DAS LAND (2): ADEL, GRUNDHERRSCHAFT UND DORF (11. Jh.)

 

Die milites in Norditalien

Ortsherrschaft in Norditalien

Milites in Südfrankreich und dem christlichen Spanien

Adel, Burgen und Höfe nördlich der Alpen

Ministeriale

Das Land in deutschen Landen

Das Land in England

Fürstliche Dynastiebildung: Die Welfen

Anfänge geistlichen Fürstentums

 

 

Die milites in Norditalien

 

Im 9./10.Jh. steigt eine Schicht von Vasallen des Königs, die zunehmend dann auch in die Vasallität der Bischöfe eingeht, zu jenen vavassores maiores der Konstitutionen Konrads III. (1037) auf, die am Ende des 11. Jahrhunderts als Kapitane bezeichnet werden. Beteiligt an der hohen Domkurie und der städtischen Lehnskurie, mit Besitz und Lehen in Stadt und Land, ziehen diese alten Familien sich nach und nach stärker aus der Assistenz beim Stadtregiment zurück und überlassen sie den valvassores minores, die bald alleine den ordo der Valvassoren bilden und sich nach unten von den rustici abgrenzen, die nun einen eigenen ordo bilden.

 

Spätestens seit dem 10. Jahrhundert konzentrieren mächtige Kapitanenfamilien ihren Besitz und ihre Macht auf einzelne ländliche Orte, wo sie von alten und neuen castra aus sich dann vor allem im 11. und 12. Jahrhundert Herrschaftsrechte aneignen. Wie vor allem in Westfranzien verfällt die Macht der Grafen parallel dazu und in ihre Funktionen teilen sich Bischöfe und Adel in Stadt und Land. Der stärkste Grundherr an Allod und Lehen wird zum Ortsherren, wobei wir oft nur vermuten können, wieweit Gewaltandrohung oder offene Gewalt eine Rolle spiele.

 

Indem reiche und mächtige Kapitanenfamilien über ihre Vasallität und ihre Lehen auf dem Lande und von ihrer zentralen Burg aus lokal in die Rechte des Bischofs vor Ort eintreten, insbesondere seitdem zu lokalen Kapellen die Taufkirchen (plebes/pieve) als Lehen in ihre Kontrolle geraten, bleiben diesem am Ende dort nur noch die kirchliche Gerichtsbarkeit, die Ordination der Geistlichen und das Viertel der Zehnten, welches nicht als Lehen ausgegeben werden darf. (KellerOberitalien, S.135).

 

Lokal, oft für eine Kastellsiedlung,  gewinnt so eine Familie seit dem 10. Jahrhundert das Gericht über die bäuerlichen Einwohner (iurisdictio oder districtus), bald auch Anteile am Zehnten, andere Abgaben und Leistungen wie Zölle, Märkte, Forste, Hafen- und Ufergelder, allesamt Regalien, insgesamt eine Immunität mit einem Umkreis von ein, zwei Meilen. (Alles nach KellerOberitalien, Kap.III)

An die Stelle der curtis als Fronhof tritt wie westlich und nördlich der Alpen für diese domini die curtis als Herrschaftszentrum, eine höfische Welt als ritterliche beginnt sich zu entfalten. Und genau dagegen versuchen Bischöfe, Grafen und Markgrafen anzugehen, die nun mit den großen Vasallen um Herrschaft konkurrieren.

 

Im zehnten Jahrhundert war es schon zu Konflikten zwischen Bischöfen wie Rather von Verona und einem begüterten Klerus sowie einer Schicht von milites gekommen, die sich zunehmend Kirchengut angeeignet hatte. Leute wie Rather und viele andere wurden von den Ottonen eingesetzt, um die Königsherrschaft zu befestigen, entwickelten aber zunehmend auch Reformgedanken für ihre Kirchen. Dagegen setzten die bischöflichen Vasallen zunächst ihre gleichzeitige unmittelbare Vasallität zum König.

 

Unter Kaiser Otto III. kommt es gegen Ende des 10. Jahrhunderts zu immer größeren Unruhen. In seiner Markgrafschaft stützt sich seit 990 Arduin von Ivrea auf Klöster und niederen Adel, was ihn in Konflikt mit den Bischöfen bringt. Das Ganze kulminiert zum ersten Mal, als Otto III. den im markgräflichen Machtbereich herrschenden Bischof von Vercelli mit Caresana belehnt, was Arduin ablehnt. Die Ritterschaft von Vercelli lehnt sich 997 offen auf, tötet Petrus von Vercelli und verbrennt seinen Leichnam samt der Kathedrale. Darauf marschiert Arduin in die Stadt, "um dort Recht und Ordnung wiederherzustellen".  Nach 1000 werden von ihm Städte wie Novara und Como eingenommen. Das Ganze kulminiert darin, dass 1002 einige vom Abstieg bedrohte Markgrafen und Grafen zusammen mit hohen bischöflichen Vasallen Arduin nach dem Tod Ottos III. zum König erheben, wogegen sich die den Ottonen verpflichteten Bischöfe von Ivrea, Vercelli und Novara stellen. Bischof Petrus von Novara wird von seinen eigenen milites vertrieben, seine Kastelle werden zerstört und seine Kirchengüter unter den Aufständischen verteilt. Es geht dabei auch um die auf Bischöfe gestützte kaiserliche Macht gegen die des hohen weltlichen Adels: "Der Ausbau ihrer Herrschaften, zunächst von den Königen selbst gefördert, stieß sich mit der neuen Politik der Ottonen, die eine Rekuperation des Kirchengutes und eine Konzentration der öffentlichen Gewalt in der Hand der Bischöfe anstrebten." (KellerOberitalien, S.285)

 

1004 zieht Heinrich II. nach Italien, besiegt Arduin und lässt sich in Pavia krönen. Als sich die Einwohnerschaft gegen ihn stellt, übergibt er die Stadt den Flammen. Nachdem er abgezogen ist, stellt Arduin seine Macht zumindest im Nordwesten Italiens wieder her.In diesen Zusammenhang gehört die Freiheitsurkunde von 1005, die der mit Arduin verwandte Reformabt Wilhelm von Dijon für Fruttuaria diktiert, die das Kloster aus dem Machtbereich des Bischofs von Ivrea heraushebt.

 

1014 zieht Heinrich II. nach Rom und konfisziert Güter von Aufständischen, lässt sich zum Kaiser krönen. 1015 stirbt Arduin und wird in der von ihm gegründeten Abtei von Fruttuaria beerdigt, aber die Verhältnisse beruhigen sich nur kurz. 1024 wird die Kaiserpfalz von Pavia zerstört, 1030 der Bischof von Cremona aus seiner Stadt vertrieben.

 

1034 zieht der Mailänder Erzbischof Aribert II. (1018-45) mit Militär für Konrad II. nach Burgund, und als er zurückkehrt, trifft er auf die Opposition von Kapitanen, die sich zu wenig beteiligt fühlen, paululum dominabatur omnium suum considerans non aliorum animum, (Arnulf II, 10) Laut Arnulf von Mailand beginnt alles damit, dass Bischof Aribert von Mailand einem städtischen Hochadeligen sein Lehen entzogen habe. Viele Valvassoren verlassen die Stadt und finden Unterstützung beim ländlichen Adel. Es kommt zu Kämpfen.

 

Schließlich kommt es 1035 ganz allgemein im Gebiet von Mailand, Piacenza, Cremona und Pavia zum Aufstand vor allem der kleineren milites, Ritter auf burgähnlich befestigten Plätzen auf dem Lande, im Verein mit nichtadeligen Grundbesitzern gegen ihre seniores, also Herren, in dem es um Rechtssicherheit der (Unter)Vasallen geht. Dieser sogenannte Valvassorenaufstand betrifft weiterhin die von Konrad fortgeführte Revindikationspolitik zur Festigung der deutschen Herrschaft, die auch die großen Vavassoren bedroht. Wesentliche Ziele werden die Sicherung der Lehen durch Erblichkeit und Rechtssicherheit.

 

In Wipos Gesta Chuonradi heißt es: Magna et modernis temporis inaudita confusio Italiae propter coniurationes, quas fecerat populus contra principes. Coniuraverant enim omnes valvasores Italiae et gregarii milites adversus dominos suoi et omnes minores contra maiores, ut non paterentur aliquid sibi insultum accidere a  dominis suis supra voluntatem ipsorum, dicentes, si imperator nollet venire, ipsi per se legem sibimet facerent. (c.34, in Investiturstreit, S.333) Die italienische Konfusion besteht also aus Verschwörungen des "Volkes" gegen die "Fürsten", solchen der Militia gegen ihre Herren, der Kleinen gegen die Großen, und wenn der Herrscher nicht käme, würden sie das für sich regeln.

 

Auch wegen des Aufstandes entschließt sich Konrad II., noch einmal nach Italien zu ziehen.  In Mailand wird er von Aribert Anfang 1037 zunächst feierlich empfangen. Doch dann kommt es zu Konflikten. Auf einem Hoftag zu Pavia wird der Erzbischof im März 1037 inhaftiert. Er kann wenige Wochen später fliehen und scheint dann den Versuch gemacht zu haben, Odo von Champagne als italienischen König zu rufen.

 

1037 gewährt Kaiser Konrad II. während der offensichtlich erfolglosen Belagerung von Mailand ad reconciliandos animos seniorum et militum, also zur Versöhnung der Gemüter der feudalen Herren und (ihrer) Krieger, in der später so genannten 'Constitutio de feudis' den vavassores maiores, den zukünftigen Capitanen und den vavassores minores das Recht auf „ihr“ Land als ohnehin schon praktizierte Erblichkeit ihrer Lehen (beneficia). Erben können Söhne und Enkel und selbst Brüder des jeweiligen Kriegers.

Kein Herr (senior) darf einem Krieger (miles) sein Eigengut oder beneficium mehr einfach so nehmen. Damit werden die in der letzten Zeit nicht mehr mit königlicher Zustimmung neu erbauten Adelsburgen als Eigentum, also Allod anerkannt und nicht mehr königlichen Belastungen ausgesetzt. Der Königsdienst des servitium regis (fodrum de castellis im Text) gilt also nur noch für diejenigen Burgen, die es schon seit jeher geleistet haben.

In der "Constitutio" wird zudem festgelegt, dass der Tausch verliehener Güter oder Verträge, die Herren als Livell weitergeben (cambium aut precarium aut libellum), nicht mehr ohne Zustimmung der betroffenen Vasallen stattfinden kann.

In Streitfällen (contentio) der maiores vavassores bis hin zum Lehnsentzug durch den Herren entscheidet nun ein Gericht von Standesgenossen (pares), und wenn dieses keine akzeptable Entscheidung schafft, gibt es die Möglichkeit, an kaiserliche Rechtsprechung zu appellieren.

Die maiores vasvasores werden so rechtlich gegenüber dem König/Kaiser den unmittelbaren bischöflichen und zugleich königlichen Vasallen gleichgestellt und das Eigentum als Erbgang in der Promogenitur festgelegt. Mit der Gesetzgebung fixiert sich ein ordo, der sich dann später als capitanei bezeichnet, und abgesetzt davon der der "geringeren" vavassores, die bald dann nur noch diejenigen sind, die als Va(l)vassoren bezeichnet werden.

 

Die geringeren Valvassoren sollen ihr Recht durch einen kaiserlichen Gesandten (missus) der nächsten Stadt oder von einem der Herren (seniores) gegeben werden. Damit setzen diese sich nun auch scharf von den rustici ab, den Bauern, denen nun der Zugang in die "Ritterschaft" der milites versperrt ist, zu der der Vavassor als miles nun auch gehört. Wenn nun Vavassoren selbst sich, zum Beispiel um Herrschaften über Orte aufzubauen,Vasallen mit Lehen zulegen, bleiben diese als aus der kirchlichen oder klösterlichen familia oder den Reihen der rustici entstammenden neuen "Ritter" von den Vorrechten des Gesetzes Konrads ausgenommen und werden als nichtadelig betrachtet.

 

Mit dem Aufstieg der Capitanenschicht zu Herrschern über ganze Orte verschwindet für sie die Bezeichnung miles episcopi und wird durch den des capitaneus ersetzt. (KellerOberitalien, S.360). Die Bischöfe als Stützen kaiserlicher Herrschaft verlieren wie Markgrafen und manchmal noch jetzt Grafen an Macht.

 

März 1038 wird Aribert übrigens von Papst Benedikt IX. exkommuniziert.  Nach Konrads Tod 1039 unterwirft Aribert sich Heinrich III. 1040 auf einem Hoftag in Ingelheim und huldigte ihm als neuem Herrscher. 1042 jedoch vertreiben die Mailänder Cives die Capitane und Valvassoren zusammen mit dem Erzbischof. Diesem gelingt dann die Rückkehr, und er stirbt wenig später.

 

Unruhefaktoren bleiben der Status der bischöflichen familia, deren Mitglieder weiterhin adelige Unterstützung hin zu mehr Freiheiten suchen, der Kampf um die Stadtherrschaft zwischen Bischof und Klerus auf der einen Seite und Adel und Freien auf der anderen sowie die Konflikte um die sich entwickelnde Ortsherrschaft mächtiger Adeliger. (KellerOberitalien). Der ländliche Capitanen-Adel konzentriert sich dabei auf die Erringung lokaler Banngewalt, während die stadtsässigen niederen Valvassoren die städtischen Dienste für die Bischöfe übernehmen. Zugleich kommen sie in Kontakt mit dem aufblühenden städtischen Handels- und Finanzgewerbe.

Städtische Valvassoren des 11. Jahrhunderts entstammen denn auch zunehmend Familien wohlhabender Gewerbetreibender, Kaufleuten, Silberschmieden, Münzern. Viele bekennen sich zu römischem Recht, was ihrer Abstammung entspricht. Auf dem Lande sind es Nachkommen freier Großbauern oder Angehöriger städtischer Kaufmannsfamilien, die sich dort Grundstücke kaufen und zum Teil dort auch ansiedeln. Ende des Jahrhunderts kaufen sie sich dank ihres Reichtums sogar in Besitzungen von Kapitanenfamilien ein und kaufen längst auch Vasallen Rechte ab, wodurch sie "Lehen und Herrschaftsrechte erwerben." (KellerOberitalien, S.241)

In städtischen Valvassorenfamilien werden dann auch Handels- und Finanzgeschäfte betrieben, wodurch sie einzelne Kapitanenfamilien bald durch Reichtum, wenn auch niemals an Vornehmheit übertreffen. Ursprüngliche Investoren in und Betreiber von Mühlen waren wohlhabende Kirchen, Klöster und Kapitanenfamilien. Dann nehmen Valvassoren solche Mühlen zu Lehen und können sie schließlich den Kapitanen sogar abkaufen. Sie setzen dann dort abhängig Beschäftigte als Müller ein und gewinnen daraus Einnahmen. Im 11./12. Jahrhundert konkurrieren nunmehr adelige und zugleich reiche Valvassoren mit "bürgerlichen" Familien als Geschäftsleute und Unternehmer, natürlich aber nicht als Produzenten in körperlicher Arbeit. Solche Valvassoren können dann spätestens im 12. Jahrhundert in dieselben Positionen eintreten wie Kapitane.

 

In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts gelingt es Valvassoren also, sich selbst mit ritterlicher Lebensführung auszustatten und darüber seit dem 12. Jahrhundert in den Bereich der Nobilität aufzusteigen. Was sie von den Capitanen vor allem unterscheidet, ist die fehlende allodiale Basis, also ein bedeutenderer Besitz jenseits der Lehen, was sie dabei behindert, selbst vergleichbare Herrschaftsfunktionen auf dem Land zu übernehmen.

Mit der Verbindung von Kapitanen und Vavassoren zu einem ritterlich-adeligen Stadt (ordo) findet eine dann Jahrhunderte überdauernde Neudefinition von "Adel" ihren Abschluss. Alle darunter sind nun Volk (populus) und auf dem Lande Bauern, rustici.

 

Unglücklicherweise wissen wir wenig vom städtischen Adel des 11. und 12. Jahrhunderts. Wenn im 14. Jahrhundert Leute wie Dante oder Velluti zurückschauen, kennen sie noch Namen von Vorfahren, können diesen aber kaum Tatsachen zuordnen und haben nur sehr vage Vorstellungen von ihren wirtschaftlichen und Machtgrundlagen oder gar ihrer Lebensweise und Vorstellungswelt. Und vor ihnen ist die Quellenlage sehr dürftig.

 

Die Familien sind als Erben antik-römischer Strukturen patriarchal-patrilinear. Erbberechtigt sind die Söhne zu gleichen Teilen, der Geschlechtermittelpunkt (Burg, Kapelle, Wehrturm) blieb dabei ungeteilter Kern der Adels-Konsorterie (Najemy, S.7), um die Zersplitterung des Familienbesitzes einzugrenzen. Diese „Geschlechter“ entwickeln als erste „Familiennamen“, die Titel (Visdomini, Visconti, Avvocati), Herkunft oder den Namen eines Vorfahren (Alberti) in den Nachnamen verwandeln. Solche Namen machen aber im Florenz des 14. Jahrhunderts immer noch nur gut zehn Prozent aus. Da es 1342 schon mindestens 116 erwachsene Männer mit dem Namen Bardi gab, kann man erahnen, wie wenige Familien inzwischen solche Namen als Geschlechternamen tragen. Aber ein solcher Name deutet eine alte Familie und damit Zugehörigkeit zu einer Elite an (Najemy, 9ff). Das Gedächtnis der meisten geht aber nur bis zum eigenen Großvater zurück, und eine Möglichkeit, sie zu bezeichnen, ist es, sie als Sohn von und Enkel von jemandem zu benennen. Mit dieser geringen Familientradition gelingt es den meisten auch nicht, über größere Verwandtschaftsbeziehungen zu verfügen, die einen Aspekt der Macht der noblen Elite ausmacht.

Wenn wir heute Leute nach ihrer Herkunft (da Siena) bezeichnen oder mit damaligen Spitznamen (Cimabue, Botticelli), ist das ein Hilfsmittel, um der Gängigkeit ihrer sie nicht spezifizierenden Vornamen zu entgehen.

 

Eine ganz andere Art von Adel entwickelt sich in den Städten wiederum in dem, was u.a. Keller als "Konsulatsaristokratie" bezeichnet (Oberitalien, S. 367), in der sich Adel und einzelne Vertreter der "bürgerlichen" Oberschicht zusammenfinden.

 

In der Folge werden in Norditalien im 12. Jahrhundert libri feudorum ein solches Feudalrecht weiter systematisieren, eine Entwicklung, die nördlich der Alpen erst deutlich später einsetzt (Patzold, S. 45ff). Der Bauernschaft wird abgesehen von nachlassender Hörigkeit dabei nur der Weg in die Stadt als Aufstiegschance übrigbleiben.

 

Auffallend ist, dass diese frühesten lehns- oder feudalrechtlichen Fixierungen zusammenfallen mit der Vorgeschichte der Kommunen zunächst in Norditalien und das heißt auch mit der Ausweitung von Produktion, Handel und Finanzen in den Städten sowie der zunehmenden Monetarisierung der Beziehungen im ländlichen Raum. Es erscheint sinnvoll, die Entstehung des Kapitalismus gegen Marx nicht im Schoße eines "Feudalismus" zu suchen, sondern eher eine zeitgleiche Entfaltung zu konstatieren, bzw. gar ausgeprägte feudale Strukturen als Folge der Einwurzelung sich kapitalistisch entwickelnder Ansätze zu begreifen.

 

 

Ortsherrschaft in Norditalien

 

Im 11. Jahrhundert kommt es zur Ortsherrschaft des oberen Vavassoren-Ordos, der am Ende des Jahrhunderts dann als der der Capitanen bezeichnet wird. Unterstützt wird diese Ortsherrschaft bzw. dörfliche Bannherrschaft (die die Feudisten dann dominatus loci nennen) durch die Vasallen der Kapitane, die Valvassoren, denen es an Eigengut fehlt, um mithalten zu können, die aber an den herrschaftlichen Vorrechten beteiligt werden. Sie setzt Bevölkerungskonzentration in Dörfern voraus und fördert diese, führt dort zu spezialisiertem Handwerk und fördert die Marktorientierung der Bauern.

 

Die Bauern geraten so in doppelte Unterordnung. Einmal unterliegen sie den Belastungen, die aus der tradierten Grundherrschaft resultieren, zum anderen denen der Bannherrschaft, die in Konkurrenz zu alten grundherrschaftlichen Strukturen tritt. Ritterlicher und städtischer Besitz auf dem Dorf ist frei von den Diensten und Abgaben, die alle Bauern des Ortes für ihren Bannherrn zu leisten haben: Wachdienste im Kastell, Beherbergungspflicht für bis zu sechs Ritter, Hand- und Spanndienste und Naturalabgaben, die spätestens im 13. Jahrhundert dann durch Geldleistungen abgelöst werden können. Jeder dritte gefangene Fisch wird vom Ortsherrn einkassiert, dazu die Abgabe von der Bannmühle, wenn die Bauern des Ortes ihr Korn dorthin bringen. Erst nachdem der Ortsherr hat Eicheln im Wald lesen lassen, dürfen die Bauern sich an die übriggebliebenen machen. Dazu kommt die Unterwerfung unter die herrschaftliche Orts-Gerichtsbarkeit. Alle solche Vorrechte werden von den Juristen bald vom Land abgeleitet, über welches der Ortsherr herrscht.

 

Mit der Bannherrschaft des Kapitanen mit ihrer Konzentration auf einen Ort und die Unterwerfung der bäuerlichen (nicht aber der ritterlichen) Bevölkerung unter einen dominus, der auch die Allmende reguliert und die Flurordnung, entstehen Landgemeinden, die auch zu Pfarreien (parocchie) werden. Mit den Rechten über die Kirche und zumindest eines Teils der nun nicht mehr nur auf Taufkirchen bezogenen Zehnten einher geht ein zunehmender Einfluss der Pfarrgemeinde auf die Ernennung des Pfarrers und das Kirchengebäude. Die Gemeinde unter dem dominus loci teilt sich in rechtlich miteinander verschmelzenden Adel aus nicht herrschaftlichen Kapitanen und Valvassoren und ihren ständischen Privilegien, die sich dann auch nichtadelig-städtische Grundbesitzer im Ort zulegen, und eine doppelt belastete Bauernschaft.

 

Bannherrschaft und ländliche Gemeinde entwickeln sich nicht zufällig parallel zur Gemeindebildung in den Städten. Kapitalisierung, Modernisierung und zunehmende Verallgemeinerung des Warencharakters erhöhen Quantität und Qualität der Lebensmittel, was zu einem bis Anfang des 14. Jahrhunderts anhaltenden Bevölkerungswachstum führt. Dieses wiederum macht Grund und Boden und die Nahrungsmittel zu nachgefragteren Waren. Entwaldung, Deichbau, Entwässerung in der Poebene seit dem 11. Jahrhundert werden dann von den Zisterziensern besonders forciert, wie von der Abtei Chiaravalle Milanese.

Neue Nutzung von Ödland trägt ähnlich wie nördlich der Alpen dazu bei und ebenso die Privatisierung von gemeinschaftlich genutztem Land. Bevölkerungswachstum heißt von nun an wie schon in der Antike immer Beseitigung von Naturlandschaft.

 

Persönlich abhängige Arbeit, „feudale“ Zwangsarbeit wird weniger, zuerst im nahen Umfeld der Städte. Bäuerliche Landwirtschaft entsteht in Pacht von den Grundbesitzern, zu denen nach und nach immer mehr reiche Städter gehören.

 

Bereits im 10. Jahrhundert bildet sich eine Schicht von Pachtbauern, livellarii, heraus, die, wie in der Umgebung von Mailand, ihr Land unterverpachten und von der Rente leben, Leute, die dann dazu neigen, in die Stadt zu ziehen und zu verbürgerlichen, ein Vorgang, der bis ins 13. Jahrhundert anhalten wird.

1030 ist die Halbpacht, mezzadria, zum ersten Mal auf Florentiner Gebiet dokumentiert und in den nächsten 200 Jahren wird sie nicht nur dort zur typischen Voraussetzung für bäuerliche Landwirtschaft. Land im Territorium der Stadt wird Spekulationsobjekt wie in der Stadt selbst und verteuert sich immer weiter. Städte nutzen mehr und mehr ihre ländlichen Territorien für Lebensmittel, Brennstoffe, Arbeitskräfte, Baumaterial, als Neuland für Investitionen und als neuen Markt – und profitieren von seiner Besteuerung. (Martines, S.222ff)

 

Pachtbauern haben, je kleiner die Betriebsgröße ist, sehr knapp zu kalkulieren und lassen sich zudem von städtischen bzw. bürgerlichen Landbesitzern Saatgut und Vieh geben, was sie aus der Ernte zu entgelten haben. Diese Landeigner können so in der Stadt Vorräte anlegen für die regelmäßig auftretenden Zeiten der Not und scheiden zugleich damit weitgehend aus dem Lebensmittelmarkt als Konsumenten aus, während deren Zahl durch die allgemein ansteigende Bevölkerung deutlich ersetzt wird.

 

Die Monetarisierung ist in Norditalien weiter fortgeschritten als nördlich der Alpen. Grundstücke werden gekauft, Herren gegeben, die sie wiederum als Lehen den Käufern ausgeben. Städtische Kaufleute kaufen Land auf dem Lande, kaufen etwas später auch Lehen, um von der Rendite (Rente) zu profitieren. Allmende werden von Valvassoren wie auch Lehen gekauft und verkauft. Reichtum hängt nicht nur an ererbtem und geliehenem Land, sondern immer mehr auch an Geld.

Geldwertes Eigentum und Verfügungsmasse schichtet anders als nur ständisch. Der Immobilienwert des Besitzes von Kapitanen beträgt viele hundert bis tausende Pfund, bei ländlichen Valvassoren sind es 100-200 Pfund, bei städtischen oft ein Vielfaches davon. In der Bauernschaft gibt es rustici, die mehrere, bis zu 20 Pfund Vermögen besitzen und bis an die 10 Pfund Schulden machen können, vor Gericht mehrere Pfund Strafe zahlen können und ihren Bräten bei der Eheschließung eine dos von mehreren Pfund geben können, sie können sogar ins Rittertum, wenn auch nicht in den Adel mehr aufsteigen, während viele andere in die Armut und Verschuldung absinken.

Zwar ist das alles nicht gleichbedeutend mit verfügbarem Geld, oft muss dieses als Darlehen vorgeschossen werden, aber es bedeutet Sicherheit für solches.

 

Die Tendenz zur Kapitalisierung ist auf dem Land (wie sowieso in der Stadt) erst einmal nicht mehr aufzuhalten. Indem Grund und Boden zur Ware werden, kaufen wohlhabende Bürger Höfe auf, nutzen sie als Zweitwohnsitz für den Sommer oder spekulieren mit Grund und Boden. Bäuerlichen Pächtern und kleinem grundbesitzendem Adel leihen sie Geld zu enormen Zinssätzen. Es kommt zur Konzentration von immer mehr Land in immer weniger Händen. Das entstehende Bauerntum hingegen besitzt nur einen winzigen Teil des ländlichen Raumes. (Martines erwähnt, in der Lombardei seien das am Ende dieser Entwicklung 1547 nur drei Prozent gewesen.)

 

Mit der Übernahme großer Teile des Landes durch die Stadt findet nicht nur ein neuer Konzentrationsprozess des Landbesitzes in immer weniger Hände statt, sondern auch eine Vergrößerung des Landes der einzelnen Höfe in nichtbäuerlicher Hand. Diese versorgen die Keller und Vorratsspeicher der großen Kapitaleigner in der Stadt für die Selbstversorgung, mit der sie über die nicht seltenen Hungerkrisen hinwegkommen, während die Masse der städtischen Bevölkerung leidet oder an Folgen von Unterernährung stirbt.

 

Milites in Südfranzien und dem christlichen Teil der iberischen Halbinsel

 

Im Verlauf des 10. Jahrhunderts zergliedert sich vor allem der Südteil Westfranziens in ein dichtes Netz von zunächst noch aus Holz gebauten Burgen.

Um 1000 werden im Anjou unter Graf Fulco Nerra die ersten Burgen aus Stein gebaut (Langeais). Es folgen die des Grafen von Blois. Burgen werden nicht nur Zentren von Herrschaften, sondern demonstrieren durch ihre Zahl auch die Macht von Herren über sie.

Indem sowohl Adel wie übrige milites in Burgen ziehen, beginnen beide Gruppen miteinander  zu einer Schicht niederen Adel in rund 1000 westfränkischen Burgbezirken zu verschmelzen.

Wie alle Machthaber verbinden auch die castellani die Realität gewalttätiger Unterdrückung mit der Funktion des Schutzes nach außen und der Friedenswahrung im Inneren. Dafür und für Bau und Unterhalt der Burgen und ihrer Mannschaften verlangen die Burgherren von den ihnen Untertanen Abgaben und Dienste. Der Friedenswahrung, also der effizienten Nutzung untertäniger Arbeit dient die Etablierung von Gerichtshoheit und das Abpressen von Gebühren und Strafen, die erst so recht seigneurie banale einrichtet, Banngewalt. Indem sie sich über die grundherrliche Gewalt wölbt, schafft sie Ansätze eines einheitlichen kleinräumigen Untertanenverbandes, den Abgaben und Dienste der Leute aus den unterschiedlichen, nebeneinander existierenden und ineinander verschränkten Grundherrschaften in gleichem Maße zu leisten haben. 

 

Über das gemeinsame Gericht und gleichartige Leistungen verschwimmen die unterschiedlichen Grade von Unfreiheit und Abhängigkeit. Zur Ernährung von sich und seinen Mannen kommen Einkünfte aus scon existierenden oder neu zu errichtenden Märkten, dazu Zölle und Steuern auf den Handel. Die Leute werden zur Nutzung seiner Mühle, Weintrotte und seines Backofens gezwungen und müssen dafür zahlen. Bei willkürlichem Bedarf erhebt der Burgherr darüber hinaus eine Taille, die wohl auch besonders gute Ernten noch einmal extra abschöpfen soll.

 

Indem sich so eine auf militärisch-polizeilicher Gewalt gestützte Macht über die Grundherrschaften und unterhalb der Fürstentümer etabliert, entsteht so eine kleinräumige Vorform von Staatlichkeit: Erpressung von Gehorsam und geregelte Plünderung der Ergebnisse von Arbeit werden mit Schutz und Friedenssicherung begründet. Das sich selbst legalisierende und regelnde Verbrechertum späterer Staatlichkeit scheint bereits durch, ebenso wie die sich selbst legitimierenden und regulierenden vorstaatlichen Strukturen von Mafia, Ndrangheta und Camorra.

 

Der doppelte Druck von Grundherrn und Bannherrn kann einerseits die Initiative der Unterdrückten erlahmen lassen, aber andererseits sie auch dazu inspirieren, die Produktion auszuweiten und zu intensivieren, um überhaupt durchzukommen, was letzteres laut Gilomen in der Regel der Fall ist, was dann zu stärkerer Marktbezogenheit der Bauern führt (S.58). Die Konzentration von Geld in den Händen der Bannherren führt dann zu gesteigertem Warenkonsum in ihren Familien und damit zu zunehmender Nachfrage auf städtischen Märkten.

 

Übner solchen Burgherrschaften wölben sich dann wieder größere Gebietshoheiten und Fürstentümer und ein Königtum, welches nun anfängt, darüber eine zunächst geringe Hoheit zu errichten. "Der Mörtel, der diese neuartig strukturierte Gesellschaft zusammenhielt und stabilisierte, war die Verbindung von Vasallität und Lehen." (Patzold, S.64). Am Beispiel des Maconnais benannte Georges Duby das Neue als Feudalgesellschaft.

In schriftlichen Urkunden werden nun zwischen übergeordnetem Herrn und zu Pferde kämpfendem Mann mit Verfügung über eine Burg gegenseitige Verpflichtungen niedergelegt, die Verfügung über Burg und Land und Verpflichtung zu militärischem und auch anderen Diensten. Der Lehnsakt enthält die Mannschaft und den Treueid.

 

Ähnliche Verträge wie in der Südhälfte Westfranziens sind aus dem nördlichen Katalonien seit dem früheren 11. Jahrhundert überliegert. Wie im zukünftigen Frankreich südlich von Paris finden solche Verträge bereits deutlich vor den Texten der norditalienischen Feudisten statt. Dabei wird es schon damals in der Grafschaft Barcelona üblicher, für die Leistungen des Mannes nicht mehr Land zu verleihen (dies steht nur begrenzt zur Verfügung), sondern ihm eine Art jährlichen Sold zu bezahlen. (Patzold, S.68)

 

Adel, Burgen und Höfe nördlich der Alpen

 

Im Mittelalter laufen zwei Begriffe und Vorstellungswelten nebeneinander, der antike von Nobilität und der germanische einer Edelfreiheit. Aus letzterer entsteht ein vor allem in deutschen Landen und in England vor der normannischen Eroberung geläufiger Adelsbegriff. Der Noble und der Edle haben gemeinsam, dass sie die Freiheit haben, Krieger zu sein und ihre Konflikte untereinander im Kampf austragen zu dürfen, sie sind miles, und zwar als bewaffnete Reiter zu Pferde. Gemeinsam ist ihnen auch die Ablehnung produktiver Arbeit, weswegen sie als miles zugleich auch Herren sind, was heißt, dass sie primär von eigenem und zudem von verliehenem Land leben, dessen Arbeitskräfte als familia zu ihren Höfen, curtes gehören. Im Kern leben sie von der Arbeit anderer, auch wenn ihre Kämpfe und Kriege gelegentlich als Mühe (arebeit oder travail) dargestellt werden.

 

Selbst das Betreiben von Handels- oder Finanzgeschäften gilt nördlich der Alpen als unedel, was im Verlauf des 11. Jahrhunderts dazu führt, dass Adel die durch Handel und Handwerk aufblühenden Städte verlässt, soweit er dort überhaupt Wohnsitz hatte, und sich immer mehr aufs Land konzentriert. Städtische Ministeriale treten dort immer mehr in ihre Funktionen ein, und die werden dann entweder über ihre Dienste in den Adel aufsteigen oder aber durch Handel und Finanzgeschäfte Teil einer großbürgerlichen Oberschicht werden.

Das hindert den Adel aber nicht daran, dem Besitz von Geld als barer Münze oder ungemünztem Edelmetall zunehmend nachzujagen und sich so an einer monetär und marktwirtschaftlich orientierten Welt zu beteiligen, wobei sie zum entstehenden Kapitalismus als nachfragende Konsumenten und darum indirekt auch Förderer von Kapitalanhäufung beitragen.

 

Adel ist Teil von Machtstrukturen, an deren Spitze seit dem Ende des westlichen  Imperium Romanum Könige stehen und an ihrer Basis Grundherrschaften. Der adelige Krieger war in ihnen in einem zunächst oft noch hölzernen Herrenhaus nahe bei der landwirtschaftlichen und handwerklichen Arbeit angesiedelter Gutsherr. In dem Maße, in dem es ihm gelingt, seine Grundherrschaft zu vergrößern, gar mehrere an sich zu ziehen und die Produktivität zu vergrößern und mehr für einen Markt produzieren zu lassen, löst er sich aus dem grundherrschaftlichen Verbund, verlässt den Herrenhof (Salhof, Fronhof) und zieht auf die Höhenburg, die "zum Mittelpunkt einer neuartigen Herrschaft" wird (so bei WeinfurterGeschichte, S.64).

 

Mit dem Burgenbau im 11. Jahrhundert beginnt ein Großteil des Adels nördlich der Alpen sich einmal aus dem direkten Zusammenhang seiner Grundherrschaften und zum anderen aus der sich intensivierenden städtischen Entwicklung zurückzuziehen. Indem dann eine dieser Burgen zum Familienzentrum wird, beginnt die Adelsfamilie nach ihr benannt zu werden. In einer Übergangszeit konnte es auch passieren, dass sie mal mit der einen und dann mit der anderen namentlich verbunden wird, wie das bei den Staufern der Fall ist. Das königliche Herrschaftsrecht zur Genehmigung des Baus einer solchen Burg schwindet dabei nach und nach.

 

Bei der Erbteilung kann dann die Stammburg entweder in einer Hand bleiben, oder aber die weit verstreuten einzelnen von Burgen ausgehenden Herrschaften und Rechte werden in jeder Gegend jeweils unter allen (männlichen) Erben aufgeteilt. Das sind zwei Möglichkeiten, die Macht einer Adelsfamilie zu tradieren. Eine weitere war es, die namensgebende Burg nicht auf Eigentum, sondern einem Lehen zu errichten, denn Lehen waren unteilbar.

 

Dieser zentralen Burg wird die immer erblicher werdende Vogtei über ein Familienkloster beigeordnet, welches als Grablege und zum Totengedenken bestimmt ist. Burg, Kloster, Vogtei und dazugehörende Gerichtsbarkeit und Grundherrschaften mit ihren Pfarreien bildeten so einen Herrschaftskomplex, der in der Familie bleiben soll. Größere solche Gebiete werden von mehreren Burgen kontrolliert, die möglichst nicht mehr als einen Tagesritt voneinander entfernt sein sollten.

 

Sobald die Herren in (oft Höhen)Burgen (oder Wasserburgen) umziehen, wird der Herrenhof von einem Meier bewirtschaftet; haben die Burgherren mehrere solche Grundherrschaften, dann gehören auch mehrere Meier dazu. Diese Entwicklung beginnt im 11. Jahrhundert und setzt sich im 12. durch. Die mit der Rechtsprechung betrauten Schulzen und mit der Verwaltung beschäftigten Meier sind zunächst immer noch hörige Bauern, aber sie beginnen, adelige Vorlieben und Verhaltensweisen und ein adeliges Selbstbewusstsein nachzuahmen, wie Ekkehard von Aura schon um 1050 in seinen St. Galler Klostergeschichten klagt.

 

Adel und Ministerialität unterscheiden sich zunächst ähnlich wie Kapitane und Valvassoren in Italien darin, dass erstere umfangreiches Eigengut an Grund und Boden besitzen, während letztere auf Verleihungen für ihre Dienste angewiesen sind. An Fürstenhöfen beginnen sich dann die Ministerialien dem Adel im Lebensstil und in den verfügbaren Geldmitteln anzugleichen.

 

Adelsherrschaft entwickelt sich auch dort, wo es Edelfreien gelingt, die Schutzfunktion über Kirche oder Kloster zu gewinnen. Der adelige Krieger kann sich dann als Vogt in einer schon vorhandenen Burg niederlassen, die Mittel von Kirche und Kloster für seine Zwecke nutzen, und von dort aus herrschaftliche Befugnisse über das zugestandene Maß erwerben. "Die Vogtei bot also vorzügliche Möglichkeiten der Herrschaftsbildung, ohne dass der Besitz der Güter oder der Hörigen dafür erforderlich war. Außerdem war die Vogtei ein Amt, das heißt, sie unterstand nicht der erbrechtlichen Teilung." (WeinfurterGeschichte, S.72)

Insofern war es für große Teile des Adels naheliegend, Kirchen- und Klosterreform zu unterstützen. Die alte Verfügungsgewalt des Eigentums an Kirchen und Klöstern wird ersetzt durch die neue über die materiellen Güter in Form von Herrschaftsrechten. (Siehe im Großkapitel 'Kirche und Welt' unter Klosterreform)

 

Im 11. Jahrhundert entwickelt sich in solchen Zusammenhängen auch unter den ländlichen Herren in deutschen Landen ein neuartiges Selbstbewusstsein und Selbstverständnis: Der sich entfaltende Stolz auf die eigene Abkunft mündet in Genealogien, Stammbäumen, und bei allen Erbteilungen beginnen sich "Linien" an Orten festzumachen: An der Burg, nach der man sich dann auch zu benennen beginnt, an der Kapelle oder Kirche und an dem Kloster, welches man gründet. Deutlicher als anderswo wird im Südwesten, wie solch neuartiger Adel sich durch Anschluss an Kirchen- und Klosterreform aus der Unterordnung unter König und Fürsten zu befreien sucht: Klöster werden nach den burgundischen und lothringischen Vorbildern in geistlicher Hinsicht der libertas Romana unterstellt und erhalten den Schutz der Vogtei durch die Adelsfamilie. (Siehe Genaueres in 'Kirche, Kloster und Welt'). Nur wohlhabende Herren können Klöster gründen und aufrechterhalten, was entsprechend Adelsstolz fördert. Bei aller Erbteilung wird die Einheit von nun namensgebender Stammburg, Kapelle/Kirche und Kloster dadurch erhalten, dass diese in einer männlichen Linie vererbt werden. Davon sich abspaltende Linien bei mehreren männlichen Erben müssen sich neu etablieren.

 

Frühe Erbauer steinerner Burgen werden die Normannen der Normandie und sie werden diese dann nach 1066 auch in England einführen.

 

In deutschen Landen beginnt adeliger Burgenbau im 10. Jahrhundert mit gehöftartigen Holzbauten mit hölzenen Palisaden. Später kommt ein Turm hinzu. Im Flachland entstehen vielleicht nach normannischem Vorbild Motten, befestigte und von Palisaden umgebene Turmhäuser auf künstlich aufgeschütteten Hügeln mit einer Vorburg als befestigtem Ort für Wirtschaftsgebäude. Im elften Jahrhundert kommen Fachwerkkonstruktionen dazu, später dann wird die Gebäudebasis ganz aus Stein errichtet. Wo möglich werden allerdings bald steinerne Höhenburgen vorgezogen.

 

Adel als Familienstatus ist ganz stark nach Reichtum und damit Macht geschichtet. Wo Dorfgemeinschaften entstehen, gibt es kleine Adelige, die dort neben den Bauern auf ihrem Herrenhof wohnen, solche, die es nur zu einer bescheidenen Burg mit wenig Herrschaftsfunktionen bringen und solche, die über mehrere Burgen mit ihren Herrschaftsbereichen verfügen und so manchmal zu weltlichem Hochadel aufsteigen, von denen es dann aber im 12. Jahrhundert nur wenige in den sich entwickelnden Fürstenstand schaffen.

 

Die vielfältigen Formen von Landleihen, die einen Teil der in der Praxis erblichen wirtschaftlichen Verfügungsmasse der Herren ausmachen, sind kaum schriftlich dokumentiert: Die Verleihung ist in der Regel ein mündlicher Akt. Dabei zeichnet sich laut Patzold in Flandern früher als anderswo im Norden "ein innerer Bezug zwischen Lehen und Vasallität" ab (Das Lehnswesen, S.58ff). In Texten taucht früher als sonstwo in deutschen Landen das feudum auf.

 

Ministeriale

 

Auf dem Weg ins hohe Mittelalter tritt im 11. Jahrhundert neben den Adel als Kriegerstand die Ministerialität, also die unfreie Dienstmannenschaft, nämlich dort, wo ihr trotz Unfreiheit das Waffentragen nicht nur zugestanden, sondern manchmal sogar auferlegt wird, ein ganz besonderes Novum vor allem für den deutschen Raum. Zuerst taucht sie unter diesem Begriff in bischöflichen Herrschaften auf und dann auch in weltlichen. Neben der Verwaltung im Herrschaftsbereich unterliegt ihr zunehmend auch dessen Verteidigung, weswegen der Ministeriale erst befestigte Türme auf Hügeln, auch künstlich aufgerichteten, für sich baut, und dann auch burgähnliche Gebäude, wobei er auch schon vorhandene Anlagen seiner Herren besetzt und verteidigt.

 

Diese Entwicklung betrifft nicht nur jene Herrschaften, denen das Waffentragen verboten ist, was jetzt zunehmend durchgesetzt wird, die kirchlichen also, sondern auch einen höheren Adel, der anfängt zu versuchen, sich ganze Territorien zusammenzuheiraten, zu erkaufen oder kriegerisch zu erstreiten. Er schafft sich seinen eigenen dienstbaren Kriegerstand und beginnt, je nach Vermögen, Adel nicht mehr nur kriegerisch, sondern immer mehr durch einen aristokratischen Lebensstil bestimmt zu sehen.

 

Die Ministerialen haben für den Fürsten den Vorteil, einseitig auf den Herrn verpflichtet zu sein im Unterschied zur wechselseitigen Verpflichtung in der Vasallität. Ein adeliger Vasall würde eher dazu tendieren, eine ihm übertragene Burg als ihm erblich zu eigen betrachten. Aber die Ministerialen werden darin später folgen.

 

Mit dem Eintritt in die militia verschwimmt der Unterschied zu den vasallischen milites nach und nach. Ministeriale sind nicht nur Burgmannen, also die Besatzungen von Adelsburgen, sondern erhalten selbst kleine Burgen bzw. bauen sie selbst. Als Burgherren wird dann der Übergang zum niederen Adel fließend. Schon Mitte des 11. Jahrhunderts beklagt Ekkehard von Aura, dass Minsteriale des Klosters St.Gallen dabei sind, wie Adelige mit Hunden auf die Jagd zu gehen. Mitte des 12. Jahrhunderts verschwimmt dann der Unterschied zum Adel bei den Mächtigeren unter ihnen, als sie beginnen, sich echte Lehen zuzulegen.

 

Ministerialität ging wohl aus der Schar jener Grundholden hervor, die direkt dem Herrenhof zugeordnet waren (Weinfurter) und zu besonderen Diensten herangezogen wurden, die dann in den Familien erblich werden.

 

Das Land in deutschen Landen

 

Im Unterschied zum familiengebundenen weltlichen Adel, dessen neuartige Herrschaft bei fehlender männlicher Nachkommenschaft immer vom Aussterben bedroht war, sind die adeligen Bischöfe aufgrund ihres Amtscharakters durch viel stärkere Kontinuität ausgezeichnet und zudem durch ihre Stadtbindung. Diese Urbanität bischöflicher Herrschaft drückte sich auch in einem dem weltlichen Adel vorausgehenden Effizienzdenken aus, welches das Wirtschaften (Erzielen von Einnahmen) und die Verwaltung gleichermaßen betraf. Dabei verwandeln sich die direkten klerikalen Untergebenen des Bischofs immer mehr in Beamte mit spezifischen Aufgaben.

Effizienz erscheint in den Urkunden in der zunehmenden Forderung nach Gehorsam (oboedientia) und in den übrigen Quellen als Klage über die zunehmende "Strenge" der bischöflichen Herren. In diesem Effizienzdenken treffen sich die klerikalen Herren mit dem Handel und dem Handwerk ihrer Städte.

 

Mit dem Ausbau der deutschen Bischofsstädte zu fürstlichen Residenzen im 11. Jahrhundert und ihrem neuen Geldbedarf wird gerade im ländlichen Bereich immer häufiger über die gnadenlose Strenge der bischöflichen Herren bzw. ihrer Bediensteten geklagt, wenn es diesen um Effizienz in der Produktion und damit um Steigerung ihrer Einkünfte geht. Bei Hagen Keller wird erwähnt, "Meinwerk von Paderborn soll, als Händler verkleidet, zu Bauernhäusern seiner Grundherrschaft gezogen sein; und wo er Gärten voller Unkraut sah, ließ er die Bauersfrau durch die Brennesseln und Dornen schleifen. "(Begrenzung S.128)

Über Benno II. von Osnabrück heißt es beim Abt von Iburg: Im Eintreiben der Zinsen, die alljährlich gefordert werden, war er bekanntlich ungemein streng. Nicht selten zwang er die Bauern durch eine Tracht Prügel, ihre Schuldigkeit zu tun. Aber das wird ihm jeder verzeihen und wie er für eine dringend notwendige Maßnahme erachten, der die Menschen dieses Landes und ihr eingefleischtes Grundlaster, ihre Treulosigkeit und Verschlagenheit, selber ertragen muss.

 

Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion und Produktivität geben den Bischöfen die Mittel in die Hand, ihre Städte auszubauen. Für den zweiten Benno von Osnabrück wird das bereits daran deutlich, dass er selbst ein intensives Studium von Ackerbau und Viehzucht betreibt und daraus ein neuartiges Rentabilitätsdenken entwickelt, in dem die Untertänigkeit in der Grundherrschaft sich an den Gewinnen zu messen beginnt, die sie hervorbringt. Ein sich nur langsam verändertes Wirtschaften geht Schritt für Schritt immer stärker in eines über, das sich jenem Fortschritt verschreibt, der Intensivierung und Beschleunigung heißt.

 

Technische Neuerungen wie das langsame Ersetzen des Ochsen durch das Zugpferd, der zunehmende Übergang vom Holz zum Metall bei den Geräten und damit verbunden der eiserne Räderpflug (carruca), der die Erdschollen umwendet und nicht nur anritzt, spielen eine große Rolle. Fördernd ist auch das wärmere Klima des 11. bis 13. Jahrhunderts, und zwar über die Expansion landwirtschaftlich genutzter Flächen hinein in Höhenlagen und die Intensivierung der Produktion, wodurch die Ernährung wachsender Städte gesichert wird.

In dieser Zeit verschwindet jedenfalls langsam in Mitteleuropa und in der Nordhälfte Frankreichs die sogenannte Villifikationsverfassung vom Land, die in Fronhof und Hufen abhängiger Bauern trennte, mit ihren Abgaben und Diensten und der Streusiedlung dieser Bauern. Im Süden des ehemaligen Galliens und insbesondere in England sind freie Bauern ohnehin noch häufiger. Im 12. und 13. Jahrhundert verschwinden dann in der Praxis die zu leistenden Dienste der Landbevölkerung und werden durch Geldzahlung abgelöst.

 

Das Ende dieser auf Selbstversorgung und Autarkie gerichteten Wirtschaftsweise löst nicht nur das Handwerk aus der Hofordnung und verstärkt eine Marktorientierung der landwirtschaftlichen Produktion, sondern setzt auch mit der Dreifelderwirtschaft und den drei Zelgen, in die die Ackerfluren nun geteilt werden,  die Entstehung von Dörfern als Siedlungen und Dorfgemeinschaften mit ihren Absprachen in Gang. In geringerem Umfang und Ausmaß beginnt hier eine ähnliche Entwicklung wie in den Städten. Der Gutsherr, der nun eher von Renten lebt, gelangt zu einem gehobeneren Lebensstil und die Dorfgemeinde kann gelegentlich einen ein wenig der Stadtkommune ähnlichen Rechtsstatus erhalten.

 

Im Laufe der Zeit stellen sich zwei Veränderungen ein: Die Frondienste werden stärker durch Geldzahlungen der abhängigen Bauern abgelöst, die entsprechend stärker auch für den Markt produzieren, wodurch sie an das Geld kommen. Zum anderen wird vom Herrn zunehmend Lohnarbeit eingesetzt. Eine dritte Veränderung wird die langsame Verringerung des ländlichen Handwerkes, da mehr Waren in der Stadt gekauft werden.

 

Was aber bleibt, sind zwei Formen von Gerichtsbarkeit, die der Herr ausübt: Zum einen die Leibgerichtsbarkeit über die abhängigen Bauern und Arbeiter, zum anderen die adelige lokale Gerichtsbarkeit, die sein Herrenrecht ist. Alles in allem wird der niedere Adel durch alle diese Vorgänge wirtschaftlich geschwächt werden. Die Ortsherrschaft durch Bann und Gerichtsbarkeit wiederum wird die Entstehung von Dörfern fördern.

 

Neben die Intensivierung der Produktion tritt die Ausdehnung der Nutzflächen. Naturlandschaft als Allgemeingut verschwindet zugunsten von privatisierter Kulturlandschaft. Darunter leiden die langsam etwas freier werdenden Bauern, soweit sie nicht direkt mitprofitieren, denn Naturlandschaft wurde bis dato von ihnen genutzt, für die Schweinemast, das Schlagen von Holz und vieles anderes. Im 13. Jahrhundert berichtet ein Mönch Conrad von dem, was um 1070 bei Innerzell in Bayern geschah:

Ein gewisser edler Graf von Kastll mit Namen Hermann ging mit seinen Knechten und Bauern über die Bewirtschaftung seines väterlichen Erbes von Willing hinaus in den freien Wald des Ortes, den man damals Helingerswenga nannte und heute innerzell, und bemächtigte sich seiner für sich und seine Gemahlin, die Gräfin Hazig guten Angedenkens wie es damals üblich war und immer noch ist, sich eines gemeinsamen Waldes (d.h. "Ödlandes") ausgehend von der Bewirtschaftung des Erbes zu bemächtigen. Er ließ es in seine Herrschaft übergehen (…) so wie es die Leute taten, das heißt, indem er die Bäume fällte, abbrannte, und durch Häuserbau, so dass er es nach drei Tagen auf diese Weise schaffte, damit sein Eigentumsrecht herzustellen. (in Audebert/Treffort, S.46)

 

Die Parzellierung nicht nur eines Teiles der Welt, sondern nunmehr ihrer Gesamtheit in Privateigentum setzt ein und wird für große Teile des lateinischen Abendlandes in wenigen Jahrhunderten bereits abgeschlossen sein. In der Zeit der Entstehung des Kapitalismus wird so die freie Verfügbarkeit von Lebensraum beendet: Wer nun ohne Grundeigentum oder ersatzweise hinreichend viel Geld ist, wird arm werden, Bettler, Almosenempfänger, Lohnarbeiter. 

 

Das Land in England

 

England besteht bereits im 10. Jahrhundert im wesentlichen aus genutzter bis vernutzter Landschaft. Was nicht Acker und Weide geworden ist, ist in vielerlei Form genutztes Waldland. Am Ende des Jahrhunderts sind die Bären ausgerottet und Wölfe und Biber haben sich in sehr entlegene Gegenden zurückgezogen. Die Könige und die Magnaten beginnen, immer mehr Wald- und Weideland für ihre Jagden in Parkland zu verwandeln, woraus dann nach der normannischen Eroberung die königlichen "Forsten" (forests) werden.

Die Landwirtschaft produziert zumindest Überschüsse für Abgaben an den Herrscher wie das geld, den Zehnten für die Kirche und die direkten Herren, darüber hinaus im 11. Jahrhundert auch schon für den Markt, zumindest was tierische Produkte angeht, denn viele der Abgaben werden inzwischen in Bargeld entrichtet (Dyer, S.39). Geld wird wohl auch mit Nebenbeschäftigungen erwirtschaftet, manchmal mit Fischerei, Holzfällen, Holztransport und in Steinbrüchen. Andererseits erwerben Bauern auf dem Markt Handmühlen und eiserne Agrargeräte.

 

In einem breiten Streifen vom östlichen Schottland, Northumberland, die Midlands und dann bis Dorset und Hampshire beginnt bereits im 10. Jahrhundert das Zusammensiedeln von Bauern (ceorl, gebur) in Dörfern von zwischen zwölf und sechzig Haushalten, welches bis ins 12. Jahrhundert anhält (Dyer, S.19). Die Dörfer wirken geplant mit gleich großen Hofgrundstücken entlang einer Straße.

Grund ist wohl die gemeinsame Organisation von Feldfluren mit ihren Ackerstreifen und von Weide und Wald in gemeinsamer Nutzung, und das weist darauf hin, dass der Kern der Landwirtschaft hier Ackerbau (Getreide, Bohnen, Erbsen) ist. Wenn Bauern eines Dorfes in der Abhängigkeit mehrerer manors mit ihren Herren stehen, bilden die dennoch eine Gemeinschaft zur Regelung vieler interner Angelegenheiten.

Gemeinschaftsbildend wirkt die ländliche Pfarrei, denn die Herren lassen nahe der Dörfer und noch näher bei ihrem manor house jeweils eine Kirche bauen, was Handwerk auch auf dem Lande fördert: Steinmetze, Zimmerleute, Kunsthandwerker. Vornehmere südenglische Herren lassen wertvollen Stein sogar von der Isle of Wight kommen oder aus der Gegend von Caen.

 

Die Erträge dürften wie auf dem Kontinent gering gewesen sein, selbst die Nutztiere sind noch viel kleiner als heute, - ein Schaf wiegt nur die Hälfte eines heutigen.

 

Nachdem bis ins 10. Jahrhundert hin alles Land aufgeteilt ist, kann man sehr große und sehr kleine Grundbesitze (estates aus manors) unterscheiden.Darin arbeitet eine halbe Million bäuerliche Haushalte für einige tausend der edlen Kriegerschaft. An deren Spitze steht der König, darunter ealdormen wie in Hampshire Aelfheah, in dessen Testament von etwa 970 große Grundbesitzungen in mehr als sechs shires vorhanden sind, die über 700  hides (also kleine Weiler) umfassen. darunter stehen die, welche gelegentlich als proceres bezeichnet werden, wohlhabende Vornehme also, die wenigstens 40 hides besitzen und von denen es im 11. Jahrhundert fast hundert gibt. (Dyer, S.74) Solche großen Herren besitzen erhebliche Gelder und Schätze, ein Ealdorman vergibt um 980 zum Beispiel in seinem Testament Gold und Geld für mehrere hundert Pfund. Diese Herren haben feudale Häuser mit großen Hallen für festliche Empfänge, Silbergeschirr und kostbare Waffen und Rüstungen. Ihre Gebäude umgeben sie meist mit Wall, Holzpalisaden und Graben, aber eigentliche Burgen bauen sie ähnlich wie oft in deutschen Landen noch nicht.

Große Herren sind natürlich auch die Bischöfe und die größeren Klöster, die schon mal über 300 hides besitzen.

 

Die kleineren Herren, mehr als 4000 thegns, hatten direkt mit Sklaven und unfreien Bauern bewirtschaftetes Land des Herrenhofes, und daneben solches, welches eher persönliche Freie auf Einheiten, die der ursprünglichen Bedeutung von hides entsprechen, gegen (Natural)Abgaben vor allem bewirtschafteten. Wenigstens fünf hides sollte ein solches Anwesen umfassen.

Solche klein"adelige" Güter sollten den Herrn mit einem Schlachtross, Rüstung, Waffen und gutem Tuch ausstatten, welche seinen edlen Status demonstrieren. Solche Herren stehen für Waffendienste, Verwaltung und Gerichte dem König und oft auch größeren Lords zur Verfügung. Früh"feudale" Verpflichtungen im Ereignisfall (Todfall etc.) werden bereits in Geld bezahlt.

Kleinere Herren sind auch die in Minstern zusammenlebenden Geistlichen, die manchmal verheiratet und recht begütert sind und manchmal sogar mehrere Höfe besitzen.

 

Urbare geistlicher Herrn und von Klöstern, wie es sie auf dem Kontinent gibt, fehlen. Besonders aus den überlieferten Käufen von Klöstern wissen wir, das es bereits einen Markt für Land gibt, auf dem Ländereien gegen Geld ge- und verkauft werden. Geld spielt auch eine Rolle im Umfeld der noch kleinen Städte. "...the 800 inhabitants of a town of modest size would eat and drink der produce of 1000 acres of arable land, and over a large area would generate demand for livestock and wool." (Dye, S.35)

 

Während die Sklaverei am Ende des 11. Jahrhunderts fast verschwunden ist, blüht sie am Anfang noch, als selbst geringere estates 10 bis 30 Sklaven haben, denen es allerdings besser geht als in früheren Zeiten. Viele steigen von dort in die Situation rechtlich unfreier Bauern auf, in die einzelne Freie wohl auch unter Druck der Herren absinken. Diese unfreien Bauern, die nach der normannischen Eroberung dann villeins heißen werden, sind vor allem dadurch gekennzeichnet, dass sie einen stattlichen Teil ihrer Arbeitszeit auf dem Herrenhof verbringen müssen. Sie unterliegen der Gerichtsbarkeit des Herrn des manors.

Auf dem Herrenhof arbeiten müssen auch die rechtlich freien Bauern, aber sie unterstehen wenigstens der öffentlicheren Gerichtsbarkeit der Hundert (hundreds). Darüber stehen rechtlich freie Bauern mit größeren Ackerflächen, die nicht auf dem Herrenhof ackern müssen, ihm aber sonstige Dienste zu leisten haben.

 

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Im Unterschied zum Kontinent gibt es dank des von Wilhelm "dem Eroberer" kurz vor 1086 in Auftrag gegebenen Domesday Books einen wenn auch groben und der Interpretation etwas offenen Überblick über das Land. Danach gibt es zwischen 5000 und 10 000 Familien von Herren, geschätzte 25 000 städtische Familien, und die alle werden von rund 270 000 Bauernfamilien, von im Domeday Book erwähnten etwa 28 000 Sklaven und zudem von an den Herrenhof gebundenen Landarbeitern ernährt.

 

Die normannischen Eroberer sind Krieger und Herren und zu fein für (produktive) Arbeit. Entsprechend bleibt die ganze ländliche Produzentenschicht angelsächsisch, und das heißt, unter den neuen Herren bestehen.

 

Zwei Arten von Grundherrschaft herrschen vor. In der Mitte und fast überall im  Südens des Landes ist ein großer Teil der kultivierten Fläche direkt in der Hand eines Herrenhofes (demesne, die Domäne) und wird oft an wenigstens zwei Tagen die Woche von abhängigen, aber rechtlich freien villeins (Dörflern) mit ungefähr 15 acres Land und Häuslern (bordars/cottagers) mit weniger als 5 acres bewirtschaftet, die ansonsten ihr vom Herrn zugeteiltes Land und die Allmende bewirtschaften. Zusammen mit den Sklaven, die durchschnittlich noch vielleicht 10% der ländlichen Bevölkerung ausmachen, bildet der ganze Komplex ein kleines Dorf (manor oder village), welches gemeinschaftlich Zwei- oder schon Dreifelderwirtschaft betreibt.

Eine solcher manor, der zugleich ein Dorf beinhaltet, ist Pinbury nördlich von Cirencester, welches Wilhelm der Eroberer Nonnen von Caen schenkt. Im Domesday Book heißt es: Es gibt 3 hides. In der demesne gibt es 3 Pflüge. 8 villeins und ein Schmied mit 3 Pflügen. Es gibt 9 Sklaven. Eine Mühle, die 40 Silberpfennige einbringt. Das Ganze war und ist 4 Pfund (Einkünfte) wert. Dreißig Jahre später werden noch 17 Rinder, ein Pferd, 122 Schafe und 10 Schweine erwähnt. (in: Dyer, S.92) Die vier Pfund werden wohl aus Verkäufen auf dem Markt realisiert und dann so nach Caen geschickt.

Mit dem nicht erwähnten Priester und seiner möglichen Familie bedeutet das ein Dorf von rund 80-90 Einwohnern, wobei die villeins ca. 35 acres jeweils bearbeiten, zusammen weniger als das Domänenland, aber für jeden einzelnen und seine Familie reichlich genug zum Leben. Dazu braucht jede Familie noch Zugang zu mehreren acres Waldland für Heizung und Kochen.

 

In Kent, dem Nordosten und Norden ist das Land des Herrenhofes viel kleiner und umgeben von winzigen Weilern, wo die an den Herrn gebundenen, aber persönlich viel freieren Bauern leben, die kaum Fronarbeit leisten, sondern im wesentlichen Abgaben in Naturalien und zunehmend auch in Geld zahlen. Der Herr ist Gerichtsherr in diesem Gebiet (soke) und die Bauern sind seine sokemen. Sie und andere relativ freie Bauern machen im 11. Jahrhundert vielleicht 15% der bäuerlichen Bevölkerung aus. Bischöflicher Großgrundbesitz kann 50 oder mehr solcher manors mit ihren Bauern in mehreren Grafschaften (counties/shires) umfassen. Sehr mächtige Familien von Earls können wiederum ein Mehrfaches davon zusammenraffen.

 

Während der größte Teil des urbar gemachten Landes in England Ackerland für den Weizenanbau vor allem ist, wird in den Niederungen von Wales und Schottland eher Hafer angebaut und die Höhenlagen sind der Viehzucht und Waldbewirtschaftung überlassen.

 

Den Quellen ist zu entnehmen, dass nach der normannischen Eroberung die Zahl freier angelsächsischer Bauern abnimmt. Die Bevölkerung insgesamt nimmt aber  im 11. Jahrhundert auch in England zu, und Landgewinnung ist nur in einigen Gegenden noch möglich, wie die Entwässerung der Romney Marsh oder der Fens von East Anglia. Der übriggebliebene Wald wird durch königliche Gesetzgebung bald immer mehr der Bewirtschaftung und Rodung entzogen. Durch Teilung nimmt die Zahl der Kleinbauern (später: smallholders) immer mehr zu, von denen sehr viele überhaupt kein Großvieh über vielleicht Hühner hinaus haben, sich Zugvieh leihen müssen und von Brot und Getreidebrei vor allem leben. 

Diese Leute benötigen ein Zubrot durch Lohnarbeit auf der Domäne bzw. für wohlhabendere Nachbarn oder durch handwerkliche Nebentätigkeiten und werden dadurch in den Markt integriert, dass sie selbst Lebensmittel zukaufen müssen, so wie vor allem auch die Städter, selbst wenn einige noch Land vor oder in der Stadt haben.

 

Überhaupt sind am Ende des Jahrhunderts etwa 10% der englischen Bevölkerung Stadtbewohner, und die Masse von ihnen muss durch das Land miternährt werden, was bedeutet, dass dieses genug produziert, um regelmäßige Überschüsse in die Städte zu verkaufen.

 

 

Fürstliche Dynastiebildung im 11. Jh: Die Welfen

 

Als im Mittelhochdeutschen des Hochmittelalters das Wort Fürst auftaucht, beginnt es den lateinischen princeps zu ersetzen. Beides bezeichnet ursprünglich den Vordersten, Ersten (englisch. first), und dann auch den Vornehmsten. Kurz darauf wird in der altfranzösischen Volkssprache aus dem princeps der prince, der dann im 13. Jahrhundert auch im Deutschen als Prinz auftaucht und immer deutlicher den Abkömmling eines Fürsten benennt.

In den Nachfolgereichen des Imperium Romanum ging der princeps-Titel vom Kaiser auf die Könige über, bezieht dann aber jeden ein, der sich zu Herrschaft und Machtausübung in seinem Bereich aufschwingt. Im westlichen wie östlichen Nachfolge-Reich Karls d.Gr. ist der princeps derjenige, der einen zunehmend erblichen Herrschaftsbereich innehat, also unterhalb oder neben den Königen und über dem einfachen Adel eine Macht ausübende Dynastie bildet.

 

Den Fürsten als Begriff gibt es so weder im Englischen noch in den romanischen Sprachen, was die zwischensprachliche Kommunikation heute erschwert. Im 11. Jahrhundert ist er darüber noch nicht formal eingeengt und bezeichnet so alle Großen des Reiches von den Grafen aufwärts. Er bezeichnet also Leute mit Amts- und Herrschaftsfunktionen in einem klar benannten Raum, insbesondere Bischöfe und Herzöge wie den bayrischen, auch wenn die Besitz- und Rechtsverhältnisse zunächst zersplittert sind und zudem Streubesitz anderswo beinhalten. Zudem unterstehen diese Leute oft unmittelbar Königen, soweit sie es nicht selber sind.

 

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Zu Beginn des elften Jahrhunderts taucht ein Welf (II.) auf, der eine Tochter des hochadeligen Grafen von Luxemburg heiratet und dabei ein Gut bei Augsburg erwirbt. Fassbarer wird er, als er sich 1025 während des Italienzuges von König Konrad II. dem Aufstand des Schwabenherzoges Ernst anschließt. Dazu heißt es bei Wipo in dem Tatenbericht über den König: 

Ein gewisser Graf Welf in Schwaben, reich an Gütern und waffenstark, und Bischof Bruno von Augsburg hatten sich gegenseitig bekämpft und viel Übles durch Plündern und Brandschatzen im Reich angerichtet. Endlich drang der Graf in Augsburg ein, plünderte das Schatzhaus des Bischofs und verwüstete die ganze Stadt. Auf Druck des Kaisers erstattete er dem Bischof später alles zurück und entschädigte ihn. (in Schneidmüller, S.122)

 

Als Teil der königlichen Bestrafung wird Welf seine Grafschaft in Südtirol entzogen und dem Bischof von Brixen gegeben. Andererseits kann er seine Tochter Kuniza (Kunigunde) mit dem Markgrafen Albert Azzo II. aus jener Familie verheiratet, die sich später Este nennen wird, und die in ganz Norditalien große Besitzungen hat. 1030 wird Welf in Altdorf begraben.

 

Konrad von Burgund kann sein Reich gegen Westfranken bis ins Rhônetal um Lyon und Vienne ausdehnen. Mit dem Tod des kinderlosen Rudolfs III. 1032 erlischt das welfische Königshaus in Burgund und wird dann in wenigen Jahren von Kaiser Konrad II. für seinen Sohn Heinrich III. erobert.

 

Von der weitverzweigten Welfenfamilie ist nur noch der deutsche Zweig vorhanden, der jetzt rasch Karriere macht. Aus Kärnten waren inzwischen die Krain, Istrien und die spätere Steiermark abgetrennt worden und der König hatte das nur noch wenig bedeutende Herzogtum bis 1047 in seiner Hand behalten, um es nun für seine Unterstützung an den Welfen zu übertragen. 

1055 dann zieht er mit Heinrich III. nach Italien, wo es offenbar in Roncaglia zu einem Zerwürfnis kommt. Jedenfalls reist er mit seinem Gefolge zurück und beginnt einen Aufstand zusammen mit dem Regensburger Bischof. Kurz nach dessen Niederschlagung stirbt er relativ jung und kinderlos und vermacht zuvor seinen ganzen Besitz mit den Ministerialen dem Kloster Altdorf, wo er auch bestattet wird (Historia Welforum). 

 

Witwe Irmentrud erinnert sich an einen Enkel in Italien und Albert Azzo II. entlässt ihn nach Deutschland, wodurch eine "welfische" Erbfolge gesichert wird. Welf IV. setzt sich mit Großmutter durch gegen das welfische Hauskloster, welches 1156 nach Weingarten verlegt wird.

 

Die weitere Welfengeschichte ist eingebettet in die zunehmende Teilhabe von noch an Stammes-Regna orientierten Fürstenhäusern am Reich, die zu den Konfliktstrukturen gehört, an denen Kaiser Heinrich IV. scheitern wird. Es beginnt damit, dass Welf IV. die Tochter Ottos von Northeim Ethelinde heiratet, jenes Ottos, der 1161 die bayrische Herzogswürde erhält. 1070 wird Otto der Planung des Königsmordes beschuldigt und abgesetzt.

 

In Frutolfs Weltchronik liest sich das sehr anschaulich so: Herzog Otto (…) war (…) ein Mann von reichstem Adel. And Klugheit und kriegerischer Tüchtigkeit waren ihm nur sehr wenige zu vergleichen. Da kam  ein gewisser Egino - er war von weniger vornehmer Geburt und kaum begütert, nur wegen seiner Frechheit und Nichtswürdigkeit unrühmlich bekannt - und verleumdete Otto. Dieser, der Vornehmste wollte nicht mit dem Unedlen -  kämpfen (…) Welf wiederum war ein vornehmer sowie kluger wie kriegerischer Mann,  (siehe Großkapitel Salier) Vornehme Geburt ist Adel, der besonders edel ist, wenn er mit Reichtum versehen ist. Dazu gehören außerdem kriegerische Haltung und Klugheit, die wohl auch miteinander verbunden sind.

 

Welf verstößt Ethelinde. Lampert von Hersfeld sieht das so: Zunächst versagte er ihm die Hilfe, um die er ihn in seiner Not bat. Dann schloss er seine Tochter von den Umarmungen und der Gemeinschaft des Ehebettes aus und schickte sie ihrem Vater zurück. Und schließlich richtete er sein ganzes Bemühen darauf, dessen Herzogtum in seine Hände zu bekommen, ohne Rücksicht darauf, wie viele seiner Einkünfte und Besitzungen er verschleudern musste, wenn er nur erreichte, was er wünschte. (Lampert,... )

Mit dem Herzogtum kommt 1070 dann der nächst dem König höchste Titel zu Adel, Reichtum, Kriegertum und Klugheit. Unter den Raubtieren ist der geschickteste Löwe das größte. In der Historia Welforum lautet das natürlich anders: Denn er war ein Mann, tüchtig im Kampf, klug im Rat, im Rechtsstreit wie in schiedlicher Verhandlung gleichermaßen hervorstechend.

 

Zunächst manifestierte sich sein Aufstieg in der Heirat mit der flämischen Grafentochter Judith, Witwe des englischen Kronprätendenten Tostig, die die Familiengeschichte der Welfen später in eine Königin verwandeln wird. Zur Klugheit des Welfen gehört es, den Kaiser zunächst in den Kriegen gegen die Sachsen zu unterstützen, dann aber wie Albert Azzo auf Papst Gregor VII. zu setzen.

 

Nachdem Kaiser Heinrich aus Canossa zurückgekehrt ist, setzt er Rudolf und Welf ab. In Schwaben müssen die Staufer nun mit den Anhängern Rudolfs, den Zähringern und den Welfen auseinandersetzen, in Bayern wird jahrelang zwischen Anhängern des Welfen und des Saliers bei zum Teil massiven Verwüstungen gekämpft.  Rund fünfzehn Jahre bleibt alleine die Stadt Augsburg umkämpft und wird dabei mehrmals verwüstet und ausgeraubt, woran die edlen Herren beider Seiten ihr Militär beteiligen.

 

Parallel zum weltlichen Streit um die gerechte Reichsordnung reihen sich die Welfen auch in Kirchen- und Klosterreform ein. Weingarten wird von Hirsau aus reformiert und am Ende dem Papst unterstellt. Es wird reichlich mit Schätzen beschenkt. Rottenbuch wird in ein Augustiner-Chorherrenstift umgewandelt, wo dann Manegold von Lautenbach neun Jahre als Dekan weilt. 

 

1089 wird der Sohn Welf (V.) mit der viel älteren Mathilde von Canossa/Tuscien vermählt, Die Ehe wird 1095 beendet und Albert Azzo vermittelt die Aussöhnung mit Heinrich IV. Bald darauf erhält Welf IV. das Herzogtum Bayern zurück. 1101 bricht der alte Welfe zusammen mit bayrischen Bischöfen zum Kreuzug auf, der militärisch scheitert, aber den Alten nach Jerusalem bringt. Er stirbt auf dem Rückweg auf Zypern.

 

Gegen Ende des 11. Jahrhunderts beruht die Macht der Welfen einmal auf Besitz und Rechten in Teilen Schwabens und dem Westen Bayerns, zum anderen auf ihrem bayrischen Herzogsamt. Nach und nach ist es ihnen gelungen, direktere Herrschaft auch auf den östlichen Teil Bayern auszudehnen.

1101 folgt Welf V. seinem Vater unangefochten. Da er aufgrund seiner nie offiziell gelösten Ehe mit Mathilde von Tuscien/Canossa kinderlos bleibt, fällt seinem Bruder Heinrich, der viel später "der Schwarze" genannt wird, die Aufgabe der Erzeugung von Nachkommenschaft zu. Der fünfte Welf als Chef seines "Hauses" erweist sich als Gefolgsmann seines Königs und Kaisers und kann so seinen eigenen Herrschaftsraum befestigen. Als Heinrich V. in Rom überfallartig vom Papst eine Lösung des kaiserlich-päpstlichen Dauerkonfliktes erzwingt, ist er ebenfalls auf kaiserlicher Seite dabei. In der 'Historia Welforum' wird das folgendermaßen beschönigt: Mit Kaiser Heinrich V. war er in Rom, als dieser Papst Paschalis gefangen nahm, freilich war er unschuldig an diesem Verbrechen. Nach dem Tod Mathildes zieht Heinrich mit Heinrich V. nach Italien und sieht zu, wie der Salier das Erbe für sich einfordert.

 

 

Die welfische Herrschaft in Bayern wird einerseits durch Burgenbau und Förderung der Kirchenreform verstärkt, andererseits durch die Bindung des bayrischen Adels an den Herzog und seinen sich ausbildenden Hof.

 

Als das Herzogtum Sachsen 1106 an den Supplinburger fiel, gingen die billungischen Familiengüter an die Erbtöchter Wulfhild und Eilika, wobei Heinrich der Schwarze die erstere heiratet und ein Askanier die zweite. Die Töchter der beiden wiederum werden in ein Netzwerk der Macht eingegliedert: Judith heiratet den Herzog Friedrich II. von Schwaben und wird Mutter Barbarossas.

 

Anfänge geistlichen Fürstentums

 

Zwei Besonderheiten zeichnen die Bistümer aus: Sie sind unteilbar, da es ohnehin keine Erbfolge gibt, und sie umfassen ein stabiles,vordefiniertes Gebiet, auch wenn dieses ein Flickenteppich von Besitztümern, Herrschaften und Rechten ist. Bischöfe sind dabei nicht nur geistliche Herren, sondern zugleich auch immer weltliche, wie dann auf dem Weg zum sogenannten Wormser Konkordat auch förmlich festgestellt wird.

 

Schon in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts beginnt in deutschen Landen die Strukturierung von Diözesen in neuartige Fürstentümer. Der geistliche Machtbereich wird in Archidiakonate aufgeteilt und die Pfarreien werden ausgebaut. Die Bischöfe operieren mit einer eigenen Ministerialität für Verwaltung und militärische Auseinandersetzungen. Auf Klöster und Kanonikerstifte wird stärker zur Machtausübung zurückgegriffen. Stifte werden reformiert und Mitglieder des Domkapitels werden dort zu Pröpsten hinbestellt. Konflikte sind dabei vorprogrammiert, und nicht nur mit den Menschen vor Ort, sondern mit dem weltlichen Vogt und jenen Herren nebenan, mit denen Bischöfe konkurrieren. 

Ziel ist, wie Ehlers für den Salzburger Erzbischof schreibt, "dass nichts und niemand außerhalb der episkopalen Jurisdiktionsgewalt bleiben sollte, exemte Klöster und Stifte geradezu als systemwidrig erscheinen mussten." (EhlersOtto, S.143) 

Dazu kommt dann, wie beim Freisinger Bischof, das alleinige Münzrecht in der Diözese, das Monopol auf einen Jahrmarkt in der Stadt Freising und das Verbot an andere, neue Märkte zu gründen.

 

Musterbeispiele auf dem Weg zur Territorialisierung sind kurz nach der Mitte des 11. Jahrhunderts die Erzbischöfe Anno von Köln und Adalbert von Hamburg/Bremen, die beide auch die Unmündigkeit Heinrichs IV. für ihre Zwecke ausnutzen.

 

Während das um 1080 entstandene Annolied einen ebenso mächtigen wie würdigen Erzbischof beschreibt, (Am königlichen Hof war seine Macht so groß /Dass alle Reichsfürsten ihre Sitze unter ihm hatten / Im Dienst für Gott verhielt er sich so / Als wäre er ein Engel), heißt es im Sinne seines baldigen Kontrahenten, des Erzbischofs Adalbert von Hamburg/Bremen in der Kirchengeschichte des Adam von Bremen: Der Kölner, den man der Habsucht zieh, verwandte alles, was er zu Hause und bei Hof erraffen konnte, zum Schmuck seiner Kirche. Sie war zuvor schon groß gewesen, er machte sie aber so bedeutend, dass sie über jeden Vergleich mit einer anderen Kirche des Reiches erhaben war. Auch beförderte er seine Verwandten, Freunde und Kappelläne und überhäufte sie alle mit den höchsten Würden und Rängen.

 

Es handelte sich darum, dass der Kölner Kirchenfürst im Streit mit dem ezzonischen Pfalzgrafen dabei war, sich zum einzigen Machtzentrum eines zu schaffenden Territorium zu erheben, in dessen Mittelpunkt die wohl größte Stadt der deutschen Lande lag. Dabei machte er den Adel zu lehnsabhängigen Vasallen, fasste die Pröpste der Stifte in und um Köln zu einem Priorenkollegium zusammen, über das er ebenfalls den Adel kontrollieren konnte und nutzte zudem die Kirchenreform für seine Zwecke. (WeinfurterGeschichte, S. 105ff) Verwandte und Freunde werden überall wo möglich eingesetzt (Adam von Bremen). Dazu gehört sein Bruder Werner, den er in Magdeburg durchsetzt, während er es nicht schafft, seinen Neffen Konrad gegen den Trierer Domklerus einzusetzen, der ermordet und durch einen Nellenburger ersetzt wird.

 

Er war ein typischer Aufsteiger aus einfachen edelfreien Verhältnissen in Schwaben, ging nach Bamberg und Paderborn, gelangte unter Kaiser Heinrich III. in die Hofkapelle und dort in die Kanzlei. 1054 macht Heinrich ihn zum Propst von St. Simon und Juda in Goslar, 1056 wird er Erzbischof von Köln und Erzkanzler für Italien.

 

Ganz ähnlich wie Anno versucht Adalbert, sich ein möglichst geschlossenes Nordsee-Territorium mit Ambitionen darüber hinaus anzueignen, wofür er laut Adam auch viel Geld einsetzt. Ab 1063 stärker an den Hof gelangt, versucht er zu diesem Zweck, sich mit Unterstützung des minderjährigen Heinrichs durchzusetzen. Die langsam Territorien schaffenden Fürsten nutzen die Gunst der Stunde, um das Königtum/Kaisertum zu schwächen. Adalbert gewinnt inzwischen immer mehr die Oberhand bei Hofe, einigt sich dann aber mit Anno.

 

Lampert berichtet: Diese beiden herrschten an Stelle des Königs, von ihnen wurden Bistümer und Abteien, von ihnen wurde alles, was es an kirchlichen, was es an weltlichen Würden gibt, gekauft (...) Gegen Äbte (...) übten sie ihre Raubzüge mit völliger Hemmungslosigkeit (...) Sie machten einen Angriff auf die Klöster und teilten sie unter sich wie Provinzen (...) So nahm der Bremer Erzbischof zwei Abteien in Besitz, Lorsch und Corvey, und behauptete, das sei die Belohnung für seine Ergebenheit und Treue gegenüber dem König. Damit es aber nicht Missgunst unter den übrigen Reichsfürsten erwecke, gab er mit Einwilligung des Königs dem Erzbischof von Köln zwei, Malmedy und Kornelimünster, dem Erzbischof von Mainz eine, Seligenstadt, dem Herzog von Bayern eine, Altaich, und dem Herzog Rudolf von Schwaben eine, Kempten. (zu 1063). 1066 wird der König einen Teil der gegen den Widerstand der Klöster und Bischöfe gemachten Übertragungen wieder rückgängig machen.

 

Der geistliche Adels- und Fürstenhof unterscheidet sich dabei in der Lebensführung nicht wesentlich vom weltlichen, werden doch die höheren geistlichen Ämter nach Kirchenreform und Investiturstreit einer immer weitergehenden Verweltlichung ausgesetzt.

 

Ein bischöflicher Musterfall ist Erbischof Adalbert von Mainz aus Saarbrücker Grafenhaus, der die Endphase des Investiturstreites dafür nutzt, sowohl für die Familie wie für das Bistum Territorialpolitik zu betreiben. Im Streit mit dem Kaiser um die Burg Trifels wird er 1112 von diesem gefangen genommen, den er selbst als seinen ehemaligen Kanzler eingesetzt hatte. Wir haben sie (die befestigten Orte) ihm leihweise zu treuen Händen überlassen, aber nicht übereignet, aber er nimmt sie in seinen Besitz. Das Erbe unserer Väter, Länder der Kirchen, Besitzungen des Reiches, ja sogar alle linksrheinischen Königsrechte, Rechte der Bistümer und Abteien nimmt er für sich in Anspruch. (in Weinfurter, Geschichte, S.151) 1115 zwingen die Mäinzer Bürger ihn, ihren Bischof wieder freizulassen. Sie stehen allerdings unter der Führung der bischöflichen Verwaltung mit dem Vogt an der Spitze. Kaum ist er wieder frei, tritt er als Führer der antikaiserlichen Opposition auf.

1116-18 ist Heinrich V. zum zweiten Mal in Italien und überlässt die Geschäfte im Norden den Staufern. Mit diesen werden nun Kämpfe um das Gebiet zwischen dem südlichen Hunsrück und dem Elsass ausgetragen. Bis 1117 hat Adalbert sich in seiner Diözese in Zusammenarbeit mit seinen Bürgern gegen Friedrich II. von Schwaben durchgesetzt und betreibt darauf wieder Famlieninteressen im angrenzenden salischen Raum. Im Juli 1118 setzt er mit dem päpstlichen Legaten die Exkommunikation des Kaisers und seines Gegenpapstes durch. In dieser Zeit erobert er dann sogar die staufische Burg Oppenheim. Zum Dank gibt Adalbert seinen Bürgern ein großes Stadtprivileg, etwas, was bislang Königsrecht war. Als Heinrich 1121 gegen Mainz anrückt, sammelt sich ein Heer, um die Stadt und das Erzbistum zu schützen. 1122 befestigt er ohne königliche Einwilligung die Siedlung Aschaffenburg  Als der Kaiser sie darauf angreifen will, halten ihn die päpstlichen Legaten zurück.(Büttner in: Investiturstreit, S.395ff)