DIE KIRCHE UND DIE ENTSTEHUNG DES KAPITALISMUS (Bis 12.Jh.) (i.A.)

 

 

Das Irdische und der Weg ins Himmelreich

Gerechter und ungerechter Gewinn

Legitimationsstrategien

Kulturen?

Verbürgerlichtes Christentum

Kunst

Der geistliche Blick auf die Bürger

Goderich

 

 

Das Irdische und der Weg ins Himmelreich

 

Das frühe und hohe Mittelalter, der Weg in die erste Blüte des Kapitalismus, hat noch kein Wort für Kapital und schon gar keinen Begriff davon; was wahrgenommen wird ist die immer wichtigere Rolle des Geldes. Grund und Boden samt darauf lebenden und arbeitenden und von Herren abhängige Menschen werden verkauft oder verpfändet.  Produkte werden häufiger verkauft. Überhaupt fast alles kann nun zur Ware zu werden. Friedrich I. Barbarossa kauft das schwäbische Welfenerbe von Welf VI. Die ungeheuerliche Lösegelderpressung von der englischen Krone finanziert die Eroberung Siziliens durch Heinrich VI. Menschen verkaufen ihre Arbeitskraft an andere, manchmal nur gegen Kost und Logis. Aber ohne Geld muss man in den Städten betteln. Ablass von Sündenstrafen wird käuflicher. Überhaupt: Immer mehr wird käuflich. Wir gelangen in eine immer mehr sich verallgemeinernde Warenwelt, die allerdings Mensch, Natur und Landschaft regional in unterschiedlichem Maße erfasst.

 

Wie konnte es aber geschehen, dass ausgerechnet die christliche Welt mit ihrer (im Unterschied zu Judentum und Islam) so extrem jenseitsgewandten und allem irdischen Gewinn abholden Religion den Rahmen für die Ausweitung von Warenwelt und die Entstehung eines Kapitalismus abgeben würde? Die Frage kann dabei nicht nur sein, wie der Kapitalismus sich trotz des Christentums einnistete, sondern eben auch wegen ihm, denn es lässt sich schnell erkennen, dass das (Kirchen)Christentum ihn zwar einerseits, wenn auch im Ergebnis geringfügig, behinderte, andererseits aber auch deutlich zu dieser neuen Welt beitrug.

 

Der Grundwiderspruch des entstehenden Christentums war der zwischen der Verheißung der baldigen Wiederkehr des Jesus als Christus bei Paulus und in den Evangelien und der Tatsache, dass diese nicht eintrat. Damit wurden die radikalen Forderungen dieses Jesus der heiligen Texte obsolet, ihre Geschäftsgrundlage entfiel sozusagen. Genau daraus nun begründete sich aber der Aufstieg der Kirche. Sie ersetzte das Heilsversprechen Jesu durch ihr eigenes, durch die Etablierung ihrer magisch-sakramentalen Macht. Mit dieser gewann sie ein Eigenleben und Eigeninteresse, welches sie in ihre Integration in den antiken Machtapparat einbrachte. Im Laufe der Jahrhunderte wurde sie zum zentralen Erben der christianisierten antiken Welt. Der paulinische und evangelische Jesus verschwand hinter ihr.

 

Zwischen dem armen Wanderprediger Jesus und einer immer reicheren und mächtigeren Kirche gab es bald nur noch ein Bindeglied, den offiziellen Kanon heiliger Schriften des 1. Jahrhunderts, der einerseits nicht abgeschafft werden konnte, da er als Grundlage der Kirche diente, andererseits aber zur Praxis der Kirche in immer größeren Widerspruch trat. Auf dem Weg von der Antike ins Mittelalter half der Kirche dabei die zunehmende Illiteratheit der allermeisten Menschen, die anstelle des Evangeliums nun eine von der Kirche bereinigte und tendenziell etwas andere frohe Botschaft geboten bekommen – es sei denn, man nähme als eigentliche, unchristlich-frohe Botschaft, dass das angekündigte Weltenende noch nicht eingetreten ist und die Geschichte der Menschheit mit einer gewissen Kontinuität noch weitergeht.

 

Die Kirche vertritt seit ihrer Entstehung die Gegensätze von arm und reich, mächtig und ohnmächtig als gottgewollt. Dass Rentiers aus der Landarbeit von Sklaven und Kolonen ihren Anteil abschöpfen, ist ebenfalls gottgewollt. Aber sie übernimmt aus der aristokratischen Grundhaltung der römischen Oberschicht auch die Verachtung für Gewerbe, Handel und Finanzgeschäfte. Dabei entwickelt sie die Vorstellung von einem gerechten Preis von Waren auf dem Markt, der nicht auf Angebot und Nachfrage gründet. Alles darüber hinaus ist Preiswucher. Zins auf Land oder andere Immobilien hingegen ist christlich, da der Zahlende Nutzen gewinnt. Kaufleute aber, die mehr als den pretium iustum verlangen, sind Wucherer, und wer Geld gegen Zinsen verleiht, ist ein ganz schlimmer Sünder, denn er nutzt die Not, den Bedarf anderer aus. Dabei bleibt die Vorstellung ganz außen vor, dass Geld als Kapital (ausschließlich) investiert wird, um es zu vermehren, - ein Manko, welches der antiken Vorstellung von Geld entspricht. (Gilomen, S.8f)

 

Die letztlich antike Vorstellung vom gerechten Preis geht eindrucksvoll in die folgende Geschichte ein, die in einer um 925 geschriebenen Vita des heiligen Grafen Gerald von Aurillac des Abtes Odo von Cluny enthalten ist. Als Gerald auf der Rückreise von einer Pilgertour nach Rom in Pavia auf venezianische Kaufleute trifft, die ihn dazu bringen (!), Tücher und Gewürze aus dem Orient einzukaufen. Offenbar hatte er die nötigen Mittel. Stolz zeigte derselbe Heilige den Kaufleuten dann ein Pallium, welches er in Rom gekauft hatte. Als er den Preis nennt, gratulieren sie ihm zu dem überaus günstigen Kauf. Das veranlasst den frommen Mann zu dem Eindruck, er habe den Verkäufer übervorteilt, und er schickt ihm das Geld zurück, welches aus dem Ganzen einen gerechten Preis macht.

Interessant ist an der Anekdote nicht, ob sie sich wirklich so zugetragen hat, wichtig für den Autor ist nur die moralische Aussage. Interessant ist vielmehr, wie sehr Heiligkeit zwar noch mit der Idee des gerechten Preises verbunden ist, der ja übrigens nichts anderes mehr als ein Marktpreis ist, aber inzwischen in keinem Widerspruch mehr zu Luxuskonsum steht, der im cluniaszensischen Kosmos durchaus seinen Platz hat. Wenn aber der gerechte Preis etwas ist, wodurch sich (nur) ein Heiliger auszeichnet, dann spricht das Bände über die kirchliche Sicht auf die christliche Welt, in der nichts seltener war und ist als Heiligkeit.

 

Der Grundwiderspruch im sich entfaltenden Christentum zwischen paulinischen und evangelischen Botschaften einerseits und der kirchlich verwalteten Realität andererseits ist nicht nur einzigartig unter den drei (Schrift)Religionen, sondern auch verglichen mit allen Opfer- und Ritualkulten. Für die meisten Christen, denen ihre Religion ausschließlich durch die Kirche vermittelt wird, ist dieser elementare Widerspruch aber zunächst nicht wahrnehmbar. 

Auf dem Weg von der Antike ins Mittelalter hatte sich das Christentum für die allermeisten in eine Sammlung disparater Geschichten und Geschichtchen verwandelt, deren zentrale Botschaft immer die Unterwerfung unter die Kirche und die mit ihr verbündeten weltlichen Herren ist. Dem dient dabei das Kuriosum, dass diejenigen sagenhaften Geschichten, die im Alten Testament mit seinen mythischen Königen, sagenhaften Kriegern, Helden und Heldinnen den von Priestern entwickelten jüdischen Nationalmythos ausmachen, immer größere Bedeutung gewinnen. Direkt nebenan werden dabei aber weiter die jüdischen Nachbarn als Menschen zweiter Klasse behandelt, oft geduldet, gelegentlich verfolgt. Die Kritik, die der Jesus des Paulus und der Evangelien am Judentum formulierte, wird so substantiell ignoriert und zugleich zum Vorwand für die gelegentlich schlechte Behandlung der aktuellen Juden.

 

Das Christentum ist ein Resultat einer hellenistischen und dann römischen Überfremdung insbesondere der Oberschichten in Palästina, hat also seine Wurzeln nicht mehr in kulturellen Gemeinschaften, sondern in einer Misch-Zivilisation aus heimischen und angeeigneten fremden Elementen. Es tritt dann in einen hochzivilisierten hellenisierten Raum des römischen Imperiums ein, um schließlich auf "barbarische" Kulturen zu treffen, für die Zivilisierung, Überfremdung und Christianisierung zugleich stattfinden. Der christliche Grundwiderspruch trifft so auf den zwischen Macht und Ohnmacht bzw. Besitz und Proletarisierung.

 

Hatte der evangelische Jesus in seiner Verachtung alles irdisch nicht absolut Lebensnotwendigen die Beschäftigung auch mit institutionalisierter kultischer und weltlicher Macht abgelehnt, so wurde daraus in kompletter Verdrehung die Hochachtung dieser Machtstrukturen als göttlich gewollt, ja christlich darum wünschenswert. Daraus ergibt sich das enge Bündnis von Kirche und Macht bis in unsere heutigen, ansonsten in keinem Sinne mehr christlichen Tage.

 

 

Widersprüche über Widersprüche. Der evangelische Jesus hatte Armut und Besitzlosigkeit propagiert, aber seit dem Bündnis mit der antiken Macht gewinnt die Kirche Reichtum durch Schenkungen, mit denen sich immer mehr weltliche Herren in das Himmelreich einkaufen. Schon in den Reichen der Westgoten und Franken werden prächtige Bischofspaläste zu den herausragenden (steinernen) Gebäuden in den rudimentär gewordenen Städten, und Bischöfe häufen sowohl privaten wie kirchlichen Reichtum an. Bevor die Luxusbedürfnisse einer altneuen weltlichen Herrenschicht den Fernhandel wieder ankurbeln, sind es Luxusbedürfnisse der Kirche (und der Klöster), die Kirchen und Paläste schmücken. Und die „wichtigeren“ Kirchen und Klöster sammeln nicht nur Grundbesitz, entwickeln nicht nur Pracht, sondern häufen Schätze an, Gold, Silber, Edelsteine, wertvolle Tücher usw..

 

Der legitimatorische Dreh, mit dem eine reiche Kirche und reiche Klöster der Masse der Armen und mit ihrer Körperkraft Arbeitenden gegenübertritt, besteht darin, dass der klerikale und klösterliche Reichtum Gemeineigentum von Kollegien sei, die dieses im Namen Gottes und der Heiligen verwalteten. Zudem wird die sakrale Prachtentfaltung als eine zum Lobe Gottes deklariert. Die Massen der armen und illiteraten Landbevölkerung lebt zunächst wohl mit diesem und anderen Widersprüchen, ohne darauf Gedanken zu verschwenden, ist ihre Christianisierung doch nicht weit gediehen und weit entfernt von den Gedanken eines Paulus oder eines Evangelisten – dafür ganz nahe dran an den realen Machtverhältnissen und dem eigenen Überlebenskampf. Eklatant werden diese Widersprüche erst in den Städten, wenn dort die Anhäufung von Besitz, von Geld und (zunächst kleinen) Kapitalien jenes Begehren nach Besitz und nach immer mehr davon auch in weltliche Hände bringt, ohne dass diese dafür eine kirchlich abgesegnete Legitimation beibringen können, die über vermutlich nicht immer überzeugende prätendierte Gottgewolltheit hinausgeht.

 

Die Bischofsstädte sind die regionalen Zentren kirchlicher Macht, zugleich aber werden kirchliche und klösterliche Herrschaften im hohen Mittelalter mit ihrem zumeist ummauerten Dombezirk und den Klosterbezirken ein grundherrschaftlicher Fremdkörper in der (zum Teil wieder) entstehenden Stadt, in der sie oft weltliche wie geistliche Herrschaft ausüben. Sie vertreten eine langsam vergehende Ordnung, sind dabei Nuklei für die Ansiedlung von Handwerkern und Händlern, die sie versorgen. Diese schaffen sich ihre eigenen Viertel, die zugleich Pfarreien sind. Die Pfarrkirche wird ihr Zentrum. Über die Anfänge dieser in Aufstieg begriffenen neuen Lebenszusammenhänge wissen wir fast nichts. Aber als Dom, Kirchen, Klöster, Handwerker- und Händlersiedlungen mit einer gemeinsamen Mauer umschlossen werden und sich rechtlich und sozial vom Umland abgrenzen bzw. wie besonders in Teilen Italiens, dieses dominieren, treffen christliche Doktrinen, die Realität der Kirche und der Klöster mit ihren Grundherrschaften, und die im Kern so ganz andere Welt des entstehenden Bürgertums und des Kapitals immer deutlicher aufeinander. Das Ergebnis, die weithin friedliche und zugleich so widersprüchliche Koexistenz zwischen christlichen Institutionen und weltlicher Besitzgier und Gewinnstreben wird am Ende in zunehmender und schleichenden Säkularisierung der Städte enden.

 

Gegensätze zwischen Stadt und Land tun sich auf: Die Grundherrschaft mit ihrer angestrebten Selbstgenügsamkeit, Autarkie und einer im wesentlichen auf Selbstversorgung angelegten Wirtschaftsweise entspricht der offiziellen kirchlichen Doktrin, dass das Erdenleben möglichst ausschließlich der Vorbereitung auf das kommende Reich Gottes dienen soll, und dass jedes Wirtschaften sich auf den Lebenserhalt für dieses Ziel zu beschränken habe, - wobei der Prunk der kirchlichen Oberen nur Gottes Glorie dient, die sie auf Erden vertreten.

Wenn jemand nach Reichtum strebt, macht er sich eigentlich der Sünde des Geizes schuldig – er enthält seine Reichtümer nämlich denen vor, die davon dringender brauchen. Das funktioniert natürlich nicht mehr, seitdem Reiche im späten römischen Imperium die Spitzen der Kirche bilden und Reichtum nun gottgewollt ist wie Armut. Stattdessen sollten die, die in Not geraten, eben auch wie es die Kirche tut, Almosen erhalten, und wenn nicht das, dann wenigstens Leihgaben, auf denen kein Zins lasten darf. Ansonsten handelt es sich um Wucher (usuria), um das wirtschaftliche Ausnutzen der Not anderer. Indirekt vergibt man Almosen am besten durch Gaben an die Kirche.

 

Kirche und Klöster häufen also Reichtümer an, die sie als Kredite vergeben und mit denen sie investieren können, was mehr oder weniger Kapitalisierung bedeutet. Mit ihren Reichtümern befeuern sie die Nachfrage auf Märkten, sowohl nach Luxusgütern wie nach täglichem Bedarf, den die eigene Grundherrschaft nicht deckt. Und mit der Förderung der Städtebildung an Kathedrale und Kloster und der Förderung von Handwerk, Handel und Marktwirtschaft dort schaffen sie Fundamente für einen sich entfaltenden Kapitalismus, den damals allerdings niemand so sieht.

Wichtiger noch aber ist die Tatsache ihrer schieren Existenz, der dadurch hervorgerufenen Tatsache der Zweiteilung der Macht in Dialog, Konkurrenz und Konflikt. Keine monolithische Despotie engt so den Rahmen für die Einnistung von Kapital und seine erste Entfaltung ein. Wenn Ende des 12. Jahrhunderts und insbesondere im 13. die Räume durch Fürstenmacht enger werden und Elemente von Staatlichkeit entsprechend zunehmen, ist Kapitalismus dort jedenfalls bereits etabliert und Staatlichkeit durch ihn fundamentiert.

 

Gerechter und ungerechter Gewinn

 

Das evangelische Christentum verordnete neben der Besitzlosigkeit, die allerdings nur ganz wenige freiwillig praktizierten, auch noch die Nächstenliebe, die unter der Bedingung von Besitzlosigkeit ursprüglich natürlich nicht materiell gemeint sein konnte. Die Kirche hatte daraus in ihren Anfängen das Verbot des Zinses unter Christen abgeleitet, was der Islam übernehmen wird: Wer bedürftig ist, dem ist zu geben in Form eines Geschenkes, und wer einer Summe Geldes bedürftig ist, dem darf nicht mehr abverlangt werden als dessen Rückgabe nach einiger Zeit.

Soweit das Ideal, und seine extrem seltene Praxis wird als Heiligkeit gefeiert. Nicht gewinnorientiertes Wirtschaften bedeutet das Ideal der Selbstversorgung, und die Praxis wird in der autarken Grundherrschaft gesehen. Aber wie beim Armutsideal wird auch das der Autarkie in der Praxis fast nie zur Gänze eingehalten. Anders hätte es im ersten christlichen Jahrtausend gar keine Märkte und Händler geben können.

 

Was die neue Stadt zusammenhält, ist der Umgang mit gemünztem Geld, welches von der Schatzbildung zur Kapitalbildung führt, von der Reservierung eines Teils dieses Geldes für die Investition, für die Erwirtschaftung eines Gewinns. Dieser aber als Differenz zwischen eingesetztem und erwirtschafteten Kapital wird von Kirche und wohl manchmal auch von grundbesitzender Oberschicht mit Misstrauen, Verachtung und Diffamierung betrachtet, andererseits aber parallel dazu aus Eigennutz auch zunehmend gefördert.

Das gilt besonders auch für reine Finanzgeschäfte, das Wechseln von Geld (unterschiedlicher Münzen) mit einem pekuniären Vorteil für den Geldwechsler, und ganz besonders für das Vergeben von Krediten mit einem darauf liegenden Zins. Hier wird allem Anschein nach kein Arbeitseinsatz des Kapitaleigners mehr vergolten, sondern nur noch die Risikobereitschaft des Kreditgebers, die im Kern als verwerfliche Gier gilt.

 

Reichtum darf sich von vorneherein durch Spenden an Kirche und Kloster rechtfertigen und durch Almosen für die Armen.Der Zins wird einerseits als grundsätzlich verwerflich abgestempelt, andererseits dann aber dadurch manchmal geduldet dass er in einen gerechtfertigten und den Wucherzins aufgeteilt wird, wobei die Unterscheidung sich bald schon scholastisch geübter Argumentationen bedient.

 

 Legitimationsstrategien

 

Kirche und Kloster als in manchen Gegenden Europas größte Grundbesitzer und Teil der Herrenwelt kritisieren, dulden und fördern Aspekte des entstehenden Kapitalismus gleichermaßen. Für die Legitimierungsstrategien werden die rationaleren Argumentationslinien der Scholastik dabei immer wichtiger. Selbst verbunden mit der zweckrationalen Praxis eines Wirtschaftens auf einem Markt und für ihn schwindet der unvernünftige Kern der evangelischen Botschaft ganz aus dem Zentrum ihres Augenmerks.

Als in derselben Zeit in den Städten des Mittelalters Leute außerhalb der Kirchenämter wieder imstande sind, die heiligen Texte zu lesen, beginnt die Lektüre der Evangelien Häresien hervorzurufen, die sich zum Teil als Armutsbewegungen artikulieren. Das betrifft nicht nur die Waldenser, sondern auch Leute wie den Franz von Assisi, soweit es der Kirche nicht gelingt, sie zu integrieren. 

Zwischen beiden laviert die Kirche im 11./12. Jahrhundert, wobei sie  ihr sehr weltlicher Reichtum und die vielen Fäden, die sie mit dem sich einnistenden und dann entfaltenden Kapitalismus verbinden, immer stärker in die Akzeptanz kapitalistischer Strukturen treibt, auch wenn sich dagegen Kritik in den eigenen Reihen auftut.

 

Was sich ganz widersprüchlich im Verhältnis von Kirche und Kapitalismus entwickelt, lässt sich parallel dazu viel klarer in der nun ernstlich einsetzenden Christianisierung der Sexualität erkennen. In der paulinischen Interpretation lädt Jesus als Christus dazu ein, den Geschlechtstrieb nicht mehr auszuleben, da er von der Vorbereitung auf die Wiederkehr des Herrn abhält. In den Evangelien ist das sexuelle Begehren kein Thema, welches für sich behandelt wird. In der Kirche entwickelt sich die Vorstellung, dass wenigstens jener Klerus, der die Sakramente spenden darf, im Zustand einer kultischen Reinheit zu leben habe. Den Schafen der Herde hinwiederum wird das Ausleben der Geschlechtlichkeit zugestanden, allerdings wird immer wieder darauf verwiesen, dass die Sünde in der Lust liege, während das Zeugen von Nachkommenschaft langsam gottgefälliger wird. Die massive Judaisierung des Christentums für die Laienschar vertieft den Widerspruch zwischen Theorie und Praxis, denn Juden ist das Ausleben menschlicher Sexualität – auch lustvoll - gottgefällig, solange nur die Judenschar dadurch vermehrt wird.

 

Die Reformbewegung in der Kirche versucht, den seit fast tausend Jahren propagierten Anspruch sexueller Enthaltsamkeit an den Klerus durchzusetzen, diesen damit sakral stärker von den Laien abzusetzen. Zugleich damit beginnt der Weg in die Christianisierung der Ehe, die nun unter Beteiligung des Priesters geschlossen wird, zunächst im Eingangsbereich der Kirche, später in ihrem Inneren, bis dieser Vorgang schließlich als neues Sakrament anerkannt wird. Die christianisierte Ehe wird nun ähnlich wie die jüdische „religiös“ zum Zweck der Erzeugung von Nachkommen legitimiert, die Wiederkehr Christi hat sich längst auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben. Nur das Moment einer von der Erzeugung von Nachkommen losgelösten sexuellen Lust bleibt weiter Sünde.

 

Aus den Texten der Geistlichkeit, die Sünden und Bußhandlungen katalogisieren, lässt sich der Schluss ziehen, dass für die Laienschar im sexuellen Bereich der Widerspruch zwischen Theorie und Praxis umso größer wird, je mehr die Kirche die Ehe und damit die Geschlechtlichkeit der Laien zu christianisieren versucht. Was zuvor wohl de facto dem Dunkel der Nacht überlassen blieb, wird nun zunehmend thematisiert.

Zunächst ist vor allem literarisch dokumentiert, wie das einem zunehmenden kirchlichen Einfluss ausgesetzte adelige Kriegertum (Rittertum) im Zuge der propagierten Veredelung seiner Gewalttätigkeit zugleich in der Lyrik eine Erotisierung seiner Geschlechtlichkeit praktiziert. Das beginnt mit der Trennung von Begehren und Befriedigung desselben, der Kultivierung der Sehnsucht und des Schmerzes, die sich parallel im religiösen Raum in der immer gefühlvolleren Auseinandersetzung mit der (sehr menschlichen) Passion Christi trifft. Das wendet sich aber schnell auch einer Kultivierung sexueller Lust zu, in der nach und nach die Frau als Partner an Gewicht gewinnt, so wie parallel dazu in der Kirche Frauen wie die Mariengestalten der Evangelien an Bedeutung gewinnen. Der Weg zu den schlanken, elegant geschwungenen Frauengestalten an gotischen Kathedralen ist eingeschlagen. Aus dem Sündenfall wird die Neuentdeckung des Eros und seiner Lust werden.

 

Im 11. Jahrhundert reagiert die (Papst)Kirche mit ihrem geschärften Selbstbewusstsein auch schärfer auf die sich verbreitende Geldwirtschaft und den sich einnistenden Ansatz für Kapitalismus. Zins- und Wucherverbote samt abwertenden Äußerungen zum Handel werden "zusammengetragen und unverändert eingeschärft." (Gilomen, S. 94) Im zweiten und dritten Laterankonzil werden Wucherer mit dem Kirchenausschluss und dem Ausschluss vom christlichen Begräbnis bedroht, massiven Diffamierungen also. 1163 wird die Pfandsatzung zur Umgehung des Kreditverbotes verboten, 1185/87 der Kreditkauf zu erhöhtem Preis mit demselben Ziel, 1127/34 das Seedarlehen. (Gilomen, s.o.). Inzwischen werden Wucherverbote auch explizit für Klöster ausgesprochen.

 

Hatte man den Juden bislang selbst hohe Zinsen oft stillschweigend gestattet, so setzen nun nicht nur Pogrome gegen sie ein, die auch eine brutale Form der Schuldentilgung für Christen bedeutet, sondern es kommt zur Erlaubnis, Juden für die Finanzierung von Kreuzzügen zu enteignen. Darauf beginnt in England und Frankreich die periodisch stattfindende Enteignung von Juden auch durch die dortigen Könige, die Ende des 12. bzw. 13. Jahrhunderts in deren Vertreibung endet.

 

Was man den Juden nicht mehr erlauben wollte, wurde zwar den Finanziers aus Cahors, den Kawertschen der deutschen Lande, und den Lombarden, also Norditalienern, zwar kirchlicherseits ebenfalls verboten, in der Praxis jedoch waren sie überall zwischen England, Frankreich und den deutschen Landen vertreten, und sie arbeiteten für Bischöfe ebenso wie für Fürsten.

 

In genau der Zeit immer verschärfterer Wucherverbote und der Judenverfolgung in mehreren Ländern findet aber, und das wird wesentlich tiefgreifender, zugleich eine zunehmende Einschränkung dieser Verbote durch die Bestimmung von immer mehr Fällen erlaubten Gewinnes statt. "Neben dem Risiko (periculum sortis) und der Ungewissheit (ratio incertitudinis) war dies ein tatsächliche erlittener (damnum emergens) oder ein virtueller, für die Zukunft als möglich gedachter Schaden bzw. entgangener Gewinn (lucrum cessans). Unter dem titulus morae konnte eine Entschädigung für Zahlungsverzug geltend gemacht werden (poena convntualis, interesse). War mit der Ausleihung eine Mühewaltung verbunden, so konnte dafür ein Lohn verlangt werden (stipendium laboris). Außerdem war eine Verzinsung bei Verwendung des Geldes durch Fürsten und Herren zur Prachtentfaltung (ad pompam) erlaubt." (Gilomen, S.95)

 

Diese vielen Möglichkeiten zur "christlichen" Erlangung eines Gewinns werden dann in der Wirklichkeit des späten Mittelalters das Kreditwesen und den Handel immer weiter vorantreiben.

1179 wird auf dem großen Laterankonzil festgestellt, dass Handel seinen Gewinn als Lohn aus dem Dienst zieht, den der Händler den Menschen leistet. Schließlich hat der Händler auch Auslagen, muss sich mühen und ein Risiko eingehen. Was weiter und noch von Thomas von Aquin beklagt wird sind sogenannte überhöhte Preise. Aber in der Praxis hat das dann mit dem sogenannten gerechten Preis des frühen Mittelalters in der christlichen Doktrin kaum noch etwas zu tun.

 

Kulturen?

 

Ich hatte zum besseren Verständnis von historischen Abläufen Kultur und Zivilisation voneinander unterschieden, wobei die eine sich über den Kult ethnisch definiert und Tradition als Entwicklung durch Erfahrung betreibt, während in Zivilisationen institutionalisierte Macht die Verfügung über Land und Leute und ihre Kulte an sich genommen hat und so Tradition als Selbstregulierung zumindest verstümmelt. Zivilisationen sind also ihrem Wesen nach keine Kulturen.

Der Kulturbegriff der letzten Jahrhunderte ignoriert das und bezeichnet auch Lebensformen in Zivilisationen als Kultur, oder aber, ganz unterschiedlich davon, Artefakte einer gehobenen Wohnwelt oder aber, noch etwas ganz anderes, den Amüsierbereich. Dabei wird gerne mit Kultur auch das benannt, was das neuzeitliche Wort Kunst benennen möchte, welches derselben Unklarheit verfallen ist wie das neue Kultur-Wort. Dieses begriffslose Benennungschaos entspricht dem Legitimationsbedürfnis eines neuzeitlichen "Bürgertums", wie es im Deutschen missverständlich heißt, und zwar präzise in dessen Verfallszeit im 18./19. Jahrhundert. Ohne begriffliche Klarheit aber verfällt Geschichtsschreibung dem Gerede.

 

Christentum ist von Anfang an nicht kulturbildend, sondern in Zivilisationen eingebettet, von ihnen geprägt, -  und Kulturen massiv zerstörend. An die Stelle von Kultur tritt das, was wir in Ermangelung eines anderen Ausdrucks und recht missverständlich – als das Nebeneinander von „Kulturen“ bezeichnen könnten, kirchlicher, klösterlicher, adeliger, ländlicher und städtischer, natürlich dann auch noch zeitlich, regional und lokal verschieden. An die Stelle von Kulturen ist aber im Sinne von Klarheit der Begriff der Lebensformen mit ihren Vorstellungswelten besser.

 

Um einem idealisierenden Terminus zu folgen, handelt es sich auf den entstehenden Dörfern in begrenztem Umfang um neu entstehende Gemeinschaften, die ein kleines Stück weit sich in Selbstregulierung entfalten können, immer unter der Knute der Kirche und von Obrigkeiten und immer stärker differenziert in größere Bauern, kleinere hauptsächliche Selbstversorger  und armes Landproletariat. In dem Maße, in dem Dienste verschwinden und Abgaben in Geld geleistet werden, können solche Dorfgemeinschaften Erfahrung tradieren, soweit es von den Herren zugelassen wird.

 

Selbständiger agierender Handel und Handwerk in der Stadt sind einer ausgeklügelteren Obrigkeit unterworfen, die eher bei Partizipation reicher Händler noch zunimmt. Gemeinschaft reduziert sich hier auf den Betrieb und mehr oder weniger noch die Verwandtschaft. Was sich stattdessen herausbildet sind Gesellschaften, und zwar solche der produktiv und distributiv im selben Bereich tätigen Leute, Bruderschaften, Zünfte, Gilden. Zusammen mit Kirche, Stiften, Klöstern und im Norden eher wenigem weltlichem Adel wachsen sie zu einer politisch definierenden Gesamtgesellschaft, der Stadtgemeinde zusammen, die durch ihre Mauern wie durch ihre gemeinsame Obrigkeit definiert sind. Dabei entwickeln sich neben vielfältigen kirchlichen und klösterlichen Lebensformen auch ganz andere von Kaufleuten und Handwerkern.

 

Wenn wir also nun von einer städtischen Gesellschaft als Vergesellschaftung vieler einzelner Gesellschaften unter einer geistlichen wie weltlichen Obrigkeit reden, dann sind die Klammern das Land und das Geschäft einerseits und die blanke Gewalt der Herren andererseits. Eine weitere Klammer ist das als Pflicht verordnete Christentum, von dem nur die Juden, solange sie geduldet werden, durch Privilegien ausgenommen sind.

 

Verbürgerlichtes Christentum

 

Die Vermutung als Arbeitshypothese ist hier, dass die zahlreichen Widersprüche, in die das Christentum die Menschen bringt, schlicht als solche zwischen Theorie und Praxis benannt, sie perfekt einübt in jene, die dann allesamt im Kapitalismus enden werden.

 

Wir wissen heute wenig davon, was die Menschen im 11./12. Jahrhundert glaubten, aber um so mehr von dem, was ihnen als Glauben vorgesetzt wurde. Daraus lässt sich erschließen, dass in dieser Zeit vor allem noch wie auf dem Lande Geschichten von Wundern und von Wunder vollbringenden Heiligen zu Gemüte geführt werden, deren Irrationalität jenseits aller Erfahrung die Vorstellungswelt eines entstehenden Bürgertums in zwei Sphären aufteilt: Die zweckrationale des Wirtschaftens und die irrationale des Glaubens. Stärker als die Aufspaltung der Herren in Gewaltätigkeit und christlichen Glauben, die durch milde Gaben besonders an die Kirche und durch Christianisierung der Gewalttätigkeit ausgeglichen werden kann, führt das bei Bürgern zur Dichotomisierung von Vorstellungswelten und zur Kompart-Mentalisierung von ganz unterschiedlicher Erfahrung. 

 

Das, was beide Welten zusammenhält und von Kirche und Kloster unterstützt wird ist der religiöse Aspekt vor allem der kleinbürgerlichen Gesellschaften, die oft aus christlichen Bruderschaften hervorgehen und neben archaischen Festritualen ihren eigenen christlichen Kult entwickeln, mit einem eigenen wundertätigen Heiligen und bald auch mit dem dazugehörigen Altar in einer mit der Gesellschaft verbundenen Kirche.

Kaum etwas wissen wir für diese Zeit von häuslicher Frömmigkeit, während die Herren längst private Kapellen und Altäre manchmal samt dafür zuständigen Kaplanen besitzen. Wir hören aber von den zentralen kultisch begangenen Eckpunkten des christlichen Lebens, Taufe, Beerdigung und nun zunehmend auch kirchlicher Trauung.

 

Daneben ist der regelmäßige Kirchgang Pflicht und dabei auch die Beichte, und dazu kommen kirchliche Festtage, die in einem immer öffentlicheren städtischen Raum stattfinden. Dabei sind die öffentlichen Prozessionen wichtig, in denen nicht nur die Kirche ihre Macht spektakulär demonstriert, sondern eben auch die geschlossen mitziehenden bürgerlichen Gesellschaften.

Solche großen Feste können mit sehr weltlichen Festivitäten verbunden werden, wie der Vorgang des Fastenanbruchs und des Fastenbrechens und vor allem die Spektakel um Ostern und Pfingsten. Sehr weltliche Jahrmärkte und Messen werden gerne mit hohen Festtagen verbunden und manchmal nach ihnen benannt. Nirgendwo wie hier finden kirchliche und klösterliche Macht mit ihrem religiösen Anspruch und blankes Gewinnstreben und Geschäftemacherei zusammen.

 

Es dauert, bis wir sehen können, wie die oberen Schichten des neuen Bürgertums sich die neuen adeligen Wertvorstellungen anverwandeln, in eigene verwandeln. Dabei entwickeln sie neben dem Ehrbegriff der adeligen Krieger Vorstellungen bürgerlicher Ehrbarkeit. So entsteht mit dem bürgerlichen Gewerbe in der Stadt die bürgerliche Familie, die sich stärker aus den tradierten Verwandtschaftsbindungen heraushebt. Die Werte scheinen auf beiden Feldern die gleichen zu sein: Einhalten von Verbindlichkeiten, Sparsamkeit, Kalkulierbarkeit des Risikos, Planungssicherheit, Gleichstellung des Ansehens von Familie und Geschäft. Was für den Adel auf Gewalt basierende Macht ist, wird für den Bürger das auf den Geflogenheiten des Geschäftes basierende und sich langsam verschriftlichende Recht.

 

Das Geschäft und das Recht fördern eine neuartige, vernunftgeleitete Bewältigung des Alltags, die aus dem Sündenkanon der Kirche herauswächst und ihn durch einen neuen Katalog von Tugenden und Lastern zu ersetzen beginnt. Da beide in der Stadt nebeneinander und eben auch räumlich getrennt existieren, beginnt eine Koexistenz zweier ihrem Wesen nach diametral entgegengesetzter Welten. Was den menschlichen Sexus betrifft, so wird seine Bedrohlichkeit zwischen Kirche und Bürgertum zunächst wohl unterschiedlich betrachtet: Während die Lust kirchlicherseits dem Menschen eine Erdenschwere gibt, die ihn von der Bewegung himmelwärts abzieht, wird sie bürgerlicherseits in seine Familie integriert, die zugleich das Geschäft ist. Nach und nach übernimmt die Kirche für ihre bürgerliche Klientel Aspekte dieser bürgerlichen Wertvorstellungen

 

Die Koexistenz zwischen kirchlichen und bürgerlich-geschäftsmäßigen Vorstellungen schafft im Bürgertum ein räumlich und zeitlich getrenntes Nebeneinander, in dem sich nach und nach die so gesehene Unabdingbarkeit, quasi Naturnotwendigkeit der Bedürfnisse der Kapitalverwertungsprozesse herausstellt, von denen alle nichtbürgerliche Macht abzuhängen beginnt. Das Armutsideal wird für Kirche und Kloster reserviert, das Geschäft hingegen salviert sich mit Spenden und Wohltätigkeit. Am kirchlichen Festtag wird der Kirche gehuldigt, im geschäftlichen Alltag dem Geschäft. In öffentlichen Prozessionen bzw. Demonstrationen wird die Einheit von Kirche und Bürgertum zelebriert, und indem nach dem Kriegertum und der Ehe nun auch das Geschäft "christianisiert" wird, das "Christentum" ihnen angeglichen wird, entfernt dieses sich immer mehr von den paulinischen und evangelischen Wurzeln des Christentums, um sich dann mit der Kirche darauf zu einigen, dass bürgerliche Ehrbarkeit und Christentum zusammengehören können – jene Ehrbarkeit, der der Jesus der Evangelien mit radikaler Ablehnung begegnet war.

 

Kein Wunder also, das die Häresien auf dem Weg ins Hochmittelalter ihren Ursprung in den Städten haben, aus dem bürgerlichen Milieu herkommen und neben der Friedfertigkeit die Keuschheit propagieren und vorleben. Soweit sie nicht vernichtet werden, werden sie integriert in eine städtische Welt, in der die Kompartmentalisierung der „Gesellschaft“ in nebeneinander her lebende tatsächliche Gesellschaften stattfindet. Die Widersprüche finden aber nicht nur ihr mehr oder minder gedeihliches Nebeneinander, sie balgen sich auch unter der Oberfläche des Bewusstseins in jedem Einzelnen auf ihre Weise – aber möglichst nicht mehr offen. Die Mahnungen, die die obszön mahnenden und zugleich skurrill unterhaltsamen Kleinplastiken an romanische Kirchen hefteten, verschwinden, und gotische Kirchen purifizieren ihren Figurenschmuck: Was als Mahnung bleibt sind die Darstellungen des jüngsten Gerichts, in denen auf der einen Seite die Erlösten bürgerlicher Rechtschaffenheit sich selbst sehen dürfen, während die Obszönitäten der Lasterhaften auf der anderen Seite ihren skurril-unterhaltsamen Aspekt verlieren und einer stärker sadistisch vernunftgemäß eingefärbten Strafmentalität unterzogen werden.

Ansonsten demonstrieren die gotischen Kathedralen vor allem den Triumph eines Bürgertums, welches nun im kirchlichen Rahmen seine Vorstellungen von Ehrbarkeit und Rechtschaffenheit als "Christentum" darstellen kann.

 

Aber stärker als in den Häresien und im Kirchenschmuck brechen die internalisierten Ambivalenzen in der neuen Literatur hervor. Im Tristan des hochgebildeten und vermutlich bürgerlichen Gottfried kulminiert der Sexus als raffinierter Eros als orgiastische erotische Phantasie eingebettet in einen quasi-sakralen Raum, dem zwar nicht der versteckte christliche Einfluss, aber jedes unmittelbar religiöse Gedankengut abgeht, in dem Kirche und Christentum Randphänomene bleiben wie bürgerliche Lebensformen, in einem Phantasialand erotischer Fluchten. Jenseits eines in einen Fiebertraum hochstilisierten gefeierten Eros verendet der Sexus aber im Schmerz, seiner extrem formulierten anderen Seite.

Was Gottfried verloren scheint, taucht bei ihm als Idealbild von Liebe, von rechter Minne im Tristan auf: 

 daz ist der staete vriundes muot, - das ist steter Freundessinn

der staeteclîche sanfte tuot,- ist stetig sanftmütig

der die rôsen bî dem dorne treit, - treibt Rosen zu den Dornen

die senfte bî der arbeit; - das Sanfte zum Mühsamen

an dem ie lît verborgen - bei dem verborgen liegt

diu wunne bî den sorgen; - neben den Sorgen auch die Lust

 

der an dem ende ie vröude birt, - am Ende immer Freude bringt

als ofte als er beswaeret wirt. - mag er auch beschwert werden

den vindet lützel ieman nuo; - er ist heute sehr selten

alsô vorwerke wir dar zuo. - so haben wir alles angerichtet

 

Ez ist vil wâr, daz man dâ saget:

«Minne ist getriben unde gejaget - Liebe ist vertrieben und verjagt

in den endelesten ort.»

wirn haben an ir niwan daz wort. - nur das Wort ist geblieben

uns ist niwan der name beliben - nur der Name

und han ouch den alsô zetriben, - und der ist zerredet

alsô verwortet und vernamet,

daz sich diu müede ir namen schamet

und ir daz wort unmaeret. - sie mag das Wort selbst nicht mehr

 

sî swachet unde swaeret

ir selber ûf der erde.

diu êrelôse unwerde,

si slîchet under hûsen biten - sie schleicht bettelnd herum

und treit von lasterlîchen siten trägt...

gemanicvaltet einen sac, - einen mannigfaltigen Sack

in dem s'ir diube und ir bejac - wie Diebe und Bettler

ir selbes munde verseit - es sich vom Munde absparn

und ez ze strâze veile treit. - auf der Straße feilbieten.

ôwê! den market schaffen wir.

daz wunder trîbe wir mit ir - das Wunderliche...

und wellen des unschuldic sîn.

Minne, aller herzen künigîn,

diu vrîe, diu eine

diu ist umbe kouf gemeine! - die ist käuflich geworden

wie habe wir unser hêrschaft

an ir gemachet zinshaft! - bei ihr zum Gelderwerb gemacht

wir haben ein boese conterfeit - wir haben eine böse Fälschung

in daz vingerlîn geleit - an den Ring gemacht

und triegen uns dâ selbe mite. - betrügen uns selbst damit

ez ist ein armer trügesite, - es ist eine arme Lügensitte

der vriunden alsô liuget, - man belügt die Freunde

daz er sich selben triuget. - und betrügt sich damit selbst

wir valschen minnaere, - wir falschen Liebhaber

der Minnen trügenaere,

wie vergânt uns unser tage, - vergehen

daz wir unserre clage

sô selten liebez ende geben! - zu einem guten Ende bringen

wie vertuon wir unser leben

âne liep und âne guot! - ohne Liebe und Güte

nu gît uns doch daz guoten muot,

daz uns ze nihte bestât. - was uns nicht zukommt

swaz ieman schoener maere hât - was jemand an schöner Märe hat

von vriuntlîchen dingen,

swaz wir mit rede vür bringen

von den, die wîlent wâren weiland

vor manegen hundert jâren,

daz tuot uns in dem herzen wol

und sîn der selben state sô vol, - und sind dieses Zustands so voll

daz lützel ieman waere - dass selten jemand wäre

getriuwe unde gewaere - getreu und wahr

und wider den vriunt âne âkust, - nicht gegenüber seinem Freund

ern möhte sus getâne lust

von sîn selbes sachen

in sînem herzen machen.

wan uns daz selbe z'aller zît - Wo sie uns allezeit

mit jâmer under vüezen lît, - jämmerlich unter den Füßen liegt

dâ von ez allez ûf erstât: - woraus alles uns aufersteht

deist triuwe, diu von herzen gât.

diu treit sich uns vergebene an. - die trägt sich uns vergeblich an

sô kêre wir daz ouge dan

und trîben die süezen - und treiben das Süße

unruochlîch under vüezen. - ruchlos unter die Füße

wir haben si mit unwerde

vertreten in der erde.

ob wir si gerne suohten dâ,

wirn wizzen alles gâhes wâ. - wir wissen nicht, wo sie ist

sô guot, sô lônbaere - so gut, so lohnenswert

triuwe under vriunden waere,

war umbe lieben wir si niht?

ein blic, ein inneclîch gesiht

ûz herzeliebes ougen,

der leschet âne lougen - löscht

hundert tûsent smerzen

des lîbes unde des herzen.

ein kus in liebes munde,

der von des herzen grunde

her ûf geslichen kaeme, herangeschlichen käme

ôhî waz der benaeme

seneder sorge und herzenôt! sehnende Sorge...

(Tristan, Kapitel 17, Zeilen 12279ff)

 

"Wie vertun wir unser Leben ohne Liebe und ohne Güte." In einer der schönsten Textpassagen aus der Blütezeit deutscher Literatur, die völlig ohne Gott, Christus und ewiges Leben auskommt, wird in Unterstellung früherer, besserer Gegebenheiten der Einfluss des alles durchsetzenden Kapitalismus  auf die Lebensverhältnisse am gravierendsten Beispiel deutlich gemacht: Sogar die Liebe ist, wie die Freundschaft, aus der sie hervorgeht, käuflich geworden und auf den Markt getragen. Das "Herz" wird vom Geld regiert, die innigsten Gefühle sind wohlfeil geworden.

 

 

Der markanteste Widerspruch zwischen paulinischer und evangelischer Botschaft und dem entstehenden Kapitalismus ergibt sich aus dem uneingeschränkten Armutsgebot Jesu. Noch auf dem Weg ins Hochmittelalter waren sich Kirche und adelige Oberschicht darin einig, dass achtenswerter Besitz Grundbesitz sei und respektables Einkommen aus der (körperlichen) Arbeit einer von Gott dafür bestimmten Unterschicht stamme. Kirchliche Autoren formulierten auf dem Weg ins hohe Mittelalter eine Ordnung, an deren Spitze die (grundbesitzenden) oratores standen, die Betenden, darunter die (grundbesitzenden) bellatores, die Kämpfenden, und darunter die (besitzlosen) laboratores, die Arbeitenden. Darin bilden sich antike Vorstellungen einer Rentiers-Oberschicht ab, die der Muße und dem Dienst am Gemeinwesen den höchsten Wert zuerkannten, physische Arbeit verachteten und ein nicht auf Grundbesitz gegründetes Gewinnstreben für schäbig hielten. Entsprechend haben die Wörter für „arbeiten“ in einigen germanischen wie romanischen Sprachen die Grundbedeutung von Mühsal, Quälerei, Tortur.

 

Dagegen entwickelt sich in den Städten ein „Arbeitsethos“ der Handwerker und Kaufleute (auf unterschiedliche Weise), während große Händler, die es zu Reichtum schaffen, versuchen, aristokratische Verhaltensweisen und Lebensformen nachzuahmen. Die Bevölkerung der Städte zerfällt dabei bereits bei deren Aufstieg in eine Oberschicht aus adeligen und nichtadeligen „Geschlechtern“, eine Mittelschicht aus Kleinhandel und Handwerk, und eine breite Unterschicht. Dabei entsteht von vorneherein keine „bürgerliche Gesellschaft“, sondern ein Konglomerat aus förmlichen und formlosen „Gesellschaften“, die nur punktuell zusammenfinden.

 

Das Christentum der Bürger verdünnt sich auch in dieser Beziehung in die schon erwähnte Kompartmentalisierung: Hier bin ich Geschäftsmann, dort frommer Christ. Die Geschäfte werden dabei „christianisiert“, indem sie einer gewissen Rechtschaffenheit unterliegen, und der Bürger der neuen Ehrbarkeit. Nach und nach gelingt es sogar, diese bürgerliche Ehrbarkeit und Rechtschaffenheit zum Kern christlicher Tugendhaftigkeit hoch zu veredeln. Die Kompartmentalisierung schafft aber auch einen vom geschäftlich-familiären Alltag abgetrennten Raum der Frömmigkeit, die darum bei wenigen intensiver, vor allem gefühlsintensiver werden kann.

 

Dem Zerfall des bürgerlichen Lebens in unterschiedliche Abteilungen ging ein anderer seit der Antike in Kirche, Eremitentum und monastische Bewegungen voraus. Letztere entstanden, um Jesu Gebot, ihm zu folgen, ernstzunehmen, was die übrige Christenheit und die Weltkirche selbst verständlicherweise ablehnten. Die Selbstversorgung der Klöster ließ diese spätestens in der benediktinischen Regel ein ganz neuartiges, so nie dagewesenes Arbeitsethos aus dem Geist religiöser Vorstellungen entwickeln: Arbeit als Dienst auf dem Weg zu Gott, streng reglementiert und geradezu paramilitärisch organisiert. Auf dem Weg ins hohe Mittelalter werden Klöster aber oft durch Schenkungen Großgrundbesitzer mit Scharen abhängiger Landbewohner, deren Verhältnis zum monastischen Herrn dem der Abhängigkeit und verhältnismäßigen Rechtlosigkeit von weltlichen Herren entspricht.

 

Den Klöstern als frühmittelalterlichen Herrschaftsbezirken analog zu denen der Bischöfe und der weltlichen Herren entkommen die in und für die neuen Städte entstehenden Bettelorden, die das Armutsgebot als Ablehnung jedweder Arbeit zur Selbstversorgung ansehen, - schließlich hatte sich Jesus offenbar auch als eher arbeitsscheuer Bettler ernährt. Sie knüpfen damit auch an jene städtische Armut im hohen Mittelalter an, die das Gebot der Caritas zum Erwerb arbeitslosen Einkommens und als ein zum Teil sich selbst organisierendes Gewerbe nutzte, bis der Bürgerfleiß anfing, sie zu vertreiben.

 

Wie Menschen allgemein Handwerk auf dem Weg ins hohe Mittelalter erlebt haben, ist kaum mehr aus Quellen ablesbar. Aus dem 12. Jahrhundert kennen wir vor allem den Reflex in den aufgeschriebenen Predigten von Bettelmönchen:

Berthold von Regensburg sagt in der schriftlichen Version: Du Schuhmacher, du brennst die Sohlen und auch die Flecken und sagst: „Seht wie dick!“, wenn sie hart sind. Und wenn der Käufer die Schuhe dann trägt, so geht er kaum eine Woche darauf. Du Betrüger! Du betrügst manchen armen Menschen, denn die Reichen wagst du nicht zu täuschen. (Engel/Jacob, S. 274) Wenig später heißt es bei einem anderen Franziskanerprediger, Ludovicus: Ach, wie viele lügen und bekräftigen ihre Lügen sogar mit einem Eid, indem sie behaupten, dass es gute Ware sei, die sie verkaufen, obschon sie minderwertig ist; sie behaupten auch, teurer eingekauft zu haben und um einen geringeren Preis zu verkaufen. (Engel/Jacob, S. 276)

 

Solche Äußerungen, denen sich bald dann auch weltliche anschließen, lassen sich kaum quantitativ bewerten. Sie beschreiben die Möglichkeiten, die Markt und Warenkonsum für Betrug und Täuschung liefern und die entsprechend auch genutzt werden, wie sehr, lässt sich höchstens vermuten.

 

Es wird später zu untersuchen sein, wie die Zisterzienser selbst arbeitsfreies Einkommen durch neue Formen der Delegierung von Arbeit nach außen erzielen werden und dabei der Entwicklung des Kapitalismus ganz neue Impulse geben.

 

Alles in allem ist das neue Bürgertum aufgrund seiner weltlichen Fundierung nicht imstande, über die eigene Widersprüchlichkeit so hinwegzusehen wie Kirche und Kloster. In den Gaben von Spenden und Almosen bleibt ein Restbewusstsein einer Schuld, die insbesondere die wohlhabenderen Geschäftsleute abzutragen haben. Angesichts des Todes und der Bedrohung durch ewige Verdammnis äußert sie sich in Testamenten, in denen Teile des zusammengetragenen Vermögens und im Extremfall sogar das ganze an Kirche oder Kloster oder direkt an karitative Einrichtungen übertragen werden.

 

Der Handel befriedigt bekanntlich nicht nur Bedürfnisse, er weckt sie. Wenige Kulturen erwiesen sich als resistent gegen die Verlockungen von Tand und Flitter, von käuflichen Statussymbolen oder von Waren, die das Leben scheinbar vereinfachten, in Wirklichkeit aber neue Mühen hervorriefen, um an das Geld zu gelangen, um sie zu erwerben. Der Luxusbedarf der geistlichen und weltlichen Großen wurde zu einem Gutteil durch das Wiederaufleben des Fernhandels gefördert, und sobald es bürgerliche Reiche gibt, geht es ihnen genauso. Nicht durch den Stand und Status eines Fürsten oder Adeligen legitimiert, nehmen reiche Bürger durchaus die Ambivalenzen zwischen Verlockungen ihrer animalischen Natur (Begehren/Gier) und den Forderungen eines nicht kulturell vermittelten, sondern seit der Antike als Fremdkörper aufgesetzten Christentums wahr.

Während in der Kompartmentalisierung die Religion aus großen Teilen des Alltags hinausgedrängt wird, insbesondere aus dem Wirtschaften und aus den Betten, ist sie in der Internalisierung als drängender Widerspruch zwischen Norm und Verlockung im Schuldgefühl latent immer präsent. Unter der prächtigen Oberfläche gärt gelegentlich eine zerrissene Persönlichkeit, deren Energien zunehmend auch darauf gerichtet sein müssen, in den Befriedigungen, die Warenkonsum bietet, einen allerdings wenigstens vorrübergehenden Kitt zu finden. Vor den Reformationen bleibt allerdings immer ein Rest des Zweifels, ob Reichtum und möglichst viel davon das zentrale gottgewollte Ziel für einen Christenmenschen sei.

 

Kunst

 

Der Sinn und Zweck der Kompartmentalisierung der Gegensätze ist es, sie zeitlich und räumlich so voneinander zu trennen, dass sie nicht mehr unmittelbar aufeinandertreffen und zu klirren beginnen. Sinn und Zweck der Internalisierung der Widersprüche ist es, sie aus dem alltäglichen Bewusstsein zu verdrängen, damit sie keiner bewussten Entscheidung mehr zugänglich sind. Dafür erwächst ihnen nach und nach ein neuer Zuständigkeitsbereich, nämlich das Reich der Künste, zunächst den Luxusbedürfnissen von Kirche und Kloster, von Herrschern und Adel entsprungen, und die nun eine neue Heimstatt im Bürgertum finden.

Dabei findet nicht nur eine Ablösung des Gemäldes von der Wand im Tafelbild und eine allmähliche Trennung der Skulptur von der Architektur statt, also eine Verselbständigung unterschiedlicher bildender Künste, sondern auch eine Verselbständigung der Literatur, die sich nicht mehr religiös, sondern weltlich begründet.

 

Mit der Herauslösung von Gemälde und Skulptur aus der Architektur entsteht die individuelle Künstlerpersönlichkeit in den bildenden Künsten, die vor allem vermittels "technischer" Meisterschaft herausragt. Vermutlich zunächst aufgrund dieser erfahren wir von den ersten Künstlernamen, aber zunehmend auch wegen der individuelleren Besonderheiten ihrer Arbeiten. Zwar bleiben Kunstwerke zunächst weiter Auftragsarbeiten, und bildende Künstler werden weiter als Handwerker angesehen, aber das individuelle Prestige einzelner Künstler wie das einzelner Baumeister verbindet sich immer mehr mit dem der Auftraggeber.

 

Kunstprodukte sind gerade in der vorläufig noch vorwiegenden religiösen Kunst Phantasieprodukte. In der Interpretation von Geschichten, die selbst Fiktion sind, ist dem Vorstellungsvermögen der Künstler ein Raum gegeben, in dem sich auch Unbewusstes in die Behandlung des vorgegebenen Themas einschmuggeln kann.

 

Mit der Romanik vorrangig als Wiedergewinnung und zugleich Neuschaffung einer Bauweise für Steingebäude, in der große Räume und Hallen mit Gewölben überspannt werden können, beginnt eine bis in das Rokoko reichende Abfolge von Stilen, die jeweils große Teile des lateinischen Europas umfassen. Stilbildend ist die Sakralarchitektur, in deren Entwicklung sich vor allem Kirchengeschichte abbildet. Zugrunde liegt aber eine Geschichte des (bau)technischen Fortschritts.

 

Der erzählenden Literatur fehlt die Bindung an das handwerkliche Material und die enge Bindung an den Auftraggeber, in ihr entfaltet sich früh ein thematisch freieres großes Reich der Phantasie. Neben der neuen Lyrik taucht das Epos auf, die Erzählung in gebundener Versform, und vermutlich im Raum der Kirche als Vorform des Dramas die Darstellung biblischer Geschichte.

 

 

 

Wenn Kultur Kultivierung von (lebendiger) Natur ist, bewusster Umgang mit ihr, dann setzt der nicht mehr wesentlich auf Grund und Boden basierende Kapitalismus jene Gesetzmäßigkeiten dagegen, die von einer reinen Warenwelt toter Gegenstände bestimmt werden.

 

Nur deshalb kann das Kapital eine verhältnismäßig ungebremste Dynamik entfalten. Diese erfasst zunächst vor allem die unproduktiven Bereiche, denn Teile des Handwerks erlegen sich selbst Fesseln auf, die die Bildung von Großbetrieben verhindern. Aber es gibt bald auch Zweige, die dem entkommen, wie die Tuchindustrie oder die Rüstungsindustrie. In solchen Bereichen wirkt das städtische Kapital direkt auf das Land ein: Die Landwirtschaft stellt sich dort von der Erzeugung von Nahrungsmitteln um auf die von Rohstoffen für die Industrie. Die Schafzucht weitet sich aus zur Wollproduktion, Flachs wird vermehrt zur Verarbeitung der Stengel zu Flachsfasern angebaut, Waid zum Färben (Indigo). Die Rüstungsindustrie wiederum beruht auf der Ausplünderung der Erde als einer, die nur noch als tote Ressource für das Kapital behandelt wird.

 

Dort, wo der Kapitalverwertungsprozess entfesselt wird, gewinnt er ein Eigenleben, er wird Selbstzweck. Kapital verschwindet, wenn es nicht mehr investiert wird, um vermehrt zu werden. Dabei spielt es keine Rolle, wo und wofür es investiert wird, solange es nur Gewinn bringt. Diese Sinnleere des Kapitals führt im Mittelalter dazu, die Sinnhaftigkeit woanders zu suchen. Zu Wohlstand gelangende Kapitaleigner versuchen darum, adelige Lebensformen zu imitieren. So legen sie sich zum Beispiel Landgüter zu, betreiben zunehmenden Kleiderluxus. Diese Bürger legen sich damit einen Kulturbegriff zu, der schon beim Adel nichts anderes mehr als Lebensstil bedeutet. Kultur ist nun überhaupt nicht mehr Verarbeitung von Natur, sondern Dekor, Zierrat.

Auf diese Weise treten Bürger ähnlich wie zu Rentiers werdende Adelige der Natur als etwas Fremdem gegenüber. Nur so ist die Idyllisierung der Natur in der neuen Lyrik und Epik zu verstehen. Und nur so wird im Verlauf des Mittelalters, später, die Landschaft in der Malerei an Gewicht gewinnen, zunächst als Hintergrund, und in der Renaissance dann mit Eigengewicht.

 

 

Der geistliche Blick auf Stadt und Bürger

 

Das Leben Jesu findet seine theologische Vollendung in einer antiken Stadt: Jerusalem. Die Wiederkehr des Herrn würde wiederum eine Art Stadt hervorbringen, das himmlische Jerusalem. Ein wenig sollte eine Bischofsstadt eine Ahnung davon bieten. Neben Kathedrale und Klöstern dominieren Kirchen das Stadtbild. Auf diese Weise wurde das heilige Köln (sancta Colonia) „als ein von der Umwelt abgehobener Sakralraum verstanden, der durch die in den Kirchen der Stadt angesammelten 'Heilmittel' aufgebaut wurde. Vor allem den Reliquien der Heiligen schrieb man eine solche Heilskraft zu.“ (Groten, S.56)

 

Das biblische Gegenbild war die „große Hure Babylon“. Gemeint war damit vor allem Lustbarkeit, Sinnenfreude, vor allem Ehe und Familie überschreitende sexuelle Lust. Während die Bürger einen Tugendkanon der Ehrbarkeit entwickelten, schwappte nicht nur ländliche Armut in die Städte, sondern sie breitete sich in ihnen weiter aus. Wohlstand und Armut sind bekanntlich relative Größen, die sich zudem gegenseitig bedingen.

 

Städtische Armut basierte nicht zuletzt auf Einwanderung. Die Masse neuer Einwohner kam überwiegend mittellos vom Lande, auf der Flucht vor Herren oder nach Ablösung von Verpflichtungen. Viele steigen dort dann zu Dienstboten oder festangestellten Arbeitern auf und bleiben dabei relativ arm. Außerdem gibt es periodisch wiederkehrende Hungersnöte auf dem Lande, vor allem durch das Wetter und Ungeziefer ausgelöst. Solche Leute flüchten dann in die Obhut der Stadt, wo es Nahrungsreserven und karitative Einrichtungen gibt. Nicht zuletzt gibt es dort auch eine Geistlichkeit, die Hoffnung spendete, indem sie Fasten und Bittprozessionen anordnete, um Dürren und ähnliches zu besiegen, und die die Macht ihrer speziellen Heiligen und ihrer Reliquien einsetzen kann.

 

Zur städtischen Armut wie zu psychosozialer Verelendung gehört seit der Antike die Prostitution, die sich auch auf dem Weg ins Mittelalter hält. Von christlicher Seite verdammt, wird sie indirekt und unterschwellig durch das Christentum aber auch gefördert: In ihr werden Triebabfuhr und Lust von der Fortpflanzung so getrennt wie das idealiter auch umgekehrt in der Ehe geschehen sollte. Der neben Hunger und Durst stärkste menschliche Antrieb dient so der allgemeinen Kompartmentalisierung als Musterbeispiel: Hier die Ehrbarkeit, dort die Verworfenheit, beide hübsch getrennt nebeneinander existierend.

In der Sexualität taucht dann auch eine Form veritabler Doppelmoral auf: Eine für die Öffentlichkeit, und eine für die Heimlichkeiten.

 

Die Ausgrenzung einer städtischen Unterschicht, der die Ehrbarkeit abgesprochen wird, macht es möglich, dass diese sichtbar ist. Wenn der Bamberger Meinhard „Köln als gefährliches Pflaster für einen jungen Kleriker“ betrachtet (multiformis Colonia seu mavis Babilonia, Groten, S. 61), dann meint er sicher vor allem die sexuellen Verlockungen.

Für eben dieses heilige Köln zeigt die Vita des Erzbischofs Anno II. auf, wie üblich Prostitution ist: Er versucht, wie legendär beschrieben wird, die Huren aus ihrem Treiben herauszuholen, zum Beispiel, indem er ihnen einen Ehemann besorgt. Einen seiner Priester ließ er nach deren Kunden fahnden, und diese wurden dann öffentlich ausgepeitscht und ihres Haupthaars beraubt.

 

Für Italien gilt ähnliches. In der Vita S.Anselmi des Bischofs von Lucca wird vom geistlichen Autor wie über 200 Jahre später von Dante der Sprachwirrwarr der Fremden beklagt, die in die Stadt aufgrund des Handels einwandern, und die „soziale“ Unordnung, die der schnelle Anstieg der Bevölkerung mit sich bringt. Der zunehmende Reichtum fördert die Verdorbenheit der Menschen. In der Vita Mathildae beschreibt ein Mönch 1114 Pisa als schmutziges Monstrum, zu unrein als Begräbnisplatz für die tuszische Gräfin Beatrix (Hythe, S.55)

Papst Honorius III. vergleicht 1217 "in seiner Kritik an den Bürgern von Marseille ihre Stadt mit Ninive und prophezeite, Marseille werde wie Sodom und Gomorrha enden." (Dirlmeier, S.69)

 

Zur großen Stadt mit tausenden von Einwohnern gehörten natürlich auch Diebstahl und Raub, Mord und Totschlag, denn in den wachsenden Städten löst sich die soziale Kontrolle der Grundherrschaften auf. Dazu kommt allerlei wenig christlicher Zeitvertreib wie das Würfelspiel um Geld, welches einige Städte erfolglos verbieten.

 

 

Ein frühes Bild von nordischen Kaufleuten liefert der Benediktinermönch Alpert von Metz um 1020 von den Kaufleuten von Tiel. Er beschreibt sie als jenseits der Zivilisation des klerikalen Raumes angesiedelt, in einem Raum eigener Rechtsvorstellungen. „Sie waren in Alperts Augen nicht nur betrügerische Geschäftsleute, sondern auch unmoralische Gesellen. Sie frönten ihren Lüsten, solange ihre Frauen es duldeten, denn in Tiel durften nur Ehefrauen sie vor dem kirchlichen Bußgericht verklagen. Außerdem waren sie Säufer, die Geld zusammenlegten, um es gewinnbringend zu investieren, damit sie zu bestimmten Zeiten des Jahres Gelage veranstalten konnten. Die höchsten Festtage feierten sie förmlich im Rausch.“ (Groten, S.47f)

 

Auf dem Weg ins hohe Mittelalter sind Städte noch weit verstreute Punkte in einer Welt aus Kultur- und Naturlandschaft. Dass Städte unterwegs sind, ein Eigenleben zu entwickeln, wird am Anfang kaum wahrgenommen. Der aus einem Grafengeschlecht stammende und in einer civitas residierende Bischof Adalbero von Laon beschreibt so eine „ständische“ Ordnung aus Betenden, Kämpfenden und Arbeitenden, in der städtische von ländlicher Arbeit nicht abgehoben ist.

 

Spätestens im 12. Jahrhundert werden sie wahrgenommen als Partner von oft geistlichen Stadtherren und eben auch von Königen und Kaisern. Besonders geistliche Herren begegnen ihren Bürgern da oft bei Gelegenheit auch abschätzig oder verächtlich. Groten erwähnt zur Urkunde des Bischofs Friedrich von Halberstadt für seine cives forenses zum Nachbarschaftsgericht in der Stadt folgenden Satz: „Was sie gemäß dem bäuerlichen Wesen (rusticitas) und der Gewöhnlichkeit (vulgaritas) ihrer Sprache burmal nennen.“ (S.105) Die bürgerliche Oberschicht seiner Stadt spricht also nicht sein höfisches Latein, sondern die Sprache der Bauern und des vulgus, des Pöbels.

 

Als verabscheuenswürdig werden von Teilen der Geistlichkeit auch die Ansätze von bürgerlicher Selbstverwaltung angesehen, wie 1115 in der „Autobiographie“ des Wibert/Guibert von Nogent, wo sie als Aufbegehren von Unwürdigen gegen ihre rechtmäßigen Herren auftauchen, Communia, neue und verdammenswürdige Wortbedeutung.“ (Menant, S.223), oder bei Richard von Devizes in England, wenn er schreibt: Communia est tumor plebis, timor regni, tepor sacerdotii. (u.a. in: Pirenne, S. 218) Der hohe Klerus ist durchgängig ein Gegner der Kommunalbewegung.

 

Es sei darauf hingewiesen, dass es an einer Stelle eine Übereinstimmung zwischen geistlicher und adeliger Kritik bürgerlicher Welten gibt: Bei der Kritik des "Wuchers", also des Zinses auf den Kredit. So schreibt Freidank in seiner 'Bescheidenheit', die drei gottgegebenen Lebensformen des gebûre, ritter und pfaffen würden durch eine vierte, Geschöpf des Teufels gequält, den wuocher, die Kaufleute und vor allem die Kreditgeber also.

 

 

Goderich und die Symbiose von Christentum und Handels-Kapital

 

Der Abt Ailred von Rievaulx, der Goderich selbst kannte, beauftragte den Mönch Reginald von Durham, dessen Heiligenvita zu schreiben. Das hatten vorher schon andere getan. Reginald besucht Goderich des öfteren in Finchale, und seine Vita macht, was dessen weltliches Vorleben angeht, den Eindruck relativ großer Seriosität. Hier nun Auszüge aus der dritten Version dieses Textes:

 

Beide Eltern waren von geringem Rang und Wohlstand. (vitam pauperem ducebant)… Als er die Kindheit hinter sich ließ, verfolgte er eine klügere Lebensweise, und begann sorgfältig und ausdauernd die Lehren weltlicher Vorausplanung zu erlernen. (coepit adolescentior prudentiores vitae vias) Dazu entschloss er sich, nicht mehr das Leben eines Bauern weiter zu führen, sondern die Grundlagen verfeinerter Vorstellungen zu studieren, zu erlernen und sich in ihnen zu üben. (Unde non agricultura delegit exercitia colere, sed potious quae sagacioris animi sunt, rudimenta studuit arripiendo exercere.) Weil er ein Händler werden wollte, begann er zunächst das Gewerbe eines Hausierers auszuüben, in dem er anfangs kleine Gewinne machte mit Gegenständen von geringem Preis. (Hinc est quod mercatoris aemulatus studium, coepit mercimonii frequentare negotium, et primitus in minoribus quidem et rebus pretii inferioris coupit lucrandi officia discere.)Und dann, immer noch in seiner Jugend, machte sein Geist Fortschritte, indem er nun Dinge von größerem Wert kaufte, verkaufte, und dabei Gewinn machte. (Postmodem vero paulatim ad maioris pretii emolumenta adolescentiae suae ingenia promovere.) Er verbindet sich nun mit Kaufleuten in der Stadt. Bald profitierte der Junge, der sich viele anstrengende Stunden abgemüht hatte, von Dorf zu Dorf und von Hof zu Hof, so durch sein Alter und seine Kenntnisse, dass er nun mit Kollegen seines Alters durch Orte und Weiler reiste, durch Festungen und große Städte, zu den Märkten und den verschiedenen Buden der Marktplätze. (Nam et in primordiis per rura et villanos circumquaque positos coepit cum mercibus minutis pervagando circuire, postmodum vero paulatim se urbanis mercatoribus consociando confoederare. Unde in brevi contigit ut qui per villulas et rura diutius solebat pedibus lassabundis incedere, postea aetate similiter cum sapientiae maioris sagacitate crescente, cum sodalibus coaetaneis coepit per castra et castella, munitiones et civitates, ad nundinas per diversas fori venales officina, ad publica mercimonia exsequenda procedere.)

 

Sein Gewissen (conscientia) hatte damit keine großen Probleme, denn er hatte als Kind das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis gelernt und denkt oft daran. Schließlich reist er ins Ausland, zuerst nach St. Andrews in Schottland und dann das erste Mal nach Rom. Dann schließt erFreundschaft mit einigen jungen Leuten, die bestrebt waren, an Waren zu kommen. So segelt er oft von Britannien nach Schottland und wieder zurück. (Unde sapius de Britannia in Scotiam vadens et rediens)… Er begegnet zu See vielen Gefahren, aber Gottes Gnade (Dei providentia) bewahrte ihn vor dem Untergang. Denn Er, der den heiligen Petrus vor dem Untergang bewahrt hatte (conservaverat), als er auf dem Wasser ging, bewahrte mit derselbe starken Hand sein auserwähltes Gefäß (vas electionis futurum) vor allem Unglück und solchen Gefahren. Deshalb wendet sich Goderich immer intensiverer Heiligenverehrung zu, und er erlernt immer neue Gebete, die er mit Erfolg einsetzt: creberrime expiriri solebat sibi promptae consolationis adesse... Indem er so immer höher und höher strebte, und von ganzem Herzen hoch hinaus wollte, trugen seine Mühen und Sorgen am Ende viele Früchte weltlichen Gewinns. (Tandem semper altiora appetens et ad proveciora cordis desiderio suspirans, de nimio labore sollicitudinum, multimodi provectus secularis assequi promeruit emolumentum.)

 

Inzwischen ist er auch Schiffer, und bewegt sein Schiff nach Dänemark, Flandern und Schottland. In all diesen Ländern findet er seltene und darum besonders kostbare Waren, welche er in andere Gegenden befördert, wo sie wenig bekannt sind und von den Einwohnern mehr als Gold begehrt werden. Darum tauscht er diese Waren gegen andere, die anderswo begehrt sind. (In quibus singulis terrarum finibus aliqua rara et idio pretiosiora, reperiens, ad alias secum regiones transtulit, in quibus ea maxime ignota fuisse persensit,, quae apud indigenas desiderabiliora super aurum exstiterant.)… Und so machte er großen Gewinn in all seinen Geschäften und sammelt viel Gewinn im Schweiße seines Angesichts an. Denn er verkaufte an einem Ort die Waren teuer, die er anderswo billig eingekauft hatte. (De quibus singulis negotiando plurimum profecerat, et maximas opum divitias in sudore vultus suisibi perquisierat; quia hic multo venundabat quod alibi ex parvi pretii sumtibus congregaverat).

 

Dann kaufte er die Hälfte eines Handelsschiffes zusammen mit einigen Handelspartnern (cum sociis negatiatoribus), und wieder durch seine vorsichtige Klugheit (sua prudentia) kaufte er den vierten Teil eines anderen Schiffes.Auf die Dauer erwarb er sich durch seine Navigationskünste, in denen er alle seine Genossen übertraf, die Beförderung zum Posten eines Steuermannes.

 

Nun werden seine ganzen körperlichen Vorzüge und Talente beschrieben. Dann: Auf seinen verschiedenen Seefahrten besuchte er die Schreine vieler Heiliger unter deren Schutz er sich auf das allerfrömmste stellte, insbesondere in der Kirche von St. Andrews (domicilium Sancti Apostoli Andreae) … Auf dem Weg dorthin berührte er oft die Insel Lindisfarne, wo der heilige Cuthbert Bischof gewesen war, und die Insel Farne, wo der Heilige als Eremit gelebt hatte. … Von hieran begann er sich nach der Einsamkeit (solitudo) zu sehnen, und er schätzte seine Waren geringer ein (negotiandi lucra exinde paulo minus aestimare).

 

Jetzt hatte er sechzehn Jahre als Kaufmann gelebt, und er begann daran zu denken, die Güter, die er so mühsam erworben hatte, als Almosen zu geben, zu Gottes Ehre und Dienst (...in Dei famulatu atque obsequio exspendere proponebat). Er pilgert nach Jerusalem und auf dem Rückweg besucht er auch Santiago de Compostela. Bald darauf wird er eine Art Majordomus im Haus eines reichen Mannes in seiner Heimat. Als er seinem Herrn von den Missetaten der jüngeren Männer des Haushaltes (Viehdiebstahl zum Beispiel) berichtet, wehrt dieser ihn ab. Er verlässt also auch diesen Posten und pilgert nach St.Gilles und nach Rom. Als er später wieder nach Rom pilgern möchte, bittet seine Mutter mitkommen zu dürfen. Sie reisen nach London und sie waren kaum von dort abgereist, als die Mutter sich ihrer Schuhe entledigte und derart barfuß nach Rom reiste, und von dort barfuß zurück nach London. Der heilige Goderich, der demütig seiner Mutter diente, hätte sie gerne die ganze Strecke getragen.

 

Bald nach der Rückkehr verkaufte er alle seine Besitztümer und verteilte sie unter den Armen.(Coepit omnia quaesita vendere, pauperibuis eorum pretia erogare.) Nachdem er dann seinen Eltern von seinen Absichten erzählt und ihren Segen erlangt hatte, ging er fort an einen ungewissen Ort, nämlich dorthin, wohin ihn der Herr führen würde. Denn mehr als alles andere begehrte er das Leben eines Einsiedlers.

 

In den fast zweihundert Jahren nach der Beschreibung der Kaufleute von Tiel hat sich offensichtlich viel geändert. Da ist natürlich zum einen der vom entstehenden Kapitalismus und von der Kirche beförderte Zivilisierungsprozess und zum anderen die Zielperspektive Reginalds von einer sich entwickelnden Heiligkeit Goderichs, die sich alles aussucht, was da hinführt. Aber viel wichtiger ist etwas anderes: Es fehlt die Kritik des geistlichen Autors an der Sünde des Geizes bzw. der Gier, die nun einmal aus christlicher Sicht zu einem Kaufmann gehört, dessen erstes Augenmerk auf seinen sehr weltlichen Gewinn gerichtet ist. Vielmehr ist seine ganze Vita eine einzige Erfolgsgeschichte von Anfang an. Frühes kapitalistisches Erwerbsstreben führt (hier) zur Heiligkeit.

 

Goderichs prudentia erlaubt ihm den Schritt von der ehedem gottgefälligeren Landwirtschaft zum Handel und schließlich zu beachtlichem Reichtum, den der Autor als Weg zur Heiligkeit positiv beschreibt. Die frommen Eltern geben ihm nur das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis mit auf den Weg, wohl in mündlicher Tradition, und diese Minimalformeln widersprechen offenbar inzwischen auch nicht einem Kaufmannsdasein, sein Gewissen bleibt rein. Das einzige, was da später noch dazu kommt, ist eine ausgiebige Heiligenverehrung und sind eine Anzahl weiterer vorgegebener Gebete, über die wir im  Detail nichts erfahren.

Goderich bleibt also in Unkenntnis der evangelischen Botschaft, und er kennt entsprechend den krassen Unterschied zwischen seiner und der dort propagierten Lebensform nicht. Das dürfte beim Autor seiner Vita anders sein. Da es sich dabei um eine geistliche Auftragsarbeit handelt, wird er wohl der Regel gefolgt sein, dass ein Heiliger in seiner Vita ein wenig bzw. ursprünglich (fast?) gar nicht sündiger Mensch zu sein hat. Aber um 1200 wäre es längst möglich gewesen, Heiligkeit auch aus der Abkehr von der Sünde zu beschreiben. Es wird deutlich dass sich inzwischen Heiligkeit und tugendhaftes (?) Kaufmannsleben nicht mehr widersprechen.

Christliche Heiligkeit hängt also nicht an der evangelischen Botschaft, sondern an der Anerkennung der magischen Qualität von Heiligtümern. Der vermutlich bis zum Schluss illiterate Kaufmann ist offenbar auch nicht von Priestern oder Mönchen ins Christentum eingeführt worden, sondern knüpft unmittelbar an die magischen Vorstellungen vorchristlicher Zeit an.

 

Nehmen wir an, dass Goderich selbst meint, ein christlicher Kaufmann zu sein und einer christlichen Seefahrt zu frönen, so bleibt immer noch, dass er nach damaligen Vorstellungen erst als älterer Mann davon ablässt, und erst als richtig alter Mann jenes Eremitenleben anstrebt, - was so etwas wie Heiligkeit bedeuten soll. Damit ließe er sich in jene mittelalterliche Vorstellung einreihen, dass Heiligkeit für Bürger und Adelige bestenfalls eine Sache des Alters sei, oder gar erst etwas, dem man sich angesichts des Todes zuwendet, - so wie Frömmigkeit und Kirchgang später einmal zu einer Sache alter Weiber werden wird.

 

Der geistliche Autor hält es nicht für Kompartmentalisierung, wenn Goderich den besten Gewinn herausschlagen möchte, und dann bei nächster Gelegenheit vor Anker geht, um am Ort der Reliquien eines Heiligen zu beten. Er findet es auch nicht problematisch, dass die zweite, zeitliche Kompartmentalisierung (erst weltliches, dann geistliches Leben) zwei Extreme gegeneinander setzt, Extreme deshalb, weil auf der einen Seite die Eremitage steht, die auch so etwas wie radikale örtliche Kompartmentalisierung als Abgrenzung bedeutet, und auf der anderen Seite die große weite Welt des seefahrenden Händlers.

Reginalds Bericht beruht angeblich nicht zuletzt auf den Worten des alten Heiligen selbst. Aber wir werden nicht erfahren, was in dessen Innerem tatsächlich vor sich gegangen ist. Frommes Handeln ist äußerlich, sichtbar, es fehlt die Darstellung innerer Bewegung. Vielleicht hat Goderich selbst keine Widersprüche wahrgenommen, was seinem geringen Christianisierungsgrad entsprochen hätte. Zwischen den frühen Heiligen der späten Antike und denen des hohen Mittelalters ist kaum noch Ähnlichkeit zu erkennen, was nicht verwundern kann. Goderich ist kein antiker Märtyrer, sondern ein erfolgreicher Geschäftsmann.