Dhuodas Text

 

804 Wilhelm von Aquitanien zieht sich ins Kloster Gellone zurück

814 Tod Karls d.Gr. Nachfolger Ludwig der Fromme

817 Ordinatio imperii

819 Kaiser Ludwig heiratet Judith

824 Heirat von Bernhard und Dhuoda in Aachen

827 Bernhard camerarius in Aachen

831 Reichsteilung zugunsten von Karl

832 Aufstand der drei erstgeborenen Söhne gegen den Vater

838/9 Tod Pippins, Karl wird volljährig

840 Tod Kaiser Ludwigs

841 Sieg von Ludwig und Karl gegen Lothar bei Fontenoy

841-3 'Liber Manualis'

842 Straßburger Eide

843 Dreiteilungs-Vertrag von Verdun

 

 

1. Eine Familie in stürmischen Zeiten


Nachdem das römische Imperium mit seiner zentral gelenkten Zivilisation zerbrochen war, wurde das Frankenreich zur neuen Ordnungsmacht im Westteil der Christenheit. Es war in aggressiven Eroberungskriegen entstanden und es wird nun zerfallen, als dieser Expansionsdrang an seine Grenzen stößt.


An diesen Grenzen befinden sich (zunächst noch) „heidnische“ Skandinavier, ebenso heidnische Slawen, von Osten werden bald Ungarn, „Awaren“ eindringen, von vielen als Nachfolger der Hunnen betrachtet. Dann ist da die umkämpfte Grenze zwischen dem fränkischen und langobardischen Teil Italiens, dem byzantinischen Teil auf der anderen Seite, und dem Süden, den Muslime aus Nordafrika kontrollieren, die außerdem ständig die ganze lateinische Mittelmeerküste bedrohen und sich an einzélnen Punkten dort niederlassen, nachdem sie schon den größten Teil der iberischen Halbinsel erobert hatten. 841, als Dhuoda sich an ihr Buch macht, segeln muslimische Piraten die Rhone aufwärts und plündern Arles, nicht weit von Dhuodas Uzès entfernt (Thiébaux, Dhuoda, S.2)


Parallel dazu wird Byzanz von den Bulgaren und dem Islam in die Zange genommen. Der Aufstieg des Okzidents fällt mit dem Abstieg seines Orients zusammen.


Zur muslimischen Piraterie und Räuberei im Süden gesellt sich im Norden zunehmend die der aus Skandinavien stammenden Wikinger (wörtlich: Piraten), der Nordmänner, die allmählich beginnen, sich an den englischen und irischen Küsten sowie am Nordrand des Frankenreiches festzusetzen, um von dort aus ihre Raubzüge bis ins Zentrum des Reiches durchzuführen. Aus Ruderbooten waren inzwischen schnelle und wendige Segelboote geworden, denen Franken, Sachsen und Angelsachsen wenig entgegenzusetzen hatten.

 

Als Dhuoda ihr Buch zu schreiben beginnt, fahren sie gerade Seine-aufwärts und plündern, zerstören und töten in Rouen. Um Angst und Schrecken abzuwenden, werden die Raubzüge von einer Gegend durch gigantische Lösegeldzahlungen in eine andere Gegend hin abgelenkt, und diese Summen müssen aus den Kirchenschätzen und von der Bevölkerung erst einmal eingetrieben werden.


Während der große Karl versucht hatte, Krieg und Gewalt nach außen zu tragen, dringen sie nun in die Räume fränkischer Herrschaft ein, in denen sich zum Zerfall zentraler fränkischer Herrschaft nun auch gewalttätige Zerfallserscheinungen in den neuen Teilreichen breitmachen. In dieses Umfeld ist einer der interessantesten Texte des 9. Jahrhunderts eingebettet, eine Art Erziehungsbuch, welches die Gattin eines Bernhard schreibt, der zunächst zu den Mächtigen am Hof des Karlssohnes Ludwig gehört und in den Bruderkämpfen im sich auflösenden Frankenreich um seinen Anteil an Macht und Herrschaft kämpfen wird.


Um diesem 'Liber manualis' für ihren Sohn Wilhelm, kurz nach dem Tod Ludwigs des Frommen begonnen und kurz vor dem Teilungs-Vertrag von Verdun 843 beendet, mit Verständnis zu begegnen, muss erst einmal die Geschichte dieser Familie etwas mit der der Karolinger verknüpft werden.


Wilhelms Urgroßvater war ein Theoderich, Graf im ripuarischen Franken, von dem berichtet wird, dass er 782 im Auftrag Karls d.Gr. einen Aufstand in Sachsen niederwarf. Er war verwandt mit dem Kaiser durch dessen Mutter Bertrada. (Thiébaux, Dhuoda, S.7f)


Wilhelms Großvater, ein Wilhelm von Aquitanien (Toulouse), ist ein mächtiger Krieger, der 802 Barcelona nach längerer Belagerung von den Mauren erobert und dadurch zum legendären Kriegshelden wird. Er wird Erzieher vom Karlssohn, dem späteren Ludwig dem Frommen. 804/06 zieht er sich in das Kloster St.Guilhem-du-Désert von Gellone (bei Montpellier) zurück, welches er selbst gegründet hat, und wird bald als Heiliger verehrt. Auf die kriegerische folgt die heiligmäßige Etappe des Lebens.


Zu seiner Vita des Benedikt von Aniane fügt Ardo Smaragdus folgende Beschreibung des Mönches Wilhelm hinzu:

Wir sahen ihn oft, wie er sein Maultier mit dem Stock antrieb, auf dem er rittlings saß mit einem Weinfass, welches auf den Schultern des Tiers am Packsattel befestigt war, so wie er zur Erntezeit bei den Brüdern unseres Klosters ankam, um ihren Durst zu löschen ... Im Backhaus bewegte er die Mühle mit eigenen Händen, wenn ihn nicht eine andere Pflicht davon abhielt oder er krank darniederlag. Er erledigte seine Aufgaben in der Küche. Mit dem Mönchshabit angetan erweckte er den Eindruck von Demut. ... Mitten in der Nacht stand er oft, von Frost und Eis erfüllt, sehr selten durch Kleidung davor geschützt, ganz aufgehend im Gebet in dem Oratorium, welches er zu Ehren des heiligen Michael erbaut hatte. (Nach: Thiébaux, Dhuoda, S.12)


Bald gab es Sagen über den Kriegshelden und Legenden über den Heiligen, die sich dann nach und nach mit der Lebensgeschichte seines Sohnes Bernhard vermischten. Umso auffälliger ist, dass Dhuoda ihn kaum erwähnt.

 

Ludwig der Fromme betreibt einmal mit Benedikt von Aniane kirchliche und monastische Reformen, teilt andererseits sein Reich neu auf unter seinen Söhnen, was zu dem Tod des von Karl in Italien eingesetzten Enkels Bernhard führt. Mit dem dazu stoßenden Judithsohn Karl werden die Konflikte der Erben massiver.


Dhuoda und Bernhard heiraten 824 in der kaiserlichen Pfalzkapelle zu Aachen. Bernhard gehört zum Hof Kaiser Ludwigs des Frommen und zu dessen Verwandten. Er war de stirpe regali, wie Thegan in seiner Vita Hludowici schreibt. Bernhard ist zudem Patenkind von Ludwig dem Frommen. (Thiébaux, Dhuoda, S.11). Schon deshalb kann Dhuoda in ihrem Buch Sohn Wilhelm mehrmals als nobilis bezeichnen, was in wohl an seine Familienehre erinnern soll.

Ihre Familie selbst gehörte auch zu den potentes, wie sie schreibt. Vermutlich ist Dhuoda damals der schönen und gebildeten Kaiserin Judith und ihrem einjährigen Sohn Karl begegnet.


Im November 826 wird Sohn Wilhelm geboren. 827 schlägt Bernhard im Auftrag des Kaisers einen Aufstand in der Spanischen Mark nieder, die ein fränkischer Mächtiger zusammen mit dem Emir von Cordoba angezettelt hatte.Spätestens jetzt beginnt Bernhard Feinde unter den fränkischen Großen zu gewinnen. 829 wird er zum Erzieher des sechsjährigen Kaisersohnes Karl ernannt, der später noch unter den Einfluss des gelehrten Walafrid Strabo kommen wird. Dann wird Bernhard camerarius in Aachen und damit für die Führung des kaiserlichen Haushaltes und den kaiserlichen Schatz zuständig. (Richè, Dhuoda, S.18 / Thiébaux, Dhuoda, S.14). Zunächst zog seine Frau, vielleicht auf eigene Kosten (sie berichtet in ihrem Buch von Schulden, die sie gemacht hat), viel mit ihrem Mann zusammen durch dessen Herrschaften, die es aufrechtzuerhalten und zu erweitern galt. Dann ist er in seinen Funktionen viel am Hofe, wo er regulär mi der Kaiserin zusammenarbeitete. Deshalb vielleicht und wegen der Nähe zum Sohn der Kaiserin wird ihm ein Verhältnis mit der Kaiserin Judith nachgesagt, was beide aber immer bestreiten. Eine solche Denunziation konnte von den Parteigängern der drei erstgeborenen Kaisersöhne ausgehen, die mit Judith auch ihren Sohn, einen neuen Konkurrenten, diffamieren wollten. Aber man weiß nichts genaues...


Hinkmar (Ingmar) von Reims, um diese Zeit als junger Mann am Hof Ludwigs des Frommen, beschreibt die Verhältnisse als sehr alter Mann 881 in seiner 'De ordine palatii' folgendermaßen:

Die gute Leitung des Palastes und insbesondere die Aufrechterhaltung der königlichen Würde sowie das jährliche Verteilen der Geschenke an die höheren Krieger (außer jedoch der Nahrung und dem Wasser für die Pferde) waren besondere Aufgaben der Königin und des camerarius (Kämmerer) unter ihr ... Sie kümmerten sich zu gegebener Zeit um die Vorbereitung künftiger gesellschaftlicher Ereignisse, damit nichts fehle, wenn es gebraucht würde. Die Geschenke an die verschiedenen Gesandtschaften standen unter der Aufsicht des camerarius, wenn der König nicht im besonderen Fall befahl, dass sich die Königin selbst zusammen mit ihrem camerarius damit befassen sollte. (Nach: Thiébaux, Dhuoda, S.15, Anm. 36) Hinkmar wird lebenslang ein treuer Gefolgsmann Karls des Kahlen und dafür später mit dem Erzbistum Reims belohnt.


Ganz anders und wahrscheinlich als sowohl mönchisch-religiöse wie machtpolitische Diffamierung gedacht, sieht das bei einem weiteren Zeitgenossen aus, dem Paschasius Radbertus, im Alter Abt von Corbie, der in einer Vita des Abtes Wala alle Register der Beschimpfungen zieht:

Kein Tag war von einem schlimmeren Schicksalsschlag gekennzeichnet als der, an dem der Halunke Bernhard aus Spanien zurückgerufen wurde, ein Elender, der alle Ehren wegwarf, die ihm von seiner Herkunft her zustanden. Wie ein Narr wälzte er sich in den Freuden der Gefräßigkeit. Wie ein verrücktes Schwein kam er daher; im Palast stellte er alles auf den Kopf, er ruinierte den Rat und schleuderte alle rechte und vernünftige Ordnung von sich. Er trampelte auf allen Räten, sowohl Klerikern wie Laien, herum und vertrieb sie. Er besetzte das kaiserliche Bett ... Der Palast wurde zum Bordell, von Schande und Ehebruch regiert, voller Verbrechen und durchdrungen von jeder Art von Hexerei und verbotenen schwarzen Künsten. Der Kaiser ging zu seiner Vernichtung wie ein unschuldiges Lamm. Diesem großen und gnädigen Kaiser wurde Unrecht getan von einer Frau, gegen die schon Salomon gewarnt hatte, und er wurde noch mehr getäuscht durch die Ränke eines Wüstlings, der ihn in den Tod trieb. (Nach: Thiébaux, Dhuoda, S.17)


Auf irgendeine Weise kann sich Judith rituell von dem Vorwurf reinigen. Bernhard, der zunächst nach dem fränkischen Spanien enteilt war, kommt im Herbst 831 an den Hof zurück, beschwört seine Unschuld und fordert die Verleumder (?) zum Zweikampf heraus, für den sich allerdings keiner meldet. (Thiébaux, Dhuoda, S.18)


831 wird das Reich so geteilt, dass auch Karl ein Herrschaftsgebiet erhält, was die drei Söhne aus erster Ehe gegen den Vater aufbringt. Bernhard wendet sich gegen Lothar, der mit einer territorialen Abgabe an den Halbbruder nicht einverstanden ist, und verweist ihn vom Hof. Der Kaiser zieht in die Bretagne, um dort einen Aufstand niederzuschlagen.

 

Derweil entladen sich die Besorgnisse von Lothar und Pippin 832 im bewaffneten Aufstand gegen den Vater. Bei der Gelegenheit beschuldigen sie Judith und Bernhard des Ehebruchs. Bevor es im Elsass zur Schlacht kommt, fällt das Gefolge vom Kaiser ab.

 

Judith wird von ihren Stiefsöhnen in ein Kloster in Tortona gesperrt. Bei der Gelegenheit ordnet Lothar sich den Vater und die Brüder unter. Kaiser Ludwig wird in Compiègne vor ein Gericht fränkischer Großer gestellt und verliest eine Art Schuldanerkenntnis. Er muss anerkennen, dass sein zehnjähriger Sohn Karl in die Abtei Prüm verbannt wird und landet selbst im Büßergewand im Kloster Sankt Medard in Soissons.

 

Dieses extreme Verhalten gegenüber dem Vater führt dann aber dazu, dass Pippin aus Aquitanien und Ludwig aus dem Osten gegen Lothar vorrücken, der nach Italien flieht. Kaiser Ludwig wird von den Brüdern in Metz wieder eingesetzt, Judith wird aus dem Kloster zurückgeholt und der Kaiser zwingt Lothar, dessen Macht nun auf Italien beschränkt wird, zum Treueeid.


838/9 stirbt Pippin, und Karl wird mit fünfzehn volljährig, erhält eine Königskrone und Gebiete zwischen Friesland und Burgund. Es wird also erneut geteilt, wobei Ludwig ("der Deutsche") wieder auf Bayern reduziert wird, worauf ein Aufstand von ihm niedergeschlagen werden muss. 840 stirbt Kaiser Ludwig auf einer Rheininsel, von wo er gegen seinen Sohn Ludwig in den Krieg ziehen will.


Inzwischen ist das Reich so geteilt, dass Karl der Kahle das Westreich, Ludwig "der Deutsche" den Osten und Lothar den Kaisertitel und ein Mittelreich innehat, welches von der Nordsee bis zur heutigen Westschweiz reicht.


Derweil ist Bernhards einer Bruder im Bürgerkrieg von Lothar geblendet und nach Italien verbannt worden, während der einen anderen, einen Grafen von Roussillon und Gerona, enthauptet. Die Schwester Gerberga, eine Nonne, lässt Lothar wegen „Hexerei“ anklagen, womöglich foltern und dann in einem Fass ertränken.


Am Ende beauftragte Bernhard seine Dhuoda, sich in Uzès in Septimanien/Gothien niederzulassen, wo er sie 840, kurz nach dem Tod von Ludwig dem Frommen, besucht und den zweiten Sohn (Bernhard) zeugt. Vater Bernhard scheint kurz darauf Pippin II. von Aquitanien, den Verbündeten von Lothar, gegen Karl den Kahlen unterstützt zu haben.

Lothar marschiert nun gegen Ludwig und Karl. Karl verlangte dann die Gefolgschaft von Bernhard und dessen Vermittlung bei Pippin, Bernhard zögert aber und versucht sich herauszuhalten.


Nach dem Gemetzel von Fontenoy und der Niederlage von Lothar scheint er dann erneut auf Karl zugegangen zu sein und hat ihm wohl als Beweis seines Wohlverhaltens Sohn Wilhelm geschickt: in manus domni te commandauit Karoli regni, heißt es in der Einleitung. Wilhelm ist 14 und sein feudaler Herr, in dessen Hände er sich begeben muss, ist gerade 18 (Thiébaux, Dhuoda, S..). Der Junge soll wohl in dessen Gefolge quasi als eine Art Geisel für das Wohlverhalten Bernhards dienen.


Der Zeitgenosse Nithard beschreibt in seinen 'Historiae' (3,2) das Ganze so:

Tatsächlich war Bernhard, Herzog (dux) von Septimanien nur drei Meilen vom Schlachtfeld entfernt, aber er unterstützte keine der beiden Seiten in der Schlacht. Sobald er vom Sieg Karls erfuhr, schickte er ihm seinen Sohn, dass er sich in die Hand von Karl begäbe (se illi commendaret), falls der König ihm gewisse Besitzungen und Titel (honores) zurückgäbe, die er in Burgund habe. Bernhard behauptete außerdem, dass er Pippin und sein Gefolge (cum suis) dazu bringen könnte, sich mit Karl zu verbünden, wobei er hinzufügte, dass er dazu soweit möglich bereit wäre. Der König begrüßte die Botschaft, gewährte (concessit), was erbeten war und drängte Bernhard, betreffs Pippin und der Seinen alles Versprochene, was in seiner Macht stehe, zu tun.


Vielleicht als Ersatz für den weggegebenen ersten Sohn nimmt er den zweiten nicht lange nach dessen Geburt und vor seiner Taufe zu sich (in Aquitaniae partibus), d.h. er lässt ihn durch Bischof Elephantus von Uzès zu sich bringen. Die Mutter ist nun beider Söhne beraubt und alleine.


842 treffen die Erben des West- und des Ostteils des Frankenreiches sich in Straßburg und schwören sich gegenseitig vor ihren Heeren Bündnistreue.

Dezember 842 heiratet Karl der Kahle Ermentrude, eine Kusine zweiten Grades unseres Wilhelm, im Alter von nun 19 Jahren. Anfang Februar 843 beendet die knapp vierzigjährige Dhuoda ihren Text für ihren Sohn, der inzwischen etwa sechszehn ist. Zwei Monate später stirbt Kaiserin Judith. Im August wird die Einigung von Straßburg in Verdun auf Kaiser Lothar ausgedehnt, der zwischen beiden ein Mittelreich zwischen Aachen und Rom erhält, welches später Lotharingien heißen wird und viel später nach dessen Reduktion auf einen kleinen Bereich Lothringen. In den nächsten Jahren wird die Einigkeit des Frankenreichs in der Beschränkung jeden Bruders auf seinen Teil gewahrt.

 

Die Reichsteilung von Verdun gibt Karl dem Kahlen dauerhaft einen geschlossenen Herrschaftsbereich im Westen, dessen Kern Westfranzien ist, der aber außerdem die bald ehemalige Spanische Mark, Aquitanien, die Gascogne und Septimanien umfasst. Unter den potentes, die sich dort eigene Herrschaftsräume bewahren wollen, gehört unser Bernhard, Graf von Barcelona, Graf der spanischen Mark und Herzog von Septimanien, Gemahl der Dhuoda.

 

In den Annalen von Troyes schreibt Bischof Prudentius von Troyes für 844: Bernhard, Graf der Spanischen Mark, hatte schon seit langem große Pläne und dürstete nach der größtem Macht. Er wurde durch Urteil der Franken der Untreue schuldig befunden und wurde in Aquitanien auf Befehl Karls hingerichtet. (Nach: Thiébaux, Dhuoda, S.37)

 

Was da genau geschah und ob er tatsächlich in Toulouse enthauptet wurde, scheinen die Quellen nicht genau herzugeben. Wilhelm, der Adressat des Buches seiner Mutter, im Gefolge Karls, hat wohl damit seine Treuepflicht gegenüber König Karl für erloschen angesehen. Im Sinne seiner Mutter, die ihm eingeschärft hatte, dass seine erste Verpflichtung die gegenüber seinem Vater sei, macht sich auf, seinen Vater im Sinne des Fehderechtes zu rächen, und damit sein Anrecht auf sein Erbe zu begründen.

 

Er verbündet sich wie sein Vater mit Pippin II. von Aquitanien, der ihm die Grafschaft Bordeaux anvertraut. Juni 844 schlagen sie eine Armee König Karls bei Angoulême. Danach versucht er auch die Spanische Mark zu gewinnen und findet dafür 847 einen Verbündeten im Emir Abderrahman II von Cordoba, der ein Interesse am Niederschlagen maurischer Aufstände hat. 848 versucht er sein Erbteil Barcelona einzunehmen. Dabei wird er von seinen muslimischen Verbündeten im Stich gelassen und 850 bei Barcelona entweder erschlagen oder hingerichtet.

 

864 hören wir durch Hinkmar von Reims kurz von Dhuodas jüngerem Sohn Bernhard, der sich offenbar zwischenzeitlich auf Seiten König Karls geschlagen hatte und dafür Titel und Herrschaft von Autun erhalten hatte, die er nun im Aufstand gegen den König wieder verliert. Der "Fuchs", wie er genannt wurde (Plantapilosa), wird gelegentlich als Vorfahre jenes "frommen" Wilhelm von Aquitanien genannt, der 911 Cluny gründen wird. Aber die Genealogie dieser Familie verliert sich in den stürmischen Zeiten etwas im Dunkeln. Sohn Bernhard wird 886 sterben.

 

 

Um 802 schreibt Alkuin an den Grafen Wido eine Art Ermahnungsbüchlein für dessen Amtsführung, 'De virtutibus et vitiis liber', ein Buch über die Tugenden und Laster. Es ist ein Männertext, und zudem nicht von Dhuodas persönlicher Beziehung zu ihrem Sohn geprägt, aber wenigstens ein seltener Vorläufer von Dhuodas liebevollerem Mahntext:

Ich erinnere mich deiner Bitte und meines Versprechens, in knappen Worten einige Empfehlungen für deine Tätigkeit aufzuzeichnen, die - wie ich weiß - dich mit Streitigkeiten befassen lässt, damit du die väterlichen Mahnworte gleich zur Hand haben kannst. Du sollst ihrer eingedenk sein und dich durch sie zum Streben nach ewiger Seligkeit anhalten lassen. Gerne komme ich einer so löblichen Bitte nach und wünsche mir, dass meine Sätze deinem ewigen Heil dienlich seien. Du weißt, dass du mit vielen weltlichen Angelegenheiten befasst bist. Deshalb bitte ich dein Heilsstreben, dieses Schreiben regelmäßig zu lesen, damit dein Geist, von äußeren Mühen erschöpft, zu sich selbst zurückkehren und erkennen kann, was ihm frommt und wohin er streben soll. Bereite dir durch großzügige Almosen, durch Gerechtigkeit der Richter und der Urteile, durch stete Barmherzigkeit in unermüdlichem Wollen die Wohnstätte himmlischer Glorie.

(deutsch in Fried, S. 231)

Was dann folgt, ist die Aufzählung und Erläuterung der christlichen und insbesondere der Kardinaltugenden, der Laster und insbesondere der Todsünden. Immer wieder solle er in dieses Büchlein hineinschauen und danach handeln.

Ein kurioses Buch, welches völlig zu ignorieren vermag, in welcher gewalttätigen und brutalen Welt der Graf zu agieren hatte. 

 

 

2. Duodha II: Der Text 

 

http://www.ldysinger.com/@texts/0843_dhuoda/03_sel_c4-6_11.htm


Dhuodas Schrift ist zunächst ein christlich-frommes Erziehungsbuch, und nach eigener Aussage hoffte sie wohl, dass es auch andere als ihr Sohn lesen würden. Damit ist kaum zu erwarten, sie könnte etwas geschrieben haben, was sich nicht allgemeiner Anerkennung erfreuen würde. Frömmigkeit, Mutterliebe, Loyalität zum Ehemann und seinem „Haus“ und nicht zuletzt zum königlichen Herrscher sind für einen solchen für eine Öffentlichkeit bestimmten Text damals fast selbstverständlich.

 

Pierre Riché hat sich in seiner Einleitung zum Dhuoda-Text (Dhuoda. Manuel S.11ff) eingehend mit dem Begriff eines Liber Manualis auseinandergesetzt, welches wörtlich ein "handliches Buch" meinen kann, andererseits die wörtliche lateinische Entsprechung des griechischen encheirídion ist. Es hat nach den Worten der Dhuoda selbst die Funktion eines speculum, eines Spiegels des Seelenheils (in quo salutem animae tuae ... possis conspicere), und ist bis dahin der einzige von einem Laien, und dazu noch einer Frau geschriebene.


Das Buch ist für uns nicht nur deshalb heute für das 9. Jahrhundert beispiellos, wir können also kaum vergleichen. Duhoda macht fünf kurze einleitende Anläufe, bevor sie beginnt, so als ob auch sie selbst erst nach ihrem Text suchen würde. Und gegen Ende scheint es so, als ob sie nicht aufhören könnte, denn sie hängt noch einige recht unzusammenhängende Kapitel an. Vielleicht schrieb sie, weil sie sich im Schreiben ihrem Sohn verbunden fühlte, zu dem sie offenbar sonst kaum noch Kontakt hatte.

Dhuoda was writing to console herself in her banishment, and to attempt some kind of living contact with the son whom she loved and who, she surmised, might understand her.“( Dronke, Women Writers, S.38)


Im Kern ist der Text eine Abhandlung über christliche Tugenden, die Vermeidung von Lastern und die christlichen Pflichten des Betens, des Singens von Psalmen und des Totengedenkens. Der größte Teil des Buches paraphrasiert kirchliche Glaubenssätze, zitiert wörtlich Passagen aus der Bibel oder spielt direkt auf sie an. In der hier weitgehend benutzten Übersetzung von Wolfgang Fels mit wenigen längeren Sätzen pro Seite finden sich auf rund 160 Seiten rund 510 biblische Anspielungen und Zitate und dazu etwa 17 aus anderen (frommen) Texten von Augustinus bis Alkuin (das Kapitel über die Psalmen gegen Ende einmal ausgenommen).


Dabei werden die jüdischen und judäochristlichen Texte, die des Johannes und des Paulus als eine bruchlose Einheit genommen. Das Zitieren und Paraphasieren macht deutlich, dass Dhuoda die „Heiligen Schriften“ wortwörtlich nimmt, und die für sie enthaltene Heilsgeschichte ist zugleich Menschheitsgeschichte, von Adam und Eva bis zu den Nachfolgern von Ludwig dem Frommen. Über 300 der Zitate und Paraphrasen entstammen dem Alten Testament, knapp 200 dem neuen, und da sie weniger Wunder und Mirakel zitiert als theologisch und ethisch brauchbareres, ist der Überhang altjüdischer Texte nicht verwunderlich, abgesehen davon, dass diese Bücher insgesamt viel länger sind und mehr exemplarische, als Exempla nutzbare Geschichten enthalten.


Wenn man das näher aufschlüsselt, dann gibt es rund 170 Zitate und Paraphrasen aus dem Alten Testament ohne die Psalmen (an der Spitze Hiob und Jesus Sirach mit 25 Erwähnungen und die Genesis mit 24), und die wiederum tauchen rund 137 mal auf. ("En dehors de la série des psaumes 120 à 128, presque tous les autres sont représentés.", Richè, Dhuoda, S.36). Das Neue Testament ist etwa 109 mal vertreten (am häufigsten Matthäus 43x) ohne die Paulusbriefe, die wiederum 81 mal auftauchen (an der Spitze die Korintherbriefe. 23x, die Römerbriefe 12x und die an die Epheser 10x).


Dhuoda war offenbar absolut bibelfest; es fehlt kein Teil des Neuen Testamentes, alle Bücher Mosis kommen vor, die Könige, Daniel, Jeremias, Hosea, Esther und so weiter. Nur einige der kürzeren Prophetentexte wurden gar nicht verwendet. Wenn ich richtig gelesen habe, fehlt auch das Lied der Lieder bis auf vielleicht zwei Passagen.

 

Wenn man ihre technischen Möglichkeiten in Betracht zieht, dann hatte sie entweder große Teile der Bibel halbwegs im Kopf und konnte beim Diktieren noch einmal nachschlagen, oder sie exzerpierte, was unwahrscheinlicher ist, und ließ sich dann vielleicht von ihren Exzerpten leiten. Für die erste Möglichkeit spricht auch, dass sie des öfteren mehrmals zu einem bestimmten der biblischen Bücher zurückkommt, so, als ob sie beim Nachschlagen für einen Halbsatz mit den Augen noch auf eine andere Stelle gestoßen wäre. ("Elle cite de mémoire le plus souvent...", Richè, Dhuoda, S.36).

 
Es ist anzunehmen, dass sie viele Psalmen auswenig konnte, worauf auch der Abschnitt über dieselben im XI. Buch verweist: Allein im Psalter hast du bis zum Ende deines Lebens zum Lesen, Nachforschen und Lehren den Stoff, in dem du die Propheten, die Evangelien und Apostelschriften und alle göttlichen Bücher findest. (S.170) (In psalterio solo, usque ad obitum uitae, habes matheriam legendi, scrutandi, docendi, in quo inuenies prophetas, euangelia, atque apostolicos et omnes diuinos libros). Dieses Kapitel ist allerdings laut Riché (Dhuoda,S. 35) im wesentlichen aus dem Alkuin zugesprochenen 'De Psalmorum usu liber' übernommen.

 

Dhuodas Zitate und Anspielungen sind aber keine Belege, sie trennt nicht zwischen heiligen Schriften und ihrem Glauben, vielmehr gehen ihre Überzeugungen und die Textstellen nahtlos ineinander über. Es handelt sich um eine Mischung aus Glaubensbekenntnis und Arbeiten an ihren Sorgen über das Schicksal ihres an den königlichen Hof verschlagenen Sohnes. Das ist der "concealed anguish", den Dronke im Text entdeckt (Women Writers, S.38)

 

Dhuodas Text durchzieht für den heutigen Leser ein großes Maß an Widersprüchlichkeit: Ihr Sohn im Gefolge Karls des Kahlen ist ein Krieger mit entsprechenden Verpflichtungen. Darum möchte sie ihn einmal zu Treue gegenüber dem König und andererseits und vor allem zu Treue zu seinem Vater und seinem Geschlecht ermahnen – was schon beides schwerlich zusammengeht. Im Zweifelsfall ist dabei für sie die Verwandtschaftsverpflichtung größer als die zur Person des Königs, der wie der Vater ein persönlicher senior ist und noch kaum eine Institution. ("Il s'agit moins d'être fidèle au roi qu'au <senior>." Riché, Dhuoda, S.24)

 

Zugleich aber legt sie ihm das Leben eines fromm-tugendhaften Christen ans Herz, und das in viel größerer Ausführlichkeit. Die Erfindung „christlicher Ritterlichkeit“ findet erst viel später statt, aber natürlich ist die Vorstellung von der Verbindung kriegerischer Gewalt und christlicher Absichten viel älter, wie wenig passend auch immer. Wilhelms Großvater, ein Wilhelm von Aquitanien, ein Krieger mit Erfolgen gegen die Mauren, zieht sich 804 in das Kloster Gellone bei Montpellier zurück und wird bald als Heiliger verehrt. Auf die kriegerische folgt die heiligmäßige Etappe des Lebens. Demgegenüber wünscht Dhuoda für ihren Sohn beides zugleich. Er soll der Welt (saeculum) gefallen und seinem Schöpfer, heißt es im Prolog.

...ich wünsche, dass du dich inmitten der Kameraden, die eine bemessene Zeit Dienst tun, ernsthaft bemühst, so dass du es schließlich verdienst – wobei du mit den Dienern und Kämpfern Christi nicht separat, sondern vereint im Feld stehst -, frei mit den Freien aufgenommen zu werden ins Reich, das ohne Ende dauern wird: uolo ut talem te inter comilitones temporaliter seruientium satagere studeas, qualiter in finem, cum famulis et militibus christi, non sequestrate sed pluraliter militando, liber cum liberis merearis iungi in regnum sine fine mansurum. (IV)

 

Die Kameraden im Krieg und Dienstleistenden bei Hofe und andererseits die Kämpfer und Diener Christi verschmelzen in einem Satz. Nichts in den wirren und wüsten Zeiten des 9. Jahrhunderts spricht aber dafür, dass so etwas ernstlich möglich sein könnte.

 

Im Prolog heißt es: Es besteht kein Zweifel, dass besagter Kaiser in dem fortreißenden und wachsenden Unheil dieser elenden Welt, wegen dem vielen Hin und Her und Hader des Reiches den Weg aller Sterblichen gegangen ist. (Voluente et crescente calamitate hujus saeculi miseria, inter multas fluctuationes et discordias regni, imperator praedictus uiam omnium isse non dubium est)

 

Im vierten Buch heißt es: Heutzutage haben viele hart zu kämpfen. Ich fürchte nämlich, dass das auch bei dir der Fall ist, mein Junge, was der Apostel sagt: Die Tage sind böse: Luctamen hodie surgit in multis. Timeo enim ne et in te tuis que militantibus eueniat, fili, pro eo quod ait apostolus: Dies mali sunt.

Und im selben Buch: Und nicht nur gegen Menschen aus Fleisch und Blut, welche die Feuerglut des Neides verzehrt, muss man anstürmen, sondern auch, wie der Apostel sagt, wider die Geister der Bosheit in der Luft. Es gibt nämlich Leute, die in der Welt gleichsam in Blüte stehen und ein großes Vermögen besitzen. Dennoch zögern sie nicht, aus versteckter Bosheit andere zu beneiden und zu peinigen, soweit sie können, und das mit Hilfe ihrer Komplizen. (et non solum contra saeculares, ob inuidiae facibus exardescentes, expugnandum est, uerum etiam, ut ait apostolus, contra spiritualia nequitiae, in coelestibus. Sunt enim quasi florentes in saeculo et in rebus locupletes; attamen ex occulta malitia alios inuidere atque dilaniare, prout ualent, non cessant, et hoc per sinpectas.)

 

Die Zeiten (vom Tode Ludwigs des Frommen bis zum Teilungs-Vertrag von Verdun) sind schlecht, und dennoch möchte Dhuoda versöhnen, was nicht zusammengehört: irdischen Erfolg und Seelenheil. Dronke schreibt:

Dhuoda tries to work out a way of earthly serenity and ultimate salvation through these cares, not by rejecting or minimizing them.“ (Dronke, Women Writers, S. 39) Es ist wohl die spezifische Situation ihres Sohnes, die sie, lange, bevor dies Thema wieder auftaucht, die Versöhnung von Irdischem und Himmlischem zu suchen bewegt.

 

Gott ist allwissend und allmächtig und Dhuoda ist demütig: Wer sich erniedrigt, wird erhöht werden. Zu Gott findet man durch die heiligen Schriften und durch die christliche Interpretation der Wirklichkeit. Alles bedeutet etwas und die Bedeutungen zeigen, das alles eine Einheit ist. Nicht nur für Dhuoda erweist sich das daran, dass sich alles in Zahlen auflösen lässt. Mathematik und Theologie gehen ineinander über.

 

Einheit ist Ordnung und die ist vor allem Unterordnung. Gott ist Macht, Reich und Herrschaft, König. Er ist dux et comes, also einmal Herzog und Graf, andererseits aber auch Anführer und Gefährte. Das Vokabular, das ihn beschreibt, passt auch auf die irdische Ordnung, und entsprechend ist Dhuoda auch die ancilla Gottes (I,2). Da es kaum irdische Gesetze gibt, gilt an ihrer Stelle Gottes Gebot als lex.

 

Aber man muss Gott fürchten, achten und lieben, wie sie immer wieder schreibt, so wie den Vater, den König und die Priester. Die Stichworte sind Dienst und Gehorsam. Kann man lieben, wen man fürchtet? time dominum, schreibt sie, und den "Herrn" fürchten scheint wichtiger, als ihn zu lieben.

 

Man kann fürchen und lieben zugleich, indem man sich einordnet. Die Liebe geht dann nicht nach der Person (auch Gott ist eine Person), sondern nach ihrem Status, sie wird zur Verpflichtung. Die offensichtlich vereinsamte Dhuoda mit ihrem sehnsuchtsvoll brennenden Herzen, ihrem in der Brust glühenden Herzen (I) macht es vor.

 

Dhuodas Ratschläge an ihren Sohn haben etwas streng-mönchisches, sie wünschen für ihn einen Grad an Heiligkeit, wie er "in der Welt" kaum möglich ist. Dabei bekennt sie, falls das nicht nur eine Demutsgebärde ist, dass sie selbst zu so viel Frömmigkeit nicht imstande war: Ich aber, Dhuoda, lau und träge, schwach und stets zur Haltlosigkeit geneigt (tepida et desidiosa fragilisque et declinans semper ad ima), finde an Gebeten keinen Gefallen, nicht an langen, aber auch nicht an kurzen.(II,3) In der verflossenen Zeit war ich bei vielen Lobgesängen zu Ehren Gottes träge (pigra), und statt zu tun, was ich bei den sieben Male Stundengebeten tun sollte, stand ich überall sieben mal sieben müßig (desidiosa) herum. (X,4)

 

Sie wünscht sich also von ihrem Sohn, wozu sie selbst nicht imstande war, wiewohl sie Zeit und Möglichkeiten hat, im Unterschied zu ihm, dem jungen Krieger am Hof des Gegenspielers seines Vaters. Soweit wirkt ihr Text wie ein hoffnungsloser Verzweiflungsakt, wie eine Flucht aus ihrem Stand bzw. wie das Insinuieren, ihr Sohn möge seinen Stand innerlich wechseln.

 

Ihr Sohn soll die Ansprüche zweier Welten miteinander versöhnen, und das unter schwierigsten persönlichen Umständen, andererseits durchzieht den Text der Mutter ein Dualismus, wie er ohnehin im Christentum angelegt ist. Sie bezieht sich auf den Widerspruch im Johannes-Evangelium von Fleisch und Geist, von carne und spiritus, welcher auch der von Sünde und Reinheit ist, und setzt bewusst Gegensätze gegeneinander: contrariis contraria (IV, auch VII,3). Andererseits formuliert sie ganz "aristokratisch" ein heiligmäßiges Leben ohne Ablehnung von Fleisch und Welt.

 

Der Kern heißt gut und böse, Teufel (Luzifer etc) bzw. böse Geister gegen Gott und seine Engel: Der Teufel wohnt überall. Vor ihm und ihnen, wenn sie da sind, hüte dich, bitte, fliehe und meide sie, und gib dir alle Mühe, dich von ihrer Gemeinschaft weit fern zu halten und ihnen den Rücken zuzuwenden, und werde nicht müde, ihnen Widerstand zu leisten! Dazu ermahne ich dich! Manet per cuncta. Hunc et hos, si sunt, admoneo, caue, fuge, deuita, et a consortiis eorum te alienum procul, post dorsa positos, elongare satage eos que resistere ne pigeas, ortor. Er ist der tausendgestaltige und windungsreiche teuflische Schlangengeist: milleformis daemonum tortuosus que serpens und da sind unsichtbare Fallstricke der bösen Geister: insidiis malignorum spirituum. Wer dem Teufel anheimfällt, dem doht ewige Strafe und Überantwortung der Sünder an die Hölle: minas aeterni suplicii et gehennam peccatoribus mancipandam. (alles in Buch IV)

 

Es wäre anachronistisch, so etwas mit dem klinischen Verdikt der Paranoia zu überziehen. Die Welt der Dhuoda ist tatsächlich besonders bedrohlich, und für sie wäre sie vielleicht unerträglich, wenn sie sie nicht in die religiöse Welt aus Gut und Böse kleiden würde - mit dem Hoffnungsstrahl einer besseren Welt je nach Verdienst nach dem Tode.

 

Ihr Gott ist zwar der dreifaltige, etwas, was sie im zweiten Buch formelhaft nachspricht, aber im Kern ist er der ganz zeitgemäße dominus des 9. Jahrhunderts, ein allmächtiger, letztlich unverständlicher Richtergott, der zwar Verständnis mit dem unausweichlichen Sünderstatus der Sterblichen hat, aber sie dennoch streng daran misst, wie sehr sie gegen "das Böse" ankämpfen und für ihre eigenen Sünden Buße tun.

 

Bevor es darum geht, wie Wilhelm das bewerkstelligen soll, zunächst zu dem, was bei Dhuoda "noch nicht" vorhanden ist. Im wesentlichen blickt Dhuoda nicht zum menschgewordenen Gott(essohn), sondern ganz monotheistisch zu Gott(Vater) auf. Nach dem Gebet soll Wilhelm das Kreuzzeichen machen und er soll das Kreuz verehren, aber dies ist weniger der Hinweis auf die Leiden Jesu als vielmehr ein machtvoll-magisches Beschwörungsritual (crux mihi salus, II,3). Es fehlt bei ihr außerdem der schon seit Jahrhunderten in Gang gekommene Heiligenkult, an Stelle der Heiligen stehen die altjüdischen Patriarchen und Könige, bessere Modelle für einen jugendlichen miles am königlichen Hof.

 

Schließlich sind die alttestamentarischen partriarchalischen Modelle von Gehorsam, Pflichterfüllung und Tugendhaftigkeit für einen Krieger am Hof brauchbarer als die Außenseiterpositionen zum Teil gegen Kirche und weltliche Herrschaft aufmüpfiger Heiliger. Entsprechend fehlt auch der längst populäre Reliquienkult. Bis auf den/die Teufel und bösen Geister/Dämonen, die aber im Text eine eingeschränkte Rolle spielen, ließe sich von einem aufgeklärt-rationalistischen Christentum reden, welches aber die inneren Widersprüche um so krasser hervortreten lässt. Vielleicht auch deshalb ist ihr Text offenbar nicht sehr populär geworden. Es sind nur wenige Abschriften überliefert.

 

Nicht ganz zusammenpassen mag zudem, dass Dhuoda ihrem Sohn nicht nur Frömmigkeit, sondern auch Lebensfreude wünscht, jene okzitanischen Ideale des 12./13. Jahrhunderts, die mezura, jois und largeza umfassen, wie Dronke betont (Women Writers, S.43), wenn auch dieser Frohsinn tatsächlich nur ein Randphänomen ihres Textes ist. Aber immerhin kann Dronke auch auf felix, iocundus und laetans als Ergebnis eines frommen Lebens verweisen (S.44). Im Einleitungsgedicht heißt es bereits: Iubilet iucundus cursu felici. Und beide Söhne sollen einmal laetantes ins Himmelreich eingehen (I,7)

 

Wie nun soll Wilhelm vorgehen, der Krieger, der möglichst viel Heiligkeit erringen soll? Zwei Begriffe, die im frühen Mittelalter der germanischen Herrschaften etwas untergegangen sind, tauchen zaghaft wieder auf: Einmal die conscientia, das Gewissen als Mitwisser im Oberstübchen, der Stachel des Schuldbewusstseins (pura conscientia, VI,1). Im Gewissen wird die Furcht vor jenem Gott akut, der alles sieht. Aber der Grad der Verinnerlichung des Schuldbewusstseins ist noch gering, vielmehr ist diese Instanz noch weitgehend abgegeben an die Priester, die " Nachfolger der Apostel", die er wie Vater und König "ehren, lieben und achten soll". Er soll sich ihnen anvertrauen, sich vor ihnen verbeugen und sie grüßen, selbst wenn sie "schlechte Priester" sind. Ihr magisches Amt besteht darin, dass sie heiligen und weihen. Und sie sind noch Verstärker seines Gewissens: Er soll vor ihnen die Beichte ablegen. Durch aufrichtige Besserung (emendari, V,2) und würdige Buße verbringe die Hälfte deiner Tage in Reue! (alles III,11)

 

Reue - Besserung - Buße (poenitentia, ohne sie ist alles eitel, wie sie passend mit Hiob-Zitaten belegt). Diese Buße wird nicht näher spezifiziert, aber es ist schon eine beachtliche Poenitenz, die Hälfte der Tage in Reue zu verbringen, was sicher nicht mit der von Dronke oben so betonten Lebensfreude zusammengeht. Aber noch viel schwerwiegender sind andere Ratschläge für seinen Alltag.

 

1. Er soll sich viele fromme Bücher zulegen. (I) Er soll die gesamte Bibel sorgfältig studieren (IV)

2. Er soll nicht nur in der Kirche, sondern bei jeder Gelegenheit beten, auch im Bett. Er soll die Horen des Stundengebetes beten. (Decanta horas canonicas II,3)

3. Sie zitiert des Paulus Forderung „Betet ohne Unterlass“ (Thess.) Er soll sogar für die beten, die es nicht verdient haben.(VIII,13) Für die Verstorbenen muss man beten, damit sie „in Christus auferstehen“ (13) Am meisten soll er aber für seine Familie und unmittelbaren Vorfahren beten, deren Erbe er vielleicht sein wird. Er soll auch für seinen Taufpaten Theoderich beten. Bete oft und besonders in großer Gemeinschaft während nächtlicher, morgendlicher und abendlicher und anderer Stunden, zu allen Zeiten und an allen Orten, für seine Sünden... Und indem du Almosen an die Armen spendest, lasse für ihn fleißig dem Herrn das Opfer darbringen! (15) Einzelne Gebete soll er fünfmal sprechen.

4. Er soll Messen für alle zusätzlich zu den Gebeten zelebrieren lassen.

septenis horis ut cantes – er soll die sieben Stundengebete singen. Sie erklärt ihm, welche Psalmen er singen soll. Sie sollen mit konzentriertem Herz gesungen werden. Mit den Psalmen wird das Herz vorbereitet. Das Absingen ist ein sacrificium. Die Psalmen enthalten magische Kraft und beinhalten das

Sündenbekenntnis, das Erfreuen des Herzens, das Lob des Herrn, das Talent des Ertragens: In den Psalmen ist alles, so dass er eigentlich nichts anderes braucht

5. Er soll sie „beständig für sich und seinen Vater“ singen.(pro te et genitori tuo), für alle Lebenden und die, die ihm zur Seite stehen, und für die verstorbenen Gläubigen, die sie ihm ans Herz legt.

 

Schließlich soll er sie für sie, die Mutter singen, ut cum michi extrema dies finisque uitae aduenerit, non cum impiis ad sinistram, sed cum piis et digne agentibus ad dexteram merear subleuari axem. (damit ich nicht, wenn für mich der letzte Tag und das Lebensende gekommen ist, mit den Ruchlosen auf der linken Seite, sondern mit den Frommen und Gerechten auf der rechten Seite in den Himmel wolle erhoben werden. XI)

 

Am Ende schreibt Dhuoda ihrem Sohn ihre eigene zukünftige Grabinschrift auf. Vom Schluss her gelesen scheint ihr ganzer Text auf eines hin abzuzielen: Auf die Verpflichtung zum Totengedenken zuerst für sie und dann für alle seine Vorfahren. Gebete und Messen sollen ihnen den Übergang in die ewige Seligkeit nach ihrem Tod erleichtern.

 

In der Vorstellungswelt naturnaher Völker wie der Germanen sind die toten Ahnen immer nahe, und noch im hohen Mittelalter tauchen Texte auf, in denen die Lebenden ihren Toten meist nachts begegnen, eine furchterregende Vorstellung, denn die Ahnen können sehr bedrohlich werden, wenn man sich ihrem Wohlwollen nicht widmet.

 

Anderthalb Jahrhunderte nach Dhuodas Text wird Abt Odilo von Cluny das Fest "Allerseelen" einführen, zur Erinnerung an all die Seelen, die im Fegefeuer sind und für einen möglichst wenig schmerzhaften Übergang in die ewige Seligkeit der Gebete und Messen der Lebenden bedürfen. Cluny wird die Gründung eines Enkels der Dhuoda, der das Totengedenken, und insbesondere das für sich und sein Geschlecht, zum hohen Ziel "seines" Klosters erheben wird. Dhuodas Text, der Text einer vereinsamten Mutter, zielt auf einen Sohn, der für sie dieses Gedenken würdig aufrechterhalten soll.

 

Würdig wird er nicht nur durch das Gebet, das Singen von Psalmen und Finanzieren von Messen, durch Beichte, Schuldeinsicht, Reue und Buße. Er wird es zum anderen durch ein tugendhaftes Leben. Dazu liefert das "Handbuch" (Manual) keinen konsistenten Tugendkatalog, schon gar nicht einen tauglichen für einen Krieger am Hof des westfränkischen Königs. Stattdessen zeichnet sie das Bild eines idealen Christen, wie er schon in der Spätantike sich Elemente stoischer Lebensweisheit herausgepflückt hat.

 

Bevor sie am Anfang von Gott schreibt, bezieht sie sich auf den Korintherbrief des Paulus: Die größte Tugend ist die Liebe , danach kommen Glaube und Hoffnung (spes, fides, karitas). Darauf folgt das Kapitel über den Gehorsam und die Treue gegenüber den Autoritäten. Darin zählt sie Erstaunliches auf, was man von den Besseren bei Hofe lernen kann: humilitas, karitas, castitas, patientia, mansuetudo, modestia, sobrietas, astutia (III,9). Am nächsten einem Tugendkatalog kommt sie dann noch einmal in der Mitte ihres Buches:

Fructus spiritus est karitas, gaudium (Freude), pax, longanimitas (Langmut), bonitas Güte), benignitas (Freundlichkeit), fides (Treue/Glauben), mansuetudo (Sanftmut), patientia, castitas, continentia (Selbstbeherrschung), modestia (Bescheidenheit, bis hierhin aus dem Galatherbrief), sobrietas (Nüchternheit), uigilantia (Wachsamkeit) atque astutia (Klugheit), et cetera his similia. (V,1)

Ein richtiger Tugendkatalog ist das allerdings nicht, vielmehr handelt es sich um das traditierte Bild des Baumes oder Weinstockes, der Jesus Christus ist, und auf den sich Wilhelm "aufpfropfen" soll, um diese Früche zu genießen, ihrer teilhaftig zu werden. Aus diesem Kontext heraus lassen sich alle Haltungen, Verhaltensweisen unter den Obergedanken der Selbstbeherrschung einordnen, der Unterdrückung von Aggression und Emotion, der Selbstverleugnung, und vermutlich wären sie vor allem im germanisch beeinflussten 9. Jahrhundert in der Summe für unmännlich, jedenfalls für unkriegerisch gehalten worden.

 

Vielleicht kann man die drei am Ende dieser Passage von ihr selbst angefügten Haltungen etwas herausnehmen und als Aspekte von Klugheit bei Hofe verstehen, wobei insbesondere die astutia auffällt, eine nicht sonderlich christliche Form von Klugheit, die mit Schlauheit, Verschlagenheit und List konnotiert ist, und dann könnte einem das direkt angefügte et cetera zu denken geben: Mahnt Dhuoda hier ihren Sohn, in seiner prekären Situation am Hof Karls des Kahlen zunächst an seine eigene Sicherheit zu denken? Dazu mag passen, was sie an anderer Stelle dazu schreibt: Sei gegenüber deinem Herrn ... aufrichtig, aufmerksam, nützlich und gefällig! (uerax,uigil, utilisque atque praecipuus) Außerdem soll er klug sein...(III,4)

 

Schließlich passt in diesem Sinne auch noch folgende Stelle: Wenn du für den Nächsten ein brüderliches Mitgefühl hast und du die Gastfreundschaft hochhältst und unentwegt Arme und Trauernde tröstest, besitzt du den Geist der Frömmigkeit. Wenn du aus verlässlicher Loyalität gegenüber deinem Vater und deinem Herrn oder den obersten Führern und allen deinesgleichen, egal ob älteren oder jüngeren, Respekt und Liebe erweist und du dich nicht in Beleidigungen und Zänkereien derer verstrickst, die uneins sind, ruht zweifelsohne der Geist der Furcht des Herrn in dir. (Si compassionem erga proximos habueris fraternam, et hospitalium sectator, pauperum que et moerentium consolator assiduus fueris, habebis spiritum pietatis. Si timorem et amorem, ex fidelitatis industria, circa genitorem et seniorem tuum, uel circa optimates ducum et cunctos pares tuos, maiorum que siue et iuniorum, tenens, ne in offensa uel in scandalis discordantium utrumque cadas illorum, absque dubio quiescet in te spiritus timoris domini.)

 

An keiner Stelle werden christliches und weltlich-irdisches Interesse so ineinander verschränkt. Was in obiger Aufzählung fehlt, andernorts bei Dhuoda aber wichtig ist, ist die largitas, die Großzügigkeit, Freigiebigkeit, deren Gegenteil die Gier ist, die avaritia. Sie ist aber wohl in der caritas und bonitas enthalten.

 

Im Geben vereinen sich Germanisches und Christliches: da ut accipias und da, domine, quia dedi. Dazu gehört auch der Gedanke, dass Freunde vermittels des ungerechten Reichtums machen, de mamona, das Himmelreich bringt.

Elemosina extinguit peccata, die milden Gaben löschen Sündenschuld. Franco Cardini (über?)betont diesen Aspekt sehr stark: "Es handelt sich demnach um scharf beobachtete und genaue Erläuterungen zum Geist, zu der Einstellung, von der solche "Männergesellschaften" durchdrungen sein sollten; sie fußen auf der Kultur des Schenkens und leiten aus dem Austausch von Gaben und der gegenseitigen fidelitas (Treue), die dieses Wechselverhältnis stützt und ihm Kraft und sittliche Bedeutung verleiht, ihren Daseinsgrund ab: Dieses Wertesystem wird in seinem Inneren von den Tugenden der caritas (Bruderliebe) und der largitas (Freigebigkeit) zusammengehalten, die im Kampf und danach, bei einem Sieg, in der Verteilung der Beute sichtbar werden." (F.Cardini in Bertini (Hrsg): Heloise und ihre Schwestern, S.91)

 

Das ganze Kapitel IV,9 befasst sich mit der Hilfe für die Armen, für Waisen, Pilger, Fremde, Witwen, Kinder, Bedürftige, Unterdrückte (ama pauperes, IV,8). Er soll sich vorstellen, wie es wäre, wenn er selbst Hilfe brauchte, was zur Goldenen Regel überleitet: Füge niemandem zu, was du selbst nicht für dich willst. Dies nüchterne Nützlichkeitsdenken wird allerdings ergänzt dadurch, dass Wilhelm das alles fraterna compassione, aus brüderlichem Mitgefühl tun soll. Man muss allerdings aufpassen, in der passio schwingt damals nicht unbedingt allzu viel mit von dem, was wir heute unter "Gefühl" verstehen.

 

Der Christ strebt Erlösung an (salus), jenes Heil, das nicht von dieser Welt ist. Dazu soll Wilhelm contra uitia uirtutes setzen (IV,5).. Das schlimmste Laster ist der Stolz (superbia), die entsprechende Tugend humilitas. Er soll mitis et humilis corde sein. Die Sanftmut wird zur Ablehnung des Zorns (ira) führen.Die Demut führt zum Gehorsam (humiliando et obediendo, IV, 4)

 

Die beiden zentralen Formen der massiven Selbstbeherrschung, die Dhuoda von ihrem Sohn erwünscht, vielleicht aus persönlicher Kenntnis seines Charakters, betreffen die Keuschheit und die Sanftmut. Auf jeden Fall widersprechen beide mehr als alle andere Zurücknahme des eigenen Willens fränkischen Kriegertraditionen.

 

Den Übergang von der Demut zur Keuschheit leistet folgende Konjunktion: Si humilis fueris corde et castus corpore (IV,4) Keuschheit ist continentia, Enthaltsamkeit, und meint hier die Ablehnung jeden sexuellen Begehrens außerhalb der Ehe: Schon die Augen verleiten zur Sünde der unkeuschen Gedanken, meint sie.

 

Wenn durch die Einflüsterung des Teufels, Urhebers des Todes, Unzucht oder irgendein Stachel des Fleisches dein Herz kitzelt, so setze die Keuschheit dagegen...(Si, suadente zabulo, mortis auctore, fornicatio aut aliquis stimulus carnis cor titillauerit tuum, adhibe in contra castitatem.) Er soll die Prostituierten (meretrices) fliehen.

 

Sie zitiert Jesus Sirach: Gehe deinen Begierden nicht nach, und wende dich ab von deinem eigenen Willen. (Scriptum est: Post concupiscentias tuas non eas, et a uoluntate tua auertere.) Es sind satanische Engel, die ihn damit attackieren können. Gebete sollen ihn davor bewahren.

 

Jemand sagt:“Ach, wie kurz dauert die Stunde einer Intimität, durch die das zukünftige Leben verloren geht! “ (O, dicit quidam, quam parua est ad modicum concubitus ora, per quem perditur uita futura!) Sie aber möchte, dass er den Engeln ähnlich wird. Die Ehe aber ist womöglich nicht sündig. (in thoro iugali consortii castitatem. alles IV,6)

 

Das hohe Ziel der Reinheit durchzieht ihren ganzen Text (ama munditiam). Der Mensch ist seit dem Sündenfall immundus, unrein, nur Gott kann (von den Sünden) reinigen (mundare), nachdem man ihn hinreichend um Verzeihung gebeten hat. Zudem findet Reinigung durch gute Werke statt, an der Spitze die Almosen, wie schon Lukas empfiehlt.

 

Zuallererst ist Keuschheit Reinheit. Wir dürfen nicht vergessen, dass das Gegenteil von Reinheit Beschmutzung ist, Befleckung, und das zunächst nicht im übertragenen Sinne. Deshalb verweist Dhuoda am Schluss (XI,2) auch auf die "immerwährende Jungfräulichkeit Mariens", ihre handgreifliche Unbeflecktheit" selbst in der Empfängnis.

 

Reinheit taucht zuerst im Bild ihres Buches als Spiegel auf, und zwar im Bild der Frauen, die in den Spiegel schauen, um sich von allen Unreinheiten zu befreien. Diese Hautunreinheiten sind ganz handfest gemeint, und erst dann gelangt sie zu den Unreinheiten im übertragenen Sinne bis hin zur Unreinheit der (bloßen) Absichten, wenn sie von cor mundum spricht und von den Absichten aus reinem Herzen, mundum corde. (IV,8)

 

Die zweite Form der Aggression neben der sexuellen ist die physischer Gewalt. Sie im Dienste (s)eines Herrn zu unterdrücken kann sie schwerlich fordern. Stattdessen fordert sie viel schwierigeres, die Unterdrückung seiner Emotionen. Er soll unüberlegte Hoffahrt und aufgeblasenen Hochmut, temeritatis superbiae atque tumorem elationis in Sanftmut, mansuetudinis pensum verwandeln (IV,5) und in lenitas, Milde.


Er soll tiefe Erbitterung,
pestis rancorum, und Zorn (ira) besändftigen: mitigare, (beati mites, IV,8), ja sogar mit Füßen treten, in den Boden stampfen: conculcare (alles IV,7). Im letzten Verb wird deutlich, wie schwer das ist: eine aggressive Bewegung soll durch eine andere bekämpft werden.

...occupationem captionis iram mitigari cupiebat, in Besitz genommen und gefangen vom Zorn, möge er besänftigen, und: pax comprimit iram (bändigt den Zorn), uince iram in pace, überwinde den Zorn durch Frieden. Iram refrenare, heißt es schließlich noch, den Zorn zügeln.

 

Die zugehörige Tugend ist die patientia, die Duldsamkeit, wofür sie Moses als Muster anführt: patiens mitis que mente et corpore inter omnes militabat (geduldig und sanft ertrug er im Geist und mit dem Körper unter allen anderen). Zum Lohn erhielt ihm Gott seine Sehkraft und seine Zähne. Aber es passt mehr zu Jesus als zu Moses, wenn sie von ihm verlangt, zu vergeben und zu versöhnen (dimittare).

 

Schließlich zitiert sie die Sprüche des Alten Testamentes: Melior est patiens uiro forti, et qui suam patientissime in omnibus domat mentem expugnatori praecellit urbium, et cetera: Besser ist ein Geduldiger als ein Starker, und wer sein Gemüt sehr geduldig im Zaum hält, übertrifft einen Städteeroberer. (alles IV,7)

Diese Vorstellungen sind ein Fremdkörper in der überlieferten Laienwelt des frühen Mittelalters. Sie verlangen eine Selbst-Disziplinierung, Selbstbeherrschung, wie sie für Heilige und Mönche beschrieben wird und für kriegerische Laien fast absurd wirkt. "Dhuoda veut donc que son fils Guillaume se mette à l'école des moines..." (Riché, Dhuoda, S. 31)

 

Wir wissen nicht, ob Wilhelm dieses Buch jemals in die Hände bekam und nichts spricht dafür, dass er danach handelte, abgesehen von ihrem etwas versteckten Wunsch, die Loyalität gegenüber dem Vater und seinem Geschlecht höher zu halten als die gegenüber dem König, Verwandtschaft höher als Gefolgschaftstreue - was seinen frühen Tod bewirken wird.

Das führt zu dem Verdacht, dass Dhuoda den Text womöglich mehr für sich als für einen Adressaten geschrieben hat, als Selbstverständigung über ein christliches Ideal. Aber darüber wissen wir nichts. Der Kern ist Sorge, Angst, und zwar um das Seelenheil wie um das Schicksal des Sohnes. Er soll fromm und geschickt zugleich sein, er soll auf seine geistlichen Erlösung (salus) wie auf das gute Auskommen am fremden Hof achten. Soll er sich zwischen beiden Zielen durchlavieren?

 

Im Grunde wird hier germanisch angereichert, was schon in den Evangelien angelegt ist und im Hochmittelalter modernisiert wird: Ein frommes, auf massiven Verzicht bis hin zur Selbstverleugnung angelegtes Leben häuft eine Art Kapital an, den Verdienst (meritus, II,3) der Zinsen trägt bzw. sich als Schatz realisiert, als Platz im Himmelreich. Zwar deutet Dhuoda am Rande auch Lohn schon in dieser Welt an: Liebe erzeugt Gegenliebe, sie fügt nicht hinzu: manchmal (III,10: Ama omnes ut ameris ab omnibus). Ein anderer Lohn ist es, sich später an seinen Söhnen und seinen irdischen Besitzungen erfreuen zu können (IV), und in regiminis curam zu gelangen (III,10). Aber der Kern ist der Erlösungsgedanke: Diese Welt ist schlecht und es gilt, sich eine bessere nächste zu verdienen, in der offenbar das, was hier wichtig ist, Rangunterschiede, unterschiedlicher Besitz etc. keine Rolle mehr spielen: Vor Gott gibt es kein Ansehen der Person (III,10).

 

Wenn wir die Pole Aggression und Depression setzen, was Dhuoda nicht tut, dann könnten wir sie eher dem zweiten zuordnen: Sie ist, wie sie schreibt, alt, schwach, gebrechlich oder gar krank, wird bald sterben. Ihre Hoffnungen ruhen auf dem älteren Sohn und auf seinem Gedenken an sie nach ihrem Tod, um ihren Weg in die ewige Seligkeit zu beschleunigen.

 

Wenn es Depression wäre, würde sie aber im Text etwas kompensiert durch die Hoffnung, die sie an Beten und guten Werken (opera) festmacht. Ihr Text entfaltet dabei eine Leistungs- und Gesinnungsethik: Glaube und Taten gewähren das Himmelreich. Der Kapitalismus wird diese merkwürdige Verheißung zur Worthülse machen und die Selbstverleugnung zur Kapitalanhäufung mit Zinsen um des Konsums willen in dieser Welt. Er wird säkularisiertes Christentum mit der Verheißung der ganzen Pracht eines Himmelreiches auf Erden werden.

 

Dhuodas Text ist im neuzeitlichen Sinne nicht introvertiert, mag sie auch Grund haben, besorgt und betrübt zu sein. Introversion beruht auf Resignation, ist Rückzug in eine Innenwelt der Gefühle und Sensibilitäten. Dhuoda aber begreift Frömmigkeit noch als außengerichtetes Handeln: Gott ist in dieser Welt außen und wird zugleich als oberster Herrscher adressiert, seine Autorität als höchste unterscheidet sich qualitativ kaum von der von Vater und König. Für alle gilt das, was sie auch ihrem Sohn anempfiehlt: iustitia, Gerechtigkeit als wesentliches Strukturelement von Ordnung: Vertikal meint es Unterordnung, horizontal Einordnung, die Kameradschaft bei Hofe und im Krieg.

 

Dhuodas Text, vorwiegend eine Art Glaubensbekenntnis und Ermahnung zur Frömmigkeit, drückt in einem Punkt ihr Gefühl aus, nämlich das von Mutterliebe genährte Gefühl der Sehnsucht nach ihrem Sohn. Sie unterrichtet ihn animo ardentis in pectore, mit einem in der Brust glühenden Herzen (I,7)


Und an anderer Stelle schreibt sie folgendes, nämlich dass Gott Moses nicht erlaubt, ihn zu sehen. "Und wenn das so bei den Heiligen ist, wie wird es deiner Meinung nach meinesgleichen auf Erden ergehen?" Und dann: In hac denegatione conspicuitatis ualde meus marcescit animus - aestuat enim sensus. (I,1: Die Verweigerung des Anblicks tut mir in tiefster Seele weh; denn mir brennt mein Herz.)

marcescit animus – lässt meine Lebenskräfte erschlaffen, welken. Aestuat sensus – bringt meine Gefühle so zum Glühen, dass es mir den Verstand verbrennt. Bei diesem sprachlichen Ausdruck ist klar, dass sie nicht den Anblick Gottes meint, der laut biblischem Text so ungeheuerlich wäre, dass er solches hervorbringen würde, sondern den fehlenden Anblick ihres Sohnes. Der Text springt hier also, ohne das zu bezeichnen, über Kreuz und setzt den ungeheuerlichen Anblick Gottes und den fehlenden ihres Sohnes an Intensität gleich. Verklausuliert ist das der einzige intensive Gefühlsausbruch im Text, und ganz offensichtlich Indikator für die persönlichen Absichten in ihm.


Schwieriger ist das Verständnis der folgenden Passage: Da illis, ut melius nosti, tuam occulte cum suspirio et lachrymis ueram confessionem. (III,11: Ihnen, den Priestern, lege, so gut du kannst, in aller Verschwiegenheit und unter Seufzern und Tränen eine aufrichtige Beichte ab).

 

Neben dem Beten und Absingen von Psalmen und der Bibellektüre ist auch die Beichte sehr privat und persönlich, wie die ganze Frömmigkeit der Dhuoda. Aufrichtig (verus), heimlich (occulte) und gefühlsintensiv (seuzend und weinend) scheinen zusammen zu gehören. So wie Dhuoda in der zuvor zitierten Passage ihre Gefühle verklausuliert, so soll sie offenbar auch der Kriegersohn hier verstecken. Andererseits wirkt es auf den ersten Blick etwas theatralisch, seine Sünden vorsätzlich unter Seufzern und Tränen zu bekennen, wenn dies ohne Öffentlichkeit geschieht. Dazu passt, was sie bei ihren Ermahnungen, Wilhelm solle dem König und seinen Verwandten treu ergeben sein, sagt: David habe Saul und Jonathan gepriesen, eos cum suspirantis affectu laudans, mit dem Empfinden eines Seufzenden (III,8), wie Wolfgang Fels übersetzt.

 

Wenn Dhuoda vom Heil der Seele spricht, dem salus animae zum Beispiel in ihrem Prolog, dann ließe sich anhand des Textes schnell sagen, das Heil sei die Rettung dieser Seele nach dem Tode vor jenem Verderben, welches Hölle heißt. Die antike salus aber war Gesundheit, das Wohlergehen und dessen Sicherung, also zentral auf das körperliche Wohl bezogen. Und die anima war jener Hauch, der den Wesen Lebendigkeit einflößte.

 

Falls Dhuoda, was wir nicht definitiv wissen, fränkischsprachig aufwuchs, dann würde das germanische Heil nicht viel anderes bedeuten als das römisch-antike, während die vorchristlich-germanische Seele wohl jenen Leben spendenden Teil des Menschen ausmacht, der vom Meer (See) kommt und wieder dahin zurückkehrt.

 

Die Christianisierung von anima/Seele schuf also zweierlei: Sie gab die Seele in die Verfügungsmacht Gottes bzw. des Teufels, die beide während des Erdendaseins des Menschen darüber streiten, und sie wertete den Aspekt "diesseitiger", innerweltlicher Lebendigkeit ab.

 

Die Christianisierung versuchte andererseits den Aspekt physischer Gesundheit in salus/Heil zugunsten des Aspektes einer geistig-geistlichen (spirituellen) Reinheit zu entwerten. Es wird zu untersuchen sein, inwieweit diese entmaterialisierte Reinheitsvorstellung sich mit der altgriechischen Zahlenmystik verbindet und inwieweit beide in den hochmittelalterlichen Klöstern mit der Entstehung der neuen abendländischen Musik als Kunstform konvergieren. Reinheit jedenfalls ist jene vergeistigte Vorstellung von Unsterblichkeit, die den Tauschwert über jeden Gebrauchswert stellt, um kurz einmal in die idealistisch getränkte politische Ökonomie von Karl Marx abzuschweifen - es ist das Absterben und Abtöten ("irdischer") Lebendigkeit.

 

Auf dieser Basis kann Perpetua laut ihrem Text im römischen Nordafrika am Ende freudig in ihren Märtyrertod gehen, aber für die meisten "Christen" stellt sich von Anfang an die Frage, wie Lebenswirklichkeit und christlicher Anspruch miteinander versöhnt werden können. Genau dafür aber ist Dhuodas Text ein für das frühe Mittelalter einzigartiges Dokument. In ihm entfaltet sich wie nie zuvor jenes Doppel aus Vorstellung und Wirklichkeit, welches die westliche Welt mit ihrer Schrift-, Text- und am Ende Wissenschaftsgläubigkeit bis heute prägen wird, in der mehr als sonstwo jene Krisenzyklen entstehen, in denen die aufgeblähte Vorstellung immer aufs Neue ihr Schiff auf die Klippen der Wirklichkeit fährt, um dann erneut am letztlich immergleichen Text zu bauen, der immer elaborierter wird, was die Schiffbrüche immer gewaltiger macht.