OTTONEN

 

König Konrad

Neubeginn unter Heinrich I.

Der erste Otto

Otto II.

Otto III.

Heinrich II.

 

 

König Konrad

 

Mit dem Tod des erbenlosen Karolingers Ludwig ("das Kind") 911 tritt der Konradiner Konrad der Jüngere die Herrschaft im Ostreich an. Damit  erlischt die Bindung des regnum, des "Reiches" an die Familie der Karolinger. Die ostfränkische Krone wird so ganz langsam zu einer Institution aus eigenem Recht. Für Konrad heißt das, dass er das karolingische Familiengut in Ostfranken nun als Reichsgut begreift, welches an das Königtum und nicht mehr die Familie gebunden ist, und er versucht nun, es für sich als König zu gewinnen.

 

Mit der neuen Vorstellung vom Königsamt entsteht langsam die neue Vorstellung von einem "Reich", und aus dieser Vorstellung wird sich in den nächsten zwei Jahrhunderten nach und nach auch die Vorstellung von einem "deutschen Land" bzw. genauer von "deutschen Landen" entwickeln.

 

Im entstehenden „Reich der Deutschen“, welches es niemals so richtig werden wird, stützte sich Karl auf einen bescheidenen administrativen Apparat, von dem unter den Sachsenkönigen und Kaisern zunächst kaum noch etwas übrig ist. Es gibt noch die alten Kaiserpfalzen, aber nach und nach werden sie stärker durch Bischofsstädte ersetzt, das Musterbeispiel ist der Übergang von der Pfalz Werla zur königlichen Stadt Goslar. Schon Otto I. wird sich mit Magdeburg sein eigenes Aachen und fast ein zweites Rom schaffen, und Heinrich II. macht das dann ein wenig mit Bamberg.

 

Konrad hatte sich gegen die anderen mächtigen Adelsgeschlechter, vor allem die fränkischen Konkurrenten der Babenberger-Familie und die sächsischen Liudolfinger behauptet und die Nähe zum König gesucht und gefunden.

Nachdem die karolingischen Königserhebungen dem dynastischen Prinzip gefolgt waren, war nach dem Aussterben der Familie nichts anderes möglich als eine "Wahl", also eine Entscheidung der Mächtigen, in der der Mainzer Erzbischof eine führende Rolle übernimmt. Nach einer Quelle sollen ihn Sachsen, Alemannien und Bayern gewählt haben. Allerdings wird wohl von ihm eine gewisse Verwandtschaft zu den Karolingern propagandistisch genutzt.

 

Lothringische Große beteiligen sich nicht an der Königswahl und Anfang 912 erscheint der westfränkische König Karl dort, was dazu führt, dass Konrad im selben und im kommenden Jahr militärische Präsenz im lothringischen Raum zeigt, allerdings ohne bleibenden Erfolg.

 

Zunächst scheint Konrads Machtentfaltung ansonsten erfolgreich zu sein. Aber dann erweist sich seine Schwäche gegenüber der Ungarn-Abwehr, die den betroffenen Herzögen überlassen bleibt. Den Ungarn stand das Reich schon unter Ludwig dem Kind für ihre Raubzüge offen, umso mehr dann unter Konrad, als der König sich ganz nach Franken zurückziehen muss. Dabei hätte die Abwehr der Ungarn eine Aufgabe sein können, die bei Gelingen seine Position hätte verbessern können.

 

Letztere waren sehr wendige Reiterhorden, die vor allem mit Pfeil und Bogen beutesuchend und alles verheerend seit dem Ende des 9. Jahrhundert in Gebiete zwischen Norditalien und Sachsen einfielen, und denen bislang alle Mächte wehrlos ausgeliefert waren – ähnlich wie auch den Normannen.

Ekkehard von St.Gallen beschreibt sich aus dem Hörensagen so: Die Feinde rückten (...) nicht geschlossen vor; sondern sie fielen schwarmweise - da ja niemand Widerstand bot - in Städte und Dörfer ein, plünderten sie und brannten sie nieder (...) Aus den Wäldern auch, wo sie sich bisweilen verbargen, brachen sie heraus, an die hundert Mann oder weniger. Doch zeigte wenigstens der Rauch und der feuergerötete Himmel, wo sich die einzelnen Schwärme befanden. (Ekkehard, S.116) Laut ihm essen sie halbrohes Fleisch und bewerfen sich dann zum Spaß mit den Knochen.

Erfolge über diese „Geißel der Menschheit“ vor allem würden die Königsmacht verstärken können.

 

Im Kern sieht Konrad I. wohl sieht seine königliche Aufgabe darin, die Macht der duces ("Herzöge“) in ihren Stammesgebieten zu reduzieren und eine zentrale Oberhoheit über sie zu etablieren. Nachdem der Liudolfinger Heinrich 912 auf seinen verstorbenen Vater Otto folgt, kommt es zu militärischen Auseinandersetzungen mit dem Sachsen, die 915 in einem nicht näher bekannten Ausgleich enden: Der Sachsenherzog unterwirft sich möglicherweise in einem förmlichen Vorgang dem König und wird darauf von diesem in seine Freundschaft (amicitia) aufgenommen. Letztlich bleibt ihm dabei Sachsen aber wohl verschlossen.

 

In Alemannien konkurrieren Markgraf Burkhard und der Pfalzgraf Erchanger um die Macht und kämpfen beide dabei auch gegen den König. 917 gelingt es Konrad, die Köpfe der Erchanger-Opposition zu enthaupten, worauf die Mächtigen in Schwaben den anderen Rebellen, Burkhard zum Herzog machen. Zudem scheitert der König bei der Unterordnung des bayrischen Herzogtums und stirbt 918 an den Verletzungen aus einer 916 stattgefundenen Schlacht gegen Arnulf von Bayern.

 

Aus der Einsicht heraus, dass nur ein starker Stammesherzog das Reich zusammenhalten kann, designiert er vielleicht den liudolfinischen Sachsen Heinrich zu seinem Nachfolger, vielleicht schon in einer Übereinkunft mit ihm 915. Möglicherweise gehen aber erst monatelange Verhandlungen 918 zwischen Konrads Bruder Eberhard und Heinrich voraus.

 

Neubeginn unter Heinrich I.

 

Mit dem Tod Konrads waren offenbar nur zwei Dinge klar: Die Großen und Mächtigen im östlichen Frankenreich suchten nach einer Möglichkeit, die Einheit dieses Reiches zu bewahren, was nur durch Königsherrschaft möglich war, wollten aber wenig von ihren eigenen Machtvollkommenheiten abgeben.

 

Wir wissen nicht viel von dem, was damals geschah. Dass das Ostreich unter diesen Bedingungen nicht auseinanderfiel, muss wohl an dem Interesse der Mächtigen gelegen haben, ein Oberhaupt für die Friedenssicherung nach innen, also die Regulierung der Konflikte, zu haben, und auf der anderen Seite eine Führerschaft für die Kriege nach außen, die vor allem damals Abwehrkämpfe waren. Die Darstellungen von Widukind von Corvey, dem Fortsetzer der Geschichtenschreibung von Regino von Prüm und des Liutprand von Cremona sind alle später entstanden und beruhen wohl wesentlich auf mündlicher Überlieferung und Parteinahmen.

Sie berichten aber übereinstimmend, dass König Konrad angesichts seines Scheiterns empfohlen habe, den Sachsenherzog Heinrich zum Nachfolger zu erwählen. Er sei von seiner Persönlichkeit und Machtfülle her der Geeignetste (ausführlich dargestellt zum Beispiel eher spät in Ekkehards IV. Sankt Gallener Casus, cap. 49). Nach Monaten der Beratungen der offenbar grundsätzlich verbündeten Franken und Sachsen entscheiden die Großen beider Völker dann entsprechend. Etwa zur selben Zeit erwähnt eine Quelle, dass Arnulf von Bayern sich zum König in regno Teutonicorum habe ausrufen lassen, ohne das näher zu erklären (Salzburger Annalen).

 

Für das östliche Frankenreich kommt es also zu dem Kuriosum, dass eine sächsische Herzogsfamilie nun ein fränkisches Reich beherrscht, welches aber dabei gerade noch so seine territoriale Integrität bewahrt, während dem westlichen Frankenreich de facto derweil der größte Teil des Territoriums an regionale Große abhanden kommt.

 

Die sächsische Familie der Liudolfinger gehörte früh zu denen, die von der Eingliederung Sachsens in das Frankenreich profitieren wollten. Die Nähe zum karolingischen Königshaus war dabei ein guter Weg an die Spitze. Sie sind mit großem Besitz im Harz und in Thüringen versehen.

 

Heinrich I. stützt sich außer seiner sächsischen auch auf eine „fränkische“ Basis, während Schwaben und Bayern zunächst ein hohes Maß an Selbständigkeit behalten. Bezeichnenderweise lässt Widukind den sterbenden Konrad sagen, Heinrich solle als König imperator multorum populorum sein (I, 25), Herrscher über viele Völker. Der populus, manchmal später auch mit „Volk“ übersetzt, bezeichnet hier offenbar das, was wir auch als Stamm benennen, als (ideelle) Abstammungsgemeinschaft, insbesondere aber seine kriegstauglichen Freien. Gemeinsamkeit unter einem königlichen Herrscher ist also eine Aufgabe, die erst einzulösen sein wird und die Heinrich bei den Schwaben und Bayern nur nominell erreichen wird, womit er sich auch zu bescheiden hat.

Die Wahl eines sächsischen Königs aus der Familie der Liudolfinger für jene Lande, die die deutschen werden sollten, war ein Kompromiss auf der Basis neuer Verhältnisse. Um sein Königtum zu etablieren, musste Heinrich in seinen ersten Herrschaftsjahren also eine Situation königlicher Oberhoheit definieren, die Macht und Status der Herzöge zugleich möglichst wenig gefährdete. In den Formulierungen von Widukind geschah das bei Konrads Bruder Eberhard durch dessen von ihm ausgehende Unterwerfung, Friedensschluss und Herstellung von Freundschaft.

 

Dann versammelte er die Ersten und Hochgeborenen (principibus et natu maioribus) des fränkischen Heeres an einem Ort namens Fritzlar und rief Heinrich vor dem ganzen Volk (coram omni populo) der Franken und Sachsen zum König aus. (Widukind I,26). Dass „Volk“  die gehobene Kriegerschicht meint, ist klar. Deutlich wird auch, dass der König nur von zwei Stämmen „gewählt“, also akzeptiert wird, und dass es sich um ein Heereskönigtum handeln muss, eines auf Unterwerfung und Treue beruhender militärischer Führerschaft. Eine „zivile“ Seite von Herrschaft muss sich erst noch daraus ergeben.

 

Der Schwabenherzog Burkhard übergab sich ihm mit allen seinen Burgen und Leuten, nachdem ihm Heinrich mit einem Heer drohte, allerdings ohne Erwähnung von Frieden und Freundschaft. Der Bayer Arnulf hingegen musste in Regensburg belagert werden, bevor er sich mit seinem ganzen Reich unterwarf und Freund des Königs genannt wurde (I,27). De facto bleiben beide, insbesondere Bayern in allen inneren Angelegenheiten selbständig, insbesondere in der Besetzung der Bistümer.

 

Friede und Freund (und frei) sind noch im Althochdeutschen ganz stark miteinander verwandt: Der Freie, mit dem man in Frieden lebt, ist der Freund. In der lateinischen amicitia der damaligen Texte ist dieser Gedanke allerdings etymologisch nicht aufgehoben. Dabei macht einen die Freundschaft ähnlich verbunden wie die Verwandtschaft, sie enthält fast gleiche Verpflichtungen (Althoff). Der militärische Druck, den König Heinrich ausüben kann, führt also zum Gespräch, in dem eine symbolische Unterwerfung als Anerkennung einer Oberhoheit die Freundschaft nicht nur nach sich zieht, sondern geradezu einschließt. Da die Freundschaft an sich Gleichwertigkeit impliziert, bleibt die Ehre des die Oberhoheit Anerkennenden erhalten.

Vermutlich deshalb verzichtet Heinrich, wie Widukind berichtet, auf die ihm angetragene Salbung durch den Erzbischof von Mainz: 'Es genügt mir', sagte er, vor meinen maiores das voraus zu haben, dass ich König heiße und dazu ernannt worden bin, da es Gottes Gnade und eure Huld so will. Salbung und Krone aber möge Würdigeren als mir zuteil werden; solcher Ehren halten wir uns gar nicht wert.'

Heinrich akzeptiert also gleich am Anfang, dass sich die Machtverhältnisse seit der Karolingerzeit verschoben haben, und verzichtet darum darauf, sie zeichenhaft wiederherstellen zu wollen. Jedenfalls impliziert das die Darstellung Widukinds. Und er hat damit Erfolg: Und es fand solche Rede bei der ganzen Menge Wohlgefallen, sie hoben die Rechte zum Himmel empor, und Heil wünschend riefen sie oftmals den Namen des neuen Königs. (II, 26)

Eine wesentliche Entwicklung fasst Althoff so zusammen: "Die adeligen Herrschaftsstellungen wurden seit dieser Zeit erblich, die Könige konnten deshalb die Rangordnung innerhalb ihres Adels kaum noch willkürlich verändern." (Althoff(2), S.95). Das nimmt den Herrschern ein gewisses Disziplinierungsvermögen, während es andererseits erst eigentlich einen adeligen Stand hervorbringen wird.

 

Damit schafft der neue König (mit in der sächsischen Quelle wenig erwähntem Druck, aber ohne viel Kriegsgeschrei und Schlachtengetümmel) jenen inneren Frieden, der von ihm erwartet worden war. Die Stammesherzöge werden einerseits in ihrer Machtvollkommenheit anerkannt, danken das andererseits durch Huldigung des Königs.

Statt mit ihnen kann er sich dann den Konflikten an den nunmehr gemeinsamen Grenzen zuwenden und durch die Anwendung seiner Königsmacht nach außen inneres Zusammengehörigkeits-Gefühl stärken.

 

Außenbeziehungen waren nicht nur Sache des Königs, sondern auch der angrenzenden Herzogtümer, wobei nicht nur die Sachsen gegenüber Dänen und Slawen, sondern auch die Bayern gegenüber den Ungarn Eigengewicht gewannen. Dabei ist von den Sachsen überliefert, dass gegenüber den slawischen Völkerschaften zwischen ihnen und dem entstehenden Polen wiederum Adelsfamilien unterschiedliche Interessen vertraten. Es scheint so, dass der König einen Anspruch auf Oberhoheit über die Regelung von Außenbeziehungen erst mit seinem Erfolg über die Ungarn würde anmelden können.

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Eine Sonderrolle spielte das Verhältnis zu dem westfränkischen Nachbarn, unter dessen Hoheit sich Lothringen begeben hatte. Die Königsmacht im Westen wurde nicht durch die von „Stammes“-Führern eingeschränkt, sondern durch sich immer mehr verselbständigende Fürstentümer, aus denen konkurrierende Kronprätendenten hervorgingen. In Lothringen herrschte ein princeps Giselher, der um 920 versuchte, den Konflikt zwischen König Karl d.Einfältigen und Robert, Graf von Paris und Herzog von Franzien dazu zu nutzen, sich zum König über Lothringen ausrufen zu lassen.

 

Im Konflikt über den Einfluss auf lothringische Klöster und Bischofssitze marschiert König Karl in Lothringen ein, Giselher flieht zu Heinrich I., der nun auf seiner Seite interveniert. Nachdem kriegerische Drohpotentiale von beiden Seiten aufgefahren wurden, kommt es 921 bei Bonn auf dem Rhein zu einem Freundschaftsbündnis beider Könige von geringer Haltbarkeit, in dem der alte status quo bestätigt wird. Denn als der West-Karolinger sich gegen seine inneren Gegner nicht mehr behaupten kann, Robert aber in der entscheidenden Schlacht stirbt, erheben die westfränkischen Großen dessen Schwiegersohn Rudolf von Burgund zum König, der aber sich seines Anhanges nur wenig sicher ist. Es gelingt Heinrich dabei im Verlauf von mehreren Kriegszügen, die lothringischen Großen dazu zu bewegen, sich ihm zu unterstellen.  Heinrich I. vermittelt nun in der Folge zwischen König Rudolf von Westfranken, Graf Heribert von Vermandois und Herzog Hugo von Franzien, die alle bei ihm erscheinen.

Ein Südteil des alten lotharingischen Königreiches hatte sich als Königreich Burgund verselbständigt. Herzog Burkhard von Schwaben, jener, von dessen Unterordnung unter Heinrich wir wenig erfahren, war mit der Tochter des Burgunderkönigs verheiratet und stirbt 926, als er diesem nach Italien folgt, um ihm zur dortigen Königskrone zu verhelfen, und zwar ohne männliche Erben. Wohl auch deshalb ist Rudolf von Burgund Ende desselben Jahres 926 beim Hoftag in Worms anwesend, wo er Heinrich nicht nur die „Heilige Lanze“ mit den Nägeln vom Kreuz Jesu schenkt, sondern in einem rituellen Akt der Unterwerfung und dann Erhebung in die Freundschaft Heinrichs an das Reich angebunden wird.

 

Diese äußeren Erfolge mit der Eingliederung Lothringens und der Annäherung Burgunds scheinen erheblich zur Stärkung der königlichen Position beigetragen zu haben, denn es gelingt Heinrich nun hier, in Schwaben seinen Kandidaten für die Nachfolge Burkhards durchzusetzen: Hermann entstammt der fränkischen Familie, der auch König Konrad angehört hatte. Legitimität gewinnt er in der neuen Stellung auch durch Heirat der Herzogswitwe. Der König ist offenbar hier, nachdem kein dynastisches Interesse mehr im Wege steht, in der Lage, das Herzogtum als Amt zu betrachten, über das er verfügen kann. (Althoff, S.52f)

Da Hermanns von außen aufokroyierte Position eher schwach ist, kann König Heinrich hier nun seine Besetzung von Bistümern durchsetzen. Andererseits stärkt er Herzog Hermann, indem er das Elsass von Lothringen löste und dem Schwabenherzog übergibt. Allerdings halten sich die sächsischen Könige bis um die Jahrtausendwende in Schwaben sowenig wie in Bayern auf.

 

Derweil muss Heinrich I. nämlich mit Arnulf von Bayern, der sich in seinem Machtbereich königsgleich verhält, um seine Hoheitsrechte kämpfen, was wohl erst nach einem zweiten Kriegszug erfolgreich ist: Arnulf unterwirft sich bei Regensburg förmlich, bekommt aber dafür das Recht, in seinem Bereich wie ein König die Bischöfe einzusetzen. Von königlichen Interventionen Heinrichs ist danach nichts mehr bekannt.

 

928 ist die königliche Position in Lothringen so stark, dass Heinrich es sich leisten kann, Giselher zum Herzog zu machen und mit Gerberga, einer Tochter Heinrichs, zu verheiraten. Heiratsverbindungen werden zu einem Bindemittel des Reiches. Das neue Herzogtum Lothringen aber, ohne historische Begründung, demonstriert den Amtscharakter herzoglicher Gewalt.

 

Erzbischof Heriger von Mainz wird zum Erzkapellan gemacht und baut als Ableger von der Hofkapelle eine Kanzlei auf, die zu einem Neuanfang der Schriftlichkeit führt.

Der weitere Aufstieg königlicher Macht bis dahin, das Heinrich I. seinen eigenen Nachfolger bestimmen und damit eine sächsische Königsdynastie begründen kann, ist offenbar ebenfalls von militärischen Erfolgen nach außen, in Richtung Skandinavien, gegenüber den slawischen Nachbarn und vor allem den Ungarn bestimmt.

926 gelangt ein ungarischer „Fürst“ (Althoff) in die Hand des Reiches, für dessen Freilassung sich die Ungarn auf einen neunjährigen Waffenstillstand unter der Bedingung einlassen, dass das Reich dafür erhebliche Tribute bezahlt. Die folgende Zeit wird gebraucht für Veränderungen, die nicht nur gegen die Ungarn genutzt werden konnten, sondern auch der Beschleunigung struktureller Veränderungen dienten.

Zum einen wird die Befestigung von Orten, von Klöstern und Stiften offenbar verstärkt oder neu gebaut. Für Sachsen beschreibt Widukind von Corvey Jahrzehnte später den Bau von Fluchtburgen:

 

Zuerst wählte man unter den bäuerlichen Kriegern jeden neunten Mann aus und ließ ihn in den Burgen wohnen, damit er hier für seine acht Genossen Wohnungen errichte und von allen Früchten den dritten Teil empfange und verwahre. Die acht übrigen sollten säen und ernten und die Früchte sammeln für den Neunten und dieselben an ihrem Ort aufheben. Er gebot, dass die Gerichtstage und alle Märkte und Gastmähler in den Burgen abgehalten würden, mit deren Bau man sich Tag und Nacht beschäftigte, damit man im Frieden lerne, was man im Fall der Not gegen die Feinde zu tun hätte. (I,35)

 

Ob es sich hier um sächsische Formen einer noch weithin bestehenden (freien) bäuerlichen Landwirtschaft handelte oder um Ministerialität (Holtzmann), auf jeden Fall geht es um Formen der Konzentration von Gemeinschaftsleben in befestigte Orte, aber nicht zuletzt auch um eine das ganze Reich wohl umfassende Militarisierung der Gesellschaft. Mit der Ungarnabwehr als königlicher Aufgabe wird dabei das Gemeinschaftsgefühl gestärkt und die Bedeutung einer starken Zentralgewalt ins Bewusstsein gerufen.

 

Da es sich bei den Feinden um Heiden handelte, kann Heinrich als christlicher Herrscher die Einheit des Reiches und die Bedeutung des königlichen Amtes auch religiös stärken. Nach den Kriegsvorbereitungen, als 932 die Tributzahlungen eingestellt werden, schlägt er vor, das Geld stattdessen an Kirchen und Klöster zu geben, damit diese für den Sieg und das Seelenheil der Krieger beten sollen, und um den Wiederaufbau zerstörter Kirchen leisten zu können. Die wie schon seit Jahrhunderten von Gott eingesetzte Macht zeigt so, dass der Osten des Reiches von Nordost bis Südost als von Heiden bedroht eine religiöse und zugleich modern gesprochen zivilisatorische Aufgabe hat.

 

In diesem Zusammenhang steht auch, dass Heinrich ein Stück weit die Beute- und Verwüstungszüge, mit denen sich sächsische Adelsgruppen und westslawische Kleinvölker seit langem bekriegen, zumindest gegen Heveller und andere selbst in die Hand nimmt. Brandenburg wird erobert und vielleicht schon um diese Zeit die Burg Meißen gegründet. Der Königssohn Otto wird eine (illegitime) Beziehung zu einer hevellischen Fürstentochter eingehen, aus der Wilhelm, zukünftiger Erzbischof von Mainz hervorgeht.

 

Diese Kriege sind von enormer Brutalität, es werden offenbar keine Gefangenen gemacht und Frauen und Kinder werden verschleppt. Das Ergebnis ist ein großer Slawenaufstand, der 929 bei Lenzen an der Elbe niedergeschlagen wird. Die Gebiete zwischen Elbe und Oder werden aber zwischen 928 und 935 weder missioniert noch wirklich dem Reich einverleibt, sondern nur zu Tributzahlungen verpflichtet. Offenbar geht es darum, einen Aufmarschraum der Ungarn zu dominieren.

 

Um diese Zeit wird auch der böhmische Herrscher Wenzel, wiewohl christlich, unterworfen und zu Tributzahlungen verpflichtet. 935 allerdings fällt er einem Mordanschlag des Bruders zum Opfer, und dieser Boleslav verfolgt dann einen selbständigeren Weg der Ausdehnung nach Norden und Osten. Um seine Herrschaft und Machtausweitung zu legitimieren, sorgt er für die Heiligung Wenzels.

 

In dieser Zeit kommt es mehr und mehr zur Dominanz berittener und ausführlich bewaffneter und gepanzerter Krieger, die viel später im Deutschen Ritter genannt werden. Das, was dann edel oder adelig genannt wird, konzentriert sich immer deutlicher auf diese Kriegergruppe.

Bevor der Erfolg, die Vertreibung der Ungarn aus dem Reich, mit dem Aufeinandertreffen beider Reiterheere 933 erreicht wird, ist die königliche Position so gestärkt, dass Heinrich seine Nachfolge zugunsten seines Sohnes Otto regeln kann. 929 wird mit Zustimmung dieses Sohnes seiner Frau Mathilde für den Fall ihrer Witwenschaft größerer Besitz zugewiesen. Im selben Jahr wird der jüngste Sohn Brun dem Utrechter Bischof zur Erziehung für ein geistliches Amt übergeben. Und schließlich bittet Heinrich seinen englischen Kollegen Aethelstan um die Hand einer seiner Töchter für eben diesen Otto, dem so vermutlich die Perspektive der Thronfolge zugeordnet ist. In etwa dieser Zeit taucht beim Eintrag der königlichen Familie im Verbrüderungsbuch der Abtei Reichenau hinter dem Namen Ottos der Titel rex auf, ebenso wie bei seinen Eltern (rex und regina).

 

Voraussetzung für die Stabilisierung von Herrschaft als Machtausübung ist die Konzentration der Macht auf Familien-Dynastien, wie sie bei den Franken entwickelt und von den Nachfolgestaaten des Karolingerreiches übernommen und von Normannen nach England und Süditalien/Sizilien übertragen wird. Mit Heinrich I. für Ostfranken, Hugo Capet für Westfranzien und Wilhelm dem Eroberer für England setzt sich dann das monarchische Prinzip zur Gänze durch.

Andererseits gibt es in deutschen Landen auch gar kein teilbares Reich mehr, denn es war bereits auf Herzöge aufgeteilt, die sicher nicht von ihrer Machtvollkommenheit zurücktreten würden.

 

Diese Durchsetzung des dynastischen Prinzips, der Vererbung des „Amtes“ in der Familie samt der Designation des Nachfolgers durch den Vorgänger war längst unterhalb des Königtums üblich. 935 bestimmte Herzog Arnulf von Bayern seinen ältesten Sohn zum Nachfolger. Selbst darunter liegende Ämter bzw. Aufgaben, die mit der Verleihung von Land und Leuten verbunden und eigentlich persönlich gebunden waren, unterlagen mehr und mehr der Erblichkeit, was für beide Seiten eine gewisse Stabilität garantierte.

 

Die Nachfolgeordnung muss von Gesprächen, Vorgängen der Konsensbildung der Großen des Reiches begleitet gewesen sein. 935 designierte (designavit) der erkrankte Heinrich jedenfalls Sohn Otto auf einem Hoftag in Erfurt ganz öffentlich und förmlich, bevor er kurz darauf verstirbt und in Quedlinburg begraben wird.

 

Das Reich auf dem Weg zum Staat bekommt so insofern ein dauerhaftes Territorium, als es unteilbar wird (was die Westgoten nach Ansiedlung sofort etablierten, während das bei den Franken erst nach den Teilungen des Karolingerreiches geschieht).

 

Kurz vor seinem Tod gelingt es Heinrich noch, den Dänenkönig zu unterwerfen, was auch dessen Christianisierung zur Folge hat.

 

Nachzutragen wäre noch folgendes: In Italien hatte sich nach dem Scheitern von König Rudolf II. von Hochburgund und Burchard von Schwaben der Markgraf Hugo von der Provence soweit durchgesetzt, dass er 926 in Pavia zum König erhoben wird. 931 lässt er seinen Sohn Lothar zum Mitkönig wählen. In Rom herrscht die senatrix Marozia mit hinreichend Macht, um ihre Günstlinge als Päpste einzusetzen. Sie heiratet zunächst den Markgrafen Alberich von Spoleto, mit dem sie einen Alberich als Sohn hat, und dann den Markgrafen Wido von Tuszien. 932 dann vermählt sie sich mit Hugo von der Provence, König der Langobarden. Aber Sohn Alberich vertreibt Hugo aus Rom und steckt seine Mutter ins Gefängnis, um nun alleine über die Stadt zu herrschen.

 

In dieser Situation lässt Herzog Arnulf von Bayern 934 seinen ältesten Sohn zum König der Langobarden wählen und zieht mit einem Heer nach Italien, wo er allerdings von einem Heer Hugos geschlagen wird. Deutlich wird, wie schon beim Schwaben-Herzog, wie selbständig die süddeutschen Herrscher immer noch agieren, soweit sie ihren angestammten Ländern vorstehen. Dennoch wird Widukind vom König schreiben, er habe kein Reich überlassen bekommen, sondern eines selbst errungen (magnum et latumque Imperiumadquisitum).

 

Der erste Otto

 

Widukind berichtet, und in diesen Punkten vielleicht vertrauenswürdig, von der Königserhebung in Karls Aachen, von seiner Salbung, die ihm ein geistliches Charisma verlieh, welches ihn deutlicher als seinen Vater über die Herzöge heraushob, von der fränkischen Kleidung, in die er für dieses Ereignis wechselte.

 

Ansonsten, ist festgestellt worden, hat der einzige Berichterstatter der Anfänge des Königtums Ottos (Widukind) sich wohl auf seine Erinnerung der Erhebung Ottos II. ins königliche Amt verlassen, die er allerdings übergeht, - mit der durchaus möglichen Annahme, dass die seines Vaters ähnlich verlaufen sei. Vielleicht ist auch korrekte Überlieferung, dass es zunächst Sachsen und Franken waren, die bei der Kür des Königs beteiligt waren, obwohl Bruder Heinrich, der fränkische Eberhard (und der lothringische Giselbert) bei Liutprand von Cremona schnell als Gegner Ottos auftauchen.

 

In der Beschreibung Widukinds (und nur dort) setzen die Großen des Reiches Otto auf den Thron und huldigen ihm. In der Kirche wird er dann „von allem Volk“ (den Großen des Reiches) beifällig angenommen. Danach wird er dortselbst vom Erzbischof von Mainz mit dem Schwert, Spangen und Mantel und dann mit Szepter und Stab versehen, die sehr „fromm“ dem Schutz der Christenheit und der Schwachen dienen sollten, ganz im Sinne der ihm zugewiesenen Barmherzigkeit. Der Mönch Widukind schreibt dem Königsamt also misericordia und clementia (Milde) zu, christianisiert es deutlicher denn je zuvor. Danach findet die Krönungsmesse statt und das Krönungsmahl, wobei die Herzöge des Reiches symbolisch Hofämter versehen, dem König also dienen. Sollte das so geschehen sein, so bedeutete das ihre stärkere Einordnung in die Strukturen des Königreiches.

 

Die Verbindung von Macht und Religion gewinnt bis zum Investiturstreit nun eine neue Qualität. Der Herrscher wird nicht nur (auch) von der Kirche eingesetzt, er kommt mit dem magischen Akt des Bestreichens mit „geweihtem“ Öl und den von Magie durchdrungenen übrigen religiösen Akten dahin, dass in ihm Religiöses und Weltliches gänzlich in einer Person vereint werden. Zu den bildlichen Herrscherdarstellungen, die nun aufkommen, schreibt Keller: „Der Herrscher wird aus der irdischen Umgebung, in der er auf karolingischen Darstellungen stets verbleibt, herausgehoben und, den Bereich irdischer Herrschaft unter sich lassend, auf die Ebene Christi und der Heiligen geholt. Was man im Grunde nicht sehen kann, wird in geradezu unerhörten Bilderfindungen wenigstens zeichenhaft sichtbar gemacht: dass der König als Stellvertreter Christi auf Erden unter göttlichem Schutz steht und als Gesalbter des Herrn an der Erhabenheit des Sakralen teilhat. Man scheut nicht davor zurück, das Kaiserbild in das Kreuz zu setzen, so wie umgekehrt Christus nun mit königlichen Insignien gezeigt werden kann.“ (S.30)

 

Bei Jesus (Christus), dem sichtbar gewordenen Gott des Krieges und der Gnade bzw. des Heils für seine Gefolgsleute wie beim Herrscher kann nun von maiestas, Majestät gesprochen werden, als ob es sich um dieselbe handele. Diese Art von Gottesgnadentum des Monarchen wird sich (immer vager) erhalten, bis sie ab 1776/89 von den parareligiösen Leerformeln der Verfassungen von Staaten abgelöst wird, in denen Gott (als abstrahierende Vernunft) als Hohlform in die Zweckrationalität des Kapitals  entschwunden ist.

 

Wenn man die Texte der Mönche und Priester der Ottonenzeit liest, dann ist an den Vorläufern moderner Staatlichkeit das bedenkenlose Nebeneinander von jüdischem „Testament“ und frühchristlichem Evangelium wahrnehmbar (Thietmar von Merseburg vor allem). In der Person der Herrscher ist das jetzt vereint: Der jüdische Kriegsgott, der denen, die sich ihm unterwerfen, den Sieg gewährt, relativiert die jesuanische Friedfertigkeit, ja Gewaltlosigkeit dahin, Milde gegenüber jenen Feinden walten zu lassen, die sich unterwerfen, und allen anderen mörderische Grausamkeit und Vernichtungswut zukommen zu lassen. Die altjüdischen Schriften haben die neuen christlichen hier ebenso überfremdet wie in der Kirche, im allgemeinen Christentum. Und so ist denn in Bezug auf ostfränkische Könige gerne von David, Saul und anderen die Rede, von denen man lernen und an denen man sich orientieren sollte.

 

Vermutlich war dieser gravierende Widerspruch von den produktiv das Land bearbeitenden rustici bis hin zu den Königen ebenso ein Teil ihres Lebens wie zugleich von bewusster Wahrnehmung abgeschnitten, da nicht konstruktiv bearbeitbar. Zudem wurde „Religion“ fertig zubereitet vorgesetzt und war dann nicht mehr einer Auseinandersetzung zugänglich. Das wird noch tiefgreifender, wenn zur fehlenden Friedfertigkeit auch noch die fehlende Bereitschaft zur Armut bzw. Besitzlosigkeit gerechnet wird, wohl genauso menschlich.

 

An der Beschreibung von Widukind ist aber wichtig, dass das Königtum nun zeichenhaft und damit transpersonal fixiert ist; in ihm alleine ist das Reich institutionell verankert: Ein hoher geistlicher Würdenträger übergibt mit den königlichen Insignien die Macht, und diese Insignien, unter denen die Krone herausragt, sind das von der individuellen Person des Königs getrennte und ihn überdauernde Element. Diese Krone scheint den sakralen Charakter von Herrschaft verstärkt zu haben. Otto I. soll jedesmal gefastet haben, bevor er sich die Krone aufsetzte. Dasselbe scheint für die heilige Lanze zu gelten, Heinrich I. vermacht, mit Nägeln vom Kreuz Jesu/Christi versehen, weniger militärische als geistliche Waffe, die Liudprand von Cremona ein Geschenk des Himmels nennt, durch welches Gott das Irdische mit dem Himmlischen verknüpft hat, es ist der Eckstein, der aus beidem eines macht. (Keller, S.170)

 

Ob Widukind allerdings im nachhinein einfach eine Königserhebung erfindet, die Otto deutlich von der vom Autor als niederwertiger eingeschätzten Heinrichs absetzen soll, lässt sich schwer sagen (J.Ott). Um 960 wird allerdings in Mainz unter Ottos unehelichem Sohn Wilhelm als Erzbischof eine ausführliche Krönungsordnung niedergeschrieben, die zu Ottos Krönung nach Widukind passt. Sie beinhaltet eine deutliche Steigerung des sakralen Charakters des Königtums und wohl einen stärkeren Bezug auf das altjüdische Königtum, bei Widukind durch den Verweis auf Judas Makkabäus noch vertieft..

 

Auf den späteren königlich-kaiserlichen Siegeln wird der Wandel vom König als siegreichem Krieger mit Schild und Lanze zum christlichen Herrscher mit Szepter und Globus in den Händen stattfinden, die Krone auf dem Haupt. Er schaut wie Christus frontal auf seine Untertanen. Byzanz mit seiner Einheit von staatlicher und kirchlicher Macht seit Konstantin (J.Koder) dürfte ein Vorbild sein. Bei Otto III. wird er schließlich dort auch noch auf dem Thron sitzend abgebildet, nicht mehr vor allem Heerführer, sondern Herrscher in jeder Beziehung.

Das alles ist deswegen wichtig, weil es keine Vorstellungen von Staatlichkeit mehr gibt, auch wenn sich der Begriff res publica im Laufe der Zeit immer mehr in die Texte einschleicht. Ein übergeordnetes Ordnungsprinzip liefert nur die Kirche, und da hinein ist Herrschaft eingeordnet: Der König steht über ihr und schützt sie und der Kaiser wird dann überhaupt zum Herr der (lateinischen) Christenheit.

 

Es gibt keine Hauptstadt des Reiches, und Aachen als Krönungsort wird erst deutlich später fest verankert. Aber als von Karl d.Gr. installiertes Zentrum des Frankenreiches mag es 936 dazu gedient haben, sich damit gegenüber den Westfranken als gewichtiges Nachfolgereich darzustellen: Im selben Jahr ließ sich der aus England zurückgeholte Karolinger Ludwig IV. in der alten Königsstadt Laon krönen und salben. Das würde auch zusätzlich erklären, dass Otto I. sich wie Konrad I. und anders als Heinrich I. mit dem heiligen Öl in magische Verbindung zu dem majestätischen Kriegergott bringen ließ.

 

Bemerkenswert bei Widukind sind noch die Worte Wahl (electio, eligere) und Volk (populus).

Nachdem also der Vater des Vaterlandes und der größte wie beste König Heinrich gestorben war, wählte sich das ganze Volk der Franken und Sachsen seinen Sohn Otto, der bereits vorher vom Vater zum König designiert worden war, als Herrscher aus. Als Ort der allgemeinen Wahl nannte und bestimmte man die Pfalz Aachen.

(Widukind S.105)

 

Das „Volk“ taucht dann noch dreimal auf, als Otto sich nämlich ad populum umdreht, von omni populo gesehen werden kann und omnis populus dann mit erhobener Rechten ihm Heil wünscht. Was unter Volk zu verstehen ist, wird deutlicher noch, als der Bruder König Konrads (I.) Heinrich (I.) besucht:

Dann versammelte er die Ersten (principibus) und Edelsten (natu maioribus) des fränkischen Heeres an einem Ort namens Fritzlar und rief (designavit) Heinrich vor dem ganzen Volk der Franken und Sachsen (coram omni populo Francorum et Saxonum) zum König aus (I,26)

 

Der Volksbegriff hat unübersehbar einen ethnischen Aspekt und enthält zugleich noch kein gemeinsames Deutschtum. Wichtiger aber ist, das Volk auch hier noch nichts anderes als kriegerische Gefolgschaft bzw. deren Spitzen meint, und in diesem Sinne ins Lateinische übersetzt ist, in dem es ursprünglich etwas anderes bedeutet hat.

 

Zum anderen zentralen Begriff: Bei Widukind wird nicht im späteren Wortsinn gewählt, sondern designiert, und dann findet freiwillige oder erzwungene Unterwerfung statt. Da Otto I. schon designiert war, findet im neuhochdeutschen Sinne des Wortes keine Wahl mehr statt, die eine Auswahl voraussetzen würde, sondern eligere heißt erwählen im Sinne von anerkennen, huldigen (sich unter die Huld stellen). „Die electio in principem ist bei ihm keine Entscheidungsfindung, sondern ein formeller Bestandteil der Herrschaftseinsetzung.“ (Keller, S.109)

 

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Der von Widukind beschriebenen Aachener Eintracht steht entgegen, dass andere Quellen beschreiben, Königinmutter Mathilde habe Sohn Heinrich als Thronfolger favorisiert und dieser sei mit dem, was ihm nun verblieb, nicht zufrieden gewesen.

 

Zudem will sich Otto nicht mit den Beschränkungen, die sich sein Vater auferlegt hatte, zufrieden geben. Der neue Herrschaftsstil wird dann deutlich, als König Otto entgegen der familiären Rangordnung (laut Widukind) Hermann Billung zum Markgrafen im Osten Sachsens macht und seinen älteren Bruder Wichmann übergeht. Dann übergeht er seinen Halbbruder Thankmar, als er den weit unter ihm stehenden Grafen Gero zum Markgrafen für das Elbe-Saale-Gebiet macht. König Otto möchte über Unterwerfung und Christianisierung nun auf das Gebiet zwischen Elbe und Saale zugreifen und braucht dafür die entsprechenden Leute. Unter Mitwirkung Erzbischof Friedrichs von Mainz wird 937 bereits das Mauritiuskloster in Magdeburg gegründet.

 

Der König regiert offenbar mit einsamen Entscheidungen, die nicht mit den Betroffenen abgesprochen werden und brüskiert offenbar Bischöfe, die zu vermitteln versuchen. Beides wirkt ehrverletzend.

 

Als Herzog Eberhard von Franken dann einen Sachsen für dessen Auflehnung bestraft, stellt Otto sich gegen ihn, da er seiner Ansicht nach dort seine gräflichen Befugnissewohl überschritten hatte, und demütigt ihn, anstatt sich ins Gespräch mit ihm zu begeben. Im Sächsisch-hessischen Grenzgebiet wird nun getötet und verwüstet (Holzmann, S. 118)

 

Nach dem Tod des Bayernherzog wird dann weiter die Direktive an die Stelle des Gespräches gesetzt. Sohn Eberhard soll nur nachfolgen, wenn er zugunsten des Königs auf die Hoheit über die Kirchen verzichtet.

 

Das Ergebnis ist, dass sich große Teile des Reiches mit dem Bündnis Eberhard, Wichmann d.Ä. und Thankmar bald im Aufstand befinden, gegen die der König einzelne Erfolge wie eine vorübergehende Unterwerfung Eberhards erzielt. Bald geht er aber ein neues Bündnis mit Ottos Bruder Heinrich und dem lothringischen Giselher/Giselbert ein: Danach gab Heinrich, der von Begierde nach dem Königtum brannte, ein großes Fest an einem Ort, der Saalfeld genannt wird. Und da er groß und von königlicher Hoheit war, beschenkte er sehr viele mit großen Gütern und gewann dadurch eine große Menge für sich zu Genossen seiner Verschwörung. (Widukind, Sachsengeschichte II,15). Das plurimis plurima donat belegt, wie man sich damals Freunde macht, Heinrich hier vor allem unter sächsischen Adeligen, die über Markgraf Gero und König Otto offenbar empört sind, weil ihnen die langen Slawenkriege zu wenig Beute bieten. Als der König davon erfährt, knn er seinen Bruder verhaften und dessen wichtigste Gefolgsleute hinrichten lassen.

 

Erzbischof Friedrich von Mainz und Ruthard von Straßburg versuchen zwischen Eberhard und dem König zu vermitteln; als Otto den Vorschlag der Vermittler nicht annimmt, schließen sie sich den Gegnern an. Derweil verheeren Giselbert und Eberhard die Ländereien königstreuer Adliger. Aber 939 werden Eberhard und Giselbert von einem Heer unter den Konradinern Udo und Konrad beim Überqueren des Rheins überrascht und in der Schlacht von Andernach vom Oktober 939 vernichtend geschlagen. Dabei wird Eberhard erschlagen und Giselbert ertrinkt im Rhein

 

Um 941 kann Heinrich dann aus der Haft entkommen und wird nun durch Unterwerfung zum Ratgeber des Königs.

 

Die führende Schicht des Hochadels herrscht nicht nur selbst in ihren Bereichen, sie ist durch Verwandtschaft und Freundschaftsbündnisse, die gelegentlich über die Stammesgrenzen hinausgehen, darauf aus, ihre Macht- und Statusinteressen gegenüber der königlichen Macht zu behaupten. Konflikte entstehen dort, wo der König ihre Positionen (des Bischofs, Herzogs, Markgrafen usw.) in Funktion zu seinem königlichen Herrschaftsinteresse anders besetzt, als sie für rechtens halten, die sie das Königtum in Funktion für ihre aristokratischen Welt sehen.

 

Ab 941 tritt im Reich Ruhe ein. Wo Zeit dafür bleibt, verfestigt Otto seinen königlichen Status nun durch „diplomatische“ und militärische Interventionen westlich und südlich des Reiches. Seine Schwestern sind mit dem westfränkischen König Ludwig („dem Überseeischen“) und Herzog Hugo von Franzien verheiratet, als die beiden in Konflikt um die Krone geraten. Der neue lothringische Herzog bringt nun sein Herrschaftsgebiet unter die Hoheit Ludwigs, worauf sich Otto I. mit Hugo, Wilhelm von der Normandie und den Grafen von Flandern und Vermandois verbündet, den Feinden des westfränkischen Königs. 942 schließt Otto dann mit Ludwig einen Ausgleich in Form einer amicitia. Als es Hugo gelingt, Ludwig gefangenzunehmen, geht ein königliches Heer gegen ihn vor und verfolgt ihn bis Orléans. Den Schlusspunkt der Unterwerfung bzw. Klärung liefert die Synode in Ingelheim 948, in der der Zankapfel der Besetzung des Erzbistums Reims tendenziell zugunsten König Ludwigs entschieden wird.

 

Lothringen ist inzwischen wieder an das Ostreich angebunden, wo der König es mit seinem salisch-fränkischen Anhänger Konrad dem Roten besetzt, den er 947 durch die Heirat mit seiner Tochter Liudgard an sich bindet. Heinrich verheiratet er mit Judith, Tochter Herzog Arnulfs von Bayern und im Winter 947/948 setzt er ihn als Herzog in Bayern ein, nachdem das Herzogtum mit dem Tod von Arnulfs Bruder Berthold frei wird, während Ottos Sohn Liudolf die Tochter des schwäbischen Herzogs heiratet und so dessen Nachfolger wird. Damit beherrscht der König Franken und Sachsen direkt und indirekt durch seine Verwandtschaft, und lässt auf diese Weise andererseits diese auf solche Weise an seiner Herrschaft teilhaben.

 

Inzwischen ist Ottos Macht so stark, dass er 946 seinen Sohn Liudolf nach dem Tod seiner ersten Frau Edgith zum Nachfolger bestimmen und seinen Großen präsentieren kann. Im Kern gilt für die Herrscher über Königreiche seit den Merowingern/Karolingern die leibliche Erbfolge, inzwischen auf den ältesten ehelichen Sohn eingegrenzt. Nur wenn dieser Nachfolger fehlt, muss ein Konsens unter den Großen gesucht werden, um eine Wahl (electio) als Königserhebung dann anzuschließen. Mit dem Beginn des 10. Jahrhunderts setzt sich diese Erbfolge auch für Herzogtümer durch.

 

Die Hegemoniebestrebungen Ottos nach außen, eine Funktion seines Machtausbaus im Inneren, betreffen alle Grenzen. Nach Norden werden sie vor allem als Christianisierung betrieben, was 948 in die Gründung der Bistümer Schleswig, Ribe und Aarhus mündet, die überwiegend außerhalb der Reichsgrenzen liegen und Hamburg untergeordnet werden. Das Mittel gegenüber den Slawen zwischen Elbe und Oder ist nun nicht mehr so sehr Abwehr, sondern wird gewaltsame Unterwerfung, was vor allem die Markgrafen Hermann und Gero betreiben. Der König ist dabei eine Art Schirmherr, ohne selbst viel einzugreifen. Im Kern handelt es sich um eine Expansion des Sachsenlandes nach Osten (Schieffer).

 

Für Widukind sind diese Leute durchweg Barbaren, aber er kann ihnen seinen Respekt nicht verweigern: Jene aber wählten dennoch lieber Krieg als Frieden und schätzten alles Elend gering gegenüber der teuren Freiheit; denn dieser Menschenschlag ist hart und müheduldend, an die einfachste Nahrung gewöhnt, und was den Unsern schwerste Last zu sein pflegt, das halten die Slawen für eine Art von Vergnügen.

 

Was an Tacitus erinnert oder andere spätrömische Autoren über die Germanen, ist der Abgesang auf vorzivilisatorische Kulturen, wie sie jetzt auch nach und nach in dem mittleren Osten Europas zerstört werden. Das Ergebnis sind die Bistümer Oldenburg, Havelberg und Brandenburg, allesamt Mainz unterstellt.

 

Der Verselbständigung Boleslaws, den Ibrahim ibn Jakub anderthalb Jahrzehnte später bereits als König von Prag, Böhmen und Krakau bezeichnet, wird 950 ein Ende gesetzt, und er wird von Otto zur Heerfolge gezwungen.

 

Als König Rudolf (II.) von Burgund 937 stirbt, holt Otto dessen minderjährigen Sohn Konrad an seinen Hof, um damit eine Übernahme Burgunds durch Hugo von Italien zu verhindern, der Rudolfs Witwe Berta sofort geheiratet und seinen Sohn Lothar mit dessen Tochter Adelheid verlobt hatte. Nach dem Tod Hugos 947 sorgt Otto dafür, dass Niederburgund und die Provence an seinen Schützling Konrad fallen, wobei er aber weiter die Eigenständigkeit von Burgund respektiert.

 

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Inzwischen ist Italien immer mehr in Ottos Blickpunkt getreten. Dort war es zu einem Machtkampf zwischen Markgraf Berengar von Ivrea und dem dortigen König Hugo (Markgraf der Provence) gekommen, der nach 940 die Oberhand gewinnt, weswegen Berengar in die deutschen Lande flieht und Otto sich wohl zu einer Form der Vermittlung bereitfindet. Jedenfalls kann Berengar 945 in den Süden zurückkehren, wo sich viele Großen um ihn scharen, was Hugo dazu zwingt, abzudanken und seinen Sohn Lothar zum Nachfolger zu machen, der sich dann mit Berengar arrangiert. 950 stirbt Lothar in jungen Jahren und hinterlässt die 19-jährige Witwe Adelheid samt Tocher Hemma. Nach langobardischem Recht könnte die Witwe das Königtum weiterreichen. Darauf reißt Berengar die Königswürde für sich und seinen Sohn Adalbert an sich und sperrt Adelheid ein.

 

Das ist für König Otto, der seit 946 selbst Witwer ist, offenbar Anlass genug, sich nunmehr auch militärisch Italien zuzuwenden, vielleicht schon mit der Perspektive, in der Nachfolge Karls das dortige Königtum zu übernehmen, vielleicht auch schon mit einer vagen Perspektive, den Kaisertitel hinzuzufügen.

 

Liudolf zieht womöglich eigenmächtig dem Heer seines Vaters voraus, was den Bayernherzog Heinrich laut der 'Continuatio Reginonis' irritiert, grenzt sein Herrschaftsgebiet doch dorthin.

 

Und als man in das Langobardenreich gekommen war, versuchte er durch Geschenke von Gold die Liebe der Königin zu ihm zu erproben. Als er sie zuverlässig festgestellt hatte, nahm er sie zu sich als Frau und erhielt mit ihr die Stadt Pavia, den Wohnsitz der Königin. (Widukind III,9)

Natürlich hat Otto die alte Langobarden-Hauptstadt Pavia mit seinem Heer eingenommen, das italienische Königtum mit dem Recht des Eroberers übernommen und zur Legitimation die verwitwete Königin geehelicht. Sohn Heinrich hatte sie dem Vater von Canossa aus zugeführt. Otto lässt sich von nun an als König der Franken und Langobarden titulieren.

Adelheid vermittelt dem König nicht nur die Beziehung zu Cluny, sondern mit ihren großen Besitzungen in Burgund und Norditalien überhaupt Nähe zum südlichen Raum romanischer Zivilisationen. Und er wird offenbar noch nachhaltiger als der große Karl davon beeindruckt werden. Die königliche Selbstdarstellung scheint nun von Byzanz beeinflusste machtbewusstere Züge anzunehmen.

 

Eine Delegation Ottos an Papst Agapet II. um Verhandlungen über die Kaiserwürde scheitert daran, dass dieser, ganz unter dem Einfluss Alberichs, den Antrag ablehnt. Berengar meidet zunächst die offene Schlacht und flieht. Otto verlässt darauf wieder Italien.

 

Konrad der Rote bekämpft Berengar weiter, der dann 952 auf dem Hoftag in Augsburg 952 erscheint und sich unterwirft, um Italien darauf als eine Art Unterkönigtum zu empfangen, allerdings ohne die Marken Verona und Aquileja, die Heinrich von Bayern erhielt.

Hagen Keller schreibt: "...sie blieben aber Teil des italischen Reiches, und ihre Großen, Adel und hohe Geistlichkeit gehörten zu den Italienern." (Keller, S.22) Allerdings gibt es damals Italien ohnehin nur als geographischen Begriff - und zudem kein Deutschland, sondern ein ostfränkisches Reich. Was es gibt, sind Sprachgrenzen, die aber heute nicht in größerer Genauigkeit für damals nachzuvollziehen sind.

 

Inzwischen gab es massive Konflikte im Reich, die wohl etwas mit der unterschiedlichen Sicht auf die Machtverhältnisse zwischen Thronfolger und Sohn Liudolf und dem Bayernherzog und königlichen Bruder Heinrich zu tun haben, und dann wohl auch mit der Tatsache, dass Liudolf Probleme mit der zweiten Heirat seines Vaters und dem möglichen Auftauchen neuer Königssöhne hat. Liudolf und Erzbischof Friedrich von Mainz reisten vorzeitig aus Italien zurückreisen. Sie ziehen nach Sachsen und feiern mit königlichem Pomp das Weihnachtsfest zu Saalfeld, wo Liudolf Erzbischof Friedrich und viele Großen des Reiches um sich schart. Dieses convivium begannen viele bereits für verdächtig zu halten, und es hieß, dass dort mehr über Zerstörung als über Nutzen verhandelt wurde (Adalbert von Magdeburg in: Althoff(2), S.100). Saalfeld ist eben ein unheilvoller Ort aufgrund früherer Beratungen (Widukind, Sachsengeschichte III.9). Als Konsequenz verweigert Otto nun seinem Sohn den huldvollen Umgang.

 

Noch 952 wird der Konflikt deutlicher: Konrad (der Rote) von Lothringen hatte Berengar, den Kerkermeister von Ottos zukünftiger Frau, eingeladen, zur Klärung seiner Stellung das Heer nach Norden zu begleiten, ihm aber womöglich zusammen mit Liudolf dabei zu große Versprechungen gemacht, die Otto nicht einzulösen bereit ist, ihn womöglich sogar als König tituliert (Widukind und der Fortsetzer des Regino von Prüm). Der König kann und soll das vielleicht als Provokation empfinden (Althoff). Der Ausgleich des Königs mit Berengar gelingt dann auch nicht gleich: das Angesicht des Königs zu schauen wurde ihm drei Tage lang nicht gestattet (Widukind).

 

Derweil verhärten sich die Fronten gegen Ottos Bruder Heinrich von Bayern und damit indirekt auch gegen König Otto. Hierdurch fand sich Konrad, welcher ihn (Berengar) hingeleitet hatte, beleidigt, und Liudolf, des Königs Sohn, teilte seinen Unmut. Beide suchten den Grund dafür bei Heinrich, dem Bruder des Königs (...) Dieser aber, welcher wusste, dass der Jüngling der mütterlichen Hilfe beraubt war, fing an, ihn verächtlich zu behandeln und ging so weit, dass er ihn auch mit höhnischen Worten nicht verschonte. (Widukind, Sachsengeschichte III, 10)

 

Am Ende einigen sich Otto und Adelheid doch mit Berengar, der sich dann in Augsburg im Beisein von Herzog Liudolf und Erzbischof Friedrich unterwirft und in eine Art Bündnis zu Otto eintritt, wobei die Marken Verona und Aquileia dem Bayernherzog zugeschlagen werden.

 

Aber nun bringt Adelheid den Sohn Heinrich zur Welt und 953 greifen die Fronten auf fast das ganze Reich über. Liudolf und Konrad, Schwaben und Franken, thüringische, sächsische und bayrische Große stehen gegen Otto und insbesondere Heinrich auf, während Berengar und Adalbert sich die beiden südlichen bayrischen Marken zurückholen.Es geht wohl nicht um Otto selbst, sondern um den Umfang seiner königlichen Macht und die von Heinrich.

 

Konrad der Rote wird für Lothringen von Otto durch seinen Bruder Brun ersetzt, der zuvor schon Erzbischof von Köln geworden war. Otto belagert zunächst Mainz, wo der Aufstand losbrach, wobei er scheitert und dann Regensburg, wohin sich Liudolf zurückgezogen hatte. Zwischendrin gibt es immer wieder Verhandlungen, aber offenbar akzeptiert Otto nicht, das Erzbischof Friedrich in seiner Vermittlerrolle auch die Seite seiner Gegner berücksichtigt (Althoff). In Langenzenn treffen sich dann die Kontrahenten unter dem Eindruck der Ungarngefahr vor dem versammelten Heer. Bischof Ulrich von Augsburg klagt dort die Zusammenarbeit Liudolfs mit den Ungarn an. Diese durchstreifen Süddeutschland bis nach Frankreich, um dann durch Italien wieder abzuziehen. Konrad und Erzbischof Friedrich lassen von ihrer Opposition und trennen sich von Liudolf, der erneut lange in Regensburg belagert werden muss, bevor er sich unterwirft. Schließlich muss er sich demonstrativ unterwerfen, um dann wieder in die Huld seines Vaters aufgenommen zu werden. Als der ihn 956 nach Italien gegen Berengar schickt, stirbt er dort. Sachsen geht inzwischen an Hermann Billung. Konrad verliert zwar sein Herzogtum, wird aber ebenso nach Unterwerfung wieder huldvoll angenommen. Mainz fällt nach dem Tod Friedrichs an Ottos illegitimen Sohn Wilhelm.

 

Inzwischen sind die Ungarn 955 wieder bis nach Augsburg vorgedrungen. Franken, Schwaben, Bayern und Böhmen schicken Heereskontingente, während Bischof Ulrich derwqeil die Stadt verteidigt, deren Held er wird. Als es dem König mit einem Banner, welches einen siegreichen Engel zeigt und mit der heiligen Lanze ausgestattet gelingt, diese massiv zu besiegen und damit die Gefahr durch sie für immer zu beseitigen, scheint er als König unangefochten.

 

Kurz darauf zieht Otto mit Markgraf Gero und unterstützt von Böhmen zur Unterdrückung der Abodriten ins Slawenland. Er plant inzwischen die Errichtung einer Magdeburger Kirchenprovinz für die Slawenmission. (Holtzmann) Inzwischen hatte ein Normanne, der den slawischen Namen Miseko (neupolnisch Mieszko) annahm, zwischen Oder und Weichsel aus slawischen Völkerschaften ein neues Reich geschaffen, welches etwas später Polen heißen wird. Während Otto schon (wieder) in Italien ist, nähert sich ihm Markgraf Gero mit einem Heer und erzwingt die Oberhoheit des frischgebackenen Kaisers.

 

Die Großen im Reich halten es für selbstverständlich, dass die königliche Machtausübung an ihre Zustimmung gebunden ist, und antworten im negativen Fall mit Gewalt, sobald sie hinreichend machtvolle Koalitionen untereinander zustandegebracht haben. Der König antwortet mit Gewalt, ist aber auf Verhandlungslösungen und Rituale der Unterwerfung bei vorher garantierter Wiederaufnahme in die Huld des Herrschers und möglicher späterer (Teil)Entschädigung aus. Aber er besteht darauf, die Großen im Reich als seine Amtsträger zu behandeln. Auf diesen Wegen gelingt es ihm, wichtige Positionen mit immer mehr Bluts- und angeheirateten Verwandten sowie mit erklärten Anhängern zu besetzen.

 

Die gesalbten Könige betrachten sich als Stellvertreter Gottes auf Erden, und umso mehr die Kaiser. Zwar lassen die sich fast wie Priester von Päpsten weihen, aber bis in die Mitte des 11. Jahrhunderts suchen sie sich dafür des öfteren ihre römischen Bischöfe selbst aus. Entsprechend betrachtet ein Bischof wie Thietmar von Merseburg auch nicht den Papst, sondern seinen König als seinen obersten Dienstherrn, dem er auxilium et consilium schuldet, Hilfe und Rat, und darunter nicht zuletzt die Stellung eines Heereskontingents aus seinen Vasallen.

 

Des weiteren beginnt der König nicht nur in den Schlüsselpositionen der Erzbistümer, sondern auch bei wichtigen Abteien vor allem in Sachsen, aber punktuell auch in Franken und Lothringen, Kleriker aus hohen Adelsfamilien, die er vorher in seine Hofkapelle gezogen hatte, dort zubevorzugen. Ostfränkische Bistümer sind in der Regel viel größer als westfränkische oder italienische, was mit der größeren Dichte aus der Antike überkommener Städte zusammenhängt, und darum besonders geeignet als königliche Machtbasis.

 

Indem er solche Bistümer und Klöster wie auch Neugründungen wie Quedlinburg und Magdeburg zudem großzügig mit Zoll-Markt- und Münzrechten vor allem privilegiert (was auch hieß: reich machte), machen die geistlichen Herrschaften einen immer größeren Teil seines Heeresaufgebotes aus und ersetzen ihm zudem häufiger den Aufenthalt in Pfalzen und besorgen die Versorgung des kaiserlichen Hofes insbesondere bei Hoftagen.

 

Nach Kirchenrecht wählen Volk und Klerus ihren Bischof und auch den von Rom. Indem der König Bistümer großzügig mit Resten des Königsgutes ausstattet, nimmt er für sich auch in Anspruch, über ihre Besetzung zu verfügen und sie dann für seine Herrschaft zu instrumentalisieren. Je vornehmer solche Herren werden, für die geistliche Ämter dabei immer attraktiver werden, desto mehr sind sie aber auch mit der weltlichen adeligen Herrenschicht verbunden, ihren Familien eben. Wesentlich aber sind zudem eigene Machtinteressen, in denen sich Bischöfe auch gegeneinander und gegen Herzöge und Könige wenden.

 

Aber beliebig über seine Bischöfe verfügen kann der König nicht, wie der Brief Wilhelms von Mainz an Papst Agapit 955 belegt, in dem dieser mit Niederlegung seines Amtes im Falle der Anerkennung eines Erzbistums Magdeburg durch den Papst droht. Er wolle dann als Missionar unter den Heiden predigen. Geeint sind wohl die Slawen, und es geht wohl im Fall Magdeburg darum, dass Wilhelm die Ostmission als Mittel zur Ausweitung seiner Macht in seiner Hand behalten möchte. Wenn dann später Magdeburg doch vom Kaiser durchgesetzt wird, erhält Mainz als Ersatz das neu gegründete Bistum Prag zugesprochen (E.-D. Hehl)

 

Die Frömmigkeit Ottos scheint ganz zeitgebunden im Bündnis zwischen weltlicher Macht und Gewalt mit den himmlischen Kräften zu bestehen, zu denen vor allem die Heiligen wie jener Laurentius gehören, dem er vor der großen Ungarnschlacht verspricht, im Falle eines Sieges das ihm zu weihende Bistum Merseburg zu gründen. Entsprechend soll der König und Kaiser vor dem Aufsetzen seiner Krone jedes Mal längere Zeit gefastet haben, wohl um ihren magischen Charakter zu betonen. Während von Cluny bis über Lothringen sich die Klosterreform durchsetzt, bedeutet für ihn Reformieren vor allem Steigerung der wirtschaftlichen Effektivität der Klöster und damit auch ihres militärischen Potentials.

 

In der Lebensgeschichte des Johannes von Gorz, den Otto um 956 zum Kalifen Abderrahman III. von Cordoba geschickt hatte, lässt der Autor den Kalifen folgendes zu ihm über Ottos Reich sagen:

 

Er behält die Herrschaftsgewalt in seinem Machtbereich nicht sich selbst vor, sondern lässt in weitem Umfang jeden der Seinen eigene Herrschaftsgewalt ausüben. Er teilt die Gebiete seines Reiches unter sie auf, gewissermaßen, um ihre Treue und Unterwerfung noch fester zu machen. Doch es kommt ganz anders: Daraus gehen Hochmut (superbia) und Auflehnung (rebellio) gegen ihn hervor. Gerade jetzt ist dies wieder bei seinem Schwiegersohn geschehen, der durch Treulosigkeit (per perfidiam) auch noch den Königssohn auf seine Seite gebracht und eine Art öffentlicher Gegengewalt (publica tirannis) gegen den Herrscher ausgeübt hat, und zwar bis dahin, dass er das auswärtige Volk (gentem externam) der Ungarn zum Plündern durch die Reiche des Königs geleitete.(Deutsch in Keller, S.20, lateinisch S.192)

 

Solche eingeschobene wörtliche Rede ist wie immer entweder nachempfunden oder mehr oder weniger frei erfunden. Es ist hier eher wahrscheinlich, dass der Autor seine eigene Einschätzung wiedergibt und – sicher ist sicher – dem Kalifen in den Mund legt, ohne dessen Ansichten aber dabei total zu widersprechen. Die Kenntnis und Einsicht in das Geben und Nehmen zwischen Monarch und Hochadel dürfte bei einem Despoten in Cordoba so kaum gegeben gewesen sein.

 

Ganz wichtig für die Zeit seit dem ersten Otto wird die Förderung von Siedlungen mit Märkten und damit eines neu sich entwickelnden Städtewesens insbesondere in Sachsen mit seinen östlichen Verlängerungen. In Quedlinburg, Gernrode, Halberstadt und Memleben entstehen größere und immer noch seltene Steinkirchen. In Magdeburg wird mit Pfalz und Kirchenbau ein Gegenstück zu Aachen gebaut. Und wie dort werden dafür antike Bauelemente aus Italien (Ravenna) unter den entsprechenden Mühen heran transportiert. Das bis dahin eher "rückständige" Sachsen rückt in die erste Reihe des Reiches auf.

 

Daneben werden bestehende Bischofssitze „dauerhaft mit Marktsiedlungen kaufmännisch-gewerblichen Charakters verbunden“ (Keller, S.28). Kaufleute in neuen Ansiedlungen werden denen in königlichen Pfalzorten gleichgestellt. Zur Förderung von Bischofssitzen, insbesondere solchen, in denen der König seinen Kandidaten durchsetzt, erhalten diese Privilegien wie Markt- und Münzrechte, die bischöfliche Stadtherrschaft erst so recht befestigen. Um Bistümer mit ihrem „städtischen“ Siedlungskern als „Freunde“ in Gefolgschaft zu halten, wird ihre weltliche Macht also ausgebaut und so dann auch wirtschaftlich ermöglicht, dass sie Stützen des Königtums werden.

 

Die Welt des Adels bis zum König begründet sich zwar ideologisch-religiös als eine gottgewollte, hat ihren eigenen Kodex aus Ehre, Ruhm, Rang und entsprechenden Verhaltensweisen, aber sie ist im 10. Jahrhundert auch eine, deren Besitzgier und damit zusammenhängendes Aufsstiegsbegehren bereits mehr und mehr über Geld vermittelt werden. Gold, Silber und Edelsteine schmücken eben nicht nur Kirchen zur Ehre Gottes und der Priester, Mönche und Nonnen, sondern sie bezeichnen auch den Rang weltlicher Herren, neben edlen Pelzen, teuren Tuchen und besonders guten und vornehmen Waffen und Rüstungen. Und das alles rechnet sich in Geld, wie man den zeitgenössischen Quellen entnehmen kann.

 

Das gibt Raum für Handel und Gewerbe, die nicht nur mit den entsprechenden Gütern versorgen, sondern eine Welt erstehen lassen, die nicht mehr auf Krieg und Gewalttätigkeit beruht, sondern auf produktiver Arbeit und Warenverteilung. Sie bleibt aber der Kriegerwelt vorläufig zur Gänze ein- und untergeordnet. Städtische Welten in größerem Umfang gibt es eher zwischen Cordoba, Palermo und Bagdad im islamischen Raum und weiter entfernt in China.

 

Immerhin schafft Otto etwas, was seinem Vater noch fernlag. Widukind schreibt:

Sein Geist ist höchst bewundernswert, denn nach dem Tod der Königin Edid lernte er die ihm vorher unbekannten Buchstaben so gut, dass er Bücher vollkommen lesen und verstehen kann. Außerdem weiß er in romanischer und slawischer Sprache zu reden, obgleich er nur selten davon Gebrauch macht. (Jetzt kommt die germanische Tradition:) Auf der Jagd ist er häufig, die Brettspiele liebt er, die Reitkunst übt er zuweilen mit königlichem Anstand.

 

Deutlich mehr Gelehrsamkeit wird von seinem Bruder Brun berichtet.

 

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Nur wenige Gebäude aus der Zeit der sächsischen Kaiser sind einigermaßen erhalten, wie die frühromanische Stiftskirche von Gernrode. Ein langes Mittelschiff mit halb so hohen Seitenschiffen ist auf eine Chorapsis ausgerichtet, vor der die zentrale magische Handlung zelebriert wird. Gestühl fehlt, die Menschen stehen oder knien.

Die Architektur vermittelt den Eindruck stabiler Ruhe, einer in festen Proportionen fundierten Ordnung. Der Innenraum ist in ein dunkles Dämmerlicht getaucht, welches bei der Messe durch Kerzen nur wenig erhellt wird und welches zur Rationalität der Form das Halbdunkel eines unerklärlichen Zaubers bringt. Der Glaube formuliert sich als Gewissheit.

Für fast alle Menschen ist eine solche Kirche das einzige Steingebäude ihrer Umgebung und das größte Gebäude sowieso, von weither sichtbar. Für die Stifter ist ihre Stiftung samt zusätzlichen Schenkungen Gewähr für immer wiederkehrende Gebete um ihr Seelenheil nach ihrem Tode, die den Weg in die paradiesischen Gefilde des Himmelreiches beschleunigen und vor allem Höllenqualen vermeiden helfen sollen. Für ihre (adelige) Familie ist es Grablege und wie später eine Burg identitätsstiftendes Zentrum.

 

Die Quellen geben nicht eindeutig her, ab wann die Gewinnung des Kaisertitels Teil seiner Pläne wird, aber wohl spätestens ab der ersten militärischen Intervention in Norditalien. Ein Aspekt dieses Titels ist dabei sicher auch die Rückendeckung, die er seinem Königtum gewährt. Was dieser Kaisertitel genau bedeutet, war schon bei Karl d.Gr. reichlich im Unklaren geblieben, wenn man davon absieht, dass er Ergebnis aus einem Bündnis zwischen Papsttum und Königtum ist: Kaiser schützen die Päpste und die ihnen versprochenen Territorien und ganz allgemein die lateinische Kirche und die Christenheit (das Christentum). Die Päpste liefern ihnen dafür ideologische („religiöse“) Unterstützung.

 

Für die Entwicklung von Formen von Staatlichkeit im Reich (und in geringerem Umfang auch in Italien) wird das Kaisertum von erheblicher Bedeutung: Da es über die jeweils kurzfristige Unterwerfung wenigstens Nord- und Mittelitaliens führte und den Titel eines Königs der Langobarden, verbraucht es beachtliche Ressourcen des Reiches und das Leben vieler Menschen aus deutschen Landen. Falls es der Stärkung eines „deutschen“ Königtums dienen sollte, so stärkt dieser ferne Kriegsschauplatz doch eher auf Dauer die Macht der deutschen Großen unter ihrem König und Kaiser und damit die zentrifugalen Kräfte, jene zum Beispiel, welche den äußersten Nordwesten und Südwesten aus dem Reich heraustreten lassen werden. Während England, Frankreich und andere sich auf den Weg in eine „nationale“ Monarchie begeben, wird den deutschen Landen auf Dauer die Entwicklung gemeinsamer Staatlichkeit versagt bleiben. Zudem führt der Weg zum Kaisertitel lange über die nie dauerhaft kontrollierbare Stadt Rom und die Päpste, deren Macht dadurch erheblich gesteigert wird, bis sie sich dann gegen „deutsche“ Herrscher wendet.

 

Da die Schwäche des Königtums über Italien dort den Aufstieg der konkurrierenden Städte fördert, die bald in Nord-und Mittelitalien zum bestimmenden Faktor werden, und zudem den des Papsttums dort, lädt die geringe „deutsche“ Oberhoheit mittelbar zur „Internationalisierung“ Italiens ein, und zwar später durch französische und spanische Fürsten – zusätzlich zum deutschen Unheil dort. Und da das Kaisertum mehr Form als Inhalt bleibt, aber auf Kosten eines zentralen Königtums im deutschen Reich geht, entwickeln sich „deutsche Lande“ zu immer autonomeren Fürstentümern, aber kein gemeinsames Deutschland.

 

Dabei hatte das Langobardenreich und seine fränkische Fortsetzung eine Besonderheit

ähnlich wie bei den Visigoten zu bieten: Es besaß mit Pavia eine Hauptstadt. „Dort hatte die königliche Kammer ihren Sitz, der regelmäßige, zentral verwaltete Einkünfte zuflossen: die Einnahmen aus den Zöllen an den Alpenklausen, aus Flusszöllen, aus der Goldwäscherei in den von Alpen und Appenin herabströmenden Wasserläufen. Bestimmte Waren, die die Kaufleute Venedigs Venedigs oder Amalfis aus den Mittelmeerländern in das Regnum brachten, sollten nur dort zum Verkauf angeboten werden. Von Pavia aus organisierte der Pfalzgraf an Stelle des Königs die Rechtsprechung im Reich, dort lag das Orientierung gebende Zentrum für die im Regnum tätigen Pfalz- und Königsrichter. Dort besaßen vor allem viele der Bischöfe, Klöster und weltlichen Großen Ober- und Mittelitaliens ein Haus, das sie bei ihren Aufenthalten am Königshof aufsuchen konnten und das ihnen sozusagen institutionell eine Präsenz in der Haupstadt des Reiches sicherte.“ (Althoff/Keller, S.192)

 

Ohne hinreichende Präsenz des Königs wird allerdings die Hauptstadtfunktion zurückgehen, und diese Anwesenheit war nicht zu gewährleisten. Nördlich der Alpen fehlte eine solche Zentrale, und hier mussten die „fränkischen“ Könige zeitaufwendig herumreisen und wo immer möglich Präsenz zeigen. Sie werden mit zwei Königreichen fast durchgehend überfordert sein.

 

Der Weg zur „Erneuerung“ des Kaisertums führt über die Stärkung des Königtums und über die zunehmende „Beschäftigung“ Ottos mit Italien. Ein Meilenstein wird der Schlachtensieg Ottos über die wieder massiv eingefallenen Ungarn vor den Toren Augsburg 955, der im übrigen sowohl die weitgehende Militarisierung des Christentums in Kirche und Kloster wie die weitere Christianisierung des Krieges demonstriert, die letzthin vor und nach dem Treffen an der Unstrut 932 bereits einen neuen Höhepunkt erlebt hatten. Da gibt es jetzt Bischöfe und Äbte auf dem Schlachtross, vermutlich hoch gerüstet, wie wohl Ulrich von Augsburg, deren Kontingente den überwiegenden Teil des Heeres ausmachen, und da bereitet sich das Heer mit Fasten und Verbrüderungsritualen auf den Kampf vor. Nachher wird Gott in den Kirchen des Reiches gedankt, der bewiesen hat, dass das alte germanische Königsheil nun weithin in ein christliches transferiert ist: Otto steht in der Huld seines kiegerischen Gottes.

 

Der christliche Herrscher taucht jetzt häufiger als imperator auf, was einerseits inzwischen längst nur noch den königlichen militärischen Befehlshaber bezeichnet, aber in seiner nun auftretenden Häufigkeit eine neue Rolle Ottos ankündigt.

 

Nach der Romanisierung des Christentums und der germanischen Verformung war es den christlichen Kriegern, also der Gruppe der edlen Freien, durchaus erlaubt, nach Macht und Reichtum zu streben, und das auch mit Gewalttätigkeit zu verbinden. Alle drei Aspekte waren dem Klerus und den Klöstern offiziell untersagt, aber als Einrichtungen des Adels und im Besitz von großem „kollektivem“ Eigentum, welches offiziell den jeweiligen Heiligen im Himmelreich gehörte, war das Machtstreben der Bischöfe und Äbte und ihr Sinn für Besitz von dem des weltlichen Adels meist nicht unterschieden, und abgesehen davon, dass sie ihre Gewalttätigkeit an weltliche Krieger delegierten, sahen sie sich längst selbst auch als militärische und nicht nur wirtschaftliche Einheiten, - und es gibt, obwohl man das von klerikalen Autoren nicht annehmen sollte, doch eine ganze Anzahl von Beschreibungen bewaffneter Krieger-Geistlicher und sehr aggressive Auseinandersetzungen zwischen Bistümern untereinander und mit Klöstern, wie auch von denen von Klöstern miteinander.

 

Könige durften Klöster stiften, de facto Bischöfe und Äbte einsetzen, aber mit der Gründung und dem Zuschnitt von Erzbistümern überschritten sie (eigentlich) ihre Kompetenz. Deshalb bedeutete die indirekt einigermaßen belegte päpstliche Genehmigung der Gründung eines Erzbistums Magdeburg einen deutlichen Schritt des Papstes hin zum König. Laut dem Protestbrief von Erzbischof Wilhelm von Mainz (Sohn von König Otto) gegen dieses Vorhaben sollte das Bistum Halberstadt im neuen Erzbistum aufgehen und das gerade gegründete Kloster in Magdeburg der materiellen Ausstattung dienen, das zudem bisher von Mainz beaufsichtigte Suffraganbistürmer erhalten würde. Dem königlichen Sohn gelingt es aber, den seiner Machtfülle abträglichen Plan aufzuschieben.

 

Nach der kurzen ersten militärischen Intervention in Italien ist auch der große Heereszug von 963-65 nicht wirklich auf die Eroberung des Nordens und der Mitte der Halbinsel angelegt. Berengar regierte längst wieder in Pavia. Zum Anlass wird die Bitte der Gegner Berengars, allen voran norditalienischer Bischöfe und des Papstes Johannes XII. genommen, zu ihren Gunsten einzugreifen. Johannes XII., Sohn des gerade verstorbenen Alberich, soll ein wenig priesterliches, ausschweifendes Leben geführt haben. Er fühlte sich neben Berengar von den Fürsten von Capua und Benevent bedroht und von der römischen Anti-Alberich-Partei.

 

In Aachen wird zuvor der siebenjährige Sohn Otto (nach dem Plazet der Fürsten auf einem Reichstag zu Worms) zum königlichen Nachfolger gekrönt und gesalbt, den Bischöfen von Köln und Mainz wird eine Art Aufsicht über das Reich und dem Billunger Hermann eine solche über Sachsen anvertraut. Immerhin scheint die königliche Macht groß genug, das Reich für mehrere Jahre zu verlassen.

 

Berengar wird nicht besiegt, sondern weicht dem König einfach auf befestigte Bergsitze aus. In Ravenna  finden dann Verhandlungen mit dem Papst statt, deren Ergebnis das Versprechen gegenseitiger Unterstützung ist, die Erhebung Magdeburgs zum Erzbistum in abgespeckter Form, wobei Wilhelm für seinen Machtverlust etwas entschädigt werden soll. Es kommt zur Anerkennung (nomineller) territorialer Besitzansprüche des Papstes: Rom, Ravenna, Spoleto, Benevent etc. , die aber dann kein Kaiser in der Praxis anerkennen wird. Dafür gibt es vor der Weihe die  Verpflichtung eines jeden vom „Volk und Klerus“ von Rom gewählten Bischofs/Papstes auf einen Treueid gegenüber dem Kaiser, 

Darauf kann die Kaiserkrönung stattfinden.

 

Was dem König der Franken und Langobarden nun an tatsächlicher Macht außer der Schutzverpflichtung gegenüber dem römischen Bischof zuwächst, ist nicht erkennbar. Der Papst begründet das persönliche Kaisertum mit Ottos militärischen Erfolgen gegen die heidnischen Slawen und Ungarn, was diesem aber einen nur vagen Inhalt gibt.

Für Otto ist der Kaisertitel wohl einmal in Verbindung zu einer wie auch immer gearteten Hoheit über Italia zu sehen, einer nochmaligen Steigerung des sakralen Charakters des Königtums, was den Großen zu Hause wohl kaum allen gefallen konnte, und einer engen Verbindung zu den Päpsten, die ihm gegen die Erzbischöfe von Mainz und Halberstadt zu seinem Erzbistum Magdeburg verhelfen sollten.  

 

Tatsächlich begründet die wichtigste Quelle zu König/Kaiser Otto, Widukinds Sachsengeschichte, den Imperatorentitel aus der Schlacht auf dem Lechfeld und benennt ihn seitdem so. Die Kaiserkrönung und die Rolle des Papstes dabei übergeht sie völlig. Als pontifex maximus wird statt seiner der Mainzer Erzbischof bezeichnet. (Keller, S.95) Offenbar gab es, wie auch andere Quellen andeuten, eine starke Tendenz bei den Großen um Otto I., die ein Caesarentum ganz aus eigener Kraft befürworteten; vielleicht eines, welches an vom Heer ausgerufene römische Caesaren erinnert oder an die aufs Schild gehobene germanische Heerkönige.

 

Die Päpste der Zeit stammen aus der gewalttätig miteinander konkurrierenden römischen Oberschicht (der derzeitige aus dem Alberich-Clan), nutzen die militärische Anwesenheit des Königs/Kaisers, der sich damit die Gegnerschaft der Kontrahenten einfängt, und sind keine soliden Partner der Könige/Kaiser.

 

Das Desaster der Rom“politik“ Ottos erweist sich bereits kurz nach der Krönung, als Johannes XII. sich mit Berengars Sohn verbündet, da ihm die kaiserliche Machtausübung in Italien wohl doch zu umfassend vorkommt. Der „Kaiser“ ist gezwungen, nach Rom zurückzukehren, die Stadt mit einem Teil seines Heeres zu erobern und über den geflohenen Papst auf einer Synode zu Gericht zu sitzen, wo ihm alle denkbaren Verbrechen vorgeworfen werden, ihn abzusetzen und stattdessen Leo VIII. einsetzen zu lassen, einen Laien, der schnell noch zum Priester geweiht wird. Als nun Berengar gefangengenommen werden kann und nach Bamberg geschickt wird, meint der Kaiser, die militärische Reise in den Süden abgeschlossen zu haben und entlässt den größten Teil seines Heeres.

 

Dies veranlasst Johannes XII., nach Rom zurückzukehren, worauf nun Papst Leo aus der Stadt flieht. Als kurz darauf Johannes stirbt, wählen die Römer einen dem Kaiser feindlich gesonnenen Benedikt V. Dieser wiederum muss von Kaiser Otto mit den Resten seines Heeres in Rom entmachtet werden, worauf Papst Leo wieder eingesetzt wird. Als Otto dann nach Norden aufbricht, rafft noch im Sommer 965 eine Seuche einen Großteil der Truppen hin. Während er nach Norden eilt, wohl um sich den Magdeburger Problemen zuzuwenden, sperren die Römer den kaisertreuen Papst Johannes XIII. ein und Berengars Sohn Adalbert wendet sich wieder dem Kampf um die italienische Königskrone zu. Soviel zum zweiten italienischen Abenteuer des Königs über deutsche Lande.

 

Die neu errungene kaiserliche Würde verändert das Herrscherbild auch in den Siegeln. "Statt des Krieger- und Reiterbildes mit Schild und Speer zeigt es den Kaiser in Halbfigur, mit hoher Krone, langem Szepter und Reichsapfel. Besonders auffällig  ist die Frontalität der Darstellung: Der Herrscher in seinem triumphalen Gestus blickt dem Betrachter frontal in die Augen." (Weinfurter in Ottonische Neuanfänge, S.13) Aus dem König als oberstem Heerführer vor allem wird der mit neuer "Majestät" ausgestattete Kaiser, und dazu gehört auch, dass er sich nun fast nur noch in Italien aufhält. 

 

***

Neben der italienischen (militärischen) „Front“ gibt es mit dem Nordosten des Königreiches eine zweite. Aus den gegenseitigen Überfällen zwischen Sachsen und Westslawen hatte sich rund um die Errichtung eines Erzbistums Magdeburg die Perspektive von Missionierung und Eroberung entwickelt, die beide Hand in Hand gingen. Hier existierte ein gemeinsames Interesse von weltlicher Macht und Papstkirche. Aber Otto hat auch als Kaiser nicht die Macht, sich nach Belieben Erzbistümer zuzuschneiden, wenn sich ihm dabei hocharistokratische Bischöfe (Halberstadt) und Erzbischöfe (Mainz) aus Eigeninteresse entgegenstellen. Was aber erst einmal geschieht, ist, dass nach dem Tod des Markgrafen Gero sein Gebiet in sechs verschiedene Markgrafschaften aufgeteilt wird, die zu einem guten Teil auf slawischem Gebiet liegen, wie die drei südlichen Merseburg, Zeitz und Meißen.

 

Als Otto 966 wieder mit einem großen Heer nach Italien zieht, ist erstes Ziel, den unter seinem Einfluss gewählten Crescentier Johannes XIII. wieder einzusetzen, den die Alberichfraktion (der späteren Tuskulanerfamilie) gefangen gesetzt hatte, und der dann fliehen konnte. Otto braucht ihn für seine Magdeburger Pläne. Otto kann ohne Widerstände bis Rom durchmarschieren, wo er einige der Führer der Römer hängen oder kreuzigen lässt. Eine Synode beschließt dann auch die Errichtung des neuen Erzbistums, welches mit den Bistümern Brandenburg und Havelberg aus dem Machtbereich des Mainzer Erzbischofs ausgestattet werden soll, zudem erweitert durch neu zu errichtende Bistümer in Merseburg, Meißen und Zeitz aus der Mainzer Erzdiözese. Günstig ist nun, dass 968 der Bischof von Halberstadt und der Erzbischof von Mainz sterben und willigere Nachfolger eingesetzt werden können. Erzbischof Adalbert von Magdeburg wird Oberhirte über die Slawen östlich von Elbe und Saale und wird mit größeren Vorrechten ausgestattet. Der vom Domkapitel gewählte Bischof Hildiward von Halberstadt und Erzbischof Hatto von Mainz werden nach Italien zitiert, gezwungen, ihr Einverständnis zu ihren Machtverlusten zu erklären, und Hildiward wird erst danach vom Kaiser investiert (Holtzmann, S.218)

 

Während die Eroberung von Gebieten östlich der Elbe vonstatten geht, entsteht im Oderraum das "polnische" Fürstentum Mieszkos, der eine böhmische Fürstentochter heiratet und zum Christentum übertritt. Er geht dann ein Bündnis mit Otto ein. Die neuen östlichen Fürstentümer Polen, Böhmen und Ungarn, zu denen noch die Kiewer Rus kommt, entstehen allesamt aus dem Aufstieg und der Machterweiterung von Fürstendynastien, stützten sich "auf ihre schlagkräftigen Gefolgschaften , direkte Herrschaft über das ganze Land ohne konkurrierende Grundherren und Belehnungen, flächendeckende Organisierung von Dienstleistungen seitens der Bevölkerung." (Chr.Lübke in Ottonische Neuanfänge, S.126) 

 

Neben dieser Osterweiterung des Reiches, die durch den Italienzug erleichtert worden war, tritt aber als zweites Ziel die Süderweiterung. Schon vor der Magdeburger Regelung zieht Otto mit seinem Heer gen Süden, wo sich langobardische Herrscher und Byzanz die Macht teilen. Pandulf von Capua und Landulf von Benevent erkennen die Oberhoheit des Kaisers an, was der Kaiser in Byzanz als Herausforderung begreift. Byzanz rüstet für einen Kriegszug, und Otto gelingt es im Gegenschlag nicht, Bari einzunehmen. 969 wird Kaiser Nikephoros ermordet und Otto nutzt die Atempause, um seinen Sohn nach Italien einzuladen, wo er vom willfährigen Papst zum Mitkaiser gekrönt wird.

 

Ein neuer Kriegszug Ottos nach Apulien und Kalabrien führt dann zum Ausgleich mit Byzanz. Der neue Kaiser Johannes Tzimiskes schickt eine Nichte (Theophanu) in Begleitung von Bischof Gero von Köln als Braut für Otto II. nach Benevent. 972 wird sie nach Eheschließung in Rom vom Papst zur Kaiserin gekrönt. Thietmar von Merseburgs von Eigeninteresse getrübtem Bericht ist das Vergehen des Herzogs Hermann Billung zu entnehmen, wie er inmitten der Bischöfe bei Tisch den Platz des Kaisers eingenommen und in dessen Bett geschlafen habe, was Ottos Empörung hervorruft, als er von Thietmars Großvater davon in Italien erfährt -  ein Beispiel für viele davon, was im Reich bei langer Abwesenheit der Kaiser geschieht.

Darauf kehrt Kaiser Otto in die deutschen Lande und geradewegs nach Magdeburg zurück, um ein Jahr später zu sterben. Auf seinem letzten Osterfest in Quedlinburg sind Gesandtschaften aus Dänemark, Polen, Böhmen, Ungarn, Byzanz und Italien anwesend.

 

Otto II.

 

Die Schwäche des ostfränkischen Königtums offenbart sich bereits kurz nach der Huldigung der Großen des Reiches. Als Bischof Ulrich von Augsburg stirbt, gelingt es Heinrich im Sommer 973, einen gleichnamigen Vetter gegen den Willen des Kaisers durchzusetzen. Der zweite Otto setzt nach dem Tod Burchards von Schwaben gegen dessen Witwe, die die Herzogswürde in der Familie belassen möchte, einen Sohn seines Halbbruders Liudolfs als Schwabenherzog ein, und offenbar führt diese Demonstration formaler Stärke zum Widerstand des Bayernherzogs Heinrichs "des Zänkers", der seinen Einfluss nach Schwaben hinein auszudehnen versucht, empfindet er sich doch selbst fast wie ein König. 

 

Er verbündet sich 974 mit den Herzögen von Polen (Mieszko) und Böhmen (Boleslaw). Erst nach einem wenig erfolgreichen Heerzug gegen Böhmen kann Heinrich mit seinem Anhang abgeurteilt werden. Er selbst bleibt in Ingelheim in Gefangenschaft, während der Bischof von Freising in Corvey eingesperrt wird. Inzwischen steigt Willigis ins Erzbistum Mainz auf und erhält bald vom Papst das Recht, die Könige zu weihen.

 

Als nächstes gibt es einen Kriegszug gegen Dänemark und dann erneut gegen Böhmen. Darauf macht Heinrich von Bayern, schon zu Lebzeiten „der Zänker“ genannt und aus der Haft entflohen, 976 einen zweiten Aufstand, der niedergeschlagen wird, worauf Heinrich nach Böhmen flieht. Bayern fällt jetzt ebenfalls an Otto von Schwaben, das abgetrennte Kärnten mit den beiden italienischen Marken Verona und Friaul  an einen weiteren Heinrich und die Ostmark an einen Babenberger. Bayern und Kärnten haben nun Große ohne männliche Nachkommen inne. Willigis erhält nun statt Regensburg die kirchliche Aufsicht über das Bistum Prag.

 

Es gibt zunehmendes sächsisches Misstrauen gegenüber der kaiserlichen Bistumspolitik im Osten und wohl auch gegen die fremdartige griechische Kaiserin, deren Position dadurch gestärkt wird, dass sie Mitherrscherin wird (coimperatrix) und erhebliche Geschenke in Nordhessen und Thüringen erhält.

Inzwischen hat Otto eine Lebensbeschreibung seiner Großmutter Mathilde in Auftrag gegeben, die Propaganda für seinen königlich/kaiserlichen Auftrag macht. Damit knüpft der zweite Otto an Karl d. Gr. an, der schon dafür sorgte, dass in seinem Umfeld propagandistische Texte entstanden.

Das enge Bündnis zwischen Kaiser und Reichsbischöfen ergänzt Otto in engem Kontakt mit Cluny durch eines mit Reformklöstern, deren Äbte er selbst einsetzt. Er stiftet selbst mehrere Klöster wie Memleben und Tegernsee. Er verleiht Klöstern zudem die freie Vogtwahl und verleiht einzelnen die Reichsunmittelbarkeit. 

 

977 kommt es zu einem neuen Aufstand, und zwar der beiden Heinriche und des Bischofs von Augsburg. Um diesen niederzuschlagen, muss auch Böhmen erneut unterworfen werden. Heinrich der Zänker gerät jetzt in andauernde Haft beim Bischof von Utrecht, und sein Sohn wird von Otto für eine geistliche Laufbahn bestimmt. An die Stelle Heinrichs von Kärnten tritt ein Verwandter des Königs.

 

Derweil kommt es zu Konflikten um Lothringen, in den die Brüder Reginar und Lambert versuchen, das väterliche Erbe zurück zu erlangen. Otto II. gibt ihnen gegenüber 976 nach dort,und vergibt Niederlothringen an den Karolinger Karl. 978 überfällt der westfränkische König Lothar dann Niederlothringen, was zu einem Einmarsch von König Lothar bis nach Aachen führt, von wo Otto II. mit knapper Not entkommen kann. Beim westfränkischen Geschichtsschreiber Richter heißt es:

Die königlichen Tische wurden umgeworfen, die Speisevorräte von den Trossknechten geplündert, die königlichen Insignien aus den inneren Räumen geraubt und fortgetragen. Den ehernen Adler, der auf dem Giebel der Pfalz von Karl dem Großen in fliegender Stellung aufgerichtet war, drehten sie nach Osten; denn die Deutschen hatten ihn nach Westen gedreht, um auf feine Art anzuzeigen, dass die Gallier durch seinen Flug einmal besiegt werden könnten. (In: Holtzmann, S.269)

Thietmar von Merseburg zeigt sich auf der anderen Seite später empört und fast schon patriotisch (Thietmar III,8).

 

Soviel zu den Anfängen von ethnischem bzw. National-Bewusstsein in Europa. Nach dem Rückzug Lothars marschiert dann Otto unter Verwüstungen insbesondere von königlichen Besitzungen bis nach Paris, um nach dem Blick vom Montmartre auf die Stadt wieder umzukehren. 980 einigt man sich und beschließt eine amicitia.

Bereits Kaiser, sieht sich König Otto veranlasst, in die Wirren um das römische Papsttum einzugreifen. In Rom erheben die Crescentier gegen den 972 gewählten Papst Benedikt VI. als Gegenpapst Bonifaz VII. Wenig später wird Benedikt in der Engelsburg erdrosselt.

Ein kaiserlicher Beauftragter verjagt deren Papst Bonifaz VII. aus der Stadt, der darauf nach Byzanz flieht, und setzt Benedikt VII. ein. Der wiederum wird 879 vertrieben.

 

 

Otto zieht im Herbst 980 mit einem kleineren Heer zunächst nach Pavia, wo er zum ersten Mal auf den eminenten Gelehrten Gerbert von Aurillac trifft. Otto ist der erste sächsische König, der in seiner Jugend ein gewisses Maß an literarischer Bildung durch Lehrer wie Wilhelm von Mainz und Ekkehard von St.Gallen erhalten hat. Gerbert wiederum hatte sich im Kloster Aurillac und dann in Katalonien zu einer neuartigen Form des allseits gebildeten Gelehrten entwickelt. Ein philosophisches, das heißt allgemein wissenschaftliches Interesse zieht dabei in die Etage der Herrschaft ein. Über Ravenna geht es dann nach Rom, wo vom Kaiser Papst Benedikt VII. wieder eingesetzt wird.

 

Stärker von antikisierenden Kaiservorstellungen beflügelt, zielt der zweite Otto nun auf direktere und die ganze Halbinsel umfassende Herrschaft über Italien ab. Otto imperator non contentus finibus patris sui, heißt es in den St.Gallener Annalen. Durch zwei Wirtschaftsblockaden soll Venedig in die Knie gezwungen werden, was vielleicht nur am frühen Tod des Kaisers scheitert.

Von nun an bis zu seinem Tode regiert Otto die deutschen Lande von Italien aus. Zunächst wird in einem massiven Eingriff in die Reichskirche gegen den Willen der dortigen Domherren der Merseburger Bischof Giselher zum Erzbischof von Magdeburg ernannt und sein Bistum zum Teil quasi in das Magdeburger transferiert und, wie nicht nur Thietmar von Merseburg das sah, zerstört. Offenbar sollte Magdeburg dadurch materiell weiter aufgewertet werden. Die Konflikte darum werden bis zur Wiederaufrichtung des Merseburger Bistums anhalten.

 

Bevor der König und Kaiser sich weiter um die deutschen Lande und die Entwicklung im Osten kümmern kann, sieht er sich durch den massiven Einfall der sizilischen Sarazenen auf das unteritalienische Festland zum Eingreifen veranlasst. Inzwischen war die Präsenz von Byzanz durch bürgerkriegsartige Konflikte um das Kaisertum und Angriffe der Bulgaren geschwächt und der mächtige Pandulf Eisenkopf von Capua, Benevent und Spoleto war gestorben. Otto fordert nun ein gewaltiges Heer von vorwiegend bischöflichen Panzerreitern aus dem (deutschen) Reich an. Aber nach der Einnahme von Salerno und Tarent, wo Otto den Titel eines Romanorum Imperator augustus in Konkurrenz zu Byzanz annimmt, kommt es 982 im Süden Apuliens zu einer verheerenden Niederlage, bei der ein Großteil des Heeres umkommt. Otto kann mit knapper Not fliehen und zieht sich nach Rom zurück. Die ganze abenteuerliche Geschichte findet sich ausführlich bei Thietmar von Merseburg (III,21f)

Allerdings stirbt bei der Schlacht auch der sizilische Emir und sein Heer zieht nach Süden ab.

 

Inzwischen kann sich der Kaiser den deutschen Problemen nicht mehr entziehen: Der von ihm eingesetzte Herzog von Schwaben und Bayern war gestorben. Auf einem Hoftag in Verona Pfingsten 983 wird Schwaben an Konrad (einen Konradiner) vergeben und Bayern an jenen Heinrich, den Otto früher zum Herzog von Kärnten gemacht hatte. Dieser Heinrich hatte einst am Aufstand Heinrichs „des Zänkers“ teilgenommen: War der Stand Ottos in deutschen Landen damit eher schwach geworden? Dagegen spricht, dass der zweite Otto seinen dreijährigen Sohn in Verona zum Mitkönig erklären lassen kann und nach Aachen schickt, um dort von den Erzbischöfen von Ravenna und Mainz königlich geweiht zu werden.

 

Dann finden wir nach dem Tod Benedikts VII. Otto wieder in Rom, wo er den neuen Papst Johannes XIV. einsetzt. Im selben Jahr erheben sich die Westslawen gemeinsam. Sie zerstören Hamburg, erobern Havelberg und die Brandenburg und kommen in etwa an der Elbe zu stehen, bis wohin sie die deutsche Expansion für mehr als hundert Jahre zurückdrängen. Als Ursache für diesen Aufstand wird gelegentlich die besondere Grausamkeit einiger deutscher Markgrafen angesehen. Tatsächlich ist es wohl so, dass diese slawischen Völkerschaften weder deutsche Herren und deren Zivilisierungsbestrebungen in Untertänigkeit hinein noch den Verlust ihrer Kulte hinnehmen wollten, ähnlich wie unter dem großen Karl die Sachsen, von denen einige laut Thietmar von Merseburg sich über den slawischen Abfall vom Christentum lauthals freuen. Ähnlich geht es den Dänen, die nun versuchen, Christentum und deutschen Einfluss abzuwerfen.

 

Otto II. erkrankt derweil in Rom an der Malaria und stirbt mit 28 Jahren.

 

Während die Geschichtsschreibung gemeinhin den Blick zusammen mit Kaisern und Königen von oben nach unten und in die Ferne schweifen lässt, sich also mit der Macht identifiziert, sieht der von unten anders aus: Da wird in das zerstrittene westliche Frankenreich ohne langfristige Erfolge hineinregiert, eine erste Ostexpansion ist wohl auch an der dabei betriebenen Grausamkeit gescheitert, und der Aufwand an Mensch und Geld auf der italienischen Halbinsel führt zu bestenfalls kurzfristigen Erfolgen.

 

Die italienischen Besonderheiten, die stärkere Kontinuität seit der Antike, der byzantinische Einfluss, die größere Bedeutung der Städte und der spezielle Charakter Roms und seines Bischofs scheinen den Königen/Kaisern aus deutschen Landen fremd zu bleiben. Und die „Deutschen“ werden dem eigenartigen und nach Regionen verschiedenen Völkergemisch der Italiener zunehmend als Fremde bewusst. Versuche, dort Strukturen von nördlich der Alpen einzupflanzen, bleiben letztlich vergebens. Und wenn dann das Papsttum mit deutscher Unterstützung an Macht so gewinnt wie auch die Städte im Norden und der Mitte, wird sich erweisen, dass Italien nicht in ein gemeinsames Reich mit dem deutschen unter einem Kaiser zu integrieren ist, wie es vielleicht schon Otto II. vorhatte und Otto III. dann aktiv anstreben wird. Vielmehr sind die formell getrennten beiden Königreiche jeweils eine Belastung für den anderen.

 

Otto III.

 

Mit dem Tod der Person, die Heinrich den Zänker in die Haft beim Bischof von Utrecht geschickt hatte, verschwand der Haftgrund. Heinrich bemächtigt sich des kleinen Königs und sucht Unterstützung im Reich, um sich dort eine starke Position zu erarbeiten. Ein großer Teil des Episkopats beginnt ihn zu unterstützen, während der weltliche Zuspruch gering bleibt. Erzbischof Willigis organisiert den militärischen Widerstand besonders im fränkischen Raum. Als sich erweist, dass Heinrich sich nicht durchsetzen kann, bietet er an, das königliche Kind an seine Mutter zurückzugeben. Jetzt kehren die verwitweten Kaiserinnen Adelheid und Theophanu nach Deutschland zurück.

 

Lothringische Große hatten dafür plädiert, das Kind unter die Vormundschaft des westfränkischen Königs Lothar zu stellen. Heinrich schlägt ihm nun vor, sein Königtum anzuerkennen gegen das Abtreten Lothringens an das Westreich. Als Lothar in Lothringen einfällt, wird ein Kompromiss gefunden: Heinrich unterwirft sich dem kindlichen König und erhält dafür Bayern zurück, der nach Bayern transferierte Kärntner Herzog wird in sein altes Herzogtum zurückgeschickt. Die Regentschaft im Reich führt bis zu ihrem Tode Theophanu und danach Großmutter Adelheid. Beteiligt scheinen auch der Erzbischof von Mainz, Willigis, und der Bischof von Worms. Der wohl hervorragende Lehrer des Knaben wird der spätere Bischof Bernward von Hildesheim. Dazu setzt die griechische Mutter „als Vermittler des Griechischen“ (Fleckenstein in Bernward, S.53) Johannes Philagathos ein. Otto erhält also eine bis dato nie dagewesene königliche Bildung, die ihn wohl für die Zukunft prägen wird, obwohl wir davon wenig wissen.

 

Theophanu setzt Ekkehard als Markgrafen von Meißen ein mit dem Auftrag, dieses zu erobern. Es kommt zu jährlichen Kriegszügen, verheerenden „Rachefeldzügen“ (Althoff) nach Osten gegen Elbslawen und Böhmen, wo sich auch erneut Widerstand gegen das Christentum und die mit ihm verbundenen weltlichen Strukturen erhob. Miseko/Mieszko stellt sich auf die Seite des Reiches, insbesondere als es zwischen Polen und Böhmen zum Kampf um Schlesien kommt.

 

Die elfjährige Regentschaft von 983 bis 994 erst von der Großmutter und dann der Mutter belegt, dass ein ostfränkisch-deutsches Königtum inzwischen auch bei Minderjährigkeit des Königs gesichert ist.

Das westliche Frankenreich ist einmal über Lothringen eng mit dem Ostreich verzahnt, was zu erneuten militärischen Konflikten führt, zum anderen über die Verwandtschaftsbeziehungen. Kaiserin Adelheid ist als Mutter Hemmas Großmutter des letzten westfränkischen Karolingerkönig Ludwig. 986 stirbt König Lothar vom Westreich und ein Jahr später sein Sohn Ludwig V. bei einem Jagdunfall. Gegen den direkten Verwandten Karl von Lothringen vereinen sich nun Erzbischof Adalbero von Reims und Theophanu und setzen Hugo Capet als Nachfolger durch, der dafür auf Lothringen verzichtet.

 

Hugo lässt schnellstmöglich seinen Sohn Robert zum Mitkönig weihen, aber Karl erobert Laon und Soissons und erhält dabei mächtige Verbündete. Mit Hilfe von Bischof Adalbero von Laon gelingt es König Hugo, Karls habhaft zu werden, den er nun bis zu dessen Tod gefangen hält.

 

Mit dem Herrschaftsbeginn der Kapetinger im Westen wird nun die Trennung der beiden Nachfolgereiche des Reiches Karls d.Gr. fixiert. Beide Reiche sind von ihrem Machtzentrum her romanisch/französisch und germanisch/deutsch dominiert, ohne allerdings ethnisch/sprachliche Einheitlichkeit aufzuweisen oder anzustreben.

 

Nach dem Tod Theophanus 991 übernimmt die alte Kaiserin Adelheid die Reichsgeschäfte. Es kommt zu einem Stellvertreterkampf um die Macht im Westreich, der um das Erzbistum Reims ausgetragen wird. Hugo Capet hatte dort Arnulf eingesetzt, der sich aber bald als Parteigänger Karls von Lothringen entpuppte. Um ihn abzusetzen, beruft er eine allgemeine französische Synode ein, die ohne den Papst zu fragen, Arnulf absetzt, worauf Gerbert von Aurillac zum Nachfolger gewählt werden kann. Auf der Synode wendet sich der Bischof von Orléans gegen das Papsttum. „Die Rede gehört zu den schärfsten Angriffen, die im Mittelalter gegen das Papsttum gerichtet worden sind. Dieses Papsttum, einst eine Zierde der Kirche, war danach völlig verkommen in Unwissenheit, Verbrechen und Schande; wie sollten würdige Bischöfe sich ihm beugen.“(Holtzmann, S.317)

 

Wenn dann Erzbischof Willigis versucht, im westfränkischen (Kaiser)Reichsinteresse die Position des kaisertreuen Papstes durch Synoden zu stärken, verweigern sich die französischen Bischöfe bis 996 mit der Begründung eines Widerstandsrechtes gegen päpstliche Positionen, die herkömmlichem Recht widersprechen. Der ostfränkisch-deutsche und kaiserliche Einfluss auf das Westreich nimmt mit Hugo Capet deutlich ab.

 

Derweil kommt es zu neuen Raubzügen der Nordmänner, von denen auch die Verwandtschaft Thietmars von Merseburg betroffen wird, und zu erheblichen Aufständen der Elbslawen. Nur eine Nordmark, eine Ostmark und die Mark Meißen bleiben unter Kontrolle des Reiches. Mit 15 wird Otto III. volljährig und weist Adelheid vom Hof, die sich in ihre Klostergründung Selz im Nordelsass zurückzieht. Der sehr junge König hatte bereits an Feldzügen gegen die Slawen teilgenommen und möchte nun alleine herrschen.

 

***

 

Nach der Volljährigkeit Ottos III. bleiben Konfliktthemen mit Westfranzien offen, ebenso wie der Status der Slawen östlich der Elbe, wobei es dort gegenseitig immer wieder zu grausamen Überfällen kommt. Aber den jungen König, getrieben von dem Wunsch, gestützt auf die Kirche die königliche und kaiserliche Machtfülle stärker zu verschmelzen und auszubauen, treibt es ganz schnell nach Italien.

 

Zur Vorgeschichte: Unter der Regentschaft der Kaiserinnen stürzte Bonifaz VII. 984 Johannes XIV. und ließ ihn in der Engelsburg verhungern. Er selbst wird von der Crescentierpartei erschlagen, als er zu sehr auf Byzanz setzt. Der von ihr eingesetzte Patricius Johannes macht den Priester und Sohn eines Priesters zu Johannes XV. 989 reist Theophanu nach Rom in kaiserlicher Rolle, aber nach ihrer Abreise reißt ein Crescentius, Bruder des verstorbenen Johannes, die Macht an sich als „Herzog und Senator aller Römer“.

 

Der jugendliche König nimmt einen Hilferuf des von der stadtrömischen Partei der Crescentier bedrängten Papstes Johannes XV. zum Anlass, schon im Winter 995/96 mit einem Heer gen Süden zu ziehen.

 

In Pavia lässt er sich noch einmal zum König wählen. Dort erreicht ihn eine römische Gesandtschaft mit der Bitte, nach dem Tod von Johannes einen neuen Papst zu bestimmen. Er setzt nun seinen Verwandten und Hofkapellan Brun als Gregor V. ohne Rücksicht auf ein römisches Wahlrecht ein. Der neue Papst krönt ihn denn auch umgehend zum Kaiser. Kaum ist der dann nach Norden abgezogen, muss Papst Gregor aus Rom fliehen.

 

Die wenigen Monate im deutschen Königreich verwendet Otto unter anderem darauf, ähnlich wie Rom auch Halberstadt einen Bischof unter Umgehung allen „Wahlrechtes“ dort aufzudrängen. Er ist auch der erste König, dem es gelingt, alemannische und bayrische Bistümer mit Leuten aus seiner Hofkapelle zu besetzen, so wie er auch Mitglieder bayrischer und alemannischer Domkapitel in die Hofkapelle aufnimmt. Zudem hält er sich nun eher in Bischofsstädten als in Königspfalzen auf. Indem er Grafschaftsrechte an Bischöfe vergibt, macht er aus ihrer Stadtherrschaft eine, die auf das Umland ausgreift (Keller, S.57f).

 

Laut seinem ersten Biographen hält sich der aus Böhmen vertriebene asketisch fromme Prager Bischof Adalbert mehrmals ausführlich bei Otto auf und beeindruckt ihn. Es ist schwierig zu verstehen, wieviel von den Aktivitäten demonstrativ-intensiver Frömmigkeit, die von nun an auch sein Leben auszeichnen, „politischem“ Kalkül geschuldet sind, machtpolitischen Erwägungen oder persönlicher Religiosität. Aber es scheint auch so zu sein, als ob nach und nach ein stärkerer, antik beeinflusster Rationalismus und ein ins Gemüt eindringender Mystizismus sich in einer Person niederlassen, ohne sich gegenseitig allzu sehr ins Gehege zu kommen. Grausamkeit und Pietas in demselben Menschen, wie sich bald zeigen wird.

 

Zunächst einmal wird für Otto ein wichtiger Heiliger entstehen: Adalbert, der nicht mehr nach Prag zurück kann, macht sich an die Preußenmission und wird von ihnen umgebracht. Der Pole Boleslaw Chabry nutzt die Gelegenheit, besorgt sich die Überreste und lässt den frischgebackenen Heiligen in Gnesen beisetzen. Den Gegenpol stellt Gerbert von Aurillac dar, der, vom Reimser Bischofstuhl vertrieben, von Otto eingeladen wird, ihn mit seiner Gelehrsamkeit zu begleiten.

 

Für seine Zeit in Italien setzt Otto seine Tante, die Äbtissin Mathilde von Quedlinburg als eine Art Reichsverwalterin ein. Es ist auffallend, eine wie starke öffentliche Rolle hochadelige Frauen noch in dieser Zeit einnehmen können, und nicht nur Adelheid und Theophanu und ihre Töchter.

 

Zwischen 997 und 1002 ist der Kaiser dann kaum noch in deutschen Landen anzutreffen, sondern weitgehend in Italien, wo er zunächst in Rom „seinen“ Papst wieder einsetzt und sowohl Crescentius wie dessen Gegenpapst Johannes Philagathos auf das Grausamste behandelt. Letzterer wird an Zunge und Nase verstümmelt, ersterer nach der Tötung mit 12 seiner Getreuen auf dem Maonte Mario zur Schau aufgehängt.

 

Dass ein „deutscher“ König als „römischer Kaiser“ im wesentlichen seine Herrschaft von Italien aus Hand in Hand mit dem Papst ausübt, ist ein erstaunliches und einzigartig bleibendes Novum. Zusammen beschließen beide von Rom aus über die Ehe des westfränkischen Königs Robert, entscheiden die Wiederentstehung des Bistums Merseburg. Otto setzt seinen Vertrauten Gerbert von Aurillac als Nachfolger des verstorbenen Gregor V. ein. Mit seiner Unterstützung wird Markgraf Arduin von Ivrea für die Tötung des Bischofs von Vercelli verurteilt und Ottos Vertrauter und Bewunderer Leo wird dort eingesetzt. Für Polen wird eine eigene Kirchenprovinz beschlossen.

 

Otto III. war von einem deutschen und einem italienischen Erzbischof zum König geweiht worden, von Deutschen und Italienern zusammen zur kaiserlichen Würde gebracht. Er hat „die Scheidung zwischen dem deutschen und dem italienischen Reichsteil nicht mehr respektiert, sondern eine Politik verfolgt, die auf eine Verschmelzung der beiden regna im imperium hinauslief.“ (Keller, S.74) Er machte dabei Deutsche aus der königlichen Hofkapelle zu italienischen Bischöfen, setzte weltlichen Hochadel in Italien ein.

 

Majestät ist grundsätzlich ein Konzept von Macht, welches vielen frühen Zivilisationen zu eigen ist. Mit der Christianisierung des römischen Reiches wird es auf den christlichen Gott übertragen, dann auch auf Christus und Maria. Schließlich verbinden sich religiöse und weltliche Vorstellung miteinander. Der thronende Kaiser Otto III. auf seinem dritten kaiserlichen Siegel ist der Endpunkt einer Darstellung von maiestas, Herrschaftsinsignien hoch erhoben in den Händen (Erdkugel mit Kreuz und frühe Form eines Szepters).

 

Hier thront Jesus als Christus in seiner vollen Majestät über der Familie Ottos III.

Majestät kann viel starrer und herrischer dargestellt werden, aber hier handelt es sich um ein geradezu intimes fast Familien-Bild. Christus thront zwar über den gekrönten Häuptern, die sich ihm unterordnen,die  dabei aber nicht kleiner zu sehen sind als der Himmelskönig. Gott ist hier menschlich wie sie selbst, man kann seinen Fuß berühren, was nebenbei viele Konnotationen enthält, nicht zuletzt die, dass eine solche Intimität gewöhnlichen Menschen nicht möglich ist.

Die Sphären himmlischer und irdischer Macht sind für den Kaiser derart nahe gerückt, dass er geradezu sakrosankt wird. Himmel und Erde sind durch nichts mehr getrennt. Kirchenfürsten und hoher weltlicher Adel werden solche Darstellungen auch für sich in Anspruch nehmen, Majestät und Machtausübung gehören beim Bündnis von himmlischen und irdischen Mächten zusammen.

 

In diesem Bild aus einem Hildesheimer Evangeliar von 1011 thront Christus in der Mandorla  zwar fast leutselig mit der Rechten segnend und mit der Linken auf das Buch seiner göttlichen Worte gestützt, aber in seiner göttlichen Majestät als Herrscher, fern und nah zugleich. Niemand darf vergessen, dass er wie der weltliche Herrscher auch ein strenger Richter ist, der alle, die nicht auf ihn hören, in ewigen Schrecken versetzen wird.

Seit dem 10. Jahrhundert gibt es auch Darstellungen einer thronenden Maria, wohl von Südfrankreich ausgehend. Als herrschaftliche Muttergestalt hat sie ihren Sohn auf ihrem Schoß, der genauso frontal dasitzt wie sie. Früher als der dreigestaltige Gott wird sie aus der Majestät ein Stück weit entlassen werden. Das Kleinkind wird dann zunehmend so sitzen, dass es in Kontakt mit der Mutter tritt, diese gar berühren darf, um im späten Mittelalter dann sogar an ihrer Brust saugend zu erscheinen. Ein Bild großer Intimität dann, in dem eine immer anmutigere und weiblich attraktivere Maria immer mehr nicht nur religiöse Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann. Inzwischen hat dann aber auch Christus viel Majestät verloren und wird zum Beispiel als Schmerzensmann ganz leidender Mensch. Das ist aber Jahrhunderte später, als die frühmittelalterliche Einheit von weltlicher und geistlicher Sphäre längst zerbrochen ist.

 

Der Kaiser lässt sich auf dem Aventin einen Palast bauen. Statt Siegeln benutzt Otto nun wie die Päpste und die byzantinischen Kaiser Metallbullen für seine Urkunden. Auf der Reichenau fertigt man für ihn ein Evangeliar, in dem auf Abbildungen dem von Geistlichen und Kriegern umgeben thronenden Kaiser die personifizierten Roma, Gallia, Germania und Sclavinia huldigen. Die deutschen Lande sind nur noch eine von vier Provinzen und nicht die erste. Auf der rechten Seite, gegenüber, das Bild vom thronenden Kaiser.

 

Der fehlende deutsche Reichsgedanke scheint für kurze Zeit durch den eines beide Reiche umfassenden Imperiums ersetzt zu sein. Sein Nachfolger wird das deutlich zurücknehmen.

 

Die Person des Königs und Kaisers bleibt im Dunkel einer weiterhin schmalen und dünnen Quellenlage, in der eine ganze Anzahl von Texten ausführlich von erstaunlichen Akten kaiserlicher Frömmigkeit berichten. Da ist eine Wallfahrt nach Monte Cassino und ein Besuch beim Eremiten Nilus. Laut der Lebensbeschreibung des Hl.Romuald unternimmt er eine barfüßige Bußwallfahrt für die brutale Behandlung seiner Gegner in Rom, die ihn zum nordapulischen Heiligtum des Monte Gargano und zum hl. Nilus führt. Laut der Lebensbeschreibung des Bischofs Burchard von Worms fastet und betet er zusammen mit dem Wormser Bischof Franco zwei Wochen lang barfuß und im Büßergewand in einer Höhle bei Rom.

Später soll er sich bei den Eremiten um den hl.Romuald an der Pomündung unter Fasten und Kasteiungen aufgehalten haben.

 

Eine eher heute undurchsichtige, aber in Italien wohlvorbereitete Reise führt ihn nach Gnesen. Thietmar berichtet: Als er die lang ersehnte Burg sah, näherte er sich demütigund barfuß, wurde vom Bischof Unger ehrfurchtsvoll empfangen und in die Kirche geleitet; hier bat er unter Tränen den Märtyrer Christi um seine Fürbitte zur Erlangung der Gnade Christi (Chronicon, IV,45)

Althoff urteilt: "Die von Gnesen gesetzten Zeichen scheinen in scharfem Kontrast mit der herrscherlichen Prachtentfaltung zu stehen, durch die Ottos Zug nach Gnesen ansonsten gekennzeichnet war, und die auch durch den Empfang, den ihm der Polenherzog Boleslaw bereitet hatte, aufs Deutlichste unterstrichen wurden. (Althoff(3), S.112)

 

Inwieweit all das „politische“ Inszenierungen sind, teilweise phantasievolle Legenden oder Ausdruck persönlicher Frömmigkeit, oder aber von allem etwas, lässt sich kaum noch erkennen. Handfestes Ergebnis der Gnesen-Reise ist immerhin die Einrichtung eines Erzbistums dort (mit Kolberg, Krakau und Breslau) und die Aufwertung des Status des Polenherzogs in Richtung Königtum.

 

Etwa in dieser Zeit (1001) erhält Ungarn mit Gran ein eigenes Erzbistum und dann mit der von Otto übersandten Krone in Herzog Weik, der sich als Christ Stephan nennt, das Königtum. Offenbar waren für den imperialen Kaiser Polen, Böhmen und Ungarn als eine Art Unterkönigtümer gedacht. Solche hochfahrenden Pläne werden sich auf Dauer nicht durchsetzen lassen.

 

 

Die einzige bedeutsame überlieferte Handlung in deutschen Landen ist die Suche nach dem Karlsgrab in Aachen samt dessen Öffnung, die vielleicht der Entwicklung eines Karlskultes dient, in dem der brachiale Kriegsherr und Machthaber langsam in eine Art Stand der Heiligkeit versetzt werden wird.

 

Auf der Reise nach Gnesen nennt der Kaiser sich bereits servus Jesu Christi und später dann Otto tercius Romanus Saxonicus et Italicus, apostolorum servus, dono dei Romani orbis, imperator augustus. Die Verlagerung des kaiserlichen Machtzentrums nach Italien ist unübersehbar und es gibt Äußerungen des Unwillens darüber in deutschen Landen. Bischof Brun von Querfurt wird am deutlichsten:

 

Der gute Kaiser befand sich nicht auf dem rechten Weg, als er die gewaltigen Mauern der übergroßen Roma zu stürzen gedachte; denn wenn auch deren Bürger seine Wohltaten nur mit Bösem vergolten hatten, so war doch Roma der von Gott den Aposteln gegebene Sitz. Und selbst da brach die Liebe zu seinem Geburtslande, dem Sehnsucht weckenden Deutschland, nicht in ihm durch; das Land des Romulus, vom Blute seiner lieben Getreuen durchtränkt, gefiel in seiner buhlerischen Schönheit dem Kaiser immer noch mehr. Wie ein alter Heidenkönig, der sich in seinem Eigenwillen verkrampft, mühte er sich zwecklos ab, den erstorbenen Greis des altersmorschen Roms zu erneuern. (So bei Althoff, S.200)

 

Zur Erklärung mag der Eindruck beitragen, dass die Versuche von Karl (d.Gr.) und Otto (d.Gr.), sich bei Gelegenheit volkstümlich zu geben, einer Vorstellung von Gottesgnadentum gewichen sind, aus dem ein neues Herrscherbild spricht, welches auch die frommen Geschichten um ihn erklären würde. Aufgewachsen als Königskinder, erzogen von adeliger Geistlichkeit und einem Weltadel, der sich immer mehr abschließt, scheint sich auch Herrschaft in ihren Personen immer mehr abzuschließen von übriger alltäglicher Wirklichkeit, fast wie wir es von hoher Politik heute kennen. Herrschaft, wie sie nun etabliert ist, scheint sich stärker aus sich selbst heraus zu definieren, wird weniger empfangen als vorgefunden.

 

Eine sich an den Mächtigen orientierende Geschichtsschreibung kann in dem in deutschen Landen wurzelnden Kaisertum und den stets mit erneuten Eroberungsversuchen verbundenen Italienzügen die Idee sehen, dadurch das ostfränkische Reich zu einen, und sei es in den marschierenden und vor allem berittenen militärischen Formationen und einem einigenden Ziel. Von heute aus und jeder Machtausübung kritisch gegenüberstehend lässt sich feststellen, dass das Ergebnis am Ende der Verlust deutschen Sprachraums im südlichen Alpenraum war und zuvor tausend Jahre Opferung unzählbar vieler Menschen.

 

Bruns Text scheint in sich widersprüchlich: Rom ist nicht dauerhaft einzunehmen, aber es ist zugleich altersmorsch. Das von Otto geliebte Rom ist der apostolische Sitz, aber der Kaiser ist wie ein alter Heidenkönig. Das aber, weil er in seiner Eigenwilligkeit dem Kaisertum etwas abgewinnt, was vergeblich ist: Die Verbindung einer geistlichen und weltlichen Rolle für Rom. Indirekt sagt Brun offenbar, dass diese Widersprüche in den Handlungen des Kaisers enthalten sind.

 

Da ist etwas dran, wenn Ottos Devise Renovatio imperii Romanorum mehr als nur ein Propaganda-Gag war: Das bezieht sich für die immer wieder rebellischen Römer auf die Anerkennung ihres patriotischen Stolzes, aber vermutlich auch auf das Reich Karls d.Gr. und die Idee einer durch das Bündnis mit handverlesenen Päpsten gerechtfertigten Machtausübung mit harter Hand.

 

***

 

In den letzten Jahren Ottos III. bis 1002 erweist sich die Unmöglichkeit, die deutschen Lande und Italien gleichzeitig zu regieren. Als der Kaiser nach Italien zurückkehrt, sind von Neapel über Amalfi und Salerno bis Capua und Benevent alle Gebiete von kaiserlicher Hoheit befreit und es wird Otto nicht mehr gelingen, sie erneut zu unterjochen. Er bescheidet sich nun damit, seine Hoheit über den Kirchenstaat klar zu definieren, die den Papst zu seinem Untergebenen macht.

 

Dem römischen Adel ist die kaiserliche Herrschaft zu drückend und ein neuer Aufstand bricht aus. In der Formulierung des Biographen von Bischof Bernward von Hildesheim hält ihnen Otto eine Rede mit folgender Passage:

Seid ihr nicht meine Römer? Euretwegen habe ich mein Vaterland und meine Nächsten verlassen. Aus Liebe zu euch habe ich meine Sachsen und alle Deutschen , mein Blut, hintangesetzt, euch habe ich in die entlegenen Teile unseres Kaiserreiches geführt, wohin eure Väter, als sie den Erdkreis in Unterwerfung hielten, niemals den Fuß gesetzt haben, und das, um euren Namen und Ruhm bis an die Grenzen der Welt zu verbreiten. Euch habe ich als Söhne angenommen, euch allen vorgezogen. (so in Holtzmann, S.373)

 

Wenn er das tatsächlich in etwa so gesagt haben sollte, ist das einmal übelste Propaganda, um Rom halten zu können, aber die tatsächliche neue Reichsidee eines römisch-sächsisch-fränkischen Reiches über Italien, deutsche Lande, Polen und Ungarn und darüber hinaus ist wohl ernstgemeint. Die römischen Großen jedoch und nicht nur sie hatten wenig Interesse an einer starken Faust, die sie niederhalten, zu Abgaben und Heeresdienst zwingen wollte. Der Kaiser muss kurz darauf Rom verlassen und wird es nie mehr wiedersehen.

 

Ein Kriegszug nach Süden führt zu Verheerung und Verwüstung ohne bleibenden Erfolg. Derweil entfaltete sich in seiner Abwesenheit und durch sie angefacht der Gandersheimer Streit in seiner sächsischen Heimat. Von Rechts wegen dürfte das längst wohlhabend gewordene Gandersheimer Nonnenkloster zu Mainz gehören, auf annektiertem Mainzer Gebiet erbaut, aber in der Praxis hatten die Bischöfe von Hildesheim die Hand drauf gehalten und die Einnahmen kassiert. Bei der Weihe der neuen Kirche kam es 1000 zum Eklat, als Bernward von Hildesheim und Willigis von Mainz darum stritten, wer die Weihe vornehmen dürfe. Bernward macht sich darauf nach Rom auf, um bei seinem Freund und Schüler Otto für seine vermeintlichen Rechte zu streiten. Der Kaiser empfängt ihn überall freundlich und stellte ihm unmittelbar neben seinen eigenen Gemächern eine großartige Wohnung zur Verfügung. Dann saßen sie beieinander, bald im Gemach des Kaisern, bald in dem des Bischofs und sprachen über gerichtliche Streitfälle und über die Angelegenheiten der res publica. (Thangmars Vita Bernwardi, cap.3, in Althoff(2), S.110)

Derweil bekommt Willigis auf einer Synode, ohne Kaiser und Papst zu fragen, sein Recht bestätigt. Eine italienische Synode stellt sich auf die Seite Bernwards, und darauf soll in Pöhlde auf einer deutschen Synode dieser Beschluss umgesetzt werden.

 

„Dem päpstlichen Legaten, der von Willigis eine förmliche Genugtuung verlangte, begegnete der Erzbischof mit Trotz und Verachtung, er verweigerte ihm den Vorsitz und ließ schließlich eine Menge Laien, lärmendes Volk, in die Kirche dringen, worauf alles in einem wilden Getümmel unterging. In der Frühe des folgenden Tages ritt Willigis heimlich davon, um jede weitere Verhandlung unmöglich zu machen.“ (Holtzmann, S.371)

 

Dies allerdings nach der Darstellung der Hildesheimer Seite. Ende 1001 fand in Todi (Umbrien) eine neue Synode zum Thema statt, die allerdings an widrigen Umständen scheitert. Kurz darauf erkrankt der junge Kaiser mit 21 Jahren und stirbt überraschend im Januar 1002 auf Paterno bei Rom. Ich schließe mich Holtzmanns Urteil an: „Hätte der Kaiser länger gelebt, sein Reich wäre auseinandergebrochen, er hätte die Deutschen verloren, ohne die Italiener zu gewinnen.“ (S.382)

Nur zwei Wochen nach dem Tod Ottos lässt sich Arduin zum König von Italien krönen. Nur einige geistliche Herren wie der Bischof von Mailand und zudem der Herr von Canossa halten dem nächsten Ottonen die Treue.

 

Ottos Leiche kann nicht wie die seines Vorgängers in Rom begraben werden, sondern wird unter Mühen und Gefahren nach Aachen überführt (Thietmar IV,50). Otto III. hatte keinen Nachfolger bestimmt und auch das ist ein Grund, sich nun um den toten Körper des Vorgängers zu scharen.

 

Dort, wo die Darstellung der Macht und insbesondere derer, die mit religiösem Prunk und Protz verbunden ist, zurücktreten, entfaltet sich ein ganz außergewöhnlicher Schönheitssinn im frühen Mittelalter. Diese Fibel von der Jahrtausendwende hat die Aufgabe, das Gewand zusammenzuhalten und zugleich den ästhetischen Sinn des (reichen und mächtigen) Trägers zu demonstrieren. Der Adler als Herrschaftssymbol, als gewalttätiger Raubvogel, ist in ein aufrecht stolzes Tier verwandelt, dessen Brutalität nur noch im abgewendeten Schnabel angedeutet ist. Ganz weltlicher Schmuck ungenierter Diesseitigkeit ist nicht nur Symbol für Macht, sondern Verstärker der Macht ästhetisch-erotischer Ausstrahlung, vor allem bei Frauen. Diese hat noch nicht die Möglichkeit der zunehmenden Entblößung, wie seit dem hohen Mittelalter, und des neuen Kleiderschnittes mit seinem Abzeichnen des Körpers, aber eben schon seit Jahrtausenden die des Schmuckes.

Dem Volksmund gilt das Mittelalter als dunkel, wahrhaft dunkel wurde aber erst die Neuzeit zwischen systematischer Hexenverbrennung und den Schrecken der französischen Revolution, des Bolschewismus und des Nationalsozialismus.

 

Heinrich II.

 

Mit seiner langen Zeit in Italien und seinem plötzlichen frühen Tod hinterlässt Otto III. ein Machtvakuum in den deutschen Landen, in das hinein Heinrich von Bayern, Hermann von Schwaben und Markgraf Ekkehard von Meißen ihre Thronansprüche anmelden. Alle drei werben bei Kirche und weltlichen Großen um Unterstützung. Heinrich empfängt den kaiserlichen Leichenzug schon in Polling und laut Thietmar von Merseburg unter großen Versprechungen (multis promissionibus) ersuchte er einzeln, ihn zu ihrem Herrn und König zu wählen (Chronicon IV,50), Versprechungen, die er wohl nicht einhalten kann und wird.

Ekkehard wird von seinem sächsischen Gegner Markgraf Liuthar in Versammlungen sächsischer Großer ausmanövriert und wird schließlich von sächsischen Adeligen getötet, Hermann und Heinrich kämpfen militärisch und propagandistisch gegeneinander. Dass der Bayernherzog als Gewinner dann laut Thietmar von Merseburg mit dem „Erbrecht“ operiert, da er die bayrische Linie des sächsischen Königshauses (der „Ottonen“) vertritt, soll wohl deutlich machen, dass die Zustimmung der Großen des Reiches zwar wichtig, aber zweitrangig sei.

 

Tatsächlich gab es in irgendeinem neuzeitlichen Sinne kein Wahlrecht und kein Erbrecht, aber es gab die Möglichkeit, den Nachfolger aus einer Position der Stärke heraus zu designieren oder aber gleich zum Mitkönig/Mitkaiser machen zu lassen. Im Kern kam es darauf an, die militärisch stärkste und darum wirtschaftlich stärkste Unterstützung auf seine Seite zu ziehen und zu halten und auf der Höhe der Propaganda zu bleiben.

 

Als sich die geistlichen und weltlichen Unterstützer Heinrichs aus Bayern, Franken und Oberlothringen schließlich in Mainz treffen, endet das in der Krönung durch Erzbischof Willigis. Sachsen, Thüringer, Niederlothringer und Schwaben als Unterstützer Hermanns bleiben fern. Heinrich „verwüstet“ darauf Schwaben und lässt sich schließlich von Thüringern und Sachsen huldigen, von letzteren in Merseburg, nachdem er ihnen ausdrücklich ihr hergebrachtes Recht bestätigt hat.

 

Bei Thietmar von Merseburg ist das so überliefert: „Am folgenden Tag, dem 15. Juli, machte Herzog Bernhard mit Zustimmung aller in Anwesenheit des Königs den Willen des versammelten Volkes (voluntas plebis convenientis) bekannt, eröffnete die Erfordernisse aller und das besondere Recht (lex), und fragte eindringlich, was er durch sein Wort ihnen in seiner Gnade (misericordia) versprechen oder gleich gewähren wolle.“ Als er alles verspricht, jubelt ihm die Menge (plebs) zu (V,16 )

 

Dabei kommt es zu einem schweren Zwischenfall. Auch Boleslaw von Polen hatte in Merseburg dem neuen König gehuldigt, um den Preis allerdings, dafür mit dem Land der Milzen und der Lausitz, dem östlichen Teil der Mark Meißen, belehnt zu werden, was sächsische Bewaffnete aus seiner Gegnerschaft so empört, dass sie Boleslaw um ein Haar erschlagen hätten, der Anfang einer fast lebenslangen Feindschaft, während andere Sachsenmit ihm freundschaftlich und verwandtschaftlich verbunden bleiben.

Mit welchen Machtmitteln Heinrich dann schließlich Hermann von Schwaben dazu bewegt, sich ihm zu unterwerfen, ist nicht überliefert. Aber schließlich heißt es in der Vita Heinrichs II. von Adalbold von Utrecht: Mit nackten Füßen und mit vertrauenswürdigen Vermittlern erschien er vor dem König, bat um Vergebung für seine bösen Taten, bat um Gnade, um durch königliche Gabe seine Güter weiter zu besitzen, und beugte, um dies zu erreichen, die Knie bis zum Boden. (In: Althoff(3), S.73)

 

Heinrich hatte Kaiser Otto III. zweimal nach Italien begleitet und war wohl ein aufmerksamer Beobachter seiner Misserfolge gewesen. Vermutlich ist es kein Zufall, dass seine Herrscherdevise Renovatio regni Francorum in deutlichem Gegensatz zu der seines Vorgängers steht. Die ersten zehn Jahre seiner Herrschaft stehen jedenfalls die Bemühungen um eine Stärkung der Herrschermacht im nördlichen regnum im Vordergrund. Als erster tritt er seine Herrschaft mit einem „Umritt“ in allen Landesteilen, also auch in Süddeutschland an. Deutsche Angelegenheiten werden wieder ganz von deutschen Landen aus geregelt. Die gesteigerte Königsmacht äußert sich auch in Heinrichs Aufenthalten in Alemannien, wo er nicht nur nach Italien durchzieht, wie seine Vorgänger, sondern sich dort aufhält, um dort auch Hoftage abzuhalten.

 

In Sachsen kommt es zur Fehde zwischen Sohn und Bruder Ekkehards um das Erbe. Da Gunzelin ihn nicht unterstützt hatte und mit Boleslaw befreundet war, neigt Heinrich zu Hermann, den er entgegen dem Rat der Fürsten beim Bischof von Halberstadt in sichere Verwahrung gibt (Thietmar) und erst acht Jahre später wieder freilässt, während Hermann bald Markgraf wird. Deutlich wird, dass Heinrich immer wieder versucht, Ratschläge der Fürsten zu unterlaufen.

 

Zum Zweck des Machtausbaus im Innern werden Kirchen und Klöster gefördert und so in den Dienst des Königtums gestellt. Wichtige Bistümer werden auch gegen den erklärten Willen der Domherren besetzt. Die Kanzler Heinrichs werden alle nach und nach zu Bischöfen gemacht. Ihnen werden Klöster und Stifte unterstellt, um sie zu stärken. Dazu gehört die Gründung des Bistums Bamberg, was zu Konflikten mit Würzburg und Mainz führt, die sich beide geschädigt fühlen.

 

Dem immer massiver auftretenden Fehdewesen tritt der König regional entgegen, was sich in die Anfänge der Friedensbewegung einfügt, die langsam aufkommt. Als Manko stellt sich bald heraus, dass er mit Frau Kunigunde keine Kinder haben wird.

 

Im Süden scheitert ein Kriegszug Ottos von Kärnten gegen Arduin. Im Osten flieht der Böhmenherzog Boleslaw der Rote zum Markgrafen Heinrich von Schweinfurt und von dort nach Polen, während der Pole Wlodowei, mit Boleslaw Chabri verfeindet, von Heinrich Böhmen verliehen bekommt. Bald danach gelingt es Boleslaw Chabri, sich zum Böhmenherzog ausrufen zu lassen.

 

Heinrich von Schweinfurt hatte damit gerechnet, Bayern zu erhalten. Der König wird aber auch in der nächsten Zukunft die Aufgaben eines Herzogs selbst übernehmen oder aber Familienmitglieder auf den Posten setzen, zunächst 1004 seinen Schwager Heinrich von Luxemburg.

 

1003 kommt es zu kriegerischen Konflikten mit Polenkönig Boleslaw und seinen deutschen Verbündeten. Der polnische Herrscher kann aus dem von ihm usurpierten Böhmen vertrieben werden, ohne dass es aber zu einer dauerhaften Lösung kommt. Dabei nützt ihm ein Bündnis mit den nicht christianisierten Liutizen und Redariern, die sich ebenfalls von Polen/Böhmen bedroht fühlen. Die Kirche wird das ebenso kritisieren wie jene Sachsen, die diese Elbslawen als ihre natürliche Beute ansehen, ihnen andererseits aber auch bei Geldbedarf eigene christliche Hörige verkaufen, was 1006 verboten wird. Offenbar wurden solche Hintersassen auch an Juden verkauft, die sie an Slawen weiterverkauften.

 

Seine zeittypische "christliche Gesinnung" beweist der König einmal, indem er bei winterlicher Kälte Anfang 1004 barfuß die Reliquien des hl.Maruitius vom Kloster Berge in die Domkirche vom Magdeburg trägt, ein wohl eindrucksvolles Spektakel, und zum anderen mit der Durchsetzung von Bischöfen wie Tagino, einem Mitglied seiner Hofkapelle, auf dem Magdeburger Bischofsstuhl, was mit dessen Akzeptanz der vom König gewünschten Wiedererrichtung des Bistums Merseburg verbunden ist. Das von Kaiser Otto II. verliehene Recht der freien Bischofswahl wird unterlaufen, indem Heinrich seinen Kaplan nach Magdeburg schickt, damit er einen einstimmigen Beschluss der Brüder über die Wahl Taginos herbeiführe.  (Thietmar, Chronicon V,40), während "die Brüder" den Dompropst Walthard vorziehen, der vielleicht Merseburg nicht zustimmen würde. Als dann auch noch der Bischof von Halberstadt geschickt wird, zitiert Walthart laut Thietmar: Die Freiheit (libertas) des Volkes, das unter einem König steht, geht zugrunde vor der Freiheit des Herrschers; nur ihr Schatten bleibt übrig, will man all seinen Weisungen folgen. (Chronicon V,41)

Der König setzt sich durch mit geheimen Versprechungen an Walthart, die wohl beinhalten, dass er diesen als nächsten Erzbischof genauso durchsetzen würde.

 

1007 setzt er gegen den Willen des Bischofs von Würzburg, der einen Teil seines Gebietes verlieren würde, mit Mühe die Erhebung Bambergs zum Bistum durch (Thietmar VI,30ff). Heinrich hatte schon früher dafür die Erhebung Würzburgs zum Erzbistum versprochen, was sich aber gegen den Mainzer Erzbischof nicht durchsetzen lässt. Auf einer Synode in Frankfurt wirft sich Heinrich mehrmals vor den Bischöfen zu Boden, um ihre Zustimmung zu bekommen: Jedes Mal, wenn der König während der Verhandlungen einen ausweichenden Rechtsspruch kommen sah, ward er sich demütig zu Boden. (Thietmar, Chronicon VI,32).

Die Zustimmung gibt ihm dann Tagino am Ende als erster, was wenig verwunderlich ist, und ein zufriedener Willigis weiht den vom König designierten Kanzler Eberhard zum ersten Bischof dort. Würzburg erhält in der nächsten Zeit einige Landstriche als Ausgleich. Das Bistum Bamberg wird dann zur weiteren Christianisierung und Eindeutschung seines östlichen Hinterlandes dienen.

 

Schon am Beispiel Magdeburg wird deutlich, dass sich Widerstände gegen die königliche Verfügung über die Bistümer regen. Der zugunsten Taginos übergangene Walthart lässt sich nach dem Tode des Vorgängers nicht mehr übergehen. Erst nach dessen Tod setzt Heinrich wieder einen eigenen Kandidaten durch. Dennoch, die fast komplett hochadeligen Bischöfe, etwa ein Drittel war zuvor in der königlichen Kapelle gewesen und ein Fünftel war in irgendeiner Form mit dem Königshaus verwandt. Zudem stammten knapp drei Fünftel aller Bischöfe aus den Domkapiteln Sachsens und Frankens (Schubert in Bernward, S.95). Und unter den Orten, an denen sich Heinrich aufhält, sind knapp die Hälfte Bischofsstädte und ein Gutteil davon liegt in Sachsen.

 

Parallel dazu unterstützt der König die von Lothringen ausgehende Klosterreform-Bewegung, indem er deutsche Kloster wie Prüm, Corvey, Berge (bei Magdeburg) und Reichenau unter das regelrechtere Regiment von Reformäbten bringt, die die wirtschaftliche und „politische“ Effizienz der Klöster steigern. Dabei bedeutete strengere Regelbefolgung auch königliche Einziehung eines Teils des Weltlichkeit fördernden Klosterbesitzes. Ein guter Teil der aristokratischen Mönchen wehrt sich mit Händen und Füßen gegen diese strengere Regelmäßigkeit, aber ohne andere Lebensperspektive müssen sie alle nach einer Weile klein beigeben. Der Streit um Gandersheim wird erst einmal mit einem Kompromiss beigelegt.

 

Im Westen interveniert Heinrich in Flandern, dessen Herrscher Balduin auf Lothringen übergegriffen hatte. Abgelenkt wird Heinrich kurz vom Anerbieten König Rudolfs III., ihn zum Nachfolger einzusetzen. Dann wird trotz Unterstützung König Roberts von Frankreich das von Flandern besetzte Valenciennes nicht eingenommen. Das Ergebnis ist nach Unterwerfung die doppelte Vasallität des Flamen zum französischen und nun auch zum deutschen König, der Balduin die Mark Valenciennes als Lehen ausgibt. In Oberlothringen wiederum kommt es zum Krieg um die Besetzung des Trierer Bischofsstuhls, wobei Heinrich seinen Kandidaten gegen die Familie der Luxemburger erst nach Einnahme der Stadt durchsetzen kann. Der luxemburgische Herzog Heinrich von Bayern wird darauf abgesetzt. Bischof Dietrich von Metz unterwirft sich erst 1012. Wegen dieser kriegerischen Wirren kann sich der König nicht ganz auf die östliche und südliche Front konzentrieren.

 

Ein kurzer Italienzug gegen Arduin endet in Pavia mit einer Erhebung dortiger Bewohner (plebeios furore subitaneo inflammatos et servili presumptione animatos hanc comotionem primitus incepisse. ThietmarVI,7) , worauf der König mit wenigen Getreuen offenbar die Stadt in Flammen setzt, um aus ihr zu entkommen.Mit den städtischen "Plebejern" tritt hier, in Italien, ein neues Element in das imperiale Reichsgeschehen.

Damit ist der Besuch in Italien auch schon zu Ende und die deutsche Oberhoheit steht bis 1014 weiter nur auf dem Papier.

 

Bis dahin versucht der König in steten Kriegszügen vergebens, den polnischen Herrscher zu unterwerfen, wobei ihn des öfteren seine sächsischen Truppen im Stich lassen, was sich gelegentlich in offener Aufsässigkeit äußert. 1014 wird ein „Frieden“ geschlossen, weil der Pole mit dem Großfürsten von Kiew in Konflikt gerät. Boleslaw unterwirft sich der Form nach, behält aber alle seine Machtvollkommenheit westlich seines Kernreiches.

 

***

 

Das sogenannte Heinrichskreuz von vielleicht 1020 im Fritzlarer Domschatz zeigt, wie licht und farbenfroh das frühe Mittelalter sein konnte. 346 Edelsteine und Perlen um einen Bergkristall, in dem sich zwei Splitter des hl.Kreuzes befinden sollen. Kein Zeugnis von der Armut Jesu, sondern von der Freude an Pracht bei den Mächtigen.

Die Auffassung vom Schönen verbindet eine schöne Form mit Buntheit und dem Marktwert, der potentiell in einem Schatz enthalten ist. Gott wird gelobt, indem man ihm einen guten Teil seines Reichtums darbietet, und zugleich seine Macht demonstriert, die nicht nur als Waffengewalt immer wieder verdeutlicht werden muss, sondern auch in der Herstellung des Friedens durch Unterwerfung sichtbar gemacht werden soll. Frieden aber entsteht aus dem Bündnis des Herrschers mit einem Gott, der sowohl als Kriegsgott wie als Verkünder des Friedens dient.

 

1012 bittet Papst Gregor VI. aus der Familie der Creszentier, von Cluny unterstützt, den König um Hilfe gegen Benedikt VIII. aus der Familie der Tuskulaner, jenen Papst, der die Bistumsgründung von Bamberg unterstützt hatte. 1014 zieht Heinrich über Pavia und Ravenna nach Rom, wo ihn Benedikt samt Frau zum Kaiser krönt. Kurz darauf kommt es dort zu neuen Konflikten zwischen Tuskulanern und Creszentiern, deren Burgen auf dem Lande Heinrich nicht nehmen kann. Arduin wird allerdings besiegt und geht ins Kloster. Der König zieht nach den deutschen Landen ab. Thietmar von Merseburgs Kommentar:

 

...zu unserer Art stimmen Klima und Menschenschlag jenes Landes nicht. Viel Hinterlist herrscht leider im Römerland und in der Lombardei. Allen, die dorthin kommen, schlägt nur wenig Zuneigung entgegen. Jeder Bedarf der Gäste muss dort bezahlt werden, man wird dazu noch betrogen, und viele kommen dort durch Gift um. (in: Althoff, S.220f)

 

Heinrich der Luxemburger wird nach einer Verständigung wieder mit Bayern belehnt. Eine Intervention in Burgund bleibt ohne nachhaltigen Erfolg.

1014 kommt der Sohn Boleslaws, Mieszko, als Gesandter zum Böhmenherzog, er ihn wider alle Gepflogenheiten gefangen nimmt und seine Begleiter tötet. Der Kaiser zwingt ihn nun, den Gefangenen an ihn zu übergeben, und er benutzt ihn als Faustpfand, um Boleslaw zu zwingen, vor ihm wegen seiner Weigerung, am letzten Italienzug teilzunehmen, zu erscheinen. Laut Thietmar sind es auch gekaufte Leute unter den Sachsen, die Mieszko dann doch ohne Gegenleitung zu seinem Vater zurückführen. Geld siegte über guten Rat (Vicit pecunia consilium), schließt er. (Chronicon VII,12)

Es kommt zum Kriegszug gegen Polen, der 1015 losgeht und im Ergebnis bei mehrfacher Verweigerung sächsischer Krieger bis 1018 nichts ändert.

 

Während im Inneren des Reiches die Gewalt eher zunimmt, besonders von weltlichem Adel gegen Kirchen und Klöster, fallen die nichtchristlichen Slawen (insbesondere die Liutizen über ihre christlichen Kollegen (u.a.die Abodriten) her und verwüsten deren Land und Kirchen. Es dauert bis 1021, bis die Elbslawen sich wieder unterwerfen, ohne sich aber dann daran zu halten.

Derweil hatte eine Fehde im Münsterland zwischen dem Grafen Balderich und seiner Gemahlin Adela von Elten einerseits und dem billungischen Grafen Wichmann III. im Oktober 1016 in einem Friedensmahl (convivium) enden sollen, welches die beiden aber dazu benutzen, den Wichmann zu vergiften. Seine Verwandten, darunter der Bischof von Münster, belagern nun Balderich. Der Kaiser kommt hinzu, aber ergreift einseitig aus königlichen Interessen heraus Partei für Balderich. Empört wenden sich die Herzöge von Sachsen (Bernhard) und Niederlothringen (Gottfried) 1018 gegen dies Unrecht. Was Thietmar, inzwischen verstorben, nicht mehr berichten kann, ist, dass ein Aufstand Herzog Heinrichs 1020 nur mit Mühe abgewendet werden kann. Der Gerechtigkeitssinn der Fürsten und die königliche Arroganz sind wieder einmal aneinander geraten.

 

Gegen Burgund gibt es weitere Kriegszüge, insbesondere mit schwäbischem Militär. In Niederlothringen kommt es zu massiven fehdeartigen Kriegen und Räubereien (Balderich und Adela), die bis 1020 anhalten.

 

Andererseits belegt die Geschichte von Otto und Irmingard („von Hammerstein“) die barbarische Brutalität, mit der königliche und bischöfliche Macht sich durchzusetzen versuchten. Otto war Gegner Heinrichs II. und durch die Ehe mit Irmingard noch mächtiger geworden. Vermittels einer Synode unter Anwesenheit des Kaisers wird die Ehe wegen zu naher Verwandtschaft (was im Adel eher üblich war) für ungültig erklärt, was wiederum das sich liebende Paar nicht hinnehmen möchte. Das Paar versucht, den Mainzer Erzbischof Aribo in die Hand zu bekommen, wohl als Unterpfand, was misslingt. Burg Hammerstein wird belagert und ausgehungert und dann zerstört. Das Paar muss seine Güter nun verpfänden, um wenigstens in relativer Armut zu überleben.

 

Aber nun verfolgt der Erzbischof die Liebenden weiter, die fortfuhren, zusammen zu leben. Die Gräfin reist nach Rom, um beim Papst zu appellieren, was ihr Aribo verbat. Darüber wiederum war der Papst empört, weil er sich in seinen Rechten beschnitten sah, unterstützt wohl vom Kölner Bischof Pilgrim, der Reformkirche näherstehend. Aribo versucht die beiden weiter zu verfolgen, was erst mit der Erhebung Konrads II. zum König endet. Soviel zum Christentum geistlicher Fürsten und christlicher Kaiser.

 

1021 kommt es zu einem weiteren Heereszug nach Italien, als sich Papst Benedikt VIII. an ihn um Unterstützung wendet. In Süditalien hatte es Versuche des Abschüttelns byzantinischer Herrschaft gegeben, die normannische Krieger zur Hilfe gerufen hatten – mit weitreichenden Folgen. Byzanz hatte darauf mit einem Sieg bei Cannae die Unterwerfung von Capua und Salerno erreicht. Heinrich gelingt es auf dieser Militärexpedition, sowohl Pandulf von Capua und Waimar von Salerno zu besiegen. Nach der Einnahme des apulischen Troia zieht das Heer dann wieder nach Norden – ohne stabile Verhältnisse in Süditalien zu hinterlassen.

 

1024 stirbt der Kaiser in der Pfalz Grone, ohne einen Nachfolger zu designieren. Er wusste, dass die Mehrheit der Großen hinter Konrad (II.) stand, den er aber eher ablehnte. Die Reichsinsignien übernahm seine Witwe Kunigunde und bewahrte sie für einen Nachfolger auf.