Anhang 30: FRANKREICH, BURGUND UND SPANIEN

 

 

Frankreich 1270-1500

Burgund 1361-1477

Spaniens Weg in die "Neuzeit"

 

 

Frankreich 1270-1500

 

Philipp III.

 

Um 1270, als Ludwig "der Heilige" in Karthago stirbt, ist Frankreich ein Königreich mit einer großen Hauptstadt und dort angesiedelter Zentralverwaltung. Das Land ist aber zum großen Teil immer noch in Fürstentümer aufgeteilt, die bei Hofe Koalitionen und Interessengruppen bilden. Große Macht und Einfluss bei seinem königlichen Neffen entfaltet dabei Karl von Anjou mit seinem sizilischen Reich und der Günstling Pierre de la Broce, bis er 1278 hingerichtet wird.

1274 stirbt König Heinrich von Navarra und es gelingt, die Erbtochter mit dem französischen Thronfolger zu verloben.

 

 1270-75 kommt es zu einem englisch-flämischen Handelskrieg, und danach zu Widerstand der bürgerlichen Mittelschichten gegen das städtische Patriziat. Graf Guido III. von Dampierre unterstützt die kleinbürgerlichen Kreise. 1075 wird der Thronerbe mit Joana, der Erbin von Navarra und der Champagne, verlobt.

1282 verliert Karl von Anjou nach der sizilianischen Vesper die Insel an Aragón. Im Gegenzug gelingt es Philipp III., den mit Hilfe französischer Söldner ins Amt gehievten Papst Martin IV. dazu zu bringen, einen „Kreuzzug“ gegen Aragón auszurufen (1282-85), der aber scheitert und mit dem Tod Philipps auf dem Rückzug endet.

 

Philipp IV. ("der Schöne")

 

Nach dem gescheiterten Feldzug um Sizilien leitet der König Verhandlungen mit Aragon ein und unterstützt nicht die Wiedereroberungs-Versuche von Neapel aus. Aber der Konflikt mit Aragón insgesamt im Mittelmeerraum bleibt.

 

In den flämischen Städten verschärft sich der Gegensatz zwischen reichen Patriziern gegen die darunter liegenden bürgerlichen Schichten, die sich politisch ausgeschlossen fühlen. Der Graf Guido von Dampierre sucht seine Unterstützung bei diesen und die Patrizier verbünden sich mit Philipp IV. „Le Bel“. Darauf sucht der Graf 1297 die Unterstützung der englischen Krone, die aber kaum eingreift.

 

Um dieses zu schwächen, greift Philipp 1294 schon Guyenne an und lässt es besetzen, während der englische König gegen die Schotten kämpft.

 

Auch an einer anderen Front häufen sich die französischen Erfolge. Pfalzgraf Otto IV. vergibt als Mitgift für die Heirat seiner Tochter mit dem französischen Kronprinzen die Freigrafschaft Burgund. Im Jahr darauf begibt sich Toul unter die französische Krone. Deutsche Schwäche führt dazu, dass nach und nach Frankreich immer größere Teile Lothringens erwerben wird.

 

Derweil beginnt wegen der Sondersteuern, die Philipp dem französischen Klerus auferlegt, der Konflikt mit Papst Bonifaz VIII, der so etwas 1296 in der Bulle 'Clericis laicos' von seiner Zustimmung abhängig macht, was Philipp mit einer partiellen Handelssperre gegen Italien beantwortet. Der Papst gibt darauf nach, auch weil er französische Unterstützung gegen die Colonna braucht.

 

Die Templer verfügen mit ihren Steuerprivilegien längst über mehr Geld als selbst der französische König. 1295 wird den Templern der Staatsschatz genommen und im Louvre untergebracht. Eine vorwiegend von Bürgerlichen geleitete chambre des comptes bekommt bald die Aufsicht über die königlichen Einnahmen. 

Nachdem auf den Champagnemessen italienische Bankiers auftauchen, werden sie auch die Finanzfachleute der französischen Krone und gewinnen Einfluss auf die Krone und die Erhebung von Steuern und Abgaben. 1292/93 laufen "zwei Drittel aller Ausgaben der Staatskasse durch ihre Hände" (Ehlers, S.195). 1305 sind die Münzen von Paris, Troyes und Tournai an die Florentiner Peruzzi verpachtet.

 

1297-1300 dringt Philipp in Flandern ein und legt das Land unter königliche Verwaltung. England sperrt den Export seiner Wolle. Zwei Jahre später erhebt sich Brügge gegen die französische Besatzung und tötet sie, dann ebenfalls wegen der Steuerlast fast alle anderen flämischen Städte außer Gent. Derweil zieht Karl von Valois durch Mittelitalien nach Neapel, um von dort aus Aragón aus Inselsizilien zu vertreiben.

 

Aber bei Kortrijk wird ein französisches Ritterheer im Juli 1302 vom städtischen Aufgebot geschlagen. Karl muss zurück nach Frankreich.

1303 wird in Paris Frieden mit der englischen Krone (Edward I.) geschlossen, die für die Rückgabe von Guyenne die Oberhoheit Philipps über Aquitanien anerkennt. Das gibt Frankreich die Kraft, 1304 die Flamen bei Mons-en-Pévèle zu schlagen.

 

Der Streit mit dem Papsttum flammt wieder auf, als der Papst den dem König unfreundlich gesonnenen Bischof Bernard Saisset von Pamiers einsetzt, den Philipp wegen Hochverrates verhaften und anklagen lässt. In einer Serie von Erklärungen versteigt sich Bonifaz darauf bis zur Bulle 'Unam Sanctam', die auch königliche Unterwerfung unter sein Amt fordert. In Frankreich nimmt die antiklerikale Propaganda zu, was Philipp den Rücken deckt, um über den Siegelbewahrer Wilhelm von Nogaret den Papst frontal anzugreifen und deshalb ein Konzil zu seiner Verurteilung und Absetzung zu fordern.

Der verhängt das Interdikt über Frankreich, worauf Nogaret mit einer Delegation der französischen Krone zum Aufenthaltsort des Papstes in Anagni reist. Man trifft dort auf eine Truppe der von Bonifaz feindselig behandelten Colonna. Am 7. September wird der Papst gefangen genommen, aber dann zögert man, unsicher, was zu tun sei. Darauf können Bürger Anagnis ihn wieder befreien. Bonifaz stirbt allerdings kurz darauf in Rom und sein Nachfolger Clemens V. gibt klein bei und siedelt nach Avignon über.

 

Nogaret ist einer der Legisten, die in Justiz und Verwaltung Karriere machen, dort wo der König über sie seine Dominanz unter Verweis auf die communis utilitas im ganzen Reich als patria durchsetzt. Der Weg vom mittelalterlichen Herrscher zum Souverän eines Staates wird beschritten. Der conseil des Königs, sein engster Beraterkreis, und die königliche Verwaltung werden immer deutlicher getrennt. Das parlement wird nun immer spezifischer von einer allgemeinen Versammlung zum obersten Gerichtshof, zu dem ein Instanzenweg hinführt. Ein Untersuchungsgericht, chambre des enquêtes, bildet sich daraus, eine grande chambre für die Prozessführung und eine chambre de requêtes für Eingaben an die Krone.

 

Grundlage der Herrschaft ist konsequent durchgesetztes Lehnsrecht und damit Herrschaft über Vasallen. Machtkonflikte werden so feudal definiert.

 

Sechs weltliche und sechs geistliche Pairs (pares) standen seit einiger Zeit über diesem System. Sie werden nach und nach vor allem durch Mitglieder der königlichen Familie ersetzt, die damit ihre Apanage erhalten, wörtlich ihre Versorgung mit Brot. Sie und vom König berufene Räte, bald auch darunter Vertreter aus den Städten, treten nun im conseil zusammen. In besonderen Fällen, die besonders Steuern und Abgaben betreffen, tritt ein erheblich erweiterter Rat zusammen, der nun als états (status) bezeichnet wird, zusammen als Generalstände. Sie tagen und beschließen getrennt, erklären sich dann aber gemeinsam. Das Königreich findet neben der Person des Königs in einer gewissen Repräsentanz (der obersten Kreise) seine Gemeinsamkeit.

 

Kern des königlichen Heeres bleibt zunächst noch die zur Heeresfolge verpflichtete Ritterschaft, wobei ein Teil aus Kostengründen auf die Ritterweihe verzichtet und mit derselben Bewaffnung als serjeants dient. Beide benötigen für den Krieg valets, Knappen und Schildträger. Rund zweihundert zentrale Städte, bonnes villes, stellen ebenfalls serjeants und Kriegsmaterial.

 

Da immer mehr Ritter der Heeresfolge fernbleiben und auch die Städte ihre Mannen gerne durch Geld ablösen, ist der König zunehmend auf vorwiegend berittene Söldner angewiesen, die auch schneller aufgeboten werden können. Generalunternehmer werben sie auf eigene Kosten an und bieten sie dann als Geschäft dem König an.

 

Ritter und Söldner kämpfen dann unter einem königlichen connétable in einem Heer nebeneinander. Entsprechend werden Ritter zunehmend durch Geldlehen bezahlt. Geld bestimmt inzwischen zum guten Tei den Kriegserfolg, was bis heute und überall so geblieben ist. „Für den Adel hat das nachteilige Folgen, denn ich Kriegsfalle führte der Herr nicht mehr das Aufgebot seiner Grundherrschaft, sondern stieß als Einzelperson zum königlichen Heer und musste es dem connétable und seinen Beauftragten überlassen, in welcher Funktion sie ihn einsetzten.“ (Ehlers, S.185)

 

Geld nicht zuletzt für den Krieg gewinnt der König einmal ganz herkömmlich aus den königlichen Eigengütern und den Lehen mit ihren Herrenrechten. Dazu kommt die aide als außergewöhnliche Abgabe besonders für den Krieg, die sich in eine Kopfsteuer verwandelt, die taille, von der wegen ihres Kriegsdienstes die Adeligen und jene Bürger, die ebenfalls für den König in den Krieg ziehen, befreit sind. Schließlich werden auch königliche Verbrauchssteuern immer wichtiger, wie die auf Salz (gabelle). Da Adel und bürgerliche Militärs von der Kopfsteuer befreit sind, ist es wichtig, die Kriege auch über besondere Abgaben der Geistlichkeit zu finanzieren, was zu den Konflikten mit Papst Bonifaz führt.

 

Mit konzentrierter und intensivierter königlicher Gerichtsbarkeit und Verwaltung, der über Geld vermittelten königlichen Armee und der (fast) allgemeinen Besteuerung werden die Franzosen zu Untertanen ihres Königs und zunehmend zugleich zu denen eines vom König geführten und repräsentierten Staates.

Um 1300 umfasst der Hofstaat etwa 500 Personen, "aufgeteilt in sechs ministeria, mit unklaren Kompetenzen im einzelnen. (...) Bei Rundreisen kontrolleirten die prévôts die einzelnen, nun um ein Vielfaches im ganzen Land vermehrten königlichen Domänen." (Seibt, S.269)

 

Die Konzentration aller zu Untertanen werdenden Menschen im Reich des Königs betrifft alle Partikulargewalten, Fürsten, Adel, Städte, aber auch die Ritterorden.

Besonderes Interesse erregt dabei der Templerorden, der es zu Reichtum und Burgen gebracht hatte und weiterhin nur dem Papst untersteht. In Propaganda-Aktionen wird er wegen Gotteslästerung, Teufelsverehrung in Gestalt einer Katze, Obszönität, Sodomie, Urinieren auf das Kreuz,  und anderen erfundenen Beschuldigungen diffamiert und 1307 stimmt der Papst unter königlichem Druck nach Zögern zu, wohl ebenfalls interessiert am Ordensvermögen. 1311 werden sie auf dem Konzil von Vienne verurteilt und im Jahr drauf kommt es zur päpstlichen Aufhebung des Ordens und Überführung seines Vermögens an die Johanniter. Alle Templer werden verhaftet und auf der Streckbank und mit Daumenschrauben gefoltert; ihnen werden Zähne und Fingernägel herausgerissen, Knochen gebrochen und Füße in Feuer getaucht. Zahlreiche Templer werden öffentlich verbrannt, 54 in Sens, die obersten Führungspersonen 1314 in Paris. Der König vergibt das Templervermögen an die Johanniter und holt es sich dann fast vollständig mit einem Trick wieder zurück.

 

In der Chronik der Stadt Magdeburg wird das dann so kommentiert:

Man bezichtigte sie der Ketzerei, dass sie Christus verleumdet und das Kreuz Christi angespien hätten. Man meint jedoch wohl eher, dass der Papst und der König von Frankreich und andere Fürsten ihr Gut hatten haben wollen, denn sie waren maßlos reich. Aber sie trieben auch großen Hochmut, und es dünkt mich dies der eigentliche Grund, warum Gott es zuließ, dass sie zerstört wurden. (in: Gleba, S.149)

 

Mit dem flächendeckenden Massenmorden gegen die Katharer und der enormen Grausamkeit, mit der gegen die Templer vorgegangen wird, wird schlaglichtartig deutlich, dass der entstehende neue Staat nicht nur mit Verwaltungsakten, Gerichtsurteilen, Heiratspolitik und den üblichen Kriegen sich entfaltet, sondern zudem mit außerordentlicher Brutalität, die bereits die Schrecken der Neuzeit ankündigt: Den Terror verbreitenden Staat mit seinen königlichen und geistlichen Großverbrechern.

Schon 1306 waren die Vermögen der Juden konfisziert und diese vertrieben worden, nachdem die Dominikaner jahrzehntelang gegen sie gepredigt hatten. 1309-11 werden die lombardischen Finanziers und Kaufleute vertrieben.

 

Von Ludwig X. bis zu Karl IV.

 

1314 stirbt Philipp der Schöne, zwei Jahre herrscht Sohn Ludwig X. und stirbt dann 1316 ohne männlichen Erben. Das Kind seiner schwangeren Gemahlin Johanna von Navarra stirbt kurz nach der Geburt. Darauf ergreift der Bruder des Königs, zunächst Regent, die Macht als Philipp V.  Eine Versammlung in Paris, zu der auch Universitätsmitglieder gehören, erklärt zu diesem Zweck, dass Frauen in Frankreich von der Thronfolge ausgeschlossen seien. Philipp lässt sich 1317 in Reims krönen, stirbt aber als letzter Kapetinger schon 1322 ohne männlichen Nachkommen. Nachfolger wird sein Bruder Karl IV., der bald Truppen in Guyenne einmarschieren lässt. 1327 kommt es wieder gegen Kriegsentschädigungen an Edward III. 

1334 stirbt der vierte Karl, wiederum ohne Erben.

 

Philipp VI. (1328-1350)

 

Philipp von Valois ist Regent während der Schwangerschaft der Königin Johanna von Évreux. Nachdem diese eine Tochter gebärt, stimmen die Magnaten seiner Ernennung als Philippe VI. zu, die auch eine Entscheidung gegen die Thronfolge von Söhnen aus der weiblichen Linie bedeutet. Legitimer Thronerbe wäre sonst eher König Edward III. von England, Enkel Philipps des Schönen, gewesen, und zwar über Isabelle ("de France"), Schwester der verstorbenen Söhne Philipps IV. und Witwe Edwards II. Schon einige Tage vor der Krönung Philippes fordern Gesandte Edwards den Thron für ihn als legitimerem Erben. Aber Edward erklärt sich zunächst als Lehnsmann Philippes. Der andere Konkurrent, Philippe d'Evreux, erhält als Entschädigung das Königreich Navarra.

 

Die französischen Fürsten scheuen vor der Macht eines englisch-französischen Doppelmonarchen ihnen gegenüber zurück und auch vor der Einsetzung eines Nichtfranzosen. Darum beginnt mit Philippe die Herrschaft des Hauses Valois, welches zunächst von seinen Gegnern so betitelt wird, handelt es sich doch weiter um eine kapetingische Nebenlinie.

Das ist der Einstieg in jene Periode, die französische Historiker im 19. Jahrhundert als Guerre de Cent Ans bezeichnen werden, als Hundertjährigen Krieg.

 

Schon 1328 siegt Philippe bei Cassel über ein flämisches Bauernaufgebot. 1329 legt Edward III. ein Treuegelöbnis ab und 1331 den ligischen Lehnseid. Im Regierungsapparat nehmen nun Gefolgsleute der Valois zu.

 

Als Reaktion auf den englischen Druck auf Flandern zieht Philippe 1337 die Guyenne als Lehen ein (Dirlmeier, S.127), und in der Folge kündigt Eduard III. Plantagenet, König von England und Herzog von Aquitanien, den Lehnseid auf und erklärt sich zum französischen König. Es kommt zum Hundertjährigen Krieg, der mit Unterbrechungen bis 1453 andauern wird.

 

Navarra wird vom Staatsrat 1338 an Johanna von Évreux abgegeben, während die Champagne und die Brie an den französischen König fallen. Im Konflikt über das Artois gewinnt der König gegen Robert, der nun nicht mehr Pair ist und vom Hof verbannt nach England geht, um den Valois von dort aus zu beseitigen. Der König verheiratet Enguerrand VI. von Coucy mit Katharina, Tochter des Herzogs von Österreich und Enkelin des Grafen von Savoyen.

"Herzog Leopold gab seiner Tochter eine Aussteuer von 40 000 Pfund, und König Ludwig vermachte ihr und ihren Kindern eine jährliche Zuwendung von 20000 Pfund. Enguerrand schenkte er 10 000 Pfund und versprach ihm weitere 10 000, um ihn von seinen Schulden zu befreien. Enguerrand seinerseits versprach, 6000 Pfund auf seine Frau zu überschreiben, und, worauf es dem König im Grunde ankam, seine und seiner Vasallen Gefolgschaft in der Verteidigung des Reiches gegen Eduard von England." (Tuchman, S.55)

Inzwischen hat Frankreich ungefähr 14 Millionen Einwohner gegen 3 Millionen Englands.

 

Die flämische Oberschicht spricht französisch und  die Studenten sind auf französische Universitäten orientiert. 1338 stehen von der allgemeinen Rezession betroffene Bauern und Städter gegen ihren Grafen Ludwig von Nevers auf und suchen Unterstützung in England.

Darauf greift der französische König militärisch ein, besiegt ein flämisches Kommunalheer und richtet in Flandern direkte königliche Verwaltung ein. Edward sperrt nun, um Druck auf Flandern auszuüben, die Ausfuhr englischer Wolle und die Einfuhr ausländischer Tuche. Zudem lockt er Textilhandwerker ins Land und protegiert damit auch den Aufstieg einer englischen Tuchproduktion.

 

1339 landet Edward mit einer Armee auf dem Kontinent und zieht von Brabant nach Süden. Ursache sind auch das französische Bündnis mit Schottland und das Interesse beider Seiten am reichen Flandern.

 

Da die flämischen Interessen primär an englischer Wolle ausgerichtet sind, kann der reiche Genter Stadthauptmann Jakob von Artevelde mit antifranzösischer Propaganda durchdringen. Zunächst die Genter und dann andere Städte wie Brügge und Ypern wählen ihn 1340 zu ihrem Anführer. Ludwig von Nevers muss nach Paris fliehen. Es kommt zur flämischen Anerkennung von Edward als französischem König, und 1340 ist er in Gent.

In der Scheldemündung hat die französische Krone rund 200 Schiffe für eine Invasion Englands zusammen gezogen. Im Juni gelingt die fast vollständige Vernichtung der französischen Flotte bei Sluis. Entscheidend sind die englischen Bogenschützen auf den Schiffen. In Flandern stehen nun erhebliche Truppen der Engländer, aber sie reichen nicht, um den Seesieg in Landgewinn umzumünzen. Zudem fehlt es Edward an Geld.

1340 wird bei Tournai ein Waffenstillstand geschlossen.

 

Nach dem Tod des bretonischen Herzogs 1341 wendet sich der bretonisch sprechende Teil der Bretagne ebenfalls England zu, der französisch-sprachige der französischen Krone, und in einem Erbfolgestreit kämpft der eher pro-englische Johann von Montfort gegen den Valois-Kandidaten Charles de Blois und seine Gemahlin Jeanne de Ponthièvre. Charles gilt als frommer Asket und zugleich als brutaler Krieger. Bei der Belagerung von Nantes soll er die Köpfe von dreißig gefangenen Gefolgsleuten Montforts mit Belagerungsmaschinen in die Stadt geschleudert haben. Beim Einmarsch in Quimper soll er dort mehrere tausend Einwohner mit seinen Leuten umgebracht haben.

Brest wird vom Fischerdorf zur großen (pro-englischen) Festungsstadt. Auch andere Orte im Süden und Westen mit bezahlten bretonischen und englischen Statthaltern sind unter englischer Kontrolle.

 

Inzwischen kommt es in Flandern zu Kämpfen der Weber gegen andere Beteiligte an der Tuchproduktion und gegen Artevelde, der 1345 zurücktreten muss und dann wohl ermordet wird. Sommer 1345 fällt auch Gent von Edward ab.

 

1346 landen englische Truppen an der Ostspitze der Halbinsel Cotentin. Knapp 10 000 Mann werden dafür verschifft.

Die Normandie wird überrollt und massiv geplündert. Bei Poissy vor Paris kommt der Militärzug zum Stehen.

Die Flammen vor ihren Toren schlugen die Bewohner mit ungläubigem Entsetzen, und ich, der ich dies geschrieben habe, sah all diese Taten, denn sie konnten von Paris aus von jedem gesehen werden, wenn er nur den nächsten Turm bestieg. (Jean de Venette).

 

Der französische König ruft den arrière-ban aus. Die englischen Truppen drehen nach Norden ab Richtung Boulougne. Der französische König folgt ihnen mit rund 12 000 schweren Reitern, 6000 Söldnern aus Genua und außerdem mit Fußtruppen.

Das Heer unter Edward siegt 1346 bei Crécy mit seinen Langbogenschützen gegen das Ritterheer Philipps. Mit dem Bogen können drei Pfeile in der Zeit abgeschossen werden, in der von der Armbrust nur ein Bolzen abgeht.

Der Graf von Flandern und viele andere Große fallen, dazu 1542 Ritter der französischen Seite, zudem Ungezählte ohne Wappen, und Philippe flieht schmachvoll vom Schlachtfeld mit entsprechendem Ehrverlust. Es kommt aber ohen die Möglichkeit, genug Truppen unterwegs stationieren zu können, zu keinen Gebietsgewinnen. Stattdessen wird geplündert und verbrannt.

Während der Belagerung von Calais wird der junge Graf Ludwig von Flanern unter Druck gesetzt, einer Verlobung mit der englischen Prinzessin Isabella zuzustimmen. Er kann dann aber nach Paris fliehen, wo er mit Margarete von Brabant verheiratet wird.

 

Dann wird nach elfmonatiger Belagerung Calais eingenommen, die Einwohner werden vertrieben und durch Engländer ersetzt. Die Stadt wird als Brückenkopf und Handelsstation für englische Wolle zur Festung ausgebaut. Inzwischen verbreitet sich die Pest über Frankreich und bis nach England. Bis 1400 wird sie in über zwanzig Schüben wiederkommen.

Es kommt zu einem Waffenstillstand, der bis 1355 verlängert wird.

 

Darauf erzwingen Ständeversammlungen in Paris und Toulouse die Trennung von Finanzverwaltung und Rechnungsprüfung. Als Herr der Münz-Währung manipuliert der König sie systematisch als Einnahmequelle, und zwar wesentlich durch bewusste Abwertungen, um dann wieder Stabilität für eine gewisse Zeit herzustellen. Damit alleine schon wechseln sich Inflation und Deflation ab, was den Münzherrn nützt und auf die Dauer allen anderen schadet.

"Im Jahre 1349 machten die Gewinne aus der Münzprägung bei starker Münzverschlechterung 70% der Gesamteinnahmen des französischen Königs aus." (Gilomen, S.104)

 

1349 verkauft der letzte Dauphin von Vienne, Humbert II.,  seine Rechte an der Grafschaft Vienne an den jungen Charles von Frankreich. Seitdem wird der älteste Sohn des französischen Königs als Dauphin bezeichnet, wiewohl die meisten wenig mit der Dauphiné zu tun haben.

 

1350 stirbt Philipp VI. Kaiser Karl IV. wird ihm in seiner "Autobiographie" ein schlechtes Zeugnis geben: Philipp übernahm zwar die Räte seines Vorgängers, aber er kümmerte sich in keiner Weise um deren Ratschläge und verfiel der Habsucht. (in: Monnet, S.84)

 

Jean II. ("le Bon" 1350-64)

 

Der neue König unternimmt eine Heeresreform, die die Effizienz auch durch mehr Armbrust- und Bogenschützen steigern soll. 1351 wird das Heer in Kompanien unter Hauptleuten gegliedert und den Soldaten wird verboten, sich ohne ausdrücklichen Befehl des Hauptmanns zurückzuziehen.

1352 Gründung des Sternenordens mit der Verpflichtung, in einem Kampf nie mehr als 500m zurück zu weichen.

 

Unter Jean II. entbrennt der Konflikt mit König Karl II. von Navarra, welcher ebenfalls nach dem französischen Thron strebt, auf den seine Eltern zugunsten von Navarra verzichtet hatten. Er verbündet sich mit Edward III. und lässt Jeans Gefolgsmann Karl de la Cerda (Charles d'Espagne) ermorden, nachdem der König diesen mit dem zu Navarra gehörenden Angoulême belehnt hat. 1354 kommt es zum Ausgleich, bei dem er Teile der Champagne erhält. Nach territorialen Versprechungen des Herzogs Henry von Lancaster tritt er zu diesem über. Jean lässt ihn und den Dauphin 1356 in Rouen gefangen nehmen.

 

Der englische Thronfolger Edward, später als "schwarzer Prinz" gefeiert, beginnt 1355 von Guyenne aus einen Verwüstungs-Feldzug durch Südfrankreich bis Narbonne und dann wieder zurück.

 

Der König hält sich immer mehr in Paris oder der Umgebung auf. Inzwischen   muss er in Paris bei den Ständen der langue d'oeil um Geld bitten, wobei der Sprecher der Pariser Kaufmannschaft, der Tuchhändler Étienne Marcel, Mitspracherechte der Stände an der Finanzverwaltung und ihre Einberufung durch den König verlangt. Man will 5 Millionen Pfund für 30 000 Reisige für ein Jahr genehmigen, wenn ein Komitee der Stände die Truppen direkt entlohnte. (Tuchman). Bezahlt werden soll das durch eine Steuer von 4% auf das Einkommen der Reichen, 5% auf eine Mittelklasse und 10% auf eine untere Steuerklasse. In Arras muss daraufhin ein Aufstand niedergeschlagen werden.

 

Karl von Navarra wird bei einem Bankett verhaftet und normannische Anhänger werden getötet, Deren Verwandte rufen Edward III. um Hilfe.

 

September 1356 unterliegt Jean II. einem in nicht geringem Maße auch aus lothringischen, deutschen, schottischen und schweizerischen Söldnern bestehenden Heer des Schwarzen Prinzen bei Maupertuis in der Nähe von Poitiers  und er selbst und viele auch hohe Adelige geraten in Gefangenschaft.

"Außer dem König waren der Constable, beide Marschälle und der Träger der >Oriflamme< entweder gefallen oder in Gefangenschaft geraten. Die Sieger hatten einen Erzbischof, dreizehn Grafen, fünf Vicomtes, einundzwanzig Barone und Bannerherren und zweitausend Ritter, Knappen und Reisige gefangen genommen. (...) Die meisten wurden mit der Verpflichtung entlassen, bis Weihnachten ihr Lösegeld nach Bordeaux zu bringen.(...) Als der Prinz  beschloss, seinen königlichen Gefangenen nach England zu bringen, beanspruchten die Gasconen erzürnt einen Anteil an seinem Lösegeld, und mussten durch die Zahlung von 100 000 Florin beschwichtigt werden, nachdem sie ein erstes Angebot von 60 000 Florin verschmäht hatten." (Tuchman, S.148)

 

Die Regentschaft unter dem in London gefangen gehaltenen König führt der junge und unerfahrene Thronfolger Charles (V.) gegen eine starke Opposition in der Hauptstadt. Der Prestigeverlust liegt aber beim französischen Adel, bzw. bei ihrem militärisch gescheitertem Rittertum.

 

Aus Geldnot im Oktober einberufene Generalversammlung der Stände mit 800 Delegierten. Die bürgerliche Hälfte der Versammlung wählt ein ständiges Komitee von 80 Mitgliedern, in dem auch Adel und Klerus vertreten sind. Danach geht die Generalversammlung wieder auseinander-

 

Der schwerreiche Tuchhändler und Führer der Seinekaufleute, Étienne Marcel, fordert als erstes die Entlassung von sieben bestechlichen Ratgebern des Königs.

"Ihr Eigentum sollte beschlagnahmt werden, und ihnen selbst sollte die Ausübung öffentlicher Ämter für immer verwehrt bleiben.An ihre Stelle sollte ein >Rat der achtundzwanzig< treten, der sich aus zwölf Adeligen, zwölf Bürgern und vier Geistlichen zusammensetzte und durch die Stände ernannt wurde." (Tuchman, S.152) Außerdem sollte Karl von Navarra aus dem Gefängnis freikommen. Mit diesem verbündet ist Rober le Coq, der Bischof von Laon.

 

Der Dauphin lehnt die Forderungen der Ständevertreter ab, entlässt sie und verlässt dann Paris. Der Rat der 28 hält dennoch eine Versammlung ab, auf der Robert le Coq zu  radikalen Reformen aufruft. Marcel wird zum Oberhaupt der Stadtverwaltung gewählt und zieht mit dieser ins Châtelet.

1357 scheitert der Versuch, Einnahmen über eine weitere Münzverschlechterung zu generieren. Anfang 1357 sind die Stände wieder einberufen und legen eine 'Große (Reform)Verfügung' von 61 Artikeln vor:

"Die Krone durfte erstens keine Steuern ohne die Zustimmung der Stände erheben, zweitens sollten sich die Generalstände in regelmäßigen Abständen nach ihrem eigenen Gutdünken versammeln dürfen, und schließlich sollte ein >Großer Rat der Sechsunddreißig< - zwölf aus jedem Stand - von der Ständeversammlung gewählt werden, um die Krone zu beraten." (Tuchman, S.157) Dazu kommen weitere Reformforderungen wie die Kontrolle der Stände über die Währung und die Beschränkung der königlichen Ausgaben sowie die gesetzliche Regelung der Beschlagnahmung von Vermögen.

 

Der König lehnt alles in Bordeaux strikt ab, bevor er nach London verschifft wird. Der Dauphin muss zustimmen, aber als sich 1358 die Stände wieder versammeln, sind nur wenige Adelige dabei.

 

Inzwischen haben sich die nach Maupertuis entlassenen Truppen aus England, Wales, der Gascogne und deutschen Landen in immer größer werdenden Brigantengruppen organisiert.

"Sie eroberten Burgen und nutzten sie als Ausgangsbasis, um Reisenden ein Wegegeld abpressen und die Gegend ausrauben zu können. Reichen Dörfern verlangten sie Lösegeld ab, die armen brannten sie nieder. Sie raubten Klöster und Abteien aus, plünderten die Scheunen der Bauern, töteten und folterten die, die ihre Güter versteckten oder Lösegelder verweigerten, und verschonten auch Geistliche und Alte nicht. Sie vergewaltigten Jungfrauen, Nonnen und Mütter, entführten Frauen und zwangen Männer in ihre Dienste." (Tuchman, S.158f)

 

Der Mönch Jean de la Roquetaillade (oder: Rupescissa) schreibt, von der Kirche als Häretiker eingesperrt, mit dem 'Vademecum in tribulatione' ein allgemeines Weltuntergangs-Szenario.

 

In London wird Jean II. festlich empfangen und führt ein königliches Luxusleben ohne sonderliche Abstriche mit einem nicht geringen Hofstaat (Hofnarren, Astrologen, Musikanten usw.)

 

Bereits im Sommer 1357 holt der Dauphin seine Räte zurück und lehnt den Rat der Sechsunddreißig ab. Im November 1357 zieht der von England unterstützte und aus Gefangenschaft von Cambrai entkommene Karl von Navarra in Paris ein und Marcel verbündet sich mit ihm. Als der Dauphin in Paris Unterstützung findet, inszeniert Marcel einen Aufruhr von rund dreitausend Handwerkern und Händlern; eine Menge dringt in den königlichen Palast ein und ermordet unter den Augen des Dauphins die Marschälle von der Normandie und der Champagne. Regent Karl flieht aus seiner Hauptstadt nach Senlis. Marcel verliert mit den Morden allerdings nun zur Gänze die Unterstützung von Teilen des Adels.

 

Inzwischen bricht Ende Mai in Nordfrankreich (Beauvais) ein Aufstand von Bauern gegen ihre Grundherren aus, die von Guillaume Cale geführte Jacquerie, nach dem Klischee des Jacques Bonhomme benannt. Ursachen sind Besteuerung, steigende Feudalabgaben und Gebühren, ein stagnierender Getreidemarkt und Gewalttaten durch Militär und Söldner. (Green, S.13) Laut Jean de Venette in seiner Chronik stöhnten die einfachen Leute, wenn sie sahen, wie die Gelder, die sie mühsam zu Kriegszwecken aufgebracht hatten, in Unterhaltung und Luxus verschwendet wurden. (in: Tuchman, S.169)

 

Dem Aufstand schließen sich Handwerker und Kleinhändler an, die Bürger von Beauvais, Senlis und anderen Städten. Ziel werden die ländlichen Burgen, die als Orte der Unterdrückung empfunden werden. Von Paris aus zerstört Marcel mit Bürgermilizen Burgen der Umgebung, was Karl zum Gegner macht.

Tausende Bauern marschieren die Marne entlang nach Meaux, wo die Frauen der königlichen Familie und des Hofstaates in der Burg untergebracht sind. Es gelingt einem kleinen Trupp von Rittern (de Buch, de Foix an ihrer Spitze), die Bauern zurück zu schlagen und dann abzuschlachten. Danach wird Meaux geplündert und komplett niedergebrannt.

 

Im Gegenzug schart Karl von Navarra den Adel hinter sich und schlägt die Aufstände blutig nieder. Guillaume Cale wird in Clermont mit einer Hinterlist gefangen genommen und hingerichtet, sein Bauernheer wird abgeschlachtet. In Paris verbindet er sich dann aber mit Marcel, wird zum Pariser Stadthauptmann "gewählt", weigert sich, gegen die Städte vorzugehen, worauf der Adel zum Regenten umschwenkt. Paris zerfällt in mehrere Fraktionen, und dem Großbürgertum gelingt es, Marcel Ende Juli bei einem Volksauflauf ermorden zu lassen und mit ihm viele seiner Anhänger. Der Regent/Dauphin kann darauf in Paris einziehen; Navarra bedroht ihn weiter von St.Denis aus.

 

Jean II. verhandelt derweil zweimal in London über seine Freilassung gegen enormes Lösegeld und die Abgabe von Touraine, Poitou, Anjou, Maine und Normandie an Edward. Das verwerfen der Dauphin und die französischen Stände. Indem sie "Johanns Abreden mit dem englischen Hof verwarfen, unterschieden sie die Belange des Monarchen von denen des Staates und machten sich unter Führung des Regenten zu Sachwaltern des Gemeinwohls." (Ehlers, S.233) Dafür will Edward auf den französischen Thron verzichten.

 

Ein kurzer Kriegszug Edwards mit großem Heer führt bis vor Reims, wo sich Edward zum französischen König krönen lassen möchte. Nach vierzig Tagen Belagerung ist das Land ausgeräumt und das Heer zieht plündernd weiter nach Burgund. weiter, bis der Herzog Philippe de Rouvres sich mit einer großen Summe von dem Heer freikauft.

Derweil überfällt eine kleine französische Flotte Winchelsea und und plündert Rye. Die englische Armee schließt Paris ein, ohne es erobern zu können und zieht dann nach Chartres.

 

Im Frieden von Brétigny (bei Chartres) 1360 kommt Johann gegen das Versprechen der Zahlung von 3 Millionen écus d'or frei, fast zwei Jahreeinnahmen der französischen Krone, und kann nach Zahlung einer ersten Rate nach Paris zurückkehren, nachdem ein bescheidener englischer Erfolg verhandelt worden war (Guyenne, Gascogne, Guines und Calais). Edward verzichtet für die Überlassung insgesamt eines Drittels Frankreichs auf die französische Krone. Für König Jean gehen vierzig Hochadelige, u.a. die Herzöge von Orléans und Bourbon als Sicherheiten (Geiseln) nach London, die dort vornehm leben dürfen. Mit ihnen reist Jean Froissart aus dem Hainault, der Königin Philippas Patronat für eine Chronik gewinnen möchte, die das Rittertum verherrlichen würde, und vielleicht auf einem der Schiffe auch Geoffrey Chaucer.

 

Etwas zu Geld kommt der König dann, als er seine elfjährige Tochter Isabelle für enorme 600 000 Florins zur Heirat mit dem neunjährigen Gian Galeazzo Visconti nach Mailand quasi verkauft.

Wer hätte sich das je vorstellen können, dass der Träger dieser Krone in solches Ungemach geraten sollte, sein eigenes Fleisch auf einer Auktion zu versteigern. (Villani in: Tuchman, S.183)

 

1361 rollt die zweite Pestwelle durch Frankreich mit etwas weniger Toten als die erste.

Petrarca beschreibt Frankreich im Januar 1361: Überall war Einsamkeit, Trostlosigkeit und Elend; die Felder sind verlassen, die Häuser in Ruinen und leer außer in den festen Städten; überall sieht man die tödlichen Spuren der Engländer, die schrecklichen Wunden, die ihre Schwerter geschlagen haben. (in: Tuchman, S.188)

 

Als die Übergabe der Gebiete an Edward langsam läuft, nimmt Edward 1361 seinen Kronverzicht zurück, worauf Jean die Lehnshoheit über sie fordert. Noch im selben Jahr stirbt der letzte kapetingische Burgunder-Herzog und Jean vergibt das Herzogtum an seinen Sohn Philippe ("den Kühnen")

1362 wird Königssohn Edward formell in das Herzogtum Gascogne und die übrigen kontinentalen Gebiete eingesetzt. Ein Heer ehemaliger Söldner, die große Compagnie, besiegt bei Brignais eine königlich-französische Armee unter Arnaut de Cervole.

 

König Jean reist für längere Zeit nach Avignon, um einen Kreuzzug erst mit Inoozenz Vi. und dann mit Urban V. zu planen.

 

Die Finanzen werden etwas geordnet und eine Ständeversammlung zu Amiens stimmt 1363 der Finanzierung eines Heeres von 6000 Mann zu. Der große Krieg findet nun in kleineren Scharmützeln seine Fortsetzung, was der englischen Besatzung Probleme bereitet.

Als die auf Ehrenwort beurlaubte Geisel, der zurückgelassene Sohn Duc Louis d'Anjou aus Calais flieht, wohl um seine Frau zu treffen, fühlt sich König Jean verpflichtet, zurück in englische Gefangenschaft nach London zu gehen, wo er erst gut behandelt wird, aber schon 1364 stirbt.

 

Charles V. (1364-80)  

 

Charles ist eher Intellektueller als Ritter (Ehlers), belesen und das Urteil der Universität achtend. Berater werden Jean de Dormans, Bischof und Kanzler, und sein Bruder Guillaume, Mitglied im Grand Conseil und der Chambre des Comptes. Paris kontrolliert der Jurist Hugues Aubriot, der u.a. die Bastille bauen lässt, später den steinernen Pont St.Michel. Der erste Kammerherr Bureau de la Rivière fördert Christine de Pizan und Philippe de Mézière.

Bonne policie bedeutet planmäßig betriebenes, zugleich gesetzmäßiges Ordnen der öffentlichen Angelegenheiten durch die monarchische Gewalt. (EhlersKrieg, S.40)

 

Der Söldnerführer Bertrand du Guesclin, ein nachgeborener Rittersohn, siegt in der Normandie für den König 1364 über Karl von Navarra, kann aber nicht verhindern, dass Johann von Montfort in der Bretagne als Vertreter der englischen Partei die Oberhand gewinnt. Nach diesen Kriegen setzen sich die führerlos gewordenen Söldner-Kompanien in Nordfrankreich fest und begründen von Burgen aus eigene (illegitime) Herrschaften, erpressen Schutzgelder und geben sich eigenmächtig Grafen- und sogar Herzogstitel. Zwischen 1360 und 62 kämpfen sie in großen Verbänden sogar für eigene Interessen in Südfrankreich. 

 

In Kastilien kämpft Heinrich  (Enrique) von Trastámara, der Halbbruder, mit einer Adelsopposition gegen König Pedro I. Mit letzterem ist England verbunden, mit dem ersteren verbindet sich nun Karl V. und schickt du Guesclin mit seinen Söldnern, die so von französischem Boden entfernt werden. La Rochelle kann eingenommen werden. Der Erfolg führt zum Königtum Enriques 1366. Eine Armee des Schwarzen Prinzen und von John Chandos besiegt im April 1367 Enrique und du Guesclin bei Nájera. Pedro wird für kurze Zeit wieder eingesetzt und nach einigen Jahren ermordet. Enriques Flotte ist nun mit der französischen Krone verbündet.

 

Derweil versucht sich der flämische Graf Ludwig von Male zunächst aus wirtschaftlichen Gründen mit den Engländern im Interesse des Wollhandels zu verbünden. 1369 gibt er aber andererseits seine Tochter Margarethe  Herzog Philipp ("dem Kühnen") zur Frau. Im gleichen Jahr lädt der Lehnsherr Karl V. unter dem Vorwand einer Klage nach Paris vor. Nachdem der natürlich ablehnt, beginnt nach und nach der Krieg mit England wieder aufzuleben, insbesondere nachdem Edward III. seinen Anspruch auf den französischen Thron erneuert.

 

Gegen den zum Herzog von Aquitanien ernannten Königssohn Edward macht sich 1368 ein Graf von Armagnac zum Sprecher einer Adelsopposition. Der will gegen zu hohe Abgaben vor dem Pariser Parlement klagen, was ihm Edward verwehrt. Darauf zitiert König Charles V. ihn aufgrund eines Gutachtens berühmter Rechtsgelehrter nach Paris, was der verweigert. 1369 wird sein Lehen daraufhin eingezogen, was Krieg bedeutet. König Edward nimmt nun wieder den Titel eines Königs von Frankreich an.

 

Den nun folgenden Kleinkrieg ohne offene Feldschlacht lässt Karl V. von seinem inzwischen zum Connétabel aufgestiegenen du Guesclin und seinen Söldnern führen, was viel Geld kostet und zu besonderen Leiden der vom Krieg betroffenen Bevölkerung führt. Die englische Seite führt den Krieg mit Freiwilligen mit Dienstverträgen,"deren Kosten die Krone trug und durch Sondersteuern und Kredite refinanzierte." (EhlersKrieg, S.45) 1372 siegt eine kastilische Flotte über eine englische. Es gibt französische Überfälle auf die englische Südküste.

1373 überquert eine Armee unter John of Gaunt, dem Herzog von Lancaster, den Ärmelkanal nach Calais, die nach Aquitanien soll. Mit massiven Verwüstungen geht es über die Champagne, Burgund, die Auvergne nach Aquitanien. Es gelingt ihnen nicht, ein französisches Heer zur Schlacht zu reizen, und sie kommen am Ende erschöpft und dezimiert in Bordeaux an.

Die französische Kriegführung ist effektiv: Beim Waffenstillstand von 1375 (bis 77) hat die englische Krone ihre Besitzungen bis auf einige atlantische Hafenstädte verloren.

 

Kurz darauf stirbt der englische Thronfolger, dann Edward selbst und die Krone fällt an den sechsjährigen Richard II. Karl von Navarra wird von Philippe ("dem Kühnen") und Guesclin aus Frankreich auf sein Kernland vertrieben, nachdem er dem englischen König noch Cherbourg verkauft hat.

Der Graf von Buckingham zieht 1380 mit einem Heer zur erfolgreichen Unterstützung der Bretagne gegen Frankreich.

 

Seit den späten 60er Jahren kommt es zu Armutsunruhen, die zuerst in der Auvergne ausbrechen und sich dann in den nächsten etwa 15 Jahren über große Teile des Midi hinziehen. Tuchinerie werden sie genannt, weil daran vor allem Leute beteiligt sind, die aus Hunger sogar ihre Hunde essen. 1384 werden sie wohl endgültig vom Duc de Berry niedergeschlagen.

 

Inzwischen ist aus der früheren Ständetheorie eine ständische Ordnung der königlichen Untertanen hervorgegangen. Der Adel gliedert sich nun dabei ganz stark in die Fürsten königlichen Geblütes, die Fürstentümer als Apanagen (appanagium) erhalten, darunter die etwa 350 Barone (Johanns II.) darunter diejenigen Ritter, die nicht zu den obersten Strata dazugehören, um die 3000 im ganzen Königreich, und darunter jene vielleicht   30 000, die auf den immer teurer zu erringenden Rang eines Ritters verzichten, aber als écuyers wie Ritter kämpfen, auch wenn sie deren Lebensstandrad immer weniger halten können.   

Den Adel zu kontrollieren versucht der König nun durch immer weitgehendere Einschränkung des Fehderechtes und Kontrolle über die Burgen im Reich. Durch Adeligung verdienter Beamter entsteht ein Amtsadel, der sich vor allem aus Juristen zusammensetzt. Andererseits werden zunehmend Connétable, baillis und senéchaux vom Conseil gewählt, was dem Adel Einfluss gibt, und das Parlement gewinnt Selbständigkeit dadurch, dass es neue Mitglieder kooptiert, für die ein Universitätsabschluss Voraussetzung wird.

 

Während das Bürgertum so einerseits durch Karrieren an den König gebunden wird, werden andererseits die Stadtverwaltungen immer mehr durch königliche Beamte besetzt. Das bedeutet politische Entmachtung des dortigen Bürgertums bei gleichzeitiger Förderung ihres Wirtschaftens.  

 

Aus den Apanagen werden häufig Herzogtümer, die dazu tendieren, sich zu verselbständigen. Am deutlichsten wird das mit dem Herzogtum Burgund, welches 1363 König Johanns vierter Sohn Philipp, bald als "der Kühne" apostrophiert, erhält. Der Thronfolger selbst erhält das Herzogtum Vienne, welches auch als delphinatus (Dauphiné) bezeichnet wird. 1378 tritt Kaiser Karl IV. anlässlich seines Besuches in Paris alle Rechte an der Dauphiné ab. Hundert Jahre später wird der Thronfolger dann unabhängig von seiner Apanage als Dauphin bezeichnet.

Diese Fürsten königlichen Geblütes führen eigene Verwaltungen nach dem Muster der königlichen ein, müssen aber Teile der Einkünfte und die Ernennung der Bischöfe beim König belassen.

 

In den frühen siebziger Jahren sind es Erfolge kleinerer französischer Truppenkontingente, die Orte und Gebiete zurück erobern. 1370 lassen sich Limoges und sein Erzbischof für die königliche Seite kaufen. Nachdem der Schwarze Prinz es zurückerobert, erlaubt er das Niederbrennen, die Plünderiund und ein Massaker an der Bevölkerung. Danach übergibt er Aquitanien an John of Gaunt.

Guesclin wird Connetable und arbeitet mit dem "Schlächter" Clisson zusammen. 1372 wird ein englischer Konvoi vor La Rochelle von einer kastilischen Flotte vernichtet. Mit der kastilischen Seehoheit können Franzosen leichter die englische Küste bedrohen. In Rouen werden Werften dafür errichtet.

 

Der Besuch des Kaisers Karl IV. im Dezember/Januar 1377/78 in Paris wird als großes Massenspektakel inszeniert und mit dem riesigen Luxus, den die die königlichen Hoheiten fasziniert anstarrenden Massen mit ihrer Arbeit bezahlen müssen.

 

1378 wird von einem königlichen Heer, u.a. unter Coucy, dem Charles von Navarra fast die ganze Normandie abgenommen. Dezember 1378 wird Montfort in einem Gerichtsverfahren verurteilt und von der Krone die Vereinigung der Bretagne mit dem Königreich ausgerufen, was dort einen Aufstand auslöst.

 

In etwa dieser Zeit presst der Herzog von Anjou in seinem praktisch souverän kontrollierten Viertel Frankreichs den Untertanen immer mehr Abgaben ab, und zwar weit überproportional den Ärmeren. Eine neue Lebensmittelsteuer und weitere Abgaben führen im Juli 1379 zu einem Aufstand der Hungrigen. Häuser der Reichen werden geplündert, Beamte werden erschlagen und im Oktober werden in Montpellier fünf Räte des Herzogs und achtzig Bürger der Stadt getötet.

Als der Aufstand dann ins Leere trifft, unterwirft sich Montpellier. Es kommt zum Todesurteil gegenüber 600 Bürger, teils durch Hängen, teils durch Köpfen, teils durch Verbrennen, und die hälftige Enteignung der übrigen. Auf das Entsetzen folgt dann am nächsten Tag eine weitgehende Begnadigung.

 

Du Guesclin stirbt, Clisson wird sein Nachfolger. Juli desselben Jahres 1380 landet Buckingham in Calais.

 

1380 stirbt Charles V., nachdem er den Kronschatz erschöpft und sich in Schulden gestürzt hat.Auf dem Totenbett bestimmt der König, das die Haushalts- bzw. Vermögenssteuer nun abgeschafft sei, seine Haupt-Einnahmequelle.

 

Bei der Beerdigung kommt es im September zu Krawallen darüber, ob der Rektor der Universität den Vortritt habe oder der Bischof von Paris. Dann gibt es Unruhen im Quartier Latin. Gegen den königlichen Profoss Hugues Aubray strengt die Universität einen doppelten Prozess an - wegen Ketzerei, Sodomie und Judenfreundlichkeit etc. Der Profoss muss demütigende Abbitte leisten.

 

Charles VI. (1380-1422)

 

Für den zwölfjährigen König üben die Herzöge von Anjou, Berry, Burgund und Bourbon die Regentschaft aus, die vor allem zur Finanzierung eigener Machtinteressen dient.

Unter diesen Fürsten betreibt ein zwölfköpfiger Rat die Regentschaft. In Paris kommt er erneut zu Unruhen, die die Abschaffung aller Steuern verlangen und zunächst durchsetzen. Damit ist der König auf seine alten feudalen Rechte zurückgeworfen.

 

Nachdem Louis von Anjou den Kronschatz an sich gerissen hat, scheidet Jean von Berry aus dem Machtkampf der Regenten aus, und widmet sich der Herrschaft im Berry, in Poitou, Auvergne und Languedoc. Philippe ("der Kühne") ist vor allem mit Flandern befasst. Institutioneller Kern des Staatsgebildes ist inzwischen das überwiegend aus vom König ernannter Juristen und Verwaltungsbeamten zusammengesetzte amtsadelige Parlement.

 

1381 wird ein Vertrag mit Montfort geschlossen.

 

Louis von Anjou versucht 1382 mit französischen Sondersteuern einen Feldzug gegen den neapolitanischen Herrscher aus der ungarischen Seitenlinie der Anjou zu finanzieren. In seiner Abwesenheit übernimmt der Burgunder den Vorsitz im Regentschaftsrat.

Als 1382 die aides wieder eingesetzt werden, führen Steuerdruck und Uneinigkeit der Regenten zu Aufständen. Hunderte von Webern wenden sich im Februar 1382 in Rouen zusammen mit dem städtischen Proletariat gegen die städtische Oberschicht, die geplündert wird. Das greift über auf das ganze Land. Am 1. März wenden sich die Händler der Pariser Markthallen gegen die Steuerpächter. Häuser reicher Bürger werden geplündert und Juden massakriert. Das Rathaus wird gestürmt.

Die Bürger von Amiens, Reims, Orléans und Lyon verlangen Gemeinde-Verfassungen. Auf dem Land werden die königlichen Finanzbeamten vertrieben.

Im Languedoc kommt es zu städtischen Unruhen. Im Berry durchstreifen seit 1383 Banden aus Bauern und Söldnern das Land und können erst zwei Jahre später unterdrückt werden

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Dazu passt, dass es unter Wat Tyler seit 1381 zu einem Aufstand gegen Grundherrschaft und königliche Steuerpraxis kommt. Zudem findet zu der Zeit der Aufstand der Ciompi statt. Philipp von Artefelde gelingt es von Gent aus an der Spitze der flämischen Städte Ludwig von Male aus Flandern zu vertreiben.

 

1382 siegt Charles VI. mit einem königlichen Heer bei Roosebeke (bei Kortrijk) über die Genter Stadtmilizen, ohne die Stadt einnehmen zu können. Aber selbst Brügge tritt jetzt auf seine Seite über. 1383 zieht er in Paris ein, wo er dem Bürgertum mit Massenverhaftungen, Todesurteilen und Konfiskationen entgegen tritt. Selbstverwaltung der Kaufleute wird aufgehoben, Zünfte werden entmachtet. Das schadet der dortigen Wirtschaft so sehr, dass die meisten Maßnahmen in den nächsten zwanzig Jahren wieder aufgehoben werden.

 

Als Reaktion darauf findet 1383 ein englischer Feldzug des Bischofs von Norwich nach Flandern statt. Der Graf von Flandern ruft den Hof von Charles VI. um Hilfe, und als sich ein französisches Heer sammelt, ziehen die in Bourbourg belagerten Engländer wieder ab. Es kommt zu scheiternden Landungsplänen der Franzosen an Englands Küste.

 

Bei der Belagerung von Bourbourg wird die Heirat der Wittelsbacherin Elisabeth (Ysabeau) von Bayern-Ingolstadt, einer Bernabó-Enkelin, zwischen ihrem Onkel und Charles VI. eingefädelt. Der König hofft auf den Gewinn von Hennegau und Holland.

 

Im März 1385 findet die burgundische Doppelhochzeit statt und kurz darauf heiratet Charles VI.

1386 zieht der Herzog von Lancaster mit einer Armee auf 200 Schiffen aus, um den Thron von Kastilien zu erobern. Darauf beschließt der französische Kronrat eine großangelegte Invasion Englands. 1200 Schiffe sollen das übernehmen, die sich in der Scheldemündung sammeln. Neben 200 000 Pfeilen, 1000 Pfund Kanonenpulver, 138 Steinkugeln, 200 Rammbügen für Schiffe werden Unmassen an Gerätschaften und lagerfähigen Lebensmitteln angesammelt. (Tuchman, S.384) Eine zerlegbar-transportable hölzerne Stadt wird von 5000 normannischen Schreinern gebaut. Aber das Unternehmen scheitert, als der Herzog von Berry nicht kommt und der von Burgund sich Sorgen um Flandern macht.

 

Inzwischen ist Clisson längst Connetable, also Führer des Militärs, wofür er

24 000 Franken im Jahr erhält. Er "kaufte Lehen, baute sich einen Palast in Paris und verlieh Geld an jedermann: den König, die Herzogin von Anjou, Berry, Bureau del al Rivière und 7500 Florins 1384 an Papst Klemens." (Tuchman, S.392). 1387 überfällt ihn Montfort heimtückisch und erpresst so 100 000 Franken und die Übergabe zweier Städte und dreier Burgen. Etwas später muss er die Burgen wieder zurückgeben und Montfort wird vom König begnadigt.

 

1387 erklärt der König sich mit zwanzig für volljährig.

1388 provoziert der Herzog von Geldern den französischen König, der die Steuern für Salz und Handel verdreifacht, und der Burgunder-Herzog will besonders den Krieg, der dann aber jämmerlich scheitert.

Vielleicht auch als Reaktion auf das Scheitern des Geldern-Feldzug löst der König noch 1388 den Regentschaftsrat auf. Er regiert mit Kammerherrn, den Marmousets (Froissard), also vor allem Philippe de Mézières und Rivière, zudem mit dem Connetable Olivier de Clisson. Während der Hof sich amüsiert, findet von 1388-90 eine weitere Pestwelle statt.

 

1389 heiratet Louis, Herzog der Touraine, Valentina Visconti, die eine Mitgift von einer halben Million Goldfranken und einigen Gebieten in Piemont mitbringt.

"Sie sprach fließend Lateinisch, Französisch und Deutsch und brachte ihre eigenen Bücher und ihre Harfe mit nach Frankreich. Dreizehnhundert Ritter begleiteten sie über die Alpen, und ihre Aussteuer mag daran bemessen werden, dass sie ein mit zweitausendfünfhundert Perlen und Juwelen besetztes Kleid trug." (Tuchman, S.411)

 

Im Kronrat dominiert nun Louis d'Orléans anstelle des Herzogs von Burgund. Er ist sowohl vergnügungssüchtig wie religiös.

 

1389 trifft sich der König in Avignon mit dem Papst. Der Doge von Genua Antonio Adorno hatte ein "Kreuzzugs"Projekt gegen Mahdia im Berberreich von Tunis angestoßen. In Paris wird der Kriegszug beschlossen, aber auf 1500 Ritter beschränkt, die sich selbst ausrüsten und ihr Gefolge aus dem eigenen Besitz rekrutieren müssen. Ritter aus dem Hainault und Flandern und einige Engländer ziehen mit. Die mitziehenden französischen Herzöge werden vom König finanziell unterstützt. Eine lange Belagerung von Mahdia endet in einem Blutbad für die Franzosen und einem Vertrag der Genuesen mit den Tunesiern.

 

Die Debatte darüber, ob man das Schisma mit Gewalt, also einem Feldzug nach Italien, oder mithilfe eines Konzils,also friedlich beenden solle, nimmt an Fahrt auf. Für letzteren Weg setzt sich der zukünftige Kanzler der Pariser Universität, Jean Gerson ein, der dafür 1791 eine lange Rede hält.

 

1391 gelingt es Enguerrand VII. de Coucy, den Verkauf des Besitzes des nunmehr kinderlosen, alten und hochverschuldeten Grafen Guy de Blois an Louis d'Orléans zu vermitteln, der dafür 400 000 Franken aus der Mitgift seiner Frau zahlt.

1392 findet ein gescheiterter Mordversuch Pierre de Craons an Clissons statt. Craon flieht in die Bretagne, und der König bietet ein Heer dorthin auf.

 

1392 zeigt der König  auf dem Feldzug in die Bretagne phasenweise Anzeichen von teilweise von Aggressionen durchsetztem Wahnsinn, während Brüder, Vettern und Königin Isabeau von Bayern um die Macht kämpfen. Es kommt zu massenhaften Wallfahrten zum Teil von Kindern zum Mont Saint Michel, um für den König zu beten (wie Datini-Korrespondenten u.a. berichten, Pernoud, S.73ff). 1392 unternimmt der kurzfristig wieder hergestellte König eine Pilgerfahrt zu einer Kirche nahe Laon. 1394 unternimmt der verwirrte Königdann  eine Wallfahrt nach Le Puy.

 

Damit beginnt nach Absetzung der marmosets, der Verhaftung von zweien von ihnen und des ganzen königlichen Rates erneut die Herrschaft der Herzöge, unter denen Louis d'Orléans (ehedem Herzog der Touraine) nun die Führung innehat. Der orientiert sich nun Richtung Italien und der Burgunderherzog Philippe ("der Kühne") wird dann de-facto-Regent.

Clisson flieht in die Bretagne und wird in Abwesenheit als "Verräter" verurteilt.

 

1393 versucht Gian Galeazzo, die Macht von Bologna und Florenz dadurch zu brechen, dass er die Franzosen im Bündnis mit sich nach Italien holt. Papst Clemens wird eingeladen, ein Königreich Adria Louis d'Orléans als Lehen zu geben und dafür reiche Einnahmen zu gewinnen und so soll dann das Schisma im französischen Sinne beendet werden. Dagegen wenden sich Florenz und der burgundische Herzog sowie die Pariser Universität, die mit Nicolas de Clamanges den Konzilsgedanken vertritt.

Clemens stirbt und der Kardinal de Luna wird als Benedikt XIII. durchgesetzt, nachdem er seinen Rücktritt für die Möglichkeit der Beendigung des Schisma versprochen hat, was er dann nicht einhält. Coucy zieht mit einem zusammengewürfelten Heer durch Norditalien nach Savona, das sich für 6990 Florinen kaufen lässt.

Der Herzog von Burgund, Königin Ysabeau und Florenz führt dazu, dass Genua die Herrschaft direkt dem König anbietet, und der kauft Louis d'Orléans seine Ansprüche für 300 000 Franken ab. (Tuchman, S.478)

 

1395 wird der Druck auf Papst Benedikt durch Paris erhöht, aber vergeblich.

 

 

1396 werden der neunundzwanzigjährige König Richard II. und die siebenjährige französische Prinzessin Isabelle getraut, womit Richard einen Frieden mit Frankreich fördern will. Während ein englisch-französischer Friede in Sicht ist, geht das burgundisch-französische Ritterheer in Nikopolis unter. Die überlebenden Anführer müssen für Unsummen freigekauft werden. Unzählige gemeine Soldaten sterben auf beiden Seiten. Enguerrand VII. Coucy stirbt mit anderen in Bursa in der Gefangenschaft. Den Erben wird alles von Louis d'Orléans gegen eine am Ende kleine Summe abgepresst. Unter König Louis XII. geht Coucy dann an die Krone über.

 

Am Ende seiner Herrschaft besitzt Herzog Philippe das Herzogtum Burgund, die Grafschaften Burgund, Nevers und Charolais, Teile der Champagne, die Grafschaften Flandern, Rethel und Artois, wobei er nur sein Herzogtum direkt regiert, ansonsten Statthalter einsetzt und Ständeversammlungen zulässt. 1404 stirbt er.

Nachfolger Jean, seit Nikopolis mit dem Beinamen "Sans Peur", nähert sich England an. Sein Adelsheer lässt die Flamen aus, die stattdessen Geld zahlen dürfen, mit dem Söldner finanziert werden.

 

Während Jean de Bourgogne sich etabliert, reist Louis d'Orléans in Paris erst mal die Macht an sich. Er gibt hohe Ämter an seine Freunde und erhebt neue Steuern, um seine persönlichen Absichten so zu finanzieren. Die burgundische Partei in Paris ruft Jean, der im August 1405 mit einem Heer in Paris einzieht. Jean Gerson unterstützt ihn gegen Orléans. Beide verständigen sich erst einmal.

 

1405 heiraten Louis Sohn Charles von Orléans und Isabelle, die ehemalige Königin von England, seine Kusine, und der älteste Königssohn Jean von Touraine heiratet Jakobea von Bayern, die in der burgundischen Geschichte noch eine Rolle spielen wird.

 

1407 wird der Bruder Charles VI., Herzog Louis von Orléans, in Paris von Auftragsmördern des pro-englischen Burgunderherzogs Johann ("Ohnefurcht",  Jean Sans Peur) auf offener Straße umgebracht. Jean selbst flieht aus Paris nach Flandern, belohnt aber den wichtigsten Mörder mit einer Rente für seine Verdienste (Green, S.107).

1408 kommt er mit einem Heer zurück und lässt den Pariser Professor Jean Petit die Rechtfertigung des "Tyrannenmordes" vortragen, wobei der das Opfer auch noch der Zauberei beschuldigt. Der König gibt ihm einen "Gnadenbrief". Kurz darauf muss der Herzog nach Flandern abreisen und nun wird durch einen Abt in Paris die Rechtfertigung des Mordanschlags widerlegt. Wenig später ist Jean wieder in Paris.Inzwischen hat er die Anhänger Orléans aus der Regierung verdängt.

 

1409 heiratet Charles von Orléans nach dem Tod Isabellas mit Bonne d'Armagnac die Tochter eines reichen und mächtigen Grundherren im Süden.

Die Hauptstadt zerfällt in die Partei der Armagnacs und die der Bourguignons. Charles von Orléans verbündet sich mit Charles von Anjou, den Herzögen von Berry und Bretagne und dem Grafen Bernard von Armagnac. 1411 trifft man sich in Gien und Charles schickt einen Fehdebrief an den Burgunder. Sich proburgundisch gebendes Handwerk plündert in Paris die Häuser der Gegner.

 

Ein Heerzug gegen Paris scheitert und die Armagnacs verbünden sich nun mit England

1412 wird ein Friede verkündet. Aber die Unruhen in Paris gehen 1413 weiter.

 

Verschwendungssucht von König, Königin Isabeau und Louis d'Orléans führt zu einem Reformversuch der nördlichen Generalstände, unterstützt vom Burgunder Jean ("Sans Peur"). Parallel dazu versuchen die Cabochiens unter Simon ("Caboche", Abdecker), vor allem Metzger, ihre Forderungen nach Einhaltung der Versprechen von Jean ("Sans Peur") mit Druck und Gewalt durchzusetzen, wobei sie vom Herzog von Burgund aus dem Hintergrund unterstützt werden. Alles beginnt mit einer Massendemonstration am 18. April 1413 vor der Bastille und der Gefangennahme führender Regierungsmitglieder.

Im Hochsommer setzt sich das vom Schreckensregiment entsetzte  Großbürgertum unter Jean Jouvenel durch, der Burgunder muss fliehen und ebenfalls Caboche. Die Armagnacs übernehmen die Macht und die Ämter in Paris mit einem weiteren Terror-Regime.

Ein neuer Friede wird 1414 nach dem Tod von Henry IV. beschlossen.

 

Henry V. nutzt den Bürgerkrieg und landet August 1414 in der Seinemündung. Da Harfleur nicht eingenommen werden kann, geht es weiter Richtung Calais. 1415 siegt er bei Azincourt,obwohl die Franzosen zahlenmäßig deutlich überlegen sind. Der Connétable Charles d'Albret hatte in Verachtung nichtritterlichen Kämpfens das Angebot von 600 Armbrustschützen der Pariser Miliz abgelehnt. Tausende Franzosen fallen und die eines Lösegelds werten werden nach England verbracht. Dort wird unter anderem Herzog Jean I. de Bourbon gefangen gehalten, für den 250 000 livres gefordert werden, die nicht aufgebracht werden, weshalb er nach zwanzigjähriger Haft in London stirbt. Charles d'Orléans wird erst 1440 entlassen werden.

Nach Crécy und Maupertuis ist das Renommée der französischen Ritterschaft zum dritten Mal zerstört.

 

Kaiser Sigismund soll ausgleichen, schließt sich dann aber Henry V. an.

 

1417 greift England in der Normandie in, während sich Burgund erfolgreich gegen den Raum von Paris wendet. Königin Ysabeau geht zu den Burgundern über, und eine Gegenregierung der beiden löst in Paris Parlement und Rechnungshof auf und verlagert alles nach Troyes zum kranken König.

Mai 1418 wird Paris von Burgund zurückerobert und viele Armagnac-Anhänger werden aus dem Volk heraus massakriert. Florentiner und Genueser Bankhäuser in Paris werden geplündert. Thronfolger Charles kann entkommen und residiert nun mit seinen Armagnac-Verbündeten in Bourges, wo eine Rechnungskammer eingerichtet wird, während ein Parlement in Poitiers einzieht.

Die großen italienischen Bankhäuser verlassen Paris, die Wirtschaft ist ruiniert.

Frankreich wird immer schlimmer von umherstreifenden Söldnerbanden terrorisiert.

Aber im November 1418 kontrollieren Armagnacs weiter die Umgebung um Paris:

Sie hielten Paris in so großem Mangel, dass ein Kind von vierzehn Jahren wohl für acht Heller (deniers) Brot auf einmal aß, und kostete das Dutzend sechs Pariser Sous (sols), das man für sieben oder acht Weißpfennige (blancs) bekommen hatte, ein recht kleiner Käse zehn oder zwölf Weißpfennige, das Viertelhundert Eier fünf oder sechs Pariser Sous (...) auch ein kleines, ganz feuchtes Holzscheit (...) vierzig Pariser Sous oder das Hundert drei Francs; das Bündel Kleinholz zwölf Sous, schlechte Buscheln, mit nichts als Laub darin, das Hundert sechsunddreißig Pariser Sous (etc. Journal, S. 135)

 

Jean ("Sans Peur") bekennt sich längst offen zu seinem "Tyrannenmord". 1419 wird er durch den Dauphin oder seine Anhänger bei der Begegnung auf der Brücke von Montereau mit einer Axt erschlagen. Damit werden Verhandlungen zwischen Burgund und Frankreich über eine gemeinsame Front gegen England sabotiert.  Die Mörder werden von Charles in ihren Ämtern gehalten und erhalten hohe Pensionen.

Nachfolger Philippe ("Le Bon") setzt, nun im Bündnis mit England, durch, das Charles VI. für seine Lebenszeit König bleiben und seine Tochter Henry V. heiraten soll,

1420 enterben der mehr oder weniger geistesgestörte Karl VI. und Königin Isabeau den Dauphin, vermählen Tochter Katarina im Vertrag von Troyes mit Henry V. und bestimmen diesen zum Thronfolger für Frankreich. Die Universität von Paris, Vertreter der États Généraux und die Bretagne erkennen den Vertrag an. Damit ist Frankreich nördlich der Loire von der englischen Krone besetztes Gebiet.

 

In dieser Zeit herrschen in Frankreich anarchische Verhältnisse. Zum November 1420: am 17. Tag des November (...) zogen unsere Herren (seigneurs) in Melun ein, und alle drinnen ergaben sich dem Willen des Königs; denn alle starben Hungers, und es aßen ihre Pferde solche, die welche hatten. (...) seit die Stadt Melun genommen war, blieben unsere Herren (seigneurs) von Frankreich, nämlich der König von Frankreich, der König von England, die beiden Königinnen, der Herzog von Burgund, der Rote Herzog und einige andere Herren, von Frankreich und von anderswo, in Melun (...) (Journal, S.162)

Die Teuerung nimmt immer weiter zu, mit ihr der Hunger und der Hungerstod. Die Leute essen das, was den Schweinen von St. Antoine als Futter auf die Straße geworfen wird. (Journal, S.167)

 

Alain Chartier, belesener Höfling und Inhaber zahlreicher Pfründe, schreibt acht Jahre vor seiner sehr erfolgreichen 'Belle Dame sans merci' 1416 mit dem 'Livre des quatres Dames' eine unmittelbare Reaktion auf Azincourt, in der vier Damen als Repräsentantinnen Frankreichs das Los ihrer gefallenen Liebhaber beweinen. Die Repräsentantin des Volkes beklagt:

Die Arbeit meiner Hände nährt die feigen Müßggänger (...) Im Schweiß meines Angesichts und mit der Mühsal meines Leibes erhalte ich ihr Leben, und sie verspielen mein Gut im Krieg mit ihrer Verderbtheit (...) Von mir leben sie, und ich muss für sie sterben. (so in: Reliquet, S. 196)

Das ist zwar höfisch elegante Pose, aber immerhin inzwischen selbst bei Hofe möglich. Mit der schönen Dame ohne Gnade wird dann ein deutlicher Abgesang auf die längst veraltete höfische Minnelyrik verfasst, in dem sich die Dame nicht auf die Verehrerposen ihres Liebhabers einlässt, und zwar vor allem, weil sie sie nicht mehr ernst nimmt.

 

1421 finden zweimal Münzreformen statt, die die armen Leute noch erheblich ärmer machen. (Journal, S.171ff) Dies Thema zieht sich aber durch das ganze Journal wie ständige Abgaben, die von diversen Machthabern überall erhoben werden

 

Im August 1422 stirbt Henry V. Sein Nachfolger Henry VI. ist erst zehn Monate alt. Regent in Frankreich wird Bedford, Bruder von Henry V.  Im Oktober stirbt auch der französische König (Charles VI.)

 

Charles VII. (1422-61)

 

Nach dem Tod Henry V. wird auch Karl VI. 1422 in Anwesenheit des Herzogs von Bedford, Bruders des verstorbenen englischen Königs begraben. Der ist nun Regent über Frankreich: worüber das Volk stark murrte, aber leiden musste man es für diesmal (Journal, S.196). Und dann ist1422 wieder einmal ein Maikäferjahr im Raum Paris und im Winter 1422/23 herrscht dann harter Frost über mehrere Monate. Solche Maikäferplagen gibt es alle paar Jahre, wie 1425 ein großes Maikäferjahr, dann 1428 erneut. Sie fressen Weinberge, Nussbäume, Mandelbäume und anderes vollkommen kahl.

 

Gegen die Doppelmonarchie versucht der Dauphin, Karl VII., seinen Anspruch von Bourges aus aufrechtzuerhalten. Die Armagnac rufen ihn zum König aus. 1422 heiratet er Marie d'Anjou.

Henry VI. kontrolliert den Norden bis zur Loire und ist mit der Bretagne und Burgund  verbündet, während Karl den Süden kontrolliert: den größten Teil Aquitaniens und u.a. Anjou, Touraine, Berry, Dauphiné und Languedoc.

 

Burgund gewinnt durch Heirat und Erbschaft Teile des Elsass, die Grafschaft Namur, Brabant, Limburg, den Hennegau, Holland, Seeland und Friesland, weswegen die Niederlande zum Machtzentrum werden. Diese wiederum treten zunehmend in Konkurrenz zur aufstrebenden englischen Tuchproduktion. Außerdem verlangt der englische Regent die Unterwerfung auch Burgunds unter die englische Krone.

 

Im Journal des 'Bürgers von Paris' heißt es zu 1423:

in diesem Monat Februar wurden alle von Paris vereidigt (sermentés), nämlich Bürger, Einwohner (ménagers), Kärrner, Schäfer, Kuhhirten, Schweinehirten der Abteien, und die Stubenhirten (chambrières) und sogar die Mönche, dem Herzog von Bedford gut und treu zu sein (...) Die einen taten es gerne und die anderen gegen ihren Willen (vereidigt auf den Vertrag von Troyes, Journal, S.198)

So wurde das Volk vom bösen und gierigen Willen der Reichen (gros) beherrscht, welche Paris beherrschten, und immer mit den Herren (seigneurs) waren, und sie hatten kein Erbarmen mit dem armen Volk, das soviel Armut hatte. (S.205, die Herren sind die Burgunder und die Engländer, die sich wie Schweine benehmen)

Ganz breiten Raum nimmt ständig die Preisentwicklung von Lebensmitteln und Heizmitteln in Paris ein, die Geldwertentwicklung sowie auch das Wetter und die Ernte-Ergebnisse.

 

1423/24 englische Siege bei Auxerre und in der Normandie. Der Reichsverweser Bedfort wird immer wieder von großen Teilen der Bevölkerung von Paris gefeiert, wie das Journal des 'Bürgers von Paris' für 1424 berichtet. Im folgenden Feldzug der Engländer wird 1425 Le Mans unterworfen. Im folgenden Jahr berichtet das Journal: zu dieser Zeit wurde der Markt von Lendit am gewohnten Ort gemacht, der seit 1418 nicht stattgefunden hatte. (S.226, findet außerhalb der Mauern von Saint-Denis statt)

 

Aber derselbe "Bürger" des Journals berichtet weiter über Elend und Armut der Pariser in der Kriegszeit. Für 1427 heißt es:

in diesem Jahr war ein großer Winter, denn am ersten Tag des Jahres begann es zu frieren, und es dauerte unablässig sechsunddreißig Tage, und deswegen fiel alles Grüngemüse aus, denn es gab auf dem Markt weder Kohl noch Lauch noch Petersilie noch Kräuter. (S.229 bis Pfingsten bleibt es kalt und regnerisch. An Pfingsten und danach wird dann das Zentrum von Paris überschwemmt)

 

Immer wieder wird beschrieben, dass Stadtbürger und Bauern mit Geld und kriegswichtigen Gegenständen den Krieg der verschiedenen Herren finanzieren müssen, so zum Beispiel zu 1429: ...und sie bezahlten mehr als vierhundert beladene Lastwagen (chariots). (Journal S.249) Bauern und Bürger werden immer wieder brutal getötet oder für Lösegeld gefangen genommen.

 

 

1428 wird Orléans von englischen Truppen eingeschlossen. Danach soll Bourges erobert werden.

Die Lage des Dauphin erscheint hoffnungslos. In dieser Situation schafft es Jeanne d'Arc aus dem lothringischen Domrémy, an den Hof des Herzogs von Lothringen zukommen. Der sorgt dafür, dass sie an den Hof Charles VII. geführt wird. Dort werden ausgiebige Untersuchungen über ihre Jungfräulichkeit, mögliches Hexentum und Ketzerei durchgeführt, worauf sie vom Dauphin akzeptiert wird. Er lässt sie mit Rüstung und Waffen versehen und stellt ihr einen Truppenteil zur Verfügung. So ermutigt, können Truppen mit Jeanne in vorderer Linie Orléans entsetzen. Jeanne wird zur Heldin auch der internationalen Söldnertruppen des Dauphin,die mit Lombarden, Aragonesen und Kastiliern die Hälfte der Armee ausmachen.

Patriotismus kommt auf. während Jeanne von den Engländern als Hure beschimpft wird.

 

Als Jeanne d'Arc an der Eroberung von Orléans teilgenommen hat, schreibt der "Bürger von Paris" 1429 in sein Journal:

Und einige andere Sachen von ihr erzählten solche, die mehr die Armagnacs als die Burgunder oder den Reichsverweser liebten; sie behaupteten, dass sie, als sie noch klein war, die Lämmer hütete, und dass die Vögel der Wälder und Felder kamen, wenn sie nach ihnen rief, und aus ihrem Schoß fraßen, als ob sie zahm wären. In  veritate apocrisium est. (...) Und überall ging jene bewaffnete Jungfrau (Pucelle) mit den Armagnacs und trug ihre Standarte, auf die nur Jesus geschrieben stand (S. 257f))

 

Jeanne setzt die feierliche Salbung und Krönung Charles VII in Reims durch, was im Volk Eindruck macht. Es gibt weitere militärische Erfolge, aber dann scheitert die Einnahme von Paris in Begleitung der Jungfrau, die schlagartig wieder an Prestige verliert. Beim Angriff auf Paris wird die Pucelle dort laut dem "Bürger von Paris" verflucht und Schlampe und Hure (paillarde, ribaude) genannt. (S.266) Der städtische Pöbel ist so schwankend wie zu fast allen Zeiten und wird ohnehin weiter vor allem von den Notzeiten des ewigen Krieges beeindruckt. Zum 14. April 1431, so schreibt unser Pariser Bourgeois,  zählte man, dass zu Land und zu Wasser wohl 1200 Personen, ohne die Kinder, Paris verließen, weil sie nichts zum Leben hatten und vor Hunger sonst umkämen. (Journal, S.287) Kalte Winter gefährden die Mühlen, wenn das Eis taut, wie 1432 (s.o., S.312) . 1433 erreicht eine schlimme Welle der Beulenpest Paris

 

Jeanne wird derweil als Gottesgesandte bei Hof von Cathérine de la Rochelle abgelöst. Schließlich fällt sie nach einigen weiteren militärischen Kampagnen 1430 bei Compiègne in die Hand von Johann von Luxemburg, dem der burgundische Herzog freie Hand gibt, worauf der sie nach langen Verhandlungen für 10 000 livres an die Engländer verkauft und ihr, der dame Jeanne, wie sie der Tagebuchschreiber von Paris nennt, in Rouen der (Inquisitions)Prozess gemacht wird.

... ungeheure Sünden (grands péchés énormes) werden ihr vorgeworfen, Götzendienst (idolâtrer), falsche Heuchelei (fausse hypocrisie), alles kritiklos von ihm so benannt. (Journal S.292) Sie wird auch als grausam bezeichnet.

Die über 80 Vertreter der Pariser Universität erklären sie zur Hochmütigen, Wahrsagerin und Hexe, sie widerruft, was lebenslange Haft bedeutet, widerruft das dann wieder, und sie wird darauf verbrannt. Zur Hinrichtung heißt es:

und dann wurde das Feuer niedrig gehalten, und wurde sie dem Volk ganz nackt gezeigt und alle Geheimnisse, die an einem Weib sein können oder sollen, um die Zweifel des Volkes wegzunehmen. (Journal, S.297)

Manche Leute halten sie dort allerdings für eine Märtyrerin.

 

1431 wird der zehnjährige Henry VI. in Paris zum König gekrönt. Karl VII. macht nun erste Annäherungsversuche an Burgund. 1432 stirbt mit der Gemahlin Anne des Herzogs Philippe von Burgund die Schwester Bedfords. 1433 wird der Gegner des Burgunders am Hof des französischen Königs, Georges de la Trémoille, entmachtet.

Nach dem Tod von Bedford 1435 verlässt Burgund das Bündnis mit England, erhält dafür Städte an der Somme und wird praktisch unabhängig. In der Normandie stehen bewaffnete Bauern gegen die englischen Söldner auf. Burgund gerät zunehmend in Konflikt mit dem Kaiser, der seine Westgrenze bedroht sieht. 1434 erklärt der den Reichskrieg gegen Philippe ("Le Bon").

Flandern, welches unter dem Druck der englischen Tuchproduktion immer mehr zu Fernhandel übergeht, braucht sichere Verkehrswege. (EhlersKrieg, S.93)

 

1435 kommt es im Kloster St.Vaast (Arras) zum Frieden zwischen dem französischen König und dem burgundischen Herzog. Dieser, Philipp der Gute", kommt nach Paris mit Ehefrau, einem ehelichen und drei unehelichen Söhnen, die das Pariser Journal sehr schön findet.

1436 setzt der Autor des Pariser Journals nun die Armagnacs mit den Französischen gleich. (S.344) Diese Französischen ziehen in Paris ein. Den Menschen dort aber geht es nun eher noch schlechter.

In Lyon führt die Steuerlast 1436 zum Protest der 'Rebeyne'.

 

Während das Land von entlassenen und nun marodierenden Söldnerbanden durchzogen wird, gelingt es Charles 1436/37, Paris einzunehmen, welches durch die Kriegszeiten und Aufstände schwer geschädigt ist. Charles d'Anjou steigt bei Hofe auf.

 

Schon unter Charles VI. hatte sich der König über die französische Kirche als ihr alleiniger Schutzherr gesetzt. Mit dem Baseler Konzil hatte sich zudem eine Instanz über den Papst gesetzt. Darauf kommt es in der sogenannten Pragmatischen Sanktion von Bourges 1438 zur ausdrücklichen Kirchenhoheit des französischen  Königs, der selbst Domkapitel nun besetzen kann. An Rom kann nun nur noch appelliert werden, wenn der Instanzenweg bis hoch zum parlement beschritten ist. Damit können auch die Zahlungen der Kirche dorthin erheblich reduziert werden. Die französische ist nun eine "gallikanische" Nationalkirche.

 

Parlement und Rechnungshof werden reorganisiert. Eine weitere Steigerung königlicher Macht wird mit der großen Ordonnanz 1439 erreicht, als die Stände dem König und ihm allein ein stehendes Heer bewilligen, für das ihm eine dauerhaft eingerichtete taille royale als direkte Steuer bewilligt wird. Dies kommt einer gewissen Entmachtung des Kriegeradels gleich.

Indem der König nun alleine noch Söldner anwerben darf, werden aus ihnen Soldaten im modernen Wortsinn. 18 solche Kompanien werden jetzt nach über das Land verteilt, um es zu beherrschen. In potentiell aufmüpfige Städte werden darüber hinaus Garnisonstruppen gelegt. Mit dem Ausbau der Artillerie und der Verbesserung der Kanonen ist der Herrscher nun in noch nie dagewesenem Maße Herr in seinem Land. Das brutale Unwesen der Söldnerbanden wird nun langsam zurückgedrängt.

 

Planungen für einen Fürstenaufstand unter Einschluss des Dauphins (Praguerie) scheitern aber, die einen werden gekauft, und das Bürgertum verschließt ihnen die Städte.

Wenn er nun von aristokratischen Kritikern als Tyrann benannt wird, ist das bereits zu spät. Die immer untertänigeren Massen der Bevölkerung gewöhnen sich in wenigen Generationen an ihre verstärkte Untertänigkeit und beginnen sogar häufiger, sie ihren Königen zu danken. Der klerikale "Bürger von Paris" hingegen wird im Laufe seiner Aufzeichnungen immer erboster über das üble Spiel der Mächtigen. 1444 trägt er in sein Journal ein:

die Regenten erhoben in ihrem Schatten (des Königspaares) unablässig Steuern, indem sie sagten, wenn der König und seine Untertanen erst das Geld hätten, würden sie gehen, die ganze Normandie zu erobern, aber als die Steuer (taille) eingenommen war, kümmerten sie sich nicht darum, sondern spielten Würfel oder jagten und tanzten, machten aber nie, wie es üblich gewesen war, weder Lanzenbrechen noch Turnier noch irgendeinen Waffengang, aus Angst vor Hieben; kurz, alle Herren von Frankreich waren zu Weibern geworden, denn kühn waren sie nur gegen arme Arbeiter und arme Händler, die ohne Waffem waren. ( S.415)

 

Gegenüber den französischen Fürsten wird mit der Gefangennahme des Grafen von Armagnac 1444 ein Exempel statuiert.

 

1444/45 sind zwanzig compagnies d'ordonnance entstanden, "von je hundert Lanzen mit zwei Bogenschützen, einem Knappenm, einem Pagen und einem valet de guerre, was eine Kompanie auf sechshundert Mann brachte. Offiziere waren die verlässlichsten Söldnerhauptleute, die ihre eigenen Leute in die Armee einbrachten.

Um 1448 ist das adelige Gewaltmonopol völlig ausgehöhlt durch die Einrichtung von Heeresteilen aus Armbrustschützen, Bogenschützen (francs archers) und sogenannten Spießträgern. Das geschieht aber eigentlich viel zu spät, da durch Nutzung des Schießpulvers und der Artillerie längst neue Formen der Kriegführung eingeführt sind.

 

England verliert inzwischen Gebiete in der Normandie und im Südwesten, obwohl die Weinhändler des Bordelais ihm weiter wohlgesonnen sind (Ehlers, S.334). 1444 erster Waffenstillstand. Inzwischen bauen beide Könige ihre Heere um. 1446 hat Charles VII. ständig 7200 Mann Kavallerie unter Waffen. Der Adel lässt sich dort für Kommandoposten bezahlen. Feste Truppen liegen zudem in Garnisonen der Städte. Die dafür nötigen Steuern führen zu Widerstand bei den Menschen.

1449 fällt Rouen an die französische Krone. Es kommt es einem von den europäischen Mächten garantierten Waffenstillstand.

 

In England kommt es zu bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen zwischen Adelsfraktionen. Das hilft Karl VII. bei der Eroberung der Normandie, die 1450 abgeschlossen ist. Als nächstes wird die Guyenne erobert, wo die Einwohner den Engländern verbunden sind. Aber 1453 fällt Bordeaux nicht zuletzt durch die Überlegenheit französischer Artillerie. 

 

Die Vormachtstellung des königlichen Frankreich soll nun auch nach Osten klargestellt werden. Während Karl VII. als Bundesgenosse König Friedrichs III. seinen Dauphin die Schweizer Eidgenossen besiegen lässt, greift er selbst Metz, Toul und Verdun an. In Italien verbündet er sich mit Francesco Sforza und Cosimo Medici, die allerdings bilden mit den anderen italienischen Mächten 1454 eine antifranzösische Allianz in Lodi.

 

Der aufständische Dauphin flieht nach Flandern, wo die burgundische Herrschermacht immer königsgleichere Züge annimmt. Durch Erbe werden für den Herzog Luxemburg und Teile des Elsass gewonnen.

 

Teile des Adels waren durch die lange Kriegszeit ruiniert worden, versuchen aber ihren Status als Mitglied eines gehobenen Standes durch Lebensstil und Kriegsdienst aufrecht zu erhalten, der Steuerfreiheit mit sich bringt. An der Grenze zwischen Adel und Bürgerstand befinden sich jene, die  sich als Kaufleute nobilitieren lassen, aber durch ihre Geschäfte ohnehin Teile des Adels an Reichtum übertreffen. Sie werden so vom Kriegsdienst befreit und müssen meist auch keine Steuern zahlen, ähnlich wie "Bürger", die adelige Landgüter aufkaufen.

Im 'Livre du Corps de policie' schreibt Christine de Pizan 1407: Bourgeois sont ceulx qui sont de nation ancienne, enlignagiez es cites, et ont propre surnom et armes antiques. Bürger sind Leute von alter Abstammung, in den Städten versippt, und sie haben eigenen Zunamen und altes Wappen, wie Ehlers übersetzt, (Ehlers, S.349)

Der Bürger als bourgeois, als Patrizier, wie er deutsch gelegentlich heißt, ist fast eine Art eigener Adelsstand, weit entfernt von der Masse der Leute, die in deutschen Landen Bürger heißen.  

 

Die große Krise des 14. Jahrhunderts und die Kriege hatten die Bevölkerung Frankreichs fast halbiert. Die Landwirtschaft ernährte immer noch fast 90% der Menschen, aber sie ging stärker, wie auch anderswo, vom Ackerbau zur Viehhaltung über und darüber hinaus zur Zuarbeit zum städtischen Gewerbe mit Wid, Krapp und Hanf.

Ein Boomsektor sind inzwischen die Gewerbe der Produktion für den Krieg. Als erstes profitiert dabei der Bergbau, von Kapitalgesellschaften mit Lohnarbeit betrieben. Dann kommen Waffenschmiede und Kanonenhersteller, Herstellung von Rüstungen und anderes. Diese handwerklichen Betriebe werden immer größer, beschäftigen immer mehr Lohnarbeit und nähern sich so dem, was im Deutschen industrielle Produktion heißt.

Die größten Profiteure sind aber im Finanzkapital zu finden, welches zum Teil eng mit der Staatsverwaltung zusammenarbeitet. Es steigt durch Handel auf, finanziert Kriege vor und bekommt das einträgliche Geschäft der Steuereintreibung für ganze Regionen verpachtet. Wenn solche Leute, die einen fürstlichen Lebensstil pflegen, ihren königlichen und hochadeligen Schuldnern zu lästig werden, werden sie schon einmal auf juristischen Wege oder anderweitig ruiniert, was den Akteuren die Schuldenlast nimmt. Auch das große Kapital hat immer noch nur die wirtschaftliche Macht, die sich leicht von der politischen trennen lässt, an der solche wirtschaftlich Mächtige nicht ohne staatliche Zustimmung partizipieren können.

 

Ludwig XI (1461-83)

 

1461 krönt Philipp von Burgund nach dem Tod des Vaters persönlich den Dauphin in Reims. Die Staatsraison wird endgültig zu einem über aller Moral stehenden Wert, was sie seitdem auch überall geblieben ist. Mit einem stehenden Heer, welches nicht nur nach außen, sondern auch im Lande einsetzbar ist, entwickelt sich das königlich/staatliche Gewaltmonopol, ein rabiater Entrechtungsvorgang, immer weiter.

Bis auf die Bretagne verlieren nun die Apanage-Fürstentümer wesentliche Herrschaftsrechte, die auf den König übergehen. Die französischen Stände werden nach Möglichkeit nicht mehr einberufen und der Staat, repräsentiert durch den König, breitet sich wie eine riesige Krake mit ihren unzähligen Fangarmen über das Land aus, das, was in deutschen Landen die einzelnen Landesfürsten betreiben, während der englische Weg anders verläuft.

Die Städte werden nun politisch vollständig entrechtet, der König ernennt Magistrate oder versucht sie ganz durch seine Beamten zu ersetzen.

 

Gegen ihre Entrechtung wehrt sich ein Teil des Hochadels um 1468 in der 'Liga des öffentlichen Wohls', mitbetrieben von Karl "dem Kühnen", dem auf das Charolais verwiesenen Sohn Philipps "des Guten".Es kommt zum Krieg.

 

Als der kühne Karl mit einer List die Gunst seines Vaters zurückgewinnt, lässt der ihn gegen Frankreich marschieren, während Johann von Bourbon in seinem Bereich die königlichen Beamten verhaften lässt.

Ludwig kann Paris halten und bietet dafür die Aufnahme von Vertretern der Bürgerschaft, des Parlements und der Universität in den Conseil. Der Fürstenopposition können Zugeständnisse gemacht werden.

 

Nach dem Tod seines Vaters wird Karl 1466-77 Herzog von Burgund. Er löst sein Reich immer stärker von Frankreich und übt selbst zunehmend quasi-königliche Macht aus. Ähnlich wie die französische Krone verstaatlicht er das Heer, inzwischen vorwiegend aus italienischen Söldnern bestehend. Die Finanzierung erledigte er durch Kredite bei den Städten und bei großem Finanzkapital, vor allem bei den von Portinari in Brügge vertretenen Medici. Der Adel soll an den zeremoniell durchorganisierten Hof gezogen und so neutralisiert werden. Bei Karl taucht dann auch der Begriff souverain auf.

 

Der Hundertjährige Krieg und die immer wieder aufflammenden bürgerkriegsartigen Zustände in Frankreich forcieren den Niedergang eines Teils des Adels. Die Soldateska plündert die Bauern aus, zerstört und verbrennt die Güter, Bauern fliehen davor in die Städte und diese massive Landflucht vkleinert die ländlichen Pfarrgemeinden erheblich. Der Adel verliert so Einnahmequellen und konkurriert um den Erhalt der Bauernschaft mit Nachbarn durch Vergabe größerer Freiheiten und Verwandlung von feudalen Abgaben in Pachtverträge.

 

1466 dokumentiert der 'Jouvencel' des königlichen Ratgebers und Großadmirals Jean du Bueil die Situation des niederen Adels in Frankreich: Der ist Schlosshauptmann in Luc, kleiner Ritter, dem es so an Pferden mangelt, dass seine Leute entweder zu Fuß gehen oder auch mal zu zweit auf einem Pferd sitzen müssen. Da er seine Leute kaum ernähren kann, beginnen seine Heldentaten mit der nächtlichen Eroberung der Ziegen einer nahegelegenen Burg, also mit schlichtem Diebstahl.

Reiche Abteien und Bischöfe verleihen dem verarmenden Adel Geld gegen Grund und Boden als Pfand und eignen sich dieses dann an oder kaufen es günstiug. Immer mehr Land gerät zudem in bürgerlichen und städtischen Besitz und wird so einer adeligen Existenzgrundlage entfremdet. Niederer Adel verbürgerlicht oder verbauert, während Bürger aufsteigen.

Ein bürgerlicher Charles de Coesmes "leiht gewöhnlich zu einem Zinssatz von zehn Prozent und immer in der Form von Hypotheken und zahlt die Summe teils in Geld, teils in Wertobjekten (Stoffe, Tapisserien, Goldstoffe) aus, wobei sich das Geld mitunter als (...) Falschgeld erweist. (...) 1419 wird er zum Ritter geschlagen und leistet sich nun eine kleine Truppe von zwei Rittern, fünfzehn Schildknappen und zwanzig angevinischen Bogenschützen. Er entwickelt sich sogar zu einem geschickten Spezialisten in der Handhabung von Feldschlangen, von denen er einige bei Orléans befehligt." (Reliquet, S.125)

 

Die Staatseinnahmen werden verdreifacht, auch durch rücksichtslose Räubereien, die seine Justiz legalisiert, die bis ins Parlement hinauf nun seinem Willen unterworfen wird.

Ein immer unterwürfigerer und durch Steuerfreiheit privilegierter Beamtenapparat betreibt die Verwaltung von Land und Menschen und verfügt zunehmend detaillierter über sie.

 

Die direkten königlichen Eingriffe in die Wirtschaft zur Erhöhung der Staatseinnahmen und der königlichen Macht nehmen rapide zu. Das Handwerk und der Handel werden zukunftsweisend immer mehr reglementiert. Teile des Handwerks werden durch die Förderung von Manufakturen bewusst zerstört, Facharbeiter werden aus Italien für die Seidenindustrie nach Lyon importiert und aus Deutschland für den Bergbau (Ehlers, S.374). In einer Art Seekrieg wird Venedig aus Teilen des Mittelmeerhandels vertrieben und die Messe von Genf kaputtgemacht, um die von Lyon an ihre Stelle zu setzen. Schließlich gelingt noch ein einheitlicher Zollraum für das ganze Königreich.

 

Die französische Kirche wird zu einem reinen Machtinstrument des Königs bzw. des Staates weiter umgebaut und am Ende mit seinen Leuten besetzt, die dadurch fast wie königliche Beamte wirken.

 

1471 siegt das Haus York in England mit Edward IV. und 1474 kommt es zum Bündnis mit Burgund gegen Frankreich. Schon ein Jahr vorher verhandelt Karl mit dem deutschen Kaiser und es kommt zur Verlobung der Erbtochter Maria mit dem Kaisersohn Maximilian.

1475 wird Lothringen unter Duldung Ludwigs, mit dem ein Waffenstillstand verabredet war, von Karl erobert und es folgen Versuche der Einverleibung Frieslands..

Es kommt zu einem oberrheinisch-schweizerischen Pakt gegen Karl, dem sich Habsburg anschließt.1476/77 scheitert und stirbt Karl in zwei Schlachten. Ludwig lässt Burgund besetzen, während sich die Niederlande gegen burgundische Herrschaft erheben und die Thronerbin Maria in Gent festsitzt. Maria heiratet nun Maximilian und gebiert ihm einen Sohn Philipp.

Maximilian versucht zusammen mit England, der Bretagne und Aragon sein burgundisches Erbe anzutreten. Der englische König war allerdings längst vom französischen bestochen worden. 1482 stirbt Maria und die Niederlande gehen an Philipp, den Erzherzog von Österreich und sind nun habsburgisch, während Teile Burgunds von Ludwig XI. eingenommen sind.

 

Als der kranke König sich schließlich aus seiner Hauptstadt nach Plessis-lès-Tours zurückzieht, läuft der Staatsapparat wie von alleine weiter.

während Karl VIII. minderjährig ist. 1484 werden die Generalstände nach Tours gerufen und schlagen einen Conseil als Staatsrat vor, in dem die Adelsopposition gegen die immer totalitärere Herrschaft des Königs nicht vertreten ist. Schließlich einigt man sich auf einen Kronrat aus einer gleichen Anzahl von Vertretern der drei états. die der König berufen soll.

 

Inzwischen kann der französische König sich Anjou und Orléans seiner direkten Herrschaft einverleiben. Bis auf die Bretagne verlieren nun die Apanage-Fürstentümer wesentliche Herrschaftsrechte, die auf den König übergehen. Als Ludovico il Moro seinen Onkel Giovanni Galeazzo Sforza ermordet hat, sucht er französische Unterstützung, was zur Ausweitung französischen Staatsgebietes über Savoyen und Avignon in Richtung Seealpen führt.

 

Die französischen Stände werden nach Möglichkeit nicht mehr einberufen und der Staat, repräsentiert durch den König, breitet sich wie eine riesige Krake mit ihren unzähligen Fangarmen über das Land aus, das, was in deutschen Landen die einzelnen Landesfürsten betreiben, während der englische Weg anders verläuft.

 

Ein immer unterwürfigerer und durch Steuerfreiheit privilegierter Beamtenapparat betreibt die Verwaltung von Land und Menschen und verfügt zunehmend detaillierter über sie. Mit einem stehenden Heer, welches nicht nur nach außen, sondern auch im Lande einsetzbar ist, entwickelt sich das königlich/staatliche Gewaltmonopol, ein rabiater Entrechtungsvorgang, immer weiter, während die königlich/staatliche Steuerhoheit die Untertanen maßvoll auszuplündern berechtigt wird,

Die Städte werden nun politisch vollständig entrechtet, der König ernennt Magistrate oder versucht sie ganz durch seine Beamten zu ersetzen.

Die Staatseinnahmen werden verdreifacht, auch durch rücksichtslose Räubereien, die seine Justiz legalisiert, die bis ins Parlement hinauf nun seinem Willen unterworfen wird.

 

Die direkten königlichen Eingriffe in die Wirtschaft zur Erhöhung der Staatseinnahmen und der königlichen Macht nehmen rapide zu. Das Handwerk und der Handel werden zukunftsweisend immer mehr reglementiert. Teile des Handwerks werden durch die Förderung von Manufakturen bewusst zerstört, Facharbeiter werden aus Italien für die Seidenindustrie nach Lyon importiert und aus Deutschland für den Bergbau (Ehlers, S.374). In einer Art Seekrieg wird Venedig aus Teilen des Mittelmeerhandels vertrieben und die Messe von Genf kaputtgemacht, um die von Lyon an ihre Stelle zu setzen. Schließlich gelingt noch ein einheitlicher Zollraum für das ganze Königreich.  

Die französische Kirche wird zu einem reinen Machtinstrument des Königs bzw. des Staates weiter umgebaut und am Ende mit seinen Leuten besetzt, die dadurch fast wie königliche Beamte wirken. Als der kranke König sich schließlich aus seiner Hauptstadt nach Plessis-lès-Tours zurückzieht, läuft der Staatsapparat wie von alleine weiter.

 

Dabei spielt der Ehemann seiner Tochter Anna, Peter von Beaujeu, eine erhebliche Rolle, während Karl VIII. minderjährig ist. 1484 werden die Generalstände nach Tours gerufen und schlagen einen Conseil als Staatsrat vor, in dem die Adelsopposition gegen die immer totalitärere Herrschaft des Königs nicht vertreten ist. Schließlich einigt man sich auf einen Kronrat aus einer gleichen Anzahl von Vertretern der drei états. die der König berufen soll.  Ludwig von Orléans will die Macht an sich reißen. Es gelingt ihm 1491, die dem zukünftigen römischen König Maximilian versprochene Anna der Bretagne zu heiraten.   

 

Wenn das französische "Mittelalter" einen späten Endpunkt hätte, dann wäre es dieses Jahr, aber es war, sofern man überhaupt von einem solchen vor dem 18. Jahrhundert sprechen möchte, bereits in den letzten hundert Jahren verschwunden, und zwar mit dem Aufkommen modernerer Staatlichkeit.

 

 

Burgund 1361-1477

 

Philipp "der Kühne"

 

Im 13. und 14. Jahrhundert wird Burgund von einer Nebenlinie des Hauses Valois regiert. Unter Johann II. wird es Teil der Krondomäne und zunehmend französischem Einfluss ausgesetzt.1360 erlebt das französische Königtum einen Tiefpunkt mit dem Vertrag von Brétigny und ein Jahr später stirbt der burgundische Herzog Philippe ("de Rouvres"), verheiratet mit der minderjährigen Margarethe von Flandern ("de Male"), erbenlos. 1363 belehnt König Jean ("le Bon") seinen Sohn Philippe ("den Kühnen") als Apanage mit Burgund, das damit ebenfalls an die Kapetinger-Nebenlinie der Valois gerät

 

Auf Vermittlung des französischen Königs Charles V.  stimmt Graf Ludwig I. von Flandern ("de Male") der zweiten Vermählung seiner nunmehr neunzehnjährigen Tochter  Margarethe mit einem burgundischen Herzog zu, nachdem sich schon der englische König für einen seiner Söhne um sie beworben hatte. Die Hochzeit in Gent wird zu einem prächtigen Spektakel, welches den Burgunder fast seiner ganzen Mittel beraubt. Immerhin ist er nun potentieller Erbe des reichen Flanderns, der Grafschaft Burgund (Franche Comté), von Artois, Nevers, Antwerpen und Mecheln. In den nächsten hundert Jahren wird die Geschichte der französischen und (römisch)deutschen Niederlande immer stärker von Burgund bestimmt werden.

 

Bereits nach 1315 trennen die Herzöge zwischen den Lehen von der französischen Krone und dem souveränen Eigenbereich. Seit 1352 beginnen die burgundischen Stände über Steuerfragen zu bestimmen und der kühne Philipp kann durchsetzen, dass die burgundischen aides in Burgund verbleiben. Der Herzog betreibt eine modernisierende Wirtschaftspolitik, die er 1395 mit einem Weingesetz krönt, welches unter anderem den Pinot Noir gegen ältere Rebsorten durchsetzen wird.

 

Unter Graf Ludwig von Male wird derweil eine neutrale Position Flanderns im Hundertjährigen Krieg gesucht. Beim päpstlichen Schisma setzt er wie die Engländer auf den italienischen Papst, was Burgund und die französische Krone verärgert.

 

Ein Kanalbau von Brügge nach Deinze soll den Umweg der Brügger Getreideimporte über den Genter Stapel vermeiden helfen. 1379 verhindert eine Genter Miliz den Weiterbau. Da dies ohne Genehmigung des Genter Stadtvogtes geschieht, lässt dieser ein Mitglied der Miliz verhaften, ohne aber die Schöffen darüber befragt zu haben. Die Genter ermorden ihn darauf und zerstören das gräfliche Schloss in Wondelgem. Dem Anführer der Miliz Jan Yoens gelingt es, die meisten Städte gegen den Grafen und seine Zentralisierungspolitik zu vereinen.

 

1380 stirbt der französische König. Für Karl VI. üben nun neben den Herzögen von Anjou und Berry auch die von Burgund die Regentschaft aus. Der Burgunder entmachtet dann zunächst den Angevinen.

 

Dreimal belagert Ludwig von Male erfolglos die Stadt Gent. 1382 gelingt den Gentern ein erfolgreicher Ausfall und ein Blutbad unter dem gräflichen Militär.

Inzwischen hat sich der Aufstand unter Genter Führung des pro-englischen Philipp von Artevelde immer mehr radikalisiert. Zugleich brechen Aufstände in Blois, Orléans, Reims und anderen französischen Orten aus.

Philipp von Burgund greift zusammen mit französischen Truppen ein. In der Schlacht von Roosebeke wird das flämische Heer besiegt und dann Kortrijk geplündert und abgefackelt. Der an der Schlacht beteiligte Charles VI. kann nach Paris zurück und die städtischen Revolten in seinem Reich unterdrücken.

Darauf versucht England einen von Papst Clemens VII. als Kreuzzug ausgerufenen Feldzug, der erfolglos bleibt. Immerhin dringen sie zunächst mit flämischer Unterstützung von Calais aus bis Ypern vor, dessen Belagerung dann aber erfolglos abgebrochen werden muss. 

 

Kurz vor dem Tod des Grafen kommt es zum Frieden, in dem Gent unbesiegt bleibt. Als dann Ludwig im Januar 1384 stirbt, gehen Flandern, das Artois, Nevers, die Freigrafschaft Burgund, Mecheln und Senlis in burgundische Hand über. In Flandern muss Philipp im Frieden von Tournai 1385 den flämischen Städten Zugeständnisse machen.

 

Der Weg in die burgundischen Niederlande wird im selben Jahr in Cambrai geebnet. Den ersten Schritt tat vermutlich die Tante von Philipps Frau Margarethe (von Flandern), die Herzogin Johanna von Brabant, Herrin über Städte wie Brüssel, Löwen oder s'Hertogenbosch. Ihr erster Mann war der Graf Wilhelm IV. von Holland, Seeland und dem Hennegau gewesen, der im Kampf gegen die Friesen stirbt. Darauf gehen seine drei Länder an seine Schwester Margarethe, die mit dem Wittelsbacher Albrecht von Bayern/Straubing verheiratet ist.

Johanna von Brabant wiederum wird vom Herzog von Geldern bedroht, der sich mit dem englischen König verbündet. Als sie hört, dass der Burgunderherzog mit einer Verheiratung eines seiner Kinder gegen viel Geld mit einem englischen Kronkind liebäugelt, bedrängt sie Philipp ("den Kühnen"), auf den Straubinger Wittelsbacher zuzugehen, der zwei passende Kinder hat und meist in Den Haag residiert. Dafür eröffnet sie, kinderlos, dem Burgunder Perspektiven auf ihr Herzogtum nach ihrem Tode.

Die Wittelsbacher drängen dann bald darauf, beide Kinder an die Burgunder zu verheiraten. Johann (der spätere "Ohnefurcht") soll Margarete von Bayern/Straubing ehelichen, die burgundische Margarete wiederum Wilhelm von Bayern, den zukünftigen Grafen der drei Niederlande. Die Hochzeit von Cambrai wird dann zu einem weiteren ebenso prächtigen wie kostspieligen Spektakel, welches rund 110 000-150 000 französische livres gekostet haben soll, etwa etwa ein Viertel bis die Hälfte der Jahreseinnahmen des Herzogs (je nach Arten der Berechnung durch Historiker).

 

Inzwischen hat der kühne Philipp dem französischen sechsten Karl die Ehe mit einer Wittelsbacher Kusine von Johanns Frau Margarete vermittelt, mit einer Elisabeth, der zukünftigen Isabeau de Bavière. Inzwischen war der Konflikt zwischen der Stadt Gent und ihrem Vogt Jean de Jumont immer härter geworden. Unter Frans Ackermann hatten Genter Truppen inzwischen Damme erobert, unterstützt von englischen Bogenschützen. Ein französisch-burgundisches Heer marschiert ein, verwüstet Flandern und zerstört schließlich auch Damme. Noch im Dezember 1385 kommt es aber wegen der englischen Bedrohung zu einem Frieden in Tournai, in dem die Privilegien der flämischen Städte erhalten bleiben. Der Wiederaufbau in Flandern kann beginnen.

 

Das mächtige Heer setzt sich nun aus burgundischen Rittern und von den flämischen Städten bezahlten Söldnern zusammen. Inzwischen setzt der Herzog zunehmend mehr Artillerie zum Brechen der Mauern von Burgen und Städten ein. Allerdings wird das Militär weiterhin nur im Kriegsfall eingezogen.

 

Mit einer zunehmend zentralisierten Verwaltung, mehreren regionalen Parlements und für die Zustimmung für Steuern zuständigen Ständen und Rechnungskammern in Lille und Dijon entsteht ein modernes Reich mit staatlichen Strukturen ähnlich wie in Frankreich. Die flämische Justiz mit Räten ebenfalls in Lille und Dijon wird ebenfalls etwas zentralisiert. In der Person von Jean Canard wird das Kanzleramt für das ganze Reich zusammengefasst. 1392 wird dann ganz Flandern außer Gent gezwungen, sich wie Burgund dem avignonesischen Papst anzuschließen.

 

Philipp nutzt die Geldquelle Paris weiter und fühlt sich als französischer Fürst. Dementsprechend ist auch seine gesamte Verwaltung französischsprachig. 1386 wird von der französischen Krone und Burgund eine riesige Flotte vor Sluis für eine Invasion Englands zusammengezogen. Froissart berichtet dabei jenseits der üblichen Hofberichtserstattung: Den armen Bauern, die ihr Getreide geerntet hatten, blieb nur das Stroh, und wenn sie etwas dagegen vorzubringen wagten, wurden sie zu Krüppeln geschlagen oder Umgebracht. Weiher und Teiche wurden leergefischt und die Häuser abgebrochen, um Brennmaterial für Lagerfeuer zu haben. Die Engländer selbst hätten keine größere Verheerung anrichten können. (in: Van Loo, S.163) Es fällt auf, dass im späteren "Mittelalter" die Wahrnehmung des "Volkes" durch Chronisten und Historiker manchmal zunimmt. Zwar steht auch Froissart immer in Fürstendiensten, aber er nimmt zunehmend immerhin auch wahr, wie sehr die Menschen in den Kriegen leiden. Die Flotte muss übrigens wieder aufgelöst werden, da französische Verstärkungen ausbleiben.

Ähnlich ergeht es einem weiteren Kriegszug von Charles VI. gegen Geldern, welches sich mit der englischen Krone verbündet hatte und gegen Brabant Krieg führt, und der in einem Frieden endet. Kurz darauf will Charles den Thron besteigen, was den Einfluss des burgundischen Herzogs massiv beschneidet und zum Konflikt führt. Dafür bestätigt ihm die brabantische Johanna die Übernahme Brabants bei weiterer Nutzung der Einnahmen auf Lebenszeit. Philipps Sohn Anton soll dort Herzog werden.

 

1392 wird auf einem Feldzug gegen die Bretagne unter Jean de Montfort der periodisch ausbrechende Wahnsinn des französischen Königs offenbar und Philipp macht sich erneut zum Regenten und nutzt die französische Staatskasse für seine Zwecke.

1389 hatte Murad auf dem Amselfeld bei Pristina ein vereintes christliches Heer unter serbischer Führung geschlagen. 1395 plant Philipp ("der Kühne") einen Kreuzzug, den Sohn Johann anführen soll. Ihm zur Seite stellt er Boucicault (Jean le Maingre) und Enguerrand de Coucy, zwei renommierte ritterliche Gewalttäter. Das Ritterheer geht bei Nikopolis unter, die Besiegten werden teils abgeschlachtet, teils in Sklaverei geführt und die vornehmsten für Lösegeld gefangen gehalten. Enguerrand de Coucy stirbt in der Gefangenschaft und Johann kommt gegen 710 Kilogramm Gold am Ende frei. Kurz darauf wird er von Timur Lenk bzw. Tamerlan allerdings erst einmal in seinem Expansionsdrang gebremst.

 

Der Herzog regiert meist mit seinem großen Rat vom Hôtel d'Artois oder von Conflans aus. Eine große Hofhaltung unter dem Kanzler für das neue Gesamtreich strahlt modewirksam überall hin aus. Vorläufig reist der Hof weiter zwischen Paris, Lille und Dijon, mit seinen Räten, Beamten, Musikern, außerdem größeren Gruppen der "Ärzte, Friseure, Hofnarren, Zwerge und Riesen, Jäger und Falkner, je zu zwanzig bis dreißig Personen..." (Ehlers, S. 292)  Dazu kommt eine exotische Tiermenagerie, eine große Bibliothek, der in Kunstgegenständen gefasste Kronschatz und vieles mehr. Im ausgefeilten Hofzeremoniell, in Turnieren und Festen wird Reichtum und Macht demonstriert. Die Dichtung feiert das idealisierte Rittertum und eine höfische erotische Bilderbuchwelt.

 

Hofmaler Philipps ist Jean de Beaumetz, sein Nachfolger wird der aus Nimwegen stammende Johan Maelwael (also: Gutmaler, auch: Jean Malouel). Melchior Broderlam war schon Hofmaler von Ludwig von Male gewesen und arbeitet nun für Philipp. Claus Sluter errichtet Philipp seine Grablege mit Champmol. 1404 zieht er dort ein.

 

Mit Herzog Johann ("Ohnefurcht") beginnt eine aggressivere Politik Burgunds gegen das französische Zentrum. Für den periodisch wahnsinnigen Charles VI. übernimmt Ludwig von Orléans eine Art Regentschaft und Herzog Jean de Bourgogne ist in Paris fast ausgeschaltet und kann den französischen Haushalt nicht mehr anzapfen.

1407 lässt Johann gedungene Mörder in Paris Louis d'Orléans mit Knüppeln und Äxten auf offener Straße erschlagen.Als er merkt, dass man ihm auf die Schliche kommen kann, gesteht er den Mord dem Duc de Berry, flieht nach Flandern und schickt dann den rechtskundigen Jean Petit vor, der in einem vierstündigen Plädoyer die Tat rechtfertigt.

1408 marschiert er in Paris ein und setzt durch, in dem Regentschaftsrat die führende Position einzunehmen.

 

Dem deutschsprachigen Flandern gelingt es, dietsch als Amtssprache durchzusetzen. so wie es in den übrigen Niederen Landen schon länger üblich ist. Für die kapitalkräftige Oberschicht der Städte wird allerdings französisch immer modischer.

 

1408 gelingt es Johann in einem Feldzug, das Fürstbistum Lüttich in Abhängigkeit zu bringen. Zwei Jahre darauf formiert sich unter dem Schwiegervater des Sohnes des ermordeten Orléans, des Grafen Bernard d'Armagnac, eine militante Opposition gegen den Burgunder. Als die Menge der Cabochiens gegen die Großen in Paris aufsteht, gelingt es der Armagnac-Partei, den Aufstand niederzuschlagen und Johann zu vertreiben. Die Folge ist Bürgerkrieg, den Henry V. 1415 für einen Vormarsch Richtung Paris nutzt. Bei Azincourt fallen Brüder Johanns und Charles d'Orléans verbringt die nächsten Jahrzehnte in englischer Gefangenschaft.

 

Während Johann seinen Einfluss in Brabant und dem Hennegau steigert, wogegen der römische König nichts mehr unternehmen kann, neigt eine Partei in Holland und Seeland immer noch zu Loyalität zum "deutschen" Reich.

1418 gelingt es den Burgundern wieder, in Paris einzufallen und Bernard d'Armagnac grausam zu töten. Der fünfzehnjährige Dauphin Charles wird von den Armagnacs aus der Stadt geschmuggelt und in Bourges installiert. 1419 sollen auf einer Brücke Friedensgespräche stattfinden und die Armagnacpartei ermordet dort den burgundischen Herzog.

Sein Nachfolger Philipp ("der Gute") schließt 1420 in Troyes einen Vertrag mit der englischen Krone. Danach wird die Tochter Cathérine von Charles VI. mit Henry V. verheiratet und der Dauphin für unehelich erklärt und von der Erbfolge ausgeschlossen. 1422 stirbt der fünfte Henry und der kaum einjährige sechste erbt die Kronen Englands und Frankreichs.

 

In Paris vertritt der Herzog von Bedford (John of Lancaster) die englische Krone und heiratet Philipps Schwester Anne. Humphrey von Gloucester, Bruder von Henry V., heiratet die nach England geflüchtete und mit dem burgundischen Herzog von Brabant verheiratete (!) Jakobäa (von Bayern) und beansprucht nun den Hennegau, Holland und Seeland, ein beachtlicher englischer Coup. Den nun will Herzog Philipp vor seiner Haustür nicht dulden.

1424 fällt Humphrey mit einem Heer im Hennegau ein. Johann IV. von Brabant lässt sich von Philipp dazu bewegen, dagegen ein Heer zu schicken. Nun veranlasst Bedford Humphrey dazu, nach England zurückzukehren, wo der sich mit einer Hofdame Jakobäas verbindet. Jakobäa wiederum muss in der Belagerung von Mons aufgeben und wird kaltgestellt. Philipp der Gute wird Regent und Erbe der Grafschaften Hennegau, Holland und Seeland, sollte Jakobäa erbenlos bleiben, wofür der Burgunder sorgen möchte.

 

Aber Jakobäa kann fliehen und schließt sich der holländischen Adelspartei der Haken an. Der Burgunderherzog wiederum zieht die Bürger der Städte mit Versprechungen auf seine Seite.

Holland hinkt noch hinter der Entwicklung in Flandern hinterher, die Städte sind vergleichsweise klein: Amsterdam hat um die 3000 Einwohner. Es gibt Milchwirtschaft, Käseproduktion und Salzgewinnung aus Salztorf. Dazu kommen Heringsfang und Brauereien.

Jakobäa bekommt nun Unterstützung durch eine große englische Flotte, die aber von der burgundischen vernichtend geschlagen wird, und flüchtet dann zu den westfriesischen Bauern, die Philipp ebenfalls unterwirft. 1428 teilen sich im Frieden von Delft Jakobäa und ihr Cousin in die Macht in den drei Grafschaften und die daraus erwachsenden Einkünfte und de facto wird Burgund ihr Erbe werden. Mit der Burgundisierung der Niederlande nimmt so deren Weg aus dem römisch/deutschen Reich heraus seinen Fortgang.

 

1425 ernennt Herzog Philipp Jan van Eyck (Jehan de Heick) zum Hofmaler und schickt ihn 1429 mit einer Gesandtschaft nach Portugal, wo er die Königstochter Isabel als mögliche Heiratskandidatin portraitieren soll. Nach seiner Rückkehr lässt er sich in Brügge nieder. 1430 findet dort auch die ebenso prächtige wie kostspielige Hochzeit statt und der Herzog gründet den Orden vom Goldenen Vlies.

 

Inzwischen sind Jean III. de Namur und Philipp von Brabant gestorben, deren Nachfolge der burgundische Herzog nun antritt. In Sint Bavo zu Gent geht das große Altarbild, welches Hubert van Eyck angefangen hatte und Bruder Jan nach seinem Tod mit mindestens zwölf Gehilfen vollendet. Er muss dafür vom Herzog viel Urlaub bekommen haben. Die Meisterwerke der Malerei der Frührenaissance entstehen in den Metropolen des Kapitals.

1435 kommt es zu einer von Kanzler Rolin eingefädelten Versöhnung zwischen der französischen und der burgundischen Krone, mit der Philipp viele nordfranzösische Städte erhält. Der burgundische Herzogssohn Charles wird im Alter von zwei Jahren mit der französischen Prinzessin Cathérine verlobt.

 

Um diese Zeit wird Rogier van der Weyden (bis zu seinem Tod 1464) zum offiziellen Portraitmaler der Stadt Brüssel, die bald nun Residenzstadt wird. Am Ende seines Lebens wird er auch das faszinierende Portrait von Karl dem Kühnen malen.

 

1436 zieht Philipp vergeblich gegen Calais, und als er scheitert, marschiert Glucester in einem Vernichtungsfeldzug in Flandern ein, um sich dann beim Anmarsch eines burgundischen Heeres wieder zurückzuziehen. Brügge steht dann gegen den Herzog auf, und der burgundische Marschall Villiers de l'Isle Adam wird umgebracht. Aber 1438 zwingen Hunger und Pest die Stadt in die Knie und zur Unterwerfung. Dafür gibt es ein Jahr später neue Handelsverträge zwischen Flandern/ Holland und England.

 

1441/51 wird Luxemburg dazugewonnen. Mit seinem Hofstaat von rund dreihundert Beamteten und Knechten bleibt der Herzog ein reisender Fürst. Ihm folgt sein Hofrat aus rund 45 Männern. über vierzig Jahre vom Kanzler Rolin geleitet. Um 1440 wird davon der Große Rat als oberstes Gericht. Fest angesiedelt werden in Lille, Brüssel, Den Haag und Dijon Rechnungskammern, von einem Generalgouverneur der Finanzen geleitet. Viele der Verwaltungsleute bekommen nun ein festes Gehalt. Alle diese Einrichtungen werden zunehmend mit bürgerlicher Oberschicht besetzt, zum Teil ausgebildet in den unter Philipp eingerichteten Universitäten von Dole (1422) und Leuwen. Durch militärische Neuerungen hatte er viel an Bedeutung verloren. Dafür werden jetzt treue bürgerliche Verwalter der Macht geadelt. Als beratende Einrichtung tauchen nun wie schon in Frankreich nun Ständeversammlungen auf.

 

Der weiteren Entfaltung des Kapitalismus dient neben der Zentralisierung und Effektivierung der Verwaltung auch eine einheitliche Währung. Um seine Einnahmen zu verstetigen, versucht der Herzog die jeweils neu zu genehmigenden Beden durch eine Salzsteuer (gabelle) zu ersetzen, wogegen sich Gent wehrt. Brügge schließt sich dem Widerstand an. Nun versucht Philipp zunächst, die Stadt ihrer gerichtlichen Befugnisse besonders im großen Umland zu berauben. In Gent werden darauf Sympathisanten des Herzogs öffentlich enthauptet. 1453 unterliegt die Stadt einem burgundischen Heer, muss sich unterwerfen und soll 840 000 livres Buße zahlen.

Eine weitere Einnahmequelle wird die Verpachtung von Ämtern, wobei der zu Beamtende einen Vorschuss auf sein Gehalt zahlt.

 

Neben der Triebkraft des Kapitals und der allgemeinen Gewalttätigkeit wirken Schübe christlicher Frömmigkeit, von heute aus gesehen, wie Fremdkörper. Dennoch erwies sich das Buch des Augustiner-Chorherren Thomas von Kempen mit dem Titel 'De imitatione Christi' als eine Art Bestseller. Der Herzog besitzt gleich mehrere Exemplare und noch Thomas Morus wird es zu einem der drei lesenswertesten Bücher erklären.

Aber die devotio moderna als "Nachfolge Christi" erreicht in der Praxis tatsächlich nur wenige Anhänger. Die Kompartmentalisierung in tatsächlcihes Leben und religiöse Nischen ist weit fortgeschritten. Der Kanzler Rolin betreibt rücksichtslose Machtpolitik für seinen Herzog, lässt aber in seinen späten Jahren das fromme Hospital von Beaune errichten, welches noch heute sehenswert ist. 

Der Herzog selbst geht fast täglich zur Messe, betet viel, auch um Schlachtenglück, fastet gelegentlich und unternimmt Wallfahrten. Wichtig ist ihm auch der Chor seiner Hofkapelle und dessen Komponist Dufay, der neben geistlicher auch weltliche Musik komponiert und parallel zu Norditalien (Venedig vor allem) eine neuartige abendländische höfische Musik entwickelt, vokal, polyphon, aber gefälliger als die frühere Polyphonie.

 

Nachdem 1453 Konstantinopel gefallen ist, ruft der Herzog ein Jahr später auf einem als gigantisches Spektakel eingerichteten Fest, dem Fasanenbankett, zum Kreuzzug auf, was aber trotz seines Engagements am Ende folgenlos bleibt. Dafür wird 1456 das Fürstbistum Utrecht eingenommen.

Im Konflikt mit seinem Vater auch über Agnes Sorel flieht der französische Dauphin nach Burgund, wo er im Schloss von Genappe residiert. Derweil steigt die Familie de Croy bei Hof auf und verdrängt den Kanzler Rolin, wogegen sich der Herzogssohn Karl (der zukünftige "Kühne") wendet. Der verlässt darum den Hof und lebt im holländischen Gorinchem. Kurz danach verlässt auch Herzogin Isabel ihren Mann, geht erst in ein Kloster und lässt sich dann in einem Schloss nieder. Unter anderem ist sie auch der exzessiven Libertinage ihres Gatten überdrüssig, wie sie sich in den an seinem Hof erzählten 'Cent nouvelles nouvelles' niederschlägt. 

 

1462 stirbt Kanzler Rolin und Philipp ("der Gute") überlässt den Croys immer mehr Einfluss, und die setzen durch, dass der neue französische König Louis XI. für 400 000 Gold-Ècus die Sommestädte zurückkauft. 1464 treten dann erstmals die drei Stände der burgundischen Niederlande zusammen, die Staten-Generaal, die nun meist jährlich zusammenkommen. Im Jahr darauf übernimmt Karl ("der Kühne") die Regierungsgeschäfte vom inzwischen dementen Vater und vertreibt als erstes die Croys. Dann erobert er die Somme-Städte zurück. Schließlich wendet er sich gegen das Fürstbistum Lüttich, erobert Dinant, lässt es völlig zerstören und "achthundert Einwohner an Händen und Füßen gebunden in der Maas ertränken und unzählige andere hängen." (Van Loo, S.433) 1467 stirbt Herzog Philipp ("der Gute") und der Genter Hugo van der Goes übernimmt die Ausgestaltung der Trauerfeierlichkeiten.

 

 

Dies Gemälde von Rogier van der Weyden von etwa 1460 stammt noch aus der Zeit bevor er Herzog wird. Er trägt an einer Kette den Orden vom Goldenen Vieß.

Es handelt sich um das Musterbeispiel eines Kompromisses zwischen individualisiertem Portrait und offiziellem Prachtbild.

 

Nach dem Tod seiner zweiten Frau heiratet Karl mit Margarete von York die Schwester König Edwards IV.  Die Hochzeit dekoriert wiederum Hugo van der Goes, und Tommaso Portinari streckt die Morgengabe für Margarete vor. Derselbe lässt sich dann auch etwas später auf einem von ihm in Auftrag gegebenen Altarretabel mit seiner Frau portraitieren.

 

Das Gerücht geht um, dass Karl homosexuell sei, jedenfalls hatte er keine Geliebten und traf seine Gemahlin nur äußerst selten, die auf einem Schloss in Gent lebt.

 

Nachdem es zu einem Ausgleich mit dem französischen Ludwig kommt, der den Einfluss des Pariser parlements auf Teile Burgunds abschafft, wird ein Aufstand Lütticher Bürger niedergeschlagen, die Stadt geplündert und niedergebrannt und ein Fünftel der Einwohner systematisch ermordet. Nun duckt sich Gent samt den übrigen Städten. In Mecheln wird ein parlement für die Niederlande eingerichtet, dessen Sitze von kapitalkräftigen Bürgern gekauft werden. In Mecheln etabliert er auch eine zentrale Rechnungskammer.

 

Karl versucht, nach dem französischen Vorbild ein stehendes Heer einzuführen. Damit erobert er dann Geldern. 1473 soll in Trier die Ehe von Tochter Maria mit dem Kaisersohn Maximilian verabredet werden. Dafür soll der Burgunder Kaiser werden und Maximilian römischer König. Aber Kaiser Friedrich III. verschwindet plötzlich während der Verhandlungen. Immerhin gelingt es Karl derweil, Einfluss auf Lothringen zu erringen.

Das stehende Heer von rund 13 000 Mann verschlingt enorme Gelder, die durch massive Steuererhöhungen eingetrieben werden müssen.

 

Der Zugriff des Burgunders auf das Elsass über seinen als brutal verschrienen Landvogt Peter von Hagenbach führt 1474 zum Zusammenschluss mit der Alten Eidgenossenschaft. Der Vogt wird hingerichtet. Schließlich wird Herzog Karl von einem elsässischen Heer in der Franche Comté (Freigrafschaft Burgund) vernichtend geschlagen. Nun wird auch Lothringen aufmüpfig und der französische Ludwig XI. verspricht den Verbündeten jährlich 20 000 Francs für ihre Kriegführung.  1475 belagert das burgundische Hauptheer dann Neuss, um sich das Hochstift Köln einzuverleiben, was ein Heer Kaiser Friedrichs III. dann verhindert. Edward III. schließt gegen die Großmachtpolitik Karls einen Vertrag mit dem elften Ludwig. Karl marschiert nun nach Nancy.

 

Inzwischen führt das Gemeinschaftsgefühl der Eidgenossen dazu, dass sie von dem Ort Schwyz einen gemeinsamen Namen ableiten. 1475 nehmen Berner Milizen Grandson am Neuenburger See ein, welches der Burgunder zurückerobert, wonach er die gesamte Mannschaft von über 400 Leuten umbringt. Danach wird er von den Schweizern aber erneut vernichtend geschlagen und verliert den gesamten mitgenommenen herzoglichen Schatz, den sich die bäuerlichen und bürgerlichen Krieger zu Fuß untereinander aufteilen.

 

Im Juni 1476 werden die Burgunder bei Murten erneut von den Schweizern vernichtend geschlagen. Inzwischen nimmt René II. von Lothringen Nancy wieder ein. Karl bekommt noch einmal einen Kredit von Tommaso Portinari und kann ein letztes Heer von etwa 10 000 Söldnern aufstellen, dass allerdings sich dann wieder auf etwa 5000 reduziert. In einer letzten Schlacht bei Nancy geht das burgundische Heer Ende 1476 entgültig unter und sein Herzog wird erschlagen.

 

Louis XI. nutzt die Situation, besetzt Altburgund und die Franche Comté und marschiert dann im Artois und der Picardie ein. Februar 1477 muss Maria von Burgund im 'Großen Privileg' zustimmen, dass die Generalstaaten ihrer Heirat zustimmen müssen, ebenso über Kriegführung und Steuern und sie können sich nun selbst einberufen. Dazu wird ein Widerstandsrecht eingebaut. Sie herrscht zudem jetzt nur noch über die Niederlande.

Noch 1477 heiratet sie Maximilian. Inzwischen wird die alte Elite des vormaligen Burgunderreiches entmachtet, auch Portinari muss gehen. Maximilian gelingt es, die Franzosen 1479 bei Guinegate (nahe Boulogne sur Mer) zurückzuschlagen.

 

1482 stirbt Maria nach einem Jagdunfall und bestimmt Maximilian als Regenten für den dreijährigen Sohn Philipp. Der ist zur Gänze abhängig von den Generalstaaten. Im Frieden von Arras muss er alle französischen Eroberungen anerkennen. 1483 stirbt Louis XI. und der Dauphin ist noch minderjährig, was Maximilian für Kriegszüge gegen Frankreich nutzt. 1486 wird er zum römischen König gekrönt. Bis 1492 dauert dann ein Krieg gegen das aufständische Flandern, in dem der König das mit ihm verbündete Antwerpen gegen Brügge fördert. Der Schwerpunkt der Niederlande verlagert sich nun von Flandern nach Brabant. Zugleich verlagert sich der Schwerpunkt der Macht nach dem vereinigten Spanien.

 

1491 heiratet Charles VIII. die Herzogin Anne de Bretagne. 1493 stirbt Kaiser Friedrich III. Maximilian als römischer König überlässt Sohn Philipp (dem "Schönen") die Niederlande und heiratet Bianca Sforza. 1496 heiratet Philipp Juana von Kastilien in Lier.. Darauf heiratet Margarete den spanischen Thronfolger Juan.

 

1506 stirbt Philipp der Schöne mit 28 Jahren. Mutter Juana wird immer geistesgestörter und Sohn Karl ist erst sechs Jahre alt. Seine Tante Margarete ist für ihn seit 1507 Statthalterin udn Karl wächst in Mecheln heran.

1519 stirbt Maximilian, Karl wird König und Kaiser. Im Damenfrieden von Cambrai wird 1529 Burgund endgültig Frankreich zugeschrieben, während es auf Flandern und das Artois verzichtet. 1530 wird Margarete, Schwester Karls V., Statthalterin der Niederlande. 1543 sind alle Niederlande außer Utrecht unter Habsburg vereint. Der Protestantismus ist aber dabei, sie zu spalten. 1556 erhält Karls Sohn Philipp sowohl Spanien wie die Niederlande. Kaiser wird Bruder Ferdinand. 1585 dann die Trennung in die katholischen spanischen Niederlande und die Republik der Vereinigten Niederlande im Norden.

 

Spaniens Weg in die Neuzeit

 

Wenn man überhaupt eine Epochalisierung haben will, dann beginnt die Neuzeit in Norditalien und Teilen Spaniens früher als anderswo. Auf der iberischen Halbinsel belegen das die Expansionstendenzen Portugals nach Westafrika und die Flotten Aragóns und Kastiliens.

Spanien wird inzwischen von der Trastámara-Familie dominiert, die in Kastilien(-León) den Weg in den modernen Staat weiter ebnet. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts gelingt es den dortigen Cortes noch, eine Anzahl Bestimmungen durchzusetzen, wie Preis- und Lohnregulierungen (1369), Luxusgesetze (1379) und eine Änderung der Zeitrechnung, die nun auch hier zu der ab "Christi Geburt" übergeht (1383).

Im 15. Jahrhundert wird dann deutlich, dass diese Ständevertretung der Gruppen der kleinen Oberschicht ausgespielt hat. Es wird deutlich, dass sie immer weniger den Interessen des geistlichen und weltlichen Hochadels entspricht, die sich eher bei Hofe artikulieren und im Concejo Real aufgehoben fühlen. Der aber hängt an den Favoriten des Königs, der dort zunehmend Juristen, aber auch Hochadel und bedeutende Erzbischöfe versammelt, anders als in der aragonesischen Generalität, die von den Cortes eingesetzt wird. Damit verschwinden im Laufe der Zeit die Adelsvertreter aus den Cortes, deren wesentliches Druckmittel die außerordentliche Steuerbewilligung ist, und die fiananziellen Lasten liegen dabei ohnehin auf Bürgertum und Bauernschaft. Zusammen mit der Entmachtung der städtischen Selbstverwaltung führt das zu einem Zentralstaat mit einer Art informellem Regierungskabinett, in dem königsfreundliche und zur weiteren königlichen Familie gehörende Hochadelige immer mehr neuartige Grafschaften (condados), Markgrafschaften (marquesados) und Herzogtümer (ducados) zugesprochen bekommen und sich so in die Macht teilen, soweit die nicht in geistlicher und klösterlicher Hand ist.

 

Neben der Hochjustiz und den königlichen Finanzen, das was Herrscher längst am meisten interessiert, wird der Alltag der Menschen nun von diesen hohen großgrundbesitzenden und hochprivilegierten Senores in ihren Senorios bestimmt, wogegen sich die Bewohner oft mit mehr oder weniger Erfolg zu wehren versuchen. Diese neuartigen Herrschaften versuchen zunehmend, intakt zu bleiben, indem sie senorío und Titel in einer Hand vererben, was aber erst 1505 als Gesetz fixiert wird.

Mit diesen neuartigen Herrschaften beginnt im 14. Jahrhundert in Kastilien der Burgenbau, der sich bis tief ins 15. Jahrhundert fortsetzt. Diese sind militärische Festung, Machtzentrum und zunehmend auch Residenz. Kastilische Burgen sind darum fast allesamt viel jünger als die meisten deutschen zum Beispiel.

 

Königliche Politik wird immer bewusster Heiratspolitik. 1384 heiratet Juan I zum Beispiel in zweiter Ehe die portugiesische Thronerbin Beatriz und erreicht so für kurze Zeit die Vereinigung beider Länder. Dagegen wendet sich allerdings der uneheliche Stiefbruder des verstorbenen portugiesischen Königs, Meister des Ritterordens von Avis, der mit dem Orden von Calatrava verbunden ist. Der Versuch, Portugal zu erobern, scheitert aber, und das nun sogenannte Haus Avis übernimmt für die nächsten zwei Jahrhunderte die Herrschaft und bindet ab 1434 den Orden an das Königshaus, wodurch es sich endgültig vom Calatrava-Orden löst. Mit seinen wirtschaftlichen Erfolgen und seinem Weg in Großmachtpolitik beginnt damit der Ausstieg dieses Landes aus einer gemeinsamen spanischen Geschichte.

 

Sohn Enrique (III) wird als Kind mit Catherine of Lancaster verlobt, Enkelin des einst entthronten Pedro I, womit die Trastámara sich endlich als legitime Erben des vorigen kastilischen Königshauses darstellen können. Enrique stirbt bald und der zukünftige Juan II ist allerdings minderjährig und sein Bruder Fernando übernimmt die Regentschaft, selbst verheiratet mit einer der reichsten Erbinnen Spaniens. Ihm gelingt 1410 die Eroberung Antequeras, ein Meilenstein in der Schwächung von Granada.

Als 1410 der zweite Sohn Pedros ("El Ceremonioso") von Aragón stirbt, tritt Fernando als Enkel mütterlicherseits des Ceremonioso neben vielen anderen Bewerbern an und wird nach Bildung eines Ausschusses der Mächtigen, der Concordia de Alcaniz, und deren Einrichtung eines Wahl-Komitees aus Mitgliedern von Aragón, Katalonien und Valecia zum König gewählt.

 

Damit werden nun Kastilien und Aragón von demselben Herrscherhaus regiert.  Der Trastámara Juan ist mit Blanca von Navarra verheiratet, die 1425 die Herrschaft erbt. 1441 stirbt sie und hinterlässt Juan das Königtum. Damit herrschen Trastámara in drei der Königreiche, wobei es aber immer einmal wieder zu Konflikten unter ihnen kommt.

 

Die Vorstellung von einem gemeinsamen Spanien scheint noch kaum zu existieren, und selbst zwischen Aragón und Katalonien gibt es unentwegt Reibereien und Eifersüchteleien. So beschließen beide hintereinander um 1461, dass die andere Volksgruppe im eigenen Land keine Regierungsämter einnehmen darf.

 

Die Entwicklung in Richtung königlicher Absolutismus hält in Kastilien an und kulminiert dann im Testament von Isabel "der Katholischen" in der Formulierung des poderío real absoluto. Im stärker von feudalen Rechtsvorstellungen geprägten Aragón werden die Könige auf demselben Weg etwas stärker gebremst durch das adelige Beharren auf gegenseitiger Verpflichtung von Vasall und Herrscher und durch den bürgerlichen Behauptungswillen in den größeren Städten. Hier heißt es weiter, dass Gesetze nur gemeinsam von Herrscher und untergebener Oberschicht erlassen werden sollen und die Katalanen beharren sogar 1421 darauf, dass sie den alten usatges von Barcelona nicht widersprechen dürfen.

 

Aber auch in Kastilien trifft die zunehmende Königsmacht in der Regierungszeit von Juan II (1419-54) und seinem Sohn Enrique IV (1454-74) immer wieder auf neue Adelsrebellionen. Dabei konkurriert der Hochadel mit königlichen Favoriten, die wie Álvaro de Luna zunehmend die Innenpolitik kontrollieren, bis sie der konsolidierten königlichen Macht selbst zum Opfer fallen. 1454 wird er hingerichtet und sein Kopf in Valladolid ausgestellt.

 

Aragón macht bis zur Vereinigung mit Kastilien eine etwas unterschiedliche Entwicklung durch, obwohl sie im Kern auf denselben königlichen Zentralismus zuläuft. Fernando ("de Antequera") muss den Cortes ihre Rechte zugestehen und seine Gesetzgebung an einem "Gemeinwohl" orientieren (Manzano, S.638). Sein Sohn und Nachfolger Alfonso V ("El Magnánimo"), der von 1416 bis 1458 herrscht, sieht sich mit immer weiteren Forderungen der Cortes konfrontiert, wie der Einflussnahme auf die Bestellung von königlichen Ratgebern oder die königliche Unterstützung gegen bäuerliche Forderungen nach mehr Freiheiten.

 

Dem versucht er durch offensive Expansionspolitik in Italien und insbesondere in Richtung Neapel zu entkommen, die allerdings weitere Zugeständnisse gegenüber insbesondere dem Adel verlangt, da sie zunächst hohe Kosten verursacht. 1421 scheitert ein erstes neapolitanisches Abenteuer. In der Folge gelingt es dem König, die zunehmende Korruption der Generalitat und die immer massivere Verschuldung der städtischen Organe dafür zu nutzen, Druck auszuüben, und so das Geld für ein neues Italien-Unternehmen zusammen zu bekommen.

Auch dieses scheitert 1435 bei Gaeta am Sieg einer genuesischen Flotte und der Gefangennahme des Königs, der erst in Genua und dann in Mailand festgesetzt wird und dann für seine Freilassung die erhebliche Summe von 30 000 Dukaten aufbringen muss. Während seiner Zeit in Mailand gelingt es ihm, eine Übereinkunft mit den Visconti zustande zu bringen, die diesne den Norden und ihm den Süden Italiens zuspricht. 1443 kann Alfonso im Triumph in Neapel einziehen. Er scheitert dann allerdings beim Versuch, auch Mailand zu erobern an der Gegnerschaft der städtischen Oligarchien des Nordens, Frankreichs und des Papstes.

 

Während "El Magnánimo" in Neapel Hof hält und sich mit bedeutenden Humanisten wie Lorenzo Valla schmückt, macht sich bei seiner dauerhaften Abwesenheit in der aragonesischen Heimat dort immer mehr Unruhe breit. Dabei geht es auch um die Versuche von vor allem wohlhabenderen Bauern, die sich in sindicatos remensas organisieren, um mit Hilfe königlicher Beamter die malos usos auf dem Lande abzuschaffen und sich von feudalen Abhängigkeiten freizukaufen (Manzano, S.642). In Barcelona treffen die mächtige Biga einer kleinen städtischen Oberschicht und die Busca von Kaufleuten und Textilhandwerkern heftig aufeinander, wobei der König aus der Ferne letztere unterstützt.

 

Alfonso V stirbt 1458 und hinterlässt keinen direkten Erben. Nachfolger wird der militärische Abenteurer König Juan von Navarra, seit dem Tod Blancas 1441 Herrscher dort. Sein Verhältnis zum Sohn Carlos, der Principe de Viana wird, verschlechtert sich, als er erneut heiratet. Es kommt zum offenen Krieg, an den sich zwei Adelsparteien hängen. Carlos versichert sich der Unterstützung Kataloniens, wird aber als Verräter eingesperrt. Es bildet sich ein Consell dell Principat, der auf den alten Rechten der Katalanen beharrt, und 1461  wird der König zum Nachgeben gezwungen. Er muss den Sohn freilassen, der nun auf Dauer Statthalter dort wird. Der König selbst darf Katalonien nur noch nach Erlaubnis von Generalitat und Consell del Principat betreiben. 

 

Kurz darauf stirbt der Sohn, der Vater versucht einzumarschieren und wird darauf von den Rebellen abgesetzt. Die Krone wird Enrique IV von Kastilien angeboten, der auf Druck der Großen seines Reiches ablehnt. Juan II wiederum wird vom französischen König unterstützt gegen Abgabe vom Roussillon und von Sardinien. Die Krone wird nun dem portugiesischen König angeboten, der bald darauf stirbt, und dann dem angevinischen Duc de Provence, um französische Unterstützung für die Rebellen zu gewinnen.

 

In dieser unentschiedenen Situation eines jahrelangen Krieges gelingt es Juan II, seinen Thronerben Fernando mit der gerade zur Thronerbin erklärten kastilischen Thronerbin Isabel zu verloben., die 1469 heiraten. 1472 gelingt es Fernando durch Verhandlungen, nach Barcelona zu kommen. In der Capitulación von Pedralbes wird die Wiederherstellung des Vorkriegs-Zustandes und eine allgemeine Amnestie beschlossen.

 

Der Weg in diese historische Heirat ist in Kastilien auf ganz andere Weise als in Aragón dornig. Die Ehe Enriques mit Blanca von Navarra bleibt kinderlos, und als der König die Trennung will, wiedersetzt sich Blanca vehement. Der Kirche gegenüber bekundet Enrique als Grundlage einer Scheidung den Nicht-Vollzug der Ehe. In der Öffentlichkeit wird er und seine Potenz zum Gespött der Leute, so wie seine Noch-Frau allerlei übler Diffamierung ausgesetzt ist.

Die neue Ehe mit Juana von Portugal erzeugt dann nur eine Tochter, ebenfalls eine Juana, über die bald Gerüchte in Umlauf komme, ihr Erzeuger sei gar nicht der König. Es formiert sich eine neue, vor allem vom Adel getragene Opposition, die über die immer höhere Abgaben klagt, über des Königs vermeintliche Sympathien gegenüber dem islamischen Granada und darüber, dass die hohen Ämter zu niedrigen Leuten zugeteilt werden. Im sogenannten Kompromiss von Medina del Campo geht es um die Entfernung der Juden und Mudejaren aus dem Umkreis des Königs, ein Peersgericht des Adels über seine Standesgenossen, ben.Wahl der Prokuradoren der Städte in den Cortes und Zustimmungsrecht derselben bei allen neuen Abgaben.

 

Kurz danach wird der König in Ávila in Form einer Puppe symbolisch abgesetzt und sein Bruder Alfonso eingesetzt. Der stirbt allerdings kurz darauf und das Chaos ist fast perfekt. In dieser Situation erklärt sich die jüngere Stiefschwester von Juana, Isabel, zur einzig legitimen Thronerbin. Da sich große Teile der Adelsopposition ihr anschließen, schwenkt der König um, erklärt seine Ehe mit Juana von Portugal für illegitim wegen zu großer Verwandtschaft, was die Tochter daraus, Juana, ebenfalls als illegitim von der Thronfolge ausschließt. Isabel zur Princesa de Austurias macht, ihr aber das Recht abspricht, ihren Gemahl eigenhändig auszusuchen.

Die hat aber längst vollendete Tatsachen geschaffen. Ein päpstlicher Dispens wird gefälscht und 1469 findet in Valladolid die Hochzeit statt. Juana wird mit dem portugiesischen König verheiratet, der bald mit Teilen der kastilischen Adelsopposition militärisch für ihre Interessen eintritt, 1476 aber entscheidend geschlagen wird. 1479 stirbt Juan II. Fernando und Isabel machen sich auf, zu den Reyes Catholicos der Vereinigung Spaniens zu werden.

 

Während in Aragón zunächst weiterhin außerordentliche Abgaben von Institutionen der Ständevertreter bewilligt werden müssen, konzentrieren sich solche Entscheidungen im immer dominanteren Kastilien am königlichen Hof uind der hacienda. Immerhin muss der 1494 geschaffene Concejo de Aragón nun auch mit dem König umherreisen, um an den Entscheidungen beteiligt zu werden. Immer mehr der ständisch strukturierten Räte werden durch Losentscheid anstelle von Wahlen eingesetzt.

Kern der regulären königlichen Einnahmen ist einmal die alcabala, eine Umsatzsteuer auf alle Markt-Transaktionen, die der Käufer bezahlt und die vom Verkäufer eingezogen wird. Die Könige versuchen sie auch vom Adel zu bekommen, was aber nur teilweise gelingt. Das andere sind die tercios, die zwei Neuntel des Kirchenzehnten betragen, ursprünglich auf die Reconquista bezogen waren und nun ebenfalls zu einer allgemeinen Steuer werden.

Daneben gibt es vor allem die Zölle, Hafengebühren und die montazgos auf Vieh. Das Einziehen all dieser Einkünfte wird verpachtet, in der Regel natürlich an die Agenten großer Kapitalien.

Etwa ein Drittel der regulären kastilischen Ausgaben gehen an den Adel, der so bei der Stange gehalten wird. Der Rest fällt vor allem an die Hofhaltung, die Verwaltung, das Heer. Die Könige sind zunehmend dauerhaft verschuldet, was Prozesse der Zentralisierung und des außerordentlichen Abgabendruckes insbesondere auf die Städte verstärkt, die immer stärker unter königliche Kontrolle geraten.

 

In Kastilien setzen sowohl der König als auch die Vertreter des Kapitals auf die Domestizierung des Adels und seiner Gewalttätigkeit. Schon 1476 wird auf einen Cortes die Gründung einer Santa Hermandad beschlossen, die die Rekrutierung eines Reiters und eines ebenfalls bewaffneten "Polizisten" zu Fuß für jeden Ort bedeutet, geleitet von zwei alcaldes, Bürgermeistern, einem Ritter und einem Unteradeligen. Diese Art Polizei ist in regionalen Gruppen (juntas) organisiert, die wiederum von einer Zentrale abhängig sind, die vom Concejo real abhängt. Aufgabe ist die "Aufrechterhaltung der Ordnung", also die Verfolgung von Verbrechen.

 

Tatsächlich geht die Tendenz in kapitalistisch getriebene, aber politisch mit Gemeinwohl-Propaganda oder christlich durchsetzten Menschenrechten formulierte Entfeudalisierung. Der hohe Adel wird an den Hof oder sein hochprivilegiertes Partizipieren an der Macht in seinen untergeordneten Herrschaftsbereichen gebunden oder aber politisch entmachtet, und die überwiegende Bevölkerung auf dem Lande bekommt nach einer Vielzahl von Rebellionen gegen ihre lokalen und regionalen Herren insbesondere im 15. Jahrhundert mehr Rechte zugesprochen, deren Kern wohl die finanzielle Ablösung feudaler Abhängigkeiten ist, die allerdings nur von den wohlhabenderen Bauern geleistet werden kann. Die Städte werden den Königen untergeordnet und erhalten dafür Rahmenbedingungen für Kapitalverwertung. Die übrige Macht, in den Händen von Kirche und Klöstern, versuchen die Könige zu kontrollieren, indem sie, durchaus im Konflikt mit Päpsten, die entscheidenden Posten mit ihren eigenen Leuten besetzen und sowohl Franziskaner wie Dominikaner für ihre Interessen einspannen, wofür auch die Inquisition ein Mittel ist.

 

Drei Entwicklungen um das Jahr 1492 krönen den Ausstieg Spaniens aus mittelalterlichen Strukturen im 15. Jahrhundert. Das eine ist der Untergang der islamischen Despotie von Granada. Sie wird einmal durch innere Konflikte hervorgerufen, zum zweiten durch eine Zunahme kriegerischer Aktivitäten  von beiden Seiten der Grenze. 1484 beschließen die bald vom Papst so titulierten "katholischen Könige" die systematische Eroberung. 1485 fällt Ronda, 1487 nach langer Belagerung Málaga, 1489 Baza, Guadix und Almería. Die Reduktion des Fürstentums auf die Hauptstadt und Residenz macht es unhaltbar. Die milden Übergabebedingungen werden dann nicht lange eingehalten. Ein Teil der Bevölkerung flieht nach Marokko, andere werden auf die Dauer zur Konversion gedrängt (die moriscos), und ein Teil von ihnen wird nicht integriert und Jahrhunderte später vertrieben.

 

Neben den "Mauren" erweisen sich die Juden im Verlauf des 15. Jahrhunderts als zweites Opfer. Ihre Verfolgung geht in der Regelung von der Bevölkerung aus und von einzelnen Predigern. Dabei vermischen sich Vorstellungen, die auch in Hexenverfolgungen eingehen, mit religiösen. Die Könige geben zunehmend den Schutz der jüdischen Untertanen auf und  treten dann an die Spitze der Verfolgung, als sie sich von Papst Sixtus das Sonderrecht geben lassen, zwei königliche Inquisitoren zu ernennen - neben den kirchlichen.

Inzwischen hat der Druck zu vielen Konversionen vom Judentum zum Christentum geführt, womit Christen das Misstrauen verbinden, dass Juden nun heimlich ihren bösen Absichten nachgehen würden. Die Aufgabe der Inquisitoren wird es, wie bald in Hexenprozessen durch Folter Geständnisse und neue Denunziationen herbeizuführen, es kommt zu öffentlichen Hinrichtungen in autos de fe und zu Verbrennungen bei lebendigem Leibe. 1492 werden alle Juden dann ausgewiesen, müssen binnen weniger Monate ihr Hab und Gut verkaufen und außer Landes gehen. Im Exil werden die überlebenden Juden sich dann selbst als Sefarden bezeichnen. Sie wandern sowohl nach Nordafrika wie in westliche Nachbarreiche aus.

 

Neuzeit ist auch die Systematisierung und zunehmende Verstaatlichung von Unterdrückung und Verfolgung. Nach über tausend Jahren einer eher wirren und chaotischen Geschichte von Zivilisationen bilden sich Ansätze einer spanischen Identität aus, die einen Gegensatz zu "Mauren" bzw. "Arabern" ebenso wie zu Juden entwickelt und damit Vorstellungen von einer Reinheit des spanischen Blutes (limpieza de sangre), die weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein wirken werden.

 

Die dritte Entwicklung beginnt früh mit einem kastilischen Flottenprogramm. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts kommt es zu sporadischen Ausfahrten auf die Kanaren, aber erst ab 1477 beginnt die systematische Eroberung, die zwischen 1483 und 1496 gegen erbitterten Widerstand der einheimischen Bevölkerung zum Erfolg führt. Die Überlebenden der indigenen Kulturen müssen dann hilflos bei der vollständigen Zerstörung ihrer Lebensformen zuschauen. Die grausige Barbarei des Kolonialzeitalters hat begonnen. Von nun an beginnt die Unterwerfung ganzer Kontinente unter die Interessen von Kronen, Aristokraten, Kapitaleignern und Söldnerhaufen und ein historisch wohl bislang beispielloser Zerstörungsweg, mit Massenmord, Versklavung und Vernichtung zahlloser Kulturen und Zivilisationen. Alles, was "entdeckt" wird, wird kaputtgemacht.

 

Nach der Zerstörung der Kanaren beginnt die beider Amerikas, für die Inseln wie La Gomera als Stützpunkt dienen. Den Anfang macht der Genuese Cristoforo Colombo, nachdem er nach jahrzehntelangem Werben endlich das nötige Geld bewilligt bekommt. Die nun immer deutlichere Konkurrenz zu den Weltreichsplänen Portugals führt 1494 im Vertrag von Tordesillas zur Teilung der Welt auf einer Linie, die den Ozean durchquert