ZEIT DER EINNISTUNG VON KAPITAL (11.Jh.): KIRCHE, KAISER, KÖNIGE (Anmerkungen in Anm3)

 

Zeit der Einnistung von Kapital

Reformkirche (Friedensbewegung / Kloster / Kritik / Käuflichkeit / Zölibat / Zusammenleben)

Ostfranzien bis zum Streit mit dem Papst

Ansätze zu geistlichen Fürstentümern im Kaiserreich

Königreiche (Westfranzien / Spanien / Italien / England)

Kaiser und Päpste (Klerus und Laien)

Heinrich IV. und die Päpste

Königreiche 2 (Westfranzien / England / Süditalien)

Byzanz und der erste Kreuzzug

Heinrich V.

Frömmigkeit als Weltflucht

Volk und Völker

 

 

Zeit der Einnistung von Kapital

 

Schon in der hier so genannten Schwellenzeit zeichneten sich deutlich einzelne Handels-Kapitalisten um Nord- und Ostsee und in Italien ab. Ab dem elften Jahrhundert wird ihre Zahl steigen. Zusammen mit zunehmender handwerklicher Produktion werden sie zum langsamen Wachstum meist noch sehr kleiner Städte beitragen. In einer weiter im wesentlichen landwirtschaftlich geprägten Welt entwickeln diese sich mit Privilegierung ihrer (Stadt)Herren durch Könige und Fürsten weiter, hin zu strukturell sich stärker abschließenden Inseln in einer Welt von Feldern, Weiden und Wäldern, wo langsam steigende Produktion von Nahrungsmitteln und Bevölkerungs-Vermehrung wiederum städtisches Wachstum befördern, Voraussetzung für mehr Kapitalbildung. In großen Teilen Italiens und an der Mittelmeerküste bis Barcelona geht diese Entwicklung deutlich schneller voran.

 

Ganz langsam teilt sich Macht in jene übergeordnete der Krieger und der vornehmen "Beter" mit ihrer vielfältigen Verfügung über Land und Leute, eines sich stärker selbst so sehenden Adels mit übergeordneten Fürsten und Königen also, und die wirtschaftliche Macht eines aufsteigenden großbürgerlichen Kapitals, welches in Städten nach "politischer" Teilhabe sucht, welche ihm dann nach und nach auch gewährt werden wird.

 

Unter kirchlichem Einfluss bildet sich ein Kriegerideal heraus, welches neue Begründungen für Gewalttätigkeit sucht und im meist wenig edlen Rittertum münden wird. Solche Ritter gieren nach Macht und Reichtum und konkurrieren immer wieder gewalttätig miteinander. Stirbt jemand nicht ehrenhaft in der Schlacht oder nach längerer Krankheit im Bett, so wird nicht selten angenommen, er sei ermordet worden, und man vermutet dann nur zu oft, es sei Gift im Spiel, wie es zum Beispiel der damalige Chronist Ordericus Vitalis schnell vermutet.

 

Den tendenziell dezentralen Charakter der auf offener wie latenter Gewalt beruhenden Machtstrukturen versuchen am ehesten noch geistliche und weltliche Fürsten für sich zu überwinden, wofür sie auch des Geldes bedürfen, welches manchmal bereits Kapitaleigner liefern können. Diese sowie das Handwerk und mit ihm die Städte zu fördern wird für sie immer notwendiger. Etwas mehr Zentralisierung eine Etage darüber werden dann in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die anglonormannischen Könige und etwas später die Normannen in Süditalien und bald auch Sizilien erreichen, während die west- und ostfränkischen Könige dabei weiter in unterschiedlicher Weise an den aufstrebenden Fürstentümern scheitern.

 

Die Macht ist so in beiden Teilen des nördlichen ehemaligen Frankenreich auf Könige, Fürsten und Adel aufgeteilt, bei sich andeutender Beteiligung des noch wenigen Kapitals, während die je nach Gegend 90-95% der produktiven Bevölkerung von allen übergeordneten Entscheidungen ausgeschlossen bleiben. Produktive Arbeit schafft Ohnmacht und gilt den Herren als verächtlich. Im hochgradig fragmentierten Italien und entlang der Mittelmeerküste westlich davon steigen die Städte und in ihnen das Kapital aber immer deutlicher auf.

 

Kirche und Kloster sind zunächst weiter aristokratisch geprägt und vor allem auf die weltliche Herrenschicht und ihre eigene Machtentfaltung orientiert. Letztere wird nun mit der Forderung begleitet, immer weniger von weltlicher Macht dominiert zu werden. Dabei schreitet die Christianisierung der großen produktiven Mehrheit der Bevölkerung nur langsam voran und trifft weiter auf eher geringes (hoch)kirchliches Interesse. Die Masse der Menschen hat zu arbeiten und gehorsam zu sein.

 

Es gibt Ausbrüche besonderer kirchenkonformer Frömmigkeit bei einzelnen Laien und verstreut auch Gruppen, die sich zusammenfinden, um stärker dem Evangelium gemäß in der Welt zu leben, was sich vor allem auf die Ablehnung von Besitzgier und kirchlicher Machtgier konzentriert. Dazu gehört auch, dass solche "Armen Christi", "Apostel" oder einfach "Christen" von der Kirche erfundene Sakramente und andere Machtinstrumente ablehnen. Damit werden sie von der Kirche als Gefahr verstanden, insbesondere wenn sie ganz ohne diese auszukommen trachten.

 

Nach dem altgriechische hairesis in der Bedeutung "selbstgewählte Anschauung" werden sie als Häretiker verdammt, denn die Kirche ist der einzige Lehrmeister für das, was Menschen zu glauben haben. Langsam werden sie in einigen Gegenden im 11. Jahrhundert etwas mehr, bleiben aber wohl überall eine manchmal kleine Minderheit. Schließlich werden Leute, die eine eigene Meinung und das heißt, eine andere als die Mächtigen und ihre Propagandisten haben, bis heute tendenziell diffamiert, bedroht und verfolgt. Damals kann das schnell den Tod zum Beispiel durch Verbrennen bedeuten, wenn man nicht widerruft. An ihrer gewalttätigen Verfolgung nehmen aber auch willfährige "kleine" Leute aus dem selben Ort gelegentlich gerne um des Spektakels willen teil. Schließlich ist ihnen evangelisch orientiertes Christentum ohnehin so fremd wie der Kirche selbst.

 

Es gibt nur wenige Zeugnisse des offenen Unglaubens am kirchlich verordneten Christentum, soweit sie nicht in Häresien münden, deren Verfolgung dokumentiert wird. Das ist verständlich, denn zu abweichenden Ansichten gehört wie bis heute sehr viel Mut, und zudem hat die Kirche kein Interesse, laut darüber zu reden.

 

Interessiert ist die Kirche vor allem an ihrer Emanzipation von weltlicher Macht. Diese wiederum sieht sich weiterhin dazu privilegiert, wenig christlich zu leben und zu agieren und kompensiert das durch "gute Taten".

Für Machthaber wie den Normannenherzog und dann englischen König Wilhelm (I.) und seine Frau Mathilda heißt das recht typisch, dass sie die königlich veranlasste Gewalttätigkeit und enorme Grausamkeit sowie die kirchlich für fragwürdig gehaltene Ehe einmal durch die Stiftung zweier großer Abteien in Caen und die dortige aufwendig betriebene Ansammlung von Reliquien büßen (kompensieren), andererseits aber ihr christliches Renommée auch durch betont freundschaftliche Beziehungen zu den Reformpäpsten inklusive Gregors fördern. Dazu kommen Schenkungen an die Kathedrale von Chartres für einen Glockenturm, für einen Turm der Abtei von Saint-Denis und ein Dormitorium für die Mönche von Marmoutier sowie vieles anderes in dieser Art mehr. (Bates, S.418)

 

Derweil werden ganz langsam jene Entwicklungen einsetzen, in denen eine christliche "Philosophie" durch neue Ansätze des Vernunftgebrauchs in Eigenbewegungen gerät, deren Weiterentwicklungen bis in die sogenannte Aufklärung Philosophie und Religion dann ganz trennen werden, was am Ende zum Untergang beider führen wird. Bald werden die ersten im kirchlichen Machtapparat dann begreifen, dass freieres Denken diesen gefährdet wie überhaupt jeden Machtapparat. Nicht, dass solche Gedanken für "das Volk" direkt zugänglich werden, aber sie deuten für Mächtige bedrohliche Freiräume an.

Was die Kirche davon aber damals übernimmt, ist ein Rationalismus ihrer Verwaltung und der Gebrauch von (Kirchen)Recht zu ihrer Durchsetzung, zudem eine auf Glaubensbasis rationaler denkende Theologie für ihre Emanzipationsbestrebungen.

 

Reformbewegungen

 

Nach den Klosterreformen sieht Radulf Glaber um das Jahr 1000 einen Aufbruch mit den vielen neuen Kirchenbauten. Kleine Grüppchen von Frommen erregen in Städten Aufsehen mit dem Versuch, Christentum unabhängig von der Kirche zu definieren, und sie werden verfolgt. Unruhe macht sich breit. Die Zeiten werden zunehmend bewegter.

 

Die große religiöse Bewegung des 11. Jahrhunderts mit ihren Reformen an Kirche und Kloster wird zunächst von Fürsten, Königen und Kaisern zur Legitimation und Stabilisierung eigener Macht genutzt, und eine Etage darunter als Element in der Entstehung eines neuartigen Adels mit seinen Stammburgen, seinen Hausklöstern und seinen Grundherrschaften. Zum schlimmen Bruch kommt es erst dort, wo die autoritäreren Machtansprüche von König/Kaiser und Päpsten miteinander kollidieren. Das wird dann vor allem auch zu einem "deutschen" Sonderfall, denn das Kaisertum ist an Rom und seine Päpste gebunden.

Unübersehbar fällt das alles zusammen mit einer deutlicher werdenden Kommerzialisierung der Landwirtschaft besonders in Nord- und Mittelitalien, einem sich ausweitenden Marktgeschehen, zunehmendem Handel und mehr Kapitaleignern in vielen Bischofsstädten. Manche Kirchenleute sehen mit großem Misstrauen auf Auflösungserscheinungen der von ihnen vertretenen Ordnung in den Städten: Käuflichkeit, Elendskriminalität, Prostitution usw.

 

***Friedensbewegungen***

 

Ein  Vorläufer der Reformbewegungen sind die schon gegen Ende des 10. Jahrhunderts auftretenden und von der Kirche angeführten Friedensbewegungen.

Die Kirche ist zwar im Bündnis mit der weltlichen Macht eher militant gegen "Heiden", aber jenes Friedens bedürftig, der sie unter den Schutz von Kriegerherren stellt. Die geringe Königsmacht von Katalonien über Westfranzien bis ins "römische" Reich liefert sie aber zugleich dem Fehdewesen und der räuberischen Gewalt dieser Krieger aus. Zum Schutz davor entstehen vor allem von Bischöfen ins Leben gerufene Versammlungen, auf denen ein "Gottesfrieden" (treuga Dei) für bestimmte Zeiten und Regionen beschworen wird, der vor allem die nicht Waffen tragende Bevölkerung schützen soll. Das trifft vor allem auf die schwachen westfränkischen Könige, für die Königsmacht und innerer Frieden eigentlich zusammen gehören sollten, die das aber nicht leisten können.

 

Als ein Vorläufer der Gottesfriedensbewegung gilt die Versammlung von Le Puy 975, auf der die Rückgabe entwendeten Kircheneigentums mit der Trennung von Besitz des Bischofs und des Domkapitels verbunden wird. Dafür muss das Kapitel sich aber in Zukunft zum gemeinsamen Leben bei persönlicher Armut, Keuschheit und Gehorsam verpflichten.

 

989 laden der Erzbischof von Bordeaux und mehrere Bischöfe nach Charroux südlich von Poitiers ein:

Als die Bosheit der Menschen ins Kraut schoss und Übeltäter über den Weinberg des Herrn kamen wie Dorngestrüpp, das die guten Reben erstickt, beschlossen die Äbte und Bischöfe und andere heilige Männer, ein Konzil einzuberufen, dass den Plünderungen Einhalt geböte, den Kirchen wieder zu dem verhülfte, was ihnen geraubt worden war. (...) es zogen dorthin große Mengen von Gläubigen aus Poitou, dem Limousin und den benachbarten Regionen. Man führte die Leichname von vielen Heiligen mit (...) Der göttliche Wille, den, wie wir glauben, die Kraft der Heiligen günstig stimmte, verlieh dem Konzil strahlenden Glanz durch zahlreiche Wunder. (Letaldus von Micy, 'Delatio corporis sancti Iuniani in synodum Karrofensem', deutsch in: Moore, S.25)

 

Solche Bewegungen dauern eine Weile an. Noch um 1040 schließen Abt Odilo von Cluny und mehrere Bischöfe einen Vertrag, in dem es unter anderem heißt:

Von der Vesper des Mittwochs bis zum Sonnenaufgang am Montag soll zwischen allen Christen, Freunden und Feinden, Nachbarn und Fremden, fester Friede und unverbrüchliche Waffenruhe herrschen, so dass in diesen vier Tagen und Nächten alle Christen zu jeder Stunde sicher seien und alles tun können, was nützlich ist (...) Alle, die diesen Frieden und diese Gottesruhe beachten und sicher halten, sollen (...) für alle Ewigkeit von ihren Sünden losgesprochen sein. (in: Neiske, S.141)

 

Diese Verpflichtung der Krieger, die sich langsam als neuartiger Adel formieren, auf eine Einschränkung ihrer Fehden und Raubzüge und auf das Verschonen von Geistlichkeit, Mönchen und Bauern schafft die Vorstellung von einem "verchristlichten" Kriegerbild, welches sich gleichzeitig im Kampf gegen "Heiden" bewähren kann, und es wird im Aufruf zum ersten Kreuzzug münden. Tatsächlich werden aber die "Ritter" in der Blütezeit ihres Auftretens zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert nicht weniger gewalttätig sein als zuvor; nur die Strukturen, in denen sie agieren, werden sich etwas verändern. Und: Gewalttätig wird auch die Kirche selbst mit Hilfe ihrer Krieger sein. 

 

Umgekehrt werden immer mehr Stimmen in der (westfränkischen) Kirche laut, die Ehelosigkeit der Priester, Korruption und fehlende Diensteifrigkeit im Klerus anprangern. (Moore, S.30) Dabei ist die Kirche alles in allem weiter wohlhabend, sie wird z.B.  bis ins 12. Jahrhundert etwa ein Drittel des Grund und Bodens von Westfranzien besitzen, neben dem Landbesitz der Klöster. Im Domesdaybook kommen 1086 in England für die Kirche rund 26% aller Einkünfte aus der Verfügung über Land.

 

In Ostfranzien können Könige stärker als im Westen Friedenssicherung als ihre Aufgabe ansehen, und sie werden dann unter den späten Saliern selbst mit Landfrieden operieren.

 

***Kloster*** (siehe auch Anhang 12)

 

Auf die Reformen von Cluny, Gorze und anderen Klöstern und deren Ausstrahlung folgen im 11. Jahrhundert erneute Klagen über Verweltlichung vieler Klöster und neue Reformversuche. Zum Schlagwort der libertas ecclesiae kommt das von der Freiheit der Klöster. Adelige in Lothringen wie 1049 jener Egisheimer Grafensohn, der zum Papst Leo IX. werden wird, beginnen „ihre“ Klöster direkt dem Papst zu unterstellen, was heißt, sie der königlichen Oberaufsicht zu entziehen, welche bisher oberster Schutzherr der Klöster ist.

Tatsächlich bleiben sie nun aber unter der erblichen Aufsicht der jeweiligen adeligen Stifterfamilie, im Egisheimer Fall wird dort die Vogtei an den Besitz des Stammsitzes der Familie, die Egisheimer Dagsburg gebunden. Das gilt selbst dort, wo die Familie den Mönchen nicht nur die Wahl des Abtes, sondern auch die freie Wahl des Vogtes gewährt, der die weltliche Gewalt ausübt. Auf diese Weise werden in den südwestdeutschen Reformklöstern dann lange vor den Übereinkünften zwischen Königen und Päpsten Temporalia (weltlicher Besitz) und Spiritualia (geistliche Ämter) etwas getrennt.

 

Der junge Adelige Johannes Gualbertus aus Florenz wird ernstlich fromm und Mönch, gerät aber in Konflikt mit dem Abt seines Klosters und dann mit dem Bischof. Er flieht in die Berge und gründet um 1036 das streng reformierte Kloster Vallombrosa, von dem dann Tochterklöster ausgehen. In den 60er Jahren werden sie zu einer Speerspitze der Reformkirche und 1068 gelingt es, einen für simonistisch angesehenen Bischof aus Florenz zu vertreiben. (*1)

 

In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts wird Hirsau unter dem Reform-Einfluss von Gorze neu gegründet. 1075 wird die freie Abtswahl durchgesetzt. Danach, auch unter dem Einfluss von Cluny, werden rund 120 Klöster im deutschen Raum von Hirsau aus beeinflusst und durch Gebetsverbrüderung verbunden. Zur gleichen Zeit beginnen norditalienische Klöster wie Fruttuaria mit Reformen.

 

Kanonische Reinheit wird schon in der ersten Hälfte des Jahrhunderts zu einer Anforderung von Teilen des toskanischen Adels an seine Klöster. (Werner Goez) Da es dabei um ihr Seelenheil geht, also den möglichst wenig quälenden Weg ins Himmelreich, glauben sie dies in weniger verweltlichten Einrichtungen besser aufgehoben.

 

Das Reforminteresse lokalen und regionalen Adels an "seinen" Klöstern hat vor allem auch mit deren Dynastiebildung zu tun, weshalb durch das 11. und frühe 12. Jahrhundert besonders viele Klöster gestiftet werden. Der geistliche wie Status-Wert eines Klosters hängt dabeiimmer mehr an seinem Grad der Heiligkeit, der in der Strenge der Befolgung der Regeln liegt.

 

In einer ganz anderen Liga spielt längst das erste Reformkloster Cluny. Hugo von Semur, 1049-1109 Abt von Cluny, spricht denn auch von der Cluniascensis ecclesia, was die Papstkirche verständlicherweise nicht übernimmt. Seine ekklesia ist die Gesamtheit der von hier kontrollierten und reformierten Klöster. Sein Abtsstab wird als Szepter bezeichnet und ist deutlicher Ausdruck von Herrschaft. Entsprechend beginnt er, mehr Macht über reformierte und zu reformierende Klöster auszuüben. (Wollasch in: Investiturstreit, S.291)

Zwischen 1088 und 1135 wird dann mit Cluny III für rund 400 Mönche der damals größte Kirchenbau nördlich der Alpen erstellt. Vom Narthex bis zum Kapellenkranz ist die Kirche 18 m lang, das breitere Querschiff misst 40m und die Vierung steigt bis auf 30m hoch und ist mit zahlreichen Altären ausgestattet, an denen die vielen Messen absolviert werden. (*2)

 

***Miss-Stand und Kritik in der Kirche***

 

Der Übergang von der Klosterreform zur Kirchenreform hat seine Ursprünge vor allem im Nordteil Italiens, wo die Einwurzelung von frühkapitalistischen Elementen am weitesten fortgeschritten ist. Das wird vor allem in Italien zu einem Programm von aus dem Eremitentum hervor gegangenem Mönchtum, und dann zu einem städtischen Programm, in dem sich sehr weltliche Machtkämpfe mit zunehmenden Anforderungen an die Geistlichkeit vom Bischof und seinem Domklerus bis zum einfachen Geistlichen vermengen. Es geht zunächst um Simonie und dann auch um das Zölibat.

 

So wie die Bischöfe, ob nun reformerisch oder nicht, sich wenig mit weiterer Christianisierung ihrer Herde beschäftigen, so auch nicht ihr römisches Oberhaupt. Zwar wird am Ende Gregor VII. Massenbewegungen machtpolitisch für sich nutzen, aber der Reformer Petrus Damiani schreibt über die Beteiligung des Volkes an religiösen wie (manchmal zugleich) "politischen" Fragen sehr abfällig:

In unseren Tagen geschieht es, dass Bauern und Tölpel, die nichts anderes können, als mit den Pflugscharen die Äcker aufzureißen, Schweine und andere Herdentiere zu hüten, nunmehr, ohne zu erröten, auf öffentlichen Plätzen und Straßen vor Dirnen und Ochsentreibern wie sie selbst, über den Sinn der hl. Schriften disputieren. Und, gar schändlich zu sagen, während sie die Nacht über brünstig zwischen den Schenkeln der Weiber liegen, scheuen sie sich nicht tagsüber Reden der Engel zu erörtern und auf solche Weise Urteile über die verba doctorum  zu fällen. (in diesem Deutsch in: Fuhrmann, S.48)

 

Dabei bleibt die Vermischung vorchristlicher und kirchen-christlicher Vorstellungen und Rituale in der Laienschar, wie z.B. Wetterzauber, und vermutlich auch weiter eine gehörige Portion von Zweifel und Unglauben dort.

 

Es geht vielmehr um das Personal ihres eigenen Apparates und im Kern um die magischen Mittel, mit denen Priester als Hirten das Seelenheil ihrer Herde zu befördern haben. Dazu sollen sie ihren Geschlechtstrieb nicht ausleben (Zölibat), sie sollen nicht käuflich sein, sich also auch nicht in ihre Ämter und mehr oder wenige einträgliche Pfründe einkaufen, was Simonie heißt. Manche fordern auch, dass sie nicht mehr von weltlichen Herren eingesetzt werden sollen.

Überhaupt soll der Klerus kein völlig von Mönchen verschiedenes Leben führen.

Dazu gehört, dass der Dom-Klerus Kirchengut nicht als individuellen Privatbesitz, sondern als kollektives Gut der Kirche behandeln soll. Idealerweise soll er darüber hinaus ein gemeinsames Leben führen, was mal wieder weitgehend verschwunden ist.

 

Damit so etwas durchgesetzt werden kann, muss die Kirche sich aus dem Einfluss weltlicher Macht lösen: Sie muss eine autonome Macht werden, wiewohl ihr die militärischen Machtmittel fehlen. Dieser Widerspruch entspricht dem der weltlichen Mächte, die ihre christliche Legitimationsbasis nicht verlieren wollen und darum Reformen solange fördern, wie ihnen die Kirche dabei nicht entgleitet.

Es wird dann die Bekämpfung von Miss-Ständen, welche dem Papsttum den Weg zu immer mehr Kontrolle der Bischöfe ebnen wird. Wer z.B. nun nicht in Rom erscheint, um sich dort zu verantworten, wird ab Mitte des 11. Jahrhunderts exkommuniziert werden.

 

Schon der zunehmend artikulierte Widerspruch zwischen der geforderten Heiligkeit der Priester und der Niedrigkeit der durch und durch sündhaften Laienwelt weist auf eine Entwicklung, die Kirche und "Welt" stärker trennen wird. Es wird zu einem Spezifikum des lateinischen Abendlandes werden, dass kirchlich institutionalisierte Religion den tatsächlichen Alltag nicht durchdringen kann, sondern auf ein folkloristisches Anhängsel reduziert bleibt, um mit dem Aufstieg des Kapitalismus immer mehr an den Rand gedrängt zu werden.

 

Dabei ist diese Reformbewegung eingebettet in die von Cluny begonnene klösterliche Reformbewegung und andere Frömmigkeits-Bewegungen, wie das zum Beispiel die langsam ansteigende Marienverehrung ist. Dort, wo sich solche Grüppchen von Leuten dabei stärker auf die Evangelien konzentrieren und diese damit überhaupt zur Kenntnis nehmen, somit implizit zur Kirchenkritik herausgefordert sind, werden sie verfolgt. Schließlich greifen sie damit implizit auch den großen Reichtum der Bischofs-Kirchen an, den die kirchliche Reformbewegung für selbstverständlich hält, und vielfach zudem auch die magischen Rituale der Priester.

 

***Käuflichkeit***

 

Was heute Korruption heißt (eigentlich: Verderbnis), also Käuflichkeit, Bestechlichkeit, prägt das ganze Mittelalter und gilt eher als normal, wird also meist nicht als solche bezeichnet. Wer Privilegien (Vorrechte) will, muss etwas dafür bezahlen, und zwar bei höheren weltlichen wie geistlichen Herren. Ausgenommen sind nur die, die nicht genug Geld erwirtschaften, um die Käuflichkeit anderer auszuprobieren. Dass man sich in wohldotierte Pfründe, also geistliche Ämter samt dazugehöriger materieller Grundlage aus Land und (arbeitenden) Leuten einkauft, gilt ansonsten als selbstverständlich.

 

Die Kirche prangerte diesen Ämterkauf gelegentlich schon vor dem 11. Jahrhundert als "Simonie" an, so genannt nach einem in der Apostelgeschichte erwähnten Magier Simon, der von den magischen Kräften der Apostel überzeugt wurde und vergeblich dafür zahlen wollte, um in ihren Besitz zu gelangen. Das Sich Einkaufen in ein einträgliches Amt gilt dabei insofern als plausibel, als es ein Eintrittsgeld für eine materiell ergiebige und mächtige Lebensstellung bedeutet. Andererseits werden so allerdings des öfteren nicht die geistlich Gewappneten, sondern die Zahlungskräftigeren bevorzugt.

 

Ein Amt in der Kirche zu erlangen ist durch die Nachantike und das Mittelalter oft nicht primär eine Sache innerer geistlicher Berufung, sondern eine sehr weltlicher Versorgung. So beschreibt Guibert von Nogent recht ungeniert, wie seine Mutter ihm Mitte des 11. Jahrhunderts eine solche Pfründe mit allen ihr möglichen Mitteln zuschanzen will. (*3)

 

1022 versucht Papst Benedikt VIII. aus dem Adelsgeschlecht der Tuskulaner auf einer Synode in Pavia den Kampf gegen die Simonie (und die Priesterehe) wieder aufzugreifen, was all dies etwas deutlicher in das öffentliche Bewusstsein bringt, aber mit wenig praktischem Erfolg. In Sutri 1046 wird dann ein Papst wegen eingestandener Simonie abgesetzt.

 

Käuflichkeit ist dabei ganz allgemein Wesen einer Warenwelt, und sie wird sofort auf Menschen übertragen: Auf Lohnarbeiter auf Zeit, für eine Ernte zum Beispiel, auf Frauen, die ihre Körper zum männlichen Abreagieren des Geschlechtstriebes vermieten, oder die als Töchter des Adels und der Fürsten gegen entsprechende Mitgift besonders vornehm verkauft werden.

 

Als Simonie gilt es aber bald auch, wenn Könige und andere Fürsten Äbte und insbesondere Bischöfe selbst einsetzen, wobei man unterstellt, dass dabei Geld fließt und/oder die Macht der weltlichen Herren vergrößert werden soll. Symbolisch dafür steht die Investitur der Bischöfe durch den König, einen Laien, mit Krummstab (baculum) und Ring (anulus).

 

Kaiser Heinrich III. setzt zudem, was in einigen Kreisen Empörung auslöst, mit ihm befreundete Päpste ein, und unter seinen Vorgängern war das nicht anders gewesen, wenn es ihnen möglich war. Dass die Könige/Kaiser aus dem Hause der Salier dabei zunächst reformfreundliche Päpste begünstigen, wird ihnen später nicht gedankt werden.

 

***Zölibat***

 

Menschen wirtschaften nicht nur, begründen Macht- und Herrschaftsverhältnisse, sie sind zu allererst lebendige Körper, die spüren, fühlen, Emotionen nach außen tragen, die begehren und nicht zuletzt sexuell begehren.

Zwar bleibt offiziell das Ausleben des Geschlechtstriebes weiter Haupt-Ursache menschlicher Sündhaftigkeit, aber zugleich hat die Kirche im Zuge ihrer Romanisierung und partiellen Re-Judaisierung schon lange de facto ihren Frieden mit Ehe und Familie geschlossen, verwerflich bleibt dabei jedoch der Aspekt der sexuellen Lust, Zentrum menschlichen Getriebenseins. Anders als beim Judentum und dem Islam wird das als zentraler Widersinn christkatholischer Existenz am Ende zu ihrem Untergang beitragen. Die meisten Menschen werden alltäglich wohl damals diesen Widersinn nach Möglichkeit ignoriert haben.

 

Wir wissen schon aus vielen vergangenen Jahrhunderten, dass nicht nur Priester sehr oft im Konkubinat leben oder regulär verheiratet sind und Kinder haben. Dasselbe gilt auch für nicht wenige Bischöfe, die nun von den Reformern bedroht werden. Von Erzbischof Malger von Rouen zum Beispiel ist bekannt, das er einen Sohn Michael bekommt, was bei seiner Absetzung 1054 hilfreich wird. Von asketisch lebenden Eremiten und Mönchen insbesondere in Norditalien geht nun stärker als zuvor die Forderung aus, dass die magischen Kräfte der Priester nicht durch ausgelebten Geschlechtstrieb beschmutzt und entwertet werden dürfen.

 

Solche Askese als "Abtötung des Fleisches" betrifft bei manchen solcher Asketen nicht nur den Geschlechtstrieb, sondern auch ein Leben in möglichst extremer Einfachheit, Armut und angestrebter Bedürfnislosigkeit, manchmal bis hin zur Selbstgeißelung. Wie diese Umleitung des Geschlechtstriebes in Lust am Schmerz sich dann mit dem Aufstieg in Kirchenämter verträgt, wäre eine eigene Untersuchung wert.(*4) Jedenfalls werden die Abbildungen von Folterphantasien und Grausamkeiten an Märtyrern bald nun zunehmend christliche Kirchen schmücken.

 

1022 ordnen Benedikt VIII. und Kaiser Heinrich II. gemeinsam auf einer Synode in Pavia an, dass Geistliche künftig nicht mehr heiraten dürfen, was besagt, dass sie es bislang oft taten. Sowohl das kultische Reinheitsgebot wie Besitzfragen (Vererbung von Kircheneigentum) spielten dabei eine Rolle. Es gibt einen ersten Versuch, verheirateten Klerikern Amt und Besitz zu entziehen. Kinder von Geistlichen sollen nun als unfreie Hörige der Kirche betrachtet werden.

Das nutzt aber wohl so wenig wie schon solche Forderungen in den 700 Jahren zuvor. Unter Leo IX. sollen dann die vielen Priesterfrauen in das Eigentum der Kirche überführt werden.

 

Aber:

"In der Dichtung >Der Einochs< (Unibos), die im deutsch-niederländischen Bauernmilieu des 11. Jahrhunderts spielt, ist wie selbstverständlich von einer >Edelfreien< (nobilis) die Rede, die der Ortspfarrer als Frau heimführt. In das Schenkungsbuch des Klosters Ebersberg wird um die Mitte des 11. Jahrhunderts mit Ehrfurcht eine >Frau Priesterin< (presbyterissa) eingetragen. (...) In einer Bruderschaftsmatrikel aus Tours, angelegt ebenfalls um die Mitte des 11. Jahrhunderts, begegnen uns unter den rund 150 Namen die Tochter eines Bischofs und zwei Klerikerfrauen als vollwertige Mitglieder." (Weinfurter, S. 83) Um nur einige Beispiele zu nennen.

 

1059 wird auf einer Lateransynode verboten, das verheiratete Priester die Messe durchführen dürfen. Aber es kommt dagegen, soweit es überhaupt zur Kenntnis genommen wird, besonders in deutschen Landen zu heftigen Protesten. (*5)

 

In den 6oer Jahren des 11. Jahrhunderts wendet sich besonders Petrus Damiani mit Argumenten des Paulus gegen die Priesterehe. Nach dem Amtsantritt 1073 wird Gregor VII. das Thema forcieren. Für 1074 schreibt Lampert von Hersfeld, Gregor habe angeordnet, dass entsprechend den Bestimmungen der alten Kirchengesetze die Priester keine Frauen haben dürften, dass, die Verheirateten ihre Frauen entlassen müssten oder andernfalls selbst abgesetzt werden, dass überhaupt niemand mehr zum Priesteramt zugelassen werden dürfe, der sich nicht für alle Zeit zur Enthaltsamkeit und zum ehelosen Leben bekennt.

 

Noch um 1075 wehren sich die Priester auf Versammlungen in West- und Ostfranzien, darauf überhaupt einzugehen. 1074 lehnt eine Synode in Paris das Zölibat der Geistlichen als vernunft- und naturwidrig ab. (*6) Erst in den nächsten Jahrhunderten wird dann auf die förmliche Priesterehe stärker verzichtet werden zugunsten des dann oft weiterlaufenden, mehr oder weniger verdeckten Konkubinats.

 

Andererseits kann niemand die Disziplin der Priester so gut beaufsichtigen wie die eigene Gemeinde, und so beginnen zunächst in Norditalien Laien in den größeren Städten vor allem sich gegen fehlende kultische Reinheit ihrer Priester zu wenden und dann auch die Simonie anzuprangern. Damit treten städtische Massen stärker in das Geschehen ein.

 

Während den Priestern die Ehe verboten wird und ihre Frauen ins Konkubinat abgedrängt werden, also in ihre massive Entrechtung, greift die Papstkirche schon seit dem 10. Jahrhundert immer mehr in die Ehe von Fürsten und Königen ein. Ehen selbst entfernterer Verwandter werden verboten und dienen dann rückwirkend als (fast einziger) Scheidungsgrund.

 

Die Ehe wird derweil von der produktiven Masse der Bevölkerung im wesentlichen weiter untereinander vereinbart, soweit sie nicht der Zustimmung durch einen Herrn bedarf. Aber die zunehmend wohlwollende kirchliche Haltung trägt dazu bei, dass Ehen häufiger schon mal an der Kirchenpforte, allerdings außerhalb des geweihten Bereichs, geschlossen werden, und auf diese Weise den Segen eines Priesters erhalten können.

 

***Kanonisches Zusammenleben***

 

Aus der Apostelgeschichte entnehmen Klöster und auch Kirche wieder einmal Vorbildfunktion. Das sind Gemeinbesitz und Zusammenleben einer Männergemeinschaft von einigermaßen Heiligen, deren Heil direkt von Gott gespendet wird. Kanonisch, also nach kirchlich beglaubigten Regeln leben sollen nun, wie schon im 9. Jahrhundert gefordert, nicht nur die weiterhin meist aristokratischen Domherren, sondern zunehmend auch jenseits davon angesiedelte klerikale Männer-Stifte und mit geringerem Anspruch ebenso adelige Kanonissen. Dass die Apostelgemeinschaft noch ohne Kirche auskam, wird dabei tunlichst ignoriert.

 

Meist ist kein gemeinsames Leben eines Stiftsklerus mehr vorhanden. So kann denn der bedeutende Reform-Bischof Johannes von Cesena 1042 für die Zustände, die er in seinem Bistum vorfindet, schreiben,

dass die Priester, Diakone und übrige kirchlichen Stände ihre Einkünfte und die Oblationen (d.h. freiwilligen Zuwendungen) der Kirche nicht gemeinsam (communiter) besaßen und sie nicht für fromme Dinge verwendeten, sondern sie stattdessen – sie für schändliche Habgier (avaritia) nutzend – untereinander wie eine Beute aufteilten und in ihre jeweiligen Häuser wegschleppten, wo sie ihre Anteile auf höchst verächtliche Weise zusammen mit ihren Hausgenossen und – was noch schlimmer ist – zusammen mit Frauen verbrauchten.

 

Was Johannes hierauf fordert, ist als gemeinsames Leben des in der Regel adeligen Domklerus in einigen wenigen deutschen Bistümern bei gemeinsamem Besitz über das Notwendigste hinaus seit dem späteren 10. Jahrhundert verwirklicht. Tatsächlich besitzen Stiftskleriker aber meist eigene Häuser, wobei die Aachener Regel eine Mauer um den Stiftsbezirk verlangt und den Zutritt von Frauen zu den Kanonikern verbietet. Gemeinsame Schlafsäle fallen meist auch weg. Wo keine gemeinsamen Mahlzeiten mehr verlangt werden, bei denen aber nicht selten auch reichlich alkoholische Getränke fließen, soll wenigstens das Chorgebet noch gemeinsam sein.

 

Aber es entstehen auch wieder Gemeinschaften reformwilliger höherer Priester, die sich ganz dem Gottesdienst in der Messe widmen und dabei die Lebensform der vita communis in apostolischer Armut wählen. (Borgolte, S.90) 

Die Bewegung beginnt in Kathedralkapiteln in der Nordhälfte Italiens und der Provence, wo St.Ruf in Avignon dann nach Norden und Nordosten ausstrahlt. In deutschen Landen gründen die Welfen 1073 mit dem Chorherrenstift Rottenbuch in Oberbayern das erste Zentrum, welches 1090 dem Papst übertragen wird, der es reich privilegiert und teilweise der Aufsicht des zuständigen Bischofs von Freising entzieht. Urban II. verpflichtet sie dann 1092, weder in das leichtere Leben des üblichen Weltklerus abzuwandern noch andererseits in die mönchische Weltabgewandtheit.

Aus solchen Priestergemeinschaften gehen dann religiös fundierte Gelehrte wie Hugo von St. Victor, Ivo von Chartres, Gerhoch von Reichersberg und ein Rebell wie Arnold von Brescia hervor.

 

 

Ostfranzien bis zum Streit mit dem Papst (siehe Anhang 6/10)

 

Der Weg in die Wahl Heinrichs II. (1002-24) ist umkämpft. Heinrich hatte Kaiser Otto III. zweimal nach Italien begleitet und war wohl ein aufmerksamer Beobachter seiner Misserfolge gewesen. Vermutlich ist es kein Zufall, dass seine Herrscherdevise Renovatio regni Francorum in deutlichem Gegensatz zu der seines Vorgängers formuliert ist. In den ersten zehn Jahre seiner Herrschaft stehen jedenfalls die Bemühungen um eine Stärkung der Herrschermacht im nördlichen regnum im Vordergrund.

 

Zum Zweck des Machtausbaus im Inneren werden Kirchen und Klöster gefördert und so in den Dienst des Königtums gestellt. Wichtige Bistümer werden auch gegen den erklärten Willen der Domherren besetzt. Die Kanzler Heinrichs werden alle nach und nach zu Bischöfen gemacht. Gut 40% der neu eingesetzten Bischöfe entstammen jetzt der Hofkapelle, und immer mehr von ihnen erhalten jetzt volle gräfliche Rechte. "Schon im 11. Jahrhundert kann etwa der Bischof von Würzburg von sich behaupten, alle Grafschaften in seiner Diözese seien in seiner Hand." (Althoff(6), S.31) Ihnen werden Klöster und Stifte unterstellt, um sie zu stärken. Dazu gehört die Gründung des Bistums Bamberg, was zu Konflikten mit Würzburg und Mainz führt, die sich beide geschädigt fühlen.

Dabei tritt  Heinrich II. ganz auf die Seite einer nun allerdings kirchlich initiierten Reformbewegung, und nutzt das für die weitere Sakralisierung seiner Herrschaft.

 

1014 findet ein kurzer Italienzug mit Kaiserkrönung in Rom statt. Es gibt Kriegszüge gegen Böhmen und Polen sowie gegen Burgund. Ein weiterer Kriegszug bis Süditalien ist militärisch erfolgreich, ohne aber stabile Verhältnisse zu hinterlassen.

 

Nachdem Heinrich II. keine Erben hat und niemanden designiert, wählen die Stammesherzöge den Salier Konrad II. (1024-39). Recht bald lässt er den Bau eines salisch definierten monumentalen Doms zu Speyer beginnen und erweitert auch ansonsten die sakrale Definition des Königtums.

 

Erste Machtbasis sind Familiengut und Krongut, dazu kommen zunächst weiterhin die Bischöfe und jene Großen, die salische Herrschaft anerkennen. Das Reisekönigtum bleibt auf das servitium regis, den Königsdienst der Bischofsstädte angewiesen und bewegt sich von Ort zu Ort mit seiner Hofkapelle, die neben den geistlichen Aufgaben für den Hof auch das Notariatswesen beinhaltet. Dort sind wie schon unter den Sachsenkaisern hochadelige Geistliche versammelt, von denen nicht wenige später auf Bischofsposten landen.

 

Mehr unmittelbares Instrumentarium versammeln die Könige weiterhin nur auf ihren Hoftagen in Form eines Gefolges der Großen, und auf den Heerfahrten, die weiter sehr häufig sind. Gewalttätigkeit und Gewaltandrohung bleibt eine zentrale Betätigung der Herrenwelt, neben der religiösen ihre handfeste Rechtfertigung.

 

Konrad versucht, den Selbständigkeits-Drang der "Stammesherzöge", zunächst insbesondere der von Schwaben und Bayern, einzuschränken, aber die Verselbständigung von Stammesfürstentümern und von Regionen am Rande des deutschen Kernlandes, dessen weitere Geschichte sehr stark von zentrifugalen Kräften geprägt wird, nimmt insgesamt eher zu.

 

Hohes Ziel königlichen Machtbegehrens, für das sie die deutschen Lande in ihre Dienste stellen, ist ein gewisses Maß an Herrschaft über ein zersplittertes Italien, bei dem auch Rom erreicht werden muss, um den Kaisertitel zu erringen. Immer wieder ziehen die Könige dafür mit bedeutenden Heeren in Unterwerfungs-Feldzügen  über die Alpen.

Sie stützen sich in Italien mit der bedeutenden Ausnahme von Mailand wesentlich auf von ihnen eingesetzte ostfränkische Bischöfe. In Süditalien, wo sich langsam auch normannische Herrschaften bilden, bleiben sie, manchmal unter Opferung großer Teile des Heeres, erfolglos. Dabei wird erste Ablehnung gegen die (deutschen) Fremden deutlich.

1026 zieht Konrad mit Heer nach Italien, lässt sich in Mailand zum Langobarden-König krönen und im Folgejahr in Rom zum Kaiser. 1037 geht es wieder nach Italien, wobei es heftige Konflikte mit dem Mailänder Erzbischof gibt, derden eigenen Adel schwächen möchte. Als Reaktion auf Aufstände von Valvassoren in Städten wird mit der 'Constitutio de feudis' durch Bestätigung der Erblichkeit der Lehen die Unterstützung der Valvassoren gesucht. (*7)

 

Die Herrschaft über Nord- und Mittelitalien muss bei jedem königlichen Amtsantritt neu errungen werden, und das wird nicht nur so bleiben, sondern bleibt auch immer sehr unvollständig, und es schafft immer neue Feinde wie den Erzbischof von Mailand bei der Aufwertung der Valvassoren: Die Zersplitterung des Landes und die andersartigen Entwicklungen erschweren Dominanz aus deutschen Landen.

 

Am Rand der deutschen Lande herrscht wie im Inneren von Gewalt durchsetzte Unruhe. Im Westen bleibt das in einen frankophonen und einen deutschen Bereich geteilte Lothringen Zankapfel zwischen den beiden Königen und im Inneren zwischen Familien des Hochadels.

Nachdem der kinderlose Rudolf III. von Burgund 1016/18 sein Reich dem Kaiser aufträgt, gibt es zunächst vergebliche Versuche, es in Konkurrenz mit dem französischen König in das Salierreich einzugliedern. Kaiserliche Macht kann dort in großen Teilen nicht durchgesetzt werden. Nur wenige heimische Adelige unterstützen 1033 die Königskrönung von Konrad in Peterlingen/Payerne.

 

Nachdem Polen und Böhmen zunächst weiter dem kaiserlichen Einflussbereich entgleiten, beginnt dann die nachhaltigere Integration Böhmens als Herzogtum in das Reich. Erfolglos bleibt hingegen Eingreifen in Ungarn.

Im Nordosten werden es nicht Könige, sondern regionale Fürsten, bürgerliche Unternehmer und bäuerliche Siedler sein, die in den nächsten Jahrhunderten die deutschen Lande nach Osten um ein Drittel des Raumes erweitern, und es werden Fürsten sein, die davon profitieren und ihre Macht auf Kosten der königlichen erweitern.

 

Mit seinem Tod 1039 hinterlässt Konrad drei Reiche, von denen er zwei kaum und das Kernreich nur in bescheidenem Umfang beherrscht. Heinrich  III. (1039-56) wird als vom Vater designierter Nachfolger reibungslos neuer König. Er plant den Speyrer Dom mit seiner umfangreichen salischen Grablege zur größten Kirche der lateinischen Christenheit auszubauen. 

 

Der königlich/kaiserliche Ton wird langsam schärfer. Je stärker die Sakralität königlicher Macht betont wird, desto härter wird regiert. Für Majestätsverbrecher soll nun die Todesstrafe gelten. 

 

Wesentliche Stütze königlicher Macht bleibt weiter die Reichskirche, die zunehmend besser ausgestattet wird. Hofkapellane werden vom König immer häufiger als Bischöfe eingesetzt und mit Pfründen der Domkapitel ausgestattet. Bischöfe werden vom König nun nicht mehr nur mit dem Stab, sondern auch dem Ring investiert, der die intensive Bindung des Bischofs an seine Kirche symbolisiert. Mit der Förderung der Reichsunmittelbarkeit der Klöster im Zuge der Reformbewegung kann der König auch diese besser für seine Herrschaft instrumentalisieren.

 

Der Kaiser verbindet die Förderung der Bistümer im Doppelreich mit der Verleihung von Immunitäten, Forsten, geldlich nutzbaren Hoheitsrechten und Grafschaften auch gegen die Interessen von Klöstern mit der Förderung der Kirchenreform. In der Summe soll beides seine Herrschaft stärken. Er regiert mit dem Erzkanzler, welches der Erzbischof von Mainz ist, und mit der von ihm kontrollierten Hofkapelle, aus der viele Bischöfe kommen. Die Pfalz Goslar erhält ein Stift als eine Art Kaderschmiede für eine kaiserlich kontrollierte Kirche.

 

Tatsächlich bleibt überall in diesem Reich königliche Herrschaft darauf begrenzt, dass die Großen sich in seine Hoheit begeben, wobei das noch nichts über den tatsächlichen Zugriff auf diese Gebiete aussagt, der sich bei Hoftagen  in Hof-Fahrt ausdrückt und zudem in Heerfahrt. Über Beratung des Herrschers mit den Großen und hergestellten "Konsens" samt darauf dessen ritueller Demonstration nach außen werden Entscheidungen getroffen. (so u.a. in Althoff(6), S.23f) Instrumente von Herrschaft sind darüber hinaus Ministeriale und manchmal bald sogar neuartige bürgerliche Vereinigungen in Städten.

 

Obwohl so die Könige keine dauerhafte Lösung für gesicherte Herrschaft finden, streben sie alle danach, auch andere Gebiete unter ihre Hoheit zu bekommen. Sie verstehen sich eben nicht deutsch, sondern als Vertreter der Macht ihrer Familie. Ein gemeinsames deutsches Selbstverständnis entsteht ohnehin nur in rudimentären Zügen und wird auch in Zukunft nur selten einmal aufflackern.

 

Das tendenziell autoritärere Regieren Heinrichs III. äußert sich schließlich in den deutschen Landen mit der Einsetzung landfremder und damit eher schwächerer Herzöge in Süddeutschland. Aufstände Konrads von Bayern und Welfs III. bis 1055 enden mit deren Tod.

Dazu kommt ein Konflikt mit den sächsischen Billungern, als deren Gegenspieler die aufsteigenden Grafen von Northeim mit den Silberfunden im Harz auftreten, sowie der mit Erzbischof Adalbert von Hamburg/Bremen, der sich aber gegen die Tendenzen zur Verselbständigung der skandinavischen Kirchen nicht durchsetzen kann. Der König versucht, sich nun u.a. mit Burgenbau stärker in Sachsen festzusetzen.

Zur Schwächung der Familie Gottfrieds ("des Bärtigen"), die ganz Lothringen beherrscht, wird dieses unter flämischen Grafen und Luxemburgern in Unter- und Oberlothringen geteilt, und Gebiete werden an den Grafen von Flandern abgegeben. All das ist mit militärischer Gewalt verbunden.

Es gelingt dem Kaiser, Polen unter Herzog Kasimir gegen Böhmen zu verteidigen, während sich Ungarn am Ende ganz dem Reichsverband entzieht.

 

Ungeachtet eines aufsteigenden Marienkultes und der im Reich ankommenden Friedensbewegtheit bleibt der Krieg weiterhin im Sommerhalbjahr das übliche Geschäft von Herrschern und Fürsten unter ihnen. Laut Lampert von Hersfeld findet z.B. 1040 ein königlicher Heerzug nach Böhmen statt, 1041 ein zweiter, 1042 ein Feldzug gegen Ungarn, 1043 ein weiterer, 1044 noch einer und nun (1045) blieb das Reich für kurze Zeit ruhig und friedlich (quietum et pacatum). 1046 zieht Heinrich nach Italien. Dann führte er (1047) Truppen zu Schiff auf dem Rhein nach Friesland gegen Gottfried. Dabei führen Fürsten ebenfalls Krieg oder wenigstens Fehde und genauso Adel unter ihnen.

 

Neues kündigt sich in den italienischen Verhältnissen an. 1040 kommt Heinrich III. mit Erzbischof Aribert von Mailand überein, das Lehnsgesetz Konrads II. anzuerkennen. Danach kommt es zum Aufstand des Mailänder populus gegen die Kapitane und Valvassoren, die zusammen mit dem Bischof die Stadt verlassen müssen. Königliche Gesandte können vermitteln. Nach dem Tode des Bischofs erbitten die Mailänder vom König die Bestimmung eines Nachfolgers.

 

Unter anderem ausgehend von Vallombrosa breitet sich auch in der Toskana eine Reformbewegung gegen Priesterehe und Simonie aus, die sogar den Hochadel erfasst. In Ravenna reformiert Johannes von Cesena, und von Ponte Avellana aus greift Petrus Damiani ein. Es bleibt zunächst bei einer innerkirchlichen Bewegung, die, wie man an Damiani sehen kann, den sakralen Charakter des Königtums noch nicht angreift. Es geht dabei auch nicht um Religion, sondern um die Kirche und ihre „Verweltlichung“, die allerdings nun schon viele Jahrhunderte alt ist.

 

Auf einem Heerzug nach Italien, der seiner Kaiserkrönung dienen soll, sorgt Heinrich III. 1046 auf einer in Sutri gegen Simonie versammelten Synode für die Verurteilung und Absetzung dreier Päpste, die (nicht nur er) für unwürdig hält, ihn zu krönen. Der Einfluss der römischen Adelsfraktionen auf den Papststuhl soll ausgeschlossen werden.

Er installiert dann in Rom den Bischof Suitger von Bamberg als Clemens III., der ihn in Rom zum Kaiser krönt. Es kommt zu weiteren Beschlüssen gegen den Ämterkauf in der Kirche. 

Für einige wird die Synode von 1046, auch wenn Heinrich den ersten klassischen Reformpapst mit Clemens II. einsetzt, um sich von ihm zum Kaiser krönen zu lassen, zu einem ersten Eklat. Mit diesem königlichen Akt beginnen die Auseinandersetzungen, deren heute noch bekannter Ausgangspunkt die wohl von einem Reformbischof um 1048 verfasste Streitschrift 'De ordinando pontifice' wird, die allen außer Gott abspricht, einen geweihten Kleriker abzusetzen.

Damit wird wieder aufgenommen, was seit der Spätantike immer einmal auftauchte: Die Höherwertigkeit der geistlichen gegenüber der weltlichen Macht. (*8) 

Auf die Ablehnung der Absetzung folgt etwa zur selben Zeit die der Einsetzung von Bischöfen durch Laien via Einkleidung mit baculus und anulus (Krummstab und Ring) in Humbert von Silva Candidas 'Adversos Simoniacos': Wer sich die Laieninvestitur anmaßt, begeht Simonie und maßt sich so auch an, über dem Hirtenamt zu stehen.

 

Nach der Kaiserkrönung 1046 zieht Heinrich mit dem Papst nach Capua, muss aber in Aversa und dem westlichen Apulien normannische Herrscher anerkennen.

In Süditalien gelingt ihm keine stabile Neuordnung der Verhältnisse um Langobarden und Normannen, die letztere für Apulien mit ihrem Besitz belehnt werden.

1049 wird mit Leo IX. (1049-54) ein reformorientierter Bischof von Toul mit Unterstützung des Kaisers Papst. Aber seitdem gibt es auch lauter werdende Kritik an der Einsetzung von Päpsten und Bischöfen durch Könige und Fürsten.

Brun(o), Sohn des Grafen von Egisheim und dann Bischof von Toul wird als Papst Leo IX. die Kirchenreform von oben noch Hand in Hand mit dem König und Kaiser betreiben, aber mit ihm vollzieht sich mehr als zuvor die Verwandlung des Bischofs von Rom und geistlichen Führers der Kirche in einen autoritären Stellvertreter (seines) Gottes auf Erden, der sich aus den inneren stadtrömischen Streitereien löst. (*9)

 

Indem er seine Vertrauten aus der lothringischen Heimat und dem burgundischen Raum mitbringt und den Aufstieg Hildebrands fördert, schafft er sich ein reformfreudiges Umfeld. Mit solchen Leuten besetzt er dann auch die entscheidenden Bischofs-Stellen in der Kirche von Rom, aus denen das Kardinalskollegium hervorgehen wird.

 

Gleich nach päpstlicher Amtsübernahme wird bestimmt, dass Erzbischöfe nach ihrer Ernennung nun nach Rom zu reisen haben, um sich das Pallium abzuholen, was die Deutschen unter ihnen allerdings regulär erst ab 1074 auch tun. 

 

Er umgibt sich in Rom mit seinen reformfreudigen Freunden aus der lothringischen Heimat und mit einer schlagkräftigen Kurie. Mit der Einsetzung reformfreudiger Bischöfe in den mächtigsten Kirchen Roms wird der Anfang zur Entstehung eines Kardinals-Kollegiums gelegt. (*10) Mit ihm kommt auch Hildebrand (der spätere Gregor VII.) nach Rom zurück und gewinnt Einfluss an der Kurie, einem Hofstaat, zu dem auch Rechtsgelehrte, Notare und Schreiber und ein ebenfalls an Könige gemahnendes Urkundenwesen gehören.

 

Mit einer Gesamtsynode der Bischöfe der lateinischen Christenheit jährlich zur Osterzeit, die später auf die Fastenzeit vorverlegt werden wird, schafft er sich einen Rahmen für die Durchsetzung von Reformen und direkten Zugang zu den hohen Geistlichen, die von nun an wenigstens einmal im Jahr zu ihm reisen müssen. Zugleich reist Leo selbst wie noch kein Papst vor ihm, um vor Ort nach dem Rechten zu sehen, wobei er weit über Mittelitalien hinaus zu reisen beginnt. 1049 geht es sogar bis hoch nach Reims, wo er die versammelten Prälaten beschwören lässt, sich ihre Ämter nicht erkauft zu haben. Dabei hält er sich in fünf Jahren nur rund sechs Monate in Rom auf. Wo er nicht selbst auf Synoden präsent ist, schickt er Legaten, wie zum Beispiel zur Beilegung von Konflikten in Mailand und Florenz.

 

Immer mehr Klöster werden nun direkt dem Papst unterstellt, wobei die Eigenkirchenherren eine Stiftsvogtei behalten. Mit der Erklärung, der römische Bischof sei alleiniger „Primas und Oberhirte“ der Kirche, wird die monarchische Struktur der Weltkirche bestärkt und von seinem Unterstützer Humbert (von Moyenmotier/Silva Candida) wird bereits angeführt, päpstliche Erklärungen ex cathedra seien unfehlbar. Im Kern ist Leo mit seinen direkten Nachfolgern der große Reformer, und Hildebrand/Gregor nur jener, der das Erbe mit besonderer Intransigenz gegen die Könige vertritt.

 

Mit Leo beginnt die päpstliche Härte gegen Simonisten, denen zum Erhalt ihres Amtes eine beachtliche Bußleitung auferlegt wird, wo sie doch nur dem bislang üblichen Brauch gefolgt waren. Im Streit darüber, ob die von simonistischen Priestern gespendeten Sakramente überhaupt „gültig“ seien, was Leo und Humbert von Silva Candida verneinen, setzt sich zunächst die moderate Linie des Petrus Damiani durch, der das Sakrament von der Person des Geistlichen getrennt sehen will. 1049 verurteilt Petrus Damiani im Papst Leo gewidmeten 'Liber Gomorrhianus' vielfältige Formen von "Unzucht", insbesondere häufige Päderastie, beim römischen Klerus. Ehen von Priestern werden auf einen Schlag für ungültig erklärt. Die Priesterfrauen sollen in das Eigentum der Kirche, also die Unfreiheit überführt werden. Das wird aber vorläufig nur wenig befolgt.

 

Am Sakrament der Eucharistie wird dagegen die reale Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi gegen den als Ketzer abgestempelten Berengar durchgesetzt. Die Kirche zieht sich ein immer engeres dogmatisches Korsett als Begleitung zu den hierarchischeren Strukturen an, was dann neue Räume für Häresien zur Folge hat.

 

Nachdem Benevent seinen Herrscher abgeschüttelt hat, unterstellt es sich dem Papst. Damit gerät der in gefährliche Nähe zu den expandierenden Normannen. Der Kaiser will sich derzeit auf kein süditalienisches Abenteuer einlassen, und so zieht der Papst alleine mit einem von deutschen Freiwilligen aufgefüllten Heer gen Süden. Den Deutschen war dabei Straflosigkeit für ihre Verbrechen und Sündenerlass versprochen worden, und viele sterben 1053 in einer vernichtenden Niederlage bei Civitate in Apulien. Leo selbst wird kurzzeitig gefangen genommen und stirbt kurz darauf 1054.

 

Reforminteressen und Machtinteressen dominieren in der von Humbert von Silva Candida angeführten Delegation nach Konstantinopel, in der es wohl vorrangig darum geht, in wessen Machtbereich Süditalien gehören soll. Der Kardinal tritt dort so offensiv auch in Glaubensfragen auf, dass sich in der Folge 1054 die römische und die byzantinische Kirche gegenseitig mit dem Bannfluch belegen, während Venedig sich etwas stärker an Byzanz anlehnt.

 

Leos Nachfolger wird Bischof Gebhard von Eichstätt, der längst zum mächtigsten Berater Heinrichs III. aufgestiegen war, nun als Papst Victor (1054-57). Er scheint sein Bischofsamt zugunsten von Machtpolitik an der Seite des Kaisers zu vernachlässigen und ist selten in Eichstätt anzutreffen. 

 

In den 50er Jahren nimmt das Murren über den autoritären Herrschafts-Stil des Kaiser zu. 1053 lässt Heinrich III. seinen Sohn in Tribur zum Mit-König wählen. Dabei machen die Großen zur Bedingung, ihn nur anzuerkennen, wenn er sich als gerechter Herrscher erweise. (si rector iustus futurus esset, im Chronicon des Hermann von Reichenau). Ein bayrischer Aufstand kann gerade so noch abgewendet werden, während der lothringische Gottfried ("der Bärtige") die Beatrix von Canossa/Tuscien heiratet. Das führt zu einem erneuten Heerzug nach Italien, als dessen Folge Gottfried sich unterwirft, während die Sachsen immer widerständiger werden.

 

Zur Krise kommt es seit 1056, als Heinrich III. stirbt, der den noch kindlichen Sohn Heinrich drei Jahre vorher zum Nachfolger bestimmt hatte. Anfangs ist Mutter Agnes Regentin, unterstützt von Papst Victor II.

 

 

Anfänge geistlichen Fürstentums

 

Als im Mittelhochdeutschen das Wort Fürst auftaucht, beginnt es den lateinischen princeps zu ersetzen. Beides bezeichnet ursprünglich den Vordersten, Ersten (englisch. first), und dann auch den Vornehmsten. Kurz darauf wird in der altfranzösischen Volkssprache aus dem princeps der prince.

 

Im 11. Jahrhundert ist die Bezeichnung noch nicht formal eingeengt und bezeichnet so alle Großen des Reiches von den Grafen aufwärts. Er bezeichnet also Leute mit Amts- und Herrschaftsfunktionen in einem klar benannten Raum, insbesondere Bischöfe und Herzöge, auch wenn die Besitz- und Rechtsverhältnisse zunächst zersplittert sind und zudem Streubesitz anderswo beinhalten.

 

Zwei Besonderheiten zeichnen die Bistümer aus: Sie sind unteilbar, da es ohnehin keine Erbfolge gibt, und sie umfassen ein stabiles, vordefiniertes Gebiet, auch wenn dieses ein Flickenteppich von Besitztümern, Herrschaften und Rechten ist. Bischöfe sind dabei nicht nur geistliche Herren, sondern zugleich auch immer weltliche, wie dann auf dem Weg zum sogenannten Wormser Konkordat auch förmlich festgestellt werden wird.

 

Schon Mitte des 11. Jahrhunderts beginnt in deutschen Landen die Strukturierung von Diözesen in neuartige Fürstentümer. Der geistliche Machtbereich wird in Archidiakonate aufgeteilt und die Pfarreien werden ausgebaut. Die Bischöfe operieren mit einer eigenen Ministerialität für Verwaltung und militärische Auseinandersetzungen. Auf Klöster und Kanonikerstifte wird stärker zur Machtausübung zurückgegriffen. Stifte werden reformiert und Mitglieder des Domkapitels werden dort zu Pröpsten hinbestellt. Konflikte sind dabei vorprogrammiert, und nicht nur mit den Menschen vor Ort, sondern mit dem weltlichen Vogt und jenen Herren nebenan, mit denen Bischöfe konkurrieren. 

Ziel ist, wie Ehlers für den Salzburger Erzbischof schreibt, "dass nichts und niemand außerhalb der episkopalen Jurisdiktionsgewalt bleiben sollte, exemte Klöster und Stifte geradezu als systemwidrig erscheinen mussten." (EhlersOtto, S.143) 

Dazu kommt dann wie beim Freisinger Bischof das alleinige Münzrecht in der Diözese, das Monopol auf einen Jahrmarkt in der Stadt Freising und das Verbot an andere, neue Märkte zu gründen.

 

Musterbeispiele auf dem Weg zur Territorialisierung sind kurz nach der Mitte des 11. Jahrhunderts die Erzbischöfe Anno von Köln (1056-75) und Adalbert von Hamburg/Bremen, die beide auch die Unmündigkeit Heinrichs IV. für ihre Zwecke ausnutzen.

 

Anno ist ein typischer Aufsteiger aus einfachen edelfreien Verhältnissen in Schwaben, der nach Bamberg und Paderborn geht, unter Kaiser Heinrich III. in die Hofkapelle und dort in die Kanzlei gelangt. 1054 macht Heinrich ihn zum Propst von St. Simon und Juda in Goslar, 1056 wird er Erzbischof von Köln und Erzkanzler für Italien. Das um 1080 entstandene Annolied beschreibt einen ebenso mächtigen wie würdigen Erzbischof:

Am königlichen Hof war seine Macht so groß / Dass alle Reichsfürsten ihre Sitze unter ihm hatten / Im Dienst für Gott verhielt er sich so / Als wäre er ein Engel.

 

Auf seine Untertanen wirkt er hingegen anmaßend und streng. Und im Sinne seines baldigen Kontrahenten, des Erzbischofs Adalbert von Hamburg/Bremen heißt es in der Kirchengeschichte des Adam von Bremen:

Der Kölner, den man der Habsucht zieh, verwandte alles, was er zu Hause und bei Hof erraffen konnte, zum Schmuck seiner Kirche. Sie war zuvor schon groß gewesen, er machte sie aber so bedeutend, dass sie über jeden Vergleich mit einer anderen Kirche des Reiches erhaben war. Auch beförderte er seine Verwandten, Freunde und Kappelläne und überhäufte sie alle mit den höchsten Würden und Rängen.

 

Es handelt sich darum, dass der Kölner Kirchenfürst im Streit mit dem ezzonischen Pfalzgrafen dabei ist, sich zum einzigen Machtzentrum eines zu schaffenden Territorium zu erheben, in dessen Mittelpunkt die derzeit größte Stadt der deutschen Lande liegt. Dabei macht er den Adel zu lehnsabhängigen Vasallen, fasst die Pröpste der Stifte in und um Köln zu einem Prioren-Kollegium zusammen, über das er ebenfalls den Adel kontrollieren kann und nutzt zudem die Kirchenreform für seine Zwecke. (WeinfurterGeschichte, S. 105ff) Verwandte und Freunde werden überall wo möglich eingesetzt (Adam von Bremen). Dazu gehört sein Bruder Werner, den er in Magdeburg durchsetzt, während er es nicht schafft, seinen Neffen Konrad gegen den Trierer Domklerus einzusetzen, der ermordet und durch einen Nellenburger ersetzt wird.

 

Ganz ähnlich wie Anno versucht Adalbert, sich ein möglichst geschlossenes Nordsee-Territorium mit Ambitionen darüber hinaus anzueignen, wofür er laut Adam auch viel Geld einsetzt. Ab 1063 stärker an den Hof gelangt, versucht er zu diesem Zweck, sich mit Unterstützung des minderjährigen Heinrichs durchzusetzen. Die langsam Territorien schaffenden Fürsten nutzen die Gunst der Stunde, um das Königtum/Kaisertum zu schwächen. Adalbert gewinnt derweil immer mehr die Oberhand bei Hofe, einigt sich dann aber mit Anno.

Lampert von Hersfeld berichtet:

Diese beiden herrschten an Stelle des Königs, von ihnen wurden Bistümer und Abteien, von ihnen wurde alles, was es an kirchlichen, was es an weltlichen Würden gibt, gekauft (...) Gegen Äbte (...) übten sie ihre Raubzüge mit völliger Hemmungslosigkeit (...) Sie machten einen Angriff auf die Klöster und teilten sie unter sich wie Provinzen (...) So nahm der Bremer Erzbischof zwei Abteien in Besitz, Lorsch und Corvey, und behauptete, das sei die Belohnung für seine Ergebenheit und Treue gegenüber dem König. Damit es aber nicht Missgunst unter den übrigen Reichsfürsten erwecke, gab er mit Einwilligung des Königs dem Erzbischof von Köln zwei, Malmedy und Kornelimünster, dem Erzbischof von Mainz eine, Seligenstadt, dem Herzog von Bayern eine, Altaich, und dem Herzog Rudolf von Schwaben eine, Kempten. (zu 1063).

 

1066 wird der König einen Teil der gegen den Widerstand der Klöster und Bischöfe gemachten Übertragungen wieder rückgängig machen.

 

Der geistliche Adels- und Fürstenhof unterscheidet sich dabei in der Lebensführung nicht wesentlich vom weltlichen, werden doch die höheren geistlichen Ämter nach Kirchenreform und Investiturstreit einer immer weitergehenden Verweltlichung ausgesetzt. (*11)

 

 

Weitere Königreiche

 

Die Einnistung von Kapital verlangt halbwegs stabile Rahmenbedingungen für Handel und Gewerbe. Für italienische Städte bedeutet das, dass sie zum Teil zusammen mit Päpsten die sarazenische Gefahr im Mittelmeer zurückdrängen müssen, für den Ostseehandel müssen Entsprechendes mehr oder weniger regionale Fürsten leisten. Die Sicherheit der Handelswege und der Städte auf dem Kontinent liegt ansonsten in den Händen von Fürsten, manchmal von Königen unterstützt, immer wieder auch beim lokalen Adel, dessen kriegerisches Verhalten aber auch den Handel gefährden kann.

 

Westfranzien (siehe Anhang 22)

 

Ähnlich wie im Ostfrankenreich und in England wird auch in Westfranzien ein Königtum als oberste Ordnungsmacht wie selbstverständlich angenommen, und die Großen in den Reichen werden ihre Macht auch weiterhin aus der königlichen ableiten. Aber die nominellen Herrscher über das ehemalige Gallien verfügen zur tatsächlichen Machtausübung nur noch über die alte robertinische Hausmacht in der Île de France um Paris und in wenigen Gegenden südlich davon bis zur Loire. De facto zur Gänze unabhängig sind die Herzogtümer der Normandie und von Aquitanien sowie mächtige Grafschaften wie die von Anjou, von Blois/Champagne, Poitou oder Flandern. Ein Sonderleben führt die noch immer stark keltisch geprägte Bretagne. Immerhin fällt das Herzogtum Burgund schließlich für rund dreihundert Jahre in die Hand einer Kapetinger-Linie. Die Tatsache, dass mit der Erbfolge der Kapetinger zwar etwas durchgesetzt wird, was zunächst auf der Schwäche des Königtums beruht, wird sich auf die Dauer aber eher in ein Moment der Stärke verwandeln.

 

König Robert II. ("der Fromme") verlässt seine Krondomäne kaum und residiert vorwiegend in Orléans und Paris. Viel mehr noch als in deutschen Landen sind die kapetingischen Könige auf einen sakralen Nimbus angewiesen, auf die enge Verbindung von Kirche, Kloster und Macht. Dazu gehört zum Beispiel, dass der schwache Westkönig Anfang des 11. Jahrhunderts an hohen Festtagen ostentative Armenspeisungen durchführen und sich auf Reisen von zwölf Armen begleiten lässt, die ihn und Gott lobpreisen. (Fichtenau, S.61) Helgaud von Fleury berichtet in seiner Vita, die Gnade Gottes habe dem König Heilkraft verliehen. Sobald er Wunden berühre und das Kreuzeszeichen mache, verschwänden Schmerzen und Krankheit. Was dabei früher der heilige Remigius in Reims war, wird nun St. Denis (Dionysius) und später dann auch die Maria geweihte Pariser Kathedralkirche.

 

Sohn Henri I. kämpft zunächst gegen seine Brüder um die Herrschaft und muss das von ihm zugunsten des Königtums abgegebene Burgund 1031/32 seinem Bruder Robert II. überlassen, der dort eine kapetingische Seitenlinie begründet.

 

Während sich in der Normandie ein alles aufs Zentrum hin orientierendes Fürstentum ausbildet, müssen die übrigen Herrscher jenseits von Flandern mit einer in viele Burgherrschaften zerfallenen Landschaft umgehen, die dann in Aquitanien durch neue Grafschaften, wie das Poitou, das Anjou oder das Toulousain gegliedert wird, die nicht zufällig alle nach einer Haupt-Stadt benannt sind. Sie haben dabei alle keine völkische, sondern eine dynastische  Begründung.

Selbst im eigentlichen Krongebiet muss Königsmacht gegen starke Burgherren immer wieder neu etabliert werden, und zwar noch bis tief ins zwölfte Jahrhundert. Zugriff gewinnen die Könige in Kernfranzien vor allem durch ihren Einfluss auf rund zwanzig Bistümer und das Erzbistum Reims, wo sie die Bischöfe einsetzen und bei Sedisvakanzen die Einnahmen einziehen können.

Vom königlichen Hof verschwinden die meisten westfränkischen Bischöfe und Grafen. Sie werden ähnlich wie in der Normandie und im Anjou ersetzt durch nicht selten besoldete Ritter aus der familia regis.  

Erblichkeit der Lehen wird Kern einer Vasallität, die früh Mehrfachbindungen zulässt.

 

Um die Mitte des Jahrhunderts versucht sich die Krone stärker aus ihrer militärischen Abhängigkeit von den Normannen-Herzögen zu lösen, und mit der Heirat mit einer Kiewer Prinzessin 1051 beginnt König Henri Machtansprüche zu demonstrieren. 1060 wird Sohn Philippe beim Tod seines Vaters König (bis 1108). Er kann die Krondomäne etwas durch das Gâtinais, das Vexin und Bourges erweitern. Konflikt mit dem Papst liefert u.a.seine Liebschaft mit Bertrada, der Frau des Grafen von Anjou, die er heiratet, nachdem er seine Frau verstoßen hat. In seine Zeit fällt auch der Auszug vieler Adeliger seines Reiches im ersten Kreuzzug.

Ein größerer Investiturstreit bleibt Frankreich erspart, einmal, weil die Könige nur auf eine Minderheit der Bischöfe überhaupt Einfluss ausüben, zum anderen, weil nur wenige davon mit den Rechten ihrer deutschen Kollegen ausgestattet sind. Die Trennung von Temporalien und Spiritualien ist so ohnehin stärker gegeben.

 

 

Italien (siehe auch Anhang 11)

 

Kaum ist Otto III. tot, lässt sich Arduin von Ivrea mithilfe italienischer Großer zum König krönen. Er gewinnt Unterstützung auch dadurch, dass er die Reformbewegung in den Klöstern unterstützt, die dabei ist, auf die Kirche überzugreifen. Ein erster Versuch eines Heeres deutscher Großer gegen ihn scheitert, während die den römischen König unterstützenden Bischöfe den Kampf gegen Arduin fortsetzen. Heinrich II., der sich auch in Italien ganz auf die von ihm eingesetzten Bischöfe verlässt, tritt auf die Seite der Reformbewegung.

 

1004 zieht Heinrich II. nach Italien und lässt sich in Pavia zum 'König der Langobarden' krönen, ohne Arduin besiegen zu können. Einwohner Pavias empören sich gegen ihn und brennen die Königspfalz nieder. Heinrich lässt darauf Teile seiner Hauptstadt niederbrennen. So schwindet auch noch das letzte Symbol von Königsmacht in Italien.

Nachdem Heinrich  nach Norden abgezogen ist, stellt Arduin seine Macht zumindest im Nordwesten Italiens wieder her. In diesen Zusammenhang gehört die Freiheitsurkunde von 1005, die der mit Arduin verwandte Reformabt Wilhelm von Dijon für Fruttuaria diktiert, die das Kloster aus dem Machtbereich des Bischofs von Ivrea heraushebt.

 

1014 zieht Heinrich II. nach Rom und konfisziert Güter von Aufständischen, lässt sich zum Kaiser krönen. 1015 stirbt Arduin und wird in der von ihm gegründeten Abtei von Fruttuaria beerdigt, aber die Verhältnisse beruhigen sich nur kurz. 1024 wird die Kaiserpfalz von Pavia zerstört. 

 

Eine fränkische, besser vielleicht karolingische Oberschicht etablierte sich im Norden über die langobardische, die längst wieder an Bedeutung zunimmt. Beide integrieren sich langsam in eine gemeinsame norditalienische militia, die im 11. Jahrhundert bereits stark stadtbezogen ist und sich in zwei Adelsschichten gliedert, die, manchmal auch mit Hilfe des städtischen "Volkes", an der Machtausübung der bischöflichen Stadtherren partizipieren. Kapital - und Gemeindebildung hat hier frühere Anfänge als anderswo. Die Bedeutung von weltlichen Fürstentümern wie den Markgrafschaften von Ivrea und der Toskana, die Konrad 1027 an den Grafen Bonifaz von Canossa vergibt, wird zunehmend durch die von Städten ergänzt. Sie wird mit dem Ende des Hauses Canossa 1115 zur Gänze verschwinden.

 

Die Macht der deutschstämmigen Kaiser ist meist fern und wird neben kaiserlichen Abgesandten fast nur noch von den Bischöfen getragen, die mit dem Aufstieg ihrer Städte an Bedeutung verlieren werden. In diesen Städten mit ihren anderen Traditionen wird dann im nächsten Jahrhundert machtvoller Widerstand gegen die langsam so gesehene Fremdherrschaft aus dem Norden  wachsen.

 

In der Mitte Italiens strebt im selben Jahrhundert das Reform-Papsttum als geistliches Fürstentum nach Ausweitung seines Herrschaftsraumes, des sogenannten Kirchenstaates in Mittelitalien, stößt dabei im Süden auf die Normannen und im Norden auf die Ansprüche deutscher Kaiser. Es wird dabei in seiner die damalige lateinische Welt umfassenden und sich intensivierenden geistlichen Machtausübung mit frühesten Elementen zukünftiger Staatlichkeit operieren, einer wachsenden Schriftlichkeit, Verrechtlichung und Finanz-Verwaltung vor allem. In ihrem weltlichen Bereich werden die Päpste dann versuchen, städtische Autonomisierung und Gemeindebildung zu unterdrücken, was aber nicht dauerhaft gelingen wird.

 

Schon 1030 wird der Bischof von Cremona aus seiner Stadt vertrieben. Insbesondere für Florenz und Mailand dokumentiert, wenden sich zunächst einzelne Mönche und Priester gegen simonistische Bischöfe und nicht zölibatäre Priester. Sie wenden sich dabei an die Laien, welche zunehmend befürchten, dass die Sakramente solcher Priester nicht ihre magische Funktion erfüllen könnten. 1068 muss der Bischof von Florenz fliehen.

In Mailand und mehreren anderen norditalienischen Städten entsteht in der Mitte des 11. Jahrhunderts eine Bewegung vieler Laien und einiger Priester gegen die übliche Priesterehe und die Ämterkäuflichkeit in der Kirche. Seit den siebziger Jahren wird sie als Pataria bezeichnet. In den späten fünfziger Jahren erwirken sie die Unterstützung des Reform-Papsttums. was dann 1064 noch an Militanz gewinnt, als der Papst ihrem Anführer in Rom die Petersfahne überreicht und ihn zu einem päpstlichen Krieger (miles) macht.

Diesem Erlembald gelingt es 1066 in Rom, die Exkommunikation des von Heinrich III. 1045 eingesetzten Mailänder Erzbischofs Wido zu erreichen. Die Tumulte in der Stadt nehmen zu. Gestützt auf seine Verwandtschaft und Gefolgschaft, übernimmt Erlembald mit militärischen Mitteln die Führung in Mailand.

 

Südlich von Mittelitalien waren schon die Versuche der Sachsenkaiser gescheitert, wirkliche Hoheit herzustellen. Hier teilen sich alte langobardische Dynastien im Inneren und Byzanz an der Küste die Machtausübung, können aber nicht verhindern, das nordafrikanische Muslime die Herrschaft über Sizilien mit einer gewissen Einwanderung und Überfremdung verbinden. Dazu gewinnen sie immer wieder Stützpunkte mit Städten an der Festlandküste, wobei sich Byzanz als relativ ohnmächtig erweist.

 

Ein erfolgreicher Gegner erwächst dem Islam dann mit den noch nicht lange christianisierten und romanisierten Normannen, die sich in Süditalien schon festsetzen, bevor einer ihrer Herrscher zu Hause sich mit seinem Heer an die Unterwerfung Englands macht.

Schon vor 1020 beginnen normannische Krieger in Süditalien einzusickern, um sich dort als Söldner bei verschiedenen Herren zu verdingen. 1029 erhält der erste mit der Grafschaft Aversa eine eigene Herrschaft, die ihm von Konrad II. dann knapp zehn Jahre später bestätigt wird.

In den vierziger Jahren erobern Söhne eines Tankred Apulien und Kalabrien. 1047 macht ihn Kaiser Heinrich III. zum Herzog beider Gebiete.

 

Papst Leo IX. nimmt die Übergriffe der Normannen auf das päpstliche Benevent nicht mehr hin und zieht mit einem Heer nach Süden. 1053 wird er bei Civitate vom vereinten Heer von Richard von Aversa und Humfred geschlagen und muss nach einjähriger Gefangenschaft in Benevent die normannische Herrschaft anerkennen.

Robert "Guiskard" (Schlaukopf oder: der Verschlagene) unterwirft kurz nach seiner Ankunft 1046/47 stattliche Teile Kalabriens und nimmt an der Schlacht von Civitate teil. Es gelingt ihm, zum wichtigsten Anführer der Normannen und 1057 auch zum Nachfolger von Humfred zu werden.

Richard von Aversa erobert derweil das Fürstentum Capua und weitere Grafschaften, aus denen er langobardische Adelige vertreibt.

1057/59 erobert Robert Kalabrien und wird 1059 in Reggio von seinem Heer zum Herzog von Apulien ausgerufen. Robert erhält seine Territorien von Nikolaus II. mit dem Titel eines dux Apulie et Calabrie et (…) futurus Sicilie samt Melfi und dem erst noch zu erobernden Sizilien als Lehen, nachdem er dem Papst die Treue schwört. Das verpflichtet ihn auch in eigenem Interesse zur Re-Christianisierung und Re-Latinisierung Süditaliens. Zugleich erklärt der Papst Richard zum Fürsten von Capua. Damit bleiben die beiden Herren Süditaliens aber Konkurrenten.

 

Roger beginnt nun mit der Eroberung Siziliens, die sich bis Anfang der 90er Jahre hinziehen wird.

Richard von Aversa bemächtigt sich 1063 Gaetas und dann der Grafschaft Aquino. Robert gelingt es in der Folge, 1071 Bari und Brindisi den Byzantinern abzunehmen und das letzte langobardische Fürstentum Salerno zu erobern. Mit Reggio gehört ihm nun ganz Kalabrien. 1073 unterwirft er Amalfi und 1076 Salerno, welches er zu seiner Hauptstadt macht.

1077 belagert Richard (Drengot) von Capua im Zusammenspiel mit Robert Guiskard nach Versöhnung der beiden das Neapel von Sergius V., der meist mit den Normannen verbündet ist, und nimmt auch Benevent ein. Damit provoziert er die 1078 ausgesprochene Exkommunikation durch Gregor VII.

 

Es kommt zum Seezug ins Byzantiner-Reich. 1084 marodiert Robert Guiskard in Rom und zieht dann wieder ab. Nach 1095 beteiligen sich süditalienische Normannen am ersten Kreuzzug.

 

Spanien (siehe Anhang 11)

 

Um die erste Jahrtausendwende teilt sich das christliche Spanien in das westliche Königreich León, das im Süden bald das eroberte Duerotal und den Nordteil des späteren Portugal umfasst, östlich davon Kastilien und daneben das Königreich Navarra unter Sancho III., schließlich südlich davon ein Streifen Aragon samt benachbarter Grafschaften, was der dritte Sancho sich ebenfalls einverleibt. Unter seinen Söhnen teilt sich das Reich in Kastilien, Navarra und Aragón. 1037 vereint Fernando Kastilien mit León und nennt sich nun König, ebenso wie der Herrscher von Aragon.

Nach dem Tod Fernandos II. 1065 teilt sich sein Reich in die von Galizien, León und Kastilien. Nach heftigen Bruderkämpfen erbt Alfonso von Kastilien 1072 alles und erobert im Süden von El-Andalus Gebiete bis nach Toledo.

 

England (siehe Anhang 21)

Die Entwicklung des englischen Königreiches geschieht zunächst in relativer insulärer Abgeschlossenheit und wird dann immer aufs neue durch skandinavische und dann dänische Einfälle und deren Macht über von ihnen kontrollierte Teile Englands beeinträchtigt.

1013 wird Svein Gabelbart zum König von England gekrönt. Er macht sich dann an die komplette Eroberung, die Sohn Knut der Großen (1017-35) abschließt. Er übernimmt Herrschaftsstrukturen, wobei er Wessex vor allem von Winchester aus direkt regiert, und die anderen Gebiete durch Jarls/Earls regieren lässt.

Innerhalb von neun Jahren sterben seine drei Söhne, worauf dann Ethelreds Sohn Edward ("der Bekenner") für die alte Wessex-Dynastie bis 1066 folgt.

Unter ihm geraten dänische, angelsächsische und zunehmend auch normannische Interessen im Lande in Konflikt, wobei der in der Normandie aufgewachsene Edward letztere vor allem unterstützt.

 

 

Kaiser und Päpste

 

Die deutsche Lande sowie Nord- und Mittelitalien so prägenden Konflikte zwischen Kaisern und Päpsten sowie den darunter liegenden Gruppen bis hin zu den Ansätzen von städtischem Bürgertum resultieren einmal aus der Bindung des Kaisertums an das römische Papsttum, zum zweiten daraus, dass deutsche Große mehr als anderswo den Konflikt für ihre Machterweiterung nutzen wollen, und schließlich haben sie auch damit zu tun, dass sich in italienischen Städten von zunehmender Kommerzialisierung geprägte und sich verselbständigende Strukturen ausbilden.

 

Es geht vor allem auch um Macht. Man muss sich dazu vorstellen, dass Päpste und Bischöfe ähnlich wie Könige und weltliche Fürsten solche Macht auch mit erheblicher Prachtentfaltung demonstrieren. Diese findet mit der Größe von Kirchen und Palästen, ihrer Ausstattung und dann auch durch entsprechende Bekleidung statt. Liturgische Gewänder protzen mit Seide, Gold und Edelsteinen, und statt der Krone gibt es eine Mitra, statt des Szepters den Krummstab. 

Daneben geht es um die Härte, mit der Reformer gegen ihre eigene Geschlechtlichkeit ankämpfen, wovon sie allerdings nicht berichten, und mit der sie in Zukunft gegen ihre Gegner vorgehen werden.

 

Nachdem Heinrich III. den ungefähr fünfjährigen Heinrich zu seinem Nachfolger gemacht hat, stirbt er, noch relativ jung, bereits 1056. Der Vater hat Victor mit einer Art Vormundschaft beauftragt, und der kann die Reichsfürsten an die Königsmutter Agnes binden.

Unter Agnes gewinnen die königstreuen Ministerialen an Einfluss, aber zugleich steigt die Macht der Landesfürsten gegenüber der Zentralgewalt. Es kommt zur Verleihung von Schwaben an den ohnehin mächtigen Rudolf von Rheinfelden 1057, während Bayern zunächst in der Hand der Regentin verbleibt und Lothringen den Vermittlungsversuchen Annos von Köln überlassen ist, derweil Gottfried der Bärtige seine Macht in Mittelitalien ausbaut. 1161 geht Bayern an Otto von Nordheim und Kärnten als Entschädigung an den Zähringer Berthold.

Damit sinkt der Einfluss der Zentralgewalt zugunsten dynastischer Machtzentren,

 

Nach Victors Tod 1057 wird in aller Eile von den Reformkräften, die dem Einfluss des römischen Stadtadels entkommen wollen, der Kardinalpriester und Abt von Monte Cassino Friedrich (von Lothringen) als Stephan IX. inthronisiert. Das immer häufiger aufkommende Schlagwort von der libertas ecclesiae ist dabei zunächst als Befreiung aus den Fängen der Adelsfraktionen vor Ort gemeint. Hildebrand und Bischof Anselm von Lucca werden von den Reformern nach Norden geschickt, um noch die Zustimmung des Königshofes zu gewinnen.

 

In dieser Zeit formuliert Humbert von Silva Candida:

Ein Häretiker ist derjenige, der von der katholischen Glaubenslehre (fides catholica) abweicht, indem er etwas glaubt und verteidigt, was man nicht glauben darf (quod non est credendum), sei es über Gott oder sei es über seine Geschöpfe. (Adversos Simoniacos, Einleitung)

Damit wird der Glaube auch theoretisch und dann auch juristisch zu einem reinen Akt der Unterwerfung und des Gehorsams unter die Kirche und zu allererst unter den Papst.

 

Kurz nachdem er den radikalen Reformer Petrus Damiani zum Kardinalbischof von Ostia gewählt hat, stirbt Stephan IX. im März 1058.

Tuskulanern und Crescentiern gelingt es in Rom, den Bischof von Velletri als Benedikt X. zu inthronisieren. Die Reformkräfte wählen darauf in Siena als "ihren" Papst den aus Burgund stammenden Bischof Gerhard von Florenz, nunmehr Nikolaus II. Kurz vor der Wahl im Dezember erreicht eine Gesandtschaft die Designation durch die deutsche Regentschaft. Mit Hilfe eines mächtigen Heeres unter Gottfried, dem Herrn der Toskana und weiter Teile Norditaliens und Lothringens wird er nach Rom gebracht. Der Widerstand Benedikts bleibt aber bestehen.

 

Auf einer großen Synode Ostern 1059 wird nun die Laieninvestitur verurteilt und der Papst aus den Reihen gewöhnlicher Bischöfe herausgehoben, indem er nicht mehr "von Klerus und Volk" gewählt werden soll, sondern dass von nun an die Kardinalbischöfe einen neuen Papst aussuchen und sich dann mit dem niedereren Kardinalsklerus ins Benehmen setzen sollen, worauf alle anderen nur noch zustimmen dürfen. Zunächst einmal ist das ein Reflex auf die ungewöhnlichen Bedingungen, unter denen Nikolaus gewählt worden war. Damit soll nun zudem dem römischen Stadtadel jeder Einfluss entzogen werden (unter "Volk" wird dieser hohe Adel verstanden!), womit der Kaiser noch nicht völlig ausgeschlossen ist, der sich gerade das Patricius-Amt von Rom hatte bestätigen lassen, welches ihm ein Vorschlagsrecht für die Papstwahl gibt.

Neu zu weihende Priester sollen nun auf ihre Qualifikation hin überprüft werden, Kenntnis der Messtexte und der wichtigsten Gebete zum Beispiel, und an den hohen Kirchen sollen sie in kanonischer Gemeinschaft leben. Der Privatbesitz, den der Priester mitbringt, kann ihm aber weiter gehören. (*12)

 

Was dann geschieht, ist, dass einzelne Bischöfe an ihrer Kirche die Umwandlung des geweihten, höheren Klerus in ein reguliertes Stift neuer Form mit klerikaler Besitzlosigkeit durchsetzen, zum Teil gegen erhebliche Widerstände, während viele Gruppen von Säkularkanonikern daneben existieren, die bald nach der Reformzeit dann anfangen werden, größere Teile des gemeinsamen Kirchenbesitzes für sich abzuspalten.  

 

1057 hat sich Ariald in Mailand beim Bischof Wido in Bezug auf Priesterehe und Simonie durchgesetzt. 1059 ist Petrus Daminani als Legat in der Stadt. Wido wird nun vom Papst zum Erzbischof erklärt.

 

Als der von Humbert und Hildebrand beeinflusste Nikolaus sich dann im Bündnis mit den Normannen neue Verbündete sucht und Robert Guiskard und Richard von Capua auf einer Reformsynode in Melfi im Sommer 1059 gar mit ihren Eroberungen als päpstliche Vasallen belehnt und zu Beschützern der Papstwahlen macht, was alles eigentlich dem Kaiser zusteht, rücken die deutschen und norditalienischen Bischöfe von ihm ab. "St.Peter hatte ohne Abmachungen mit den Höfen die Nachfolge des östlichen und des westlichen Kaisers angetreten, investierte die duces mit dem vexillum, der Fahnenlanze, nannte seine Rechte regalia und konzipierte das Lehnsgut insgesamt als seine terra." (Jakobs, S.23)

 

Zu einem weiteren Konfliktfall kommt es im Winter 1060/61, als Kaiserwitwe Agnes für den von ihr eingesetzten Erzbischof Siegfried von Rom die Übersendung des Palliums erbittet. Die Kardinäle lehnen das in einem von Damiani verfassten Brief scharf ab: Er solle dieses in Rom persönlich abholen. 1061 wird Nikolaus II. darauf von einer Reichssynode exkommuniziert. Der drohende massive Konflikt wird wohl nur durch den Tod des Papstes im Juli 1061 vermieden.

 

Vertreter des stadtrömischen Adels und die Bischöfe von Piacenza und Vercelli erscheinen im Herbst 1061 am Königshof in Basel mit der Bitte, einen neuen Papst zu bestimmen, und dazu wird der Bischof Cadalus von Parma auserkoren, der sich Honorius II. nennt. 1062 wird er unter Beteiligung vieler lombardischer Bischöfe vom Königshof auf einer Reichsversammlung in Basel ernannt.

 

Hildebrand hatte bereits vier Wochen zuvor die Normannen zur Hilfe gerufen, die Teile der Stadt erobern, so dass im September 1061 in der Kirche San Pietro in Vincoli der Bischof Anselm von Lucca als Alexander II. ausgerufen werden kann. Man einigt sich dann aber unter dem Herzog von Lothringen und Tuscien darauf, die Entscheidung des römischen Königs im Norden einzuholen.

 

In dieser Situation des Schismas entführt Bischof Anno von Köln mit Unterstützung des Erzbischofs von Mainz und des bayrischen Herzogs im April 1062 das Kind Heinrich IV. und bringt es in seine Gewalt. Darauf gewinnen die  Unterstützer Alexanders II. im Nordreich etwas die Oberhand. 1064 kann sich Alexander gegen Cadalus/Honorius weithin auch militärisch durchsetzen.

 

Seit der Entführung des königlichen Kindes sucht der Erzbischof von Köln nach Machtausbau.

In der langen Zeit der Regentschaft für den kindlichen vierten Heinrich bricht die Verbindung des Königtums zum Reformpapsttum mehr und mehr ab und kann danach nicht mehr dauerhaft wieder hergestellt werden.

 

1065 tritt Heinrich IV. mit seiner Volljährigkeit die Herrschaft an. Er ist mit innerdeutschen Problemen beschäftigt und enttäuscht die Hoffnung von Reformern wie Damiani, dass er bald nach Italien ziehen und dort diese gegen Cadalus/Honorius unterstützen würde. 1066 geht eine von Fürsten initiierte Gesandtschaft unter Otto von Northeim nach Rom, um dort zu verhandeln.

 

Nun stützt sich der Heranwachsende mit sechzehn Jahren auf Erzbischof Adalbert von Bremen/Hamburg, bis die konkurrierenden Reichsfürsten dem Erzbischof soviel Macht vorübergehend nicht mehr erlauben.

 

Anno von Köln hatte Heinrichs Ehe 1066 mit Bertha von Turin gestiftet, und es kommt zu einem Eklat, als dieser 1069 die Scheidung mit der Begründung fehlender sexueller Attraktivität der Frau sucht, und eine Synode unter dem päpstlichen Legaten Petrus Damiani dies verhindert, indem dieser Exkommunikation und Ablehnung eines zukünftigen Kaisertitels durch den Papst androht.

Bald werden Klagen über Simonie oder Zehnt-Streitereien aus deutschen Landen nach Rom gebracht. Die Abteien Siegburg und St.Blasien werden in den 70er Jahren nach Vorbild Clunys mit Hilfe von Fruttuaria im Piemont reformiert.

 

Papst Alexander greift immer stärker in weltliche Macht ein. Er unterstützt Herzog Wilhelms Eroberung von England mit einer geweihten Fahne und sanktioniert die Absetzung Gottfrieds ("des Bärtigen") von Anjou zum Beispiel.

 

Seit der Mitte der 50er Jahre tritt in Mailand die Pataria, geprägt vor allem von unteradeligen Kreisen, erst gegen Simonie und bald auch gegen verheiratete Priester als eine Art Volksbewegung unter Führung einiger Adeliger gegen die traditionelle ambrosianische Kirche auf. Sie unterstützen dabei das Reform-Papsttum. Nach 1063 ruft Alexander II. die Patarener zunehmend zum Widerstand gegen ihren Bischof und seinen Klerus auf. 1066 wird der noch 1045 von Heinrich III.  eingesetzte Mailänder Erzbischof Wido von Rom exkommuniziert. 

In den gewaltsamen Konflikten tritt ein Bischof zurück und ein neuer wird von Heinrich IV. wie üblich bestimmt. Wie ebenfalls üblich sind die lombardischen Bischöfe und überhaupt die norditalienischen bislang ausgesprochen königstreu und zugleich gegen die nach Einfluss strebenden Städter eingestellt. Zudem bestehen sie wie die meisten im Norden auf ihrer bischöflichen Autonomie und der kollegialen Regelung ihrer Angelegenheiten.

 

1068 wird der für simonistisch erachtete Bischof von Florenz aus der Stadt vertrieben. Schließlich tritt der Mailänder Erzbischof resigniert zurück und schickt dem König seine Insignien (Ring und Stab). 1072 setzt der Patariaführer Erlembald mit päpstlicher Unterstützung den Gegenbischof Atto durch, wogegen wiederum seine bisherige patarische Basis opponiert. Als der König dann im selben Jahr auch noch die Weihe Gottfrieds durchsetzt, exkommuniziert Alexander II. auf der römischen Fastensynode 1073 diesen und fünf Ratgeber des Königs als Simonisten. Erst Canossa wird sie wieder in den Schoß der Kirche zurückführen.

 

Fürsten klagen über die Dominanz von Ministerialen und den Einfluss der Städte am Kaiserhof. (*13)

Ab 1070 kommt es erst zum Konflikt Heinrichs mit Bayernherzog Otto von Northeim, den der König absetzt, und dann mit dem Billunger Magnus, den der König schließlich dauerhaft gefangen nimmt. Heinrich versucht, Sachsen und seine Harzer Silbergruben mit Burgen und seinen Leuten zu durchsetzen. Es beginnt jene Zeit kriegerischer Auseinandersetzungen, die bis 1122 das Reich erschüttern werden. Derweil legen aufständische Slawen Hamburg und Schleswig in Schutt und Asche. 

 

1073-75 wenden sich erst sächsische Große, dann große Teile der Bevölkerung in einem machtvollen Aufstand gegen Heinrichs Praxis, Sachsen vor allem auch durch Burgenbau wohl seit 1067 stärker unter seine Kontrolle zu bekommen. Was zunächst nach Festungsbau gegen die Slawen aussieht, entpuppt sich bald für die Sachsen als Versuch, ein königliches Territorium in Konkurrenz zur Entwicklung solcher durch die (anderen) Fürsten zu entwickeln. Wie auch anderswo beginnt Heinrich hier, „die Nutzung von Wald, Wasser und Weide einzuschränken und mit >Gebühren< zu belegen.“ (KellerBegrenzung, S. 172) (*14)

 

Im alten Machtkonflikt zwischen Fürsten und König sind bis hin zum vierten Heinrich alle weniger autoritären Machtmittel für den König ausgereizt. Mit der bislang als Tugend gepriesenen clementia der Herrscher wie bei den Sachsenkaisern scheinen Konflikte nun nicht mehr lösbar. Mit dem vierten Heinrich wird das deutlicher formuliert: Er will cum iustitia pacem componere, also das Recht nun explizit als Machtmittel einsetzen. (siehe Keller(2), S.47)

Damit macht er nichts anderes als die Normannenherrscher in England und - wo immer sie können, die Kapetinger in Westfranzien unter anderen Bedingungen, aber der römisch-deutsche König stößt dabei auf heftigen Widerstand in einigen Gegenden, und nicht zufällig besonders in Sachsen. Es sind allerdings weiterhin die Interessen ganz weniger, die auf dem Rücken der produktiven Bevölkerung ausgekämpft werden.

 

Heinrich muss zunächst bis Worms fliehen, da ihn die lothringischen und süddeutschen Fürsten nicht unterstützen. 1075 dann kann er ein Reichsheer aufbieten, welches die Sachsen erst einmal niederkämpft. Ihre Führer werden grausam bestraft. Zwischenzeitlich hatten die lothringischen, schwäbischen und bairischen Machteliten bereits zeitweise dem König die Gefolgschaft verweigert, und sie werden die nächste Gelegenheit dafür wieder nutzen. (alles ausführlicher in Anhang 10)

 

Zum Hintergrund der weiteren Entwicklung gehört auch, dass der sich zunehmend nach Stammburgen benennende deutsche Adel zwecks Einkaufs in sein Seelenheil und als weiteres Zentrum seiner machtorientierten Familienpolitik Reformprozesse in "seinen" Klöstern unterstützt, die deren Ansehen fördern und die Wirksamkeit ihrer Gebete für sie unterstützen. Mit der Beerdigung dort wird dann das inzwischen entstehende Adelsgeschlecht dort ganz eingebunden. Solche Klöster werden zentralen Reformklöstern, Bischöfen oder direkt dem Papst unterstellt. Zugleich bleiben aber die meisten Bischöfe des Reiches zunächst noch kaisertreu. 

 

***Klerus und Laien***

 

Die Reform-Themen der ersten Hälfte des Jahrhunderts führten nicht zum Konflikt mit der weltlichen Macht und dem Kaiser insbesondere. Aber sie enthalten dennoch Zündstoff. Denn die Ansprüche an den Klerus, die seit der Spätantike bestehen, und mit denen nun Ernst gemacht werden soll, setzen ihn nicht nur stärker von der Laienschar ab und eben auch von weltlichen Machthabern, sondern setzen die Laien den Geistlichen gegenüber gelegentlich massiv herab. Wenn Humbert von Silva Candida, einer der heftigsten Unterstützer der gregorianischen Neuerungen, in seinem 'Adversus Simoniacos' schon am Anfang die Gegensatzpaare sanctum et profanum, mundum et immundum hintereinander setzt, also heilig und profan (weltlich), rein und unrein (schmutzig), dann schreibt er zwar nicht dazu, dass er den korrekten Kleriker und den Laien meint, sondern den den göttlichen Gesetzen, also denen der Kirche folgenden Geistlichen und andererseits den verweltlichten Geistlichen, worunter er insbesondere den versteht, der sich mit einer Gabe für die Erlangung seines Amtes bedankt hat oder diesen Dank gar hinreichend vorgeschossen hat. Aber solch ein Ketzerkleriker ist tamquam servum emptitum aut venale iumentum seu vile mancipium, also ein käuflicher Knecht, ein käufliches Lasttier oder ein wohlfeiler Sklave, wie in Laudage/Schrör versucht wird, den Satz einigermaßen in modernes Deutsch zu bringen. Was ist in dieser Tonlage dann erst der Laie, und nicht nur der habgierige Kaufmann, der erbärmliche Handwerker oder der mit Zinsen wuchernde Finanzier, sondern eben jeder, der nach irdischem Gut ohne Talar und klerikale Weihe strebt?

 

In einem Privileg Urbans II. für Rottenbuch von 1092 wird dann der Tenor für die nächsten Jahrhunderte fixiert:

Es gibt zwei Lebensformen der Menschen, eine unten, eine oben, die eine kauft die täglichen Sünden durch Tränen und Almosen los (cotidiana peccata redimens), die andere erlangt die ewigen Verdienste durch tägliche Beharrlichkeit. Diejenigen, welche die eine, geringere Lebensform beibehalten, genießen (utuntur) die weltlichen Güter; diejenigen, welche den anderen, höheren folgen, verachten die weltlichen Güter und lassen sie links liegen. (…) die erste aber ist wegen der erkaltenden Glut (decalescente fervore) der Gläubigen fast völlig verschwunden. (in Laudage/Schrör, S.188/9) Gemeint ist dabei allerdings nicht, dass die Kirche ihre Güter aufgeben soll, was schon mal gelegentlich angesprochen wurde.

 

Auffällig ist nicht nur die gerade auch schon für diesen Papst fast klassische Metaphorik aus der Welt des Handels, die dessen theologischer Akzeptanz weit vorausgeht, und die Ungeniertheit, mit der die nominell kollektiven Reichtümer der Kirche weiter wie selbstverständlich unterschlagen werden, sondern die Unfähigkeit zur Wahrnehmung von weltlicher Lebenswirklichkeit beim mönchisch erzogenen Papst, falls er denn ernsthaft meint, dass die von Gewalt begleitete Missionierung der Menschen jemals mehr christliche Leidenschaftlichkeit hervorgebracht hätte. Schließlich ist von der Religion, die der Papst vertritt, immer noch herzlich wenig bei den meisten Menschen angekommen. Dass die Masse der Menschen, die Produzenten von Nahrung und anderen Gütern, überhaupt nicht vorkommen, sondern nur der weltliche Adel, der sie ausnutzt, scheint bei mittelalterlichen Päpsten ohnehin die Regel zu sein.

 

Es geht der Kirche dabei nicht um die Einfachheit des armen und machtlosen Wanderpredigers Jesus, sondern um einen Anspruch an Reinheit, an Heiligkeit, auf dem ihre (ganz irdische) Macht beruhen und gesteigert werden soll. Reinheit, das ist sexuelle Abstinenz ohne den schützenden Kontext der klösterlichen Klausur, das ist wirtschaftliche Macht ohne das langsam sich entwickelnde Erwerbsstreben eines neuen Bürgertums, das ist Macht über die Menschen, ohne sich mit dem Schwert selbst schmutzig zu machen. Es handelt sich um religiös begründetes Elitedenken für einen Machtapparat, dem der Kern der evangelischen Religion längst abhanden gekommen ist.

 

 

Heinrich IV. und die Päpste

 

1073, während Heinrich IV. noch gegen Sachsen kämpft, kann sich Gregor VII. auf kirchenrechtlich fragwürdige Weise als Papst durchsetzen. (*15) Zwei mit von steigender Unduldsamkeit ausgestattete Machtansprüche treffen nun schnell aufeinander. Dass die aufständischen Sachsen zeitlich mit dem Papsttum Gregors zusammen treffen, ist Zufall und zugleich Glücksfall für den Papst.

 

Schon 1073 ruft Gregor VII. seine Getreuen (fideles) auf, weiter gegen die reformresistenten lombardischen Bischöfe zu kämpfen. In einem Brief berichtet er, Heinrich IV. wolle sich in seinem Sinne um die Besetzung des Mailänder Bischofsstuhls kümmern. Aber bereits 1073 werden wegen der strittigen Besetzung des Mailänder Bischofsstuhls mehrere Räte Heinrichs IV. vom Papst exkommuniziert.

 

Um 1074 kommt es über Briefwechsel zwischen Ost- und Westrom zur Idee eines päpstlichen Kriegszuges nach Kleinasien. 1076 wird Gregor einen Kroaten zum dortigen König erheben.

 

Im Kern fügt Gregor den Positionen bisheriger Reformpäpste kaum etwas hinzu, vertritt all das nur mit zunehmender Härte und Unduldsamkeit. Der behauptete Besitz absoluter Wahrheit führt bei ihm in letzter Konsequenz zu diktatorischer Macht über die Kirche und geistlicher Überordnung des Papstes über die weltlichen Mächte. (*16) So schreibt Gregor 1075 an den Mailänder Erzbischof:

Vergiss nicht, dass die Macht der Könige und Kaiser und alle Anstrengungen der Sterblichen vor dem apostolischen Recht und der Allmacht des höchsten Gottes wie Asche gelten und Spreu. (So in Weinfurter, S.116f) 

Und:

In der ganzen Weltgeschichte bis auf den heutigen Tag... fände man nicht einmal sieben Kaiser und Könige, deren Leben … religiös und durch Zeichen der Tugend ausgezeichnet sei …, während allein auf einem der Bischofsitze, dem römischen, seit Petrus fast hundert unter den heiligsten zu rechnen sind. (So in Blumenthal, S.292) (*17)

 

Im sogenannten 'Dictatus Papae', also einem vom Papst diktierten und wohl so nicht für eine Öffentlichkeit bestimmtem Text von 1075 sind die Leitlinien seiner Praxis dargelegt: Da Gott die Kirche gegründet hat, irrt sich diese niemals, und mit ihr auch nicht der Papst, der deshalb die höchste Instanz für Glaubenslehre und oberster Zensor ist. Er operiert mit Synoden, die er inhaltlich führt, und mit Legaten, denen er Gerichtsbarkeit auch über den hohen Klerus übertragen kann. Maiores cause, also von ihm für wichtig erachtete (kirchliche) Rechtsfälle kann er jederzeit an sich ziehen. Bischöfe kann er nach eigener Entscheidung einsetzen und absetzen, Bistümer neu einrichten, teilen oder zusammenlegen (Satz 25) Er kann Kaiser und damit praktisch jeden auch weltlichen Herren absetzen (Satz 12) und Untergebene von ihrem Treueid gegenüber Sündern lösen (Satz 27). Quod Romanus pontifex, si canonice fuerit ordinatus, meritis beati Petri indubitanter efficitur sanctus. Was der korrekt eingesetzte Papst macht, ist demnach zweifellos heilig. (*18)

 

Im Kern begründet Gregor, wie er an den Böhmenherzog schreibt, die Macht der Kirche (und damit des Papstes an erster Stelle) einmal damit, dass "Gott die Heilige Schrift an einigen Stellen absichtlich unklar gelassen habe, um ihre Würde zu schützen", wie Blumenthal (S.282) eindeutscht, was meint, dass nicht die Evangelien, sondern die Kirche erst den Glauben begründet, weshalb das Laien-Volk keinen Zugang in der Volkssprache haben dürfe. Er verstärkt das zudem damit, dass er betont, dass gewisse fromme Männer (quidam religiosi viri) ignorierten, dass heilige Väter (sancti patres) die Ansichten der primitiva ecclesia der Anfänge deutlich korrigiert hätten. (s.o.)

Nicht das Evangelium, Paulus und die Apostelgeschichte begründen also das Christentum, sondern nur ihre Korrektur durch die Kirche, die entsprechend absoluter Macht bedarf, um solche Korrekturen gegen schlichte Bibellektüre durchsetzen zu können. 

 

Bischöflicher Widerstand gegen ihre letztendliche Entmachtung bleibt solange stark, bis der Konflikt mit dem Kaiser und den Königen völlig zugespitzt ist. So schreibt der von Gregor VII. suspendierte Erzbischof Liemar von Hamburg-Bremen noch:

Ich glaube nicht, dass dies gegenüber irgendeinem Bischof ohne das Urteil seiner Amtsbrüder auf einer allgemeinen Synode geschehen dürfe. Aber dieser gefährliche Mensch (periculosus homo) will den Bischöfen nach Belieben befehlen, als seien sie irgendwelche Gutsverwalter (ut villicis suis), wenn sie nicht alles so ausführen, dann müssen sie nach Rom kommen oder werden ohne jedes Gerichtsurteil (sine iudicio) suspendiert(*19)

 

Das, was da besonders empören kann, ist die Umsetzung des vierten Satzes des 'Dictatus':

Dass sein Legat den Vorrang auf einem Konzil vor allen Bischöfen einnimmt, auch wenn er einen niedrigeren Weihegrad hat, und dass er gegen sie ein Absetzungsurteil fällen kann.

 

In manchem können die Bischöfe dabei auch darauf verweisen, dass Gregor ungeniert überkommenem Kirchenrecht widerspricht, und dabei selbst den Fälschungen, deren sich seine reformerischen Vorgänger schon bedient hatten. 

 

Auf der römischen Fastensynode 1075 suspendiert Gregor VII. nicht erschienene deutsche Bischöfe und lädt die 1073 wegen der Besetzung des Mailänder Bischofsstuhls bereits exkommunizierten Räte Heinrichs IV. vor. Der Konflikt um Mailand verschärft sich dann, als Heinrich entgegen vorheriger Zusicherungen seinen Erzbischof Tedald einsetzt. Gregor sendet ihm ein drohendes Protestschreiben, welches Anfang 1076 am Königshof ankommt und dort nach Veröffentlichung Empörung auslöst. (*20)

 

Der Konflikt eskaliert also vor allem auch um Mailand und allgemeiner die norditalienischen Verhältnisse, um die Gregor besonders besorgt ist. Da insbesondere die Lombardei mit kaisertreuen und anti-gregorianischen Bischöfen als Herrschaftsträgern durchsetzt ist, kocht er hier hoch und steigert sich dann erst im römisch-deutschen Königreich durch seine Verbindung mit den aufständischen Sachsen und oppositionellen Fürsten überhaupt.

 

Heinrich sorgt für ein Schreiben zusammen mit deutschen (Erz)Bischöfen, welches Gregor VII. nicht anerkennt und ihn zum Rücktritt auffordert. Darauf kommt der enorme Schritt des Papstes, den König und den Bischof von Mainz abzusetzen bzw. zu suspendieren und zu exkommunizieren.

 

Eine Fürstenopposition nutzt in Trebur am Rhein die Situation und fordert Heinrich, der mit seinem Heer in Oppenheim ist, auf, beim Papst die Aufhebung seiner Exkommunikation zu erbitten, wofür sie ihm ein Jahr geben. Heinrich zieht im Winter über die Alpen und kniet in Canossa vor dem Papst.

 

In deutschen Landen nützt ihm das nicht mehr, es geht um die Reduzierung der Königsmacht mehr als um kirchliche Angelegenheiten. Noch 1077 setzen die Fürsten Heinrich ab und wählen Rudolf von Rheinfelden. Heinrich wiederum setzt ihn als Herzog von Schwaben ab und gibt das Herzogtum an Friedrich von Büren (später Hohenstaufen). Bis zum Tod des Gegenkönigs 1080 ist Krieg zwischen beiden. Die Rheinlande und der deutsche Südosten bleiben kaisertreu, Schwaben ist geteilt zwischen dem Staufer Friedrich und dem Rheinfeldener Bertold. Den Widerstand der Sachsen kann der König nicht brechen.

 

1078/80 dann verbieten zwei römische Synoden Gregors den deutschen, französischen und englischen Herrschern zum ersten Mal explizit die Investitur der Bischöfe.

 

Heinrich zieht schließlich 1080/81 nach Italien und lässt in Brixen einen Gegenpapst als Clemens (III.) wählen. Pfingsten 1081 ist er vor Rom, aber erst 1084 kann er Rom nach zweijähriger Belagerung einnehmen, nachdem er wiederholt gegen Mathilde von Tuscien kämpft. Gregor wird abgesetzt und durch Clemens (III.) ersetzt. der den König zum Kaiser macht. Gregor, in die Engelsburg geflüchtet, ruft nun die Normannen unter Robert Guiscard zur Hilfe, die nach dem Abzug des Kaisers nach Norden Rom verwüsten. Gregor stirbt dann in Salerno unter ihrer Obhut. Der Kaiser ist zunächst Gewinner im persönlichen Konflikt, aber Mathilde beginnt, ihre Herrschaft wieder herzustellen.

 

Mit Manegold von Lautenbach und anderen zieht auf kirchlicher Seite relativ hasserfüllte Propaganda gegen den Kaiser auf, so wie es solche auch auf der anderen Seite gibt. Mit der nunmehr einsetzenden Ideologisierung von Machtkonflikten bekommen diese einen ersten "politischen" Anstrich. Dabei propagiert Manegold auch eine Art gegenseitige Verpflichtung von König und Volk, die dazu berechtigt, den König abzusetzen, wenn er sich nicht daran hält.

 

1085 belohnt der Kaiser Herzog Wratislaw von Böhmen für seine Unterstützung mit der Königskrone. Die Situation in deutschen Landen bleibt unentschieden.

 

1088 wird ein nordfranzösischer Adeliger und zuvor Prior von Cluny als Papst Urban II. (bis 1099) gewählt. (*21) In seinen Positionen an Gregor anschließend, entwickelt er sich langsam in Sprache und aktuellem Verhalten konzilianter. Aber noch 1096 wird er in einer Rede in St.Thecla in Mailand formulieren: Quod Minimus clericulus de ecclesia Dei maior est quolibet rege mortali. Der kleinste Geistliche der Kirche Gottes ist größer als jeder sterbliche König.

 

In deutschen Landen bleibt sein Einfluss, den er erst noch über Bischof Altmann von Passau und dann über Gebhard von Konstanz, zudem über Wilhelm von Hirsau und süddeutsche Adelige ausübt, eher gering. Um die Verbindung zu letzteren zu vertiefen, unterstützt er dort die adelige Klostervogtei, nachdem die Klöster unter päpstliche Aufsicht gestellt sind, und damit den Adel gegen den König (und "seine" Bischöfe, siehe Alfons Becker in: Investiturstreit, S.267).

 

Während Heinrich in den folgenden Jahren seine Macht in deutschen Landen etwas stabilisieren kann, setzt sich im Süden Opposition gegen ihn unter Leitung von Urban durch, der sich immer mehr italienische Bischöfe anschließen.

Der von Historikern als Pragmatismus bezeichnete Wesenszug des neuen Papstes erweist sich als die geschicktere Machtpolitik. Schon 1089 vermittelt er die Ehe der 43-jährigen Mathilde von Tuscien mit dem 18-jährigen Welf V., die christliche Ehevorstellungen ad absurdum führt.

 

Der Kaiser muss seinen Papst unterstützen, zieht 1090 wieder nach Italien und erringt dabei kleinere militärische Erfolge, ohne Canossa einnehmen zu können. Im Norden verstärkt sich der Widerstand von Berthold von Zähringen und Welf IV., was wohl den Abfall seines Sohnes Konrad und dessen Überlaufen zum Papst hervorruft. Urban betreibt 1093 die Ehe zwischen Kaisersohn Konrad und einer Tochter von Roger I. von Sizilien.

 

1093, als Urban in Rom einziehen kann, schließen sich Mailand, Lodi, Cremona und Piacenza gegen den Kaiser zusammen. 1093 bis 96 verbringt dieser notgedrungen und enorm geschwächt in Italien, da die Alpenpässe für die Rückkehr gesperrt sind.

 

Einen entscheidenden Übergang liefert Urban II. gegenüber den Bischöfen mit den Kompromisslinien des Konzils von Piacenza 1095: „Mitleid“, „Barmherzigkeit“ und noch viel wichtiger, der „Zwang der großen Notwendigkeit“ (cessante necessitate) führen zum pragmatischen Einlenken gegenüber dem aufmüpfigen Klerus. Immerhin hatte er in deutschen Landen bereits feststellen müssen, dass Kaisertreue Reformfreundlichkeit nicht ausschließt. Andererseits kann die ihrem Gemahl entlaufene Kaiserin Praxedis mit päpstlicher Unterstützung das Konzil als Forum für ihre Vorwürfe über das Sexualleben des Kaisers nutzen.

All das gibt Urban den Spielraum, 1095 in Clermont zum Kreuzzug aufzurufen, der nicht unter kaiserlicher, sondern unter päpstlicher Führung stattfinden soll. Jakobs spricht von einer Klimax der Kirchenreform (S.30).

 

Welf IV. erhält schließlich nach Verhandlungen Bayern, was dem Kaiser ermöglicht, in den Norden zurückzukehren. Sohn Heinrich wird als Nachfolger durchgesetzt. Es kommt zu einem Ausgleich mit den Zähringern und es herrscht etwas mehr Friede.

1099 folgt auf Urban Paschalis II. für die gregorianische Partei, der den Bann über Heinrich IV. 1102 erneuert. 1100 stirbt der Gegenpapst und Heinrich erhebt von sich aus keinen neuen. In deutschen Landen kommt es seit 1082 zum Erlass von regionalem Frieden, was Heinrich 1103 zusammen mit Welf V. von Bayern, Berthold II. von Zähringen und Friedrich I. von Schwaben mit einem mehrjährigen kaiserlichen Landfrieden krönt.

Nachdem der Kaiser 1102 zum Weihnachtsfest nach Mainz gekommen war, gibt er beim Hochamt zu Epiphanias (1103) einen Kreuzzugs-Plan bekannt und erlässt in diesem Zusammenhang einen großen Reichsfrieden, an dem zahlreiche Große des Reiches und auch die nun versöhnten Sachsen teilnehmen. Wer nun neben der Geistlichkeit und den Mönchen Kaufleute, Schiffer, Bauern, Frauen und Juden bedroht, wird unabhängig vom Stand mit harten Körperstrafen belegt. Erlaubt bleibt die reguläre Fehde: Si in via occurrerit tibi inimicus tuus, si possis illi nocere, noceas. (in: Investiturstreit, S.157)

 

Der Friede ist nun ein erster, klar (quasi gesetzlich) definierter Rechtsbegriff, der für alle im Reich Geltung hat.  Als innerer Friede wird er Prämisse und Begründung für Staatlichkeit werden. Die Landfrieden des 12. Jahrhunderts werden "schließlich dem einst freien, sein Land bebauenden und das Schwert führenden Manne (verbieten), eine Waffe zu tragen." (Fried, Formierung Europas, S.29) Der Aufstieg des Staates verläuft so über die schrittweise Entmachtung seiner ihm Untergebenen. Friede war bislang das, "worauf sich Rechtsgenossen einigen konnten. Ein vom König befohlener Friede musste demgegenüber als systemwidrig empfunden werden, missachtete er doch die Spielregeln der gewohnten Friedenswahrung." (Weinfurter, S.S.38/39). Der Widerstand gegen den Kaiser nimmt wieder zu.

Andererseits sind es Fürsten unterhalb des Königtums, die sich diese Neuerung zuerst zunutze machen. Darunter werden alle lernen müssen, dass Staatlichkeit  schließlich eine Form geregelter Unfreiheit ist.

 

 

Die anderen Königreiche

 

Westfranzien (siehe Anhang 22)

 

Die Konzentration auf die im Zentrum des Westreichs liegende Hausmacht des Königtums fördert eine ins 12. Jahrhundert weiter zunehmende Zentralisierung, die sich auf wenige Königsstädte reduziert, wobei Paris als Residenz bereits zunehmend Orléans ablöst. Ein das ganze Reich umfassendes Reisekönigtum wie unter den Saliern findet mangels Autorität nicht statt.

 

Die königliche Macht erweitern kann nicht wie über die Etablierung königlicher Machtpunkte in den vielen Regionen des römisch-deutschen Reiches versucht werden, was allerdings auch dort dann scheitert, sondern nur über die Perspektive der Intensivierung und Erweiterung der königlichen Hausmacht, was im 11. Jahrhundert nur langsam gelingt. Aber genau das wird dann anders als in deutschen Landen später zu einer erfolgreichen royalen Perspektive, ebenso wie die Nutzung dort allgemeiner feudaler Strukturen, also der Tatsache, dass alles Land sich in Lehnsverhältnisse einfügt.

 

Mit einer allgemeinen Klimaerwärmung und der Intensivierung und Extensivierung der landwirtschaftlichen Produktion einher geht die Bevölkerungsvermehrung. Die châtellains (Burgherren) und kleinen Grafen bauen ihre Herrschaften aus, welche die das Land Bearbeitenden mit ihrer Arbeit so wie die sich entwickelnden Städte finanzieren. Die ersten Hörigen kaufen sich bereits von Dienstleistungen und anderen Verpflichtungen frei und ersetzen sie durch feste Abgaben. Nicht mehr so sehr die Person, sondern vielmehr die Produktion wird nun "besteuert". (Jean Favier). "Außerdem hielt sich der Grundherr aufgrund der Finanzierung der Infrastruktur - Straßen und Brücken, Märkten und Messen, Keltern und Mühlen - zur Erhebung einer Benutzergebühr in Form von Banngerechtsamen befugt. (…) Die Macht, Zwang auszuüben - der eigentliche Kern der Bannherrschaft - ließ Ende des 11. Jahrhunderts an Straßen und schiffbaren Flüssen eine Vielzahl von Zollschranken entstehen. (…) Diese Art der grundherrlichen Besteuerung aber kannte keine Freien und Unfreien mehr, sondern nur noch Bauern." (Favier, S.65) Damit aber entsteht nach und nach wie in Ostfranzien eine neue bäuerliche Schichtung in Wohlhabende, arme Bauern und Tagelöhner.

 

Philipp I. (1060-1108) gibt seine in mehrere Grafschaften aufgeteilte Krondomäne immer noch kein deutliches Übergewicht gegenüber den übrigen westfränkischen Fürsten. Immerhin gelingt ihm die Übernahme des Gâtinais und die Annektion des Vexins als Einfallstor in die Normandie. Er ist inzwischen immerhin reich genug, um noch die Vizegrafschaft Bourges dazu zu kaufen.

 

Seit 1066 nimmt der Konflikt mit den anglonormannischen Herrschern deutlich zu, in dem sich der König mit Fürsten verbünden muss. Eine ganze Weile gibt es auch wegen Simonie-Vorwürfen Drohungen Gregors VII. mit Bann und Absetzung.

 

Die Schaffung eines West-Reiches kann auch das mit dem Papst-Kaiser-Konflikt beginnende Feindbild des Imperiums als direktem Konkurrenten fördern, welches gegen Ende des Jahrhunderts im Bündnis mit den kaiserfeindlichen Päpsten Konturen gewinnt und sich hundert Jahre später in nunmehr "französischer" Übermacht gegenüber dem Kaiserreich und Interventionen in "deutsche Angelegenheiten" äußern wird.

Schon im 11. Jahrhundert wird klar, dass der Kaisertitel in "deutschen" Händen nicht mehr bedeutet, dass es irgendeine Form östlicher Oberhoheit über das Westreich gibt, zudem ist die Trennung endgültig, auch wenn die Grenzlinie keine klar ethnische ist und auch nicht so gedacht wird.

 

Damit tritt immer mehr Abgrenzung und Konkurrenzverhalten in den Vordergrund. Nicht einmal der Kampf gegen die islamischen Eroberer der sogenannten heiligen Stätten im vorderen Orient wird noch solide Einigkeit erzeugen. Otto von Freising erwähnt für den ersten der Kreuzzüge die Francos Romanos et Teutonicos, qui quibusdam amaris et invidiosis iocis frequenter rixari solent, die sich in bitteren und gehässigen Scherzen hänselten, wie Adolf Schmidt übersetzt (Ottos Chronik, S.508), wobei das allerdings in höherem Maße erst für die nächsten Kreuzzüge gelten wird.

 

Mit Papst Leo IX. mischt sich die Kirchenreform bereits in die französischen Verhältnisse ein. 1049 werden in Reims simonistische Bischöfe abgesetzt, und 1054 wird Berengar von Tour gemaßregelt. Aber die Machtkonflikte mit der Reform-Kirche fallen nicht so sehr wie in deutschen Landen mit denen mit Fürsten zusammen, deren Macht die Kapetinger vorläufig respektieren müssen, und auch nicht mit den Bistümern, die im Westreich nicht so reich und mächtig sind, und auf deren Mehrzahl der König ohnehin keinen Einfluss hat.

 

1101 findet für Beauvais eine Doppelwahl statt. 1104 erwächst daraus am konkreten Beispiel ein durch Ivo von Chartres Unterscheidung zwischen dem geistlichen und dem weltlichen Amt der Bischöfe geförderter Kompromiss ohne Ausformulierung wie später beim Wormser Konkordat. Voraussetzung für die französische Lösung war die förmliche Trennung König Philipps von seiner zweiten Frau Bertrada 1104, von den Päpsten Urban und Paschalis immer wieder gefordert (vgl. Großabschnitt Abaelard und Heloysa). Der König konnte damit wieder in den Schoß der Kirche aufgenommen werden.

Auf kanonische Wahl erfolgt der königliche Verzicht auf die Investitur mit Ring und Stab, der König weist den Bischof aber dann in seine Ämter ein und lässt sich fidelitas versprechen.

1107 wird das Bündnis in Saint-Denis feierlich beschworen, darunter auch, ganz besonders dem Kaiser Heinrich tapfer Widerstand zu leisten (audacter resistere), wie Abt Suger berichtet.

Eine hochrangige deutsche Delegation mit mehreren Bischöfen, Welf V. und Berthold von Zähringen macht sich zwar zu Verhandlungen mit dem Papst auf, kommt aber zu spät an. Suger beschreibt verächtlich Auftreten und Benehmen der deutschen Barbaren, insbesondere von Welf.

 

 

England (siehe: Anhang 21)

 

Nach Edwards Tod wird der Earl Harold von Wessex zum König ausgerufen, wogegen der norwegische König Harald Hardrada sowie Wilhelm von der Normandie aufbegehren. Während der erstere 1066 in Yorkshire von Harold geschlagen wird, landet Wilhelm bei Hastings, besiegt dort dann Harold und erringt die Königskrone. Er überzieht das Land und insbesondere die Städte mit Zwingburgen, die er mit seinen mitgebrachten und nachziehenden Leuten besetzt. Von ihnen aus kontrolliert der König das Land. In diesen großen königlichen Zwingburgen sitzen zukünftige "Barone". Ansonsten fügt er sich in die ohnehin eher zentralistischen angelsächsischen Traditionen ein.

 

Zunächst wird das Land in mehreren Jahren brutal unterjocht und die weltliche angelsächsische Herrenschicht wird sehr schnell fast komplett enteignet.

Neben die neue weltliche Herrenschicht tritt dann auch eine neue, landfremde geistliche: Mit einer Ausnahme sind die Bischöfe Normannen, "Franken" oder Lombarden. Das bisherige Krongut eignet sich Wilhelm selbst an und verdoppelt es durch Enteignungen. Große Grenzgebiete nach Wales (Marken) werden an normannische Große abgegeben. Magnaten als später so genannte tenants-in-chief geben die Hälfte ihres Landes als Lehen an tenants als enfeoffments weiter. Neben solchen Magnaten, der Kirche und den Klöstern gibt es 6000 bis 8000 neue Landbesitzer.

 

Tenants-in-chief leisten dem König homagium und sind in der Summe verpflichtet, dem König rund 5000 Ritter zu stellen. Alles das findet nun auch im Verhältnis zwischen den tenants-in-chief und ihren tenants wiederum statt. Diese alle sind als Landhalter und nicht produktiv arbeitende Krieger neuer altfranzösisch-sprachiger Adel, dessen unterste Schicht als Ritter (chevaliers, später knights) bezeichnet wird, die im 12. Jahrhundert sich nach unten von dem nun als Gentry ausgegrenzten ländlichen Kleinadel absetzen wird.

Unterhalb der tenants, also derer, die derart über Land verfügen, existiert die Masse der Bevölkerung, der eigentlichen Produzenten auf dem Lande.

Insofern lassen sich die Machtstrukturen ähnlich wie bald auch im französischen Königreich als feudal bezeichnen, da nun in der Theorie alles Land sich von den Königen ableitet, also anders gesagt keines ohne Herr mehr ist.

 

Der neue Herrscher verbindet die stärker zentralistischen Strukturen, die angelsächsische Herrscher hergestellt hatten, mit denen aus der Normandie. Er übernimmt so die Steuer auf Landbesitz, die die Angelsachsen geld nannten, und das nun lateinische Urkundensystem der königlichen writs sowie die königlichen Münzen. Er bleibt dabei Reisekönig, der überwiegend wie seine unmittelbaren Nachfolger von der Normandie aus herrscht.

 

In England wie in der Normandie werden die Untervasallen der Vasallen direkt an den Herrscher gebunden, da jedes Lehen nun mit dem Recht des Eroberers vom König stammt und alles Land mit dem Recht des Eroberers in Lehen aufgeteilt ist.

In den Quellen taucht bald häufiger das Wort feodum (fief / fee) auf, welches aber bald stärker noch als auf dem Kontinent dazu neigt, als erblich betrachtet zu werden. Die Barone werden wie in der Normandie unter königliche Kontrolle (hier der sheriffs) gestellt. 1086 lässt sich der König von allen Landbesitzern einen Treueid schwören. Mit dem Domesday-Book werden die Eigentumsverhältnisse notiert und ein zentrales königliches Finanzsystem nimmt seinen Anfang. Abgaben werden unter Wilhelm Rufus dann immer brutaler eingetrieben.

 

An der Spitze des Landes stehen nun rund 200 mächtige tenants-in-chief, wie sie später heißen werden, zunächst romanisch counts und barons genannt. Aus Sheriffs werden vorübergehend viscounts. Der feudale Komplex aus Land und Rechten heißt honor in lateinischen Texten, was später zur honour wird.

Darunter stehen rund 1000 tenants mit jährlichen Einkommen von wenigstens 5 Pfund, die fiefs halten, die später zu fees werden,  und wiederum darunter kleinere Herren mit manchmal nur einer hide Besitz. (Dyer, S.85)

Jeder Mann leistet seinem Herrn einen Eid der fealty (Treue), wie es dann anglisiert heißen wird und vollzieht die homage (Mannschaft). Er muss aid und council leisten und bei Todfall und Erbe relief zahlen, alles romanisches Sprachgut vom Kontinent.

 

Das neue Reich hat zwei Besonderheiten: Einmal existiert eine frankophone Oberschicht, in die sich Aufsteiger dann im Laufe der Zeit integrieren. Unter dieser dünnen Oberschicht gibt es eine angelsächsische Bevölkerung, in die sich nach und nach eine große skandinavische Minderheit integrieren wird.

 

Besonderheit von großer Tragweite ist das Ausgreifen der neuen "englischen" Krone nach dem Festland, vermittelt über die schon immer recht selbständige Normandie, was dann bekanntlich über die Verschränkungen beider "Länder" zu einem Zugriff auf große Teile des formal unter "französischer" Herrschaft stehenden Reiches führen wird.

 

Die nun anglo-normannischen Herrscher setzen die Bestrebungen nach Ausweitung ihres Hoheitsraumes in Richtung Cornwall, Wales und Northumbrien fort, immer in Richtung auf einen britannischen Herrschaftsraum. Das interferiert dann in Zukunft mit "englischen" Festlands-Interessen. Klar ist, dass es sich nicht um völkische Interessen handelt, sondern wie in allen Nachfolgeregionen des Karolingerreiches um dynastische, also im weitesten Sinne Familieninteressen. Nur in ihrem Gefolge werden im Laufe der Zeit die neuartigen "Völker" als Untertanen-Verbände entstehen.

 

Für die Entstehung von Kapitalismus spielt England weiterhin eine Rolle am Rande, vermittelt über Seehandelsstädte wie York und London, und weniger durch eigene Produktion von Fertigprodukten für einen europaweiten Markt als durch die Lieferung von Rohstoffen, von Wolle vor allem und dann auch von Metallen. Selbst der Seehandel ist in den Händen kontinentaler Kaufleute: England ist noch weit entfernt davon, eine Seemacht zu werden.

 

Henry I. legt 1100 ein für die Verfassungsentwicklung wichtig werdendes Krönungsgelöbnis ab. Es kommt zum Konflikt mit Erzbischof Anselm von Canterbury, weil dieser den Lehnseid verweigert. 1105 bannt Paschalis II. königliche Räte. Aber den englischen Königen gelingt es gegenüber den Päpsten, ihre Macht über die Kirche weitgehend zu behalten. Vereinbart wird 1107, dass Bischöfe und Äbte unter königlicher Aufsicht gewählt werden und vor der Weihe bereits ihre weltlichen Würden bei Lehnseid, aber ohne Investitur mit Ring und Stab erhalten. Die Spiritualien und Temporalien sind getrennt.

 

Süditalien (siehe Anhang 11)

 

Es gelingt Robert ("Guiskard"), zum wichtigsten Anführer der Normannen zu werden. Richard von Aversa erobert derweil das Fürstentum Capua und weitere Grafschaften, aus denen er langobardische Adelige vertreibt.

Nun wird Kalabrien mit Unterstützung von Bruder Roger, der einen Teil erhält, weiter erobert, und Aufstände einzelner normannischer Häuptlinge werden unterdrückt.

 

1059 wird Robert in Reggio von seinem Heer zum Herzog von Apulien ausgerufen. Er erhält seine Territorien von Nikolaus II. mit dem Titel eines dux Apulie et Calabrie et (…) futurus Sicilie samt Melfi und dem erst noch zu erobernden Sizilien als Lehen, nachdem er dem Papst die Treue schwört. Das verpflichtet ihn auch in eigenem Interesse zur Re-Christianisierung und Re-Latinisierung Süditaliens. Zugleich erklärt der Papst Richard ("Drengot") zum Fürsten von Capua. Damit bleiben die beiden Herren Süditaliens aber Konkurrenten.

 

Dem Normannen Robert gelingt es 1071, Bari den Byzantinern abzunehmen und das letzte langobardische Fürstentum Salerno zu erobern, während sein jüngster Bruder Roger I., erst kürzlich in Süditalien eingetroffen, mit der Eroberung des reichen Siziliens unter muslimischer Herrschaft beauftragt wird. Der erobert 1072 mit Palermo eine Stadt von mehr als 100 000 Einwohnern und bis in die neunziger Jahre die ganze Insel.

1074 wird Robert von Gregor VII. gebannt, was erst 1080 aufgehoben wird.

1077 belagert Richard (Drengot) von Capua im Zusammenspiel mit Robert Guiskard nach Versöhnung der beiden das Neapel des Sergius V., wiewohl der meist mit den Normannen verbündet war. 1098 wird  Capua von den Hautevilles belagert und eingenommen. In diesem Jahr gibt ihnen Urban II. das Privileg, gegen ihren Willen keinen Legaten für Sizilien zu bestellen.

 

In wenigen Generationen gelingt es relativ wenigen Leuten, sich erst große Teile Süditaliens und dann Sizilien zu unterwerfen und mit einem normannischen Königreich ab 1130 das einzige zentraler organisierte Machtgebilde in Italien zu schaffen, welches im 12. Jahrhundert dann erste Züge moderner Staatlichkeit erhält, die unter den letzten Staufern noch ausgebaut werden.

 

 

Byzanz und der erste Kreuzzug

 

Der Dschihad des Korans als das Eifern für den Islam hat von Anfang an eine militärische Komponente, die sich in der Einigung Arabiens und dann der Expansion  über einen Großteil der bekannten Welt ausdrückt. Das ist aber zunächst weniger der Mission als dem weltlichen Machtstreben geschuldet. Die religiöse Komponente nimmt dann im 11. Jahrhundert zu.

 

Die christliche Reformkirche gewinnt im 11. Jahrhundert einmal zunehmend an verbaler Militanz, unterstützt andererseits Kriege, die sie förderungswürdig findet und wird in Einzelfällen selbst gewalttätig. (*22)

 

Auf christlicher Seite kommt es nun zum Zurückdrängen der islamischen Herrschaften auf der iberischen Halbinsel über den Norden Kataloniens und die Gebiete nördlich der Meseta hinaus.

Schon vor dem ersten Kreuzzug in den Orient werden christliche Konkurrenten der weltlichen Macht der Päpste mit mehr oder weniger heiligen Kriegen überzogen. Als Leo IV. mit deutschen Rittern Mitte des 11. Jahrhunderts im südlichen Mittelitalien gegen die Normannen zieht, verspricht er ihnen "Straflosigkeit ihrer Verbrechen, Erlass der Bußstrafen und Absolution von ihren Sünden." (Mitterauer(2), S.206) Inzwischen wird deutlicher zwischen ewigen und zeitlichen Sündenstrafen unterschieden, wobei nach der Absolution kirchlich verhängte Bußleistungen übrig bleiben.

 

Ein Vorläufer des "ersten" Kreuzzuges ist der Zug gegen Barbastro in Aragon 1064, an dem Ritter aus Westfranzien, der Normandie und Burgund teilnehmen. Der Papst verspricht einen Erlass der Bußstrafen.

Zugleich fördert die Kirche die Vertreibung muslimischer Herrscher (sogenannter Sarazenen) aus dem Süden Italiens, woran sich dann dort auch Normannen beteiligen, bis sie die ganze Region übernehmen.

1087 unternehmen italienische Seestädte eine "Expedition" gegen zwei nordafrikanisch-islamische Städte, wofür der Papst ihnen die Petersfahne und Ablass gewährt. 

 

Während im Westen die islamischen Mächte weiter zurück gedrängt werden und sich in Spanien ihre gelegentliche (militärische) Unterlegenheit zu erweisen beginnt, ist ihr Vormarsch im Osten unübersehbar.

Zunächst gewinnt Byzanz in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts die Herrschaft über das christliche Armenien, und Armenier siedeln sich nach Kappadokien und Kilikien um. Aber 1056 sterben mit Kaiserin Theodora die Makedonenkaiser aus, und Ostrom wird nun erheblich geschwächt.

1071 verliert Ostrom nicht nur Bari an die Normannen, sondern nach der Schlacht von Mantzikert am Vansee auch Armenien, und weitere Armenier ziehen nach dem Südosten Kleinasiens. In Kilikien wird sich ein relativ freies Klein-Armenien bis 1375 halten, wenn es Mamelucken übernehmen.

 

1055 zieht der Seldschuke Toghrul in Bagdad ein und erhält vom Kalifen den Titel Sultan und Emir des Osten und Westens. Sohn Alp Arslan zieht in Überfällen bis nach Iconium (Konya) und nach Syrien, und dessen Sohn Malik Schah erobert Mekka, den Jemen, Damaskus und 1080 Jerusalem. Er bewegt sich nun in Richtung Ägypten. Nach seinem Tod zerfällt das Reich in einzelne Fürstentümer, von denen sich das von Konya stabiler hält. Südlich des Kaspischen Meeres leisten schiitische Nizariden Widerstand.

 

Inzwischen hat das Turkvolk der Petschenegen das Donaudelta besetzt und marschiert gegen Konstantinopel. Die bedrohliche Situation führt in Byzanz zu einer Militarisierung, die aus Landbesteuerung und der von Handwerk und Handel finanziert wird. Das ist möglich durch steigende Produktion von Keramik, Glasprodukten und Textilien (Seide) nicht zuletzt in Konstantinopel selbst, die bis nach Westeuropa und Ägypten exportiert werden.

Mit den Pronoia werden Ländereien für militärische und andere Dienstleistungen auf Lebenszeit übertragen, - mit einer gewissen Ähnlichkeit zum Lehnswesen.

 

Einerseits kämpfen normannische Söldner längst im byzantinischen Heer, andererseits greifen die Normannen zwischen 1081 und 1085 unter Robert Guiskard und Sohn Bohemund zweimal vergeblich den oströmischen Balkan mit päpstlicher Unterstützung an. 1087 müssen dann die Petschenegen vor Konstantinopel zurückgeschlagen werden, und werden mit Unterstützung hunderter flämischer Ritter 1091 vernichtend geschlagen. 1092 stirbt Malik Schah.

 

1095 haben sich die Beziehungen des Papstes zu Byzanz verbessert, und auf einem Konzil zu Plaisance kommt es zum Hilferuf des Ostkaisers.

 

Noch mitten im sogenannten Investiturstreit mit dem West-Kaiser ruft Papst Urban II. darauf 1095 in Clermont als eine Art Kriegsherr zur bewaffneten Pilgerfahrt nach Jerusalem auf. Laut Fulker von Chartres sagt er:

Auf dass sie also in den Kampf gegen die Ungläubigen ziehen, ein Kampf, der sich für die lohnt, die teilnehmen und den Sieg erringen, und die sich bislang privaten und missbräuchlichen Kriegen hingegeben haben, zum großen Schaden der Gläubigen! Sie seien nun Ritter Christi, die bislang nur Räuber waren! Auf dass sie nun mit gutem Recht gegen die Barbaren kämpfen, diejenigen, die bislang gegen ihre Brüder und Verwandten gekämpft haben! Sie werden ewige Entschädigung erhalten, diejenigen, die sich bislang für einige elende Pfennige zu Söldnern machten. (Historia Hierosolymitana).

 

Ziel ist nicht die Unterstützung von Byzanz, sondern die Eroberung der "heiligen Stätten", wobei der Papst im Namen seines Gottes mit Absolution und Vergebung der Sünden für die aufwartet, die unterwegs oder im Kampf sterben.

Bis ins 13. Jahrhundert heißt es noch nicht Kreuzzug (von cruce signati), sondern (bewaffnete) Pilgerfahrt, Wallfahrt. Dazu macht der Pilger ein bindendes Gelübde und wird dafür von allen Schulden und ähnlichen Verpflichtungen befreit. Er untersteht von nun an der kirchlichen Gerichtsbarkeit. Ein päpstlicher Legat wird mitziehen.

 

Urbans II. Kreuzzugsaufruf von 1095 entspricht einmal dem Streben des damaligen Papsttums nach Dominanz über die weltlichen Mächte, zum anderen aber auch dem päpstlichen Interesse, mit der Abwehr des Islam im Osten die päpstliche Autorität dort zu steigern. Zudem soll die allgegenwärtige ritterliche Gewalttätigkeit instrumentalisiert und umgelenkt werden.

 

Im Kern wird das umgesetzt, was sich schon in den letzten Jahrzehnten päpstlicher Politik angedeutet hatte: Nicht mehr fürstliche oder königliche Machtgier soll Kriege ausmachen, sondern eine religiöse Begründung. Daraus werden nun Fürsten und Könige lernen und ihre kriegerische Machtentfaltung immer mehr ideologisieren.

 

Teilnehmer sind vor allem kleine westfränkische und süditalienisch-normannische Herren, denen neben der Aussicht auf Beute eben auch der Erlass der Kirchenstrafen auf ihr sündiges Leben versprochen wird. Der Papst zieht noch eine Weile umher, immer wieder seine bewaffnete Wallfahrt propagierend. Fürsten von der Normandie bis ins Toulousain sammeln Ritter um sich, die 1096 losziehen wollen.

 

Derweil sammeln Volksprediger wie Gottschalk und Volkmar Volk hinter sich, welches den Rhein herauf zieht und in mehreren Städten Pogrome an Juden begeht. Im weiteren Zug sterben immer mehr von ihnen und keiner kommt denn auch im "heiligen Land" an. In Mainz beispielsweise besitzen danach der Erzbischof und einige seiner Verwandten Gelder aus jüdischem Besitz (Althoff(6), S.225).

Eine weitere Gruppe unter Peter von Amiens schafft es bis Konstantinopel, und beginnt dann nach Übersetzen über den Bosporus mit Plünderungen, um bald darauf vom Sultan von Rum vernichtet zu werden.

 

Das eigentliche Ritterheer wird in Konstantinopel genötigt, sich auf den byzantinischen Herrscher zu verpflichten, hat aber dann weit überwiegend nicht vor, sich daran zu halten. Das eigentlich byzantinische, muslimisch besetzte Nicaia wird geplündert, dann geht es über den Taurus und nach Kilikien. In Edessa wird von Balduin von Boulogne unter Vertragsbruch ein Kreuzfahrerstaat gegründet. Antiochia wird 1098 nach langer Belagerung eingenommen und zu einem Fürstentum Bohemunds, des alten Feindes von Byzanz. Der Normanne Tankred erhält Tripolis.

Das Ganze endet mit der Eroberung Jerusalems und dem von einigen Quellen behaupteten Abschlachten von Teilen der dortigen (muslimischen und jüdischen) Bevölkerung. 1200 wird Balduin, Bruder von Gottfried von Bouillon, König von Jerusalem.

 

Die meisten italienischen Seestädte zögern zunächst wegen ihrer Handels-Beziehungen zum Islam mitzumachen, werden dann aber vom Papst unter Druck gesetzt.

 

Bohemund kehrt 1104 nach Italien zurück, sammelt ein Heer und greift dann Byzanz in Dalmatien an, scheitert aber erneut an Durrachium (Durazzo).

 

Die nun einsetzenden Kreuzzüge, eine Besonderheit des lateinischen Christentums und Etappe im Aufstieg des Papsttums, führen dabei zu eher instabilen und auf die dauerhafte europäische Unterstützung angewiesene christlichen Herrschaften in einigen Gegenden, welche die Gefährdung von Byzanz aus dieser Richtung kaum aufhalten, und die stattdessen vor allem den Aufstieg des Fernhandels italienischer Seestädte fördern. Andererseits verstärken sie ein propagandistisches Verwandeln von Kriegern in "edle Ritter", welche sich nun auch kirchlich geadelt fühlen dürfen.

 

 

Heinrich V.

 

1098 wird Heinrichs IV. Sohn gleichen Namens anstelle des aufständischen Konrad zum Thronerben ernannt. Ende 1104 kommt es zum Aufstand des Sohnes mit einigen jüngeren Hochadeligen. Vielleicht tritt der Sohn dabei im Bündnis mit Teilen des Hochadels gegen die Neigung des alten Vaters an, sich mit Städten und Ministerialen zu verbünden. Bevor es zur Schlacht kommt, nimmt der Sohn mit einer heimtückischen List seinen Vater gefangen und zwingt ihn zum Rücktritt. Der kann dann zwar 1106 entkommen, stirbt aber in Lüttich, bevor er Erfolge über den Sohn erzielen könnte.

 

Heinrich V. ist zunächst an der Ostgrenze beschäftigt. Ihm gelingt es erst einmal, anders als sein Vater in einem gewissen Konsens mit den deutschen Fürsten zu agieren, wofür er auch 1106 Lothar von Supplinburg zum Herzog von Sachsen macht. Der König kann dies aber nicht dauerhaft unter seine Kontrolle bekommen, ebenso wenig wie stattliche Teile von Niederlothringen, wo sich Reichsflandern immer mehr verselbständigt und auch die Friesen ein Eigenleben führen. Dabei setzt er weiter Bischöfe in deutschen Landen ein. 

 

Nachdem es zum Bündnis des Papsttums mit der französischen Krone kommt, verlobt sich Heinrich mit der anglonormannischen Königstochter Mathilde, die er später heiratet.

 

Darauf zieht er 1111 mit einem besonders großen Heer nach Italien, noch im Einvernehmen mit dem mitziehenden deutschen Episkopat. Dort verselbständigen sich die Städte immer mehr. Mit Papst Paschalis kommt es kurz vor Rom zu einer ersten nicht öffentlichen Übereinkunft über die Trennung von geistlicher und weltlicher Bischofs-Einsetzung und dem Verzicht auf weltliche Herrschaft der Bischöfe, die alle von Königen je geschenkten Güter an das Königtum zurückgeben sollen. Als all das dann in Rom bekannt wird, sind die deutschen Bischöfe empört.

 

Heinrich wird darauf, nach kurzer Gefangennahme des Papstes, zum Kaiser gekrönt. Eine erzwungene Übereinkunft mit dem Papst (kanonische Wahl und dann königliche Investitur mit Ring und Stab) zerbricht dann wieder an den Protesten der Reformer. 1112 wird der Kaiser exkommuniziert. In den folgenden Jahren wird bei Wieder-Aufnahme der Politik gegenüber den Fürsten auch der Konflikt mit ihnen erneut stärker, wobei es vor allem zum Abfall von Sachsen unter Lothar und in den Rheinlanden mit Köln 1114 und mit Erzbischof Adalbert I. von Mainz an der Spitze kommt. Unterstützung gibt es aus Bayern und von den Staufern in Schwaben. 1115 wird ein kaiserliches Heer am Welfesholz bei Mansfeld von den Sachsen vernichtet und Heinrich verliert den Zugang dorthin zum größten Teil.

 

1116-18 zieht er erneut nach Italien, um das Mathildische Erbe in Tuscien zu übernehmen. Nach einigen Erfolgen dort, als Paschalis 1117 aus Rom flieht, wo sich Heinrich von einem Erzbischof krönen lässt, zeigt sich im Norden die mangelnde Unterstützung, und der Kaiser muss zurückkehren. Paschalis stirbt und ein Gelasius wird sein Nachfolger. Als dieser flieht, wird Calixt II. 1119 zum Papst gewählt.

Während der Kaiser nun in deutschen Landen kämpft, gehen Boten zum Papst hin und her. 1221 wird der Kaiser in Würzburg von den Fürsten zur Aussöhnung mit dem Papst verpflichtet. (*23)

 

Kompromisslinien deuteten sich schon 1111 an, als der Papst die Trennung in Temporalia und Spiritualia auch als solche zwischen Klostervogtei und Unterstellung unter den Papst im deutschen Südwesten vor allem hinnimmt. Aber sie deuten sich auch überall dort an, wo deutsche Bischöfe einerseits die königlich-kaiserliche Partei ergreifen, andererseits beispielsweise die Klosterreformen unterstützen.

 

Es dauert dann noch mehrere Jahre der Verhandlungen bis zum Wormser Konkordat von 1122. Die Kirche investiert von nun an mit Ring und Stab. Die Bischöfe sollen durch die Domkapitel gewählt werden. Dafür dürfen kaiserliche Vertreter bei der Wahl der deutschen Bischöfe und Äbte dabei sein, und der Gewählte wird dann mit den Hoheitsrechten, die mit seinem geistlichen Amt verbunden sind, vom Kaiser durch das Zepter belehnt. Tatsächlich bleibt die Einsetzung von Bischöfen eine Machtfrage.

Während im deutschen Teil des Kaiserreichs die Verleihung der Regalien durch den Kaiser vor der Weihe vorgesehen ist, soll sie in Italien und Burgund erst nach der Weihe erfolgen, weshalb dort der Einfluss des Kaisers auf die Einsetzung von Bischöfen stärker verloren geht.

 

Der auch für die Entwicklung des Kapitalismus wichtige Vorgang in dieser Zeit ist die grundsätzliche Trennung von Kirche und weltlicher Macht, welche aus einer kirchlichen Reformbewegung hervorgeht, die als solche aber substantiell weitgehend scheitert. Weder gelingt es, das Zölibat der Priester allgemein durchzusetzen, noch, jene Korruption abzuschaffen, die kirchlich als Simonie bezeichnet wird, und die allen Ämtern und Institutionen im weitesten Sinne auch im weltlichen Raum zu eigen ist. Die Kirche begreift sich zwar deutlicher als geistliche Institution, bleibt aber im Kern eine vor allem weltliche Macht im Reich.

 

In der Trennung in temporalia und spiritualia formuliert sich eine erste Tendenz zur Säkularisierung der Gesellschaft, wie sie sich zunächst in einer Dichtung niederschlägt, in der Kirche und Religion nur am Rande vorkommen, von der Liebeslyrik zwischen Katalonien und der Toskana und Sizilien über die ritterliche Epik von Nordfrankreich bis in die deutschen Lande, und dann auch einer Prosa, in der es zunehmend auch zu Angriffen auf die Kirche in Gestalt ihres Klerus kommen wird.

 

Mit dem Schlachtruf von der libertas ecclesiae in der Westkirche wird zudem die endgültige Trennung von der oströmischen Kirche vollzogen, die wesentlich stärker in den weltlichen Machtapparat integriert bleibt. Wichtiger noch ist, dass mit der dogmatischen Verengung der römischen Kirche eine sich davon lösende weltliche Öffnung für einen etwas offeneren Diskurs einhergeht, der mehr als ein Jahrhundert später in die ersten Universitäten münden wird, die ihre ganz eigene libertas unter dem Dach der Kirche zu praktizieren versuchen. Dieser "Markt" eines offeneren Austausches von Ansichten über Mensch und Welt geht einher mit der zunehmenden Privilegierung von städtischer Produktion und eines Marktes von Waren. Die Freiheit, die die Kirche für sich in Anspruch nimmt, findet zunächst in Bischofsstädten ihren Widerpart in ersten bürgerlichen Freiheiten, und zwar vor allem in der Nordhälfte Italiens und entlang des westlichen Mittelmeeres bis nach Katalonien. Erste Ansätze in diese Richtung werden dann auch nördlich der Alpen gegen Ende des Jahrhunderts sichtbar.

 

Die Reformbemühungen führen zunächst weiter zu fromm-asketischen Gründungen von Klöstern wie dem von Fontevrault, der Karthause und jener der Zisterzienser. (Siehe Anhang 12) Zugleich wird aber weiter über Verweltlichung geklagt. Derweil geraten die alten nicht reformierten Benediktinerklöster in immer größere Schwierigkeiten.

 

Das Gesicht des frühmittelalterlichen Kaisertums verändert sich massiv, es verliert seine theokratischen Züge und öffnet sich einem rationalen Pragmatismus der Macht, der im Staufer Friedrich II. kulminieren wird, der an päpstlicher, sehr weltlicher Machtpolitik unter anderem scheitern wird.

Im sogenannten Investiturstreit verfällt jene besondere "geistliche" Qualität, mit der Karl und die Ottonen das Kaisertum aufgeladen hatten. Wenn die Staufer dann versuchen, wieder auf Karl d.Gr. zu rekurrieren, wird das nicht mehr dasselbe sein. Die "Entsakralisierung des Herrscheramtes" (Ernst-Dieter Hehl in Schneidmüller/Weinfurter, S. 18) ist nicht mehr aufzuhalten. Der Rekurs auf das römische und d.h. vorchristliche Recht wird unumgänglich, und zwar ohne christliche Ausdeutung. Damit beginnt der Aufstieg der Rechtsschule von Bologna. Ohne all das bleibt der Prozess der Verweltlichung auf dem Weg ins und besonders durch das Hochmittelalter unvollständig. Die Regalien, also die königlichen Rechte, werden dabei einer vernünftigen Klärung zugänglich, während die Vernünftigkeit im päpstlichen Bereich  sich in Dogmatismus verlieren wird. Zugleich beginnt die Scholastik, in die Kirche mit einer Vernunft einzudringen, die selbst den sakralen Charakter der Kirche von oben zerstören wird.

 

Was mit Max Weber als Entzauberung der Welt" beschrieben hat, beginnt auf der Ebene des klaren Denkens der Wenigen. „Aber: nun ging der Zauber erst richtig los, die französischen und englischen Könige begannen ihre Laufbahn als Wunderheiler, sie wurden zu >>rois thaumaturges<<, die Deutschen unterlagen erneut und verstärkt dem Zauber des Kaisertums." (Hehl, s.o.S.24) Und Hehl weist zu Recht darauf hin, dass die entzauberte und neuem faulem Zauber überantwortete Welt immer neue Wellen einer gefühlsintensiveren Frömmigkeit hervorruft, bis sie ab dem späten 18. Jahrhundert in Wellen politisierter Wahnvorstellungen endet.

 

Sobald die Herrscher-Person nicht mehr per se sakral ist, wird das entstehende Amt sakralisiert. Der Herrscher muss dann in eine rollengemäße Sakralität hineinwachsen. (Hehl, s.o. S.25). Aus alledem wird die Rechtfertigung von Macht erwachsen, welche dem sakralen Anschein entwächst und sich auf weltliche Ideologieproduktion hinbewegt, die im 18./19. Jahrhundert einen Alleinvertretungsanspruch gewinnt.

 

Am Ende sind die großen Gewinner beim immer neu zu erringenden Kaisertitel und dem daraus resultierenden Konflikt mit dem Reform-Papsttum in deutschen Landen die Fürsten, die sich langsam als eigenständige Gruppe vom übrigen Adel abheben und mehr Machtanteile verlangen. Dabei zeichnet sich ab, dass ihre im Kern militärisch und auf Eigentum begründete Macht zunehmend von den in Geld zu rechnenden Einnahmen abhängt. Zwar gibt es dafür noch keine planmäßige Wirtschaftsförderung, aber doch die Förderung von Städten und der in ihnen enthaltenen Einnahmequellen. Damit werden solche langsam in ersten Ansätzen verbürgerlichenden Städte weiterer Gewinner der Entwicklung. 

 

Im zwölften Jahrhundert werden Fürsten in ein klarer definiertes Vasallenverhältnis zu den Königen bzw. Kaisern treten, welches ihnen im Inneren ihrer Herrschaften immer mehr Autonomie geben wird. Unterhalb der Fürsten bilden sich aber bereits Adelsherrschaften aus, rechtlich unter ihnen die von Ministerialen, die in den Städten eine zunächst noch unteradelige Führungsschicht in der Bevölkerung zusammen mit reicher werdenden Kaufleuten formen und ansonsten in einem entstehenden Rittertum aufgehen werden.

 

Unter den Fürsten setzt der sterbende Kaiser 1125 auf den Staufer Friedrich. Aber Erzbischof Adalbert von Mainz drückt Lothar von Supplinburg durch, den schärfsten Gegner der Krone und Bündnispartner der bislang feindlichen Päpste.

 

 

Frömmigkeit als Weltflucht (siehe Anhang 12)

 

Bruno von Köln um 1030- 1101

Robert d'Abrissel um 1045-1116

Bernard de Tiron um 1046-1116

Robert de Molesmes um 1028-1111

 

Neben dem Machtkampf der Kirche mit der weltlichen Macht um ihre libertas und der Mobilisierung der lateinischen Ritterschaft im einzigen tatsächlich kirchlich angeleiteten Kreuzzug findet in etwa derselben Zeit und von wenigen betrieben eine vielfältige radikale Frömmigkeitsbewegung statt, die oft mit einzelnen Männern beginnt, deren religiöses Charisma andere mitreißt. Solche Bewegungen von Minderheiten lassen sich einordnen als Gegensatz zu einer einsetzenden Entwicklung von Kommerzialisierung auch im geistlichen Raum, von Konsumismus in den Oberschichten und Unzufriedenheit mit den tatsächlich in evangelischem Sinne wenig bewirkenden Reformbewegungen in der Kirche. Diese schwankt dann zwischen Missbilligung eines sich aus ihr heraus bewegenden Predigertums und Integrationsversuchen.

 

Während der Konflikt zwischen Kaiser und Papst stattfindet, gründet ein Bruno von Köln mit einer Handvoll Gefährten die Chartreuse (Karthause) bei Grenoble, eine Mischform aus ritueller Gemeinschaft und Eremitage, die allerdings nie zum größeren Orden wird. In den Wäldern zwischen Bretagne und Maine predigt Guillaume Firmat, und Menschen aus den Städten strömen ihm zu.

 

Robert d'Abrissel ist ein Priester, der gegen Ende des 11. Jahrhunderts mit rabiaterer Selbstkasteiung beginnt und dann zum Wandereremiten wird, der in einem Leben in Waldhütten unter anderem das Einüben von Keuschheit in körperlicher Nähe zu Frauen sucht, um schließlich mit Unterstützung lokaler und regionaler Mächtiger im Loiretal bei Chinon mit Fontevrault ein Doppelkloster unter einer Äbtissin zu gründen. Hier wie auch andernorts leben Männer und Frauen direkt nebeneinander in frommer Nachbarschaft und bei Gebet und anderen Ritualen dennoch vereint, - eine Herausforderung, die das 12. Jahrhundert nicht überleben wird.

 

Ein Bernhard wird Mönch eines Klosters bei Poitiers, zieht dann aber als Eremit in die Wälder von Craon, wo er auch auf Robert d'Abrissel trifft, wird dann Abt in seinem ehemaligen Kloster, nach 1104 wieder Wanderprediger, bis er schließlich selbst ein Kloster gründet.

 

Ein weiteres Beispiel ist der Adelige Robert, der erst alleine und dann von einer zur anderen frommen Gruppe umherzieht auf der Suche nach einem besonders frommen Leben, um schließlich zunächst mit einer Handvoll frommer Gefährten in Nordburgund das Kloster Molesmes zu gründen und als ihm dieses zu erfolgreich, d.h. zu weltlich wird, auch noch das Kloster Cîteaux, aus dem bald der Zisterzienserorden hervorgehen wird.

 

Neben diesen letztlich in die Kirche integrierbaren Frommen werden immer mehr sich an Evangelium und Apostelgeschichte anlehnende Leute überliefert, die dem Reichtum von Kirche und Adel ein einfaches Leben gegenüber stellen, und mit der Orientierung an biblischen Texten sowohl die Kirche wie ihre Sakramente in Frage stellen, - und letztlich damit die gesamten Machtstrukturen vor Ort. Die Konsequenz wird zunehmend brutalere Verfolgung: Das Interesse der Machthaber an dem, was Produzenten denken und meinen, nimmt zu, und es wird jener Weg eingeschlagen, in dem religiöse und weltliche Macht zusammen sich an immer konsequentere Unterdrückung abweichender Meinungen und Ansichten machen.

 

 

Volk und Völker

 

Die Geschichte des 11. Jahrhunderts stellt sich bislang als keine von Völkern, sondern von Herrschern, ihren Familien und ihrer Gefolgschaften dar. "Volk" wie ein deutsches oder französisches Volk gibt es noch kaum, der Bedeutungswandel von Volk als Kriegerschar/Gefolgschaft zu Volk als Ausdruck von Gemeinsamkeit(en) großer Untertanen-Scharen setzt erst langsam ein. Da das nie zu einem ganz klaren Begriff wird, soll hier Volk vor allem durch die gemeinsame tradierte Sprache definiert sein. Dabei soll es aber auch als durch Integration unterschiedlicher Völkerschaften entstandener Genpool verstanden werden, der sich ein Stück weit durch ähnliches Aussehen erkennen lässt und so Verwandtschaft auch ein wenig äußerlich sichtbar macht.

 

Ein Beispiel: Der Machtraum einer altfranzösisch sprechenden Normannen-Dynastie reicht seit 1066 von der Normandie bis über England, dort mit Herren altfranzösischer Sprache und einer beherrschten Bevölkerung altenglischer Sprache. Es wird Jahrhunderte dauern, bis aus der Synthese beider eine gemeinsame mittelenglische Sprache entsteht.

Die zunächst altfranzösisch sprechenden süditalienischen Normannen-Herrscher mit ihrem kriegerischen Anhang herrschen über Leute, die entweder dabei sind, süditalienische Idiome auszubilden oder sogar noch byzantinisches Griechisch zu sprechen.

 

Ein Zusammengehörigkeitsgefühl brauchen Könige des 11. Jahrhunderts nur bei denen, auf die sich ihre Macht unmittelbar stützt. Seine Grundlage aber ist die vertikale Abstufung von Rechten, zu deren Verpflichtung die Heeresfolge gehört. Fast alle übrigen Menschen sind da eingeordnet, ohne gefragt zu werden. Erst die Gewöhnung an ein kontinuierliches Machtzentrum wird aus "Westfranken" Franzosen machen. Für die Deutschen wird es noch viel länger dauern, bis sie ansatzweise eine Art Gemeinschaftsgefühl entwickeln. 

 

Der Begriff von einem „deutschen Reich“ wurde im Investiturstreit unter Heinrich IV. zum ersten Mal benutzt, und zwar sowohl von Gregor VII. wie von seiner Partei in den deutschen Landen. Mit der unterschiedlichen Behandlung von regnum Teutonicum einerseits und Italien und Burgund andererseits wird zum ersten Mal in einer rechtskräftigen Urkunde ein deutsches Reich erwähnt, auch wenn es in Zukunft weiter namentlich ein „römisches“ bleibt, welches nicht nur geographisch, sondern auch strukturell vom übrigen Kaiserreich getrennt wird. Kurz darauf beginnt der Ausdruck 'Kaiser und Reich' üblich zu werden, wobei sich "Reich" mit den Fürsten identifizieren lässt, während König bzw. Kaiser und Reich nicht mehr automatisch zusammenfallen.

 

Immerhin: In der Begegnung von Deutschen und Franzosen 1107 in Châlons-sur-Marne entdeckt Abt Suger von St.Denis "französische" Überlegenheit in aristokratischer Lebensart. Besonders Welf V. schneidet dabei schlecht ab: Er ist fett, und wie Schneidmüller zusammenfasst, „ein Schreihals, dem prahlerisch immer ein Schwert vorangetragen wurde. Wie seine Genossen knirschte er mit den Zähnen und drohte beim Scheitern der Verhandlungen, die Dinge würden besser mit deutschen Schwertern in Rom ausgetragen.“ (Schneidmüller, S.154)

 

Wie das Deutsche in die Dialekte des Nieder- und Oberdeutschen zerfällt, so ist Westfranzien in die langue d'oeil im Norden und die langue d'oc im Süden geteilt, die wiederum, aber nicht ganz so deutlich, in Dialekte geteilt sind. Sprachlich ist dabei der Süden stärker mit Katalonien und dem Piemont verwandt, und an den Norden und das Königtum angeschlossen wird er erst später mit dessen militärischer Unterwerfung.

 

Das römische Reich der werdenden Deutschen ist multiethnisch, wobei Volkszugehörigkeit an den Sprachgrenzen spürbar wird. Sie wird von den Menschen deutlich von den Herrschaftsbereichen unterschieden, und das gilt auch innerhalb der deutschen Lande, wo man Baier, Alemanne, Sachse oder Friese zum Beispiel ist, bevor man sich zu Deutschtum bekennt. Das erweist sich auch am ethnisch definierten tradierten Recht, dem man unabhängig von Herrschaftsgrenzen angehört, wie auch in Norditalien.

 

1075 erklärt Adam von Bremen ausdrücklich, dass die summa imperii Romani ad gentes Teutonum populus übertragen worden sei, also an die deutschen Völkerschaften. Im Annolied, nach 1080 geschrieben, ist die Wahrnehmung einer gemeinsamen Sprache diutisch aus Dialekten bereits zu der eines Volkes übergegangen, den diutischi liuti, und der seines Territoriums, dem diutischemi lande. Letzter Singular wird aber die Ausnahme bleiben.

 

Aber man muss überhaupt mit neuhochdeutscher Begrifflichkeit vorsichtig sein. Erst im 13. Jahrhundert wird die aus dem slawischen zunächst im Nordostdeutschen entlehnte "Grenze" die etwas andere Bedeutung der deutschen Mark ablösen, die eher den Rand von etwas ("Markgrafschaft") als eine präzise Grenze im neueren Sinne meint. Genauso steht es mit dem germanischen Wort Land, welches alles mögliche bedeuten kann und oft keinen Herrschaftsraum meint. Das Wort Volk ist weiterhin in stetem Wandel begriffen, wobei es in Texten immer noch eher ein militärisches Gefolge meint als etwas, was mit einem neuhochdeutschen Begriff zu tun hätte.

 

Dabei wird der deutsche Sprachraum im Südwesten der nideren Lande, wo zunächst noch dietsch gesprochen wird, immer weiter zurückweichen. In den Reichsteilungen der späteren Karolinger war das damalige Flandern zum größten Teil in westfränkische Hand geraten. 863 setzt Karl der Kahle mit Balduin "Eisenarm" einen ersten Grafen ein, der sich vom Münzort Brügge ein größeres flämisches Gebiet erobert. In den nächsten Jahrhunderten heiraten flämische und französische Adelige untereinander und gehen zur (nördlichen) altfranzösischen Sprache über.

 

Ganz langsam setzt eine ähnliche Entwicklung in Lothringen ein, bis dann z.B im 17. Jahrhundert aus dem fränkischen Diedenhofen endgültig das französische Thionville wird, und ebenso ergeht es dem Westen und Südwesten des Gebietes, das heute zur Schweiz gehört. Auf diese Weise wird Neuenburg zu Neuchâtel und Freiburg im Uechtland zu Frîbourg werden.

Umgekehrt setzt mit der Eroberung westslawischer Gebiete ein langsamer Prozess der Eindeutschung ein.

 

Man muss dabei aber sehen, dass vorläufig, abgesehen von dem von einem kleinen Zentrum aus expandierenden Reich der französischen Krone, nirgendwo Volkstum und damit vor allem auch Sprache mit Herrschaft übereinstimmen. Menschen, einmal hier mit dem modernen Wort Bevölkerung benannt, sind Einkommensquelle der Machthaber, Grundlage für Wirtschaftskraft und damit Finanzen, und entsprechend für militärische Macht. Die Machthaber eignen sie sich über Heirat an, durch Kauf und sehr häufig durch Kriege. Wenn Schlesien mal an Böhmen und mal an Polen fällt, werden die Untertanen so wenig gefragt wie dann, wenn eine mächtige norditalienische Stadt eine andere dauerhaft erobert. Untertänigkeit heißt letztlich immer Wehr- und Hilflosigkeit, und um das für sich erträglich zu machen, versuchen die Untertanen sich vermutlich in ihrer Ohnmacht mit ihren Machthabern zu identifizieren, solange diese machtpolitisch erfolgreich sind.

 

Dabei gibt es in der herrschaftlichen Propaganda gute und schlechte Völker. Anselm von Besate, Notar in der Kanzlei Kaiser Heinrichs III. schreibt zum Beispiel 1049 über diesen:

Du aber hast wilde und überaus schreckliche Völker besiegt, die rohen, ruchlosen und jeder Menschlichkeit baren Geister unter deine Herrschaft gezwungen. Die Länder, Burgen, befestigten Plätze und die Reiche mit ihren Kleinkönigen (reguli), die lange verloren waren, erkennt die Roma jetzt wieder als das Ihre durch deine siegreiche Rechte. (in: Borgolte, S.32)

 

Das Bild von den Wilden, die durch gewaltsame Unterwerfung und Unterdrückung zu zivilisieren sind, stammt zwar schon aus der Antike, aber es ist aktuell geblieben.

 

Zur Problematik eines Volksbegriffs gehört auch die Entwicklung dahin, Volk zur Bezeichnung der unteradeligen Menschen, also fast aller, zu machen. Damit beginnt das, was viel später dazu führen wird, dass auch das Bürgertum das Wort abschätzig für die Menschen "unter" ihnen benutzen wird, bis dann im späteren 18. Jahrhundert bei wenigen "Gebildeten" eine Art Romantisierung einsetzt, die u.a. auch zu neueren Formen von Nationalismus führen kann.

 

Spätestens im 12. Jahrhundert werden Bürger wahrgenommen als Partner von oft geistlichen Stadtherren und eben auch von Königen und Kaisern. Besonders geistliche Herren begegnen ihren Bürgern aber da oft bei Gelegenheit auch abschätzig oder verächtlich. Groten erwähnt zur Urkunde des Bischofs Friedrich von Halberstadt für seine cives forenses zum Nachbarschaftsgericht in der Stadt folgenden Satz: Was sie gemäß dem bäuerlichen Wesen (rusticitas) und der Gewöhnlichkeit (vulgaritas) ihrer Sprache burmal nennen. (S.105) Die bürgerliche Oberschicht seiner Stadt spricht also nicht sein höfisches Latein, sondern die Sprache der Bauern und des vulgus, des Pöbels.