GEWERBE UND STADT 1500-1650 (Nur erste Ansätze)

 

Der Niedergang der Hanse

Der wirtschaftliche Aufstieg Süddeutschlands

Textilien und übriges Handwerk: Florenz

Finanzen

Die Städte und das Ende der bürgerlichen Freiheiten  (Trier)

Neues Bürgertum

Handwerk

Industrie?

Kapitalkonzentration

Proletarisierung

Das Land

 

Der Niedergang der Hanse

 

Die Auflösung der Hanse hat machtpolitische und wirtschaftliche Gründe, die eng miteinander verzahnt sind. Schon bevor sich der Welthandel mit der Eroberung der beiden Amerikas und Afrikas riesige neue Gebiete erschließt, verändern sich seine Strukturen in Europa. Der wirtschaftliche Aufstieg süddeutscher Städte, der östlichen Niederlande und Englands verlagert die Gewichte, führt zu neuen regionalen Kapitalkonzentrationen mit entsprechender Kaufkraft.

 

Die dominante Ost-West-Ausrichtung des Hansehandels wird gebrochen an dem steigenden Handel süddeutscher Firmen mit dem Norden ohne hansische Vermittlung. Die flämische Tuchproduktion bricht unter englischem Druck ein. Süddeutsche Firmen verdrängen Hansekaufleute beim Handel mit englischem Tuch in Antwerpen und den Brabanter Messen. Besonders Köln hat darunter zu leiden, nachdem sich Lübeck bereits aus dieser Sphäre zurückgezogen hat.

 

Ein wesentlicher Einschnitt im Westen ist schon die schrittweise Übernahme der Niederlande durch Burgund.

Erst 1442 haben die Hanseleute in Brügge ein eigenes Gebäude für ihre Versammlungen, 1478 bauen sie dann das Osterlingenhaus aus. Inzwischen sinkt aber die wirtschaftliche Bedeutung der Stadt und mit ihr auch die der Hanse-Niederlassung. Antwerpen hat Brügge an Bedeutung für den Fernhandel abgelöst und nimmt seinen Aufschwung auch mit den Niederlassungen der englischen merchant adventurers, der Portugiesen und Venezianer. Auch die deutschen Kaufleute siedeln sich nun dort an, erhalten ein Grundstück von der Stadt und bauen dort zwischen 1564 und 1568 das dort sogenannte Oostershuis. Aber in dieser Zeit sind die Handelsbeziehungen Englands mit den Niederlanden bereits erheblich ausgebaut.

 

Mit der Fischerei um Island wird das Bergener Stockfischmonopol gebrochen, wobei Engländer und einzelne Hansekaufleute ihre Fänge nunmehr direkt auf die Märkte im Binnenland bringen

 

Etwa gleichzeitig mit dem Niedergang des Brügger Kontors nimmt auch die Bedeutung Nowgorods für die westlichen Städte und den Einfluss Lübecks ab. Nowgorods Beziehungen zu Dorpat, Reval und Riga nehmen zu, und die westlicheren Kaufleute fahren nun eher diese näheren livländischen Städte an, um Güter aus Russland einzukaufen.

1558 erobert Iwan IV. Dorpat und Narva. Schweden versucht als Schutzmacht Revals seit 1561 immer mehr Einfluss auf den Russland-Handel zu bekommen, was 1563-71 zu einem Krieg Lübecks und Dänemarks dagegen führt, in dessen Verlauf Lübecker Schiffe Reval beschießen.

Nachdem es einen Konflikt mit Reval gibt, schließt der Moskauer Großfürst Ivan III. Ende des 15. Jahrhunderts den Peterhof, der dann bei großem Bedeutungsverlust für die Hanse 1514 wieder geöffnet wird.

 

Was Antwerpen für den Norden ist, sind Sevilla und Lissabon inzwischen für den Südwesten. Kaufleute aus Hamburg, Lübeck und Danzig liefern im 16. Jahrhundert verstärkt Holz und Getreide dorthin und brechen damit aus dem Hansekontext aus.

 

Die Konflikte zwischen dem "Heiligen" Römischen Reich und dem englischen Tudorreich führen 1598 dazu, dass Königin Elizabeth zugunsten des heimischen Handels den Stalhof schließt.

 

Mit dem Territorialismus der Fürstentümer und dem unaufhaltsamen Aufstieg der Nationalstaaten nehmen die politischen Freiheiten der meisten Städte und ihre internationale Ausrichtung ab, soweit sie nicht von Herrschern gefördert wird. Kleinere Städte können sich militärisch nicht mehr halten. Nur große, reiche Städte können Festungsanlagen bauen, die der immer besseren Artillerie noch standhalten. Dazu gehören Lübeck, Hamburg, Bremen, Braunschweig und Magdeburg. Die übrigen Städte integrieren sich in die Fürstentümer und verlieren ihre Autonomie.

Ein weiterer Faktor sind die Reformationen, deren Unterschiede die Solidarität untereinander gefährdet, die in den folgenden Kriegen die Finanzen der Städte teilweise ruinieren und die schließlich die Fürstenmacht durch Einziehung von Kirchengut verstärken.

 

Die verbleibenden Städte der Hanse versuchen sich enger zusammenzuschließen. 1557 wird auf dem Augsburger Religionsfrieden engere Kooperation beschlossen und ein Syndikus als hauptamtlicher Geschäftsführer eingesetzt. Aber tatsächlich zerfällt in den nächsten hundert Jahren das Bündnis zunehmend bei immer stärker auseinander driftenden Eigeninteressen.

 

Dennoch wächst in vielen einzelnen Städten insbesondere in den Boomzeiten zwischen 1460 und dem Dreißigjährigen Krieg sowohl der Handel wie das Gewerbe. Der militärische und politische Niedergang bedeutet am Ende für so manche Hanse-Stadt keine massive Krise der Kapitalverwertung.

 

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Der weitere wirtschaftliche Aufstieg Süddeutschlands

 

Nach der Wende zum 16. Jahrhundert verschlechtern sich die Beziehungen Nürnbergs zur Oberpfalz, und nun bezieht man verstärkt Eisen aus Thüringen und der Steiermark, wo Nürnberger Kapital nun investiert. Dabei wird die Produktion von Metallwaren aber weiter gesteigert, während quasi komplementär die von Textilien im 16. Jahrhundert sinkt. Immer wichtiger werden die Gewerbe der Messermacher und Schwertfeger, die nun rund ein Viertel der Gesamtproduktion ausmachen. Die städtische Produktion von Messern soll Mitte des 16. Jahrhunderts auf rund vier Millionen angewachsen sein, um sich dann allerdings bis zum Jahrhundertende wieder zu halbieren. Zweieinhalbmal so groß ist allerdings Mitte des Jahrhunderts die Messerproduktion von Steyr (Schulz, S.281)

Nürnberg entwickelt sich auch weiter zum Zentrum von Waffen- und Rüstungsproduktion. Dazu gehören Handfeuerwaffen, von denen jährlich weit über 10 000 Stück produziert werden, und der Geschützguss. Nürnberg beliefert ganz Europa mit jenen Wunderwerken, die immer effektiver verletzen, töten und zerstören. Im Verlauf des Jahrhunderts steigt auch hier der Kapitaleinsatz und damit die Tendenz zum Verlegertum. Wegen der machtpolitischen Bedeutung von Waffen sind die Nürnberger politische Elite, Produktion und Handel von Waffen eng vernetzt.

 

Neben dem Metallrevier Nürnberg-Oberpfalz gewinnt die Barchentproduktion immer mehr Bedeutung. Im Verlauf des 15. Jahrhunderts deutet sich eine Verschiebung der Zentralfunktion der Nordhälfte Italiens in Richtung Norden an: Zunächst verlieren die Gebiete südlich des Appenins an Bedeutung, was man besonders am Beispiel Siena erkennen kann.

Die jährliche Augsburger Barchentproduktion verdreifacht sich dann im 16. Jahrhundert fast. 1610 stellen dort etwa dreitausend Meister und Gesellen rund eine halbe Million Tuchballen her (Schulz, S.169).

 

Erst der Weg in den Dreißigjährigen Krieg und dann besonders dieser selbst ruinieren die Wirtschaft in deutschen Landen und nicht nur diese.

 

Textilien und übriges Handwerk: Florenz

 

Mit der Errichtung des (Groß)Herzogtums Toskana gerät Florenz in eine lange und eher bislang ungewohnte Friedenszeit, nur kurz unterbrochen von der Eroberung Sienas 1554-55. Die Staatsfinanzen, von denen die Fürsten sich einen großen Teil einheimsen, kommen im wesentlichen von indirekten Steuern Abgaben und Gebühren, wie es florentinische Tradition ist, was den Vorteil hat, dass sie kontinuierlich fließen.

 

Gegen die "republikanische" Verfassung der bislang herrschenden kapitalkräftigen Oligarchie setzt Herzog Alessandro de Medici 1534 die Zusammenfassung der bisherigen 14 Handwerker-Artes in vier neue Gruppen: Bau- Holz- und Metallgewerbe werden in die università dei fabbricanti gebracht, die Lebensmittelversorgung in die università di Por San Piero, das Lederhandwerk in die dei Maestri di Cuoiami, und die Gastwirte, Weinhändler und Leinenhändler in die università dei linaioli. Sie alle werden von Cosimo I. in dem Neubau der Uffizien unter Kontrolle gehalten. 1583 werden die fabbricanti und die Por San Piero dann zu einer università verschmolzen.

 

Durch den größten Teil des 16. Jahrhunderts kann Florenz seine starke Stellung als Textilmetropole halten, obwohl es seinen Markt im Nahen Osten verliert. Diesen übernimmt Venedig mit seinem dort traditionell verzweigteren Handels- und Finanznetzwerk. Um 1560 sind die Florentiner dort aus dem Tuchgeschäft draußen. 

Dafür gewinnen sie in dieser Zeit mit einem vor allem schwarz gefärbten Rascia-Stoff von erheblichem Prestige neue expandierende Märkte im Norden, konzentriert auf die kastilischen Messen, die von Lyon und die Handels- und Finanzzentrale Antwerpen. Daneben können sie sich weiter den italienischen Markt mit venezianischen Firmen teilen.

 

Allein die Textilindustrie kann durch das 16. Jahrhundert der halben Einwohnerschaft von Florenz ein Existenzminimum sichern, wobei der Lohnanteil in der Wolltuch-Produktion wesentlich höher ist als im Seidenfach.

 

100-150 überschaubar große Firmen teilen sich weiterhin in die Wolltuchproduktion, und es fließt immer noch Kapital in sie, auch wenn die Gewinne aufgrund der höheren Rohstoff- und Produktionskosten für bessere Qualität abnehmen. Die Corsi besitzen gegen Ende des Jahrhunderts vier Wollfirmen und die Riccardi, nach den Medici reichste Florentiner Familie, investiert 1568 etwa 4000 Florin in Wolltuchfirmen und um 1600 etwa 19 000 Florin in vier solche, neben ihren Anlagen in Seidenfirmen, die dahinter zurückstehen (Goldthwaite, S.276). Ein Vorteil florentinischer Firmen ist der stabile Standort unter den Medici-Fürsten, flankiert mit deren Tendenz zu einem gewissen Protektionismus.

 

Im Verlauf des 16. Jahrhunderts gerät die Versorgung mit der hochwertigen kastilischen Wolle immer mehr in die Hand kastilischer und genuesischer Firmen.

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts haben wenige solcher Firmen wie die von Simon Ruiz das Geschäft monopolisiert, und dann lässt deren Nachschub empfindlich nach, insbesondere weil sie sich stärker auf Venedig konzentrieren. Florentiner Wolltuchfirmen sind nun wieder stärker auf italienische Wolle angewiesen, was in der Folge die Qualität sinken lässt.

Daneben steigt die europäische Konkurrenz für Qualitätstücher in Spanien, Südfrankreich und nach 1570 von Holland und England. Der Globalisierung ist die florentinische Produktion nicht gewachsen, die bis dato überall dorthin exportiert hatte, wo die Qualität großräumig geringer gewesen ist. Zudem fehlt bei der europaweit immer stärkeren Kapitalisierung der Produktion in der Toskana eine Reserve an billiger (landloser) Arbeitskraft vom Lande, da die Landbevölkerung über Diversifizierung und Marktorientierung ein Auskommen behält.

Von 1660 bis 1620 halbiert sich die Zahl der Produktionsfirmen und die Zahl der Webstühle sinkt noch erheblich mehr.

 

Die Florentiner Seide erreicht auf den europäischen Märkten nie eine so dominante Stellung wie im 15. Jahrhundert die Wolltuche aus der Stadt. Die Diversifikation über immer mehr europäische Produktionsstätten und die Vielfalt von hunderten von etwas unterschiedlichen Tucharten verhindert das. Die meisten Seidenfirmen in Florenz konzentrieren sich im 16. Jahrhundert auf das weniger teure Segment der Seidenstoffe, vor allem Satin, und verzichten auf Brokat und Samt - und fahren damit gut. Die Zahl der Seidenfirmen beträgt 1561 91 und es gibt 20 battiloro-Firmen. Im Verlauf des Jahrhunderts verdoppelt sich der Import von Rohseide und die Zahl der Webstühle. Um 1600  kommt die gesamte italienische Seidenproduktion mit italienischer Rohseide aus. Florenz bezieht 35% alleine aus der Toskana. Das ist nicht unwesentlich, macht sie doch etwa 60% der gesamten Kosten für die Herstellung eines Seidentuches aus.

 

Nicht unwesentlich ist auch die fortgesetzte Förderung durch die Medici-Fürsten. Insgesamt gelingt es der Florentiner Seidenproduktion, anders als den Wolltüchern, ins 17. Jahrhundert hinein eine starke Stellung auf dem europäischen Markt zu behalten.

 

Wirtschaftsförderung wird überhaupt mit den selbst schwerreichen Medici-Herzögen wichtig. Cosimo I. schickt Spione nach Murano und lockt von dort einen Glasmacher, dem er neben einer vollständigen Werkstatt und vielen Privelgien auch 1000 Florin bietet. In seinem Palazzo Vecchio lässt er Werkstätten für Goldschmiede, Juweliere, Weber und Destillateure einrichten. Francesco erbaut in den 1570er Jahren das Casino di SanMarco, wie er eine Gießerei, eine Destillerie, Räume für alchemistische Studien und andere für Handwerker einrichtet, eine Art handwerkliches Forschungsinstitut.

 

Finanzen

 

Die Florentiner Wohlfahrtseinrichtungen mit Bankfunktionen sammeln seit dem späten 15. Jahrhundert hunderte von Depositen an, scheitern aber am Ende. Immerhin sind sie Ausdruck eines wachsenden Wohlstands einer "bürgerlichen" Mittelschicht und der relativ geringen Bedeutung der regulären lokalen Banken.

 

Die Monti di Pietà, quasi öffentliche Pfandbanken, die darüber hinausgehend im 15. Jahrhundert den Anlage- und Kreditbedarf einer Handwerkerschicht bis hin zu Lohnarbeitern decken sollen, werden kirchlich anerkannt, weil sie niedrige Zinsen verlangen. Der Florentiner Monte braucht aber noch lange im 16. Jahrhundert, bis er die jüdischen Pfandleihbanken an Anlagen und Krediten übertrifft. Für den 1. Januar 1582 sind dann aber über 88 000 Pfänder eingetragen, für die 280 000 Florin ausgeliehen sind. Basis dafür sind fast 3000 zinsbringende Depositen, die knapp eine Million Florin Kapital repräsentieren. Nicht wenige dieser Konten wirken wie Sparbücher zu 5% über längere Zeiten.

 

Mit den Spareinlagen entwickelt sich der Monte von einer Pfandleihbank in eine Sparer- und Kreditbank. Geld wird je nach Leihedauer mit bis zu 7% verzinst. Über 600 000 der knappem Million ausgeliehenen Geldes werden nun nicht mehr über Pfänder vermittelt, sondern sind längerfristige Kredite.

 

Als quasi öffentliche Banken sind die Monti mit dem Staat liiert. Arti, die Opera der Kathedrale, und ab 1590 das Hospital von Santa Maria Nuova müssen ihre Einlagen dort machen. Gelegentlich legt auch der Großherzog dort Geld an. 1620 hat dieser Monte ein Kapital von drei Millionen Dukaten zur Verfügung. Acht Direktoren und ein Personal von 42 Angestellten betreiben drei Zweigstellen.

 

 

Die Städte und der Niedergang der bürgerlichen Freiheiten

 

Im 15./16. Jahrhundert etabliert sich in immer mehr Städten eine zentrale Wasserversorgung und Entsorgung. Wasserkünste mit Hebewerken auf Mühlenbasis pumpen Wasser in Türme, von denen es durch die Städte mittels Röhren in öffentliche Schöpfbrunnen fließt. Mit diesem System werden in Nürnberg schon in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts 100 Schöpfbrunnen bedient. Dazu kommt eine allerdings noch geringe Anzahl von Hausanschlüssen. Was die Stadt nicht direkt über Stadtbrunnenmeister organisiert, schaffen Genossenschaften wie die Pipenbrüder in Braunschweig. Oft bleiben diese Einrichtungen bis ins 18. oder 19. Jahrhundert in Betrieb. Dann wird Augsburg 1761 ein Leitungssystem von 27km geschafft haben.

 

Der Aufstieg von Städten mit stadtherrlicher und fürstlicher Billigung kommt spätestens im 13. Jahrhundert zum Stillstand. Zwar kaufen Städte weiter ihren Herren Rechte ab oder erzwingen sie, aber je mehr Städte Einkünfte und Reichtümer generieren, desto begehrlicher wird andererseits der herrschaftliche Blick. Dagegen wenden sich in Süddeutschland im 14./15. Jahrhundert (am Ende oft vergeblich) Städtebünde, im Norden übernimmt die Hanse diese Rolle. 1418 wird mit der ersten Tohopesate ein Beistandspakt gegen Angriffe auf ihre Städte geplant.

Als der Halberstädter Bischof "seine" Stadt 1423 für sich einnehmen möchte, verhindert das noch ein Hanseheer. 1432 verteidigt ein Heer des Sächsischen Bundes in der Hanse Magdeburg gegen den Erzbischof.

 

Berlin/Cölln war eine landesherrliche Hansestadt mit einer gewissen politischen Selbständigkeit gewesen, bis die Hohenzollern an die Macht kamen. Diesen gelingt es 1442 nach Konflikten in der Bürgerstadt, einen Bauplatz für ein Schloss zu erzwingen. Als den Bürgern klar wird, dass sie ihre relative Unabhängigkeit verlieren, versuchen sie 1448 einen Aufstand, der scheitert. 1451 ist das Schloss fertig und Berlin wird zur Residenzstadt.

Die Stadt verliert den Zugriff auf ihr Umland und wird mit dem Import von Hofhandwerkern konfrontiert, die im 16. Jahrhundert auf circa 500 anwachsen, die direkt dem Fürsten unterstehen und aus der städtischen Gerichtsbarkeit und Besteuerung herausfallen. Zwar wächst die Stadt langsam, aber sie wird immer mehr auf den Fürsten und seine Lustschlösser hin ausgerichtet.

 

 

1483 muss Erfurt sich nach langen Abwehrkämpfen dem Mainzer Landesherren und dem Wettiner Schutzherrn unterwerfen. Seine wirtschaftliche Bedeutung nimmt massiv ab, da die alten Handelswege an Bedeutung verlieren und Leipzig immer mehr Handel an sich zieht. Darüber hinaus verschwindet das Waid mit dem Import des Indigo aus Übersee.

 

1462 erobert der Erzbischof die freie Stadt Mainz und gestaltet sie zu seiner Residenzstadt um. 1477 lässt die Äbtissin von Quedlinburg die Stadt erobern und nimmt ihr ihre bisherigen Freiheitsrechte. Den Roland, Symbol städtischer Freiheitenseit dem 14. Jahrhundert, lässt sie zerstören. Für Regensburg markiert erst die Unterwerfung unter die bayrischen Herzöge von 1486 das Ende der Bürger-Stadt. Kurz darauf wird sie kaiserlichem Regiment unterstellt.

 

In kleineren Städten des deutschen Raumes waren Fürsten durch das ganze sogenannte "Mittelalter" mit ihren Burgen präsent. Seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts werden sie auch in größeren Städten wieder präsenter. Die fürstliche Burg verwandelt sich nun in eine städtische Residenz, es gibt mehr fürstliche Wirtschaftshöfe und der Herr erwirbt zudem Häuser für seine Beamten. Als fürstliche Grablege dienen nun eher städtische Hofkirchen statt entfernterer Klosterkirchen.

 

1522 lässt der Habsburger Erzherzog Ferdinand den Wiener Bürgermeister und fünf weitere Ratsherren hinrichten, der Bürgerausschuss der Genannten wird aufgelöst sowie die Münzer-Hausgenossenschaft. Die Handwerker verlieren ihren Einfluss auf den Inneren Rat und es gibt einen Versuch, die Zünfte aufzulösen. Das nicht auf den Hof ausgerichtete Handwerk unterliegt dem unzünftigen, welches der Hof für seine Zwecke privilegiert.

 

Für Flandern beginnt die Neuzeit mit der burgundischen Herrschaft ab 1384, die im 15. Jahrhundert zum Verlust bürgerlicher Selbstverwaltung führt. Immer mehr Bürger laufen zu den Fürsten über, in deren Diensten sich immer besser Karriere machen lässt. Einen weiteren Einschnitt stellt die Habsburgerherrschaft ab 1492 dar, die zum weiteren Abbau städtischer Rechte führt und nach 1540 unter Karl V. auch zur Entrechtung der Gilden.

 

Seit dem 15. Jahrhundert steigt Antwerpen auf Kosten von Gent und besonders Brügge auf. Süddeutsche Kaufleute bringen Gewürze und andere Luxusgüter aus Italien dorthin und bringen als Rückfracht vor allem englische Tuche zurück.  1585 erobern die spanischen Habsburger die Stadt, die darauf den Seehandel zum guten Teil verliert und auf den Landhandel zurückgeworfen wird.

 

Der Abstieg Flanderns ist auch der Aufstieg Hollands, wo das schnelle Anwachsen der Städte einen bürgerlichen Markt für Massenwaren hervorbringt. Besonders England und die nördlichen Niederlande beginnen nun, die Entwicklung des Kapitalismus weiter voranzutreiben. Während die bürgerlichen Freiheiten im größten Teil Europas langsam schwinden, gewinnen sie in Holland und dann auch in England auf eine neue Weise an Gewicht.

 

Die landesherrlich geprägten deutschen Städte, insbesondere die Residenzen, werden im 16. Jahrhundert immer mehr fürstlichen Interessen unterworfen, die über Ämter und Verwaltung direkt in die Städte hineinwirken. Die südwestdeutschen Reichsstädte und die Hansestädte bilden ein eher noch rigideres obrigkeitsstaatliches Regiment aus. "Dieses ließ der kommunal-gemeindlichen Gliederung und Mitwirkung, gerade auch der Zünfte, immer weniger Raum zur Entfaltung." (Schulz, S. 262)

Immerhin gelingt es manchen Hansestädten, ihre Freiheiten durch Bündnisse untereinander länger gegenüber den Landesherren zu bewahren. Braunschweig muss sich zum Beispiel erst 1671 unterwerfen.

 

Die Zeit zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert ist alles in allem immer weniger bürgerlich geprägt, wenn auch weiter zunehmend kapitalistisch. Aber es ist die große Zeit von Königen und Fürsten, also von zunehmend sich erweiternder Staatlichkeit. Das wird dann so weiter gehen, bis so viel Staatlichkeit ausgeprägt ist, dass die Staaten nicht mehr der Fürsten und Könige bedürfen, um ohne sie genauso weiter existieren zu können.

 

Dabei verlagert sich zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert das Gewicht der deutschen Städte nach Norden. Die meisten großen Städte liegen zwischen Frankfurt und Leipzig im Süden und der Strecke von Bremen bis Danzig im Norden. Berlin verachtfacht seine Bevölkerung zwischen 1650 und 1710. Selbst Potsdam ist am Ende so groß wie Nürnberg. Aber immer noch arbeiten um 1800  etwa zwei Drittel der deutschen Bevölkerung in der Landwirtschaft.

 

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Nachdem in der Nordhälfte Italiens die ersten Städte schon im 13. Jahrhundert als Signorien unter das Regiment von despotischen Familien gerieten, und selbst Genua, außerstande, sich über ein "republikanisches" Regime seiner großen Kapitaleigner zu regieren, sich im 14./15. Jahrhundert unter die Herrschaft von Monarchen wie dem französischen oder von Tyrannen wie den Mailänder Visconti begibt, bleibt nur die venezianische Republik übrig, ein Konsorzium großer Kapitaleigner und alter Geschlechter, welches am Ende dem Expansionsdrang Frankreichs zum Opfer fallen wird.

 

In Genua regiert ein Vertreter des französischen Königs, als es 1506 zu einer Revolte eines Bündnisses aus Handel und Handwerk kommt, die stärkere Beteiligung an den Ämtern fordern. 1507 haben sich die Franzosen auf ihre Festung zurückgezogen und der Popolo wählt den Seidenfärber Paolo da Novi zum Dogen. Dann muss sich die Stadt aber der Armee Louis XII. ergeben.

Damit ist Genua in die antivenezianische Liga von Cambrai integriert.

 

1512 vertreibt eine Heilige Liga unter spanischer Beteiligung die Franzosen aus der Stadt, Die kehren allerdings im folgenden Jahr wieder zurück.

1522 versucht Francois I. Mailand zu erobern, was Kaiser Karl V. veranlasst, eine riesige deutsch-spanisch-italienische Armee gegen Genua zu schicken. Gerade als die Stadt sich ergeben will, gibt der Marchese von Pescara die Stadt zur Eroberung und Plünderung frei.

 

In der Folge verwandelt sich Genua in eine aristokratische Republik, in der 23 Adelsklans gemeinsam herrschen. Aus einem Maggiore Consiglio von vierhundert wird ein Minore Consiglio von einhundert Aristokraten ausgelost. Letzterer wählt den Dogen und acht Beamte jeweils für die Rechtsprechung und die Finanzen. Im Hintergrund agiert Andrea Doria, ehemaliger Söldnerführer und Korsar, dem es in einem Vertrag (asiento) mit erst Karl V. und dann Felipe II. gelingt, beide mit Galeeren zu versorgen, die mit Sklaven bemannt sind. Er wird dadurch schwerreich und ist de facto eine Art Prinz oder Signore der Stadt.

 

Die Versuche unteradeligen Kapitals, selbst die Politik der Städte zu betreiben, erledigen sich einmal, weil der fortgeschrittene Kapitalismus längst zum Selbstläufer geworden ist und von allen betrieben wird, zum anderen, weil es Monarchen gelungen ist, den sich entwickelnden Staat zentral auf sich zu beziehen. Damit aber ist selbst für die Spitzen der Produzenten der Zugang zur politischen Macht versperrt, und das dann bis heute.

 

***Trier***

 

Die Einbeziehung der Zünfte, auch der kleineren, in das Stadtregiment im 15. Jahrhundert hält die Abschließung der neuen Obrigkeit nicht auf. Sie lässt sich gelegentlich nun als Herren titulieren, was meist aber nur den Bürgermeistern und Schöffen zusteht, oder 1515 als regenten zur zeit der statt Trier uz oberkeyt des rats. (in: Anton/Haverkamp, S.315)

Anfang des 16. Jahrhunderts schließen sich 13 Zünfte und 7 Bruderschaften zusammen gegen beschwernissen von fürsten und herren, von unseren herren vom rait, von scholtes oder scheffen von Trier oder anderen des raits genoßen. (s.o.)

 

Trier ist immer noch Wallfahrtsort und erhält 1512 mit dem "Heiligen Rock" ein zusätzliches Pilgerziel. Inzwischen werden die Wallfahrten auch mit Druckschriften beworben.

 

Auch noch im 16. Jahrhundert gibt es Obstgärten und Wingerte innerhalb der Stadtmauern.

 

1521 versucht Erzbischof Richard von Greiffenklau Luther auf dem Reichstag zu Worms für einen Widerruf zu gewinnen und scheitert. In der Folge äußert sich Luther abfällig über den Trierer "Heiligen Rock" und die Wallfahrt.

1522 verbündet sich der in finanziellen Schwierigkeiten steckende Franz von Sickingen mit Reichsrittern und erklärt dem Trierer Kurfüsten die Fehde. Die Stadt wird längere Zeit ergebnislos belagert. Nach dem Abzug wird er auf Burg Landstuhl vom pfälzischen und Trierer Kurfürsten sowie dem hessischen Landgrafen belagert und stirbt.

 

Im Zuge des Bauernkrieges von 1525 macht die "Bürgerschaft" Druck auf den Rat, die vor allem wirtschaftlichen Rechte und Privilegien des Domkapitels einzuschränken. Sie scheitern damit 1526.

 

1559 scheitert der Reformationsversuch des kalvinistischen Caspar von der Olewig (Olevianus). Wer Protestant bleiben möchte, muss danach wegziehen, was einen wirtschaftlichen Aderlass für die Stadt bedeutet.

 

 

 

Ein neues "Bürgertum"

 

Die Bezeichnung Bürger bleibt durch das späte Mittelalter so unklar wie schon zuvor. Manchmal wird es noch eine Weile von den wohlhabenden Geschlechtern okkupiert, die aber zunehmend dazu tendieren, sich als Herren zu bezeichnen. Überhaupt setzt sich das ganze unternehmerisch nutzbare Kapital und das in Renten verwandelte von denen ab, die am ehesten von ihren Lebensformen her als bürgerlich bezeichnet werden können, die Mittelschichten des Handwerks, des Detailhandels, und kleine Unternehmer. Schließlich darf man auch nicht vergessen, dass das Wort im auslaufenden Mittelalter in dieser Verallgemeinerung zunehmend nur noch im deutschen Sprachraum eine Rolle spielt.

 

Je mehr neueres Kapital und zünftiges Handwerk danach drängen, Anteil an der politischen Macht zu bekommen, desto mehr schließen sich jene alten Geschlechter ab, die teils aus der ritterlichen, teils aus der bürgerlichen Ministerialität hervorgegangen sind, die sowohl größeren Grundbesitz haben wie auch Geschäfte betreiben  und durch adelige Lebensformen gekennzeichnet sind. Diesen "Herren", in Herrenstuben und Tanzvereinigungen versammelt, gelingt es in Nürnberg, wo sie als unternehmerisches Patriziat in die Neuzeit eingehen, im 17. Jahrhundert ihre Adeligkeit bestätigt zu bekommen, während sie anderswo in der südlichen Hälfte der deutschen Lande wie in Basel im 15./16. Jahrhundert nach Konflikten mit der übrigen Macht immer weniger werden und in den Städten an Macht und Bedeutung verlieren. Die enge Verbindung mit dem Landadel und die frühe Tendenz, in den Fürstendienst einzutreten, trägt dazu bei.

 

In Straßburg werden schon 1419 die sich als adelig begreifenden Geschlechter der Constofler gezwungen, das Bürgerrecht anzunehmen, was sie zum Auszug aus der Stadt und einem mehrjährigen Krieg an der Seite des Bischofs gegen die Bürgerschaft veranlasst, nach dem ihre Bedeutung in der Stadt deutlich zurückgeht. Die Mainzer Bürger entmachten die alten Geschlechter 1444, was dann 1462 zur Eroberung  und Zerstörung von Mainz durch den Erzbischof und Kurfürsten führt.

Das ändert nichts an zweierlei: Solange sich adelig fühlende alte Geschlechter in den Städten existieren, gehören sie zur Spitze des Reichtums in der Stadt, und auch dort, wo sie langsam untergehen, bleiben sie als Gäste mit ihren Höfen und Gesellschaften der Stadt erhalten und tragen dabei Geld dorthin. Schließlich ist ab einer bestimmten Stufe des Reichtums adelige Lebensform längst das bürgerliche Leitideal.

 

Unterhalb des Adels, neben dem Klerus und oberhalb eines nicht von seinem Eigentum lebenden Proletariats ist Bürgertum weiterhin ein städtisches Phänomen. Seinen Kern macht immer noch das Handwerk aus. Etwa ein Drittel bis fast die Hälfte der Familien der städtischen Bevölkerung hängt weiterhin direkt vom Handwerk ab. Bei rund 14 000 Bürgern in Augsburg um 1500 hat alleine die Weberzunft rund 1400 Mitglieder, Kramer gibt es um 350, Schmiede ebenfalls in dieser Größenordnung. Um 1600 sind von

48 000 Einwohnern alleine rund 3000 Webermeister. Mit der Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges geht allerdings nicht nur die Einwohnerschaft, sondern in noch erheblicherem Maße das Handwerk zurück.

 

In die Städte ziehen seit dem 15. Jahrhundert in zunehmendem Maße die Akademiker ein, die "Gelehrten" also. Diese sind von ihrer Ausbildung her Juristen, Mediziner und Theologen/Philosophen. Sie gewinnen Eigentum über ihre Fähigkeiten, die sie eigentlich jenseits von einem wie auch immer gearteten Bürgertum absetzen, aber sie in ihrem Lebensstil gehobener Bürgerlichkeit annähern. Juristen und Mediziner können sich mit einer eigenen Praxis selbständig machen, Juristen treten aber vielfach in gehobene Verwaltungsdienste ein. Verwaltung aber nimmt mit dem Ausbau von Staatlichkeit überall zu. Solche mit Verwaltung betraute Menschen wiederum werden zu Stützen der Staaten und oft mit entsprechendem Untertanengeist ausgestattet. Je besser ihre Tätigkeit dotiert wird, desto mehr identifizieren sie sich mit der Obrigkeit.

 

Handwerk

 

Bäuerliche Nahrungsmittelproduktion und handwerkliche Warenherstellung bleiben im lateinischen Abendland die beiden wichtigsten Produktionszweige bis ins 18./19. Jahrhundert. Dabei nimmt aber die Kapitalisierung in einzelnen Sparten zu.

Das heutige populäre Bild vom mittelalterlichen Handwerk wird von dem des 15. bis 17. Jahrhundert geprägt: Die Zünfte schließen sich langsam ab, das Meisterstück kommt auf und die Gesellen werden immer nachdrücklicher dazu bewegt, eine Wanderzeit einzulegen. Zugleich schwindet der politische Einfluss der Zünfte.

 

Bevölkerungsvermehrung, Zuzug in die Städte und Zeiten stark gestiegener Lebensmittelpreise senken den Anteil der massenhaften Nachfrage nach Waren des Alltags. Je mehr die zünftigen Gewerbe sich abschließen, desto stärker wird die Konkurrenz mit niedrigeren Preisen in den Vorstädten und dem Umland durch Gewerbe, welches nun immer schärfer verboten wird. Zudem wird die Aufnahme in die Zünfte erschwert. Gesellen wiederum wird es noch deutlicher als zuvor verboten, nebenbei für den Markt zu arbeiten.

 

In einiger Entfernung von den Städten breitete sich zunehmend und nicht mehr nur im Nebenerwerb oder im Verlagssystem (Weber) ländliches Handwerk aus, Schuhmacher, Schneider, Schmiede, Schreiner, Seiler und andere. Die Städte versuchen es zu verdrängen, aber langsam bilden sich insbesondere auch aus derjenigen ländlichen Bevölkerung, die es nicht mehr schafft, Höfe zu bewirtschaften und nicht zum städtischen Proletariat gehören will, ein breitgestreutes ländliches Gewerbe aus, welches den ländlichen Raum bedient.

 

 

Industrie?

 

Industrie ist eines der vielen Wörter in der (deutschen) Sprache mit etwas unklarer Bedeutung. Das lateinische Wort schleicht sich seit dem späten 17. Jahrhundert mit der Bedeutung Fleiß in die deutsche Sprache ein, verengt sich im 18. Jahrhundert zunächst auf den Gewerbefleiß und dann das Gewerbe überhaupt. Mit dem Aufkommen des Fabriksystems meint es dann im 19. Jahrhundert genau dieses. 

So etwas wie Industrialisierung beginnt mit dem Aufkommen der ersten Maschinen, der Mühlen nämlich. Parallel zu dieser Automatisierung läuft die Mechanisierung, wie sie bei immer mechanischeren Webstühlen aufkommt. Immer aber finden die vielen zerteilten Produktionsvorgänge eines Endproduktes räumlich und kapitalmäßig in verschiedenen Händen statt. 

Seit dem hohen Mittelalter beginnt die Zusammenfassung mehrerer getrennter Produktionsvorgänge in der Hand eines Kapitalisten beziehungsweise einer Firma vor allem im Verlagssystem. Mit zunehmender Mechanisierung und Automatisierung beginnt dann im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit die Zusammenfassung mehrerer Arbeitsgänge an einem Ort und schließlich sozusagen unter einem Dach. Erst im 17. Jahrhundert kommt dafür das missverständliche Wort Manufaktur auf, als in Handarbeit verrichtete Produktion. Tatsächlich werden in ihr mehrere technisch weniger bedeutsame Vorgänge mechanisiert oder finden maschinell statt, werden die wesentliche Kunstfertigkeit noch in Handarbeit vonstatten geht, sei es in Nadel,- Papier- oder Porzellanmanufakturen.

In den Manufakturen finden kunstfertige Handwerker neben angelernter Lohnarbeit ihren Platz, aber sie verbreiten sich nur an einigen Orten und sind zum Teil hochsubventionierte fürstliche Renommierbetriebe zum Beispiel für Gobelins und Porzellan; sie hängen dann an der Auftragsarbeit und Nachfrage einer kleinen reichen Oberschicht.

Im 18. Jahrhundert werden sie manchmal nach dem französischen fabrique als Fabriken bezeichnet, wiewohl das Wort eigentlich nur den Herstellungsort bezeichnet. Ein Erfolgsprojekt auf breiter Fläche werden Manufakturen dann als "Fabriken", wenn auch die Kernbereiche der Produktion Maschinen überlassen werden, und die massenhafte Lohnarbeit im wesentlichen ungelernte veritable Drecksarbeit bedeutet.

 

Industrialisierung findet in deutschen Landen im Metallbereich vom Bergbau bis zum Endprodukt durch Kapitalisierung im Zusammenspiel großer Firmen und der Landesfürsten statt, die letztere immer mehr die Rechte im Montanbereich an sich reißen  und zum Beispiel in Goslar seit 1552 durch ein Bergamt verwalten lassen. "Wichtigster fürstlicher Standort wurde die Bergstadt Grund mit dem Iberg und der Eisenhütte zu Gittelde. Dort schuf der Herzog Julius bald nach seinem Herrschaftsantritt (1568) durch die Vereinigung von Bergbaubetrieb, Schmelzhütte und Faktorei eine neue Produktions- und Organisationsform. In diesem System der  >verbundenen< Arbeitsgänge wurden in dem Hüttenbetrieb hochwertiger Stangenstahl, Schmiedeeisen, Gusseisen und Eisenschlacke hergestellt und zu verschiedenen Produkten weiterverarbeitet. Bergwerke und Pochwerke, Schmelzwerke und Hochöfen, Hammerwerke und Anlagen für das Gussverfahren gruppierten sich um diesen für den Transport günstig gelegenen Standort am Rand des Harzes. Hier wurden langrohrige Geschütze, andere Waffen, Ofenplatten, Draht und vieles mehr produziert - Eisenschlacke verarbeitete man zu Kanonenkugeln. Herzog Julius kann geradezu als Repräsentant des neuen fürstlichen Unternehmertums gelten." (Schulz, S.229)

 

Der Prozess der Industrialisierung ist also eine kontinuierliche Entwicklung seit dem frühen Mittelalter, und nie mit so etwas wie Revolutionen verbunden, wobei man allerdings die Zerstörung des produktiven Handwerks und der bäuerlichen Landwirtschaft vor allem im 19. und 20. Jahrhundert als einen erheblichen Umbruch bezeichnen kann. Letztlich schwinden damit die Grundlagen (nicht nur) abendländischer Zivilisation, sondern auch die des Adels und eines neuzeitlichen "bürgerlichen Mittelstandes" , letzte Träger dieser Zivilisation.

 

Der Fortschritt dieser Industrialisierung zwischen dem 16. und späten 18. Jahrhundert ist gering bzw. langsam. Die Mechanisierung schreitet zwar fort, aber die Handwerker können sich zum Beispiel die 1589 in England erfundenen Strumpfwirkstühle zum Teil leisten und bleiben nun schneller produzierende Handstricker auf der Grundlage eigener Muskelkraft. Die etwa zur selben Zeit vielleicht in Danzig erfundene Bandmühle, mit der Bänder und Borten gelegentlich über zwanzigmal schneller hergestellt werden, und die keine handwerklichen Fertigkeiten mehr zur Bedienung verlangt, wird vom zünftigen Handwerk massiv bekämpft. Aber selbst von ihm durchgesetzte Verbote lassen sich auf Dauer nicht gegen die billig produzierenden Maschinen durchsetzen. Im 17. Jahrhundert produzieren dann an Orten wie Basel bereits hunderte von Mühlen massenhaft die modischen Bänder und Borten, mit denen Mädchen und Frauen überall in Europa sich meinen verschönen zu müssen. Ein industrielles Massenprodukt vor einer sogenannten industriellen "Revolution" und frühes Beispiel eines daran sterbenden Handwerks.

 

Insgesamt ist aber selbst das 18. Jahrhundert eher noch das Zeitalter der Wassermühlen und nicht der Fabriken, und vom 15. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts finden die technischen Fortschritte im wesentlichen dort statt. Schon früh gelingt es so zum Beispiel, bei den Sägemühlen mit dem Sägen der Baumstämme zugleich ihr Vorrücken bei dem Vorgang zu automatisieren. Kanonenrohre und Gewehrläufe werden mit immer größerer Präzision gebohrt und die Drahtziehmühlen produzieren immer feineren Draht für Geräte und Instrumente.

Städtische Mühlensysteme wie das von Augsburg mit 56 Mühlen 1735 oder das der Oberpfalz mit schon im 17. Jahrhundert über hundert Mühlen für die Eisenindustrie in der Hand vor allem Nürnberger Großkapitals dominieren die Landschaften zumindest Mitteleuropas dort, wo es genug Fließgewässer gibt. Zahlreiche Kanäle verzweigen die Flüsse, um mehr Platz für Mühlen zu schaffen. Holland wird immer mehr zum Windmühlenland. Vielerorts schon sind Regionen soweit mit Mühlen überfüllt, dass sie sich gegenseitig die Wasserkraft wegnehmen. Massive Konflikte bis hin zu gewalttätigen Auseinandersetzungen sind die Folge. Nicht Ersatz, sondern Zuwächse sind dann nur noch mit der Dampfkraft möglich.

 

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Der fast allgegenwärtige Krieg ist ein Geschäft nicht nur für die Kriegsherren und die geschäftsmäßig operierenden Söldner-Unternehmer, sondern vor allem auch für die, welche das Kriegsgerät produzieren und verkaufen. Dieses wird bis ins hohe Mittelalter meist noch von Handwerkern hergestellt. Im späten Mittelalter entsteht neben der friedlichen Zwecken dienenden Textil- und Metallindustrie vorwiegend im Verlagssystem ein breites Feld einer Rüstungsindustrie. Diese wird durch die unritterlichen pulvergetriebenen Fernwaffen gefördert, die Rohre der Vorderlader und insbesondere durch die Herstellung gegossener Kanonenrohre. Der totbringende Rüstungswettlauf, der mit den karolingischen Panzerreitern begann, führt nun von den kapitalistischen Investoren in den Krieg bis zu den frühneuzeitlichen Rüstungsmanufakturen.

Söldner bzw. Soldaten, die sich an die Mächtigen verkaufen, schließlich stehende Heere verlangen Uniformen, optische Gleichmacher zum Gleichschritt, und so entstehen schließlich auch ganze Manufakturen dafür. Wie schon zuvor ist der Krieg wichtigster Ausgabeposten der hohen Herren und treibende Kraft technischer Innovation.

 

Proletarisierung

 

Es wird geschätzt, dass die Bevölkerung im 16. Jahrhundert in deutschen Landen um etwa 20-30 Prozent steigt. Ein Teil des Zuwachses erhält bei der Abwanderung in die Städte Arbeit und Einkommen, ein weiterer Teil versucht illegal, außerhalb der zünftigen und anderen Ordnungen, sein Gewerbe als Störer oder Pfuscher zu betreiben. Zunehmend mehr Leute verstärken das Heer der Erwerbslosen, Gelegenheitsarbeiter, der Bettler, der arbeitslosen Landsknechte.

 

In diesem Text wurde Proletarisierung mit wirtschaftlicher Unselbständigkeit gleichgesetzt, die aus Kapitalmangel herrührt. Dabei war mit Kapital nicht nur das unternehmerisch verfügbare, sondern auch das eher immobile, im Betrieb festgesetzte Kapital gemeint. Dabei geraten wir längst in Zwischenzonen eines Handwerks, welches im Verlagswesen vom größeren Kapital abhängig wird, aber ansonsten mit eigenen Gerätschaften noch selbständig agiert.

 

Insgesamt aber nimmt in der Tendenz die Lohnarbeit zu, also wirtschaftliche Untertänigkeit zusätzlich zu steigender politischer. Für einen sinnvollen Begriff von Proletarisierung ist genau das wesentliches Kriterium und nicht das wesentlich unklarere Element (relativer) Armut. Dennoch wird für die gegen Lohn arbeitende Bevölkerung Armut phasenweise zu einem besonderen Faktor.

Das hat damit zu tun, dass die lohnarbeitende Bevölkerung neben der Miete für bescheidenen Wohnraum als einzige wesentliche Ausgabe das tägliche Brot hat. Im 16. Jahrhundert, vor allem der zweiten Hälfte, aber steigen die Getreidepreise phasenweise zunehmend an, während die Löhne nicht mehr wie im 15. Jahrhundert mithalten. Je nach Ort, Branche und Zeit sinkt damit die Kaufkraft auf zwei Drittel oder sogar auf eines.

 

Die Städte versuchen, durch Vorratshaltung und Höchstpreise für Brot das Schlimmste zu verhindern, In Hungerzeiten kann sich dennoch die Todeszahl schon einmal verdreifachen. Erschwerend kommt hinzu, dass Gesellen und selbst Lehrlinge immer weniger Kost (und Logis) erhalten und mit pauschalen Entgelten abgefunden werden, die nicht mit dem Preis der Lebensmittel mithalten. Periodische Mangelernährung ist die Folge.

 

Für einige Gegenden nehmen in deutschen Landen auf dem Weg ins 17. Jahrhundert wird von Dörfern berichtet, in denen unterbeschäftige Familien als Untermieter von Bauern erwähnt werden (Schulz, S.214).

 

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Kapitalkonzentration

 

Zwei Entwicklungen  gelten für das 15. und 16. Jahrhundert: Die Zahl der Kapitaleigner nimmt zu, zugleich aber auch eine Konzentration von mehr Kapital in weniger Händen. Wie  das funktioniert, lässt sich anhand der Fugger beispielsweise nachvollziehen,

1367 siedelt sich der Weber Hans Fugger in Augsburg an. Vermutlich geht er vom Webstuhl zum Barchentverlag über. 1396 versteuert er bereits ein Vermögen von 1806 Gulden, was ihn an die vierzigste Stelle in der Reichenskala Augsburg hievt. 1448 versteuern die Söhne Endres und Jakob bereits 10 800 Gulden, das fünftgrößte Vermögen in der Stadt. Während die Kinder des Endres an nicht zurückgezahlten Krediten scheitern, vererbt die Witwe von Jakob Fugger (d.Ä.) bereits 23 000 Gulden. Ab 1485 strecken die Fugger Erzherzog Sigismund von Tirol größere Summen vor, deren Zinsen mit Silber aus Tiroler Bergwerken beglichen werden. 1490 dankt Sigismund völlig verschuldet zugunsten von König Maximilian ab, der die Schulden übernimmt und weitere bei  den Fuggern aufnimmt, deren Zinsen weiter mit Silber bedient werden. 

"Ulrich, Georg und Jakob versteuerten 1492 jeweils knapp 17 000, 14 000 und 11 000 Gulden." (Fuhrmann, S.274) Ihr Vernögen kommt wohl immer noch hauptsächlich aus dem Barchentverlag.

Ein Jahr nach den Welsern treten die Fugger neben anderen süddeutschen Firmen in Kontakt mit der portugiesischen Krone, um am Indiengeschäft beteiligt zu werden.

 

Nach und nach kommt das Finanzgeschäft dazu, dann der Bergbau in der ungarischen Slowakei. Nachdem Jakob ("der Reiche") seine Brüder eberbt hat, versteuert er 1510 ein Vermögen von 258 400 Gulden, bevor er dann mit der Stadt eine feste Steuersumme vereinbart.

 

Zu alledem kommen Geldgeschäfte mit der römischen Kurie und Beteiligung am Ablasshandel. Der immer kapitalintensivere Silberbergbau wird von süddeutschen Unternehmern übernommen. Konflikte mit den brutal ausgebeuteten Bergarbeitern werden in Tirol und der Slowakei in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts mit politischer Hilfe "gelöst".

 

1518 schuldet Maximilian den Fuggern bereits knapp 175 000 Gulden. Rund 540 000 Gulden investiert Jakob Fugger in die Wahl Karls V. , die zum großen Teil mit weiterer Kontrolle über den Tiroler Silber- und Kupferbergbau abgegolten wird. Der Rest soll aus den spanischen Einkünften Karls beglichen werden.

 

Ein aristokratischer Stadtpalast und ein vornehmes Gästehaus sind in Augsburg, dazu kommt der Besitz von zunehmend mehr aufgekauften Dörfern, 1530 werden sie in den hochadeligen Reichsgrafenstand erhoben. Man heiratet in vornehmen Landadel. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts werden die Investitionen in Ungarn und Italien aufgegeben und nun wird am Quecksilberber bau im spanischen Almaden verdient, welches die Spanier für den Silberabbau in ihren amerikanischen Kolonien brauchen. Dann zieht man sich ganz aus dem Unternehmertum zurück und führt ein adeliges Rentiersdasein mit dem Besitz von rund hundert Dörfern kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg.

 

 

Das Land

 

Seitdem die Bevölkerung wieder ansteigt, nimmt auch die Nachfrage nach Lebensmitteln zu. Der Ackerbau gewinnt zumindest in Mitteleuropa wieder an Bedeutung und die Getreidepreise steigen. Darum setzen auch wieder Rodungen ein, Landausbau und neue Intensivierung.Es gibt bessere Pflüge, Ackerwalzen für die Einebnung des Bodens nach der Aussaat und mehrgliedrige Eggen. Das Pferd löst nun überall den Ochsen als Zugtier ab.

 

Nordwest- und Süddeutschland entwickeln in Teilen der Landbevölkerung zunehmenden bäuerlichen Wohlstand, während in manchen Regionen für viele Bauern die Höfe durch Erbteilung auch kleiner werden.

 

In Ostdeutschland, insbesondere im Nordosten, beginnt Gutsherrschaft neuen Typs mit der zunehmenden Nachfrage nach Agrarprodukten die Bauernhöfe aufzukaufen oder Bauern mit Druck von ihrem Land zu vertreiben ("Bauernlegen"), Die Gutsherren lassen dann ihre immer größer werdenden Besitzungen von persönlich abhängigen oder direkt leibeigenen Bauern bewirtschaften. Billigste Arbeitskraft eines ländlichen Proletariats ersetzt bis ins 18. Jahrhundert technischen Innovationsdruck.

 

Die deutschen Lande überfällt nach der Krisenhäufung im 14. Jahrhundert mit dem Dreißigjährigen Krieg eine fast noch größere Katastrophe mit riesigen Bevölkerungsverlusten. Erst Mitte des 18. Jahrhunderts wird sie wieder eingeholt. Von da an kommt es zu neuen Modernisierungsschübungen mit rationellerer Wirtschaftsführung, neuen Methoden der Düngung und der Durchsetzung der Kartoffel als Nahrungsmittel.

Parallel zum Weg in die massenhafte Industrialisierung der gewerblichen Produktion beginnt dann auch ganz langsam die der Landwirtschaft.

 

Zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert gelangt der Wald, nun immer weniger Naturraum, sondern Ort von Holzproduktion, im Umfeld von weit entwickelten Gewerberegionen an seine Grenzen. Ein Waldfresser erster Güte wird die Glasproduktion mit ihrer Pottasche-Nachfrage. Der immer mehr in die Tiefe und Länge gehende Bergbau verlangt nach Unmengen von Grubenholz, und die Verhüttung der Erze verschlingt ebenfalls ganze Wälder. "Mitte des 16. Jahrhunderts verbrauchte das Kärntner Eisengewerbe (...) jährlich mit mehr als 220 000 Festmetern Holz das Äquivalent von 1000 Hektar Wald." (Bayerl, S.64)

 

Längst ist das natürliche Potential des Waldes in großen Teilen Mitteleuropas zum Beispiel ausgeschöpft. Mit landesherrlichen Forstordnungen und ähnlichem wird versucht, das im Rahmen zu halten. Äcker schnell wachsender Nadelbäume ziehen überall ein. Salinen verbrauchen Holz aus immer größeren Fernen und man beginnt, es durch Gradierwerke einzusparen, die Verdunstung eines Teils des Wassers ermöglichen. Augsburg versorgt sich nun aus den Alpen mit Holz und Amsterdam aus dem Schwarzwald. Wald wird nun zunehmend kapitalisiert und gerät so in die Hände unternehmerischer Privateigentümer.

Holzknappheit führt allenthalben dann zu Sparmaßnahmen, aber sie reichen nicht aus, um mit dem Wachstum des Kapitals mitzuhalten. Der Weg in die Industrialisierung des 18./19. Jahrhunderts ist der zu Kohle, Koks, Dampfmaschinen und schließlich Öl, Gas und Elektrizität.

 

Nicht nur die Naturlandschaft Wald verschwindet, sondern auch die großen Moorlandschaften Mitteleuropas. Torf wird in großem Maßstab zu einem Substitut für Holz, bevor die Kohle es noch später ablöst. Der Begriff "Natur", zunächst den gelehrten Lateinern für mehr oder weniger philosophische Betrachtungen vorbehalten und ansonsten mit Wildnis übersetzt, wird nun auf Kulturlandschaften, also Menschenwerk, übertragen. Durch Popularisierung in den Volkssprachen wird er immer unklarer und hat bis heute für die meisten einen definitiven und klar-sinnvollen Inhalt verloren. Inzwischen schwindet Natur als Gegensatz zu Kultur in einem immer schnelleren Tempo auf der Erde, und in Mitteleuropa ist Naturlandschaft fast zur Gänze inzwischen unbekannt und selbst Kulturlandschaft verschwindet aus immer mehr Regionen. Der homo faber des Kapitalismus hört nicht auf, auf sein Ende mit dem seiner natürlichen Lebensgrundlagen hin zu arbeiten.

 

Während die Verwandlung des übrig gebliebenen Waldes von einem Naturraum in forstwirtschaftliche Betriebe und die der Moore in Torfproduktionsstätten allenthalten bejaht wird, werden die Schäden, die der Bergbau anrichtet, inzwischen von einzelnen gesehen. In einem 'Iudicium Iovis', also Urteil des Jupiter, tritt die Erde in einer Art Gerichtsverfahren mit einem durchbohrten Leib und zerrissenen Kleidern auf, um die Menschen anzuklagen. Der Mensch dringe in die Eingeweide seiner Mutter ein, er durchwühlt ihren Leib, verletzt und beschädigt alle inneren Teile. So zerfleischt er schließlich den ganzen Körper und lähmt dessen Kräfte völlig. (in Bayerl, S. 137) Aber das Urteil Jupiters ist, dass das alles notwendig sei für den Markt der Waren und die Geldwirtschaft.

 

Ein halbes Jahrhundert später wird Agricola in seinem 'De re metallica' deutlicher: Durch das Schürfen nach Erz werden die Felder verwüstet (...) Wälder und Haine werden umgehauen (...) Durch das Niederlegen der Wälder aber werden die Vögel und andren Tiere ausgerottet, von denen sehr viele den Menschen als feine und angenehme Speise dienen. Die Erze werden gewaschen, durch dieses Waschen aber werden, weil es die Bäche und Flüsse vergiftet, die Fische entweder aus ihnen vertrieben oder getötet. Da also die Einwohner der betreffenden Landschaften infolge der Verwüstung der Felder, Wälder, Haine, Bäche und Flüsse in große Verlegenheit kommen, wie sie die Dinge, die sie zum Leben brauchen, sich verschaffen sollen, und da sie wegen des Mangels an Holz größere Kosten zum Bau ihrer Häuser aufwenden müssen, so ist es vor aller Augen klar, dass beim Schürfen mehr Schaden entsteht, als in den Erzen, die durch den Bergbau gewonnen werden, Nutzen liegt. (deutsch in Bayerl, S.138f)

 

Diese Erkenntnisse hindern Pawer/Agricola aber nicht daran, den "Nutzen" und die "Bequemlichkeit", die die Metalle den Menschen bieten, über das zu stellen, was wir heute als Umweltzerstörung bezeichnen. Umwelt aber meint vernutzte Natur. Der Preis ist eben nicht zu hoch, und das ist ja bis heute im wesentlichen so geblieben. Erst die Möglichkeit der Verlagerung der Zerstörungen in die "dritte Welt" machen es möglich, auf breiterer Front überhaupt darauf einzugehen.

Ein Eigenwert von Natur, von Pflanze und Tier taucht hingegen nicht auf. Alles wird, und auch das bis heute, unter dem Gesichtspunkt der Nützlichkeit für den Menschen gesehen. Das antike Erbe, so wie es Humanisten wie Agricola auffassen, ist eben befreiend vor allem als kapitalistische Hintergrundsideologie, so wie es auch der sogenannte Rationalismus und die daran anschließende Aufklärung sein werden.

 

Und so wird die sogenannte Neuzeit in ihren ersten Jahrhunderten ganze Kulturlandschaften in Industrielandschaften umbauen, getrieben vom Vermehrungsdrang des Kapitals, der Nachfrage der Warenkonsumenten und überhöht durch "politische" Machtinteressen. Und so wird alleine der Oberharzer Raum bis 1740 mit 120 Stauteichen, rund 500 km Wassergräben, unterirdischen Wasserläufen und rund 100 km Entwässerungsstollen der Gruben ausgestattet. Die Abholzung erreicht dabei ein Niveau, dass Grubenholz nun aus dem Solling herbeigeschafft werden muss. (Bayerl, S.148)

In den Bergwerksregionen führt der Bergbau auch zur Herstellung chemischer Substanzen, die entweder als Nebenprodukte gewonnen werden oder aber zur Metallherstellung Verwendung finden. Dazu gehören Arsen, Schwefel, Vitriol, Salpetersäure und Quecksilber. Mit ihnen erreicht die Wasserverschmutzung als Vergiftung ein neues Niveau.

Wo am Berg die Erze gewonnen werden, wird nun im Tal verhüttet. Die Öfen erreichen bis ins 17. Jahrhundert eine Höhe von sieben Metern und verdoppeln die Roheisenproduktion zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert. Am Ende des 18. Jahrhunderts hat England, wo die Wälder längst weitgehend verschwunden sind, dann bereits auf Hochöfen umgestellt, die mit Koks beheizt werden.

 

 

Neue Krankheiten

 

Die Bedeutung der Pest geht in Europa in der frühen Neuzeit erheblich zurück. Erforscht wird sie allerdings erst Ende des 19. Jahrhunderts in Indien, und erst Antibiotika stellen ein wirksames Medikament dar so wie Impfungen als Vorbeugung.

 

Was bleibt ist die Malaria, vorwiegend am Nordrand des Mittelmeeres Europa betreffend. Mit der Entdeckung des Chinin im 16. Jahrhundert entsteht ein Heilmittel. Dazu kommt nun das Fleckfieber, eine Typhusart, die die Pest als gefährlichste Seuche bis Anfang des 19. Jahrhunderts ablöst. Dazu kommt des weiteren die Syphilis, Vorläufer für die übrigen Geschlechtskrankheiten der Neuzeit.