Heilige Armut: Evangelische Bewegungen (12-13.Jh)

 

Häresien und Katharer

Humiliaten

Waldenser: Die Armen von Lyon

Homobonus von Cremona

Franz von Assisi und die Franziskaner

Die heilige Elisabeth

Dominikaner

 

 

Häresien und Katharer

 

Mehr als von allen zuvor wissen wir von denen, die später von außen als Katharer (eingedeutscht: Ketzer) und in Italien auch nach der Mailänder Pataria als Patarener bezeichnet werden, aber da sie ihre Vorstellungen wohl im wesentlichen mündlich verbreiteten, fehlen bis in ihre Spätzeit eigene Texte. Das erinnert an den biblischen Jesus, der als Wanderprediger ebenfalls ganz ohne Schreibtätigkeit auskam, aber vielleicht altjüdische Prophetentexte gelesen hatte, die dann nach seinem Tod auf ihn bezogen wurden.

Entsprechend stammt fast alles, was man heute über diese Leute zu lesen bekommt, aus den Akten ihrer Verfolger und Texten der sie verfolgenden Kirche und Mönche. Das, was man einigermaßen sicher von ihnen weiß, und seien es auch nur Gemeinsamkeiten der Gemeinden der Grafschaft Toulouse, lässt sich auf wenigen Seiten zusammenfassen. Inwieweit die wenigen eigenen und späten Texte wie das Buch der zwei Prinzipien im Detail mehr als die Ansichten der Verfasser wiedergeben, ist nicht mehr nachvollziehbar.

 

Der Ausgangspunkt aller hier als evangelisch bezeichneten Gruppen ist der Bezug zur in den Evangelien von Jesus propagierten Botschaft, dass alle einer Erlösung zugeführt werden, die ihm nachfolgen, was ganz wörtlich gemeint war und sich dann in dem Leben der frühen Jerusalemer Apostelgemeinde niederschlägt, das von der baldigen Wiederkunft des Herrn, also der leiblichen Wiederkehr Jesu und dem folgenden Weltenende geprägt war.

 

Am ehesten hatte sich in diesem Sinne das Mönchtum entwickelt, während die Priesterschaft, ob arm oder reich, diese evangelische Botschaft nur in kurzen, lokalen Reformereignissen einmal einlöste. Aber auch das Mönchtum hatte sich seit vielen Jahrhunderten mit seinem weltlichen Besitz und seiner Tendenz zum Vernachlässigen der Regeln offenbar für die Evangelischen weit genug entfernt, um kein Vorbild zu sein. Und die eremitischen und dann von charismatischen Führern geleiteten halb-eremitischen Gruppen schienen den dem Evangelium verpflichteten Gruppen offenbar zu sehr auf exotisch und theatralisch getrimmt zu sein. Unsere evangelischen Abweichler wollten offenbar nicht demonstrativ leben, sondern in ihren Städten bleiben und sich wohl auch überwiegend durch eigene Arbeit ernähren.    

 

Die vielleicht manichäisch beeinflusste Sekte des Popen Bogumil nahm ihren Ausgang im 10. Jahrhundert in Bulgarien und breitet sich dann über das byzantinische Reich aus. Von dort beeinflusst sie in zunächst wenig dokumentierter Form und in kaum nachvollziehbarem Maße den lateinischen Westen. Die "Reinen" oder "Armen Christi" sind nicht nur die zahlenmäßig größte das Evangelium ansatzweise ernstnehmende Bewegung des hohen Mittelalters, sondern auch die einzige, die sich überhaupt nicht durch Integration ihrer Substanz berauben ließ und darum mit barbarischer Gewalt gemeinsam von Kirche und weltlicher Gewalt vernichtet werden "musste".

 

Danach breiten sie sich in die Lombardei und insbesondere nach Südfrankreich aus. Aus dem Osten übernehmen sie Vorstellungen eines extremen Gut-Böse-Dualismus. Christus vertritt danach einen Gott des Lichtes, das Alte Testament einen des absolut Bösen, den Teufel. Mit radikaler Askese möchten sie den Geist von den Fesseln des Körpers lösen, was die perfecti, die Vollkommenen, dann auch erreichen, während sich die credentes, die Gläubigen, auf den Weg dahin begeben.

 

1119 verdammt ein Konzil von Toulouse sie als Ketzer. 1148 beauftragt ein Konzil in Reims die Zisterzienser mit ihrer Missionierung. Bernhard von Clairvaux kümmert sich 1145 persönlich darum. 1167 sind die Katharer in Südfrankreich bereits in Bistümern organisiert, die auch die Armen- und Krankenpflege übernehmen und ein Konzil organisieren.

In diesem Jahr reist der oströmische bogumilische Bischof Niketas aus Byzanz an. Unter seinem Einfluss wird der Dualismus durch vom Teufel geschaffener sichtbarer "Welt" und einem rein spirituellen Reich Gottes vorangetrieben und das Alte (altjüdische) Testament nun radikal abgelehnt. Inwieweit die Masse der Anhänger im Süden der Langue d'Oc das versteht oder lebt, ist eine andere Sache. Aber sicher sind sie näher an der jesuanischen Botschaft als die reiche Amtskirche mit ihren immer fürstlicher lebenden Prälaten. 

 

Versuche Roms, sie zurückzuholen, scheitern an der Nähe von südgallischer Geistlichkeit und Adeliger zu ihnen. Päpstliche Legaten mit ihrem Protz und Prunk werden der Lächerlichkeit preisgegeben. 1208 wird sogar einer von ihnen ermordet. Mit ihrem Materie (das Böse) - Geist (Gott) - Dualismus bedrohen sie eine reiche und mächtige Kirche und deren wichtigstes Ritual, das in der Transsubstantiation kulminiert: Gott, immaterieller Geist, kann nicht in Brot und Wein, etwas materiellem, anwesend sein. Die Kirche reagiert auf dem Vierten Laterankonzil 1215 damit, dass sie genau das bekräftigt.

 

Innozenz ruft nun zum Kreuzzug gegen die "Albigenser" auf. König Philippe Auguste ist wegen dem englischen König Johann Ohneland im Norden gebunden, aber nordfranzösischen Adeligen unter Simon de Montfort gelingt es, mit Rauben und Morden den Süden zu erobern.

 

Humiliaten

 

Ähnlich wie die Katharer und anders als die Armen von Lyon („Waldenser“) waren die Humiliaten keine strikt evangelische Armutsbewegung. Keller fasst ihre Vorstellungen folgendermaßen zusammen: „Kleiderluxus vermeiden, sich des Wuchers enthalten, unrechtmäßig erworbenes Gut zurückgeben, den Lebensunterhalt durch Handarbeit verdienen, alle überschüssigen Einkünfte an die Armen verteilen, die Ehepflichten erfüllen, friedfertig und sittenrein leben und Demut, Geduld und Nächstenliebe üben. Die Humiliaten kamen zwischen der Arbeit zu gemeinsamen Gebetsstunden zusammen und bestärkten sich sonntags auf den gottesdienstartigen Versammlungen durch ihre Predigten.“ (Begrenzung, S.458)

 

Als Gründer gelten lombardische Adelige besonders aus Mailand, aber die „Demütigen“ werden schnell zu einer Bewegung unter Handwerkern, die eine Art kleinbürgerliche Rechtschaffenheit und Ehrbarkeit pflegen. Wie andere evangelische Bewegungen der Zeit konzentrieren sie sich ganz auf das Neue Testament, lehnen Eide ab und pflegen die Laienpredigt, und wie die 'Armen von Lyon' widmen sie sich der Häretikerbekämpfung.Sie teilen sich in Laien, die in ihren Familien und deren Häusern wohnen, Regulare, die in nach Geschlechtern getrennten Gemeinschaften leben, sowie in gemeinschaftlich lebende Kleriker (C.Ardenna in 'Verwandlungen', S.247)

 

1184 werden sie ebenso wie die Waldenser und andere "Häretiker" von Papst Lucius III. verurteilt und mit dem Bann belegt, wohl vor allem wegen der Laienpredigt. 1201 werden sie von Innozenz III. wieder in die Kirche aufgenommen, nachdem sie ebenso wie die Jünger des Franziskus eine ordensmäßige Organisation mit Statuten akzeptieren, wobei insbesondere die Laienpredigt stark eingeschränkt wird. Das führt zum Übertritt von Humiliaten zu den Waldensern; andere bilden insbesondere in Mailand für einige Jahrzehnte noch eine stattliche Gemeinde.

 

 

Der Geistliche Arnold von Brescia wollte in derselben Zeit die Kirchenreform, die gerade an einer weiter verweltlichenden Kirche scheiterte, fortführen dahingehend, dass die Kirche auf allen Besitz und ihre ins Weltliche reichende Macht verzichen sollte. Im Bündnis mit der römischen Kommunalbewegung versuchte er die päpstlichen

Machtvollkommenheiten zu beschneiden. Kommentar des Gelehrten Johannes von Salisbury: Was er lehrte, stimmte weitgehend überein mit dem Gebot der Christen, deren Leben freilich weit davon abwich.

 

„Waldenser“: Die Armen von Lyon

 

Anders als die Entstehungsgeschichte der am Ende weitgehend in den kirchlichen Rahmen integrierten Franziskaner ist die der später und von ihren Gegnern so genannten Waldenser kaum solide dokumentiert, waren sie doch wenige Jahrzehnte nach ihren Anfängen bereits kirchlicher Verfolgung ausgesetzt. Anfang des 14. Jahrhunderts schreibt der Dominikaner Bernard Gui das Kapitel 'De secta valdensium' seiner 'Practica inquisitionis heretice pravitatis', welches auf erheblich frühere Quellen teilweise wortwörtlich zurückgreift:

 

Die Sekte oder Ketzerbewegung der Waldenser oder der Armen von Lyon entstand etwa im Jahre des Herrn 1170. Der verantwortliche Gründer war ein Einwohner von Lyon, Valdesius oder Valdensis, daher der Name dieser Sektierer. Er war reich, aber nachdem er alle seine Güter weggegeben hatte, nahm er sich vor, in der Nachfolge der Apostel in Armut und in der Vollkommenheit des Evangeliums zu leben. Für seinen eigenen Gebrauch hat er die Evangelien in die Volkssprache übersetzen lassen. Ebenso einige andere biblische Bücher und auch einige Lebensregeln des Heiligen Augustinus, Hieronymus, Ambrosius und Gregorius, die unter Titeln, die er und seine Anhänger Sentenzen nannten, verbreitet wurden. Sie lasen sie sehr oft, aber sie verstanden sie nicht richtig. Obwohl sie ungebildet waren, maßten sie sich, von sich selbst überzeugt, die Funktion der Apostel an und wagten, das Evangelium auf den Straßen und öffentlichen Plätzen zu verkünden. Besagter Valdesius oder Valdensis riss in seiner Anmaßung zahlreiche Anhänger beiderlei Geschlechts mit sich, die er wie Jünger zum Predigen aussandte. (deutsch in Audisio, S.20)

 

Mehr ist über der Gründer der Bewegung und die Anfangszeit nicht bekannt, der Rest sind unüberprüfbare Legenden. Erschließen lässt sich ein Erweckungserlebnis eines Kaufmanns, welches ihn dazu brachte, ein apostolisches Leben zu führen, welches sich insbesondere am Jesus des Matthäusevangeliums und an der Apostelgeschichte orientierte: Ein Leben in der von Jesus verlangten absoluten Armut, versehen mit dem jesuanischen Auftrag der Verkündigung seines Wortes und dem absoluten Primat dieses (neutestamentarischen) Gotteswortes, welches über allen kirchlichen Instanzen stehen soll.

 

Armutsbewegungen waren in dieser Zeit nichts Neues und wurden von der in immer mehr Pracht und Protz lebenden Kirche geduldet, solange sie sich der Kirche voll unterordneten. Als eine Abordnung der Armen von Lyon auf dem Dritten Laterankonzil erschien, wurde ihr das denn auch mündlich konzediert. In diesem Jahr 1179 gab es sogar die Erlaubnis zu predigen, allerdings mit der gravierenden Einschränkung, dass man erst die Erlaubnis des jeweils zuständigen Pfarrers einholen müsse. Dennoch war das Predigen jesuanischer Armut eine stattliche Herausforderung an die Kirche, insbesondere, da es bei den „Waldensern“ im Unterschied zu Humiliaten und Katharern zunächst mit der Ablehnung jedes sonstigen Gelderwerbs verbunden war. Aber die Armen von Lyon, die sich schnell verbreiteten, waren eben auch bereit, sich der Kirche zu unterstellen und zudem auch gegen die deutlich häretischeren Katharer zu predigen, weswegen sie auch dort in dem Land der langue d'oc, dem zukünftigen Südfrankreich, Gemeinden bilden können.

 

Die Ungebildetheit dieser Bewegung war ein Phänomen der späteren Unterdrückung durch die Kirche, als sie in ländliche Räume und dort in den klandestinen Untergrund abgedrängt wurde, handelte es sich doch zunächst um bürgerliche Kreise in den Städten. Im Text des Dominikamers wird aber etwas anderes deutlich, was allen Armutsbewegungen zu eigen ist: Während Kirche und weltliche Macht bislang sehr deutlich immer wieder auf das (jüdische) Alte Testament rekurriert hatten, konzentriert sich auch diese Armutsbewegung ganz auf das neue.

 

Zum Problem des Predigens von Laien kam, dass auch Frauen damit anfingen. Und so verbietet der Erzbischof von Lyon die „Waldenser“ in seiner Stadt und sie müssen von dort fliehen. 1184 werden sie in Verona von Papst Lucius III, zusammen mit den Humiliaten mit dem Kirchenbann belegt. Das hindert „Waldenser“ aber nicht daran, sich weiter der Kirche zugehörig zu fühlen und entsprechend keine eigene Organisation aufzubauen. Allerdings hält sich die Verfolgung zunächst in Grenzen.

 

Da diese sich langsam über Teile Frankreichs, Norditaliens und des Westens Deutschlands verbreitende Bewegung zunehmend in einzelne Predigergruppen zerfiel, kam es zu Besonderheiten: Die einen begannen, jeden Eid und die Todesstrafe abzulehnen, andere entwickelten eigene Formen des Abendmahles und die Beichte bei Laien begann sich durchzusetzen. Da sie von der Eucharistie der römischen Kirche ausgeschlossen waren, entstand neben den Predigern das Amt dessen, der sie nun zu vollziehen hatte.

 

1215 werden die „Waldenser“ dann auf dem Vierten Laterankonzil nicht nur als Schismatiker, Kirchenspalter, sondern auch als Häretiker verurteilt. In den nächsten zehn, zwanzig Jahren beginnt die systematische Verfolgung. Schon Ende des 12. Jahrhunderts war der Feuertod für Ketzer beschlossen worden und die Konfiskation ihres Eigentums. 1231 wurde mit der Inquisition das förmliche Gerichtsverfahren mit Folter usw. etabliert. Von nun an waren Waldenser wie andere Arme Christi in einen Untergrund absoluter Illegalität abgedrängt. Ihre Zentren verlagern sich immer mehr ins neue, östliche Deutschland, nach Böhmen und Österreich. Mit der Flucht aus den Städten werden sie dabei immer mehr zu einer Bewegung der kleinen Leute, von Handwerkern und insbesondere von Bauern.

 

Homobonus von Cremona

 

Homobonus Tucenghi wird um 1117 als Kind eines Kaufmanns geboren. Er erlernt von seinem Vater den Tuchhandel, und ist selbst "hochrangiger Handelsherr", der selbst bis etwa zu seinem 65. Jahr "über Land und übers Meer" reist. (Mariella Morandi) Er wohnt im Handwerker- und Händlerviertel in der Cittanova, wo er auch als Schneider tätig gewesen sein soll. Er ist verheiratet und hat Kinder.

Mit etwa 65 Jahren findet eine Art Konversion statt, Homobonus gibt den Handel auf, verkauft seine Ländereien und wechselt vom luxuriösen Kaufmannsgewand in dunkle, braune Büßerkleidung des sich öffentlich bekennenden Sünders. Er führt nun ein Leben im häufigen Gebet, mit eifrigem Fasten und Geißeln mit dem Bußgürtel und in Wohltätigkeit, was seine Familie verständlicherweise verärgert. Er vermittelt zudem in schweren Konfliktfällen in der Cremoneser Oberschicht, wie ebenfalls in seiner Vita angedeutet wird. 

 

Für die Kirche wie die weltliche Gewalt ist wichtig, dass dieser Mann zeigt, dass Armut als Grundlage für frommen Lebenswandel nicht Rebellion bedeuten muss: Homobonus bleibt der Kirche treu ergeben. Darüber hinaus wird er nicht wirklich arm, er behält genug für den Lebensunterhalt von sich und seiner Familie. Etwas neues ist aber auf jeden Fall, dass nun, im Unterschied zu früheren Zeiten, ein Nichtadeliger in den Rang der Heiligkeit aufsteigt. 

 

Sicardo, zugleich Graf und Bischof  von Cremona (von 1185 bis 1215) reist bereits mehr als ein Jahr nach dem Tod des angesehenen Bürgers mit einer großen Schar geistlicher und weltlicher Honoratioren der Stadt zum Papst, um dessen Heiligung zu erreichen. Dabei kann er bereits auf eine Anzahl Wunder zurückgreifen, die seine Leiche bewirkt habe. 1199 wird er von Papst Innozenz III. heiliggesprochen .Für den Graf und Bischof bedeutet das, dass er sich der Unterstützung der unteren Schichten eines naiveren Populus erfreuen kann, die in besonderer Weise an lokalen Heiligen hängen.

 

Franz von Assisi

 

Um einen ersten Eindruck von der Person dieses Francesco zu bekommen, mag hier als Einstieg sein vielleicht bekanntester Text dienen: Der 'Gesang an Bruder Sonne'

 

Du höchster, allmächtiger, guter Herr,
Dein sind der Lobpreis, die Herrlichkeit
und die Ehre und jeglicher Segen.
Dir allein, Höchster, gebühren sie,
und kein Mensch ist würdig, Dich nur zu nennen.

 

Lob sei dir, Du Herre mein,
mit allen Deinen Geschöpfen,
zumal dem Bruder, der Sonne,
denn er ist der Tag,
und er spendet das Licht uns durch sich.
Und er ist schön und strahlend in großem Glanz.
Dein Sinnbild trägt er, Du Höchster.

 

Lob sei Dir, Du Herre mein,
durch die Schwester, den Mond und die Sterne,
am Himmel hast du sie gebildet
hell leuchtend und kostbar und schön.

 

Lob sei Dir, Du Herre mein,
durch Bruder Wind und durch Lüfte und Wolken
und den heiteren Himmel und jegliches Wetter,
durch welches Du Deinen Geschöpfen den Unterhalt gibt.

 

Lob sei Dir, Du Herre mein,
durch die Schwester, das Wasser;
gar nützlich ist sie
und demutsvoll und köstlich und keusch.

 

Lob sei Dir, Du Herre mein,
durch Bruder Feuer,
durch den du erhellst die Nacht;
und er ist schön und fröhlich
und kraftvoll und stark.

 

Lob sei Dir, Du Herre mein,
durch unsere Schwester, die Mutter Erde,
die uns ernähret und lenkt
und mannigfache Frucht trägt
und buntfarb'ne Blumen und Kräuter.

 

Lob sei Dir, Du Herre mein,
durch jene, die verzeihen durch Deine Liebe
und Schwachheit ertragen und Drangsal.
Selig sind, die solches ertragen in Frieden,
denn sie werden von dir, du Höchster, gekrönt.

 

Lob sei Dir, Du Herre mein,
durch unseren Bruder, den leiblichen Tod;
ihm kann kein Mensch lebendig entrinnen.
Unheil wird jenen, die in Todsünden sterben.
Selig sind jene, die in Deinem allheiligen Willen sich finden,
denn der zweite Tod tut ihnen kein Leid an.

 

Lobet und preiset den Herren mein
und erweiset ihm Dank
und dient ihm mit großer Demut.

 


Um den Klang dieses schönen neuen Italienisch ins Ohr zu bekommen, welches gerade im Entstehen begriffen ist, eine Strophe im Original:

 

Laudato si, mi signore, cun tucte le tue creature,
spetialmente messor lo frate sole,
lo qual’è iorno, et allumini noi per loi.
Et ellu è bellu e radiante cun grande splendore,
de te, altissimo, porta significatione.

 

In den romanischen Sprachen sind die grammatischen Geschlechter manchmal anders als in den Germanischen (neu-hoch-italienisch il sole (masc) die Sonne / la luna (fem) der Mond / l(a)' acqua (fem) das Wasser usw. Darum ist hier die Sonne der Bruder etc. Immer wieder taucht in den Quellen allerdings auch die Information auf, dass Francesco gerne Lieder in französischer Sprache sang.

 

Dies ist kein Pantheismus, der christliche Gott verschwindet nicht in der Natur, sondern er zeigt sich in ihr. In einem späten Nachklang auf den Plato des Symposion verkörpert sich in diesem Gott die höchste Liebe, die zugleich als Schönheit sichtbar wird, und zwar als Schönheit der Welt, die zugleich die Schönheit der Natur ist. Franziskus ist dabei nicht bewusst, dass er sich von einzelnen Aspekten des Christentums entfernt, wie in der Hervorhebung der „Natur“, so wie er sie versteht, als Abbild Gottes.
Die von Gott wohlgeschaffene Welt wird für Franziskus durch ein Band der Liebe zusammengehalten, welches er in Bildern von Geschwisterlichkeit und kleinfamiliärer Bindungen übersetzt. Seine Brüdergemeinschaft (und die Schwestergemeinschaft der Klara von Assisi) sollte durch ähnliche Bindungen zusammengehalten und kein formeller Orden werden.

 

Der zweite Tod ist die ewige Verdammnis, der Verlust des ewigen Lebens bei Gott. Aber in seinem Lieblingslied droht Francesco nicht, der Teufel bleibt ausgespart, er beschreibt die Welt als eine große Einladung an die Menschen. Bei ihm lässt die frühmittelalterliche Leibfeindlichkeit ein gutes Stück weit nach: Der menschliche Körper ist für ihn Ausgangspunkt für das Böse, aber zugleich ein Gottesgeschenk. Francesco wurde vom Vater "der Franzose" genannt (nachdem er auf Johannes getauft war), weil er die Poesie der aquitanischen Höfe liebte. Sein frühes Mittelfranzösisch muss sehr gut gewesen sein, da er öfter mal in dieser Sprache in Umbrien predigte, wo sie verstanden wurde. Der Poesie Aquitaniens ist wohl auch geschuldet, dass "kraftvoll und stark" positive Attribute des Feuers bei einem Christen sind. Mit Francesco wird der leidende und "weinende Mönch" des frühen Mittelalters abgelöst durch einen auch heiteren, lächelnden und lachenden Bruder.

 

Zum letzten: Die Abwertung der Frauen im frühmittelalterlichen Christentum auch als Echo auf den antiken und germanischen Patriarchalismus scheint bei Francesco völlig aufgehoben: Bruder und Schwester sind gleichwertig und mit gleichwertigen positiven Attributen versehen. All dies waren heftige Herausforderungen für die Papstkirche, die mit deutlichen Restriktionen antwortete.


(Die Übersetzung habe ich mit einer Abänderung bei Jacques Le Goff, Franz von Assisi, Stuttgart, 2007, S.110ff gefunden. Für mich ist es die schönste. Die Abänderung ist: Ich habe Benedeiung (onne benedictione) durch Segen ersetzt. Ich wollte, dass das Lied schön deutsch wird, so wie es schön frühitalienisch war.)

 

Was wissen wir über ihn? Er war der Sohn von Pietro Bernadone, eines wohlhabenden Kaufmanns von Assisi, der mit Tuchballen handelte. Als der Sohn um 1181 geboren wird, ist der Vater gerade auf Geschäftsreise in Frankreich. Assisi gehört zu Umbrien, ein „Italien“ gibt es noch nur als geographischen Begriff, wie auch Umbrien einer ist. Gerade in Nord- und Mittelitalien hat sich der Feudalismus nicht so recht durchsetzen können, manche römische Städte wie Rom oder Mailand haben sich mehr als im Frankenreich in Kontinuität seit der Römerzeit erhalten können. Dennoch gibt es Herrscher über sie, Bischöfe, Grafen usw. Zur Zeit des Franziskus beginnen Händler und Handwerker immer mehr, die Macht mit ihren Zünfte und Gilden, den artes, wie sie heißen, an sich zu reißen.

 

Eine Welt neuer Werte und Vorstellungen entsteht, jene bürgerliche, in der Geld und finanzieller Erfolg immer wichtiger werden und in der die alten adeligen und christlichen Tugenden langsam zu Idealen ohne Gegenstück in der Wirklichkeit werden. Francesco wird sich sehr demonstrativ gegen die neue Welt entscheiden. Der Bürgersohn wird sehr unbürgerlich sein, mag seine Abkunft ihn auch geprägt haben, allerdings ist erso wohl ohne bürgerlichen Hintergrund nicht möglich.

 

In seiner jugendlichen Lehrzeit als Kaufmann und Händler in relativem Wohlstand (mit Lesen und Schreiben und vielleicht etwas Latein) wird Francesco immer mehr von Phantasien ritterlicher Ideale angezogen: Mut, Edelmut, Tapferkeit, Selbstlosigkeit, und das alles für hohe Ziele, so wie es die dem Zeitgeist entsprechenden Heldenlieder darstellen. Er nimmt an einem Feldzug Assisis gegen Perugia teil, wird 1202 für ein Jahr eingekerkert und vermutlich nach Lösegeldzahlung durch seinen Vater wieder freigelassen. Einmal reitet er sogar mit Freunden gen Süditalien, um in einem päpstlichen Heer mitzukämpfen, kehrt aber auf halbem Wege wieder um. Papsttum, viele Städte wie Florenz, Kommunen“, Stadtgemeinden, sind derzeit „guelfisch“ (welfisch) und gegen die staufischen („schwäbischen“) Kaiser gerichtet. In diesem städtischen, bürgerlichen Milieu werden Francescos Anhänger später ihre enorme Wirkung entfalten.

 

Die Konversion des Francesco wird mehrere Jahre dauern. Eine Untersuchung der Gründe lasse ich außen vor, da sie auf Spekulation angewiesen wäre.. Jedenfalls verabschiedet er sich vom Gelderwerb, vom Rittertum, unternimmt eine Wallfahrt nach Rom, verschwindet bei einem Priester in der Nähe, verschwindet dann immer wieder in die umbrische Einsamkeit, bricht wie das Vorbild Jesus immer mehr mit dem Elternhaus, das von ihm entgeistert ist, insbesondere als er väterliches Gut für die Armen verwendet.

 

Bild

 

Es kommt zum Bruch, der später auf Gemälden als jene öffentliche Gerichts-Szene dargestellt wird, in der er seinem Vater sein Gewand vor die Füße wirft und so demonstriert, dass er auf sein Erbe verzichtet. Dabei unterstützt ihn Bischof Guido II. von Assisi.

 

In seinem Testament wird er schreiben: So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Buße zu beginnen: Denn als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt.

 

Es ist – soweit mich die Quellen tragen – keine intellektuelle Umkehr, sondern die Suche nach einem guten Leben, nach Lebensglück, nach dem, was wichtig ist für die kurze Zeit des Daseins. Vielleicht haben seine chronischen Krankheiten beigetragen (Augen, Verdauungsorgane), vielleicht war sein Geschlechtstrieb nicht so stark entwickelt wie bei einigen Altersgenossen. Alles Fragen ohne Antworten. Aber verstehen kann man den anderen ohnehin nur über das, was er tut, und schon gar nicht über das, was er womöglich selbst nicht weiß.

 

Wichtig scheint mir, dass Francesco sich nicht mehr auf die Suche nach einem Ideal begibt, sondern auf die Suche nach sich selbst. Er pendelt zwischen dem Kontakt zu vielleicht nicht sehr konformen Priestern, der Einsamkeit in der "Natur" (in Höhlen, Eremitagen) und dem Aufenthalt in Städten, wo ihn die Gutbürgerlichen in seiner einfachen Kleidung, mit Bart und langen Haaren beschimpfen und körperlich angreifen. Offensichtlich entwickelt er Stärke aus Leidensfähigkeit, ohne einen Kult des Leidens zu entwickeln, wie er für das frühmittelalterliche Christentum nicht ungewöhnlich war. Er wird arm, gewaltlos (friedfertig) und das, was damals keusch heißt.

 "Ich selbst" geht natürlich nicht ohne Leitbilder, an denen man sich zumindest abarbeitet, und für ihn sind das die Eremiten und die Wanderprediger, die sich in der unmittelbaren Nachfolge Jesu sehen. Wer genau in seine Wortwahl und seine Sprach- und Vorstellungswelt schaut, wird zudem eine Übertragung christlich-ritterlicher Ideale vom hohen Ross in die Niederungen einer erstaunlichen Demut entdecken.

 

Er will kein Ritter oder Kaufmann mehr sein, aber er möchte auch kein Kleriker oder Mönch werden. Er wird im wahrsten Sinne des Wortes evangelisch wie nur wenige vor und nach ihm. Das heißt, er tritt gemäß den Evangelien (das Alte Testament lässt er fast außer Acht) nicht in die Fußstapfen der Apostel, sondern in die direkte Nachfolge des Menschen Jesus. Da dieser sich die ungeheure Freiheit herausgenommen hatte, nur seinem Gottvater zu dienen und die irdischen Mächtigen soweit zu verachten, dass er es nicht einmal für lohnend hielt, sich gegen sie aufzulehnen (diese innere Freiheit war das ungeheuer andere bei ihm), wird unser Francesco auch nicht „politisch“, sondern bleibt ganz und gar persönlich. Er wird in diesem Sinne ein Mensch der Tat und nicht vor allem des Wortes, obwohl er anfängt, öffentlich zu predigen, auf Märkten, Straßen, in Häusern, die sich ihm öffnen.

 

Was er predigt, sind nicht die Sakramente, die er in Ehren hält, nicht der Gehorsam gegen Autoritäten, den er hinnimmt, sondern das Leben Jesu. Seine erste „Regel“ für seine Brüdergemeinde, die kein Orden werden soll, besteht ausschließlich aus Zitaten aus den Evangelien, in denen beispielhaft das Leben Jesu beschrieben wird. Das ist damals tatsächlich revolutionär: Lebensführung geht über Glaubenssätze, die Kirche wird respektiert, aber seine Brüdergemeinde aus Laien und Klerikern, Adeligen und kleinen Leuten lebt praktisch außerhalb von ihr (nicht gegen sie).

 

Als Francesco aufgrund des ungeheuren Zulaufes durch die Umstände und die Mächtigen gezwungen wird, neben seiner (eigenen) Brüdergemeinschaft einen Orden zu gründen, wird er ihnen keine Äbte und Prioren geben, sondern „Knechte“ und „Wächter“. Bei ihm müssen sie einmal im Jahr den Mönchen die Füße waschen (und nicht umgekehrt). In dieser ersten Ordensregel, die so vom Papsttum nicht angenommen wird (regula non bullata von 1219), gibt es ein Recht der Mönche auf Verweigerung des Gehorsams, wenn das Gewissen sagt, dass eine Anordnung falsch ist.

Das Gebot der Armut bzw. der Besitzlosigkeit geht bei ihm soweit, dass die Brüder kein Haus (bzw. gar ein Kloster) besitzen dürfen, kein Reittier (weswegen sie in gesundem Zustand auch zu Fuß gehen sollen, am besten barfuß), und nur ein Buch besitzen sollen, die Evangelien. Bücher, also Handschriften, sind damals ungeheuer teuer. Freiheit ist die Freiheit von jeder Abhängigkeit außer der gott- bzw. naturgegebenen. Zugleich besteht er darauf, dass jeder Arbeitsfähige arbeitet, auch in fremdem Auftrag, aber es darf kein Geld angenommen werden, nur Naturalien zur Erhaltung des eigenen Lebens. Ansonsten sollen die einen abwechselnd mit den anderen betteln gehen, um Almosen (Lebensmittel, nicht Geld) zu erlangen, während die ihre Zeit für die vielfältigen meditativen Formen christlichen Lebens einsetzen können.

 

Mit Armut ist evangelische Eigentumslosigkeit gemeint, nicht Müßiggang und Bettelei als Regel. In Francescos Testament heißt es entsprechend: Ich habe stets mit meinen Händen gearbeitet und will arbeiten. Ich wünsche, dass auch meine Brüder arbeiten, wie es sich ziemt. Die es nicht können, sollen es lernen – nicht der Bezahlung wegen, sondern um des guten Beispiels willen und um dem Müßiggang zu wehren. Doch wenn uns der Lohn der Arbeit nicht gewährt wird, wollen wir unsere Zuflucht zum Tisch des Herrn nehmen und an den Türen Almosen erbetteln. (in WGoez, S.328) Was Francesco ganz offensichtlich nicht möchte ist, einen Bettelorden entstehen zu lassen. Stattdessen scheint er ein wenig jene neue kleinbürgerliche Arbeitsethik zu teilen, wie sie in den Städten entstanden ist.

 

Das Training in Gewaltlosigkeit geht so weit, dass die Brüder, wenn sie in den Städten geschlagen oder verprügelt werden, lernen sollen, sich dafür zu bedanken, so wie es Jesus befohlen hatte.

 

Offensichtlich gelingt alles das Francesco und seinem engeren Kreis so gut, dass sie Bewunderer ebenso beim Adel wie besonders bei den kleinen Leuten finden. Was die einfachen Menschen in Stadt und Land betrifft, hat diese volksfromme Verehrung ihren schriftlichen Niederschlag in den noch im 13. Jh. wohl in Ancona aufgeschriebenen 'Fioretti' erhalten, den volkssprachigen „Blümlein des heiligen Franziskus“, Heiligenlegenden um ihn, die seine Einfachheit, Herzlichkeit, seine Heiterkeit und Freundlichkeit beschreiben.

 

Das Adjektiv „arm“ hieß ursprünglich verwaist oder einsam. Darüber hinaus hatte es auch die Bedeutung von „unglücklich“. Einem solchen Menschen gegenüber war der Christ zur Barmherzigkeit, zum Erbarmen verpflichtet. Der Arme, nämlich Unglückliche, jammert manchmal, was früher „(b)armen“ hieß. Sich „erb-armen“ hieß, sich des Unglücklichen annehmen. Und so konnte damals der Arme auch ein Besitzloser sein, das musste ihn aber nicht wesentlich auszeichnen.

„Armut“ war ursprünglich also nicht dasselbe wie heute. Im gleichzeitigen Latein und fast genauso im entstehenden Italienisch gibt es keine vergleichbaren Wörter zu diesem germanischen. Wenn man arm ist, ist man lateinisch: pauper (povero), und das meint besitzlos und bedürftig, und die Barmherzigkeit ist die misericordia. Dann hat man ein Herz (cor) für das Elend, die miseria, die allerdings auch Armut als Besitzlosigkeit meinen kann.

 

Für den Jesus der Evangelien wurde nach seiner Konversion Besitzlosigkeit und Wohnortlosigkeit zur Lebensform. Beide gehörten zusammen. Daraus entwickelte die christliche Kirche die Vorstellung, dass wir Fremde in dieser, einer falschen Welt seien, die dem Himmelreich gegenübergestellt wurde. Im Lateinischen ist der Fremde der peregrinus, der, der in der Fremde lebt, und entsprechend wurde das irdische Leben des Christen als peregrinatio bezeichnet, als Pilgerschaft. Im frühen Italienischen wurde daraus der pellegrino, der Pilger (französisch pélerin). Das christliche Leben auf Erden war eben eine Pilgerschaft zu Gott, zum ewigen Leben, aus der Fremde in die eigentliche Heimat. Ein klassischer Peregrinus oder später Pellegrinus war der Eremit oder Mönch, der der Welt entsagt, indem er allen nicht lebensnotwendigen Bindungen entsagt, die ihn von dieser Pilgerschaft abbringen oder ablenken. Die irischen Mönche des frühen Mittelalters hielten darum Mönchsein und Wanderschaft für identisch. Deshalb waren sie z.B. auch im Frankenreich der Merowinger anzutreffen, wo sie missionierten und Klöster errichteten.

Dem nachzufolgen war schon für frühe Christen bald eine Überforderung. An die Stelle der freigewählten Besitzlosigkeit trat ähnlich wie auch im Islam das Almosen Geben und das Verbot des Gewinnstrebens auf Kosten anderer, zum Beispiel, indem man Zins auf den Kredit aufschlägt. Im Islam ist das offiziell heute noch verboten. Da es den Juden nicht verboten war, wurden sie nach dem ersten Jahrtausend aus ihren normalen Berufen ausgeschlossen und zur „Wucher“ verdonnert.

 

Zur Zeit der Bekehrung des Franziskus um 1210 sind viele Bistümer und Klöster wohlhabend oder schwerreich, die Päpste in ihrem „Kirchenstaat“ beginnen, über immer größere Summen zu verfügen. Die radikale Entscheidung unseres Francesco zu völliger Besitzlosigkeit ist darum ein Ärgernis sowohl für weltliche wie für geistliche Kreise. die das als Provokation empfinden. Die Überlieferung sagt, er habe sich am Punkt des endgültigen Zerwürfnisses mit seinen Eltern vor ihnen nackt ausgezogen, um ihnen zu demonstrieren, was er meint. Das besonders Anrüchige beim Francesco ist dann noch, dass er nicht einmal in ein ordentliches Kloster eintrat, sondern für sich selbst und einfach so arm sein wollte.

 

Unter christlicher Askese wird meist verstanden, dass derjenige sich „kasteit“, von castigare = „züchtigen“. Das gibt es als Nachvollzug der Passion Jesu, so wie es das an Feiertagen auch bei den Schiiten gibt, die das Leiden Alis nachvollziehen. Askese heißt aber eigentlich so etwas wie sich Einüben in eine (selbstbestimmte) Lebensweise. Im lateinischen Mittelalter konnte so etwas auch exercitatio heißen (woraus die "Exerzitien" abgeleitet sind).

 

Mühe um dessen willen, worum man sich bemüht, und nicht um eines erst daraus abgeleiteten externen Lohnes willen macht noch heute für manchen die schönsten Tätigkeiten aus, die selbstbestimmten, vergnüglichsten. Darum entwickelt Franziskus auch keine eigentliche "Arbeitsethik", sondern bemüht sich um Sinnhaftigkeit und Würde in der Arbeit, die ihm ein wichtiger Teil des Lebens ist. Wer ihn allzu sehr moralisch liest, hat offenbar nicht verstanden, dass er das gar nicht nötig hatte.

 

Das selbstbestimmte Leben in absoluter Freiheit von selbstgeschaffenen Zwängen als Endpunkt der Konversion des Franziskus war natürlich vorbestimmt insofern, als es ihm um die imitatio Christi ging. Diese wieder aufgegriffene Vorstellung einer unmittelbaren Nachfolge des Menschen Jesu, eine extrem unkirchliche Vorstellung, wird in den nächsten 200 Jahren eine städtische Bewegung von Mailand und Florenz bis Gent und Brügge werden. In solchen Hochburgen eines Frühkapitalismus aus Handel und Handwerk bis hin zu Manufakturen wird diese Art der Frömmigkeit auch „sozialpolitische“ Züge bekommen, die frühen Gegner des neuen Wirtschaftens sind oft Christen.

 

Dabei werden mit der Radikalität von Katharern und von von den Franziskanern abgewanderten Fratizellen manchmal auch Aspekte von Leibfeindlichkeit wieder entwickelt.

 

Wichtig für Franziskus ist, dass Armut (paupertas) keine Form der Selbstkasteiung oder der Entbehrung ist, sondern Voraussetzung seiner Freiheit. Darum wird er in der Sprache der hohen Minne die Dame Armut (Domina Paupertas) lieben, die er dann öfter auch mit Maria identifiziert.

 

Den ersten „Brüdern“ schenkt die Benediktinerabteil vom Monte Subasio das Kirchlein Potiuncula. Sie leben in der Nähe in einfachen Hütten.

Diese Lebensform muss faszinierend gewesen sein: Der erste uns bekannte Mann, der zu Franziskus dazustößt, ist der reiche Bernardo da Quintavalle, der seinen gesamten Besitz verkauft und den (unfreiwilligen) Armen schenkt. Der zweite ist Pietro Cattani, ein studierter (Bologna) Jurist und Domherr. Dazu kommen aber auch Kaufleute, Handwerker und Bauern.

 

Wie auch immer die Zustände in der Kirche gewesen sind, Francesco liegt wenig daran, sie zu kritisieren, ist er doch nicht Kritiker, sondern einer, der sich selbst sucht. Im Testament heißt es dazu:

Gott gab und gibt mir solchen Glauben an alle Priester, die nach der Ordnung der Heiligen Römischen Kirche leben, dass ich meine Zuflucht auch dann zu ihnen nehmen wollte, wenn sie mich verfolgten. Und wenn ich soviel Weisheit wie Salomon besäße und zu armseligen Priestern ohne jede Gelehrsamkeit käme, so würde ich mir niemals herausnehmen, gegen ihren Willen in ihren Kirchen zu predigen. Alle Zeit will ich die Priester als meine Herren fürchten, lieben und ehren. (in diesem Deutsch in WGoez, S.319)

Dennoch wird die Kirche dieses Testament als zu radikal ablehnen.

 

Nichts war damals in Umbrien naheliegender und opportuner als ein Christ zu sein, und nachdem sich in den beiden Jahrhunderten zuvor Ressentiments, Hassgefühle und Gewalttätigkeit zwischen Christen, Muslimen und Juden entwickelt hatten, war das Verhältnis zwischen den Religionen miserabel geworden. Eine Option, in Mittelitalien nach außen hin kein Christ zu sein, bestand höchstens für Juden.

Dass Franziskus kein Allerweltschrist wie zum Beispiel seine Eltern geblieben ist, sondern nach seinem eigenen Christentum sucht, beweist immerhin Mut, Eigensinn und Interesse, seltene Eigenschaften. Seine Suche dauert denn auch eine Anzahl Jahre, bis er das ihm Gemäße gefunden hat. Was er offenbar neben den Evangelien als vorgegeben weiter behält, ist das Mysterium der Sakramente. Vielleicht ist deren sinnliche Ausübung in der römischen Kirche seiner eigenen Sinnlichkeit entgegengekommen. Mag der joculator dei, der Spielmann oder Gaukler Gottes, wie ihn seine Anhänger bald nannten wegen seiner oft heiteren Ausstrahlung, sich auch in manchem aus dem Raum der Kirche entfernt haben, die Verehrung der Sakramente hielt ihn doch an sie gebunden: Sakramente aber verlangen nach dem geweihten Priester, und den kann es ohne Kirche nicht geben.

 

1209 wandern die ersten zwölf Brüder nach Rom, wo sie vom Papst nach einigem Zögern die mündliche und wohl vorläufige Anerkennung ihrer Gemeinschaft erlangen, wobei Franziskus keine Ordensregel, sondern eine Sammlung von Evangelienzitaten vorlegt. Anerkennung durch den Papst erst legalisiert das Laienpredigertum der Minderbrüder, fratres minores.

 

Natürlich ist selbstgewählte Armut etwas anderes als aufgezwungene: Sie wird anders erlebt und empfunden; die eine ist in der Sprache der Zeit Demut (humilitas), und die andere in unserem heutigen Wortsinn demütigend. Das mittelhochdeutsche Wort Demut benennt die Bereitschaft zum Dienen und mit der neuen Poesie und Bildersprache um 1200 werden Lieben und Dienen gleichgesetzt. Wie wiederholt unser Francesco immer wieder so schön: deus est caritas. Wie in einem nachhallenden Echo wird hundert Jahre später die carità die alles durchdringende Tugend in Dantes Paradies sein. In meinen Worten: Ohne Liebe gehen wir seelisch zugrunde.

 

Glauben und Wissen lassen sich für viele schwerlich klar voneinander trennen. Einerseits ist das Glauben gefühlsintensiver, emotionaler, und das Wissen etwas eher vom Intellekt getragenes, manchmal nahe bei Schillers Blässe der Gedanken. Andererseits wird der Glaube im Zeitalter (natur)wissenschaftlicher Kriterien abgewertet als etwas Ungewisses, jemand glaubt nur und weiß nicht... Zur Zeit unseres Francesco ist der Einfluss der aristotelischen Philosophie sehr groß bei den wenigen Belesenen, und auch über den Umweg islamischer und jüdischer Gelehrter trägt er zur Herausbildung der Scholastik bei, eines Versuches, Glaube als Religion und die Vernunft zusammenzubringen.

 

Franziskus respektiert diese Schriftgelehrten einerseits, aber als ein mehr der Poesie als der Philosophie zugetaner Mensch erachtet er den Nährwert vernünftiger Ableitungen und Schlussfolgerungen für seine besondere Lebensform für gering. Das, was ihn in der Volksfrömmigkeit so beliebt macht, ist seine Hochschätzung der Einfachheit, vielleicht wäre das Wort Schlichtheit noch angebrachter. Franziskus begründet seinen Glauben nicht, sondern er glaubt einfach so intensiv, dass es für ihn zum intensiven Wissen wird. Was er im Kern glaubt, ist der Jesus der biblischen Geschichten ohne alle darauf gesetzte Theologie. In seinem Testament heißt es darum: Ich befehle im Namen des Gehorsams, dass man der Regel oder diesem Testament keine Auslegung beifügt, indem man sagt: So oder so ist das zu verstehen. Der Herr gab es mir, diese Worte reinen Herzens und einfältig zu diktieren, und so sollt auch ihr sie einfältig und lauter ohne alle Erläuterungen verstehen und allzeit befolgen. (in WGoez, S. 328f)

 

Jedem kritischen Geist sträuben sich natürlich andererseits die Haare bei dieser Verbindung von Einfachheit mit ihrem Diktat für andere. Das, was er hier formuliert, hätte dem jungen Aussteiger womöglich missfallen, wäre es von einem anderen ihm gegenüber geäußert worden. Aber der altgewordene, inzwischen Stigmatisierte scheint zu einer Heiligkeit gefunden zu haben, die ungeniert autoritär macht.

 

Das so wichtige Moment der Heiterkeit in seinem Christentum findet sich zum Beispiel im franziskanischen 'Speculum perfectionis' mit folgenden Zeilen:

Der selige Franziskus trachtete vor allem danach, wenn er nicht gerade dem Gebet oder dem Dienst an Gott oblag, außerhalb wie innerhalb seiner selbst eine fortwährende geistliche Freude zu bewahren. Und eine solche wollte er auch am liebsten bei seinen Brüdern antreffen; machte er ihnen oftmals ihre Äußerungen von Traurigkeit und Schwermut zum Vorwurf.

 

Das wirksamste an diesem Franziskus fasst Jacques Le Goff in seinem Buch über ihn so zusammen: „Er fand zum unbändigen Jubel der Urchristen zurück, der unter einem selbstquälerischen Christentum rasch erstickt war. ... Er führte die christliche Spiritualität mit der Laienkultur des Rittertums der Troubadoure und der Laienkultur des bäuerlichen Lebens mit seinen Tieren und seinem natürlichen Universum zusammen. Dieser erstaunliche Franziskaner sprengte den Deckel des Klerikalismus, der auf der alten lebendigen Kultur der Menschlichkeit gelastet hatte.“

In den Beschreibungen der Zeit wird Franziskus immer wieder als „heiter“ (hilaris) oder „von heiterer Art“ beschrieben. Als Motto wählte er sich: Armut mit Fröhlichkeit (paupertas cum laetitia). In den Beschreibungen der frühen Franziskaner tauchen immer wieder folgende Worte auf: gaudium (Freude,Spaß), iocunditas (muntere Freude), laetitia, risus (Lachen, Gelächter). Der frühe Franziskaner Peter von Tewkesbury soll einmal gesagt haben: Drei Dinge sind zum irdischen Wohlbefinden nötig: Speise, Schlaf und Humor. Wie wahr, was vor allem das letztere betrifft.

 

Nachfolger Bonaventura schreibt über den Lebensweg des von Franziskus inspirierten Christen: Der Weg beginnt, stimuliert vom Gewissen und endet im Gefühl geistiger Freude (spiritualis laetitia), er wird im Schmerz geübt, aber er erfüllt sich in der Liebe (sed consummatur in amore).

 

Mein Schlusswort ist das von Jacques Le Goff in seinem Buch über Franz von Assisi: „Sich der Welt zu öffnen und ihr gleichzeitig zu widerstehen, das ist ein Vorbild und ein Programm, das gestern wie heute gilt, und wahrscheinlich auch in Zukunft gelten wird.“

 

 

Soweit die Quellen reichen, wollte Franziskus keinen neuen Mönchsorden gründen, nicht sozusagen ein Konkurrenzunternehmen zu schon vorhandenem. Das alles wurde aber anders, als seine Anhängerschaft weit über die kleine Gemeinschaft in der Nähe von Assisi hinauswuchs, in der er sein Leben verbrachte, wenn er nicht als volkstümlicher Prediger auf Wanderschaft war oder sich in irgendeine Einsiedelei in der Natur zurückgezogen hatte.

 

Zunächst mal blieb seine kleine Gemeinschaft in der Nähe von Assisi nicht von Anfeindungen verschont. Zu ihrem Schutz sucht Franziskus darum die Anerkennung durch den Papst und schreibt dafür einen kurzen Text. Diese vitae formam et regulam (Lebensform und Regel) legte Franz zusammen mit ein paar Getreuen dem vielleicht mächtigsten Papst des Mittelalters vor, Innozenz III., der von ganz anderen mönchischen Traditionen durchdrungen war. Sie ist verloren (?) gegangen, und der wichtigste Biograph von Franziskus, Thomas von Celano, hat womöglich 1228 das Wort regula nachträglich eingefügt. Er schreibt nämlich: Franziskus beschrieb in kurzen Worten für sich, seine derzeitigen und zukünftigen Brüder eine Regel, die hauptsächlich aus Bibelversen bestand, die nur er vollständig und bedingungslos erfüllen wollte. (Meine Hervorhebung!) Das wäre schlechterdings keine "Regel", sondern die Hervorhebung von Aspekten des Vorbildes Jesus.

 

Es war überhaupt schwer für die armseligen Gestalten, bis zum Papst vorzudringen, und der ist offensichtlich zuerst einmal entgeistert. Überliefert ist, was ein Kardinal dann äußerte: Wenn wir diesem armen Kerl die Bitte aus diesem oder einem ähnlichen Vorwand abschlagen, könnte das eine Bestätigung dafür sein, dass man nach dem Evangelium nicht leben kann und dass wir damit Christus lästern, der es uns vorgelebt hat.

 

Innozenz gibt eine vorläufige mündliche Zustimmung, nicht mehr. Die Legendenbildung der Volksfrömmigkeit erzählt später, aus Trotz über die Kirchenfürsten und die weltliche römische Lasterhaftigkeit habe er danach den Vögeln das Evangelium gepredigt, ähnlich wie es schon in der Offenbarung des Johannes steht. Und die Vögel hätten mehr vom Evangelium verstanden als die Oberhäupter der Kirche. Kurz darauf schenkt der Abt eines Klosters auf dem Monte Subasio bei Assisi der Brüdergemeinschaft die kleine Portiuncula-Kirche, die heute von einem barocken Kirchenmonstrum aus Pracht und Herrlichkeit eingeschlossen ist. Man muss sich einmal in das machtvolle große Kirchenschiff setzen, und nach vorne auf das kleine Kirchlein des Franziskus schauen, um zu ahnen, wie groß der kleine Mann wirklich war, in einer Größe, die ganz von innen kam.

 

Dort, wo in nord- und mittelitalienischen „franziskanischen“ Gemeinschaften die Anwesenheit seiner persönlichen Autorität fehlt, kommt es zu allzu menschlichen Konflikten. Darüber hinaus gibt es in der Geistlichkeit aufgrund des "unordentlichen", also selbstgewählten Lebenswandels auch Anfeindungen. Also muss eine ordentlichere Regel her, die das Leben der Gemeinschaften und der Einzelnen reguliert. Am Ende entstand ein Orden der Minderbrüder jenseits der kleinen Gemeinschaft des Franziskus, vom Papst anders lizensiert, als es dem Poverello vorgeschwebt hatte.

 

1212 hört die vornehme Klara, Tochter eines Adelshauses aus Assisi, eine Predigt von Franziskus, büchst zusammen mit einer Freundin in derselben Nacht von zuhause aus und läuft zur Portiuncula-Kirche, wo die Gemeinschaft unseres Franz lebt. Sie wird zur Gründerin des Schwesterordens der Klarissen werden.

 

1215 erfolgt vermutlich im Zusammenhang mit dem 4. Laterankonzil eine erneute Anerkennung, aber von nun an müssen „Orden“, die nicht nach den Regeln der Benediktiner oder Augustiner leben, erst einmal vom Papst formell approbiert werden.

Diese päpstliche Kreation wird dann sofort von Papst Honorius III. politisch für die „guelfische“ Sache, also gegen den Staufer Friedrich II. eingesetzt.

 

Zu den späten herausragenden Stationen im Leben des Francesco gehört eine Pilgerreise nach Palästina 1219, wo er sich dem Kreuzzugsheer anschließt. Bei Damiette trifft er auf den Sultan, dem er vergeblich versucht, das Christentum nahezubringen. Bei seiner Rückkehr ist er körperlich verschlissen.

 

Um 1220 diktiert der Papst den nunmehr über große Teile Europas verbreiteten Gemeinschaften eine Ordensregel. Franziskus zieht sich dabei immer mehr zurück, ohne gegen solche Tendenzen Widerstand zu leisten. Inzwischen gibt es in Italien die Ordensprovinzen Umbrien, Toskana, Marken, Lombardei, Apulien, Sizilien. 1217/18 kommen noch zwei in Frankreich hinzu und dann jeweils eine in Deutschland, Spanien und im sogenannten 'Heiligen Land'.

 

1222 kommt ein Dritter Orden hinzu, in dem sich sogar auch verheiratete Laien aufgehoben finden können. Ein Jahr später diktiert Franziskus unter dem Druck der Papstkirche eine dritte Ordensregel, die von Honorius III. akzeptiert wird. 1224 zieht er sich in seine Einsiedelei von La Verna zurück, wo er die Wundmale Jesu empfangen haben soll.

Es wird vermutet, Franziskus sei versucht gewesen, sich von den sich von ihm entfernenden Franziskanern zu distanzieren. Aber damit hätte er „politisch“ werden müssen und derart seine menschliche Integrität verletzt. Also schweigt er, immer kränker, dem Tod entgegen. Am Ende schreibt er sein 'Testament', das bald nach seinem Tod von einem Papst für nicht verbindlich erklärt wird.

Zwei Jahre später stirbt er. Am Sterbebett singen seine zwei Lieblingsbrüder seinen Sonnengesang. Sein Leichnam und sein Name werden sofort von der Kirche und dem Volk missbraucht, indem sie ihm eine Art von kirchengemäßer bis volkstümlicher Heiligkeit zusprechen, die er offenbar so nicht wollte.

 

Ich möchte kurz beschreiben, was die zwei zentralen Konfliktpunkte mit dem Kirchenchristentum waren: Einmal gab es bislang ein Predigtmonopol der Kleriker, dessen verständliche Seite das Verhindern von Häresien, „Irrlehren“ war. Aber Laien wie Franziskus und die nichtklerikalen unter seinen Mitbrüdern zogen umher und predigten aus „eigenem Recht“: Indem sie sich unmittelbar auf die Evangelien bezogen, entkamen sie allerdings dem theologischen Meinungsstreit.

 

Zum anderen, und das passt dazu, verändern sie die anerkannten Vorstellungen von mönchischem Leben, wie sie seit Benedikt von Nursia galten. So heißt es zum Beispiel noch in einer Urkunde des Bischofs von Cesena von 1042: Die Mönche entsagen nämlich allem, was von dieser Welt ist, sie verweigern es sich selbst (seipsos abnegant) ... und sie kümmern sich nicht um das Leben anderer, sondern nur um ihr eigenes, wobei sie sich von den anderen Menschen völlig entfernen (et dum ab aliis penitus removentur, non aliorum, sed vitam propriam curant).

Auch bei der Gemeinschaft des Franziskus gab es eine Art Klausur, aber sie schloß von außen, nicht nach außen ab. Die Brüder gingen nicht nur hinaus zur Predigt, sondern mischten sich unter das Volk in den Städten, spendeten Trost, halfen Kranken, besonders den Aussätzigen (Leprakranken) usw. Derselbe Bischof schreibt zwar über die alte Mönchstradition, sie tragen ihr Kreuz nach dem Vorbild des gekreuzigten Christus (das füllt die obigen Pünktchen im Zitat aus), aber nun ziehen sie auch nach dem Vorbild des mitten im Leben stehenden Jesus umher...

 

Wenn ich versuche, Glauben modern und psychologisch zu deuten, dann stelle ich mir vor, dass es diesem Francesco Bernadone darum ging, eins mit sich selbst zu werden, und ich denke, dass die Formel, in welche er das am besten fassen konnte, das "Einswerden mit Gott" war, wie er das selbst nannte. Der wiederum ist noch nicht der „liebe“ Gott seit dem deutschen Spät-Barock, ein Gott für das neubürgerliche Familienleben, sondern ein „guter Gott“, wie er ihn selbst nennt, einer, von dem Francesco sich vorstellte, dass das Einswerden mit ihm das mit sich selbst sei. Mehr erfahren wir nicht über seinen Gott, hat er doch "dessen Sohn" als anschauliches Vorbild.

Eins werden mit sich selbst als Einswerden mit Gott: In der in Perugia entstandenen Heiligenlegende von ihm sagt er: Und der Herr sagte mir, dass ich der neue Verrückte in der Welt sei, weil ich es wollte. (In Le Goff)

 

Bei Franz von Assisi werden nicht nur die Frauen aufgewertet, sondern auch die Kinder. Seine Suche nach heiliger Einfalt, nicht Dummheit wohlgemerkt, bezieht er selbst auf das Jesus-Wort davon, dass die Menschen werden sollen wie die Kindlein. Das ist natürlich ein Phantombild, Kinder sind weder per se nett oder unschuldig, sie sind höchstens schuldunfähig. Und es hat natürlich auch etwas mit jener Vorstellung vorpubertärer Unschuld zu tun, die jene Gier außen vor lässt, welche das unkultivierte sexuelle Begehren darstellt.

 

Das wirksamste an diesem Franziskus ist wohl das gewesen, was Jacques Le Goff in seinem Buch über ihn so zusammenfasst: „Er fand zum unbändigen Jubel der Urchristen zurück, der unter einem selbstquälerischen Christentum rasch erstickt war. ... Er führte die christliche Spiritualität mit der Laienkultur des Rittertums der Troubadoure und der Laienkultur des bäuerlichen Lebens mit seinen Tieren und seinem natürlichen Universum zusammen. Dieser erstaunliche Franziskaner sprengte den Deckel des Klerikalismus, der auf der alten lebendigen Kultur der Menschlichkeit gelastet hatte.“

In den Beschreibungen der Zeit wird Franziskus immer wieder als „heiter“ (hilaris) oder „von heiterer Art“ beschrieben. Als Motto wählte er sich: Armut mit Fröhlichkeit (paupertas cum laetitia). In den Beschreibungen der frühen Franziskaner tauchen immer wieder folgende Worte auf: gaudium (Freude,Spaß), iocunditas (muntere Freude), laetitia, risus (Lachen, Gelächter). Der frühe Franziskaner Peter von Tewkesbury soll einmal gesagt haben: Drei Dinge sind zum irdischen Wohlbefinden nötig: Speise, Schlaf und Humor. Wie wahr, was vor allem das letztere betrifft.

 

Nachfolger Bonaventura schreibt über den Lebensweg des von Franziskus inspirierten Christen: Der Weg beginnt, stimuliert vom Gewissen und endet im Gefühl geistiger Freude (spiritualis laetitia), er wird im Schmerz geübt, aber er erfüllt sich in der Liebe (sed consummatur in amore).

 

Mein Schlusswort ist das von Jacques Le Goff in seinem Buch über Franz von Assisi: „Sich der Welt zu öffnen und ihr gleichzeitig zu widerstehen, das ist ein Vorbild und ein Programm, das gestern wie heute gilt, und wahrscheinlich auch in Zukunft gelten wird.“

 

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 1216 begegnet der niederlothringische Prediger Jakob von Vitry auf einer Italienreise solchen Minderbrüdern: Nur einen Trost (bei der Verweltlichung der Kirche) fand ich: Menschen aus beiden Geschlechtern, die alles um Christi willen verlassen haben und aus der Welt geflohen sind. Man nennt sie Minderbrüder. Sie leben nach dem Vorbild der Alten Kirche. Tagsüber kommen sie in die Städte und Dörfer, um mit ihrer Hände Arbeit anderen Gutes zu tun, nachts kehren sie in ihre Einsiedeleien oder einsame Bleiben zurück und widmen sich frommer Betrachtung. Es stört sie, dass ihnen von Geistlichen und Laien mehr Ehre zuteil wird, als sie es wollen. Einmal im Jahr kommen diese Frommen mit großer Freude an einem bestimmten Ort zusammen, um im Herrn fröhlich zu sein und gemeinsam zu speisen, ihre Sachen nach dem Urteil erprobter Männer zu ordnen und ihre Satzungen zu verkünden, die ihnen der Herr Papst bestätigt. Dann gehen sie wieder für ein ganzes Jahr auseinander. Der Herr will durch diese einfältigen und armen Leute viele Seelen vor dem Gericht retten. (in WGoez, S.327)

 

Um 1218 waren erstmals Anhänger des Franziskus (Minoriten) in deutschen Landen erschienen, wo man sie allerdings für lombardische Ketzer hielt und verjagte. Ab1221 beginnen sie sich aber dann, zuerst in Augsburg,dann in Mainz, dauerhaft zu etablieren. Um die Jahrhundertmitte gibt es bereits über hundert Franziskanerklöster und sie verbreiten sich über die meisten europäischen Städte.

 

Der neue „Bettelorden“ unterscheidet sich in manchem vom tradierten benediktinischen Mönchtum. Da ist zunächst die Konzentration auf die neuartigen Städte und die "Seelsorge" für die neuen städtischen „Massen“, das heißt das Eingehen der bewusst Armen auf die unfreiwillig Armen. Mit ihrem öffentlichen Predigertum verlassen sie auch das Gebot der stabilitas loci, des Eingesperrtseins in ihre Klausur, wenn sie auswärts predigen. „Und da die Brüder das Christentum, das sie predigten, selbst vorlebten, wirkten sie überzeugender als viele Pfarrherren und deren schlechtbezahlte Vikare, die die Seelsorge liturgisch-sakramental verstanden und deren Predigten kaum über eine exegetische Belehrung, die einfache Regeln aufstellte und mit Höllenstrafen drohte, hinausgegangen sein dürften.“ (KellerBegrenzung, S.465)

 

Was einst Neugründungen wie die Zisterzienser repräsentiert hatten, den Weg in mehr Innerlichkeit, also Gefühlsintensität in der Religionsausübung, wird von den Franziskanern verstärkt: Die Instanz des Gewissens bekommt stärkeres Gewicht, eine Entwicklung, die parallel im Bürgertum vor allem stattfindet. Das Gewissen aber ist auch die Instanz, mit der Kompartmentalisierung des Alltags betrieben werden wird.

 

Als Bettelorden verzichten die Franziskaner nicht nur wie die Zisterzienser auf die Produkte abhängiger Bauern, sondern überhaupt auf landgestützte Besitztümer und Einnahmen. Stattdessen leben sie von dem, was ihr Predigertum und die Anerkennung ihrer Armenfürsorge an Spenden bzw. Almosen einbringt. Die postive Einstellung des Franziskus zur Arbeit lassen sie bald fallen und überlassen Arbeit den Laienbrüdern. Damit sind sie auf die größeren Städte und ihre Geldmengen angewiesen, von denen sie etwas abzuschöpfen verstehen. In kleineren Städtchen errichten sie Außenstationen, Termineien, von denen aus gebettelt wird. 

Bei den Ordensbrüdern der Minoriten, dann auch später Franziskaner genannt, bleibt vom Vorbild des Franziskus auch sonst nur wenig übrig. Klerikalisierung und Akademisierung (Dirlmeier) widersprechen sehr schnell seinen Vorstellungen wie auch das Betteln als reguläre Einnahmequelle. In der Mitte des 13. Jahrhunderts beginnt die Umgehung der Armutsvorschriften zuzunehmen. 1263 erlässt Papst Urban IV. eine neue Regel, die gemeinsamen Besitz und feste Einkünfte zulässt. Inzwischen über tausend Jahre hat die Kirche ihre Hauptaufgabe darin gesehen, alles daran zu setzen, evangelisches Christentum zu verhindern.

 

Ihre Predigten entwickeln sich dabei immer mehr zu Bußsermonen, in denen Umkehr von einem sündigen Leben gefordert wird. Im 13. Jahrhundert verwandeln sich dabei Buß-Leistungen wie Teilnahme an Kreuzfahrt oder Wallfahrt zum Teil und insbesondere bei der städtischen Bevölkerung in Geldzahlungen, für die es „Ablass“ gibt. Damit wird dann ein nicht geringer Teil der gotischen franziskanischen Kirchen errichtet werden.

Am Anfang allerdings stehen kleine Kirchen nahe den Stadtmauern und Betätigung in nahegelegenen Herbergen, Hospitälern und Gebäuden für Leprakranke wie in Verona. Indem vorgefundene Gebäude genutzt werden, kann zunächst  auf den Besitz von Immobilien verzichtet werden.

 

Beginen

 

Bei den Armen von Lyon konnten offenbar auch Frauen zu Predigern aufsteigen. In Flandern und den späteren Niederlanden bilden seit dem Beginn des 13. Jahrhunderts vorwiegend jungfräuliche oder verwitwete Frauen in den Städten eigene kleine Gemeinschaften von Laien, oft aus dem Adel oder dem oberen Bürgertum stammend. Ohne dabei einen Orden zu bilden, ohne feste Regel und ewiges Gelübde geben sie sich einem Leben in Bescheidenheit und frommer Andacht hin. Zudem widmen sie sich der Fürsorge für Arme und Kranke. Dabei lassen sie sich durch Geistliche aus den Bettelorden mit Sakramenten und geistlicher Aufsicht versehen. Ihren Lebensunterhalt gewinnen sie mit gemeinsamen handwerklichen Tätigkeiten in der Tuchproduktion. Der Name Beginen entsteht wohl erst in späterer Zeit.

Zwischen 1230 und 1300 entstehen in Köln 45 Beginengemeinschaften, 1320 sind es 99. Geschätzte 1200 Frauen lebten dann in diesen Lebensgemeinschaften. 

 

Die Anwesen größerer Gemeinschaften lassen sich noch in Löwen oder Brügge betrachten, ein einzelnes Beginenhaus steht auch noch in Stuttgart-Bad Cannstatt.

 

Jakob von Vitry, nicht nur Kreuzzugsprediger, sondern auch Bewunderer der frühen Franziskaner, vertritt sie bei den Päpsten. 1215 schreibt er eine Biographie über die flämische Begine Maria von Oignies.

 

 

Die heilige Elisabeth

 

Die thüringische Elisabeth hatte in manchem eine thüringische Vorläuferin von ähnlicher offizieller Heiligkeit. Die aus königlichem Geschlecht stammende Radegunde wurde 532 ohne ihr Einverständnis an den Merowingerkönig Chlothar verheiratet.Als Königin gibt sie vom königlichen Reichtum mehr, als ihr Gemahl ertragen kann. Auf dem Lande übte sie frommes Verhalten mit Gefährtinnen. bis es gelang, den Bischof von Soissons dazu zu nötigen, sie als Nonne anzuerkennen.Sie gründet das Heil(igkreuzkloster in Poitiers. Darauf wurde ihr Reichtum entweder Kirchen oder Einsiedlern gespendet. Sie badete arme Frauen, wie es in ihrer Vita von ihrem Bewunderer Venantius Fortunatus heißt, pflegte ihre schwärenden Wunden (morborumque curans putredines) oder wusch eigenhändig Bettlern die Köpfe. Im Fleisch schon fast ganz tot, (praemortua), kümmerte sie sich nicht um die Qualen des Körpers.(4 und 5). Als Nonne reinigt sie von sich aus die Latrinen, fastet sie, wenn man dem Autor glauben darf, übermäßig, legt sich schwere Gewichte an Hals und Arme, brennt sich das Christuszeichen mit hartem Metall in das Fleisch (23, 25,26). Kein Wunder, das ihr Freund und Autor sie für heilig hält.

 

Königin Margarethe von Schottland, Gemahlin König Malcolms, zeichnet sich in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts bereits durch ein hohes Maß an "frommen Werken" aus, und ihre Tochter Mathilda (einst Edith) und Gemahlin des anglonormannischen ersten Heinrich steigert noch die Patronage geistlicher Einrichtungen vermittels ihres reichlichen endowments und verblüfft ihren Bruder David, zukünftigen schottischen König, indem sie Leprakranken die Füße wäscht und küsst und dabei auf Jesus verweist.

 

Francesco kam aus dem wohlhabenden Kaufmanns-Bürgertum, Elisabeth als Tochter des ungarischen Königs aus dem Hochadel. Geboren 1207 wird sie als Kind mit dem mächtigen Landgrafen von Thüringen verlobt, den sie 1121 heiratet. Es ist enorm schwierig, zwischen Legendärem und Historischem für den größten Teil ihres Lebens zu unterscheiden, da alle Texte bereits unter dem Eindruck ihrer Heiligkeit geschrieben werden, und zwar bis auf einen erst nach ihrem Ableben.

 

Sie heiratet einen Mann, dessen Vater, Landgraf Hermann I., zwischen Staufern und Welfen changierend, das Territorium seines Fürstentum mächtig ausbaut und die Wartburg als Zeichen seiner Macht dabei erweitert. Insbesondere reicht die Landgrafschaft über Thüringen hinaus durch viele Kirchenlehen des Erzbischofs und Kurfürsten von Mainz tief ins Nordhessische hinein.

 

Als dann Ludwig IV. früh stirbt, übernehmen die Onkel der Erben, Heinrich Raspe und Konrad die Vormundschaft. Konrad wird später Hochmeister der Deutschordensritter. Als der Gemahl Elisabeths volljährig wird, überlässt er die Aufsicht über die hessischen Gebiete Heinrich.

 

Elisabeth entwickelt eine immer intensivere Frömmigkeit, die sich dann auch unter dem Einfluss eines Laienbruders der Franziskaner in Armenfürsorge und Krankenpflege auslebt. Nicht das, sondern ihr immer deutlicheres Auftreten im Sinne der Nachfolge des armen Jesus verschafft ihr nach und nach Widersacher bei Hof: Den vorgeschriebenen kirchlichen Reinigungsritus nach der Geburt eines Kindes lässt sie nicht, wie üblich, vor einem großen Gefolge in kostbaren Gewändern vollziehen, sondern sie eilt alleine in einfacher wollener Armenkleidung ohne Schuhwerk zur Kirche, schneidet einem entstellten und kranken Armen die schmutzstarrenden Haare. Bei den Gottesdiensten tritt sie ebenfalls (öffentlich!) so auf und in der Prozession nimmt sie nicht in der Abteilung des fürstlichen Hofes teil, sondern barfuß mitten in der Schar der Allerärmsten.

 

Sie produziert mit ihren Dienerinnen Wolltücher, gibt sie an ein Nonnenkloster ab und schenkt das eingenommene Geld bedürftigen Armen und Kranken. Sie wäscht Verstorbene offenbar eigenhändig.

 

Andererseits scheint ihre christliche Leidenschaft ansonsten auf Gegenliebe bei ihrem Gemahl gestoßen zu sein. Gemeinsam gründen sie 1223 ein Hospital in Gotha. In der großen Hungersnot 1227 lässt sie die landgräflichen Kornkammern in Abwesenheit ihres Mannes öffnen und das Getreide an die Hungernden verteilen. Sie hat drei Kinder, um die sich sich wenig persönlich kümmert, und von denen zwei desungeachtet im Hochadel Karriere machen werden, während die Dritte Äbtissin wird. Sophia von Brabant wird später für den Enkel Elisabeths um sein Erbe kämpfen. Thüringen wird nach dem Tod Heinrich Raspes an den Markgrafen von Meißen fallen, während Hessen mit dem Zentrum Marburg sich als Landgrafschaft von Thüringen wie von Mainz lösen wird.

 

1227 stirbt der Gemahl auf einem Kreuzzug, und ihre Weltabgewandtheit nimmt aus Verzweiflung darüber offensichtlich zu. Schließlich nimmt ihr ihr Schwager Heinrich Raspe die Reste ihres Witwengutes, nachdem sie Kleinodien des höfischen Prunkes verkauft, um das Geld für die Armen und Kranken zu verwenden. Verständlicherweise hält er sie inzwischen nicht mehr für zurechnungsfähig. Vorher hatte sie aber in Marburg ein Spital gegründet. Elisabeth zieht nun wie eine Bettlerin mit ihren Dienerinnen über Eisenach nach Marburg. Die Bevölkerung ist darüber offenbar entgeistert.

 

Inzwischen gerät sie immer stärker unter die Aufsicht ihres Beichtvaters Konrad von Marburg, der 1227 Chef der Ketzerverfolgung in deutschen Landen wird, die er bald in ein grausiges Schreckensregiment verwandelt, welches sowohl der Kirche wie dem weltlichen Adel durch seine Grausamkeit unerträglich wird, so dass man ihn 1231 ermordet.

 

Dieser Konrad mit seinen sadistischen Antriebskräften treibt offenbar Elisabeth in eine immer strengere Askese, die zunehmend ihrer Gesundheit schadet. Desungeachtet vertritt sie weiter unter dem Einfluss von Franziskanern eine Art heitere, wenn auch zugleich rabiate Askese, die die praktizierte Nächstenliebe über die Selbstheiligung als Selbstzweck setzt. Es wird berichtet, dass Konrad ihr regelmäßig den Rücken blutig schlug. Im Libellus, den Aussagen ihrer Dienerinnen für ihre Heiligsprechung, wird folgende Erklärung von ihr zu Selbstkasteiungen widergegeben:

 

Es steht uns wohl an, dass wir dergleichen gern aushalten, weil wir wie das Schilfrohr im Fluss sind. Steigt der Fluss an, dann wird das Rohr gebeugt und zusammengedrückt und das überflutende Wasser durchdringt es, ohne es zu verletzen. Wenn dann die Überschwemmung nachlässt, richtet sich das Rohr wieder auf und wächst mit voller Kraft heiter und vergnügt. So ziemt es uns auch immer, dass wir gebeugt und gedemütigt werden und nachher wieder heiter und vergnügt dastehen.

 

Sie lebt nun als einfache Spitalschwester in Marburg bis zu ihrem Tod mit 24 Jahren, der wohl auf Entkräftung durch ihre Kasteiungen zurückgeht. Wie so viele derartige Heilige der Zeit wird sie, allerdings schneller als alle anderen zuvor schon nach fünf Jahren, offiziell heiliggesprochen, um als Vorzeigeobjekt einer ansonsten weithin völlig andersartigen Kirche zu dienen. Auch Kaiser Friedrich II. lässt sich 1236 die Gelegenheit für einen publikumswirksamen Auftritt nicht entgehen: Selbst barfuß und in einem grauen Gewand, bedient er sich einer goldenen Krone aus seinem Schatz, um damit die Heilige zu krönen. Die heilige Armut wird, wie bei Franziskus, in den sehr unheiligen Reichtum integriert.

 

Ganz anders ist das Bild Markgraf Ottos III. von Brandenburg, der einerseits von einer düsteren Frömmigkeit ist, wie sie die Markgrafenchronik schildert: Er war ein Mann, der sich völlig Gott ergeben hatte, und er zwang seinen Körper durch Fasten, Nachtwachen, Gebete, Kniebeugen, Geißelungen und andere Bußübungen, der Seele willig zu dienen. Schließlich entstanden an seinen Beinen vom stundenlangen Knien nahezu faustdicke Auswüchse. An jedem Freitag zerkratzte er sich zur Erinnerung an das Leiden Christi die Haut mit den Fingernägeln oder mit Nadeln, bis das Blut floß. (in WGoez, S.361)

 

Trägt das Bild, welches von Elisabeth überliefert ist, in seinen lebensverkürzenden Aspekten bereits pathologische Züge, so sind diese bei Otto noch viel stärker ausgeprägt. Andererseits ist der offensichtliche Selbsthass verbunden mit wenn auch zeittypischer ritterlicher Grausamkeit. Er nahm nämlich viermal an den sogenannten Preußenfahrten teil, winterlichen Jagdvergnügen auf „heidnische“ Balten, bei deren einer zusammen mit Ottokar von Böhmen Königsberg gegründet wird. Was im Winter von 1249 auf 1250 dabei thüringische Ritter so trieben, ist stolz überliefert: ...sie verbrannten das Land und schlugen viele tot – Männer wie Frauen – und verwüsteten alles so lange, bis die Heiden keine Zuflucht mehr fanden. In dieser Zwangslage gaben jene, die in der Heimat bleiben wollten, ihre Irrtümer und Gebräuche auf und unterwarfen sich völlig dem Joch des christlichen Glaubens. (in WGoez, S.362)

 

Dominikaner (in Arbeit)

 

Dominikus aus der kastilischen Adelsfamilie der Guzmán, Mitglied im Domkapitel von Osma, lernt auf einer Reise mit seinem Bischof durch das Languedoc die Katharer kennen, die sich bislang den Unterdrückungsmaßnahmen von Zisterziensern entziehen. Sie gründen in Prouillé ein Kloster für "bekehrte" Katharerinnen. Dominikus beginnt ein von Armut und Betteln gekennzeichnetes Wanderleben mit dem Ziel der Bekehrung von Häretikern.

1215 findet in Toulouse die Gründung einer Predigergemeinschaft mit der Augustinerregel und dem Ziel der Bekehrung von Nichtchristen und Häretikern statt. Neben Privateigentum wird auch gemeinschaftlicher Besitz verboten. 1220 gibt es, kurz vor dem Tod des Gründers, bereits 60 Niederlassungen. Kurz nach 1300 sind es bereits über 500 Konvente. 1276 und 1302 stellen Dominikaner Päpste.

 

Dominikaner wie Konrad von Marburg und Bernard Gui gehören zu den bedeutendsten und gnadenlosesten Inquisitoren des späten Mittelalters. Ketzerprozesse beschneiden die Verteidigungsmöglichkeiten der Angeklagten.

 

Sie fassen mit dem Mainzer Bürger Arnold Walpot, einem civis Moguntinus honestissimus  in der Stadt fuß. Er wird einer der Gründerväter des Rheinischen Bundes pro pace restauranda (Albert von Stade)