ANMERKUNGEN 2: ZU SCHWELLENZEIT UND LAND

 

 

Anmerkung 1: Dabei ist immer im Auge zu behalten, dass hier betrachtete Geschichte ein Kontinuum mit kleinen und größeren Bruchstellen bleibt. Dieser Übergang von einer Nachantike zu einem Mittelalter entfaltet sich in verschiedenen Gegenden des lateinischen Abendlandes an der Oberfläche von Macht und Herrschaft etwas unterschiedlich. 

Mit der Schwellenzeit ungefähr des 10. Jahrhunderts im lateinischen Abendland lassen wir als (langes) Mittelalter die Geschichte eines noch frühen Kapitalismus beginnen, weil wir hier die Grundlagen und Rahmenbedingungen für das deutlicher entstehen sehen, was ihn dann später zunehmend ausmachen wird. Man könnte auch stattdessen das 11. Jahrhundert dafür einsetzen, wie das Karl Bosl aus anderen Gründen tat.

Das von Renaissancegelehrten ausgerufene vorzeitige Ende dürften die meisten Menschen überhaupt nicht erlebt haben, vielmehr finden die großen Rupturen im 18. und 19. Jahrhundert statt und mit ihnen endet erst eine bis dahin eher kontinuierliche Entwicklung. Hier wird deshalb die "Neuzeit" des 16. bis 18. Jahrhunderts der gängigen Geschichtsbücher als letzte Phase des Mittelalters zu betrachten sein.

Immerhin: "Weder Arbeitstechniken noch Lebensstandards oder soziale Schichtungen änderten sich grundsätzlich zwischen 1000 und 1800." (Ertl, S.16) Dasselbe betrifft in groben Zügen auch die Grenzen der Herrschaften der großen Potentaten in diesem Raum. Und die Quote der Abgaben an Herrscher bzw. Staat bleibt im ehemals lateinischen Abendland noch länger niedrig, bis sie dann in den immer totalitäreren Staaten der letzten rund 200 Jahren massiv anschwellen. Und erst im späten 18. und oft auch erst im 19. Jahrhundert schwindet die Macht der Kirche über die Köpfe der meisten Menschen deutlicher. Noch kurz vor 1789 besucht König Louis XVI. ein Krankenhaus, um dort Menschen durch diese immer noch beeindruckendes Handauflegen zu heilen. Aber inzwischen hat eine wenn auch winzige Gruppe von Belesenen im nunmehr ehedem lateinischen Abendland einem von der Theologie gelösten Operieren mit Erfahrung und Vernunft zum Durchbruch verholfen, analog zum bald anstehenden Durchbruch des Fabriksystems.

Erst bis zum 18. Jahrhundert findet schließlich jener Verarmungsschub statt, der dann die billige Arbeitskraft für die neuartige Industrialisierung schafft, und erst an seinem Ende (1781) werden in Frankreich die Zünfte abgeschafft und damit das Ende des produktiven Handwerks eingeläutet. Erst seitdem auch werden Bauern "befreit", was wiederum den Ruin der bäuerlichen Landwirtschaft als Grundlage für Industrialisierung einleitet. Dazu dient dann in den Rheinbundstaaten und in Preußen im 19. Jahrhundert die Gewerbefreiheit als grundsätzliche Entfesselung des Kapitals.

Anmerkung 2: Im 10. Jahrhundert befinden sich Skandinavier und Slawen noch weitgehend außerhalb des seit längerem extrem geschrumpften lateinischen Abendlandes. Das nur in geringem Umfang für Landwirtschaft geeignete Skandinavien verleitete schon länger zu Raubzügen und Handel. Die Masse der Menschen sind aber Bauern wie fast überall in Europa, in der Merowingerzeit bereits in anzivilisierte kleine Herrschaften aufgeteilt, wie ein Häuptling im Süden Jütlands, der den Handelsort Ribe gründet.

Zur Zeit der Karolinger entsteht in Dänemark dann eine Art  Königtum, welches aber nach 870 auseinander bricht. Erst die Könige Gorm und Harald ("Blauzahn") errichten es neu und letzterer nutzt ab 865 Konversion und Christianisierung vom Erzbistum Hamburg/Bremen aus für Herrschaftszwecke.

Das Gebiet wird sich dann als eigene Kirchenprovinz Lund verselbständigen. Sein Sohn Svein erobert England und Knut herrscht Anfang des nächsten Jahrhunderts von Norwegen bis England.

Norwegischen Mächtigen gelingt es im 10. Jahrhundert noch nicht, eine zentrale Macht zu etablieren, die sich dann um 1000 mit der Bekehrung von Olaf Trygvasson andeutet. Schwedische Häuptlinge beherrschen die Gegend um (Alt)Uppsala und kontrollieren Birka. Im späten 10. Jahrhundert beginnt dann auch die Christianisierung der Svear, die die Götar besiegen und eine eigene schwedische Reichsbildung versuchen.

 

Die Leute der großen Sprachfamilie der Slawen sind zunächst in kleine Gruppen unter eher schwachen Häuptlingen aufgeteilt, ähnlich wie die Nordgermanen. Im Süden geraten sie unter die Hoheit der Awaren und des Turkvolkes der Bulgaren.

 

Die Waräger, byzantinisch Rus, beginnen als skandinavische Besiedler von Handelsstationen wie Staraya Ladoga und dann Nowgorod. Siedlungen entstehen in der dichten Waldlandschaft im wesentlichen entlang von Flüssen. Im Norden kommt es zu einer Reichsbildung von Nowgorod aus und zur Herausbildung kleinerer Fürstentümer, in denen Skandinavier zusammen mit finno-ugrischen Völkern und Slawen in den Städten zu einem Volk verschmelzen werden.

Nicht nur in Kiew beginnen Rus mit dem Aufbau eines Fürstentums, wobei Ziel die Unterwerfung von Völkerschaften insoweit ist, dass man ihnen Tribute abzwingen kann. Fürst Igor versucht, in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts ein Großreich dieser Rus aufzubauen und scheitert. Seine Witwe Olga (Helga) übernimmt die Aufgabe und tritt zum byzantinischen Christentum über. Sohn Swjatoslaw erweitert das Reich vom Ladogasee bis zum Schwarzen Meer. Halbbruder Wladimir tötet Swjatoslaw und tritt um 988 nun auch zum Christentum oströmischer Machart über. Die Hauptstadt Kiew hat um das Jahr 1000 mehrere tausend Einwohner, große Kirchenbauten, und kann sich mit gleichzeitigen deutschen Städten messen.

 

Weiter westlich schaffen morawische Fürsten ein großmährisches Reich, welches die Ungarn um 900 zerstören, während ein kroatisches Fürstentum länger überlebt. Im Südosten stabilisiert sich ein Bulgarenreich.

Im westlichen Balkanraum mit seiner Weidewirtschaft halten sich noch lange andere Strukturen. Man ist abstammungs-orientierter und streng patrilinear, in Stämmen organisiert. Darum gibt es auch einen wichtigen patrilinear orientierten Ahnenkult.

Die slawische Einwanderung in Osteuropas große Waldgebiete ist durch Brandrodung- und Wirtschaft gekennzeichnet. Als in den fränkischen Gebieten bereits punktuell der Wendepflug Einzug hält, sind im slawischen Raum zunächst noch einfachere Pflugformen üblich.

 

Anmerkung 3: 912-61 schafft es Abdalrahman III., den islamischen Zentralstaat El-Andalus wieder herzustellen. 932 fällt Toledo in seine Hand, aber erst 937 gelingt es, mit Zaragoza das letzte Widerstandsnest einzunehmen.

Dieser Abderrahman beginnt nach Unterwerfung von Al-Andalus sehr erfolgreich mit jährlichen Raub- und Zerstörungszügen in die christlichen Reiche hinein. Immer wenn das Getreide hoch steht oder zur Ernte gereift ist, wird es abgefackelt oder niedergeritten.  Es geht daneben auch darum, Tribute einzutreiben, und es kommt zunächst selten auch zu Beutezügen christlicher Herrscher gegen Al-Andalus.

Die christlichen Reiche geraten unter faktische Oberhoheit und Tribut-Pflichtigkeit von Cordoba.  León 959 unter Sancho I.  Könige von Leon und Navarra wie auch Grafen von Kastilien reisen nach Madinat Al-Zahrá, um dem Kalifen ihre Aufwartung zu machen, oder schicken wenigstens hochrangige Delegationen.

 

Asturien-León gelingt es 939, den Emir wenigstens einmal zu besiegen. Es sind eher unruhige Zeiten für die Halbinsel.

Inzwischen besteht das islamische Heer zum großen Teil aus "Slaven", zu denen auch überhaupt Nordeuropäer gezählt werden. Ein großer Teil der Bevölkerung ist arabisiert und auch islamisiert.

 

Derweil bildet sich eine Grafschaft Aragon heraus, die 924 vorübergehend unter Sanchez García in das Königreich von Pamplona  integriert wird, welches sich zu der Zeit auch Rioja angliedert. Unter García Sanchez (925-71) ist das künftige Navarra mit der neuen Hauptstadt Nájera genauso mächtig wie León.

 

Ähnlich wie in Mitteleuropa breitet sich auch im bald so genannten Katalonien wohl unter fränkischem Einfluss Roggen aus so wie in Asturien und Galizien der Roggen den Dinkel verdrängt, und der Haferanbau nimmt zu.

Die Grafschaft Barcelona kann das Bistum Vic (Vich) wiederherstellen und daneben entstehen die Grafschaften von Urgell und der Cerdanya am Rand des Pyrenäen-Hauptkamms. In die drei teilen sich Söhne des Grafen Wifred, ohne dabei noch auf Weisungen des fränkischen Königs zu warten. 965 werden die Markgafen von Barcelona formell von der Markgrafschaft Toulouse getrennt, bleiben aber zunächst noch in engem Kontakt mit Westfranzien.

 

Während die Abbassiden in Bagdad in interne Konflikte geraten und ihr Einfluss schwindet, steigen neben den Omayaden in Nordafrika die Fatimiden auf, eine Familie, die sich von Alí, dem Vetter von Mohammed, herleitet und von dessen Frau Fatima, der Tochter des Propheten. Sie proklamieren als Machtmittel die Wiederherstellung der Reinheit eines schiitischen Islam als Basis ihrer Herrschaft. 909 nehmen sie Kairouan ein, das heutige Tunis, und begründen dort ihr maghrebinisches Kalifat. Als sie dann in Marokko in gefährliche Nachbarschaft zur Omeya-Herrschaft gelangen, erklärt sich Abdalrahman III. 929 selbst zum Kalifen und wird von nun an als solcher dann in allen Moscheen von Al-Andalus im Freitagsgebet erwähnt.

 

Kurz darauf lässt dieser spanische Kalif Melilla und Ceuta erobern und breitet seine Herrschaft über Marokko soweit aus, dass der Import von afrikanischem Gold und Elfenbein und von Berbern zwecks Besiedlung erheblich zunehmen kann. Gegen die fatimidische Frömmigkeit setzt er seine eigene, die auch härtere Despotie begründet. Dann erklärt er aber ganz unislamisch seinen noch minderjährigen Sohn Al-Hakam von seiner Lieblingsfrau des Harems, einer ursprünglich christlichen Sklavin, zu seinem Nachfolger, der kaum noch den Alcázar und dann Medinat Al-Zahrá verlassen und sich auf keine Frau einlassen darf, während die zahlreichen übrigen Söhne über das Land verstreut werden.

 

Der unermessliche Reichtum des Kalifen beruht auf den immer größeren Abgaben, die er aus der Bevölkerung eintreibt, wobei eine kleine reiche Oberschicht davon ausgenommen bleibt, zudem aus seinen riesigen Privatbesitzungen, die er ansammelt, und aus den oft erfolgreichen Beutezügen gegen die christlichen Herrschaften, denen er erhebliche Tribute aufbürdet. Einnahmen, die er mit der Oberschicht teilt, resultieren auch aus den christlichen Sklavenmassen, die diese Raubzüge ebenfalls einbringen. Mit dem Bau der großen und ungeheuer prächtigen Palast- und Verwaltungsstadt Madinat Al-Zahrá 940 neben Cordoba, auf dem Höhepunkt seiner Macht, erreicht er eine Pracht, wie sie im übrigen Europa weithin unbekannt ist.

 

Es floriert vor allem eine Wirtschaft, die Luxusgüter für diese Oberschicht herstellt, Seidenstoffe, golddurchwirkte Tuche, Edelstein- und Elfenbeinschmuck. Die hoch privilegierte kleine Oberschicht wird durch eine mittlere Schicht von Besitzern von Ländereien ergänzt, die diese durch Kleinpächter bewirtschaften lassen, und die Dienste wie Abgaben mit einer gewissen Ähnlichkeit zu fränkischen, asturischen oder aragonesischen Adeligen verlangen.

 

Die Landwirtschaft produziert wie in christlichen Gegenden Südeuropas weiter Weizen, Gerste, Oliven und Wein, zusätzlich aber bringen die neuen Herren Reis, Apfelsinen, Zuckerrohr, Safran, Wassermelonen, Spinat, Auberginen, Baumwolle und anderes mit. Große Maulbeer-Plantagen entstehen für die Seidenproduktion. Zudem entwickeln sie in ihrem teils ariden Andalusien hervorragende Bewässerungssysteme, deren Ansätze sie wohl schon aus Nordafrika und dem Orient kennen. In letzterem kann die Landwirtschaft in den weniger ariden Gebieten mit der Bevölkerung bis ins 11. Jahrhundert expandieren, um dann ab dem 12. eher wieder zurückzugehen.

Die Rinderzucht nimmt ab, stattdessen dienen Kamele nun für Transporte auch anstelle von Wagen. Wassermühlen existieren mit horizontalen Rädern, die später allerdings nicht mit Nockenwellen verbunden werden können. Von Tieren angetriebene ebenfalls horizontale Mühlen zerquetschen das Zuckerrohr.

 

Derweil entwickelt sich in den christlich-iberischen Reichen eine frühe neuartige Adelsschicht aus aufsteigenden reicheren Bauern und vom König Privilegierten, die versucht, sich über Bauerndörfer zu setzen und Bauern in Abhängigkeit zu bringen. Mit einem Einkommen, welches den Besitz eines kampffähigen Reitpferdes ermöglicht, wird man in Galizien, León und Kastilien dann zum infanzón, aus dem sich in den nächsten Jahrhundert die Schicht der Fidalgos/Hidalgos entwickeln wird, der Söhne (fijos) von denen, die etwas (algo) besitzen.

Immer mehr arme und verschuldete Bauern müssen sich einem Herrn anvertrauen, was in Galizien dann incomunicación heißt. Außerhalb Kataloniens und des östlichen Aragon entwickeln sich so recht unabhängig von den fränkischen Entwicklungen ganz ähnliche Strukturen. Über dem niedrigen Landadel teilt sich das Land in Machtbereiche oft selbsternannter condes auf, von Grafen also.

 

Während die Grafen von Kastilien im 10. Jahrhundert nach mehr Selbständigkeit streben, werden im Duero-Raum Städte wie Zamora und östlich Burgos ausgebaut. Das Land ist hier in sich teils selbst verwaltende Siedlungen aufgeteilt und in Festungen. In fueros werden bäuerliche Rechte festgeschrieben, für die aber militärische Dienste geleistet werden müssen.

 

Al-Hakam setzt die Maßnahmen seines Vaters fort und nutzt das Machtvakuum, welches die Fatimiden nach ihrem Abzug nach Ägypten hinterlassen haben, für Feldzüge nach Marokko.

Er stirbt 976 und hinterlässt nur einen möglicherweise schwachsinnigen Sohn Hisham, der zum Spielball hoher Funktionäre in Cordoba wird. 981 gelingt es einem in diese Machtkämpfe verwickelten Mohammed ibn Abi Amir, sich mit einer Berbertruppe gegen eine "slavische" militärisch durchzusetzen und seine Gegner umzubringen. Er steckt den jungen Kalifen in komfortablen Hausarrest und herrscht nun ab 981 selbst mit dem Titel hayib und gibt sich den Beinamen "der Siegreiche", Almansor.  Mit Madinat al Zahira gründet er eine neue Palastanlage.

 

Als Heerführer ist er schnell enorm erfolgreich. Selbst Orte wie Pamplona, später Barcelona und Santiago de Compostela werden kurz überfallen, ausgeraubt und zerstört, bevor das Heer sich schnell wieder zurückzieht. Im Chronicon de Sampiro heißt es zu Santiago: Er riss alle Kirchen, Klöster und Paläste ein und verbrannte sie im Feuer. (Quelle in: Manzano, S.812)

Da die Muselmanen das "Grab des Jakobus" in Santiago als Kaaba der Christen ansehen, lassen sie es intakt, während die Stadt komplett zerstört wird. Coimbra wird ebenfalls zerstört, dann aber dauerhaft gehalten und muslimisch neu besiedelt.

 

Immer mehr Leute in Al-Andalus lösen, wie auch später in geringerem Umfang in den Frankenreichen  und noch später in England ihre Militärpflicht mit Zahlungen ab. Das führt dazu, dass zunehmend Berbertruppen aus Nordafrika von Almansor ins Land geholt werden, was die Herrenschicht ethnisch weiter verändert.

 

Derweil erobern um 970 Fatimiden Ägypten und gründen dort Kairo. Sie nehmen dann Damaskus ein und bringen Mekka und Medina unter ihre Kontrolle. Die Abbassiden geraten in ihrem Palast in Samarra immer mehr unter die Kontrolle von Turk-Truppen.

 

Anmerkung 4: Darüber hinaus übernehmen Gelehrte in islamischen Städten griechisches Gedankengut und anverwandeln es ins Arabische. Auf diesem Weg wird ein gewisser Teil griechischer Gelehrsamkeit nicht über das antike Rom, sondern über die islamische Welt an das lateinische Abendland vermittelt werden. Seit sich im 10. Jahrhundert Medressen entwickeln, Schulen privater Stifter, steigt das Bildungsniveau der dort unterrichteten kleinen Gruppe junger Männer beträchtlich.

 

Anmerkung 5: Während sich in Skandinavien eine Schwellenzeit mit einer gewissen Verspätung einstellen wird, werden die Reiche der Rus und der Romania/Ostrom dauerhaft draußen bleiben, und dasselbe gilt besonders auch für Afrika. Dabei hat dieses ganz massiv zwei Waren zu liefern, und zwar auf direktem Wege in die islamische Welt: Das sind Gold und Sklaven. In der Nordhälfte Afrikas verschränken sich dabei zwei Dinge ineinander, nämlich der Handel und die Islamisierung.

 

Schwarzafrikanische Sklavenjagd und entsprechender Sklavenhandel hat eine Tradition, die wohl bis in die Antike zurückgeht. Negroide Händler werden etwa ebenso viele schwarze Sklaven in die islamische Welt verkaufen wie später an weiße Händler, die sie über den Atlantik verschiffen. Nach 650 bis um 1900 sollen so insgesamt weit mehr als 20 Millionen Schwarzafrikaner von ihren Landsleuten eingefangen und verkauft worden sein.

 

Diese Sklaven dienen in der islamischen Welt als Haussklaven, und dabei z.B. als Eunuchen zur Aufsicht über den Harem. Zu diesem Zweck kastrieren die Sklavenhändler schon junge Sklaven. Deutlich mehr Männer noch landen als Militärsklaven in den Heeren islamischer Herrscher. Als Ibn Tulun im 9. Jahrhundert Ägypten kontrolliert, stehen ihm unter anderem Zehntausende schwarzafrikanische Militärsklaven zur Verfügung.

 

Schließlich dient ein Teil der weiblichen menschlichen Ware in der islamischen Welt auch als Sexsklavinnen. Dafür dienlich sind (bis heute) islamische Gesetze, die z.B. die Kurzzeit"ehen" über Tage oder auch nur Stunden erlauben. Ibn Butlan, auch Verfasser des 'Tacuinum sanitatis in medicina', lobt besonders die versklavten Bewohnerinnen einer Region in Ostafrika, wenn sie denn jung und noch unberührt sind, weil sie in dieser Gegend die Beschneidung praktizieren. Mit einem Rasiermesser entfernen sie die komplette äußere Haut auf der Vulva bis auf den Knochen. (in: Hansen, S.159) Ein Ratgeber für den Sklavenkauf aus dem 11. Jahrhundert besagt u.a. über die Frauen eines ostafrikanischen Volkes: Sie haben einen goldenen Teint, schöne Gesichter, grazile Glieder und eine zarte Haut. Sie geben angenehme Bettgespielinnen ab, wenn man sie aus ihrem Land holt, solange sie noch jung sind. (in: Ertl, S.53)

 

Das islamische Recht erlaubt Sklavenbesitzern Geschlechtsverkehr mit ihrem Eigentum, verlangt allerdings die Legitimierung der Nachkommenschaft, was deren Freilassung nach sich zieht. Auch dadurch bricht die Nachfrage nach Sklaven nie ab, während in der lateinischen Schwellenzeit der Nachwuchs von Sklaven weiter Eigentum des Herrn bleibt und offiziell nicht sexuell missbraucht werden darf. Entsprechend ziehen in unserer Schwellenzeit jährlich Kamelkarawanen von insgesamt über 5000 Sklaven alleine durch die Sahara nach Norden

 

Alt-Simbabwe steigt über Sklaven und Gold zu einer Stadt auf, die in ihrer besten Zeit vielleicht 10 000 Einwohner hat. Es soll pro Jahr etwa eine Tonne Gold gefördert und verkauft haben. Andere Handelsstädte erreichen wenigstens ca. 5000 Einwohner. Daneben errichten Suaheli in Ostafrika mit unter anderen Mombasa und Mogadischu bedeutende Handelsstädte bis hin nach Sansibar und bedienen das Rote Meer bis Ägypten und den Indischen Ozean mit Gold, Hölzern und Elfenbein, wobei letzteres bis ins lateinische Abendland gelangt und dort zu handwerklichen Kunststücken verarbeitet wird.

 

Ein zweites auf Gold (von den Ufern des Senegal) basierendes Reich ist das von Ghana mit Städten wie Djenné, das an Größe die mitteleuropäischen Städte der Zeit übertrifft. Der Reichtum des Herrschers beruht auf seiner Macht über das Gold, welches über almoravidische Händler Marokkos nach Spanien gelangt.

 

Anmerkung 6: Das hier interessierende Asien, weitab von den Regionen des lateinischen Abendlandes, in denen Kapitalismus entsteht, ist geteilt in nördliche Steppen- und Wüstenlandschaften vom Kaspischen Meer bis zur Mongolei, die als Handelswege dienen, und in alte Zivilisationen von Persien über Indien bis China, die Rohstoffe und Fertigprodukte anbieten, die teilweise von herausragender technischer Perfektion sind. Geteilt ist der Kontinent auch in drei Großreligionen: Den in unserer Zeit weit vordringenden Islam, den Buddhismus und den Hinduismus.

 

Im Raum des heutigen Usbekistan herrschen die Mitglieder der Saman-Familie, die sich schon im 9. Jahrhundert nur noch nominell den Abbassiden unterstellen. Als kriegerisches Volk machen sie enorme Mengen an Kriegsgefangenen, die sie in Bagdad, Kairo und anderswo verkaufen, wodurch sie erhebliche Reichtümer anhäufen. Um den Marktwert der Sklaven zu erhöhen, richten sie sogar eine Schule für Militärsklaven ein (Hansen, S.194). Mit der Hauptstadt Buchara und mit Samarkand entwickeln sie zwei große und bedeutende Städte.

 

Um 914/943 rebellieren aus Turkvölkern bestehende Militärsklaven gegen den letzten Samanidenherrscher und ein Teil zieht ab nach Ghazna (Ghazni im heutigen Afghanistan). Sie zwingen den dortigen Völkern den Islam auf und errichten unter Sultan Mahmud ein Riesenreich, welches bald über Persien, Afghanistan, das heutige Pakistan und Nordindien herrscht. Ghazna wird mit dem Gelehrten Al Biruni und dem persischen Dichter Firdausi, die beide dorthin ziehen, zu einer Metropole belesener Schriftlichkeit.

 

In Xinjiang, welches riesige Gebiet nordöstlich an Afghanistan und Kaschmir anschließt, etabliert sich mit der Karakhaniden-Dynastie ein weiteres Turkvolk, welches den Großraum islamisiert und sich westlich bis nach Buchara ausdehnt. Wiederum östlich von ihnen etabliert sich ein Reich der Kitan, in dem neben Kitan Chinesisch, Uigurisch und manche andere Sprache gesprochen und vorwiegend Buddhismus gepflegt wird.

 

Südlich vom Liao-Reich herrschen die südchinesischen Song-Kaiser zwischen 960 und 1279, weiter östlich liegt Korea und noch etwas weiter nach Osten Japan, allesamt damals mehr oder weniger buddhistisch. Während die Liao und die Song Handel bis nach Indonesien und Indien und sogar bis in den (von Europa aus gesehen) Nahen Osten betreiben, schließt sich Japan stärker ab, und lässt "internationalen" Handel nur über den Hafen von Fukuoka auf Kyushu zu.

 

Vor den Europäern entwickeln Chinesen den Wendepflug und das Kummet. Von Süden dringt der Nassfeld-Reisanbau nach Norden vor, auch unter dem Einfluss des vietnamesischen Champa-Reiches. Damit wird Bewässerung wichtig, dabei fehlen Ochse und Pferd und stattdessen gibt es Wasserbüffel. Die Bevölkerung vermehrt sich dabei erheblich. Da Reis kein Brotgetreide ist, verbreiten sich auch keine Wassermühlen. Zudem werden kaum gewerblich nutzbare Pflanzen angebaut.

 

Lange vor Europäern benutzen Chinesen um das Millennium den magnetischen Bordkompass. Sie befahren mit dem Seeweg vom Persischen Golf nach Guangzhu (Kanton) eine fast doppelt so lange Strecke wie Kolumbus fünfhundert Jahre später. China liefert per Schiff bis nach Afrika Keramik, Textilien und Waren aus Gold, Silber und Eisen. Insbesondere chinesische Töpferwaren genießen hohes Prestige, und zwar sowohl kunstvolle Einzelstücke wie Massenwaren in nie dagewesenem Umfang. Insgesamt erwirtschaftet China einen enormen Handelsüberschuss über handwerkliche und manufakturielle Produktion.

 

In der Zeit der lateinischen Nachantike entwickelt sich China zum wichtigsten und am meisten globalisierten Handelsreich der Welt. Guangzhu und Quanzhu sind unter den Song-Kaisern wohl die bedeutendsten der damals bekannten Hafenstädte, beides Millionenstädte wie die Hauptstadt Kaifeng.

 

Zwischen China und Afrika liegen mächtige Reiche wie das der Chola in Südindien, die den Hinduismus verbreiten, buddhistische Klöster plündern und zerstören und bis nach Ceylon vordringen. Ihr Teil von Indien treibt Handel über die ganze Halbinsel hinaus mit Malaya und Persien.

 

Das Srivijaya-Reich von Sumatra liefert nicht nur den Chinesen Stoßzähne von Elephanten, Hörner des Rhinozeros und Aromastoffe. Um riesige Tempelanlagen wie das javanische Borobodur konzentriert sich die mächtige Herrschaft der mit den Srivijaya liierte Sailendra-Dynastie mit voll ausgebildeter Marktwirtschaft und hochentwickeltem Handwerk. Reis und Pfeffer werden exportiert, letzterer nach China, und Gewürznelken, Sandelholz und Muskat werden eingeführt. Es gibt zudem regional beschränkten Sklavenhandel.

 

Ein anderes Machtzentrum bildet sich in Kambodscha um die Angkor-Dynastie, die sowohl Buddhismus wie Hinduismus duldet. Solche Tempelanlagen wie Angkor Wat (über 200 Quadratkilometer und wenigstens 800 000 Einwohner) mit ihren für damalige Verhältnisse riesengroßen Städten sind im lateinischen Europa noch lange undenkbar. Zwischen den Herrschaften von Angkor und China herrscht beträchtlicher Handelsverkehr.

 

Anmerkung 7: Viel mehr als die Rus trägt das Byzantinerreich an der Peripherie durch Handel zur Entwicklung von Kapitalismus im lateinischen Raum bei. Seine Hauptstadt kann sich an Größe und Reichtum mit den islamischen Metropolen im ehemaligen Imperium Romanum messen. Aber die inneren Strukturen, Weiterentwicklungen aus der klassischen Antike, werden ebenfalls in keinen Kapitalismus führen, sondern zu seinem langsamen Abstieg. Zu inneren Wirren kommen zunehmende Angriffe von außen. Im Osten bleibt ihm nur noch Kleinasien. 941 greifen sogar die Rus unter Fürst Igor die Hauptstadt mit einer Flotte an, wie Liutprand von Cremona berichtet.

 

Aber unter der makedonischen Dynastie (867-1056) kommt es erst einmal zu einem wirtschaftlichen Aufschwung, der verbunden ist mit einem steten Bevölkerungswachstum. Der Fernhandel wie der regionale Handel florieren rund um das Zentrum Konstantinopel, dabei verlagert sich dort wie überhaupt im östlichen Mittelmeer der Seehandel nach und nach auf italienische Schiffe. 992 schließt Basilius II. einen ersten Handelsvertrag mit Venedig.

 

928 gelingt es dem Kaiser, das heutige Erzurum zurück zu erobern. 961 erobert Nikephoros Phokas Kreta, dann Kilikien und Zypern, schließlich Antiochia. Dazu kommen 974 Edessa, dann Beirut und Damaskus. Es wird der Versuch der Unterwerfung (Groß)Armeniens unternommen.

 

1054 wird es wieder einmal zu einem Bruch zwischen Rom und Konstantinopel kommen. Beide "christlichen" Religionen haben sich wie alles andere auch auseinanderentwickelt, von der griechischen Liturgie über Bart tragende "orthodoxe" Priester, bis zum mit Hefe gesäuerten Brot bei der Kommunion. In Ostrom gilt das Zölibat darüber hinaus nur für Bischöfe. Diese religiösen Unterschiede helfen bei der Abschottung des Byzantinerreiches von westlichen Entwicklungen.

 

Anmerkung 8: Fraxinetum beim heutigen St.Tropez untersteht dem Kalifen von Cordoba. Von hier kommen Holz für den Flottenbau und Sklaven, und von hier aus werden die Provence, die Westalpen und Ligurien ein Stück weit kontrolliert.

 

Anmerkung 9: Dazu gehört dann auch bei Widukind, wie ein alt-testamentarischer Moses zu posieren, was Heinrich I. laut ihm am Rhein macht, als er  dem Feind auf dem anderen Ufer gegenübersteht.

Er erhob die Hände flehend zu Gott und sprach: 'Gott, Urheber und Lenker aller Dinge, schau auf dein Volk, an dessen Spitze ich mit deinem Willen stehe, auf dass es den Feinden entrissen werde und daran alle Völker erkennen, dass gegen deinen Willen kein Sterblicher etwas vermag, der du allmächtig bist und lebst und herrschst in Ewigkeit. (II,17).

 

Anmerkung 10: Dazu gehören seit dem Aachener Tierpark Karls ("des Großen") auch ähnliche Tiergärten zum Beispiel der Ottonen. Hugo ("der Große") schenkt ihnen zwei Löwen, der Pole Mieszko Otto III. ein Kamel (Thietmar, IV,9), und selbst der tuszische Markgraf Bonifaz hält Löwen. Tiere zum Vergnügen und als Ausdruck von Macht einzusperren gehört eben zum Repertoire aller Natur verachtenden Zivilisationen.

 

Anmerkung *11: Im 15./16. Jahrhundert entwickelt sich aus dem lateinischen status der italienische stato, eine Form verfasster Macht. Staat (aus dem Lateinischen) und Stand (aus dem Germanischen) sind im sich entwickelnden Französischen beide état. Es gibt den Stand der Ehe, den état als Zustand der Kasse, also den Haushalt des Machthabers und seine Hofhaltung, aber eben auch bald den geistlichen und andere Stände, und die Unterständischkeit von vielen, die noch im französischen 15. Jahrhundert aus höfischer Sicht vilains sind, ein Wort, welches ursprünglich die Bauern bezeichnet und bald nur noch den dummen Pöbel bezeichnen wird. Erst zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert erhält der heutige "Staat" als zentral gesteuerter Machtapparat langsam seinen Namen.

 

Anmerkung 12: Die für uns heute infernalische Grausamkeit und Mordlust wird von dem frommen Mönch Widukind nicht kritisiert:

Heinrich I. hat eine slawische Burg eingenommen: Die in der Burg gemachte Beute übergab er seinen Kriegern, alle Erwachsenen wurden getötet, die Jungen und Mädchen für die Gefangenschaft verschont. (I,35). Sie werden vermutlich als Sklaven benutzt oder verkauft werden. Es kommt zu einer neuen Schlacht: Alle Gefangenen wurden, so hatte man ihnen verheißen, am folgenden Tage geköpft. (I,36) Und ein letztes Beispiel von vielen: ...das Morden hielt an bis tief in die Nacht. Am nächsten Morgen wurde der Kopf des Kleinkönigs auf dem Feld ausgestellt, und um diesen herum wurden siebenhundert Gefangene enthauptet; Stoinefs Berater wurden die Augen ausgestochen und die Zunge abgeschnitten, dann ließ man ihn hilflos mitten unter den Leichnamen zurück.“ Durch solche Siege ist der Kaiser (Otto I.) berühmt geworden. (III,55) Widerwärtigste "Barbarei" ist das Kennzeichen fast aller Zivilisationen und ihrer Helden.

 

Mildtätig (clemens) ist Heinrich I. dagegen gegen sächsische Verbrecher: sooft er daher sah, dass ein Dieb oder Räuber ein tapferer Mann und zum Krieg geeignet sei, erließ er ihm die gebührende Strafe, versetzte ihn in die Vorstadt von Merseburg, gab ihm Äcker und Waffen, befahl ihm, die Bürger zu schonen, gegen die Barbaren aber, so viel sie sich getrauten, Raubzüge zu unternehmen. (II,3) Da Mordbrennen, Rauben und Plündern Kriegerhandwerk ist, handelt es sich um eine eigentlich naheliegende Idee für den ebenso frommen wie wackeren König, und unser Mönch findet das offenbar auch.

 

Anmerkung 12a:  Anderweitig hält die Normannengefahr noch eine Weile an. Da  müssen zum Beispiel die Mönche von Noirmoutier vor der Loiremündung 836 mit den Reliquien ihres heiligen Philibert bis nach Tournus an der Saône flüchten. 937 fliehen sie erneut, nun vor den Ungarn in die Auverne, um dann 949 auf Dauer nach Tournus zurückzukehren, wo sie dann für uns heute eine der schönsten romanischen Klosterkirchen hinterlassen werden.

 

Anmerkung 13: So kann Bischof Burchard von Worms in seiner Dekretalensammlung kurz nach der Jahrtausendwende den wohl in seiner Wirkung wichtigsten christlichen Glaubenssatz mit Adam und Eva begründen:

Wegen der Sünde des ersten Menschen ist dem Menschengeschlecht durch göttliche Fügung die Strafe der Knechtschaft auferlegt worden, so dass Gott denen, für die, wie er sieht, die Freiheit nicht passt, in großer Barmherzigkeit die Knechtschaft auferlegt (...) damit die Möglichkeit zu freveln durch die Macht der Herren eingeschränkt würde. (so in: Neiske, S.14)

 

Anmerkung 14: Dazu gehören die Sexual-Verordnungen. Inwieweit die Keuschheits-Gebote für alle durchgesetzt werden, muss unklar bleiben. Dass der ausgelebte Geschlechtstrieb unrein ist und unrein macht, meint ganz anschaulich, dass man sich mit Sperma befleckt und mit (Menstruations)Blut beschmutzt. Bei Juden ist eine Frau während der Monatsblutung unrein, und um wieder mit ihrem Ehemann kopulieren zu können, muss sie sich in der Mikwe einer rituellen Reinigung unterziehen. Davon übrig bleibt das kirchenchristliche Koitus-Verbot während dieser Zeit und das Verbot, den Altarraum zu betreten.

Jüdinnen müssen sich auch nach einer Geburt rituell reinigen, genauso wie christliche Frauen vierzig Tage danach ebenfalls ein Reinigungsritual durchmachen müssen und erst dann wieder in die Kirche hinein dürfen. Legendäre vierzig Tage nach der Geburt Jesu (an "Weihnachten") begehen die Christen darum mit einer Lichterprozession das Fest Mariä Lichtmess, also der Reinigung Mariä, bei den Juden noch ein Tieropfer. Daneben wird in der christlichen Legendenbildung die Darbringung Jesu im Tempel, wo er mit Geld ausgelöst wird, gefeiert.

 

Manche Experten meinen errechnet zu haben, dass die Kirche den (ehelichen) Koitus außerdem an allen Fest- und Fastentagen verboten habe, darunter auch die Sonntage, zudem während Schwangerschaft und Stillzeit - was mehr als die Hälfte der Tage des Jahres umfasst hätte. Aber im Dunkel der Nacht entzieht sich der Kirche vieles.

Im 19. Buch seiner Dekrete heißt es jedenfalls bei Burchard von Worms um 1000: Du musst zwanzig Tage lang vor Weihnachten die Keuschheit wahren, und jeden Sonntag, und während aller gesetzlich festgelegten Fastentage, und an öffentlichen Orten.

 

Anmerkung 15: Im Fragenkatalog des Beichtvaters bei Bischofs Burchard von Worms aus dem frühen 11.Jh. tauchen unter anderem  folgende Fragen auf:

Hast du ein Grab geschändet? - Hast du Hexen aufgesucht? - Hast du Kircheneigentum geraubt? - Hast du solange getrunken, bis du dich erbrochen hast? - Hast du dich, wie es die Heiden am Neujahrstag tun, als Hirsch verkleidet? - Hast du Unzucht mit deiner Schwiegertochter betrieben? - Hast du Unzucht mit deiner Schwiegermutter betrieben? - Hast du Unzucht mit deiner Schwägerin begangen? - Hast du Inzest mit deiner Mutter begangen? - Hast du Inzest mit deiner Schwester begangen? - Hast du Sodomie mit Menschen oder Tieren begangen? - Hast du deinen Sohn oder deine Tochter absichtlich nach der Geburt getötet? - Hast du das Sperma deines Mannes getrunken, damit er dich dank deiner diabolischen Erregungen mehr liebt? - Hast du das gemacht, was die Frauen machen: Sie nehmen ihr Regelblut, vermischen es mit Speise oder Trank, geben es ihren Ehemännern, damit sie mehr für sie sich entflammen? (In Minois, Charlemagne, S.633ff)

 

Anmerkung 16: Buße im 10. Jahrhundert kann inzwischen auch schon mal einen gnädigeren Priester finden. Ekkehard von St.Gallen erzählt nach 1035 von der sündigen Zeugung des Iso, des später gelehrtesten Mönches von St.Gallen.

Die zukünftigen Eltern haben zur Fastenzeit getrennte Betten, aber ausgerechnet am Karsamstag kam unter Führung des Versuchers zufällig (sic!) ihr Mann in jenes Gemach. Er trat zu ihr, und ohne dass sie sich sträubte, legte er sich an diesem heiligen Tage zu ihr. Der Frevel findet statt.

Es gibt danach Tränen (...) und wieder zogen sie ihre Bußkleider an, die sie so viele Wochen hindurch getragen hatten. Und mit Asche bestreut und barfüßig fielen sie angesichts aller Bürger dem Priester des Ortes zu Füßen. Er aber billigte in gütiger Einsicht ihre Bußfertigkeit und gab ihnen Erlass, während das Volk laut für sie zu Gott rief; und da er sie aufgerichtet hatte, ließ er sie diesen Tag und diese Nacht zur Strafe vor dem Kirchenportal stehen und nicht am Abendmahl teilnehmen.  (...) Der Ostertag brach an; frühmorgens standen sie vor dem Portal, und wie das Kreuz vor der Messe herausgetragen wurde, folgten sie als die letzten. Der Priester aber führte sie unter Zustimmung des ganzen Volkes während des Kyrieleison herein und und wies ihnen zuhinterst einen Platz an. (Ekkehard, cap.30)

Ekkehard beschreibt in seinen Anekdoten nicht unbedingt das historisch belegte, sondern das seiner Ansicht nach glaubwürdige. Und implizit dient auch diese Geschichte wie viele andere der Exemplifizierung des Vorranges der Caritas, also der Nächstenliebe, vor der Strenge des religiösen Gesetzes.

 

Anmerkung 17: Der Schrecken des Sterbens und des Verschwindens aus dieser Welt ist zugleich mit der Möglichkeit eines Wiedererwachens in einer anderen, besseren Welt verbunden. Dazu erhält, umfangreicher seit den Karolingern, die Sterbebegleitung durch den Priester elementare Bedeutung: Beichte und Bußsakrament, Waschung, Neueinkleidung, idealerweise Lagerung des Sterbenden in einer Kirche auf Asche und Stroh. Abbeten der sieben Bußpsalmen, Gesang der Allerheiligenliturgie. Es folgt die  heilige Salbung, letzte Ölung als spirituelle Wegzehrung ins Jenseits. Dazu kommen Gebete  wie das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis und Litaneien (Klagegebete und -Gesänge), die die ganz handfest vorgestellten Dämonen abwehren sollen, die im Moment des Todes die Seele in ihren Besitz bringen wollen. Schließlich die Kommunion. (vgl. LHL, S.133)

Positiv gesehen, findet so eine ausführliche Sterbebegleitung statt, die tröstlich wirken kann und den Sterbenden nicht alleine lässt. Indem Angehörige, Freunde und Nachbarn dazu treten, wird das Sterben in das Leben, in den Alltag integriert.

 

Nach dem Tod Totenwaschung, Überführung zur Kirche, Totenmesse bei bedeutenderen Sterblichen, Geleit des Toten zum Grab und Begräbnis. Wohlhabendere werden in den Wochen nach dem Tod noch mit weiteren Totenmessen versorgt und mit jährlichen Gedächtnismessen. Audebert/Treffort zitieren ein Gebet anlässlich der Beerdigung aus dem 10. Jahrhundert:

Möge diese Seele niemals die Ränke der Dämonen ertragen müssen, denen sie begegnet, denn für sie hast du deinen einzigen Sohn auf die Erde geschickt. Befreie und erlöse diese Seele von den schrecklichen Abgründen der Hölle, denn du hast sie losgekauft um den Preis des Blutes deines einzigen Sohnes. Befreie und erlöse diese Seele von den brennenden Flammen der Dschehenna und rufe sie in die Süße des Paradieses. Oh du so guter Vater, mach dass sie nie spürt, was in den Flammen brennt, was das Gesicht in den Qualen verzerrt. Sondern mach mit der siegreichen Barmherzigkeit deiner Größe, dass sie es verdient, beim Gericht den Züchtigungen zu entkommen und das Glück seligen Friedens und des ewigen Lichtes erhält. (S.141)

 

Anmerkung 18: In der Vita des sehr heiligen Romuald heißt es bei Petrus Damiani über die Leute der Gegend:

Als sie hörten, dass Romuald weggehen wollte, waren sie bestürzt und beratschlagten, wie sie ihn daran hindern konnten. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass es das beste wäre, Meuchelmörder zu dingen, die ihn erschlagen sollten. Wenn sie ihn nicht lebend hierbehalten könnten, so meinten sie, wollten sie doch seinen Leichnam haben, damit er ihr Land schütze. (in: Moore, S.102)

 

Anmerkung 19: Um 963 tut sich beim Italienzug Ottos I. der Hildesheimer Bischof Otwin folgendermaßen hervor:

„Er entwendete nämlich in Pavia den Leichnam des zweiten Stadtpatrons Epiphanius und brachte seinen Raub in der Abtei Reichenau in Sicherheit, aus deren Konvent er stammte. Trotz des erheblichen Aufsehens, das dieser Diebstahl entfachte, und trotz einer kaiserlichen Untersuchung des Vorfalls blieb der Dieb unentdeckt, der jedoch im Jahre 963 nach der Entlassung des Heeres im Triumphzug mit seiner Beute in Hildesheim einzog. Es kennzeichnet mittelalterliche Frömmigkeit wohl in besonderer Weise, dass man in Hildesheim und auch andernorts in Sachsen den Adventus des geraubten Heiligen festlich beging.“ (Althoff/Keller, S.187)

 

Von einem zweiten Reliquiendiebstahl in San Paolo fuori mura vor Rom wird ebenfalls berichtet. Dort entwendet der Bischof ungeniert einen Arm des hl. Timotheus. Von der Weihe der Krypta seines St.Michael wird von 66 dort eingebauten Reliquien berichtet, und ebensolche werden auch in die Kapitelle der Säulen der Kirche darüber eingemauert. Etwas ganz besonderes aber sind Splitter vom Kreuz Christi, die in einen kreuzförmigen Reliquienbehälter eingeschlossen werden.

Otto I. lässt selbst multa sanctorum corpora (viele Körper von Heiligen) von Italien nach Magdeburg bringen, damit dies Bollwerk nach Osten dadurch kraftvoller wird (Thietmar II,16).

 

Anmerkung 20: Hin und wieder tauchen in den Quellen Hinweise dafür auf, dass nicht jeder von den magischen Qualitäten oder gar von der Authentizität solcher heiliger Überreste überzeugt ist. Als um 930 ein um Herausgabe entfremdeten Klostergutes bemühter Abt von Bobbio seine Vasallen zu einem Hoftag in Pavia zusammenruft, bringt er die knöchernen Überreste des Patrons, des hl. Columban mit, um sie mit deren magischer Kraft zu beeindrucken, was laut den 'Miracula sancti Columbani' bei einigen auch wirkt; aber es lehnt sich einer von deren Untervasallen auf und möchte propter ossa caballina vel asinina quae huc detulistis (wegen einiger Pferde- oder Eselsknochen, die du hergebracht hast), nicht auf sein Gut verzichten (cap.22). Zu vermuten ist, dass mehr Leute so dachten, das aber oft tunlichst verschwiegen.

 

Anmerkung 21: Ein Bischof steht so in der Erzählung Thietmars im Kampf gegen die Ungarn. Er verliert ein Ohr, wird an weiteren Körperteilen verletzt und bleibt unter den Getöteten wie tot liegen. Dann aber kann er doch nach schwerem Kampf seinen Gegner töten (necare). Da erfüllte seine Herde und alle Christen Freude. Excipitur ab omnibus miles bonus in clero. Der ganze Klerus sieht in ihm einen guten Krieger (II,27)

 

Anmerkung 22: Mit etwa dreizehn Jahren tritt Gerbert von Aurillac (um 950-1002), aus einfachen Verhältnissen kommend, dem örtlichen Kloster von Orlhac (Aurillac) bei, wird dort erzogen und dann Mönch. Mit etwa siebzehn Jahren lernt ein katalanischer Adeliger namens Borrell ihn kennen und nimmt ihn nach Barcelona mit. Unter dem dortigen Bischof wird er unter anderem in Mathematik und Astronomie unterrichtet. Er verbringt dann drei Jahre im Kloster der Hl.Maria von Ripoll, wohl auch mit Studien. 969 reist er mit seinem adeligen Freund Borrell nach Rom und lernt dort Papst Johannes XIII. und Kaiser Otto I. kennen. Der macht ihn zum Erzieher/Lehrer seines Sohnes Otto (II.)

 

972 reist er nach Reims, studiert dort weiter, offenbar mit dem besonderen Schwerpunkt Arithmetik, und wird dort dann Lehrer, vom hochadeligen Erzbischof Adalbero als Privatsekretär angestellt. 982 wird er von Otto II. als Abt im Kloster Bobbio eingesetzt. Da die Mönche des verarmten Klosters ihn ablehnen, muss er beim Tod des Kaisers zurück nach Reims fliehen. Dort lässt er mehrere Häuser bauen und besitzt Lehen.

Wiederum eine Art erzbischöflicher Sekretär und Leiter der Domschule, vertritt er dessen machtpolitische Interessen wie auch die des noch kindlichen Otto III. und seiner Mutter Theophanu in Ostfranzien. Daneben unterstützt er den Dux Hugo Capet in Westfranzien gegen König Lothar, den Adalbero 987 zum König krönt.

 

Nach dem Tod Adalberos 989 macht Hugo nicht ihn, sondern Lothars unehelichen Sohn Arnulf zum Erzbischof, um Lothars Bruder Karl von Niederlothringen zu schaden, der Konkurrent um den Thron ist. Der lädt Karl aber schnell nach Reims ein. 990 nimmt Hugo beide gefangen. Gerbert organisiert nun eine Synode, die Arnulf absetzt. Gerbert wird dann 991 Erzbischof von Reims, wogegen sich aber nach und nach Opposition aufbaut, auch deshalb, weil Papst Johannes XV. den ganzen Vorgang seiner "Wahl" für nicht rechtmäßig einstuft.

 

Als der Druck auf Gerbert zunimmt, und Hugo Capet dann 996 stirbt, verlässt er Reims und geht an den Hof Ottos III. 997 wird er der Erzieher des jugendlichen Königs, der ihn 998 zum Erzbischof von Ravenna macht und im folgenden Jahr zum Papst. Der Papstname Silvester (II.) erinnert wohl an jenen Papst, der eng mit Kaiser Konstantin zusammengearbeitet haben soll. 1003 stirbt er.

 

Einige Dinge sind außergewöhnlich an Gerbert: Einmal seine grandiose Karriere aus einfachen Verhältnissen, die von immer höherstehenden Kreisen gefördert wird, und die vermutlich auch seiner intellektuellen Begabung geschuldet ist. Er lässt er sich vermutlich als der bedeutendste Intellektuelle seiner Zeit beschreiben. Dazu gehört auch, dass seine weithin geistliche Karriere nicht von religiösen, sondern von mathematisch-naturwissenschaftlichen Studien begleitet wird. Er soll sich mit der Herstellung eines Himmelsglobus und neuartiger mechanischer Uhren beschäftigt haben, sowie einen Abakus und ein Astrolabium benutzt haben.

Nicht ungewöhnlich ist, dass er als Unterstützer eines Erzbischofs und dann als solcher selbst in die Machtkonflikte seiner Zeit sehr aktiv verwickelt ist, aber schon, dass er machtrational handelt und das dabei nicht moralisierend begleitet. Von manchem davon berichtet sein Schüler Richer von Reims im vierten Buch seiner Historien und anderes erfahren wir aus den erhaltenen Briefen Gerberts.

 

Anmerkung 23: Der um 960 in hohen sächsischen Adel hinein geborene Bernward hat einen Bruder Tammo, der Freund und Heerführer Kaiser Ottos III. werden wird, und einen Onkel Folcmar, der einer der Hildesheimer Domherren ist. Der übergibt den Jungen der dortigen Domschule, wo ihn der Scholaster Thangmar unterrichtet, der dereinst zu seinem Biographen werden wird. Dann ist es wohl wieder Folcmar, der den jungen Mann bei Hofe, also bei Kaiser Otto II. und Theophanu einführt. Er wird dort zum Notar, also zum Hofschreiber, aulicus scriba doctus wird er sich später selbst nennen.

Dann steigt er zum Chef dieser Notare auf, wo er zehn Jahre lang tätig ist und dabei den Kaiser überall hin und bis durch Italien begleitet. Nachdem Erzbischof Willigis von Mainz ihn zum Priester geweiht hat, steigt er in den Kern der Hofkapelle auf und wird um 988 von der verwitweten Theophanu zum Erzieher ihres Sohnes, des noch unmündigen Otto III. berufen. Von nun an ist er dauernd bei Hof und unterstützt die Kaiserin in ihrer „Regentschaft“.

 

992 stirbt der Hildesheimer Bischof und bald darauf wird Bernward dessen Nachfolger. Als Bischof ist er Haupt der Priesterschaft seiner Diözese, die er zu überwachen und zu verwalten hat. Er leitet die Liturgie, organisiert die hohen Kirchenfeste und zelebriert regelmäßig die Messe, wenn er denn anwesend ist. Er sammelt kirchenrechtliche Schriften, denn noch vor der weltlichen Macht sind Bischofskirchen darauf bedacht, ihre Rechte zu erfassen und zu fixieren.

Auf einer sächsischen Synode unter der Aufsicht des Kaisers vertritt er 1019 das Zölibat der Priester gegen die Sitte, dass Leute, die bei Antritt des Priesteramtes aus dem Hörigenstatus entlassen wurden, eine Freie heiraten und dann Kirchengut an sie abtreten. Er sorgt für Armenspeisungen. Er befestigt den immunen, ihm allein unterstehenden Dombezirk mit hohen Mauern. Für seine Stadt, zu der eine Pfarrei samt Hospital mit dazugehörigen Handwerkern und Händlern gehört, übt er das Marktrecht aus.

Gegen normannische Piraten und abodritische Slawen errichtet er im Nordosten der Diözese zwei Burgen, für die er vom Kaiser gräfliche Rechte bekommt. Die Domburg ist von massigen Mauern umgeben, die Wehrburgen im Norden sind durch Erdwälle geschützt, mit einer hölzernen Mauer davor und mit Holzgebäuden darin. Sie entsprechen damaligen sächsischen Adelsburgen.

Er lässt eigene Münzen mit seinem Abbild prägen, bis dato ein seltenes Unterfangen bei Bischöfen. Die militärische Gewalt im Innern seines Machtbereiches delegiert er an einen Vogt, den er sich erwählt. Auf den bischöflichen Gütern auf dem Lande lässt er zum Teil steinerne Kirchen erbauen, ein Novum in dieser Zeit, und er besteht darauf, dass Landpfarrer ihren Teil des Zehnten einbehalten dürfen und nicht an die weltlichen Herren der Kirchen abgeben müssen.

 

Über viele Jahre kämpft er darum, dass das traditionell und wohl widerrechtlich ihm unterstellte Stift Gandersheim mitsamt seinen Abgaben in seinem Bistum bleibt und nicht dem Mainzer Erzbischof untergeordnet wird. Zu diesem Zweck reist er sogar nach Italien, wo ihn der Kaiser in seinem Anliegen unterstützt. Dort ist ohnehin ein Hildesheimer Heer unter seinem Bruder Tammo an der Seite des Kaisers. Unter Otto II. werden einmal 50 gepanzerte Reiter erwähnt, die das Bistum für den Kaiser als Verstärkung zu schicken hat.

 

Seinen persönlichen Besitz wird Bernward später ganz in seiner Stiftung St. Michael aufgehen lassen. Solange aber führt er ihn in seinem Eigentum weiter.

Seit seiner Gründung durch Ludwig den Frommen 815 hat das Bistum Grundbesitz und geldwerte Rechte geschenkt bekommen. Die dazu spärlichen Quellen erwähnen zum Beispiel Güter bei drei Moselorten, bei Boppard am Mittelrhein, in Ingelheim, Geisenheim im Rheingau, in Duisburg, bei Pavia und natürlich vor allem im sächsischen Umfeld der Kathedrale. (Bünz in Bernward, S.233f) Der Bischof und mit ihm das Bistum bekommt so ein Viertel bis Drittel des Zehnten aller, die ihn zahlen können, aber zudem die Einkünfte aus der Grundherrschaft der vielen Landgüter. Diese bestehen aus den vermarkteten Einnahmen der Herrenhöfe und den Abgaben und geldwerten Arbeitsleistungen der dort produktiv Arbeitenden.

Nicht von Bernward, sondern von anderen Bischöfen der Zeit ist überliefert, dass solche Einkünfte auch mit erheblicher Härte der geistlichen Herren gegenüber den auf ihrem Grund lebenden und arbeitenden Menschen eingetrieben werden.

 

Modern und etwas anachronistisch gesprochen ist der Bischof in hohem Maße „Politiker“, der zwischen den unterschiedlichen und sich oft widersprechenden Interessen weltlicher und geistlicher Großer vermitteln muss, um den Frieden aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen. Diese Aufgabe geht weit über seinen Amtsbereich hinaus. So organisiert er 1001 in Pavia einen Hoftag für den Kaiser:

wo die Bischöfe und Grafen von ganz Ligurien seine Ankunft erwarteten. Er richtete ihnen die Aufträge des Kaisers aus und verhandelte in einer Versammlung viel mit ihnen über die Bedürfnisse des Staates. Denn seinem Rate gehorchten alle, weil sie wussten, wie sehr er vom Kaiser geliebt wurde. Leo, der Bischof von Vercelli, ein gelehrter, redegewandter Mann, lud ihn mit höchster Ehre und Liebe in seine Stadt. Mit Mühe erlangte er seine Einwilligung, worauf er ihm vorauseilend, mit einer großen Schar der Geistlichkeit und des Volkes, die zum Lobe Gottes Psalmen sangen, ihm entgegenzog; er ließ die Glocken läuten und empfing ihn mit nicht geringerem Aufwand, als wenn der Papst selbst gekommen wäre. Zu seinem Dienst ließ er alles mit Überfluss und Pracht, wie man nur verlangen konnte, beschaffen und ehrte ihn mit auserlesenen Geschenken: auch gab er ihm Begleiter mit, die am folgenden Tag aufs reichlichste für ein Unterkommen sorgten. (Vita Bernwardi Kap. 27, deutsch in Bernward, S.103)

Abgesehen davon, dass der Biograph den Rang seines Bischofs vielleicht etwas arg betont, lässt sich die weltliche Seite seiner Aufgaben hier vielleicht deutlicher erkennen, als wenn man ihn nur im Zusammenhang mit seinem Panzerreiter-Kontingent in Rom sieht. Bezeichnend ist die Kombination von Beredsamkeit, Gelehrtheit und Prachtentfaltung, mit denen Leo vielleicht seinem deutschen (sächsischen) Kollegen einiges voraus hat. Deutlich wird im Zeremoniell auch, dass hier zwei geistliche Fürsten aufeinandertreffen, die wie weltliche Große die Herstellung von Freundschaft mit Geschenken besiegeln, ein Erbe früherer Stammeskulturen.

 

Dann trifft er sich in Burgund in diplomatischer Mission mit dem dortigen König Rudolf. In seiner Vita wird der Abschied vom bald sterbenden Kaiser Otto noch im obigen Kapitel zu einer rührenden Freundschafts-Szene ausgemalt.

Bernward unterstützt zunächst gegen Heinrich II. den Ekkehard von Meißen. Dafür muss er  dann für Heinrich ein Heeresaufgebot gegen Balduin von Flandern stellen. Eine Pilgerreise über St. Denis nach Tours bringt ihn in einem anderen Auftrag mit dem westfränkischen König zusammen.

 

Es wird vom Bischof kaum Kapital angehäuft, das Geld dient vielmehr im wesentlichen der Schatzbildung, und da kirchliche Kathedralen traditionell Schatzkammern haben bzw. solche Schätze öffentlich ausstellen, sind sie zum Teil bis heute erhalten geblieben. Dazu gehören Reliquienbehälter, Kreuze, das Geschirr zum Zelebrieren der Messe, Taufbecken, freskierte Wände und die Bronzetüren, die Bernward für seinen Dom herstellen lässt, die geschnitzte Goldene Madonna und die große bebilderte Bronzesäule für St. Michael.

Zudem ist der Bischof Bauherr. So lässt er eine Kapelle für eine Kreuzesreliquie errichten, die er bald zur Pfarrkirche aufwertet. 1010 lässt er dann den Grundstein für eine für damalige Verhältnisse riesige Klosterkirche legen (St.Michael), eine dreischiffige Basilika mit zwei Querhäusern und zwei Chören. Die Krypta und die Säulen des Langhauses werden reichlich mit Reliquien versehen und zudem werden Kirche und das dazu erbaute Kloster mit einem reichen Kirchenschatz ausgestattet. Zur wesentlichen Ausstattung gehören „18 große Haupthöfe (curtes) mit 416 Hufen, dreizehn Kirchen und zehn Mühlen samt allem Zubehör an Land und Leuten, Rechten und Einkünften“ (H.J.Schuffels in Bernward, S.41).

Im Kern hat sich der Bischof mit St.Michael seine höchsteigene Grabeskirche geschaffen. Er lässt sich denn auch in der Krypta beisetzen, umgeben von den Resten vieler Heiliger und wohl in dem Bewusstsein, auch gleich zu ihnen aufzusteigen. In diesem Sinne hat er sich mit seinen irdischen Leistungen, den Bauten und Ausschmückungen des Doms und manch anderem samt - wie er selbst wohl meint - sonstigem gottgefälligem Leben einen Platz im Himmelreich er- und verdient.

 

Anmerkung 24: Thietmar über Heinrich II:

Er schenkte uns ein mit Gold und einer Elfenbeintafel geschmücktes Evangelium, einen edelsteinverzierten goldenen Kelch mit einer Patene und einem Röhrchen, 2 Kreuze, silberne Lampen und einen großen Kelch aus gleichem Material mit Patene und Röhrchen. (VI,102)

Später dann:

Mit milder Hand hat der Kaiser unserer Kirche folgendes geschenkt: ein Stück vom siegreichen hl.Kreuz samt anderen Heiligenreliquien; einen goldenen, prächtig mit Edelsteinen verzierten Altar; eine mit kostbaren Steinen geschmückte Goldbüchse; ein sowohl auf seine wie unsere Kosten verziertes Vermögensverzeichnis samt zwei Weihrauchbehältern und einen Silberbecher. Das müssen wir nicht nur bewahren, sondern auch mehren. (VIII,14) 

 

Anmerkung 25: Nach der Etablierung des Bistums Hildesheim unter einem Mainzer Erzbischof macht sich der vierte Bischof Altfrid aus sächsischem Hochadel im Einvernehmen mit König Ludwig („dem Deutschen“) daran, sächsische Große seines Bistums dazu zu ermuntern, Familienstifte einzurichten. Er überzeugt  auch seinen Vetter Liudolf samt Gemahlin Oda, ein solches Hausstift in Gandersheim zu gründen und reist darauf nach Rom, um von dort Reliquien mitzubringen, die die Stiftung heiligen würden.

Nun gibt es damals keine präzise Kartographie und keine Karten, die den Verlauf von Bistumsgrenzen genau festlegen. Das Kanonissenstift sollte aber verkehrsgünstig liegen und Einnahmen bringen, und es wurde so recht eigenwillig südlich des Flüsschens Gande (damals Eterna) gegründet, welches nach allgemeiner Ansicht bislang die Bistumsgrenze bildete. Indem der Bischof es dort situiert und ihm dann noch einiges Land zuordnet, ist damit eine gewisse Fläche dem Mainzer Bistum stillschweigend genommen worden.

Von dort also entnimmt der Hildesheimer Bischof nun auch den Zehnten und eine gewisse Kontrolle über „sein“ Kloster, obwohl die eigentlichen Gründer ihm Reichsunmittelbarkeit zugesichert und es damit bischöflicher Aufsicht entzogen hatten. Die Mainzer finden, sie seien eigentlich die rechtmäßigen Herren, die Hildesheimer aber investieren ungeniert Äbtissinnen und Kanonissen, also kanonisch lebende Jungfrauen (sie kleiden sie ein und weihen sie Gott.) Die einen haben also Recht und die anderen ein Gewohnheitsrecht.

 

Nun ist das Kloster in besonderem Maße ein Zuhause für allerhöchste Tochter geworden, darunter auch für eine Tochter Kaiser Ottos II., Sophia, die dort zunächst die Stiftsschule durchläuft, und 987 mit 22 Jahren den Schleier nehmen soll. Nach Hildesheimer Darstellung möchte die statusbewusste Prinzessin vom höherrangigen und viel mächtigeren Mainzer Bischof Willigis und nicht vom Hildesheimer Bischof Osdag geweiht werden, vermutlich aber stehen die Äbtissin und ihre hochadelige Damenschar dahinter, die den rechtlichen und fiskalischen Zugriffen/Übergriffen des Hildesheimer Bischofs entkommen wollen. Damit wäre  allerdings ein hochgestellter Hinweis darauf gegeben, zu welcher Diözese das reiche und mächtige Kloster gehört.

Es kommt zum Streit vor Otto III., der königlichen Mutter Theophanu und vielen Bischöfen - und zu einem Kompromiss: Willigis soll das Hochamt abhalten, mit dem Hildesheimer gemeinsam Sophia einkleiden, und dem ist dann die Investitur bzw. Velation der übrigen Jungfrauen überlassen. (so jedenfalls nach Thangmar, Vita Bernwardi). Damit überwiegen wohl insgesamt die Hildesheimer Anteile.

Wir hören wenig von der Äbtissin Gerburg.

 

Danach herrscht kurz Ruhe, auch wenn Sophia mit zwei Nichten mehrmals den Mainzer Erzbischof besuchen und dann bei ihm wohnen. Das ändert sich, als Sophia etwas eigenmächtig 994 bis 997 das Kloster verlässt und sich am kaiserlichen Hof aufhält:

Und auch Sophie begab sich gegen den den heftigen Widerstand der Gerburg auf Betreiben des Erzbischofs Willigis an den Kaiserhof. Hier blieb sie ein Jahr oder zwei und schritt auf dem Pfad eines ungebundenen Lebens einher, was zu verschiedenen Gerüchten Anlass gab. (Thangmars Vita Bernwards, cap.14)

 

Der inzwischen auf der Hildesheimer cathedra thronende Hildesheimer Bischof Bernward schafft es dann, ihren Einfluss und den von Erzbischof und Kanzler Willigis bei Hofe zurückzudrängen, und die junge Frau muss wieder ins Kloster zurück. Der Konflikt zwischen Kanonissen und Hildesheim über das Leisten der Abgaben aber bleibt.

 

Im Jahre 1000 ist die inzwischen abgebrannte Stiftskirche wieder aufgebaut und muss neu geweiht werden. Die ältliche Abtissin überträgt die Organisation für die großangelegte Feier auf ihre vermutliche Nachfolgerin, Sophia, die nun die Weihung durch Willigis erbittet. Bischof Bernward ist ebenfalls eingeladen. Im letzten Moment muss der Mainzer seine Ankunft und damit die Feier um eine Woche verschieben. Bernward erscheint aber schon zum ursprünglichen Termin und beginnt ohne seinen Kollegen mit der Messe. Die frommen Frauen, über soviel Hinterlist empört, behindern nun den Fortgang der heiligen Handlung, indem sie dem hohen Priester die Weihegeschenke vor die Füße werfen, ein unerhörter Vorgang.

Als dann Willigis erscheint, hat Bernward das Weite gesucht, und dafür den Bischof von Schleswig und seine Domherren dagelassen. Als Willigis nun das Hochamt abgehalten und dem Kloster den Besitz seines Zehnten bestätigt hat, wird er von der Partei des Hildesheimers an der Kirchenweihe (offenbar mit Gewalt) gehindert.

Zur Klärung der Frage kündigt Willigis eine regionale Synode an, was Bernward veranlasst, nach Rom zu reisen, um bei Kaiser und Papst sein vermeintliches Recht bestätigt zu bekommen, was auch geschieht. Aber eine letzte Entscheidung soll dann auf einer Synode in der sächsischen Pfalz Pöhlde fallen.

Nun wiederum verhindert Willigis das Auftreten der päpstlichen Gesandten und die Verlesung des römischen Begleitschreibens durch die Inszenierung eines Tumultes seiner Gefolgschaft in der Kirche und seine heimliche Abreise. Die Legaten sprechen darauf gegen ihn die Suspendierung vom Amt aus, was er wie sein Anhang ignorieren.

 

Als nächstes wird der zurückgekehrte Hildesheimer Bischof daran gehindert, auf Mainzer Boden ein Kirchenfest in einem ihm gehörenden Stift zu feiern, und als er auf dem Rückweg nach Gandersheim will, überfallen ihn Mainzer und Gandersheimer Krieger. Das Gerangel geht nun von einer weiteren ergebnislosen Synode bis zu einem Konzil von Todi in Umbrien unter Freundschafts-Bekundungen des Kaisers Ottos III. für seinen Hildesheimer Freund und ehemaligen Erzieher und Lehrer. Der Kaiser stirbt aber 1002 und Bernward verliert damit seinen wichtigsten Verbündeten, während die Kanonissen weiter ohne geweihte Kirche leben müssen.

Eine Synode unter Kaiser Heinrich II. schließlich entscheidet 1007 für Hildesheim bei Gegenleistungen des Bischofs. Die Weihe läuft dann endlich so ab, dass die Kirche selbst von beiden Bischöfen geweiht wird, Bernward aber die Weihe der einzelnen Altäre unter Bischöfe seiner Wahl aufteilt, wonach Willigis in feierlicher Rede auf seine Ansprüche verzichtet, um dann als Erzbischof das Hochamt abzuhalten.

Ein Nachfolger von Willigis versucht noch einmal Einfluss auf einen Nachfolger von Bernward zu nehmen, was scheitert, und König Konrad II. bestimmt schließlich und zum Abschluss der Querelen 1028 die Hoheit Hildesheims und die Abtrennung einiger Gandersheimer Grundherrschaften zugunsten von Mainz.

 

Anmerkung 26: Dass der Geschlechtstrieb gerade für den Klerus eigentlich ein gewichtiges Thema wäre, kommt bei Theitmar nur an einer Stelle durch, als er erwähnt, dass der Erzbischof Friedrich von Mainz ein vir abstemius, also enthaltsam sei. (II,35) Das sagt er wohl einmal, weil dieser fromme Mann im Konflikt mit dem König gestanden hatte, wie um ihn zu verteidigen. Andererseits ist aber bezeichnend, dass man das bei einem Bischof überhaupt erwähnenswert findet.

 

Anmerkung 27: Ein Zehntel aller Spenden und ein Zehntel aller Pachtgelder füllen die Armenkasse des Klosters, wozu dann noch einen Monat lang die Lebensmittelzuteilungen eines gerade verstorbenen Mönches kommen. Besonders zur Fastenzeit kommen Arme zum Kloster, um mit Nahrung versorgt zu werden. Am Gründonnerstag werden dann von drei Mönchen den Massen von Armen die Füße gewaschen, getrocknet und geküsst, - Übung in Demut. Diese Armen werden allerdings zum regelmäßigen gemeinsamen Beten parallel zu den Mönchen angehalten, was auch kontrolliert wird. Die schon vom Stifter verfügte Armenfürsorge wird schließlich zunehmend zu einer erheblichen Belastung für das Kloster werden.

 

Der direkte Kontrapunkt dazu ist die Pracht der Ausstattung der Kirche mit den feinsten Altartüchern (Antependien), teuren Kreuzen, von mit Edelmetall und Edelsteinen funkelnden Reliquiaren, goldenen Kerzenhaltern, Heiligenbildern auf Goldgrund und liturgischen Büchern mit hölzernen Einbänden, auf denen Gold und Edelsteine appliziert sind. Was de facto Reichtum demonstriert, soll andererseits die Schönheit und Pracht Gottes widerspiegeln.

 

Anmerkung 28: 

Da die Stiftungsurkunde viel über die damalige Welt und das neue Kloster erzählt, sei hier näher darauf eingegangen.

Für alle, die klar erfassen können, was Gott verfügt hat für irgendwelche Reichen, dass sie, so sie guten Gebrauch von den Gütern machen, die sie vorübergehend (transitorie) besitzen, gute Prämien (praemia) erzielen können, die für immer bleiben (semper mansura); das nämlich, was das Wort Gottes als möglich aufzeigt und jedem rät, wo es sagt: Reichtum des Mannes, Erlösung seiner Seele. (Sprüche 13)

Darum habe ich, Wilhelm, durch Gottes Gnade (dono Dei) Graf und Herzog, indem ich sorgfältig erwog und im Rahmen des Zulässigen Vorkehrung treffen wollte zu meiner Rettung, es für eine gute Tat sowie für absolut notwendig gehalten, einen Teil der Güter, die mir für eine Zeit gewährt wurden (temporaliter collatae sunt), zum Gewinn (emolumentum) für meine Seele herzugeben.

Ich bin in der Tat damit so überhäuft, dass ich nicht vom höchsten Gericht gerügt werden möchte, alles für das Wohl meines Körpers auszugeben, sondern mich eher, wenn das höchste Los mir alles geraubt haben wird, freuen könnte, dass mir etwas davon geblieben ist.


Der Teil, den der Graf und Herzog spendieren möchte, ist sehr wenig gemessen an dem vielen, worüber er verfügt, aber es wird reichen, um das zeitweilig später mächtigste und einflussreichste Kloster der lateinischen Christenheit zu gründen und auszustatten. Die Formulierungen stammen wohl von einem Kleriker in Diensten Wilhelms, der schreibkundig ist und jenen religiösen Kompromiss formulieren kann, der für die fränkischen Herren nach den Völkerwanderungen plausibel erscheint: Man darf erhebliche Macht und großen Reichtum ansammeln, sollte aber mit einem kleinen Teil davon sich einen Platz im Himmel, also im „ewigen Leben“ erkaufen.

Es gilt, nach der Mahnung von Christus zu verfahren: Ich werde mir seine Armen zu Freunden machen, und ich werde einen Entgelt von den Gerechten erhalten“ (Iustorum mercedem accipiam). Also sei allen kundgetan, die in der Einheit des Glaubens leben und die Barmherzigkeit von Christus erwarten, so wie sie aufeinander folgen und leben werden bis zum Untergang des Saeculums (ad saeculum consummationem).

 
Die “Armen“, um die es hier geht, sind nicht die Hungerleider, sondern die absichtlich Armen, Mönche also, die die „Welt“ zugunsten des Reiches Gottes verachten. Der antike Tausch, ich gebe ein Opfer und bekomme dafür etwas zurück, der einen symbolischen Akt gegen eine handfeste Gegengabe setzte, wird eigentlich seit dem frühmittelalterlichen Christentum dadurch verändert, dass das Opfer Jesu, seine Selbstaufopferung, alle weiteren Opfer überflüssig macht. Andererseits heißt es bei Jesus, dass der Besitz (Reichtum) an die Erde bindet und die Seele daran hindert, dem Himmelreich entgegenzustreben. Also ersetzt der Reiche das Opfer durch das Geschenk, mit dem er sich im eigenen Bewusstsein ein Stück Himmelreich erkauft.

Für die Liebe Gottes und unseres Erlösers Jesus Christus übertrage ich die folgenden Güter aus meinem mir rechtlich zustehenden Eigentum aus meiner Herrschaft in die der heiligen Apostel Petrus und Paulus, und das heißt, die Villa von Cluny, die am Fluss Grauna liegt, mit dem Hof (cortile) und dem herrschaftlichen Teil (manso indominicato) und die Maria, der heiligen Gebärerin von Gott, und dem heiligen Petrus geweihte Kapelle, die dort ist, mit allem, was dazu gehört, herrschaftlichen Gebäuden, Kapellen, Abhängigen beiderlei Geschlechts, Weinbergen, Feldern, Wiesen, Wäldern, Gewässern und Wasserläufen, Mühlen, Zugangswegen und Ausfahrten, kultiviert und unkultiviert.

 
Was hier beschrieben wird, ist eine spätkarolingische Grundherrschaft, ein in sich fast autarkes Gebiet, bevölkert (wohl) von einem Verwalter des Grafen und einer Schar offensichtlich bereits in völlige Abhängigkeit von Herr und Scholle geratener Landleute, die mit den „Sachen“ wie eine Sache nun den Herrn wechseln.

Neu daran ist, dass Wilhelm mit seiner Stiftung eine wirkliche Schenkung verbindet: Er verzichtet auf jede Nutzung der Erträge schon zu seinen Lebzeiten. (Wollasch)

Alle diese Güter befinden sich in der Grafschaft Mâcon oder deren Umgebung, und jedes davon ist klar abgegrenzt (terminis conclusae). Alle diese Dinge übergebe ich, Wilhelm mit meiner Frau Ingelberga, den obengenannten Aposteln, zuerst aus (wegen der) Gottesliebe (pro amore die), dann um der Seele meines über mir stehenden (senioris) Königs Odo willen, der meines Vaters und meiner Mutter, für das von mir und meiner Frau, unser Heil von Seele und Körper, und nicht weniger für die Errettung von Avana, die mir die selbigen Güter testamentarisch vermacht hat, und auch für die Seelen der Brüder und Schwestern und unserer Neffen, und aller Verwandter beiderlei Geschlechtes, unserer Getreuen (Vasallen etc), die uns zu Diensten stehen, und dann auch für das Wohlergehen (statu) und die Unversehrtheit (integritate) der katholischen Religion. ...

... Ich bestimme mit dieser Gabe, dass in Cluny ein Regular-Kloster errichtet wird zu Ehren der heiligen Apostel Petrus und Paulus und sich hier Mönche versammeln,, die nach der Regel des heiligen Benedikt leben und die übergebenen Güter in Ewigkeit besitzen, behalten, haben und verwalten, so, dass dort ein verehrungswürdiges Haus (Orationis domicilium) des Gebetes mit Gelübden und Anrufungen gläubig aufgesucht wird. Und dort sucht man und begehrt man mit aller Begierde und heißem Verlangen das himmlische Leben und dort werden Reden, Anrufungen, Anflehungen an den Herrn gerichtet, sowohl für mich wie für alle die, derer oben gedacht wurde. ...

 
„Gedacht wurde“: Das Wort in der Urkunde ist memoria, und sie hat zwei Seiten: Da ist die familia des Grafen/Herzogs, der zu gedenken heißt, eine Familientradition, Genealogie aufzubauen, die die sehr irdische Legitimität des zu vererbenden Familiengutes samt den (Amts)Titeln bewahrt, nicht zuletzt durch die aufgemauerte Form des Klosters. Da ist zudem das Gedächtnis der schon Verstorbenen wie des Königs von (West)Franzien oder der Schwester Avana, die mit Gebeten durch den weiteren Weg ins ewige Seelenheil zu geleiten sind, und da ist die Hoffnung auf das entsprechende Gedächtnis im aufzubauenden Kloster, das den Tod des Stifters und seiner Frau überdauern soll.

 
... Und diese Mönche mit allen oben angesprochenen Gütern sollen unter der Macht und Herrschaft (potestate et dominatione) des Abtes Berno stehen, der ihnen, solange er lebt, nach den Regeln vorstehen soll nach bestem Wissen und Können. Und nach seinem Tod haben die Mönche das Recht und die Macht, als ihren Abt und Rektor einen von ihrem Orden zu wählen, gemäß dem, wie es Gott gefällt und nach der Regel des heiligen Benedikt, unbehindert in dieser religiösen Wahl von unserem Einspruch oder dem der Macht irgendeiner anderen Person. Alle fünf Jahre sollen die vorgenannten Mönche für die Illuminierung des Heiligen Stuhls zehn Solidi zahlen, und sie haben den Schutz der Apostel selbst und des römischen Pontifex.

 

Fast neu ist nicht die Einsetzung des ersten Abtes durch den herrschaftlichen Stifter, der hier einen bewährten und bewährt frommen Mönch aus der Oberschicht wählt, sondern die (baldige) direkte Unterstellung unter die Päpste, die mit dem Lateranpalast abgesprochen sein musste (ihr gilt die symbolische Zahlung). Ein Vorläufer war ein Graf von Roussillon gewesen, der seine Stiftung Vézelay bereits dem Papst unterstellt hatte. Aber wohl wissend, dass der fern ist, kümmerte er sich selbst um dessen Schutz, während Wilhelm, um auch nur den Anschein eines Eigenkirchenrechtes abzulegen, es quasi schutzlos hinterlässt.

 

Neu ist zudem, dass nach dem Tod von Berno die Mönche in freier Wahl, unbeeinflusst von weltlichen Herren und Kirchen“fürsten“, ihre Äbte selbst wählen sollen. Tatsächlich werden die Äbte ihre Nachfolger designieren und das dann anerkennen lassen. Klosterreform nach dem Vorbild von Cluny wird zuallererst heißen, dass der weltliche Einfluss auf die Interna des Klosterlebens zurückgedrängt werden soll: Das mönchische Ideal bekommt wieder einen anerkannten Eigenwert als Inseldasein „in der Welt“. Tatsächlich heißt das auch, dass sich Klöster als große Wirtschaftsunternehmen und Machtfaktoren stärker verselbständigen. 

 

Tatsächlich wird das Kloster auf weltlichen Schutz angewiesen sein, und um ihn zu erlangen, muss man dafür natürlich etwas tun. Aber der Graf und Herzog betont noch einmal, dass...

... die selbigen Mönche weder unter unserem Joch stehen (iugio subiiciantur) noch dem unserer Verwandten noch dem irgendeiner anderen irdischen Macht, auch nicht unter der königlichen Pracht. Ich beschwöre Gott und bei Gott, bei allen seinen Heiligen und in Hinblick auf den Tag des schrecklichen Gerichtes, dass keiner der weltlichen Fürsten, kein Graf, kein Bischof und auch nicht der Pontifex des obengenannten Heiligen Stuhls auf die Güter dieser Diener Gottes, übergreifen darf, sie zerstückeln, verringern, verändern, jemandem als beneficium geben oder über ihnen irgendeine Autorität einrichten darf (Praelatum constituat) gegen ihren Willen.

 
Es folgen Beschwörungen, Verwünschungen, Verfluchungen derjenigen, die es wagen sollten, die Integrität und Autonomie des Klosters anzutasten, was darauf verweist, wie oft damals so etwas geschah. Das (Ver)Fluchen und Verwünschen ist übrigens seit der Spätantike zu einem Monopol des höheren christlichen Klerus geworden und wird vom "christlichen" Adel in seine Sphäre übernommen, was Kirche und Kloster gutheißen, soweit es in ihrem Sinne geschieht.

Wollasch begründet die Befreiung des Klosters aus den Händen des Gründers mit der Erfahrung, dass Erben solcher Gründer die Klöster existentiell gefährdeten. 

 

Vorher noch wird auf eine zweite Aufgabe des Klosters aus der Sicht des Stifters verwiesen, nämlich sein Wunsch,...

...dass ihr euch immer mit höchster Anstrengung, in dem Maße, wie es die Gelegenheit und der Ort ermöglichen, in Werken der Barmherzigkeit gegenüber den Schwachen, den Armen, den Fremden, den Pilgern übt.

 
An sich ist das ohnehin Aufgabe der Klöster, aber für Cluny und die mit ihm verbundenen Klöster wird es eine besondere. Anzumerken wäre, dass es (kriegerische) Gewalt war, auf der der Besitz des mächtigen Stifters beruhte, sei es des ererbten, erheirateten oder eroberten. Kriegerische Gewalt ist auch vonnöten, um ihn zu bewahren.

918 stirbt dieser Wilhelm ("von Aquitanien") und wird in St.Julien de Brioude begraben, dort, wo er Laienabt gewesen ist.

 

Anmerkung 29: Thietmar berichtet, dass die meisten Mönche weinend ihr Kloster verlassen, weil ein Reformabt von außen eingesetzt wird, (VII,13) und bringt ihnen wohl Verständnis entgegen. Über Bischof Gebhard von Regensburg klagen die Mönche von St.Emmeran:

Beste alte Gewohnheiten (culta) hebt er auf, um Neues ist er sehr bemüht. Er verlässt die patria (Trillmich übersetzt: Heimat) mit den ihm Anvertrauten, und Fremdes, mag es auch noch so fern sein, pflegt er mit überflüssigem Aufwand (VI,41).

 

Am Beispiel von St.Benoit bei Fleury an der Loire beschreibt Wollasch nach der Vita Odonis, dass Reform nicht immer notwendig Unterordnung bedeutet.Vom westfränkischen König Rudolf an den Grafen Elisardus übertragen, rief dieser "Odo von Cluny zur Reform nach Fleury. Odo kam, und mit ihm manche Mächtige, darunter Herzog Hugo der Große von Francien. Da steigen die Mönche von Felury auf die Dächer des Klosters und begrüßten die Ankömmlinge mit Steinen und Wurfgeschossen. Eine Delegation des Klosters trat mit Königsurkunden heraus, um zu beweisen, dass Fleury nie einem anderen Kloster unterworfen sein könnte. Odo von Cluny unterlief daraufhin den Angriff, indem er Bischöfe und Grafen, die mit ihm gekommen waren, stehen ließ, nach dreitägiger Verhandlung allein das Königskloster betrat und den Mönchen versicherte: Pacifice veni, adeo ut neminem laedam, nulli noceam, sed ut inccorectos regulariter corrigam. Er tastete nicht den Rechtsstand des Benediktklosters an und wurde schließlich von den Mönchen eingelassen." (in: Investiturstreit, S.286)

 

Anmerkung 30: Überhaupt scheint es mit der stabilitas loci nicht so genau genommen zu werden.

"Der Burgunder Rodulfus Glaber wurde mit etwa zwölf Jahren in das Kloster St.Léger ij CHampeaux aufgenommen, ging von dort nicht ganz freiwillig  weg und fand in Moutier-St.-Jean in der Diözese Auxerre und dann im Kloster St.Germain in dieser Stadt eine Zuflucht (...) Später treffen wir ihn im Kloster von Bèze, dann in der angesehenen Abtei St.-Bénigne in Dijon. Der dortige Abt nahm ihn auf eine Italienreise mit; nach dem Tod seines Gönners wechselte Rodulfus nach Cluny über... (Fichtenau, S.347)

 

Anmerkung 31: Ein Ulrich (Udalric) von Zell beschreibt nach 1079 die strengen Gewohnheiten von Cluny. Da heißt es über die späten Nachtstunden:

Die Pause (nach dem Nachtoffizium) pflegt sinnvoll genutzt zu werden, so dass der Prior des Klosters insgeheim die ganze Klausur durchsuchen kann; er schaut nämlich nach, ob alle Türen der Klausur verschlossen sind; er durchmustert das Dormitorium von einem Ende zum anderen, ebenso die Latrinen. Er geht weiter zum Krankenhaus, um in jeder Beziehung nachzusehen, wie sich die Kranken befinden. Durch die Marienkirche kehrt er in die Klosterkirche zurück. Keinen Altar, an den irgendeiner der Brüder herantreten könnte, lässt er ununtersucht, um nachzusehen, wer dort sei und was er dort treibe. (Nonn, S.138)

 

Anmerkung 32: Im Kapitelsaal versammeln sich nach der Frühmesse die Mönche unter ihrem Abt. Erst ein Gebet, dann die Lesung eines Kapitels aus der Benediktregel, dann werden die Angelegenheiten des Klosters besprochen, wobei der Abt das letzte Wort hat. Hier werden auch Bestrafungen verhängt:

Wenn jemand "aufgrund einer lässlichen Sünde verurteilt wurde, verhängte der Abt eine Prügelstrafe. Nachdem er diese Strafe erhalten hatte, musste er während der Messe ausgestreckt auf dem Boden vor dem Altar liegen. Er wurde von allen Zeremonien ausgeschlossen." Bei schwereren Verstößen wird der Mönch stärker gezüchtigt, dann isoliert, und er muss bei den Messen und Stundengebeten mit verhülltem Gesicht bei der Kirchentür stehen bleiben. (Gleba, S.119)

 

An Werktagen darf das Schweigegebot nur bei der Versammlung im Kapitalsaal und dann später noch einmal für kurze Zeit unterbrochen werden. Die Mönche teilen sich ansonsten mit einer den ganzen Alltag umfassenden Zeichensprache mit, die erst einmal erlernt werden muss.

Mit dem Fleischverbot ist das Essen meist auf Gemüse, Eier, Brot und Käse reduziert. Fisch gibt es an Fastentagen. Die warme Mahlzeit stellen Mönche in der Klosterküche her.

 

Anmerkung 33: Wenn man der Vita (in den MGH) und der Erzählung von Werner Goez folgt, dann war Johannes ein Sohn freier lothringischer Bauern, der es zu einigen Wohlstand bringt, einem Haus in Toul zum Beispiel und mehr. Das ermöglicht ihm, als Erwachsener Schulwissen nachzuholen, wobei er auch mit asketisch lebenden Nonnen in Berührung kommt, die ihn beeindrucken. Er wird Vegetarier und schließlich Eremit in den Ardennen.

 

Er trifft auf den seine eigene Form von Askese lebenden Kleriker und Grammatiklehrer Bernacer aus Toul, und sie ziehen zum Michaels-Heiligtum auf dem Monte Galgano in Nordapulien. Über den Besuch mehrerer namhafter Klöster geht es zurück nach Lothringen. Die beiden tun sich mit einem Touler Archidiakon zusammen, der aus der Kirche in die Einsamkeit geflohen war, einem weiteren reichen Bauernsohn, wobei man gelegentlich in Erdlöchern hauste, und einem weiteren Touler Archidiakon, der seinen Besitz verschenkt und sich zwecks Askese zurückgezogen hatte, und mit anderen mehr.

 

933 erlaubt ihnen der Metzer Bischof, den Betrieb des verlassenen Klosters von Gorze wieder aufzunehmen. Es gibt mehr Chordienst und mehr Gebetszeit als sonst üblich und strenges Einhalten der durch den besonderen Wunsch nach Askese geprägten Gewohnheiten, die sich bald herausbilden. Durch Schenkungen floriert das Kloster, welches wie Cluny und andere zu einer Art landwirtschaftlichem Musterbetrieb wird (Werner Goez). Es gibt Fischteiche, Gehege zur Vogelzucht, Mühlen, eine Saline, Werkstätten. Gorze wird schnell so berühmt, dass der lothringische Herzog von dort Mönche holt, die das altehrwürdige St. Maximin bei Trier reformieren, von wo dann Reformbewegungen durch das ganze römisch-deutsche Reich gehen.

 

Was so ohne adelige Stifter als selbständige asketische Gemeinschaftsgründung beginnt, endet in Frankreich, in deutschen Landen und in Italien im 10./11. Jahrhundert meist in Unterordnung unter die Kirche. Aber zunächst finden hier eben auch nichtadelige und sich aus dem adeligen Kontext heraus begebende Männer ein Ventil für Sinnsuche und Unternehmenslust, für technische und wirtschaftliche Innovation, für neue Karrieren bis hinauf zur Abtswürde und damit verbundener weltlicher Macht unter geistlicher Flagge. Sobald sich kapitalistische Strukturen verbreitern, entwickelt sich darin dann ein neues Feld für Abenteuer und sozialen Aufstieg, manchmal am Anfang ebenfalls von – nun allerdings erzwungener - Askese oder zumindest Sparsamkeit begleitet.

 

Anmerkung 34: Wie drastisch Herrscher dabei durchgreifen und sich über monastisches „Recht“ hinwegsetzen, benennt Thietmar von Merseburg an einem Beispiel: Auf massiven Druck von Otto I. wird die „kaum zwölfjährige“ Hathui aus seiner Familie Äbtissin eines Klosters, fast unmittelbar, nachdem sie – offenbar zu diesem Zweck – den Schleier genommen hatte (Thietmar, II,42). Nun wird von Mädchen im frühen Mittelalter erwartet, recht früh erwachsen zu werden (die dreizehnjährige Godila gebiert einem Onkel Thietmars bereits seinen ersten Sohn IV,39), aber hier handelt es sich dennoch um einen mehrfachen schweren Regelbruch.

Unentwegt werden sowieso benediktinische Regeln gebrochen, wie als um 980, wie Thietmar berichtet (IV,57), ein Polenherrscher die Nonne Oda aus dem Kloster Calbe bei Magdeburg heiratet, immerhin Tochter eines Markgrafen. Sed propter salutem patriae et corroborationem pacis necessariae not venit hoc ad discidium, das Reichsinteresse und die Friedenswahrung lassen die Mächtigen beide Augen zudrücken.

 

Königliche Töchter wie Sophia in Gandersheim machen als Nonnen und dann Äbtissinnen Karriere. Bei Thietmar von Merseburg liest sich das so über Theophanus Töchter: De fructu ventris sui decimas (den Zehnten) Deo obtulit filias suas, I. ad Quidilingeburga Aethelheidam nomine, alteram ad Gonnesheim, quae Sophia dicitur. (IV,10)

Äbtissin Mathilde in der civitas Quedlinburg ist eine Art Regentin für das Reich, als Otto III. in Italien ist (Thietmar IV,41)

 

Anmerkung 35: Der Weg der Familie der Robertiner zum Königtum im 9. und 10. Jahrhundert und schließlich zum Königtum in Familienbesitz führt auch über die Verfügung über Kirchen und insbesondere Klöster. Christentum der Herrenmenschen ist schiere Gewaltausübung und fromme Begleitmusik im sakralen Gesang.

Die Familie der "Robertiner" eignet sich in ihrem Machtbereich eine ganze Anzahl "königlicher" Abteien an, Marmoutier, St. Martin von Tours, St.Aignan in Orléans, St.Germain des Prés und manche andere. Robert ("der Tapfere") sorgt dafür, dass sein jüngster Sohn Robert sie als Laienabt kontrolliert.

Irgendwann vor 888 hatte Odo, der Sohn Roberts ("des Tapferen"), die Verfügung über das Kloster St. Denis gewonnen. Das war bedeutsam, denn als er König wird, verfügt er damit über die Grablege einiger merowingischer und karolingischer Könige. 897 bestätigt ihm der Karolingerkönig Karl den "Besitz" dieses zukünftigen "Nationalheiligtums". Als Odo ein Jahr später stirbt, wird seine Leiche dorthin überführt. Später kommen Hugo ("Magnus") und Hugo ("Capet") dazu.

 

In der zweiten Hälfte des siebten Jahrhunderts stieg Fleury an der Loire mit der Überführung der Überreste des überaus heiligen Benedikt von Nursia aus dem zerstörten Montecassino zu einem bedeutenden Pilgerort auf. In der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts wird Herzog Rudolf, Schwager König Roberts I., Herr über das Mâconnais, zum dem Cluny gehört. Robertiner unterstützen dann die Reform von Fleury durch Cluny und später auch die von St.Denis durch dieselben.

Als sich im Verlauf des 10. Jahrhunderts immer deutlicher Orléans als Hauptort robertinischer Macht erweist, gewinnt auch das rund 35 Kilometer entfernte Fleury an Bedeutung. Ende des Jahrhunderts und Anfang des nächsten sind die Äbte Abbo und Gauzlin enge Vertraute der Könige Hugo ("Capet") und Roberts II., die sie letztlich in ihre Ämter gebracht haben. Abbo reist denn auch in königlichem Auftrag in diplomatischer Mission nach Rom. Robert II. macht schließlich Gauzlin neben seinem Abtsamt auch zum Erzbischof von Bourges.

 

Kirchen und Klöster sind längst schon die größten Grundbesitzer und mit ihrer Macht über die dort ansässigen und arbeitenden Bauern von enormer Bedeutung.

Zum Bündnis mit hohem Adel, Fürsten und Königen sind sie schon deshalb gezwungen, weil sie sich nicht in eigener Regie militärisch verteidigen dürfen. Dabei sind die Begehrlichkeiten groß, an ihren Grund und ihre Kirchenschätze zu gelangen. Andererseits leben in diesen Klöstern im wesentlichen Adelige, von noch höherem Adel geleitet. Daraus entwickeln sich erhebliche Bindekräfte mit Fraktionen der weltlichen Macht.

 

Anmerkung 36: Allerdings: In einer Urkunde Konrads II. von 1025 werden als Zensualen bestätigte ehedem schiere Hörige auch noch als domini ac domine angesprochen werden. (Esders, S.106) Die Benennungen sind noch nicht normiert.

 

Anmerkung 37: Wo dabei der Übergang vom Freien/Herren zum Adeligen stattfindet, ist eine Frage, die die erhaltenen Quellen nicht zu interessieren scheint. Aber es gibt Andeutungen: Immerhin schimpft schon Thegan in der Zeit Ludwigs ("des Frommen") gegen die Unfreien, welche zu hohen Positionen aufgestiegen seien und dann gleich versuchten, ihre niedrig geborene Verwandtschaft durch Verheiratung mit Adligen gesellschaftsfähig zu machen. (GoetzEuropa, S.318) Der Kaiser hat dich zum Freien gemacht, nicht zum Edlen, was unmöglich wäre. (Vita Ludwigs, cap.44) Geadelt wird man danach nicht, sondern einen adeln Ahnen, Besitz und Macht.

Thietmar kann über Erzbischof Tagino lobend schreiben: Er liebte Männer von edler Herkunft und Lebensart (nobiles), ignobiles verachtete er nicht, hatte sie aber nicht in seiner Nähe. (VI,65). Das bleibt so unklar wie seine Nutzung von illustris für besonders hochgestellte Edle.

 

Anmerkung 38: Für den Mönch und Geschichtsschreiber Ademar von Chabannes aus Angoulême sind um das Jahr 1000 in Westfranzien nur duces und comites Adel im Sinne von nobilitas.

Für Fleckenstein spiegelt sich in der Schichtung der Vasallen die Ambivalenz eines entstehenden neuen Adels: Er gehört in der militia zu den Vasallen, "steht aber gleichzeitig über ihnen, da er der Senior seiner Vasallen ist (…)." (S.53)

 

Anmerkung 39: "Hatte der Verstorbene sich nichts zuschulden kommen lassen und hatte er einen erwachsenen Sohn, dann sprach nichts dagegen, diesem das Lehen oder Amt zu übergeben. Es sprach sogar alles dafür, denn das Lehns- oder das Amtsgut war ja in den Jahrzehnten zuvor zusammen mit den Allodien, den Eigengütern, und anderen Lehen bewirtschaftet und verwaltet worden. Es aus diesen gewachsenen Strukturen herauszulösen, war ein schwieriger Vorgang, weil man zumeist über die genauen Grenzen und Gegebenheiten gar nicht Bescheid wusste." (Althoff(5), S.54) Was zunächst nur praktisch ist, wird dann im Laufe der Zeit zur erwarteten Gewohnheit.

 

In den Annalen des Lampert von Hersfeld zu 1071 wird das rückblickend für Flandern zusammengefasst:

In der Grafschaft Balduins und in seiner Familie war es schon seit Jahrhunderten ein durch ein ewiges Gesetz geheiligter Brauch, dass einer der Söhne, der dem Vater am besten gefiel, den Namen des Vaters erhielt, und allein die Würde eines Fürsten von ganz Flandern erbte, die übrigen Söhne aber entweder ihm untertan und seinen Befehlen gehorchend, ein ruhmloses Leben führten oder außer Landes gingen und es lieber durch eigene Taten zu etwas zu bringen versuchten, als sich in Müßiggang und Stumpfheit über ihre Dürftigkeit mit eitlem Stolz auf ihre Vorfahren hinwegzutrösten. Das geschah, damit nicht durch Aufteilung der Provinz der Glanz des Geschlechts durch Mangel an Vermögen getrübt würde.

Unübersehbar ist, in welchem Maße ein Mönch hier adelige Wertvorstellungen bedenkenlos übernimmt.

 

Dabei sah das fränkische Erbrecht bislang die reguläre Erbteilung vor. Diese, und damit die Zersplitterung von Besitz und honores (Titeln) wird vermieden, wenn man "überzählige" Söhne für den geistlichen Stand bestimmt. Oft beginnt das allerdings erst mit dem dritten Sohn, da der erste in gefährlichen Zeiten vorzeitig sterben könnte.

 

Anmerkung 40: In der Historia Welforum, die allerdings vielleicht erst um 1120 entsteht, wird bis in die Römerzeit zurück gegangen werden. Die Staufer führen sich am Ende bis auf Chlodwig zurück. Inwieweit die Herrschaften solche Geschichten selbst glauben, ist eine andere Sache.

 

Anmerkung 41: Der Radius des durch Immunität ausgezeichneten Banngebietes des Klosters Cluny beträgt im 10. Jahrhundert am Ende sieben Kilometer. Außerhalb davon gibt es Burgbezirke mit ihren Vögten. Diese tendieren dazu, sich zu verselbständigen und ihre Eigeninteressen stärker zu vertreten.

 

Anmerkung 42: Arno Borst gibt ein vielleicht etwas übertriebens Bild vom frühmittelalterlichen Krieger:

...der niedere Adel Frankreichs war eine Horde von Draufgängern, die nur Erfolg und Faustrecht anerkannten. Sie paktierten mit Tod und Teufel und überfielen jeden Schwachen. Rücksichtnahme war Feigheit, der tapferste Gegner wurde ohne jede Ritterlichkeit rabiat niedergehauen. Neben dem Raubkrieg war der Lieblingssport dieser Frischluftfanatiker die Hetzjagd auf Großwild... Das Geraubte und Erjagte gab man mit vollen Händen wieder aus; knausern mochten die Schwächlinge, die selber arbeiteten. Keuschheit und Zucht galten gleichfalls als Geiz; die engen Holztürme, in denen sie wohnten, wimmelten von unehelichen Kindern und niemand schämte sich ihrer. Das Leben im Turm spielte sich in lärmendem Gedränge ab. Man saß dicht nebeneinander auf langen Bänken und griff sich das Fleisch aus der Schüssel mit den Fingern; was übrigblieb, schnappten die Hunde, oder es fiel ins Stroh, das den kalten Boden deckte. Lesen und Schreiben konnten die Herren selten. Höchstens ließ sich einer vorlesen von gewaltigen Recken, die waren, wie er es sich wünschte, muskelstark, tollkühn, von unerschöpflichem Appetit. Man war eher abergläubisch als fromm; die Frauen wurden wenig geachtet und viel geschlagen. (Borst, S.219f)

 

Anmerkung 43: Schon 762 verpflichteten sich unter der Führung des bedeutenden Bischofs Chrodegang von Metz in Attigny "44 fränkische Bischöfe und Äbte dazu, im Todesfall eines Verbrüderten je 100 Messen zu lesen oder 100 Psalmen zu singen, und ähnliche >Vorsorgen< unter Bischöfen durchziehen noch den gesamten Zeitraum." (GoetzEuropa, S.246) 200 Jahre später gilt das dann auch für den Stifteradel.

 

Besonders hervor tut sich dabei Cluny insbesondere dann im 11. Jahrhundert, wo  viele Priester an zahlreichen Altären fast unentwegt Messen für die Toten lesen. Da derartige Memorialstiftungen oft mit Armenspeisungen verbunden werden, kann das Kloster dabei an die Grenzen seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit kommen.

 

Anmerkung 44: Hagen Keller beschreibt anhand eines Diploms Ottos ("d.Gr.") von 969 die Dimensionen des Besitzes eines solchen Hochadeligen namens Ingo. Diesem fidelis bestätigt der Kaiser Besitz in Grafschaften von Bulgaro, Lomello, Pombia, Mailand, Ivrea, Pavia, Piacenza und Parma. Dazu gehören wenigstens 10 Herrenhöfe (curtes, meist mit einem castrum versehen, "darunter eine curtis cum castro in derr Stadt Novara selbst." (Oberitalien, S. 254). In der Urkunde wird Ingo samt Söhnen weitgehende Immunität gewährt, was Abgaben und Gerichtsbarkeit betrifft.

Von einem dieser Herren ist das Privileg erhalten, beim Kastell Jahrmarkt abzuhalten, ohne dafür selbst Abgaben zu zahlen. Wenige Jahre später taucht Ingo dann als miles des Novareser Bischofs auf, wie eine Generation später einer seiner Söhne. Vermutlich hat ihm der Bischof Land verliehen/verpachtet, um sich seiner Treue zu versichern.

 

Anmerkung 45: Die Briten, durch die Angelsachsen auf das spätere Wales reduziert, werden von diesen als Grenzbewohner bezeichnet, was sie dann auf Lateinisch zu Wallenses macht. Sie besitzen in groben Zügen eine gemeinsame keltische Sprache und viele "Könige", die man zunächst besser als regionale Häuptlinge bezeichnen sollte. Ihr rudimentäres Christentum erlaubt ihnen das Konkubinat mit mehreren Frauen, die Gleichstellung aller Kinder, die leicht zu erreichende Ehescheidung und manches mehr. Sie werden dann im späten Mittelalter durch weitere Christianisierung und sonstige Überfremdung verändert, schließlich durch Eroberung und Anglisierung unter eine gemeinsame (englische) Verwaltung gebracht, die sie zunächst eher als französisch bezeichnen.

Die gälisch sprechenden Leute von Alba, dem Zentrum des späteren Schottland, die Albanaic, werden von außen und lateinisch als Scotti bezeichnet. Mit der Übernahme anglonormannischer Machtstrukturen durch ihre Könige und immer größere Kreise der zum Teil aus dem Süden einwandernden Oberschicht und die damit verbundene Ausweitung des Reiches wird Scocia zu dem Namen, den sie dann selbst ihrem Land geben.

 

Anmerkung 46: Wenn im 10. Jahrhundert zunächst aus dem damaligen Sachsen und dann auch dem damaligen Franken heraus geherrscht wird, dann auch deshalb, weil Alemannien und Bayern alte Königsherrschaften sind, als deren Erben nun Herzöge auftreten. Das wird sich erst gegen Ende des Jahrhunderts und dann besonders im nächsten ändern. Bis dahin behalten sich beide Herzöge viele königliche Rechte vor. Dabei vertreten sie nicht irgendwelche Stammesrechte, sondern die Interessen ihrer Familien, was besonders dort deutlich wird, wo es weder alemannische noch bayrische Große mehr sind, die dort herrschen, sondern Mitglieder der Königsfamilie, die so versorgt werden.

 

Aber es gibt ein Gemeinsamkeits-Gefühl zum Beispiel der Sachsen, deren Oberschicht deutlich die Fremdheit der Griechin und Kaisergemahlin Theophanu bemerkt. Und immerhin taucht bei Thietmar (selten) auch die patria für das ostfränkische Königreich auf, und außerhalb ist man extraneus.

Leider erfahren wir von solchen Gemeinschafts-Bindungen der Masse der produktiven Bevölkerung kaum etwas in Texten, da diese sich für sie kaum interessieren.

 

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Anmerkung 47: Beispielhaft dafür ist die de molinis (...) ratio der Statuten des Klosters Corbie:

Erstens, dass einem jeden Müller ein mansus und sechs Tagwerk an Land (ex bonuaria de terra) gegeben werden; weil wir wollen, dass er etwas hat, aufgrund dessen er das, was ihm zu tun befohlen wird, tun kann, und er jenes Mahlen gut und richtig macht: dass heißt, dass er Ochsen und anderes Vieh hat, mit denen er erarbeiten kann, wovon er und seine ganze Familie leben können; er soll Schweine, Gänse und Hühner füttern, die Mühle in Ordnung halten und alles Bauholz heranbringen, das zum Ausbessern jener Mühle dient, die Schleuse ausbessern, Mühlsteine heranbringen und alles, was eben dort nötig zu haben oder zu tun ist, soll er er haben und tun können. Und gleichermaßen wollen wir nicht, dass er irgend einen anderen Frondienst tut: weder mit dem Karren noch dem Pferd, er soll keinen Handdienst leisten, nicht pflügen, nicht säen, kein Getreide oder Heu einbringen, kein Getreide malzen, keinen Hopfen und kein Feuerholz zinsen oder sonst irgendetwas für die Herrschaft verrichten, sondern er diene ausschließlich sich und seiner Mühle. (...) Das, weil nämlich 2000 Scheffel Mehl von den Mühlen zu unserer Verfügung zum Kloster kommen müssen (... in: Kuchenbuch, S.115f)

 

Anmerkung 48: Guy Bois hat für Weiler in der Nähe von Cluny im Mâconnais herausgefunden, dass die Sklavenfamilien gegen Ende des 10. Jahrhunderts dort noch etwa 15% der Gesamtbevölkerung ausmachen. Sie gehören den wenigen Familien freier Bauern, die mehr als zwei und manchmal sechs oder sieben "Bauernstellen" besitzen, was gewährleistet, dass sie nicht mit ihren eigenen Händen arbeiten müssen. (Bois, S.36ff).

 

Anmerkung 49: Zwischenstufen bilden u.a. auch die wohl aus dem Besitz des römischen Fiskus über den fränkischer Könige hervorgegangenen norddeutschen Liten, die in Süddeutschland Barschalken heißen. Sie sind rechts- und vermögensfähig und insofern frei, andererseits aber dienst- und zinspflichtig und an die Scholle gebunden. Der Schalk ist in dem Wort ein Knecht.

 

Anmerkung 50: Ein Arleius verkauft in der Nähe von Cluny einen Teil seines Erbes an das Kloster für 17 Solidi, erhält aber nur 7, da er dort bereits mit 10 Solidi verschuldet ist.  Ein Richelmus verschenkt seinen gesamten freien Besitz dem Kloster, 19 Parzellen, von denen er 9 von Kleinbauern erworben hatte (Bois, S.64f).

 

Anmerkung 51: In einer Prozessionsordnung der Abtissin von Schildesche in Westfalen heißt es 939:

Wir verordnen, dass ihr jährlich am 2. Pfingsttag unter dem Beistand des hl.Geistes den Patron in euren Pfarrdistrikten in langer Prozession herumtragt, eure Häuser reinigt, statt des heidnischen Flurumgangs unter Tränen und Hingebung selbst trauert und zur Labung der Armen Almosen einsammelt. Auf dem Klosterhof sollt ihr dann übernachten und über den Reliquien feierlich Nachtwache halten und singen, so dass ihr am besagten Tage frühmorgens den von euch beschlossenen Umgang durch fromme Fahrt beendet (... in: Goetz, S.140) Damit soll in nun christlicher Weise reichere Ernte und gutes Wetter beschworen werden.

 

Anmerkung 52: Schon das "Aachener Konzil von 816 bestimmte, an jedem Dom sei ein Kanonikerkolleg einzurichten, zu dessen Pflichten u.a. auch die Pflanzung und der Unterhalt eines Weinbergs gehörte." (Gilomen, S.41)

 

Anmerkung 53: Dabei war den germanischen Rechtsvorstellungen die Eheschließung eine "Privatsache" der betroffenen Familien, die sich in der Verehelichung ihrer Kinder miteinander verbanden. Diese Verbindung betraf Eigentum, Machterweiterung, Ansehen, gegenseitige Hilfeleistung und andere praktische Erwägungen. Darum tendierten Eheschließungen zunächst zu einer gewissen Endogamie, die Kinder sollten im engeren oder weiteren Verwandtschaftskreis verheiratet werden, damit der Besitz in möglichst engem Rahmen zusammengehalten wird.

 

Anmerkung 54: Wie komplex sich das Zusammentreffen von Christentum und Germanen auswirkte, lässt sich an Vorstellungen erkennen, wie sie das Gesetzeswerk des Liutprand in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts für langobardische Frauen festlegte. In seinem Kapitel 204 findet sich einerseits die Bestimmung, dass die Frau ihr Leben lang im mundium, der germanischen munt des Mannes verbleibt, also des Vaters, des Ehemannes, danach des Sohnes. Das heißt aber auch, sie ist frei über ihren freien Vater und Mann. Sie bleibt aber immer unter der rechtlichen Vormundschaft des einen oder anderen.

Andererseits muss der zukünftige Ehemann ihr vor der Hochzeitsnacht Geschenke machen, und auf die Hochzeitsnacht folgt die „Morgengabe“ von einem Viertel seines Eigentums. Die rechtliche Ohnmacht wird also durch erhebliche wirtschaftliche Macht kompensiert. Diese quarta wird im Süden Italiens bis in die Neuzeit hinein erhalten bleiben als germanisches Element einer Stärkung der weiblichen Situation. (Jean-Pierre Martin, Les Lombards, derniers barbares du monde romain. www.clio.fr./BIBLIOTEQUE/les-lombards-derniers-barbares-du-monde-romain.asp.)

 

Anmerkung 55: In Rom zum Beispiel werden noch im zehnten Jahrhundert ein Drittel der überlieferten (Oberschicht-)Leute matronym benannt, wie Crescencius de Theodora, Stephan de Imiza, Gregorius filius Maroze senatrix. Das mag allerdings auch etwas damit zu tun haben, dass es sich dabei um besonders machtvolle Frauen handelt.

Aber diese weibliche Rolle geht wohl schon im Verlauf des 10. Jahrhunderts zurück. Männlich bezogene Zunamen nehmen dabei zu. Zwar entspricht der weibliche Erbteil zunächst noch in etwa dem männlichen, aber in großen Teilen Italiens des 11. Jahrhunderts geht er bereits zurück, im 12. Jahrhundert noch stärker. Dabei werden die Mädchen auf die Mitgift und die Gabe des Bräutigams (dos) als Hälfte der Mitgift zurückgeworfen. Die Verfügung über Land gelangt immer mehr in männliche Hände. Damit wird im Laufe der Zeit auch das öffentliche Auftreten von Frauen geringer werden.

 

Anmerkung 56: Wieweit die Kirche damit bereits in königliche Familien hineinregiert, zeigt der frühe Fall von König Lothar II., der mit der hochadeligen Thietberga verheiratet ist, die kinderlos bleibt, während er gleichzeitig ein Verhältnis zu seiner Friedel Waldrada hat, von der er einem Sohn bekommt. Nach Jahren gelingt es ihm 862, seine Ehe auf einer Synode zu Aachen für ungültig erklären zu lassen, da er die Ehefrau der Blutschande bezichtigt. Thietberga appeliert an den Papst, der 865 den König zwingt, Thietberga wieder als Gemahlin anzunehmen und Waldrada exkommuniziert. Die Scheidung wird dann am Ende hingenommen unter der Bedingung, dass beide Partner fürderhin ehelos leben.

 

Anmerkung 57: „...a donation made by the Marchesa Willa in 978 to the Florentine monastery known as the Badia shows that one third of an estate at Signa in the Arno valley only a few miles from the city was uncultivated; at another estate in the same region, the proportion of waste was five-eighth, while at Bibbiano in the Valdelsa, near the boundaries of Florentine territory, the uncultivated part of the estate was ten times the area where grain, vines and olives were grown.“ (Hythe, S.25)

 

Anmerkung 58: Unterschieden werden von den spanischen Historikern communidades de valle (Talgemeinden) in den Bergen mit Streusiedlung und Viehzucht und größeren  Verwandtschafts-Verbänden und daneben enger zusammensiedelnde comunidades de aldea (Dorfgemeinden) mit Zwei-Generationen-Einheiten aus Eltern und Kindern und deutlicherer territorialer Abgrenzung. Im 10 Jh. bestehen sie wohl in der Regel überwiegend aus kleinen produktiven Subsistenz-Einheiten Der Terminus ist villa, von der ganz anderen römischen villa abgeleitet, manchmal auch locus.

 

Anmerkung 59: In einem Beispiel von vor 1025 hat die villa von Maroxo mit dem Land eine Ausdehnung von 650 ha und die elf Höfe durchschnittlich eine von etwa 60 ha.

 

Anmerkung 60: Zu Alfons (Adefonsus) III. heißt es:

(...) vicos et castella erexit et civitates munivit (befestigt er) et villas populavit atque eas certis limitibus firmavit et terminis certis locavit (und begrenzt sie) et inter utrosque abitantes divisit. (in: López Alsina, S.210)

 

Anmerkung 61: In den leonesischen Gesetzen von 1017 heißt es: "im Fall dass einer durch einen anderen verletzt wird, muss der Agressor dem Sayonen ein Quantum (canadilla) Wein und außerdem den Schaden beseitigen, wenn er aber nicht vor dem sayón erscheint, genügt eine Entschädigung für die Verletzung." (Godoy, S. 64.)

Andererseits findet ein Eigentumskonflikt 946 seinen Abschluss in einem Dokument, laut dem beide Parteien am Ende die Gerichtskosten (iudicatos) an den Richter, den Sayonen und einen vermittelnden Priester zahlen müssen (Godoy, S.63)