ZEIT DER ENTFALTUNG (12.Jh.bis 1250) (in Arbeit)

 

Feudalisierung

England: Feudale Strukturen und ihre Kommerzialisierung

Kapital und Macht

Königreiche (noch zu erarbeiten)

 

Zwischen der Jahrtausendwende (im nördwestlichen Mittelmeerraum) bzw. etwa 1100 im Norden und etwa 1250 vollzieht sich jene Wende, in der sich entfaltender Kapitalismus und neue Konturen gewinnende Formen von Herrschaft bzw. Staatsmacht dauerhaft miteinander verbinden. Zwar bleibt die große Mehrheit der Menschen dabei auf dem Lande und ist vorrangig mit der Produktion von Nahrungsmitteln beschäftigt, zwar etabliert sich ein sich neuartig konstituierender Adel mit seinen Privilegien und feudalen Strukturen immer mehr als Stand über Bauern und Bürger, aber alle Beteiligten hängen nun von einem allgemeinen wie auch regionalen und lokalen Marktgeschehen ab, welches in seiner Spitze von Kapitaleinsatz abhängt, welches zum zentralen Motor der Entwicklung wird. Anschaulich wird das schon für Zeitgenossen in der zunehmenden Bedeutung des Geldes.

 

Die Nahrung und gewerbliche Rohstoffe produzierende Landwirtschaft bedeutet für die Bauern weiterhin vor allem Selbstversorgung, aber zunehmend darüber hinaus Produktion für einen Markt. Warentausch wird dabei immer mehr über Geld vermittelt, und dieses braucht der Adel für Erhalt und Ausbau seiner Macht und für eine allmählich prächtigere Lebensführung. Am Ende werden darum selbst ländliche Dienste immer mehr durch Geld abgelöst. Die bäuerlichen Spielräume für eigenes Wirtschaften nehmen zu. Es kommt zu ersten größeren Einkommensdifferenzierungen zwischen Bauern und im Adel, die wirtschaftlich immer weniger homogene Gruppen bilden.

 

In Dörfern zusammensiedelnde Bauern entwickeln Formen von Kooperation und Selbstverwaltung. Dasselbe geschieht intensiver in den Städten, die mehr und größer werden. Außerhalb Nord- und Mittelitaliens haben Städte überall Herren, wobei diese weit weg sein können, wie der Kaiser für die Reichsstädte, oder nah wie ein kleinerer Fürst mit seiner Hauptburg in der Nähe. Aber selbst im entstehenden Frankreich, wo Städte nicht dieselben politischen Rechte bekommen werden wie oft im Kaiserreich, wächst ihre Bedeutung als befestigte Großburg und als Abgaben leistendes Wirtschaftszentrum.

 

Für Fürsten und als erste unter ihnen die Könige steigt die Bedeutung von Einnahmen, die ihnen zunehmend aus unternehmerischer Tätigkeit in ihren Herrschaftsbereichen entstehen, einmal direkt, aber auch indirekt durch die Anstöße, die Kapital dem allgemeinen Wirtschaften gibt. Ihre erste Aufgabe bleibt der Krieg, und der verschlingt immer höhere Ausgaben, da die Kriegsfolge leistenden Vasallen zunehmend mit Geld gelockt werden müssen und zudem ganze Gruppen des Militärs vorübergehend in den Sold von Machthabern treten. Küstenstädte stellen Flotten, die bezahlt werden müssen, Proviant muss beschafft werden, auch wenn das Plündern weiter anhält und sowieso Teil der Kriegführung ist. Es gibt zudem immer mehr professionalisiertes Söldnertum.

 

Außerdem beginnt der Aufbau von Verwaltungen, die die Resultate von Gewalt "friedlich" absichern, und diese müssen bezahlt werden. In ihnen gelingt ersten "Bürgerlichen" als Fürstendienern der Aufstieg in den Kreis der Macht, in den Sizilien Friedrichs II. wie im Frankreich von Philipp II. August und bald auch in England. Weiterer und nicht zu unterschätzender Geldbedarf entsteht in der fürstlichen Hofhaltung, die fürstlicher Selbstdarstellung und Repräsentation ihres Status dient. 

Damit wird nicht nur Adel als Partner fürstlicher Macht vorübergehend an Höfe gezogen, sondern die Identifikation mit der Macht bei den breiten Scharen "kleinerer Leute" erreicht. 

 

Der Kapitalismus entfaltet sich so nicht mehr nur aus der hochadeligen Nachfrage nach Luxusgütern, sondern vor allem auch über den allgemeinen fürstlichen und dann auch bürgerlichen Geldbedarf. Der aber muss durch Bauern und Handwerker erarbeitet und zunehmend durch Händler auf einem Markt zu Geld werden. Dann gelangt ein Teil davon durch Abgaben "nach oben", woraus auch die punktuellen Ansätze von Wirtschaftsförderung finanziert werden.

Den Rest liefert ein immer wichtiger werdendes Kreditgewerbe, welches auch Handelsunternehmungen in größerem Maßstab finanziert. An ihm hängen die größten Risiken und Gewinne.

 

Im Handel und Finanzgeschäft sammeln sich die größeren Kapitalien. So wie diese Kapitaleigner wirtschaftliche Macht gewinnen, sind sie doch "politisch" abhängig von fürstlicher Gunst, sobald es Mitbewerber auf dem Markt gibt. Dann ist der fürstliche Herr nicht auf den einzelnen Kapitalisten, aber dennoch auf das Walten des Kapitals insgesamt angewiesen.

Dieses sammelt sich in den Händen weniger Unternehmerfamilien, die aber nicht nur auf Fürsten, sondern auch in steigendem Maße auf Massenkaufkraft und Massenproduktion angewiesen sind. In dieser Zeit sind es vor allem Getreide und Wein, auf die sich Gegenden immer mehr spezialisieren, die beides nun zunehmend für den Markt produzieren. Besonders die massenhafte Überschussproduktion von Getreide antworten auf massenhaftere Kaufkraft besonders in den Städten. Insofern sind die Handwerker und kleinen Gewerbetreibenden dort direkt in den Aufstieg des Kapitalismus integriert. 

 

Dies sind sie aber auch dadurch, dass immer mehr Rohstoffe insbesondere für die Textilproduktion aus spezialisierter Massenproduktion vom Lande kommen: Wolle, Flachs für Leinen, pflanzliche Farbstoffe. An immer mehr Stellen wird handwerkliche Produktion auf diese Weise kapitalintensiver wie ebenso auch im metallverarbeitenden Bereich. Mit der Lieferung von Rohstoffen und dem Verkauf der Produkte tritt größeres Kapital in den Bereich der Produktion, und Bau und Unterhalt von Mühlen als frühe Maschinen für die Massenproduktion steigern ebenfalls den Kapitalbedarf, hier zunächst beim wohlhabenderen Adel. 

 

Das Stichwort heißt nicht Ursache und Wirkung, sondern Interdependenz vieler Faktoren. Heraus ragt dabei zunächst der biologische: Die (bäuerliche) Bevölkerung vermehrt sich dank entstehendem Kapitalismus und fördert diesen wiederum. Mehr Kinder erreichen das Erwachsenenalter und zeugen selbst wieder Kinder. Sie gründen neue Dörfer und füllen die Städte auf. Verglichen damit wirkt der technische Fortschritt in seinen Auswirkungen gering: Die Produktivität bei den Nahrungsmitteln steigt insgesamt nur gering an, aber mehr Menschen erhöhen den Überschussanteil insgesamt. Mehr Städter produzieren mehr Güter, es erhäht sich das Angebot an umlaufenden Geld, welches auch nachgefragt wird. Mehr Geld kann in mehr Kapital münden und damit dann am Ende Herrschaft in Richtung auf "mehr Staat", also erweiterte Herrschaftsinstrumente intensivieren.

 

Mehr Markt und mehr Geld differenziert die von Autoren wahrgenommenen Stände, die nun nach ihren Funktionen aufgeteilt sind, immer mehr auseinander. Dabei entsteht eine Schicht von zehn bis zwanzig Prozent Armen, die in das Marktgeschehen nur hineingeraten, indem sie ihre schiere Arbeitskraft anbieten. Sie werden Tagelöhner auf dem Lande und daneben etwas stetiger Dienstboten und beim Handwerk angestellte Arbeitskräfte. Aber ohne ihre Arbeit zum Beispiel saisonal bei der Weinlese oder bei Baumaßnahmen würde der aufstrebende Kapitalismus nicht mehr weiter expandieren können.

 

Kapitalismus ist Wachstum,  Kapital existiert nur im Prozess seiner Vermehrung, und die erste Voraussetzung dafür ist die Zunahme der Bevölkerung bei Zunahme der Produktion und der Abnahme von Waren. Beides wird in der ersten Hälfte des 14 Jahrhunderts mit klimatischen Veränderungen, Hungersnöten und Seuchen enden. Aber dann ist der Kapitalismus ein so integraler Bestandteil des Lebens geworden, dass er auch die Rezession überlebt. Er hat die Lebensverhältnisse der Menschen von den Reichen zu den Armen, von den Mächtigen bis zu den Untertanen soweit in Besitz genommen, dass er für die meisten nicht mehr wegzudenken ist. In diesem Moment beginnt dann weltliches utopisches Denken die christlichen Endzeiterwartungen abzulösen. Mit dem schmählichen Ende der sozialistischen Utopie 1990 kommt dann noch einmal eine neue Zeit.

 

Feudalisierung

 

Im zwölften Jahrhundert deuten sich Anzeichen eines Weges in neuartige Staatlichkeit an, die in England und Frankreich zu Zentralisierung führen, während diese in deutschen Landen dezentral auf der Ebene der Fürstentümer geschieht und ebenso dezentral in Italien auf der Ebene von Bischofsstädten. In allen Fällen steht am Anfang die Verbindung eines dinglichen Elementes, des Lehens, mit einer Verpflichtung zur Vasallität.

Dem zugrunde liegt, dass im frühen Mittelalter Freiheit und Herrentum auf dem Eigentum an und der Verfügung über nutzbaren Grund und Boden beruhte, die nicht üblicherweise als Waren auf einem Markt zur Verfügung standen. Land und andere Immobilien wurden meist nicht verkauft, sondern verliehen, und zwar im wesentlichen, um militärische und/oder zivile Unterstützung zu erhalten. Marc Bloch übertreibt zwar, wenn er schreibt: "Der Boden selbst galt nur deshalb als so wertvolll, weil er die Möglichkeit bot, sich "Leute" zu verschaffen, die man mit ihm, dem Boden, entlohnte." (in: La société féodale).  Der Boden ist zunächst wertvoll, weil er durch menschliche Arbeit Lebensmittel und Rohstoffe hervorbringt. Aber tatsächlich beruht Macht über andere Freie darauf, dass man ihnen etwas verleihen kann, zum Beispiel ein Amt, eine Burg oder einfach nur einen Weinberg oder ein paar Wiesen. 

Das unterscheidet die Adelswelt der Herrenmenschen von der bürgerlichen, die wesentlich auf Warenbeziehungen beruht und zunächst nicht an der Macht partizipiert, ihr politisch bis tief in die Neuzeit hinein immer ein Stück weit unterworfen bleibt, obwohl sie den Staat dann längst als Agentur ihrer Interessen begreifen kann.

 

Die Nordhälfte Italiens ist auf dem Weg zu Stadtstaaten weiter Vorreiter dieser Entwicklung hin zu neuer Staatlichkeit. Schon im 11. Jahrhundert beginnt hier das Interesse am römischen Recht zu wachsen, welches ohnehin in einigen Bereichen noch im Gebrauch war. Indem dieses nun nicht nur teilweise tradiert, sondern in seiner Systematik neu betrachtet wird, und zwar von den neuartigen Rechtsgelehrten (siehe Großkapitel 'Intellektualität'), kann es dann auch auf die vorhandenen Strukturen ansatzweise übertragen werden.

In fünf Abhandlungen, die zwischen dem Ende des 11. Jahrhunderts und 1136 entstehen, entwickeln "Feudisten" nun in später so genannten libri feudorum ein normierendes Rechtssystem des Lehnswesens, der feuda also. Das beginnt so:

Weil wir von feuda handeln wollen, sollten wir zunächst betrachten, welche Leute ein feudum geben können. Ein Erzbischof, ein Bischof, ein Abt, eine Äbtissin, ein Probst, wenn es von alters her ihre Gewohnheit gewesen ist, können ein feudum geben; außerdem ein Markgraf und ein Graf, die eigentlich 'Capitane des Königs' heißen. Es gibt noch weitere Leute,, die von den bisher genannten ein feudum empfangen und eigentlich 'Valvasares des Königs' heißen, aber heute 'Capitane' genannt werden; auch sie können selbst feuda geben. Diejenigen aber, die von ihnen feuda empfangen, heißen 'kleine Valvassores'. (in: Patzold, S.52)

 

Danach geht es auf der Basis der Konstitution Konrads II. so weiter: In ältester Zeit (...) war ein feudum so in die Gewalt der Herren eingebunden, dass sie es, wann immer sie wollten, wieder entziehen konnten. Später aber kam es dazu, dass es auf Lebenszeit des Getreuen weitergeführt wurde. Aber da sich das nicht nach Nachfolgerecht  auf die Söhne bezog, ging es so weiter, dass es bis zu denSöhnen kam, wobei freilich der Herr das Lehen bestätigen wollte. Das ist heute so verfestigt, dass es sich auf alle gleichermaßen bezieht. (in: s.o., S.53)

 

Und dann wird noch zwischen ritterlichen Lehen (feuda) und bäuerlichen (beneficia) unterschieden: Es ist zu beachten, dass über dasjenige beneficium, das von den Capitanen des Königs und von den Valvassoren des Königs anderen geliehen wird, ausschließlich nach dem ius feudi gerichtet wird, über jenes dagegen, das von den kleineren anderen übertragen wird, nicht nach dem ius feudi gerichtet wird; sondern, wann immer sie wollen, können sie es mit Recht wieder entziehen - es sei denn, sie wären mit ihnen im Heer nach Rom gezogen, in welchem Fall ihr beneficium in das ius feudi übergeht. (in: s.o., S.54)

 

Verlieren soll man sein feudum dann, wenn man in der Schlacht seinen Herrn verlässt, obwohl dieser am Leben ist, oder wenn man mit der Frau, Tochter oder Frau des Sohnes schläft, wenn man die Burg angreift, von der man weiß, dass der Herr oder die Herrin gerade dort ist, wenn man den Bruder oder Sohn des Bruders des Herrn tötet oder wenn man mehr als die Hälfte seines feudum verpfändet. (usw., alles nach Patzold, S.55, siehe auch ...)

 

Während Ende des 11. und Anfang des 12. Jahrhunderts aus der Kenntnis der König Konradschen Bestimmungen so etwas wie ein Lehnsrecht formaljuristisch fixiert wird, fehlt so etwas noch im Norden, obwohl sich ähnliche Formen immer stärker in der Praxis durchzusetzen beginnen. Der Graf von Flandern gründet seine Herrschaft einmal auf der Huldigung durch die Untertanen und zum anderen auf eine offenbar schon eingeübte Form der Belehnung. Der Geistliche und gräfliche Notar Galbert von Brügge erzählt von einem solchen Ereignis. Die Vorgeschichte ist, dass ein Borsiard den Grafen Karl den Guten während des Gebetes in der Kirche des Stiftes St. Donat erschlage hat und König Ludwig VI. von Frankreich Wilhelm Clito, Enkel Wilhelms des Eroberers, zu seinem Nachfolger macht. Auf einer Rundreise lässt sich der neue Graf huldigen, im April auch in Brügge. Danach schildert Galbert für den 7. April folgenden Akt:

Zuerst leisteten sie ihm auf folgende Weise hominium: Der Graf fragte, ob er ganz und gar sein Mann sein wolle, und dieser antwortete: "Ich will." Dann umschloss der Graf die zusammengefalteten Hände des anderen mit seinen Händen und sie verbündeten sich durch einen Kuss. Als zweites gab derjenige, der Mannschaft geleistet hatte, dem prolocutur (Vorsprecher) des Grafen ein Treueversprechen mit folgenden Worten: "Ich verspreche, in meiner Treue von jetzt an dem Grafen Wilhelm treu zu sein und ihm die Mannschaft ganz und gar gegen alle zu wahren in guter Treue und ohne List." Drittens schwor derselbe über den Reliquien von Heiligen einen Eid. Anschließend erteilte der Graf mit dem Stab, den er in der Hand hielt, all denen, die auf diese Weise Sicherheit, Mannschaft und Eid geleistet hatten, die Investitur. (in: Patzold, S.61)

 

Ein sich entfaltendes Lehnswesen gelangt in die deutschen Lande vermutlich auch über Vermittlung der italienischen Neuerungen. Im Verlauf des 12. Jahrhunderts wird das Wormser Konkordat immer stärker lehnsrechtlich interpretiert. Daraus entsteht ein geistlicher Reichsfürstenstand, der um 1200 47 Erzbischöfe und Bischöfe umfasst. Dazu kommen dann noch 29 Äbte und 17 Äbtissinnen (Spieß, S.42). Mit Friedrich I. "Barbarossa" und seinem ihn intensiv beschäftigenden Versuch, aus der Nordhälfte Italiens noch einmal erhebliche Einkünfte gewaltsam herauszupressen, gelangt der deutsche Teil des Reiches in dauerhaften Kontakt mit Italien.

 

Darüber gelangt es zunächst zu Feudalgesetzgebung in Italien, von der wenig klar ist, wieweit sie nach Norden über die Alpen ausstrahlt. (ff)

 

In deutschen Landen scheint die "Feudalisierung" des Reiches zunächst an einzelnen Punkten dokumentiert auf: Da ist das Privilegium Minus und der Umgang mit Heinrich dem Löwen, da ist die Fürstenerhebung des Grafen vom Hennegau zum Markgrafen von Namur (1184). Die Fürsten werden so strukturell zu Hebeln der königlichen Macht, die sie zugleich einschränken, indem sie sich in ihrer Gesamtheit als das "Reich" verstehen, ein Vorgang, der schon unter Heinrich IV. einsetzt. Daneben versucht die Krone zunehmend auch kleine Edelfreie zu Kronvallen zu machen und die Reichsministerialen erreichen bei ihrem Übergang zu "Ritteradeligen" , dass ihre Dienstlehen zu echten Reichslehen werden. (Spieß)

 

Im Lehnsgesetz von Roncaglia 1158 gibt es zwar den Vorbehalt, dass "bei allen Treueiden die Person des Kaisers auszunehmen sei", so verliert der König doch jetzt den direkten Zugriff auf seine Untervasallen. (Spieß, S.47) Zudem verstehen die Fürsten nun zwar ihr Fürstentum als Ganzes als Lehen, nehmen davon aber ihren Eigenbesitz und dessen Vasallen aus.

Das Auseinanderdriften des Reiches geschieht auch darüber, dass Fürsten immer wieder und oft auch ungeahndet weder ihrer Pflicht zur Heerfahrt noch zur Hoffahrt nachkommen und in königsfernen Gebieten im Norden auch ganz auf den Vorgang der Belehnung verzichten.

Da die Vasallität an das dingliche Lehen gebunden ist, kommt es zum Beispiel beim Verkauf eines Lehnsgutes durch den Besitzer zu der Tendenz, dieses als Allod zu betrachten, "Zusammenfassend lassen sich zahlreiche allodiale Elemente in der Reichsverfassung festhalten, die gegen eine vollständige Feudalisierung sprechen." (Spieß, S.49)

 

(ff)

 

 

Dabei hat die Systematisierung eines Lehnswesens für die deutschen Lande und Frankreich bzw. England ganz unterschiedliche Folgen. Zunächst einmal ist das Westreich unter den Kapetingern eine Erbmonarchie, was dazu führt, dass das Familieninteresse und das königliche in eins fallen, während die Mischung aus Erb- und Wahlmonarchie im Osten die Könige dazu bringt, ihre Familieninteressen über die ihres königlichen Amtes zu setzen. (Werner Goez)

Zudem und damit zusammenhängend verfügen die "deutschen" (römischen) Könige über einen einigermaßen geschlossenen, wenn auch sehr dezentral organisierten Reichsverband, während ein solcher im zukünftigen Frankreich erst einmal hergestellt werden muss. Französische Fürsten stehen "auf Augenhöhe" (Patzold) mit ihrem König, und dieser muss sie sich erst einmal unterordnen. Das klassische Mittel dort wird mit dem ranghöchsten Vasallen, dem englischen König, 1202 in einem lehnsrechtlichen Prozess praktiziert, das Lehen nämlich einzuziehen und der Krondomäne zuzuschlagen. In deutschen Landen hingegen werden Fürstentümer erst zwischen der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts und und dem 13. Jahrhundert zu Lehen, und wenn sie fällig werden wie im Fall Heinrichs des Löwen, werden sie umgehend wieder ausgegeben. Die deutschen Könige besitzen nämlich im Unterschied zu den französischen noch kein Instrumentarium wie zum Beispiel eine Finanzverwaltung, um sich große Gebiete nutzbringend einzuverleiben. (Hanna Vollrath)

Schließlich setzt sich in Frankreich die Tendenz durch, dass aller Boden lehnsrechtlich eingeordnet wird, was bis zur sogenannten Revolution von 1789 zu dem Spruch nulle terre sans seigneur führte. Damit entwickelt sich über das Lehnsrecht die Möglichkeit, über alles Land Kontrolle zu gewinnen, während in deutschen Landen viel Grund und Boden Allod, Eigengut bleibt, auch wenn die entstehenden Landes-Fürstentümer versuchen werden, über das Lehnswesen Territorialisierung zu erreichen. (Werner Goez)

 

 

Eine juristische Systematisierung des Lehnswesens wie in Italien findet zwar in deutschen Landen noch nicht statt, aber mit dem Sachsenspiegel erscheint in der späten Stauferzeit ein erstes umfassenderes Rechtsbuch, welches Recht und Lehnswesen miteinander verbindet. Verschriftlichung nimmt zu, die Vergabe von Lehen wird häufiger in einem Dokument festgehalten. Erste Verzeichnisse von Lehen und Vasallen wie das des Grafen Siboto IV. von Neuburg-Falkenstein von etwa 1065 (siehe Großkapitel ...) und das des Reichsministerialen Werner von Bolanden von etwa 1190 sind erhalten. Solche Auflistungen werden dann im 13. Jahrhundert häufiger. 1217/27 zählt ein Graf Heinrich von Regenstein 150 Vasallen auf, im selben Jahrhundert können die Edelherren von Eppstein ähnlich wie die von Bolanden rund 200 Vasallen aufbieten.

 

Ansätze von "Territorialpolitik" haben wir schon bei rheinischen Bischöfen im späten 11. Jahrhundert erwähnt. Diese, also die Herstellung eines möglichst geschlossenen Hoheitsgebietes, in dem sich möglichst viel Eigenbesitz und einseitige Bindung von Vasallen an einen Lehnshof paaren, nimmt im 12. und 13. Jahrhundert rapide zu und führt bis 1400 in eine extreme Zersplitterung des römisch-deutschen Königreiches, der deutschen Kernlande also.

Das sich verallgemeinernde Feudalwesen fördert einerseits diese Zersplitterung, aber die entstehenden Territorialherrschaften nutzen es andererseits doch auch zur Abrundung ihrer Gebiete. Einerseits basiert das entstehende Terrotorium auf den wichtigsten Burgen, Ämtern, Gerichten und Vogteien im Eigenbesitz, andererseits in Lehnsauftragungen von Burgen und dazugehörigem Land, manchmal freiwillig, oft durch erheblichen, auch kriegerischem Druck erzwungen oder durch die Zahlungen beträchtlicher Summen "erkauft", wobei Herren im Laufe ihres Lebens schon mal zigtausende Mark aufwenden.

Wo möglich wird die als Lehen aufgetragene Burg mit einer Öffnungsklausel versehen, die es dem Lehnsherr ermöglicht, diese im Kriegsfall selbst zu nutzen. Ansonsten muss sie nun vom Vasall samt der Mannschaft versorgt werden, ist aber zugleich Stützpunkt der Herrenmacht. Wo man anders an das Lehen eines anderen Herren nicht herankommt, greift man zu Scheinlehen, wie sie Friedrich I. im Lehnsgesetz von Ronvaglia 1158 beschreibt: Indem wir ferner den Machenschaften ( machinationibus) gewisser Leute entgegentreten, die nach Empfang des Kaufpreises gleichsam unter dem Deckmantel der Investitur - die ihnen nach ihrer Aussage zustehe - Lehen verkaufen (feuda vendunt) und auf andere übertragen, verbieten wir gänzlich, dass derlei Betrug oder Ähnliches künftig (...) ausgedacht werde. (in: Spieß, S.78)  

 

Das Netz persönlicher Beziehungen, wie sie Lehnswesen und Vasallität und immer noch auch in hohem Maße Verwandtschaft darstellen, bedarf in zunehmend höherem Maße des Mittlers Geld. Was sich als Geschenk oder Verleihung ausgibt, ist oft durch größere Geldsummen vermittelt. Das bezeugen die hohen Summen, die bei der Erhebung des Grafen Balduin 1184 in den Fürstenstand fließen (siehe Großkapitel 'Staufer), oder die, mit denen Erzbischof Konrad von Mainz nach 1183 verlorenes Mainzer Terrain wieder zurückkauft: 200 Mark für die Ebersburg, Burg Wasungen für 15 Pfund, 300 Mark für die municio Döbritschen usw. Sein Nachfolger Philipp lässt dann auf seinem Grabstein festhalten, dass er 50 000 Mark insgesamt für den Ausbau seines Herzogtums ausgegeben habe, worunter der Kauf zahlreicher Burgen fällt. Solche Burgen werden dann allerdings in der Regel an Getreue wieder als Lehen ausgegeben, denn eine direkte Verwaltung ihrer entstehenden Territorien ist für die Fürsten noch nicht möglich.

 

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Die zwingende Verbindung von Lehen und Vassalität beruht auf der Gewalttätigkeit der Herren, der Legitimität von Krieg und Fehde und der dazu allgegenwärtigen illegitimen Gewalt. Wie schon die Erlasse Lothars und Friedrichs I. belegen, geht es darum, über Krieger (milites) zum Zwecke der Gewaltausübung mittels deren gesicherter Versorgung zu verfügen. Die sich aufbauende Ständeordnung ordnet dabei vor allem, wer von wem Lehen empfangen kann, wie also das System der Krieger gestaffelt ist. Sie verlangt aber die Erblichkeit der Lehen, so dass ein adeliges Geschlecht sie ebenso wie das Eigentum als gesicherte Versorgungsgrundlage bzw. als jeweils standesgemäße Ausstattung begreifen kann.

Diese feudalen Strukturen entstehen zugleich mit dem Phänomen der Mehrfach-Vasallität, welches einer Systematisierung der Ordnung wiederum entgegensteht. Wie solche Konflikte manchmal dem Anscheind er Quelle nach auch friedlich gelöst werden, zeigt folgendes Beispiel: Erzbischof Rainald von Köln hatte ein Lehen in Lechenich an den Grafen Hermann von Müllenarck vergeben, von dem es wiederum ein Hermann von Dyck zu Lehen nimmt. Als der Graf seine Dienste in Anspruch nehmen will, hat der nach wohlerwogenem Rat seiner Freunde geantwortet, weil er mehr sowohl die Herrschaft des Grafen von Ares als auch dessen Lehen liebe, wolle er daher lieber diesem dienen. Was er auch gemacht hat Damit fällt das Lehen an den Grafen zurück, vom dem es dann Erzbischof Philipp von Köln um 1170 zur Abrundung seines Herrschaftsraumes zurückkauft. (in: Spieß, S.85)

 

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Nachdem für das frühe Mittelalter vor allem klösterliche Urbare über die großen Wirtschafts- und Machtkomplexe Auskunft geben, erfahren wir mit der zunächst kaum in schriftlichen Quellen nachvollziehbaren Entwicklung eines allgemeinen Lehnswesens in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts mit dem Falkenstein-Verzeichnis (s.u.) und dann dem Lehnsverzeichnis des Reichsministerialen Werner (II.) von Bolanden um 1190) mehr über die Dimensionen und zugleich die bestehende Zersplitterung geradezu "aristokratischer" weltlicher Besitzungen an Allod und Lehen. Dieser Werner zählt 45 Lehnsherren auf und zudem rund 100 Vasallen mit ihren Lehen (Ausschnitt in: Spieß, S.95ff). Diese Familie begann ihren Aufstieg in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts als Ministeriale der Mainzer Erzbischöfe,  um dann in der zweiten Hälfte als Reichsministeriale vom Donnersbergraum aus über das Nahegebiet bis in den Wormsgau Grundsteine für den Aufbau eines Territoriums zu legen.

 

Mit der zwingenden Verbindung von Lehen und militärischem Vasallendienst entsteht eine militärisch wie ständisch definierte Rangordnung im Reich wie in den einzelnen Fürstentümern. In der nun entstehenden Heerschildordnung wird der Empfang von Lehen geregelt, der möglich ist, ohne den eigenen Rang zu erniedrigen. (Patzold, S.109). Die Rangordnung im Sachsenspiegel beginnt so oben beim König, es folgen die geistlichen Fürsten, dann die weltlichen, danach die "freien Herren", dann die schöffenbaren Freien und schließlich deren Lehnsleute.

 

In ein Lehnsverhältnis tritt man dadurch ein, dass man dem Herrn Mannschaft leistet, indem man seine gefalteten Hände in die des Herrn legt, wie das Vasallen schon früher taten, und dann einen Treueid leistet. Darauf erfolgt die Investitur des Mannes mit dem Lehen. Lehen werden nun auch in deutschen Landen erblich, wobei sie aber beim Tod des Mannes oder des Herrn formell erneuert werden müssen.

Dem belehnten Vasall leistet der Herrn militärischen und rechtlichen Schutz für sein Lehen. Der Mann wiederum muss wie Vasallen schon früher an Heerfahrten seines Herrn teilnehmen (auxilium), ihm mit Rat bei Hofe zur Seite stehen (consilium) und im Lehnsgericht mitwirken. In der Praxis werden diese Leistungen aber nicht von allen Vasallen bei jeder Gelegenheit geboten. In der Regel werden sie auch nicht schriftlich festgehalten, sie sind Gewohnheitsrecht.

Zugleich mit der Verbindung von Vasallität und Lehen kommt es zu Konfliktsituationen, da Adel unterhalb des Fürstenrangs in der Regel mehrere, manchmal wie Werner von Bolanden sehr viele Lehnsherren besitzt. Dem wird durch Treuevorbehalte für einen oder mehrere Herren versucht, Ordnung in das Beziehungsgeflecht zu bringen. Seit dem späten 11. Jahrhundert wird in Frankreich und England versucht, eine "ligische" Vorrangbindung an einen Herrn einzurichten. Wenn der militärische Treue-Konflikt auftritt, ist der Mann genötigt, dem einen Herrn Treue und Lehen aufzukündigen, was Herren dann wiederum vertraglich zu verhindern versuchen. Man kann erkennen, dass das sich langsam auch nördlich der Alpen etablierende feudale System konfliktgeladen ist. Versammelt sind die deutschen Vasallen nun in Lehnskurien, wie es sie an den norditalienischen Bischofshöfen schon viel länger gibt, und im Lehnsgericht, welches vom Herrn eingeladen wird. Dort ist der Herr entweder Richter oder aber er setzt als Konfliktpartei einen seiner Mannen dazu ein (Spieß, S.36f).

 

Verliehen werden kann im Prinzip fast alles, Land (und Leute), Städte, Burgen und Ämter, die mit Einkünften aus Höfen, Münzen, Vogteien und was auch immer versehen werden können.

 

Seit der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts setzt auch in deutschen Landen die Tendenz zu niederadeliger Ortsherrschaft mit Banngewalt und regionaler Territorialbildung ein. Insbesondere wenig mächtige Burgenbesitzer begeben sich unter den Schutz Mächtiger, indem sie ihre Burg samt Landbesitz (und arbeitender Bevölkerung) an einen Herrn als Lehen "auftragen". Für die Entwicklung größérer Territorien auf diesem Wege sind Herren dann bereit, dabei "durch die Zahlung eines Geldbetrages nachzuhelfen", oder aber mit diesem Ziel Druck auszuüben. (Spieß, S. 38)

Andererseits werden Burgen der größeren Herren im Zuge der Territorialisierung mit festen Burgmannschaften besetzt, manchmal nur wenige, manchmal mit bis zu fünfzig von ihnen. Als Burglehen gibt es die Wohnung auf der Burg oder daneben und in der Regel Naturalien- oder Geldrenten.

 

England: Feudale Strukturen und ihre Kommerzialisierung

 

England ist wohl das erste Reich, in dem feudale Strukturen systematisch eingeführt werden. Der neue Herrscher Wilhelm der Eroberer verbindet die stärker zentralistischen Strukturen, die angelsächsische Herrscher hergestellt hatten, mit denen aus der Normandie. Tenants-in-chief leisten dem König homagium und sind in der Summe verpflichtet, dem König rund 5000 Ritter zu stellen. Der Erbe eines solchen großen Macht- und Land"besitzes" zahlt dem König relief für sein Erbe, ist er minderjährig, wird er ward des Königs, der dafür Geld kassiert und zudem während dieser Zeit alle Einkünfte einzieht. Dasselbe gilt für die Zeit, in der ein Bischof oder Abt verstorben und ein neuer noch nicht im Amt ist. Heiraten der Witwen und der Minderjährigen werden vom König gegen eine erhebliche Geldzahlung vermittelt und bei Ausbleiben eines Erben zieht der König den gesamten Besitz ein, was escheat heißt.

Alles das findet nun auch im Verhältnis zwischen den tenants-in-chief und ihren tenants wiederum statt. Sie alle zusammen lassen sich als Landhalter und nicht produktiv arbeitende Krieger als neuer französischsprachiger Adel zusammenfassen, dessen unterste Schicht als Ritter (knights) bezeichnet wird, die im 12. Jahrhundert sich nach unten von dem nun als Gentry ausgegrenzten ländlichen Kleinadel abgrenzen wird. Dieser Adel wird ähnlich wie schon in der Normandie und in anderen Teilen Westfranziens sich patrilinear und toponym entfalten, also mittels Primogenitur und Bezeichnung der Familie nach dem zentralen Ort, in der Regel der wichtigsten Burg, manchmal auch nach dem Vater.

 

Unterhalb der tenants, also derer, die derart über Land verfügen, existiert die Masse der Bevölkerung, der eigentlichen Produzenten auf dem Lande.

Insofern lassen sich die Machtstrukturen ähnlich wie bald auch im französischen Königreich als feudal bezeichnen, da nun in der Theorie alles Land sich von den Königen ableitet, also anders gesagt keines mehr ohne Herr ist.

 

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Dort, wo Kapitalismus entsteht, ist es das Wesen feudaler Strukturen, bald nach ihrem Aufkommen durch Kommerzialisierung inhaltlich ausgehöhlt zu werden. Kommerzialisierung meint dabei, das Grund und Boden de facto zu Eigentum und zu einer Ware wie alle anderen auch wird, dass feudal begründete Dienste durch Geldleistungen abgelöst werden und dass die private Gerichtsbarkeit durch eine königliche abgelöst wird, die sich in dem Moment, wo Könige behaupten, einem "Gemeinwohl" zu dienen, als öffentliche aufführt. All das lässt sich sehr deutlich im England des 12. und 13. Jahrhunderts verfolgen.

 

Schon mitten im 12. Jahrhundert beginnen tenants-in-fee das Land, welches sie nach feudalem Rechtsverständnis von ihren Herren (lords) haben, so zu behandeln, als ob es ihr Eigentum wäre. Sie bewirtschaften es nach Gutdünken, verkaufen es oder geben davon der Kirche. Wenn der Landhalter (landholder) nur mehrere Töchter als Erben hat, teilt er es unter sie auf. Wenn ihn der Lord am Verkauf hindern will, macht er den Käufer formal zu seinem subtenant.

 

Noch deutlicher wird die Kommerzialisierung dort, wo Herren sich Unterstützung nicht mehr auf der Basis feudaler Verpflichtungen suchen, auch wenn sie sie noch gerne an ihren Hof oder ihren Gerichtshof sehen. Aber nicht mehr die Rechte aus dem feudalen honour bringen ihnen nun vor allem Unterstützer, eine retinue, sondern Leute, die für ihre Kenntnisse und Fertigkeiten bezahlt und anderweitig gefördert werden. Das können Juristen sein, bezahlte Militärs oder Experten für die Verwaltung ihrer Güter.

 

Landed estates werden insbesondere in den Händen von Kirche und Klöstern zu Unternehmungen, die mit geschicktem Wirtschaften vergrößert werden. Die englische Kirche vergrößert so den Wert (und im Zusammenhang damit die Größe) ihres Landbesitzes von einem Viertel des gesamten Landes hin zu einem Drittel in etwas mehr als hundert Jahren. In Klöstern werden (wie auch in deutschen Landen) werden Äbte eher danach bewertet, wie gut sie wirtschaften können und weniger nach ihrer Frömmigkeit. Klöster konkurrieren so auch miteinander um Einkünfte. 

 

Die Tendenz zur Nutzung von Expertentum und Professionalität statt feudaler Verpflichtungen führt zu ganz neuen Karrieremöglichkeiten. Leute wie der "Cid" in Spanien oder William Marshall in England verhökern ihre kriegerischen Fähigkeiten oder werden zu so erfolgreichen Turnierkämpfern, dass ihnen dann lukrative Ehen vermitteln werden, die sie in die obersten Ränge katapultieren.

Solche Karrieren können auch in der Verbindung von kirchlicher und weltlicher Macht entstehen, die die des königlichen Kanzlers Walter de Merton, der für zehn Kirchen Vikar oder Rektor wird und zudem Kathedralkanoniker in Wells, Exeter, Lincoln, London und Salisbury zugleich, alles mit erheblichen Landgütern und Einnahmen versehen. (Dyer, S.111)

 

Während Kirche und Klöster immer mehr Land gewinnen, nimmt das der Könige gewaltig ab und ist unter Edward I dann nur noch eine fast zu vernachlässigende Einnahmequelle. Abgesehen von den geradezu fürstlichen Dimensionen der Grenzmarken nach Wales nehmen auch die der großen Barone ab, durch Teilung und andere Fragmentierung. Davon profitieren Ritter und Gentry, die ihr Geld aus Ämtern und Handel nun in Zukäufen von Land anlegen. Wenn es 1086 zwei große manors in Hanbury (Worcestershire) gab, ist dasselbe Gebiet um 1300 in zehn, elf kleinere Einheiten aufgeteilt.(Dyer, S.113f) Im Verlauf des 12. Jahrhundert gerät so die Mehrheit des Landes in England in die Hände kleinerer Herren.

 

Die größeren Herren werden im 12. Jahrhundert insofern Geschäftsleute, als sie zunächst im 12. Jahrhundert versuchen, ihre demesnes zu festen Summen zu verpachten, was ihnen aber dann durch die immer wieder einmal zunehmende Inflation verleidet wird. Dieses "Ausfarmen" der Domäne basierte darauf, dass der Wert des Landes zunächst als fest, firma galt, woraus sich die angelsächsische farm entwickelte, die feste Pacht. Die anziehende Inflation im letzten Drittel des 12. Jahrhunderts macht das aber zunichte. Also wird es nun üblicher, die Domäne nicht mehr zu vergeben, sondern über Amtsleute "direkt" zu bewirtschaften.

Zentrale Verwalter der gesamten estates beaufsichtigen nun lokale reeves, serjeants oder bailiffs, die für jeweils eine Domäne aus Ackerland, Weide und Wald von insgesamt meist über 500 acres zuständig sind. Dabei setzen die weiderum zunehmend Lohnarbeit ein. Experten finden heraus, dass Lohnarbeit um ein Drittel effizienter eingesetzt werden kann als feudal abgeleitete mit entsprechend geringerer Motivation. Lohnarbeit wird besonders bei der Ernte (auch von Heu) eingesetzt, aber auch zum Dreschen, als Schweinehirten und Milchmädchen und vielem anderen. Am Ende werden um 1300 nur noch weniger als 10% aller Arbeiten auf den Domänen aus feudaler Verpflichtung heraus erledigt, diese sind vielmehr, so nicht ganz verschwunden, durch Geldzahlungen abgelöst.

 

Im 12. Jahrhundert beginnt so die Domäne zum Geschäftsbetrieb zu werden, zu einer Unternehmung mit dem Ziel des proficuum (profit), und im 13. Jahrhundert werden in mittelfranzösischer Sprache die ersten Handbücher zur Führung eines solchen Unternehmens geschrieben und weit verbreitet. Von technischer Seite her gesehen nimmt dabei die Produktivität nur ganz langsam zu, und das eher auf Seiten der freieren Bauern als der großen Gutsherren und ihrer Verwalter.

 

Christopher Dyer erwähnt zwei estates großer Baronien als Beispiel für noch etwas anderes, nämlich die ebenfalls manchmal zunehmende Spezialisierung. Da ist das Manor von Keyingham, von dem aus der Verwalter des Ackerlandes und der Schafherden von Holderness insgesamt 7000 Schafe an elf Plätzen verwaltet, Er sorgt dafür, dass die Wolle an einem Ort gesammelt wird, von wo sie zwischen 1260 und 1280 an die Firma der Riccardi verkauft wird, die sie auf dem Kontinent vermarkten. Isabella de Fortibus, der auch dieser große estate von Holderness gehört, hat bei der Luccheser Firma eine Art Konto, auf dem sie ihren Ertrag eingetragen bekommt.

Die de Lacy-Familie hat Ende des 13. Jahrhunderts in Pontefract (Lancashire) einen Verwalter von 27 über verschiedene Orte verstreute Rinderherden, jede mit einem Mann versehen, der wiederum gut achtzig Rinder versorgt, insgesamt fast 2500 Stück Vieh. Die Rinder werden dann entweder als Zugtiere verkauft oder als Rindfleisch vermarktet.

 

Herren investieren nicht nur in Ackerbau und Viehzucht, sondern auch in Experimente mit Düngung, in stabilere (und zum Teil, bis heute erhaltene) Scheunen. Dazu kommen Getreidemühlen und Walkmühlen am Wasser und im 13. Jahrhundert zunehmend auch Windmühlen.

 

Bei alledem kommen doch die größeren Einkünfte der meisten Herren aus den feudalen Abgaben (rents), die die bäuerlichen tenants der untersten Ebene zahlen. Dabei ändert sich im 12. Jahrhundert bereits die Bedeutung der Bezeichnung villein, die ursprünglich einen Dörfler mit einem guten Auskommen meinte, nun aber zur Benennung unfreier Bauern absinkt, die unter dem common law also solche definiert werden, die schweren Arbeitsdienst für die Herren leisten und/oder (feudale) Abgaben im Ereignisfall zahlen müssen, also bei Heirat oder Todesfall zum Beispiel. Diese Hälfte der bäuerlichen Bevölkerung untersteht der relativen Willkür der grundherrlichen Feudalgerichtsbarkeit, die auch Konflikte unter villeins behandelt, immer mit einer Abgabe versehen.

Solche gutsherrliche Feudalität schwindet aber im Verlauf des 12. und 13. Jahrhunderts zunehmend, indem immer mehr Dienste durch Geldleistungen abgelöst werden und mehr feudale Abgaben in einer fixen Rentenzahlung aufgehen. Im Kern führt das wie auf dem Kontinent zu einer zunehmenden Vereinheitlichung und damit Entfeudalisierung der Verhältnisse auf dem Lande.

 

 

Kapital und Macht

 

Feudale Strukturen reichen von den Königen bis zu den kleinen Herren und den langsam aufsteigenden Dienstmannen. Finanziert werden sie über bäuerliche und handwerkliche Arbeit, die Abgaben aus dem Handel und durch das sich entfaltende Finanzwesen. Um diese zunehmend auch in Geldform fließenden Einnahmen zu erweitern, wird sich um Effizienzsteigerung in der landwirtschaftlichen Produktion bemüht und den Bauern dabei tendenziell freiere Hand gelassen. Handwerk und Handel werden weiter durch Privilegierungen gefördert. Sich entfaltende feudale Strukturen und Kapitalismus entstehen gleichzeitig und bedingen sich dabei gegenseitig.

 

Nach und nach kommt es zur "politischen" Beteiligung der unteradligen Spitzengruppen in der Stadt und in geringerem Umfang auf dem Lande. Es handelt sich dabei vor allem um unternehmerisch denkende und handelnde Kapitaleigner, von denen zunächst im nordwestlichen Mittelmeerraum und dann auch im Norden einige vor Ort in Bezug auf Reichtum an niederem Adel vorbeiziehen. Dabei orientieren sie sich in Selbstverständnis und Lebensstil am Adel und entfernen sich so von der Masse der städtischen und ländlichen Bevölkerung.

 

Während Herrschaft im 11. Jahrhundert sich immer mehr des Geldes bedient und auf die Anhäufung von Geld abzielt, lernt sie im 12. Jahrhundert die Machtausübung über das Schuldenmachen und wird zunehmend dabei von Finanzkapital abhängig. Gelernt wurde das gezielte Schuldenmachen urprünglich im Fernhandel, wo bei größeren Transaktionen nicht die entsprechenden Silberpfennigmengen mitgeführt werden können, bevor dann Goldwährung eingeführt wird. 

Könige und Barone bzw. Fürsten benötigen situativ Geld für Kriege und dabei insbesondere für Sold, für Käufe von Land und für Großbauten. Mit dem angevinischen Herrscher Heinrich II besitzen wir den ersten dokumentierten Fall einer zum großen Teil kreditfinanzierten Herrschaft. Zwischen 1155 und 1166, so hat man nachgerechnet, finanziert er Unternehmungen mit wenigstens 12 000 Pfund aus Krediten. Teile der Kriegführung laufen bei ihm noch darüber, dass Barone keine oder nur wenige Ritter schicken, sondern lieber dafür scutage bezahlen, manchmal ein Pfund pro angefordertem Ritter. Auch dafür versucht der englische König eine vollständige Aufstellung der Ländereien mit ihren tenants für sein Reich zu bekommen.

Dass es Heinrich II. gelingt, die vereinten Kräfte des französischen Königs, seiner Gemahlin und seiner Söhne bis auf Johann samt denen englischer Granden, die sich anschließen, und des schottischen Königs zu besiegen, liegt dann an einem kaum noch feudal zu nennenden Heer, welches sich zum großen Teil aus Söldnern zusammensetzt, wobei Niederländer herausragen, pauschal nach einer der Herkunftsgegenden als Brabantiner bezeichnet. Das sind Söldnertruppen, die auch Friedrich I. Barbarossa in dieser Zeit einsetzt.

Dass der angevinische Johann dann überhaupt noch Wert auf feudal gewonnenes Militär legt, liegt nicht zuletzt auch daran, dass Heeresgefolgschaft immer noch, wie bei Barbarossa und Philipp Auguste, Repräsentanz feudal begründeter Macht und ihrer Bindekräfte ist. Aber auch so gewonnene Ritter werden indirekt bezahlt über prests, geliehenes Geld, welches kaum noch zurückgezahlt wird (Carpenter, S.269)

Im 13. Jahrhundert gewinnt auch in Katalonien professionalisiertes Söldnertum wie das der Almogávares an Bedeutung, welches sich Anfang des 14. Jahrhunderts in seinem Freibeutertum zu Lande mit seinem Unheil immer mehr auf byzantinische Gebiete konzentriert.

 

Einen wesentliche Teil des Finanzkapitals stellen auch im 12. Jahrhundert Juden, der wohlhabendere Teil jüdischer Gemeinden, deren Reichtum sich in prächtigen Stadthäusern zeigt. Der Aufbau ihres Kapitals ist schwer nachzuvollziehen, also die auffällige Anhäufung von Finanzkapital nördlich der Alpen in den Händen einer etwas exotischen Religionsgemeinschaft,nach England kommen sie erst mit Wilhelm dem Eroberer nach 1066, wobei sie zunächst wohl hauptsächlich mit Gold- und Silberbarren (bullions) operieren und zudem den obligaten Geldwechsel an der Grenze übernehmen.

 

Ihr Reichtum ist aber wohl aber wohl aus kurzzeitigen, maximal einjährigen Krediten zu 20-43% Zinsen per annum hervorgegangen. Als Pfand dient oft Land, welches besonders in England bei Nichtzahlung der Schuld in jüdische Hand übergeht. In der Mitte des 13. Jahrhunderts sind es schon mal um die

80 000 Pfund, die Juden in einem Jahr als Gläubigermasse halten.

Die Könige tendieren dazu, "ihre" Juden zu schützen, und zwar nicht nur als Kreditgeber, sondern vor allem als regelmäßige Einnahmequelle durch Schutzgelderpressung, die Judensteuer, in England eine tallage. Zwischen 1241 1256 nimmt der englische König insgesamt 73 000 Pfund an regulärer Judensteuer ein.

Schützen sollen sie dort königliche justices of the Jews, die um 1200 zu den exchequers of the Jews werden, und die unter anderem die Sheriffs dazu anhalten sollen, darauf zu achten, dass ihnen die Schulden bezahlt werden.

 

 

Königreiche

 

Im 11. Jahrhundert hat sich in Westfranzien und England ein Erbkönigtum dynastisch betriebener Familienpolitik durchgesetzt, welches de facto auch im Kaiserreich gilt, auch wenn Minderjährigkeit des Thronfolgers und Dynastiewechsel zu Krisen und zum Aufleben des Wahlgedankens führen und sich im 13. Jahrhundert dann das Wahlrecht durchsetzt. Das ehemalige (nord)italienische Königreich entzieht sich immer mehr kasierlicher Oberhoheit und zerfällt im Norden in Stadtherrschaften und im Süden in das Königreich der beiden Sizilien. Dazwischen der wachsende Kirchenstaat.

Unterhalb der Könige setzen sich überall patrilineare und der Primogenitur folgende Adelsdynastien durch, seit dem späteren 11. Jahrhundert auch in Spanien. Darüber wölben sich dort mehrere noch instabile Königreiche (Leon, Kastilien, Navarra, Aragon und die Grafschaft Barcelona, die sich gegeneinander und gegen den islamisch beherrschten Teil der Halbinsel wenden.

 

In deutschen Landen bilden sich im 12. Jahrhundert Fürstentümer heraus, deren Existenz die Staufer anerkennen und mit deren Hilfe sie regieren müssen. Römisch-deutsche Könige müssen mit einem Reich leben, welches sich seit den späten Saliern zunehmend als Fürstenföderation versteht. Feudale Strukturen weiter unten werden weiter oben ergänzt durch solche, die nun das Reich zusammenhalten sollen.

Die römischen Könige/Kaiser leben zunächst von ihren Krongütern und ihrem Familienbesitz, überhaupt von allen königlichen Rechten, die nun als Regalien zusammengefasst werden. Macht ausüben können sie aber nur in Zusammenarbeit mit den Fürsten, die in die Regierung einbezogen werden und auf deren Dienste der König angewiesen ist. Als Kaiser versucht insbesondere Friedrich I und nach ihm Friedrich II von Sizilien aus das reiche Nord- und Mittelitalien unter kaiserlicher Kontrolle zu halten, um daraus Einnahmen zu ziehen. Nach 1240 scheitert dieser Versuch am Widerstand der Städte und der Päpste.

 

Im nunmehrigen entstehenden Frankreich fehlt der allodiale Besitz, in dem sich noch ein Gutteil deutscher Lande befinden. Da alles Land einen Herren hat, fallen hier wie auch in England feudale Strukturen und Herrschaft zusammen. Das Königreich Frankreich ist darum bestrebt, durch Expansion, also die militärische oder friedliche Einvernahme benachbarter Fürstentümer aus seinem engen Rahmen herauszuwachsen. Dabei wird es durch große Gebiete unter anglonormannischer Herrschaft eingeschränkt, die erst Anfang des 13. Jahrhunderts mit Ausnahme der Gascogne eingenommen werden. Nach der Schlacht von Bouvines 1214 ist der französische König (Philippe II. "Auguste", 1180-1223) dann allerdings reichster und mächtigster Herrscher im lateinischen Europa.

 

Frankreich und England werden beide auf unterschiedlichem Wege zentral organisierte Reiche mit einem in England einheitlichen Münzwesen und in beiden Fällen einer verschriftlichten wachsenden Verwaltung und dem zunehmend erfolgreicheren Weg, über die Gerichte königliche Macht auszuüben. Das königliche Finanzwesen löst sich langsam von den Einnahmen aus königlichen Gütern und geht zu immer weniger feudalen Einnahmequellen über, die besonders in England hin zu einer geordneten Besteuerung der Bevölkerung führen. Früher als in deutschen Landen werden dabei Juristen einbezogen.

 

Solche Frühformen von Staatlichkeit versucht Friedrich II auf der Basis normannischer Vorarbeit in seinen Sizilien einzuführen. Dabei wird zentrale Verwaltung ergänzt durch eine bis ins Detail gehende Regulierung von Ämtern und Wirtschaftsleben, die an ein paar Stellen bereits an die Durchregulierung des Lebens im Europa des 20. Jahrhunderts gemahnt.