Unglauben
Häresien
Annäherungen an sexuelle Wirklichkeit
Die Ehe
Das Tympanon von Conques
Askese
Der hässliche Leib der Begierde
Ekel, Scham und das Obszöne
Kehrtwende: Sublimation
Versuchung: Robert d'Abrissel, Eva und Hilarius
Marien
Intellekt
Medizin
Menschen, die herrschen, und solche, die für sie arbeiten, bilden zusammen das lateinische Abendland, eine sich im 11. Jahrhundert stärker entwickelnde neue Zivilisation. Dabei darf nicht vergessen werden, dass die wenigen Herren und die vielleicht etwa 95% Arbeitenden vor allem Körper sind, die mitsamt den Gliedmaßen von einem Kopf dirigiert werden, der wiederum ständig Impulse von "weiter unten" empfängt. Dazu gehören Hunger und Durst, die sich bei den Herrenmenschen wohl eher als Appetit äußern, und die Regungen des Geschlechtstriebes, aber auch überhaupt Empfindungen zwischen Schmerz und Lust.
All das ist ein Stück weit naturgegeben, wird aber längst auch zivilisatorisch überformt. Dabei ist davon auszugehen, dass solche Überformung Mönche und in geringerem Maße Klerus stärker betrifft als Adel und Fürsten, den "weltlichen" Teil der Herrenmenschen, die ihren wirklichen Alltag und religiöses Zeremoniell deutlich trennen. Am wenigsten betroffen ist wohl das Leben der unter den Herren Arbeitenden, für die Zivilisierung vor allem Unterwerfung bedeutet. Von ihnen erfahren wir zugleich auch aus den Quellen am wenigsten.
Zivilisieren ist wesentlich das Ineinander-Greifen von sich veränderndem kirchen-christlichem Einfluss und den sich wandelnden weltlichen Machtstrukturen. Christliches Mittelalter? Christlich ist diese Zeit sicherlich nicht im Sinne der Apostelgeschichte und der Evangelien gewesen, sondern höchstens in dem Sinne, dass eine römisch-katholische Kirche auf immer wieder neue Weise eng mit der weltlichen Macht verschränkt Macht über die untergebenen Menschen hat. Was diese dabei glauben, wird nur selten erkennbar, denn die Gedanken sind nur solange ernstlich frei, wie man sie für sich behält. Das ist bekanntlich bis heute so geblieben...
Um 1115 jedenfalls schreibt Guibert von Nogent in seinem 'De vita sua' aus geistlicher Sicht zunächst das Lob seiner Mutter, die nach dem Tod ihres Gatten fromme Witwe bleibt, und dann:
certe cum caeteros generis mei aut animales et Dei ignaros, aut efferos armis et caedium reos, multum vero eos fieri a te, nisi granditer, ut assoles, eorum miserearis, extorres. (Während der Rest meiner Familie richtige Tiere sind, die Gott nicht kennen, verhärtet im Verbrechen und beschmutzt von Morden, von dir verbannt sein müssten, wenn du dich ihrer nicht erbarmt hättest. (I,2))
Wenn er schon die eigene edle Verwandtschaft so darstellt, wie viel Christentum wird er wohl der übrigen Masse der Laien zugestehen? Bevor wir uns also daran machen, Versuche dessen zu beschreiben, was man damals als Christianisierung der Körper ansieht, sind zunächst einmal Zweifel daran festzuhalten, inwieweit es überhaupt bereits eine Christianisierung der Köpfe gibt.
Unglaube
Auf dem Land, also bei der großen Mehrheit der Menschen, halten sich mehr noch als in den Städten vorchristliche Elemente, die nicht nur teilweise ins Christentum integriert werden, sondern zum Teil auch verbotenerweise daneben bestehen bleiben. Und so bestehen jenseits der magischen Kräfte, die Priestern offiziell zugesprochen werden (Wasser zu Wein, Wasser zu Weihwasser, magisches Weihen sakraler Räume und so vieles mehr) nicht nur weiter die magischen Kräfte, wie sie Reliquien enthalten sollen, und ein auch darüber hinausgehender erheblicher, kirchlich geförderter Wunderglaube.
Vielmehr existiert daneben ein Grenzbereich von Glauben, der schnell in "heidnische" Vorstellungen abgleitet, wiewohl es christliche Geistliche und Mönche sind, die davon fleißig Zeugnis ablegen. So berichtet Abt Guibert von Nogent von den Zauberkünsten einer Stiefmutter, die den Vollzug der Ehe seiner Eltern durch maleficia, also Zaubereien durch mehrere Jahre hindurch verhindert. Erst mit der Hilfe einer gewissen alten Frau und wohl ihrer Zauberkünste gelingt der Koitus. (De vita sua, I,12)
Nachdem die Teufel heute etwas aus der Mode gekommen sind, ist es nicht mehr einfach, sich ihr böses Treiben auf Erden damals handfest vorzustellen. Um 1115 beschreibt Abt Guibert von Nogent einen Teufelspakt, der eine Menge schauerliche Ingredienzien in sich vereint: Einen Mönch, eine Nonne, einen Teufel, einen Juden, Pollution und Koitus. (De vita sua, I,26)
Ein Mönch wird krank und kommt in Kontakt mit einem medizinisch bewanderten Juden. Neugierig über dessen Kenntnisse von malas artes, mit denen sich maleficia durchführen lassen, willigt der Jude ein, ihn mit dem Teufel zusammenzubringen. Der Teufel aber fordert vom Mönch als Voraussetzung für die Einführung in Zauberkünste ein Opfer.
Er fragt, was für ein Opfer? Das, welches dem Manne höchst angenehm ist. Was für eines ist das? Du spendest etwas von deinem Sperma, sagte er. Wenn du das für mich verströmt hast, wirst du davon als erster kosten, wie es sich für einen Opferer gehört.
Oh Verbrechen! Oh Schande! Und der, von dem das verlangt wurde, war ein Priester (presbyter)! (...) Der unglückselige Mann tat das. (...) Und so löst er sich mit dem schrecklichen Spermienopfer (libamentum) von seinem Glauben.
Kein Zweifel des frommen und belesenen Abtes Guibert, dass das alles dann auch funktioniert. Die neuen Zauberkräfte belegt er mit folgender Begebenheit: Der Mönch, der eine Zelle mit einem anderen Mönch teilt, hat gelegentlich Verkehr mit einer Nonne, die ihn offenbar dann besucht, wenn der Zellengenosse abwesend ist. Eines Tages sind sie zusammen, als sie den Kollegen nahen sehen.
Als der neue Zauberer (incantator) die Angst seiner Gefährtin (socia) sieht, sagt er: Geh dem Mann geradewegs entgegen, der da kommt, sieh weder nach rechts noch nach links und fürchte dich nicht! Die Frau vertraute ihm und ging los. Er aber steht in der Tür und verwandelt sie mit einem Zauberspruch, den er gelernt hat, in einen riesigen Hund. Als sie sich dem zurückkehrenden Mönch näherte, sagte er: Ha, Wo kommt dieser große Hund her? In großer Angst passierte sie ihn und wusste nun durch diese Worte, in welcher Gestalt sie entkommen war.
Als unser sündiger Mönch dann einmal sehr krank wird, gesteht er alles und am Ende holt das Kloster den Rat des Anselm von Canterbury (damals noch von Bec) ein, der empfiehlt, dem Mönch seine Priesterschaft zu nehmen, was dann auch geschieht.
Von Magie und Zauberei jenseits des theologisch Korrekten wissen wir heute mehr als davon, was die Leute wirklich an "Christlichem" glauben, wobei Elemente von Unglauben wohl auch in den Städten immer vorhanden sind. Zweifellos plappern die Menschen, ohne es wie auch immer zu verstehen, das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser nach, prägen sich vor allem einige alttestamentarische Geschichten ein und halten ansonsten das jeweils von oben Angeordnete für Christentum. Aber Dokumente darüber, was sie dabei alles nicht glauben oder gar für Unfug halten, gibt es naturgemäß nur wenige, denn dokumentierbarer Unglauben kann schlimmste Folgen nach sich ziehen.
Immerhin berichtet Guibert de Nogent, derzeit auf dem Weg in eine kirchliche Karriere, über sich:
Prava ergo libertate potitus, coepi intemperantissime meo abuti imperio, ridere ecclesias, scholas horrere, consobrinulorum meorum laicorum, qui equestribus imbuebantur studiis, affectare sodalitia, exsecrando clericatus signum, (etc. in: De vira sua, I,15). Der Jugendliche lacht über die Kirche, hasst die Schule, liebt die Gesellschaft seiner ritterlichen Beschäftigungen nachgehenden Cousins, verflucht das Gewand des Klerikers (etc).
Insbesondere der mirakulös-sakramentale Zauber wird wohl des öfteren für faulen Zauber gehalten. Jemand bezeichnet eine Kirche als Schlafzimmer. Im Mirakelbuch der heiligen Foy von ungefähr 1030 wird erzählt, wie einer an einer einfachen Holzkirche vorbeigeht und sie als bloße Hundehütte bezeichnet, ihr also allen sakralen Charakter abspricht. Der Legendenschreiber darauf:
Der Unglückliche! Er hat nicht begriffen, dass dieses Gebäude seine Kraft durch seine heilige Weihung aus dem göttlichen Licht bezieht. Ähnlich ist der Irrtum der Häretiker, die in Unkenntnis der spirituellen Gnade dem Taufwasser seine Kraft aberkennen, seine Natur zu verändern und erklären, das Wasser bleibe einfach immer Wasser. Es ist nötig, dass sie wissen und dass sie glauben, dass sich darin zwei Elemente befinden, nämlich das Wasser selbst und die heiligende Gnade, und dass aus der Verbindung beider das Sakrament entsteht. (französisch in: Audebert/Treffort, S.98)
Vermutlich ist es vielen, die etwas heller im Kopf sind, so ergangen, dass sie dem Zauber nicht trauen. Aber es wird immer gefährlicher, das laut zu sagen. Mächtige werden bis heute nur dort - inzwischen politischen - Unglauben dulden, wo sie sich durch ihn nicht gefährdet sehen. Wie sonst soll institutionalisierte Macht auch überleben können...
1029 erklärte ein lombardischer Mönch Ademar von Chabannes, seine Erfindungen rund um einen Apostel Martial seien Schwindel und nur dazu da, die Einkünfte seines Klosters zu steigern, was von Einheimischen beifällig aufgenommen wird. Das ist kein Unglauben am Christentum insgesamt, aber eines von vielen Beispielen dafür, dass Lug und Trug, Fälschungen und ähnliches in der Kirche längst üblich und Menschen vertraut sind.
1072 werden in der Krypta von St.Paulin in Trier 13 Gebeine gefunden, die antiken Märtyrern zugeschrieben werden. In einem Zusatz der 'Passio sanctorum martirum Trevirensium' wird folgendes erwähnt:
"Auf die Frage, was sie von der inventio halte, antwortete eine zur familia des Stiftes gehörende Frau namens Benzela: Ich weiß nicht, was ich euch in dieser Angelegenheit sagen soll; ich höre aber, dass dort Sarkophage gefunden wurden; ähnliche finden sich auch in meinem Garten, freilich mit Kohl bedeckt. Darauf folgt dann Gottes Strafe durch Lähmung der Frau. (in: Anton/Haverkamp, S.191)
Als die Leute von Laon nach dem Fall ihrer Kommune um 1115 mit ihren Reliquien herumreisen, dabei auf Wunder und Geldeinnahmen hoffend, erklärt in England einer, dass die Kleriker mit ihren Lügen und Tricks von den dummen Leuten viel Geld bekämen. Das mag Guibert von Nogent, der nicht dabei war, so erfunden haben, aber wohl nur, weil es genügend solcher Leute gibt, und er zudem hinzufügen kann, dass dieser sich dann aus Reue selbst erhängt. (De vita sua III, 13)
Glaube setzt dort ein, wo man nichts mehr wissen kann. Das Glauben scheint aber darüber hinaus ein Grundbedürfnis vieler Menschen zu sein. Spätestens in der institutionalisierten Untertänigkeit erscheint die Tatsache des Nichtwissens unerträglich, die erkannten Lücken werden gefüllt.
Das aufgezwungene Christentum macht wohl aus den meisten "Gläubigen" gedankenlose Mitläufer, weil das der bequemste Weg ist, und zwar auch, weil es den Mühen selbständigen Nachdenkens ausweicht, die ohnehin nicht erwünscht sind. Dass es allerdings zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert mehr Interesse an Religion gibt, zeigen die vielen Abweichler von den katholischen Glaubenspflichten, die als Häretiker verfolgt werden. Ihnen gemeinsam ist die Rückbesinnung auf den evangelischen Jesus und die Apostelgemeinde, was sie der Verfolgung durch die römische Kirche anheim gibt.
Häresien
Mangelnde Gläubigkeit an kirchlich verordneter Doktrin kann dazu führen, dass man Punkte des Unglaubens aushält, oder aber, dass man sich statt ihr auf die Evangelien selbst bezieht.
Als der Kapitalismus seine ersten Wurzeln schlägt, entwickeln sich neben der römischen ("katholischen") Kirche Initiativen kleiner Gruppen, die vor allem in Städten im Unterschied zur Reformkirche einen viel klareren Rekurs auf die Evangelien und ihr Jesusbild einschlagen. Und schon im 11. Jahrhundert beginnen solche Gruppen unter zunehmend nachlassendem Interesse an den altjüdischen "biblischen" Texten, die so wichtig geworden waren seit der Integration der Kirche in den kaiserlichen Machtapparat unter Konstantin und dann noch einmal verstärkt in der Reformkirche des 11. Jahrhunderts, sich kritisch mit den diversen kirchlichen Versionen der evangelischen Botschaft und mit dem Jesusbild selbst auseinanderzusetzen. Kein Zufall ist, dass neben diesen dem offiziellen Misstrauen bis Verfolgung und Verbrennung ausgesetzten Menschen im selben Jahrhundert aus dem Mönchtum heraus und dann im Rahmen der Kirche selbst ebenfalls stärkere Reformforderungen laut werden.
Dissidenz hatte es im Rahmen eines gewaltsam verordneten Christentums immer gegeben, und sie wurde auch stets verfolgt. Ihren Konflikt hatte sie in der Gottesvorstellung und in der Ablehnung der evangelischen und kirchenväterlichen Interpretation des Todes Jesu, in der aus einem väterlichen Gott einer werden musste, der mehr oder weniger leiblicher Vater des Gekreuzigten wird. Aus einem Gescheiterten wurde dabei ein vom Erfolg Gekrönter, dessen Leiden mit Sinn versehen wurde. Dazu kommen dann die diversen Merkwürdigkeiten von Auferstehung, Himmelfahrt und Pfingsten und die Wundersamkeiten diverser magischer Wunder Jesu.
Die altgriechische hairesis wird in der Bedeutung "selbstgewählte Anschauung" im Neuhochdeutschen über das mittelalterliche Latein zur "Häresie". Ihre kirchliche Bedeutung beruht darauf, dass die Kirche sich in ihrer Entstehungsphase selbst zur einzigen den Glauben definierenden Instanz erklärt hatte. Diese Instanz verengt sich in der Nachantike langsam mehr auf die Päpste. Wer also als Laie, was nicht erwünscht ist, die Evangelien aus eigenem Antrieb liest und so versucht zu verstehen, ist schon deshalb ein Häretiker, oder später von Katharer (den Reinen) abgeleitet, ein Ketzer.
Wir wissen weder, wie viele es sind, die sich nun ihr eigenes Jesusbild aus den "heiligen Schriften" selbst formen, denn wir sind auf die sehr zufällige Überlieferung angewiesen, noch kennen wir sie durch eigene Verlautbarungen, sondern meist ausschließlich durch die Stimmen ihrer Gegner und Feinde. Bekannt werden Häretiker damals nur durch kirchliche Verfolgung, und nur dann hören wir auch schon mal, dass sie sich Christen nennen, Apostel oder Arme Christi.
Zumindest einige wenige scheinen um das Millennium herum in eine gewisse religiöse Erregung zu geraten, die Apokalypse (Offenbarung) des Johannes bekommt immer mehr Einfluss, das Zeitalter fast anarchisch wütender grundbesitzender Krieger mit ihrer Grausamkeit könnte zur allgemeinen Erregung der Gemüter beigetragen haben, welche in den Greueln beim und um den ersten Kreuzzug herum das Jahrhundert beenden wird. Und die beginnende Verfolgung der Häretiker, mit der sie überhaupt bekannt werden, fällt mit der kirchlichen Friedensbewegung zusammen, in der zum ersten Mal eine jesuanische Forderung - in wenn auch sehr bescheidenem Umfang - an die Laienwelt herangetragen wird: die wirklicher Friedfertigkeit. Zwar beileibe nicht Nächstenliebe, aber doch wenigens ein wenig von dem Friedensgebot Jesu, welches die Kirche ebenfalls schon lange zu einer leeren Formel hatte verkommen lassen.
Radulf Glaber (II, 11) berichtet für um das Jahr 1000 von einem Bauern Leuthard in der Champagne, der eines Tages sich von seiner Frau trennt, Kuzifixe zerstört, den Kirchenzehnten nicht mehr zahlt und das Alte Testament ablehnt, und zwar quasi ex praecepto evangelico. Andere Bauern schließen sich ihm an. Der Bischof von Châlons macht dem schlichten Menschen mit seiner Schriftkenntnis dann klar, dass er des Teufels sein müsse, und der bringt sich darauf um. Jedenfalls ist das die kirchenfromme Darstellung des Radulf (Raoul) Glaber, die wohl auf Hörensagen beruht.
Ebenfalls Anfang des Jahrtausends berichtet ein Mönch Erbert in einem Rundbrief "an alle Christen" über solche Häretiker ("Pseudo-Apostel") im Périgord, die die Messe mit ihrer Transsubstantiation ablehnen, und stattdessen bei jedem Essen das Brot segnen im Gedächtnis an das letzte Abendmahl Jesu. Sie fasten viel, essen kein Fleisch und lehnen Privatbesitz ab. (Brenon, S.56) Später erscheint eine kleine religiöse Gruppe im Piemont.
Um 1018 tauchen solche Leute in Aquitanien auf, alles "Manichäer" laut Ademar von Chabannes:
Es erschienen Manichäer in Aquitanien und verführten das Volk. Sie lehnten die Taufe ab und das Kreuz und alle rechte Lehre. Sie aßen kein Fleisch, als wären sie Mönche, und predigten den Zölibat, aber insgeheim gaben sie sich jeder nur denkbaren Ausscheifung hin. Sie waren Sendboten des Antichrist und machten viele dem Glauben abspenstig. (Chronikon III, 49)
Dann gibt es 1022 Häretiker in Toulouse, wie derselbe schreibt (Chronikon III, 59). 1022 wird eine Gruppe von zehn oder zwölf wohl adeligen Kanonikern der Kathedrale von Orléans, die Einfluss bis nach Rouen haben, auf Befehl von Robert ("dem Frommen") als Ketzer bei lebendigem Leib verbrannt (Brenon, S.17). Laut dem frommen Adémar de Chabannes scheinen sie frömmer zu sein als die übrigen, vielleicht schon darum verdächtig, und werden dann überführt, Manichäer zu sein, was immer die Kirche darunter verstanden haben mag.. Laut Radulfus Glaber (III,8) sind die zwei Anführer durch Herkunft und Wissenschaft angesehene Geistliche.
Sie lehnen es ab, an eine menschliche Natur Christi zu glauben, die auch nicht in der Messfeier wiederhergestellt werden kann. Statt die kleinen Kinder magisch in Wasser zu tauchen, taufen sie Erwachsene mit schierer Handauflegung. Adémar berichtet auch, dass sie schlimmste Ausschweifungen begangen hätten und sich mit Pulvern stärkten, die sie aus den Leichen kleiner Kinder hergestellt hätten. Damit wird das Standardrepertoire der kirchlichen Diffamierung religiöser Abweichler oder Andersgläubiger bereits in Bewegung gesetzt.
Überhaupt:
Diese bösen "Manichäer" der Aquitaine verdarben die Leute, leugneten die (magische) Wirkung der Taufe, das (heilsbringende) Zeichen des Kreuzes, die Kirche und sogar den Erlöser der Welt, die Ehrungen, die man den Heiligen schuldet, die kirchliche Ehe, das Verspeisen von Fleisch. Sie fasten wie die Mönche und tun so, als ob sie keusch wären (Ademar, Chronik, 59).
Besonders das Fleisch zu verweigern, welches Gott den Menschen zum Essen gab, mit dem Ziel, so andere zur Ketzerei zu verführen (?), fast keinen Alkohol zu trinken, auch auf üble Nachrede gegenüber den Mitmenschen zu verzichten, auf Eigentum, auf die weltlichen Ehrentitel, das alles empört nicht nur den kirchentreuen Adémar, sondern mit ihm alle braven Kirchenchristen. Geldgierig sind diese perversen "Manichäer" auch nicht. (in: Brenon, S.40f)
1025 schafft es der Bischof Gerhard, eine Gruppe von Bürgern, Handwerker der Stadt Arras, dazu zu bringen, ihrem Ketzer-Glauben abzuschwören. Ein Italiener Gandulf hatte sie beeinflusst. Solche Leute glaubten nicht an die magischen Kräfte der Kindertaufe, überhaupt leugneten sie die Wunderkräfte der Sakramente, sie brauchten in Summe keine Kirche, um Christen zu sein, so wenig wie die Jünger Jesu.
Überhaupt ist für sie Christus kein Mensch, sondern ein Geistwesen:
Sie sagten, dass Christus nicht von der Jungfrau geboren wurde, dass er nicht gelitten hatte für die Menschen, dass er nicht gestorben ist, dass er nicht wirklich in ein Grab gelegt wurde und auch nicht auferstanden ist.(...) Dass es kein Sakrament von Leib und Blut in der Konsekration des Priesters gibt. (in: Brenon, S.44)
Selbst einfache Bauern, aber auch belesene Leute weigern sich im Namen der Vernunft, an den ganzen kirchlichen Schabernack zu glauben. Vermutlich sind es nicht wenige, aber viele lernen im Laufe der Zeit, ihr Leben zu retten, indem sie den Mund halten, wie gegenüber jedem terroristischen Regime. Den meisten Menschen fehlt aber wohl eher das religiöse Interesse, man macht mit, weil es fast alle machen, ähnlich wie heutzutage gegenüber politischer Indoktrination.
Während sich in der Lombardei die Pataria entwickelt, versammelt eine Gräfin um 1028 auf ihrer Burg Monteforte zwischen Turin und Genua rund dreißig Adelige zu evangelischem Leben in Armut und ohne kirchlichen Beistand. (Glaber IV,2)
Nach und nach wird aus den Quellen immer deutlicher, dass der einzige den kirchlicherseits erfundenen Sakramenten ein wenig ähnliche Vorgang eine Erwachsenen-Taufe durch Handauflegen für die Gläubigen ist, die nach einer Vorbereitungszeit durch Wiederholung dieses Vorgangs zu Reinen werden, zum Nukleus dieses Christentums. Damit entsprechen sie dem jesuanischen Auftrag in der Taufgeschichte am Jordan und der Praxis der Apostelgemeinde. Kurz vor 1050 schreibt der Bischof von Châlons an den von Lüttich, dass sie zudem selbst kleinen Leuten nach längerer Unterweisung erlauben zu predigen. Fromme Bauern wiederum versammeln sich im Bistum zwischen 1043 und 1048, um zu fasten, kein Fleisch mehr zu essen und die (kirchlich sanktionierte?) Ehe abzulehnen. Bald wird man sich seitens der Kirche empören, dass Frauen den gleichen Status wie Männer in der Ausübung ihrer Religion haben.
1051 oder 1052 werden in Goslar unter Aufsicht des Kaisers einige wohl lothringische Ketzer aufgehängt, von denen Lampert von Hersfeld (zu 1053) berichtet, dass sie nicht einmal bereit gewesen seien, Tiere zu töten, um sie zu verspeisen.
Es handelt sich offensichtlich inzwischen nicht um versprengte Grüppchen, die für sich auf der Basis der Evangelien und der Apostelgeschichte ihr jeweils authentisches Christentum entwickeln, sondern um eine miteinander verknüpfte Bewegung in größerem Maßstab, zudem in großen Teilen des lateinischen und griechischen Abendlandes. Zwei Dinge fallen dabei auf. Einmal müssen, wie teilweise auch in den Quellen erwähnt, belesene katholische Geistliche und Mönche eine gewisse Rolle spielen, da nur sie ein derart an den frühen Texten orientiertes Christentum entwickeln können. Zum anderen kann dieses Christentum sich kaum durch Missionierung so weit verbreitet haben, da es dafür keine Hinweise gibt. Manches lässt darauf schließen, dass es schon im 10. Jahrhundert vorhanden war, als die nicht reformierte Kirche noch nicht von derart intensiver Verfolgungswut geprägt wurde, dass sie dadurch auffielen, sondern andere Interessen und Sorgen hatte.
Die evangelischen (apostolischen) Christen selbst werden eine andere Linie von der Apostelgemeinde bis zu sich hin ziehen als die Kirche, die ihre Hierarchie, ihre Machtansprüche und dogmatische Ausrichtung nur auf einen einzigen, äußerst fragwürdigen Satz der Evangelien begründen kann, und ansonsten diesem und der Apostelgeschichte in allen Punkten widersprechen. Ab dem 12. Jahrhundert spätestens äußern sie in überlieferten Texten vielmehr, dass es durch das Jahrtausend zuvor eine kontinuierliche Weitergabe des Apostolats in ihren eigenen Reihen gegeben habe. Aber es gibt zwar eine Linie der Dissidenz und der Häresien, aber solche Christengemeinden neben und jenseits einer der beiden römischen Kirchen tauchen in schriftlichen Quellen erst mit dem 10. Jahrhundert im Raum von Ostrom auf.
Die absolute Hoheit über Glaubensfragen hatte die Kirche als Dank für ihren Machtantritt letztlich mit Konstantin der weltlichen Macht übertragen, aber nach dem Tod Karls des Großen beginnt sie allmählich, diese wieder an sich zu ziehen, und mit den Reformpäpsten wird sie zur Gänze vom Papsttum übernommen. Wenn also nun Leute, die im Sinne der Kirche sogar Laien sind, selbständig ihren (christlichen) Glauben formulieren, werden sie als massive Bedrohung angesehen. Dissidenz ist in der katholischen Kirche nicht möglich und muss darum ausgerottet werden.
Neben dem Fehlen eigener Texte der Dissidenten, die sofern vorhanden verbrannt wurden, erschwert das wohl manchmal auch gewollte Unverständnis der Kirchenleute die Kenntnis dieser Leute. Typisch dafür ist, dass sie gerne mit den persischen Manichäern in einen Topf geworfen werden, von denen man damals nicht mehr viel weiß, vielleicht noch das, was Augustinus über sie geschrieben hatte. Überhaupt überträgt man gerne, was man von der einen secta zu wissen glaubt, auf alle möglichen anderen, und dazu gehört auch, dass diese Leute, die sich selbst gerne zum Beispiel als Christen oder gute Menschen bezeichnen, Namen übergestülpt bekommen, die sie dann manchmal unter der Bedingung von Aussonderung und Verfolgung selbst akzeptieren.
Mehr als von allen zuvor wissen wir von denen, die später von außen als Katharer (eingedeutscht: Ketzer) und in Italien auch nach der Mailänder Pataria als Patarener bezeichnet werden, aber da sie ihre Vorstellungen wohl im wesentlichen mündlich verbreiten, fehlen bis in ihre Spätzeit eigene Texte. Das erinnert an den biblischen Jesus, der als Wanderprediger ebenfalls ganz ohne Schreibtätigkeit auskam, aber vielleicht altjüdische Propheten-Texte gelesen oder eher gehört hatte.
Entsprechend stammt fast alles, was man heute über diese Ketzer zu lesen bekommt, aus den Akten ihrer Verfolger und Texten der sie verfolgenden Kirche und Mönche. Das, was man einigermaßen sicher von ihnen weiß, lässt sich für ihre Frühzeit auf wenigen Seiten zusammenfassen. Inwieweit die wenigen eigenen und späten Texte wie das Buch der zwei Prinzipien im Detail mehr als die Ansichten der Verfasser wiedergeben, ist nicht mehr sicher nachvollziehbar.
Vorher schon nimmt eine vielleicht von einem Popen Bogumil begründete Bewegung ihren Ausgang im 10. Jahrhundert in Bulgarien und breitet sich dann über das byzantinische Reich aus. Einfaches Leben, Armut und apostolische Wanderschaft berichtet von ihnen ein Cosmas Presbyter. Die irdische Welt ist in den Händen des Bösen und das Gute ist in der spirituellen Welt Gottes zu finden. Die (orthodoxe) Kirche mit ihren Reichtümern und ihrer Pracht, ihren Sakramenten und ihrer Verbindung mit den Mächtigen ist des Teufels. Nach 1018 kontrolliert Byzanz wieder Bulgarien, und jetzt scheinen sich die "Bogomilen", wie sie ihre Gegner nennen, über das ganze byzantinische Reich auszubreiten. Leider sind sie bislang noch weniger erforscht als die lateinischen Katharer.
Laut Anna Komnene sind sie zur Zeit des Kaisers Alexios I. bereits in vornehmen Kreisen vertreten und im Volk weit verbreitet. Ob sie den lateinischen Westen überhaupt beeinflusst haben, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Vielleicht sind sie auch nur früher in Texte ihrer Gegner geraten aufgrund des höheren zivilisatorischen Niveaus Ostroms.
Die "Reinen" (katharoi), "Apostel", "guten Menschen" oder "Armen Christi" sind nicht nur die zahlenmäßig größte das Evangelium ernst nehmende Bewegung des hohen Mittelalters, sondern auch die einzige, die sich überhaupt nicht durch Integration ihrer Substanz berauben lässt und darum mit barbarischer Gewalt gemeinsam von Kirche und weltlicher Gewalt vernichtet werden "muss". Von ihnen zu unterscheiden sind die deutlich später auftretenden "Armen von Lyon", die sich zur Häresie der Waldenser entwickeln, und von denen einige bis ins spätere Mittelalter überleben.
Im selben 11. Jahrhundert, in dem die lateinische Kirche immer effektiver zu einer Einrichtung der Verfolgung von Abweichlern und Heiden wird, geschieht dies auch unter den Komnenen. Johannes Italikos, der eine Philosophie von der Theologie trennen möchte, die Ewigkeit der Welt gegen eine göttliche Schöpfung behauptet und heidnische antike Philosophen verteidigt, ja, die leibliche Auferstehung Jesu bezweifelt, wird verurteilt und in Klosterhaft genommen. Ähnliches geschieht mit den monophysitischen Schismatikern, Armeniern und Syrern, die vor dem Islam in die byzantinischen Kerngebiete flüchten und deren Bücher dort verbrannt werden. Schließlich wird mit Alexios ein erster Bogumile öffentlich und zum Vergnügen des städtischen Pöbels öffentlich verbrannt.
Hier sei nur am Rande erwähnt, dass die Brutalität, mit der nun die beiden Kirchen gegen Abweichler vorgehen, bald von den weltlichen Herren für ihre Zwecke übernommen werden wird. Die jesuanische Lehre der Evangelien wird jetzt überall, wo sie erscheint, mit Feuer und Schwert bekämpft.
Parallel zum "Bogumilismus" und mit verwandten Vorstellungen breitet sich also wohl schon seit dem 10. Jahrhundert evangelikaler Glaube im lateinischen Westen aus.
Jesus ist danach schon mal Prophet eines väterlichen Gottes, oder aber als Gottessohn wesentlich "spiritueller" Natur. Das Alte Testament vertritt hingegen als Gegenpol das absolut Böse, den Teufel, also den Gott der Juden. Dieser hat die Welt geschaffen und sie mit Besitz, gar Reichtum, und mithilfe von Machthabern an sich gebunden. Mit radikaler Askese möchten einige den Geist weitgehend von den Fesseln des Körpers lösen, was perfecti, die Vollkommenen, dann auch erreichen, während sich die credentes, die Gläubigen, auf den Weg dahin begeben und wiederum "Hörer" als in den Glauben eindringende Leute das Umfeld bilden.
Um das zu verstehen, muss man sich daran erinnern, dass die Apostel und noch Paulus persönlich auf die Wiederkehr ihres "Herrn" warteten, und dass Kirche danach den Kompromiss einging, die Menschen als Erlösungshelfer darüber hinwegzutrösten, dass er nicht kommt, und dafür das Einverständnis mit den jeweils Mächtigen betreibt Diese behauptete Wiederkehr Jesu gerät bei den evangelikalen Christen zumindest etwas in den Hintergrund. Während sie die Apostelgeschichte zum Vorbild nehmen und dabei wie diese selbst auf eine Kirche verzichten können, andererseits aber die offensichtliche Arbeitslosigkeit der von Spenden lebenden Apostel nicht nachvollziehen, jedoch die nahe Wiederkehr ihres Gottes nicht mehr wahrscheinlich ist, sind die von außen unter dem Oberbegriff Katharer (die Reinen) zusammengefassten Gruppen mit einem radikalen Drang nach Spiritualisierung befasst, wie ihn die Kirche für besonders asketische Heilige entwickelt und in ihrer Ablehnung des Auslebens von Sexualität noch besonders konkretisiert hat. Sie brauchen keinen Christus als Erlöser mehr, dem eine Kirche die Hand reicht, sondern einen Jesus, der ihnen gesagt hat, wie sie die eigene Erlösung selbst in die Hand nehmen.
Für die Kirche aber ist solche Heiligkeit ganz bewusst ein Ausnahmephänomen, so wie es auch die (manchmal eher moderate) Askese der klösterlichen Mönche sein soll. Schließlich müssen die meisten Menschen ganz unheilig schwer arbeiten, und viele davon vor allem, um Kirchen und Klöster mit mehr als nur Nahrung zu versorgen. Die "Apostel" oder "Guten Menschen" aber wollen nur arbeiten, soweit es ihren eigenen Lebensunterhalt sichert, was sie aber natürlich noch nicht aus den aktuellen Machtstrukturen heraushält, so wenig wie Jesus und seine Apostel ehedem.
Man muss sich einmal vorstellen, was da alles wegfällt: Das sind nicht nur die Sakramente inklusive der Messfeier, es ist die Verehrung heiliger Bilder und Statuen, überhaupt der ganze Heiligenkult samt der magischen Kraft von Reliquien, es ist die ganze Ämterhierarchie und der riesige Besitz und Reichtum von Kirche und Kloster. Was bleibt, ist ein Lebenswandel in der Nachfolge Jesu, etwas. was die römische wie die griechische Kirche außerhalb ihrer Institutionen nicht dulden können. Die auf Großgrundbesitz beruhenden Machtgebäude würden ebenso in sich zusammenbrechen, - wie übrigens auch der sich gerade andeutende Kapitalismus.
Wenn man im zwölften Jahrhundert etwas mehr von den "Reinen" hören wird, wird deren ganze Anhängerschaft damit so bezeichnet. obwohl nur eine kleine Elite unter ihnen "rein", also katharos ist. (Aber dazu mehr im Großkapitel "Heilige Armut"). Im 13. Jahrhundert werden sie durch Mord und Totschlag ausgerottet werden.
Annäherungen an sexuelle Wirklichkeit
Was sich langsam ganz widersprüchlich im Verhältnis von Kirche und Kapitalismus entwickelt, lässt sich parallel dazu viel klarer in der nun ernstlicher einsetzenden Christianisierung der Sexualität erkennen. In der paulinischen Interpretation lädt Jesus als Christus dazu ein, den Geschlechtstrieb nicht mehr auszuleben, da er von der Vorbereitung auf die Wiederkehr des "Herrn" abhält. In den Evangelien ist das sexuelle Begehren kein Thema, welches extra behandelt wird. In der Kirche entwickelt sich die Vorstellung, dass wenigstens jener Klerus, der die Sakramente spenden darf, im Zustand einer kultischen Reinheit zu leben habe. Den Schafen der Herde hinwiederum wird das Ausleben der Geschlechtlichkeit zugestanden, allerdings wird immer wieder darauf verwiesen, dass die Sünde in der Lust liege, während das Zeugen von Nachkommenschaft langsam gottgefälliger wird. Die massive Judaisierung des Christentums auch für die Laienschar vertieft den Widerspruch zwischen Theorie und Praxis; Juden ist das Ausleben menschlicher Sexualität – auch lustvoll - gottgefällig, solange nur die Judenschar dadurch vermehrt wird.
Der Alltag der vergleichsweise wenigen weltlichen Herren besteht aus Kampf und Krieg, Jagd, brutalen Machtspielen, der demonstrativen Darstellung ihres Status sowie einem oft weit über die Ehe hinaus gehenden Ausleben sexueller Triebhaftigkeit. Die offiziellen außerehelichen Kinder zeugen von Geliebten, die wohl von Macht und Geld der Herren fasziniert sind, während die sicherlich ebenfalls verbreitete Nutzung der Macht zur Überwältigung weniger bedenkenloser Mädchen und Frauen erst in den nächsten Jahrhunderten mehr beschrieben wird. Deutlicher wird sie dort, wo Krieger im Umfeld kriegerischer Kämpfe auch als Vergewaltiger beschrieben werden, und zwar in der Regel die gegnerische Seite.
In Brunos 'Sachsenkrieg' hat König Heinrichs IV. Militär 1075 einen Sieg errungen, und dieses zieht plündernd durch Sachsen:
Es half den Frauen nichts, dass sie sich in die Kirchen geflüchtet und ihre Habe dorthin getragen hatten; denn die Männer waren in die Wälder geflohen, oder wo sie sonst in einem Versteck auf Rettung hoffen konnten. Die Frauen schändeten sie noch in den Kirchen, selbst wenn sie sich zum Altar geflüchtet hatten, und wenn nach Barbarenweise ihre Lust befriedigt war, verbrannten sie die Frauen mit den Kirchen. (cap.47 in: QuellenHeinrich, S.257)
Je mehr Macht Menschen haben, desto weniger müssen sie sich um die Vorschriften der Mächtigen in der Kirche kümmern, mit denen sie eine Interessengemeinschaft pflegen. Für sie ist bis ins 11. Jahrhundert weder die monogame Ehe, noch vor allem eheliche Treue verbindlich. Der Vater Wilhelms ("des Eroberers") soll diesen mit der reizvollen Tochter eines Lohgerbers gezeugt und dann legitimiert haben.
Als Ausnahme wird in den Quellen sein Sohn hervorgehoben. Der Mönch William aus dem Kloster von Malmesbury schreibt über ihn im ersten Band seiner 'Gesta Regum Anglorum', dass:
er sein ganzes Leben frei von fleischlichen Gelüsten geblieben sei und sich - wie ich von denen gehört habe, die es wissen müssen - - lediglich den Umarmungen
des weiblichen Geschlechtes aus Liebe gebeugt habe, um Kinder zu bekommen und nicht, um seine Leidenschaften zu befriedigen. Denn er hielt es für unter seiner Würde, sich anderen Vergnügungen
hinzugeben, solange der königliche Samen seine königliche Bestimmung erfüllen konnte. (in diesem Deutsch in: Mazo Karras, S.263)
Von Sohn Robert sind uneheliche Kinder bekannt. Sohn Henry I. von England (1069-1135) soll wenigstens sechs Konkubinen gehabt haben und unter den Kindern von ihnen sind mehr als zwanzig bekannt, von denen er einen guten Teil während seiner Ehe mit Mathilda bekommt, von der er wohl ebenfalls zwei oder drei hat.
Brunos Wutschrift vom Sachsenkrieg Heinrichs IV. enthält publikumswirksame Angaben zu dessen Geschlechtsleben in der Jugendzeit, die allerdings wenig überprüfbar sind:
Zwei oder drei Konkubinen hatte er zur gleichen Zeit, aber auch damit war er noch nicht zufrieden. Wenn er hörte, jemand habe eine junge und hübsche Tochter oder Gemahlin, befahl er, sie ihm mit Gewalt zuzuführen, wenn er sie nicht verführen konnte. Zuweilen begab er sich auch selbst mit ein oder zwei Begleitern bei Nacht dorthin, wo er solche wusste; manchmal gelangte er ans Ziel seiner üblen Begierde Dafür schläft er (bis 1069) nicht mit seiner Gemahlin, stattdessen führt er ihr Ehebrecher zu, die den Grund liefern sollen, sie verstoßen zu können.
Über seine weiblichen Opfer heißt es: (...) wenn er selbst, so lange er Gefallen daran hatte, an ihr seine Lust befriedigt hatte, gab er sie einem seiner Knechte (de famulis suis) gleichsam zur Frau. Nachdem er die edlen Frauen dieses Landes zunächst selbst schmählich missbraucht hatte, entehrte er sie noch ärger durch die Vermählung mit seinen Dienstmannen
Seiner Schwester, einer Äbtissin, fügt er Schande zu, als er sie mit seinen eigenen Händen niederhielt, bis sie ein anderer auf seinen Befehl und in Gegenwart des Bruders entehrt hatte. (in: Quellen Heinrich, S203f)
Dazu kommt dann später noch das angeblich erniedrigende Verhalten gegenüber der zweiten Ehefrau Praxedis, von dem diese öffentlich berichtet, nachdem sie von ihm geflohen ist.
Wir wissen heute nicht mit Sicherheit, ob diese und ähnliche Vorwürfe stimmen, aber mit Gerd Althoff lässt sich vermuten, dass sie nicht ganz an den Haaren
herbeigezogen sein können, wenn sie sein Leben lang und von verschiedenen Seiten immer wieder erwähnt werden und Heinrichs Gegner unentwegt fordern, sie zu untersuchen. Offenbar kann das hier
Erzählte wohl für Menschen damals glaubwürdig erscheinen. Was es vielleicht auch etwas glaubwürdiger macht, ist die Tatsache, dass sich der König ganz und
gar einer (allerdings damals sehr entwürdigenden) Untersuchung solcher Vorwürfe verweigert hat.
Damit ergibt sich eher die Frage, ob solches Verhalten dieses Königs damals eine Ausnahme ist oder eher häufiger vorkommt, und nur deshalb hier so ausführlich kritisiert wird, weil es einmal eine so mächtige Opposition gibt und diese mit Kräften der Kirchenreform verbunden ist.
Die Kirche scheint all das, wo es ihr opportun erscheint, und das ist wohl meist der Fall, zu dulden, braucht sie doch die weltlichen Herren an ihrer Seite. Andererseits lebt die Geistlichkeit oft selbst weiter mit Frauen zusammen, die sie nicht (mehr) heiraten darf, was in den nächsten Jahrhunderten vielleicht etwas abnimmt, und lebt auch ansonsten ihren Geschlechtstrieb je nach dessen Macht und Möglichkeiten aus. Manche Mönche und gelehrtere Geistliche lesen offenbar mit Ovid jemanden, der diametral allem Christentum widerspricht. Sporadisch erfahren wir in den wenigen dafür brauchbaren Quellen, wie zumindest Einzelne ihre Triebhaftigkeit ausleben.
Der Widersinn zwischen Anspruch und Wirklichkeit bleibt gelebte Lüge, wie immer auch Kirchenreformer dagegen ankämpfen.
Ganz wenig geben die schriftlichen Quellen für die unteradeligen Kreise her. Bis durch das 15. Jahrhunderte wird die anarchische Gewalt des Geschlechtstriebes bei Übertretungen auf das brutalste bestraft. Das gilt besonders für Vergewaltigung. In einem Weistum von Kröv an der Mosel heißt es:
Wäre es, dass ein Mann eine Magd oder Frau notzüchtigt (...) so soll man einen Pfahl herrichten und soll den Mann auf den Rücken legen und ihm den Pfahl auf den Bauch setzen und soll das Weib, das über ihn geklagt hat, mit einem Schlegel drei Stunden lang auf den Pfahl schlagen (...) und diesen bis in die Erde schlagen und stecken lassen, bis er vom Leben zum Tode gebracht wurde. (in: Epperlein(2), S.231)
Um ihr Genugtuung zu gewähren, darf das weibliche Opfer so nun den Mann bis in den Tod penetrieren. Koitus außerhalb der Ehe, welcher Frauen unter Umständen zu Kindsmörderinnen macht, führt in einzelnen Weistümern wiederum zum lebendigen Begraben der Täterin.
Dabei gilt die Frau wohl u.a. wegen Menstruation und Schwangerschaft als sexus fragilis, das schwache Geschlecht, wie nicht nur Thietmar von Merseburg (IV,10) meint, aber sie trägt im bäuerlichen Leben keine geringere Last als der Mann, und sie ist als Regentin und Herrscherin genauso voll einsatzfähig.
Während der männliche Anteil an der Fortpflanzung in groben Zügen offenkundig ist, sind die versteckten Vorgänge in der Frau weithin unbekannt. Heloysa, eine der „gebildetsten“ Frauen ihrer Zeit, schreibt über die Menstruation:
Der Körper des Weibes hat einen sehr großen Feuchtigkeitsgehalt. Dies beweist die Glätte und der Glanz ihrer Haut, und ganz besonders beweisen es die regelmäßigen Reinigungen, die ihren Körper von überflüssiger Flüssigkeit entlasten. (Sechster Brief)
Der Scheideneingang der Frau liegt zwischen dem Ausgang der Harnleiter und dem des Darmes, von letzterem wenig mehr als 2 Zentimeter entfernt. Inter urinam et faeces werden wir geboren, heißt es bei Augustinus. Und dann entströmt dem Zielpunkt männlichen sexuellen Begehrens in regelmäßigen Abständen Blut, das (was man damals nicht verstand) durch die Keime in der Vaginalflora so zersetzt wird, dass es für menschliche Nasen stinkt. Zudem gelangen ständig Bakterien aus dem Anus und vom Urin in die Scheide, die das ansonsten saure Milieu beim Monatsausfluss nicht mehr beseitigen kann und die das blutige Sekret anreichern.
Im dritten Buch Moses heißt es: Wenn ein Weib den Monatsfluss hat, so bleibt sie sieben Tage lang in ihrer Unreinheit. Kontakt mit dem mensualen Sekret macht wiederum alles und andere für eine Zeitlang unrein. In manchen Kulturen ziehen sich Frauen während ihrer Regelblutung völlig zurück. Wenn man bedenkt, dass die Menstruation zudem mit Schmerzen und Schwächeanfällen verbunden sein kann, wird verständlich, dass sie neben den häufigen Schwangerschaften als eine der konstitutiven Grundlagen für die (unsinnige) Benennung der Frauen als „schwaches Geschlecht“ diente.
Regulär trugen Frauen im Mittelalter keine Unterwäsche. Die Menstruations-Flüssigkeit lief manchmal an den Beinen herunter und war schwer zu verbergen, ebenso wenig wie der Geruch. Frauen waren also im Unterschied zu ihren tierischen Verwandten, den Säugetieren, doppelt benachteiligt, einmal galten sie außerhalb der Menstruation als „allzeit bereit“, mussten also die Ehepflichten auch wenig zärtlicher Ehemänner und "Liebhaber" ertragen, zum anderen nahm ihnen die monatliche Blutung jeden Monat mehrere unbeschwerte Tage.
Zu den relativen Tabuthemen bis heute gilt das Erwachen des Geschlechtstriebes bei den Jugendlichen, insbesondere bei den Knaben, aber Guibert spricht es doch an, wenn concupiscentia, heftiges und für Christen sündhaftes Begehren, und cupiditas, leidenschaftliches Begehren, erwachen und erwähnt auch die Selbstbefriedigung, die occultae malignitati, der er sich wacker widersetzt, bis er dann gehen möchte, um der Schwäche seines Fleisches nachzugeben. (I,16)
Erotische Literatur wie die des Ovid ist in seinem Kloster erreichbar und in erotischem Verseschmieden versucht der Jugendliche seinen Geschlechtstrieb zu sublimieren. Süße Wörter der Dichter werden durch eigene ergänzt und erregen ihn sexuell. Obscenula verba kommen dazu, seine honestas versinkt; die Kameraden haben die gleichen Neigungen und denselben Geschmack. Am Ende rettet ihn Anselm von Canterbury aus seinen Irrungen und Wirrungen. (I,17)
Wer dann das nötige Kleingeld hat, macht seine Erfahrungen im städtischen Bordell oder verführt Mädchen, wobei die Anzahl lediger Mütter erst in den nächsten Jahrhunderten in den Städten zunächst vor allem Italiens deutlicher wird, und die Anzahl getöteter Neugeborener nur als Dunkelziffer erahnt werden kann. Vorläufig erfahren wir von all dem hauptsächlich aus dem geistlichen Milieu.
In der hohen Wertschätzung der Jungfräulichkeit der Mädchen sind sich Kirche und Laien andererseits einig. In dem deutschen Wort Jungfrau bilden weibliche Jugend und Virginität eine selbstverständliche Einheit. Das betrifft die eigenen Töchter und die Bräute der Söhne. Etwas vergleichbares wird zumindest von den Knaben der oberen Schichten nicht erwartet, ganz im Gegenteil. Es gibt auch keine entsprechende Bezeichnung. Vielmehr erwarten zumindest in den fiktionalen Texten die Bräute von ihren zukünftigen Partnern im Ehebett die Kenntnisse, die ihnen selbst auf dem Weg in die Neuzeit jenseits des Hochadels wohl oft fehlen.
Aus den Texten der Geistlichkeit, die Sünden und Bußhandlungen katalogisieren, lässt sich der Schluss ziehen, dass für die Laienschar im sexuellen Bereich der Widerspruch zwischen Theorie und Praxis umso größer wird, je mehr die Kirche die Ehe und damit die Geschlechtlichkeit der Laien zu christianisieren versucht. Was zuvor wohl de facto dem Dunkel der Nacht überlassen blieb, wird nun zunehmend thematisiert.
Der Widersinn, der die Lüge als konstitutives Element des "christlichen" Mittelalters vorantreibt, wird zu einem zentralen Widerspruch in den Menschen, wobei die bäuerliche Bevölkerung davon wohl am wenigsten betroffen ist. Alltäglich harte Arbeit dürfte weiter viel Triebenergie absorbieren, und das Haushalten mit dem Ziel des Überlebens verlangt wohl wie beim Handwerk nach Ehe und Familie. Allerdings tauchen diese 90-95 Prozent der Bevölkerung in der Wahrnehmung der damaligen Texte auch jetzt kaum auf.
Die Ehe
Die Ehe war mit Paulus und den Kirchenvätern zum Notbehelf für die erklärt worden, die dem Ausleben ihres Geschlechtstriebes nicht entsagen wollten und konnten. Entsprechend blieb sie durch die Spätantike bis ins frühe Mittelalter eine Angelegenheit der Laien und im Klerus ein geduldeter Verstoß gegen den Anspruch der Selbst-Heiligung. Dass die Papstkirche der Reformbewegungen sich der Ehe im "Volk" zuwendet, hat einmal sicher etwas mit ihrer neuen Neigung zur Regulierung von immer mehr Details des Alltags, zur Verrechtlichung und damit auch hin zu den individualisierenden Gleichheitsvorstellungen des römischen Rechtes zu tun, welche Aspekte neuer Staatlichkeit vorwegnehmen. Immer mehr Privates wird öffentliche Angelegenheit und verstärkt damit die Macht der hohen Herren.
Die Reformbewegung in der Kirche versucht, den seit fast tausend Jahren propagierten Anspruch sexueller Enthaltsamkeit an den Klerus durchzusetzen, diesen damit sakral stärker von den Laien abzusetzen. Zugleich damit nimmt der Weg in die Christianisierung der Ehe zu, die nun unter Beteiligung des Priesters geschlossen wird, zunächst im Eingangsbereich der Kirche, später in ihrem Inneren, bis dieser Vorgang 1184 als neues Sakrament anerkannt wird. Die christianisierte Ehe ist nun ähnlich wie die jüdische „religiös“ zum Zweck der Erzeugung von Nachkommen legitimiert, die Wiederkehr Christi hat sich längst auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben. Nur das Moment einer von der Erzeugung von Nachkommen losgelösten sexuellen Lust bleibt weiter große Sünde.
Zentrum der "dynastischen" Ehen der Herren und Damen wird die Geburt und Aufzucht eines männlichen Erben, der das "Haus" fortsetzt, die "Linie". Häufige Schwangerschaften sind wohl die Regel und wohl auch in der Erfahrung hoher Kindersterblichkeit begründet.
Weibliche Untreue ist seit der Antike ein todeswürdiges Delikt, denn mit ihr können dem Ehemann Kinder anderer Männer untergeschoben werden. Männliche Seitensprünge werden zwar von der Kirche verurteilt, gelten aber formell nicht als Unrecht. Wenn man den Quellen diesbezüglich glauben kann, ist der treue Ehemann in den oberen Kreisen eher ein erwähnenswerter Sonderfall.
Die zunehmende Einflussnahme der Kirche auf die Ehe (insbesondere) der hohen Herren lässt sich an zwei Beispielen ablesen:
Der Konradiner und Graf der Wetterau Otto, nach seiner Burg bei Neuwied "von Hammerstein" benannt, heiratet irgendwann vor 1017 Irmingard von Verdun, Tochter des Grafen Gottfried des Gefangenen von Wirtten (Verdun). Im Machtkonflikt mit Otto drängt der Erzbischof von Mainz Kaiser Heinrich II. dazu, Einspruch gegen die Ehe wegen zu enger Verwandtschaft der beiden zu erheben, wiewohl es sich um sehr entfernte Verwandtschaft handelt.
Da sie vor dem erzbischöflichen Gericht nicht erscheinen, werden sie 1018 exkommuniziert. Danach wird auch auf einem Fürstentag festgestellt, dass die Ehe unrechtmäßig sei. Nach außen unterwirft Otto sich, bleibt aber insgeheim seiner Irmingard treu.
Im Gegenzug versucht Otto, den Erzbischof gefangen zu nehmen, wobei dieser allerdings im Unterschied zu seinem Gefolge entkommen kann. Vermittlungen scheitern und eine Reichsversammlung beschließt darauf, militärisch gegen ihn vorzugehen. 1020 wird er von einem kaiserlichen Heer belagert, erhält freien Abzug und sein Vermögen wird beschlagnahmt. 1023 verzichtet Otto dann (wiederum) auf seine Ehe und erhält seine Güter zurück.
Irmingard akzeptiert das nicht und appelliert beim Papst, während ein neuer Erzbischof sich 1023 auf einer Synode in Seligenstadt Unterstützung holt. Der dermaßen ausgeschaltete Papst entzieht Erzbischof Aribo die Erzbischofswürde, Aribo wiederum sucht die Unterstützung des Kaisers und erhält 1024 die Unterstützung seiner Bischöfe auf einer weiteren Synode. Der Papst stirbt und sein Nachfolger ignoriert das Thema,
1031 muss Aribo, um sein Pallium zurückzuerhalten, bußfertig nach Rom reisen, stirbt aber dann auf der Rückreise.
Anno von Köln wiederum veranlasst Heinrich IV. 1066, die ein Jahr jüngere Bertha von Turin zu heiraten, mit der er schon seit zehn Jahren verlobt ist. Sie wird in Würzburg Ende Juni 1066 zur Königin geweiht und gekrönt. Die Hochzeitsfeierlichkeiten finden kurz darauf in Tribur nach der eigentlichen Vermählung in Würzburg statt. Während Bertha den Quellen zufolge ihrem Mann von Anfang an in Liebe und Treue zugetan ist, soll Heinrich gegenüber seiner Frau Widerwillen empfinden. Obwohl sie eine hübsche junge Frau gewesen sein soll, berichtet der sächsische Chronist Bruno, ein allerdings erklärter Gegner Heinrichs IV., von dessen fortgesetzter Untreue.
Heinrich strengt im Jahr 1069 auf einer Versammlung in Frankfurt ein Scheidungsverfahren an und liefert laut Lampert folgende Begründung:
Der König erklärte öffentlich, er stehe sich mit seiner Gemahlin nicht gut; lange habe er die Menschen getäuscht, aber nun wolle er sie nicht länger täuschen. Er könne ihr nichts vorwerfen, was eine Scheidung rechtfertige, aber er sei nicht imstande, die eheliche Gemeinschaft mit ihr zu vollziehen. Er bitte sie daher um Gottes willen, ihn von der Fessel dieser unter schlimmen Vorzeichen geschlossenen Ehe zu lösen und die Trennung freudwillig zu dulden, damit er ihr und sie ihm den Weg zu einer glücklicheren Ehe eröffne. Und damit niemand den Einwand erheben könne, ihre einmal verletzte Keuschheit sei ein Hindernis für eine zweite Eheschließung, so schwöre er, daß sie so sei, wie er sie empfangen habe, unbefleckt und in unversehrter Jungfräulichkeit. ( Annalen Lamperts von Hersfeld)
Bruno von Merseburg berichtet, der König habe einen Gesellen angestiftet, Bertha zum Ehebruch zu zwingen. Die Königin habe aber die Intrige durchschaut und ihren Gemahl, der Zeuge des Ehebruchs werden wollte, mit Stuhlbeinen und Stöcken so verprügeln lassen, dass er einen Monat das Bett habe hüten müssen. Heinrich gibt auf einer Versammlung in Worms an, dass weder eine zu nahe Verwandtschaft vorliege noch Bertha Ehebruch vorzuhalten sei. Er betont vielmehr, dass er mit seiner Gemahlin nicht mehr in ehelicher Gemeinschaft leben könne. Damit lieferte er seinen Gegnern Argumente, die ihm nachgesagten sexuellen und moralischen Ausschweifungen propagandistisch zu verwenden.
Ein derartiges Scheidungsverlangen möchte der deutsche Episkopat nicht beurteilen und wendet sich an den Papst Alexander II. Der schickt Petrus Damiani zur Synode zu Frankfurt, der dort die Scheidung ablehnt und dem König mit der Exkommunikation und der Verweigerung der Kaiserkrönung droht. Heinrich lenkt daraufhin ein. Im Jahr darauf wird die erste Tochter (Adelheid) des Paares geboren.
Bis zu Berthas Tod 1087 teilt sie die königliche Machtausübung, allerdings in geringerem Maß als ihre Vorgängerinnen. 1076/77 begleitet sie ihren Mann mit dem dreijährigen Sohn Konrad über die Alpen nach Canossa. 1084 wird sie in Rom zur Kaiserin gekrönt. Nach Berthas Tod heiratet der Kaiser relativ bald Adelheid/Praxedis, die er in Quedlinburg sieht, beeindruckt von ihrer Schönheit. Bei seinem nächsten Italienzug sperrt er sie 1093 ein, aber sie kann zu Mathilde von Canossa fliehen. Von dort soll sie dann Geschichten über kaiserliche Untreue, Misshandlungen und Orgien erzählt haben.
Das kirchliche Vorgehen gegen den französischen König Philippe, der laut William of Malmesbury 1092 seine Ehefrau verstößt, weil sie ihm zu dick geworden sein soll, und die verheiratete Bertrarda von Montfort entührt und dann heiratet, ist ein weiterer Versuch, christliche Ehe bei den Mächtigen durchzusetzen, wie auch ihr Vorgehen gegen Guilhem IX. von Aquitanien. Zudem versucht die Kirche von vorneherein, die lebenslange Gültigkeit der Eheschließung durchzusetzen, während nach germanischen Vorstellungen eine Beendigung der Ehe und die Wiederverheiratung möglich waren.
Seit dem 11. Jahrhundert beginnt so die Kirche, Ehe römischen Rechts-Vorstellungen anzupassen: Sie schreibt nun strikte Exogamie vor, die Ehen am Ende bis in den siebten Verwandtschaftsgrad ausschließt. Das führt zu einem verstärkten Interesse an Genealogien, und deren Manipulierung, eröffnet dann aber Vorwände für die Annullierung von nicht mehr gewollten Ehen.
Sie fordert zunehmend das freie Einverständnis von Braut und Bräutigam, das heißt die Individualisierung eines bislang zwischen Familien ausgehandelten Aktes. Damit werden die Vorstellung von der Liebesheirat und von der Verliebtheit als Voraussetzung der Eheschließung zwar noch nicht üblich, aber sie werden in der Herrenschicht überhaupt erst einmal wenigstens manchmal angedacht.
Tatsächlich werden viele Familien noch Jahrhunderte lang die Konsensualität der Eheschließung zwischen beiden Partnern unterlaufen, am wenigstens wohl dort, wo es wenig oder fast gar kein Eigentum gibt und Liebesheiraten ohnehin möglich sind.
Die Ehe ist nun christlich akzeptabel, die offizielle Doktrin verlangt, dass der Beischlaf nicht von Lustgefühlen durchsetzt sei, was man aber nicht kontrollieren kann. Geburtenkontrolle findet statt, wiewohl sie verboten ist, bis hin zum unterbrochenen Koitus, der eine Sünde ist. Andere Formen der Empfängnisverhütung sind grundsätzlich bekannt und werden von der Kirche als schwere Sünde eingestuft; inwieweit sie praktiziert werden, ist nur wenig dokumentiert.
Die Romanisierung der Ehe stärkt kirchenrechtlich die Spielräume der Mädchen und Frauen, besitzrechtlich verlieren sie allerdings erheblich: Die Gaben aus der Familie des Bräutigams gehen im Laufe von rund zwei Jahrhunderten erheblich zurück und die der Brautfamilie nehmen zu. Da diese Dotationen zudem immer weniger in Immobilien bestehen und stärker in beweglichen Gütern und zunehmend eben auch in Geld, geht auch die Verfügungsgewalt der Ehefrau darüber zurück.
Rechtlich geht das Mädchen aus der Munt des Vaters weiterhin in die des Ehemannes über, aber mit dem Rückgang germanischer Rechtsvorstellungen schwächt sich dieser Aspekt langsam ganz leicht ab. Außer im anglo-normannischen Raum schwindet die rechtliche Bedeutung der förmlichen Übergabe der Tochter durch ihren Vater an den Bräutigam, die wortwörtliche Aushändigung der Tochter, die dann auch in den Kirchen nicht mehr erwünscht ist, die aber als "giving away" in England noch heute ohne rechtliche Grundlage weiter als Folklore stattfindet.
Mit dem Rückgang der Bedeutung der kognatischen Verwandtschaftslinie und dem Aufstieg der agnatischen auch durch diese Veränderungen wird tatsächlich die Situation der Frauen aus der Abhängigkeit von Herkunfts-Familie und Verwandtschaft in die engere vom Ehemann, einer abgewandelten Form des antiken pater familias überführt, was die Zunahme der Bedeutung der sogenannten Kernfamilie fördert. Zur Individualisierung der Entscheidung für den Ehepartner kommt die Abnahme der Bedeutung jener persönlichen, aus Verwandtschaft geknüpften und auf immobilem Besitz gegründeten Beziehungen.
Im entstehenden städtischen (Besitz)Bürgertum, von dem wir selbst aus dem Hochmittelalter noch wenig wissen, entwickelt sich offensichtlich um das Ehepaar eine Kernfamilie, die vergleichsweise größerer sozialer Kontrolle unterliegt, wie noch stärker in den Dörfern. Der adeligen Ehre, die bei Männern durchaus nicht im Widerspruch zu möglichst vielen "Eroberungen" auch im sexuellen Bereich steht, wird offenbar in den Städten eine zunehmende bürgerliche "Ehrbarkeit" gegenübergestellt, die gemeinhin "ehrlich" heißt. Ehrlich werd man vor allem durch seine Herkunft und seinen Beruf, der Henker oder die Prostituierte sind "unehrlich".
Bevor es dazu kommt, muss erst einmal die Eheschließung der umfassenden Kontrolle des jeweiligen Grundherrn entzogen werden. Ein weiterer Schritt ist die Erleichterung der Heirat zwischen Knechten und Mägden verschiedener Herren bis hin zu deren Abgabenfreiheit in der Stadt. Dort erfahren wir dann am ehesten etwas von den Ehen von Handwerkern und Kaufleuten. Dass dort Familie eine ganz andere Bedeutung erhält als in den ländlichen Grundherrschaften, ist darauf zurückzuführen, dass die Eheleute eine Einheit als Gewerbetreibende bzw. Geschäftsleute darstellen, das gemeinsame Geschäft und die Familie fallen schon aus ganz rechtlichen und ökonomischen Gründen zusammen: So entsteht die bürgerliche Kernfamilie, bei der Verwandtschaft darüber hinaus zu etwas äußerlicherem wird als beim Adel.
Diese bürgerliche Ehe wird dann in der Regel auch eine gewisse Gütergemeinschaft, in der die Ehefrau beim Tod ihres Mannes Geschäft oder Gewerbe erben kann. Das wird dann zwischen den späten Saliern und frühen Staufern so auch allgemeiner Rechtsgrundsatz im römischen Reich.
Das Tympanon von Conques
Das Weltbild des Kriegeradels ist im wesentlichen mit der (diesseitigen) Wirklichkeit befasst, während die Kirche, wie auf dem Portal der Klosterkirche von Conques zu sehen, ganz auf ein eigentliches und ewiges Jenseits orientiert.
Wer in der Auvergne vom Tal des Lot in ein einsames Bachtal nach Süden abbog, um zur Kirche von Conques zu pilgern, landete unweigerlich vor diesem grandiosen Portal mit dem Tympanon von etwa 1130 und seiner Darstellung des Jüngsten Gerichts. Unweigerlich trifft er dabei noch heute auf das Problem, dass es schwerfällt, darstellerisch dem Zustand der Seligkeit bei Gott, wie er vom Betrachter aus links dargestellt ist, jene Attraktivität abzugewinnen, die das Höllengewimmel rechts auszeichnet.
Tatsächlich hat die mittelalterliche Kirche viel mehr mit den ewigen Höllenqualen gedroht als den Leuten das Paradies schmackhaft zu machen, in dem die Leute links einfach nur herumstehen. Ist das Himmelreich letztlich unvorstellbar, so ist schließlich die Hölle schon auf Erden zu haben, und zwar die, die Menschen Menschen immer wieder bescheren. Vorbereitet ist das Ganze zudem durch die frühen Märtyrer-Heiligen, für die man sich seit der Nachantike immer neue Folterqualen ausdachte, durch die hindurch sie ihren Glauben bekannten. Frauen werden die Brüste abgeschnitten, sie werden aufs Rad gespannt, Männer werden mit einer Unzahl Pfeilen bei lebendigem Leibe durchbohrt und was Menschen sich sonst so alles ausdenken können. Spätestens seit dem zwölften Jahrhundert werden alle Gläubigen in den Kirchen mit Abbildungen dieser Folterqualen konfrontiert, einem Schreckenskabinett, in dem nicht nur die bösen heidnischen Täter diabolisiert, sondern Opfer zu Helden werden.
Die Hölle, das ist das zivilisierte Raubtier Mensch, welches Aggressionen verdrängen und ins Sadistische verformen muss, von wo sie im Unbewussten danach drängen, wieder an die Oberfläche zu gelangen. Und aus der unsäglichen Bewunderung gefolterter Menschen lässt sich jene Lust am Schrecken, am wirklichen Schrecken, so er nicht eigene Pein ist, ganz fromm ausleben. Heute dienen dafür Kino und Bildschirme. Für damals sehen wir sie auf dem großen Tympanon von Conques.
Ganz wie im richtigen Leben schaut ein Oberteufel genüsslich zu, wie seine genauso teuflischen Gehilfen mit Menschen all das machen, was die Phantasie der Menschen sich jemals ausgedacht hat. Auch der Teufel thront als gekrönter Herrscher in seinem Reich.
Wie in der Trierer Apokalypse tragen die Verdammten Teilbekleidung, was ihre Nacktheit von der im Paradies deutlich unterscheidet, denn diese hier ist Obszönität und nicht Unschuld. Bösartige Schlangen ringeln sich und erinnern auch an die Verworfenheit Evas, die die sexuelle Gier in die Welt brachte.
Askese
Neben einem Klerus, der seinen Geschlechtstrieb weithin nicht so bändigt, wie es spätestens jetzt, allerdings kaum erfüllte, Pflicht wird, gibt es auch den Heroismus asketisch verstandener Gewalt gegen sich selbst.
Überlanges Beten, Schlafentzug, Hungern und Selbstgeißelung, weder evangelisch, paulinisch noch apostolisch, lässt sich sowohl als Abtöten des Geschlechtstriebes wie als Selbstbestrafung des sündigen Körpers verstehen. Es ist eine Art Heroismus des selbstauferlegten Martyriums, eine selbst auferlegte Hölle individueller Heiligung.
Während die Wüstenväter ihre Geschlechtlichkeit noch recht offen thematisierten, die Unterdrückung des Geschlechtstriebes nämlich vor allem, wird das Thema danach für die Außenbeziehungen von Klerus, Kanonikern und Mönchen eher zum Tabu. Unwillkürliche Erektionen und Samenergüsse, sexuelle Phantasien, Selbstbefriedigung sind dann für viele sicher erhebliche Probleme, die nicht reformierte Geistliche mit sexuellen Beziehungen oder Formen von Ersatzbefriedigung lösen, die aber dem radikal asketisch Lebenden nicht möglich sind.
Was offensichtlich im 11. Jahrhundert hinzukommt, ist eine Intensivierung solcher Askese. Sie (wörtlich: Übung, Einübung) wird wenigstens bei einigen wie Petrus Damiani durch das Zufügen von Schmerzen gegenüber dem eigenen Körper, vor allem durch (Selbst)Geißelung, erweitert. Solche Askese ist dann auch deutlich etwas anderes als das, was beispielsweise der Benediktregel vorschwebte.
Die Lust am Schmerz solcher Askese als Ersatz für originäre Triebbefriedigung lässt sich nicht neumodisch als Masochismus darstellen, denn das Leiden ist selbst zugefügt. Zudem hat es auch eine andere Funktion: Die Umleitung der – modern gesprochen – als destruktive verstandenen - Tendenzen im menschlichen Geschlechtstrieb; zudem ist da der Wunsch nach Vergeistigung als Entkörperlichung. Askese meint Weg zu Gott.
Nun kannte das Christentum schon seit langem eine „Kultivierung“ des Schmerzes, des Leidens überhaupt. Den antiken Märtyrern (eigentlich: Glaubenszeugen) hatte man längst legendäre Folterqualen angedichtet, von denen viele über das übliche sadistische Potential antiker Strafjustiz hinaus gingen. Dieser Aspekt wird im frühen Mittelalter immer weiter ausgebildet. Da werden weiblichen Heiligen die Brüste abgeschnitten, männliche Heilige werden in großen Töpfen bei lebendigem Leib gekocht und der Leib des heiligen Sebastian wird von zunehmend mehr Pfeilen durchbohrt. Solche Folterphantasien, die die Lust an Grausamkeit beim Pöbel der römischen Antike womöglich fast noch übersteigen kann, hat sicherlich auch mit der Überführung sexueller Lust in ihre pervertierte Form zu tun. Zugrunde liegt da auch die originäre und ganz gewöhnliche Schmerzlust im Geschlechtsverkehr, die in die Lust am Schmerz überführt wird.
Aber das massenhafte Publikmachen solcher Folterqualen in Fresken und dann Tafelbildern wird erst später verbreiteter stattfinden, und damit die Ambivalenz in der Faszination, die das Doppel von Faszination und Entsetzen für die Laien hervorruft (wovon heute noch die Nachrichten als Ware und der Spielfilm als Unterhaltungsmedium zehren). Was aber schon für die Reformkirche gilt, ist die Überzeugung, dass Heiligkeit und Schmerz oder jedenfalls Leiden zusammengehören. Das hatte Jesus mit der Dornenkrone, bei den Geißelungen und dem brutal-langsamen Sterben am Kreuz vorgemacht.
Zumindest im Raum steht bei alledem die Frage, wie sich bei Überführung sexueller Schmerzlust in die Lust am Schmerz ein Aggressionspotential entwickelt, welches nicht nur bei der hohen Reformkirche in extrem autoritäres Gehabe überführt wird, sondern darunter zu einem offensiv-grimmigen, wenn auch am Ende vergeblichen, Kampf gegen so ziemlich alles, was Menschen Vergnügen bereitet, und das bei gleichzeitiger Tolerierung von alledem in den höheren Kreisen.
Dazu kommt das nur selten deutlich werdende Phänomen, dass rabiate Askese das Potential abartiger Phantasien ins extrem Krankhafte steigern kann. Um 1115 berichtet Abt Guibert von Nogent von Häretikern in der Nähe von Soissons. Die lehnen die Kindertaufe ab, die Transsubstantiation, die Ehe, den Koitus und den Fleischgenuss und betreiben das apostolische Leben gemäß der Apostelgeschichte. Soweit klingt das plausibel. Danach folgen dann aber jene eher aberwitzigen Phantasien, die auch aus anderen Zeiten und gegenüber frühen Christen zum Beispiel gemacht wurden:
Man trifft sich in Kellern bei Kerzenschein, eine lose Frau entblößt (sagt man) ihren Hintern für einen, der hinter ihr kniet und dann werden die Kerzen ausgemacht und die Männer fallen a tergo über die nächstbeste Frau her. Nicht genug damit: Wird eine Frau schwanger dabei, bildet man um ein Feuer einen Kreis, wirft sich das Kind durch das Feuer zu, bis es tot ist. Dann wird es verbrannt, unter Brot gemischt und an die Gemeinde pro eucharistia zum Verzehr verteilt.
Man verhört sie, sperrt sie ein, und weil ein Pöbel sich sorgt (schreibt Guibert), dass ihre Strafe zu milde ausfallen würde, werden sie nachts von ihm aus dem Gefängnis geholt und verbrannt. (De vita sua, III,17)
Sexuelle Wendezeit
An den Außenseiten der Kirchen insbesondere entlang wichtiger Pilgerrouten wie der vielen nach Santiago de Compostela sowie in nicht wenigen Kreuzgängen von Klöstern herrscht neuerdings eine auf die Verteufelung des Geschlechtlichen konzentrierte Kleinplastik vor, die so explizit in ihren Darstellungen diverser sexueller Praktiken ist, dass sie später als obszön angesehen wird. Dabei tauchen immer wieder Frauen auf, die sich so verrenken, dass sich ihr Geschlechtsteil und manchmal auch der Anus deutlich abzeichnen. Beliebt ist dazu die (abschreckende) Darstellung von Amüsierpersonal. In den Kirchenräumen tauchen manchmal Teufel mit geöffnetem Rachen auf, welche Sünder verschlingen.
Kirchliche Prüderie wird sich erst in den nächsten Jahrhunderten mit der nun üblicheren kirchlichen Ehe in den Städten einstellen, das Obszöne als Abschreckung ist vorläufig ungeniert und noch nicht pornographisch. Adressat sind eher niederer Adel und Städter als Bauern, die zum Pilgern wenig abkömmlich und eher ihren kleinen ländlichen Kirchen zugewandt sind. In Beichtbüchern und dann in der Beichte selbst werden andererseits generell illizite Kopulationen heterosexueller Art, anale und orale Praktiken, Masturbation, homosexuelle Praktiken, Koitus mit Tieren und Prostitution abgefragt.
Es ist sicher kein Zufall, dass diese später als obszön angesehenen Darstellungen jetzt auftauchen, wo die Städte mit Handwerk und Handel wachsen und Marktgeschehen und Warenproduktion zunehmen.
In einer komplizierter werdenden Welt, in der sich bäuerliches, städtisches und höfisches Leben stärker zu trennen beginnen, in der Markt, Geld und Waren an Bedeutung zunehmen und die Macht des Kapitals sich anzudeuten beginnt, wird Unruhe sich bis in die Körper der Menschen hinein durchsetzen, die nach immer neuen Definitionen verlangt. Eine nervöse Aufgeregtheit wird die lateinische Welt ergreifen, die sie nie mehr ganz verlassen wird.
Das Innenleben der Menschen wird komplizierter, und Widersprüche werden zunehmend dadurch bewältigt, dass man Aspekte ins Unbewusste abschiebt und andere in nicht mehr verbundene Abteilungen abtrennt. Das elementare Schamgefühl aller Kulturen, verschieden zeichenhaft durchformt, und in den romanischen Kleinplastiken (obszön) durchbrochen, wird sich immer mehr aufspalten in Prüderie einerseits und das Spiel sexueller Aufreizung andererseits, welches (männliche) Geistliche von nun an vor allem bei Frauen beobachten werden.
Um 1030/40 beklagt sich der Mönch Radulf Glaber in seinen Historien über den Verfall der Sitten:
Um das Jahr 1000 seit der Fleischwerdung des Wortes, als König Robert die Königin Konstanze zur Frau nahm, wurden ihretwegen die Francia und Burgund von eitlen und prahlerischen, völlig charakterlosen Menschen überflutet. Ihre Sitten waren ebenso verdreht (distorti), ihre Waffen und die Aufzäuming der Pferde ein Durcheinander. Diese Leute hatten eine Hälfte des Kopfes glattrasiert und waren bartlos wie Spielleute (histriones). Sie trugen schamlose Hosen und Schuhe und sie kümmerten sich einen Dreck um Treu und Glauben und den Gottesfrieden. Und, oh weh! ihr schlechtes Beispiel wurde vom ganzen Volk der Francia, einstmals das ehrbarste von allen Völkern, und ebenso von den Burgundern übernommen. Sie gleichen sich beide diesen ehrlosen und sündigen Leuten an. (in: Hartung, S. 68. Konstanze entstammt der Provence und bringt etwas von ihrer mediterranen Lebensart mit in den Norden.)
Da ist bei Thietmar von einer Gräfin Christina die Rede:
Sie, die ihre guten Taten heimlich vollbrachte, war ganz anders als die Frauen, die zu den modernen (modernos) gehörten. Ein großer Teil von ihnen bekleidet seinen Leib unziemlich, und zeigen allen Liebhabern (amatoribus) offen, quod venale habet in se, was Trillmich mit: was sie feilzubieten haben übersetzt, (…) absque omni pudore coram procedit speculum tocius populi. Also: Ohne alle Scham lassen sie sich vom Volk beschauen. (IV,63)
Der bitterböse Ton gipfelt in der Parallelisierung von guter Tat und heimlich einerseits und Schamlosigkeit und offen andererseits.
Aus verhüllten Körpern werden durch Ansätze der Entblößung und durch das Abzeichnen der Körperformen zunehmend sexualisierte werden, und die Männer werden den Frauen folgen. Was dann folgt ist die Verleugnung des erotischen Machtspiels im Maße seiner Intensivierung. Traditionelle Kleidung wird mit dem Weg in Kapitalismus der Mode unterworfen, die wiederum den Markt beflügeln wird.
An die Stelle der Scham wird das beliebig von einem selbst manipulierbare Gewissen treten, an die Stelle der Sitte die Moral. Bei Thietmar lautet das schon so:
Heute aber (apud modernos) herrscht mehr als recht und üblich Freiheit zur Sünde (libertas peccandi), und so treiben nicht nur viele verführte Mädchen (ancillae), sondern auch ein Teil der Ehefrauen noch zu Lebzeiten ihres Gatten Ehebruch, von fleischlicher Begierde zu schädlicher Lust getrieben. Sie stiften ihre Liebhaber an, ihre Ehemänner umzubringen, um mit ihnen dann zusammenzuleben. Heute gibt es keine harte Strafe mehr (poena gravis) dafür, und so wird die neue Gewohnheit (consuetudo), wie ich befürchte, immer mehr gepflegt. (VIII,3)
Noch hundert Jahre später gehören zu den gängigen Textpassagen (geistlicher) Autoren über im wesentlichen städtische Frauen Klagen über ihr wenig "christliches" Auftreten und ihre fehlende pudor (Schamgefühl). Bei Guibert von Nogent lautet das so:
Possenreißereien (triscurria) ist das, was ihre Manieren ausmacht, und nur Spaßereien sind zu hören, mit Augenzwinkern und Geschwatze. Schamlose Leichtfertigkeit (petulantia) in ihrem Auftreten, lächerliche Sitten. Die Extravaganz ihrer Kleidung unterscheidet sich von der alten Einfachheit ihrer Kleidung, und sie scheinen mit der Vergrößerung ihrer Ärmel, der Enge ihrer Tuniken, der Entstellung ihrer Schuhe aus Leder von Cordoba und nach oben gedrehten Zehen jegliche Scham weggeworfen zu haben. Ihr schlimmstes Leid ist das Fehlen eines Liebhabers. Ihr Anspruch an nobilitas und höfischer Glorie beruht auf Massen an Verehrern. Früher (...) gab es mehr Zurückhaltung in verheirateten Männern, die errötet wären in Gesellschaft solcher Frauen, als heute bei verheirateten Frauen besteht. Und Männer sind durch solch schändliches Benehmen zu ihren Liebschaften ermutigt und dazu angestachelt, die Märkte und öffentlichen Straßen zu behelligen. (...) Weder das Prahlen der Männer über die Anzahl ihrer Liebschaften noch die Wahl bezüglich ihrer Schönheit gerät ihnen zum Vorwurf. (De vita sua, I,12)
Man muss wohl abziehen, dass solche geistliche Herren beim Geißeln der Unmoral zu gezielten Übertreibungen neigen, und wohl auch, dass sie gerne einmal in den sich nun zunehmend andeutenden Topos von den guten alten Zeiten verfallen.
Zweierlei Bildprogramme
Während wir in Teilen Italiens die Einnistung von Kapital deutlicher erkennen können, sind diese nördlich der Alpen seltener sichtbar. Wir befinden uns in einer bis auf wenige vor allem italienische Seehandelsstädte noch durchweg vorkapitalistischen Zeit, weiterhin geprägt von Landbewirtschaftung vorwiegend durch von Herren abhängige Bauern bei Wachstum der Städte, der städtischen Produktion und des Handels. Aber es sind Zeiten eines Übergangs.
Während die Zeit bis ins 10. Jahrhundert etwas grob als Verfallszeit römischer Baukunst in Stein gelten kann, kommt es nun über "technische" Experimente zu größeren steinernen Kirchen-Gebäuden, und die Leistung ist ars, Handwerkskunst, das Wesen aller Künste bis ins 18. Jahrhundert. Die Stil-Bezeichnungen, die wir heute kennen, sind nachträgliche und oft abwertende Kommentare, die sich weithin durchgesetzt haben. Kunststile sind eine Abfolge von Moden, deren Träger die Herren dieser Welt sind, Adel, Fürsten und Kirche. Für die damalige Zeit wurde nachträglich der eher unsinnige Name "Romanik" erfunden, und diese wird bis ins 12. Jahrhundert andauern.
Wenn es um Körperlichkeit und Geschlechtlichkeit geht, eröffnet sich uns jetzt ein weites Feld an Überresten in der Bildhauerei einerseits und der Wand- und Buchmalerei andererseits. Für unsere Zwecke interessant ist vor allem die Skulptur, die sich auf den Weg vom Relief in die freiere Plastik macht, aber zur Gänze an das kirchliche oder klösterliche Gebäude gebunden bleibt. Sie fällt vor allem im breiten Streifen von England über Westfranzien und dann das Baskenland bis Richtung Asturien in zwei extrem verschiedene Thematiken auseinander: Da sind die der zunehmenden Majestät romanischer Kirchen angemessenen Großplastiken mit ihren vor allem biblischen Themen und späteren Heiligendarstellungen, und da sind die thematisch und "stilistisch" so anderen, oft für uns heute grotesken oder obszönen Kleinplastiken, von denen zum Glück ein Teil die gotische und spätere Bilderstürmerei überstanden haben.
Beide so unterschiedlichen Bildprogramme existieren vor allem nebeneinander, aber nicht unabhängig von einander. Wenn an der Fassade und in der Klosterkirche heilig-affirmative Großplastiken vorherrschen, sind die Kapitelle im Kreuzgang mit sexuell aufgeladenen Sirenen, mit ihre äußeren Geschlechtsorgane darbietenden Tieren und Menschen, mit Gauklern, Tänzerinnen und allem geschmückt, was Sünde repräsentiert.
Noch näher beieinander können diese so verschiedenen, aber sich ergänzenden Sphären rücken, wenn sie in eine Fassade integriert sind wie bei San Michele in Foro in Lucca, wo, stark abgesetzt von den Großfiguren des Erzengels und der Muttergottes-Maria auch eine ihren Schwanz spreizende Sirene und ein Kentaur auftauchen. Noch näher rücken die beiden Themenkreise dort, wo im Jüngsten Gericht wie dem der Fassade von Conques gut und böse nebeneinander im selben Großbild auftauchen und wo sexuelle und sexualaggressive Momente grotesk bis obszön zumindest in die Darstellung der Verdammten eingehen.
Der hässliche Leib der Begierde
Bis in die Anfänge des gotischen Stils hinein wird in Kirchen und Kreuzgängen nicht nur die heilige Reinheit gefeiert, sondern oft sehr ausführlich auch ihr Gegenteil dargestellt. Dabei wird deutlich, dass der Reinheits-Gedanke noch nichts mit Prüderie zu tun hat. Vielmehr lässt sich an romanischen Kirchen oft ein geradezu unbefangener Umgang der Aschreckung mit dem ablesen, was danach und bis ins zwanzigste Jahrhundert als das Obszöne angesehen wird und manchmal noch trotz Pornographisierung des Alltags im Kapitalinteresse heute so angesehen wird. Dabei sei hier schon einmal angemerkt, dass Pornographie in meinen Studien mit kommerzialisierter Geschlechtlichkeit gleichgesetzt wird, auch mit einem neuzeitlichen männlichen Machtblick auf weibliche Sexualität und deren Reduzierung auf Funktionen von Spielarten männlicher Triebabfuhr, sowie dem weiblichen Bedienen dieser Haltung.
Anthony Weir und James Jerman haben in ihren 'Images of Lust. Sexual Carvings on Medieval Churches' mehr als andere vorher eine Tür geöffnet zu jenem Bindeglied zwischen den lateinischen Texten des Klerus und der Volksfrömmigkeit derer, die nicht lesen und schreiben können, der Bildersprache des romanischen Hochmittelalters von Kloster- und Kirchenreform nämlich, wie sie sich vor allem in den allen zugänglichen Klein-Skulpturen geistlicher Gebäude niederschlägt.
Am Ende ihres Buches fassen sie an einem ergiebigen Beispiel zusammen, was man an nicht wenigen romanischen Kirchen zwischen Nordspanien und den britischen Inseln an Kleinplastik so alles entdecken kann.
"In Spanien, an der Kollegiatskirche von San Pedro de Cervatos, südlich von Santander zum Beispiel können unter den 95 Kragfiguren (über der Südtür von rechts nach links) gefunden werden: In einander verschlungene Tiere, eine weibliche Exhibitionistin mit einer Person auf ihrem Rücken, einen megaphallischen Mann, einen hockenden Affen, einen exhibitionistischen Affen
mit der rechten Hand zwischen seinen Beinen und der linken Hand in seinem Mund; ein den Anus darbietendes Tier, ein männliches, seine Geschlechtsteile vorzeigendes Tier, welches eine Stange über seinem Kopf hält; einen Widder; ein männliches Paar (beim Analverkehr?); eine hockende Figur mit einem großen Maul; ein Harfenist und ein Akrobat. An dem Schiff sind ein den Anus darbietender Affe; hockende Figuren; ein exhibitionistischer Mann, dessen Hinterbacken von einem
anderen Mann auseinander gezogen sind; Schweine, Ziegen, Widder und Affen; eine hockende Gestalt mit einem Tierkopf, die mit den Händen die Kiefern aufreißt; akrobatische Bestien, deren einem die Zunge heraushängt; eine Frau, die Füße oben, die den Kopf zwischen den Beinen hat; ein megaphallischer Mann mit einer Hand auf seinem Bauch,während der andere seine Hoden hält; weibliche Exhibitionisten, die Füße bei den Ohren, den Unterleib darbietend, ein Mann mit den Füßen oben, der den Kopf zwischen seinen Beinen hat; ein männliches Paar beim Analverkehr; ein Mann mit riesigen Hoden, der die Füße in seinen Mund gesteckt hat; zwei Männer, die Fässer tragen; Harfenisten; ein Mann mit einem riesigen Penis in seinem Mund; ein männlicher Exhibitionist (mit normal großen Genitalien), der eine Scheibe hält, und eine Frau, die ihre Brüste mit den Händen hält. Schließlich folgt (an den Fensterkapitellen) eine akrobatische weibliche Exhibitionistin , die die Füße an den Ohren hält; ein megaphallischer Mann (ihr gegenüber) und andere megaphallische Männer; und an dem Turm, auf einem Kapitell, ist ein bogenschießender Zentaur."
Zu erwähnen wäre die Übernahme mythischer Gestalten der Antike, die ebenfalls mit Sexualität konnotiert sind. Da sind am häufigsten die Meerjungfrauen, gelegentlich mit zwei Fischleibern, zwischen denen manchmal auch die Vulva markiert ist ('Images of Lust', S.51 z.B.), und die genauso wie die vogelköpfigen Sirenen die Männer betören, sowie die Zentauren, mehr auf Frauen aus (auf die sie ihre Pfeile manchmal richten), gelegentlich aber auch den Zwiespalt des Menschen zwischen Geist (Sexualmoral) und Tiernatur (des Menschen nach dem Sündenfall) repräsentieren.
Diese Sirene von St.Pierre aus dem Poitou zeichnet sich als Besonderheit durch ausgeprägte Brüste aus, durch lang geflochtenes Haar und herausforderndes Halten ihres Fisch-Schwanzes mit einer Hand.
Nachdem solche Bilder im 12. Jahrhundert dann langsam verschwinden, bleibt ihre Bedeutung doch noch bewusst, wie folgender Text eines Zisterziensers des späteren 12. Jahrhunderts belegt:
Die Meeressirene sieht über dem Nabel so aus wie eine sehr schöne, anmutige Jungfrau, vom Nabel bis zu den Füßen aber ist sie so wie ein Fisch. (...) Sie singt süß, mit lauter Stimme und vielen Melodien, und sehr süß lässt sie Harmonien erklingen. Aber mit ihren süßen Gesängen täuscht sie oft die Seeleute (...) und bringt sie in Todesgefahr (...) So täuscht auch die weltliche Frau durch ihre trügerischen Reden die Diener Christi (...) sie pflegt die Gott Dienenden von ihrem heiligen Vorsatz abzubringen und zur Gefährdung ihrer Seelen zu verführen (...) Was sind denn die Worte weltlicher Frauen, wenn nicht Sirenengesänge? (De modo bene videndi, PL, in: Dinzelbacher, S.110)
Noch ein paar andere Beispiele aus anderen Gegenden: In der Kirche von Villers-Saint-Paul bei Creil (nordöstlich von Paris) gibt es Seejungfrauen, einen grinsenden Teufel mit Börse, Pferdeköpfe, in Mauriac am Rand der Auvergne Hoden-Vorzeiger, Männer, die ihren eigenen Penis im Mund haben usw. (S.153f)
Auf dieser Skulptur aus einer Kirche des Poitou wird deutlich gemacht, was der Teufel manchmal mit Menschen macht, die sich ihm zu sehr anvertrauen: Er verschlingt sie, in phantastischer Gestalt auftretend, mit Haut und Haaren.
Offen sexuelle Darstellungen gibt bzw. gab es an einem nicht geringen Teil der romanischen Kirchen und Klöster vor allem entlang der Pilgerwege nach Santiago de Compostela. Viele Pilger übernachten in den Kirchenräumen und bekommen so bildlich gepredigt, was alles lasterhaft und unchristlich ist. Über den Reliquienkult und das Pilgern wird Christentum auch zu einem großen Geschäft, und wo das Geld fließt, ist auch das Amüsiergewerbe nicht weit.
Solche Darstellungen entstehen im Gefolge der monastisch beeinflussten Kirchenreform und verschwinden mit dem Einzug der Gotik. Es gibt sie bis England und Irland. Sie fehlen aber fast völlig in deutschen Landen, wo mehr germanische Restsubstanz offenbar diese explizite Bildersprache weitgehend überspringt..
Gezeigt werden die Genitalien von Mensch und Tier, der Anus und die diese offenlegenden Körperhaltungen. Insbesondere bei Frauen, auf die der Betrachter von unten schaut, sind es die gespreizten und am Körper so angewinkelten Beine, dass sie neben den Ohren anliegen. In dieser Haltung zeigen die weiblichen Gestalten des öfteren auch explizit ihren Anus. Gezeigt werden, wenn auch selten, kopulierende Paare, auch homosexuelle und solche aus Tier und Mensch gebildete. Gezeigt wird die Zunge mit ihren sexuellen Konnotationen. Dazu gehören dann Tiere, die Geilheit versinnbildlichen: Die Böcke der Ziegen und Schafe, Affen (damals als degenerierte, abartige Menschen angesehen), von denen bekannt war, dass sie in Gefangenschaft heftig masturbieren; Schweine, schon damals als Schimpfwort missbraucht für alle Spielarten unanständiger Menschen. Eine romanische Skulptur über einem Kirchenschiff im Schweizer Jura zeigt der Gemeinde unten den nackten Hintern.
Schließlich werden insbesondere Gestalten unanständiger Frauen oft mit der Schlange der Verführung gezeigt, die ihnen nun aber aggressiv in die Brüste beißt oder im Extremfall dabei sogar aus ihrer Scheide hervorkommt (Museum von Toulouse, 'Images of Lust', S. 68).
Monster beißen in die Genitalien des auf dem Kopf stehenden Mannes (Kirche von Barret, 'Images of Lust' S.71), Schlangen beißen dem Mann in die Hoden ('Images of Lust', S. 75), alles, was neuzeitliche Extrem-Pornographen für abseitige sexuelle Bedürfnisse auch sadistischer und masochistischer Art anbieten, ist an romanischen Kirchen der betreffenden Gegenden und aus dieser Zeit zu betrachten.
Dargestellt werden oft unmittelbar in ihrer Umgebung die Unterhaltungsartisten der damaligen Zeit, die unter Begriffen wie Spielleute, ioculatores, den altfranzösischen jongleurs usw. eingeordnet werden, und denen die Kirche pauschal sexuelle Libertinage unterstellt.
Zu ergänzen wäre, dass Weir/Jerman zurecht in ihre Arbeit die Darstellungen von Geizigen einbeziehen, die mit dem Attribut der Geldbörse in der Regel auch mit den Gestalten sexueller Begierde zusammen abgebildet werden. Tatsächlich gehört in diesen Bildprogrammen jede Form des irdischen Begehrens und darum auch die Gier nach Geld zusammen, die sich darin ausdruckt, dass man es hortet und nicht den Armen und Kranken als Almosen wenigstens zum kleineren Teil abgibt.
Es geht um die Laster der luxuria, mit der voluptas verbunden und der concupiscentia (was sich in den Gestalten als Geilheit darstellt) und auf der anderen Seite die avaritia, die Besitzgier und Geiz in einem meint.
Dabei handelt es sich fast immer um kleine Steinmetzarbeiten, das großfigurige Bildprogramm und die Fresken im Inneren beschreiben die Majestät Gottes, den Triumph seines Sohnes über den Tod (den Eva unter die Menschen gebracht hat), stellen Heilige dar und die zentralen Geschichten der Bibel.
Spätere Zeiten finden solche Darstellungen von Sexualität, zumindest was die Frommen betrifft, obszön und haben bis weit ins neunzehnte Jahrhundert viele solcher Figuren zerstört oder wenigstens die Genitalien demoliert. Man könnte die Vermutung wagen, dass das erzieherische Programm dieser Kirchen in Verbindung mit vielen anderen Entwicklungen die öffentliche Meinung soweit beeinflusst hatte, dass die im Bildprogramm formulierten Verbote jetzt stärker angenommen werden. Man könnte aber gleichzeitig annehmen, dass mit der romanischen Phase des Hochmittelalters dieser monastisch geprägte Wunsch, Abscheu zu erregen gegenüber Körperlichkeit und Geschlechtlichkeit, abklingt und ersetzt wird durch Sublimationsstrategien.
Ekel, Abscheu, Scham und das Obszöne
Linda Paterson hat zu Recht im Anschluss an Weir und Jerman darauf verwiesen, dass solche Bilder von der Geistlichkeit nicht nur genehmigt, sondern sicher auch erwünscht waren. (Paterson, L'obscenite du clerc, in dieselbe, Culture and Society in Medieval Occitania, S. 475(IV)). Dasselbe gilt wohl auch für die Äbte der Klöster.
Die Frage ist nicht, wie wir heute in einer pornographisiert-abgestumpften Welt darauf reagieren, sondern was diese Bilderwelt für die Menschen damals bedeutete, und eben auch, was mit ihnen beabsichtigt war.
Warum werden als Wasserspeier an einer Kirche an der Loire nahe Blois weithin sichtbar Mengen an dämonisch wirkenden Hunden mit tendenziell überdimensioniert erigierten Penissen verwendet, wobei die längeren als der hier abgebildete später wenigstens partiell abgeschlagen werden? Wie gingen die Leute damals damit um?
Ein erster Versuch einer Antwort wäre der, dass Ekel erzeugt werden soll. Der Ekel im heutigen Wortsinn erscheint in der deutschen Sprache erst im 16. Jahrhundert als starke Reaktion auf Eindrücke des Gesichts- und Geruchssinns vor allem. Aber vermutlich gibt es ihn als instinktive, angeborene Reaktion auch schon viel früher: Viele Kulturen und Zivilisationen kennen z.B. seit Jahrtausenden den (zumindest) männlichen Ekel vor der Menstruation. Die vielleicht beste Vermutung über den Ursprung des Ekels besagt, dass er der Vermeidung ungenießbarer Nahrung dient und so doch einen genuin animalischen Ursprung hat. Tatsächlich haben Menschen kein anderes instinktives Talent, die richtige von der falschen Nahrung zu unterscheiden. Für diese Vermutung sprechen der Würgereflex bei der Auslösung von Ekel und die mimischen Vorformen dazu.
Entwicklungsgeschichtlich ist der Ekel als Resultat der Offenheit des Menschen auch für das Unnütze oder Schädliche damit eng gekoppelt an die Offenheit der menschlichen Sexualität und die Offenheit des Menschen für reflektierendes Urteilen in der Sprache. Aus der Welt der Säugetiere ererbt ist der Würgereflex auf ungenießbare Nahrung. Hier ist vor allem interessant, was über das rein Tierische hinausgeht.
Das vermutlich angeborene Talent zum Ekeln wird in den ersten Lebensjahren auf traditionell definierte Objekte ausgerichtet. Zuvor ekeln sich Kleinkinder genauso wenig wie Hunde vor Kot, Urin oder bestimmten Kleintieren. Gemeinhin werden das vierte bis achte Lebensjahr als die der Ausbildung eines Ekels vor bestimmten Objekten angesehen. Die Affizierung dieser Menschenkinder mit Ekel ist ein Erziehungsprozess und schon eine frühe Kulturleistung. Dort, wo diese misslingt, kann der Ekel ins Krankhafte umschlagen - oder aber in sein Gegenteil.
Der bekannteste Vorgang ist der der Reinlichkeitserziehung mit der Herausbildung der Abscheu vor den Ausscheidungen der Verdauung und vor den Ausscheidungsorganen, besonders vor dem Analbereich.
Die Zunahme des Ekels und seiner Objekte bis ins zwanzigste Jahrhundert wie auch die Affizierung durch Ekel vermittels Assoziation lassen an Texte von Sigmund Freud denken. Wenn Triebregungen in irgendeiner Form durch die autoritative Instanz in einem selbst, die in uns hinein genommenen äußeren Machtinstanzen, unterdrückt werden, werden sie in der Neurose ambivalent. Wenn sie dann aus dem Reich des Bewussten entfernt sind, sind sie auch den Bemühungen einer Kultivierung entzogen. Dabei können sie sich aber in ihrem unbewussten Weiterleben verändern. Laut Freud brechen sie gelegentlich als Perversionen wieder durch.
Die ambivalente Affizierung mit bewusstem Ekel und unerlaubter Lust, so lässt sich weiter spekulieren, kann dazu führen, dass der Ekel sich verstärken muss, um die Lusterwartung abzudrängen. Das verbotene Lustpotential wird so zum Verstärker des Ekelgefühls.
In diesem Sinne wäre die intensiv hässliche, grotesk-abstoßende Darstellung des Sexuellen und des mit ihm Assoziierten nicht zuletzt das Unterfangen, den "Christen" ihre Geschlechtlichkeit zu verekeln. Wenn dann aber, allerdings eher selten, auch sich liebevoll begegnende und manchmal umarmende (Ehe?)Paare oben an den Gebäuden dagegengesetzt werden, stimmt das eher skeptisch gegen solch allzu grobe Verallgemeinerung.
Der erste Ausweg, um uns dem Thema zu nähern, findet sich in der Scham, für die es eine Kontinuität seit der lateinischen Antike gibt, als sie noch pudor (Scham, Schamgefühl) und pudicitia (Schamhaftigkeit, Keuschheit) hieß. Letztere zeigt unverhohlen den sexuellen Kontext, erstere umfasst deutlich ein weiteres Feld: Sie wird im antiken Latein auch mit jener Scheu verbunden, die Achtung meint, mit Ehrbarkeit, Schüchternheit, mit respektabler Schwäche gegenüber der anerkannten Autorität.
Wie Hans Peter Duerr sehr ausführlich in fünf Bänden dargelegt hat, sind Schambesetzung und Schamgrenzen in verschiedenen Kulturen sehr verschieden und zugleich in allen vorhanden. Dabei ist die Scham im Unterschied zum Ekel nicht auf Körperlichkeit begrenzt, auf Ernährung und Fortpflanzung, sondern betrifft überhaupt alle Bereiche des Verbotenen. Insgesamt sind die Schamgrenzen in der griechisch-römischen Antike viel weiter gefasst als im christlichen Mittelalter.
Ekel und Scham lassen sich nur mit Mühe verbergen, da es nicht leicht ist, ihren (unterschiedlichen) unwillkürlichen körperlichen Ausdruck zu vermeiden. Der Ekel ist dem Schrecken verwandt und zeigt sich nicht nur im Würgereflex, sondern auch im Erbleichen, in Gesten körperlicher Abwendung usw. Letztere sind auch für die Scham bezeichnend, während sie andererseits sich im Erröten erweist, - auch die Scham ist eine Verwandte des Schreckens.
Grundsätzlich lässt sich annehmen, dass Scham eine Reaktion auf Deutungsmuster ist, die wir an Dinge anlegen. Nur deshalb, weil wir das überhaupt tun, können wir uns schämen. Nichts zeigt das besser als die Doppelbedeutung der weiblichen Brust samt ihrer Brustwarze als Nahrungsquelle für den Säugling und als erogene Zone bzw. als Sexualobjekt.
Die Scham hat hier mit den Ambivalenzen zu tun, die aus der Trennung von Fortpflanzung und Lust entstehen. Sie teilt sich darauf in die erlaubte und die verbotene Lust. Letztere wiederum wird ambivalent unter dem Verbot. Das romanische Bildprogramm der Verhässlichung der Sexualität will dann Eindeutigkeit herstellen: Sexualität ist immer hässlich und grundsätzlich zu verabscheuen. Die Schlangen, die in die Brüste der Frauen beißen, verweisen auf den gerechten Lohn für sexuelles Begehren in der Hölle, in dem Gericht der Apokalypse und in den Strafen, mit denen Gott die Sünder schon auf Erden belegt.
Die Scham ist unmittelbar mit Schuldgefühlen verbunden, ja, sie findet ohne solche gar nicht statt. Die Schuldgefühle beziehen sich auf Verbote, und alle Kulturen hatten ausführliche Gebots- und Verbotskataloge bezüglich der menschlichen Geschlechtlichkeit. Diebstahl und Mord können für Einzelne schambesetzt sein, der Inzest ist es aus außersexuellen Gründen. Schämen kann man sich für körperliche Gebrechen und mentale Defizite so wie auch für außergewöhnliche Faulheit oder (seit neuestem) außergewöhnliche Leistungsfähigkeit in wenig anerkannten Bereichen wie denen intellektueller Neugierde.
Etwas verständlicher wird das alles für unsere Zwecke, wenn wir im 12. Jahrhundert feststellen, wie das, was wir an romanischer Kleinplastik entdeckt haben, nun verschwindet, und wir können schlüssig vermuten, dass es nun des öfteren als obszön angesehen wird.
In dem lateinischen obscenus sind Kot und Schmutz im selben Wort verbunden: caenum ist beides. Im Obszönen wird das caenum schamlos behandelt, und in der Regel aggressiv. Zugleich bezeichnet das obscenum sowohl den Penis als auch alle Schampartien "zwischen den Beinen". Wir können annehmen, dass eine reiche römische Oberschicht der Kaiserzeit das nicht mehr so sieht, während es für die Masse der Menschen weiter gilt.
Das Wort "obszön" kommt erst im späten Barock in die deutsche Sprache, die größere sprachliche Kontinuität macht sein Erscheinen in der französischen Volkssprache schon in der Renaissance möglich. England mit seiner mittleren volkssprachlichen Nähe zum Romanischen steht zeitlich in der Mitte: Der gebildete höfische Aristokrat, der sich vielleicht hinter dem Namen Shakespeare versteckt, übernimmt es als obscene aus dem Französischen.
Wenn die Scham die tierhaft-aggressive Natur des Menschen verdecken möchte, und dies ein unterschiedlich definiertes menschliches Grundbedürfnis ist, dann ist die Obszönität nicht die Wiederherstellung natürlicher Triebhaftigkeit, sondern selbst ein zvilisatorisches Phänomen. Das Obszöne ist eine Bloßstellung der Scham und nicht der menschlichen Triebhaftigkeit. Es ist ein zutiefst aggressiver Akt gegen die menschliche Verarbeitung seiner Natur und damit sicherlich auch das Gegenteil von dem, was Kirche und Kloster beabsichtigten.
Wenn also nun die Darstellung dessen, wogegen die Propaganda betrieben wird, als obszön umdefiniert wird, wird sie für Christen unmöglich. Das wird aber nur durch eine neue Definition von Schamhaftigkeit möglich, und dies wird jene, die sich selbst in die Tasche lügt: Obszön ist jetzt die Darstellung/Darbietung der männlichen Erektion als solcher oder auch nur des männlichen Gliedes, die Darstellung der (insbesondere der geöffneten) weiblichen Scham, die Darstellung des nackten Hinterns, soweit der Blick dabei auf den Anus zielen soll, die Darstellung des urinierenden und scheißenden Menschen und dieser Endprodukte der Verdauung selbst. Andererseits setzt nun aber jene Erotisierung zunächst vor allem der weiblichen Körper ein, wie sie gotisches Bildmaterial belegt, aber auch die nun einsetzende neuartige Dichtkunst. Auf diese Weise beginnt mit den neuen Schamschranken seit dem Zeitalter eines sich entfaltenden Kapitalismus der fast tausendjährige Kampf gegen sie, der im 20. Jahrhundert ihr fast völliges Verschwinden in der damals sogenannten "westlichen" Welt erreicht. Es ist zugleich der Kampf dagegen, noch etwas als obszön zu definieren oder auch nur als schamlos.
Damit verschwindet bald auch das, was viel später erst als grotesk aufgefasst werden wird, wie unterschiedliche Arten von Lebewesen, die miteinander kopulieren, also Schimären erzeugen, Wesen, ob fabulöse Löwen oder Menschen, die die Zunge extrem weit herausstrecken, frei erfundene Fabelwesen wie Greif oder Einhorn usw. Das Reich der Phantasie wird weithin eingeschränkt und sinkt, nun öffentlich unsichtbar, ins Volksgut ab.
Im Italien der Renaissance werden in Grotten (grotte) antike Fresken entdeckt, die als grottesco bezeichnet werden, weil man sie zunächst nur von daher kannte. Erst im Verlauf der Neuzeit löst sich das Wort von der entsprechenden Malerei und wird stärker verallgemeinert angewendet. Entsprechend undeutlich ist auch die Wortbedeutung.
Die unmittelbare Reaktion auf das Obszöne ist der Schrecken. Die unmittelbare Reaktion auf das Groteske ist gemeinhin das Vergnügen des sich Wunderns, des Staunens. Als klassische Abwehr-Reaktion gemeinsam mit dem Obszönen lässt sich das Lachen beobachten, jenes Weglachen, welches verhindern möchte, dass man mit intimeren Gefühlsregungen affiziert wird, deren Ambivalenzen nicht so leicht auszuhalten sind. Es ist zu vermuten, dass in der Romanik wenige gelacht haben beim Anblick solcher Figuren, denn sonst hätte die Geistlichkeit sie nicht so häufig anbringen lassen. Es ist aber möglich, dass sich damals außerhalb des Bereiches der Kirchen bereits eine "Lachkultur" als Gegenbewegung insbesondere bei jenen entwickelte, die sich periodisch von der Triebunterdrückung entlasteten, indem sie das Unterste zuoberst kehrten, - was nichts anderes geheißen hätte, als von einem Extrem ins andere zu fallen.
Dagegen wissen wir nur ganz wenig über das tatsächliche Sexualleben der Menschen damals (und auch über das der Heutigen wenig). Neben die bildlichen Darstellungen treten noch die etwa gleichzeitigen erhaltenen Bußbücher mit ihren Sündenkatalogen, die sich im sexuellen Bereich kaum von den figürlichen Darstellungen unterscheiden. Beides, bildliche und schriftliche Darstellung, unterliegt aber dem Manko, eine kirchliche/monastische Sicht wiederzugeben, die in der persönlichen Auseinandersetzung mit sich selbst jenes Abtöten des Fleisches, welches sexuelles Begehren vor allem meint, vermutlich allzu viel im Mittelpunkt sieht und welches vermutlich auch über die Maßen Phantasie anregend wirkt.
Die Kehrtwende: Sublimation
Hat die Propaganda der romanischen Kleinplastiken Erfolg oder bleibt es bei reiner Selbstdarstellung von Kirche und Kloster? Vermutlich ist vor allem letzteres der Fall. Die Verfeinerung der gotischen Großplastiken, mit denen die Kleinplastik ohnehin massiv zurückgeht, geht nämlich einher mit einem einsetzenden erotischen Raffinement. Mancherorts verschwinden die Themen der kleinen Bildwerke auch nur langsam und zögerlich. Zugleich beginnt unter der Hand ein langsamer Zug in die Pornographisierung.
Das Relief nebenan, etwas später aus dem Mailand des 12. Jahrhunderts (Museum des Castello Sforza) ist so obszön wie aggressiv. Eine Frau rasiert in offensiver Körperhaltung ihre Scham. Es entstammt genau der Zeit, in der ein neues lyrisches Ich neue Vorstellungen von Liebe und Frauendienst entwickelt. Dem Verdacht wird nachzugehen sein, ob beides vielleicht einander ein Stück weit bedingt bzw. zusammengehört. Ganz offensichtlich entstammt dies Relief nicht mehr dem kirchlich-klösterlichen, sondern dem weltlichen Raum. Man hat vermutet, dass Barbarossas Gemahlin gemeint sein könnte und es sich darum um ein antistaufisches Hassbild handelt. Obszönität ist Aggression und nur so zu verstehen. Sie wird auch genau eben so empfunden.
In die zunehmende Widersprüchlichkeit einer in frühen Kapitalismus hinein wachsenden Welt gehört dann, dass zugleich jenseits der Kirche und selbst in ihr Versuche von Sublimierung des Geschlechtstriebes stattfinden, einmal in der zunehmenden Verehrung der Marien, die immer mehr Kontrapunkt zur sündigen Eva werden, zum anderen in zunehmender Liebeslyrik repräsentiert, zunächst in lateinischer Sprache, die dann aber in die Volkssprachen der Toubadoure und Minnesänger bei Hofe übergehen wird.
Viele Fragen stellen sich, darunter die, warum solche wie wir sie nennen obszönen und grotesken Figuren in Ostfranzien und Teilen Italiens nicht auftauchen, aber auch die, wie wir ihre Gleichzeitigkeit mit so anderen, sublimeren Formen und Figuren erklären.
Diese Abbildung von St. Vitus in Ellwangen zeigt etwas von dem Standardrepertoire romanischer Großplastik, vorläufig noch als Relief. Hier erfahren wir dann nur wenig von denen, für die das Bild hergestellt wurde und mehr von der Propaganda-Absicht derer, die es in Auftrag gaben. Ein majestätisch thronender Jesus umgeben von Figuren großer Heiligkeit, mit erstarrtem Gestus. Der himmlische Machthaber über dem Eingang in den Ort der magischen Unterwerfung.
Bald wird vor allem literarisch dokumentiert, wie das einem zunehmenden kirchlichen Einfluss ausgesetzte adelige Kriegertum (Rittertum) im Zuge der propagierten Veredelung seiner Gewalttätigkeit zugleich beginnt, in der Lyrik eine Erotisierung seiner Geschlechtlichkeit zu praktizieren. Das beginnt mit der Trennung von Begehren und Befriedigung desselben, der Kultivierung der Sehnsucht und des Schmerzes, die sich parallel im religiösen Raum in der immer gefühlvolleren Auseinandersetzung mit der (sehr menschlichen) Passion Christi treffen wird. Das wendet sich aber schnell auch einer Kultivierung sexueller Lust zu, in der nach und nach die Frau als Gegenüber an Gewicht gewinnt, so wie parallel dazu in der Kirche Frauen wie die Mariengestalten der Evangelien an Bedeutung gewinnen. Der Weg zu den schlanken, elegant geschwungenen Frauengestalten an gotischen Kathedralen ist eingeschlagen. Aus dem Sündenfall wird in den nächsten Jahrhunderten die Neuentdeckung des Eros und seiner Lust werden.
Ein nicht unwesentlicher Aspekt von Körperlichkeit zeigt sich darin, dass mit der sich vor allem im südlichen Westfranzien langsam von der Architektur befreienden plastischen Darstellung von Körpern eine Wende ankündigt. Zum einen treten in Reliefs die Figuren immer stärker hervor und werden lebensechter. Zum anderen kommen zu den Ganzkörper-Darstellungen des gekreuzigten Jesus Marienstatuen hinzu, und dann solche erster Heiliger wie der Sankt-Fides in St.Foy (Conques). Ein Pilger berichtet dazu:
Der Kult schien mir zuerst missbräuchlich und heidnisch. Für mich galt der Brauch, die Verwendung von Stein, Holz oder Metall auf die Darstellung unseres Herrn am Kreuz zu beschränken. Die Heiligen empfingen nur die Ehre der Schrift oder der Malerei. (in: Neiske, S.103)
Was hier erkennbar wird, ist nicht nur eine Aufwertung der Heiligen und ihres Kultes, denn in ihrer plastischen Darstellung wird für den einfachen Gläubigen ihre Anwesenheit in ihrem dreidimensionalen Abbild naheliegender, wie das schon seit der Bronzezeit für Götterstatuen galt; man kann vielmehr auch von einer Aufwertung des (menschlichen) Körpers sprechen. Das hat natürlich auch etwas damit zu tun, dass solches Tun nun durch neue Handwerkskunst wieder möglich wird. Aber jener Weg ist eingeschlagen, in dem dann auch Adam und Eva als Skulpturen auftauchen, schließlich auch Maria Magdalena, der dann zu spätromanischen Freiplastiken ganz weltlicher Natur und schließlich zum Feiern körperlicher Schönheit an und in gotischen Kirchen führen wird.
Versuchung
Sublimation, Verfeinerung entsteht im 11./12. Jahrhundert zwischen zwei Polen, Verteufelung und Feiern des Körperlichen nämlich. Jenseits von Klerus und Kloster liegen diese Pole zeitlich getrennt und vermutlich auch im Bewusstsein der Menschen weit auseinander, eben zwischen Kirchgang und weltlichem Alltag. Ein besonderes Spannungsfeld darin ist das zwischen Versuchung und Abwehr, und ein Weg in die Aufhebung dieser Spannung ist Sublimierung, die das Begehren nicht verteufelt oder leugnet, sondern in Impulskontrolle "verfeinert".
Sublimation wird zu einem neuen Erziehungsprogramm werden, welches die Abschreckung durch Annäherung ersetzt. So wie die edle Gewalttätigkeit durch ein ritterliches Ideal ergänzt wird, welches Gewalt in Regeln einkleiden soll, so soll nun Bejahung und Verneinung sexuellen Begehrens zunächst vor allem von Männern in eins fallen.
Männer wurden dabei schon immer am meisten gefesselt von solchen Versuchungen, die von den erotischen Reizen von Frauen ausgehen. Es ist dies die unendliche Fortführung der christlichen Version der Paradiesgeschichte, in der der Teufel Adam (den Menschen) durch das Weib (Eva, die Lebendige) versuchen und verführen lässt. Es geht nun - im Extremum wenigstens - darum, der Versuchung nicht mehr aus dem Weg zu gehen, sondern sich in ihr zu bewähren.
Die Rückkehr ins Paradies ist direkt nicht mehr möglich, aber dafür der Weg in den durch Jesu Opfertod eröffneten Ersatz, in die paradiesischen Zustände der ewigen Seligkeit. Dieser Weg öffnet sich durch den Glauben und die Entsagung, und letztere wurde beispielhaft von den Eremiten der äygptischen Wüste vorgelebt. Cassian berichtet in seinen 'Unterredungen mit den "Wüstenvätern" der Kirche, den Collationes Patrum, von den drei Entsagungen des koptischen Paphnutius:
Paphnutius, warum bist du traurig darüber, dass dieses irdische Feuer nicht mit dir Frieden hält, wo doch in deinen Gliedern noch das Feuer sinnlicher Gelüste wohnt, ein Feuer, das noch keinesfalls erloschen ist. Solange derartige Gelüste in deinem Innersten lebendig sind, werden sie nicht zulassen, dass dir das irdische Feuer in Frieden begegnet. Du wirst nicht aufhören, seine Angriffe zu spüren, bis zu dem Tag an dem du durch folgende Zeichen erfahren wirst, dass jede innere Regung des Fleisches in dir erstorben ist: Geh hin und nimm ein junges, außerordentlich schönes nacktes Mädchen; wenn du sie im Arm hältst und feststellst, dass dein Körper unverändert ruhig bleibt und die Regungen deines Fleisches besänftigt sind, dann wird für dich die Berührung mit dieser sichtbaren Flamme mild und schmerzlos sein, wie sie es auch war für die drei Männer im Feuerofen zu Babylon.
1093 hat Robert d'Abrissel (siehe Anhang 12) bereits als Priester Karriere gemacht und beginnt damit, sich selbst immer mehr zu kasteien. Wenige Jahre später begibt er sich in die "Wüste", den nordfranzösischen Wald. Immer mehr Fromme, insbesondere auch Frauen, schließen sich ihm an. Er gründet ein Chorherren-Stift, dem aber zu viele Restriktionen auferlegt werden, also geht er in den Wald zurück. Die Kirche wird über seine (keusche) Gemeinschaft mit für liederlich angesehene Frauen, immer erboster, unter denen es der Ehe Entlaufene und womöglich sogar (ehemalige) Prostituierte geben soll. Als sich auch die vornehme Hersendis anschließt, kommt es zur Gründung des Doppelklosters Fontevrault, in dem Frauen und Männer getrennt voneinander leben.
Als einziger kasteit sich Robert weiter, indem er die körperliche Nähe zu den Frauen sucht, und dabei Enthaltsamkeit übt. Auch ein Abt Gottfried von Vendôme schilt ihn deshalb:
Du erlaubst, wie man sagt, dass irgendwelche Frauen dir allzu vertraulich beiwohnen, mit denen du dich oft vertraulich unterhältst, und du errötest nicht dabei, dass du mit und unter ihnen schläfst. ... Du hast eine neue Art von Martyrium erfunden, eine Art, die bis jetzt noch nicht angewandt worden ist und die fruchtlos ist. Denn man kann keinerlei Frucht, keinerlei Nutzen ziehen aus dem, was gegen die Vernunft ist.
Robert überschreitet keine Grenzen, sondern er lotet ihren äußersten Rand aus. Indem er die Nähe zur Frau zur äußersten Kasteiung macht, wertet er sie zugleich erheblich auf, schon alleine, indem er ihre Nähe als Geistlicher überhaupt zulässt. In der Keuschheit bei der Begegnung mit der Frau erfährt er den Geschlechtstrieb als höchsten Schmerz und höchste Lust. In diesem Schmerz befindet er sich im Zustand höchster Heiligkeit. Indem er das im Doppelkloster von Männern und Frauen in Fontrevault in deutlich geringerem Maße zum Dauerzustand macht, als besondere Heiligkeit und höchste Sublimierung des Geschlechtstriebes, gewinnt er seine ganz eigene Passion, das Leiden in einer Liebe zu Gott und seinen Nächsten.
Indem Robert sich seiner Sexualität stellt, stellt er sich am Ende der Aufgabe, mit ihr nicht mehr gegen Frauen fertig zu werden, nicht mehr in ihrer massiven Abwertung, sondern im Umgang mit sich selbst.
Es scheint so zu sein, dass Robert d'Abrissel deshalb nicht in ein schon vorgegebenes Kloster ging, weil er seinen eigenen Weg zur Entsagung und seine eigenen Erfahrungen damit machen möchte. Seine Experimente mit entsagungsvoller Nähe zu Frauen, in der Zeit, in der in Okzitanien fin amor entdeckt wird, wurden vielleicht deshalb von seinen Kritikern abgelehnt, weil diese Erfahrungen hatten mit der Kraft der Versuchung, während Robert sich immer wieder dessen versicherte, dass er schon dort angekommen sei, wo der Engel Paphnutius hinführen wollte.
In einem Carmen 1 eines Hilarius taucht die gereimte Vita einer Einsiedlerin namens Eva auf, die zu Beginn des 12. Jahrhunderts zusammen mit ihrem Gefährten Herveus bei der Kirche Saint-Eutrope im Süden von Angers lebt. Ein Mönch des normannischen Klosters Saint-Bertin namens Goscelin berichtet in einer hagiographischen Schrift davon, wie er einst in dem englischen Frauenkloster Wilton in der Grafschaft Wiltshire "ein religiöses Wunderkind namens Eva betreute." (RoblHilarius)
"Schon kurz nach der Geburt hatte er diese Tochter des hochadeligen Angelsachsen Apis und der Lothringerin Oliva als Oblatin in den Konvent von Wilton gebracht - offensichtlich deshalb, weil sie an einer körperlichen Deformierung litt und für eine spätere Verheiratung aus dynastischen Gründen ungeeignet war. Schon damals bevorzugte das überaus fromme Mädchen das Leben in einer Zelle, wo sie unaufhörlich und zum Erstaunen der Schwestern psalmodierte. Sie erregte mit ihrer Frömmigkeit derart Aufsehen, dass sie bereits im Alter von sieben Jahren zusammen mit ihrer Äbtissin und dem Ortsbischof an einem Festbankett des englischen Königs teilnahm.
Um 1079 entschloss sich die von religiösem Eifer durchglühte Eva zu einer unerwarteten, Aufsehen erregenden Flucht. Sie verließ ihr der Verweltlichung anheimfallendes Kloster in England und begab sich, ohne zuvor ihren geistigen Beistand Goscelin informiert zu haben, über den Ärmelkanal und die Loire flussaufwärts nach Angers, um dort eine neue religiöse Lebensform zu suchen. Schon im 11. Jahrhundert hatte sich in Nähe der Kirche Saint-Laurent bei Angers eine kleine Gemeinschaft von Klausnerinnen konstituiert, die nach dem griechischen Anachoreten- Ideal unter einfachsten Verhältnissen lebten. Zwei von diesen heiligen Frauen sind namentlich bekannt geworden. Hildebert von Lavardin und Marbod von Rennes erwähnen außerdem Reklusinnen griechischer Abstammung, Athalisa und Agenoris.
Die von Abt Balderich von Bourgueil nach ihrem Tod besungene Klausnerin Benedikta nahm die junge Eva bei sich auf. Goscelin schrieb über dieses Leben: Is anachorite in lignea cellula ecclesie adherenti aderat – Sie lebte bei einer Anachoretin in einem hölzernen Verschlag, der an eine Kirche angebaut war.
Irgendwann vor 1100, als ihre Gefährtin Benedikta gestorben war, fand Eva Anschluss an einen ehemaligen Mönch aus Saint-Trinité in Vendôme, der Herveus hieß und sein Priorat Sainte-Trinité von Angers verlassen hatte, um mit Erlaubnis seines Abtes als Klausner in der Nähe zu leben. (…) Eine Zeit lang hatte sich Herveus der Bewegung der Pauperes Christi um Robert d'Abrissel angeschlossen und lebte in der Eremitenkolonie im Wald von Craon. Als dieser das unregulierte Leben aufgab und sich an die Gründung von La Roë und nachfolgend Fontevraud machte, kehrte Herveus nicht zu seinem Konvent nach Vendôme zurück, sondern zog um 1102 zusammen mit seiner Begleiterin Eva in eine gemeinsame Zelle bei dem Kirchlein Saint-Eutrope am Stadtrand von Angers, in unmittelbarer Nähe zum Priorat seines Ordens. Abt Gottfried von Vendôme schickte Eva und Herveus zu ihren gemeinsamen religiösen Vorhaben einen langen Widmungsbrief." (RoblHilarius)
In einem langen Briefgedicht schrieb Hilarius über sie:
Ibi vixit Eva diu cum Herveo socio. / Qui hec audis, ad hanc vocem te turbari sentio. / Fuge, frater, suspicari, nec sit hec dilectio, / non in mundo, sed in Christo fuit hec dilectio…
Eva lebte lange dorten, mit Hervé, dem Herzensfreund. / Und schon schwankst du, lieber Leser, was dies seltsam Wort wohl meint. / Spar dir den Verdacht, mein Bruder, Liebe könne dies nicht sein. / Sie war nicht von dieser Erden, gründet sich in Gott allein..." (in RoblHilarius)
"Zur Trauerfeier seien viele Mönche, Kanoniker und Nonnen gekommen, wobei mit letzteren niemand anders als die Nonnen von Le Ronceray mit ihren Kanonikern, darunter Hilarius selbst, gemeint gewesen sein kann. Auftraggeber für diese Totenehrung war offensichtlich der trauernde Klausner Herveus persönlich gewesen. Herveus überlebte übrigens, wie sich weiter unten noch erweisen wird, seine Eva um lange Jahre." (Alles in bzw. nach Robl/Hilarius)
Mit rund 30 Jahren übernimmt ein Hilarius als einer von insgesamt drei Kanonikern im Auftrag der Äbtissin Tiburgis von Le Ronceray die Außenvertretung der Abtei.
"Daneben scheint Hilarius auch einzelne Nonnen in der Dichtkunst unterrichtet zu haben. Zumindest fordert er die Nonnen Bona und Superba sowie seine Äbtissin im Schlusssatz der ihnen gewidmeten Gedichte auf, ihm in „Reim und Metrik“ zu antworten. Das vierte Widmungsgedicht an eine englische Nonne geht über die eben genannten hinaus, denn Hilarius preist in ihm in erotischen Untertönen auch deren körperlichen Vorzüge:
Sei gegrüßt, Du Morgenstern, Stern von einzigartigem Licht! Höchste Zierde deines Stammes und der Erde Englands! Sei gegrüßt, Du Glanz der Mädchen, hochherzige Herrin! Funkelnder Edelstein, leuchtender Stern, reizende Frau...
Mit Leib und Gut unterwerfe er sich ihrem Liebreiz, setzte Hilarius seinen Minnegesang schwärmerisch fort, „um Dich göttliche Gestalt als Herrin zu haben.“ (Robl/Hilarius)
Die weiblichen Adressaten der Gedichte sind offensichtlich einige Nonnen aus Le Ronceray: Carmen 2 wendet sich an eine junge Novizin namens Bona, die Jahrzehnte später, um 1175, als domina Bona in Le Ronceray erscheint. Das Briefgedicht 3 richtet sich an eine Nonne Superba, die 1132 im Geleit der Äbtissin Hildburgis eine Urkunde für Le Ronceray zeichnet. Carmen 4 ist wohl Tiburgis gewidmet. "Er lobt die Äbtissin in höchsten Tönen und bittet sie am Ende um eine dichterische Gegengabe. Dies ist ein Indiz dafür, dass damals die Dichtkunst bei den Nonnen von Angers auf dem Lehrplan stand und sich einer gewissen Beliebtheit erfreute.“ (RoblHilarius)
Erotische Untertöne zwischen Geistlichen unterschiedlicher Grade und belesenen Nonnen andererseits sind keine Seltenheit, aber sie finden nicht im volkssprachlichen Troubadour-Ton statt, sondern im an Ovid und anderen geschulten Latein, so wie auch das Lästermaul der Scholaren und wandernden Magister in allerdings derberem Latein auftritt, also der Sprache weniger "Insider".
Marien
Die unverfänglichste Form der Erotisierung (imaginierter) Frauen entsteht langsam sich einschleichend mit der Marien-Verehrung.
Die Muttergottes Maria ist eine besondere Sache. Abgesehen davon, dass es biologischer Unfug ist, von einer Jungfrau zu sprechen, die ein Kind gebärt, gibt es auch kaum evangelische Hinweise auf eine jungfräuliche Gottes-Gebärerin. Aber im zweiten Jahrhundert drängen bereits kirchliche Kreise darauf, die Virginität dieser Maria festzuschreiben. Wie denn auch soll ein von zwei Menschen im Koitus hergestellter Mensch ein Sohn Gottes sein. Andererseits ist aber Insemination durch ein geschlechtsloses Geistwesen eigentlich auch nicht möglich. Die Antwort kann nur in der behaupteten Allmacht Gottes bestehen, dem nichts unmöglich ist.
Maria als Muttergottes gehört nicht zur göttlichen Dreifaltigkeit, andererseits ist sie als jungfräuliche Gottesmutter auch nicht irgendeine der Heiligen, die auf Erden nichts anderes als Menschen waren.
Der Aufstieg Marias und nach ihr Maria Magdalenas in den christlichen Pantheon mit der zukünftigen Implikation stärkerer Innigkeit liegt noch in den Anfängen, und dort, wo die Gottesmutter deutlicher auftaucht, wird sie noch eine Weile eher als thronende Herrscherin dargestellt, die ebenso frontal zum Betrachter schaut wie das Kind auf ihrem Schoß, ohne Kontakt zu ihr, in seinen Posen den zukünftigen Herrscher und Triumphator ahnen lassend.
Wie diese merkwürdige Vorstellung bis ins frühe Mittelalter aufgenommen wurde, lässt sich kaum noch feststellen. In diesem tauchen dann aber vermehrt Muttergottes-Statuen auf, neben dem gekreuzigten Jesus noch seltene Freiplastiken. Sitzende derbe, kräftig-gedrungen gebaute und wohl in der Regel bemalte Frauengestalten halten dabei ein Jesuskind auf dem Schoß. Oft sind sie das einzige oder wenigstens zentrale Kultbild in der Kirche, manche gelten als wundertätig und ziehen Pilger an.
Bei Thietmar von Merseburg taucht solche Marienfrömmigkeit bereits für die Zeit um 1000 auf:
Nach dem Heimgang der Herrin (domne) entschied sich ihr seliger Gefährte (felix comes: Graf Arnfried), das Leben eines Mönches nach einer möglichst strengen Regel auf sich zu nehmen; nicht, dass ihn irdische Beschwernisse dazu gebracht hätten, sondern er beschritt ganz bewusst den Pfad der Tugend (…). Er reiste zur Marienkapelle nach Aachen et mundi domnam exoravit (und betete zur Herrin der Welt). Er muss aber dann erst einmal Bischof werden. Als die Augen im Alter nachließen, wurde er Mönch. Er sorgte täglich eigenhändig für 72 Arme. (...) Er gründet ein Kloster, gibt alles den Armen. Liebevoll ließ er Futterhäuser für die Vögel in die Bäume setzen. Unter seiner Kutte trug er ständig ein härenes Hemd. Im Sterben vertraute er ganz auf die Fürbitte (intercessio) der Gottesgebärerin, der er sich und die Seinen geweiht hatte (dederat, IV,35/36).
Deutlich wird diese Vorstellung einer thronend herrschenden Maria dann in der Widmung des Speyerer salischen Domes an sie. In einem Evangeliar für „seinen“ Speyrer Dom lässt sich Heinrich III. zusammen mit der Gemahlin Agnes vor der thronenden Gottesmutter abbilden. Sie soll ihnen als Gebärerin Christi einen Thronfolger schenken. Dazu heißt es:
Oh Königin des Himmels, weise mich König nicht zurück. Durch die Überreichung dieser Gabe (des kostbaren Buches) vertraue ich mich, den Vater mit der Mutter und insbesondere die, mit der ich in Liebe zum Nachkommen verbunden bin, dir an. Mögest du allzeit eine huldreiche Helferin sein.
Später kommt dazu Heinrichs IV. Anrufung von ihr immer wieder und insbesondere 1080 in seiner Auseinandersetzung mit Gregor VII. und dem Gegenkönig. Mit Maria tritt in den Pantheon/Himmel des dreigestaltigen Gottes auf Augenhöhe mit dem König Christus dessen "Mutter", heilig eigentlich nur durch die göttliche Insemination, die ihr Hymen intakt ließ.
Augenhöhe stellt der Sohn dar, indem er ihr eine Krone aufsetzt, wie er sie selbst trägt. In den nächsten Jahrhunderten werden malerische Darstellungen dieses Krönungsaktes immer mehr christliche
Kirchen zieren und bei denen, die ihr geweiht sind, Christus vom Hauptaltar verdrängen.
Als regina ist Maria inzwischen dem rex Christus gleichgestellt und mit ähnlicher göttlicher Macht ausgestattet, ein eigenartiges theologisches Phänomen. Zugleich sind Mutter und Sohn als Königspaar dem irdischen im Titel gleichgestellt. Aber Maria bleibt zusammen mit Christus vorläufig noch „Herrin“. Das wird sich dann im 12. Jahrhundert ändern, in dem immer mehr Kirchen ihr geweiht werden, insbesondere ausnahmslos die der Zisterzienser. Nun gibt es auch eine erhebliche Zunahme von Frauenklöstern.
Die Maria des Lukas aus Magdala wiederum war eine Frau, „von der waren sieben Dämonen ausgefahren.“ Sie hatte also sieben Lastern gedient, war wohl eine Prostiuierte und folgte nun aber Jesus aus Liebe nach Jerusalem und ist am Ende die, die seinen Leichnam nach dem Sabbat mit parfümierten Ölen einbalsamieren möchte. Sie begegnet einem von ihr für einen Gärtner gehaltenen Mann (noli me tangere), entdeckt in ihm den Auferstandenen und verkündet das den „Jüngern“.
Eine zweite Maria war vielleicht eine Hure im Haus eines Pharisäers (ebenfalls bei Lukas), die spontan vor ihm niederkniete, ihm die Füße salbte und von Jesus darauf in den Stand der Reinheit erhoben wurde: „Ihr sind viele Sünden vergeben, denn sie hat mich sehr geliebt.“
Eine dritte Maria erleben wir bei Markus und Matthäus in einem Haus in Bethanien: Auch diese Frau nimmt spontan ein Glas mit „Nardenöl“ und gießt es auf Jesu Haupt. Laut Johannes heißt auch diese Frau Maria und ist die Schwester von Martha und Lazarus. Bei Lukas sitzt sie gerne zu Füßen Jesu und lauscht seinen Worten.
Aus diesen drei Frauen macht Papst Gregor der Große eine einzige, der Einfachheit halber, und das wird dann zur mittelalterlichen Tradition. Es lässt sich verfolgen, was mit der fusionierten Maria Magdalena bis ins Zeitalter der Säkularisierungen geschieht. Eine Spur führt ins 6. Jahrhundert nach Ephesus, wo die griechische Christenheit eine Magdalenische Maria verehrt, deren Begräbnisstätte man dort "entdeckt", und deren Verehrung dann über England zu Beginn des Hochmittelalters anfängt, die lateinische Christenheit zu durchdringen, wo sie wieder in fusionierter Form auftritt.
Diese Maria Magdalena wird nun immer stärker von der Sünderin zur Büßerin. Die deutlichere Erotisierung beider wird noch bis in die nächsten Jahrhunderte auf sich warten lassen, aber bei den Magdalenen-Gestalten ist mit dem Büßertum ein eigenartiger Reflex auf die geschlechtliche Körperlichkeit vorhanden, der sich in der Eremiten-Bewegung und radikal asketischen Verbindungen von Eremitage und Kloster niederschlägt.
Im Zuge der Klosterreform, die im burgundischen Cluny beginnt und der Kirchenreform, wie sie ab Mitte des 11. Jahrhunderts vom Lateranpalast ausstrahlt, und deren Ziel die Beendigung des unchristlichen Lotterlebens von Mönchen und Weltgeistlichkeit ist, wird Maria Magdalena neu endeckt. Nur wird sie nun von einer Liebenden fast zur Gänze in eine Büßerin verwandelt, die sie an keiner Stelle der Evangelien war.
Die obigen hochmittelalterlichen Reformen wollen eine konsequente sexuelle Askese von Mönchen und Klerus durchsetzen, wobei letztere erst jetzt in einem etwa 80 Jahre dauernden Kampf der Reformer gegen die Priesterschaft deren Ehelosigkeit wenigstens teilweise durchsetzen, was ihre Frauen und Lebensgefährtinnen in Abgründe sozialer Not stößt, sind sie doch nun Huren, „meretrices“ geworden, sozusagen Magdalenen neuen Typs. So manche wurde es in ihrer Not darauf auch wirklich.
Parallel dazu wird nun langsam die Pflicht zur christlichen Eheschließung durchgesetzt – zunächst an der Kirchenpforte, damit die Erlaubnis zur letztlich doch sündigen Lust, die die Eheschließung in den Augen der Reformkirche darstellt, nicht die heiligen Hallen beschmutzt. Zugleich wird die Unauflöslichkeit dieser Ehe von nun an vehement betrieben, weshalb die Flucht von Frauen dort, wo die Behandlung durch den Ehemann vollends unerträglich war, fast nur noch in jene neuartigen klösterlichen Gemeinschaften möglich ist, in die nun auch die von der Kirche verstoßenen Frauen der Geistlichen flüchten. Am besten erforscht ist in dieser Beziehung das Kloster, welches Robert d'Arbrissel in Fontevrault gründet. Ihm wurde vorgeworfen, jede Menge „Huren“ in seine Gemeinschaft aufzunehmen.
Im Zuge dieser Entwicklung, zu der parallel sich dann eine "frauenfreundlichere" an den Höfen der Laien breitmachte (Trobadors, Minnesänger, Dichter von christlich beeinflussten Ritterepen, Autoren von Kompendien höfischer, also höflicher Liebe), gelingt es dann auch, „Maria Magdalena“ nicht als Liebender, sondern als büßender, kniender Sünderin eine Heimstatt im lateinischen Abendland zu verschaffen.
In Konkurrenz zur Legende, die sie nach Ephesus verbrachte, landet sie nun laut der 'Legenda aurea' mit der Maria des Kleophas, Martha von Bethanien und Lazarus von Juden auf einem segellosen Schiff ausgesetzt, in dem französischen Fischerdorf Saintes-Maries (de-la-Mer) bei Marseille und nach Aix-en-Provence und missioniert dann in der Provence. Die letzten 30 Jahre ihres Lebens soll Maria Magdalena als Einsiedlerin in einer Höhle im Massif de la Sainte-Baume verbracht haben. Verehrt wird dort auch eine Dienerin, die mit den drei Marien gekommen sein soll, die schwarze Sarah, die eine Patronin der Roma und Sinti wird. In Aix wird ihr schließlich ein Mausoleum errichtet, welches (sic!) Frauen nicht betreten und dadurch entweihen dürfen.
Als man in Vézelay Mitte des 12. Jahrhunderts an einem durch Pilgergaben ohnehin schon reich beschenkten Ausgangspunkt des Jakobsweges entdeckt, dass dort die wirkliche Begräbnisstätte der Magdalena sei, weil dort immer mehr Wunder geschehen, muss man nur noch erforschen, wie sie dorthin gelangt sein könnte (man hatte sie vor einem Sarazenenangriff aus Aix gerettet), und dann ihre sterblichen Überreste dort entdecken.
Erfundene Geschichten erfreuen die Menschen auch heute noch, und wirksam sind sie auch heute für fast alle nur, wenn wenigstens während der Lektüre oder Betrachtung vergessen wird, dass sie erfunden wurden. Nicht das ist von Bedeutung, sondern die Wandlung, die vom evangelischen hin zum neuen Frauenbild erfolgt. Magdalena kniet nicht mehr wie die Liebende vor dem Geliebten, sondern wie die hochmittelalterliche Braut vor dem Bräutigam, der nun ihr Herr werden soll, wie der Vasall, der sich in die Mannschaft seines Herrn begibt, wie der Mönch bei der Ableistung seines Gelübdes. Sie ist keine mit Gefühls- und Triebanarchie drohende Isolde und keine schwer bezwingbare Brünhilde mehr, sondern eine schwache Magd Gottes.
Während sie gehorsam dienen soll, wird sie zugleich an den Höfen des Poitou, Aquitaniens und der Provence nun zur „Herrin“, welcher der sie verehrende Mann „dient“. In vollkommener Umkehrung der christlichen Doktrin, und ihr dennoch soweit verhaftet, kultiviert eine privilegierte Laienschar an diesen Höfen nun das Leiden an der sich als „Dame“ verweigernden Frau und übt sich – wie es umgekehrt die Magdalenen sollten – am Leiden im Verzicht.
Auf diese Weise entstehen zwei höchst eigenartige Formen abendländischer Liebesrhetorik, beide sehr sublim, beide auf dem Weg zu jener enormen Inbrunst, die in den ekstatischen Verzückungen des Barock und dann im 18. Jahrhundert in einer ersten Blütezeit literarischer und bildlicher Pornographie enden werden, beides dann unter dem Ladentisch, aber bereits mit enormen Auflagen.
Intellekt
Die Situation, was alleine schon Literalität und Belesenheit angeht, war im romanischen Raum teilweise etwas besser als im germanischen, wenn auch nur in jenen Städten, in denen eine gewisse Kontinuität durch die Jahrhunderte gewährleistet ist. Das alles ändert sich mit der Verwandlung der Städte mit ihrem neuartigen Bürgertum. Aber nicht dieses, sondern Einzelne im Klerus und insbesondere unter den Mönchen betreiben im 11. Jahrhundert eine Wende, die sich zunächst eines Zusammenhangs mit den bürgerlichen Veränderungen hinein in einen neuartigen Kapitalismus nicht bewusst ist.
Für die wenigen, die lesen und schreiben können sollen, war aus der Antike der Unterricht in dem grundlegenden Trivium aus Grammatik, Rhetorik und Dialektik übernommen worden, letztlich eine gehobene Unterweisung in der lateinischen Sprache auch anhand antik-römischer Vorbilder. Für noch viel weniger Menschen gab es dann noch das Quadrivium, welches die Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie umfasste. Dass die Musik zu dem mathematischen „Stoff“ dazugehört, sagt einiges über die Besonderheiten, in denen sich kunstvollere Musik im Abendland entwickeln wird.
Grammatik betrifft die Lese- und Schreibkunst in lateinischer Sprache, der zunächst einzigen Schriftsprache und des universalen Kommunikationsmittels im westlichen und dann auch mittleren Abendland. Die Dialektik als Kunst überzeugender Gesprächsführung und des eigenen Nachdenkens beinhaltet die Elemente einer zwingenden Argumentation und bedarf der Logik, der zwingenden Schlussfolgerungen. Dabei kommt es auch auf klare Begrifflichkeit an. Die Rhetorik, die sich aus dem antik-griechischen Sprechen vor Gericht entwickelt hatte, ist die Übersetzung von Grammatik und Dialektik in die öffentliche Praxis, als ars dictaminis auch in den kunstvollen Text..
Wichtig wahrzunehmen scheint mir, dass Interesse und Begabungen in diesen Bereichen selten sind und bleiben werden.
Prägend für die Zukunft der nächsten Jahrhunderte des Mittelalters wird, dass das Lateinische die Sprache aller Fachgebiete ist. Dabei wird das Denken in ihren spezifischen Strukturen eingeübt, die sich aus der antiken Zivilisation entwickelt hatten. Entsprechend werden alleine für die Welt des aus der Mittelmeer-Antike übernommenen Denkens in Sprachen wie dem Deutschen mit seinen Dialekten immer wieder Übernahmen aus dem Lateinischen nötig. Dadurch werden, um beim deutschen Beispiel zu bleiben, immer mehr Wörter für die, die ihre fremden Wurzeln nicht kennen, zu relativ beliebigen Worthülsen. Die Kirche, zunächst wichtigster Verbreiter von Ideologie, nutzt dieses Phänomen von Anfang an - schon im Zuge der Christianisierung, und heute tut das die Politik.
Einen wichtigen Anschub leistet die Kirchenreform der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts. In den daraus resultierenden Konflikten spielt das Argumentieren eine immer wichtigere Rolle, da Probleme immer häufiger als Rechtsfragen verstanden werden, in die Machtfragen eingekleidet werden. Leute wie Ivo von Chartres demonstrieren, wie man vermittels Durchdenken zu Problemlösungen kommen kann. Das aber muss erlernt und geübt werden. Und so schreibt schon Papst Gregor VII. jeder Kathedrale vor, eine Schule zu unterhalten.
Wichtiger noch ist wohl das, was in den Auseinandersetzungen über eine neue Ausrichtung des Klerus diesen stärker aus den weltlichen Strukturen absondern soll, und sein Denken zumindest soweit aus diesen Machtstrukturen befreien kann. Schließlich ist die Reformbewegung des 11. Jahrhunderts im kirchlichen Raum ein Traditionsbruch. Ausdrücklich nicht um conventiones, sondern um veritas geht es Gregor VII. Und dieser Bruch wirkt in die entstehende neue Gelehrsamkeit hinein, die nach und nach beginnt, den nachbiblischen Autoritäten nicht mehr blind zu glauben, sondern sie im Zusammenhang mit den von Gott verkündeten "Wahrheiten" vernunftgemäß zu verstehen. Ewige Wahrheiten werden nun ansatzweise dem kritischen Nachvollzug ausgesetzt, ohne allerdings bezweifelt zu werden. Wissen vermehrt und verändert sich dabei.
Damit verlieren die Klosterschulen an Bedeutung, der Unterricht geht mehr und mehr an Kathedralschulen über. In Westfranzien ist das zunächst die alte Königsstadt Laon mit der Bibelauslegung von Magister Anselm, der seit etwa 1080 Leiter der dortigen Schule ist. Indem er neben die wichtigste heilige Schrift einen Kommentar aus Zitaten legt, der auf bisherigen Bibelauslegungen der Kirchenväter basiert, entsteht das Fundament für eine in sich geschlossenere Ausarbeitung einer Theologie.
Neben den an Kathedralen und Kathedralstädte gebundenen Schulen gibt es auch weiter den Privatlehrer für den einzelnen Schüler. Guibert von Nogent meint zu ihnen für die Mitte des 11. Jahrhunderts:
Es gab solch eine Knappheit an Grammatikern, das in den Kleinstädten (oppida) kaum einer, und in den größeren Städten nur sehr wenige gefunden werden konnten, und die, die man entdeckte, hatten nur geringe Kenntnisse und konnten nicht mit den herumwandernden Klerikern (clericulis vagantibus) heute verglichen werden. (De vita sua, I,4)
Dann beschreibt er, wie ihm seine verwitwete Mutter einen armen, spät und wohl wenig gebildeten Lehrer ins Haus holt, der ihn vom sechsten bis zwölften Lebensjahr im Esszimmer erzieht und unterrichtet.
In allem musste ich Selbstkontrolle in Worten, Auftreten und Handeln zeigen (…) Während andere meines Alters nach eigenem Gutdünken herumliefen, und nicht beim Nachgehen der ihrem Alter angemessenen Neigungen unterdrückt wurden (…I,V), muss er drin sitzen und lernen.
Dabei findet das statt, was bis ins zwanzigste Jahrhundert so häufig Erziehung ausmachen wird, nämlich die Verbindung von regelmäßiger Prügel und einer Bindung zwischen Erzieher/Lehrer und Zögling, die immer wieder als Liebe (amor) bezeichnet wird, bei Guibert als amor saevus.
Während Kulte daneben eher geistige Freiräume zulassen, tendieren Religionen mit ihrem Offenbarungs-Charakter zur unduldsamen Indoktrination. Sich aus dieser zu befreien, wird bis ins 19./20. Jahrhundert dauern, und der Weg dahin wird der in Wissenschaftlichkeit sein, also in überprüfbare Erfahrung.
Das Problem ist auch ein psychologisches: In Zivilisationen mit ihren Unterdrückungs-Strukturen scheint für die meisten Menschen Nichtwissen unerträglich zu sein, und Wissen ist ohnehin notgedrungen immer gering im Unterschied zu dem, was der Einzelne nicht weiß. Unter psychischem Druck werden die Lücken des Nichtwissens durch den Glauben gefüllt, religiösen im Mittelalter, politischen heute. Und da Glauben eigentlich als Nichtwissen etwas sehr schwaches ist, wird er emotional verstärkt.
Das Absolvieren kultischer Handlungen ohne sonderliches Lehrgebäude enthält so die Chance größerer gedanklicher Freiräume, während ausführlicher Glaube welcher Art auch immer zu Meinungsdiktatur tendiert und zu Hass auf abweichende Minderheiten im anscheinenden Genuss von mehr Selbständigkeit.
Der lange Weg aus der Enge, die in die Kirchenreform führt, ist aber auch der in die Öffnung, welche diese mit ihrer stärkeren Trennung in geistliche und weltliche Sphäre bietet. Als städtisches Phänomen wird diese Öffnung in die Entstehungs-Prozesse von Kapitalismus eingebunden.
Die neuen Meister(denker), Magister, stammen wohl oft aus den Kreisen jüngerer Söhne kleiner Adeliger oder sind illegitime Söhne von Klerikern. (Moore, S.181). Ihnen eröffnet sich so ein neuer Karriereweg, und sie werden dann von Kirche, Kloster und weltlichen Ansätzen von Verwaltung nachgefragt werden.
Für die neue Gelehrsamkeit tun sich dabei zwei Wege auf: Entweder man nimmt an, dass Glaubensinhalte in antiker augustinischer Tradition und der des Boethius ihrem Wesen nach nicht unvernünftig sind, und darum der Vernunft durch Nachdenken über Methode und Inhalte des Zugangs offen stehen, oder aber man geht davon aus, dass der Kern der Inhalte des Glaubens nur jenem Glauben zugänglich ist, der nach Augustinus göttlicher Gnade entspringt. Beide Positionen ignorieren fast alle Menschen als die Dummen und Ohnmächtigen oder die dem Heil nicht Zugänglichen, deren Lebenssinn nur darin zu bestehen hat, den Reichtum der ganz Wenigen zu erarbeiten, die also fast ganz Körper zu sein haben, während die Gelehrsamkeit fast ganz Kopf, also Gehirn wird, Kopf, der sich mit Kopfgeburten beschäftigt.
Der Neubeginn von Philosophie und Wissenschaften wird so allemal mit seinen Türmen aus Elfenbein wesentlicher Beitrag dazu sein, dass unter den Bedingungen von Kapitalismus hochgradig abgeschottete Bereiche entstehen, die sich untereinander nicht mehr kennen, auch wenn sie im eher seltenen Einzelfall den Übergang von einem zum anderen erlauben werden. Wenn dann im 18. Jahrhundert im Deutschen ein Bildungs-Begriff auftaucht, der Zusammenhänge durch Vielseitigkeit herstellen möchte, ist es längst zu spät.
Wesentliche Grundlage werden frühe Ansätze von Skepsis. 1013 besucht der eher etwas skeptische Bernhard von Angers Conques mit dem Kloster der heiligen Fides und schreibt in dem 'Liber miraculorum sancte Fidis' Wunderberichte auf:
Teils deswegen, weil die Kunde von diesen Wundern, so scheint es, nur auf Geschichten beruht, die im Volk umgehen, teils auch, weil die Berichte nach allgemeiner Meinung der Tradition und der Erfahrung widersprechen, haben wir ihnen keinen Glauben geschenkt und ihnen keinen wirklichen Wert zugemessen. (So an Fulbert von Chartres, in: Moore, S.53)
Langsam gibt es zudem durch den Zugang zu neuen Texten einen neuen Zugang zu Aristoteles. Einen Einstieg dahin bekommt, wer am normannischen Kloster Le Bec unter dem Pavesen Lanfranc Unterricht nimmt, der, aus begütertem Haus in Pavia stammend, in jüngeren Jahren noch als Magister in Westfranzien umher zieht und an verschiedenen Orten als dialecticus Schüler annimmt, die wiederum seinen gelehrten Ruf verbreiten. Zum Ruhm des Lehrers gehört aber nicht nur die mündliche Verbreitung, sondern auch das Verfassen von Texten, die durch Kopieren mehr Leser über weite Räume finden.
Auf dieser Basis verkündet in der zweiten Häfte des 11. Jahrhunderts der aus Aosta in Oberitalien stammende adelige Mönch Anselm von Canterbury, der im Kloster Bec in der Normandie bei seinem Landsmann Lanfranc studiert hatte, dass der christliche Glaube geradezu dazu einladen würde, ihn mit den Mitteln der Vernunft zu erklären, so dass man ihn gegenüber denen, denen er (noch) fehlte, auch argumentativ vertreten könne.
Es geht um Philosophieren also, um das Handwerkzeug dafür in die Hand zu bekommen, sogar zu Gott finden zu können, ohne zuvor zu glauben. Dabei „wurden die Vorgänge des Begreifens, Verstehens, Glaubens selbst zum Gegenstand des Nachdenkens.“ (KellerBegrenzung, S.299) Glauben ist nun nicht mehr blind, wie an sich von der Kirche für fast alle ihr Unterworfenen gefordert, sondern kann stärker mit Erkenntnis verbunden werden. Als Abt von Bec mit seinen 120 Schülern beginnt Anselm das, was man später Scholastik nennen wird, die Untersuchung von Begriffen und Gedanken mittels einer Beweisführung und über logische Schlüsse. Dabei verzichtet er auf das Belegen seiner Gedankengänge durch kirchliche Autoritäten.
Soweit lässt sich das damals noch gut mit der Laufbahn eines Mönches vereinbaren, der dann Prior und Abt wird, um als Erzbischof von Canterbury und Heiliger zu enden. So kann Anselm noch schreiben:
Ich strebe nicht, o Herr, in deine Höhe vorzudringen, weil ihr mein Verstand niemals gewachsen ist; aber es verlangt mich danach, ein Stück weit Deine Wahrheit zu verstehen, die mein Herz glaubt und liebt. Ich suche nämlich nicht zu verstehen, um zu glauben, sondern ich glaube, um zu verstehen. Denn auch das glaube ich: Wenn ich nicht glauben würde, könnte ich nicht verstehen. (in KellerBegrenzung, S.312)
Daneben bleibt aber in den Gebeten und Meditationen eine zunehmend inniger werdende Beziehung zu Gott: Es deuten sich die ersten Anfänge einer späteren Trennung von Philosophie/Theologie und jener Frömmigkeit an, die manchmal als persönliche Religion bezeichnet wird.
Dieser stärkere Zugang der Vernunft zur Theologie gipfelt bei Anselm in einem sogenannten Gottesbeweis, also einem logisch vermittelten Beweis der Existenz Gottes. Anselm wird es mit der Substantivierung des nicht Substantiellen, von Eigenschaften und Vorgängen möglich, einen Gott zu denken, der, als Superlativ gedacht, das Eine Einzige, das beste Gute, die unumstößliche Wahrheit oder das Größte überhaupt ist. Dabei wird für Anselm von Canterbury der denkbare Gott zu etwas notwendig zu Denkendem, weil man nichts über ihn hinaus denken kann: Denken und Glauben verschmelzen so in einer sich verselbständigenden Vernunft, die sich ihre eigenen Gegenstände schafft. Joachim Ehlers formuliert für Anselm: "Weil Gott in meinem Denken existiert, existiert er (…) notwendigerweise und ist als nicht-existent undenkbar." (In EhlersOtto, S.103)
Der Einfluss Anselms auf die wenigen Belesenen seiner Zeit ist enorm, auch wenn sie bald danach suchen, über die von ihm selbst gesetzten Grenzen hinaus zu gelangen. Und der wichtigste unter ihnen wird wohl Abaelard, bald niederer Kleriker, der in Paris erst lernt und dann lehrt.
Bevor dabei im 11. Jahrhundert die ersten Gelehrten zu Häretikern abgestempelt und verurteilt werden, also zu Leuten, die ganz eigene Anschauungen (griechisch: hairesis) zu den zentralen Glaubensartikeln der Kirche entwickeln, beginnen Quellen von nicht gelehrten Laien zu berichten, die anfangen, weniger philosophisch aufgrund schlichteren Vernunft-Gebrauches die schwer glaubhaften kirchlichen Doktrinen auf ein für den Verstand erträglicheres Maß zu reduzieren. Sie greifen dabei manchmal die massive Ablehnung wesentlicher Aspekte des offiziellen Judentums durch den evangelischen Jesus auf und lehnen darum zuweilen sogar die behauptete Kontinuität von altjüdischen zu frühchristlichen Texten ab. Indem sie im Unterschied zur Kirche dadurch die evangelischen Botschaften wesentlich ernster nehmen und zudem die mehr oder weniger diese interpretierend verändernden Texte der Kirchenväter außen vor lassen, werden sie ebenfalls als Bedrohung der Kirche von dieser angesehen. In den Städten beginnt also nicht nur die Denkarbeit der Gelehrten, sondern auch die einiger Leute, die im Unterschied zum Adel keine Macht besitzen, die kirchlich legitimiert ist.
Wie sehr der Versuch, Vernunft und Theologie zusammenzubringen, schon im 11. Jahrhundert zu Konflikten führen kann, belegt Berengar von Tours. Schüler des Bischofs Fulbert von Chartres, wird er um 1030 Kanoniker an Sankt Martin in Tours, dann Leiter der Domschule dort. Zudem ist er zugleich ab 1040 Archidiakon an der Kathedrale von Angers.
Laut ihm macht die Vernunft den Menschen zum Ebenbild Gottes, dem er in ihr nahekommt, und ohne Dialektik und eben damit Vernunft kann er sich dieser Ebenbildlichkeit nicht nähern:
Maximi plane cordis est per omnia ad dialecticam confugere, quia confugere ad eam ad rationem est confugere, quo quid non confugit, cum secundum rationem sit
factus ad imaginem dei, suum honorem reliquit nec potest renovari de die in diem ad imaginem dei. (in: EhlersOtto, S.279). Kurz gesagt: Bei der Dialektik Zuflucht zu nehmen, heißt bei der
ratio Zuflucht zu nehmen.
In Konflikt mit der offiziellen Kirche, der auf mehreren Synoden ausgetragen wird, auf denen seine Ansichten verworfen werden, tritt er am Punkt der Eucharistie, also der in der Kirche seit dem 9. Jahrhundert immer enger formulierten Position, dass dabei Brot und Wein ihrer „Substanz“ nach in Leib und Blut Christi verwandelt werden, was allerdings als Mysterium nicht näher erklärt werden soll. Berengar wendet dagegen ein, dass das mit Aristoteles nicht möglich sei, da die Eigenschaften einer Substanz an diese gebunden seien. Die Präsenz Jesu könne also nur eine symbolische sein, wobei er sich auf frühe christliche Schriften und das Evangelium beruft.
1050 werden seine Ideen auf dem päpstlich geleiteten Konzil von Vercelli verdammt. Er wird mehrmals zum Widerruf gezwungen, den er dann jeweils später wieder zurücknimmt.
Den intellektuellen Konflikt trägt er vor allem mit Lanfranc, dem Abt des Klosters Le Bec aus, gegen den er in den 70er Jahren im 'Rescriptum contra Lanfrancum' seine Eucharistielehre verteidigt. Den Beteiligten ist dabei deutlich, dass die Eucharistie nur ein Beispiel für alle göttlich, d.h. kirchlich verfügten Glaubenswahrheiten ist.
Gelehrter Streit ist aber wie später bei Abaelard in sehr handfeste Machtkonflikte eingebunden. Seine Gegner Papst Leo IX. und König Henri I. sind zugleich Gegner des Grafen Gottfried von Anjou, der wiederum Berengar unteratützt.
Es gibt nun eine über weite Räume ausgetragene intellektuelle Streitkultur , die einigen in ihrer Krisenhaftigkeit durchaus bewusst wird. Der Eingriff der Vernunft in Glaubensinhalte bringt die Kirche zugleich dazu, ihre Vorstellungen immer enger in Dogmen einzuengen.
In diesen Raum gehören auch Ansätze eines Naturbegriffes, der längst nicht mehr nur das Lebendige, sondern die ganze nicht menschengemachte Welt umfasst. Für die Bauern bedeutet er das ihnen Widerständige, gegen das sie mit labor, arebeit und travailler tagtäglich mühselig ankämpfen.
Im Französischen ist labourer zunächst ein etwas neutraleres Wort insbesondere für die Feldarbeit. Die französische Entsprechung für „arbeiten“ wird travailler, es heißt quälen und sich quälen und leitet sich von einem römischen Folterinstrument ab, dem tripalium. Einen positiveren Beigeschmack bekommt dies Wort noch langsamer als die deutsche „Arbeit“.
Arbeit als leidiges Abringen des Existenzminimums von der „Natur“ unter Machtstrukturen, die das nicht erleichtern, macht die „Natur“ zum Feind und die Fest-„Kultur“ zum rettenden Ufer in einem unerquicklichen Meer von Notbewältigung.
Dem entspricht ein Christentum, welches alles tut, um für lebendig angesehene "Natur" zu entsakralisieren und zu diabolisieren, ist diese Welt doch eine des Teufels.
Einer der Ausgangspunkte christlicher Problematik ist dabei der Widerspruch zwischen einer altorientalischen Welt als Gottes Schöpfung und einer "Welt" als Reich des Bösen. 1022 jedenfalls kommt es in Orléans zu einem Häretikerprozess gegen Lehrer, deren Einsatz des Wortes Natur verdächtig geworden ist. Andererseits ist die zur selben Zeit in Teilen Europas einsetzende Häresie, die später unter dem Namen Katharer zusammengefasst wird, in ihrem radikalen Vergeistigungsbestreben als Leibfeindlichkeit die genaue Gegenbewegung, für das Kompromiss-Christentum der Kirche sogar gefährlicher, weil es hier nicht nur um wenige Gelehrte geht.
Aber das Ganze wird für die Beleseneren und Nachdenklicheren langsam schwieriger. Da Pflanzen und Tiere von Gott geschaffen sind, wie der judäochristliche Mythos sagt, und nicht an der ererbten Schuldhaftigkeit der Menschen teilhaben, sind sie eigentlich frei von dem Einfluss teuflischer Mächte.
Noch schwieriger wird es, wenn die Natur aus antiker Tradition heraus eine natura operans ist, das heißt, sich selbst hervorbringt, wie es im 12. Jahrhundert manchmal heißt.
Andererseits: Mit dem nun einsetzenden Ausrotten von Nahrungskonkurrenten in der Tierwelt und von jenen großen Raubtieren, die des Menschen Feind sein konnten, erweitert sich ein flächendeckender Krieg gegen alles Leben, welches nicht durch Zähmung und Veränderung nutzbar ist.
Medizin
Die Menschen des 11. Jahrhunderts wissen wie alle wissenschaftslose Erfahrungsmedizin kaum etwas über die inneren Vorgänge im Menschen, die als körperliche nicht dem offiziellen Interesse der Kirche unterliegen können. Auf spekulativem Wege sind Philosophen dabei, sich langsam Vorstellungen vom Wasserkreislauf in der Natur und vom Blutkreislauf im Menschen anzunähern. Allerdings gelingt es im arabischen Raum erst im 14. und im christlich-abendländischen im 16./17. Jahrhundert, eine korrekte Vorstellung davon zu entwickeln.
Schon das antike Griechenland begann in seinem Philosophieren mit einer von Sprache nahegelegten begrifflichen Zergliederung der Welt als Natur in nicht mehr zerlegbare Teile, die Atome. Daneben wurde sie in vier Elemente aufgeschlüsselt, Erde, Feuer, Wasser und Luft. Ähnlich wie die Körpersäfte der Humoraltheorie des menschlichen Körpers tauchen solche Vorstellungen im 11. Jahrhundert wieder als Grundlagen des Denkens auf. Und nicht nur in der Medizin, sondern auch in der philosophierenden Betrachtung des Menschen werden sie im 12. Jahrhundert dann eine zunehmende Rolle spielen..
Religiös heißt das, zwischen dem unwandelbaren und einfachen und eben darum dem Denken attraktiven Gott und der sich ständig wandelnden Welt zu unterscheiden. Ihre Unstetigkeit wird nun mit den im Widerstreit stehenden Elementen erklärt, bei Otto von Freising kann es das Auf und Ab von Herrschern und Reichen erklären, eine eben am Ende immer dem Leiden verfallene Welt.
Die Natur, zu der der Leib des Menschen gehört, gilt es nach offizieller Doktrin zu bezwingen, alles andere ist Sünde. Aber an zwei Stellen fängt sie an, wieder zu positiverer Aufmerksamkeit zu finden, einmal bei jenen "Philosophen", die sich ihr sehr abstrakt und mit Vernunftgründen zuwenden, und empirisch und praktisch in der Medizin (siehe auch Großkapitel 'Intellekt 1').
Zunächst einmal entwickelt sich die Medizin über die Tradierung und Neuentdeckung antiker Schriften, was aber auch Schaden anrichtet, weil sich mit ihren Mitteln jene Privilegierung von Ärzten einer damals auch fatalen Schulmedizin durchsetzen lässt, welches sich gegen die jeweils heimische Erfahrungsmedizin (besonders auch von Frauen) wendet. Schaden richten auch das kirchliche Sektionsverbot an, welches erst durch das Aufkommen von Wundärzten kompensiert werden kann, und die kirchliche Propagierung von spezifisch christlicher Schamhaftigkeit.
In der Humorallehre wiederum werden Krankheiten als Unausgeglichenheit der Körpersäfte beschrieben, die allerdings im Unterschied zur Welt als Ganzer medizinisch behandelt werden kann, während eine konflikt-durchzogene (Menschen)Welt nur durch die Wiederkehr Gottes und ihr Ende geheilt werden wird.
Überhaupt spielt die Medizin dort, wo sie überhaupt noch auf antiken Wurzeln beruht wie in Salerno, eine Sonderrolle. Wo Verletzungen, Schmerzen und Krankheiten auftauchen, darf sie Freiräume einnehmen, die Religion und insbesondere Theologie in den Hintergrund drängen. Von Theologen, Philosophen und Juristen weiter (mit Ausnahme des Wilhelm von Conches) als Wissenschaft nicht ernst genommen bzw. ausgegrenzt, übt sie eher durch die Hintertür doch zunehmend mit ihrem spezifischen Bild von der Funktion der Bestandteile des menschlichen Körpers Einfluss aus.
Schon im 9. Jahrhundert scheint Salerno samt amalfitanischen Ärzten ein Zentrum medizinischer Forschung und Praxis gewesen zu sein. Wer es sich leisten kann, scheint im 10. Jahrhundert dorthin gereist zu sein, um sich heilen zu lassen. Sogar Operationen an der Harnblase sind offenbar vorgenommen worden.
Im 11. Jahrhundert gewinnt die Medizin durch Übersetzungen aus dem Griechischen und auch über den Umweg des Arabischen dann wieder stärkeren Anschluss an ihre antiken Wurzeln (Hippokrates und Galen vor allem).
In Salerno, etwas südlich von Neapel, war etwas von antiker Medizin erhalten geblieben und wird unter dem Einfluss des nahen groß"arabischen" Raumes weiterentwickelt. Medizin ist hier eher eine Wissenschaft, in der Erfahrung und das neugierige Forschen naheliegen.
Der um 1015 in Ifriquiya als Muslim geborene Constantin Africanus, ein Kräuter- und Gewürzhändler sowie Arzt, der den ganzen Mittelmeerraum und Teile Asiens bereist, kommt mit sechzig Jahren nach Kampanien, wo er sich erst in Salerno niederlässt und vermutlich erheblichen Einfluss ausübt. Er wird Christ, tritt am Ende als Laienbruder ins Kloster Montecassino ein und wird vom Bischof von Salerno wie vom Abt Desiderius von Montecassino gefördert. Im Auftrag von Robert Guiskard in Salerno und im Kontakt mit dem Kloster Monte Cassino und mit dem belesenen Bischof Alfanus von Salerno übersetzt er u.a. medizinische Handbücher aus dem Arabischen ins Lateinische.Dabei scheint er sich auch als Autor eigener Werke hervorgetan zu haben.
Im Verlauf des 11. Jahrhunderts hat sich offenbar in Salerno, nicht allzu weit von der islamischen Welt entfernt, ein regelrechter medizinischer Schulbetrieb ausgebildet zu haben, wobei auch Wert auf Ernährung und Hygiene (im heutigen Wortsinn) geachtet wird.
Bevor die Frauen im lateinisch-christlichen Abendland ganz aus der Medizin vertrieben werden, taucht hier Anfang des 12. Jahrhunderts mit einer sonst unbekannten Trota/Trocta eine Medizinerin auf, die sich mit Geburtshilfe, Empfängnisverhütung und Geschlechtskrankheiten befasst und dabei empirisches Wissen einbringt. Von ihr ist (wohl) aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts ein Text über Frauenheilkunde überliefert, der belegt, dass auch Frauen in diesem Zusammenhang auftreten. Aber, während der männliche Anteil an der Fortpflanzung in groben Zügen offenkundig ist, sind die versteckten Vorgänge in der Frau weithin unbekannt.
Erst 1180 entsteht in Montpellier eine medizinische Hochschule, wobei ein Teil der Lehrer aus Salerno kommt, einige weitere sind jüdische Ärzte aus Spanien.
Aber empirische Medizin, die sich in Richtung Wissenschaftlichkeit bewegt, wird es neben der ideologisch-spekulativ fundierten noch lange schwer haben. Damit wird die Natur des Menschen, auf seiner Körperlichkeit beruhend, zwar jedem Menschen aufgrund seiner Erfahrung mit ihr persönlich bekannt sein, dies aber nur oberflächlich und unter den Nebelschwaden von Ideologie, die in Abwandlungen bis heute weiter grassieren.