilt sind, immer mehr auseinander. Dabei entsteht eine Schicht von zehn bis zwanzig Prozent Armen, die in das Marktgeschehen nur hineingeraten, indem sie ihre schiere Arbeitskraft anbieten. Sie werden Tagelöhner auf dem Lande und daneben etwas stetiger Dienstboten und beim Handwerk angestellte Arbeitskräfte. Aber ohne ihre Arbeit zum Beispiel saisonal bei der Weinlese oder bei Baumaßnahmen würde der aufstrebende Kapitalismus nicht mehr weiter expandieren können.

 

Kapitalismus ist Wachstum,  Kapital existiert nur im Prozess seiner Vermehrung, und die erste Voraussetzung dafür ist die Zunahme der Bevölkerung bei Zunahme der Produktion und der Abnahme von Waren. Beides wird in der ersten Hälfte des 14 Jahrhunderts mit klimatischen Veränderungen, Hungersnöten und Seuchen enden. Aber dann ist der Kapitalismus ein so integraler Bestandteil des Lebens geworden, dass er auch die Rezession überlebt. Er hat die Lebensverhältnisse der Menschen von den Reichen zu den Armen, von den Mächtigen bis zu den Untertanen soweit in Besitz genommen, dass er für die meisten nicht mehr wegzudenken ist. In diesem Moment beginnt dann weltliches utopisches Denken die christlichen Endzeiterwartungen abzulösen. Mit dem schmählichen Ende der sozialistischen Utopie 1990 kommt dann noch einmal eine neue Zeit.

 

Feudalisierung

 

Im zwölften Jahrhundert deuten sich Anzeichen eines Weges in neuartige Staatlichkeit an, die in England und Frankreich zu Zentralisierung führen, während diese in deutschen Landen dezentral auf der Ebene der Fürstentümer geschieht und ebenso dezentral in Italien auf der Ebene von Bischofsstädten. In allen Fällen steht am Anfang die Verbindung eines dinglichen Elementes, des Lehens, mit einer Verpflichtung zur Vasallität.

Dem zugrunde liegt, dass im frühen Mittelalter Freiheit und Herrentum auf dem Eigentum an und der Verfügung über nutzbaren Grund und Boden beruhte, die nicht üblicherweise als Waren auf einem Markt zur Verfügung standen. Land und andere Immobilien wurden meist nicht verkauft, sondern verliehen, und zwar im wesentlichen, um militärische und/oder zivile Unterstützung zu erhalten. Marc Bloch übertreibt zwar, wenn er schreibt: "Der Boden selbst galt nur deshalb als so wertvolll, weil er die Möglichkeit bot, sich "Leute" zu verschaffen, die man mit ihm, dem Boden, entlohnte." (in: La société féodale).  Der Boden ist zunächst wertvoll, weil er durch menschliche Arbeit Lebensmittel und Rohstoffe hervorbringt. Aber tatsächlich beruht Macht über andere Freie darauf, dass man ihnen etwas verleihen kann, zum Beispiel ein Amt, eine Burg oder einfach nur einen Weinberg oder ein paar Wiesen. 

Das unterscheidet die Adelswelt der Herrenmenschen von der bürgerlichen, die wesentlich auf Warenbeziehungen beruht und zunächst nicht an der Macht partizipiert, ihr politisch bis tief in die Neuzeit hinein immer ein Stück weit unterworfen bleibt, obwohl sie den Staat dann längst als Agentur ihrer Interessen begreifen kann.

 

Die Nordhälfte Italiens ist auf dem Weg zu Stadtstaaten weiter Vorreiter dieser Entwicklung hin zu neuer Staatlichkeit. Schon im 11. Jahrhundert beginnt hier das Interesse am römischen Recht zu wachsen, welches ohnehin in einigen Bereichen noch im Gebrauch war. Indem dieses nun nicht nur teilweise tradiert, sondern in seiner Systematik neu betrachtet wird, und zwar von den neuartigen Rechtsgelehrten (siehe Großkapitel 'Intellektualität'), kann es dann auch auf die vorhandenen Strukturen ansatzweise übertragen werden.

In fünf Abhandlungen, die zwischen dem Ende des 11. Jahrhunderts und 1136 entstehen, entwickeln "Feudisten" nun in später so genannten libri feudorum ein normierendes Rechtssystem des Lehnswesens, der feuda also. Das beginnt so:

Weil wir von feuda handeln wollen, sollten wir zunächst betrachten, welche Leute ein feudum geben können. Ein Erzbischof, ein Bischof, ein Abt, eine Äbtissin, ein Probst, wenn es von alters her ihre Gewohnheit gewesen ist, können ein feudum geben; außerdem ein Markgraf und ein Graf, die eigentlich 'Capitane des Königs' heißen. Es gibt noch weitere Leute,, die von den bisher genannten ein feudum empfangen und eigentlich 'Valvasares des Königs' heißen, aber heute 'Capitane' genannt werden; auch sie können selbst feuda geben. Diejenigen aber, die von ihnen feuda empfangen, heißen 'kleine Valvassores'. (in: Patzold, S.52)

 

Danach geht es auf der Basis der Konstitution Konrads II. so weiter: In ältester Zeit (...) war ein feudum so in die Gewalt der Herren eingebunden, dass sie es, wann immer sie wollten, wieder entziehen konnten. Später aber kam es dazu, dass es auf Lebenszeit des Getreuen weitergeführt wurde. Aber da sich das nicht nach Nachfolgerecht  auf die Söhne bezog, ging es so weiter, dass es bis zu denSöhnen kam, wobei freilich der Herr das Lehen bestätigen wollte. Das ist heute so verfestigt, dass es sich auf alle gleichermaßen bezieht. (in: s.o., S.53)

 

Und dann wird noch zwischen ritterlichen Lehen (feuda) und bäuerlichen (beneficia) unterschieden: Es ist zu beachten, dass über dasjenige beneficium, das von den Capitanen des Königs und von den Valvassoren des Königs anderen geliehen wird, ausschließlich nach dem ius feudi gerichtet wird, über jenes dagegen, das von den kleineren anderen übertragen wird, nicht nach dem ius feudi gerichtet wird; sondern, wann immer sie wollen, können sie es mit Recht wieder entziehen - es sei denn, sie wären mit ihnen im Heer nach Rom gezogen, in welchem Fall ihr beneficium in das ius feudi übergeht. (in: s.o., S.54)

 

Verlieren soll man sein feudum dann, wenn man in der Schlacht seinen Herrn verlässt, obwohl dieser am Leben ist, oder wenn man mit der Frau, Tochter oder Frau des Sohnes schläft, wenn man die Burg angreift, von der man weiß, dass der Herr oder die Herrin gerade dort ist, wenn man den Bruder oder Sohn des Bruders des Herrn tötet oder wenn man mehr als die Hälfte seines feudum verpfändet. (usw., alles nach Patzold, S.55, siehe auch ...)

 

Während Ende des 11. und Anfang des 12. Jahrhunderts aus der Kenntnis der König Konradschen Bestimmungen so etwas wie ein Lehnsrecht formaljuristisch fixiert wird, fehlt so etwas noch im Norden, obwohl sich ähnliche Formen immer stärker in der Praxis durchzusetzen beginnen. Der Graf von Flandern gründet seine Herrschaft einmal auf der Huldigung durch die Untertanen und zum anderen auf eine offenbar schon eingeübte Form der Belehnung. Der Geistliche und gräfliche Notar Galbert von Brügge erzählt von einem solchen Ereignis. Die Vorgeschichte ist, dass ein Borsiard den Grafen Karl den Guten während des Gebetes in der Kirche des Stiftes St. Donat erschlage hat und König Ludwig VI. von Frankreich Wilhelm Clito, Enkel Wilhelms des Eroberers, zu seinem Nachfolger macht. Auf einer Rundreise lässt sich der neue Graf huldigen, im April auch in Brügge. Danach schildert Galbert für den 7. April folgenden Akt:

Zuerst leisteten sie ihm auf folgende Weise hominium: Der Graf fragte, ob er ganz und gar sein Mann sein wolle, und dieser antwortete: "Ich will." Dann umschloss der Graf die zusammengefalteten Hände des anderen mit seinen Händen und sie verbündeten sich durch einen Kuss. Als zweites gab derjenige, der Mannschaft geleistet hatte, dem prolocutur (Vorsprecher) des Grafen ein Treueversprechen mit folgenden Worten: "Ich verspreche, in meiner Treue von jetzt an dem Grafen Wilhelm treu zu sein und ihm die Mannschaft ganz und gar gegen alle zu wahren in guter Treue und ohne List." Drittens schwor derselbe über den Reliquien von Heiligen einen Eid. Anschließend erteilte der Graf mit dem Stab, den er in der Hand hielt, all denen, die auf diese Weise Sicherheit, Mannschaft und Eid geleistet hatten, die Investitur. (in: Patzold, S.61)

 

Ein sich entfaltendes Lehnswesen gelangt in die deutschen Lande vermutlich auch über Vermittlung der italienischen Neuerungen. Im Verlauf des 12. Jahrhunderts wird das Wormser Konkordat immer stärker lehnsrechtlich interpretiert. Daraus entsteht ein geistlicher Reichsfürstenstand, der um 1200 47 Erzbischöfe und Bischöfe umfasst. Dazu kommen dann noch 29 Äbte und 17 Äbtissinnen (Spieß, S.42). Mit Friedrich I. "Barbarossa" und seinem ihn intensiv beschäftigenden Versuch, aus der Nordhälfte Italiens noch einmal erhebliche Einkünfte gewaltsam herauszupressen, gelangt der deutsche Teil des Reiches in dauerhaften Kontakt mit Italien.

 

Darüber gelangt es zunächst zu Feudalgesetzgebung in Italien, von der wenig klar ist, wieweit sie nach Norden über die Alpen ausstrahlt. (ff)

 

In deutschen Landen scheint die "Feudalisierung" des Reiches zunächst an einzelnen Punkten dokumentiert auf: Da ist das Privilegium Minus und der Umgang mit Heinrich dem Löwen, da ist die Fürstenerhebung des Grafen vom Hennegau zum Markgrafen von Namur (1184). Die Fürsten werden so strukturell zu Hebeln der königlichen Macht, die sie zugleich einschränken, indem sie sich in ihrer Gesamtheit als das "Reich" verstehen, ein Vorgang, der schon unter Heinrich IV. einsetzt. Daneben versucht die Krone zunehmend auch kleine Edelfreie zu Kronvallen zu machen und die Reichsministerialen erreichen bei ihrem Übergang zu "Ritteradeligen" , dass ihre Dienstlehen zu echten Reichslehen werden. (Spieß)

 

Im Lehnsgesetz von Roncaglia 1158 gibt es zwar den Vorbehalt, dass "bei allen Treueiden die Person des Kaisers auszunehmen sei", so verliert der König doch jetzt den direkten Zugriff auf seine Untervasallen. (Spieß, S.47) Zudem verstehen die Fürsten nun zwar ihr Fürstentum als Ganzes als Lehen, nehmen davon aber ihren Eigenbesitz und dessen Vasallen aus.

Das Auseinanderdriften des Reiches geschieht auch darüber, dass Fürsten immer wieder und oft auch ungeahndet weder ihrer Pflicht zur Heerfahrt noch zur Hoffahrt nachkommen und in königsfernen Gebieten im Norden auch ganz auf den Vorgang der Belehnung verzichten.

Da die Vasallität an das dingliche Lehen gebunden ist, kommt es zum Beispiel beim Verkauf eines Lehnsgutes durch den Besitzer zu der Tendenz, dieses als Allod zu betrachten, "Zusammenfassend lassen sich zahlreiche allodiale Elemente in der Reichsverfassung festhalten, die gegen eine vollständige Feudalisierung sprechen." (Spieß, S.49)

 

(ff)

 

 

Dabei hat die Systematisierung eines Lehnswesens für die deutschen Lande und Frankreich bzw. England ganz unterschiedliche Folgen. Zunächst einmal ist das Westreich unter den Kapetingern eine Erbmonarchie, was dazu führt, dass das Familieninteresse und das königliche in eins fallen, während die Mischung aus Erb- und Wahlmonarchie im Osten die Könige dazu bringt, ihre Familieninteressen über die ihres königlichen Amtes zu setzen. (Werner Goez)

Zudem und damit zusammenhängend verfügen die "deutschen" (römischen) Könige über einen einigermaßen geschlossenen, wenn auch sehr dezentral organisierten Reichsverband, während ein solcher im zukünftigen Frankreich erst einmal hergestellt werden muss. Französische Fürsten stehen "auf Augenhöhe" (Patzold) mit ihrem König, und dieser muss sie sich erst einmal unterordnen. Das klassische Mittel dort wird mit dem ranghöchsten Vasallen, dem englischen König, 1202 in einem lehnsrechtlichen Prozess praktiziert, das Lehen nämlich einzuziehen und der Krondomäne zuzuschlagen. In deutschen Landen hingegen werden Fürstentümer erst zwischen der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts und und dem 13. Jahrhundert zu Lehen, und wenn sie fällig werden wie im Fall Heinrichs des Löwen, werden sie umgehend wieder ausgegeben. Die deutschen Könige besitzen nämlich im Unterschied zu den französischen noch kein Instrumentarium wie zum Beispiel eine Finanzverwaltung, um sich große Gebiete nutzbringend einzuverleiben. (Hanna Vollrath)

Schließlich setzt sich in Frankreich die Tendenz durch, dass aller Boden lehnsrechtlich eingeordnet wird, was bis zur sogenannten Revolution von 1789 zu dem Spruch nulle terre sans seigneur führte. Damit entwickelt sich über das Lehnsrecht die Möglichkeit, über alles Land Kontrolle zu gewinnen, während in deutschen Landen viel Grund und Boden Allod, Eigengut bleibt, auch wenn die entstehenden Landes-Fürstentümer versuchen werden, über das Lehnswesen Territorialisierung zu erreichen. (Werner Goez)

 

 

Eine juristische Systematisierung des Lehnswesens wie in Italien findet zwar in deutschen Landen noch nicht statt, aber mit dem Sachsenspiegel erscheint in der späten Stauferzeit ein erstes umfassenderes Rechtsbuch, welches Recht und Lehnswesen miteinander verbindet. Verschriftlichung nimmt zu, die Vergabe von Lehen wird häufiger in einem Dokument festgehalten. Erste Verzeichnisse von Lehen und Vasallen wie das des Grafen Siboto IV. von Neuburg-Falkenstein von etwa 1065 (siehe Großkapitel ...) und das des Reichsministerialen Werner von Bolanden von etwa 1190 sind erhalten. Solche Auflistungen werden dann im 13. Jahrhundert häufiger. 1217/27 zählt ein Graf Heinrich von Regenstein 150 Vasallen auf, im selben Jahrhundert können die Edelherren von Eppstein ähnlich wie die von Bolanden rund 200 Vasallen aufbieten.

 

Ansätze von "Territorialpolitik" haben wir schon bei rheinischen Bischöfen im späten 11. Jahrhundert erwähnt. Diese, also die Herstellung eines möglichst geschlossenen Hoheitsgebietes, in dem sich möglichst viel Eigenbesitz und einseitige Bindung von Vasallen an einen Lehnshof paaren, nimmt im 12. und 13. Jahrhundert rapide zu und führt bis 1400 in eine extreme Zersplitterung des römisch-deutschen Königreiches, der deutschen Kernlande also.

Das sich verallgemeinernde Feudalwesen fördert einerseits diese Zersplitterung, aber die entstehenden Territorialherrschaften nutzen es andererseits doch auch zur Abrundung ihrer Gebiete. Einerseits basiert das entstehende Terrotorium auf den wichtigsten Burgen, Ämtern, Gerichten und Vogteien im Eigenbesitz, andererseits in Lehnsauftragungen von Burgen und dazugehörigem Land, manchmal freiwillig, oft durch erheblichen, auch kriegerischem Druck erzwungen oder durch die Zahlungen beträchtlicher Summen "erkauft", wobei Herren im Laufe ihres Lebens schon mal zigtausende Mark aufwenden.

Wo möglich wird die als Lehen aufgetragene Burg mit einer Öffnungsklausel versehen, die es dem Lehnsherr ermöglicht, diese im Kriegsfall selbst zu nutzen. Ansonsten muss sie nun vom Vasall samt der Mannschaft versorgt werden, ist aber zugleich Stützpunkt der Herrenmacht. Wo man anders an das Lehen eines anderen Herren nicht herankommt, greift man zu Scheinlehen, wie sie Friedrich I. im Lehnsgesetz von Ronvaglia 1158 beschreibt: Indem wir ferner den Machenschaften ( machinationibus) gewisser Leute entgegentreten, die nach Empfang des Kaufpreises gleichsam unter dem Deckmantel der Investitur - die ihnen nach ihrer Aussage zustehe - Lehen verkaufen (feuda vendunt) und auf andere übertragen, verbieten wir gänzlich, dass derlei Betrug oder Ähnliches künftig (...) ausgedacht werde. (in: Spieß, S.78)  

 

Das Netz persönlicher Beziehungen, wie sie Lehnswesen und Vasallität und immer noch auch in hohem Maße Verwandtschaft darstellen, bedarf in zunehmend höherem Maße des Mittlers Geld. Was sich als Geschenk oder Verleihung ausgibt, ist oft durch größere Geldsummen vermittelt. Das bezeugen die hohen Summen, die bei der Erhebung des Grafen Balduin 1184 in den Fürstenstand fließen (siehe Großkapitel 'Staufer), oder die, mit denen Erzbischof Konrad von Mainz nach 1183 verlorenes Mainzer Terrain wieder zurückkauft: 200 Mark für die Ebersburg, Burg Wasungen für 15 Pfund, 300 Mark für die municio Döbritschen usw. Sein Nachfolger Philipp lässt dann auf seinem Grabstein festhalten, dass er 50 000 Mark insgesamt für den Ausbau seines Herzogtums ausgegeben habe, worunter der Kauf zahlreicher Burgen fällt. Solche Burgen werden dann allerdings in der Regel an Getreue wieder als Lehen ausgegeben, denn eine direkte Verwaltung ihrer entstehenden Territorien ist für die Fürsten noch nicht möglich.

 

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Die zwingende Verbindung von Lehen und Vassalität beruht auf der Gewalttätigkeit der Herren, der Legitimität von Krieg und Fehde und der dazu allgegenwärtigen illegitimen Gewalt. Wie schon die Erlasse Lothars und Friedrichs I. belegen, geht es darum, über Krieger (milites) zum Zwecke der Gewaltausübung mittels deren gesicherter Versorgung zu verfügen. Die sich aufbauende Ständeordnung ordnet dabei vor allem, wer von wem Lehen empfangen kann, wie also das System der Krieger gestaffelt ist. Sie verlangt aber die Erblichkeit der Lehen, so dass ein adeliges Geschlecht sie ebenso wie das Eigentum als gesicherte Versorgungsgrundlage bzw. als jeweils standesgemäße Ausstattung begreifen kann.

Diese feudalen Strukturen entstehen zugleich mit dem Phänomen der Mehrfach-Vasallität, welches einer Systematisierung der Ordnung wiederum entgegensteht. Wie solche Konflikte manchmal dem Anscheind er Quelle nach auch friedlich gelöst werden, zeigt folgendes Beispiel: Erzbischof Rainald von Köln hatte ein Lehen in Lechenich an den Grafen Hermann von Müllenarck vergeben, von dem es wiederum ein Hermann von Dyck zu Lehen nimmt. Als der Graf seine Dienste in Anspruch nehmen will, hat der nach wohlerwogenem Rat seiner Freunde geantwortet, weil er mehr sowohl die Herrschaft des Grafen von Ares als auch dessen Lehen liebe, wolle er daher lieber diesem dienen. Was er auch gemacht hat Damit fällt das Lehen an den Grafen zurück, vom dem es dann Erzbischof Philipp von Köln um 1170 zur Abrundung seines Herrschaftsraumes zurückkauft. (in: Spieß, S.85)

 

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Nachdem für das frühe Mittelalter vor allem klösterliche Urbare über die großen Wirtschafts- und Machtkomplexe Auskunft geben, erfahren wir mit der zunächst kaum in schriftlichen Quellen nachvollziehbaren Entwicklung eines allgemeinen Lehnswesens in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts mit dem Falkenstein-Verzeichnis (s.u.) und dann dem Lehnsverzeichnis des Reichsministerialen Werner (II.) von Bolanden um 1190) mehr über die Dimensionen und zugleich die bestehende Zersplitterung geradezu "aristokratischer" weltlicher Besitzungen an Allod und Lehen. Dieser Werner zählt 45 Lehnsherren auf und zudem rund 100 Vasallen mit ihren Lehen (Ausschnitt in: Spieß, S.95ff). Diese Familie begann ihren Aufstieg in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts als Ministeriale der Mainzer Erzbischöfe,  um dann in der zweiten Hälfte als Reichsministeriale vom Donnersbergraum aus über das Nahegebiet bis in den Wormsgau Grundsteine für den Aufbau eines Territoriums zu legen.

 

Mit der zwingenden Verbindung von Lehen und militärischem Vasallendienst entsteht eine militärisch wie ständisch definierte Rangordnung im Reich wie in den einzelnen Fürstentümern. In der nun entstehenden Heerschildordnung wird der Empfang von Lehen geregelt, der möglich ist, ohne den eigenen Rang zu erniedrigen. (Patzold, S.109). Die Rangordnung im Sachsenspiegel beginnt so oben beim König, es folgen die geistlichen Fürsten, dann die weltlichen, danach die "freien Herren", dann die schöffenbaren Freien und schließlich deren Lehnsleute.

 

In ein Lehnsverhältnis tritt man dadurch ein, dass man dem Herrn Mannschaft leistet, indem man seine gefalteten Hände in die des Herrn legt, wie das Vasallen schon früher taten, und dann einen Treueid leistet. Darauf erfolgt die Investitur des Mannes mit dem Lehen. Lehen werden nun auch in deutschen Landen erblich, wobei sie aber beim Tod des Mannes oder des Herrn formell erneuert werden müssen.

Dem belehnten Vasall leistet der Herrn militärischen und rechtlichen Schutz für sein Lehen. Der Mann wiederum muss wie Vasallen schon früher an Heerfahrten seines Herrn teilnehmen (auxilium), ihm mit Rat bei Hofe zur Seite stehen (consilium) und im Lehnsgericht mitwirken. In der Praxis werden diese Leistungen aber nicht von allen Vasallen bei jeder Gelegenheit geboten. In der Regel werden sie auch nicht schriftlich festgehalten, sie sind Gewohnheitsrecht.

Zugleich mit der Verbindung von Vasallität und Lehen kommt es zu Konfliktsituationen, da Adel unterhalb des Fürstenrangs in der Regel mehrere, manchmal wie Werner von Bolanden sehr viele Lehnsherren besitzt. Dem wird durch Treuevorbehalte für einen oder mehrere Herren versucht, Ordnung in das Beziehungsgeflecht zu bringen. Seit dem späten 11. Jahrhundert wird in Frankreich und England versucht, eine "ligische" Vorrangbindung an einen Herrn einzurichten. Wenn der militärische Treue-Konflikt auftritt, ist der Mann genötigt, dem einen Herrn Treue und Lehen aufzukündigen, was Herren dann wiederum vertraglich zu verhindern versuchen. Man kann erkennen, dass das sich langsam auch nördlich der Alpen etablierende feudale System konfliktgeladen ist. Versammelt sind die deutschen Vasallen nun in Lehnskurien, wie es sie an den norditalienischen Bischofshöfen schon viel länger gibt, und im Lehnsgericht, welches vom Herrn eingeladen wird. Dort ist der Herr entweder Richter oder aber er setzt als Konfliktpartei einen seiner Mannen dazu ein (Spieß, S.36f).

 

Verliehen werden kann im Prinzip fast alles, Land (und Leute), Städte, Burgen und Ämter, die mit Einkünften aus Höfen, Münzen, Vogteien und was auch immer versehen werden können.

 

Seit der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts setzt auch in deutschen Landen die Tendenz zu niederadeliger Ortsherrschaft mit Banngewalt und regionaler Territorialbildung ein. Insbesondere wenig mächtige Burgenbesitzer begeben sich unter den Schutz Mächtiger, indem sie ihre Burg samt Landbesitz (und arbeitender Bevölkerung) an einen Herrn als Lehen "auftragen". Für die Entwicklung größérer Territorien auf diesem Wege sind Herren dann bereit, dabei "durch die Zahlung eines Geldbetrages nachzuhelfen", oder aber mit diesem Ziel Druck auszuüben. (Spieß, S. 38)

Andererseits werden Burgen der größeren Herren im Zuge der Territorialisierung mit festen Burgmannschaften besetzt, manchmal nur wenige, manchmal mit bis zu fünfzig von ihnen. Als Burglehen gibt es die Wohnung auf der Burg oder daneben und in der Regel Naturalien- oder Geldrenten.

 

England: Feudale Strukturen und ihre Kommerzialisierung

 

England ist wohl das erste Reich, in dem feudale Strukturen systematisch eingeführt werden. Der neue Herrscher Wilhelm der Eroberer verbindet die stärker zentralistischen Strukturen, die angelsächsische Herrscher hergestellt hatten, mit denen aus der Normandie. Tenants-in-chief leisten dem König homagium und sind in der Summe verpflichtet, dem König rund 5000 Ritter zu stellen. Der Erbe eines solchen großen Macht- und Land"besitzes" zahlt dem König relief für sein Erbe, ist er minderjährig, wird er ward des Königs, der dafür Geld kassiert und zudem während dieser Zeit alle Einkünfte einzieht. Dasselbe gilt für die Zeit, in der ein Bischof oder Abt verstorben und ein neuer noch nicht im Amt ist. Heiraten der Witwen und der Minderjährigen werden vom König gegen eine erhebliche Geldzahlung vermittelt und bei Ausbleiben eines Erben zieht der König den gesamten Besitz ein, was escheat heißt.

Alles das findet nun auch im Verhältnis zwischen den tenants-in-chief und ihren tenants wiederum statt. Sie alle zusammen lassen sich als Landhalter und nicht produktiv arbeitende Krieger als neuer französischsprachiger Adel zusammenfassen, dessen unterste Schicht als Ritter (knights) bezeichnet wird, die im 12. Jahrhundert sich nach unten von dem nun als Gentry ausgegrenzten ländlichen Kleinadel abgrenzen wird. Dieser Adel wird ähnlich wie schon in der Normandie und in anderen Teilen Westfranziens sich patrilinear und toponym entfalten, also mittels Primogenitur und Bezeichnung der Familie nach dem zentralen Ort, in der Regel der wichtigsten Burg, manchmal auch nach dem Vater.

 

Unterhalb der tenants, also derer, die derart über Land verfügen, existiert die Masse der Bevölkerung, der eigentlichen Produzenten auf dem Lande.

Insofern lassen sich die Machtstrukturen ähnlich wie bald auch im französischen Königreich als feudal bezeichnen, da nun in der Theorie alles Land sich von den Königen ableitet, also anders gesagt keines mehr ohne Herr ist.

 

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Dort, wo Kapitalismus entsteht, ist es das Wesen feudaler Strukturen, bald nach ihrem Aufkommen durch Kommerzialisierung inhaltlich ausgehöhlt zu werden. Kommerzialisierung meint dabei, das Grund und Boden de facto zu Eigentum und zu einer Ware wie alle anderen auch wird, dass feudal begründete Dienste durch Geldleistungen abgelöst werden und dass die private Gerichtsbarkeit durch eine königliche abgelöst wird, die sich in dem Moment, wo Könige behaupten, einem "Gemeinwohl" zu dienen, als öffentliche aufführt. All das lässt sich sehr deutlich im England des 12. und 13. Jahrhunderts verfolgen.

 

Schon mitten im 12. Jahrhundert beginnen tenants-in-fee das Land, welches sie nach feudalem Rechtsverständnis von ihren Herren (lords) haben, so zu behandeln, als ob es ihr Eigentum wäre. Sie bewirtschaften es nach Gutdünken, verkaufen es oder geben davon der Kirche. Wenn der Landhalter (landholder) nur mehrere Töchter als Erben hat, teilt er es unter sie auf. Wenn ihn der Lord am Verkauf hindern will, macht er den Käufer formal zu seinem subtenant.

 

Noch deutlicher wird die Kommerzialisierung dort, wo Herren sich Unterstützung nicht mehr auf der Basis feudaler Verpflichtungen suchen, auch wenn sie sie noch gerne an ihren Hof oder ihren Gerichtshof sehen. Aber nicht mehr die Rechte aus dem feudalen honour bringen ihnen nun vor allem Unterstützer, eine retinue, sondern Leute, die für ihre Kenntnisse und Fertigkeiten bezahlt und anderweitig gefördert werden. Das können Juristen sein, bezahlte Militärs oder Experten für die Verwaltung ihrer Güter.

 

Landed estates werden insbesondere in den Händen von Kirche und Klöstern zu Unternehmungen, die mit geschicktem Wirtschaften vergrößert werden. Die englische Kirche vergrößert so den Wert (und im Zusammenhang damit die Größe) ihres Landbesitzes von einem Viertel des gesamten Landes hin zu einem Drittel in etwas mehr als hundert Jahren. In Klöstern werden (wie auch in deutschen Landen) werden Äbte eher danach bewertet, wie gut sie wirtschaften können und weniger nach ihrer Frömmigkeit. Klöster konkurrieren so auch miteinander um Einkünfte. 

 

Die Tendenz zur Nutzung von Expertentum und Professionalität statt feudaler Verpflichtungen führt zu ganz neuen Karrieremöglichkeiten. Leute wie der "Cid" in Spanien oder William Marshall in England verhökern ihre kriegerischen Fähigkeiten oder werden zu so erfolgreichen Turnierkämpfern, dass ihnen dann lukrative Ehen vermitteln werden, die sie in die obersten Ränge katapultieren.

Solche Karrieren können auch in der Verbindung von kirchlicher und weltlicher Macht entstehen, die die des königlichen Kanzlers Walter de Merton, der für zehn Kirchen Vikar oder Rektor wird und zudem Kathedralkanoniker in Wells, Exeter, Lincoln, London und Salisbury zugleich, alles mit erheblichen Landgütern und Einnahmen versehen. (Dyer, S.111)

 

Während Kirche und Klöster immer mehr Land gewinnen, nimmt das der Könige gewaltig ab und ist unter Edward I dann nur noch eine fast zu vernachlässigende Einnahmequelle. Abgesehen von den geradezu fürstlichen Dimensionen der Grenzmarken nach Wales nehmen auch die der großen Barone ab, durch Teilung und andere Fragmentierung. Davon profitieren Ritter und Gentry, die ihr Geld aus Ämtern und Handel nun in Zukäufen von Land anlegen. Wenn es 1086 zwei große manors in Hanbury (Worcestershire) gab, ist dasselbe Gebiet um 1300 in zehn, elf kleinere Einheiten aufgeteilt.(Dyer, S.113f) Im Verlauf des 12. Jahrhundert gerät so die Mehrheit des Landes in England in die Hände kleinerer Herren.

 

Die größeren Herren werden im 12. Jahrhundert insofern Geschäftsleute, als sie zunächst im 12. Jahrhundert versuchen, ihre demesnes zu festen Summen zu verpachten, was ihnen aber dann durch die immer wieder einmal zunehmende Inflation verleidet wird. Dieses "Ausfarmen" der Domäne basierte darauf, dass der Wert des Landes zunächst als fest, firma galt, woraus sich die angelsächsische farm entwickelte, die feste Pacht. Die anziehende Inflation im letzten Drittel des 12. Jahrhunderts macht das aber zunichte. Also wird es nun üblicher, die Domäne nicht mehr zu vergeben, sondern über Amtsleute "direkt" zu bewirtschaften.

Zentrale Verwalter der gesamten estates beaufsichtigen nun lokale reeves, serjeants oder bailiffs, die für jeweils eine Domäne aus Ackerland, Weide und Wald von insgesamt meist über 500 acres zuständig sind. Dabei setzen die weiderum zunehmend Lohnarbeit ein. Experten finden heraus, dass Lohnarbeit um ein Drittel effizienter eingesetzt werden kann als feudal abgeleitete mit entsprechend geringerer Motivation. Lohnarbeit wird besonders bei der Ernte (auch von Heu) eingesetzt, aber auch zum Dreschen, als Schweinehirten und Milchmädchen und vielem anderen. Am Ende werden um 1300 nur noch weniger als 10% aller Arbeiten auf den Domänen aus feudaler Verpflichtung heraus erledigt, diese sind vielmehr, so nicht ganz verschwunden, durch Geldzahlungen abgelöst.

 

Im 12. Jahrhundert beginnt so die Domäne zum Geschäftsbetrieb zu werden, zu einer Unternehmung mit dem Ziel des proficuum (profit), und im 13. Jahrhundert werden in mittelfranzösischer Sprache die ersten Handbücher zur Führung eines solchen Unternehmens geschrieben und weit verbreitet. Von technischer Seite her gesehen nimmt dabei die Produktivität nur ganz langsam zu, und das eher auf Seiten der freieren Bauern als der großen Gutsherren und ihrer Verwalter.

 

Christopher Dyer erwähnt zwei estates großer Baronien als Beispiel für noch etwas anderes, nämlich die ebenfalls manchmal zunehmende Spezialisierung. Da ist das Manor von Keyingham, von dem aus der Verwalter des Ackerlandes und der Schafherden von Holderness insgesamt 7000 Schafe an elf Plätzen verwaltet, Er sorgt dafür, dass die Wolle an einem Ort gesammelt wird, von wo sie zwischen 1260 und 1280 an die Firma der Riccardi verkauft wird, die sie auf dem Kontinent vermarkten. Isabella de Fortibus, der auch dieser große estate von Holderness gehört, hat bei der Luccheser Firma eine Art Konto, auf dem sie ihren Ertrag eingetragen bekommt.

Die de Lacy-Familie hat Ende des 13. Jahrhunderts in Pontefract (Lancashire) einen Verwalter von 27 über verschiedene Orte verstreute Rinderherden, jede mit einem Mann versehen, der wiederum gut achtzig Rinder versorgt, insgesamt fast 2500 Stück Vieh. Die Rinder werden dann entweder als Zugtiere verkauft oder als Rindfleisch vermarktet.

 

Herren investieren nicht nur in Ackerbau und Viehzucht, sondern auch in Experimente mit Düngung, in stabilere (und zum Teil, bis heute erhaltene) Scheunen. Dazu kommen Getreidemühlen und Walkmühlen am Wasser und im 13. Jahrhundert zunehmend auch Windmühlen.

 

Bei alledem kommen doch die größeren Einkünfte der meisten Herren aus den feudalen Abgaben (rents), die die bäuerlichen tenants der untersten Ebene zahlen. Dabei ändert sich im 12. Jahrhundert bereits die Bedeutung der Bezeichnung villein, die ursprünglich einen Dörfler mit einem guten Auskommen meinte, nun aber zur Benennung unfreier Bauern absinkt, die unter dem common law also solche definiert werden, die schweren Arbeitsdienst für die Herren leisten und/oder (feudale) Abgaben im Ereignisfall zahlen müssen, also bei Heirat oder Todesfall zum Beispiel. Diese Hälfte der bäuerlichen Bevölkerung untersteht der relativen Willkür der grundherrlichen Feudalgerichtsbarkeit, die auch Konflikte unter villeins behandelt, immer mit einer Abgabe versehen.

Solche gutsherrliche Feudalität schwindet aber im Verlauf des 12. und 13. Jahrhunderts zunehmend, indem immer mehr Dienste durch Geldleistungen abgelöst werden und mehr feudale Abgaben in einer fixen Rentenzahlung aufgehen. Im Kern führt das wie auf dem Kontinent zu einer zunehmenden Vereinheitlichung und damit Entfeudalisierung der Verhältnisse auf dem Lande.

 

Geld, Kapital und Macht

 

Kapital ist seinem Wesen nach in der Hand ganz weniger, bis es in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts unter den Bedingungen von neuartiger Globalisierung und von Sozialdemokratisierung zunehmend entpersonalisiert wird. Macht ist bis ins hohe Mittelalter hierarchisch abgestuft, lässt aber die Allermeisten als schiere Untertanen außen vor. Geld hingegen fließt einmal horizontal, nämlich auf dem Markt, und dann sowohl von unten nach oben wie in geringerem Umfang von oben nach unten und dabei zumeist zurück.

 

Feudale Strukturen reichen von den Königen bis zu den kleinen Herren und den langsam aufsteigenden Dienstmannen. Finanziert werden diese Rechtsbeziehungen über bäuerliche und handwerkliche Arbeit, die Abgaben aus dem Handel und durch das sich entfaltende Finanzwesen. Um diese zunehmend auch in Geldform fließenden Einnahmen zu erweitern, wird sich um Effizienzsteigerung in der landwirtschaftlichen Produktion bemüht und den Bauern dabei tendenziell freiere Hand gelassen. Handwerk und Handel werden weiter durch Privilegierungen gefördert. Sich entfaltende feudale Strukturen und Kapitalismus entstehen gleichzeitig und bedingen sich dabei gegenseitig.

 

Das zunehmende "Zirkulieren" von Geld beruht auf Vermehrung der Produktion für einen Markt, die eine Ausweitung von Handel und Finanzwesen ermöglichen. Dabei nimmt der Handel mit Regionen außerhalb des lateinischen Abendlandes zu, welche zwar keinen Kapitalismus entwickeln, aber immerhin Waren anbieten. Zugleich beruht der zunehmende Geldumlauf auf einer Zunahme der Nachfrage.

Mehr Geld im Umlauf erhöht wiederum die Chancen für Kapitalbildung, Kapitalismus wird daraus durch Freiräume, die dem heimischen Kapital eine wirtschaftliche Machtposition einräumen. Der zunehmende Geldumlauf verändert dabei die Menschen und ihre Beziehungen zueinander in dem Maße, in dem er zwischen sie tritt. Dieser Prozess der Kommerzialisierung lässt sich nirgendwo besser beschreiben als bei der Prostitution, also dem Ausagieren des Geschlechtstriebes gegen Bezahlung, was die Beziehung zwischen den Geschlechtern nicht nur dort massiv verändert. Im Kern verändert Kommerzialisierung aber überhaupt die menschlichen Beziehungen entsprechend, weswegen der noch existierende Bereich jenseits davon, das was wir heute als derzeit völlig verschwindende Sphäre der Privatheit verstehen, vorläufig an Bedeutung gewinnt.

 

Indem auch die Beziehungen zwischen Herr und Knecht ansatzweise kommerzialisiert werden, wird es nötig, ein Feudalrecht davon abzulösen, welches eben nicht primär über Geld vermittelt ist. Da es über den Sphären von Produktion und Markt steht, kann es im lateinischen Abendland Beziehungen persönlicher Art rechtlich klarer formulieren. Andererseits basieren diese feudalen Rechts-Strukturen, die sich um Grundherrschaft und Militärdienst ranken, bereits auf den Einkünften der geschichteten Herren, die zunehmend in Geldform ankommen und nicht mehr erst auf einem Markt in Geld verwandelt werden müssen. Königsmacht gründet sich dann auf zwei Strukturen, einer zunehmend kommerzialisierten und einer, die immer mehr ständisch strukturiert wird und den aufsteigenden Kapitalismus möglichst lange zu leugnen versucht, ohne mehr ohne ihn auszukommen.

 

Überall wo gewählt wird, ist es nun naheliegend, mit Geld nachzuhelfen. Die Kölner Kapitaleigner, an der Unterstützung ihres Englandhandels interessiert, entscheiden sich 1198 für die Wahl des England-nahen Welfen Ottos IV. und finanzieren sie wohl zum größten Teil. Schon an seinem Krönungstag zahlt Otto mit einem Privileg für die Stadt zurück. (Hanse, S.11)

 

Einen ersten Höhepunkt der zunehmenden Käuflichkeit wird in der Doppelwahl des römischen Königs 1257 erreicht. In der Fortsetzung der 'Gesta Treverorum' heißt es dazu sehr parteiergreifend: Der Herr Konrad nämlich, Erzbischof von Köln, wählte wegen der ungeheuren Menge Geldes, die er bekommen hatte, (...) nicht aus Eifer für das Recht, sondern wegen des Wunsches nach Geld. Und er zog den Herrn Gerhard, Erzbischof von Mainz, der damals in Thüringen gefangen gehalten und für 8000 Mark Sterling des genannten Grafen von Cornwall freigelassen wurde, und den Pfalzgraf bei Rhein, der mit 10 000 Mark gewonnen wurde, auf seine Seite. Der Herr Arnold aber, Erzbischof von Trier, wollte (...) auf keinen Fall einen fremden Mann wegen des Geldes wählen.         15 000 Mark Sterling waren dem Erzbischof Arnold von Trier angeboten worden, doch sie konnten seine Haltung nicht ändern. (in: Kaufhold(1), S.56)

 

Auf die Zahlen des die Trierer Sache vertretenden Schreibers ist kein Verlass, eine englische Quelle gibt noch höhere Summen an (Kaufhold(1), S.62), und dass zwischen den Mächtigen immer mehr Geld fließt, ist nicht neu, nur die Quantität steigert sich. Das Kölner Viertel St. Columba "mit 889 Objekten wurde im Jahr 1286 mit einem Immobilienwert von etwa 29 000 Mark taxiert. Das war ungefähr die Größenordnung der Summe, die Richard von Cornwall für seine Königswahl zahlen musste." (Kaufhold(1), S.63)

Klar ist auch, dass für alle Königswähler ihre übergeordneten Machtinteressen eher den Ausschlag geben. Aber es wird auch deutlich, dass schon längst Gratifikationen als offene Bestechung angesehen und propagandistisch ausgeschlachtet werden können. Und ein anderer englischer Autor, Matthäus Parisiensis, beklagt durch seine ganze Chronik die Rolle des Geldes im Geschäft der Macht und hat besonders dabei das Papsttum im Auge.

 

Nach und nach kommt es inzwischen zu Elementen der Selbstverwaltung der unteradligen Spitzengruppen in der Stadt und in geringerem Umfang auf dem Lande. Es handelt sich dabei vor allem um unternehmerisch denkende und handelnde Kapitaleigner oft ministerialen Ursprungs, von denen zunächst im Mittelmeerraum und dann auch im Norden einige vor Ort in Bezug auf Reichtum am niederen Adel vorbeiziehen. Dabei orientieren sie sich in Selbstverständnis und Lebensstil an diesem und entfernen sich so weiter von der Masse der städtischen und ländlichen Bevölkerung.

 

Kurz vor 1180 schreibt der Leiter des königlich-englischen Exchequer Richard Fitz Nigel eine Abhandlung unter dem Titel 'Liber de Scaccario', in dem er die Bedeutung des Geldes für die Ausübung von Herrschaft unterstreicht: Wir wissen natürlich, dass Königreiche regiert und Gesetze aufrechterhalten werden vor allem durch Klugheit, Tapferkeit, Maß, Gerechtigkeit und andere Tugenden, weshalb die Herrscher der Welt diese mit ihrer ganzen Kraft beherzigen müssen. Aber es gibt Gelegenheiten, bei denen eine richtige und kluge Staatsführung viel schneller wirksam wird durch die Macht des Geldes. (so in: Borgolte, S.103)

Er hätte auch schreiben können, dass in Zivilisationen nichts geht ohne Geld, und dass soweit Geld längst die Welt regiert. Aber als treuer Diener seines Herrn muss er dessen Tugenden, also das, was ihn persönlich tauglich macht, natürlich in den Vordergrund stellen, so wie es die Geschichtsschreibung bis heute tendentiell weiter tut - und die persönliche Befähigung zur erfolgreichen Machtausübung gehört tatsächlich eben auch dazu.

 

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 Der Krieg ist der Vater aller Dinge, auch wenn Heraklit dabei mit polemos wohl jede Form von Machtentfaltung in der Natur meint. Zivilisationen beruhen alle wesentlich auf offener oder latenter Gewalt. Die mittelalterliche beruht auf einer privilegierten Herrenschicht, deren weltlicher Teil aus Kriegern besteht, aus der militia. Bis ins hohe Mittelalter bildet deren Militärdienst - am Ende als "Ritter" - die vornehmste Machtbasis der Könige. Aber zunehmend müssen Herrscher diese subventionieren und dann ergänzen durch Fußsoldaten, also bezahlte und vorübergehend angeheuerte Söldner.

Kriege wie die italienischen von Kaiser Friedrich I. dienen der Erschließung von Finanzquellen, und gewonnene wie der gegen Polen 1157 enden auch in finanziellen Unterwerfungsgesten: König Boleslaw verspricht am Ende, dem Kaiser 2000 Mark zu geben, den Fürsten 1000, der Kaiserin 20 Mark Gold und dem Hof 200 Mark Silber. (Rahewin in OttoGesta, S.403, III,5)

 

Zu den enormen Kosten der nach außen gelenkten Kriege kommen die zur "Befriedung" im Inneren. Schließlich verlassen sich Könige nicht mehr auf Vasallentreue, sondern auf bezahltes Militär am Hofe, wofür der englische dritte Heinrich alleine 1228 siebzig Berittene finanziert. Im späten Mittelalter wird dann vielerorts begonnen werden, daraus ein stehendes Heer einrichten. Ein riesiger Anteil des königlich-englischen Haushaltes geht schon im 12. Jahrhundert für Burgenbau drauf. In England kostete eine größere königliche Burg tausende von Pfunden. Daneben müssen Pfalzen/Paläste gebaut und erhalten werden und zudem repräsentative Kirchenbauten, und all das repräsentiert die Macht, die aus Gewalt entspringt, und erzeugt entsprechenden Respekt.

 

Während Herrschaft im 11. Jahrhundert sich immer mehr des Geldes bedient und auf die Anhäufung von Geld abzielt, lernt sie im 12. Jahrhundert die Machtausübung über das Schuldenmachen und wird zunehmend dabei von Finanzkapital abhängig. Gelernt wurde das gezielte Schuldenmachen ursprünglich im Fernhandel, wo bei größeren Transaktionen nicht die entsprechenden Silberpfennigmengen mitgeführt werden können, bevor dann Goldwährung eingeführt wird. 

 

Könige und Barone bzw. Fürsten benötigen situativ Geld für Kriege und dabei insbesondere für Sold, zudem für Käufe von Land und für Großbauten. Mit dem angevinischen Herrscher Heinrich II besitzen wir den ersten dokumentierten Fall einer zum großen Teil kreditfinanzierten Herrschaft. Zwischen 1155 und 1166, so hat man nachgerechnet, finanziert er Unternehmungen mit wenigstens 12 000 Pfund aus Krediten. Teile der Kriegführung laufen bei ihm darüber, dass Barone keine oder nur wenige Ritter schicken, sondern lieber dafür scutage bezahlen, manchmal ein Pfund pro angefordertem Ritter, wofür der König dann Militär mieten kann. Auch dafür versucht der englische König eine vollständige Aufstellung der Ländereien mit ihren tenants für sein Reich zu bekommen.

Dass es Heinrich II. gelingt, die vereinten Kräfte des französischen Königs, seiner Gemahlin und seiner Söhne bis auf Johann samt denen englischer Granden, die sich anschließen, und des schottischen Königs zu besiegen, liegt an einem kaum noch feudal zu nennenden Heer, welches sich zum großen Teil aus Söldnern zusammensetzt, wobei Niederländer herausragen, pauschal nach einer der Herkunftsgegenden als Brabantiner bezeichnet. Das sind Söldnertruppen, die auch Friedrich I. Barbarossa in dieser Zeit einsetzt.

Dieser deutsche Kaiser verlässt sich aber militärisch noch überwiegend auf die Vasallentreue seiner Fürsten, deren Ausbleiben hart bestraft wird. Für seinen Kreuzzug kann er immerhin 4000 Ritter und über 10 000 übriges militärisches Personal versammeln, wobei allerdings unter den hohen Herren Erzbischöfe und Bischöfe herausragen. Die alle sollen sich eigentlich aus eigenen Mitteln versorgen, aber tatsächlich muss der Kaiser erhebliche Summen beisteuern, die den Städten, Kirchen und Abteien des Reiches abgepresst werden. 

Heinrich VI. wird Süditalien durch Bereitstellung einer genuesisch-pisanischen Flotte erobern, was enorme Summen kostet. Finanzieren kann er das nur durch Nutzung eines Teils des Lösegeldes, welches die Untergebenen von Richard ("Löwenherz") für seine Freilassung zahlen. Auch dieses Geld ist erst einmal von Bauern und Handwerkern erarbeitet und von Handel und Finanzgeschäften erwirtschaftet worden.

 

Dass der angevinische Johann überhaupt noch Wert auf feudal gewonnenes Militär legt, liegt nicht zuletzt auch daran, dass Heeresgefolgschaft immer noch, wie bei Barbarossa und Philipp Auguste, Repräsentanz feudal begründeter Macht und ihrer Bindekräfte ist. Aber auch so gewonnene Ritter werden indirekt bezahlt über prests, geliehenes Geld, welches kaum noch zurückgezahlt wird (Carpenter, S.269)

Im 13. Jahrhundert gewinnt auch in Katalonien professionalisiertes Söldnertum wie das der Almogávares an Bedeutung, welches sich Anfang des 14. Jahrhunderts in seinem Freibeutertum zu Lande mit seinem Unheil immer mehr auf byzantinische Gebiete konzentriert.

 

Einen wesentlichen Teil des Finanzkapitals stellen noch im 12. Jahrhundert Juden, der wohlhabendere Teil jüdischer Gemeinden, deren Reichtum sich in prächtigen Stadthäusern zeigt. Der Aufbau ihres Kapitals ist schwer nachzuvollziehen, also die auffällige Anhäufung von Finanzkapital nördlich der Alpen in den Händen einer etwas exotischen Religionsgemeinschaft, nach England kommen sie erst mit Wilhelm dem Eroberer nach 1066, wobei sie zunächst wohl hauptsächlich mit Gold- und Silberbarren (bullions) operieren und zudem den obligaten Geldwechsel an der Grenze übernehmen.

 

Ihr Reichtum ist wohl vor allem aus kurzzeitigen, maximal einjährigen Krediten zu 20-43% Zinsen per annum hervorgegangen. Als Pfand dient oft Land, welches besonders in England bei Nichtzahlung der Schuld in jüdische Hand übergeht. In der Mitte des 13. Jahrhunderts sind es schon mal um die

80 000 Pfund, die Juden in einem Jahr als Gläubigermasse halten.

Die Könige tendieren dazu, "ihre" Juden zu schützen, und zwar nicht nur als Kreditgeber, sondern vor allem als regelmäßige Einnahmequelle durch Schutzgelderpressung, die Judensteuer, in England eine tallage. Zwischen 1241 1256 nimmt der englische König insgesamt 73 000 Pfund an regulärer Judensteuer ein.

Schützen sollen sie dort königliche justices of the Jews, die um 1200 zu den exchequers of the Jews werden, und die unter anderem die Sheriffs dazu anhalten sollen, darauf zu achten, dass ihnen die Schulden bezahlt werden.

 

Im zweiten und dritten Laterankonzil werden Wucherer mit dem Kirchenausschluss und dem Ausschluss vom christlichen Begräbnis bedroht, massiven Diffamierungen also. 1163 wird die Pfandsatzung zur Umgehung des Kreditverbotes verboten, 1185/87 der Kreditkauf zu erhöhtem Preis mit demselben Ziel, 1127/34 das Seedarlehen. (Gilomen, s.o.). Inzwischen werden Wucherverbote auch explizit für Klöster ausgesprochen.

 

Hatte man den Juden als geduldeten Heiden bislang selbst hohe Zinsen oft stillschweigend gestattet, so setzen nun nicht nur von der Kirche allerdings nicht unterstützte Pogrome gegen sie ein, die auch eine brutale Form der Schuldentilgung für Christen bedeutet, sondern es kommt schließlich zur Erlaubnis, Juden für die Finanzierung von Kreuzzügen zu enteignen.

 

In genau der Zeit immer verschärfterer Wucherverbote und der Judenverfolgung in mehreren Ländern findet aber, und das wird wesentlich tiefgreifender, zugleich eine zunehmende Einschränkung dieser Verbote durch die Bestimmung von immer mehr Fällen erlaubten Gewinnes statt. "Neben dem Risiko (periculum sortis) und der Ungewissheit (ratio incertitudinis) war dies ein tatsächliche erlittener (damnum emergens) oder ein virtueller, für die Zukunft als möglich gedachter Schaden bzw. entgangener Gewinn (lucrum cessans). Unter dem titulus morae konnte eine Entschädigung für Zahlungsverzug geltend gemacht werden (poena convntualis, interesse). War mit der Ausleihung eine Mühewaltung verbunden, so konnte dafür ein Lohn verlangt werden (stipendium laboris). Außerdem war eine Verzinsung bei Verwendung des Geldes durch Fürsten und Herren zur Prachtentfaltung (ad pompam) erlaubt." (Gilomen, S.95)

 

Diese vielen Möglichkeiten zur "christlichen" Erlangung eines Gewinns werden dann in der Wirklichkeit des späten Mittelalters das Kreditwesen und den Handel immer weiter vorantreiben.

1179 wird auf dem großen Laterankonzil festgestellt, dass Handel seinen Gewinn als Lohn aus dem Dienst zieht, den der Händler den Menschen leistet. Schließlich hat der Händler auch Auslagen, muss sich mühen und ein Risiko eingehen. Was weiter und noch von Thomas von Aquin beklagt wird sind sogenannte überhöhte Preise. Aber in der Praxis hat das dann mit dem sogenannten gerechten Preis des frühen Mittelalters in der christlichen Doktrin kaum noch etwas zu tun.

 

 

Königreiche

 

Im 11. Jahrhundert hat sich in Westfranzien und England ein Erbkönigtum dynastisch betriebener Familienpolitik durchgesetzt, welches de facto und eingeschränkt auch im Kaiserreich gilt, auch wenn Minderjährigkeit des Thronfolgers und Dynastiewechsel zu Krisen und zum Aufleben des Wahlgedankens führen und sich im 13. Jahrhundert dann das Wahlrecht zur Gänze durchsetzt. Das ehemalige (nord)italienische Königreich entzieht sich immer mehr kaiserlicher Oberhoheit und zerfällt im Norden in Stadtherrschaften und im Süden in das Königreich der beiden Sizilien. Dazwischen der wachsende Kirchenstaat.

Unterhalb der Könige setzen sich überall patrilineare und der Primogenitur folgende Adelsdynastien durch, seit dem späteren 11. Jahrhundert auch in Spanien. Darüber wölben sich dort mehrere noch instabile Königreiche (Leon, Kastilien, Navarra, Aragon und die Grafschaft Barcelona, die sich gegeneinander und gegen den islamisch beherrschten Teil der Halbinsel wenden.

 

In deutschen Landen bilden sich im 12. Jahrhundert deutlicher Fürstentümer heraus, deren Existenz die Staufer anerkennen und mit deren Hilfe sie regieren müssen. Römisch-deutsche Könige müssen mit einem Reich leben, welches sich seit den späten Saliern zunehmend als Fürstenföderation versteht. Feudale Strukturen weiter unten werden darum weiter oben ergänzt durch solche, die nun das Reich zusammenhalten sollen.

Die römischen Könige/Kaiser leben zunächst von ihren Krongütern und ihrem Familienbesitz, überhaupt von den wenigen königlichen Rechten, Regalien, die noch nicht vergeben sind. Macht ausüben können sie aber jenseits ihrer Hausmacht nur noch in Zusammenarbeit mit den Fürsten, die in die Regierung einbezogen werden und auf deren Dienste der König angewiesen ist. Als Kaiser versucht insbesondere Friedrich I und nach ihm Friedrich II von Sizilien aus das reiche Nord- und Mittelitalien unter kaiserlicher Kontrolle zu halten, um daraus Einnahmen zu ziehen. Nach 1240 scheitert dieser Versuch am Widerstand der Städte und der Päpste.

Schon wache Zeitgenossen wie Otto von Freising sehen, wie das italienische Engagement wenig Gewinn für die Könige bringt, dafür aber die Königsmacht in deutschen Landen schwächt (siehe Anhang 17 'Staufer').

 

Deutsch ist die Sprache bzw. der Oberbegriff für die Sprachen, die in deutschen Landen gesprochen werden. Aber noch Mitte des 12. Jahrhunderts gibt es für den belesenen Bischof Otto von Freising, Verwandten des Kaisers, kein Deutschland, sondern es ist weiter das Frankenreich, und dessen Raum westlich bis zum Rhein ist weiter Teil Galliens. Ottos Schriftsprache wie die fast aller ist weiter das Lateinische.

 

Otto von Freising nennt Deutschland gelegentlich Germania und meint damit den Herrschaftsbereich eines deutschen Königs, woraus die Engländer später Germany entwickeln, und die Italiener Germania, aber er ist sich der Unsicherheit in den Benennungen durchaus bewusst. So schreibt er in den Gesta I,8: Nach jenem Lemannfluss (dem Genfer See …) heißt jene ganze Provinz Alemannia. Daher glauben manche, das danach die ganze teutonicam terram Alemannien benannt ist, und pflegen alle Deutschen Alemannen zu nennen, während nur jene Provinz, dass heißt Suevia, nach dem Lemannusfluss Alemannia heißt und allein deren Einwohner Alemannen genannt werden. Das wird die Franzosen dann aber nicht daran hindern, von Alemagne zu reden und die Spanier von Alemania, wenn sie von Deutschland reden.

 

Für den Freisinger Bischof hat Otto d.Gr. die Kaiserwürde an die Teutonicos orientales Francos gebracht (Otto, Chronik S.456), wobei es dasselbe Reich (regnum) bleibt, auch wenn die Herrscher nun "eine andere Sprache" (lingua) sprechen als die fränkischen Karolinger. Als dann 1025 Konrad II. das Königsamt der östlichen Franken antritt, kann er erklären, dass er von mütterlicher Seite von den bedeutendsten gallischen Fürsten abstammte, die dem alten Stamm/Geschlecht (stirpe) der Trojaner entstammten und vom heiligen Remigius getauft worden waren (Chronik, S.472). Damit war die französische Vornehmheit, wie sie dort proklamiert wird, hinreichend konterkariert. Und entsprechend dieser Tradition ist dann auch ein Krieg des Reiches unter Konrad III. gegen die Sachsen 1141 noch plausibel, die sich möglicherweise in den Augen mancher noch nicht hinreichend integriert haben.

Aber in vielen damaligen Texten sehen sich Deutsche bereits als Gemeinschaft. Bei Etzels Turnier im Nibelungenlied sind die tiuschen geste kämpferisch (22,1351), deutsch taucht aber hier nur an dieser Stelle auf. In Wolframs 'Parzival' ist von tiuscher erde ein ort die Rede (P1,4) Vor Kanvoleis lagern unter anderem die stolzen Alemâne (P2,67, das Wort ist allerdings wohl auch dem Reim geschuldet). Auf deutsch sagen heißt tiuschen sagen P6,314), man hat seine lantsprâche (T12,8701 / T15,10874). Francrîche taucht in diesen literarischen Texten ebenfalls als fester Begriff auf (P9,455), man ist nicht mehr Westfranke, Franzosen sind Franzois (P1,37).

 

Im deutschen Sprachraum des Mittelalters gehören Volk, Reich und Land zusammen, aber da sie noch nicht in klare Rechtsformen einer Staatlichkeit gegossen sind, weicht ihre Bedeutung je nach Kontext und zivilisatorischer Entwicklung ab. Dazu genügt ein Blick in die deutsche Heldenromane um 1200. 

 

Das rîch ist im Kern der Machtbereich eines Herrschers, denn reich und mächtig fallen oft zusammen. Noch um 1200 ist das so. Rîch ist auch das Kaiserreich, in Wolframs 'Parzival' sind die vürsten ûz sîme rîche die Reichsfürsten (P14,683). Rîch kann aber auch wie im Nibelungenlied identisch sein mit lant (3,80) als Königreich (14,812), und das ist dann auch schon mal mit einem Stamm identisch, so das es dann heißt: Burgonden, sô was ir lant genant.(1,3). Burgonden lant (3,60) ist Gunthers lant (3,57), beides ist identisch, Herrschaft, Reich, Land und Volk. Wo es eines (einzigen) Herrschers ermangelt, wird das Land im Nibelungenlied von den Leuten her benannt: Die Burgunden ziehen durch der Beyer lant (26,1597) und die von Beyerlande werden von Hagen besiegt (26,1613). In Wolframs 'Parzival' tritt aber eine weitere Variante auf. Wo man kein Stammesvolk namhaft machen kann, tritt ein geographischer Begriff auf, und  so ist daz lant genennet Stîre die Steiermark (P2,9,499).

 

Inzwischen tritt aber das Land auch als Gegensatz zur Stadt auf. In Wien kommen nicht alle Recken in der Stadt unter, viele müssen in daz lant Herberge nehmen, also auf dem Lande (NL22,1360). Beim Reisen geht es über lant unde velt (NL22,1375) und bei Passau gibt es recken von dem lande (NL21,1294), also nicht aus der Stadt. Natürlich ist das Land auch Gegensatz zum Wasser und es bezeichnet zudem unabhängig von Menschen und Machtverhältnissen eine Gegend: Wein gibt es so in dem lande al umb den Rîn (NL20,1184).

Im Altfranzösischen liegen die Dinge natürlich anders. Bei Chrétien taucht wenige Jahrzehnte zuvor terre als Reich auf (E2725), und so eines ist auch Alemaigne (E6590).

 

Zurück in die deutschen Lande. Um 1200 sind lant und liute unter Herrschaft so verschmolzen, dass sich daraus ein neuer Volksbegriff wird entwickeln können, so unklar, wie er sein wird, und er wird dennnoch die Vorstellung von einer Abstammungsgemeinschaft oft aus der Stammesvorstellung herleiten. Siegfried spricht so im Nibelungenlied von mîns vater lant (3,105), und Kriemhild sieht Männer von ir vater lande (27,1713), also aus Burgund. Das ist noch nicht das neuzeitliche Vaterland, sondern der Herrschaftsbereich des Vaters, aber es wird sich dazu entwickeln. Wo Land und Volk zusammengehören, ist der lantman der Landsmann (P9,434 / T7,3935) und  mîn lantgesinde sind meine Landsleute (T12,8860).

 

Dabei ist die Einheit von Herrscher, Land und Leuten sowohl für Königreiche gültig wie für Regionen mit ihren Fürsten, und darüber hinaus kann der Rekurs auf alte Stammeszugehörigkeit zumindest im deutschen Königreich auch Herrschaftsbezirke überspringen oder aber mehrere Stämme/Völkerschaften unter einer Herrschaft sehen. Für den deutschen Autor des Nibelungenliedes haben die Völker unter Etzel jeweils ihre site, nach der sie leben (22,1336), unter denen eine die hunnische site ist (23,1386). Stämme/Völkerschaften sind also nicht nur nach der Sprache unterschieden, sondern auch nach ihren Lebensformen, den Gebräuchen, bei Chrétien de Troyes la costume (E38) und die usages (E1761). Dabei werden im angedeuteten neuen Volksbegriff Land und Sitte miteinander verbunden zur site von ir lant (31,1861) mîn lantsite, zum Landesbrauch (T4,2828).

 

 Erst im zwölften Jahrhundert taucht dann auch ein Dûtisce rîche auf, ein volkssprachlicher Versuch, etwas aus dem offiziell so heißenden „römischen Reich“ herauszulösen. Aber für Otto von Freising herrscht König Heinrich I. noch einerseits in orientali Francia, also im östlichen Frankenland, und ist damit zugleich Herr über ein regnum Germaniae. (Chronik, S.460). Deutsch ist ein vulgärsprachliches Wort und des Lateinischen nicht würdig und so sind die Deutschen denn auch im lateinischen Text Germani (s.o.). Und nicht ganz klar ist für ihn auch, ob die Eroberung "Italiens" durch den großen Otto das regnum Romanorum nun den Teutonicos neuerdings oder den Francos wieder überträgt (Chronik, S. 464).

 

 

Ein Volksbegriff als Einheit verwandter bzw. ähnlicher Menschen entwickelt sich in der Unterscheidung von den Nachbarn, andererseits ist Volk längst in einer anderen Bedeutung die unterschichtige Masse der Menschen. In den 'Gesta' Ottos von Freising wird Abaelard bedrohlich, weil homo ille multitudinem trahit post se et populum, qui sibi credat, habet. Die Menge und das Volk stehen zwar nebeneinander, die ersteren zieht er hinter sich her und letztere glauben ihm, aber das ist wohl Rhetorik geschuldet. Da nun aber die meisten Leute Untertanen sind, sinkt der Volksbegriff immer mehr zu diesen hinab und bekommt einen verächtlichen Beigeschmack.

Dem mag auch dienen, dass Volk und Stamm im gerade so anzivilisierten Zustand für die gekrönten Häupter zu immer verächtlicher genutzten Begriffen werden. Friedrich II.schreibt im Juli 1241 in propagandistischer Absicht an den englischen König über ein Volk barbarischer Abkunft und Lebensweise, dessen Ursprung und erste Wohnsitze Wir nicht kennen und das man Tataren nennt (… d.h. die Mongolen.) Denn dieses Volk ist wild und gesetzlos und kennt keine Menschlichkeit. Noch im August 1241 erklärt Kaiser Friedrich II: Die Mongolen haben eine Menge verschiedener Stämme niedergetreten und wollen zahlreiche (…) Völker ausrotten (Heinisch, S.523). Derartig unzivilisierten Stämmen bzw. Völkern fehlt eben die sie zivilisierenden Machtstrukturen samt der alleine wahren Religion.

 

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Je weniger der Titel des Westkaisers noch reale Macht bedeutet, desto mehr wird er unter den Staufern propagandistisch aufgewertet. Konrad III., der selbst nie den Kaisertitel erwirbt, bezeichnet sich selbst dennoch als solchen und weist bei dieser Gelegenheit dem Ostkaiser eine untergeordnete Stellung zu. Für

Friedrich I. ist der dann nur noch der König der Griechen und der Papst nur eine gleichrangige Macht. Als die Römer ihm den Kaisertitel antragen, weist er sie damit zurecht, dass die Hand der Franken und der Deutschen (sic!) über ihnen herrsche und sie darum ihm gar nichts anzubieten hätten.

Anlässlich des Konfliktes von Besancon formuliert er in einem Rundschreiben: Wir haben Königtum und Kaisertum durch die Wahl der Fürsten allein von Gott empfangen, der bei dem Leiden Christi, seines Sohnes, den beiden Schwertern, die notwendig sind, die Regierung des Erdkreises überantwortet hat. (in: Borgolte S. 37). Das Reich wird nun auch als heilig bezeichnet. Das, was die Engländer und Franzosen zunehmend als deutsche Großmannssucht erleben, wird von ihnen immer deutlicher abgelehnt. Mit dem Ende der Staufer und dem späteren neuen Verständnis von Westkaisertum schwindet diese Entwicklung, um erst im 19. und 20. Jahrhundert unter neuen Vorzeichen wieder hochgespült zu werden. Aber da hat sich ein gemeinsames Staatsgebilde der Deutschen bereits längst aus der Geschichte verabschiedet und wird auch nicht mehr angestrebt werden.

 

Die wirklich supranationale, völkerübergreifende Macht im lateinischen Abendland, die von Rom aus herrscht, nämlich die durch die Kirchenreform gestärkte Papstkirche, kann zwar im Zusammenspiel mit den neuen Mächten, mit Königreichen und Städten, das Kaisertum in enge Schranken weisen, verfügt außerdem zunehmend über enorme finanzielle Mittel und einen immer beachtlicheren Hofstaat, aber nur über ein kleines Territorium, den Kirchenstaat. Dieser kann mit den immer stärker werdenden Königreichen nicht konkurrieren, und da er mehr noch als der Westkaiser vor allem über - allerdings erhebliche - propagandistische Mittel verfügt, muss er sich mit ihnen in die Kontrolle der Reichskirchen teilen, bis die französische ihn daraus fast ganz verdrängt und dann unter ihre Kontrolle bekommt, was zur ersten vieler Kirchenspaltungen führt, die in den Reformationen des 15. und 16. Jahrhunderts kulminieren werden. Gelingt es der Kirche bis dahin noch einigermaßen, Abweichungen vom päpstlich verordneten Glauben auf das grausamste zu vernichten, so fällt sie danach als abendländische Klammer aus. Was dann noch bleibt, ist der gemeinsame Kapitalismus, der auch die Machtstrukturen bestimmt, und eine lateinische Sprache der Gelehrten, die erst im 18. Jahrhundert endgültig verschwindet.

 

Zwischen Gregor VII., Innozenz IV. und später Bonifaz VIII. wird so zwar von den Päpsten ein effektiver, in manchem kaiserähnlicher monarchischer Anspruch vertreten, eine Art Oberhoheit im lateinischen Abendland, aber er lässt sich gegenüber den Königreichen nicht durchsetzen. Die Herleitung von Gott über Christus und Petrus als Stellvertreter Gottes auf Erden beeindruckt außer wenigen Frommen vergleichsweise wenig gegenüber jener Macht, die mit hinreichend militärischer Gewalt verbunden ist.

 

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Im nunmehr entstehenden Frankreich fehlt der allodiale Besitz, in dem sich noch ein Gutteil deutscher Lande befinden. Da alles Land einen Herren hat, fallen hier wie auch in England feudale Strukturen und Herrschaft zusammen. Das Königreich Frankreich ist darum bestrebt, durch Expansion, also die militärische oder friedliche Einvernahme benachbarter Fürstentümer aus seinem engen Rahmen herauszuwachsen. Dabei wird es durch große Gebiete unter anglonormannischer Herrschaft eingeschränkt, die erst Anfang des 13. Jahrhunderts mit Ausnahme der Gascogne eingenommen werden. Nach der Schlacht von Bouvines 1214 ist der französische König (Philippe II. "Auguste", 1180-1223) dann allerdings reichster und mächtigster Herrscher im lateinischen Europa.

Die zu Franzosen werdenden Menschen in Westfranzien betrachten sich selbst längst als einzige Erben der Franken und zunehmend als Mittelpunkt lateinischer Zivilisation. In seinem 'Cligès' schreibt Chrétien von Troyes: Das haben uns unsere Bücher gelehrt, / dass die erste Blüte der Ritterschaft / und Bildung in Griechenland entstand. / Und dann kam die Ritterschaft / und die gesamte Bildung nach Rom, / die nun nach Frankreich gewandert ist. / Gott gebe, dass sie dort bleibt / und der Ort ihr so sehr gefällt, / dass Frankreich nie mehr die Ehre und den Ruhm / verliert, der sich dort niedergelassen hat. (vv).

 

Aber schon fast hundert Jahre vorher stellt der Abt Suger von Saint-Denis fest, dass der sich im Konflikt mit Kaiser Heinrich V. befindliche Papst Paschalis II. nach seiner Verbindung mit dem französischen König erfüllt von Liebe zu den Franzosen und von Furcht und Hass auf die Deutschen nach Rom zurückkehrt (in: Borgolte, S.111). Zwar geht es eigentlich nur um Könige und Kaiser, aber der Autor identifiziert ungeniert die Völker mit ihnen.

 

Die Verbindung von dynastischem Herrscher, Kirche/Kloster und Untertanen als Volk ist in Westfranzien am stärksten, weil hier die Reichsbildung systematisch als Erobern und Aquirieren von Territorien stattfinden muss, da das entstehende Frankreich jenseits der Krondomäne zunächst nur in der Vorstellung existiert und das Königtum schwach ist. Ein Jahr vor der vernichtenden Niederlage bei Brémule wird 1118 Abt Suger von St.Denis enger Berater König Ludwigs VI. Ein Jahr danach wird der "heilige" Dionysius zum Patron des Königreiches und löst damit den "heiligen" Remigius (St.Rémi) ab. Dies symbolisiert der König, indem er die Krone seines Vaters dem nun führenden Kloster übergibt.

 

1124 erfährt der französische Hof von einer wohl mit dem englischen König koordinierten Invasion Kaiser Heinrichs V. ins Herz des Westfranken-Reiches. Ludwig eilt nach St.Denis cum ad aures nostras pervenisset Alemannorum regem ad ingrediendum et oprimendum regnum nostrum, wie es in der königliochen Urkunde dann heißt. (in:Sohn, S.65)

Der Heilige und seine zwei Gefährten werden aus der Krypta geholt, auf den Hauptaltar versetzt, damit er, wie es heißt, das regnum Francorum verteidigen möge. Vom Altar nimmt er dann ein Banner, womit er als Graf des Vexin zum Vasallen des Heiligen (bzw. seines Klosters) wird. Diese seidene, rote oriflamme, mit der er dem Kaiser erfolgreich entgegen zieht, symbolisiert nicht mehr nur sein Königtum als persönliche Fahne, sondern das Reich als Vorläufer einer nationalen Kriegsflagge.

Als Dank für die sakrale Unterstützung kriegerischer Aktivität erhält das Kloster erhebliche Privilegien, die seine Einkünfte deutlich steigern, darunter die Bestätitgung einer später Lendit genannten Messe für alle Zeiten.

Von klösterlicher Seite wird in diesen Zeiten ein Dokument gefälscht, in welchem Karl ("der Große") allen Leibeigenen ihre Freilassung garantiert, wenn sie dem Heiligen vier Goldstücke abliefern. Zudem sollen alle seine Nachfolger in der Abteikirche beerdigt werden. Zudem heißt es nun, Karl der Kahle habe St. Denis einen Nagel aus dem Kreuz der Dornenkrone Jesu gestiftet. Damit erhält das entstehende Reich der Franzosen nicht nur einen neuen "National"heiligen, sondern auch mit Carolus Magnus einen weltlichen Fixpunkt. Fehlt nur noch, dass in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts diese Reichskriegsflagge dann auch noch auf "den großen" Karl zurückgeführt wird.

 

 

Das, was viel später einmal sich in Nationalismus im Vollbild verwandeln wird, gibt es nicht nur zwischen Franzosen und Deutschen, sobald sie sich deutlicher als solche verstehen, sondern auch zwischen Engländern und Franzosen und Engländern und Deutschen. In beiden Fällen reiben sich Menschen aus im Prozess der Zivilisation weiter fortgeschrittenen Völkerschaften auch immer wieder am Kaisertum "deutscher Nation". Und so schreibt Johann von Salisbury Mitte des zwölften Jahrhunderts in einem Brief: Wer hat die Deutschen zu Richtern über die Nationen bestellt? Wer hat diesen dummen und aufbrausenden Menschen Autorität verliehen, nach ihrer Willkür den Fürsten über die Häupter der Menschenkinder zu setzen? Fürwahr, dies hat ihr Wüten schon allzu häufig versucht, doch wurde es ebenso häufig durch Gott gezüchtigt und verwirrt und schämte sich seines Unrechts. (Brief 124 in Rexroth, S.243)

 

Nun sind das zunächst nur wenige und wenig repräsentative Stimmen, und es wird noch dauern, bis sie sich zu einem größeren Chor vereinen.

 

Frankreich und England werden beide auf unterschiedlichem Wege zentral organisierte Reiche mit einem in England einheitlichen Münzwesen und in beiden Fällen einer verschriftlichten wachsenden Verwaltung und dem zunehmend erfolgreicheren Weg, über die Gerichte königliche Macht auszuüben. Das königliche Finanzwesen löst sich langsam von den Einnahmen aus königlichen Gütern und geht zu immer weniger feudalen Einnahmequellen über, die besonders in England hin zu einer geordneten Besteuerung der Bevölkerung führen. Früher als in deutschen Landen werden dabei Juristen einbezogen.

 

Solche Frühformen von Staatlichkeit versucht Friedrich II auf der Basis normannischer Vorarbeit in seinen Sizilien einzuführen. Dabei wird zentrale Verwaltung ergänzt durch eine bis ins Detail gehende Regulierung von Ämtern und Wirtschaftsleben, die an ein paar Stellen bereits an die Durchregulierung des Lebens im Europa des 20. Jahrhunderts gemahnt.

 

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Dass Deutsche als Fremde unter dem Vorwand des Kaisertums seit dem zehnten Jahrhundert in regelmäßigen Abständen in die italienische Halbinsel einfallen, beginnt im 11. Jahrhundert langsam als Fremdherrschaft angesehen zu werden, und Deutsche sind dann unter den Staufern ganz und gar Fremde im Land. 1177 sollen die Abgesandten der Lombarden Papst Alexander III. gesagt haben, universa Italia stehe gegen den Kaiser und man trete für honor et libertas Italie ein. Italia steht hier für die Italiener des Nordens, genauer für die Stadtstaaten dort. Diese ethnische Komponente von Kriegen wird sich immer weiter verstärken, und Juni 1241 kann dann Friedrich II.an den König von Ungarn schreiben: Krieg gegen die Lombarden unter Verströmung deutschen Blutes (…) und mit Hilfe deutscher Schwerter (Heinisch, S.510).

 

Es ist die oft gewalttätige Konfrontation, die im Anderen das Fremde hervorhebt und so das Eigene erkennt. Da verbindet sich Ablehnung von Fremdherrschaft bei denen, die nun immer deutlicher zum Volk neuen Types werden, mit der Propaganda der Mächtigen da oben, die sie zunehmend nun für ihre Interessen einsetzen. Wenn Konstanze dann die von den Staufern nach Sizilien geholten Deutschen fortschickt, dürfte das bei Menschen dort auf Zustimmung gestoßen sein.

 

Dass die allmählich hergestellte Volkszugehörigkeit auch auf den Gewalttaten der Mächtigen beruht, lässt sich an der Zweiteilung dessen, was geographisch die italienische Halbinsel ist, sehr gut erkennen. Das Königreich beider Sizilien umfasst Süditalien und die Insel und von ihm blickt man auf einen Norden, der als Italien bezeichnet wird. Jedenfalls gehören oft das Königreich bzw. die Königreiche beider Sizilien nicht dazu, spricht man dort auch eine etwas andere Sprache als im Norden

 

Norditalien wird oft mit Lombardia gleichgesetzt, aber manchmal heißt auch das ganze Gebiet nördlich der Toskana Italia. Oft ist aber wie bei Romuald von Salerno mit Italia auch das ganze Reichsitalien gemeint, selbst wieder ein sehr unklarer heutiger Begriff.

 

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1204 geht das wirkliche römische Kaiserreich im Ansturm des von Venedig beeinflussten Kreuzzuges unter. Hof und Verwaltung fliehen nach Kleinasien und es bilden sich zwei griechische Nachfolgereiche, von denen aus dann die Rückeroberung von Byzanz/Konstantinopel stattfinden wird. Aber dieses Reich wird dann in einen hoffnungslosen Abwehrkampf gegen Bedrohungen aus allen Richtungen verwickelt werden.

Nachdem das westliche Kaisertum vor dem Gewicht der norditalienischen Städte kapituliert hat, kommt es zu einem letzten und eher hoffnungslosen Rettungsversuch durch den Staufer Friedrich II., der von seiner soliden Machtbasis Sizlien und Süditalien aus einmal akzeptieren muss, dass sich die deutschen Fürstentümer konsolidieren und endgültig einem schwachen Königtum gegenüber stehen, und zum anderen an den norditalienischen Stadtstaaten scheitert, die eine Unterordnung wie im staufischen Kernreich im Süden nicht hinnehmen, und an einem Papsttum, welches im Bündnis nicht zuletzt mit Frankreich keine Unterordnung unter (deutschstämmige) Westkaiser wie noch bei den frühen Saliern hinnehmen möchte. Damit ruiniert der Staufer auch mit seiner Kaiserfiktion das normannische Erbe, auf dem er zunächst einmal aufbaut. 

 

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Das anglonormannische Reich ist zunächst eines fremder Herren, und es wird erst mit dem Verlust der Normandie für die "englische" Krone und den Adel zu einem englischen werden.

 

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Die Reichsbildung mit ihrem Entstehungsprozess von Völkern findet in Skandinavien bei instabilen Grenzziehungen und Expansionsbestrebungen nur langsam statt. Die dänische Krone beherrscht Schonen und dehnt sich auf die südliche Ostseeküste und das Baltikum aus, Norwegen Island, Grönland, Färöer, die Shetlandinseln und den Norden Schottlands, Schweden dehnt sich nach Finnland aus.

 

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Zur Trennlinie zwischen griechischem Byzanz und lateinischem Abendland kommt die geographisch verwandte zwischen orthodoxem und römisch-katholischem Christentum. Während das oströmische Kaiserreich nicht nur am Ansturm des Islam, sondern zugleich auch eines vorwiegend feindlich gesonnenen lateinischen Westens seinem Untergang entgegengeht, erweitert sich die Orthodoxie über die Russen auf die Karelier und Samen (Lappen) im Norden und im Süden auf die Bulgaren und Serben. Zwar stört die Religion wie auch beim Islam nicht den Handel, nicht einmal die Kapitalbildung, aber doch die freiere Entfaltung des Kapitals samt den politischen Räumen, die es sich erobert. Aus Städten werden so keine Kommunen, es gibt also keine Gemeindebildung. Von Russland über den Balkan-Binnenraum bis Griechenland wird Kapitalismus bis ins zwanzigste Jahrhundert ein unbedeutender Faktor bleiben. Der zivilisatorische Abendland-Begriff wird damit große Teile des geographischen Europas in der weiteren Entwicklung ausnehmen.

 

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Das Papsttum errichtet in seinem mittelitalienischen Bereich eine Sonderform von Fürstentum mit seinem entstehenden Kirchenstaat und der Hauptstadt Rom samt Residenz im Lateran. Ein päpstlicher Hof (curia) aus Kardinälen, Kanzlei, Kapelle, Kammer und Gericht residiert in Rom. Diese werden immer weniger aus dem römischen Adel rekrutiert und haben zunehmend ein akademisches Studium hinter sich gebracht. Effektiviert wird vor allem auch die päpstliche Finanzverwaltung, für die der Kämmerer Cencius 1192 ein 'Liber Censuum Ecclesiae Romanae' anlegt.

 

Volk, Bevölkerung, Stand und Schicht

 

Die Menschen des hohen Mittelalters leben unter den Bedingungen von Herrschaft, sie sind Herren unterworfen. Ausgenommen sind Könige und de facto solche Fürsten, die ein schwaches Königtum über sich haben. Zum Volk (populus) gehören zunehmend die, welche selbst keine Herren irgendeiner Art sind, Bürger und vor allem Bauern. In der vagen Ordnung von Klerus, Adel und Unteradeligen bilden sie den dritten Stand.

Ein zweiter Volksbegriff wird später denen übergestülpt werden, die schon früh als Engländer und Deutsche auftauchen, bald auch als Franzosen usw. Das benennt, ebenfalls recht vage, Sprachfamilien und daneben zunehmend die Menschen unter einem entsprechenden König, in England einem französisch sprechenden und in deutschen Landen einem, der sich als römischer bezeichnet.

 

Bevölkerung ist ein Wort, welches im 18. Jahrhundert beginnt, das französische peuplement abzulösen, welches im Preußen Friedrichs II. noch als das Peuplieren auftaucht, also als Ansiedlungspolitik. Erst später wird daraus der Stand der Besiedlung eines Landes. In die englische und französische population ist beides eingegangen, wie auch in die spanische población.

Bevölkern als gelenktes Besiedeln kennt aber schon das früheste Mittelalter. Mehr arbeitende Menschen steigern nämlich den Reichtum der Herren.

 

Sprachliche Genauigkeit tut not für den Historiker: Volk als Untertanen eines Königs ist etwas anderes als Volkstum als Sprachgemeinschaft, wie das für die Deutschen gilt oder anders für die Frankophonie eines späteren französischen Nationalismus. Volk als unteradelige Schicht(en) ist wiederum etwas anderes.

 

Dabei ist die "Schicht" selbst ein soziologischer Kunstbegriff des 20. Jahrhunderts, der aus dem Verb schichten als (unter)teilen abgeleitet ist, - wie bei den geteilten Arbeitsphasen im Bergwerk. Aber so wie die Schicht des Bergmanns oder des Schichtkuchens lässt er sich für Menschen nicht definieren. Im hohen Mittelalter von einer unteradeligen Schicht zu sprechen ist wenig ergiebig, sobald man darunter die Stadt-Land-Unterschiede oder regionale Unterschiede einordnet, von Schichten in der Stadt kann auch nur gesprochen werden, wenn man sie willkürlich voneinander abhebt. In den Städten bilden sich stattdessen im weitesten Sinne Gesellschaften, wie es die Zünfte, Gilden und Bruderschaften darstellen, oder die Trinkstuben eines entstehenden Patriziats. Auf dem Land sind das Dorfgemeinschaften.

 

Wenn es so etwas gibt wie eine Einteilung der Menschen in verschiedene Gruppen jenseits von adeligen Herren und unteradeligem "Volk" oder von Kapitalisten und dem Rest der Menschen, jeweils immer von ganz wenigen und fast allen, dann ist es die Gruppe der ausgesprochen Belesenen und der mehr oder weniger Illiteraten, die höchstens das lesen, was unbedingt sein muss oder aber dem Amüsement dient. Wiederum sind diese ganz wenigen allgemeiner "Gebildeten" selten, so wie auch heute. Von ihnen aber hören wir bis ins späte Mittelalter am ehesten etwas und nur von ihnen auch über den Rest der Menschen.

 

Die meisten Mitglieder der neuen höfischen Welt gehören lange jenseits ihrer Verhaltensideale zu den Ungebildeten und oft auch noch Analphabeten. Umso wichtiger ist der zeichenhaft-symbolische Charakter ihres entstehenden Verhaltenskodexes. Ihr Gegenpol wird auch nicht so sehr das immer verwandtere Kapital besitzende städtische Bürgertum, sondern bäurisches Verhalten, das "Dörpertum". Hier drückt sich immer weiter das Herrenmenschentum gegenüber dem "Volk" aus so wie bis heute die Verachtung des Städters für den Bauern. Aber außerhöfischer niederer Adel und Rittertum aus ministerialen Wurzeln sieht diese Trennlinie schon weniger, wie Walter von der Vogelweide und Neidhart von Reuenthal belegen. Und beide treten auch "bei Hofe" auf und lassen sich dort verköstigen.

 

Nach welchen Kriterien man Schichten suchen will, sie passen dann nicht mit anderen zusammen. Bauern tanzen anders als Adel bei Hofe, die einen hüpfen und springen mehr, die anderen schreiten eher. Aber beide betreiben denselben Heiligen- und Reliquienkult über alle monotheistischen Vorstellungen hochgebildeter Theologen hinaus, die ihn in ihren Texten auch nicht offensiv ablehnen, beide teilen denselben Wunderglauben und die Angst vor Höllenqualen nach dem Tode. Der geographische Horizont dürfte bei Händlern und Adeligen etwas weiter sein, aber die Geschichtsvorstellungen sind bei fast allen sagenhaft und legendär.

 

Wenn man von "Schichten" sprechen wollte, würde man zudem schnell erkennen, dass sie so durchlässig sind, dass sie in den Prozessen von Auf- und Abstieg sich zunehmend verflüssigen. Adelige steigen zu Bauern ab, Kapitaleigner übernehmen adelige Lebensformen. Eine sinnvolle Einteilung, die aber üblicherweise nicht als Schichtung betrachtet wird, ist die in die ländlichen und städtischen Produzenten, die Kapitalisten und die Rentiers, wobei letztere Könige, Fürsten und Adel umfasst, wobei Adelige in manchen Gegenden selbst Kapital investieren.

 

Fazit ist, dass eine Nutzung des Wortes Volk immer eine Definition nach sich ziehen sollte, und dass die des Wortes Schicht immer als Notbehelf bei unumgänglichen Generalisierungen zu betrachten ist. Es versteht sich von selbst, dass der Wunsch nach Klarheit das Wort "Klasse" in solchen Zusammenhängen völlig ausschließt.

 

 

Späte Zivilisierungen: Kelten, Germanen und Slawen

 

Kulturen, also durch Tradition und geringe und wenig institutionalisierte Machtstrukturen geprägte Gemeinschaften, werden uns vor der Kolonisierung Nordamerikas und des pazifischen Insel-Raumes erst schriftlich vermittelt, wenn sie bereits im Kontakt mit Zivilisationen stehen und durch diese beeinflusst sind. Das betrifft die Germanen jenseits des römischen Imperiums und dann noch die Sachsen vor ihrer blutigen Unterdrückung unter die Herrschaft des großen Karl. Die Archäologie hilft da nur geringfügig weiter.

 

Da aber die Kelten insbesondere in Wales, aber auch in Irland und in geringerem Maße in Schottland sich lange gegen die angelsächsische und anglonormannische Unterjochung und Überfremdung wehrten und dabei ihre Eigenheiten auch schriftlich zu formulieren begannen, wissen wir wenigstens aus ihrer Übergangszeit vom Stadium der Kultur zur Zivilisation über sie etwas mehr.

 

Durch die seit der römischen Invasion in Wellen laufenden Angriffe sehr unterschiedlicher Art scheint sich ein gewisses Gemeinschaftsbewusstsein der britischen Kelten gebildet haben. Dabei haben sie innerhalb der großen keltischen Sprachfamilie unterschiedliche Sprachen in Irland, Wales, Cornwall und einem zukünftigen Schottland ausgebildet. Auch die Verhältnisse in den vier Großregionen sind verschieden so wie auch Art und Grad der Überfremdung von außen.

Cornwall verliert nach der angelsächsischen Einwanderung nach und nach seine keltischen Eigenheiten und wird als erstes in ein englisches Großreich des frühen Mittelalters eingegliedert. Bis 875 ist noch ein kornischer König dokumentiert. Die blutige Anglisierung durch Enteignung und Etablierung einer angelsächsischen Schicht von Grundbesitzern wird unterstützt durch die angelsächsische Überformung der keltischen Kirche durch "englische" Geistlichkeit. Der nächste Schub von Enteignung und Überfremdung geschieht nach der normannischen Eroberung. Die kornische Sprachgrenze zum Englischen verschiebt sich kontinuierlich vom 13. bis zum 18. Jahrhundert von Nordwesten nach Südosten, um dann auszusterben.

 

In Ansätzen von Zivilisierung hat sich bei den Kelten früh ein kleinräumiges Häuptlingstum entwickelt, welches sich dann mit dem Königtum im lateinischen Abendland entsprechenden Titeln schmückt. Auf der irischen Insel gibt es etwa 150 , die jeweils einem Stamm, tuath, angehören, der sich wiederum in mehrere Verwandschaftsverbände aufteilt. Die Macht dieser Häuptlinge ist aber gering. Gelegentliche Versuche, eine Art Oberhoheit zu gewinnen, scheitern schnell.

Das durch Gebirge zerklüftete Wales ist wie Irland zunächst ebenfalls durch nicht territorial definierte von solchen Häuptlingen angeführte Personenverbände bestimmt, also vorzivilisatorische Vorstellungen jenseits des römischen Rechtes. Wie schon bei den noch nicht zivilisierten Germanen ist das Land im Kern im Gemeinbesitz des ideellen Verwandtschaftsverbandes, was überall nördlich der Alpen dadurch gefördert wird, das dieser Verband der Freien seinen Wohlstand in hohem Maße auf Viehbesitz gründet.

 

Im späteren Schottland entwickelt sich Zivilisierung etwas anders. Zunächst in die im Norden siedelnden Pikten und die aus Irland stammenden und gälisch sprechenden Scoten geteilt, die im neunten Jahrhundert locker durch ein von einer scotischen Dynastie gestelltes Königtum vereint werden, welches sich zunächst noch Königtum der Pikten nennt. Tatsächliche dauerhaftere Herrschaft wird zunächst nur in den Lowlands hergestellt, während Highlands und Inseln im Westen fast unzugänglich sind. Letztere sind unter skandinavischen und irischen Häuptlingen aufgeteilt. Im entstehenden Schottland wird ein sich zunehmend an anglonormannischen Vorbildern orientierendes Königtum zum Motor von Zivilisierung.

 

Die Zerstörung des keltischen Wales beginnt nach der normannischen Eroberung mit der Einrichtung von drei Grenzmarken (später: marches) im Osten, den Grafschaften von Hereford, Shrewsbury und Chester, wie die Orte später heißen. In den nächsten Jahrhunderten werden die später Earls genannten und sehr selbständig herrschenden Grafen durch die Errichtung von Burgen und Marktstädten (boroughs), Verleihung von Land an Vasallen, durch Einführung des anglonormannischen Kirchensystems und Zuwanderung aus England dort eine am Ende vollständige Anglisierung unter anglonormannischen Vorzeichen erreichen, allerdings mit eigenem Recht, weder walisischem Gewohnheitsrecht noch anglonormannischem common law.

Während der Thronwirren unter Stephan und Mathilde gewinnen einzelne Häuptlinge die Kontrolle über ein sich in drei Regionen teilendes Rest-Wales mit Gwynned (Nordwesten), Powys und Deheubarth. Diese versuchen wiederum, gegeneinander die Oberhoheit zu gewinnen und gelegentlich unter einem von ihnen die englische Oberhoheit abzuschütteln. 1282 scheitern solche Versuche endgültig.

 

Eine Mittlerstellung im 12. Jahrhundert nimmt Geoffrey von Monmouth ein, der aus einer dortigen anglonormannischen Kolonistenfamilie stammt und erst Magister in Oxford und dann Bischof von St.Asaph wird. Wohl ganz im Sinne seines Förderers, des Earl of Glouvester und Lord von Glamorgan, eines illegitimen Sohnes von König Henry I., phantasiert er sich eine ruhmreiche Geschichte der keltischen Briten insbesondere unter einem König Artus zusammen, der ein mächtiges Großreich beherrscht habe. Die anglonormannischen Herrscher führen, so impliziert er, dessen glorioses Reich weiter. Er fördert so mit einem romantisierenden Keltentum walisisches Selbstbewusstsein, ohne aber den substantiellen Erhalt seines kulturellen Erbes zu wollen.  

 

Die "Anglisierung" der Küsten- und Talregionen geht von englischen Zwingburgen aus, zu deren Besatzungen sich englische und flämische Handwerker und Händler gesellen. Von dort strahlt der Einfluss der Vorstellungen und Einrichtungen einer fortgeschritteneren Zivilisation ins keltische Gebiet aus. Als größere Stadt jenseits der Marken kann aber bis tief ins hohe Mittelalter nur Cardiff mit gut 2000 Einwohnern gelten.

 

Zur Anglisierung der weltlichen Strukturen kommt die der geistlichen. Ein wenig wie auf der Insel der Iren waren mönchische Gemeinschaften (clasau) und zentrale Kirchen eng verbunden, Äbte waren des öfteren zugleich eine Art Bischöfe. "Die Kanoniker teilten zwar ein gemeinsames Einkommen, lebten aber wie Weltgeistliche  und waren oft verheiratet; sie vererbten ihre Klerikerstellen deshalb auch auf ihre Söhne." (Borgolte, S.124) Immerhin waren diese Institutionen Zentren eines lateinischen Christentums und der Tradierung antik-römischer Texte.

 

In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts wird die walisische Kirche dem Erzbistum Canterbury unterstellt und in vier Diözesen unterteilt. Die walisischen Bischöfe werden nun geistliche Vasallen der englischen Könige. Von oben bis in die Pfarreien hinein wird auch so ein weiterer Schub der Zivilisierung im Verlaufe der nächsten Jahrhunderte durchgesetzt. Tief eingreifend in den Alltag wird die langsame Durchsetzung einer lateinisch-christlichen Sexualmoral: Die relativ einfache Auflösung gescheiterter Ehen wird ebenso als sündhaft angeprangert wie die Gleichstellung unehelicher mit ehelichen Kindern.

 

Auch in Irland wird Zivilisierung über eine von außen eingeleitete Christianisierung der Sexualität und die Bindung von Macht an den individuellen Besitz von Land bzw. der Verfügung darüber durchgesetzt, was vor allem auch durch partielle Eroberung und Kolonisierung durch Skandinavier und dann Anglonormannen und die davon ausgehenden Einflüsse geschieht. 

Überall, wo diese die Verhältnisse nicht durchgreifend ändert, gelingt es zum Beispiel nicht, eine konsequente Monogamie durchzusetzen

 

Zwar gibt es wie etwas später in Wales auch eine Regionalisierung der Machtverhältnisse, die die Insel in Ulster, Leinster, Munster und Connacht aufteilt, aber die Schwäche des Häuptlingstums im Unterschied zu englischem Königtum führt wie in Wales zu keiner überregionalen Herrschaft. Ähnlich wie Geoffrey von Monmouth für Wales entwickeln so irische Geschichtserzähler schon im 11. Jahrhundert ein legendäres und ruhmreiches irischen Königtum von Tara. 

 

Etwa in derselben Zeit, in der Wales der englischen Kirchenorganisation unterworfen wird, erhält auch Irland eine solche nach römischem Muster mit Bischöfen und Diözesen und Klöstern nach kontinentalen Vorbildern. Damit kann der Kampf gegen das aufgenommen, was in Irland wie in Wales vom lateinischen Christentum als sexuelle Freizügigkeit bzw. Unmoral angesehen wird: Häufige Scheidungen bzw. das eigenhändige Verstoßen unliebsam gewordener Ehefrauen insbesondere in den Kreisen der Reichen und Mächtigen, Polygamie dort, wo man es sich leisten kann und fehlende Diskriminierung unehelicher Kinder.

 

Der kirchlichen Durchdringung Irlands geht unmittelbar die Eroberung der Südosthälfte der Insel  durch die Anglonormannen/Engländer voraus, die die Iren auch schon mal Sachsen nennen. Vorausgegangen war der Versuch von Diarmait Mac Mucharda, mit Hilfe von walisischen und flämischen Söldnern und des Earls of Pembroke ("Strongbow") ein irisches Hochkönigtum zu errichten. Nun greift König Henry II. ein und erobert in den 70er Jahren des 12. Jahrhunderts große Teile der Insel. 1187 erkennt der Papst ein Königreich Irland an, welches der König seinem Sohn John anvertraut.

Die Königsmacht in Irland bleibt schwach, weniger wegen der Autonomie der übrigen keltischen Teilfürstentümer, sondern einmal wegen der bald einsetzenden Abwesenheit der anglonormannischen Könige und zum anderen wegen der zunehmenden Macht "englischer" Barone auf irischem Boden. Immerhin zieht die englische Krone erhebliche Summen aus dem Land.

 

Im 13. Jahrhundert beginnen diese Barone durch systematische Ansiedlung von Engländern eine über die kirchlichen und weltlichen Machtstrukturen hinausgehende ethnische Anglisierung. Heimische Iren werden von den weltlichen und geistlichen Ämtern zunehmend ausgeschlossen, was sogar Papst Honorius III. zu heftigem Protest und zum eher vergeblichen Eingreifen eines Legaten bewegt.

 

Zwischen der englischen und der schottischen Krone wechselt die Beziehung zwischen Partnerschaft und kriegerischem Konflikt, wobei die schottischen Könige erkennen, dass die Strukturen der römischen Kirche, des kontinentalen Klosterwesens ebenso ihrer Machterweiterung dienen wie eigener Burgenbau, durch Lehen und Vasallität begründetes Militär und die Förderung der Anlage von Städten und die Privilegierung von Markt und Handel samt eigener königlicher Münze. Die Städte sind Momente einer durchgreifenden Überfremdung, nicht zuletzt auch, weil in ihnen Engländer, Flamen und Nordfranzosen angesiedelt werden, die ihre Gewerbe von der Tuchproduktion bis zu Metallgewerben mitbringen.

Übernommen wird auch eine Hofhaltung, wie sie im anglonormannischen Reich und auf dem Kontinent üblich geworden war.

 

Im selben 12. Jahrhundert wie in Wales und Irland wird die römische Kirchenorganisation durchgesetzt und die mit ihr verbundene Sexualmoral, die sich auch hier gegen die Auflöslichkeit der Ehe, die Polygamie, Priesterehe und laschen Gebrauch der Sakramente wendet. In dieser Zeit beginnt auch die Einführung des Kirchenzehnten in nun eingerichteten Pfarrbezirken, Vorläufer aller späteren weltlichen Steuern. Zudem beginnt der Import kontinentaler Klosterformen.

Dieser von den schottischen Königen zwecks Machtsteigerung vorangetriebene Prozess der Zivilisierung führt so einmal zur mal größeren, mal geringeren Unabhängigkeit Schottlands, andererseits aber zur Überfremdung durch die eigene Krone selbst. Diese gelingt aber bis durchs späte Mittelalter vor allem im Kernland der Lowlands, während die Highlands, der große Norden und die Inseln im Westen ihr keltisches Wesen und ihre skandinavischen Einflüsse behalten und nur unter eine lockere Oberhoheit geraten.

 

Der offene Gewaltcharakter von Zivilisierung ist vor allem für Cornwall, Wales und Irland dokumentiert, wo Eroberung von außen dabei eine große Rolle spielt. Was daneben geschieht ist die damit verbundene sich langsam einschleichende und von oben geförderte Kapitalisierung der Wirtschaft. Auf die zunehmend verbriefte Einführung des Eigentums an Grund und Boden und die daraus resultierende Privatisierung der (Verwandtschafts)Beziehungen zwischen den Menschen, deren gesellschaftsbildender Charakter dabei verloren geht, folgen der Ausbau von Marktwirtschaft, Kommerzialisierung und ein sich ausweitender Konsumsektor, die zunehmend auch als attraktiv erlebt und genutzt werden

 

Neben die gewaltsam von oben und außen durchgesetzte Zivilisierung tritt die Attraktivität von Zivilisation. Der Preis ist zunehmende Untertänigkeit und Entrechtung, - nicht mehr fast nur von natürlichen Zwängen, sondern von institutionalisierten menschlichen bewegte Untertanen werden die Masse der zivilisierten Menschheit prägen.

Dabei ist es aber sinnvoll, nicht in eine Idealisierung des "Natürlichen" oder "Kulturellen" zu verfallen. Die nordeuropäischen Viehzüchterkulturen mit ihrer Vermischung von Raub und Handel waren tendenziell bereits gewalttätig, es herrschte ein starker Konkurrenzdruck um die Macht, neben den vielen Freien, die Gemeinschaften und Gesellschaften prägten, gab es mehr oder wenige Unfreie bis hin zu Formen von Sklaverei. Das, was dann Christen als sexuelle Freizügigkeit ansehen, war von männlicher Dominanz geprägt und der Wildheit des männlichen Geschlechtstriebes.

Das Unheil, welches Zivilisierung durch die letzten Jahrtausende über die Menschheit und ihre natürlichen Lebensgrundlagen bringt, löst keine auch nur ansatzweise paradiesischen Zustände ab. Aber Zivilisierung lässt das Unheilspotential immer weiter wachsen und das Potential zu einer anderen Entwicklung am Ende völlig ersticken. 

 

Dabei lässt sich Grundsätzliches über die Zivilisierung von Kelten, Germanen und Slawen sagen: Durch wirkliche und ideelle Verwandtschaft gekennzeichnete lockere bis festere Gemeinschaften werden abgelöst durch vertikale Strukturen von Untertänigkeit, welche die Bezeichnung Gesellschaften nicht mehr verdienen, da es sich wesentlich um Gewaltverhältnisse handelt. Machthaber übernehmen die Kontrolle über eine nun nicht mehr tradierte und durch Erfahrung korrigierbare Weltsicht, und setzen dafür das Christentum ein, welches mit Druck und Gewalt die neuen Machtverhältnisse legitimiert und durchsetzen hilft. Mit den tradierten Kulten verschwindet ein an Naturkräften orientierter und für Veränderung offener Polytheismus und ein nur in verabsolutierten Abstraktionen definierbarer Gott der Mächtigen, des Krieges und der neuen Herrschaftsverhältnisse wird stattdenen eingesetzt.

 

Das bislang vornehmlich auf Selbstversorgung abzielende Wirtschaften wird durch eines ersetzt, welches nun auch die Kirche, die Klöster und die weltlichen Herren zu ernähren und zu finanzieren hat. Damit dringt der Kapitalismus nicht mehr nur über erweiterten Konsum, sondern über die neuen Besitz- und Machtverhältnisse dort ein, wo ihm dafür von den Zivilisierern genügend Freiräume gelassen werden.

 

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Die Betrachtung der späten Zivilisierung der Nordgermanen (und zudem der Lappen/Samen und Finnen) Skandinaviens wird dadurch erschwert, dass hier der inzwischen etwas zivilisierte Nachbar Norddeutschland mit einer gewissen Schriftlichkeit klerikaler und mönchischer Kreise entfernter ist und auch nicht durch Eroberung Kenntnis von den nördlichen Nachbarn gewinnt. Mit dem Danewerk und der Ostsee ist Skandinavien recht umfassend vor fremden Völkern geschützt.

Mehr noch als einst die germanischen Lande östlich des Rheins und nördlich der Donau sind diese Nordgermanen und ihre nördlichen und östlichen Nachbarvölker von römisch-imperialem Einfluss abgeschottet und bleiben dies auch zunächst von den Reichsbildungen im Süden und Westen, soweit sie nicht selbst wie in Britannien daran teilhaben. Dann ist es aber doch das nächstgelegene Dänemark, welches als erstes im 11. Jahrhundert Königtum und Christentum mit seiner römischen Kirchenorganisation aus dem Süden übernimmt. Kurz darauf folgt Norwegen, wo sich das Christentum etwas mühsamer durchsetzt. Ein gemeinsames Königtum der Svear und Götar setzt sich mit der Herausbildung eines "Schweden" und einer Diözesanorganisation erst im 12. Jahrhundert durch und vereinnahmt dann die finnischen Volksgruppen nebenan. Von der Rus aus werden Samen und Karelier schließlich orthodox christianisiert.

 

Was die Nordgermanen verlieren, beschreibt Adam von Bremen für das ausgehende 11. Jahrhundert am Beispiel der zentralen Kultstätte der Svear in Alt-Uppsala mit eingestreuten Übertreibungen dessen, der das nur vom Hörensagen her kennt, aber immerhin in Dänemark war und dort Berichte aus oder über Schweden erhalten hat: Dieses Volk besitzt einen besonders angesehenen Tempel in Uppsala, nicht weit vom Ort Sigtuna und von Birka entfernt. In diesem ganz aus Gold gefertigten Tempel verehrt das Volk die Bilder dreier Götter; als mächtigster hat in der Mitte des Raumes Thor seinen Wohnsitz. Den Platz rechts und links von ihm nehmen Wodan und Frikko ein. Man gibt ihnen folgende Deutung: Thor, so heißt es, herrscht in der Luft; er gebietet Donner und Blitzen, Winden und Regen, Sonnenschein und Frucht. Der zweite, Wodan, die Wut, führt Krieg und verleiht dem Menschen Kraft gegen seine Feinde. Frikko, der dritte, schenkt den Menschen Frieden und Lust. Daher versehen sie sein Bild auch mit einem ungeheuren männlichen Gliede. Wodan dagegen stellen sie bewaffnet dar, wie wir den Mars. Thor endlich gleicht durch sein Szepter offensichtlich dem Jupiter. Außerdem verehren sie zu Göttern erhobene Menschen, die sie für große Taten mit der Unsterblichkeit beschenken. (...) Allen diesen Göttern haben sie Priester zugeteilt, die des Volkes Opfer darbringen. Wenn Seuchen und Hunger drohen, wird dem Götzen Thor geopfert, steht Krieg bevor, dem Wodan, soll eine Hochzeit gefeiert werden, dem Frikko. Auch wird alle neun Jahre in Uppsala ein gemeinsames Fest aller schwedischen Stämme begangen. Für dieses Fest wird niemand von Leistungen befreit. Könige und Stämme, die Gesamtheit und die Einzelnen, alle bringen ihre Opfergaben nach Uppsala, und es übertrifft jede Strafe an Härte, dass selbst diejenigen, die schon das Christentum angenommen haben, sich von diesem Kult freikaufen müssen. (Im Deutsch von Trillmich in: Borgolte, S.243) 

 

Die Übersetzung nordgermanischer Verhältnisse in antik-römische und lateinisch-christliche ist unübersehbar, wenn Adam von Tempeln (gar goldenen!) statt eher einfachen Kultstätten spricht und von Königen statt Häuptlingen . Die im Vergleich zur Kirche recht geringe Macht der "Priester" als Durchführer des Opfers bleibt implizit ebenso wie die Tatsache, dass die Opfer keine Abgaben an Menschen, nämlich Priester, sind, sondern an die Vertreter der Naturmächte, und wie die weitere, dass an sich üblicherweise diese Opferkulte sehr dezentral sind.

So heißt es an anderer Stelle bei Adam : Die Opferfeier geht folgendermaßen vor sich: von jeder Art männlicher Lebewesen werden neun Stück dargebracht; mit ihrem Blute pflegt man die Götter zu versöhnen. Die Leiber werden in einem den Tempel umgebenden Haine aufgehängt. Dieser Hain ist den Heiden so heilig, dass man glaubt, jeder einzelne Baum darin habe durch Tod und Verwesung der Schlachtopfer göttliche Kraft gewonnen. Da hängen Hunde, Pferde und Menschen; ein Christ hat mir erzählt, er habe 72 solche Leichen ungeordnet nebeneinander hängen sehen. Im übrigen singt man bei solchen Opferfeiern vielerlei unanständige Lieder, die ich deshalb lieber verschweigen will.

 

Die Einrichtung von periodischen Versammlungen vor allem der Großen in Thingen fördert ein Wahlkönigtum. In Thingen "wurden Erbangelegenheiten, und Eigentum an Grund und Boden geregelt, Sklaven freigelassen, politische Debatten geführt , soziale Kontakte jeder Art gepflegt, einschließlich des Kaufs und Verkaufs von Alltagswaren, nicht zuletzt aber auch sportliche Wettkämpfe abgehalten und religiöse Kulte" gepflegt. (Borgolte, S.157). Hier werden auch Könige gewählt bzw. bestätigt und in einigen werden Gesetze erlassen, weswegen die Könige versuchen, diese unter ihre Kontrolle zu bringen. Damit werden sie nach und nach, am spätesten in Schweden, zu Zentren von Verwaltungseinheiten, aus denen dann auch oft Städte hervorgehen. 

 

In Dänemark und Norwegen wird in diesem Prozess der Zivilisierung die Kirche größter Landbesitzer, während in Schweden Bauern bis tief ins späte Mittelalter noch über die Hälfte des Landes verfügen und Finnland weiter im wesentlichen bäuerlichen Grundbesitz kennt. Langsam entwickelt sich mit dem Königtum ein Adel.

 

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Einen bemerkenswerten Sonderfall stellt Island dar, welches überhaupt erst ab 870 besiedelt wird, und zwar von kaum anzivilisierten Norwegern vor allem. Immer wieder auf Getreidelieferungen aus Norwegen angewiesen, entstehen auf dem kargen Land in Küstennähe vereinzelte Bauernhöfe und es kommt nicht einmal zur Konzentration in Dörfern, geschweige denn Städten. Mitgebrachte Sklaven werden im Verlauf der Zeit freigelassen, so dass die Isländer ein Volk von Freien sind, um die Jahrtausendwende bereits eine Seltenheit im Abendland.

 

Besonders wohlhabende und anerkannte Bauern erhalten eine Art schwachen Häuptlingsstatus dadurch, dass einzelne Bauern ihnen Aufgaben der Einberufung von Gerichtstagen und Festsetzung von Warenpreisen übertragen. (Borgolte, S. 212). Sich einem anderen gothi anzuschließen, stand jedem Bauern (bondi) jederzeit frei.

Mehrmals im Jahr berufen die Häuptlinge Thinge ein, auf denen vor allem Konflikte der Bauern untereinander geklärt werden sollen. Das Gewohnheitsrecht zielt dabei auf Kompromis-Lösungen ab, Gerichtstage sollen also in strittigen Angelegenheiten vermitteln, wobei die Parteien im Kern immer selbst eine Lösung finden sollen und im Notfall eine Fehde bis hin zur Blutrache durchführen. Weder Grundbesitz, noch das Recht und auch nicht die Kulte vermitteln Herrschaft.

Auf dem wichtigsten Thing im Sommer wird nicht nur Gericht gehalten und werden Dinge von allgemeiner Bedeutung besprochen, sie sind auch Treffpunkt für Händler, Ort des Gedankenaustausches und des Anknüpfens von Ehen.

 

Die Zivilisierung beginnt um die Jahrtausendwende damit, dass der norwegische König für Island das Christentum durchsetzt, welches es in einzelnen Familien bereits gibt. Die Durchsetzung eines kontinentalen, kirchlich sanktionierten Christentums wird mehrere Jahrhunderte dauern. Zunächst gibt es selbsternannte Wanderbischöfe, im Verlauf des 11. Jahrhunderts sehen einzelne Häuptlinge mit der Annahme des Bischofsamtes die Chance, ihren Status zu erhöhen. Damit setzt eine Reduzierung der Zahl der Häuptlinge ein. Um 1100 wird ein Kirchenzehnter eingeführt, im 12. und 13. Jahrhundert wird dann nach und nach die Kirchenreform des 11. Jahrhunderts auf der Insel durchzusetzen. Aber bis ins 13. Jahrhundert sind Bischöfe und Priester verheiratet und haben eine Familie. Die christliche Version der Ehe braucht genauso lange, bis sie sich durchsetzt.

 

Im 13. Jahrhundert gelingt es dann den norwegischen Königen, die nunmehr vom Erzbistum Trondheim aus kontrollierte Kirche sich genauso unterzuordnen wie die wenigen verbliebenen Häuptlinge, die von ihnen lehnsabhängig werden. Jarle kontrollieren Island in ihrem Auftrag und sorgen dafür, dass zum Kirchenzehnten nun auch weltliche Abgaben an den König fließen. Ansonsten bleiben aber weite Teile des tradierten Gewohnheitsrechtes bestehen.

 

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Kelten, Germanen und Slawen sind Namen für indogermanische Sprachgruppen, die darüberhinaus auch gewisse andere Gemeinsamkeiten haben. Die slawische Völkerwanderung, die vielleicht von dem Gebiet zwischen Karpaten und Dnjepr ausgeht, liegt so im Dunkel wie die Anfänge der germanischen, auf die sie folgt. Sie besetzt im Nordwesten Gebiete, die Germanen verlassen haben, und überrennt im Süden solche des ehedem römischen Imperiums und solche Ostroms bis nach Griechenland.

 

Die Stämme und Kultverbände durchlaufen vorrangig Zivilisierung unter dem Einfluss von außen: Warägische Händler, Skandinavier, entwickeln Handelsposten zwischen Nowgorod und Kiew, die sich zu Städten entwickeln, und von solchen Städten aus entstehen die warägischen Fürstentümer der Rus, die zunächst die Gebiete freier Bauern kontrollieren.

Nordwestslawen bilden in Kernpolen, Böhmen und Mähren unter dem Einfluss der deutschen Lande Fürstentümer, die sich durch Ausweitung zu Königreichen entwickeln. Durch Kriege und später überwiegend deutsche Kolonisierung und Städtegründungen werden die Stämme zwischen Elbe und Oder zivilisiert und dem römisch-deutschen Reich eingegliedert.

 

Wenn bei indoeuropäischen Kulturen seit langem von Polytheismus die Rede ist, so ist das leicht misszuverstehen, da es sich dabei nicht um Götter von der Art derer von Juden, Christen und Muslimen handelt. Vielmehr wird in der Vorstellung die eine Kraft der Natur in ihren verschiedenen Aspekten gesehen. Dementsprechend kann Adam von Bremen über die später von Westen her kolonisierten Slawenstämme zwischen Elbe und Oder schreiben: Bei all den vielgestaltigen Gottheiten, mit denen sie Fluren und Wälder, Leiden und Freuden beleben, leugnen sie doch nicht, dass ein Gott im Himmel über die übrigen herrsche; dieser Allmächtige sorge nur für den Himmel, die anderen aber gehorchten ihm im anvertrauten Pflichtkreise, seien aus seinem Blute hervorgegangen, und jeder von ihnen sei umso vornehmer, je näher er dem Gott der Götter stehe. (in: Borgolte, S.244) 

Da hinein geflochten ist der Versuch des Autors, diese Vorstellungswelt nicht nur mit der der römischen Antike zu analogisieren, sondern auch mit der der christlichen, um das alles für sich verständlich zu machen. Dabei unterläuft ihm sicher als Fehler der "allmächtige" Gott im "Himmel" mit seinen Verwandtschaftsbeziehungen. Einmal gemeint sein könnte der teilweise zumindest vorhandene zentrale Kult eines Stammes, der sich auf ein alle einigendes Kultobjekt konzentriert, zum anderen kann man vermuten, dass Adam nicht zwischen Kult und Mythos unterscheidet, da ja das Christentum eine Unterscheidung zwischen Messopfer und evangelischer Geschichte zwischen Passion und Himmelfahrt nicht erlaubt, die nicht als Mythos aufgefasst werden darf, und das ja auch nicht ist, sondern eine Art phantasierte Heiligenlegende.

 

Weiter östlich, am Mittellauf der Wolga, liest sich die Beschreibung einer Totenfeier von Rus-Kaufleuten, die einen Anführer bestatten, schon weniger nett. Sie stammt von 922 von Ibn Fadlan aus Bagdad. Eine junge Sklavin wird ausgesucht, mitbestattet zu werden. Sie wird alkoholisiert, dann begatten sie sechs ausgesuchte Männer in einem Zelt. Eine mit dem Totenkult besonders beauftragte Frau soll die Sklavin töten: Zwei Männer fassten sie bei den Füßen, und zwei bei den Händen. Darauf legte die Alte , die man den Todesengel nennt, ihr einen quergezogenen Strick um den Hals und reichte ihn dann zwei Männern, die ihn an den beiden Enden zuzogen. Dann trat die Alte hinzu und hatte dabei einen breitspitzigen Dolch und begann, ihn ihr in die Rippen zu stoßen und herauszuziehen, und die beiden Männer würgten sie mit dem Stricke, bis sie tot war. (so in: Hansen, S.120)

 

Wie die dänische und dann deutsche Zivilisierung zunächst gelingt, zeigt das westliche Abodritenland. In Alt-Lübeck (Liubice) herrscht ein Fürst Heinrich, der offenbar eng mit Lothar III. (von Supplingenburg) verbündet ist. Nachdem der Slawenfürst und seine Söhne ermordet werden, kauft um 1128 der Jarl von Schleswig für schweres Geld das Abodritenreich (...) und der Kaiser setzt ihm eine Krone aufs Haupt, dass er König über die Abodriten wäre, und nahm ihn als Lehnsmann an. (Helmold, Slawenchrionik, Kap.49) Knut ist mit einer Nowgoroder Prinzessin verheiratet.

Nachdem auch Knut ermordet wird, bemächtigt sich Lothar des Gebietes und lässt die Burg Segeberg errichten. Aber kaum dass Lothar 1137 stirbt, verwüsten Slawen Alt-Lübeck. Nach und nach erobert Graf Adolf II. von Holstein das Gebiet (Wagrien) und gründet nahebei Lübeck neu. Von hier aus dehnt die Stadt dann ihren Einfluss in Richtung südliche Ostseeküste aus.

 

Das Gebiet zwischen Trave, Elbe und Oder ist einmal deutscher Siedlungsexpansion ausgesetzt und zum anderen der Gegenwehr anzivilisierter slawischer Stämme wie der Obodriten und der Heveller. Offenbar taucht immer einmal wieder in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts der Gedanke eines Kreuzzuges gegen die heidnischen Wenden auf, der 1147 in einem Aufruf Bernhards von Clairvaux gipfelt.

Ein Heer unter Albrecht ("dem Bär") zieht von Magdeburg aus in das Gebiet der Heveller und Liutizen los, ein zweites unter Heinrich ("dem Löwen") in das der Obodriten. In beiden Heeren sind hohe geistliche Würdenträger.

Slawische Kultstätten werden zerstört, Zwangstaufen werden abgehalten und daran dann Herrschaftsansprüche der beiden Fürsten gekoppelt. Mehrere Bistümer werden wiederhergestellt (Havelberg, Brandenburg, Mecklenburg, Oldenburg) und in der Folge kommt es zu verstärkter Ansiedlung von deutschen Bauern.

 

Im Süden bilden Slowenen (Slavonen), Kroaten und Serben in Vermischung mit den Einheimischen Völker aus, die auf ehedem oströmischem Gebiet siedeln. Erst in Kerngriechenland und in Ungarn können sich slawische Idiome nicht mehr durchsetzen.

 

Mit den Piasten in Polen, den Przemysliden in Böhmen und den Arpaden in Ungarn gelingt es Dynastien, über Jahrhunderte zu herrschen und auf diesem Weg Stammeskulturen zu zerschlagen. 

Mit den Piasten gelingt es einer mächtigen Familie aus dem Stamm der Polanen (um Posen), über diesen hinaus Herrschaft zu erweitern und neben militärischer Gewalt dabei Christianisierung und Kirchenorganisation einzusetzen. Aus den vielen Burgen lokaler Häuptlinge entwickeln sich Städte, unter denen Krakau als königliche Residenz hervorragt, während Prag zum Hauptort der Przemysliden wird, von wo aus Böhmen unterworfen wird. Die Westbindung beider Reiche wird durch die Ansiedlung vor allem auch deutscher Händler und Handwerker verstärkt. Dabei hinkt das böhmische Städtewesen hinter dem polnischen zunächst bis ins späte Mittelalter hinterher.

 

Das Baltikum wird mit teils brutaler Gewalt christianisiert und in die lateinische Welt eingegliedert. Versuche der Christianisierung Livlands finden in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts gegen heftigen Widerstand statt. Ein Bistum Uexküll wird 1186 gegründe, aber da die Livländer (Esten und Letten) partout keine Christen werden wollen, stellt der Bischof ein Kreuzfahrerheer auf, welches 1198 in einer Schlacht militärisch siegt. Die folgende Zwangstaufe wird aber von den Menschen wieder zurückgenommen, sobald das Heer abgezogen ist.Bischof Albert gründet 1201 mit einer Bischofsburg das an der Düna und fast am Meer gelegene Riga, wohl schon seit Jahrzehnten eine Lübecker Handelsstation. Eine zweite Burg kommt dann an der Dünamündung hinzu.

 

Bis 1224 reist der Bischof immer wieder in deutsche Lande, um Kreuzfahrerheere anzuwerben, in denen Ritter ihrer Gewalttätigkeit religiös begründet frönen dürfen. Dazu gründet der kriegerische Bischof den 1202 den Schwertbrüderorden, der auch gegen Russen und Litauer kämpfen muss. Zuerst wird das Dünatal erobert und mit einer Kette von Burgen versehen. 1236 scheitert der Orden allerdings gegen ein Heer aus Livländern und Litauern und wird in den deutschen Ritterorden bei einer gewissen Autonomie eingegliedert.

 

Zwischen 1231 und etwa 1285 erobert sich der Deutschritterorden das Land der Pruzzen, welches dann wie die anderen Balten zwangschristianiert und Diözesen unterstellt wird, deren Domkapitel der Ritterorden kontrolliert.

 

In der Nachbarschaft bleibt Litauen standhaft heidnisch gegen Christianisierungsversuche des Deutschen Ritterordens, was durch das späte 13. und dann das 14. Jahrhundert hindurch zu den sogenannten Preußenreisen deutscher Ritter führt, auch als Kreuzzüge deklariert, und von enormer Grausamkeit. Oft scheinen diese Züge mit ihren Metzeleien eine Art besonderes Jagdvergnügen des Adels gewesen zu sein.

 

Den Kelten, Germanen und Slawen im Kulturzustand ist zwar keine prinzipielle Friedfertigkeit zu unterstellen, aber im Unterschied zu den Christen doch zumindest eine, was ihre "Götter" betrifft. Und so schreibt Peter von Dusburg über die vom deutschen Orden schwer heimgesuchten Pruzzen Anfang des 14. Jahrhunderts: Eines jedoch war löblich an ihnen und höchst bemerkenswert, dass sie, wenn sie auch ungläubig waren, nichtsdestoweniger Frieden mit den benachbarten Christen hielten und sie nicht an der Verehrung des lebendigen Gottes hinderten oder irgendwie belästigten. (in: Borgolte, S.245)

Das ist die verkehrte Welt eines christlichen Autors. Bemerkenswert ist die Toleranz der Kulturen tatsächlich nur, wenn sie von der von massiver Gewalt begleiteten Intoleranz der Christen (bzw. Muslime und antiken Juden) aus betrachtet wird, und an dem christlichen Gott mit seiner Natur- und Lebensfeindlichkeit ist nun gar nichts lebendig, während eben gerade die untergehenden Kulturen lebendige Naturkräfte verehrten.

 

Erst in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts beginnt auch die Christianisierung der Litauer, welche dann aber zunächst in keinem soliden Königtum, sondern einer Vielzahl von Burgherrschaften endet.

 

Mitten hinein in das slawische Osteuropa stoßen seit den Hunnen und Awaren immer neue nomadische Steppenvölker aus Zentralasien vor. Die Petschenegen vertreiben die Ungarn, die sich im 9. Jahrhundert an ihrem endgültigen Siedlungsgebiet niederlassen. Ein Reich der von einer jüdischen Oberschicht beherrschten Chazaren wird von Wolgabulgaren zerstört, die um 920 Muslime werden.

 

Die Westbulgaren, unter denen Slawen immer mehr Einfluss gewinnen, nehmen das orthodoxe Christentum an und werden bis ins 10. Jahrhundert Zaren unterworfen, bis dann erneut ihr Reich nach 1014/18 in Byzanz aufgeht.Erst mit ungarischer Hilfe können sie ab 1185 wieder ein eigenes Reich gründen. Ähnlich wie in Russland wird die Bauernschaft unter der harten Knute der Boljaren gehalten, und als die Bauern sich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts erheben, zerfällt das Bulgarenreich, um schließlich von den Türken erobert zu werden.

Die vielen Stämme, die sich im künftigen Ungarn niederlassen, werden von einer starken Zentralgewalt zusammengehalten, die sich des lateinischen Christentums und seiner Sprache bedient und der es gelingt, im Laufe weniger Jahrhunderte ein einheitliches Reichsvolk herzustellen, in das sich auch der muslimische Bevölkerungsanteil integriert. Zu Förderung des Ackerbaus werden um 1100 Slawen angesiedelt, und in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts Deutsche in Siebenbürgen, die gegen jährliche 500 Silbermark und die Stellung von 500 Rittern eine beachtliche Autonomie unter einem königlichen Grafen erhalten und ihr Volkstum bis ins 20. Jahrhundert erhalten können.

Wie auch anderswo hat die christliche Kirche mit ihren Diözesen und Pfarreien erheblichen Anteil an der Zivilisierung, wobei "heidnische" Aufstände (1046) konsequent niedergeschlagen werden. Die Kirche bleibt wie bei den süditalienischen Normannen unter starker Kontrolle der Könige. Aber erst im 13. Jahrhundert werden die Bauern Grundherren unterworfen, die einen ländlichen Adel ausbilden. 

 

Das zunehmend geeinte Reich der Rus verbündet sich um 988 mit Byzanz durch Heirat, Militärhilfe und Übertritt zur byzantinischen Orthodoxie. Im 11. Jahrhundert besiegt es die Petschenegen, deren Untergang zum Vorstoß der Kumanen, mit Mongolen verwandten Reiternomaden, im Süden bis an die Grenze Ungarns führt. 

Das entstehende riesige Russland schwankt zunächst zwischen Einflüssen aus dem Norden und Westen, aus Byzanz und von den asiatischen Völkerschaften. So wird das Christentum aus Ostrom kombiniert mit der Einführung des römischen Kirchenzehnten. Der asiatische Einfluss nimmt dann massiv zu, als die Mongolen sowohl die Kumanen wie die Wolgabulgaren und die Russen unterwerfen. 1257 fiel als letzte russische Stadt Nowgorod. Nunmehr Teil der Goldenen Horde, behalten die Russen zwar ihre orthodoxe Religion, werden aber stärker aus den Entwicklungen im lateinischen Abendland herausgehalten, was Konsequenzen bis heute haben wird.

 

In diesem Russland unter den Nachkommen des Warägers Rurik bis zur Mongolenherrschaft findet die Zerstörung der Stammeskulturen einmal durch Unterwerfung unter von Städten aus herrschenden Fürsten statt, die mit der druschina, ihrem bewaffneten Gefolge, in ihren Herrschaften Abgaben einsammeln, zudem vermittels der sich langsam vermischenden vielen Völkerschaften, wobei sich wirkliche und ideelle Verwandtschaftsverbände auflösen; dann auch wie überall durch die Christianisierung, und schließlich durch die Unterwerfung der bis dato freien Bauern im 11./12. Jahrhundert unter Klöster und Adel ab. Im 13. Jahrhundert scheint die bäuerliche Freiheit  der smerdy zur Gänze zu verschwinden. Neben den Klöstern ist die nunmehr unfreie Landbevölkerung nun zusammen mit Sklaven Grundherren unterworfen, den Bojaren, die selbst in Städten residieren und Verwalter für ihre Grundherrschaften haben. Extreme bäuerliche Unfreiheit, geringe bürgerliche Freiheiten in den Städten und Mongolenherrschaft werden dafür sorgen, dass Russland sich weitgehend anders als das lateinische Abendland entwickelt und für die Entfaltungsgeschichte des Kapitalismus noch mehr ausfällt als Byzanz.

 

Die westslawischen Reiche (samt Ungarn) werden von außen in die Entwicklungsgeschichte des Kapitalismus integriert, den die Herrscher bald zu fördern beginnen. Im Norden ist es die Hanse, die das Baltikum zunächst dem Handelskapitalismus erschließt, im Süden Venedig, welches auf die Adriaküste und bis in die Küstengebiete von Byzanz übergreift. Die Machthaber in Polen, Böhmen und Ungarn wiederum fördern sowohl Handel wie Handwerk nicht zuletzt auch durch Einwanderung aus dem Westen.

 

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