Anhang 7: Zwischenzeit

 

 

1. Angelsachsen

2. Der Aufstieg des Adels und der Hausmeier

3. Die angelsächsische Mission

4. Ostrom, Papsttum und Langobarden

5. Das neue Königtum

 

 

Geschichte ist ein Kontinuum, welches wir in Epochen aufteilen, um sie besser darstellen zu können. Der Begriff Mittelalter stellt ein solches Etikett dar, welches mehr über die Betrachter der Geschichte aussagt als über die Zeit selbst. Dasselbe gilt auch für meine Aufteilung, die nach der Spätantike eine Zwischenzeit setzt, bevor dann mit der Endzeit der Karolinger das Mittelalter beginnt, welches in meiner Darstellung die Entstehungszeit des Kapitalismus wird. Ob man dann eine Neuzeit mit dem 15., dem 16. oder gar dem 18. Jahrhundert ansetzt, ist genauso willkürlich wie es keine genauen Daten für Anfang und Ende der hier zu betrachtenden Zwischenzeit gibt.

 

Es handelt sich um eine Zeit des Verfalls und der neuen Entwicklungen, die beide eng miteinander verschränkt sind. Die aus der Römerzeit stammenden Städte verfallen, aber in ihnen entsteht mit Bischofssitz und Bischofspalast, mit Klöstern und manchmal einem Sitz eines weltlichen Herren Neues, um das sich Reste alten Handwerks und Handels mit der Ansiedlung neuer an diesen festen Orten produktiv und distributiv Tätigen verbindet. Aber der Verfall dominiert, sowohl was die Bevölkerungszahl und den Umfang der Städte angeht, die technischen Fertigkeiten und die daraus erwachsenden Annehmlichkeiten, als auch, was die Bedeutung dieser Orte angeht, die deutlich hinter dem des Landes zurücktritt. In dieser Zwischenzeit ist das lateinische Abendland weithin eine agrarische Welt.

 

Der Verfall betrifft auch alle Aspekte von Staatlichkeit, die neuen Herrschaften bilden keine neuen Formen aus. Selbst die Ansätze dazu bei Karl d.Gr. schwinden nach ihm wieder. Die Klammer der lateinischen Sprache beschränkt sich auf die wenigen Schriftkundigen, während die meisten Menschen auch im Klerus und der weltlichen Oberschicht wie vermutlich auch in den Klöstern mehr oder weniger nicht schriftkundig sind und in einzelne Volkssprachen auseinanderfallen, romanische und germanische Idiome.

 

Sinkende Bevölkerungsdichte, geringe Produktion und Handel, verfallende Infrastruktur und Kommunikation lassen keine Staatlichkeit mehr zu. Entzivilisierung ist Dezentralisierung, Regionalisierung, Entinstitutionalisierung als Personalisierung von Machtstrukturen und Rückkehr in eine agrarische Welt fast wie in der Frühzeit der Antike.

Das bedeutet aber keinen Rückweg in alte Stammeskulturen, denn die gravierenden Unterschiede zwischen wenigen weltlichen und geistlichen Großgrundbesitzern und armer Landbevölkerung bleiben nicht nur, sondern verschärfen sich immer weiter. Nicht kommunitäre Strukturen lösen Staatlichkeit ab, sondern hierarchisch gegliederte lokale und regionale Strukturelemente mit privatisiertem Eigeninteresse, die sich in vielen unterschiedlichen „Rechten“ und Machtvollkommenheiten niederschlagen.

 

Eine Herrschaft, die sich über diese Herrenschicht wölben möchte, muss das immer aufs Neue durchsetzen, in Machtdemonstrationen nach innen und nach außen. Gerechtfertigt wird sie zudem durch ein lateinisch überliefertes Ideengebäude, welches die realen Machtverhältnisse in den neuen Reichen als von jenem Gott gegeben bezeichnet, der mit den germanischen Eroberungen weiter durch Druck und Gewalt unters Volk gebracht wird.

Während die Kirche mit Hilfe weltlicher Instanzen germanisches und keltisches Kulturerbe nach und nach unterdrückt, schafft es sich Rückzugsgebiete auf dem Lande, die als synkretistische Folklore dort bis zum Ende bäuerlicherLandwirtschaft im 19. und 20. Jahrhundert weiterleben werden.

 

Auf der Suche nach dem Weg in den Kapitalismus sind in dieser Zwischenzeit zwischen Spätantike und Mittelalter noch keine Spuren von Anfängen zu finden. Wenn wir diese dann als erste zarte Keimblättchen entdecken, wird das einmal in Ober- und dann auch Mittelitalien nördlich von Rom sein, mit Zeitverzögerung in einigen mittelmeerischen Küstenorten bis nach Barcelona, im Rheintal und dann auch in beiden Flandern und an der Nordseeküste Englands. Dazu kommen dann immer neue Städte, bis es nach 1200 ein Netzwerk aus Produktion, Handel und Finanzen gibt, welches immer weiter über das lateinische Abendland hinausgreift: In den gesamten slawischen Raum, über den Orient und über Nordafrika hinweg. Über Zwischenhandel sind bald drei Kontinente ein wenig „globalisiert“.

 

Was diese Gebiete auszeichnet, sind einmal die Möglichkeiten für Fluss- und Seeschifffahrt, die den Handel fördern, als Landwege weithin verfallen sind, und im italienischen Binnenland zudem die Ferne der deutschstämmigen Herrscher, die der Verselbständigung einer neuen Art von Städten dienlich ist. Aber für unsere Zwischenzeit fehlt eine hinreichende Nachfrage an mehr als seltenen Luxusgütern.

Je stärker die antike Städtewelt und mit ihr die ganze Bevölkerung zurückgegangen war, desto geringer wird die Nachfrage nach Lebensmitteln. Klein gewordene Städte versorgen sich aus ihrem unmittelbaren Umland, soweit sie nicht selbst Lebensmittel produzieren. Das stadtferne Land wiederum mit seinen kirchlichen, klösterlichen und weltlichen Machtbezirken versorgt sich selbst, Grundherrschaften tendieren mehr und mehr zur Autarkie. Das Handwerk ist in diese Machtbereiche integriert und darüber hinaus wenig marktorientiert. Das Fehlen von Sicherheiten, wie sie die Pax Romana in ihren besten Zeiten bot, macht Raub- und Beutezüge manchmal naheliegender als Handel und Wandel.

 

Im Vergleich zu dem, was im 10. und 11. Jahrhundert einsetzt und dann zu immer schnelleren Veränderungen führt, handelt es sich in vielerlei Hinsicht um eine Zeit der Stagnation, nur in einer Hinsicht ganz und gar nicht: Es ist eine Zeit ständiger Gewalttätigkeit, in der in unseren Gebieten immer wieder Versuche von Reichsbildung unternommen werden und zunächst allesamt scheitern.

Das Ostgotenreich wird von Byzanz erobert und von dem dann zum guten Teil an die Langobarden abgetreten. Das Vandalenreich in Nordafrika wird von Byzanz erobert und fällt dann an arabische Eroberer. Das Reich der Westgoten unterliegt 711 denselben. Die Reichsbildung der Angeln, Sachsen, Jüten und anderen in England wird von Skandinavien aus immer wieder bedroht. Eine gewisse Kontinuität erhält nur das Merowingerreich der Franken mit seinem Ausgreifen nach Osten dadurch, dass es an die Familie der Karolinger fällt.

 

Mit dem Ende der spätrömischen Zivilisation wird es zunächst schwerer, einen Zugang zu einzelnen Menschen zu bekommen, wie ihn noch Augustinus in seinen Bekenntnissen geliefert hat. Bis über das Jahr tausend hinaus sind wir dafür vorwiegend auf Heiligenlegenden und die wenigen überlieferten literarischen Texte in den Volkssprachen angewiesen. Die eher spärlichen Dokumente der Mächtigen und die Texte über sie typisieren ebenfalls. Wir sind auf Schlüsse angewiesen, auf Einfühlungsvermögen, Vorstellungsvermögen. Die Voraussetzung dafür ist das Zusammentragen der wenigen Kenntnisse, die wir von dieser Zeit haben können.

 

Während wir hier nun einer Art Hauptpfad folgen, nämlich dem Weg vom fränkischen Merowingerreich in das der Karolinger, sind wenigstens zwei Entwicklungen kurz zu vermerken. Am Ende einer Zeit germanischer Völkerwanderungen erobern und besiedeln Angeln, Sachsen und andere den Teil Britanniens, der durch sie zu England wird. Es ist zugleich im wesentlichen jener Teil, den schon das Imperium Romanum sich einverleibt hatte.

 

Die besondere Entwicklung dieser angelsächsischen Reiche beruht nicht in erster Linie auf der insulären Lage, sondern darauf, dass sie nicht auf den Resten römischer Zivilisation aufbauen, und damit auch nicht auf ein schon vorhandenes Christentum. England muss erst wieder von außen missioniert werden.

 

Dennoch und auch mittels der erneuten Christianisierung treten diese Reiche bald in Kontakt mit der nun führenden kontinentalen Landmacht der Franken. Und es entwickeln auch hier sich am Ende verwandte Strukturen, die die Anfänge von Kapitalismus begünstigen werden. Dieser wäre wohl auch nicht möglich geworden ohne ein enges Beziehungsgeflecht von dort bis Mittelitalien, und von der Elbe bis in die christlichen Teile Spaniens.

 

Eine weitere „Völkerwanderung“ nimmt kurz darauf ihren Ausgang von Oasenstädten der arabischen Wüste. Sie ist mit der, die nach England führt, insofern verwandt, als nur ein Teil der Menschen ihre Heimat verlässt. Anders als die angelsächsische und alle anderen zuvor ist sie aber auch getrieben von der furiosen Energie religiöser Mission (im Wort dschihad enthalten), und damit auch von allen vorherigen unterschieden. Es handelt sich zunächst um Araber, die dann auch andere Völkerschaften, Jemeniten und Berber vor allem, mit sich reißen.

 

Als Sarakenoi wurden vom frühen Konstaninopel aus gesehen Nomadenstämme auf der Sinaihalbinsel bezeichnet. Seit den Kirchenvätern wurde dann die Legende verbreitet, die Hagarener“, die Nachkommen der verstoßenen Nebenfrau Abrahams, hätten sich „Sarazenen“ genannt, um vorzutäuschen, sie stammten von Sarah, der Ehefrau Abrahams ab. Sarazenen wird dann einer der gängigen Begriffe für Muslime Nordafrikas und des Vorderen Orient.

 

Es handelt sich insofern zunächst um keine eigentliche Völkerwanderung, als zunächst das Militär kommt, und dann Zivilisten nach sich zieht. Aber zusammen mit der dritten monotheistischen Religion bringen sie auch die Sprache des Koran mit. Sie bilden dabei Großreiche von der Ausdehnung des Imperium Romanum, aber nun nicht mehr im nördlichen, sondern im südlichen Mittelmeerraum zentriert. Indem sie zu Erben weströmischer und oströmischer Gebiete werden, die im Westen zum Teil auch zwischendrin unter der Herrschaft germanischer Stämmesverbände standen, saugen sie, wie später osmanisch geführte Turkvölker Innerasiens, Elemente dieser Zivilisationen auf und verwandeln sie sich ganz anders als die Germanen an, wobei dann das orientalische Moment immer wieder durchschlägt.

 

Dazu gehört der despotische Charakter von Herrschaft, unter dem kein Kapitalismus entstehen wird, da er das Eigenleben von Kapitalverwertung dort unterdrückt, wo es zum bestimmenden Faktor werden könnte. Dennoch oder vielleicht auch deswegen übernehmen die Araber und mit ihnen verbündete Völker die großen römischen Städte und bauen sie zum Teil noch aus. Zwischen Bagdad, Damaskus, Kairo, Palermo und Cordoba messen sich Städte mit denen des später von Turkvölkern besiegten byzantinischen Reiches und übertreffen an Größe, Pracht und Reichtum alles, was die germanisch dominierten Nachfolgereiche Westroms noch vorzuweisen haben.

 

Für die Entstehung des Kapitalismus wichtig werden islamische Reiche dennoch, indem sie Beiträge von außen liefern, die aber nicht für eine eigene Entwicklung genutzt werden: Da sind einmal Handwerk und Handel, besonders eine Produktpalette für den Luxuskonsum abendländischer Großer. Und da ist zum anderen das zunächst nicht so sehr nicht durch religiöse Skrupel vernachlässigte Bildungserbe der Antike, Frühformen der Naturwissenschaften und der Medizin sowie die Philosophie des Aristoteles und seiner Nachfolger, die sich ohnehin davon nicht trennen lässt. Manches davon gelangt erst auf diesem Umweg von der Antike ins abendländische Mittelalter.

 

Aber diesen Übernahmen aus antiken Vorstellungswelten fehlt ohne eigene Theologie sehr stark das diskursive Element, welches dem Christentum zu eigen war. Während in den heiligen Schriften der Christenheit Interpretationsbedarf entdeckt wird, ist der Koran von Sprachduktus und Inhalt nicht diskutierbar. Zudem ist der aus einem altarabischen Gott und dem jüdischen neugebildete dritte monotheistische alltagstauglich und in seinen Vorschriften noch anspruchsloser. Im Kern bedarf er keines Tempels oder Synagoge, keiner Kirche und keiner Priesterschaft: Muslim könnte man auch mit seinem Gott alleine sein, aber natürlich ist der Islam, wie das verfasste Judentum, von vorneherein im Bund mit der Macht, wozu das Christentum Jahrhunderte braucht.

 

Was der Islam (zusammen mit Byzanz) der Entstehungsgeschichte des Kapitalismus aber wegnimmt, ist ein großer Teil des (südlichen) Mittelmeerraums, in den er erst viel später und als dort nicht verwurzelter Fremdkörper wegnimmt.

 

(Ausführlicheres zum frühen Islam in Anhang 6)

 

Eine letzte Wanderbewegung sei noch kurz angemerkt, über die man heute fast nichts weiß. Es handelt sich um die Leute der slawischen Sprachfamilie, die vielleicht vom nördlichen Karpatenraum sich ausbreiten, und dann ab dem 6. Jahrhundert als Wenden und Slawen in Texten auftauchen. Wann genau sie an Elbe und Order auftauchen, ist

nicht bekannt, aber sie breiten sich östlich dann bis zum Don aus und südlich bis zum so entstehenden Bulgarien. Kontakte der Franken mit ihnen sind gering, fast gar nichts ist zu Beziehungen nach Skandinavien bekannt, wo ebenfalls vorzivilisierte Kulturen

existieren, über die man auch kaum etwas weiß.

 

1. Angelsachsen

 

Als die Römer nach Britannien kommen, sind die Inseln allesamt von Kelten besiedelt, so wie auch große Teile des Kontinents. Wie bei Germanen und Slawen handelt es sich bei ihnen um eine Völkerfamilie mit verwandten Sprachen.

 

Die britischen Kelten lassen sich sprachlich trennen in die gälischen Iren, von denen eine Gruppe einen Teil des späteren Schottland erobert, wo sie als Scoten auftreten, neben ihren Nachbarn, den Pikten, wie sie die Römer wegen ihrer furchterregenden Tätowierungen nennen. Eine dritte Gruppe umfasst die Waliser und die Leute von Cornwall und Devon, von denen einige vermutlich vor den eindringenden Angelsachsen fliehen und sich als Bretonen am Nordzipfel Galliens niederlassen, der später Bretagne heißt. Eine weitere Gruppe besteht aus Untergruppen im Rest des heutigen England, die mit dem Auftreten der Angelsachsen bald ganz verschwinden.

 

Keltische Sozialstrukturen in Britannien bezeichnen wir heute verallgemeinert mit dem Clan-System, also mit einer Form von Verwandtschaftsgruppen, die zusammen lose Verbände bilden, die sich wiederum als verwandt verstehen, auch sprachlich und religiös verwandt sind und meist ähnlich wirtschaften. Clans haben einen Häuptling, der kein Herrscher ist, darüber bildet sich eine Art Königtum (nicht: Königreich) aus, auf das der Begriff „Herrschaft“ schon eher passt.

 

Das zu beachten ist wichtig, denn Staatlichkeit, wie sie zum Beispiel die Römer am Ende ausbilden, drängt das Phänomen der Verwandtschaft durch Veramtung von Machtstrukturen in einen privaten Bereich ab.

 

407 ziehen sich zumindest ein Großteil der römischen Truppen von Britannien aufs Festland zurück. Römerstädte wie Canterbury oder Winchester verfallen, Landvillen werden aufgegeben. Von der Römerzeit bleibt in Britannien nach dem Zusammenbruch des Reiches wenig übrig außer Ruinen, mit einer Ausnahme: Seit das Christentum im römischen Machtbereich (imperium) Staatsreligion ist, waren auch die romanisierten Kelten Christen.

 

Die Wanderbewegungen germanischer Volksgruppen treffen auf ein Gebiet, das dem heutigen England entspricht, und das bereits durch den Einfall der Franken im nördlichen Gallien vom kontinentalen romanisierten Keltentum getrennt ist. Gemeinhin werden diese romanisierten und christianisierten keltischen Völkerschaften auf den Inseln als Briten zusammengefasst. Zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert werden sie von Kent bis zur Isle of Wight von „heidnischen“ (nicht christianisierten) Jüten überrannt, und von ebensolchen „Sachsen“, die gelegentlich damals auch „Friesen“ genannt werden, und die von Sussex bis Wessex (Dorset etc.) und Middelsex mit dem verfallenen London und bis Essex siedeln. Nördlich davon lassen sich die Angeln nieder, die Königreiche in East-Anglia, im Zentrum (Mercia) und im Norden (Northumbria) bilden, wobei die Nordgrenze die zum heutigen Schottland bleibt, die alte Grenze des imperium romanum. Alle diese Leute kommen wohl aus dem heutigen Norddeutschland bzw. den heutigen Niederlanden.

 

Der einzige Bericht dazu stammt vom keltisch-britischen Kleriker Gildas ('De excidio et conquestu Britanniae'). Danach führen die Einfälle von Pikten zuerst zu einem Hilferuf an Aetius, und um 500 an die Sachsen. Den Zustand Britanniens beschreibt Gildas dann so: Könige hat Britannien, aber Tyrannen; Richter hat es, aber ruchlos. Sie plündern und terrorisieren oftmals, aber die Unschuldigen; sie verteidigen und schützen, aber die Schuldigen und Diebe; sie haben viele Frauen, aber Huren und Verführerinnen; sie schwören beständig, aber Meineide; sie legen Gelübde ab, aber erzählen fast sofort Lügen; sie führen Krieg, aber Bürgerkriege und ungerechte; sie jagen Diebe, die mit ihnen am Tisch sitzen. (in: Sarnowsky, S.18)

 

Es ist weder bekannt, wie viele Leute kommen, noch ist ihre Verbreitung archäologisch im Detail nachweisbar. Die Unterscheidung in einzelne Reiche unterschiedlicher Völkerschaften ist zunächst einem Bericht des Kirchenhistorikers Beda aus dem frühen 8. Jh. geschuldet. Sie lässt sich als Gründungssage eines neuen "englischen" Selbstbewusstseins begreifen, die einen Stammes- und Volksbegriff aufnimmt, der sich erst nach der germanischen Landnahme entwickelt hat.

 

Die altenglischen Dialekte, die sie im Laufe der Zeit ausbilden, sind eng verwandt mit dem Altdeutschen Norddeutschlands und ein wenig auch mit dem Alt-Friesischen. Nach Britannien kommen allerdings keine kompletten Stämme, sondern einzelne Verbände, aber sie bringen die germanischen Sozialstrukturen mit, die mit den keltischen verwandt sind: Die Basis bilden in Familien bzw. Haushalte geteilte freie Bauern, ceorl, der deutsche „Kerl“, der sich auch im „Karl“ niedergeschlagen hat. In ganz Europa wird dieser Freie, der das Land bearbeitet, langsam in seiner Freiheit beschränkt. Im Deutschen bleibt die Erinnerung an ihn bestehen in der Wendung, jemand sei „ein ganzer Kerl“. Andererseits wird der Bauer im Deutschen zum „dummen Bauern“. In England wird im Mittelalter aus dem ceorl später der churl und mit der systematischen Abwertung wird dann churlish zur Eigenschaft eines Menschen mit ungehobeltem, rüpelhaftem Benehmen.

 

Darüber steht der Adel, dessen wesentliche Kennzeichen das Kriegertum und der größere Grundbesitz sind. Adel versucht Gefolgschaften zu bilden, die durch Treue einerseits und Schutz im weitesten Sinne andererseits gekennzeichnet sind. Die (persönlichen) Beziehungen sind kaum rechtlich fixiert, sondern zeichnen sich durch hohe persönliche Verbindlichkeit aus (idealiter bis in den Tod). In diesen Strukturen ist der Verrat, die Untreue das wohl schwerste Vergehen.

 

König (erst bretwalda, später cyning) ist man mit und „über“ die, die einem Gefolgschaft leisten. Es gibt also ein Königtum, aber kein geographisch fixiertes Königreich. Ein erfolgreicher König ist einer, der seine Macht erhält und erweitert, mehr Gefolgschaft gewinnt, die selbst Gefolgschaft hinter sich hat. Anlass zum Streit mit den Nachbarn gibt es oft, und das Kriegerethos drängt geradezu immer wieder nach Waffengängen mit der Hoffnung auf Beute.

 

Auf die Dauer führt das dazu, dass zeitweilig die anglischen Königreiche von Mercia und dann die vom sächsischen Wessex ein Oberkönigtum für ganz Südengland bis zum Fluss Humber errichten.

 

Im 8. Jahrhundert sind in Wessex und Mercia stabilere Verwaltungsstrukturen erkennbar - mit einem königlichen Rat und der Einsetzung von earldormen, dem Gegenstück zu den fränkischen Grafen. Die erste Hälfte des englischen 8. Jahrhunderts dominiert ein Aethelbald von Mercia, von dessen Herrschaft eine größere Anzahl königlicher Urkunden zeugen. Darin heißt er schon mal "rex Britanniae". Noch wahrnehmbarer für uns Heutige wird König Offa von Mercia, der in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts herrscht. Noch heute kann man an dem Erdwall entlang wandern, den er gegen Wales anlegen ließ (King Offa's Dyke), eine für damals enorme organisatorische Leistung. Er steht im Kontakt zu den fränkischen Herrschern, übernimmt die Münzreform von Karl d.Gr. und lässt sich als rex totius Anglorum patriae titulieren. Ein Gemeinschaftsgefühl unter den Angelsachsen wächst vor allem über die kirchlichen Synoden und überhaupt die kirchlichen Kontakte.

Aber erst die Einfälle kriegerischer Dänengruppen, die im 9. Jahrhundert ganz England und mindestens einmal sogar Wales durchqueren, Beute machen und dann Siedlungen gründen, führen zur Einigung des größten Teils des heutigen England gegen die neuen Eindringlinge unter König Alfred.

 

Langsam bildet sich eine Art Hochadel heraus, der immer öfter mit dem König zusammen ist, mit ihm berät, seine Entscheidungen mit herbeiführt und mit ihm besondere Ereignisse feiert. Dies sind die "Gesellen" des Königs, seine Gesellschaft, altenglisch: gesith, in den lateinischen Urkunden comes, Gefährte, woraus über den französischen Umweg conte später der count wird, und das county, ein neueres Wort für Grafschaft. Aus den Gesellen des Königs wird später mittelenglisch die company. Aus ihr entwickelt sich ganz langsam ansatzweise so etwas wie ein königlicher Hof, dessen geringe Schriftlichkeit auf Latein abgefasst ist. Das andere Wort für Graf, earl kommt erst durch die dänischen Überfälle nach England, und hieß bei den Dänen eorl, was einen mächtigen Freien beschreibt, der mit seinen Hieb- und Stichwaffen auf das fuchtbarste umzugehen wußte.

 

Unterhalb der freien Bauern existiert die aus der angelsächsischen Eroberung resultierende Schicht der Unfreien, die zu Dienstleistungen verpflichtet werden, aber langsam ethnisch in der Minderheitsschicht der Eroberer aufgehen und ihre Sprache mit den übrigen Traditionen verlieren. Das ganze Land wird dabei schrittweise in Grafschaften (shires) aufgeteilt - so wie parallel dazu in Bistümer. Die wiederum sind in sogenannte Hundertschaften geteilt, in denen nach germanischer Tradition Gericht gehalten wird. Das Königtum und auch der sich bildende Hochadel (nobility) haben auf den Alltag der Menschen auf dem Lande und in den sich wieder entwickelnden Städten nur wenig Einfluss; sie sind für die meisten Menschen alltäglich weit weg. Für die Freien ist auch die Abgabenlast zunächst sehr gering. Den Alltag bestimmen die Jahreszeiten, die Ernten und mit der Christianisierung dann der christliche Festkalender, der im Vergleich zu heute ein Vielfaches an Feiertagen umfasst.

 

Die Christianisierung der germanisierten Engländer wird von Rom aus durchgeführt, und zwar unter Papst Gregor dem Großen, der damit seine Bedeutung für das lateinische Abendland betonen möchte. Es ist der König Ethelbert von Kent, selbst mit einer christlichen Fränkin verheiratet, der um 595 um Missionare bittet, wohl, um an Rang zu den fränkischen Herrschern etwas aufzuschließen. Der erste Missionar der Jüten, Sachsen und Angeln in Britannien wird ein Gregor aus seinem Kloster vertrauter Mönch Augustinus. Er darf sich bei der königlichen Residenz in der in Ruinen liegenden römischen Stadt Purovernum niederlassen, die die neuen Herren dort Cantwarabyrig nennen, woraus das Erzbistum Canterbury wird, zu dem später noch das von York kommt.

 

Zunächst klingt etwas zu optimistisch, was Papst Gregor dann an den Patriarchen von Antiochia schreibt: Alldieweil das Volk der Angeln (angli) draußen in einer Ecke der Welt bis jetzt bei der falschen Anbetung von Klötzen und Steinen verblieb, beschloss ich (...) einen Mönch meines Klosters (...) hinzusenden, diesem Volk zu predigen (...) Und eben jetzt haben uns Briefe erreicht (...) dass er sowohl als auch die, welche mit ihm gesandt wurden, mit solchen Wundern leuchten, dass in den Zeichen, die sie sehen lassen, die Wunder der Apostel wieder aufzuleben scheinen. (in Brown2, S.175)

 

Im Kern müssen zuerst die Herrscherfamilien bekehrt werden, in deren Machtbereich dann Bistümer entstehen. Stirbt dann ein christianisierter König in der Schlacht, kann es sein, dass erst einmal wieder Schluss ist mit der neuen Religion. Pfarreien andererseits sind die Stiftungen lokaler Adeliger, die dadurch die Kontrolle über ihre Priester und deren bekehrte Gemeinde erhalten.

 

Nicht ganz anders als in der übrigen Germania findet die Mission im Bündnis von Missionar und weltlicher Macht statt. Nicht selten wehren sich Germanen erbittert gegen den Verlust ihrer eigenen Überzeugungen und müssen mit Gewalt dazu gezwungen werden. Für die Herrscher in England andererseits hat die Christianisierung ähnliche Vorteile wie schon damals für Kaiser Konstantin und inzwischen auch für die fränkischen Herrscher in Gallien: Sie schafft ein neues, aufgesetztes Netz von Strukturen, die Herrschaft und später Verwaltung erleichtern. Zu diesem Zweck dürfen Bischöfe und später Äbte langsam in den Rang hoher Adeliger aufsteigen.

 

Die Missionierung der Angelsachsen gerät in Konflikt mit der keltisch-britischen Kirche. Getragen wird sie von der Hierarchisierung der Strukturen, wie auch von der zunehmenden Konzentration auf Themen wie die der Ehe und der Sexualität. Papst Gregor empfiehlt den Missionaren, die germanischen Heiligtümer nicht zu zerstören, sondern in christliche umzuwidmen, und zudem auch die heidnischen Feiertage unter christlicher Umdeutung beizubehalten, damit die Getauften, wenn ihnen äußerlich einige Freuden erhalten bleiben, den inneren Freuden leichter zustimmen können, denn zweifellos ist es unmöglich, schwerfälligem Verstande alles auf einmal wegzunehmen. (In Beda, zitiert nach: Sarnowsky, S. 23)

 

Bis ins 7. Jahrhundert wird diese römische Mission immer wieder durch heidnische Aufstände dagegen behindert. Zugleich missionieren Iren in Schottland, die mit den aus Irland eingewanderten Scoten kommen. Ihr erstes Zentrum wird das Kloster Iona, dass in irischer Tradition zugleich ein Bistum wird.

 

Im 7. Jahrhundert gelingt es den irischen Missionaren zunächst, auch in Nordengland Fuß zu fassen. Ihr Zentrum dort wird das Kloster Lindisfarne. Aber danach werden sie von den römisch orientierten Konkurrenten zurückgedrängt. 672 kommt es zu einer ersten gesamtenglischen Synode in Hertford. Kurz darauf beginnt die angelsächsische Mission auf dem Kontinent.

731 wird Beda Venerabilis in seiner 'Historia ecclesiastica gentis Anglorum' zwei Dinge feststellen: Die eine ist, das aus den germanischen Stämmen Englands durch das einigende Band der römischen Religion ein "Volk" entsteht, eine gens. Jedenfalls sieht er das so. Zum zweiten wird die Benennung dieses Volkes, die Papst Gregor noch aus Unkenntnis der anderen als angli bezeichnete, nun dauerhaft als pars pro toto etabliert: Die Angeln werden für alle die stehen, aus denen Engländer werden.

 

Die heidnisch-germanischen Könige in Britannien leiteten ihre Herkunft von Gott Wotan (altenglisch: woden) ab, so wie Macht sich in Stammeskulturen überhaupt aus einem heiligen/magischen Urgrund ableitet. Damit ist es nun mit der Christianisierung vorbei. Als Ersatz wird nach ein, zwei Jahrhunderten, wohl vom Frankenreich abgeschaut, die vom Geistlichen vorgenommene Salbung mit heiligem Öl bei der Krönung durchgeführt, die den König magisch-rituell zu einem Beauftragten des Christengottes macht.

 

Macht und Herrschaft werden zwar in den nächsten tausend Jahren langsam nach Legalisierung streben, aber die Sehnsucht nach dem magischen Zauber, mit dem Legitimität umgeben scheint, wird bleiben. Legalität verlangt Kenntnisse und Verständnis für rechtliche Formulierungskünste, Legitimität spricht hingegen direkt zum Gefühl.

 

Die Christianisierung ist ein Prozess der Überfremdung, zugleich aber einer der Zivilisierung und Pazifizierung. Die Gewalttätigkeit der Völkerwanderungszeit wird nun ergänzt durch den – zunächst Germanen wenig verständlichen – christlichen Friedensgedanken, zu dessen oberstem Träger das frühmittelalterliche und in der Praxis eher wenig friedfertige Papsttum wird. Sehr viel Frieden entsteht dadurch erst einmal nicht. Andererseits versucht das Christentum die Sexualität zu moralisieren und einzugrenzen, und die Gewalttätigkeit in den Dienst der Kirche zu stellen..

 

2. Der Aufstieg einer Form von Adel und der Hausmeier bei den Franken

 

Die merowingische Königsherrschaft basierte ursprünglich ganz germanisch auf der Erhebung "aufs Schild" durch die (kriegerischen) Mächtigen, das heißt durch eine auf Akklamation beruhende Wahl, durch die der König dux wurde, Heerführer, und durch die gleichzeitige Übernahme des ursprünglich davon personell getrennten zivilen, also sakralen indogermanischen Königtums, welches lateinisch mit rex bezeichnet wurde, griechisch mit basileus. Die zwei Säulen waren also die weltlichen und die geistlichen Großen des Herrschaftsbereiches. Die Volksversammlung war zugleich die Heeresversammlung auf dem Märzfeld (Mars) oder Maifeld (magis campus, großes Feld).

 

Dieses "Volk", die Freien, reduzierte sich immer mehr auf professionelle Krieger, eine Wurzel des entstehenden neuen Adels. Dabei half vermutlich schon damals in Ansätzen, dass sich Bauern zu Abhängigen, Grundholden lokaler Großer machten, in deren Schutz begaben und dadurch dem Wehrdienst entzogen, der ihre Landwirtschaft durch Abwesenheit ruinierte. Der "Holde" begibt sich in die "Huld" des lokalen Mächtigen, woraus später im christianisierten Deutsch die "Gnade" des gnädigen Herren wird. Die wenigen Quellen geben allerdings zu diesen Vorgängen kaum näheren Aufschluss.

 

Immerhin gibt es später ein Urkundenformular aus Tours für das frühe 8. Jahrhundert: An den großmütigen Herrn ..., ich ... Da es allen wohlbekannt ist, dass es mir an Nahrung und Kleidung fehlt, habe ich mich bittend an Euer Erbarmen gewendet und habe frei beschlossen, mich in eure Herrschaft zu begeben, das heißt zu kommendieren. Und das habe ich auch getan.; es soll so sein,dass Ihr mir mit Speise und Kleidung helft und mir Unterhalt gebt, und zwar in dem Maße, wie ich euch dienen und mir damit Eure Hilfe verdienen kann. Bis zu meinem Tod muss ich Euch dienen und gehorchen, so wie ich es als freier Mann vermag, und Zeit meines Lebens werde ich mich Eurer Gewalt oder Herrschaft nicht entziehen können, sondern ich werde, solange ich lebe, unter Eurer Gewalt und Eurem Schutz bleiben. Und so sind wir übereingekommen, dass derjenige von uns beiden, der sich diesen Abmachungen entziehen wollte, seinem Vertragspartner ... Solidi zahlen muss und dass die Vereinbarung selbst in Kraft bleibt. (in Patzold, S.15)

 

Den Königen konnte das recht sein, denn sie bekamen dadurch für ihre Kriegszüge eine immer professionalisiertere Gefolgschaft. Auf dem Weg in die Zeit Karls d.Gr. wird darüber hinaus die Reiterei militärisch immer wichtiger, und die Ausrüstung eines Reiters, des Ritters, war vom durchschnittlichen freien Landmann nicht zu leisten. Auf dem Weg ins Hochmittelalter wird sie zum "adeligen" bzw. ritterlichen Privileg. 

In diesen Zusammenhang gehört der in seinen Ursprüngen dunkle Begriff des Vasallen. Das keltische gwas meinte wohl einen Knecht. "Der die Vasallität begründende Akt, die bis in die Antike zurückgehende Kommendation, bei welcher der >Mann< (homo) die gefalteten Hände in die sie umschließenden Hände des Herrn legte, war ursprünglich ein Verknechtungsritus, der allerdings nicht auf die niederen Schichten begrenzt blieb und im Übrigen auch nicht nur zur Besiegelung eines Vasallitätsverhältnisses diente. Die Vasallen allerdings, da besteht kein Zweifel, rekrutierten sich zunächst nur aus untergeordneten Leuten." (Fleckenstein, S.40)

Solche ursprünglich unfreien und dienstbaren vassi (pueri) können im 7.Jahrhundert auch schon Freie sein, und im 8. Jahrhundert wird das die Regel. (Patzold, S.17) Vasallität wird so zur immer mehr auch militärischen Dienstbarkeit freier Männer.

Karl Martell verleiht einigen dann wohl beneficia, was ihnen dann eine größere wirtschaftliche Basis liefert. Das Wort meint im Kern "Wohltaten". Seit der Spätantike sind damit oft precaria gemeint (von precari, bitten), also Verleihungen von Gütern zur Nutzung als Nießbrauch für eine beschränkte Zeit bei geringem Zins. (Patzold, S.18f) Wer keine Erben hat, kann so seinen Landbesitz an ein Kloster verschenken, um es zur Nutzung u.U. lebenslang verliehen zu bekommen. Das Kloster ist nun Eigentümer, wird wohl für den Schenkenden beten und aus Eigeninteresse sich um seinen Schutz kümmern.

 

Die zentrale Säule merowingischer Königsherrschaft wird das Königsrecht der herumreisenden Könige mit ihren lokalen und regionalen Gerichtstagen. Bis ein Pippin (der Jüngere) die Königswürde in einem mit dem Papst eingefädelten Staatsstreich an sich reißt, bleiben die Merowinger formal im Vorsitz bei Versammlungen und oberstem Gericht, tatsächlich geraten sie dabei aber in der Sache unter Kuratel der Hausmeier. Als Heerführer scheiden sie natürlich bei deren Aufstieg aus, da die das alleine übernehmen.

 

Im 7. Jahrhundert verschmelzen germanische Krieger und romanische Magnaten zur Gänze in einer fränkischen Oberschicht. Über erheblichen Grundbesitz und bewaffnete Gefolgschaften sowie über das Bischofsamt entgehen sie immer mehr der Kontrolle der merowingischen Zentralgewalten in den Teilreichen. Ihre Händel tragen sie nach hergebrachtem Fehde"recht" untereinander aus. Neben weltlichem Großgrundbesitz kontrollieren sie zunehmend die Klöster mit ihrem Reichtum, die Städte, den Fiskus und das Amt des Majordomus, des Hausmeiers, des Chefs der königlichen Verwaltung. Sogar eigene Münzen werden von den regionalen Großen nun eingerichtet.

 

An der nun kommenden Zeit ist für die spätere Entstehung des Kapitalismus nur der Aspekt etwas stabilerer Formen von Herrschaft wichtig. 

 

Die Arnulfinger, Vorläufer der Karolinger, stammen aus dem Raum Prüm, Trier, Echternach, Metz, Verdun, wo sie großen Grundbesitz mit vielen darauf arbeitenden Menschen haben. Arnulf unterstützt König Chlothar II. dabei, Herr des Gesamtreiches zu werden: Nach dem Tod Theuderichs 613 fällt dieser Chlothar auf Anraten Arnulfs, Pippins und weiterer Großer in Austrasien ein. (Fredegarschronik, IV, c.40) Er beseigit damit die Herrschaft Brunichilds (Brunhilde) über Austrien und Burgund. Der ganze Charme merowingischer Herrschaft wird im weiteren erzählt: Er ließ Brunichild drei Tage lang verschiedenen Foltern aussetzen, dann gab er den Befehl, sie zuerst auf ein Kamel zu setzen und im ganzen Heer herumzuführen, und sie dann mit dem Haupthaar, einem Fuß und einem Arm an den Schanz eines unmäßig bösartigen Pferdes zu binden. Dabei wurde sie durch die Hufe und den rasenden Lauf in Stücke gerissen. (s.o.IV, c.42)

 

Im Pariser Edikt von 614 schränkt Chlothar Königsrechte zugunsten des hohen fränkischen Adels ein und bestätigt als Alleinherrscher in ihrem Sinne die Dreiteilung des Reiches in Neuster, Auster und Burgund. Verwalter der jeweiligen Reichsteile werden Hausmeier (maior domus) aus den Reihen der Großen, die immer mächtiger werden.

 

614 wird Arnulf Bischof von Metz und später Vormund des künftigen Dagobert I. von Austrien. Dieser Bischof ist verheiratet und hat zwei Söhne, deren einer sein übernächster Nachfolger auf dem Bischofsstuhl wird. 629 zieht er sich in die Vogesen zurück, und das weitere steht in seiner Vita:

 

Er nahm nun einige arme Mönche und Leprakranke zu sich, unter denen er mit eigenen Händen beständig die treuesten Knechtsdienste tat, zog ihnen die Schuhe von den Füßen und putzte sie, wusch ihnen häufig Kopf und Füße und richtete sogar an bestimmten Tagen ihre Betten mit größter Sorgfalt. Ja auch vor dem Küchendienst schauderte nicht zurück der heilige Bischof und Koch, der oft seine Hausgenossen speiste und selbst Hunger hatte. (in Berschin2, S.89)

 

Er wird hinreichend heilig, dass man seinen Leichnam nach Metz überführt. Mit Karl d.Gr. beginnt dann seine Verehrung als Haus-Heiliger der Karolinger und die Metzer Kirche wird in St.Arnulf umgewidmet.

 

Pippin ist um 623 Hausmeier der austrasischen Merowinger, allerdings mit einer Pause zwischen 631 und 39. Durch Verheiratung des Sohnes Arnulfs (Anesegisel) mit der Tochter Pippins (Begga) entsteht auf die Dauer eine so mächtige Familie, dass sie das austrasische Hausmeieramt vererben kann, es wird also nicht nur vom König, sondern auch vom übrigen Adel unabhängig. Diese Hausmeier müssen allerdings riesigen Grundbesitz anhäufen und große Adels-Gefolgschaften hinter sich versammeln, um an der Macht zu bleiben.

 

Inzwischen drängen die Slawen nach Westen, vom Frankenreich noch ziemlich unbeachtet. Um 640 stirbt Pippin, und sein Sohn Grimoald beerbt ihn im Hausmeier-Amt und als Vormund des minderjährigen austrischen Sigbert III.. Um 650 redet ein Bischof diesen Grimoald als Hausmeier Grimoald, den Leiter des ganzen Hofes, ja des Reiches an. (Mühlbacher, S. 29) Da König Sigibert III. kinderlos ist, lässt Grimoald seinen eigenen Sohn vom König adoptieren, der nun Childebert heißt.

 

Als nun im Laufe der Zeit auch König Sigibert starb, ließ Grimoald dessen kleinen Sohn mit Namen Dagobert die Haare abschneiden, schickte ihn mit Bischof Dido von Poitiers in die Fremde nach Irland und machte seinen eigenen Sohn zum König.  (Liber Historiae Francorum c.43)

 

Nach sieben Jahren starb der allerdings und offenbar wird darauf Grimoald von austrischen Großen umgebracht, aber diese ganzen Ereignisse liegen sehr im Dunkeln: Die Franken aber waren drüber sehr erzürnt, legten Grimoald einen Hinterhalt, ergriffen ihn und brachten ihn dem Frankenkönig (...) zur Verurteilung. In der Stadt Paris wurde er in einen Kerker geworfen, in schmerzvolle Fesseln gelegt und starb schließlich als gerechte Strafe für das, was er an seinem Herrn verübt hatte, unter heftigen Qualen. (s.o.)

Damit ist die direkte Linie des älteren Pippin ausgestorben. , Sohn der BeggaEtwa gleichzeitig stirbt der in Neustrien und Burgund herrschende Chlodwig II. Dessen Witwe Balthild und Hausmeier Ebroin, Gegner der "Pippiniden", regieren für den minderjährigen Chlothar III. Es gelingt ihnen, Chlodwig-Sohn Childerich (II.) in Austrien einzusetzen.

 

Ebroin versucht, wie ein König zu herrschen. Es kommt zum Aufstand der Großen unter Bischof Leodegar von Autun. Der dritte Chlothar stirbt jung, und die Großen machen Childerich II. zum König. Ebroin wird zwangsweise als Mönch in Luxeuil untergebracht.

 

Childerich wird mit einer neustrischen Kusine verheiratet, wodurch das Reich wieder geeint ist. In einem neuen Adelsaufstand werden sie getötet. Es kommt zu Adelskämpfen, in denen Ebroin Leodegar tötet. Um 680 veranlasst wohl Pippin („der Mittlere“), Sohn der Begga und inzwischen letzter Erbe aus dem Hause Arnulfs und Pippins, die Ermordung Ebroins.

Schon um 670 gelingt die Erweiterung des Familienbesitzes , als der mittlere Pippin mit Plektrud eine sehr vermögende Erbtochter heiratet, deren Familienbesitz über die Großregion vom Niederrhein bis zur Mosel verstreut ist. Zum fränkischen Helden mit großem Charisma wird Pippin, als er den Mord an seinem Vater Ansegisel eigenhändig rächt. Hier verschmelzen archaische Vorstellungen von Ehre, Mut und Stolz miteinander, wie sie in zukünftigen Heldenliedern auftauchen werden. Seitdem wird Pippin auch als "David" tituliert. (Siehe: Rudolf Schieffer, Die Karolinger. Stuttgart, 2006, S.23) Die herrscherliche Leitfigur Kaiser Konstantin wird immer mehr durch sagenhafte altjüdische "Könige" ergänzt. Neutestamentarische (christliche) Texte taugen dafür nicht.

 

Ein Problem war, dass merowingische Könige in dieser Zeit allzu oft minderjährige Söhne hatten, die unter die Kuratel von Adelsgruppierungen gerieten, die um die Vorherrschaft in ihrem Bereich kämpften. Es geht offensichtlich darum, eine sehr instabile Herrschaft dadurch an sich zu reißen, dass man mehr Stabilität verspricht. Die Mittel dahin sind aber schiere, brutale Gewalt. Und der fränkische Adel möchte aus Eigeninteresse möglichst wenig Zentralgewalt.

 

In der Schlacht von Tertri 687 siegt der "mittlere" Pippin über Neustrien (den Nordwesten, in der Mitte liegt Paris) und dessen Hausmeier und vereint damit das ganze fränkische Kernreich unter seinem Hausmeieramt. Im 'Liber Historiae Francorum' heißt es, Pippin begann als Hausmeier des Königs Theuderich die Herrschaft auszuüben. Er nahm den Schatz an sich, ließ von den Seinen einen gewissen Nordebert mit dem König zurück und kehrte nach Auster heim. (48)

Ab spätestens 691 ist die königliche Familie endgültig machtlos und unter hochadeliger Kontrolle. 

 

Derweil machen sich duces, Herzöge aus der fränkischen Oberschicht, an den Rändern Franziens immer selbständiger: im noch weithin heidnischen Friesland, Alemannien, Bayern, der Provence und Aquitanien. Loslösungstendenzen gibt es auch von Aquitanien in Vasconia, der späteren Gascogne, einem weithin romanisierten Teil des Baskenlandes. In Hessen, Thüringen und Mainfranken scheint es dagegen durch Ansiedlung von fränkischem Bevölkerungsüberschuss zu stärkerem Einfluss zu kommen. Die Friesen werden nach Feldzügen wenigstens nominell unter fränkische Oberhoheit zu kommen. Der Bischofssitz Utrecht wird gegründet und zum Ausgangspunkt angelsächsischer Mission. Damit beginnt die Verbindung von Eroberung und Mission, die das Frankenreich nun kennzeichnen wird. (Hageneier in LHL, S.13)

 

714 stirbt dieser Pippin und seine Witwe Plektrud versucht nach dem Tod ihrer Söhne ihre drei Enkel nun mit der Macht zu versorgen, also den Hausmeierstellen. Als Witwe eines Hausmeiers fehlt ihr aber die Legitimation einer königlichen Witwe. Der neustrische Adel möchte das arnulfinisch-pippinidische Joch abschütteln.

 

Karl, den Sohn Pippins mit seiner (Neben?)Frau Chalpaida, steckt Plektrud ins Gefängnis. Sie leitet mit ihren Enkeln und dem König alles in heimlicher Herrschaft (Liber Historiae Francorum, c.51). Nach zwei Jahren kann er entkommen und die Kontrolle über Austrasien gewinnen. Er entmachtet die in Köln residierende Plektrud bis 717 und nimmt dort ihren Schatz bis auf eine Art Witwenpension für die ehemalige Königin an sich, die damit ein Damenstift gegründet haben soll.

 

Karl setzt zwar einen machtlosen Merowinger (Chlothar IV.) auf den Thron, herrscht aber tatsächlich selbst. Bis 720  hat er den neustrischen Hausmeier Raganfrid besiegt und ist Herr über das kriegerisch wieder "geeinte" Frankenreich und einziger maior domus. Danach werden das unbotmäßige Friesland und der Westen Sachsens kurzzeitig erobert und verwüstet. Aquitanien und Alemannien wird der fränkischen Herrschaft wieder einverleibt, das große bayrische Herzogtum muss wieder fränkische Oberhoheit anerkennen. Karl entführt und heiratet Swanahild aus der bayrischen Herzogsfamilie.

 

Fried hat nachgezählt: Zwischen 714 und 768 gibt es nur fünf Jahre ohne Krieg (S.57) Es sind enorm gewalttätige Zeiten überhaupt. Aufgrund seiner ehernen Kriegskunst und der Tatsache, dass er fast jeden Sommer "im Felde" steht, bekommt Karl später bei den Franken den Beinamen "der Hammer" (Martell). Nur ein großer Krieger bekommt damals eine hinreichende Gefolgschaft hinter sich, die leudes. Daneben wird diese Gefolgschaft befestigt durch große Geschenke. Aber das reicht so wenig aus wie die übliche Beute, der oberste Kriegsherr muss für die große Kriegerschar, die er ständig braucht, neue Gratifikationen finden, und findet sie wohl bei den Kirchen. Spätere Quellen werden zumindest erzählen, er reiße in größerem Umfang Kirchengut an sich, das er dann weiter verteile. Die Kirchen wiederum entschädigt er (laut Fried, S. 59, Fleckenstein, S.42) mit einer Pflichtabgabe, dem Zehnten, und manchmal auch dem Neunten. Neue große Grundherrschaften eines Kriegeradels entstehen dadurch.

Zudem setzt er kriegerische Laien in Bischofsämter ein (Mainz, Trier)

 

737 stirbt der merowingische "Schattenkönig" und Karl Martell kann es sich nun leisten, ohne einen solchen weiter zu herrschen. In dieser Zeit werden die bis ins Zentrum des Frankenreiches vorgedrungenen "Araber" wieder zurückgedrängt, 732 irgendwo zwischen Tours und Poitiers und 737 bei Narbonne.

 

3. Die angelsächsische Mission

 

Nach der römischen und der irischen Christianisierung verändert sich in dieser Zeit das Christentum der Franken erneut. Mit der irischen Mission war der fränkische Adel in das neue System der Adelsklöster, der adeligen Eigenkirchen und dann auch in eine neue Auffassung des Bischofsamtes integriert worden. Im selben Prozess verschmolz er endgültig mit dem alten gallorömischen Adel.

 

Die Bischöfe werden nun, mehr noch als zuvor, zu weltlichen Machthabern. Manche waren offenbar nicht einmal vorher ordiniert oder geweiht worden. Als aristokratische Kriegerbischöfe tragen sie bei zur zunehmenden Dezentralisierung, zum Zerfall der eh schwachen Einheit fränkischer Herrschaft.

Der Bischof von Auxerre, Savarich, ist einer der Gegner Karl Martells. In der örtlichen Bischofschronik wird von einem Zeitgenossen über ihn folgendermaßen berichtet, und zwar aus der Perspektive der Sieger:

Savarich war ... von sehr hoher Geburt. Er begann, ein wenig von den Pflichten seines Standes abzuweichen und sich mehr um weltliche Angelegenheiten zu kümmern, als es einem Bischof angemessen war, und das in einem solchen Ausmaß, dass er sich mit Waffengewalt die Gebiete von Orléans, Nevers, Tonnerre und das Avallonais aneignete ... Unter Missachtung der Würde eines Bischofs stellte er eine große Armee auf; als er aber auf Lyon marschierte, um es mit Waffengewalt zu erobern, wurde er durch einen göttlichen Blitz getroffen und starb sofort. (In: Geary, Die Merowinger, s.o., S.211)

 

Solche „geistlichen“ Magnaten waren in Zeiten der Ohnmacht der Zentralgewalt dazu übergegangen, sich zwei, drei, vier Bistümer zugleich unter den Nagel zu reißen und dazu noch die Abtswürde in einer ganzen Anzahl von Klöstern zu bekleiden. In dieser Zeit gibt es dann auch immer mehr Bischöfe, die nicht mehr des Lesens kundig sind. Überhaupt zieht sich jetzt die Schriftlichkeit fast ganz auf einen Teil des Klerus und die Klöster zurück.

 

Das ist die Situation, auf die die angelsächsische Mission trifft. Die angelsächsische Kirche wird dabei zum Modellfall für eine zentralisierte römische Universalkirche. Zunächst geht die Missionierung von Benediktinermönchen aus. Dabei handelt es sich um vom Papst lizensierte Missionare, die eine feste Bischofshierarchie mit Metropoliten (späteren Erzbischöfen) etablieren. Darüber hinaus steht sie unter der Kontrolle der Könige und ist zur Zusammenarbeit mit ihnen verpflichtet.

 

Als erstes gehen Wilfrid und Willibrord zu den Friesen, mit denen sie sich volkssprachlich verständigen können. Zuvor stellen sie sich unter den Schutz des mittleren Pippin und bieten ihm an, die von ihm eroberten Gebiete zu christianisieren. Willibrord fährt dann nach Rom, um sich die Genehmigung für die Mission vom Papst zu holen, eine für fränkische Geistliche unvorstellbare Aufwertung des Papsttums. Pippin schickt ihn auch deshalb nach Rom, damit der Papst ihn zum Bischof der Friesen weiht. Auf diese Weise gehen die Christianisierung und die fränkische Unterwerfung der Friesen Hand in Hand. Erfolgreich ist umgekehrt die Christianisierung auch nur dort, wo Franken militärisch die Friesen unter der Knute haben. Im Ergebnis wird so die friesische Kultur nach und nach zerstört und sie werden vorübergehend ein Stück weit „frankisiert“.

 

Nachfolger Wynfreth, später von den Päpsten Bonifatius in fast direkter Übersetzung genannt, wird bald vom Papst beauftragt, die irisch-fränkisch christianisierten Kirchen in Bayern und Alemannien unter päpstliche Kuratel zu stellen, was auch als „Mission“ bezeichnet wird. Inhaltlich formuliert Bonifatius später als sein oberstes Ziel für die Geistlichkeit die Einheit und die Unterwerfung unter die römische Kirche durch einen Gehorsamseid gegenüber dem Papst und die Durchsetzung des römischen Taufritus.. Zugleich bedeutet das auch die Unterordnung der Bischöfe unter die karolingischen Hausmeier und später dann Könige. Die Konzentration der Kirche einmal auf Rom hin und zugleich auf das Zentrum der weltlichen Schutzmacht führt zu einer inhaltlichen, auf das Papsttum orientierten Vereinheitlichung, zugleich aber auch zu einer auf die zukünftige Königsmacht hin orientierten organisatorischen Einheit.

 

Inhaltlich kommt es in kleinen Schritten zur Durchsetzung eines neuen Episkopates im gesamten fränkischen Einflussbereich: Verweltlichte Bischöfe werden durch den geistlichen Ansprüchen der Missionare genügende wenigstens zum kleinen Teil abgelöst. In diesem Prozess kann Karl Martell wohl erhebliche Teile des kirchlichen Besitzes für seine Herrschaftsausübung abzweigen. Um den Reformbedarf anschaulich zu machen, redet Bonifatius von Diakonen, die seit ihrer Kindheit immer in Unzucht, immer im Ehebruch und immer in allerlei Schmutzereien gelebt haben (...) und jetzt im Diakonat vier, fünf oder mehr Beischläferinnen nachts in ihrem Bett haben", und trotzdem zur Priesterweihe gelangen (...) und endlich sogar zu Bischöfen gesalbt und als solche bezeichnet werden.  Er wendet sich gegen Bischöfe, die  zwar sagen, sie seien keine Hurer und Ehebrecher, die aber trunk- und streitsüchtig sind, eifrige Jäger, die bewaffnet im Heer kämpfen und mit eigener Hand Blut von Menschen vergossen haben, sei es nun von Heiden oder von Christen.." (Brief des Bonifatius von 742 an Papst Zacharias). Viele der Bischöfe können offenbar auch kein Latein, gelegentlich ist ihre Lesekunst sogar sehr eingeschränkt.

 

Nicht weniger plastisch sind die Bußbestimmungen Bedas , die er kurz zuvor in 'De remediis peccatorum' für England notiert:

Wenn aber ein Kleriker mit einem vierfüßigen Tier Unzucht betreibt, so solle er zwei Jahre büßen, ein Subdiakon drei, ein Diakon fünf, ein Priester sieben, ein Bischof zehn Jahre. Wer mit seiner Mutter Unzucht betreibt, soll fünfzehn Jahre büßen. Wer es mit der Tochter oder Schwester treibt, soll zwölf Jahre büßen. Wer mit dem eigenen Bruder sich unzüchtig in körperlicher Vereinigung vergeht, soll sich jeglichen Fleischgenusses enthalten und fünfzehn Jahre büßen. Wenn ein Kleriker zur Jagd geht, so soll er ein Jahr büßen, der Diakon zwei, der Priester drei. Wenn eine Mutter mit ihrem kleinen Söhnchen Unzuht treibt, so soll sie sich drei Jahre des Fleischgenusses enthalten und einen Tag in der Woche abends fasten. Wenn ein Priester oder ein Diakon oder ein Mönch eine Gattin nimmt, so soll er bei Mitwissen des Volkes abgesetzt werden. Wenn er aber Ehebruch mit ihr begeht und dies dem Volk bekannt wird, so soll er aus der Kirche verjagt werden und unter den Laien lebenslang büßen. Wer aber seine Gattin um einer anderen Frau willen verlässt, soll sieben Jahre büßen. (in LHL, S.194) 

 

Das Christentum ist wie Judentum und Islam eine Religion geoffenbarter Schriften. Das Durchsetzen der Schriftlichkeit beim höheren Klerus geht nun, wie schon einmal in der Antike, zusammen mit der Verehrung für Texte, der Textgläubigkeit, und da der hohe Klerus Stütze der weltlichen Herrschaft ist, wird das von ihr gefördert. Ein nächster Schritt wird dann ganz langsam die Verrechtlichung von Machtausübung werden.

 

Verboten werden den Geistlichen das Waffentragen, die Heerfahrt, weltliche Kleidung, das Zusammenwohnen mit Frauen, dazu werden sie zum Gehorsam auf den Bischof verpflichtet. Eine neue Kirche breitet sich langsam aus, auch wenn sich die Realität nicht so ganz an die Verbote hält.

 

Organisatorisch werden die in den Gehorsam gegenüber den Päpsten und Königen gestellten Bischöfe auf Konzilen auf die Interessen des zentralen fränkischen Herrschers hin ausgerichtet. Praktischerweise werden diese karolingischen Konzile auf dem Maifeld (dem ursprünglichen Märzfeld bzw. Marsfeld) zusammen mit der jährlichen „Musterung“ des Vasallenheeres abgehalten. Ihre Beschlüsse werden nicht mehr wie nach der konstantinischen Neuordnung im Namen der Bischöfe verkündet, sondern im Namen des fränkischen Herrschers. Die inhaltliche Durchsetzung dieser neuen christlichen Vorstellungen wird sich aber durch das ganze Mittelalter hindurchziehen.

 

Als Bonifatius schließlich 732 vom Papst das Pallium eines Erzbischofs erhält und nun selbst Bischöfe weihen kann, regt sich beim um seine Selbständigkeit besorgten fränkischen und dann auch bayrischen Episkopat Widerstand, dem sich Karl anschließt. . Als dann Papst Gregor III. um Hilfe gegen die Langobarden bittet, verweigert er sich und konzentriert sich auf die kriegerische Konsolidierung seines Reiches. Unverdrossen operiert der Missionsbischof im päpstlichen Auftrag auch noch als kirchlicher Berater Pippins. An Freund Daniel, Bischof von Winchester, schreibt er: Ohne das Patronat des fränkischen Fürsten kann ich weder die Gläubigen regieren (...) noch die Priester beschützen (...) noch kann ich in Deutschland die Ausübung heidnischer Riten und die Götzenanbetung verbieten, ohne seine Befehle und die Furcht, die er einflößt. (in Brown2, S.308)

Ohne weltliche Gewalt keine Mission, wie dem Missionar durchaus bewusst ist, und wo diese nachlässt, werden die kleinen neuen Kirchlein von Friesen und Sachsen sofort wieder zerstört. Daneben gibt es aber offenbar Formen einer nicht von Papst und König lizensierten Christianisierung, die zunächst mehr Erfolg zu haben scheinen. 744/45 wird ein Aldebert erst von fränkischen Bischöfen und dann von Rom verurteilt, der sich aus eigenen Stücken und direkt von Gott berufen zum Bischof machte. Seine Anhänger "stellten den Kirchenbesuch ein und versammelten sich unter Kreuzen, die Aldebert auf Wiesen, an Quellen oder wo es ihm sonst beliebte, hatte aufstellen lassen. Er forderte, die Gebete nicht in Domen, die von den Bischöfen hgeweiht waren, an Gott zu richten, sondern in kleinen Kapellen, die er auf offenem Felde erbaut hatte. Ferner verwarf er die Notwendigkeit der kirchlichen Beichte, indem er erklärte, ihm wären auch so alle Verfehlungen bekannt." (Gurjewitsch in: Römer und Barbaren, S.230). Ein solches Konkurrenzunternehmen zur römischen Kirche und ohne Fixierung auf königliche Macht konnte natürlich nicht geduldet werden.

 

Schon vor den angelsächsischen Missionaren kommt es im 7. Jahrhundert zum "gallischen Klosterfrühling".. Bei Martina Hartmann ist ein Ausschnitt aus der Vita Sadalbergae zu finden, die das fromme Leben einer Adeligen der Zeit, die erst in der Nähe von Luxeuil ein Kloster für sich gründet und es dann später in die Mauern von Laon verlegt:

Zu seiner Zeit (eines Abtes von Luxeuil) begannen sich in den Provinzen Galliens die Scharen der Mönche und Schwärme heiliger Mädchen nicht nur über Äcker, Dörfer, Weiler und Burgen, sondern auch über die Weite der Einöde zu verbreiten, und zwar nach der Regel der seligen Väter Benedikt und Columban, während vor jener Zeit Klöster kaum an wenigen solchen Orten zu finden waren. (Hartmann, S.24).

 

Zugleich wird mit der Neugründung benediktinischer Klöster und ihrer Ordensregel für die schon bestehenden der Einfluss der karolingischen Herrscher auch in diesem Bereich gestärkt. Erst damit entsteht die (west)römische Form einer einheitlichen mittelalterlichen Kirche.

 

Die iroschottische Mönchsmission hatte zu den fränkischen Adelsklöstern geführt, die zu Machtzentren großer Adelsfamilien mit enormem Grundbesitz wurden. Die Gelegenheit der angelsächsischen Reform-Mission, von Hausmeiern und ihren königlichen Nachfolgern im Verein mit den Päpsten betrieben, bietet den Karolingern die Möglichkeit, konkurrierende aristokratische Machtzentren zu zerschlagen und unter die eigene Kontrolle zu bringen.

 

Hausmachtpolitik über Klöster zeigen die Anfänge des Klosters Echternach. Die wahrscheinliche Mutter der Plektrud, eine begüterte Äbtissin von Oeren bei Trier, beauftragt Willibrord mit der Gründung von Echternach auf ihrem Grundbesitz. Dieser überträgt danach alles an Pippin und Plektrud, die es ihm mit zusätzlichen Geschenken zurück übertragen, damit er es unter ihrer "Herrschaft und ihrem Schutz" leite. So zum Beispiel entstehen karolingische "Hausklöster". (Zum Bsp. in Schieffer, S.31ff) Als Anerkennung für treue Dienste darf Willibrord später Karls Sohn taufen.

 

Die weitere Entwicklung wird kaum verständlich ohne einen kurzen Blick nach Italien.

 

 

4. Ostrom und Italien

 

Nach 454 lösen sich Teile der Goten als Ostgoten aus dem hunnischen Machtbereich und siedeln dann als Foederaten der Römer in Pannonien. Um 460 ist der Königssohn Theoderich Geisel in Konstantinopel. Ab 474 setzt er sich nach seiner Rückkehr als König durch.

 

Im Auftrag des Kaisers Zenon zieht Theoderich nach Italien, welches er für (Ost)Rom erobern soll. Nach einer fünfjährigen Schlacht um Ravenna ermordet Theoderich den römischen Patricius Odoaker. Theoderich nennt sich nun princeps Romanus und herrscht praktisch selbstständig.

 

Die Unterscheidung in gotische Arianer und römische Katholiken ist einer der Gründe für fehlende Integration in die einheimische Bevölkerung, die gleichzeitig der westlichen Konkurrenzmacht der Franken in Gallien gelingen wird. Nach Theoderichs Tod 526 kommt es zu innergotischen Kämpfen, die Kaiser Justinian nutzt, der seinen Feldherrn Belisar nach Italien schickt. 540 nimmt er Ravenna ein.

 

Dann entsteht ihm in Totila noch einmal ein Gegenspieler, der erst 552 besiegt wird. Die zehn Kriegsjahre verwüsten Italien in seit dem Aufstieg Roms nie dagewesenem Maße. In derselben Zeit fallen auch die merowingischen Franken in Norditalien ein und richten große Verwüstungen an. Bis 565 hat sie der byzantinische Feldherr Narses wieder weitgehend verdrängt. Bis dato hatte Rom immerhin noch 100 000 Einwohner gehabt, gut ein Zehntel der früheren Bevölkerung. Die Zahl reduziert sich jetzt auf 10-20 000 und die römische Pracht dient als Steinbruch und Viehstall. Der römische Senat und der senatorische Adel verschwinden.

 

Italia wird einem praefectus praetorio unterstellt und wie eine eroberte Provinz von Konstantinopel aus regiert. Abgesehen von wenigen Privilegien ist die Stadt Rom jetzt eine unter vielen im Reich, und eine kleine im Vergleich zu den oströmischen Städten noch dazu.

 

Justinianus/ Justinianós I. ist der letzte (ost)römische Kaiser, dessen Muttersprache noch Latein ist. In Konstantinopel wird er deswegen von einigen Intellektuellen verachtet. Aber bereits mit ihm bekommt das oströmische Kaisertum einen immer hellenistisch-orientalischeren Zug. Er verbietet die platonische Akademie von Athen, schafft das Amt der Konsuln ab, ebenso wie den römischen Senat, und setzt mit den zunehmenden theokratischen Tendenzen eine Art sakrales Kaisertum durch.

 

Mit dem Ende des weströmischen Reiches wird Italia zum ständigen Kriegsschauplatz. Seltener sind große Kriegszüge, wie solche der Ostgoten, Byzantiner, Langobarden, Normannen. Aber mit der Auflösung des Reiches, seiner Rechts- und Friedensordnung nach innen zerfällt Italien bei allen kurzen Versuchen von regionalen Reichsbildungen immer wieder in kleine Herrschaften, die stets aufs neue sich verbünden und wieder bekriegen. Mit dem 7. Jahrhundert und bis zum Ende des Mittelalters kommen dann die Raubüberfälle von Sarazenen und später Türken dazu, die vor allem in den Küstenregionen Angst und Schrecken verbreiten.

 

Schon das späte römische Reich war zunehmend militarisiert worden, seit Justinian werden die byzantinischen Gebiete Italiens, immer aufs neue bedroht, zu Militärherrschaften, von magistri militi und in kleineren Untereinheiten von tribuni kontrolliert. Herrschaften wie Amalfi oder Sorrent werden zu castra, Neapel wird zu einer befestigten Stadt. Auch die Bereiche von Capua und Salerno zum Beispiel werden von Militärkommandanten beherrscht.

 

Kurz darauf, 568, erobern die Langobarden unter Alboin die Nordhälfte Italiens bis auf Ravenna und Rom, der Süden bleibt zum Teil byzantinisch. Ihr Kernland mit der größten langobardischen Siedlungsdichte wird später nach ihnen Lombardei heißen. Sie entwickeln ein Königtum, von welchem sich immer wieder die Dukate (in etwa: Herzogtümer) Spoleto und Benevent abzuspalten versuchen. Von ihren Gebieten wird der Vatikan eingeschlossen. Als Sonderfall existiert die Region um Ravenna als „Exarchat“ im Norden in der Hand von Byzanz.

 

Eine schöne Beschreibung von ihrem Äußeren gibt der langobardische Historiker Paulus Diaconus, ein Zeitgenosse Karls d.Gr., der außer ihren vielleicht namensgebenden langen Bärten noch folgendes in seiner 'Historia Langobardorum' erwähnt: Nacken

und Hinterkopf hatten sie glattgeschoren, die anderen Haare hingen ihnen über die Wangen bis zum Mund herab und waren in der Mitte der Stirn gescheitelt. Ihre Kleidung war weit und meist aus Leinen, wie sie die Angelsachsen tragen, zum Schmuck mit breiten Streifen von anderer Farbe verbrämt. Ihre Schuhe waren oben fast bis zum großen Zeh offen und durch herübergezogene lederne Riemen zusammengehalten.

(Buch 4, Kapitel 22: Siquidem cervicem usque ad occipitium radentes nudabant, capillos a facie usque ad os dimissos habentes, quos in utramque partem in frontis discrimine dividebant. Vestimenta vero eis erant laxa et maxime linea, qualia Anglisaxones habere solent, ornata institis latioribus vario colore contextis. Calcei vero eis erant usque ad summum pollicem pene aperti et alternatim laqueis corrigiarum retenti. Postea vero coeperunt osis uti, super quas equitantes tubrugos birreos mittebant.)

 

Die Langobarden sind Gruppen von Arimanni, von freien wehrhaften Männern. Sie siedeln sich vor allem in unkultivierten Gebieten an, den gualdo (Wald= Wildnis). Die unterworfenen Römer werden verknechtet und von den germanischen Kriegern dominiert. Tatsächlich kommt es dann zu einer Integration der römischen Mehrheit in die langobardische Minderheit, was sich in den Namensgebungen niederschlägt. (Jean-Pierre Martin, Les Lombards, derniers barbares du monde romain, in: http://www.clio.fr/BIBLIOTHEQUE/les_lombards_derniers_barbares_du_monde_romain.asp)

 

Mit der drohenden fränkischen Gefahr verbünden sich langobardische Herrscher mit Byzanz. Zunächst sind sie von römischen Herrschern noch völlig verschieden: Von den Großen des Volkes gewählt, umgibt sie keine mystisch-sakrale Aura. Sie bilden auch keine Dynastien und es gibt keine Krönung. Seine Herzöge (duces) kann der König nie völlig sich unterwerfen, während diese versuchen, ihre Grafen (comes) zu ihren direkten Untergebenen zu machen.

 

Im Kernland der Römer werden die Langobarden bald stärker romanisiert als die Franken in Gallien. So haben sie kein Reise-Königtum, sondern eine Hauptstadt, zunächst Mailand, später Pavia. Herzöge hatten ebenfalls Hauptstädte mit Palast und Verwaltung wie Benevent oder Salerno. Dort umgeben sie ihren „Hof“ mit ihren gasindi, den Hofleuten. Sie nahmen immer mehr römische Attribute in ihre Titel auf, wie vir excellentissimus oder gloriosissimus. (s.o.)

 

Der König ist größter Grundbesitzer und kann indirekte Steuern und Dienste einfordern. Seine Güter lässt er von Gastalden verwalten, sein Reich von Königsboten. Als die Franken in Italien einfallen und das langobardische Königtum beseitigen, stoßen sie auf Germanen, die unter direktem römischem Einfluss weder Vasallität noch Feudalismus ausgebildet haben, wiewohl sie andererseits auch nicht imstande sind, politisch-rechtliche Vorstellungen der Römer umzusetzen.

 

Zunächst arianisch, wenden sie sich im siebten Jahrhundert dem Katholizismus zu. Der irische Columban gründet Anfang des 7. Jahrhunderts das Kloster von Bobbio, in Zusammenarbeit mit dem Papst entsteht im Dukat Spoleto am Ende des Jahrhunderts Farfa, und ein halbes Jahrhundert später kommt es im Zusammenspiel von Papst und Dukat von Benevent zum Wiederaufbau des früher von Langobarden zerstörten Klosters von Monte Cassino, einer Gründung Benedikts.

 

Vor den monotheistischen Schriftreligionen aus dem Orient war „Religion“ (in Ermangelung eines besseren Wortes) das Zentrum der traditionellen Kultur. Religion nun wird als Herrschaftsinstrument von Priestern und weltlicher Macht von oben durchgesetzt. Dort, wo das römische Christentum auf Germanen trifft, findet sich eine Übereinstimmung, was vaterrechtliche Vorstellungen angeht, während die Vorstellung

einer praktizierter Sexualität inhärenten Sündhaftigkeit Germanen fremd ist.

 

Wie komplex sich das Zusammentreffen von Christentum und Germanen auswirken wird, lässt sich an Vorstellungen erkennen, wie sie das Gesetzeswerk des Liutprand für langobardische Frauen festlegt. In seinem Kapitel 204 findet sich einerseits die Bestimmung, dass die Frau ihr Leben lang im mundium, der germanischen munt des Mannes verbleibt, also des Vaters, des Ehemannes, danach des Sohnes. Das heißt, sie ist frei über ihren freien Vater und Mann. Sie ist aber immer unter seiner rechtlichen Vormundschaft.

Andererseits muss der zukünftige Ehemann ihr vor der Hochzeitsnacht Geschenke

machen (und nachher), und auf die Hochzeitsnacht folgt die „Morgengabe“ von einem Viertel seines Eigentums. Die rechtliche Ohnmacht wird also durch erhebliche wirtschaftliche Macht kompensiert. Diese quarta wird im Süden Italiens bis in die Neuzeit hinein erhalten bleiben als germanisches Element einer Stärkung der weiblichen Situation. (Jean-Pierre Martin, Les Lombards, derniers barbares du monde romain.

http://www.clio.fr/BIBLIOTHEQUE/les_lombards_derniers_barbares_du_monde_romain.asp)

 

Definierte Weiblichkeit verbindet natürlich sexuelle Momente mit ökonomischen und rechtlichen. Die rechtliche Bindung an den Mann als Unterordnunghat wenigstens einen doppelten Aspekt: Damit kontrolliert er einmal die Fortpflanzung als seine eigene und die Verfügbarkeit seines Objektes des Begehrens. Zum anderen steht die Frau als Eigentümerin eines beachtlichen Teils des Familienbesitzes unter seiner Aufsicht.

Die ansonsten erhebliche Eigentumsfähigkeit der Frau zeichnet sie als „Freie“ im germanischen Sinn aus und als aus einem solchen Haushalt kommend. In wesentlichen Aspekten ist das im Frankenreich ähnlich.

Italien ist nun in zwei Rechtsräume geteilt: Das byzantinisch fortentwickelte römische Recht kontrolliert Venetien, das Exarchat Ravenna, Rom, Neapel und die Küsten Süditaliens, den Rest beherrschen langobardische Rechtsvorstellungen.

 

Der byzantinische „große purpurgeborene Imperator, von Gott gekrönt und geliebt“, wie er von den napoletanischen Duces angeredet wird, erlaubt den italienischen Territorialherrschern seines Reiches entsprechende Phantasie-Titel und eine Imitation seines sakral-orientalisierenden Auftretens. Langobardische Herrscher im Süden beginnen, in Ermangelung einer eigenen entsprechenden Tradition, die Byzantiner ebenfalls zu imitieren.

 

Die Macht aller dieser Militärherrscher beruht auf eigenem Grundbesitz, ebenso wie die der Bischöfe, mit denen sie sich in der Macht teilen müssen. Dieser Grundbesitz wird aber nicht feudal, sondern direkt verwaltet.

 

Besonders interessant werden die Strukturen dort, wo langobardische Eroberungen von den Byzantinern rückerobert werden, wie Otranto, Bari, Kalabrien, insgesamt um 1000 als Katepanat Italien zusammengefasst. Hier durchdringen sich altgriechische Elemente einer ursprünglichen Bevölkerung mit römischen, langobardischen und byzantinischen Elementen, in einer griechisch-lateinischen Mischkultur, in der sich die Langobarden natürlich nach und nach für das Lateinische entscheiden.

 

Anders entwickelt sich das langobardische Dukat von Benevent, die patria beneventana, dem es um 630 gelingt, Neapel das castrum von Salerno zu entreißen. Die Schwäche von Byzanz ausnutzend, dringt Benevent dann bis nach Bari, Brindisi und Cosenza vor. Zwischen 840 und 870 wird Bari dann allerdings sarazenisches Emirat, um danach von einem Bündnis aus Ludwig II. und Basileios I. zurückerobert zu werden.

 

Von Benevent trennt sich dann das Fürstentum Salerno ab und von diesem die Graftschaft Capua. Diesem Zug zur Dezentralisierung der Prinzipate entspricht darauf deren Neigung, kleine Herrschaften zu schlucken: Neapel gelingt das am Ende mit Sorrent, Salerno mit Amalfi zum Beispiel.

 

Das weitere Schicksal von Byzanz wird geprägt von Bedrohungen aus dem Norden (dem Khanat der Bulgaren) und dem Süden. Dort rennen nun arabisch-islamische Reiche gegen das oströmische an. Byzanz verliert bis um 700 im Süden und Osten seine riesigen nichtgriechischen Gebiete und den größeren Teil seiner Staatseinnahmen. Es wird praktisch zu einem rein griechischen Reich, indem zudem nach und nach außerhalb von Byzanz das geschieht, was zugleich das aufsteigende Frankenreich erlebt, eine zunehmende Entstädterung und Agrarisierung. Selbst die Stadt Byzantion schrumpft, Jahrhunderte später, ähnlich wie das Rom des Westens. Es steht nun bis etwa 840 in ständiger kriegerischer Bedrohung aus Arabien, einem "Staat, der den zehnfachen Umfang des noch verbleibenden oströmischen hat, fünfzehnmal größere Einkünfte und der Heere ins Feld schicken konnte, die zahlenmäßig denen der Rumi um das Fünffache überlegen waren." (Brown2, S.273) 

 

Vor diesem Hintergrund beginnt unter Kaiser Leo III. (717-41) der sogenannte Bilderstreit. Die zunehmende Bedrohung verlangte nach himmlischer Unterstützung und er fällte die Entscheidung, dass die üblichen Bilder dafür nicht (mehr) taugten, sondern man sich auf das in der Hauptstadt aufbewahrte Heilige Kreuz (und dessen Abbilder) konzentrieren solle. Gegen Ende seiner Regierung sollen die Bischöfe andere Bildnisse in den Kirchen, die davon ablenken, zerstört werden Die Konflikte zwischen Bilderverehrern (Ikonodulen) und von diesen so benannten Ikonoklasten, Bilderzerschmetterern, werden die nächsten Jahrhunderte überdauern. Unter Leos Sohn Konstantin V. (741-75) werden solche Auseinandersetzungen immer gewalttätiger. Als dann die für ihren Sohn Konstantin VI. regierende "Kaiserin" Irene wieder auf die Seite der Bilderverehrer übertritt, beginnt ein Wechsel von Herrschern, die jeweils eine der beiden Seiten vertreten. Zunächst wird auf einem Konzil in Nicäa 787 allerdings die Verehrung heiliger Bilder im Ostreich wiederhergestellt.

 

Dieser Konflikt findet in der Zeit statt, in der sich interessanterweise auch im Islam nach und nach ein Bilderverbot durchsetzt, welches dann auch weltliche Paläste einzubeziehen beginnt. Und es spielt in jene Situation hinein, in der die Langobarden das byzantinische Ravenna erobern (751) und die Stadt Rom bedrängen - und der Papst zunehmend bei den fränkischen Machthabern um Hilfe bittet. 

Unter den Menschen in der urbs Romana ist eine ganz handfeste und intensive Bilderverehrung im Gange, eines soll ohnehin ganz von einem Engel gemalt, andere wenigstens von Engeln vollendet worden sein. (Genaueres in... ). Die Päpste wenden sich also gegen den Ikonoklasmus und unter dem großen Karl werden die Franken das auch tun: Bilder werden gar nicht eigentlich verehrt, sondern sie helfen nur, unsichtbares Heiliges dem schlichten Gemüt nahezubringen.

 

5. Das neue Königtum

 

Wir kommen in einer Zeit an, die als zentrale Weichenstellung mit Auswirkungen bis heute betrachtet werden kann: Die Karolinger erfinden ein neuartiges Königtum, das geprägt wird durch ein enges Bündnis mit dem Papsttum, wodurch die Einordnung der westlichen Christenheit unter Rom weiter gefördert wird. Die Franken zerstören das Langobardenreich, setzen an zur Zurückdrängung von Byzanz und etablieren ideologisch einen vom römischen Bischof ansatzweise schon errungenen Kirchenstaat, der auch ein Resultat der Kirchenspaltung ist. Und Italien wird bis ins 19. Jahrhundert mindestens zweigeteilt bleiben. Damit erst  geht in Westeuropa die Spätantike zur Gänze zu Ende, aus dem Karolingerreich werden Keimzellen neuer Staatlichkeit hervorgehen in Reich und Stadt. Dazu zunächst einmal nach Ostrom, also Byzanz.

 

Die oströmischen Kaiser hatten sich unter hellenistisch-orientalischem Einfluss zu einer quasi-sakralen Rolle aufgeschwungen. Kult und Zeremoniell vergöttlichen ihn in spätrömischer Tradition. Umgeben von zahlreichen Eunuchen, residiert er in einem heiligen Palast. Besucher haben vor ihm zu erzittern und auf den Boden zu fallen. Er wird in Statuen und Bildern als fast göttlich verehrt.

 Der byzantinische Patriarch wird vom Basileus ernannt und im Notfall auch abgesetzt. Der Kaiser selbst ernennt seine Nachfolger. Palastintrigen und Machtkämpfe nehmen überhand. Mehr als die Hälfte aller Kaiser werden ermordet werden.

 Dieses Byzanz wird seit Beginn des achten Jahrhunderts vom sogenannten Bilderstreit bewegt, wobei die eine Seite, die Bilderstürmer, Ikonoklasten, jegliche Verehrung und schließlich jede Abbildung von Gott oder Heiligen ablehnt, ganz ähnlich wie der aufstrebende Islam nebenan. Die Einheit der beiden Kirchen geht auch dadurch ihrem förmlichen Ende entgegen, denn in Rom werden Bilder vom Volk inbrünstig verehrt, was die Kirche, theologisch etwas unbegründet, eher fördert. 

 

In diesen Vorgang eingebunden ist ein anderer: Neben dem Exarchat Ravenna gibt es als offiziell oströmisches Gebiet noch die Gegend um Rom, das Dukat von Rom. Da der Exarch durch langobardisches Gebiet davon abgetrennt ist, kann der römische Bischof sich zum Herren über dies Gebiet aufschwingen, was naheliegend ist, ist er doch dort schon der größte Grundbesitzer. Dies wird eine Voraussetzung des Kirchenstaates werden bzw. der weltlichen Herrschaft der Päpste über mehr als nur ihre Stadt.

 

Kurz vor 740 geschieht etwas schon länger absehbares: Der langobardische König zieht nach Spoleto und Benevent, um die abtrünnigen Herzogtümer mal wieder in seine Gewalt zu bringen. Trasimund von Spoleto flieht nach Rom, worauf das langobardische Heer die Stadt belagert.

 

Da inzwischen der alte Schutzherr Roms, der oströmische Kaiser, nicht mehr zur Verfügung steht, sieht sich Papst Gregor III. nach einem neuen um und findet ihn in dem mächtigsten Herrscher des Westens, dem Bezwinger der Araber, Karl Martell. Gregor schickt eine Gesandtschaft nach Franken, die Karl als "Unterkönig" tituliert, den Schlüssel zum heiligen Grab des Petrus und andere Geschenke überbringt, mit dem Anerbieten, dass der Papst sich vom (griechischen) Kaiser lossage und dem Fürsten Karl das römische Konsulat übertrage, wenn er ihn von der so großen Bedrückung der Langobarden befreie, wie die fränkische Quelle schreibt. (in: Mühlbacher, S.42)

 

Mit einer solchen Schlüsselübergabe hatte ein Papst schon früher versucht, die Engländer an das Papsttum zu binden. Was nach einer Ober- und Schutzhoheit der fernen Franken aussieht, ist der päpstliche Versuch, sich auch als weltlicher Herrscher im Herzen Italiens dauerhaft zu etablieren.

 

Tatsächlich bestand allerdings zwischen dem fränkischen und dem langobardischen Herrscher eine enge Freundschaft, die eine fränkische Intervention wohl verbietet. Schließlich geben die Langobarden auch ohne fränkische Intervention die Besetzung Roms auf.

 

Für den fränkischen Herrscher ohne Herrschertitel bedeutet die päpstliche Gesandtschaft eine enorme Aufwertung. Als um diese Zeit der merowingische Schattenkönig stirbt, ignoriert Karl das und setzt einfach keinen neuen mehr ein. Die Franken hatten sich von den Römern die Datierung nach den Regierungsjahren der Herrscher abgeschaut, eine Zählung nach Christi Geburt wird erst viel später aufkommen. Der Bruch wird jetzt an einem kleinen Detail deutlich: In den nächsten Jahren wird „nach dem Tod des Theuderich“ gezählt werden.

 

Karl Martell hinterlässt von mehreren Frauen drei Söhne. Vermutlich teilt er vor seinem Tod 741 seinen Herrschaftsbereich nicht ganz klar unter den beiden legitimen Söhnen Pippin und Karlmann auf, um dann auf Betreiben seiner zweiten Swanahilds noch ein Reich für Grifo hinzuzufügen. Pippin und Karlmann machen zunächst einen letzten Merowinger zum (machtlosen) König. Grifo wird von ihnen von der Erbfolge ausgeschlossen, wie das auch bei Karl Martell selbst geschehen war. Dabei war Karl Martells Witwe Swanahild ehedem Prinzessin eines "legitimen" bayrischen Herrscherhauses, während die beiden anderen Söhne Karls die eines Emporkömmlings sind. Es wird lange dauern, bis beide ihren Stiefbruder besiegt haben, der erst einmal  aus Klosterhaft nach Bayern flieht.

Darauf entkommt Karls Tochter Hiltrud aus der früheren Ehe ebenfalls nach Bayern und heiratet den Vater ihres Sohnes, den Bayernherzog Odilo. Der Sohn, Tassilo, wird zum großen Gegenspieler seines Cousins, Karls d.Gr. werden. Swanahild wird von ihren Stiefsöhnen ins Kloster gesteckt.

 

Zugleich erheben sich die Aquitanier, Alemannen, Bayern und Sachsen. Alemannien wird blutig unterworfen. Die Hausmeier, die sich jetzt wie Könige benehmen, sind immer noch ohne dynastische Legitimität. Aus diesem Grund setzen sie nach sechs königslosen Jahren wieder einen Merowinger ein, über den weiter nichts bekannt wird. 

 

Bonifatius unterstützt die beiden Frankenherrscher, die ihn wiederum für den Ausbau der Macht in ihren Reichen gebrauchen können. In einem der zahlreichen erhaltenen Bonifatiusbriefe wird der Aufruf zu einer ersten zentralen Synode in Austrasien aufbewahrt:

Ich, Karlmann, dux et princeps der Franken, habe im Jahre 742 der Fleischwerdung Christi unter dem Beirat der Knechte Gottes und meiner Großen die Bischöfe meines Reiches mit ihren Priestern (...) zu einer Synode versammelt (...), um mit mir zu beratschlagen, wie das Gesetz Gottes und die kirchliche Ordnung, die unter den früheren Fürsten sich aufgelöst hat und zusammengebrochen ist, wiederhergestellt werden soll. () Kirchen-und Reichsorganisation sollen sich ergänzen.

 

743 oder 744 verkündet Karlmann als Ergebnis einer Synode von Les Estinnes: Wir haben auch mit Berutung der Diener Gottes und des christlichen Volkes bestimmt, dass wir wegen der drohenden Kriege und der Einfälle der Völker ringsherum einen Teil des kirchlichen Vermögens mit Gottes Erlaubnis (sic!) als zinspflichtige Landleihe (sub precario et censu)zur Unterstützung unseres Heeres für einige Zeit zurückbehalten - unter der Bedingung, dass jährlich von jeder Hofstatt ein Solidus zu zwölf Denaren an die Kirche oder das Kloster bezahlt werden soll. Wenn der jenige stirbt, dem das Gut geliehen war, soll die Kirche wieder in den Besitz ihres Gutes kommen. Und wenn erneut die Notwendigkeit dazu besteht, dass der Fürst es befiehlt, soll die Landleihe (precarium) wiederholt und erneut beurkundet werden. Und im ganzen soll darauf geachtet werden, dass Kirchen und Klöster, deren Land als Precarie verliehen ist, nicht Mangel und Not leiden; vielmehr soll, wenn die Armut es notwendig macht, der Besitz ungeschmälert der Kirche oder dem Gotteshaus zurückgegeben werden. (in: Patzold, S.26)

 

747 gibt der Herrscher über das halbe Reich, Karlmann, auf, geht ins Kloster, erst nördlich von Rom, ab 750 in das von Monte Cassino im Einflussbereich der Langobarden, aus unauslöschbarem Verlangen nach frommer Hingabe (devotio), wie später eine Chronik fromm behauptet. Pippin übernimmt einfach im Handstreich die ganze Macht. Der Sohn, vielleicht auch mehrere, dieses Karlmann wird nach der Geburt von Pippins erstem Sohn, Karl (dem späteren Kaiser) zwangsweise zum Mönch gemacht und quasi im Kloster lebenslang inhaftiert.

 

Hausmeier Pippin ist Alleinherrscher. Alemannien und Bayern werden wieder unter fränkische Hoheit gebracht. Grifo, nun in der Hand Pippins, soll mit einer Anzahl Grafschaften abgefunden werden, weigert sich aber und flieht zum aquitanischen Herzog Waifar und wird dann wohl 753 von Gefolgsleuten Pippins umgebracht, als er über die Alpen zu den Langobarden zu entkommen versucht. 

 

Alleinherrschaft schafft tendentiell Zentralisierung und stabilere Staatlichkeit, stärkere Kontrolle des Adels unter einer übergeordneten Macht, wenn denn der Herrscher die dafür erforderliche Macht besitzt. Aber die neuartige Herrschaft des Vertreters einer reichen und mächtigen Adelsfamilie, die auf dem Weg von Gewaltakten gegen die legitime Familie der Merowinger eingeleitet wurde und durch solche gegen die eigenen Brüder fortgesetzt wird, verlangt eine neuartige Legitimation. 

 

Zunehmend wird dann Bonifatius bei den regelmäßiger werdenden Kontakten der fränkischen Hausmeier-Herrscher mit dem Papst übergangen. Und so wendet sich Pippin nun auch wegen der Königswürde direkt an den Papst.

 

Wie so oft, ist der folgende Vorgang im Lichte der päpstlichen und fränkischen Quellen nicht genau zu klären. Laut den „Reichsannalen“, schickt Pippin eine hochkarätige geistliche Gesandtschaft zu Papst Zacharias:

Bischof Burchard von Würzburg und der Kaplan Fulrad wurden zu Papst Zacharias geschickt. Sie fragten an betreffs der Könige im Frankenreich, welche in jener Zeit keine königliche Gewalt mehr hatten, ob das gut sei oder nicht. Und Papst Zacharias ließ Pippin melden, dass es besser sei, jener, der die Gewalt habe, heiße auch König, denn derjenige, dem keine königliche Gewalt mehr geblieben sei, und dass kraft apostolischer Autorität, damit die Ordnung nicht gestört werde, Pippin König werde. (Annales regni Francorum für 749)

 

Die Merowingerherrschaft war aus dem Amt des römischen Heermeisters hervorgegangen, das neue Königtum aus dem weniger römischen Amt des Hausmeiers. Die alte Legitimation war die militärische Gewalt von Eroberern und Anerkennung durch einen Kaiser, die neue Macht wird nun durch die christliche Approbation durch den Papst auf eine nie dagewesene Art legitimiert.

 

Das Papsttum braucht, um sich auch als weltliche Macht zu etablieren, einen neuen Schutzherrn - vor allem gegenüber den Langobarden, aber auch gegenüber Byzanz. Geistliche und weltliche Hoheit verschränken sich ineinander.

 

Bei den Merowingern war es das vererbte königliche Charisma gewesen, welches sich optisch in den besonders langen Haaren ausdrückte. Dem letzten von ihnen werden nun die Haare geschoren und er wird ins Kloster gesteckt.

 

Das ganz Andere drückt sich in den Annalen so aus: Pippin wird durch die Wahl aller Franken (der fränkischen Großen), durch die Weihe der Bischöfe und die Huldigung der Großen samt seiner Gemahlin Bertrada nach altem Brauch auf den Thron erhoben. In der Fortsetzung der Fredegarschronik heißt es für das Jahr 749 dazu:

Der erlauchte Pippin wurde, wie es von alters her die Ordnung verlangt, durch die Wahl aller Franken gemeinsam mit der Königin Bertrada auf den Thron des Reiches gesetzt, wobei ihn die Bischöfe des Reiches weihten und die Ersten des Reiches sich ihm unterwarfen (c.33)

 

In Nachahmung jener merkwürdigen Handlung, die der alttestamentarische Prophet Samuel an Saul und David vollzogen haben soll, wird nun auch Pippin eventuell schon jetzt, vielleicht auch erst drei Jahre später beim Papstbesuch wie die späten Westgotenkönige von einem Bischof „gesalbt“, also vom Christengott über den Mittler Papst und dessen Beauftragten mit dem Amt betraut. Seiner Gemahlin widerfährt dasselbe, als Mutter der Königskinder ist sie an der Neugründung einer Dynastie und eines neuen Königtums beteiligt. Mit der Beteiligung der Bischöfe als Königsmacher werden diese nun auch formell in den Apparat neuer christlicher Herrschaft einbezogen. Von nun an wird sich im Abendland nie mehr persönliche Herrschaft ohne sakrale Verbrämung aufrichten lassen. Die letztlich auf Augustinus zurückgehende Forderung, dass "Ordnung" auf der Tatsächlichkeit von Macht zu beruhen habe, wird hier einerseits praktiziert und zugleich verbrämt durch religiöse Überhöhung. Auch damit geht die Antike zu Ende.

 

Die Wende Roms kündigte sich schon mit dem Bilderstreit an, und wurde dann 739 deutlich mit der langobardischen Belagerung Roms und dem päpstlichen Hilferuf an Karl Martell, der ihn noch ignorierte.

Auf Zacharias, einen kalabrischen Griechen, folgt 752 Papst Stephan II. aus der stadtrömischen Adelsfamilie der Orsini, die in den nächsten Jahrhunderten zu enormer Macht aufsteigen wird. Wieder wird Rom von den Langobarden des Königs Aistulf bedrängt, nachdem sie zuvor das Exarchat Ravenna eingenommen haben, und Hilferufe nach Byzanz verhallen ungehört. Der Papst tritt laut seiner Vita barfuß und mit Asche auf dem Haupt an die Spitze von Bittprozessionen der Bevölkerung, eine Christusfigur schulternd.

 

Wieder, wie schon bei Karl Martell, richtet der Papst über einen Pilger einen Hilferuf an König Pippin mit der Bitte, ihn in die Francia einzuladen. Für Pippin ist ein Kriegszug nach Italien nicht unproblematisch, denn einige fränkische Große, mit denen er gewöhnlich zu Rate ging, sprachen sich so entschieden gegen sein Vorhaben aus, dass sie sogar ganz offen erklärten, sie würden den König verlassen und nach Hause zurückkehren. (Einhard, Vita Karoli, c.6) Der schickt dennoch eine Gesandtschaft nach Rom, die den Papst ins Frankenland einlädt und ungestört von Aistulf mitnimmt. Bei der königlichen Pfalz von Ponthion (bei Châlons-sur-Marne) treffen sie Januar 754 aufeinander, kurz bevor Bonifatius von Friesen getötet wird.

 

Das erheblich bedeutsame Ereignis ist wie die Kaiserkrönung Karls d.Gr. in mehreren Quellen erhalten. In der sogenannten Fortsetzung des Fredegar heißt es, als der König von der bevorstehenden Ankunft des Papstes hörte, befahl er, ihn mit Jubel, Freude und groér Sorgfalt aufzunehmen, und trug seinem Sohn Karl auf, ihm entgegenzugehen und ihn bis zum Königshof Ponthion vor ihn zu geleiten. Dort trat der römische Papst Stephan vor dne König und beschenkte sowohl den König selbst als auch die Franken mit vielen Gaben und bat ihn um Hilfe gegen das Volk der Langobarden und ihren König Aistulf. (cap.36)

Version zwei steht in den Metzer Annalen: Als der genannte Papst dorthin kam, wurde er von König Pippin ehrenvoll empfangen. Und er machte dem König wie dessen Großen viele Geschenke. Am folgenden Tag aber flehte er zusammen mit seinem Klerus, mit Asche auf dem Haupt und einem Büßergewand bekleidet, auf dem Boden ausgestreckt den König an (...) ihn und das römische Volk aus der Hand der Langobarden (...) zu befreien.

Version 3 steht in der Vita des Papstes Stephan: Der König selbst empfing den heilöigsten Papst fast drei Meilen vor seiner Pfalz Ponthion zusammen mit seiner Frau, seinen Söhnen und Großen, indem er von seinem Pferd stieg, sich mit großer Demut auf den Boden warf und im Dienste des Strators bis zu einem bestimmten Ort neben dessen Sattel eilte. (in Althoff(3), S.45)

 

Da die Unterschiede in der rituellen Darstellung des Status beider Seiten wichtig sind, wird deutlich, wie sehr Geschichte ein verzerrtes Bild liefern kann, wo nur eine Quelle vorhanden ist.

 

Man könnte von einem Bündnis König-Papst sprechen, in dem der Schutz vor den Langobarden mit dem Schutz vor der fränkischen Adelsopposition verbunden wird.

Die Zeitenwende drückt sich dadurch aus, dass Päpste, die bis jetzt nur nach Konstantinopel/Byzanz gereist waren, nun nicht mehr dorthin, sondern ins Frankenland reisen. Ansonsten lassen die unterschiedlichen Berichte beider Seiten ziemlich unklar, was in diesem Winter dort und dann in der Abtei St.Denis alles geschieht, wo der Papst den Winter über unterkommt; ob Stephan den karolingischen Frankenkönig salbt, zum Beispiel, wie die fränkischen Annalen berichten. Wichtig ist nur, dass es später eine Tradition gibt, die das behaupten wird, ebenso wie, dass der Papst anbefohlen habe, dass fränkische Herrscher fürderhin aus dem Mannesstamm Pippins entspringen sollen. Vermutlich den Tatsachen am nächsten kommt aber folgender folgenschwerer Passus in der römischen Papstchronik (Liber Pontificalis), da Pippin ihn bald befolgen wird:

 

Und da sie dort als Gleiche im Oratorium saßen, hat der genannte allerseligste Papst unter Tränen den allerchristlichsten König angefleht, dass er durch ein Friedensbündnis die Angelegenheiten des heiligen Petrus und der Respublica der Römer in Ordnung bringe. Sofort hat dieser geschworen und ihm versichert, dass er mit aller seiner Strenge die Anordnungen des Papstes befolgen werde und dass er das Exarchat von Ravenna und die übrigen Rechte und Besitzungen der Respublica der Römer wiederherstellen werde. (im Kapitel von Philippe Bruc, in Jussen, S.27f)

 

Das ist der Beginn fränkischer und später reichsdeutscher Italienpolitik. Was Pippin dem Papst wohl versprach, war die Schenkung der von Langobarden eroberten Gebiete des römischen Dukats und des Exarchats von Ravenna, also der norditalienischen griechischen Besitzungen, der „Provinz Italien“. Zugleich ist das der Beginn der Westorientierung des Papsttums, welches erkannt hatte, dass das von mehreren Seiten bedrängte Byzanz nicht mehr imstande ist, es zu schützen. Es ist damit zugleich der Beginn des Endes oströmischer Herrschaft über Italien.

 

754 zieht Pippin nach Italien, nachdem er offensichtlich adeligen Widerspruch dagegen übergehen konnte, wird in Rom samt seinen beiden legitimen Söhnen zum König gesalbt und zudem zum „Patricius der Römer“ erklärt, vielleicht zu einer Art Schutzherr, aber Genaues dazu bleibt unbekannt. Die Langobarden unterwerfen sich zunächst. 756 dann kommt es zum nächsten Kriegszug, den Langobarden wird ihr Schatz genommen und sie werden zu Tributzahlungen gezwungen. Eine königliche Schenkungsurkunde begründet den Kirchenstaat formell. 757 schickt der neue Papst Paul I. seine Wahlanzeige nicht mehr nach Byzanz, sondern in die Francia zum König.

Kaiser Konstantin V. interveniert, schickt einen Gesandten zum Frankenkönig, aber vergebens.

 

Das germanische Königsheil, verwandt mit der griechischen Vorstellung vom Charisma, verwandelt sich jetzt in das königliche Gottesgnadentum. Als erster wird Karl d.Gr. in seiner Formulierung Herrscher deo gratia sein, aus und in der Gnade des siegreichen und Sieg spendenden Christengottes. Symbolisch markiert wird das mit der Salbung, dem Beträufeln mit magisch verwandeltem Öl. Diese Prozedur kann wohl auf Vorbilder bei westgotischen Königen in Spanien zurückgreifen. Pippin lässt formulieren: Es ist offenbar, dass uns durch die Salbung die göttliche Vorsehung auf den Thron erhöht hat. (In: Georges Minois, Charlemagne. S.136)

 

Ein Stück germanisches Erbe bleibt, in Analogie zum römischen Caesarentum: Waren römische Kaiser angewiesen auf Wahl und Unterstützung des Heeres (vor allem), des Senates und des Volkes von Rom (bald in Wirklichkeit nicht mehr), so betont obige Quelle die Wahl durch "alle" Franken und die Huldigung durch die Großen. Die Wahl durch alle Franken ist allerdings inzwischen eine anachronistische Floskel, eine der Tradition verpflichtete verbale Pflichtübung, aber der Zusammenhang zwischen königlicher Herrschaft und Mitwirkung der "adeligen" Großen bleibt. Noch in der Goldenen Bulle von 1356 wird diese Mitwirkungspraxis betont, die an den Kurfürsten festgemacht wird. Damit entwickelt sich nicht wie in anderen späteren Reichen eine rechtlich fixierte Erbmonarchie.

 

Um es kurz zu machen: Die Karolinger unternehmen die Unterstellung der Kirche sowohl unter den Papst sowie unter ihre Herrschaft. Sie beginnen bei der Unterwerfung der Friesen mit der Verbindung von Eroberung und Mission. Damit vergrößern sie den Einflussraum der Päpste, der zugleich im oströmischen Raum schwindet.

 

Neben dem Versuch der gewaltsamen Zerstörung der westfriesischen Kultur beginnt ein massives Annektionsprogramm im alemannischen Raum. Die dortige Herzogsfamilie wird ausgerottet und König Pippin ersetzt sie durch fränkische Grafen. Das ist keine Angliederung an, sondern Eingliederung ins Frankenreich, ein Vorgang, den Karl d.Gr. später mit Jahrzehnten der Kriegführung bei den Sachsen durchsetzen wird und ohne Krieg, aber dennoch brutal, bei den Bayern.

 

Die stete Ausweitung des Frankenreiches seit Karl Martell beginnt den Charakter des Heeres zu verändern. Mag auch weiter in der Schlacht zum Teil zu Fuß gekämpft werden, für lange Strecken bedarf es zunehmend mehr des Pferdes als Transportmittel. Die Reiterei nimmt zu. 755 verkündet Pippin pro utilitate Francorum die Verlegung der Heeresversammlung vom Märzfeld zum Maifeld, wenn es bessere Weiden für die Pferde gibt. Vermutlich müssen deshalb inzwischen auch die Anbauflächen für Hafer erweitert werden. 

Mit dem karolingischen Königtum wird die Verschmelzung merowingischen Vasallentums mit dem der Hausmeier abgeschlossen. Zugleich beginnt die Verbindung von Vasallität und Beneficium als Leihgabe eines Großgrundbesitzes enger zu werden. Große Vasallen wiederum legen sich auf diese Weise Untervasallen zu. 

 

759 wird nach mehrjähriger Belagerung Narbonne genommen und damit Septimanien. Noch folgenreicher wird die brutale Unterwerfung Aquitaniens in zahlreichen Kriegszügen zwischen 760 und 768, als der aquitanische dux ermordet wird. Mit der festen Anbindung dieses ehedem westgotisch beherrschten Großraums, der zwischenzeitlich ziemlich autonom geworden war, schafft König Pippin die entscheidende territoriale Voraussetzung für die viel spätere Entwicklung eines Frankreichs, das, was sein Sohn Karl dann mit dem dreißigjährigen Unterwerfungskrieg gegen die Sachsen für ein zukünftiges Deutschland bewirkt. Mit der Süd-bzw. Ostausdehnung des Frankenreiches werden so große Territorien geschaffen, dass darauf ein mehr romanisch (wegen des galloromanischen Südens) und ein mehr germanisch (wegen des rein germanischen Sachsens) verwurzeltes großes Reich nebeneinander entstehen können. (Schieffer, S.66)

 

(Eine gute historische Karte bietet Wikipedia, wenn man bei Google "Austrasien" zum Beispiel eingibt)

 

Das neue Königtum erbt das Reich, regnum und den Königstitel, versieht ihn mit neuer Legitimation und der Macht und dem Reichtum der Familie. Geerbt wird auch die Vorstellung, dass die Macht in der Hand der königlichen Familie bleibt, also vererbt wird, und zwar an alle erbberechtigten Söhne. Das Königtum bleibt ohne Zentrum oder Hauptstadt, die königliche Familie reist quasi heimatlos von Pfalz zu Pfalz, zu großen, vielleicht ein wenig befestigten Herrensitzen, die über die jeweiligen regionalen Ländereien der Familie gebieten, und die die Familie mit allem versorgen können, auch mit einer Kapelle, in der man täglich die Messe hört und betet.

 

Das Frankenreich ist eine agrarische Welt, in der Städte, Handel und Handwerk weiter eine untergeordnete Rolle spielen. Luxusprodukte von außerhalb werden, allerdings nur wenige, von vor allem jüdischen Fernhändlern geliefert. Die zentrale Macht des Abendlandes, das oströmische Kaiserreich, beherrscht die östlichen Handelswege unter dem Schutz ihrer Kriegsschiffe, die vor allem die Millionenstadt Konstantinopel/Byzanz versorgen. Aber aus dem Westen des Abendlandes werden sie nicht nur durch das Bündnis der Karolinger mit dem römischen Bischof abgedrängt, sondern auch durch die aufsteigenden Handelsstädte Neapel, Amalfi und Venedig. Dazu kommen zunehmende religiöse Gegensätze, deren Bedeutung heute schwer verständlich ist, die damals aber wichtig genommen wurden, und die Tatsache, dass das Lateinische im Osten zugunsten des Griechischen verschwand, während letzteres im Westen kaum noch verstanden wurde.

Die Franken kommen erst in Südgallien, dann immer noch an den Pyrenäen mit der in hundert Jahren mächtig gewordenen arabisch-islamischen Welt in Berührung. Unter den Umayaden in Damaskus ist das arabische Großreich bereits eine Seemacht mit einer machtvollen Mittelmeerflotte. Zur Zeit König Pippins werden sie durch einen Umsturz von der Familie der Abbassiden abgelöst, nur einer der vorherigen Kalifenfamilie schafft die Flucht nach Andalusien, wo dann das unabhängige Reich von Cordoba in el-Andalus entsteht. Für die späteren Anfänge eines Kapitalismus wird nicht zuletzt wichtig, dass die islamische Welt des 8. Jahrhunderts bereits Handelsbeziehungen nach Indien, China und Ostafrika unterhält, mittelbar sogar tief nach Schwarzafrika hinein. Mit dem Anschluss des lateinischen Abendlandes an diesen Handel mit dem 10. Jahrhundert ist also bereits eine Art Welthandel über drei Kontinente gegeben.

 

Verglichen mit den stark städtischen Zivilisationen von Byzanz und des Islam

ist das Frankenreich ein „rückständiges“ und eher schwaches Agrargebiet am Rande des „Fortschritts“.