Intellekt 3: HUMANISMUS/RENAISSANCE (15./16.Jh.) (erste Materialsammlung)

 

Eine Zeitenwende?

Schulen

Die Universalgenies

"Humanismus"

(Gelehrsamkeit: Die späten Humanisten)

Medizin

 

 

Eine Zeitenwende?

 

Ein Aspekt, den Protestantismus und Katholizismus via Renaissance gemein haben, wird von Schwanitz folgendermaßen in unnachahmlicher Kürze beschrieben:

 

In traditionellen Gesellschaften sind Kommunikation und Menschheit nicht kongruent. Die ganze Natur ist soziomorph.Und so gehören zur Gesellschaft auch Bäume, Totemtiere, Verstorbene und Geister. Zu diesem Typ gehört auch die Gesellschaft des Mittelalters. In ihr leben die Menschen in Gemeinschaft mit Dämonen, Heiligen, Engeln, Teufeln, Quellen, Reliquien und natürlich mit Gott. Der Protestantismus markiert eine kulturrevolutionäre Schwelle. Sein eifersüchtiger Gott absorbiert all diese Beziehungen, monopolisiert sie und dirigiert die soziomorphen Begriffe der Kommunikation wie Liebe, Strafe, Wort, Vater, Schuld, Sünde, Erlösung etc. alle auf sich selbst. Damit entsozialisiert er die Welt, zerstört den Primat der Sozialdimension im Erleben und bereitet die Freigabe der Sachdimension und der Dimension der Zeit vor. Gesellschaft wird nun mit Menschheit gleichgesetzt. Alle andere Kommunikation wird zum Götzendienst und Aberglauben degradiert. Mit einer einzigen Ausnahme: das ist die Kommunikation mit Gott.(...) Zugleich wird die Welt entzaubert. Wenn nur noch Menschen kommunizieren und nicht mehr Bäche, Bäume, Tiere und Geister, muß eine Sonderform für Rückverzauberung gefunden werden. Das ist dann die Literatur bzw.die Kunst. Sie emanzipiert sich aus den Diensten der Religion und wird eine Spezialistin für die Verzauberung aus eigenem Recht. Dazu greift sie auf die klassischen Vorbilder und die klassische Mythologie zurück. So sehen wir zugleich die Entzauberung unter der strengen Zuchtrute des Protestantismus und die Wiederverzauberung durch die Kunst der Renaissance. Es ist, als ob das Wirken des Paulus in Ephesus wieder eingesetzt hätte. Sein Monotheismus, der den Bildhauern der Götterstatuen das Brot entzieht, wird quittiert durch den Protestschrei ,,Groß ist die Diana von Ephesus”. Und diese Wiederverzauberung tritt in den Dienst einer neuen Funktion: der Legitimation und Inszenierung jener anderen Erbin der Religion, der absoluten Monarchie und des höflschen Adels. Die Entdeckung der Politik bei Machiavelli und Thomas More entspricht der humanistischen Konvergenz von Sozialem und Menschlichem. Die Motive des menschlichen Verhaltens zu untersuchen und die Regeln der menschlichen Kommunikation wird erst dann sinnvoll, wenn nicht ständig Gespenster, Tiere und Tote dazwischenreden. Erst später wird Shakespeare zeigen, was passiert, wenn sie es doch tun. (Schwanitz, S.21/22)

 

Das ist eine schöne Zusammenfassung von dem, was bei kleinen Teilen einer kleinen Oberschicht und bei mehr und mehr Belesenen als Folge von Kapitalismus geschieht. Auf die allermeisten Menschen trifft das viel langsamer und sehr viel bescheidener zu. Für sie gibt es keine Zeitenwende. Überall aber mischt sich Glauben weiter mit Wissen, hohe Herren haben ihre Astrologen, Alchemisten versuchen weiter unter faszinierten Augen Gold herzustellen, Hexen und Zauberer werden verfolgt, weil man an ihre Kräfte glaubt und die Medizin bringt möglichwerweise mehr Menschen um, als sie heilt. 

 

Schulen (in Arbeit)

 

Das Schulwesen wanderte einst von den Klöstern zu den Kathedralen und diente zunächst dem geistlichen Nachwuchs. Dann breitete es sich in den Städten aus, wo es in deutschen Landen zunächst immer noch um die Geistlichkeit geht. Im 14. Jahrhundert hat Nürnberg so vier Lateinschulen bei St. Lorenz, St. Sebald. Dann tauchen Schreib- und Rechenmeister auf, die auf die weltlichen Interessen besonders von Kapitaleignern ausgerichtet sind, Lesen, Schreiben und Rechnen mit kaufmännischem Rechnen verbindend. Solch volkssprachlicher Unterricht muss dann auch bezahlt werden. Kurz nach Einführung der Reformation wird dann eine vom Rat beaufsichtigte "Oberschule" eingerichtet, an der Melanchthon als Leiter dient und die kostenlos ist. Sie soll auf die Universität vorbereiten.

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Die Universalgenies (in Arbeit)

 

Die Renaissance ist das große Zeitalter Einzelner, die manchmal zugleich "Künstler" im späteren Sinne, Ingenieure/Architekten und protowissenschaftliche Theoretiker sind. Zu ihren Grundlagen gehört ganz wesentlich das Studium antiker Texte, worunter Vitruv für die Architektur, Archimedes und die alexandrinische Schule für die Mechanik herausragen. Der weit fortgeschrittene Kapitalismus liefert die Mittel, dass sich Fürsten ihrer bedienen können, und eröffnet so Leuten aus der Unterschicht und den unteren Mittelschichten neue Karrierewege. Nicht zum Adel und dem bürgerlichen Kapital gehörend, können sie des öfteren sogar zu einem gewissen Reichtum aufsteigen. Sie partizipieren aber nicht an der Macht, sondern sind ihr in der Regel dienstbar, um sich zu finanzieren.

 

Kunst ist immer noch das, was einer kann, es sind die freien Künste (artes liberales) und die mechanischen, die von oben herab massiv verachtet werden, andererseits aber sich inzwischen mit einem gewissen Selbstwertgefühl ausgestattet haben und von denen einige aufgewertet werden: Die der Baumeister, Skulpteure und Maler sowie der Goldschmiede, wenn sie denn auf der Höhe der neuesten Mode sind. Diese setzt sich aus der ästhetisch-stilistischen Neuerung und der technischen Innovation zu etwa gleichen Teilen zusammen.

Gut sichtbar wird das bereits in der Geometrisierung der "gotischen" Architektur, die lichtdurchflutete größere und höhere Räume mit der massiven Reduzierung des Mauerwerks erzielt und dafür Stabilität durch Berechnung neuer Abstützungswerke erreicht.

In der Malerei bedarf es wenige Generationen später der Perspektive, um besser "Realität" vortäuschen zu können, und diese entwickeln Leute wie Dürer und seine italienischen Vorbilder durch mathematische und insbesondere geometrische Kenntnisse. Daneben wird die Abbildung sichtbarer "Realität" durch die Schärfung zeichnerischen Vermögens vorangetrieben. Renaissancemaler wie Dürer oder Leonardo und viele andere sind hervorragende Zeichner vor allem. Die Zeichnung wiederum wird wichtig für die Ingenieurskunst der Architekten und Maschinenbauer, und für Leute wie Leonardo wird die technische Zeichnung bis hin zum Entwerfen phantastischer Maschinen auf dem Karton zu einer Haupttätigkeit. Die Reichen und Mächtigen benutzen solche Talente nicht nur, um sich damit zu schmücken, sie lassen sich von ihnen manchmal auch Festungswerke, Waffen und anderes Kriegsgerät entwickeln. Seit der beginnenden Romantik des späteren 18. Jahrhunderts wird in diese Genies etwas priesterhaft Offenbarungsmäßiges hineingesehen, was diesen Dienern von Kapital und Macht eher fremd war, auch wenn es bei Leuten wie Michelangelo bereits durchzuscheinen vermag. Die unter den Rahmenbedingungen des voranschreitenden Kapitalismus sich ausbreitenden Säkularisierungstendenzen, noch kaum als solche erkannt, fangen so an, die Priesterschaft hochtalentierter "Künstler" neuen Wortsinnes, worunter auch die sich in Büchern verbreitenden Schriftsteller zu fassen sind, an die Stelle der alten Priesterschaft treten zu lassen. 

 

Tatsächlich sind diese neuartigen Künstler bis ins 16. Jahrhundert hinein oft noch zünftig organisierte Handwerker, es sind eher die Poeten und Komponisten, die anfangen, sich daraus zu emanzipieren. Im Unterschied zu den "bildenden" Künstlern bleiben sie aber überall dort arm, wo sie nicht in die Dienste von Fürsten treten oder peinlich-liebedienerisch deren Lob singen. Immerhin wird die Verbilligung des Papiers und der Buchdruck im 16. Jahrhundert neue Einkommensquellen mehr oder weniger gewähren.

 

 

"Humanismus"

 

Das Wort Humanismus ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Wenn es irgendeinen Sinn machen soll, müsste es von den studia humanitatis des  Mittelalters abgeleitet werden, der Grammatik und Rhetorik, wozu in der kapitalistischen „bürgerlichen“ Stadt wie an Fürstenhöfen die Ethik, die Dichtkunst und die Geschichtsschreibung kommen. Tatsächlich ist dem aber nicht so. Das Wort entspringt vielmehr den historischen (Selbst)Verklärungsversuchen eines sogenannten "Bildungsbürgertums", welches sich in Absetzungsbewegungen von einer allgegenwärtigen Industrialisierung mit ihren Arbeitermassen, aber auch in solchen von der zunehmenden Kommerzialisierung der Untertanenverbände in etwas flüchtet, welches seine Wurzeln schon im 18. Jahrhundert hatte: In Geistesgeschichte, in Phantasien von der Triebkraft von Ideen. Damit wurden diese dann die Vorläufer heutiger pararegiöser Phantasmen von politischer Korrektheit, der Sakralisierung des allseits perfekten Untertanen.

 

Es gab gewiss kein Zeitalter des Humanismus, wie es seit dem 19. Jahrhundert vom Katheder herunter verkündet wird. Die sogenannten Humanisten sind sowieso wohl die kleinste Minderheit in den Städten zwischen 1300 und 1600. Ihr Einfluss reicht gerade so weit, wie sie unter den Mächtigen Anklang finden, wobei das Niveau ihres Denkens dort dann von Ausnahmen abgesehen entsprechend sinkt. Und eine Person wie der Erasmus von Rotterdam ist ohnehin eine Ausnahmegestalt.

 

Prägender sind ganz andere Leute wie der zum Observantenorden nach altfranziskanischem Ideal stoßende Bernadin von Siena, der als eine Art Wanderprediger durch Ober- und Mittelitalien zieht, gegen Wucher, Gewalttätigkeit und Luxus predigt und „die Würde des Menschen als Geschöpf Gottes“ vertritt. Seine Predigten ziehen naturgemäß vor allem die städtischen Massen an, aber selbst die reiche Oberschicht nutzt sein Auftreten zur Erbauung, in der Regel wohl, ohne dass es ihr Verhalten nachhaltig verändert.

 

Das „Christentum“ hatte sich in der Praxis längst mit dem Kapitalismus versöhnt, von dem Kirche und Orden profitieren, und seine Vertreter trachten nur noch danach, es zu moralisieren, vergeblich natürlich. Zivilisieren lässt sich das Kapital nur insoweit, als es dem eigenen Interesse entspricht.

 

Es gibt keinen spätmittelalterlichen Humanismus, aber ein Aufblühen einer Gelehrsamkeit, die sich schon länger dem strengen Korsett der Universitäten und sowohl der Philosophie als auch der Theologie entzieht. Dieser „Humanismus“ ist entsprechend eine Sache weniger Individuen, die sich aus der scholastischen Welt der Universitäten lösen und ihre "Bildung" unabhängig von ihnen betreiben. Es ist Selbstbildung, noch viel seltener als die an Universitäten damals.

 

Die Anfänge dieses "Humanismus" gehen vor allem auf jene Gruppe zurück, die Schriftlichkeit (Notare) und Rechtskundigkeit (Juristen) miteinander verbinden und dann in den neuen politischen Strukturen ihrer Stadt einsetzen: Ein Musterbeispiel ist Dantes Lehrer Brunetto Latini.

 

Prägender wird ihr Einfluss erst nach und nach, als sich ihre Nützlichkeit zur Legitimierung der neu etablierten Machtstrukturen erweist. Nun finden sie Mäzene und höhere politische Ämter, eine neue Aufstiegsmöglichkeit für Leute aus den unteren Kreisen des Bürgertums, deren Ansichten und Karrieren dann bis ins 16. Jahrhundert auffallend übereinstimmen.

 

 

Die Sprache ist das Lateinische und über dieses später auch das Griechische. Es ist die Wiedergewinnung eines klassischen Lateins der beiden Jahrhunderte vor und nach Augustus, jenes von Cicero, Vergil, Horaz, Senca. Schon vor Petrarca beginnt die Orientierung auf ein solches „klassisches“, das heißt idealisiertes Rom, welches römische Geschichtsschreiber mit ihren Heroisierungen und ihren Oberschichtidealen für bare Münze nahm. Schon daraus ist ablesbar, dass es sich um eine Angelegenheit ganz weniger handelte.

 

Die meisten dieser im 19. Jahrhundert so etikettierten Humanisten identifizieren sich mit den Interessen der städtischen Oberschicht. In der Rhetorik finden sie die Fertigkeit, die sie der Politik andienen können: In den Reden, den Korrespondenzen, der Diplomatie, im politischen Teil des Rechtswesens. Als Gelehrte brauchen sie Mäzene oder einen privilegierten Platz in der entstehenden Welt der neuen Herren,  Zudem war er politisch in dem Sinne, dass er aus dem Studium der Alten legitimatorische Rezepte für die neuen Mächtigen und ihren Staat entwickeln möchte.

 

Wie peinlich idealisierend frühe Humanisten der Macht dienen, zeigt der römische Kanzler Coluccio Salutati. Als Kaiser Karl IV. im Oktober 1368 beim Einzug in Rom das Pferd des Papstes am Zügel führt, ein in deutschen Augen damals eher peinlicher Vorgang, schreibt er an Giovanni Boccaccio: O lieber Herr Jesus, welch ein Schauspiel, die beiden höchsten Fürsten, ja die einzigen Monarchen des ganzen Erdkreises, den Beherrscher der Seelen und den der Leiber, in solchem Frieden und solcher Eintracht, in solcher Herzensheiterkeit und solchem Wohlwollen einander verbunden zu sehen. (in: Monnet, S.81)

Die Idealisierung der Antike auf der Basis von deren Texten führt zur ungenierten Idealisierung von eben einem Schauspiel, welches für wirklich ausgegeben wird.

 

Inwieweit sie Fürstenknechte sind, formuliert ihr bedeutender nördlicher Vertreter Erasmus von Rotterdam am schönsten: Ihrem frommen Sinn verdanken wir es, dass wir überall wie auf ein gegebenes Zeichen die glorreichen Geister aufwachen, emporsteigen und sich untereinander verbinden sehen, um die guten Wissenschaften wiederherzustellen. (Brief an Wolfgang Fabricius Capito 1517, so in: Huizinga, S.38)

 

Dabei gewinnt dieser "Humanismus" zwei Eigenarten: Aus der versuchten Identifikation des neuen Zeitalters mit dem „klassischen“ Rom entspringt die Überzeugung von einem dunklen Zeitalter dazwischen, von tausend Jahren der illiteraten Barbarei. Die Idee eines „Mittelalters“ wird geboren. Und damit wird eine Zeit kirchenchristlicher Blüte übersprungen, was dann die vom Kapital langsam vorangetriebene Säkularisierung begleitet. Im Verlauf weniger Jahrhunderte wird aus der in diesen tausend Jahren vertretenen Überzeugung, dass schon vor Jesu Geburt „heidnische“ Autoren christliches Gedankengut vorweggenommen hätten, ein davon immer unabhängigeres Interesse an diesen in ihrer antiken Umgebung für sich genommen „säkularen“ Autoren – ein anachronistisches Attribut, ist das saeculum in seinem Gegensatz zum Himmelreich doch eine christliche Idee per se.

 

Im Zuge einer spezifischen Form von „Bildung“ als Aspekt von Zivilisierung entwickelt diese Gelehrsamkeit zudem einen spezifischen Kulturbegriff, der bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein gängig bleiben wird: "Kultur" wird nun der zivilisierende Begleiter von Macht und Reichtum, und zudem eine oberschicht-spezifische Angelegenheit. Es wird bis ins 18. Jahrhundert dauern, dass bei der langsam absterbenden Bauernschaft und Handwerkerschaft eine „Volkskultur“ entdeckt werden wird. Dazwischen werden diejenigen, die sich selbst für Bürger halten, sich mit den Verhaltensweisen, Lebensformen und der Kunst der Mächtigen und in Wirtschaft und Politik Herrschenden identifizieren. Reste davon haben sich in den nach „unten“ gesunkenen Anreden wie Herr, Sir, Monsieur und Senor (Caballero) erhalten.

 

Was dabei auch schwindet, ist das „mittelalterliche“ Interesse an Philosophie, welches auf die Universitäten abgedrängt wird, wo die Scholastik akademisch erstarrt. Das theoretische Interesse schwindet zugunsten eines, welches nach praktischer, politischer Anwendung drängt. Dabei entwickelt sich aber als etwas Neues die Philologie, die sich auf die Rekonstruktion der in der Überlieferung verdorbenen Texte der „Klassiker“ konzentriert und dabei ein insofern kritisches Lesen entwickelt. Am bekanntesten heute ist Lorenzo Vallas kritische Lektüre der „Konstantinischen Schenkung an das Papsttum“, die er 1440 als Fälschung entlarvt. Hier kommen mustergültig „wissenschaftliches“ Arbeiten, politisches Interesse und Säkularisierungstendenz zusammen. 'Elegantiarum linguae Latinae libri sex' wird zu einem Meisterwerk historisch-kritischer Philologie. Als Juristensohn aus niederem Adel steigt er durch seine studierende Belesenheit der Klassiker auf an den Hof des Königs von Aragon, umd schließlich an den päpstlichen Hof, um als Rhetorik-Professor zu enden. Inzwischen sind humanistische Karrieren auch an der Universität möglich.

 

Die langsame Entchristianisierung der Weltsicht, die Verlagerung der Ursachen in innerweltliche Zusammenhänge, schafft zwar eine neue Geschichtsbetrachtung zumindest was die Geschichte der eigenen Stadt betrifft, wie man an der Entwicklung der Chroniken der Villani Vater und Sohn bis zur Geschichte von Florenz des Macchiavelli sehen kann. Menschliche Interessen, Absichten und Zwecke beginnen hin und wieder die Weltsicht zu bestimmen.

 

Prägender wird ihr Einfluss erst nach und nach, als sich ihre Nützlichkeit zur Legitimierung der neu etablierten Machtstrukturen erweist. Nun finden sich Mäzene und höhere politische Ämter, eine neue Aufstiegsmöglichkeit für Leute aus den unteren Kreisen des Bürgertums, deren Ansichten und Karrieren dann bis ins 16. Jahrhundert auffallend übereinstimmen.

 

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Belesenheit und geistiger Horizont verlangen Mühe und Zeit und müssen entsprechend finanziert werden. Das Geld kommt entweder aus der Familie oder aber von der Kirche wie bei Petrarca und noch früher am Ende bei Dante von norditalienischen Despoten. Dennoch sind diese Leute nicht einfach Lohnschreiber, vielmehr propagieren sie von vorneherein, was dann den Reichen und Mächtigen gefällt. Als sich Petrarca eine zeitlang in Venedig aufhält, schreibt er im Stil pompöser antik-römischer Propaganda: Die höchst erhabene Stadt der Veneter ist das eine Haus der Freiheit, des Friedens und der Gerechtigkeit, ein Hort des Guten, ein Hafen, dem alle zustreben, die gut leben wollen, während sie von Stürmen der Tyrannei und des Krieges durchgerüttelt werden, eine Stadt reich an Gold, doch reicher noch an Ruhm, mächtig durch Reichtum, mächtiger aber noch durch Tugend, auf marmornen Fundamenten gegründet, aber durch den solideren Sockel der Einheit der Bürger gefestigt, von Salzfluten umgeben, aber sicherer noch durch weise Ratschlüsse. (in diesem Deutsch in: Rösch, S.7f).

 

Das ist sicherlich widerliche und ekelhafte Ignoranz von Wirklichkeit, wobei das pompöse Wortgedröhne bei Petrarca immer auch eine Stilübung ist; aber diese Ignoranz von Wirklichkeit jenseits des kleinen Kreises der Reichen und Mächtigen ist nicht nur bei den italienischen "Humanisten" Programm.

 

Über den Humanismus entwickelt sich eine Art von Wissen von der Welt, welches große Teile der alltäglich erfahrbaren Wirklichkeit ausschließt. Je mehr Kenntnisse davon von einzelnen Spezialisten erworben werden, desto mehr geht dieser Humanismus in das über, was viel später Bildungsbürgertum genannt wird, das Ansammeln von ein wenig Kenntnissen von vielem, Halbwissen in vielen Bereichen, und der Versuch des Ideologisierens dieses Halbwissens als Versuch, damit noch eine Gesamtschau zu erreichen. Protagonisten werden Leute wie Goethe oder Karl Marx, darunter erstickt der kritische Geist zur Gänze bei den kleineren Geistern. Im zwanzigsten Jahrhundert dann verendet dieses Bildungsbürgertum in der Kritikunfähigkeit von "Kommunisten" und "Sozialisten", die Intellektualität durch ein modisches Neukonzept des "Intellektuellen" besonders arroganter Großsprecherei ersetzen, während jene Mittelschichten, die sich bis dato als "Bürgertum" stilisieren, ökonomisch verschwinden und durch "Bildungspolitik" abgeschafft werden.

 

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Der frühe Humanismus des Mittelmeerraumes litt noch unter der geringen Verfügbarkeit antiker Texte, von Texten überhaupt, noch mit der Hand auf Pergament geschrieben und abgeschrieben. Mit Papier und Buchdruck wird das langsam besser. Der Geist, das ingenium, wandert nun zunehmend nicht mehr vom Himmel der Christen, sondern vom irdischen Paradies der "Bildung", wie das seit Goethe im Deutschen dann heißen wird, in die Köpfe der Gelehrten. Dabei erweitert sich der Horizont tatsächlich zunehmend. Zum Lateinischen tritt das Griechische, manchmal bei Frömmeren das Hebräische, und treten die Volkssprachen. Die Kenntnis der Erde weitet sich über Europa bis zu seinem fernen Osten, erfasst Asien besser und ansatzweise die beiden Amerikas.

 

Das Handikap der Weitsichtigkeit war schon im 13./14. Jahrhundert durch Brillen abgemildert worden, nun kommen seit Mitte des 15. Jahrhunderts die Brillen für Kurzsichtige dazu, als Lesehilfe aber weniger bedeutsam.

 

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Humanismus im engeren Sinne meint die studia humanitates, wie sie schon die Frührenaissance-Italiener verstehen, also der säkularen (auch nichtchristlichen) Literatur zunächst der lateinischen, dann auch der griechischen Antike, philologische Intellektualität also. Im weiteren Sinne ist er aber eine allgemeine Erweiterung und Vertiefung jener ernsthaften Belesenheit, die sich eben nicht nur an dem Studium und der so empfundenen Fortführung antiken Literatentums abarbeitet, sondern sich überhaupt den irdischen Dingen zuwendet, der "Natur" ebenso wie den wirtschaftlichen Mitteln zur Erzeugung von materiellem Reichtum.

 

Ein Musterbeispiel ist der sächsische Georg Pawer (= Bauer, 1494-1556), der sich modisch in Agricola latinisierte. Aus der gehobenen Mittelschicht stammend, studiert er in Leipzig und wird zunächst Schulmeister. arbeitet dann nach erneuten Studien in Venedig als Lektor antiker medizinischer Texte, wird Stadtarzt und Apotheker in Joachimsthal und Chemnitz, dann Bürgermeister dort.

Neben politischen Texten schreibt er ein bahnbrechendes Werk über Mineralogie und das erst nach seinem Tode veröffentliche 'De re metallica libri XII', das Handbuch des Berg- und Hüttenwesens für die nächsten Jahrhunderte.

 

So wie Agricola mit den Herzögen von Sachsen verbandelt war, war insbesondere die technische Intelligentsia Fürstendiener und Diener des großen Kapitals, besonders wenn sie sich mit Bergbau, Metallurgie und einer Art Proto-Chemie beschäftigte. Es ist kein Zufall, dass der Staffelsteiner und Mathematiker Adam Riese in die Bergbaustadt St.Annaberg zieht und dort als Schreiber in die Dienste des Landesherrn tritt, nicht zuletzt, um seine Rechenkünste darauf zu verwenden, dass sein Herr nicht zu wenig Abgaben einheimst. Als Rechenmeister schreibt er daneben die bedeutendsten deutschsprachigen Algebra-Lehrbücher seiner Zeit. Auch mit ihnen setzen sich endgültig die für Rechenoperationen viel leichter handhabbaren indisch-arabischen Ziffern gegen die lateinischen durch.

 

Technisch ist mit solchen Leuten ein Niveau erreicht, welches erst durch die Industrialisierung des 18./19. Jahrhunderts überschritten wird. Es übersetzt sich in Maschinen, deren wichtigste die Mühlen bleiben, in Geräte und in Instrumente. Insbesondere die Feinmechanik von Instrumenten-Herstellung (Kompass, Uhr, Brille etc.) führt zu jener Präzision, wie sie sich in der Rechen- und Zeichenkunst niederschlägt und die zugleich ihre Voraussetzung ist.

Technische Probleme sind oft auch Ausgangspunkt für die Fortschritte in der Astronomie und Physik.

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Kapital, Investitution und Konsum sind die eine Seite der Entwicklung, die andere ist die der technischen Innovation und Verfeinerung. Die davon abgehobene Gelehrsamkeit hat sich zwar, ohne das laut zu thematisieren, in der Praxis sehr stark aus den religiösen Fesseln befreit, bleibt aber intellektuell im wesentlichen in den Fesseln der säkularen Machtverhältnisse. Auseinandergesetzt wird sich mit persönlichen Verhaltensweisen und es wird zunehmend säkular moralisiert, noch im alten Sinne des Wortes, nicht im heutigen politischer Korrektheit.

 

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Nichts macht den Eindruck von etwas, was mit dem heutigen sinnentleerten Modewort "Revolution" zu bezeichnen wäre. Wenn man im 15./16. Jahrhundert ein "dunkles Mittelalter" erfindet, so ist diese Arroganz  in Zeiten der Hexenverbrennungen und des zunehmend die Zügel anziehenden Obrigkeitsstaates und der Religionskriege zumindest von heute aus gesehen eher ein Kuriosum. Nichts dieser "frühen Neuzeit" ist nicht schon im 11./12. Jahrhundert angelegt und kaum mehr als eine kontinuiertliche Fortsetzung. Die meisten Europäer sind weiter in der Landwirtschaft tätig, in den Städten sind sie vorwiegend weiterhin Handwerker. Das Mittelalter geht weiter, bis der große Industrialisierungsschub des 18./19. Jahrhunderts neue Machtstrukturen politischer Art hervorbringt, produktives Handwerk und bäuerliche Landwirtschaft untergehen und ein gigantischer Proletarisierungsschub einsetzt, der erst bis heute zum Beispiel in Mitteleuropa oder England abgeschlossen ist.

 

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Gelehrsamkeit: Die späten "Humanisten"

 

 

Medizin (derzeit in Arbeit)

 

Das Wort wird im 13. Jahrhundert aus der lateinischen ars medicina übernommen, was Heilkunst meint.

Den Arzt gibt es schon im Althochdeutschen, aber das Wort wird im wesentlichen seit den Leibärzten der Merowinger-Könige auf solche hochgestellte Personen angewandt. Das häufigere Wort in der Volkssprache wird für das spätere Mittelalter der "Doktor", eigentlich der gelehrte, mit Abschluss versehene Mann.

 

Bis ins 17. Jahrhundert und den Anfängen einer verwissenschaftlichten Medizinalkunde teilt sich das Heilwesen in drei Bereiche: Den soliderer Erfahrungsheilkunde, den spekulativer Theoriebildung und den gänzlich phantastischen religiösen und parareligiösen Unfugs.

 

Das Heil wird von der christlichen Kirche für die Religion in Anspruch genommen. Im Heilen steckt aber nicht nur die Errettung der christlich vorgestellten Seele, sondern auch das Gesundmachen des Körpers. Beides können "heilige" Objekte erreichen, Reliquien vor allem, wobei Suggestion bei Erfolg sicher eine wesentliche Rolle spielt.

 

Von den Reliquien ist nur ein kurzer Weg zu anderen Wundermitteln wie der Alraune, Mandragora, einer vom Mittelmeerraum nach Süden verbreiteten Wurzel mit menschenähnlicher Gestalt. Einerseits Basis für Medizin seit der Antike, ist sie zugleich für viele ein Gegenstand, mit dem man vielerlei Zauberei betreiben kann.

 

Größeren Schaden richtet die antike Humoraltheorie des Hippokrates und Galenus an, welche Gesundheit als ausgeglichenes Verhältnis von vier Körpersäften benennt. Da sind die gelbe Galle (cholera), die schwarze Galle (melancholia), das Blut und der Schleim (phlegma), von denen vier Temperamente abgeleitet werden. Aus der Dominanz solcher noch weiter diversifizierter Körperflüssigkeiten werden dann Krankheiten und Heilmethoden abgeleitet. Auf diesem Wege geraten Schulen akademischer Medizin bis in das 17./18. Jahrhunder auf Abwege, während andererseits schon Paracelsus dieses theoretische "Wissen" ablehnt. Rund 20 Jahre nach seinem Tod bildet sich in seinem Gefolge in Basel eine Medizinerschule heraus, die sich gegen die Galenusanhänger wendet und seine Drei-Prinzipien-Lehre weiterentwickelt, die auf den Grundstoffen Schwefel, Quecksilber und Salz beruht. Dabei richtet er sich gegen den allgemeinen Wunderglauben.

Die Mischung aus parareligiösen und alchemistischen Elementen richtet nicht nur mit ihrer Art rein spekulativer Theoriebildung ebenfalls großes Unheil an, sondern wird im Zuge der Säkularisierung des 18.-20. Jahrhunderts parareligiösen Sehnsüchten insbesondere nach einem harmonisierten und "spiritualisierten", also antiintellektuellen Weltbild auf die Sprünge helfen, wie es sich von Goethe bis zu Esoterikern wie den Anthroposophen und dem Unfug der "Homöopathie" niederschlagen wird. 

 

Erfahrungsmedizin ist sicher bis ins 17./18. Jahrhundert, als die Verwissenschaftlichung einsetzt und darüber hinausgeht, der heilsame Zweig des Medizinwesens und Unwesens. Sie gewinnt schon früh Spezialisten und insbesondere Spezialistinnen, die sich vor allem mit Kräuterheilkunde im weitesten Sinne befassen und dabei dort, wo das überhaupt helfen kann, durchaus erfolgreich sind

 

Zwischen Erfahrung und antiker Spekulation bewegen sich zunächst einige Medizinschulen wie die von Salerno, aus denen akademische Medizin des Mittelalters hervorgeht. Kenntnis vom menschlichen Körper gewinnen Wundärzte, die bis ins 18. Jahrhundert auch den Militärs in die Kriege folgen und bei den Verletzungen tief in die Menschen hineinschauen können. Durch die bei Körperstrafen erworbene Kenntnis der Anatomie erwerben sich auch Henker eine gewisse Expertise. Bis ins 17./18. Jahrhundert bedienen sie allerdings, oft wohl in bewusst betrügerischer Weise, auch die Gläubigkeit der Menschen, die zu Salben geronnene Leichenteile, insbesondere Fett von mit dem Tode Bestraften als Heilmittel verkaufen.

 

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