ANHANG 23: FRANKREICH 1270-1500

 

Frankreich 1270-1500

Burgund 1361-1477

 

 

Frankreich 1270-1500

 

Philipp III.

 

Um 1270, als Ludwig "der Heilige" in Karthago stirbt, ist Frankreich ein Königreich mit einer großen Hauptstadt und dort angesiedelter Zentralverwaltung. Das Land ist aber zum großen Teil immer noch in Fürstentümer aufgeteilt, die bei Hofe Koalitionen und Interessengruppen bilden. Große Macht und Einfluss bei seinem königlichen Neffen entfaltet dabei Karl von Anjou mit seinem sizilischen Reich und der Günstling Pierre de la Broce, bis er 1278 hingerichtet wird.

1274 stirbt König Heinrich von Navarra und es gelingt, die Erbtochter mit dem französischen Thronfolger zu verloben.

 

 1270-75 kommt es zu einem englisch-flämischen Handelskrieg, und danach zu Widerstand der bürgerlichen Mittelschichten gegen das städtische Patriziat. Graf Guido III. von Dampierre unterstützt die kleinbürgerlichen Kreise.

1282 verliert Karl nach der sizilianischen Vesper die Insel an Aragón. Im Gegenzug gelingt es Philipp III., den mit Hilfe französischer Söldner ins Amt gehievten Papst Martin IV. dazu zu bringen, einen „Kreuzzug“ gegen Aragón auszurufen (1282-85), der aber scheitert und mit dem Tod Philipps auf dem Rückzug endet.

 

Philipp IV. ("der Schöne")

 

Er hatte sich gegen die Politik seines Vaters gegen seinen Onkel von Aragón gewandt, und unterstützt nicht die Wiedereroberungs-Versuche von Neapel aus. Aber der Konflikt mit Aragón insgesamt im Mittelmeerraum bleibt.

 

In den flämischen Städten verschärft sich der Gegensatz zwischen reichen Patriziern gegen die darunter liegenden bürgerlichen Schichten, die sich politisch ausgeschlossen fühlen. Der Graf Guido von Dampierre sucht seine Unterstützung bei diesen und die Patrizier verbünden sich mit Philipp IV. „Le Bel“. Darauf sucht der Graf 1297 die Unterstützung der englischen Krone, die aber kaum eingreift.

 

Um dieses zu schwächen, greift Philipp 1294 schon Guyenne an und lässt es besetzen, während der englische König gegen die Schotten kämpft.

 

Auch an einer anderen Front häufen sich die französischen Erfolge. Pfalzgraf Otto IV. vergibt als Mitgift für die Heirat seiner Tochter mit dem französischen Kronprinzen die Freigrafschaft Burgund. Im Jahr darauf begibt sich Toul unter die französische Krone. Deutsche Schwäche führt dazu, dass nach und nach Frankreich immer größere Teile Lothringens erwerben wird.

 

Derweil beginnt wegen der Sondersteuern, die Philipp dem französischen Klerus auferlegt, der Konflikt mit Papst Bonifaz VIII, der so etwas 1296 in der Bulle 'Clericis laicos' von seiner Zustimmung abhängig macht, was Philipp mit einer partiellen Handelssperre gegen Italien beantwortet. Der Papst gibt darauf nach, auch weil er französische Unterstützung gegen die Colonna braucht.

 

Der Staatsschatz wird 1295 den Templern genommen und im Louvre untergebracht. Eine vorwiegend von Bürgerlichen geleitete chambre des comptes bekommt bald die Aufsicht über die königlichen Einnahmen. 

Nachdem auf den Champagnemessen italienische Bankiers auftauchen, werden sie auch die Finanzfachleute der französischen Krone und gewinnen Einfluss auf die Krone und die Erhebung von Steuern und Abgaben. 1292/93 laufen "zwei Drittel aller Ausgaben der Staatskasse durch ihre Hände" (Ehlers, S.195). 1305 sind die Münzen von Paris, Troyes und Tournai an die Florentiner Peruzzi verpachtet.

 

1297-1300 dringt Philipp in Flandern ein und legt das Land unter königliche Verwaltung. England sperrt den Export seiner Wolle. Zwei Jahre später erhebt sich Brügge gegen die französische Besatzung und tötet sie, dann ebenfalls wegen der Steuerlast fast alle anderen flämischen Städte außer Gent. Derweil zieht Karl von Valois durch Mittelitalien nach Neapel, um von dort aus Aragón aus Inselsizilien zu vertreiben.

 

Aber bei Kortrijk wird ein französisches Ritterheer im Juli 1302 vom städtischen Aufgebot geschlagen. Karl muss zurück nach Frankreich.

1303 wird in Paris Frieden mit der englischen Krone (Edward I.) geschlossen, die für die Rückgabe von Guyenne die Oberhoheit Philipps über Aquitanien anerkennt. Das gibt Frankreich die Kraft, 1304 die Flamen bei Mons-en-Pévèle zu schlagen.

 

Der Streit mit dem Papsttum flammt wieder auf, als der Papst den dem König unfreundlich gesonnenen Bischof Bernard Saisset von Pamiers einsetzt, den Philipp wegen Hochverrates verhaften und anklagen lässt. In einer Serie von Erklärungen versteigt sich Bonifaz darauf bis zur Bulle 'Unam Sanctam', die auch königliche Unterwerfung unter sein Amt fordert. In Frankreich nimmt die antiklerikale Propaganda zu, was Philipp den Rücken deckt, um über den Siegelbewahrer Wilhelm von Nogaret den Papst frontal anzugreifen und deshalb ein Konzil zu seiner Verurteilung und Absetzung zu fordern.

Der verhängt das Interdikt über Frankreich, worauf Nogaret mit einer Delegation der französischen Krone zum Aufenthaltsort des Papstes in Anagni reist. Man trifft dort auf eine Truppe der von Bonifaz feindselig behandelten Colonna. Am 7. September wird der Papst gefangen genommen, aber dann zögert man, unsicher, was zu tun sei. Darauf können Bürger Anagnis ihn wieder befreien. Bonifaz stirbt allerdings kurz darauf in Rom und sein Nachfolger Clemens V. gibt klein bei und siedelt nach Avignon über.

 

Nogaret ist einer der Legisten, die in Justiz und Verwaltung Karriere machen, dort wo der König über sie seine Dominanz unter Verweis auf die communis utilitas im ganzen Reich als patria durchsetzt. Der Weg vom mittelalterlichen Herrscher zum Souverän eines Staates wird beschritten. Der conseil des Königs, sein engster Beraterkreis, und die königliche Verwaltung werden immer deutlicher getrennt. Das parlement wird nun immer spezifischer von einer allgemeinen Versammlung zum obersten Gerichtshof, zu dem ein Instanzenweg hinführt. Ein Untersuchungsgericht, chambre des enquêtes, bildet sich daraus, eine grande chambre für die Prozessführung und eine chambre de requêtes für Eingaben an die Krone.

 

Sechs weltliche und sechs geistliche Pairs (pares) standen seit einiger Zeit über diesem System. Sie werden nach und nach vor allem durch Mitglieder der königlichen Familie ersetzt, die damit ihre Apanage erhalten, wörtlich ihre Versorgung mit Brot. Sie und vom König berufene Räte, bald auch darunter Vertreter aus den Städten, treten nun im conseil zusammen. In besonderen Fällen, die besonders Steuern und Abgaben betreffen, tritt ein erheblich erweiterter Rat zusammen, der nun als états (status) bezeichnet wird, zusammen als Generalstände. Sie tagen und beschließen getrennt, erklären sich dann aber gemeinsam. Das Königreich findet neben der Person des Königs in einer gewissen Repräsentanz (der obersten Kreise) seine Gemeinsamkeit.

 

Kern des königlichen Heeres bleibt zunächst noch die zur Heeresfolge verpflichtete Ritterschaft, wobei ein Teil aus Kostengründen auf die Ritterweihe verzichtet und mit derselben Bewaffnung als serjeants dient. Beide benötigen für den Krieg valets, Knappen und Schildträger. Rund zweihundert zentrale Städte, bonnes villes, stellen ebenfalls serjeants und Kriegsmaterial.

 

Da immer mehr Ritter der Heeresfolge fernbleiben und auch die Städte ihre Mannen gerne durch Geld ablösen, ist der König zunehmend auf vorwiegend berittene Söldner angewiesen, die auch schneller aufgeboten werden können. Generalunternehmer werben sie auf eigene Kosten an und bieten sie dann als Geschäft dem König an.

 

Ritter und Söldner kämpfen dann unter einem königlichen connétable in einem Heer nebeneinander. Entsprechend werden Ritter zunehmend durch Geldlehen bezahlt. Geld bestimmt inzwischen zum guten Tei den Kriegserfolg, was bis heute und überall so geblieben ist. „Für den Adel hat das nachteilige Folgen, denn ich Kriegsfalle führte der Herr nicht mehr das Aufgebot seiner Grundherrschaft, sondern stieß als Einzelperson zum königlichen Heer und musste es dem connétable und seinen Beauftragten überlassen, in welcher Funktion sie ihn einsetzten.“ (Ehlers, S.185)

 

Geld nicht zuletzt für den Krieg gewinnt der König einmal ganz herkömmlich aus den königlichen Eigengütern und den Lehen mit ihren Herrenrechten. Dazu kommt die aide als außergewöhnliche Abgabe besonders für den Krieg, die sich in eine Kopfsteuer verwandelt, die taille, von der wegen ihres Kriegsdienstes die Adeligen und jene Bürger, die ebenfalls für den König in den Krieg ziehen, befreit sind. Schließlich werden auch königliche Verbrauchssteuern immer wichtiger, wie die auf Salz (gabelle). Da Adel und bürgerliche Militärs von der Kopfsteuer befreit sind, ist es wichtig, die Kriege auch über besondere Abgaben der Geistlichkeit zu finanzieren, was zu den Konflikten mit Papst Bonifaz führt.

 

Mit konzentrierter und intensivierter königlicher Gerichtsbarkeit und Verwaltung, der über Geld vermittelten königlichen Armee und der (fast) allgemeinen Besteuerung werden die Franzosen zu Untertanen ihres Königs und zunehmend zugleich zu denen eines vom König geführten und repräsentierten Staates.

Die Konzentration aller zu Untertanen werdenden Menschen im Reich des Königs betrifft alle Partikulargewalten, Fürsten, Adel, Städte, aber auch die Ritterorden.

Besonderes Interesse erregt dabei der Templerorden, der es zu Reichtum und Burgen gebracht hatte und weiterhin nur dem Papst untersteht. In Propaganda-Aktionen wird er wegen Gotteslästerung, Obszönität, Sodomie und anderen erfundenen Beschuldigungen diffamiert und 1307 stimmt der Papst nach Zögern, wohl ebenfalls interessiert am Ordensvermögen, zu. 1311 werden sie auf dem Konzil von Vienne verurteilt und im Jahr drauf kommt es zur päpstlichen Aufhebung des Ordens und Überführung seines Vermögens an die Johanniter. Alle Templer werden verhaftet und gefoltert. Zahlreiche Templer werden öffentlich verbrannt, 54 in Sens, die obersten Führungspersonen 1314 in Paris. Der König vergibt das Templervermögen an die Johanniter und holt es sich dann fast vollständig mit einem Trick wieder zurück.

 

Mit dem flächendeckenden Massenmorden gegen die Katharer und der enormen Grausamkeit, mit der gegen die Templer vorgegangen wird, wird schlaglichtartig deutlich, dass der entstehende neue Staat nicht nur mit Verwaltungsakten, Gerichtsurteilen, Heiratspolitik und den üblichen Kriegen sich entfaltet, sondern zudem mit außerordentlicher Brutalität, die bereits die Schrecken der Neuzeit ankündigt: Den Terror verbreitenden Staat.  

Schon 1306 waren die Vermögen der Juden konfisziert und diese vertrieben worden, nachdem die Dominikaner jahrzehntelang gegen sie gepredigt hatten. 1309-11 werden die lombardischen Finanziers und Kaufleute vertrieben.

 

Philipp VI. (1328-1350)

 

1314 stirbt Philipp der Schöne, zwei Jahre herrscht Sohn Ludwig X. und stirbt dann 1316. Das Kind seiner schwangeren Gemahlin Johanna von Navarra stirbt kurz nach der Geburt. Darauf ergreift der Bruder des Königs die Macht als Philipp V.  Eine Versammlung in Paris, zu der auch Universitätsmitglieder gehören, erklärt zu diesem Zweck, dass Frauen von der Thronfolge ausgeschlossen seien. Philipp wiederum stirbt als letzter Kapetinger 1322 ohne männlichen Nachkommen. Nachfolger wird sein Bruder Karl IV., der bald Truppen in Guyenne einmarschieren lässt. 1327 kommt es wieder gegen Kriegsentschädigungen an Edward III. 

1334 stirbt der vierte Karl. Philipp von Valois ist Regent während der Schwangerschaft der Königin Johanna von Évreux. Nachdem diese eine Tochter gebärt, stimmen die Magnaten seiner Ernennung als Philippe VI. zu, die auch eine Entscheidung gegen die Thronfolge von Söhnen aus der weiblichen Linie bedeutet. Legitimer Thronerbe wäre sonst eher König Edward III. von England, Enkel Philipps des Schönen, gewesen, und zwar über Isabelle ("de France"), Schwester der verstorbenen Söhne Philipps IV. und Witwe Edwards II.

Die französischen Fürsten scheuen vor der Macht eines englisch-französischen Doppelmonarchen ihnen gegenüber zurück und auch vor der Einsetzung eines Nichtfranzosen. Darum beginnt mit Philippe die Herrschaft des Hauses Valois, welches zunächst von seinen Gegnern so betitelt wird, handelt es sich doch weiter um eine kapetingische Nebenlinie.

 

Schon 1328 siegt Philippe bei Cassel über ein flämisches Bauernaufgebot. 1329 legt Edward III. ein Treuegelöbnis ab und 1331 den ligischen Lehnseid. Im Regierungsapparat nehmen nun Gefolgsleute der Valois zu.

 

1337 kassiert Philippe Guyenne "auf lehnsrechtlicher Grundlage" (Dirlmeier, S.127) und in der Folge kündigt Eduard III. Plantagenet, König von England und Herzog von Aquitanien, den Lehnseid auf. Es kommt zum Hundertjährigen Krieg, der mit Unterbrechungen bis 1453 andauern wird. 1340 erklärt sich Edward zum französischen König. Ursache sind auch das französische Bündnis mit Schottland und das Interesse beider Seiten am reichen Flandern.

 

Navarra wird vom Staatsrat 1338 an Johanna von Évreux abgegeben, während die Champagne und die Brie an den französischen König fallen. Im Konflikt über das Artois gewinnt der König gegen Robert, der nun nicht mehr Pair ist und vom Hof verbannt nach England geht, um den Valois von dort aus zu beseitigen.

Inzwischen hat Frankreich ungefähr 14 Millionen Einwohner gegen 3 Millionen Englands.

 

In Flandern stehen von der allgemeinen Rezession betroffene Bauern und Städter 1338 gegen ihren Grafen Ludwig von Nevers auf und suchen Unterstützung in England.

Darauf greift der französische König militärisch ein, besiegt ein flämisches Kommunalheer und richtet in Flandern direkte königliche Verwaltung ein. Edward sperrt nun, um Druck auf Flandern auszuüben, die Ausfuhr englischer Wolle und die Einfuhr ausländischer Tuche. Zudem lockt er Textilhandwerker ins Land und protegiert damit auch den Aufstieg einer englischen Tuchproduktion.

 

Da die flämischen Interessen primär an englischer Wolle ausgerichtet sind, kann der reiche Genter Stadthauptmann Jakob von Artevelde mit antifranzösischer Propaganda durchdringen. Zunächst die Genter und dann andere Städte wie Brügge und Ypern wählen ihn 1340 zu ihrem Anführer. Ludwig von Nevers flieht nach Paris  Es kommt zur flämischen Anerkennung von Edward als französischem König, und 1340 ist er in Gent. Kurz darauf gelingt die fast vollständige Vernichtung der französischen Flotte bei Sluis. Der bretonisch sprechende Teil der Bretagne wendet sich ebenfalls England zu und in einem Erbfolgestreit siegt der eher pro-englische Johann von Montfort gegen den Valois-Kandidaten Karl von Blois.

 

1346 landen englische Truppen in der Normandie. Inzwischen kommt es in Flandern zu Kämpfen der Weber gegen andere Beteiligte an der Tuchproduktion und gegen Artevelde, der 1345 zurücktreten muss und dann wohl ermordet wird. Das englische Heer unter Edward siegt 1346 bei Crécy mit seinen Langbogenschützen gegen das Ritterheer Philipps. Der Graf von Flandern und viele andere fallen und Philippe flieht schmachvoll vom Schlachtfeld mit entsprechendem Ehrverlust. Dann wird nach elfmonatiger Belagerung Calais eingenommen, von vielen Einwohnern verlassen und zur englischen Festung ausgebaut.

 

Darauf erzwingen Ständeversammlungen in Paris und Toulouse die Trennung von Finanzverwaltung und Rechnungsprüfung. Als Herr der Münz-Währung manipuliert der König sie systematisch als Einnahmequelle, und zwar wesentlich durch bewusste Abwertungen, um dann wieder Stabilität für eine gewisse Zeit herzustellen. Damit alleine schon wechseln sich Inflation und Deflation ab, was den Münzherrn nützt und auf die Dauer allen anderen schadet.

"Im Jahre 1349 machten die Gewinne aus der Münzprägung bei starker Münzverschlechterung 70% der Gesamteinnahmen des französischen Königs aus." (Gilomen, S.104)

 

Johann II. ("der Gute" 1350-64)

 

1350 stirbt Philipp VI. Unter seinem Sohn entbrennt der Konflikt mit König Karl II. von Navarra, welcher ebenfalls nach dem französischen Thron strebt und sich mit Edward III. verbündet. Er lässt Johanns Gefolgsmann Karl de la Cerda (Charles d'Espagne) ermorden. Johann lässt ihn und den Dauphin 1356 in Rouen gefangen nehmen.

 

John of Gaunt, der Herzog von Lancaster, zieht mit einem Heer von Norden nach Süden und der englische Thronfolger Edward, später als "schwarzer Prinz" gefeiert, beginnt 1355 von Guyenne aus einen Feldzug durch Südfrankreich nach Norden. September 1356 unterliegt Johanns in nicht geringem Maße auch aus Söldnern bestehendes Heer bei Maupertuis in der Nähe von Poitiers  und er selbst und viele Adelige geraten in Gefangenschaft. Die Regentschaft unter dem in London gefangen gehaltenen König führt der junge und unerfahrene Thronfolger Karl (V.). Der Prestigeverlust liegt aber beim französischen Adel, bzw. bei ihrem militärisch gescheitertem Rittertum.

 

Inzwischen ist die französische Krone zahlungsunfähig und muss bei den Ständen um Geld bitten, wobei der Vertreter des Bürgertums, Étienne Marcel, Mitspracherechte verlangt.

 

Die Regentschaft unter dem in London gefangen gehaltenen König führt der junge und unerfahrene Thronfolger Karl. Aus Geldnöten einberufene Ständeversammlungen lösen sich ab, und der schwerreiche Führer der Seinekaufleute, Étienne Marcel, kann seine Forderung nach Beteiligung von Ständevertretern am königlichen Conseil durchsetzen, was der König in London strikt ablehnt. 

1258 verbündet sich Karl von Navarra mit den von Marcel angeführten Pariser Bürgern. Eine Menge dringt in den königlichen Palast ein und ermordet hohe Militärs. Regent Karl flieht aus seiner Hauptstadt.

 

Inzwischen bricht in Nordfrankreich ein Aufstand der Bauern gegen ihre Grundherren aus, die Jacquerie, der sich Handwerker und Kleinhändler anschließen. Ziel werden die ländlichen Burgen, die als Orte der Unterdrückung empfunden werden. Von Paris aus zerstört Marcel mit Bürgermilizen Burgen der Umgebung. 

Im Gegenzug schart Karl von Navarra den Adel hinter sich und schlägt die Aufstände blutig nieder. In Paris verbindet er sich dann aber mit Marcel, weigert sich, gegen die Städte vorzugehen, worauf der Adel zum Regenten umschwenkt. Marcel wird ermordet und der Regent kann darauf in Paris einziehen.

 

Johann verhandelt in London über seine Freilassung gegen enormes Lösegeld und die Abgabe von Touraine, Anjou, Maine und Normandie an Edward. Das verwerfen die französischen Stände. Indem sie "Johanns Abreden mit dem englischen Hof verwarfen, unterschieden sie die Belange des Monarchen von denen des Staates und machten sich unter Führung des Regenten zu Sachwalter des Gemeinwohls." (Ehlers, S.233) Dafür will Edward auf den französischen Thron verzichten.

Im Frieden von Brétigny 1360 kommt Johann gegen das Versprechen der Zahlung von 3 Millionen écus d'or frei und kann nach Zahlung einer ersten Rate nach Paris zurückkehren, nachdem ein bescheidenerer englischer Erfolg verhandelt worden war (Guyenne, Gascogne, Guines und Calais). Etwas zu Geld kommt der König dann, als er seine elfjährige Tochter Isabelle für enorme 600 000 Florins zur Heirat mit dem neunjährigen Gian Galeazzo Visconti nach Mailand quasi verkauft.

Die Finanzen werden etwas geordnet und eine Ständeversammlung zu Amiens stimmt 1363 der Finanzierung eines Heeres von 6000 Mann zu. Der große Krieg findet nun in kleineren Scharmützeln seine Fortsetzung, was der englischen Besatzung Probleme bereitet.

Als die auf Ehrenwort beurlaubte Geisel, der zurückgelassene Sohn Duc d'Anjou flieht, fühlt sich König Johann verpflichtet, zurück in englische Gefangenschaft nach London zu gehen, wo er erst gut behandelt wird, aber schon 1364 stirbt.

 

Karl V. (1364-80)  

 

Der Söldnerführer Bertrand du Guesclin, ein nachgeborener Rittersohn, siegt für den König 1364 über Karl von Navarra, kann aber nicht verhindern, dass Johann von Montfort in der Bretagne als Vertreter der englischen Partei die Oberhand gewinnt. Nach diesen Kriegen setzen sich die führerlos gewordenen Söldner-Kompanien in Nordfrankreich fest und begründen von Burgen aus eigene (illegitime) Herrschaften und geben sich eigenmächtig Grafen- und sogar Herzogstitel.   

 

In Kastilien kämpft Heinrich  (Enrique) von Trastámara, der Halbbruder, gegen König Pedro I. Mit letzterem ist England verbunden, mit dem ersteren verbindet sich nun Karl V. und schickt du Guesclin mit seinen Söldnern. La Rochelle kann eingenommen werden. Der Erfolg führt zum Königtum Enriques 1366 und einige Jahre darauf zur Ermordung Pedros.

Derweil versucht sich der flämische Graf Ludwig von Male erst aus wirtschaftlichen Gründen mit den Engländern zu verbünden. 1369 gibt er aber andererseits seine Tochter Margarethe Philipp dem Kühnen zur Frau. Im gleichen Jahr lädt der Lehnsherr Karl V. unter dem Vorwand einer Klage nach Paris vor. Nachdem der natürlich ablehnt, beginnt nach und nach der Krieg mit England wieder aufzuleben, insbesondere nachdem Edward III. seinen Anspruch auf den französischen Thron erneuert.

 

Den nun folgenden Kleinkrieg lässt Karl V. von seinem inzwischen zum Connétabel aufgestiegenen du Guesclin und seinen Söldnern führen, was viel Geld kostet und zu besonderen Leiden der vom Krieg betroffenen Bevölkerung führt. Dafür ist es effektiv: Beim Waffenstillstand von 1375 (bis 77) hat die englische Krone ihre Besitzungen bis auf einige atlantische Hafenstädte verloren.

Kurz darauf stirbt der englische Thronfolger, dann Edward selbst und die Krone fällt an den sechsjährigen Richard II. Karl von Navarra wird aus Frankreich auf sein Kernland vertrieben, nachdem er dem englischen König noch Cherbourg verkauft hat.

 

Im Verlauf des späteren Mittelalters war aus der früheren Ständetheorie eine ständische Ordnung der königlichen Untertanen hervorgegangen. Der Adel gliedert sich nun dabei ganz stark in die Fürsten königlichen Geblütes, die Fürstentümer als Apanagen (appanagium) erhalten, darunter die etwa 350 Barone (Johanns II.) darunter diejenigen Ritter, die nicht zu den obersten Strata dazugehören, um die 3000 im ganzen Königreich, und darunter jene vielleicht   30 000, die auf den immer teurer zu erringenden Rang eines Ritters verzichten, aber als écuyers wie Ritter kämpfen, auch wenn sie deren Lebensstandrad immer weniger halten können.   

Den Adel zu kontrollieren versucht der König nun durch immer weitgehendere Einschränkung des Fehderechtes und Kontrolle über die Burgen im Reich. Durch Adeligung verdienter Beamter entsteht ein Amtsadel, der sich vor allem aus Juristen zusammensetzt. Andererseits werden zunehmend Connétable, baillis und senéchaux vom Conseil gewählt, was dem Adel Einfluss gibt, und das Parlement gewinnt Selbständigkeit dadurch, dass es neue Mitglieder kooptiert, für die ein Universitätsabschluss Voraussetzung wird.

 

Während das Bürgertum so einerseits durch Karrieren an den König gebunden wird, werden andererseits die Stadtverwaltungen immer mehr durch königliche Beamte besetzt. Das bedeutet politische Entmachtung des dortigen Bürgertums bei gleichzeitiger Förderung ihres Wirtschaftens.  

 

Aus den Apanagen werden häufig Herzogtümer, die dazu tendieren, sich zu verselbständigen. Am deutlichsten wird das mit dem Herzogtum Burgund, welches 1363 König Johanns vierter Sohn Philipp, bald als "der Kühne" apostrophiert, erhält. Der Thronfolger selbst erhält das Herzogtum Vienne, welches auch als delphinatus (Dauphiné) bezeichnet wird, Hundert Jahre später wird der Thronfolger dann unabhängig von seiner Apanage als Dauphin bezeichnet.

Diese Fürsten königlichen Geblütes führen eigene Verwaltungen nach dem Muster der königlichen ein, müssen aber Teile der Einkünfte und die Ernennung der Bischöfe beim König belassen.

 

1380 stirbt Karl V., nachdem er den Kronschatz erschöpft und sich in Schulden gestürzt hat. Bei der Beerdigung kommt es im September zu Krawallen darüber, ob der Rektor der Universität den Vortritt habe oder der Bischof von Paris. Dann gibt es Unruhen im Quartier Latin. Gegen den königlichen Profoss Hugues Aubray strengt die Universität einen doppelten Prozess an - wegen Ketzerei, Sodomie und Judenfreundlichkeit etc. Der Profoss muss demütigende Abbitte leisten.

 

Karl VI. (1380-1422)

 

Für den zwölfjährigen König üben die Herzöge von Anjou, Berry, Burgund und Bourbon die Regentschaft aus. In Paris kommt er erneut zu Unruhen, die die Abschaffung aller Steuern verlangen und zunächst durchsetzen. Damit ist der König auf seine alten feudalen Rechte zurückgeworfen.

 

Nachdem Ludwig von Anjou den Kronschatz an sich gerissen hat, scheidet Johann von Berry aus dem Machtkampf der Regenten aus und Philipp der Kühne ist vor allem mit Flandern befasst. Institutioneller Kern des Staatsgebildes ist inzwischen das überwiegend aus Juristen und Verwaltungsbeamten zusammengesetzte, amtsadelige Parlement.

 

Ludwig von Anjou versucht mit französischen Sondersteuern einen Feldzug gegen den neapolitanischen Herrscher aus der ungarischen Seitenlinie der Anjou zu finanzieren. Als 1382 die aides wieder eingesetzt werden, führen Steuerdruck und Uneinigkeit der Regenten zu Aufständen der Weber in Rouen gegen die städtische Oberschicht, die geplündert wird. Das greift über auf das ganze Land, es schwappen Unruhen vom Pariser Markt auf die Bürgerschaft über. Im Berry durchstreifen Banden aus Bauern und Söldnern das Land.

Dazu passt, dass es unter Wat Tyler seit 1381 zu einer Art revolutionärem Aufstand gegen Grundherrschaft und königliche Steuerpraxis kommt. Philipp von Artefelde gelingt es von Gent aus an der Spitze der flämischen Städte Ludwig von Male aus Flandern zu vertreiben.

1382 siegt Karl VI. mit einem königlichen Heer über die Aufständischen und 1383 zieht er in Paris ein, wo er dem Bürgertum durch Konfiskationen entgegen tritt.

Ab 1392 zeigt der König phasenweise Anzeichen von Wahnsinn, während Brüder, Vettern und Königin Isabeau von Bayern um die Macht kämpfen. 1339 kommt es zu massenhaften Wallfahrten zum Teil von Kindern zum Mont Saint Michel, um für den König zu beten (wie Datini-Korrespondenten u.a. berichten, Pernoud, S.73ff). 1394 unternimmt der verwirrte König selbst eine Wallfahrt nach Le Puy.

1396 werden der neunundzwanzigjährige König Richard II. und die siebenjährige französische Prinzessin Isabelle getraut. Während ein englisch-französischer Friede in Sicht ist, geht das burgundisch-französische Ritterheer in Nikopolis unter. Die überlebenden Anführer müssen für Unsummen freigekauft werden. Unzählige gemeine Soldaten sterben auf beiden Seiten.

 

Die Konflikte zwischen Johann ("ohne Furcht") und Ludwig von Orléans häufen sich. 14405 heiraten Ludwigs Sohn Karl von Orléans und Isabelle, die ehemalige Königin von England, seine Kusine, und der älteste Königssohn Johann vopn Touraine heiratet Jakobea von Bayern, die in der burgundischen Geschichte noch eine Rolle spielen wird.

1407 wird der Bruder Karls VI., Herzog Ludwig von Orléans, von Auftragsmördern des proenglischen Burgunderherzogs Johann ("Ohnefurcht",  Jean Sans Peur) umgebracht. Johann selbst flieht aus Paris nach Flandern.1408 kommt er mit einem Heer zurück und lässt den Pariser Professor Jean Petit die Rechtfertigung des "Tyrannenmordes" vortragen, wobei das Opfer auch noch der Zauberei beschuldigt. Kurz darauf muss der Herzog nach Flandern abreisen und nun wird durch einen Abt in Paris die Rechtfertigung des Mordanschlags widerlegt. Wenig später ist Johann wieder in Paris. 1409heiratet Karl von Orléans nach dem Tod Isabellas mit Bonne d'Armagnac die Tochter eines reichen und mächtigen Grundherren im Süden.

Die Hauptstadt zerfällt in die Partei der Armagnacs (Ludwigs Nachfolger ist mit einer Armagnac verheiratet) und die der Bourguignons. Karl von Orléans verbündet sich mit Karl von Anjou und dem Grafen von Armagnac. 1411 schickt Karl einen Fehdebrief an den Burgunder. Sich proburgundisch gebendes Handwerk plündert in Paris die Häuser der Gegner. 1412 wird ein Friede verkündet. Aber die Unruhen in Paris gehen 1413 weiter. Ein neuer Friede wird beschlossen. Die Armagnac-Partei übernimmt im Bürgerkrieg die Macht in Paris.

 

Henry V. nutzt den Bürgerkrieg und fällt in Frankreich ein. 1415 siegt er bei Azincourt, wo tausende Franzosen fallen. Dort wird unter anderem Herzog Jean I. de Bourbon gefangengenommen, für den 250 000 livres gefordert werden, die nicht aufgebracht werden, weshalb er nach zwanzigjähriger Haft in London stirbt.

 

1418 wird Paris zurückerobert und viele Armagnac-Anhänger werden massakriert. Florentiner und Genueser Bankhäuser in Paris werden geplündert. Frankreich wird immer schlimmer von umherstreifenden Söldnerbanden terrorisiert.

Jean Sans Peur bekennt sich offen zu seinem "Tyrannenmord". 1419 wird er durch den Dauphin oder seine Anhänger bei der Begegnung auf der Brücke von Montereau ermordet. Damit werden Verhandlungen zwischen Burgund und Frankreich über eine gemeinsame Front gegen England sobotiert.

 

1420 enterben der mehr oder weniger geistesgestörte Karl VI. und Königin Isabeau den Dauphin, vermählen Tochter Katarina im Vertrag von Troyes mit Henry V. und bestimmen ihn zum Thronfolger auch für Frankreich. Die Universität von Paris, Vertreter der États Généraux und die Bretagne erkennen den Vertrag an.

In dieser Zeit herrschen in Frankreich anarchische Verhältnisse.

 

Alain Chartier, belesener Höfling und Inhaber zahlreicher Pfründe, schreibt acht Jahre vor seiner sehr erfolgreichen 'Belle Dame sans merci' 1416 mit dem 'Livre des quatres Dames' eine unmittelbare Reaktion auf Azincourt, in der vier Damen als Repräsentantinnen Frankreichs das Los ihrer gefallenen Liebhaber beweinen. Die Repräsentantin des Volkes beklagt: Die Arbeit meiner Hände nährt die feigen Müßggänger (...) Im Schweiß meines Angesichts und mit der Mühsal meines Leibes erhalte ich ihr Leben, und sie verspielen mein Gut im Krieg mit ihrer Verderbtheit (...) Von mir leben sie, und ich muss für sie sterben. (so in: Reliquet, S. 196) Das ist zwar höfisch elegante Pose, aber immerhin inzwischen selbst bei Hofe möglich.

Mit der schönen Dame ohne Gnade wird dann ein deutlicher Abgesang auf die längst veraltete höfische Minnelyrik verfasst, in dem sich die Dame nicht auf die Verehrerposen ihres Liebhabers einlässt, und zwar vor allem, weil sie sie nicht mehr ernst nimmt.

 

Im August 1422 stirbt Henry V. Sein Nachfolger Henry VI. ist erst zehn Monate alt. Regent wird Bedford, Bruder von Henry V.  Im Oktober stirbt auch der französische König (Charles VI.)

 

Karl VII. (1422-61)

 

Nach dem Tod Henry V. wird auch Karl VI. 1422 in Anwesenheit des Herzogs von Bedford, Bruders des verstorbenen englischen Königs begraben. Er ist nun Regent über Frankreich. Gegen die Doppelmonarchie versucht der Dauphin, Karl VII., seinen Anspruch von Bourges aus aufrechtzuerhalten. Henry VI. kontrolliert den Norden und ist mit der Bretagne und Burgund  verbündet, während Karl den Süden kontrolliert.

 

Burgund gewinnt durch Heirat und Erbschaft Teile des Elsass, die Grafschaft Namur, Brabant, Limburg, den Hennegau, Holland, Seeland und Friesland, weswegen die Niederlande zum Machtzentrum werden. Diese wiederum treten zunehmend in Konkurrenz zur aufstrebenden englischen Tuchproduktion. Außerdem verlangt der englische Regent die Unterwerfung auch Burgunds unter die englische Krone.

 

Im folgenden Feldzug der Engländer wird 1425 Le Mans unterworfen, und 1428 wird Orléans eingeschlossen. Die Lage des Dauphin erscheint hoffnungslos. In dieser Situation schafft es Jeanne d'Arc, nachdem ausgiebige Untersuchungen über ihre Jungfräulichkeit, mögliches Hexentum und Ketzerei durchgeführt worden waren, vom Dauphin akzeptiert zu werden. Er lässt sie mit Rüstung und Waffen versehen und stellt ihr einen Truppenteil zur Verfügung. So ermutigt, können Truppen Orléans entsetzen. Jeanne wird zur Heldin auch der internationalen Söldnertruppen des Dauphin, Patriotismus kommt auf. während Jeanne von den Engländern als Hure beschimpft wird.

 

Jeanne setzt die feierliche Krönung Karls VII in Reims durch, was im Volk Eindruck macht. Aber dann scheitert die Einnahme von Paris in Begleitung der Jungfrau, die schlagartig wieder an Prestige verliert. Sie wird dann als Gottesgesandte von Cathérine de la Rochelle abgelöst.Schließlich fällt sie 1430 bei Compiègne in die Hand von Johann von Luxemburg, dem der burgundische Herzog freie Hand gibt, worauf der sie nach langen Verhandlungen für 10 000 livres an die Engländer verkauft und ihr in Rouen der (Inquisitions)Prozess gemacht wird. Die Pariser Universität erklärt sie zur Wahrsagerin und Hexe und sie wird darauf verbrannt.

 

Karl VII. macht nun erste Annäherungsversuche an Burgund, welches das Bündnis mit England verlässt. In der Normandie stehen Bauern gegen die englische Herrschaft auf. Burgund gerät zunehmend in Konflikt mit dem Kaiser.1435 kommt es in Arras zum Frieden zwischen dem französischen König und dem burgundischen Herzog. Während das Land von marodierenden Söldnerbanden durchzogen wird, gelingt es Karl 1437, Paris einzunehmen, welches durch die Kriegszeiten und Aufstände schwer geschädigt ist.

 

Schon unter Karl VI. hatte sich der König über die französische Kirche als ihr alleiniger Schutzherr gesetzt. Mit dem Baseler Konzil hatte sich zudem eine Instanz über den Papst gesetzt. Darauf kommt es in der sogenannten Pragmatischen Sanktion von Bourges 1438 zur ausdrücklichen Kirchenhoheit des Königs, der selbst Domkapitel nun besetzen kann. An Rom kann nun nur noch appelliert werden, wenn der Instanzenweg bis hoch zum parlement beschritten ist. Damit können auch die Zahlungen der Kirche dorthin erheblich reduziert werden. Die französische ist nun eine Nationalkirche.

 

Planungen für einen Fürstenaufstand scheitern aber, was mit erheblichen königlichen Zahlungen an sie befestigt wird.

 

Eine weitere Steigerung königlicher Macht wird mit der großen Ordonnanz 1439 erreicht, als die Stände dem König und ihm allein ein stehendes Heer bewilligen, für das ihm eine dauerhaft eingerichtete taille royale als direkte Steuer bewilligt wird.

Indem der König nun alleine noch Söldner anwerben darf, werden aus ihnen nun Soldaten im modernen Wortsinn. 18 solche Kompanien werden jetzt über das Land verteilt, um es zu beherrschen. In potentiell aufmüpfige Städte werden darüber hinaus Garnisonstruppen gelegt. Mit dem Ausbau der Artillerie und der Verbesserung der Kanonen ist der Herrscher nun in noch nie dagewesenem Maße Herr in seinem Land. Das brutale Unwesen der Söldnerbanden wird nun langsam zurückgedrängt.

Und wenn er nun von aristokratischen Kritikern als Tyrann benannt wird, ist das bereits zu spät. Die immer untertänigeren Massen der Bevölkerung gewöhnen sich in wenigen Generationen an ihre verstärkte Untertänigkeit und beginnen sogar, sie ihren Königen zu danken. Gegenüber den französischen Fürsten wird mit der Gefangennahme des Grafen von Armagnac 1444 ein Exempel statuiert.

Um 1448 ist das adelige Gewaltmonopol völlig ausgehöhlt durch die Einrichtung von Heeresteilen aus Armbrustschützen, Bogenschützen (francs archers) und sogenannten Spießträgern. Das geschieht aber eigentlich viel zu spät, da durch Nutzung des Schießpulvers und der Artillerie längst neue Formen der Kriegführung eingeführt sind.

 

 

England verliert inzwischen Gebiete in der Normandie und im Südwesten, obwohl die Weinhändler des Bordelais ihm weiter wohlgesonnen sind (Ehlers, S.334).1449 kommt es zu einem von den europäischen Mächten garantierten Waffenstillstand.

 

In England kommt es zu bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen zwischen Adelsfraktionen. Das hilft Karl VII. bei der Eroberung der Normandie, die 1450 abgeschlossen ist. Als nächstes wird die Guyenne erobert, wo die Einwohner den Engländern verbunden sind. Aber 1453 fällt Bordeaux nicht zuletzt durch die Überlegenheit französischer Artillerie. 

 

Die Vormachtstellung des königlichen Frankreich soll nun auch nach Osten klargestellt werden. Während Karl VII. als Bundesgenosse König Friedrichs III. seinen Dauphin die Schweizer Eidgenossen besiegen lässt, greift er selbst Metz, Toul und Verdun an. In Italien verbündet er sich mit Francesco Sforza und Cosimo Medici, die allerdings bilden mit den anderen italienischen Mächten 1454 eine antifranzösische Allianz in Lodi.

 

Der aufständische Dauphin flieht nach Flandern, wo die burgundische Herrschermacht immer königsgleichere Züge annimmt. Durch Erbe werden für den Herzog Luxemburg und Teile des Elsass gewonnen.

 

Teile des Adels waren durch die lange Kriegszeit ruiniert worden, versuchen aber ihren Status als Mitglied eines gehobenen Standes durch Lebensstil und Kriegsdienst aufrecht zu erhalten, der Steuerfreiheit mit sich bringt. An der Grenze zwischen Adel und Bürgerstand befinden sich jene, die  sich als Kaufleute nobilitieren lassen, aber durch ihre Geschäfte ohnehin Teile des Adels an Reichtum übertreffen. Sie werden so vom Kriegsdienst befreit und müssen meist auch keine Steuern zahlen, ähnlich wie "Bürger", die adelige Landgüter aufkaufen.

Im 'Livre du Corps de policie' schreibt Christine de Pizan 1407: Bourgeois sont ceulx qui sont de nation ancienne, enlignagiez es cites, et ont propre surnom et armes antiques. Bürger sind Leute von alter Abstammung, in den Städten versippt, und sie haben eigenen Zunamen und altes Wappen, wie Ehlers übersetzt, (Ehlers, S.349)

Der Bürger als bourgeois, als Patrizier, wie er deutsch gelegentlich heißt, ist fast eine Art eigener Adelsstand, weit entfernt von der Masse der Leute, die in deutschen Landen Bürger heißen.  

 

Die große Krise des 14. Jahrhunderts und die Kriege hatten die Bevölkerung Frankreichs fast halbiert. Die Landwirtschaft ernährte immer noch fast 90% der Menschen, aber sie ging stärker, wie auch anderswo, vom Ackerbau zur Viehhaltung über und darüber hinaus zur Zuarbeit zum städtischen Gewerbe mit Wid, Krapp und Hanf.

Ein Boomsektor sind inzwischen die Gewerbe der Produktion für den Krieg. Als erstes profitiert dabei der Bergbau, von Kapitalgesellschaften mit Lohnarbeit betrieben. Dann kommen Waffenschmiede und Kanonenhersteller, Herstellung von Rüstungen und anderes. Diese handwerklichen Betriebe werden immer größer, beschäftigen immer mehr Lohnarbeit und nähern sich so dem, was im Deutschen industrielle Produktion heißt.

Die größten Profiteure sind aber im Finanzkapital zu finden, welches zum Teil eng mit der Staatsverwaltung zusammenarbeitet. Es steigt durch Handel auf, finanziert Kriege vor und bekommt das einträgliche Geschäft der Steuereintreibung für ganze Regionen verpachtet. Wenn solche Leute, die einen fürstlichen Lebensstil pflegen, ihren königlichen und hochadeligen Schuldnern zu lästig werden, werden sie schon einmal auf juristischen Wege oder anderweitig ruiniert, was den Akteuren die Schuldenlast nimmt. Auch das große Kapital hat immer noch nur die wirtschaftliche Macht, die sich leicht von der politischen trennen lässt, an der solche wirtschaftlich Mächtige nicht ohne staatliche Zustimmung partizipieren können.

 

Ludwig XI (1461-83)

 

1461 krönt Philipp von Burgund nach dem Tod des Vaters persönlich den Dauphin in Reims. Die Staatsraison wird endgültig zu einem über aller Moral stehenden Wert, was sie seitdem auch überall geblieben ist. Mit einem stehenden Heer, welches nicht nur nach außen, sondern auch im Lande einsetzbar ist, entwickelt sich das königlich/staatliche Gewaltmonopol, ein rabiater Entrechtungsvorgang, immer weiter.

Bis auf die Bretagne verlieren nun die Apanage-Fürstentümer wesentliche Herrschaftsrechte, die auf den König übergehen. Die französischen Stände werden nach Möglichkeit nicht mehr einberufen und der Staat, repräsentiert durch den König, breitet sich wie eine riesige Krake mit ihren unzähligen Fangarmen über das Land aus, das, was in deutschen Landen die einzelnen Landesfürsten betreiben, während der englische Weg anders verläuft.

Die Städte werden nun politisch vollständig entrechtet, der König ernennt Magistrate oder versucht sie ganz durch seine Beamten zu ersetzen.

 

Gegen ihre Entrechtung wehrt sich ein Teil des Hochadels um 1468 in der 'Liga des öffentlichen Wohls', mitbetrieben von Karl "dem Kühnen", dem auf das Charolais verwiesenen Sohn Philipps "des Guten".Es kommt zum Krieg.

 

Als der kühne Karl mit einer List die Gunst seines Vaters zurückgewinnt, lässt der ihn gegen Frankreich marschieren, während Johann von Bourbon in seinem Bereich die königlichen Beamten verhaften lässt.

Ludwig kann Paris halten und bietet dafür die Aufnahme von Vertretern der Bürgerschaft, des Parlements und der Universität in den Conseil. Der Fürstenopposition können Zugeständnisse gemacht werden.

 

Nach dem Tod seines Vaters wird Karl 1466-77 Herzog von Burgund. Er löst sein Reich immer stärker von Frankreich und übt selbst zunehmend quasi-königliche Macht aus. Ähnlich wie die französische Krone verstaatlicht er das Heer, inzwischen vorwiegend aus italienischen Söldnern bestehend. Die Finanzierung erledigte er durch Kredite bei den Städten und bei großem Finanzkapital, vor allem bei den von Portinari in Brügge vertretenen Medici. Der Adel soll an den zeremoniell durchorganisierten Hof gezogen und so neutralisiert werden. Bei Karl taucht dann auch der Begriff souverain auf.

 

Der Hundertjährige Krieg und die immer wieder aufflammenden bürgerkriegsartigen Zustände in Frankreich forcieren den Niedergang eines Teils des Adels. Die Soldateska plündert die Bauern aus, zerstört und verbrennt die Güter, Bauern fliehen davor in die Städte und diese massive Landflucht vkleinert die ländlichen Pfarrgemeinden erheblich. Der Adel verliert so Einnahmequellen und konkurriert um den Erhalt der Bauernschaft mit Nachbarn durch Vergabe größerer Freiheiten und Verwandlung von feudalen Abgaben in Pachtverträge.

 

1466 dokumentiert der 'Jouvencel' des königlichen Ratgebers und Großadmirals Jean du Bueil die Situation des niederen Adels in Frankreich: Der ist Schlosshauptmann in Luc, kleiner Ritter, dem es so an Pferden mangelt, dass seine Leute entweder zu Fuß gehen oder auch mal zu zweit auf einem Pferd sitzen müssen. Da er seine Leute kaum ernähren kann, beginnen seine Heldentaten mit der nächtlichen Eroberung der Ziegen einer nahegelegenen Burg, also mit schlichtem Diebstahl.

Reiche Abteien und Bischöfe verleihen dem verarmenden Adel Geld gegen Grund und Boden als Pfand und eignen sich dieses dann an oder kaufen es günstiug. Immer mehr Land gerät zudem in bürgerlichen und städtischen Besitz und wird so einer adeligen Existenzgrundlage entfremdet. Niederer Adel verbürgerlicht oder verbauert, während Bürger aufsteigen.

Ein bürgerlicher Charles de Coesmes "leiht gewöhnlich zu einem Zinssatz von zehn Prozent und immer in der Form von Hypotheken und zahlt die Summe teils in Geld, teils in Wertobjekten (Stoffe, Tapisserien, Goldstoffe) aus, wobei sich das Geld mitunter als (...) Falschgeld erweist. (...) 1419 wird er zum Ritter geschlagen und leistet sich nun eine kleine Truppe von zwei Rittern, fünfzehn Schildknappen und zwanzig angevinischen Bogenschützen. Er entwickelt sich sogar zu einem geschickten Spezialisten in der Handhabung von Feldschlangen, von denen er einige bei Orléans befehligt." (Reliquet, S.125)

 

Die Staatseinnahmen werden verdreifacht, auch durch rücksichtslose Räubereien, die seine Justiz legalisiert, die bis ins Parlement hinauf nun seinem Willen unterworfen wird.

Ein immer unterwürfigerer und durch Steuerfreiheit privilegierter Beamtenapparat betreibt die Verwaltung von Land und Menschen und verfügt zunehmend detaillierter über sie.

 

Die direkten königlichen Eingriffe in die Wirtschaft zur Erhöhung der Staatseinnahmen und der königlichen Macht nehmen rapide zu. Das Handwerk und der Handel werden zukunftsweisend immer mehr reglementiert. Teile des Handwerks werden durch die Förderung von Manufakturen bewusst zerstört, Facharbeiter werden aus Italien für die Seidenindustrie nach Lyon importiert und aus Deutschland für den Bergbau (Ehlers, S.374). In einer Art Seekrieg wird Venedig aus Teilen des Mittelmeerhandels vertrieben und die Messe von Genf kaputtgemacht, um die von Lyon an ihre Stelle zu setzen. Schließlich gelingt noch ein einheitlicher Zollraum für das ganze Königreich.

 

Die französische Kirche wird zu einem reinen Machtinstrument des Königs bzw. des Staates weiter umgebaut und am Ende mit seinen Leuten besetzt, die dadurch fast wie königliche Beamte wirken.

 

1471 siegt das Haus York in England mit Edward IV. und 1474 kommt es zum Bündnis mit Burgund gegen Frankreich. Schon ein Jahr vorher verhandelt Karl mit dem deutschen Kaiser und es kommt zur Verlobung der Erbtochter Maria mit dem Kaisersohn Maximilian.

1475 wird Lothringen unter Duldung Ludwigs, mit dem ein Waffenstillstand verabredet war, von Karl erobert und es folgen Versuche der Einverleibung Frieslands..

Es kommt zu einem oberrheinisch-schweizerischen Pakt gegen Karl, dem sich Habsburg anschließt.1476/77 scheitert und stirbt Karl in zwei Schlachten. Ludwig lässt Burgund besetzen, während sich die Niederlande gegen burgundische Herrschaft erheben und die Thronerbin Maria in Gent festsitzt. Maria heiratet nun Maximilian und gebiert ihm einen Sohn Philipp.

Maximilian versucht zusammen mit England, der Bretagne und Aragon sein burgundisches Erbe anzutreten. Der englische König war allerdings längst vom französischen bestochen worden. 1482 stirbt Maria und die Niederlande gehen an Philipp, den Erzherzog von Österreich und sind nun habsburgisch, während Teile Burgunds von Ludwig XI. eingenommen sind.

 

Als der kranke König sich schließlich aus seiner Hauptstadt nach Plessis-lès-Tours zurückzieht, läuft der Staatsapparat wie von alleine weiter.

während Karl VIII. minderjährig ist. 1484 werden die Generalstände nach Tours gerufen und schlagen einen Conseil als Staatsrat vor, in dem die Adelsopposition gegen die immer totalitärere Herrschaft des Königs nicht vertreten ist. Schließlich einigt man sich auf einen Kronrat aus einer gleichen Anzahl von Vertretern der drei états. die der König berufen soll.

 

Inzwischen kann der französische König sich Anjou und Orléans seiner direkten Herrschaft einverleiben. Bis auf die Bretagne verlieren nun die Apanage-Fürstentümer wesentliche Herrschaftsrechte, die auf den König übergehen. Als Ludovico il Moro seinen Onkel Giovanni Galeazzo Sforza ermordet hat, sucht er französische Unterstützung, was zur Ausweitung französischen Staatsgebietes über Savoyen und Avignon in Richtung Seealpen führt.

 

Die französischen Stände werden nach Möglichkeit nicht mehr einberufen und der Staat, repräsentiert durch den König, breitet sich wie eine riesige Krake mit ihren unzähligen Fangarmen über das Land aus, das, was in deutschen Landen die einzelnen Landesfürsten betreiben, während der englische Weg anders verläuft.

 

Ein immer unterwürfigerer und durch Steuerfreiheit privilegierter Beamtenapparat betreibt die Verwaltung von Land und Menschen und verfügt zunehmend detaillierter über sie. Mit einem stehenden Heer, welches nicht nur nach außen, sondern auch im Lande einsetzbar ist, entwickelt sich das königlich/staatliche Gewaltmonopol, ein rabiater Entrechtungsvorgang, immer weiter, während die königlich/staatliche Steuerhoheit die Untertanen maßvoll auszuplündern berechtigt wird,

Die Städte werden nun politisch vollständig entrechtet, der König ernennt Magistrate oder versucht sie ganz durch seine Beamten zu ersetzen.

Die Staatseinnahmen werden verdreifacht, auch durch rücksichtslose Räubereien, die seine Justiz legalisiert, die bis ins Parlement hinauf nun seinem Willen unterworfen wird.

 

Die direkten königlichen Eingriffe in die Wirtschaft zur Erhöhung der Staatseinnahmen und der königlichen Macht nehmen rapide zu. Das Handwerk und der Handel werden zukunftsweisend immer mehr reglementiert. Teile des Handwerks werden durch die Förderung von Manufakturen bewusst zerstört, Facharbeiter werden aus Italien für die Seidenindustrie nach Lyon importiert und aus Deutschland für den Bergbau (Ehlers, S.374). In einer Art Seekrieg wird Venedig aus Teilen des Mittelmeerhandels vertrieben und die Messe von Genf kaputtgemacht, um die von Lyon an ihre Stelle zu setzen. Schließlich gelingt noch ein einheitlicher Zollraum für das ganze Königreich.  

Die französische Kirche wird zu einem reinen Machtinstrument des Königs bzw. des Staates weiter umgebaut und am Ende mit seinen Leuten besetzt, die dadurch fast wie königliche Beamte wirken. Als der kranke König sich schließlich aus seiner Hauptstadt nach Plessis-lès-Tours zurückzieht, läuft der Staatsapparat wie von alleine weiter.

 

Dabei spielt der Ehemann seiner Tochter Anna, Peter von Beaujeu, eine erhebliche Rolle, während Karl VIII. minderjährig ist. 1484 werden die Generalstände nach Tours gerufen und schlagen einen Conseil als Staatsrat vor, in dem die Adelsopposition gegen die immer totalitärere Herrschaft des Königs nicht vertreten ist. Schließlich einigt man sich auf einen Kronrat aus einer gleichen Anzahl von Vertretern der drei états. die der König berufen soll.  Ludwig von Orléans will die Macht an sich reißen. Es gelingt ihm 1491, die dem zukünftigen römischen König Maximilian versprochene Anna der Bretagne zu heiraten.   

 

Wenn das französische "Mittelalter" einen späten Endpunkt hätte, dann wäre es dieses Jahr, aber es war, sofern man überhaupt von einem solchen vor dem 18. Jahrhundert sprechen möchte, bereits in den letzten hundert Jahren verschwunden, und zwar mit dem Aufkommen modernerer Staatlichkeit.

 

 

Burgund 1361-1477

 

Philipp "der Kühne"

 

Im 13. und 14. Jahrhundert wird Burgund von einer Nebenlinie des Hauses Valois regiert. Unter Johann II. wird es Teil der Krondomäne und zunehmend französischem Einfluss ausgesetzt.1360 erlebt das französische Königtum einen Tiefpunkt mit dem Vertrag von Brétigny und ein Jahr später stirbt der burgundische Herzog Philippe ("de Rouvres"), verheiratet mit der minderjährigen Margarethe von Flandern ("de Male"), erbenlos. 1363 belehnt König Jean ("le Bon") seinen Sohn Philippe ("den Kühnen") als Apanage mit Burgund, das damit ebenfalls an die Kapetinger-Nebenlinie der Valois gerät

 

Auf Vermittlung des französischen Königs Charles V.  stimmt Graf Ludwig I. von Flandern ("de Male") der zweiten Vermählung seiner nunmehr neunzehnjährigen Tochter  Margarethe mit einem burgundischen Herzog zu, nachdem sich schon der englische König für einen seiner Söhne um sie beworben hatte. Die Hochzeit in Gent wird zu einem prächtigen Spektakel, welches den Burgunder fast seiner ganzen Mittel beraubt. Immerhin ist er nun potentieller Erbe des reichen Flanderns, der Grafschaft Burgund (Franche Comté), von Artois, Nevers, Antwerpen und Mecheln. In den nächsten hundert Jahren wird die Geschichte der französischen und (römisch)deutschen Niederlande immer stärker von Burgund bestimmt werden.

 

Bereits nach 1315 trennen die Herzöge zwischen den Lehen von der französischen Krone und dem souveränen Eigenbereich. Seit 1352 beginnen die burgundischen Stände über Steuerfragen zu bestimmen und der kühne Philipp kann durchsetzen, dass die burgundischen aides in Burgund verbleiben. Der Herzog betreibt eine modernisierende Wirtschaftspolitik, die er 1395 mit einem Weingesetz krönt, welches unter anderem den Pinot Noir gegen ältere Rebsorten durchsetzen wird.

 

Unter Graf Ludwig von Male wird derweil eine neutrale Position Flanderns im Hundertjährigen Krieg gesucht. Beim päpstlichen Schisma setzt er wie die Engländer auf den italienischen Papst, was Burgund und die französische Krone verärgert.

 

Ein Kanalbau von Brügge nach Deinze soll den Umweg der Brügger Getreideimporte über den Genter Stapel vermeiden helfen. 1379 verhindert eine Genter Miliz den Weiterbau. Da dies ohne Genehmigung des Genter Stadtvogtes geschieht, lässt dieser ein Mitglied der Miliz verhaften, ohne aber die Schöffen darüber befragt zu haben. Die Genter ermorden ihn darauf und zerstören das gräfliche Schloss in Wondelgem. Dem Anführer der Miliz Jan Yoens gelingt es, die meisten Städte gegen den Grafen und seine Zentralisierungspolitik zu vereinen.

 

1380 stirbt der französische König. Für Karl VI. üben nun neben den Herzögen von Anjou und Berry auch die von Burgund die Regentschaft aus. Der Burgunder entmachtet dann zunächst den Angevinen.

 

Dreimal belagert Ludwig von Male erfolglos die Stadt Gent. 1382 gelingt den Gentern ein erfolgreicher Ausfall und ein Blutbad unter dem gräflichen Militär.

Inzwischen hat sich der Aufstand unter Genter Führung des pro-englischen Philipp von Artevelde immer mehr radikalisiert. Zugleich brechen Aufstände in Blois, Orléans, Reims und anderen französischen Orten aus.

Philipp von Burgund greift zusammen mit französischen Truppen ein. In der Schlacht von Roosebeke wird das flämische Heer besiegt und dann Kortrijk geplündert und abgefackelt. Der an der Schlacht beteiligte Charles VI. kann nach Paris zurück und die städtischen Revolten in seinem Reich unterdrücken.

Darauf versucht England einen von Papst Clemens VII. als Kreuzzug ausgerufenen Feldzug, der erfolglos bleibt. Immerhin dringen sie zunächst mit flämischer Unterstützung von Calais aus bis Ypern vor, dessen Belagerung dann aber erfolglos abgebrochen werden muss. 

 

Kurz vor dem Tod des Grafen kommt es zum Frieden, in dem Gent unbesiegt bleibt. Als dann Ludwig im Januar 1384 stirbt, gehen Flandern, das Artois, Nevers, die Freigrafschaft Burgund, Mecheln und Senlis in burgundische Hand über. In Flandern muss Philipp im Frieden von Tournai 1385 den flämischen Städten Zugeständnisse machen.

 

Der Weg in die burgundischen Niederlande wird im selben Jahr in Cambrai geebnet. Den ersten Schritt tat vermutlich die Tante von Philipps Frau Margarethe (von Flandern), die Herzogin Johanna von Brabant, Herrin über Städte wie Brüssel, Löwen oder s'Hertogenbosch. Ihr erster Mann war der Graf Wilhelm IV. von Holland, Seeland und dem Hennegau gewesen, der im Kampf gegen die Friesen stirbt. Darauf gehen seine drei Länder an seine Schwester Margarethe, die mit dem Wittelsbacher Albrecht von Bayern/Straubing verheiratet ist.

Johanna von Brabant wiederum wird vom Herzog von Geldern bedroht, der sich mit dem englischen König verbündet. Als sie hört, dass der Burgunderherzog mit einer Verheiratung eines seiner Kinder gegen viel Geld mit einem englischen Kronkind liebäugelt, bedrängt sie Philipp ("den Kühnen"), auf den Straubinger Wittelsbacher zuzugehen, der zwei passende Kinder hat und meist in Den Haag residiert. Dafür eröffnet sie, kinderlos, dem Burgunder Perspektiven auf ihr Herzogtum nach ihrem Tode.

Die Wittelsbacher drängen dann bald darauf, beide Kinder an die Burgunder zu verheiraten. Johann (der spätere "Ohnefurcht") soll Margarete von Bayern/Straubing ehelichen, die burgundische Margarete wiederum Wilhelm von Bayern, den zukünftigen Grafen der drei Niederlande. Die Hochzeit von Cambrai wird dann zu einem weiteren ebenso prächtigen wie kostspieligen Spektakel, welches rund 150 000 französische livres gekostet haben soll, etwa die Hälfte der Jahreseinnahmen des Herzogs.

 

Im selben Jahr vermittelt der kühne Philipp dem französischen sechsten Karl die Ehe mit einer Kusine von Johanns Frau Margarete, mit einer Elisabeth, der zukünftigen Isabeau de Bavière. Inzwischen war der Konflikt zwischen der Stadt Gent und ihrem Vogt Jean de Jumont immer härter geworden. Unter Frans Ackermann hatten Genter Truppen inzwischen Damme erobert, unterstützt von englischen Bogenschützen. Ein französisch-burgundisches Heer marschiert ein, verwüstet Flandern und zerstört schließlich auch Damme. Noch im Dezember 1385 kommt es aber wegen der englischen Bedrohung zu einem Frieden in Tournai, in dem die Privilegien der flämischen Städte erhalten bleiben. Der Wiederaufbau in Flandern kann beginnen.

 

Das mächtige Heer setzt sich nun aus burgundischen Rittern und von den flämischen Städten bezahlten Söldnern zusammen. Inzwischen setzt der Herzog zunehmend mehr Artillerie zum Brechen der Mauern von Burgen und Städten ein. Allerdings wird das Militär weiterhin nur im Kriegsfall eingezogen.

 

Mit einer zunehmend zentralisierten Verwaltung, mehreren regionalen Parlements und für die Zustimmung für Steuern zuständigen Ständen und Rechnungskammern in Lille und Dijon entsteht ein modernes Reich mit staatlichen Strukturen ähnlich wie in Frankreich. Die flämische Justiz mit Räten ebenfalls in Lille und Dijon wird ebenfalls etwas zentralisiert.In der Person von Jean Canard wird das Kanzleramt für das ganze Reich zusammengefasst. 1392 wird dann ganz Flandern außer Gent gezwungen, sich wie Burgund dem avignonesischen Papst anzuschließen.

 

Philipp nutzt die Geldquelle Paris weiter und fühlt sich als französischer Fürst. Dementsprechend ist auch seine gesamte Verwaltung französischsprachig. 1386 wird von der französischen Krone und Burgund eine riesige Flotte vor Sluis für eine Invasion Englands zusammengezogen. Froissart berichtet dabei jenseits der üblichen Hofberichtserstattung: Den armen Bauern, die ihr Getreide geerntet hatten, blieb nur das Stroh, und wenn sie etwas dagegen vorzubringen wagten, wurden sie zu Krüppeln geschlagen oder Umgebracht. Weiher und Teiche wurden leergefischt und die Häuser abgebrochen, um Brennmaterial für Lagerfeuer zu haben. Die Engländer selbst hätten keine größere Verheerung anrichten können. (in: Van Loo, S.163) Es fällt auf, dass im späteren "Mittelalter" die Wahrnehmung des "Volkes" durch Chronisten und Historiker manchmal zunimmt. Zwar steht auch Froissart immer in Fürstendiensten, aber er nimmt zunehmend immerhin auch wahr, wie sehr die Menschen in den Kriegen leiden. Die Flotte muss übrigens wieder aufgelöst werden, da französische Verstärkungen ausbleiben.

Ähnlich ergeht es einem weiteren Kriegszug von Charles VI. gegen Geldern, welches sich mit der englischen Krone verbündet hatte und gegen Brabant Krieg führt, und der in einem Frieden endet. Kurz darauf will Charles den Thron besteigen, was den Einfluss des burgundischen Herzogs massiv beschneidet und zum Konflikt führt. Dafür bestätigt ihm die brabantische Johanna die Übernahme Brabants bei weiterer Nutzung der Einnahmen auf Lebenszeit. Philipps Sohn Anton soll dort Herzog werden.

 

1392 wird auf einem Feldzug gegen die Bretagne unter Jean de Montfort der periodisch ausbrechende Wahnsinn des französischen Königs offenbar und Philipp macht sich erneut zum Regenten und nutzt die französische Staatskasse für seine Zwecke.

1389 hatte Murad auf dem Amselfeld bei Pristina ein vereintes christliches Heer unter serbischer Führung geschlagen. 1395 plant Philipp ("der Kühne") einen Kreuzzug, den Sohn Johann anführen soll. Ihm zur Seite stellt er Boucicault (Jean le Maingre) und Enguerrand de Coucy, zwei renommierte ritterliche Gewalttäter. Das Ritterheer geht bei Nikopolis unter, die Besiegten werden teils abgeschlachtet, teils in Sklaverei geführt und die vornehmsten für Lösegeld gefangen gehalten. Enguerrand de Coucy stirbt in der Gefangenschaft und Johann kommt gegen 710 Kilogramm Gold am Ende frei. Kurz darauf wird er von Timur Lenk bzw. Tamerlan allerdings erst einmal in seinem Expansionsdrang gebremst.

 

Der Herzog regiert meist mit seinem großen Rat vom Hôtel d'Artois oder von Conflans aus. Eine große Hofhaltung unter dem Kanzler für das neue Gesamtreich strahlt modewirksam überall hin aus. Vorläufig reist der Hof weiter zwischen Paris, Lille und Dijon, mit seinen Räten, Beamten, Musikern, außerdem größeren Gruppen der "Ärzte, Friseure, Hofnarren, Zwerge und Riesen, Jäger und Falkner, je zu zwanzig bis dreißig Personen..." (Ehlers, S. 292)  Dazu kommt eine exotische Tiermenagerie, eine große Bibliothek, der in Kunstgegenständen gefasste Kronschatz und vieles mehr. Im ausgefeilten Hofzeremoniell, in Turnieren und Festen wird Reichtum und Macht demonstriert. Die Dichtung feiert das idealisierte Rittertum und eine höfische erotische Bilderbuchwelt.

 

Hofmaler Philipps ist Jean de Beaumetz, sein Nachfolger wird der aus Nimwegen stammende Johan Maelwael (also: Gutmaler, auch: Jean Malouel). Melchior Broderlam war schon Hofmaler von Ludwig von Male gewesen und arbeitet nun für Philipp. Claus Sluter errichtet Philipp seine Grablege mit Champmol. 1404 zieht er dort ein.

 

Mit Herzog Johann "Ohnefurcht" beginnt eine aggressivere Politik Burgunds gegen das französische Zentrum. Für den periodisch wahnsinnigen Charles VI. übernimmt Ludwig von Orléans eine Art Regentschaft und Herzog Jean de Bourgogne ist in Paris fast ausgeschaltet und kann den französischen Haushalt nicht mehr anzapfen.

1407 lässt Johann gedungene Mörder in Paris Louis d'Orléans mit Knüppeln und Äxten auf offener Straße erschlagen. 1408 marschiert er in Paris ein und setzt durch, in dem Regentschaftsrat die führende Position einzunehmen.

 

Dem deutschsprachigen Flandern gelingt es, dietsch als Amtssprache durchzusetzen. so wie es in den übrigen Niederen Landen schon länger üblich ist. Für die kapitalkräftige Oberschicht der Städte wird allerdings französisch immer modischer.

 

1408 gelingt es Johann in einem Feldzug, das Fürstbistum Lüttich in Abhängigkeit zu bringen. Zwei Jahre darauf formiert sich unter dem Schwiegervater des Sohnes des ermordeten Orléans, des Grafen Bernard d'Armagnac, eine militante Opposition gegen den Burgunder. Als die Menge der Cabochiens gegen die Großen in Paris aufsteht, gelingt es der Armagnac-Partei, den Aufstand niederzuschlagen und Johann zu vertreiben. Die Folge ist Bürgerkrieg, den Henry V. 1415 für einen Vormarsch Richtung Paris nutzt. Bei Azincourt fallen Brüder Johanns und Charles d'Orléans verbringt die nächsten Jahrzehnte in englischer Gefangenschaft.

 

Während Johann seinen Einfluss in Brabant und dem Hennegau steigert, wogegen der römische König nichts mehr unternehmen kann, neigt eine Partei in Holland und Seeland immer noch zu Loyalität zum "deutschen" Reich.

1418 gelingt es den Burgundern wieder, in Paris einzufallen und Bernard d'Armagnac grausam zu töten. Der fünfzehnjährige Dauphin Charles wird von den Armagnacs aus der Stadt geschmuggelt und in Bourges installiert. 1419 sollen auf einer Brücke Friedensgespräche stattfinden und die Armagnacpartei ermordet dort den burgundischen Herzog.

Sein Nachfolger Philipp ("der Gute") schließt 1420 in Troyes einen Vertrag mit der englischen Krone. Danach wird die Tochter Cathérine von Charles VI. mit Henry V. verheiratet und der Dauphin für unehelich erklärt und von der Erbfolge ausgeschlossen. 1422 stirbt der fünfte Henry und der kaum einjährige sechste erbt die Kronen Englands und Frankreichs.

 

In Paris vertritt der Herzog von Bedford (John of Lancaster) die englische Krone und heiratet Philipps Schwester Anne. Humphrey von Gloucester, Bruder von Henry V., heiratet die nach England geflüchtete und mit dem burgundischen Herzog von Brabant verheiratete (!) Jakobäa (von Bayern) und beansprucht nun den Hennegau, Holland und Seeland, ein beachtlicher englischer Coup. Den nun will Herzog Philipp vor seiner Haustür nicht dulden.

1424 fällt Humphrey mit einem Heer im Hennegau ein. Johann IV. von Brabant lässt sich von Philipp dazu bewegen, dagegen ein Heer zu schicken. Nun veranlasst Bedford Humphrey dazu, nach England zurückzukehren, wo der sich mit einer Hofdame Jakobäas verbindet. Jakobäa wiederum muss in der Belagerung von Mons aufgeben und wird kaltgestellt. Philipp der Gute wird Regent und Erbe der Grafschaften Hennegau, Holland und Seeland, sollte Jakobäa erbenlos bleiben, wofür der Burgunder sorgen möchte.

 

Aber Jakobäa kann fliehen und schließt sich der holländischen Adelspartei der Haken an. Der Burgunderherzog wiederum zieht die Bürger der Städte mit Versprechungen auf seine Seite.

Holland hinkt noch hinter der Entwicklung in Flandern hinterher, die Städte sind vergleichsweise klein: Amsterdam hat um die 3000 Einwohner. Es gibt Milchwirtschaft, Käseproduktion und Salzgewinnung aus Salztorf. Dazu kommen Heringsfang und Brauereien.

Jakobäa bekommt nun Unterstützung durch eine große englische Flotte, die aber von der burgundischen vernichtend geschlagen wird, und flüchtet dann zu den westfriesischen Bauern, die Philipp ebenfalls unterwirft. 1428 teilen sich im Frieden von Delft Jakobäa und ihr Cousin in die Macht in den drei Grafschaften und die daraus erwachsenden Einkünfte und de facto wird Burgund ihr Erbe werden. Mit der Burgundisierung der Niederlande nimmt so deren Weg aus dem römisch/deutschen Reich heraus seinen Fortgang.

 

1425 ernennt Herzog Philipp Jan van Eyck (Jehan de Heick) zum Hofmaler und schickt ihn 1429 mit einer Gesandtschaft nach Portugal, wo er die Königstochter Isabel als mögliche Heiratskandidatin portraitieren soll. Nach seiner Rückkehr lässt er sich in Brügge nieder. 1430 findet dort auch die ebenso prächtige wie kostspielige Hochzeit statt und der Herzog gründet den Orden vom Goldenen Vlies.

 

Inzwischen sind Jean III. de Namur und Philipp von Brabant gestorben, deren Nachfolge der burgundische Herzog nun antritt. In Sint Bavo zu Gent geht das große Altarbild, welches Hubert van Eyck angefangen hatte und Bruder Jan nach seinem Tod mit mindestens zwölf Gehilfen vollendet. Er muss dafür vom Herzog viel Urlaub bekommen haben. Die Meisterwerke der Malerei der Frührenaissance entstehen in den Metropolen des Kapitals.

1435 kommt es zu einer von Kanzler Rolin eingefädelten Versöhnung zwischen der französischen und der burgundischen Krone, mit der Philipp viele nordfranzösische Städte erhält. Der burgundische Herzogssohn Charles wird im Alter von zwei Jahren mit der französischen Prinzessin Cathérine verlobt.

 

Um diese Zeit wird Rogier van der Weyden (bis zu seinem Tod 1464) zum offiziellen Portraitmaler der Stadt Brüssel, die bald nun Residenzstadt wird. Am Ende seines Lebens wird er auch das faszinierende Portrait von Karl dem Kühnen malen.

 

1436 zieht Philipp vergeblich gegen Calais, und als er scheitert, marschiert Glucester in einem Vernichtungsfeldzug in Flandern ein, um sich dann beim Anmarsch eines burgundischen Heeres wieder zurückzuziehen. Brügge steht dann gegen den Herzog auf, und der burgundische Marschall Villiers de l'Isle Adam wird umgebracht. Aber 1438 zwingen Hunger und Pest die Stadt in die Knie und zur Unterwerfung. Dafür gibt es ein Jahr später neue Handelsverträge zwischen Flandern/ Holland und England.

 

1441/51 wird Luxemburg dazugewonnen. Mit seinem Hofstaat von rund dreihundert Beamteten und Knechten bleibt der Herzog ein reisender Fürst. Ihm folgt sein Hofrat aus rund 45 Männern. über vierzig Jahre om Kanzler Rolin geleitet. Um 1440 wird davon der Große Rat als oberstes Gericht. Fest angesiedelt werden in Lille, Brüssel, Den Haag und Dijon Rechnungskammern, von einem Generalgouverneur der Finanzen geleitet. Viele der Verwaltungsleute bekommen nun ein festes Gehalt. Alle diese Einrichtungen werden zunehmend mit bürgerlicher Oberschicht besetzt, zum Teil ausgebildet in den unter Philipp eingerichteten Universitäten von Dole (1422) und Leuwen. Durch militärische Neuerungen hatte er viel an Bedeutung verloren. Dafür werden jetzt treue bürgerliche Verwalter der Macht geadelt. Als beratende Einrichtung tauchen nun wie schon in Frankreich nun Ständeversammlungen auf.

 

Der weiteren Entfaltung des Kapitalismus dient neben der Zentralisierung und Effektivierung der Verwaltung auch eine einheitliche Währung. Um seine Einnahmen zu verstetigen, versucht der Herzog die jeweils neu zu genehmigenden Beden durch eine Salzsteuer (gabelle) zu ersetzen, wogegen sich Gent wehrt. Brügge schließt sich dem Widerstand an. Nun versucht Philipp zunächst, die Stadt ihrer gerichtlichen Befugnisse besonders im großen Umland zu berauben. In Gent werden darauf Sympathisanten des Herzogs öffentlich enthauptet. 1453 unterliegt die Stadt einem burgundischen Heer, muss sich unterwerfen und soll 840 000 livres Buße zahlen.

Eine weitere Einnahmequelle wird die Verpachtung von Ämtern, wobei der zu Beamtende einen Vorschuss auf sein Gehalt zahlt.

 

Neben der Triebkraft des Kapitals und der allgemeinen Gewalttätigkeit wirken Schübe christlicher Frömmigkeit, von heute aus gesehen, wie Fremdkörper. Dennoch erwies sich das Buch des Augustiner-Chorherren Thomas von Kempen mit dem Titel 'De imitatione Christi' als eine Art Bestseller. Der Herzog besitzt gleich mehrere Exemplare und noch Thomas Morus wird es zu einem der drei lesenswertesten Bücher erklären.

Aber die devotio moderna als "Nachfolge Christi" erreicht in der Praxis tatsächlich nur wenige Anhänger. Die Kompartmentalisierung in tatsächlcihes Leben und religiöse Nischen ist weit fortgeschritten. Der Kanzler Rolin betreibt rücksichtslose Machtpolitik für seinen Herzog, lässt aber in seinen späten Jahren das fromme Hospital von Beaune errichten, welches noch heute sehenswert ist. 

Der Herzog selbst geht fast täglich zur Messe, betet viel, auch um Schlachtenglück, fastet gelegentlich und unternimmt Wallfahrten. Wichtig ist ihm auch der Chor seiner Hofkapelle und dessen Komponist Dufay, der neben geistlicher auch weltliche Musik komponiert und parallel zu Norditalien (Venedig vor allem) eine neuartige abendländische höfische Musik entwickelt, vokal, polyphon, aber gefälliger als die frühere Polyphonie..

Nachdem 1453 Konstantinopel gefallen ist, ruft der Herzog ein Jahr später auf einem als gigantisches Spektakel eingerichteten Fest zum Kreuzzug auf, was aber trotz seines Engagements am Ende folgenlos bleibt. Dafür wird 1456 das Fürstbistum Utrecht eingenommen.

Im Konflikt mit seinem Vater auch über Agnes Sorel flieht der französische Dauphin nach Burgund, wo er im Schloss von Genappe residiert. Derweil steigt die Familie de Croy bei Hof auf und verdrängt den Kanzler Rolin, wogegen sich der Herzogssohn Karl (der zukünftige "Kühne") wendet. Der verlässt darum den Hof und lebt im holländischen Gorinchem. Kurz danach verlässt auch Herzogin Isabel ihren Mann, geht erst in ein Kloster und lässt sich dann in einem Schloss nieder. Unter anderem ist sie auch der exzessiven Libertinage ihres Gatten überdrüssig, wie sie sich in den an seinem Hof erzählten 'Cent nouvelles nouvelles' niederschlägt. 

 

1462 stirbt Kanzler Rolin und Philipp ("der Gute") überlässt den Croys immer mehr Einfluss, und die setzen durch, dass der neue französische König Louis XI. für 400 000 Gold-Ècus die Sommestädte zurückkauft. 1464 treten dann erstmals die drei Stände der burgundischen Niederlande zusammen, die Staten-Generaal, die nun meist jährlich zusammenkommen. Im Jahr darauf übernimmt Karl ("der Kühne") die Regierungsgeschäfte vom inzwischen dementen Vater und vertreibt als erstes die Croys. Dann erobert er die Somme-Städte zurück. Schließlich wendet er sich gegen das Fürstbistum Lüttich, erobert Dinant, lässt es völlig zerstören und "achthundert Einwohner an Händen und Füßen gebunden in der Maas ertränken und unzählige andere hängen." (Van Loo, S.433) 1467 stirbt Herzpg Philipp ("der Gute") und der Genter Hugo van der Goes übernimmt die Ausgestaltung der Trauerfeierlichkeiten.

 

Nach dem Tod seiner zweiten Frau heiratet Karl mit Margarete von York die Schwester König Edwards IV.  Die Hochzeit dekoriert wiederum Hugo van der Goes, und Tommaso Portinari streckt die Morgengabe für Margarete vor. Derselbe lässt sich dann auch etwas später auf einem von ihm in Auftrag gegebenen Altarretabel mit seiner Frau portraitieren.

Das Gerücht geht um, dass Karl homosexuell sei, jedenfalls hatte er keine Geliebten und traf seine Gemahlin nur äußerst selten, die auf einem Schloss in Gent lebt.

 

Nachdem es zu einem Ausgleich mit dem französischen Ludwig kommt, der den Einfluss des Pariser parlements auf Teile Burgunds abschafft, wird ein Aufstand Lütticher Bürger niedergeschlagen, die Stadt geplündert und niedergebrannt und ein Fünftel der Einwohner systematisch ermordet. Nun duckt sich Gent samt den übrigen Städten. In Mecheln wird ein parlement für die Niederlande eingerichtet, dessen Sitze von kapitalkräftigen Bürgern gekauft werden. In Mecheln etabliert er auch eine zentrale Rechnungskammer.

 

Karl versucht, nach dem französischen Vorbild ein stehendes Heer einzuführen. Damit erobert er dann Geldern. 1473 soll in Trier die Ehe von Tochter Maria mit dem Kaisersohn Maximilian verabredet werden. Dafür soll der Burgunder Kaiser werden und Maximilian römischer König. Aber Kaiser Friedrich III. verschwindet plötzlich während der Verhandlungen. Immerhin gelingt es Karl derweil, Einfluss auf Lothringen zu erringen.

Das stehende Heer von rund 13 000 Mann verschlingt enorme Gelder, die durch massive Steuererhöhungen eingetrieben werden müssen.

 

Der Zugriff des Burgunders auf das Elsass über seinen als brutal verschrienen Landvogt Peter von Hagenbach führt 1474 zum Zusammenschluss mit der Alten Eidgenossenschaft. Der Vogt wird hingerichtet. Schließlich wird Herzog Karl von einem elsässischen Heer in der Franche Comté (Freigrafschaft Burgund) vernichtend geschlagen. Nun wird auch Lothringen aufmüpfig und der französische Ludwig XI. verspricht den Verbündeten jährlich 20 000 Francs für ihre Kriegführung.  1475 belagert das burgundische Hauptheer dann Neuss, um sich das Hochstift Köln einzuverleiben, was ein Heer Kaiser Friedrichs III. dann verhindert. Edward III. schließt gegen die Großmachtpolitik Karls einen Vertrag mit dem elften Ludwig. Karl marschiert nun nach Nancy.

 

Inzwischen führt das Gemeinschaftsgefühl der Eidgenossen dazu, dass sie von dem Ort Schwyz einen gemeinsamen Namen ableiten. 1475 nehmen Berner Milizen Grandson am Neuenburger See ein, welches der Burgunder zurückerobert, wonach er die gesamte Mannschaft von über 400 Leuten umbringt. Danach wird er von den Schweizern aber erneut vernichtend geschlagen und verliert den gesamten mitgenommenen herzoglichen Schatz, den sich die bäuerlichen und bürgerlichen Krieger zu Fuß untereinander aufteilen.

 

Im Juni 1476 werden die Burgunder bei Murten erneut von den Schweizern vernichtend geschlagen. Inzwischen nimmt René II. von Lothringen Nancy wieder ein. Karl bekommt noch einmal einen Kredit von Tommaso Portinari und kann ein letztes Heer von etwa 10 000 Söldnern aufstellen, dass allerdings sich dann wieder auf etwa 5000 reduziert. In einer letzten Schlacht bei Nancy geht das burgundische Heer Ende 1476 entgültig unter und sein Herzog wird erschlagen.

 

Louis XI. nutzt die Situation, besetzt Altburgund und die Franche Comté und marschiert dann im Artois und der Picardie ein. Februar 1477 muss Maria von Burgund im 'Großen Privileg' zustimmen, dass die Generalstaaten ihrer Heirat zustimmen müssen, ebenso über Kriegführung und Steuern und sie können sich nun selbst einberufen. Dazu wird ein Widerstandsrecht eingebaut. Sie herrscht zudem jetzt nur noch über die Niederlande.

Noch 1477 heiratet sie Maximilian. Inzwischen wird die alte Elite des vormaligen Burgunderreiches entmachtet, auch Portinari muss gehen. Maximilian gelingt es, die Franzosen 1479 bei Guinegate (nahe Boulogne sur Mer) zurückzuschlagen.

 

1482 stirbt Maria nach einem Jagdunfall und bestimmt Maximilian als Regenten für den dreijährigen Sohn Philipp. Der ist zur Gänze abhängig von den Generalstaaten. Im Frieden von Arras muss er alle französischen Eroberungen anerkennen. 1483 stirbt Louis XI. und der Dauphin ist noch minderjährig, was Maximilian für Kriegszüge gegen Frankreich nutzt. 1486 wird er zum römischen König gekrönt. Bis 1492 dauert dann ein Krieg gegen das aufständische Flandern, in dem der König das mit ihm verbündete Antwerpen gegen Brügge fördert. Der Schwerpunkt der Niederlande verlagert sich nun von Flandern nach Brabant. Zugleich verlagert sich der Schwerpunkt der Macht nach dem vereinigten Spanien.

 

1491 heiratet Charles VIII. die Herzogin Anne de Bretagne. 1493 stirbt Kaiser Friedrich III. Maximilian als römischer König überlässt Sohn Philipp (dem "Schönen") die Niederlande und heiratet Bianca Sforza. 1496 heiratet Philipp Juana von Kastilien in Lier.. Darauf heiratet Margarete den spanischen Thronfolger Juan.

 

1506 stirbt Philipp der Schöne mit 28 Jahren. Mutter Juana wird immer geistesgestörter und Sohn Karl ist erst sechs Jahre alt. Seine Tante Margarete ist für ihn seit 1507 Statthalterin udn Karl wächst in Mecheln heran.

1519 stirbt Maximilian, Karl wird König und Kaiser. Im Damenfrieden von Cambrai wird 1529 Burgund endgültig Frankreich zugeschrieben, während es auf Flandern und das Artois verzichtet. 1530 wird Margarete, Schwester Karls V., Statthalterin der Niederlande. 1543 sind alle Niederlande außer Utrecht unter Habsburg vereint. Der Protestantismus ist aber dabei, sie zu spalten. 1556 erhält Karls Sohn Philipp sowohl Spanien wie die Niederlande. Kaiser wird Bruder Ferdinand. 1585 dann die Trennung in die katholischen spanischen Niederlande und die Republik der Vereinigten Niederlande im Norden.