KÖRPER 5 (1500-1650) (Materialsammlung)

 

 

Sitte und Sittlichkeit 

Ehe, Familie, Haushalt 

Eros und Sexus. Geschlechtstrieb als Triebkraft des Kapitals (Ital. Mode / Mode / Heptameron)

Das Verschwinden des Bades

Hexerei und ihre Verfolgung

Bildende Künste und Musik

Ärzte, Krankenhäuser und Krankheiten

 

 

Anfänge des totalitäreren Staates: Sittlichkeit statt Sitte

 

Die Sitte(n), bis ins 13./14. Jahrhundert männlich, dann über den Plural weiblich werdend, waren in Kulturen jene Gebräuche, aus denen gemeinschaftliche Lebensformen bestehen und die durch Tradierung fortgesetzt und verändert werden. Es ist  die gebräuchliche und auf Konsens beruhende Lebensform. In den mittelalterlichen Zivilisationen sind Sitten durch christliche Doktrin und weltliche Macht bereits gebrochen, behalten aber im Plural unter solchen Bedingungen immer noch Einfluss. Mit der Annektierung der Rechtssetzung durch die Fürstenmacht wird ihre Bedeutung immer weiter eingeschränkt. Das Resultat ist die Begriffsverengung des Sittlichen hin zum Moralischen, welche Kirche wie weltliche Macht vorantreiben und welche durch den Kapitalismus parallel gefördert wird. Das Wort Moral erscheint dann auch im 16. Jahrhundert in der deutschen Sprache.

 

Genau parallel dazu verengt sich auch der Tugendbegriff. der ursprünglich Tauglichkeit meint und dann besonders auf die kriegerischen freien Männer zugeschnitten wird, ähnlich wie areté und insbesondere virtus. Unter christlichem Einfluss wird dieser, dem evangelischen Jesus so fremde Begriff zunehmend bei Frauen auf ihre Keuschheit, also voreheliche Enthaltsamkeit und eheliche Treue eingeengt. Mit den Tugenden und Lastern wird er parallel dazu moralisiert.

 

Was da sprachlich geschieht, reagiert auf einen Verfall tradierter Vorstellungen im Zuge des alles durchdringenden Kapitalismus. Es verbindet sich aber einerseits mit den Reglementierungs-Bestrebungen der Reformationen und andererseits mit den totalitären Bestrebungen der Fürsten in der Durchsetzung von Staatlichkeit.

 

Das mag auf den ersten Blick kurios wirken, findet doch im 20. Jahrhundert in den klassischen Metropolstaaten des Kapitals unter den Bedingungen des Konsumismus der Massen eine genau gegenteilige Bewegung statt, die seit dem Ende des zweiten Weltkrieges insbesondere ein völlig bindungsloses Ausleben des Geschlechtstriebes und damit verbunden einen auf rauschhaften Konsum orientierten Amüsierbetrieb propagiert. Verständlich wird das nur, wenn man die Operationen global operierender Kapitalgesellschaften als ein Verfallsstadium von Kapitalismus versteht, in dem Sittlichkeit zum Hemmschuh für Konsumismus wurde. Sie wird darum ersetzt durch parareligiöse Politideologie, ein Vorgang, der schon 1776 und 1789 durchbricht - und wird im 20. Jahrhundert beantwortet durch einen zunehmend die Erde umspannenden archaischen, also repolitisierten Islam.

 

Frömmigkeit (frumkeit) ist besonders im nunmehr protestantischen Raum immer noch nicht religiös, sondern als Sittsamkeit definiert. Und so kann Hans Sachs dann definieren:

Frümkeit ist ghorsam und demütig, / Diensthaft, holdselig, trew und gütig. / Friedtlich, freundlich , milt und mitsam.  / Redtlich, auffrichtig und sitsam. / Stil, warhafft, verschwiegen, genügsam, / Bescheiden, senfftmütig, genügsam, Messig und züchtig alle zeyt. (in: Meckseper/Schraut, S.49f)

 

Schon die Kirche hatte den Sündenbegriff massiv um die menschliche Geschlechtlichkeit kreisen lassen, aber da sie ihre Rechtfertigung aus der allgemeinen Sündhaftigkeit der Menschen herleitet, greift sie bis in die Frühzeit des 15. Jahrhunderts nur in bescheidenem Umfang ein. Das beruhte einmal auf der Tatsache, dass sie des weltlichen Armes dafür bedurfte, aber auch darauf, dass die menschliche Sündhaftigkeit gar nicht zu beseitigen ist.

Es ist der immer weltlichere Staat, der nun aus der Sünde auch im geschlechtlichen Raum das Verbrechen macht, ein Wort, was sich überhaupt erst jetzt in der deutschen Sprache verbreitet. Dabei wird nicht nur die Liste der Delikte größer, sondern sie werden zunehmend auch als "Unzucht" strafverfolgt. Dazu gehören die beiden Formen der "Sodomie", des Geschlechtsverkehrs mit Tieren und die gleichgeschlechtliche zwischen Menschen, der voreheliche Koitus und der Ehebruch und vieles mehr. Gelegentlich wird sogar  eine andere als die übliche Stellung beim Koitus strafbewehrt.

 

War all das vor allem auf dem Lande bislang oft mit einem Mantel des Schweigens bedeckt, wurde es nun von der weltlichen Strafverfolgung in die Mitte ihres Interesses gerückt. Damit werden "Sittlichkeitsverbrechen" nun häufiger verfolgt als selbst der so häufige Diebstahl. In manchen Gegenden wird alleine schon die Homosexualität nach Diebstahl und Mord zum dritten am häufigsten verfolgten todeswürdigen Delikt. Todeswürdig wird nun auch der Inzest.

 

Viele Dinge kommen da zusammen: Die bürgerlichen Ehrbarkeits-Vorstellungen im Handwerk, die Gnadenlosigkeit reformatorischer Bewegungen, aber am wichtigsten ist wohl die Vorstellung der Vertreter der Staatlichkeit, dass die Untertanen Eigentum der Machthaber seien: Die Triebhaftigkeit dieser Untertanen ist ganz auf Fortpflanzung zu konzentrieren, denn mit der Vermehrung der Untertanen steigt das Maß an Einnahmen der Obrigkeit, die ihnen abgepresst werden können. Später wird dazu kommen, dass männliche Bevölkerungsüberschüsse für Heere genutzt werden können, die der fürstlichen Machterhaltung und - Erweiterung dienen sollen.

 

In diesen Zusammenhang gehört die immer rabiatere Verfolgung von Abtreibung und Kindstötung, im wesentlichen Armutsphänomene einer weiblichen Unterschicht, der immer weiter von ihren Dienstherren sexuell nachgestellt wird und die mangels brauchbarer Empfängnisverhütung keine andere Möglichkeit sieht, Lebensunterhalt und minimale Ehrbarkeit aufrecht zu erhalten. Wenn die Reichen und Mächtigen im Sinne neuer Sittlichkeit sich selbst den Normen entziehen, regeln sie solches, sofern überhaupt Reglungsbedarf besteht, im wesentlichen untereinander.

 

Nicht so leicht zu fassen ist das in der (Unterhaltungs- und Belehrungs)Literatur eher greifbare Phänomen der Verunsicherung der Menschen angesichts der Umwertung aller Werte, die sich in der immer deutlicheren Käuflichkeit der Menschen insbesondere in den Städten niederschlägt, also der Erfahrung, dass vor allen Sitten und Gebräuchen, allen kirchlichen Predigten Geld oberster Wert geworden ist. Eine solche Verunsicherung durch Haltlosigkeit neigt dazu, dem Staat immer weitergehende Eingriffe in das zu erlauben, was bislang de facto noch privat war.

 

 

In diese Entwicklung ist auch der Zug zur Illegalisierung der Prostitution einzuordnen. Zwar wird das Schließen von Badehäusern und oft auch bislang legalen Bordellen gerne mit der Pest und der Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten begründet, aber es entspricht auch den neuen Moralvorstellungen. Die Syphilis als allgemeine Seuche wird seit der Rückkehr von Kolumbus aus Amerika als sich rasch ausbreitende Seuche wahrgenommen, und es sagt viel über das Sexualverhalten der Menschen in den Städten, wenn sie gelegentlich die anderen Seuchen in den Städten übertrifft.

Mit der Illegalisierung wird die Prostitution aus dem städtischen Regelwerk genommen und einer weitergehenden Kommerzialisierung unterworfen. Zugleich verteilt sie sich stärker über die Straßen und Plätze und die Landschaft. In der Illegalisierung verbindet sie sich mit der sonstigen Kriminalität zu einer gemeinsamen Unterwelt.

 

Sind es zwar vor allem Sexualdelikte, die nun verfolgt werden, so hängt sich daran ein ganzer Rattenschwanz an Geboten und Verboten, die zum guten Teil damit zusammenhängen: Züchtigkeit der Kleidung, der Tänze, Diskriminieren des übermäßigen Alkoholkonsums mit seiner enthemmenden Wirkung und vieles mehr. Obrigkeit und Kirche vereinen sich in einer zunehmenden Erziehungsdiktatur, die ihren ersten Höhepunkt viel später in der Pflicht zum Besuch staatlich lizensierter Schulen als Propagandainstrument, der Wehrpflicht zur weiteren Normierung und der Arbeitspflicht (im Fabriksystem) haben wird.

 

 

Ehe, Familie, Haushalt

 

Bürgerliche Existenz ist an eheliche Geburt gebunden, und zwar bei Handel und Handwerk bis zu den Gesellen, für die alle ein bürgerlicher Ehrbegriff gilt. Ledige Personen bis hin zu Dienstboten sind in den bürgerlichen Haushalt eingebunden oder fallen heraus. Die durchschnittliche Kernfamilie besteht aus 4 Personen, der Haushalt ist durch das Gesinde ergänzt, welches bei der Oberschicht größer ist. Dort dient es nicht dem Handwerksbetrieb, sondern dem Führen eines großen Hauses in Unterstützung der Hausfrau. Solche Leute sind Kaufleute, Bankiers oder Teile der Hof-Verwaltung.

 

Für Fürsten und Könige gilt weiter keine christliche Ehe-Vorstellung. Bekannt ist der Fall von Henry VIII., der schon während seiner ersten Ehe bald eine Liebschaft mit Anne Boleyn pflegt. 

 

Kaiser Maximilian demütigt die Ehefrau Bianca Maria Sforza mit seinen Geliebten bei Hofe und zeugt ein Dutzend uneheliche Kinder. 

Karls V. Vater greift gierig nach immer neuen Frauen, ohne Rücksicht auf seine Ehefrau, deren Geistesgestörtheit das befördert haben könnte. Der sich fromm gebende Sohn ist diskreter, kurzzeitig ist er hinter der Kammerzofe Johanna Gheynst her, und kümmert sich dann um ihre Versorgung und die ihrer Tochter. 1526 heiratet er die portugiesische Infantin Isabella, die 1539 stirbt. 1547 hat er eine kaum bekannte Beziehung zur Regensburger Bürgertochter Barbara Blomberg, aus der Juan (d'Austria) hervorgeht, der allerdings erst kurz vor dessen Tod seinen Vater kennenlernt. Aus den Quellen geht ein starker Sexualtrieb und eine Vorliebe für junge Frauen hervor. 

 

1540 geht der seit 1523 verheiratete Landgraf Philipp von Hessen mit Zustimmung seiner damals kränkelnden Gemahlin eine (illegale) Zweitehe mit der Hofdame Margarethe von der Saale ein, wofür ihm eigentlich die Todesstrafe droht. Die Bigamie wird von Luther und Melanchthon gebilligt wie auch von der Brautmutter, die allerdings verlangt, dass die Zweitehe öffentlich und kein Konkubinat sein solle. Ohnehin hat der Fürst außereheliche Beziehungen, wie damals üblich, wodurch er sich die Syphilis zuzog.

In Rotenburg an der Fulda findet die Heirat unter Anwesenheit führender Reformatoren statt. Der Fürst lebt dann die Woche über mit seiner ersten Frau Christina , von der er weitere Kinder bekommt, und sonntags besucht er die anderswo wohnende Margarethe, mit der neun Kinder bekommt, insgesamt sind es also neunzehn.

Die drohende Todesstrafe lässt den Landgrafen eine Verständigung mit Karl V. suchen, wodurch er aus dem Schmalkaldischen Bündnis herausfällt.

 

Musik und Kartenspiel sind bei bürgerlichen Familien wie der Martin Luthers üblich.

 

Die Erziehung der Bürgers-Kinder ist je nach Eltern unterschiedlich streng, meist davon geprägt, dass die Kinder in einer harten Lebenswelt tauglich werden, Söhne mehr und anders als Töchter. Martin Luther, keiner der strengeren, schreibt über die Erziehung seines Sohnes:

Man soll die kinder nitt zu hart steuppen, den mein vatter steupt mich einmal also sehr, das ich im floh und das im bang was, bis er mich wider zu im gewenet. Ich wolt auch nitt gern mein Hansen seher schlagen (... in: Oberman(2), S.97)   

Luther selbst wird in der Schule recht oft von Lehrern geschlagen.

 

 

Aussehen. Der Geschlechtstrieb als Triebkraft des Kapitals 

 

Der Kapitalismus entsteht in einer ersten Stufe als der einer allgemeinen Entfesselung der Besitzgier Einzelner als alternativer Weg einer Karriere in der Kapitalbildung. In einer zweiten Stufe eskaliert er dann in der schrittweisen Entfesselung jener Gier, die vor allem den menschlichen Geschlechtstrieb ausmacht. Dies geschieht seit der Gotik auch durch das Anheizen der Triebhaftigkeit mittels der dahingehend kalkulierten Darstellung von Mädchen und Frauen als Objekt männlicher Begierde und als Rollenmodell weiblichen Aufreizens der Männer im erotisches Spiel.

 

Kapitalismus heißt Anheizen von Begehren, dessen Befriedigung nur neues Begehren schafft. Seit dem 12./13. Jahrhundert wird mit der Darstellung von Mädchen und jungen Frauen in Formen der Entblößung, Gestik und Mimik Kapitalismus gefördert, indem das Aufgeilen von Männern als Lebenszweck junger Frauen und die unentwegte Frustration des männlichen Begehrens durch eine dafür dienende Moral und den Preis, den Frauen für die männliche Befriedigung verlangen, einen Konsumismus in Gang setzen, der im 20. Jahrhundert seine Vollendung im idealisierten weiblichen Leitbild der Hure und des jungen Mannes als Rüpels aus US-Slums findet.

 

Spätestens im 15. Jahrhundert beginnt jene Bilderwelt, die offensiv das Aufgeilen von Männern betreibt, welches zugleich verleugnet wird, jeden religiösen Vorwand zu verlassen und ganz ungeniert zunächst fürstliche Kabinette zu schmücken. Es beginnt also jene Libertinage, die den großen Penis mit dem ganzen Machthaber gleichsetzt, und seine Macht durch das Besamen möglichst vieler junger und attraktiver Frauen demonstriert. Die penetrierende Gewalt des harten Penis des Machthabers und die tötende und mordbrennende Gewalt der bluttriefenden Waffen seiner Krieger verschmelzen völlig in ihrem Spiegel: Der sich für den reichen und mächtigen Betrachter prostituierenden Mädchen und jungen Frauen, die sich als Objekte männlicher Macht in analoge Machtillusionen hinein phantasieren.

Wohlgemerkt: Es geht nicht um die Erotisierung einer Geschlechtlichkeit, die noch etwas mit der Bestimmung für Ehe und Familie zu tun hat, sondern gerade um ihr Gegenteil, die schrittweise Bewegung in Richtung Pornographisierung, die mit Ehe und Familie nichts mehr zu tun hat bzw. diese ergänzt.

 

Wenn immer davon die Rede ist, dass Könige und Fürsten aus Machtkalkül heiraten bzw. verheiratet werden, so ist doch gelegentlich ihr Aussehen von zentraler Bedeutung, also ihre sexuelle Attraktivität. Wenn also ein englischer König  Henry VII. über die Verehelichung mit der verwitweten Johanna von Neapel nachdenkt, schickt er einen Gesandten, der u.a. herausfinden soll, wie attraktiv sie ist, wie sie sich schminkt, wie gepflegt ihre Zähne sind, oder ob sie Haare auf der Oberlippe und einen reinen Atem hat. Ein Maler soll sie zudem möglichst wirklichkeitsnah abbilden.

 

Verliebtheit spielt auch beim weiblichen Hochadel gelegentlich eine größere Rolle. Eleonore, Schwester Karls V., verliebt sich in Pfalzgraf Friedrich, der sich von einer Ehe mit ihr einen höheren Status verspricht. Das alles fliegt auf, Karl verbietet ihnen jeden Kontakt und lässt sie notariell beeiden, dass der Koitus nicht vollzogen wurde. Er verheiratet sie dann umgehend mit dem dreißig Jahre älteren König von Portugal, der schon vier Jahre später stirbt. 1530 wird sie mit Francois I. verheiratet, der allerdings erst 1547 sterben wird und sich recht offen Mätressen hält.

 

Hans Baldung ("Grien") lebt etwa von 1485-1545. Er lernt in der Werkstatt von Abrecht Dürer und bleibt diesem dauerhaft verbunden. 1510 wird er zünftiger Meister in Straßburg und heiratet in eine wohlhabende Bürgersfamilie ein. In seinem letzten Jahr 1545 wird er sogar Ratsherr. Nach und nach nehmen die kirchlich-religiösen Aufträge ab und er wendet sich dem menschlichen Körper zu, wie man sehen kann offensichtlich von Dürer beeinflusst. 

Sein weiteres Leben lang wird er vor allem auch in diesem Sinne von Hexen als manchmal bedrohlichen Verführerinnen fasziniert bleiben, und daneben gewinnt der betont erotische weibliche Akt, oft mythologisch legitimiert, immer mehr an Bedeutung. Wieweit das Vorwand wird, zeigt dieses Bild mit Adam und Eva von 1531, heute in Madrid, in dem mit dem religiösen Thema nur noch am Rande kokettiert wird. Tatsächlich handelt es sich um ein hocherotisch dargestelltes Liebespaar und dabei eine leibhaftige junge Frau, was durch das als Neuerung angedeutete Schamhaar betont wird, welches mythologischen Figuren bislang (schamhaft) fehlte. Sie hat sich mit der Rückseite ihres Körpers ganz intim an die Vorderseite des Mannes geschmiegt und dieser legt als begehrender Teil seine eine Hand auf ihre Hüfte und die andere direkt unter ihre rechte Brust, einen Finger auf ihr, dessen Spitze an ihre Brustwarze reicht.

 

Aus etwa derselben Zeit (1534) stammt das Gemälde aus der Schule von Lucas Cranach dem Jüngeren, welches ein beliebtes Sujet der Zeit abbildet, nämlich Venus und Cupido. Wie bei Eva ist der mythologische Hintergrund der nur noch Vorwand für ein wirklichkeitsgetreues weibliches Aktbild. Das erotische Moment ist hier noch viel deutlicher thematisch betont, durch die schlankere Figur, den stärkeren Hüftschwung, durch die Halsketten und den modischen Hut, der das Haar nicht verdeckt, und die auf Cupido hin weist, der als kleiner Knabe verspielteres sexuelles Begehren meint.

Nachdem Cranach in der Werkstatt seines Vaters gelernt hat, steigt er in Wittenberg zum Ratsmitglied und zum Bürgermeister auf. 

 

***Italienische Mode in Frankreich***

 

Mit dem Hof von Francois I. beginnen sich Moden durchzusetzen, die aus den großen italienischen Städten kommen. Der Landadel wird sich dem durch das Jahrhundert oft widersetzen.

Mit Henri III. wird bei Hofe die Benutzung der Gabel bei Mahlzeiten eingeführt.

 

***1600-1650 Weitere Verfeinerung in Frankreich in Texten***

 

Der Jesuit Antoine de Balinghem schreibt 1615 in seinen 'Après-disnées et propos de table':

Aber meide mir den Wein, der ein wahres Gift für die Seele ist, das ihr bitterer ist als die Galle der Drachen. Bei den Großen und Reichen drängt man die Gäste, zu trinken und Gläser und Tassen von monströser Größe in einem Zug zu leeren, auf das Wohl sei es des Königs oder sei es derer, die den Staat oder die Städte in der Gewwalt haben und regieren. Und wer immer sich weigert, zu trinken, gilt er nicht als seinem Herrscher oder demjenigen, auf dessen Wohl man trinkt, wenig zugetan. (in: Muchembled, S.134)

 

1659 Molière 'Les Précieuses ridicules' als Gegenpol.

 

 

***Bekleidungs-Mode***

 

Grundsätzlich steigt Mode, anders als im späten Kapitalismus seit dem frühen 20. Jahrhundert, weiterhin von oben nach unten ab, und das gilt für Männer wie Frauen und wohl am wenigsten für die ländliche Mehrheit der Bevölkerung.

 

Inzwischen gibt es für vornehme Kreise ein Mittel, um Mode schneller durch die Lande zu transportieren, und das sind kleine Modepuppen, die nach dem neuesten Geschmack gekleidet für die wohlhabenderen Kreise versandt oder mitgebracht werden. Und so setzt sich bei ihnen im 16. Jahrhundert eine spanische Mode durch, während im siebzehnten dann die Franzosen Maß aller Dinge werden, bevor von England aus Kattun dann die vornehmere Welt erobert.

 

In den wohlhabenderen Kreisen ist die Eitelkeit der Herren der der Damen durchaus ebenbürtig. Herren drehen sich Locken oder gehen zu Zöpfchen über. Damen punkten aber mit zeitweiliger Betonung der Körperformen, wozu manchmal die Auspolsterung des Hinterns gehört (Muchembled, S.56/117) und insbesondere das möglichst tief ausgeschnittenen Dékolleté. Dazu kommen künstliche Haarteile und möglichst aufwendiger Schmuck. Guillaume Bouchet stellt denn auch um 1600 fest: (...) in Fragen der Kleidung wird man denjenigen, der sich nicht nach der gängigen Mode ausstaffiert, immer für dumm und tolpatschig gehalten. (in: Muchembled, S.117)

 

Kleiderordnungen versuchen weiter vergeblich, in diesen Kreisen Aufwand zu verringern, setzen aber wenigstens manchmal durch, dass "ständische" Unterschiede gewahrt bleiben, soweit die nicht der Geldbeutel ohnehin vorgibt.

 

***Das Heptameron der Marguerite de Navarre***

 

Marguerite (1492-1549) ist die Schwester des französischen Königs Francois I. Dieser macht sie 1517 zur Herzogin des Berry, und sie wird 1257 durch Heirat Königin von Navarra. Sie wächst am reichen und belesenen Hof von Blois auf. Mit 17 Jahren wird sie an den Hof des wenig belesenen Herzogs von Alencon verheiratet. Schon vor dessen Tod gerät sie in die Nähe der französischen devotio moderna und dient dann mehrmals in diplomatischer Mission für ihren königlichen Bruder.

Sie protegiert Rabelais, Bandello und andere Autoren, schreibt selbst religiös beinhaltete Texte und Komödien und dann irgendwann ihre Sammlung meist sehr kurzer nouvelles, die bald nach ihrem Tod veröffentlicht werden.

 

Um 1545 soll am französischen Hof als neue Unterhaltung die Übung aufgekommen sein, sich gegenseitig Geschichten zu erzählen, was vielleicht damit zusammenhängt, dass es seit 1540/42 eine neue Übersetzung von Boccaccios beliebtem Dekamerone gibt. Novellen sollen dabei neue Geschichten sein, von denen behauptet wird, sie seien tatsächlich so passiert.

 

Hier werden zehn vornehme Damen und Herren durch eine vom Sturm zerstörte Brücke in einem Kloster aufgehalten und vertreiben sich die Zeit damit, sich Geschichten zu erzählen. Möglicherweise steht Parlamente für die Autorin selbst und Oisille für ihre Mutter Louise de Savoie.

 

Im Prolog empfiehlt Oisille die Lektüre der Bibel als Zeitvertreib (passe-temps), tatsächlich geht es dann aber um viele sexuelle Abenteuer bis zum Inzest, um wenig sexuelle Treue, aber viel Untreue, um Lug und Trug in meist sexueller Absicht und sehr viel Bosheit. Priester und Mönche, insbesondere Franziskaner, kommen mit ihrer dargestellten Lüsternheit und ihren Intrigen schlecht weg. Ein offener Antiklerikalismus wird dabei immer wieder einmal moralisch-evangelikal aufgewertet. So durch Parlamente über die Geschichte von Poline:

J'appelle parfaits amans, luy respondit Parlamente, ceux qui cerchent, en ce qu'ils aiment, quelque perfection, soit beauté, bonté ou bonne grace ; toujours tendant à la vertu, et qui ont le cueur si hault et si honneste, qu'ilz ne veullent, pour mourir, mettre leur fin aux choses basses que l'honneur et la conscience repreuvent; car l'ame, qui n'est créée que pour retourner à son souverain bien, ne faict, tant qu'elle est dedans ce corps, que desirer d'y parvenir.  (19. Novelle: Ihm antwortet Parlamente, ich nenne diejenigen vollkommene Liebende, die in dem was sie lieben, eine gewisse Vollkommenheit suchen, sei es Schönheit, Güte oder Grazie; immer zur Tugend neigend, und die ein so hohes und ehrenhaftes Herz haben, dass sie bis in den Tod ihre Absichten nicht auf niedere Dinge richten, welche Ehre und Gewissen tadeln; denn die Seele, die nur geschaffen ist, um zu ihrem guten Herrn zurückzukehren, strebt nur, solange sie noch im Körper ist, nur danach, dorthin zu gelangen.)

 

Mehrere weitere Novellen dienen der Moralisierung von Treue, Standhaftigkeit und Keuschheit von Frauen, fast alles vornehmere Damen. Aber der Unterhaltungswert der Geschichten ergibt sich vorwiegend aus eher anarchisch ausufernden sexuellen Abenteuern vieler Art:

Schon in der ersten Geschichte geht es es um die Frau eines procureur, deren Mann es gerne sieht, dass sie mit dem Bischof von Sées aus Geldgier ins Bett geht, wobei sie zudem heimlich eine Intimbeziehung zu einem jungen Herrn du Mesnil unterhält. Mit List und Tücke lässt der Prokurator du Mesnil durch einen gedungenen Mörder umbringen. Den Toten lässt er verbrennen und die Asche mit Mörtel für einen Hausbau vermischen. Das Kammermädchen, Zeugin der Tat, wird vom Mörder in ein Bordell gebracht. Eine Art Voodoo-Zauberer (Invocateur) soll den Prokurator vor der Strafe schützen. Als seine Frau von Mordabsichten ihres Mannes erfährt, sorgt sie dafür, dass er als Galeeren-Sträfling bestraft wird. Auch in nicht wenigen weiteren Geschichten verbinden sich die zahlreichen sexuellen Abenteuer mit Mord und Totschlag.

 

Ein alt gewordener Prior, der anfängt, naive Nonnen zu verführen, stellt in der 22. Novelle jahrelang mit allen Mitteln bis zum Versuch der Vergewaltigung auch einer Nonne Marie Heroet nach, die sich aber widersetzen kann. Auch der Versuch, sie durch einen attraktiveren jungen Mönch verführen zu lassen, scheitert. Der Kommentar des Zuhörers Nomerfide lautet:

Ich habe eine so große Abscheu, wenn ich einen Mönch sehe, dass ich nicht einmal bei ihm beichten würde, denn ich halte sie für schlechter als alle anderen Menschen. Sie kommen auch niemals in ein Haus, ohne dort Schande und Schmach zu hinterlassen.

 

In der folgenden Geschichte bringt sich die eine Frau eines Edelmannes um, weil sie nur so den Nachstellungen eines Franziskaners entgehen kann. Parlamente kommentiert das so: 

Mir scheint, dass man zu einer Frau, die im Bett liegt, wenn sie nicht gerade die Sterbesakramente empfangen soll, niemals einen Geistlichen ins Zimmer lassen darf.

 

Man erhält fast durchweg den Eindruck, dass Höflinge und übriger Adel, alles Männer, wie es in der zweiundvierzigsten Geschichte heißt, außer dem Reiten und Jagen nichts anderes im Kopf haben, als Mädchen und Frauen (meist erfolgreich) zu verführen oder gar zu vergewaltigen, wobei bürgerliche Weiblichkeit nicht nur in dieser Novelle als leichte Beute gilt. Die (Ehe)Frauen wiederum, besonders wenn sie ältere Ehemänner haben, scheinen bei Gelegenheit schnell untreu zu werden. Eine geradezu karnickelhafte Geilheit scheinen Mönche und Priester bis hinauf zu Bischöfen zu haben.

 

In der dreißigsten Geschichte möchte eine Mutter verhindern, dass ihr junger Sohn einem Kammermädchen nachstellt, wobei ihre List aber dazu führt, dass er die Mutter schwängert, die im Bett mit ihrem Sohn ihrer Lüsternheit nicht mehr "Herr" wird, denn Feuer ist bei Pulverfässern stets gefährlich. Wie es die Weltläufte so wollen, wird das Mädchen aus diesem Inzest die Frau des Sohnes. Und, wie es dann heißt, kommen über diesen Fall Doktoren der Theologie zu dem Urteil, dass die inzestuösen Kinder nichts von alledem gewusst und darum auch keine Sünde begangen hätten.

 

Diese Geschichten von sex and crime sind zunächst einmal für höfische und adelige Augen und Ohren gedacht und scheinen durchaus etwas von dem wiederzugeben, was die Köpfe und Geschlechtsteile dieser Leute bewegt, und das neunköpfige Publikum dieser Erzähler äußert sich im wesentlichen amüsiert, erfreut sich an den Geschichten, nachdem man vor jeder morgens zur Messe gegangen ist und sich vorher schon von Oisille einen frommen Vortrag angehört hatte.

Aber sie sind bei aller Libertinage und Gewalttätigkeit so zweifellos nicht repräsentativ für das Sexualverhalten der meisten Menschen der Zeit, schon gar nicht für Kaufleute, Handwerker und Bauern. Vielmehr repräsentieren sie eine wesentliche Funktion von Literatur, indem sie die Sensations- und Amüsierlust von Menschen bedienen, für die sich der Spalt zwischen kirchlich propagierter rigoroser Sexualmoral und wirklicher Praxis schon lange weit geöffnet hat. Die daraus resultierende Spannung verstärkt die, welche domestizierter Geschlechtstrieb nur schwer verbergen kann. Protestantischer Reformeifer, dem die Autorin zum Teil nahesteht, wird diese Spannung etwas lösen, indem Ehe und Familie nun als korrekte Formen des Auslebens des Geschlechtstriebes von jeglicher Sündhaftigkeit befreit und als Kern neuer Tugendhaftigkeit etabliert werden.

 

Aber die Autorin, die den Erzählern kaum eine Vorrede wie Chaucer, anders als der aber eine nach der Erzählung anschließende Diskussion aller zehn über das Verhalten der erzählten Personen bietet, lässt eine "Moral der Geschichte" offen, indem sie deren mehrere von verschiedener Seite anbietet.

 

 

Das Verschwinden des Bades

 

Bis ins frühe 16. Jahrhundert geht man entweder ins öffentliche Bad oder aber, wenn man sich das leisten kann, in den großen, wassergefüllten Bottich zu Hause.

Aber dann wird das Badhaus langsam nicht nur von der Reformation aufgrund seiner moralischen Fragwürdigkeit mehr und mehr geschlossen, sondern das Wasserbad wird nach und nach immer mehr als ungesund verrufen. Moral und Verderblichkeit des Wassers fallen bei der weit um sich greifenden Syphilis zusammen, aber letztere betrifft zum Beispiel auch die immer einmal wiederkehrende Pest. Es ist das Unheil einer langsamen Verwissenschaftlichung, welches sich in den neuen Theorien der Mediziner spiegelt. 

 

1513 erklärt G.Bunel: Ètuves et bains, je vous en pris, fuyez-les ou vous en mourrez. (in: Vigarello, S.16) Also, flieht die Schwitzbäder und andere Bäder, oder ihr werdet (an der Pest) sterben. Wärme und Feuchtigkeit öffnen die Poren und lassen über die Luft die Krankheit herein. 

Langsam setzt sich diese Haltung immer mehr durch und bestimmt dann auch die medizinischen Texte. Der kleine Dauphin, späterer Louis XIII., wird einmal nach der Geburt 1701 gewaschen, dann seine Beine mit sechs Jahren, und dann das nächste Mal am ganzen Körper mit sieben Jahren, und zwar aus Rücksicht auf seine Gesundheit. (Vigarello, S.25)

 

Stattdessen geht man in den vornehmen Kreisen dazu über, die Haut mit einem Leinentuch abzureiben, um sie so zu reinigen. Was bleibt, ist die Reinigung von Gesicht, manchmal nur des Mundes, und der Hände mit Wasser. Fast wichtiger ist das Schneiden der Nägel einmal die Woche. Aber die privaten wie die öffentlichen Bäder verschwinden fast völlig, 1556 das letzte in Dijon. 

 

Derweil gibt es nicht weniger Ungeziefer auf der Haut als zuvor. Aber es gibt viele, die sich ohnehin kein Bad leisten können und stattdessen ihr Leinenhemd hin und wieder im Fluss oder See waschen, manchmal das einzige, welches sie haben. Ansonsten zerquetscht man sich gegenseitig die Flöhe und was es sonst noch so gibt, und manche Reiche nutzen die Dienste professioneller Entfloher.

 

Das Ungeziefer muss man absuchen, den Schweiß hingegen kann man im leinenen Unterhemd aufsaugen. Wenn man es im 16./17. Jahrhundert wechselt, dient das bei denen, die sich das öfter leisten können, als Ersatz für die bald durchgehend fehlende Körper-Wäsche. Das Leinen reinigt den Körper, heißt es nun, und als Zeichen der Sauberkeit ist es weiß. Dieses Unterhemd wird dann bald auch beim Höfling am Hals und am Handgelenk sichtbar, Zeichen seiner Wohlanständigkeit.

Im Verlauf des 16. Jahrhunderts nimmt denn auch die Zahl der Leinenhemden langsam zu und kann im 17. schon mal fünfzehn oder zwanzig erreichen. Molière hinterlässt bei seinem Tod 1672 schließlich dreißig davon. Was man nun vor allem zeigt ist der Spitzenbesatz. Aber das alles betrifft nur die Mächtigen und Reichen. Ansonsten wird das Leinenhemd einmal im Monat oder zweiwöchentlich gewechselt.

 

Was wenig gewaschen wird, wird nun geschminkt, weiß und rot, und das Haar wird gepudert, dann auch die Perücke. Schon seit dem 14. Jahrhundert beginnt der Siegeszug des Parfums bei Frau und bald auch Mann, und inzwischen wird auch das Leinenhemd parfümiert. Das reinigt die Luft und die Haut.

 

 

Hexerei und Verfolgung

 

ln den Zusammenhang der Ausweitung von Staatsmacht und Untertänigkeit ist auch die Verfolgung von Zauberern und Hexen einzuordnen, die im Verlauf des 16. Jahrhunderts eine neue Qualität erhält und zum Massenphänomen insbesondere auf dem Lande wird.

Verfolgen kann man nur, wessen Existenz man glaubt. In einem Tischgespräch von 1533 erzählt Luther:

Doctor Martinus sagte viel von Zauberei, vom Herzgespann (Asthma) und Alpen (Elfen), wie seine Mutter sehr geplaget wäre worden von ihrer Nachbarin, einer Zauberin (...). Und ein Prediger strafte sie nur in gemein (ohne Namensnennung), da bezauberte sie ihn, daß er mußte sterben, man konnte ihm mit keiner Arznei helfen. Sie hatte die Erde genommen, da er auf war gegangen und ins Wasser geworfen, und ihn damit bezaubert, ohne welche Erde er nicht konnte wieder gesund werden. (in: Oberman(2), S.108)

 

Hexerei als böser Zauber bedarf längst des Teufels, an den zu glauben Katholiken wie Protestanten vorgeschrieben ist. Martin Luther selbst berichtet in einer Tischrede:

Es ist aber nicht ein seltsam unerhört Ding, dass der Teufel in den Häusern poltert und umhergehet. In unserm Kloster zu Wittenberg habe ich ihn bescheiden (deutlich) gehört. Denn als ich anfing den Psalter zu lesen, und nachdem wir die Nacht-Metten gesungen hatten und ich im Rempter (Speisesaal) saß, studiret und schriebe an meiner Lection,, da kam der Teufel und rauschet in der höllen (Raum hinter dem Ofen) drei Mal, gleich, als wenn einer einen Sccheffel aus der Hölle schleifte. Zu letzt, da es nicht wollt aufhören, rafft ich meine Bücherlein zusammen und ging zu Bette; aber mich reuet es diese Stunde, dass ich ihm nicht aussaß und hätte doch gesehen, was der Teufel noch wollte gemacht haben. So hab ich ihn sonst auch ein Mal über meiner Kammer im Kloster gehört. (in: Oberman(2), S.111)

 

In seinem Katechismus von 1529 heißt es:

Denn Versuchung und Reizung kann niemand umgehen, solange wir im Fleische leben und den Teufel um uns haben, und das wird sich nicht ändern. (in: Oberman(2), S.185) 

 

Das Wort Hexe kommt erst Anfang des 15. Jahrhunderts in den deutschen Sprachgebrauch, das Wort Hexerei im 16. Zunächst verfolgt wird nur der aus dunkler Vergangenheit herrührende Schadenszauber, den Männer wie Frauen ausüben können und welcher Angst auslöst.

Seit dem späten 15. Jahrhundert kommt es vermehrt zu Verfolgungen. 

Ende des 15. Jahrhunderts findet ein Vorgang der "Verwissenschaftlichung" statt, der mit dem Hexenhammer (Malleus maleficarum) des dominikanischen Inquisitors Heinrich Kramer (Institoris) beginnt, der 1486 in Speyer gedruckt wird. Damit versucht der Inquisitor seine drastischere Verurteilung von Hexerei zu begründen, ohne zunächst damit großen Einfluss zu gewinnen. Gipfeln wird die Verwissenschaftlichung in dem Propagandisten fürstlich-totalitärer Staatlichkeit Jean Bodin mit seiner Dämonologie von 1580.

 

Die Verbrennung von vor allem weiblichen Hexen nimmt im 16. Jahrhundert zu.

 

Bevor die Hexenverbrennungen zwischen 1580 und 1650 in England, Frankreich und den deutschen Landen zu einem Massenphänomen werden, zieht seit Institoris die Misogynie in das Hexenthema ein. Dabei werden ländliche Vorstellungen von Schadenszauber durch protowissenschaftliche Argumentationen kriminalisiert und dabei zunehmend auf Frauen und ihre magischen Talente konzentriert. Das verbindet sich dann mit der sexualisierten obrigkeitlichen Moral, wobei Moral dieser Art immer an Angstphänomene gekoppelt ist. Ländliche Vorstellungen von Hexensabbat mitsamt Besenflügen und Hexentanz werden mit der "Buhlschaft" mit dem Teufel, der in die Frauen hineinfährt, wie auch immer, gekoppelt.

 

Die vergleichsweise harmlosen Vorstellungen in der Landbevölkerung von Dämonen und ihrem Treiben werden durch Pseudowissenschaftlichkeit zu Doktrinen, die dann systematisch in die Bevölkerung hinein missioniert werden. Damit wird immer mehr vom archaischen Aspekt des Schadenszaubers abgesehen und das Augenmerk vom Delikt auf den Delinquenten gerichtet. Es sind die Gelehrten und ihr Staat, der dann die vom Kapitalismus angereicherten Konflikte in den Dörfern zum einen nutzen, um Denunzianten zu finden und über die Anwendung von Folter und Verbrennung Massen-Hysterie zu erzeugen. Das "nachbarschaftliche Denken muss zutiefst zerrüttet gewesen sein, wenn Hexenrichter Erfolge verzeichnen konnten." (SchubertRäuber, S.244)

 

Vor dem vom Staat inszenierten Hexenwahn stand bereits der aus der Bevölkerung aufsteigende Judenwahn. Solcher Wahn, vom klinischen Wahnsinn durchaus zu unterscheiden, ist in dieser Zeit wohl ein Spezifikum der Umbrüche, die Kapitalismus hervor ruft, wobei Ängste auf geeignete Objekte gerichtet werden, die erlebten Opferstatus in den von Tätern verwandeln. Das Beunruhigende am Hexenwahn zwischen 1580 und 1650 ist das Bündnis von Massenhysterie mit der Macht, etwas, was sich dann bis heute immer neue Formen suchen wird.

 

Der Jesuit Friedrich Spee wendet sich in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gegen Hexenverfolgung.

 

 

Feste, Bildende Künste und Musik

 

Mummenschanz in Festsälen gehört an vielen Höfen dazu. "Als (...) 1564 Maximilian Dresden besuchte, wurde ein Festturnier veranstaltet dessen Teilnehmer als Türken, Tataren, Mönche, Nonnen, Narren oder Bauern verkleidet in die Schranken ritten." (Rogge, S.239)

 

Renaissance-Maler wie Tizian oder Cranach sind in ihren Bildern Propagandisten der Fürsten. Nachdem Federico II. Gonzaga die Aufmerksamkeit des Kaisers auf Tizian gelenkt hat, wird er 1547/48 dessen Augsburger Portraits ausfertigen. Persönliche Züge und Idealisierung des gichtkranken Herrschers verbinden sich.

 

Die polyphone Hofmusik des burgundischen Hofes gelangt gegen Ende des 15. Jahrhunderts in den Norden der niederen Lande und dann als "flämische Kapelle" an den spanischen Hof Karls V.

1555 stockt Kurfürst August von Sachsen seine Hofkapelle auf "22 Sänger, dreizehn Kapellknaben, drei Organisten  und sieben weitere Instrumentalisten auf. Bei Festen spielt man auch mit Tafelmusik auf. (Rogge, S.240)

 

Im Bürgertum wird Hausmusik betrieben, wie zum Beispiel bei Martin Luther.

 

 

Ärzte, Krankenhäuser und Krankheiten 

 

Die Bedeutung der Pest geht in Europa in der frühen Neuzeit erheblich zurück. Erforscht wird sie allerdings erst Ende des 19. Jahrhunderts in Indien, und erst Antibiotika stellen ein wirksames Medikament dar so wie Impfungen als Vorbeugung.

 

Was bleibt ist die Malaria, vorwiegend am Nordrand des Mittelmeeres Europa betreffend. Mit der Entdeckung des Chinin im 16. Jahrhundert entsteht ein Heilmittel. Dazu kommt nun das Fleckfieber, eine Typhusart, die die Pest als gefährlichste Seuche bis Anfang des 19. Jahrhunderts ablöst, und die Pocken. Dazu kommt des weiteren die Syphilis, Vorläufer für die übrigen Geschlechtskrankheiten der Neuzeit.

 

In Köln kommen auf 10 000 Einwohner statistisch 2,2 akademisch ausgebildete Ärzte und 9,2 Wundärzte. (Rosseaux, S.112) Die Zahl der Hebammen ist um ein Vielfaches höher als heute.

Die Spitäler dienen im wesentlichen der Versorgung armer, alter und gebrechlicher Menschen.