DAS LAND, DER LANDADEL UND DIE RITTER (13.-14.Jh.) (in Arbeit)

 

Adel

Deutsche Lande

Frankreich (in Arbeit)

Italien

England

Der englische knight und die gentry

Ritter auf deutschen Burgen (in Arbeit)

Friesische Freiheiten

 

 

Adel

 

Der Adel und die sich dem Adel nähernden vornehmen Geschlechter in den Städten sind beide keine ganz einheitliche und überregional und überzeitlich klar definierte Gruppen. Klar ist aber, dass diese privilegierten Gruppen eine winzige Minderheit der Bevölkerung darstellen. Um 1300 sollen in Frankreich unter zwei Prozent der Bevölkerung adelig gewesen sein (Contamine).

 

Unter ihnen ist wiederum nur eine kleine Minderheit betitelter Hochadel. Darunter etabliert sich ein niedriger, kleiner Adel, der in Frankreich über achtzig Prozent der Gesamtheit Adeliger umfasst. Dazu gehören Unteradelige, die (in deutschen Landen vor allem aus der Ministerialität) in den Adelsstatus aufsteigen, ist aber auch viel Adel, der einen materiellen Abstieg hinter sich bringt. Das gilt für Englands gentry wie für deutsche Lande, Frankreich und die iberische Halbinsel, wo caballeros und hidalgos den niedrigen Adel ausmachen.

 

In Frankreich steigt häufiger juristisch geschultes Bürgertum in Spitzenämter auf, was sowohl Reichtum wie Einheirat in den Adel nach sich ziehen kann. Solche Leute werden dann durch königliche lettres de noblesse geadelt. Damit beginnt eine Entwicklung, die dem Adel seine hergebrachte militärische Basis zu entziehen beginnt. Er verändert seinen Charakter ganz langsam und bewegt sich hin zu einem lizensierten Stand, der sich durch adelige Lebensführung vor allem auszeichnet.

 

Das einigende Band niedrigen Adels ist in deutschen Landen die Ritterlichkeit, die im späten Mittelalter erblich wird als Ritterbürtigkeit. "Der Sohn eines Ritters zählte nun durch Geburt und Erbe zur Ritterschaft, zum 'genus militaris', auch wenn er vor dem Ritterschlag, der persönlichen Erlangung der Ritterwürde, als "Edelknecht", als servus nobilis bezeichnet wurde. Auf diesem Weg ließen die neuen Adeligen im 14. Jahrhundert auch die deklassierenden, die Unfreiheit betonenden Bezeichnungen als ministerialis oder "Dienstmann" hinter sich." (Fuhrmann in Dirlmeier, S.211)

 

Am unteren Ende verschwimmt gerade auf dem Lande die Grenze zwischen Adel und unteradeliger Bevölkerung, wobei bürgerliche Geschäftsleute an Wohlstand gelegentlich kleinen Adel weit zu übertreffen beginnen. Am Ende des Mittelalters dann schauen Ritter wie Ulrich von Hutten neidvoll auf Bürger wie Pirckheimer.

Während in der Nordhälfte Italiens alter Stadtadel und neues Großkapital miteinander zu einer aristokratischen Oberschicht verschmelzen, entsteht sie in deutschen Landen als Patriziat aufgestiegener Ministerialer und neuen größeren Kapitals. Dabei vermischen sich bürgerlicher und adeliger Ehrbegriff, an die Stelle der bürgerlichen Familie tritt eine adelige Geschlechterfolge mit entsprechender Arroganz im Verhalten. Wie schon früher in Italien bekämpfen sich solche Geschlechter auch in deutschen Städten, "wie in regensburg, wo sich 1334 im sogenannten Auer-Aufstand Geschlechter-Faktionen mit ihren "Muntmannen", mit ihren Klientelen, erbitterte Fehden um die Macht in der Stadt lieferten." (Fuhrmann in Dirlmeier, S.213) Und wie in Italien versuchen Patrizier wie der Bürgermeister Rudolf Brun in Zürich 1336-60 und wie Heinrich Toppler um 1400 in Rothenburg in despotische Funktionen aufzuschwingen.

 

Den Hochadel bilden die betitelten Großen, Könige, Barone, Magnaten, Fürsten und Grafen. Sie zeichnet Königsnähe aus und die Weiterentwicklung höfischer Lebensformen, die einmal in Aragon und auf Mallorca, andererseits am französischen Königshof verfeinert und dann am burgundischen Hof noch einmal im Luxus gesteigert werden. Der deutsche Hochadel hinkt dabei hinterher, wenn man vom Prager Hof Karls IV. einmal absieht.

 

Während niedriger Adel oft selbst wirtschaften muss wie ein reicher Bauer oder wie ein Bürger, ist der Hochadel eine durch und durch parasitäre Gruppe, die ihre

"gottgesandte" Machtposition weiter dazu nutzt, die unterworfene Bevölkerung nach Möglichkeit durch Abgaben auszuplündern und mit Kriegen zu verheeren. Im Ausbau ihres Schmarotzertums entwickeln sie dann, manchmal nach dem Vorbild der städtischen Obrigkeit, immer ausführliche Formen von Staatlichkeit, ebenfalls gottgewollt, von der Kirche gefeiert und zunehmend mit Gemeinwohl-Formeln garniert.

Dabei heißt Schutz, dass die hohen Herren in ihrer massiven Gier nach Macht und Reichtum gegenseitig gewalttätig übereinander herfallen und damit wiederum ihre Schutzfunktion rechtfertigen. In ihrer Raubtier-ähnlichen Konkurrenz wird auch durch die Darstellung von Pracht und Luxus konkurriert, und auch dafür werden die Untertanen nach Möglichkeit und oft ganz legal ausgeplündert.

 

Die Verachtung für die unteradelige Bevölkerung auf dem Lande und die produzierenden kleinen Leute in den Städten wird im späten Mittelalter deutlicher und expliziter. Aber von kurzen Eruptionen abgesehen neigt die große Bevölkerungsmehrheit dazu, sich mit der Macht und dem zur Schau gestellten Reichtum der Mächtigen zu identifizieren. Diese Identifikation trägt noch heute die demokratischen Staaten und gefährdet sie zugleich: Demokratische Politiker genießen abgesehen von kurzlebigen Konjunkturen ein deutlich geringeres Ansehen als historische und heutige Potentaten bis hin zu terroristischen Despoten, und selbst die Heroen der allgegenwärtigen Amüsierindustrie haben für die meisten Menschen mehr Identifikationspotential.

 

 

Deutsche Lande

 

Gegen Ende des 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts gelangt der Prozess des Ausbaus der Nutzung von Land zur Stärkung von Herrschaft an sein Ende. Ein spätes Beispiel ist die Nutzung einer Waldinsel im pfälzischen Raum. Bereits in römischer Zeit war das Gebiet um Wiesental im Lusshardt-Wald besiedelt. Dort lag das Kastell Wagbach aus dem späten 1. Jahrhundert und ein dazugehöriger Vicus. 1297 lässt der Speyrer Bischof Friedrich von Bolanden entlang des Wagbachs ein Straßendorf längs des Wagbachs anlegen, nach Plan und festen Hufengrößen, und lockt Neusiedler mit damals optimalen Besitzrechten.

 

Die Veränderungen in der Landwirtschaft finden längst je nach unterschiedlichem Klima und Boden und auch unterschiedlicher Machtstrukturen in verschiedenen Großgegenden Europas auch sehr unterschiedlich statt. Ende des 12. Jahrhundert beginnt sich die Dreifelder-Wirtschaft in Nordfrankreich durchzusetzen, in deutschen Landen wird sie erst im 13. und 14. Jahrhundert in mehr Gegenden zur Regel.

Die Produktivität beim Getreideanbau steigt sehr langsam, in zweihundert Jahren vielleicht um 10%.  Kleinere Betriebe betreiben weiterhin weit überwiegend Selbstversorgung. Weitaus intensiver und gewinnträchtiger wird der Obst- und Gartenbau rund um die Städte betrieben und mit Dünger aus der steigenden Viehzucht versorgt. "Als 'Erfahrungssatz' gilt, dass auf einem Landstück, das 100 Bauern ernährte, 1000 Gärtner ihren Unterhalt finden konnten." (Fuhrmann in Dirlmeier, S.172)

Im 13./14. Jahrhundert sind die Getreidepreise langfristigen Schwankungen unterworfen. Zwischen 1261 und 1350 fallen sie minimal, nach der großen Pest steigen sie deutlich an, um nach 1370 eher wieder zu fallen.

 

Mit der Ausweitung des Ackerbaus verringert sich die Allmende, das Land gemeinsamer Nutzung. In Konflikten über Wald und Weideland beginnt sie zu schrumpfen, durch Aufteilung einmal oder durch herrschaftliche Aneignung.

 

Neben den Getreide-Monokulturen prägen vor allem solche des Weinbaus ganze Regionen mit ihren ökonomische Vorteilen und ökologischen Nachteilen. In ihnen wird die Kommerzialisierung der Landbewirtschaftung am stärksten vorangetrieben: Es wird massenhaft produziert, und zwar auch für ferne Märkte. Die großen Besitzer von Wingerten geben dabei die Verantwortung für die Produktion weitgehend an die Produzenten ab. Diese geben (oft) etwa ein Drittel des Ertrages als Pacht zurück, und beide Seiten sind dabei voll in einen allgemeinen Markt integriert, auf den die Pächter nun auch für einen Teil ihrer Nahrungsmittel angewiesen sind.

Der Weinbau fördert mit seiner kommerziellen Seite das Entstehen einer auf besondere Weise agrarisch fundierten Kleinstädten und prägt zudem selbst größere wie Trier oder Straßburg mit. Er ist saisonal extrem arbeitsintensiv und bedarf so einer proletarisierten Landarbeiterschaft, die zudem teilweise in solche kleinen Weinstädte integriert werden.

 

Rinderzucht konzentriert sich auf Weideland mit geringen Möglichkeiten zum Ackerbau, Schweinezucht ist überall verbreitet, aber am verbreitetsten ist die Schafzucht, die neben Fleisch Wolle, Leder und Pergament liefert und schon früh Motor des Aufblühens eines Kapitalismus wurde.

In der späteren Schweiz, in Tirol und überhaupt dem Alpenland geht die Großviehhaltung von der Subsistenzwirtschaft zur Exportorientierung über, was den Aufstieg einer wohlhabenden Bauernschicht fördert.

 

In einigen Gegenden entstehen größere Monokulturen von Rohstoffproduktion für gewerbliche Produktionen wie Waid (Thüringen, Maastal und Hennegau) und Krapp (um Speyer, in Schlesien und Holland).

 

Einzelne Herren bewirtschaften weiter ihre Herrenhöfe selbst, aber viele Fron- oder Meierhöfe werden an Bauern ausgegeben, die Hofgerichtsrechte und andere herrschaftliche Rechte für ihre Herren übernehmen. Andere werden zerstückelt und an Pächter vergeben. Die neue bäuerliche Landwirtschaft ist inzwischen stark nach Hofgröße differenziert. Es gibt Zeitpachtverträge für sechs bis zwölf Jahre, Teilbau in den Weinbaugebieten mit gemeinsamem Risiko von Herr und Bauer und Erbleihe.

 

Die Entstehung von Dörfern schreitet voran, im Rahmen übergeordneter feudaler Rechtsvorstellungen bilden sich Dorfgenossenschaften weiter aus, die tendenziell weniger von Herrschaft kontrolliert werden, auch wenn sie noch von Resten der herkömmlichen Villikation durchsetzt sein können. "Das Dorf war am Ende des 14. Jhs. Zwischenresultat eines Prozesses, der von den vertikal-herrschaftlichen Abhängigkeiten der Höfe innerhalb der Villifikation zu einem horizontal-genossenschaftlichen Siedlungsverband führte." (Dirlmeier, S.61f)

Mit dem Zusammensiedeln im Dorf beginnt man etwa zeitgleich wie in der Stadt auch jenseits des Adels und allgemein einer Oberschicht stabiler zu bauen: "Aus 'mobilen' Gruben- und Pfostenhäusern des Früh- und Hochmittelalters wurden 'immobile' Ständerhäuser auf Steinfundamenten." (Dirlmeier, S.62)

 

Mit der Auflösung der Villikation in das Dorf wird der einzelne Hof stärker zur selbständigen Einheit, ein wenig parallel zur Situation im Handwerk, weniger nach oben und mehr horizontal auf die Dorfgemeinschaft orientiert. Das Herrenrecht verlagert sich tendenziell von der wirtschaftlichen zur gerichtsherrlichen Seite. Die Dorfgemeinschaft ist gemeinsam einer Dorfvogtei unterstellt, die mit Vertretern des Dorfes zusammenarbeitet. Niederer Adel im Dorf ist davon befreit und wohlhabendere Bauern versuchen sich durch Eintritt in den nächstgelegenen städtischen Rechtsverband als Pfahlbürger daraus zu befreien. In Weistümern werden Rechte nun detaillierter festgehalten.

Dörfer werden dabei nicht nur Gerichts- sondern auch Steuerbezirke, ähnlich wie Städte.

 

Die Zunahme der Bedeutung von Markt und Geld fördert weitere Differenzierung in reichere und ärmere Bauern analog zur Entwicklung in der Stadt, es entsteht eine bäuerliche Oberschicht, die nun Schöffen sind und Ämter innehaben, wie auch in anderen Ländern Europas.

 

Im Mittelpunkt des Dorfes steht die Kirche, das Dorf bildet eine Pfarrei mit der wichtigen Rolle des Pfarrers und der Kirchweih als zentralem Fest. Zusammengehalten wird es zudem durch die Verwaltung der Feldflur und der Allmende an Wald und Wiese, Wegen und Brunnen und durch das Dorfgericht, dessen Schöffen sich durch Kooptation ergänzen.

Einen Sonderfall stellt die zunehmende Selbstverwaltung der schweizerischen Talschaften dar.

 

Mit der Horizontalisierung wichtiger Beziehungsgeflechte führt die Verselbständigung der Bauernhöfe ähnlich wie beim mittleren und unteren Bürgertum der Städte zu mehr sogenannter sozialer Kontrolle, wirtschaftliche Freiheiten führen nicht unbedingt zu solchen stärkerer Privatheit, sowie auch die zunehmende Verselbständigung gegenüber Grundherren nun ersetzt wird durch neue obrigkeitliche Kontrolle.

 

Frankreich

 

Wie in allen Ländern eines aufblühenden Kapitalismus nimmt auch in Frankreich die Eigenbewirtschaftung des Domaniallandes, der Réserve, in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts ab, wobei die Zisterzienser wie überall voranschritten. Die zisterziensische 'Grange de Vaulerent' mit 225 ha im Nordosten von Paris wird 1315 verpachtet und bis 1401 in sieben Zinsgüter zerstückelt, "die ruinierte Hofstelle der Grangie taugte nur noch als Sammelstelle der Revenüen." (Fuhrmann in Dirlmeier, S. 171)

 

 

Italien

 

In Italien bleibt es meist bei der Zweifelder-Wirtschaft, wobei man aber seit dem 12. Jahrhundert beginnt, auf der Brache Leguminosen zur Stickstoffanreicherung auszusähen. Im Nordwesten Italiens kommt dann Dreifelder-Wirtschaft auf, wobei auch hier die Brache eine Leguminosen-Aussaat erhält. Die Produktion beim Weizen steigt in Italien und Spanien vielleicht etwas schneller als in deutschen Landen. Die Allmende verschwindet schon um 1200 ganz.

 

In Teilen Italiens verwandelt sich das Land noch radikaler durch Wein- oder auch Oliven-Monokulturen. In der Mezzadria übernimmt ein Pächter mit seiner Familie einen Hof samt Land, Geräten, Saatgut und bald auch Dünger, die der Adelige stellt, gibt eine jährliche Pacht von oft der Hälfte des Ertrages ab und muss im Fall der Beendigung des Vertrages das Gut in möglichst noch verbessertem Zustand zurückgeben. In riesigen monokulturell bewirtschafteten Regionen leben so Pächter auf vereinzelten Höfen, wie noch heute in Apulien zum Beispiel, wo die Städte sich an der Küste befinden.

Auch in der Toskana konzentriert sich der Landbesitz in immer weniger Händen, insbesondere in denen Florentiner Familien, die es in Teilpacht vergeben und bearbeiten lassen.

 

 

England

 

In England nimmt im 13. Jahrhundert die Tendenz zu direkter Bewirtschaft adeliger Güter zu. Diese stabilisiert den Anteil "unfreier" Bauern (villeins), der je nach Gegend mehr oder weniger als die Hälfte der Leute umfassen kann. Dies ist aber ein Rechtsbegriff, der sich auf die Klagefähigkeit gegenüber den Herren bezieht. Jenseits davon nimmt mit der voranschreitenden Monetarisierung und Kommerzialisierung auch der Landwirtschaft der Anteil der Zwangsarbeit ab, die Carpenter auf vielleicht ein Drittel der unfreien Bauernschaft begrenzt. Tatsächlich wird Arbeitsdienst immer mehr durch Geldzahlungen abgelöst, so wie die freien Bauern ihr Land gegen eine Pachtzahlung nun fast wie im erblichen Eigentum halten. 

 

Das adelige manor gilt weiter als vom König verliehen und ist das wesentliche Strukturelement auf dem Lande. Es besteht aus der direkt bewirtschafteten Domäne, den Land pachtenden tenants und den abhängig/unfreien Bauern. Neben der Banngewalt (Mühle, Backhaus, Jagd usw.) steht die patrimoniale  Gerichtsgewalt im manor court, die allerdings selten ein ganzes Dorf abdeckt.

Die dörflichen Rechtsbeziehungen werden immer stärker verschriftlicht und in sogenannten byelaws festgehalten. Dörfler werden selbstbewusster, prozessieren gegen Übergriffe der Herren.

 

Die Realität besagt, dass etwa die Hälfte der ländlichen Bevölkerung, persönlich frei (freeholders), also frei von Zwangsarbeit, ein solides Auskommen von "seinem" Land hat, etwa die Hälfte wiederum davon produziert regelmäßig in größeren Mengen für den Markt und kann Landarbeit einstellen. Neben diesen eigentlichen Bauern, den husbandmen, existieren als die andere Hälfte smallholders als labourers, die auf Zusatzverdienste angewiesen sind, als Teilzeitschmied oder Wagner etwa, im Textilbereich oder für Hilfsarbeiten in Mühlen. Entsprechend zahlt sie auch keine Steuern an den König. Theoretisch sind aber alle "freien" Bauern dem König zu Kriegsdienst verpflichtet, weswegen sie wenigstens Pfeil und Bogen besitzen sollen.

Aus dieser Gruppe der smallholders vor allem rekrutieren sich die Leute, die weiterhin in Hungersnöten auf Almosen angewiesen sind oder umkommen.

 

Dörfer haben anders als in deutschen Landen keine eigenen Gerichte. Als "freie" Untertanen des Königs können aber alle freeholders vor königliches Gericht unter den sheriffs gehen und auch gegen ihre Herren klagen, zum Beispiel, wenn sie zu villeins abgestuft werden sollen oder es Übergriffe auf die Allmende (commons) gibt. Solche courts sind die der alten Hundertschaften: "Alle männlichen Personen über 12 Jahre, die 'Jahr und Tag' (...) in einem Dorf wohnten, mussten einem solchen Personenverband aus zehn Haushalten bzw. 8 bis 15 Männern angehören und wurden auf jährlich bzw. halbjährlich stattfindenden leet courts mit ihren view of frankpledge eingeschworen." (Dirlmeier, S.67)

Diese ursprünglich angelsächsische Einrichtung zur Verbrechensbekämpfung nutzten die anglonormannischen Herrscher zur Kontrolle des Landes, sie diente der Landbevölkerung aber auch selbst als Organisationseinheit.

 

Mit den sozialen Verwerfungen im 14. Jahrhundert geht dann auch in England größere soziale Differenzierung auf dem Lande einher. In vielen Gegenden gelingt es einer bäuerlichen Oberschicht, immer mehr Land zu erwerben; die Schicht der Yeomen entwickelt sich, die aus der Dorfgemeinschaft ausbricht und nach 1380 mit dem Instrument der Einhegungen (enclosures) eine neue dörfliche Oberschicht bildet. Damit bricht neuzeitliche Kapitalisierung mit aller Macht in die mittelalterliche Landwirtschaft ein.

 

Der englische knight und die gentry

 

Der englische Ritter, knight, ist in mancherlei Hinsicht ein Sonderfall in der europäischen Geschichte, und zwar einer, der mit der frühen Kommerzialisierung feudaler Strukturen in England zusammenhängt. Wesentlicher Aspekt dabei ist, dass Besitz immer weniger wichtig wird und Einkommen entsprechend an Bedeutung gewinnt.

In England bedeutet das, dass Ritter zunehmend nicht mehr nur oder manchmal auch gar nicht mehr wesentlich Militärs sind, sondern in Ämter aufsteigen wie das des Sheriffs, an Gerichten beteiligt ist und im 13. Jahrhundert dann als Vertreter ihres shires im Parlament auftauchen. Entsprechend wird in den 1220er Jahren ein Mindesteinkommen für die Zugehörigkeit zur Ritterschaft festgesetzt, dass damals bei jährlich 15-20 Pfund liegt und oft eher etwas mehr beträgt. Ende des 13. Jahrhunderts steigt die Erwartung an ritterliches Einkommen auf 40 Pfund.

Natürlich sind eigentlich mittlere Barone mit einem Einkommen von über hundert Pfund auch Ritter, und Earls mit einem von mehreren tausend Pfund auch, aber sie sind erst einmal Barone, tenants- in-chief, und damit Leute, die viele Ritter als ihre tenants haben.

 

Ritter werden also langsam zu einer Art "Stand" innerhalb des Adels, dessen Mitglieder wie jeder Adel seit dem 11. Jahrhundert versuchen, ihre Güter, die sie von höherem Adel erhalten, in einer patrilinear und durch Primogenitur gekennzeichneten Familie zu halten und möglichst zu erhalten. Dabei wird versucht, jüngeren Söhnen möglichst durch Zukauf ein eigenes kleineres Gut zu überlassen und den Mädchen eine marriage portion.

 

Dieser Ritterstand verringert sich aus mehreren Gründen im 13. Jahrhundert und besonders in dessen erster Hälfte ganz erheblich, geht in manchen Gegenden auf ein Drittel zurück. Nicht seine militärische Funktion, die ohnehin immer mehr auch Söldner übernehmen, spielt dabei eine Rolle, sondern sein großer Bereich "ziviler" Aufgaben wie die Beteiligung an Juries und in Ämtern, also an der lokalen und regionalen Verwaltung im weitesten Sinne. Um einen knight irgendwo einzusetzen oder irgendwo hin zu entsenden, wird es wichtig, zu definieren, wer überhaupt ein solcher ist. Zu diesem Zweck wird wie auf dem Kontinent eine Art Initiationszeremonie eingeführt, zu der auch das Gürten mit dem Schwert, also das alte Anlegen des cingulum, gehört. Das bereits kostet zunehmend Geld, und dazu gehört eine möglichst eindrucksvolle Ausrüstung und eine militärische Gefolgschaft. Aufwand ist für den Ritter auch, dass jeweils zwölf von ihnen verpflichtet sind, an der grand jury der Grafschaft teilzunehmen, und wo es wenige von ihnen gibt, müssen sie oft mitmachen.

Solche Umwälzungen, die bis in die Verschuldung von Ritterfamilien führen konnten, und dann in Antijudaismus gegenüber jüdischen Schuldnern wie in den Reihen Simons de Montfort, können die Ritterschaft erheblich verkleinern. Mitte des 13. Jahrhunderts gibt es nur noch rund tausend Ritter, die so initiiert (dubbed) sind. Die Tendenz zur Kommerzialisierung und die Betonung des Einkommens (in cash) führt dabei nicht nur zum Abstieg ritterlicher Familien, sondern zum Aufstieg von Juristen und Verwaltungspersonal, das in Ritterfamilien einheiratet oder aber Güter absteigender Ritter aufkauft.

 

1219 ist Stephen de Fretwell soweit verschuldet, dass er dem Abt von Eynsham seine mehreren hundert acres in Oxfordshire überlassen müssen gegen ein bescheidenes Haus im Ort bei niedriger Miete allerdings, mit Krämern und Bediensteten der Abtei als Nachbarn, und angewiesen auf Lebensmittel von der Abtei. Dafür wird der Abt die Schulden des nunmehr aus dem Kleinadel abgestiegenen bezahlen und so seine Ländereien, die Stephen als Pfänder gegeben hatte, auslösen, die Hälfte davon behalten und die andere Hälfte an ihn zurückgeben.

 

Später wird man kleinere (und absteigende) Ritter und aus der Ritterschaft absteigende Esquires und darunter Gentlemen als Gentry zusammenfassen, die die lokale Verwaltung und Gerichtsbarkeit gemeinsam übernimmt. Zudem steigt solche Gentry zu Domänenverwaltern (der desmesnes) der tenants-in-chief, also der Barone auf, die inzwischen unmittelbar nichts mehr mit der Ebene der ländlichen Produktion zu tun haben, und sich hauptsächlich für die Abrechnungen ihrer Beauftragten interessieren.

Anders als in deutschen Landen bilden die mächtigeren Barone außerhalb der walisischen Marken keine Fürstentümer, auch wenn manche mit riesigen honours (der Summe ihrer Güter und Rechte) gelegentlich darauf abzielen. 1166 haben so die Ferrers in ihrer honour 45 tenants, was sie theoretisch dazu verpflichtet, dem König im Kriegsfall 79 Ritter oder ersatzweise scutage zu stellen. Der größte tenant muss davon neun aufbieten. Der ganze baroniale Besitz ist über vierzehn Counties verstreut, mit der Burg von Tutbury im Zentrum. (Carpenter, S.405)

 

Mit der (Magna) Carta wird zum ersten Mal definiert, was eine Baronie ist, nämlich durch die Festlegung, dass ein baronialer Erbe 100 Pfund relief für die Übernahme seines Erbes an den König zu zahlen hat. Damit wird es nötig, festzulegen, wer Baron ist, denn alle darunter haben weniger zu zahlen, und die tenants unter dem Herrn eben auch an diesen. Dabei wird deren Land im 12. Jahrhundert ebenfalls erblich.

 

Diese finanziellen Festlegungen der Standeszugehörigkeit innerhalb des Adels, verbunden mit den langsam durch Geldzahlungen abgelösten Arbeitsleistungen unfreier Bauern und den Abgaben in Geld von freien Bauern und den (nicht an der Produktion direkt beteiligten) tenants an die jeweiligen Herren bzw. deren Verwalter kommerzialisieren die gerade erst gut hundert Jahre alten feudalen Zusammenhänge derart, dass sie zu einer formalen Hülle für ganz andere Strukturen werden.

Herren bedienen sich zunehmend der militärischen und verwalterischen Dienste von Leuten, die nicht mehr in einem feudalen Abhängigkeitsverhältnis von ihnen stehen und die mit Geld entlohnt werden. Ein Musterbeispiel sind die ritterlichen Gefolge, mit denen sich Herren umgeben. William Marshal, Earl of Chepstow und Pembroke, hat zu 12 der 18 Ritter, mit denen er sich meist umgibt, keinerlei feudale Beziehungen mehr.

Dieselbe Situation entsteht dort, wo große Herren Leute, welche in ihrem Raum Ämter bekleiden, und nicht mehr nur das des Sheriffs, in nicht mehr feudale Abhängigkeit bringen. Damit versuchen sie den Einfluss des Königs, der diese Ämter besetzt, für ihre Gegend zu reduzieren. In den Unruhen um 1260 wird unter anderem der Vorwurf verbreitet, das Sheriffs und königliche Richter nur noch die Interessen von Magnaten vertreten, die sie mit fees auf ihrer Gehaltsliste haben.

Schließlich werden Dienste welcher Art auch immer weniger mit Land belohnt, da solches nur selten noch gerade zur Verfügung steht, es ist längst verteilt, sondern mit Geld oder mit mit Geld dotierten Ämtern. Das beginnt schon beim König. Edward bezahlt so einmal an 18 englische Lords über 22 000 Mark, für die sie 225 Ritter für seinen Kreuzzug stellen sollen.

 

Knights und Gentry mit ihren vielleicht 10 000 Familien um 1300 halten zusammen mehr Land als die Barone. Das kann der einzelnen Familie bis zu 100 Pfund im Jahr einbringen oder auch nur 5. Kleinere Gentry betreibt ihr Land überwiegend in demesne, bewirtschaftet es also direkt und oft über Lohnarbeit. Im 13. Jahrhundert kostet alleine ein Pferd für den Kampf durchschnittlich 6 Pfund, und dann bleibt wenig Einkommen übrig, um sich noch Aussehen und Status eines niederen Adeligen zu bewahren.

 

Gentry neigt also dazu, Söhne studieren zu lassen, insbesondere das Recht, eine gute Vorbildung für Verwalterstellen bei den großen Baronen. Dafür gibt es manchmal bereits schriftliche Anstellungsverträge und eine jährliche Bezahlung. Aber Juristen werden auch sonst zunehmend gebraucht. Wenn das Geld aus solchen Beschäftigungen dann dazu ausreicht, ist das zentrale Betreben, Land zuzukaufen, um in größerem Umfang für den Markt produzieren zu können.

 

 

Ritter auf deutschen Burgen (in Arbeit)

 

Im weiten Umfeld um Reichsstädte oder ganz wie die Bolanden und Münzenberger übers Land verstreut liegen die Burgen und Besitzungen der Reichsministerialen, die mit der Schwächung der Königsmacht seit dem Ende der Stauferherrschaft entweder in der landesherrlichen Dienstbarkeit aufgehen, in der städtischen Oberschicht oder aber eine oft bescheidene Existenz auf reichsunmittelbaren ritterlichen Burgen einnehmen.

Sie werden gelegentlich durch königliche Privilegierung unterstützt wie die universitas castrensis de Frideberg (Friedberg im Taunus), erhalten eigene Gerichtsbarkeit. Die Burg Oppenheim wird durch Burglehen aufrechterhalten, die das Reich aus seinen Einkünften finanziert. Dabei entsteht aus der Verschmelzung von bislang unfreier Ministerialität und ärmerem (freiem) Landadel eine immer einheitlichere niedere Adelsschicht, der ihr Rittertum gemeinsam ist.

In Oppenheim wohnt ein Teil der Burgmannschaft in der Stadt, die es mit königlicher Hilfe gegen bürgerlichen Widerstand dominiert. In Friedberg entsteht dagegen neben dem ritterlichen ein städtisch-bürgerliches Gericht. In Hagenau gibt es ein Gericht für den niederen Adel, ursprünglich das Gericht für die Burgmannen, und das bürgerliche Laubengericht, welches nur für für die Stadt und das Umland zuständig ist. (Soweit Fred Schwind in: Beiträge 2, S. 72ff)

 

Friesische Freiheiten (in Arbeit)

 

In Teilen Frieslands, des friesischen Siedlungsgebietes, erhalten sich durch das Mittelalter eine Art Bauernrepubliken ohne Adel und Fürsten. Von Großbauern gewählte Redjeven einer bäuerlichen Oberschicht vertreten die selbständigen Landgemeinden.

Über die Entstehung und Frühzeit dieser friesischen Freiheit ist wenig bekannt. Die genossenschaftliche Verfasstheit der Gemeinden mag zunächst etwas mit der Wikingerabwehr zu tun gehabt haben und dann auch mit Notwendigkeiten des Deichbaus. Um 1240 schreibt der englische Franziskaner Bartholomaeus Anglicus: Der Stamm ist nach außen frei, keinem anderen Herrn unterworfen. Für die Freiheit gehen sie in den Tod und wählen lieber den Tod, als dass sie sich mit dem Joch der Knechtschaft belasten ließen. Daher haben sie die militärischen Würden abgeschafft und dulden nicht, dass einige unter ihnen sich mit einem militärischen Rang hervorheben. Sie unterstehen jedoch Richtern, die sie jährlich aus der Mitte wählen, die das Staatswesen unter ihnen ordnen und regeln

 

Um 1300 gibt es 27 Landgemeinden, die sich zu sieben Seelanden zusammengeschlossen haben und die sich jedes Jahr an Pfingsten bei einem Upstalsboom in der Nähe von Aurich treffen. Zwei von Grundbesitzern gewählte Vertreter jeder Landgemeinde treten dort als Richter auf. Im 14. Jahrhundert werden diese Strukturen von mächtigen Familien durch ein Häuptlingstum der hovedlinge überwuchert, welches eher frühe germanische als feudale Machtverhältnisse darstellt.

 

Selbst das Häuptlingstum des 15. Jahrhunderts mit seiner Grafschaft Ostfriedland und der Herrschaft Jever haben keinen fürstlichen Rang (Schubert, S.14), und die Versuche der Fürsten von außerhalb, sich die Gebiete anzueignen, scheitern bis zum Sieg der Dithmarscher 1500 in der Schlacht von Hemmingstedt. Danach werden die Friesen in einzelnen Etappen von benachbarten Fürsten erobert und verlieren so nach und nach die meisten ihrer Freiheiten.