Stadt 5: STADT IM NORDEN 12.JH. BIS 1250

 

Flandern

Zuzug

Bischofsstädte in deutschen Landen

Weltliche Stadtgründungen (Zähringer, Staufer, Welfen)

Festungsstädte

Stadtgründungen im deutsch werdenden Osten

Frankreich

England

Von den Gemeinschaften zur Gemeinde (Gesellschaften, Zünfte, Vereinigungen der Händler)

Aufgaben und Rechte der Bürger (Abgaben)

Städtische Oberschicht

Stadträte

Regensburg

Freiheit?

Die Stadt als Wirtschaftsraum im hohen Mittelalter

Proletarisierung

Wurzeln des Kapitalismus?

 

 

Flandern

 

Kerne der flämischen Städte sind einmal Abteien und zum anderen gräfliche Burgen, die Burggrafen verwalten. Neben die Burgstadt tritt die davon eher unabhängige Kaufmanns- und Gewerbestadt.

 

Die fortgeschrittenste, dichteste und urbanisierteste (Stadt)Landschaft neben Nord- und Mittelitalien bietet im hohen Mittelalter Flandern. Zwei Faktoren werden wichtig: Der um 1100 einsetzende Rekurs auf die hochwertigere englische Wolle statt der von den flämischen Abteien hergestellten minderwertigen, der Ypern, Douai, Gent und Brügge zu herausragenden Zentren der europäischen Tuchproduktion macht. Zum anderen der Handelsweg von Brügge nach Köln und dann in alle Welt, der im 12. und 13. Jahrhundert systematisch ergänzt wird durch den ausgebauten Zugang Brügges zum Meer und den Seehandel.

Durch den hohen Wasserstand des Meeres und eine Sturmfliut 1134 erhält Brügge einen Meereshafen. Es wird zum Zentrum des Handels des Kontinents mit England. Die in Flandern zu Tuchen verarbeitete englische Wolle wird von hier als feine Tuche wieder nach England oder auch in andere europäische Gegenden exportiert. Zudem ist es Sitz der flämischen Grafen.

Ein erster Kanalring parallel zur Stadtmauer, aus dem Wallgraben hervorgegangen, ist von Kais gesäumt und dient dem Warentransport.

 

Die Tuchproduktion scheint sich früh in das Verlagswesen einerseits und das Unternehmertum reiner Tuchfabrikanten aufgeteilt zu haben. Die starke Stellung dieses Produktionszweiges scheint sich dann darin auszudrücken, dass das flämische Kapital sich um 1250 von den Champagnemessen zurückzieht und die Händler zu Hause empfängt.

 

Die Macht in Flandern ist Anfang des 12. Jahrhunderts geteilt zwischen dem Grafen, der Ritterschaft und der bürgerlichen Oberschicht der Städte. Letztere ist durch Schöffen (scabini) vertreten, die von der Eidgenossenschaft der Bürger eingesetzt werden, und deren Kollegium dann auch als Stadtrat fungiert.

 

Diese Schöffen setzen sich 1127/28 nach der Ermordung Karls des Guten für die Wahl eines elsässischen Grafen zum neuen flämischen ein, in der berechtigten Hoffnung, dass dieser ihre wirtschaftlichen Interessen unterstützen und die gräfliche Macht in diesem Sinne stärken würde. Nach dem Ende der Elsässer in Flandern 1191 treten die Schöffen auch nach außen wie gegenüber England als Gemeinschaft auf, als scabini Flandriae.

 

Eine Besonderheit in Flandern und Nordfrankreich wird die Repräsentanz bürgerlichen Selbstbewusstseins nicht nur im immer prächtigen Rathaus, sondern in einem möglichst hohen und mächtigen Stadtturm, dem Belfried oder beffroi, wie er um 1240 am Brügger Marktplatz entsteht.

 

In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts kontrollieren in Gent 39 Familien die Stadt, als 13 Schöffen, 13 Ratsmitglieder und 13 ledige. In Brügge werden die Schöffen aus den Führungskreisen der lokalen Hanse ausgewählt, damals eine reine Händlervereinigung. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts können dann auch Leute der Mittelschichten in die Hansa und damit in die Stadtpolitik aufsteigen. In Gent sind es vor allem Weber und Tuchwalker, die immer offensiver politische Teilhaberschaft verlangen. Dort wie in Brügge werden Aufstände niedergeschlagen.

Bis dahin arbeiten Grafen und städtische Oberschicht Hand in Hand. Als dann König Philipp der Schöne versucht, die flämischen Grafen auszuschalten, um Flandern seiner Krondomäne einzuverleiben, verbündet er sich mit der städtischen Oberschicht, während der Graf sich an die kleinen Leute, das heißt die entstehenden neuen Zunfteliten und aufstrebende Krämer hält. In letzterem Bündnis entsteht der flämische „Patriotismus“, der sich erst gegen Frankreich und später gegen Habsburg wenden wird. Mit dem Sieg der städtischen Milizen bei Koortrijk (Courtrai) wird dann das politische Monopol des Großkapitals zugunsten des gehobenen Handwerks und Kleingewerbes aufgebrochen.

 

Zuzug vom Lande

 

Mittelalterliche Städte verdanken ihre Bevölkerung und deren Wachstum vor allem dem Zuzug vom Land her. Diese ist von seiten der städtischen Herrenschicht grundsätzlich erwünscht, enthält aber das Problem, dass den Herren auf dem Lande dabei Leute entlaufen. Also wird Recht draußen und in der Stadt berührt. In ihr wird zum Beispiel für Freiburg vom Zähringer ein Zuzugsrecht aller eingeräumt, die keine Hörigen sind, und nach Jahr und Tag erhalten sie die dort üblichen bürgerlichen Freiheiten, wobei Friedrich Barbarossa dies Recht für Augsburg eingrenzt auf die, die dort dann ein Haus besitzen.

Von außen gesehen geschieht der Zuzug rechtlich abgesichert nur dort, wo der Landbevölkerung entsprechende Freiheiten zugestanden wurden, was nördlich der Alpen später als südlich davon geschah. Ansonsten kann von Landflucht gesprochen werden, die in vielen Dokumenten beklagt wird, in denen Strafen auf Flucht a iugo servitutis, aus dem Joch der Knechtschaft formuliert werden, wie in einer Urkunde des Bischofs Dietrichs III. von Münster von 1224, der beklagt, dass nämlich ihr gehörende Leute (ei perinentes) mit schlauer List sich in andere Gegenden absetzen und, nachdem sie sich in Städten (in oppidis) eine Behausung (domicilium) besorgt haben, in die Freiheit ausbrechen (se frangant in libertatem), obwohl sie doch in Hörigkeit gehalten werden (proprietatis iure tenentur)... (Nonn, S.55).

 

Für Münster war schon vorher, um 1210, festgelegt worden: Wer im Weichbild ein Jahr lang gewohnt hat, ohne dass ihn jemand als Hörigen beansprucht hat, der soll zu den Freien gerechnet werden. Und: Die Bürger werden niemanden als ihren Bürger aufnehmen, der einem Herrn untersteht, welcher dagegen Einspruch erhebt. Und noch deutlicher: Wenn aber vor Ablauf eines Jahres und sechs Wochen sein Herr ihn ausfindig macht und ihn zu Recht der Unfreiheit überführt, soll er ohne Rückerstattung der Pfennige, die er gezahlt hat, vom Bürgerrecht ausgeschlossen werden. (Engel/Jacob, S. 35)

Bürgerrecht ist also Freiheit, in die man sich einkaufen muss, was man nur darf, wenn man weit genug weg von einem Herrn geflohen ist, schon frei ist oder aber freigelassen wurde.

 

Solche Zuzugsregelungen setzen sich auch anderswo durch. Ein frühes Beispiel in England sind die Gewohnheiten von Newcastle upon Tyne von etwa 1135, in denen eine entspechende Jahr- und Tagregelung auftaucht (Carpenter, S.44)

 

Städte wachsen im Mittelalter wohl ausschließlich über den Zuzug vom Land. Dort wächst die Bevölkerung bis in die Zeit um 1300 relativ kontinuierlich an. Was die Leute im Einzelnen in die Städte treibt, ist bis tief ins späte Mittelalter wenig dokumentiert, lässt sich aber teils erschließen, teils vermuten. Mit dem Wachstum der ländlichen Bevölkerung mangelt es trotz Ausbaus der nutzbaren Flächen bis kurz nach 1300 ständig mehr Leuten an Land. Sie gehen dorthin, wo die Chancen auf besser bezahlte Lohnarbeit zumindest besser sind. Städte bieten zudem mehr Raum für wenigstens bescheidene Karrieren und liefern auch mehr rechtlichen Spielraum dafür. Städte bieten mehr Ernährungssicherheit, überhaupt, ist man erst einmal gut untergekommen, auch tendenziell qualitativ bessere Ernährung.

Zu vermuten ist daneben, dass auch das größere Amüsierangebot der Städte eine Rolle spielt, von den Festivitäten über mehr Gastronomie bis zu den Bordellen, und in größeren Städten beginnt wohl auch schon der Reiz der Anonymität mit dem Abschütteln eines Teils der Kontrolle durch die Umgebung um sich zu greifen. Wer es zu etwas Geld bringt, kann sich zudem dem Faszinosum eines örtlichen Marktes in unmittelbarer Nähe hingeben.

 

Deutsche Bischofsstädte

 

Hildesheim: Im 12. Jahrhundert wird ein neuer, bürgerlicher Stadtteil unter dem bischöflichen Herren angelegt. 1196 gründet  der Bischof mit dem Moritzstift direkt daneben auf dessen Boden die Dammstadt mit flämischen Siedlern.

Vor 1223 werdendie neuen Stadtteile zur Altstadt, als südlich davon noch planmäßiger unter der Aufsicht des Domprobstes eine Neustadt dazu kommt. Beide sind mit einer Pfarrkirche ausgestattet und beide jeweils ummauert und schließlich mit einem eigenen Rat ausgestattet.

Noch im 13. Jahrhundert werden dann alle Stadtteile mit einer gemeinsamen Mauer umgeben, was ihr Zusammenwachsen fördert, wobei sie aber getrennte Rechtsräume bis ins 16. Jahrhundert bleiben, wo dann 1583 ein gemeinsamer Stadtrat eingesetzt wird. Die Dammstadt allerdings wird 1332 als mächtige Konkurrenz vor den Toren vernichtet.

 

Aber die Regel ist bis tief in die Stauferzeit hinein der Konsens und nicht der Konflikt. An einem Punkt alleine schon macht das Gerold Brönnen deutlich: "Die baulichen Großprojekte wie der Wormser Dom, errichtet etwa zwischen 1125 und 1181, sind, wie durch Inschriften bezeugt wird, Gemeinschaftsleistungen der gesamten Stadt und der Region unter erheblicher Beteiligung der ministerialischen Führungsschicht, gefördert durch das staufische Königtum und bruderschaftliche Organisationen." (in 'Verwandlungen', S.100)

 

Bischofsstädte haben mit ihren Diözesen quasi Territorien vorgezeichnet, und bei Erzbistümern sind das riesige Gebiete, wie zum Beispiel in der 'Vita Arnoldi' für Mainz deutlich wird: Denn der Mainzer Stuhl ist sowohl berühmt wegen seiner Suffraganbistümer als auch der edelste wegen seiner Fürsten und der reichste an Menschen und Gütern, sowie an Macht und Gewalt der umfangreichste. Ihm gehorchen nämlich Sachsen und Thüringen, Franken und Hessen, Schwaben, Böhmen und Mähren. (In Staufer und Italien, S.25) Edel, reich, Macht und Gewalt verweisen auf das künftige Kurfürstentum.

 

Weltliche Stadtgründungen

 

Aus einem klassischen karolingischen Pfalzort entwickelt sich eine Handelsstadt Frankfurt. Unter Kaiser Friedrich I. gewinnt sie noch einmal an Bedeutung, 1140 wird sie zum ersten Mal als oppidum bezeichnet und erhält dann Münze (1194 erstmals erwähnt) und die Herbstmesse. Gegen Ende des Jahrhunderts erhält die Stadt eine neue Mauer. 1240 privilegiert Friedrich II. zusätzlich die Frankfurter Herbstmesse.

 

Einige Besonderheiten hat die Gründung von Uelzen. Südlich von Lüneburg entsteht Ende des 10. Jahrhunderts ein Kanonissenstift, welches 1130 in ein Benediktinerkloster umgewandelt wird und dem Bischof von Verden untersteht. In dessen Nähe entsteht eine Siedlung, die den Namen Ullessen hat.

Erst im 13. Jahrhundert gibt es Dokumente, die einen Markt und eine Mühle erwähnen und Abgaben, die von den Bewohnern an den Bischof zu entrichten sind. Um 1260 kommt es dabei zu Konflikten zwischen den Bürgern und dem Abt, der sich dann mit den consulibus civitatis Ullensis, also dem Rat, über Details der Marktordnung einigt. Kurz darauf ziehen die Bürger aber auf die andere Seite des Flusses und gründen unter Aufsicht des Grafen von Schwerin Uelzen, welches dann bald bald an den Herzog von Braunschweig-Lüneburg fällt. Inzwischen ist es ganz der klösterlichen Aufsicht entzogen. (Nach Sven Rabeler in: Konsumentenstadt, S. 101ff)

 

****Zähringerstädte****

 

Zu solchen aus sich heraus heranwachsenden Städtchen kommen besonders im 12. Jahrhundert planmäßig gegründete oder besiedelte weltlicher Großer wie Heinrichs des Löwen oder der Zähringer, die für ihr Umfeld nicht mehr Komplexe von Grundherrschaften, sondern ein städtisches Umfeld zum „Residieren“ verlangen. Neugründungen werden mit besonderen Bürgerrechten ausgestattet, so wie die Neubesiedlung ländlicher Gebiete mit Bauern diesen besondere Freiheiten zugesteht.

 

1120 kommt es so zur Gründung von Freiburg im Breisgau, der planmäßigen Verstädterung einer Gewerbesiedlung am Fuße der Adelsburg auf dem Schlossberg. „Ihr wurde im Westen eine breite Marktstraße vorgelagert mit Hofstätten von fünzig auf hundert Fuß, etwa sechzehn auf zweiunddreißig Metern, auf denen die neu zugezogenen Kaufleute ihre Häuser errichten sollten.“ (KellerBegrenzung, S.256)

Die Gründungsurkunde weist die Stadtgründung als Marktgründung aus:

Hiermit sei allen jetzt und in Zukunft kundgetan, dass ich, Konrad, im Jahr der Fleischwerdung des Herrn 1120 auf dem Gebiet meines eigenen Rechtes, und zwar in Freiburg, einen Markt (forum) gegründet habe. 1. Nachdem von überall her Kaufleute herbeigeholt wurden, habe ich beschlossen, diesen Markt aufgrund einer Schwureinung (coniuratione) ins Leben zu rufen und auszubauen. 2. Dann habe ich in dem neu ausgewiesenen Marktbereich jedem einzelnen Kaufmann (mercator) ein Grundstück zur Errichtung seines Hauses nach eigenem Recht zugewiesen. 3a. Und ich habe festgelegt, dass mir und meinen Nachkommen von jedem einzelnen Grundstück am Fest des seligen Martin ein Schilling gültiger Münze als Jahreszins zu entrichten ist. 3b. Die Grundstücke sollen jeweils hundert Fuß lang und fünfzig Fuß breit sein. 4. Ich verspreche allen, die meinen Markt aufsuchen, Frieden und freies Geleit in meinem Macht- und Herrschaftsbereich (potestas etregimen). Wenn jemand von ihnen in diesem Gebiet ausgeraubt wird und den Täter namhaft macht, werde ich die Rückgabe veranlassen oder selbst für den Schaden aufkommen. (etc., siehe weiter unten, in:Quellen Stadt, S.124f).

 

Deutlicher als anderswo wird hier, dass Städte primär aus ökonomischen Interessen entstehen und ein Bürgertum sich aus solchen Interessen von Machthabern herleitet. Wo es sich von Mächtigen lösen kann, wird es deren Interessen letztlich zu den eigenen machen. Aufblühen wird die Stadt über den Silberbergbau im Südschwarzwald und den Handel. 26 Jahre nach der Gründungsurkunde sind bereits Stadtmauern, eine Kirche und ein Hospital belegt. Ein eigentliches Stadtrecht wird dann für Freiburg erst 1218 fixiert, als die Stadt an die Grafen von Freiburg übergeht und später an die Habsburger.

Daneben gründen die Zähringer auch Freiburg im Üchtland und Bern und bauen ländliche Siedlungen wie Villingen, Offenburg oder Neuenburg/Rhein aus, die allerdings erst nach ihrem Aussterben 1218 vollgültige Städte werden.

 

Solche geplanten Städte, von Fürsten gegründet, die Grund und Boden zur Verfügung stellten, haben von vorneherein einen anderen Charakter als die alten Bischofsstädte. Um Neubürger anzulocken, werden ihnen mehr Rechte zugestanden, die Gründung war "auf eine >verfasste< Gemeinde orientiert." (KellerBegrenzung, S.339) Die Privilegien im Gründungsakt, im Zusammenspiel von Gründer und vornehmerer Kaufmannsschaft verfasst, gelten nun von vorneherein für alle Bürger, wodurch Gemeinde von vorneherein konstituiert ist.

 

****Stauferstädte****

 

Nach dem Investiturstreit ist die Krise staufischer Herrschaft nach Friedrich I. der zweite Raum, in dem sich bürgerliche Rechte und bürgerliche Politik freier entfalten können. „Freie Städte“ entstehen mit den Bischofsstädten entlang des Rheins von Köln bis Basel, mit Augsburg und Regensburg im Südosten. Dabei sind die Staufer aus Eigeninteresse ausgesprochene Förderer des Städtewesens und bürgerlichen Wirtschaftens, nur wollen sie die Hoheit insbesondere über ihre eigenen Reichs-Städte nicht aus der Hand geben, indem sie dort den Schultheißen einsetzen und das Schöffenkolleg kontrollieren. Insgesamt entstehen in der Stauferzeit mehr neue Städte in deutschen Landen als je zuvor.

 

Eine Besonderheit insbesondere der Stauferzeit werden die sich ausbreitenden königlichen Pfalzstädte insbesondere in der staufischen Königslandschaft wie Hagenau, Gelnhausen, Kaiserslautern, Wimpfen, Eger. Zwar sind sie keine eigentlichen Residenzen, aber doch ausgedehntere Burgen, von Ministerialien besetzt, die von dort Königs- bzw. Reichsgut verwalten. Von ihnen aus halten die Könige zunehmend Hof, wobei das Gefolge in der darum entstehenden Stadt untergebracht wird. Getragen wird die Pfalz durch Einkünfte aus der Stadt und den Grundherrschaften des Umlandes.

 

Ein Musterbeispiel ist Wimpfen, wo Friedrich Barbarossa um 1170 anstelle einer Burg aus der Salierzeit die größte staufische Kaiserpfalz im deutschen Raum errichten lässt, die einen Neckeaübergang kontrolliert. Daneben entsteht bald eine kleine Stadt, die bis zum Ende des Reiches feie Reichsstadt bleiben wird. Als um 1300 die Brücke zerstört wird, sinkt Wimpfen zur Ackerbürgerstadt ab und der Neckarübergang wandert zur freien Reichsstadt Heilbronn, ebenfalls eine Stauferstadt.

 

Handel und Handwerk um die kaiserlichen Pfalzen herum werden also ausdrücklich gefördert, Stadtrechte werden vergeben, Selbstverwaltung wird solange geduldet, wie sie unter königlichem Einfluss bleibt. „Die ganz zweifellos große Anziehungskraft der Neugründungen beruhte aber wohl wesentlich auf den persönlichen Freiheitsrechten ihrer Einwohner sowie darauf, dass sie sich, durchaus mit königlicher Förderung, meist rasch zu Zentren der Gewerbeproduktion und des lokalen Handels, des Warenverkehrs mit ihrem ländlichen Umfeld, zum Teil sogar zu Fernhandelsmärkten entwickelten.“ (Stürner, S.209)

 

Ein weiteres Musterbeispiel ist Hagenau. 1142 ist eine Burg auf einer Insel in der Moder belegt. Ein Freiheitsbrief Barbarossas von 1164 besagt, der Herzog habe den Ort Hagenau unter Kaiser Heinrich gegründet, also vor 1125 (in Löwenherz, S.255).  1163 stiftet Herzog Friedrich im Kastell Hagenau eine Pfarrkirche, was auf eine städtische Siedlung hinweist. In den siebziger Jahren wird die Burg durch Friedrich Barbarossa zur Pfalz ausgebaut.  Den Bürgern werden die immer üblicheren Eigentums- und Zollfreiheiten zugestanden. Für Heinrich VI. ist die Pfalz ebenfalls als Aufenthaltsort belegt. Für  Friedrich II. wird Hagenau mit seinem großen Forst bzw. Jagdrevier beliebtester Aufenthaltsort in deutschen Landen. Von hier aus kontrolliert der Burgvogt und seit 1214 der scultetus, also Schultheiß das staufische Haus- und Reichsgut. Aus der Bürgerschaft ausgewählt, war er zunächst nur für die Stadt zuständig gewesen. 1215 wird der aus einfachen bäuerlichen Verhältnissen stammende Wolfelin, der es bis zum cellerarius am Hagenauer Hof schafft, dort Schultheiß, um später zum Prokurator des Elsass aufzusteigen.

 

Von dort befördert er im Auftrag Friedrichs den Aufstieg Schlettstadts, wobei er Rechte, dabei vor allem die Einnahmen von Zöllner und Schultheiß, erwirbt, bis der König praktisch Stadtherr ist, was mit dem Bau einer Stadtmauer um die civitas und der Errichtung einer Münze gekrönt wird.

 

Ähnlich steigt unter Wolfelin Kolmar auf, indem für den König die Vogteirechte erworben werden und die entstehende Stadt mit einer Mauer umgeben wird. Schließlich können die Bürger das Stadtrecht erwerben. Im weiteren wird die Burg Kaysersberg erworben und ausgebaut, eine gleichnamige Stadt gegründet, von einem Schultheißen verwaltet.

 

Ein etwas anderes Muster stellen Annweiler und Oppenheim dar, wo die Förderung der Stadt und der Ansiedlung von Menschen unmittelbar der Unterstützung der Stauferburg dient. Die Bürger von Annweiler dürfen dafür eine eigene Münze betreiben, deren Einnahmen aber an die Burg gehen, und Hörige, die sich fest ansiedeln, dürfen nach Jahr und Tag nicht mehr von ihren Herren zurückgefordert werden, ähnlich wie bei der Gründung von Pfullendorf, wo Neubürger niemandem außerhalb mehr Abgaben und Dienste leisten müssen, wenn sie sich zum Hausbau verpflichten und einen finanziellen Beitrag zum Bau der Stadtmauer leisten.

 

1129 taucht Duisbürg als villa von Lothar III. in einem Dokument auf, welches den cives erlaubt, im Forst Steine für den Bau eigener Häuser zu brechen. Duisburg ist bereits wichtiger Handesort am Rhein. Konrad III. genehmigt 1145 den Bau von Bürgerhäusern bei der Königspfalz und am Marktplatz, damit die Besucher königlicher Hoftage dort besser untergebracht werden können.1165 schützt Friedrich I. die Bürger vor einem widerrechtlich vom Bischof von Gottfried erhobenen Zoll. Im Kern handelt es sich damit bereits um eine königsunmittelbare Stadt mit Mauer, Markt und Münze, Elementen von Selbstverwaltung und Pfarrbezirken, - bei allerdings eher geringer Bevölkerung und Schwinden der Bedeutung der Pfalz.

 

1219 erklärt Friedrich II. für Nürnberg, dass ein jeder Bürger dieses Ortes keinen anderen Schutzherrn (advocatus) haben soll als uns und unsere Nachfolger, die Könige und Kaiser der Römer. (in Hergemöller, S.256) "Freie" Reichsstädte werden solche königsnahen Städte erst unter Rudolf von Habsburg, denn die Staufer tendieren dazu, zwar Privilegien zu vergeben, die die Wirtschaft von Fesseln befreien, andererseits aber die Verselbständigung der Städte durch Einsetzung königlicher Vertreter wie Vögte oder Schultheißen (wie in Nürnberg) zu verhindern. So erhält Lübeck in einer Urkunde von 1226 zwar die Reichsfreiheit, also direkte Unterstellung unter den König und Kaiser als civitas libera, eine Münze, aus der der König jährlich 60 Silbermark Abgaben gewinnt, zudem in mehreren Bestimmungen ein beachtliches Territorium, aber eben auch einen kaiserlichen Rektor.

 

****Welfische Gründungen****

 

Solche fürstliche Stadtgründungen im 12. und 13. Jahrhundert dienen zum Teil der Versorgung der herrschaftlichen Burg und liefern ihr neue Einkünfte. In ihr ist Personal untergebracht und die vornehmeren Bürgerhäuser dienen auch der Unterbringung von Gästen der nun häufiger werdenden Feste, in denen höfische Lebensform zelebriert wird.

 

Eine solche Residenzstadt wird Braunschweig unter den Welfen. Beiderseits der Oker, zunächst durch eine Furt verbunden, gab es schon im 11. Jahrhundert kleine Siedlungen: Brunswik und Dankwarderode. Die Brunonen, Nachfahren eines Bruno,  geben ihnen Kerne mit der Errichtung einer Burg und den Stiften St.Blasius und St.Cyriacus. Ein Markt kommt hinzu und Anfang des 12. Jahrhunderts ein Kloster.

Als Heinrich der Löwe sich zum mächtigsten Fürsten im Reich neben dem Kaiser und zunächst im Bündnis mit ihm entwickelt, lässt er sich eine mächtige Pfalz wie die Kaiserpfalz in Goslar erbauen und macht sie zu seiner wichtigsten Residenz. 1173 folgt der Neubau von St.Blasius: Die erste richtige deutsche Residenzstadt ist entstanden. 

Zunächst eng mit den Welfen verbunden, die das wirtschaftliche Gedeihen des Bürgertums fördern, schwankt die städtische Oberschicht dann aus ökonomischem Interesse zwischen Welfen und Staufern, bis Otto "das Kind" die Altstadt und den handwerklich geprägtenl Hagen mit Stadtrechtsprivilegien auszeichnet, um sich der Bindung des Bürgertums an ihn zu versichern. 1227 halten die Braunschweiger Bürger ihre Stadt zusammen mit dem Markgrafen von Brandenburg gegen den römischen König und den bayrischen Herzog, während Otto sich nach der Schlacht von Bornhöved in der Gefangenschaft Graf Heinrichs von Schwerin befindet. Neben Lüneburgern werden auch Braunschweiger Bürger dann als Geiseln für die Auslösung ihres Herrn antreten. 

Am Ende werden fünf Orte, "Weichbilder", zur Stadt Braunschweig zusammenwachsen.

 

Gegen den Grafen von Holstein setzt Heinrich sein Recht auf die Neugründung Lübecks durch. Indem er Bardowick zerstört und die Sole von Oldesloe zuschütten lässt, fördert er nachhaltig die Salzproduktion Lüneburgs.

 

Eine welfische Gründung im Konflikt mit dem Bistum wird München. Der Bischof von Freising besaß in Föhrung einen Markt und Münze, baute eine Brücke und erhob den Zoll darauf, der nicht zuletzt den Salzhandel aus dem Süden betraf. Als Heinrich der Löwe 1056 sein Herzogtum Bayern zurückerhält, legt er flussaufwärts in der Nähe an einer Isar-Furt einen neuen Markt mit einer neuen Brücke an. An ihr soll nun der Zoll der Handelsstraße von Salzburg nach Schwaben erhoben werden. Es geht nicht zuletzt weiter um Salz. Da er das fürstliche Geleitrecht besitzt, kann er die Kaufleute dazu bringen, über seinen Ort zu reisen. Eine Siedlung von Handwerkern und Händlern entsteht. Schließlich zerstört er die Brücke von Föhring und verbietet den Markt und die Münze dort. Bischof Otto von Freising erhebt Klage beim Kaiser. Dessen Vermittlungsversuch 1158 geht substantiell zugunsten der herzoglichen Gründung aus: Freising wird mit einem Drittel der Einkünfte aus Zoll und Münze der Neugründung abgefunden. Erst 1180, zu spät, wird das kaiserliche Urteil revidiert. Recht ist Ausdruck und Rechtfertigung von Macht.

 

Stadtgründung als Festung

 

Was im hohen Mittelalter Stadt wird, ist immer auch eine Festung. Das gilt auch für Bischofsstädte, in denen der Bischof zugleich Kriegsherr und Heerführer ist und von seinen Bürgern materielle Unterstützung für Hof- und Heerfahrt erwartet, wie zum Beispiel Friedrich I. Barbarossa 1156 für Augsburg festsetzt und Markgraf Otto von Meißen für die Bürger des neugegründeten Leipzig für den Fall bestimmt, dass er an einem kaiserlichen Italienzug teilnehmen muss.

 

Zunehmend werden Städte auch anstelle von Burgen als Festungen gegründet, die die Bürger ummauern und mit Waffengewalt zu halten haben. Solche Städte, die mit allen anderen nun eine feste Ummauerung erhalten, Wehrtürme und wenige bewehrte Eingangstore, dienen nicht mehr primär als Marktorte und für Produktion und Handel, wachsen nur wenig und werden stärker unter fürstlicher Kontrolle gehalten.

 

Ein Mischgebilde wird Lippstadt, um 1168 von Bernhard, dem Herrn von Lippe mit Genehmigung durch Barbarossa gegründet, der erste Versuch, zusätzlich zu Burgen seine bescheidene "Herrschaft" durch eine Stadt zu sichern. Werner Goez schreibt dazu: "Städte waren in erster Linie Großburgen, ihre Bewohner zur Verteidigung verpflichtet. (...) Bei der Gründung Lippstadts bildeten die Armierungsarbeiten den Anfang: Ein mächtiger Wall wurde aufgeworfen, den man mit Holzpalisaden bewehrte und dann Stück um Stück durch eine Steinmauer ersetzte." (WGoez, S. 276)

Das Innere der Stadt war in gleichmäßige Rechtecke aufgeteilt, die gegen Bodenzins vergeben wurden. Als die Stadt dann durch andere Herren bedroht wird, denen die abhängigen Bauern dorthin entlaufen, übergibt ihr Herr sie an den Erzbischof von Köln, um sie als Lehen zurück zu erhalten. Sie erhält nun auch ein ausführlicheres, an Soest angelehntes Stadtrecht, welches sich laut Urkunde die Bürger erwählen.

Bernhard ernennt die Mitglieder der Ratsversammlung und die Schöffen im Einvernehmen mit den Bürgern, und die Bürger haben in ihren inneren Angelegenheiten eine umfangreiche Selbstverwaltung. Dafür steht die städtische Miliz gegen Feinde zur Verfügung. Außerdem steht in den Bestimmungen aus der Zeit um 1220, dass alle Verbrechen ohne scharfe Waffen sollen von den Ratsmannen gerichtet werden, mit der Maßgabe, dass alle daraus fließenden Eträge der Befestigung des Ortes dienen sollen (§1).

Die Stadt ist nicht nur Festung, sondern erhält auch einen Markt und Zollfreiheit, die sie überhaupt erst lebensfähig machen.

 

Die Machterweiterung, die Bernhard mit Lippstadt (der stad tor lyppe) in Westfalen erreicht, beflügelt ihn, weitere Städte zu gründen: Lemgo, Detmold und andere. Laut Keller verdreifacht sich auch auf diese Weise die Zahl der Städte in Mitteleuropa zwischen 1150 und 1200 und dann noch einmal in den nächsten fünfzig Jahren. (Begrenzung, S.437)

 

Stadtgründungen im deutsch werdenden Osten

 

Landesherren im ostelbischen Raum fördern die Ansiedlung vor allem aus den Niederlanden, und setzen dafür unternehmerisch handelnde Lokatoren ein. Ziel ist zunehmende Zivilisierung, also Nutzbarmachung des Landes zur Vergrößerung des herrschaftlichen Einkommens. Schätzungen sprechen von rund 200 000 Siedlern im 12. Jahrhundert und noch einmal dieselbe Zahl bis 1250 und dann noch einmal bis 1300. Den Weg weiter nach Osten gehen dann auch Nachkommen der Siedler selbst.

 

Eine Besonderheit in deutsch werdenden Landen sind die askanischen Stadtgründungen im Osten, alleine die Brüder Johann und Otto III. von Brandenburg sollen in der Mitte des 13. Jahrhunderts etwa 30 Städte gegründet haben, die als Zivilisationsinseln in einer immer noch erst deutsch werdenden, vorher westslawischen Welt fungierten, dort, wo es bislang nur die Bischofsorte Havelberg und Brandenburg gab. Wie bei Bernhard von Lippe und anderen, allerdings in viel größerem Maßstab, dienen hier Städte nicht nur zur Besiedlung, sondern vor allem zur Verfestigung eines Herrschaftsraumes, eines Fürstentumes hier. So wie das Land professionell durch "Lokatoren" besiedelt wird, so wird auch die Besiedelung dieser Städte systematisch betrieben.

Die bekanntesten Gründungen werden Berlin und Cölln, die bald zusammenwachsen. Die Fürsten legen hier einen herrschaftlichen Hof, eine Aula an, der Ort wird Sitz eines Probstes und dort gibt es bereits eine Niederlassung der Tempelritter (Tempelhof!). Kaufleute siedeln sich an, auch Fernhändler, für die es Zollfreiheit gibt.  

In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts gibt es bereits dort eine Kaufmanns-Siedlung mit Nikolaikirche, wo 1253 eine fürstliche Urkunde Frankfurt/Oder nach Berliner Recht begründet und den Bau einer Brücke und eines Kaufhauses durch die Bürger impliziert. Waren in geringerem Umfang und Lebensmittel in kleineren Mengen werden von Zoll befreit, so dass es vor allem die Abgaben auf die Abgaben auf die Marktstände und auf den Fernhandel sind, mit denen der Fürst hier Einnahmen erzielen kann. Letztere aber haben die Stadtgründung vor allem befördert (Sven Rabeler in: Konsumentenstadt, S. 111ff)

 

Neu sind auch die Städte in Sachsen, für das man für 1300 bereits 400 000 Einwohner schätzt. Aus einem sorbischen Ort entsteht durch Errichtung einer deutschen Burg, der urbs Lipzi des Thietmar von Merseburg, eine Kaufmanns- und Handwerkersiedlung besonders von Gerbern. Zwischen 1156 und 1170 verleiht Markgraf Otto der Reiche von Meißen-Wettin eine Art Stadtecht nach Hallisch-Magdeburgischem Recht und gibt das neue Stadtgebiet zur Bebauung frei. Das Marktrecht verleiht der Stadt eine Bannmeile von 27 Dörfern drumherum, denen jeglicher Markt verboten wird. Leipzig besitzt nun Zollfreiheit, kann aber in seinem Weichbild Abgaben auf Wege und Brücken erheben. Seinen fürstlichen Wald in der Nähe gibt er zur Nutzung durch die Städter frei.

 

Die seit dem 6./7. Jahrhundert von Sorben besiedelte Oberlausitz gehört im 10. Jahrhundert zur Mark Meißen, wird dann polnisch, dann 1031 wieder an Meißen angegliedert, schließlich böhmisches Reichslehen mit Unterbrechungen bis 1253. 1268 gelangt es an die brandenburgischen Askanier, nach 1319 Stück für Stück wieder an Böhmen. Wie in allen Zivilisationen sind die Menschen Spielmaterial der Mächtigen.

Stadtrecht und städtische Gerichtsbarkeit kommen auch hier in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts auf. Die städtischen Ämter werden von Kaufleuten, insbesondere auch Waidhändlern und Gewandschneidern besetzt sowie von Mitgliedern des niederen Adels, soweit er in der Stadt oder ihrem Umland ansässig ist. Solcher Adel geht dann manchmal wohl im 14. Jahrhundert im Bürgertum auf. (Karl Czok in: Beiträge, S.113)

 

Schlesiens zunehmend deutsche Besiedlung erleidet durch den Mongoleneinfall nur einen kurzen Rückschlag (Zerstörung von Breslau), "bis 1400 hat man in Schlesien 120 Städte und über 1200 Dörfer mit überwiegend deutschsprachiger Bevölkerung gegründet." (Dirlmeier, S.16)

 

Frankreich

 

Paris: Mit der neuen Stadtmauer unter Philipp II. August, die auf das linke Seineufer übergreift, wachsen ville, cité und université zusammen und das große Paris des späten Mittelalters deutet sich an. 

Unter dem heiligen Ludwig schließlich ist Paris eine durch und durch königliche Stadt, in der die Krone durch Étienne de Boileau mit dem 'Livre des métiers' die Satzungen und Bräuche der Kaufleute so festschreibt, das der Prévôté von Paris im Châtelet die Kontrolle über deren Arbeit und Gechäfte möglich ist.

Das linke Ufer, außerhalb der bischöflichen Gerichtsbarkeit, ist bis tief ins 12. Jahrhundert nur locker besiedelt von vielleicht 1000 Menschen insgesamt. Hier wachsen Saint Germain und der Bourg von Sainte Geneviève nicht zuletzt durch den Zuwachs von Scholaren an, denen dann offenbar noch die Prostitution folgt, die Jakob von Vitry erwähnen wird.

 

Laon: Kleine ritterliche miles mit Landbesitz um die Stadt sind in derselben Familie anzutreffen wie cives ohne militärische Funktion (Saint-Denis in Hartmann (Hrsg), S. 111ff). Cives als Elite des späteren 12. Jahrhunderts besitzen ein großes steinernes Stadthaus auf großem Grundstück und viel Grundbesitz außerhalb im ganzen Laonnais. Sie sind über die Nähe zum Bischof und zum Adel aufgestiegen und betreiben neben der Rendite aus dem Land (Wein, Getreide) und von städtischen Immobilien Handel. Gemeinsame Firmen der cives, milites und Kanoniker bauen und bewirtschaften Mühlen als Renditeobjekt. Einzelne große Kapitalisten spekulieren mit Land und kaufen von der Pleite bedrohte Güter zum Beispiel von Rittern auf.

 

Der Markt von Laon dient dem Handel mit der im Laonnais von den cives abgeschöpften landwirtschaftlichen Produktion. Teile des Kapitals gehen auch direkt in die Finanzwirtschaft (Darlehen, Kredite). Spekulanten leihen sich Häuser von Abteien in der Stadt gegen Zins und vermieten sie teurer. Es gibt relativ wenig Handwerk, und nur Luxusproduzenten reichen in die Schicht der cives hinein.

Ab 1240 kommt es zum Niedergang der Stadt durch Erbteilung des Grundbesitzes, Niedergang des Handels und der Bedeutung der Stadt für den König.

 

 

Im weiteren 12. Jahrhundert dann entwickeln wenige französische Städte wie Tournai und Soissons große Selbständigkeit, während die meisten in der Nordhälfte Freibriefe erhalten, die ihnen durch die Fürsten Rechte gewähren, die der wirtschaftlichen Entwicklung durch Freiheiten dienen, sie aber weiter in den feudalen Machtstrukturen halten und vermeiden, dass es zu aufsässiger Kommunebildung kommt. Vorbild werden die 'Einrichtungen für Rouen', die bei einzelnen Selbstverwaltungsrechten die Regierung durch herzogliche Beamte festlegen. In der Krondomäne werden Städte weiter durch königliche Vögte (später: prévôts) regiert, Paris bekommt nur mit den marchands de l'eau eine Vereinigung mit eigener Handelsgerichtsbarkeit zugestanden.

 

Die Städte wachsen im 12. Jahrhundert wie überall, und dominieren mit ihren Privilegien das Land drumherum. Die Handwerke diversifizieren sich, das Textilgewerbe steigt auf und die Zünfte gewinnen an Bedeutung. Die Macht gerät in die Hände einer neuen Oberschicht, in der Stadtadel und Handelsherren miteinander verschmelzen.

 

Mit den fabliaux, dem Roman de renart und mit Ruteboeuf  entsteht in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts eine neuartige satirische Literatur ein, die entweder vom bürgerlichen Standpunkt aus über Klerus und Bauern herzieht und auf jeden Fall eine neue Art des Moralisierens in die Welt setzt.

 

England

 

Im 12. Jahrhundert setzt sich bei steigendem Wohlstand in den größeren Städten zunehmende Privilegierung durch die Könige durch, die zum Beispiel Zollfreiheit im Königreich bedeutet oder die Befreiung der Bürger von anderem als dem städtischen Gericht. Solche Privilegiensammlungen, municipal charters, schaffen chartered boroughs. Während seiner Regierung von 1154 bis 1189 verleiht zum Beispiel Henry II fast 50 solcher charters.

Wichtigstes städtisches Recht wird dabei besonders gegen Ende des Jahrhunderts die eigenständige Eintreibung der regulären Abgabe an den König, die farm, und dann damit verbunden das Recht der Wahl der Leute, in Northampton provosts, die dafür zuständig sind. Im Verlauf des 13. Jahrhunderts wird die Zahl solcher Städte auf 49 steigen (Carpenter, S.392). Mit diesem Recht wird die Aufgabe der Sheriffs, die die Königsmacht über die Stadt vertreten, deutlich eingeschränkt.

 

Gemeindebildung ist dabei mit dem Begriff commune oder gild merchant verbunden, der eine reiche städtische Oberschicht meint, die auch der Adressat der königlichen charters ist, und der im wesentlichen das Handwerk ausschließt. Mitte des 13. Jahrhunderts brechen dann wie in Oxford Konflikte zwischen geringeren burgesses und den burgess magnates aus, gefördert durch die Krise des Königtums mit ihren Unruhen.

 

London oder genauer Westminster wird im Verlauf des 12. Jahrhunderts zur aufstrebenden Königsstadt, ja Residenzstadt. In den 70er Jahren des 12. Jahrhunderts wandern der Staatsschatz und das Amt des Exchequers hierher und in den 90er Jahren trennt sich hier der Court of the common bench vom Exchequer und wird der oberste (königliche) Gerichtshof. 1245 beginnt der Bau der neuen, gotischen Westminster Abbey als Königskirche und königliche Grablege .

 

London wird von königlichen sheriffs verwaltet, denen sich um 1190 ein mayor des Großbürgertums hinzugesellt. Wie auf dem Kontinent entwickelt sich ein bürgerlicher Verwaltungsapparat mit Urkundenwesen. Zusammen mit anderen Honorationen bilden die aldermen die Gruppe der „Barone“, Magnaten, die den proceres Westfranciens entsprechen, und die Macht in der Stadt unter dem König ausüben.

Die Stadt pendelt zwischen Empörung über die Belastungen, die ihnen die Könige für ihre Kriege auf dem Kontinent auferlegen, besonders nach dem Verlust der Normandie, und bürgerlichen Bekundungen begeisterter Untertänigkeit. Zunächst gewinnen die "Bürger" unter Henry I das Recht, ihren Sheriff zu wählen, dann 1215 dürfen die barons unter ihnen auch ihren mayor wählen.

Die Stadt ist seit über hundert Jahren in 24 wards aufgeteilt, und deren führende Bürger wählen einen Alderman auf Lebenszeit aus ihren Reihen, der sie leitet und richterliche Funktionen hat. So ein Alderman ist Fitz Thedmar, dessen Großvater aus Köln kam. Er besitzt eine große Halle, Läden, Häuser, Renten aus Grundbesitz und eine eigene wharf.  Mit seiner Schwester verheiratet ist der Bürgermeister John de Gisors, ein führender Weinhändler.

 

Als 1215 25 Barone gewählt werden, die die Bestimmungen der (Magna) Carta durchsetzen sollen, ist einer davon der Mayor von London.1253 erklärt der König den Bürgermeister zum Vertreter der Gesamtbürgerschaft der Gemeinde und verringert so den Einfluss der Barone. (Keene in Hartmann (Hrsg), S.153) Im folgenden großen Aufstand des geringeren Bürgertums gegen das Regiment der Aldermen gelingt es vor allem den fishmongers und den cordwainers (die feines Leder aus Cordoba verarbeiten), in die oberen Ränge aufzusteigen, und am Ende des 13. Jahrhunderts werden solche Fisch-Großhändler selbst zu Aldermen.

 

In der zweitwichtigsten englischen Stadt, York, ist der König ebenfalls Oberhaupt und teilt sich ansonsten die Macht mit dem Bischof. Handwerk (insbesondere Tuchproduktion) und Seehandel machen den Reichtum der Bürger aus, die etwa gleichzeitig mit großen deutschen Städten ihr eigenes Stadtsiegel führen (1207), Bürgermeister wählen (1213), die städtischen Ämter besetzen und die Strafgerichtsbarkeit über die Bürger ausüben.

 

Städte sind im hohen Mittelalter die Summe der ökonomischen Interessen ihrer Oberschicht. Je stärker deren Einfluss auf das Stadtregiment wird, desto deutlicher wird das. 1247/48 lässt Bristol einen Kanal bauen, der es zum zweitwichtigsten Hafen Englands macht. Klar, dass dabei auch etwas für die Mittelschichten und die Lohnarbeit abfällt. Lokalpatriotismus sorgt zugleich dafür, dass die Konkurrenz unter den Städten blüht, so wie die internationale Konkurrenz, die auch Städte gelegentlich bereitwillig Kriege unterstützen lässt.

 

Deutsche Lande: Von den Gemeinschaften zur Gemeinde

 

Neben Bürger und Stadt kommt als dritter dazugehöriger Begriff der von der Gemeinde oder Gemeine. Einflüsse aus Norditalien insbesondere sind für deren Entwicklung vermutbar, aber kaum zu belegen.

 

In der Gemeinde wachsen die Bürger einer Stadt zu einer juristischen Person zusammen, also jener rechtlichen Abstraktion, wie sie im 'corpus iuris civilis' des Justinian tradiert worden war. Einen Vorläufer hatte diese Vorstellung seit dem 11. Jahrhundert in den Kapiteln von Klöstern und Stiften, in denen Kanoniker oder Mönche versammelt waren. Ausgehend von dem regelmäßig verlesenen Kapitel eines heiligen Textes wurde daraus der Versammlungsraum und dann die rechtliche Fiktion einer Körperschaft, die die dort Versammelten als rechtsfähige Gemeinschaft bildeten.

 

 

****Gesellschaften****

 

In derselben Zeit beginnt das Wiederaufleben des Studiums des römischen Rechtes (in Bologna vor allem) und die Systematisierung eines Kirchenrechtes (in Paris z.B.). Es kommt zur Wiederentdeckung des römischen Begriffs der universitas, mit dem Personengruppen bezeichnet wurden, die rechtlich wie eine (juristische) Person auftreten konnten bzw. sollten, und darum von einem dafür Bevollmächtigten vertreten werden konnten.

 

Bis heute uns vertraut, wenn auch nur noch als relativ sinnentleertes Wort, ist die universitas von Lehrenden und Lernenden, wie sie sich zum ersten Mal aus mehreren hohen Schulen in Paris bildete. 1174 taucht in einer Kölner Urkunde zum ersten Mal der Ausdruck pro universis civibus, für die Leute, die die Meister der Kölner Kirchspiele vertreten, auf, 1180 dann der von der universitas civium. (Groten, S.129)

Ausgeschlossen von diesem Konzept waren die Geistlichen, die Juden und eine breite besitzlose Unterschicht. Das waren Gesellen und Lehrlinge, das immer größer werdende Gesinde, die Armen und all die, die keinem ehrbaren „Beruf“ nachgingen. Der Bürger war soweit in seinem Selbstverständnis nach oben und unten klar abgegrenzt.

 

Die Entstehungsgeschichte des Kapitalismus ist auch die der Emanzipation von Handwerk und Handel aus dem rechtlichen Rahmen der Herren über großen Grundbesitz. Dies geschieht beim Handel, insbesondere dem Fernhandel zugleich schneller und in größerem Umfang, nicht zuletzt deshalb, weil er in Teilen immer schon freier war. Teile des Handwerks bleiben als vorrangige Lieferanten für die adelige und dann auch fürstliche Herrenschicht dieser rechtlich und inhaltlich stärker verbunden.

 

Das sich zunehmend auf einen städtischen Markt orientierende Handwerk jenseits grundherrlicher Bedürfnisse verlangt natürlich ein Wachstum städtischer Bevölkerung als nachfragender Konsumenten. Erst, wo es eine größere Zahl von Handwerkern mit eigenen Betrieben und Produktionsmitteln gibt, beginnen sie sich in der Stadt zusammenzuschließen. Die Anfänge liegen im Dunkeln, einmal wegen mangelnder Schriftlichkeit im Handwerk, zum anderen, weil erst später die Stadtherren und höheren Herrschaften darauf reagieren, indem sie solche Zusammenschlüsse rechtlich bestätigen. Das geschieht bereits hier und da im 11. Jahrhundert in West- und Ostfranzien.

Es bilden sich Interessengemeinschaften der Schuster, der Fischer und nach und nach immer mehr anderer. Diese sind einmal fraternitates, Bruderschaften, und zum anderen societates, gewerbliche bzw. „genossenschaftliche“ Vertretungen, wie Schulz (S. 41ff) meint sie trennen zu können.

 

Der Begriff Genossen hat vielfältige Bedeutung. Im frühen Recht der Stadt Freiburg/Breisgau ist zum Beispiel festgelegt, das Eheleute für einander genoz sind. Später im 12. Jahrhundert heißt es: Jeder Bürger dieser Stadt ist hinsichtlich des Eigentums dem anderen ein Genosse, und wenn er vielleicht Grundbesitz erwerben will, braucht er für seinen Besitz in keiner Form das Vogteirecht zu zahlen. (in Hergemöller, S.155). Genossen sind so gleichberechtigte Partner und noch im 13. Jahrhundert zeichnen sie sich durch Ebenbürtigkeit aus.

 

Zunächst handelt es sich um Vereinigungen, die kultische Zwecke mit denen gegenseitiger Unterstützung verbinden und sie beruhen auf Freiwilligkeit. Ein spätes Echo auf den Übergang von der noch stark religiös definierten Brüderschaft zur Zunft bezeichnet ein gerne zitiertes Dokument für die Baseler Kürschner von 1226, in dem von der confraternitas eorum, … quod in vulgari dicitur zhunft die Rede ist (Engel/Jacob, S. 255). Falls das Wort Zunft von „ziemen“ kommt, ist darin von vorneherein die Verregelung und nicht nur die Interessenvertretung einer Handswerksbranche gemeint.

 

Sobald Stadtherren und Fürsten die Chancen für sich in der Ambivalenz von Interessenvertretung und Ordnungsstiftung solcher Einungen erkennen, privilegieren sie diese unter Einbindung in das von ihnen gewünschte grundherrliche Ordnungsgefüge. 1106 bestätigt der Bischof von Worms 23 Fischhändlern ihr ausschließliches Recht auf dieses Gewerbe und die Vererbbarkeit dieses Rechtes auf den Sohn, und, so keiner vorhanden ist, die Kooptation eines weiteren Mitgliedes.

 

Indem Stadtherren dann noch bürgerliche Instanzen in der Stadt anerkennen, die auch über den Vereinigungen von Handwerkern stehen und zum Beispiel das Marktgeschehen insgesamt ordnen, werden diese immer mehr in ein obrigkeitliches System eingeordnet.

 

Straßburg um 1130 kennt solche bürgerlichen Instanzen noch nicht, die Menschen sind ganz in den Rahmen bischöflichen Rechtes eingegliedert. Die vertikale Gliederung in Herrn und Unterta wird vom vicedominus, dem urbis praefectus und dem urbani iuris villicus vertreten.

Aber dem tritt bereits eine gewisse horizontale Gliederung in Vereinigungen einzelner produktiver Branchen entgegen: Das vom Bischof besetzte Amt des Burggrafen bestellt die Meister fast aller Ämter (officia) in der Stadt (…), nämlich die der Sattler, Kürschner, Handschuhmacher, Schuster, Schmiede, Müller, Küfer, Becherer, Schwertfeger, Obsthänder und der Schankwirte. ( Hergemöller, S.170) Dann wird im einzelnen aufgeführt, welche Dienste sie dem Bischof zu leisten haben. Deren Vereinigungen dienen also nicht nur ihren Interessen, sondern auch denen des Stadtherrn an Rechtlichkeit, Ordnung und Friedfertigkeit, mit anderen Worten an Unterwerfung und Gehorsam. Horizontal heißt aber nicht, dass man annehmen könnte sie seien nicht unterschiedlich wohlhabend und einflussreich. Bürger besitzen bereits erheblichen Grundbesitz, den sie auch verkaufen dürfen.

 

Um dieselbe Zeit (1128) bestätigt Bischof Embricho von Würzburg den Schuhmachern seiner Stadt ihre althergebrachten Rechte:

Alle christgläubigen Menschen , sowohl die gegenwärtigen als auch die zukünftigen, sollen wissen, dass die Schuster unserer Stadt vor uns getreten sind, um uns ihre Rechte, die ihnen von unseren Vorgängern schon vor langer Zeit gegeben und zuerkannt worden sind, darzulegen und sich darüber zu beklagen, dass diese durch die Habgier einiger Richter abgeändert worden sind (…) Außerdem hat, wer die Mitgliedschaft in ihrem consortium erlangen wollte, ihnen 30 Schillinge gezahlt, und von diesen standen dem persönlichen Kämmerer des Bischofs 4 Schillinge zu, den beiden Schultheißen 3; die übrigen 23 Schillinge haben die Schuster eingenommen, um davon jedes Jahr 44 Pfund Wachs für die Kerzenbeleuchtung der Krypta und dem Kirchenpersonal 8 Pfennige zu geben; und wenn sie dies alles gezahlt hatten, sollten sie von niemandem mit ungerechten Forderungen behelligt werden. (Engel/Jacob, S. 279)

 

Offenbar gab es schon im 11. Jahrhundert oder jedenfalls Anfang des 12. eine Art Zusammenschluss der Würzburger Schuhmacher-Meister, deren innere Angelegenheiten sie selbst regelten.  Ein Meister, der dazugehören wollte, musste sich mit einer Einmalzahlung von 360 Pfennig (30 Schillinge) einkaufen (Zensualen bezahlten üblicherweise einen Jahreszins von 2 Pfennigen und lagen damit sozusagen über der Armutsgrenze). Die Summe war also von erheblichem Umfang war und musste wohl erst einmal angespart werden.

Zudem bildeten die höchstens zwanzig Mitglieder des consortium eine Gebetsbruderschaft., die am Stift Neumünster angesiedelt ist, wo Kerzenwachs für die Krypta und Geld für den Priester ihres Altares abzuliefern ist. (Groten, S.105f/ Schulz, S. 42) Das stellte sie wohl in irgendeiner Form unter den Schutz der Stiftsherren, und das magische Moment des kirchenchristlichen Mittelpunktes schuf dann eine originäre Bindekraft untereinander. In Not geratene Mitglieder werden aus einer Gemeinschaftskasse unterstützt.

Für ihre Zulassung müssen sie dem Bischof Kerzenwachs und Geld liefern und dazu einen Pelzmantel, dem Stadtkämmerer Geld und den beiden Stadtschultheißen zwei paar Stiefel zu Weihnachten, ein hoher Preis insgesamt. (Groten, S.105f)

Wenn man dem Bischof hier glauben kann, dann baten sie ihn darum, von weiteren Ansprüchen seiner Amtsleute verschont zu werden, die diese vermutlich in die eigene Tasche stecken wollten.

 

1149 trennen sich in Köln die Weber von Bettbezügen von denen von Kopftüchern und geben bekannt, dass sie eine fraternitas der Bettbezugweber in frommer Hoffnung auf das ewige Leben gegründet und sie im Bürgerhaus, das im Judenviertel liegt, vom Vogt Richolf, vom Grafen Hermann, von den Richtern und Schöffen und auch mit dem Beifall des gesamten Stadtvolkes bestätigt erhalten haben, und zwar in der Form, dass alle mit der Bettbezugweberei Befassten, die im Stadtgebiet leben, gleich ob sie am Ort geboren oder zugezogen sind, sich dieser Zunft, gemäß dem von den obengenannten Mitgliedern festgesetzten Recht, freiwillig unterwerfen sollen. Diejenigen aber, die dem durch irgendeine Abweichung zuwiderhandeln und sich freiwillig nicht unterstellen wollen, sollen, durch strengen Richterspruch gebändigt, unter materiellen Verlusten schließlich gezwungen werden, sich ihm zu unterstellen und ihm zu folgen. Außerdem soll dem künftigen wie dem gegenwärtigen Geschlecht nicht unbekannt bleiben, dass die genannten Zunftbrüder aus der gemeinsamen Kasse der Zunft im Rahmen ihrer Möglichkeiten den Kopftuchwebern einen Zuschuss gegeben und den Stand auf dem Marktplatz, wo Kopftücher verkauft werden, durch eine Aufschüttung von Steinchen und Holz trockengelegt haben, und darum soll er beiden ohne Widerspruch und missgünstiges Gerede gemeinsam gehören. (Engel/Jacob, S. 280)

 

Was war geschehen? Vier einflussreiche und mächtige Meister jener Leinenweberei, die sich auf Bettbezüge spezialisiert hatten, sahen ihre spezifischen Interessen in einer eigenen Vereinigung besser aufgehoben als in der bisherigen, in der sie mit Kopftuchwebern zusammen waren. Sie schufen sich eine eigene Satzung und konnten bei den Vertretern der geistlichen und weltlichen Stadtherrschaft und ebenso bei der aufkommenden Vertretung der Bürgerschaft durchsetzen, dass diese anerkannt wurde. In ihrer Satzung legten sie auch fest, dass ihre sämtlichen Fachkollegen unter massiver Strafandrohung gezwungen werden, ihrer neuen Brüderschaft beizutreten.

 

Offenbar war es in dieser Stadt wesentlich lukrativer geworden, Bettbezüge herzustellen und zu verkaufen, weswegen diese Weber die anderen nun unterstützen können. Das machen sie aber deshalb, weil sie ihren Stand auf dem Markt, nachdem womöglich alle Plätze vergeben sind, behalten wollen. Vermutlich handelt es sich um jenen Markt, der durch Aufschüttung von Rheinufergebiet entstanden war, und die Idee der Hersteller von Bettbezügen ist nun, den bisherigen gemeinsamen Standort durch Aufschüttung zu erweitern und ihn dann gemeinsam-getrennt zusammen mit den nun abgedrängten Kopftuchherstellern zu benutzen. Diese werden darauf aufmerksam gemacht, dass ihr nun geringer Einfluss bei den Mächtigen der Stadt ihnen nichts anderes mehr erlaubt, als zuzustimmen, da sie andernfalls wohl nicht geringen Ärger bekämen.

 

Im Unterschied zum Würzburger Dokument von 1128 ist hier von einer gemeinsamen Kasse die Rede, die nicht mehr nur Abgaben an die Obrigkeit dient, sondern auch solchen Ellenbogen-Operationen gegen anders spezialisierte Gewerbe, gegen Fachkollegen, und vermutlich auch bestimmt ist für milde Gaben und Dotationen, mit denen sie ihre Interessen durchsetzen können, und die vermutlich nicht unter dem Signum „Bestechungen“ firmierten.

 

Wichtig ist, dass diese Schwurgemeinschaften, Zünfte, Gilden, Innungen, Zechen usw. einen kultisch-religiösen, einen gesellig-genossenschaftlichen und einen ökonomisch-politischen Aspekt enthalten. Dabei sind religiöse Bruderschaft und einzelnes Handwerk deckungsgleicher als üblicherweise in Italien, was eine Unterscheidung schwieriger macht. Die Kultgemeinschaft ist auf eine Kirche und einen Heiligen bezogen und gipfelt wo möglich in einem eigenen Altar dort, gemeinschaftlichen Messfeiern und damit zusammenhängenden Festen (convivium). Als Solidargemeinschaft helfen sie in Not geratenen Mitgliedern, beerdigen Genossen gemeinschaftlich usw. Ihr ökonomisches Interesse äußert sich in der Aufsicht über ihr Gewerbe und des Marktes, später der Regulierung der Lehrlingsausbildung und des Status der Gesellen. Die Kontrolle darüber erlangen sie, sobald sie die Ausübung des Handwerkes an die Zunftmitgliedschaft koppeln und die Aufnahme in die Zunft an das Können, Eigentum und die jeweiligen Zunftregeln.

 

Die Verbindung von ökonomischen, genossenschaftlichen und religiösen Aspekten ist wichtig: Der religiöse Mittelpunkt legitimiert diese Vereinigungen, gibt ihnen Zusammenhalt über ein konfliktfreies Miteinander jenseits ökonomischer und politischer Meinungsunterschiede und fixiert sie als Teil städtischer Volkskultur, der zum Beispiel in Prozessionen und Festivitäten sichtbar wird. Die handwerklichen Werte Fleiß, Pünktlichkeit, Ehrlichkeit in der Qualität und Quantität des Produktes, Ehrbarkeit als Verbindlichkeit von Ehe und Familie, die die Firma ausmachen, halten so Einzug in die städtische Religion und durchwirken sie zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert mehr noch als die Wertvorstellungen des Handels und großen Kapitals. Das städtische Christentum wird bürgerlich, mehr noch als in Italien, wo das große Kapital früher und stärker in aristokratische Vorstellungswelten hineinwächst und Adel auch stärker am Kapital beteiligt ist.

 

Soweit werden solche Zusammenschlüsse von Stadtherrn gefördert, die es ihnen überlassen, ihre inneren Angelegenheiten zu regeln. Man darf dazu nicht vergessen, dass nicht der Handel, sondern das Handwerk den Kern der Bürgerschaft ausmachen: Städte sind wie Dörfer meist vor allem Produktionsorte.

 

Karl Marx sprach davon, dass der Kapitalismus im Schoße des Feudalismus entstanden sei. Jedenfalls wird seine Entstehung von den vorkapitalistischen Mächten durchgehend gefördert. Er entsteht, was das Handwerk als Voraussetzung betrifft, jedenfalls auch im Schoße der Kirche, denn seine Vereinigungen beginnen mit einem kultisch-rituellen christlichen Kern, angegliedert an die Pfarrkirche, Stiftskirche oder bald auch die Kathedrale.

 

Handwerk ist damals kleines, überschaubares Kapital mit geringen unternehmerischen Spielräumen. Aber diese werden, wie man sieht, „politisch“ genutzt. Zusammenschlüsse entstehen im Zusammenspiel mit weltlichen und geistlichen Stadtherren, der Kirche und den kapitalkräftigeren Händlern und Finanziers, und was Handel, Geldgeschäft und Handwerk dann als bürgerliche Freiheit herausarbeiten, ist alleine den Interessen ihrer Gewerbe geschuldet und ist neue, „modernere“ Unfreiheit darüber hinaus. Die ökonomisch-politische Gewalt, die die Bettbezüge-Weber gegenüber jenen ausüben, die Kopftücher herstellen, wird dabei ergänzt durch die, mit der sie gegenüber jenen Kollegen des selben spezialisierten Gewerbes auftreten, die sie unter ihre Kontrolle bringen. Nichts ist dabei deutlicher als das Wortspiel, welches Freiwilligkeit und Unterwerfung in ein und demselben Vorgang unterbringt. Die Kollegen, schreiben sie hier auf, die sich nicht freiwillig unterwerfen, werden mit Hilfe der städtischen Polizeigewalt und Rechtssprechung unterworfen werden. Dies ist ein ganz frühes Beispiel für das, was bis in die die Gegenwart den bürgerlichen Freiheitsbegriff ausmachen wird und Kern jener Staatlichkeit geworden ist, die sich heute in totalitärer Form Demokratie nennt.

Aber im 12. Jahrhundert ist man von der aktuellen Allumfassenheit des modernen (totalitären) Staates noch weit entfernt. Es gelingt Handel und Handwerk, sich aus der stadtherrlichen Gewalt ein Stück weit zu befreien, meist im Einvernehmen mit derselben, ohne aber auf die Dauer, von wenigen Ausnahmen abgesehen, dabei dem Dialog mit der übergeordneten Macht ganz zu entgehen, oder wie, in der Nordhälfte Italiens, nicht den Signorien der neuen Herren zu verfallen.

 

Wenn solche Handwerker-Gesellschaften hier ausführlich als Muster von Gemeinschaftsbildung in den Städten beschrieben werden, so werden sie in den entstehenden Stadtgemeinden andererseits zunächst nicht im Geringsten an der Macht beteiligt, die bürgerliche Oberschicht betrachtet vielmehr wie der Adel produktive Arbeit überwiegend als verachtenswert und minderwertigen Menschen zuzuordnen.

 

Um 1200 haben größere deutsche Städte mit vielleicht 3000 Einwohnern bereits eine diversifizierte Handwerkerschaft mit zahlreichen spezialisierten Handwerken, die sich zu ihrer Interessenvertretung zusammengeschlossen haben, und daneben eine Vielzahl spezialisierter Krämer. Es gibt den täglichen Markt mit seinen Buden und Ständen und den Jahrmarkt für den Groß- und Fernhandel mit seinen Festen und seinem Treiben.

 

****Zünfte****

 

Zünftig war etwas, was ordentlich gemacht war und bald dann auch auf Übereinkunft beruhte. Indem in einigen deutschen Gebieten stattdessen das Wort Innung, also Einung benutzt wurde, wird das deutlich. Dort, wo die Zunft als Amt erwähnt wird, wird zudem belegt, dass sie ein officium ist, also von einer drübergesetzten Macht, eben dem Herrn der Stadt, verliehen, privilegiert wurde. Mit der Privilegierung der Wormser Fischhändler 1107 durch den Bischof wurde aus ihrer Arbeit selbst schon ein officium.

Das Wort Gilde bezeichnet wohl ursprünglich ein zeremonielles Trinkgelage, in dem Menschen sich miteinander verbanden, und wurde darum sowohl für Vereinigungen von Handwerkern wie von Kaufleuten verwandt. Umgekehrt war es wohl mit der Bezeichnung Zeche für Zunft, wobei dies Wort ursprünglich eher Versammlung, Vereinigung meinte, um dann dadurch, das solche gemeinsamen Trinkgelage zum zünftigen Alltag gehörten, gegen Ende des Mittelalters auch dieses selbst zu bezeichnen, weswegen man noch heutzutage sagen kann, dass jemand die Zeche bezahlen muss.

 

Zünfte konnten aus kultischen Bruderschaften eines bestimmten Gewerbes hervorgehen, und sie blieben auf jeden Fall weiter Kultgemeinschaften, an einer Kirche angesiedelt, in der sie einen Altar oft für den speziellen Zunftheiligen unterhalten, für den sie Kerzen spenden und an dem sie an festen Terminen Messen feiern. Zudem nehmen sie geschlossen an Prozessionen teil. Dadurch werden sie zu Feldern einer Verbürgerlichung von Christentum, die sich dann in den von ihnen nachgefragten Künsten wie auch in der Literatur besonders des Spätmittelalters äußert.

 

Der Ursprung der Zünfte liegt aber vor allem in der Übertragung der Durchführung von Markt und Gewerbe an die, die das betreiben, und die sich dafür zusammenschließen. Sie vertreten also insofern Interessen des Stadtherrn, der sie damit beauftragt. Zugleich sind sie aber auch Interessenvertretung der Handwerker selbst. Wichtiger noch als die zeremoniellen Gelage, die letztlich wohl germanisches gemeinschaftsbildendes Erbe sind, ist ihre Überlappung mit kultischen Bruderschaften, die einen gemeinsamen Altar unter anderem mit Kerzen und kultischen Handlungen pflegen und bald auch einen dem Gewerbe zugeordneten Schutzpatron verehren.

 

In der Vielfalt unterschiedlicher Privilegien und interner Regulierungen lassen sich einige Gemeinsamkeiten erkennen. Zünftig konnte zunächst einmal nur ein Meister werden, manchmal auch eine Meisterin. Er musste meist einen mehr oder weniger hohen Besitz vorweisen und zudem ein Eintrittsgeld bezahlen, welches sich oft daran orientierte, wieviele Meisterbetriebe eines Gewerbes man in der Stadt haben wollte. Ob ein Zunftzwang ausgeübt wurde, hing im Mittelalter an örtlichen Gegebenheiten und an historischen Konjunkturen.So galt für Magdeburger Hersteller von Schilden und Sätteln gegen Ende des 12. Jahrhunderts die Beitrittspflicht zu ihren Zünften, die im Verlauf des Mittelalters immer häufiger wird.

 

Eine Hoheit über das Handwerkswesen übten zunächst die Stadtherren aus, und Zünfte oder ähnlich heißen die Zusammenschlüsse der Handwerker erst im späteren Hochmittelalter oder gar erst im Spätmittelalter, als sie stärker aus der Hand der Stadtherren in die der entstehenden Stadtgemeinden übergehen. 1180 vergibt, ein frühes Beispiel, die mächtige und reiche Kölner Richerzeche bereits ein Privileg für die Kölner Drechslerzunft. (Schulz, S.44) Im Gefolge der späten Stauferzeit wird das immer mehr Aufgabe von Landesherren, die das dann delegieren. Für Berlin und Frankfurt/Oder galt etwa Folgendes zum Stadtrecht : "Danach ordnete der Rat die gesamte gewerbliche Tätigkeit, er hatte die Aufsicht über Maß und Gewicht, über die in 'Innungen' zusammengeschlossenen Handwerker, über die Qualität der von ihnen hergestellten Produkte und bestimmte die Art und Weise des Verkaufs auf den Marktständen und in den Läden." (Schich, in Schulz, S.45)

 

In Frankreich werden vom König und den Fürsten Zünfte privilegiert, 1162 die wichtigen Fleischer von Paris durch Ludwig VII., 1181 Maurer, Zimmerleute, Fischhändler, Fleischer und Holzhändler von Toulouse durch Graf Raimund V.  

 

Intern ist für die Zünfte seit der späten Stauferzeit die freie Wahl ihres Zunftmeisters und anderen Beauftragten und die Regelung ihrer inneren Angelegenheiten, über die sie auch eine gewisse Gerichtsbarkeit besitzen, samt ihrer kultischen Betätigungen. Im Fall von Krankheit oder plötzlicher Not hilft man sich gegenseitig, meist mit Krediten, aus. Die Beerdigung eines Mitgliedes wird gemeinsame Verpflichtung. Die Ausbildung von Lehrlingen und Beschäftigung von Gesellen wird ebenfalls mehr und mehr gemeinsam geregelt, ebenso wie die Aufsicht über die Bewaffnung der Mitglieder und der Anteil an der Stadtverteidigung.

Zunftzwang und ein Verkaufsmonopol für das eigene Gewerbe in der Stadt mussten mit dem jeweiligen Herren und/bzw. dem Rat der Stadt abgestimmt sein.

 

****Vereinigungen der Händler****

 

Neben die internen Vereinbarungen von Handwerkern treten solche von Händlern. Schon erwähnt wurde die vom Bischof geordnete Vereinigung der Fischhändler von etwa 1106, in der die Mitgliedschaft vererbt wird und beim Fehlen eines Erben ein urbanorum communi consilio die Stelle vergibt. Dazu kommen Privilegierungen solcher Gruppen durch die jeweiligen Herren, wie eine solche vor 1060 bereits für Würzburger Kaufleute bestanden haben muss. (Leng, S.42) Eine städtische Oberschicht entwickelt sich darüber hinaus aus den großen Grundherren, die teils in ihren steinernen Geschlechtertürmen in der Stadt, teils auf dem Land residieren. Zu ihnen stößt eine Schicht wohlhabender Juristen. Zusammen sind sie die boni homines, maiores oder meliores.

 

Aufgaben und Rechte der Bürger

 

Aufgaben der Bürger: Wenn die Städte wachsen, werden Pfarreien, Städtteile oder Berufsvereinigungen für Bau und Erhalt von Mauerabschnitten zuständig und ebenso für die Verteidigung der Mauern. Insgesamt wird der Mauerbau bis ins späte Mittelalter zur wichtigsten und kostspieligsten Gemeinschaftsaufgabe in der Stadt. Er grenzt die Stadt nach außen ab, auch wenn sie sich später als Gemeinde eine gewisse Kontrolle über das Umland zulegt. Ausgegrenzt sind oft Mühlen, die Richtstätten, Leprosenhäuser, Bleichwiesen, Steinbrüche und Lehmgruben. Vor das Umland wird dann noch einmal ein Ring aus Hecken und Gräben als eine Art Vorverteidigung angelegt. Eine solche Landwehr kann im Spätmittelalter am Beispiel Rothenburg o.d.T. etwa 62 km lang und mit neun Türmen bestückt sein (Schott, S.99)

 

Recht und Gericht sind je nach Stadt und Herrschaft ebenfalls verschieden: Kaiser Friedrich I. regelt die urbana iustitia 1156 in einer Urkunde für Augsburg, die wohl bestehendes Recht vertieft. Danach wird die Hochgerichtsbarkeit vom bischöflichen Vogt des Hochstiftes ausgeübt, der an drei festgesetzten Tagen und zudem, wenn etwas anliegt, nach Augsburg kommt. Für zivile Angelegenheiten ist der bischöfliche Burggraf zuständig, der unter anderem auch die Qualität von Brot und Bier beaufsichtigt, den Grundnahrungsmitteln also.

Zusammen mit großbürgerlich-ministerialen Schöffen führt er ein Siegel für etwaige Urkunden, welches auf das bischöfliche und dann das davon getrennte des Domkapitels zurückgeht. Erst für 1234 ist dann auch ein Siegel (sigillum) civium Augustensium überliefert, in dem sich die "Bürger" von Augsburg als selbständige Rechtsgemeinschaft erweisen.

 

Rechtshändel zwischen Städtern und Auswärtigen fallen, wie eine Urkunde von Erbischof Wichmann 1188 für sein Magdeburg festlegt, zwar noch unter die Rechtsprechung von Burggraf oder Schultheiß, aber innerstädtische Rechtshändel in beschränktem Umfang unter die Entscheidungen von Schöffen (scabini) als Vertretern der städtischen Oberschicht.

1235 beschreiben die Schöffen von Halle ihr Recht den Leuten des niederschlesischen Neumarkt. Danach richtet der Burggraf noch dreimal im Jahr über Notzucht (für die, so erwiesen, die Todesstrafe gilt), den Hausfriedensbruch und den Raubüberfall, während der Schultheiß der Bürger vierzehntägig die übrigen Straftaten abhandelt.

 

Um 1130 legt der Bischof und Stadtherr von Straßburg in einer Urkunde fest, was für seine Stadt zu gelten hat. In §1 und 2 heißt es ganz grundlegend:

Nach dem Vorbild anderer Städte ist Straßburg mit der Auszeichnung gegründet worden, dass jeder Mensch in der Stadt, fremd oder einheimisch, für alle Zeit und in jeder Hinsicht Frieden habe. / Wenn jemand außerhalb der Stadt etwas verbrochen hat und aus Furcht wegen seiner Schuld in die Stadt flüchtet, soll er dort sicher sein. Keiner lege gewaltsam Hand an ihn, gleichwohl soll er willig und bereit sein, vor Gericht zu erscheinen.

Die Stadt ist hier ein abgeschlossener Rechtsbezirk, in dem Frieden und also Schutz oberstes Gebot sind.

§5: Alle Beamten dieser Stadt unterstehen der Gewalt des Bischofs, so dass entweder er selbst oder die, die er ernannt hat, sie einsetzen sollen. Die Höheren sollen die Niederen einsetzen, soweit sie ihm unterstellt sind. §6: Keinem darf der Bischof ein öffentliches Amt anvertrauen, der nicht zur familia seiner Kirche gehört. §7: Vier Beamtete aber, in deren Händen die Leitung der Stadt liegt, setzt der Bischof mit eigener Hand ein, und zwar den Schultheißen, den Burggrafen, den Zöllner und den Münzmeister.

 

Der Vogt, vom Bischof eingesetzt, hat für diesen das Gewaltmonopol wahrzunehmen. Der ebenfalls vom Bischof eingesetzte Schultheiß übt auch über zwei von ihm eingesetzte Richter alle Gerichtsbarkeit aus außer der, die seine Dienstleute und die Mitglieder seiner familia betrifft. Das Gericht findet öffentlich, nämlich auf dem Marktplatz statt. Er setzt auch den Wächter des bischöflichen Kerkers ein. Bestraft wird mit dem Strick am Galgen, mit Enthauptungen, an Haut und Haar, an der Hand (mit Handabschlagen), durch Ausreißen der Augen, mit Abschneiden der Hoden und Geldstrafen.

 

Das vom Bischof besetzte Amt des Burggrafen bestellt die Meister fast aller Ämter (officia) in der Stadt (…), nämlich die der Sattler, Kürschner, Handschuhmacher, Schuster, Schmiede, Müller, Küfer, Becherer, Schwertfeger, Obsthänder und der Schankwirte und übt über sie die Gerichtsgewalt aus. Deren Vereinigungen dienen nicht einfach ihren eigenen Interessen, sondern vor allem auch denen des Stadtherrn. Jeder einzelne der Bürger (burgenses) soll fünfmal im Jahr Herrendienst leisten, mit einigen Ausnahmen, die extra aufgeführt werden.

Dritter vom Bischof eingesetzter Beamter ist der Zöllner, der keine Zölle von Mitgliedern der bischöflichen familia erhebt, über die städtischen Maße wacht und über den guten Zustand der Brücken. Letzter solcher Beamter ist der Münzmeister, in dessen Amt man sich teuer einkaufen muss. Oft stellt die Münze nicht nur Geld her, sondern wechselt es auch und ist ein vergleichsweise hohes Amt.

 Nach der Beschreibung der Ämter folgt die der Pflichten der burgenses. Sie alle müssen alljährlich fünfmal eine bestimmte Anzahl von Tagen für den Herrn arbeiten, mit Ausnahme bestimmter Handwerker, die eine bestimmte Anzahl von Leistungen bzw. Erzeugnissen an den Herrn abliefern müssen, zusätzliche Dienste müssen Müller und Fischer bieten. 24 Kaufleute müssen Botendienste für den bischöflichen Herrn leisten. (In: Hergemöller, S.160ff,  außerdem: Engel/Jakob, S.21ff, Schulz, S. 37f)

Bürger sind also in die Herrschaft des Bischofs eingegliedert, der an jenes Recht und jene Ordnung gebunden ist, die er selbst bestimmt, die aber die Bürger aus Eigeninteresse fördern. Wenn man nicht zur familia des Bischofs gehört, dann vermutlich derzeit noch zu einer anderen. Aber auch dann gehört man zur bischöflich kontrollierten Rechtsgemeinschaft der Stadt. Was geschehen wird , ist die Emanzipation aus solcher familia und die Partizipation an der Regelung aller die Bürger betreffenden Angelegenheiten.

In der ersten Hälfte des 12. Jahrhundert regiert der Bischof die Stadt also noch fast uneingeschränkt über seine ministri, den Vogt, den Schultheiß, über Münzmeister, Burggraf und Zöllner.

 

Die Entwicklung der bürgerlichen Stadt ist überall im Reich ähnlich, aber den jeweiligen Umständen entsprechend auch ein Stück weit verschieden. Straßburg entwickelt sich dabei zwischen 1147 und 1263 kontinuierlicher (Kammerer), mit weniger Brüchen und Eckdaten auch aufgrund der Fruchtbarkeit seines Umlandes.

 

Lübeck wird 1181 königliche Stadt, das was später Reichsstadt heißen wird. Das Gericht wird nach einer Quelle für 1243 vom kaiserlichen Vogt geleitet, dem aber zwei Bürger wohl schon seit längerem zur Seite stehen. 1247 dürfen die Organe der städtischen Oberschicht diesen bereits selbst benennen und für 1262 ist bereits belegt, dass die Stadt die Vogtei verpachtet (für 70 Mark).

 

Was dann nördlich der Alpen nicht gelingen wird, ist die Eingliederung geistlicher Räume in einen bürgerlich-weltlichen. Wer zum Domkapitel oder zu anderen geistlichen Immunitäten gehört, bleibt samt seiner Dienerschaft aus der Gerichtsbarkeit der bürgerlichen Marktsiedlung herausgenommen.

 

Besonders gravierend dabei ist die Auslösung des immobilen Eigentums innerhalb der Stadtmauern aus der unmittelbaren Verfügung des Herrn, in der sie einmal stand. 1180 bestätigt Friedrich Barbarossa den Wetzlarern, dass ein jeder von ihnen von seiner Hofstätte alljährlich 4 Pfennige dem Herrn, von dem er sie hat, als Zins zahlt, und dass er sie ohne alle weiteren Forderung ungestört innehaben soll. Nach ihrem Tode jedoch sollen ihre Söhne oder nächsten Erben oder diejenigen, denen sie es vielleicht vermachen wollen, 12. Pfennige entrichten, und von da an sollen sie, wie es zuvor angeordnet ist, jährlich 4 Pfennige zahlen. Wenn aber jemand bei Lebzeiten seine Hofstätte verkaufen will, soll sie der Käufer zu demselben Recht wie ein Erbe erhalten. (Engel/Jacob, S.29)

Der bürgerliche Eigentumsbegriff entsteht so aus Gewohnheiten, die sich als für beide Seiten günstige einschleichen, und wird dann festgeschrieben, um in den folgenden Jahrhunderten wieder Schritt für Schritt eingeschränkt zu werden, bis er in demokratischen Verfassungen vollständig unter staatliche Willkür gerät und massiv entwertet wird.

 

Das Recht der Bürger am Eigentum an Grund und Boden lockt Leute in neugegründete Städte. Aber auch in den schon älteren wird die Koppelung dienstlicher Verpflichtungen an den Boden durch einen Grundzins abgelöst. Das liegt besonders im Interesse der Kaufleute, die dadurch uneingeschränkte Mobilität erlangen. Nach und nach setzt sich in immer mehr Städten durch, dass Grund und Boden in der Stadt frei vererbt und veräußert werden können.

 

Indem das entstehende Bürgertum erweiterte Möglichkeiten erhält, in einer gewissen Selbständigkeit Geld zu verdienen, wird immer deutlicher, dass die Herren in der Situation von Rentiers durch geldliche Abgaben einfacher zu Reichtum gelangen können aus durch Dienste aus grundherrlicher Abhängigkeit. Indem immer mehr Geld zwischen die Menschen tritt, treten zugleich die auf Grund und Boden beruhenden persönlichen Beziehungen zwischen Herr und Knecht zurück.

Nach und nach und von Stadt zu Stadt verschwinden auch die Ehebeschränkungen mit ihren hohen Abgaben, erst einmal innerhalb der Stadt.

 

 

Ein weites Feld werden die Regelungen bezüglich der Kriminalität. Das beginnt beim Hausfriedensbruch als gewaltsames Betreten eines Grundstückes, wogegen sich der Hausherr nach eigenem Ermessen wehren darf, wie es im 13. Jahrhundert für Freiburg/Breisgau heißt, eines von vielen Rechten, die Demokratien ihren Untertanen verwehren werden. Geregelt werden für diese Stadt auch Messerstechereien, Verletzungen in Trinkstuben, wo offenbar gelegentlich mehr getrunken wird, als dem klaren Verstand guttut, Haareausreißen, was offenbar öfter vorkommt, ebenso wie Tatbestände der Beleidigung. Wiederholte Beleidigungen können zum Ausschluss aus der Stadt führen. Wie sehr auf den Frieden der Stadt und den Schutz der Bürger geachtet wird, zeigt folgender Paragraph aus Friedrich Barbarossas Stadtrecht für Hagenau von 1164: Die nichtsnutzige Frau, die eine rechtschaffene und ehrenwerte Frau übel mit Schimpfworten behandelt, wird, auch wenn sie nur einmal glaubhaft überführt ist, nach der besagten Weise ohne jede Einspruchsmöglichkeit aus der Stadtgemeinschaft (extra civitatis collegium) ausgesondert. (in Hergemöller, S.214)

Immer wieder wird in den Bestimmungen darauf geachtet, dass die Strafe der Tat entspricht: Mord entspricht die Todesstrafe, dauerhafte Schädigung von Körpergliedern mit Handabhacken, andere blutige Verletzungen mit hohen Geldstrafen.

 

Die bürgerliche Gemeinde (Kommune) entsteht so zum einen aus ihren Aufgaben, in denen sie sich immer mehr vom direkten Einfluss des Stadtherrn löst, zum anderen aus einer Vielfalt gemeinsamer Rechte, die von Stadt zu Stadt zwar ähnlich, aber nicht identisch sind. Zeichenhaft deutlich als Rechtsgemeinschaft wird sie mit der Erstellung eigener Siegel, mit denen sie eigene Urkunden "besiegelt". 1195 taucht für Würzburg (Wirciburg) ein solches auf, neben denen von Köln, Mainz und Trier (Leng, S.47). Abgebildet ist darauf noch die Bischofskirche.

 

****Abgaben****

 

Einen wesentlichen Faktor auf dem Weg zur Gemeindebildung benennt Groten so: „Das rasante Bevölkerungswachstum veränderte die städtische Gesellschaft grundlegend. Ab einem gewissen Punkt waren die hergebrachten Organisationsformen überfordert. Die bischöfliche familia stellte nicht mehr die Mehrzahl der Bevölkerung, und auch die Verbände von Hörigen und Zinspflichtigen anderer städtischer und auswärtiger Kirchen traten kaum noch als Ordnungsfaktoren in Erscheinung. … Das bedeutete, dass kirchliche Institute als Ordnungsmächte an Bedeutung verloren.“ (S.77)

 

In diesem Zusammenhang spielt die Entwicklung der Zensualität eine immer größere Rolle. Die Verwandlung von Leistungen durch Abgaben bedeutete zunächst größere Freizügigkeit, nun vermindern sich die Abgaben auf die Ehe mit jemandem aus einer anderen familia, auf den Todfall oder der Kopfzins und verschwinden langsam an manchen Orten. Auch so werden nach und nach aus Zensualen Bürger.

 

An die Stelle des Kopfzinses tritt dann in der Gründungsurkunde für Freiburg 1120 der Jahreszins (von einem Schilling) auf das Grundstück.  Hundert Jahre später (1219) setzt Friedrich II. als königlicher Stadtherr für Nürnberg fest: Wenn der Reichsherr von ihnen die Steuer (steuram) erhebt, brauchen sie die Zahlung nicht einzeln pro Person, sondern dann können sie diese gemeinsam, je nach ihrem Vermögen (pro posse suo) entrichten. (in Hergemöller, S.258). Damit wird die Stadtgemeinde zu einer abgeschlossenen fiskalischen Körperschaft.

 

Neben die Abgaben an den Stadtherren treten mehr und mehr die an die bürgerliche Obrigkeit. Dazu gehört die Gebühr für das Bürgerrecht, in Halle drei Schillinge 1235, die Gebühren für den Eintritt in die Innung, die bei den Hallenser Bäckern zu zwei Dritteln an die Stadt gehen, und um die selbe Zeit noch die Sachabgaben der Innungen an Stadtherrn, Vogt und Schöffen.

 

Daneben gibt es weiterhin die Gerichtsgebühren, schon lange Einnahmequelle derer, die das Richteramt innehaben. 1259 gehen davon zwei Drittel an Schöffen, Rat und Bürger., wie der Kölner Erzbischof bestimmt.

 

Städtische Oberschicht

 

Wie das Land so erbt auch die mittelalterliche Stadt aus der Antike die enorme Ungleichheit der Menschen in Besitz und Lebensstandard und genauso an Macht und Einfluss. Zu den rechtlichen Unterschieden von Stadtherr, Klerus, Kloster, Stift, Adel, Ministerialität und Bürgertum kommen die zwischen Bürgern und unterbürgerlichen, unehrlichen Menschen einerseits und die einer Schichtung des Bürgertums nach Eigentum und Einkommen und nach Rechten. Dabei drückt sich die Verachtung (der Höhergestellten) für körperliche bzw. produktive Arbeit darin aus, dass Amtspersonen und Händler/Kaufleute und Finanziers angesehener sind als das Handwerk und durch ihre materielle Ausstattung auch eine Art bürgerliche Oberschicht bilden, jene, die vor allem in den Dokumenten als cives bzw. burgenses angesprochen werden.

 

Im erzbischöflichen Privileg für Magdeburg von 1188 ist von einem conventus civium die Rede, den die stulti (Dummen, Bedenkenlosen) nicht durch ungezügelte Rede stören oder sich gar dem Willen der Besseren (meliores) widersetzen dürfen. Der Stadtherr bestimmt, dass die Anmaßung solcher Leute in jeder Hinsicht zu zügeln ist, das heißt, dass jemand, der sich zu solcher Anmaßung erdreistet, von den Bürgern (a civibus) mit solcher Härte bestraft werden soll, dass sich kein anderer es ihm gleichzutun wagt. (in Hergemöller, S.230. Auch: Engel/Jacob, S. 48)

 

Eine übergreifende Brüderschaft einer kleinen bürgerlichen Oberschicht bildet früh die Kölner Richerzeche, die sich aus den Schöffen des Hochgerichts zusammensetzte, mit einem eigenen Versammlungshaus. Aus ihr werden zwei Bürgermeister gewählt. Nach und nach setzen sie ihren Anspruch durch, Interessenvertreter der bürgerlichen Gesamtgemeinde zu sein, die dadurch überhaupt erst entsteht. Dass sie in Dokumenten als Senatoren bezeichnet werden, zeigt ihren abgehobenen Rang.

 

Ein stattlicher Teil der Richerzeche sind Ministeriale bzw. Leute, die da herkommen. Bei Th. Zotz heißt es, das Kölner Bürgertum des späten 12. Jahrhunderts, Stauferzeit schon, „ist, wenn man auf zwei oder mehr Generationen innerhalb einer Familie blickt, durch die Verbindung von kaufmännischer beziehungsweise geldgeschäftlicher Tätigkeit, Mitgliedschaft in der Richerzeche, Bekleidung stadtherrlicher Ämter wie des Schöffen- oder Zöllneramtes, Zugehörigkeit zur Ministerialität des Domstifts und nicht zuletzt durch >Militia<, Ritterschaft oder Ritterwürde, gekennzeichnet.“

Sonja Zöller hat sich ausgiebig mit der Familie Unmaze beschäftigt, deren Mitglied Gerhard wohl Fernhandel vor allem betreibt. Er verleiht zudem Geld, wobei er als Sicherheit Immobilien verlangt, die im Falle der Nichtrückzahlung an ihn fallen. Zwischen Dom und Bischofspalast kauft er Häuser, in der Nähe Verkaufshallen und Backhäuser. Er ist in der Bürgervertretung, seit 1169 einer der beiden obersten bischöflichen Zöllner und 1174 bekommt er für 600 Markt für eine Weile den Kölner Stadtzoll als Pfand und kann wohl als bischöflicher Ministerialer gelten. Gewinne aus Geschäften gehen fast alle in Immobilien

 

Typischer sind die Verhältnisse in Mainz und Trier, wo in der Regel Ministeriale die Geschäfte des geistlichen Stadtherrn führen. In Trier kommt es deshalb 1161 zu einer communio oder coniuratio der Bürger, die gewisse neue Gewohnheiten und ungebührliche Rechte einer Einung schaffen (in: Groten, S.103). 11 Jahre später haben sie dann erste Erfolge.

 

Stadträte

 

Der Weg in die politische Gemeindebildung vollzieht sich nach und nach in Vorformen im 12. Jahrhundert und offenbar weithin im Einvernehmen mit den Stadtherren.Noch weit entfernt von bürgerlicher Repräsentanz ist die Verpflichtung von 24 Leuten aus dem genere mercatorum, also aus Kaufmannsgeschlechtern, durch den Bischof von Straßburg, für ihn Gesandtschaften (legaciones) in seiner Diözese durchzuführen. Dafür erhalten sie auf seinen Festlichkeiten, wenn er seine Leute zu sich lädt, bei dem Festmahl ehrenvolle Sitze ihm gegenüber (in: Hergemöller S.178). Spitzen des Bürgertums kooperieren so als Honoratioren mit dem Stadtherrn.

Der Mainzer Erzbischof spricht in seiner Urkunde von 1135 vom Rat der Vornehmen (primorum consilio), den er einholt, und spezifiziert: ich meine den der Kleriker, Grafen, Freien, der Stiftsangehörigen und der Bürger (civium) (in: Hergemöller, S.186).

 

In der Gründungsurkunde für Freiburg 1120 tauchen 24 Marktgeschworene (conjuratores fori) auf, die mit Interna der entstehenden Bürgergemeinde befasst werden. Dazu wählen "die Bürger" jährlich einen Schultheiß, den Büttel und den Gemeindehirten (§6 im Privileg Herzog Bertholds). Ein weiteres wichtiges Amt hat der Waagemeister inne. In den nächsten hundert Jahren tauchen dann 24 Ratsmannen (consules) in den Urkunden auf, die zum Beispiel über die Maße für Wein und Getreide und die Gewichte für Gold und Silber verfügen und Bestimmungen über Wein,Brot und Fleisch und anderes, was ihnen für das Wohl der Stadtgemeinde (universitati civitatis) nützlich erscheint, erlassen können (in: Hergemöller, S.160)

 

Ein magistratus und eine coniuratio civitatis, also Schwurgemeinschaft der Bürger erscheint 1164 in Hagenau mit noch eingeschränkten Befugnissen.

 

Um 1200 finden sich in den Quellen aus deutschen Landen die ersten Erwähnungen von Stadträten, und zwar in Bischofsstädten am Rhein, wie 1184/98 für Worms, etwas später, 1198 für Speyer und um die Zeit auch für Lübeck (bis 1201).

Seit 1216 formiert sich der Rat aus einer Protestbewegung der Amtleutebruderschaften der Pfarreien gegen das Regiment der stadtadeligen Schöffen, wird mit Hilfe Friedrichs II. beseitigt, ist aber 1229 wieder vorhanden (Dirlmeier).

 

Innerhalb von rund 50 Jahren werden sie nun in rund 150 deutschen Städten eingerichtet werden, die sich damit als politische Gemeinde konstituieren.

Gebildet werden sie von bürgerlicher Kaufmanns-Oberschicht und Ministerialen, dem zukünftigen „Patriziat“. So bestimmt Heinrich der Löwe für Lübeck: Wählt man jemanden in den Rat, der soll zwei Jahre darin sitzen, im dritten soll er frei sein, man kann ihn aber bitten, den Rat zu besuchen. Wir bestimmen auch, dass in den Rat nur komme, wer ehelich, von freier Geburt und niemandes Eigentum sei, auch darf er bei keinem Herr irgendein Amt bekleiden. Er soll von gutem Rufe sein, und auch seine Mutter muss frei und niemandes Eigen gewesen sein. Er darf keines Geistlichen oder Pfaffen Sohn sein und soll liegendes Eigentum innerhalb der Mauern haben, er darf zu seinem Eide nicht gezwungen sein und seine Nahrung nicht mit Handwerk erworben haben. (Engel/Jacob, S. 41) Damit entspricht der Herrscher den Wünschen des gehobenen Handelskapitals der Stadt, auch indem er bürgerliche Ehrbarkeitsvorstellungen hineinflicht.

 

Aus den consiliarii, also den Ratgebern des Bischofs, dessen Amtsleuten noch untergeordnet, werden so Ratsherren (consules), die zunächst in der Regel ein Jahr im Rat sitzen, was eine breite Beteiligung der bürgerlichen Oberschicht im Laufe der Jahre ermöglichen soll, und die sich durch Kooptation ergänzen, was sie unter anderem auch dem Einfluss des Stadtherrn entziehen soll.

Dabei bleibt der kaiserliche Zugriff, mit dem der Kaiser seine Bischofskandidaten durchsetzen kann. Entsprechend hält dann Heinrich VI. auch kurz hintereinander für Bischof und Stadt kostspielige Hoftage in Worms ab, wo sie praktisch die Stadtherrschaft besitzen (Bönnen). Ähnliches gilt für Speyer. Das mag aber mit dazu beitragen, dass beide Städte nicht das Format von Mainz unter seinen mächtigen Bischöfen gewinnen.

 

1201 tritt in Straßburg ein bürgerlicher Rat neben dem Bischof auf, wohl nach dem Vorbild des Rates von Speyer, letzterer 1198 erwähnt. Er besiegelt zusammen mit Ministerialen und adeligen Domherren einen Vertrag mit Graf Rudolf von Habsburg: Sigillum burgensium Argentinensis civitatis. (Kammerer in Hartmann (Hrsg), S.74).

1205 unterstellt Philipp von Schwaben die Stadt „unter seinen Schutz“, was Friedrich II. 1219 wiederholt. Für 1214 ist eine Bürgersatzung überliefert: die burgere von Strazburg die witzigsten, und die ehrsamesten, als zerehte minne, der reht vertikeite, mit bescheidenlichen sinnen sint uber ein komen, mit dez bischoves willen und rate, dez Vogetesund aller der hohesten... (Kammerer in Hartmann (Hrsg), S.75) Ein Rat aus 12 Bürgern mit zwei Bürgermeistern wird erwähnt, daneben zwölf Schöffen, die eine allgemeine Gerichtsbarkeit ausüben. Neben der Rechtsprechung und Polizeigewalt gehen die Außenbeziehungen an die bürgerliche Oberschicht. Der Neubau des Münsters gerät mehr und mehr unter bürgerliche Regie.

 

In der Gründungsurkunde von Hamm (Marca) erhalten ein Rat (consilium), der Bürgermeister (proconsul) und der zusammen mit dem Bürgermeister vom Grafen von Altena und Mark ausgesuchte Richter (iudex) erhebliche Befugnisse zugesprochen, nachdem die Bürger (opidales) sich für das Lippstädter Recht entschieden hatten (Hergemöller, S.242ff). Nachdem der Edelherr Bernhard II. zur Lippe  Lippstadt gegründet hat, gewährt er den Bürgern 1220 umfassende Rechte, über die offenbar gemeinsam consules und iudices zu wachen haben (Hergemöller, S.262ff). Beide Urkunden beziehen sich auf das Soester Stadtrecht mit seinen magistri burgensium, dem consilium und der Schwurgemeinschaft von totum commune civitatis, welches dann auf rund 60 weitere Städte angewandt werden wird (Hergemöller, S.19)

 

Natürlich möchten Stadtherren die neuen Selbstverwaltungskollegien wo möglich unter ihrem Einfluss halten. In Neuss hatte sich bereits längst ein Ratsmännerkollegium aus consules gebildet, als der Erzbischof von Köln 1259 noch von officiati redet, qui amptman vulgariter appellantur, (in Hergemöller, S.286) und so den Eindruck erweckt, als ob sie ihm noch unterstehen.

 

Um 1250 dürften bereits rund hundert deutsche Städte eine solche konsularische Verfassung besessen haben, vor allem in den rheinischen Bischofsstädten und im Norden, dort insbesondere im welfischen Machtraum, während der Süden überwiegend in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts nachzieht. Dabei ist auffällig, in welchem Tempo, in wenigen Jahrzehnten zwischen 1251 und 1290 dort die Ratsverfassung dann einsetzt, also im sogenannten (großen) Interregnum vor allem und mit Nachzüglern in der Zeit des Königtums Rudolfs von Habsburg.

 

Das Bündnis zwischen herrscherlicher, stadtherrlicher und bürgerlich-städtischer Obrigkeit richtet sich nicht zuletzt auch gegen die große Masse der städtischen Bevölkerung, die bis ins 14. Jahrhundert ständig zunimmt, nicht zuletzt durch Zuzug von außen. Und so verfügt das schon damit erwähnte Magdeburger Stadtrecht von 1188 den Ausschluss der meisten vom Rederecht in der Bürgerversammlung.

Die politische Macht in den Städten gewinnt eine Gruppe bedeutender Kapitaleigner, die Gemeindebildung ist so keine Sache aller Bürger oder gar der Einwohnerschaft. Diese sich aristokratisch aufführende sehr kleine Minderheit der Bürger passt auf, dass sie politisch unter ihresgleichen bleibt. Dazu werden entweder komplizierte Wahlvorgänge inszeniert, die die meisten Leute effektiv ausschließen, oder aber es wird einfach zur Kooptation übergegangen. Dabei ist dies nicht eine Herrschaft der Reichsten, sondern der sich als älteste und am meisten aristokratisch fühlenden Geschlechter. "Selbst in einer kleinen Stadt wie Rinteln stammen acht der zehn Ratsherren 1252 aus adeligen Burgmannengeschlechtern." (Dirlmeier, S.73) Die Oberschicht teilte sich so in ratsfähiges Meliorat oder Patriziat und eine davon ausgeschlossene Gruppe von Reichen.

 

In der Stadt leben die Leute enger beieinander als bislang auf dem Lande, sie lassen sich von der Obrigkeit leichter kontrollieren und sie geraten immer mehr und detaillierter unter ihre Kontrolle. Über hundert Jahre nach dem Magdeburger Dokument (1188) wird für Wismar von den politisch Mächtigen noch viel allgemeiner festgelegt: Niemand darf bösartig sprechen über Fürsten, Herren, Jungfrauen und andere ehrliche Leute, geistliche und weltliche, bei einer Buße von zehn Mark Silber. (Engel/Jacob, S. 65)

 

Mit dem Weg in die politische Gemeinde beginnt diese auch, selbständiger Beziehungen zu anderen zu knüpfen. 1208  kommt es zu einem Zollverttrag zwischen den cives von Worms und Speyer: Verhandelt werden gegenseitig gleich hohe Zölle für den Handel über Land und auf dem Rhein. Mit der nachlassenden staufischen Kontrolle über deutsche Lande gewinnt die städtische Friedenserhaltung an Bedeutung: Im November 1226 verbietet Heinrich (VII.)  im Interesse seines Vaters, der gerade besonders fürstlicher Unterstützung bedarf, auf einem Hoftag zu Würzburg einen Bund der Städte Mainz, Bingen, Worms, Speyer, Frankfurt, Gelnhausen und Friedberg gegen den Erzbischof von Mainz. Dem Erzbischof wird nach Fürstenspruch zugestanden, dass das königliche Oppenheim nebenan keine Ministeriale, Bürger und andere Leute mehr aus Mainz aufnehmen und die schon dorthin gekommenen wieder zurückgeschickt werden.bildet sich ein Städtebund am Mittelrhein. 1227 werden alte Bündnisse zwischen Straßburg und Speyer erwähnt. 1230 begünstigt Heinrich dann wiederum ein Bündnis der Bürger von Lüttich und anderer Städte an der Maas gegen den Bischof, welches er ein Jahr später auf Druck seines Vaters verbieten muss.

1254 kommt es zum von Mainz und Worms ausgehenden Rheinischer Bund. Laut Hermann von Niederaltaich pax more Lombardicarum civitatum (in 'Verwandlungen', S.106). Auch Kleinstädte wie Bingen und Oppenheim treten bei.

 

Regensburg

 

Musterbeispiel für eine kapitalistisch-bürgerliche Stadt, der es gelingt, sich für einige Zeit in gewissem Maße übergeordneten Mächten zu entziehen, wird Regensburg. Das beruht auch darauf, dass es zu einem Zentrum des Fernhandels wird, wobei vor allem die Beziehung zu Venedig bedeutsam ist, wo Regensburger lange den Vorsitz in der Handelsniederlassung der Deutschen (Fondaco die Tedeschi) innehaben. Damit sind sie auch an den Orienthandel angeschlossen, während sie zugleich die Ostwest-Achse zwischen Frankreich und dem Reich der Rus bedienen. Um die Kontrolle der Stadt ringen mit den Bürgern der König (Kaiser), die bayrischen Herzöge und der Bischof.

 

Die cives ratisponenses, die immer häufiger auch als burgenses auftauchen, sind nicht nur Großkaufleute, sondern auch Kramer und Handwerker, aber das große Kapital verbindet sich mit der Produktion nicht so wie in Augsburg und anderswo. Organisiert ist es in einer Hanse der Fernkaufleute, 1184 wird erstmals ein Hansgraf erwähnt.

 

Ein erster dokumentierter Meilenstein bürgerlichen Selbstbewusstseins wird der Bau einer steinernen Brücke über die Donau zwischen 1135 und 1146 mit fünfzehn Pfeilern, sechzehn Bögen und einer Länge von über 300 Metern. Mit drei Tortürmen bewehrt wird sie für Jahrhunderte zwischen Ulm und Wien der einzige feste Donauübergang bleiben und so sehr viel Fernhandel auf die Stadt konzentrieren.

 

Auf Bitten der Bürgerschaft stellt Barbarossa 1182 für sie ein Privileg aus, in dem er die Freiheit für die steinerne Brücke bestätigt. Niemandem steht es zu,von einem, der diese Brücke überquert, irgendetwas zu fordern, abgesehen davon, wenn jemand freiwillig etwas zur Erhaltung oder Reparatur dieser Brücke spenden möchte. Ein „gewählter“ Brückenmeister ist verantwortlich. (Im ersten Band des Regensburger Urkundenbuches)

 

Ab 1185 sind Konflikte zwischen Bischof und Herzog um die Stadtherrschaft dokumentiert. Barbarossa nutzt sie offenbar, um 1188 die Domvogtei königlich zu besetzen, worauf er Regensburg civitas sua nennt. Aber nach seinem Tod wird die königliche Macht in der Stadt geschwächt. Mit der Doppelwahl von 1198 kann der Herzog seinen Einfluss auf die Stadt stärken.

 

1205 teilt König Philipp von Schwaben Rechte und Einnahmen zwischen Bischof und Herzog auf, aber schon 1207 bestätigt sein später so genanntes „Philippinum“ Stadtrecht und städtische Steuer und gewährt der universitas civium das Besetzen des Amtes des Hansgrafen und bestätigt zudem dessen breitgefächerte Aufgaben. Inzwischen ist von civilia instituta und consensus urbanorum die Rede, was die burgenses auf dem Stadtsiegel dokumentieren (sigillum civium).

 

Gelegentlich wird von einer Regensburger Hanse geredet, „in der sich die Kölner, Aachener und Ulmer Kaufleute der Führung und Marktaufsicht des Regensburger Hansagrafen unterwerfen mussten“ (Irsigler in Hartmann (Hrsg), S.93). Der Tuchhandel aus dem Nordwesten kam in Köln zusammen, wurden dort sortiert und verpackt und ging dann über den ascensum in Reno nach Regensburg, und von dort nach Osten, Südosten und Süden.

 

Als die gerade mit dem Herzog verbündeten Bürger sich ein Rathaus bauen, lässt der Bischof dies 1213 abreißen. Seine Macht steigt zuungunsten des Herzogs. Auch die 1220 vereinbarte Confoederatio cum principibus ecclesiasticis soll die „fürstliche“ Bischofsmacht stärken. Damit werden nicht nur die städtischen Verselbständigungsversuche zurückgedrängt, sondern auch den territorialen Bestrebungen der Staufer nach geschlossenen königlichen Städtelandschaften wie im Elsass oder der Wetterau gebremst (Schulz in Hartmann (Hrsg), S. 48ff)

 

Aber im Konflikt um die nächste Bischofswahl mischen die Bürger bereits mit, denen der Papst mit einem Schreiben an die rectoribus et universis civibus ratisponensibus 1227 antwortet. (Kolmer in Hartmann(Hrsg), S.32f)

 

1230 verbietet Friedrich II. die Steuererhebung an die Bürger durch den Herzog. Er gewährt Eigentumsgarantie, Gewerbesicherheit, freies Erbrecht, und ohne so etwas wie richterlichen Beschluss wurde die Unverletzbarkeit des Hauses garantiert. Dazu kommen das Recht der Bürger, die Stadt zu befestigen und Freiheit für Unfreie, die zehn Jahre in der Stadt gelebt haben. Damit wird der Einfluss der Regensburger Klöster wegen ihrer zahlreichen Hörigen berücksichtigt. Bürgerliche Schöffen sollen am herzoglichen Gericht mitwirken.

 

Damit ist der Herzog fast aus der Stadt getrieben. Andererseits stärkt Friedrich die Position des Bischofs und sucht nach einem Ausgleich Stadtherr-Bürgerschaft.

 

1231 ist Heinrich (VII.) gezwungen, mit dem 'Statutum in favorem principum' seine städtefreundliche Politik zu beenden, und das wird ein Jahr später von Friedrich II. in Ravenna bestätigt. Offenbar hatte die hohe Geistlichkeit sich durch die zunehmende Ausweitung und Verselbständigung bürgerlicher Selbstverwaltung bedroht gefühlt.

 

Während de iure die bischöfliche Stadtherrschaft immer noch einigermaßen gesichert ist, taucht ein rein bürgerliches Gericht auf, wird 1243 ein Bürgermeister gewählt und der Plan eines domus civium formuliert. Es gibt eine städtische Kanzlei mit einem notarius universitatis civium (Kolmer s.o. S.35) und ein eigenes Siegel dazu.

 

Die Konflikte zwischen Papst und Friedrich II. werden von den sich entfaltenden Bürgergemeinden genutzt. 1244 erlangt die von Mainz von ihrem erzbischöflichen Stadtherrn jene Rechte, die sie zur freien Stadt machen. (1273 wird er aus seinem befestigten Sitz in der Stadt ganz vertrieben).

 

1245 setzt das Konzil von Lyon Friedrich II. ab und exkommuniziert ihn. Damit sieht sich auch der Regensburger Bischof Siegfried, immerhin der Reichskanzler, gezwungen, gegen ihn Stellung zu beziehen. Darauf äußert sich die Bürgerschaft deutlich zugunsten des Staufers, der nun wieder nicht anders kann, um die Bürger auf seiner Seite zu halten, als seine vorherigen bürgerliche Rechte einengenden Bestimmungen zurückzunehmen.

 

Er entzieht dem Bischof, der nun auf die Seite des Papstes gewechselt ist, de facto die Stadtherrschaft, indem er den Bürgern Selbstverwaltung mit einem Rat, einem gewählten Bürgermeister und freie Besetzung aller Ämter erlaubt (… ut liceat vobis ammodo comunia consilia … statuere et magistratos seu rectores civium vel quoslibet officiales alios libere ordinare). Ein neues Rathaus am Rand des wichtigsten Marktplatzes dokumentiert als palastartiger Bau die Macht der Bürger in der Stadt.

 Darauf verhängte Bischof Siegfried das Interdikt über die Stadt, was weitgehend ignoriert wurde. Er stirbt kurz darauf und sein Nachfolger kann sich nicht in der Stadt halten.

Es kommt zur Reduzierung der Amtszeit des Bürgermeisters auf ein Jahr, dann Abschaffung durch die Oberschicht. Kurz darauf geht die gesamte Gerichtsbarkeit an die Bürger.

 

Der Bischof regiert jetzt nur noch das Hochstift, und das Kloster St. Emmeran und zwei Damenstifte genießen weiter Immunität. Damit ist Regensburg Freie Stadt in der Hand des bürgerlichen großen Kapitals, und selbst weithin dem Einfluss der folgenden Könige entzogen. Es braucht ihm nicht zu huldigen, kann von ihm nicht verpfändet werden und zahlte keine Steuern an ihn. 1256 tritt Regensburg dem Rheinischen Städtebund freier Städte bei.

 

Für die bayrischen Herzöge bedeutet das, dass sie, was Residenz und „Hauptstadt“ angeht, zunächst nach Landshut und später nach München umziehen. Für den Bischof bedeutet es, dass er seine Residenz wie in Köln (Bonn,Brühl), Mainz (Eltville, Aschaffenburg), Straßburg (Zabern,Ruffach) und anderswo nun außerhalb der Stadt errichtet. Für Regensburg markiert dann erst die Unterwerfung unter die bayrischen Herzöge von 1486 das Ende der mittelalterlichen Stadt. Kurz darauf wird sie kaiserlichem Regiment unterstellt.

 

Freiheit?

 

Es sollte noch darauf eingegangen werden, dass die bisher fortschrittsgläubige Gegenwart sich bei der Betrachtung der neuen mittelalterlichen Städte gerne auf den Satz, Stadtluft mache frei nach Jahr und Tag, stützt. Gemeint ist die Befreiung aus der Abhängigkeit vom Grundherrn für den, der vom Land in die Stadt zieht und sich dort bewährt hat. Und mit dem Blick von oben nach unten schreibt Otto von Freising Mitte des 12. Jahrhunderts über die bürgerliche Oberschicht in Norditalien: Denn sie lieben die Freiheit so sehr (...).

Diese Freiheit im Singular taucht als Verallgemeinerung einzelner Freiheiten 1066 in dem Privilegienkatalog des Bischofs von Huy für seine burgenses in der libertas ecclesie und der libertas ville auf, und sie setzt sich aus 10 Pflichten und Rechten zusammen. (in Hergemöller, s.o.) Dieser verallgemeinerte Freiheitsbegriff wird nie abstrakt, er bleibt immer konkret wie in der libertas illius iuris von Magdeburg, die deren Erzbischof auch Jüterbog verleiht. Es ist also eine Freiheit aus Freiheiten, die Rechte und zunehmend auch Pflichten sind wie die Freiheit von Zoll und zugleich die Pflicht zum Einhalten von Qualitätsstandarden bei Waren. Ausdrücklich geht es dabei wie in dieser Urkunde um die Wohlfahrt des Stadtherrn und zugleich die wirtschaftliche Wohlfahrt seiner Untertanen, und dem sind alle Freiheitsvorstellungen ein- und untergeordnet.

 

1288 erklärt der Graf von Berg, dass er die villa Duseldorp, ihre Güter und Bewohner schlicht und einfach in die Freiheit (libertas) entlässt. Das aber bedeutet nichts anderes als die Befreiung von willkürlichen zusätzlichen Belastungen, Schöffenwahl, Zollfreiheit und das Recht, Märkte wöchentlich und jährlich abzuhalten. Freiheit ist also die Befreiung von bestimmten konkreten Pflichten und Lasten.

 

Der abstrakte Freiheitsbegriff, wie er in der Neuzeit von Literaten gefordert und von Machthabern dann dekretiert wird, geht umgekehrt vor: Er besteht in einer hypothetischen allgemeinen und in philosophischer Unklarheit formulierten Freiheit, die alle "freiwillig" in einem hypothetischen (Gesellschafts)Vertrag aufgeben, um dann einzelne Freiheiten als Rechte zugewiesen zu bekommen. (Vgl. B..., John Locke). Es handelt sich um Theorie als Betrugsmanöver zur rechtfertigung eines zunehmend totalitäreren Staates.

Die "bürgerlichen" Freiheiten des Mittelalters haben stattdessen ihren Ursprung in der realen Evolution des Kapitalismus und fördern diesen handfest. Sie sind keine Gnadenakte eines Staates, sondern aus Interesse geborene Rechtsakte vieler potenter Herren. Im Kern stehen das Eigentum mit seiner Vererbbarkeit und "die freie Verfügbarkeit über die eigene Arbeitsleistung im Zusammenhang mit der auf Rentabilität ausgerichteten Arbeitsorganisation (...Dirlmeier, S.68).

Das Ergebnis ist die Verselbständigung der Kapitalbewegungen und darunter der auf Eigentum beruhenden Produktion. Komplementär wird das sichtbar in der Befreiung von immer mehr Arbeit von ihrer direkten persönlichen Abhängigkeit von Herren, von ihrer Bindung an Grund und Boden. Auf dem Lande wird so eine Minderheit nach und nach zu Proletariat, der Landarbeiterschaft, und in der Stadt bildet es im Verlauf des Mittelalters die Mehrheit. Seine wirtschaftliche Unselbständigkeit aber ist massive Unfreiheit gegenüber dem sich verallgemeinernden Markt und in dem Sinne viel drückender, da Widerstand schnell ins Leere eines nicht vorhandenen persönlichen Gegners läuft. Alle Phantasien von Befreiung gehen entweder topisch zurück in konstruierte Vergangenheiten oder utopisch nach vorne in totalitäre Konstruktionen. Gerne werden dann neuzeitlich beide Konstruktionen auch miteinander vermischt.

 

Der Blick von unten nach oben sieht etwas anders aus als der des Freisinger Bischofs, denn die rechtliche und durchaus drückende Unfreiheit gegenüber dem Grundherrn wird in der Stadt nun Schritt für Schritt durch eine ganz andere ersetzt: Einmal durch die der verrechtlichten Unterwerfung unter den Stadtherrn und die neue unter "bürgerliche" Obrigkeit, die entsteht, zum anderen durch die horizontalen Bindungen, die unausweichlich sind, um in der Stadt wirtschaftlich zu reüssieren.

Was auf dem Land mit dem Flurzwang beispielsweise geschieht und dem Regelungszwang, der sich für die neuen Dorfgemeinschaften daraus ergibt, bieten sehr ausführlich für Handwerk und Geschäft die Bruderschaften, Zünfte, Gilden, die mehr als nur das Wirtschaften regeln. "Auch wenn der städtische Handwerker in eigener Verantwortung und auf eigene Rechnung produzierte, wurde seine Tätigkeit fest in eine Organisation eingebunden, die ihn weit über den Beruf hinaus in eine Lebensgemeinschaft stellte, der er sich nicht entziehen konnte." (KellerBegrenzung, S. 269)

Dazu kam bald das enge Zusammenleben Haus an Haus im Viertel und der Pfarrei, in der die Kirche, nun sehr nahegerückt, ihre strenge Aufsicht führte. Die heute rasch schwindende soziale Kontrolle, durch die Maßgaben politischer Korrektheit abgelöst, und die notwendig war, um in den größeren Menschenzusammenballungen gemeinsam leben zu können, bedeutete damals enormen Druck und starke Einschränkung von dem, was man später unter "Freiheit" verstehen wird.

Es entsteht ein zunehmender Regelungsbedarf, eine der Wurzeln für die Ausweitung von Kompetenzen einer städtischen Obrigkeit. Für Hagenau bestimmt Friedrich Barbarossa 1164, dass die Schultheißen eine Oberaufsicht über die Bäcker, die Preis und Gewicht von Brot beaufsichtigt. Und: Wir gebieten den Metzgern, ausschließlich gesundes und frisches Fleisch zu verkaufen, wenn sie aber grindiges oder sonstwie verschmutztes Fleisch verkaufen und sie deswegen von den Geschworenen der Stadt (a coniuratis civitatis) überführt werden, sollen sie von der Gemeinschaft der anderen aus der Gemarkung dieses Ortes (ville) entfernt werden. (in Hergemöller, S.216)

 

Vertikaler Zwang zeigt sich in der Unterordnung politisch formulierter städtischer Interessen unter die wirtschaftlichen der Oberschichten, am deutlichsten seitdem in Flandern. Nach der Ermordung des Grafen Karls des Guten 1127 versucht König Ludwig VI., das Verfahren gegen die Attentäter mit dem Recht des Lehnsherrn in die Hand zu bekommen und versucht zudem, aus außenpolitischen Gründen Wilhelm Clito als Nachfolger durchzudrücken. Die Kaufmannsinteressen in Lille, Gent und Brügge stehen dagegen, wo die enge Beziehung zu England Vorrang hat. Im Aufstand verbündet sich der Handel mit dem Adel und den Spitzen des Handwerks. Solche wirtschaftlichen Oberschicht-Interessen begründen dann Formen von Patriotismus, in denen das "Volk" mitgezogen wird.

 

 

Die Stadt als Wirtschaftsraum im hohen Mittelalter

 

Zur Brutstätte des frühen Kapitalismus werden Städte nicht als religiöse Zentren, als Hauptstädte von Herrschaften oder Verwaltungszentren, auch wenn diese Voraussetzungen bieten, sondern primär als wirtschaftliche Einheiten. Dabei ist unwichtig, ob solche Orte einen Stadtherrn behalten, das Kapital die Stadt in eigener Regie politisch führt oder aber sehr oft beide miteinander kooperieren, wichtig ist nur, dass sie primär seinen Interessen dient. Dass es dazu kommt, verdankt sich Entwicklungen im frühen und hohen Mittelalter, die diese Zeit vor allem auszeichnen. An der Oberfläche ist die typische abendländische Stadt des Mittelalters dann die eines sich selbst organisierenden neuartigen Bürgertums im Sinne von Max Weber, substantiell aber Zentrum von jenen sich verselbständigenden Verwertungsprozessen, aus denen Kapital besteht.

 

Zentrum dieses Wirtschaftsraumes ist zunächst der Markt und der Handel, dazu gehören aber bald auch die produzierenden Gewerbe. Wie beide Bereiche gewichtet sind, liegt oft am Standort. An Meeren und großen Flüssen wie an großen Handelsstraßen dominiert oft der Handel, während andernorts Tuchproduktion oder Metallgewerbe vorherrschen und manchmal sogar der Bergbau.

(ff)

 

Zunächst einmal sind Städte Wirtschaftsraum nach innen, innerhalb ihrer Mauern. Dann expandieren sie im hohen und späten Mittelalter nach außen, einmal über die steigende Ein- und Ausfuhr von Waren, die für Städte oder städtische Firmen zu Niederlassungen führt, die den städtischen Wirtschaftsraum europaweit und bis in den vorderen Orient und Nordafrika ausdehnen. Zum anderen, indem sich Städte in ihrem Umland Einflusssphären sichern, die sich bis zu städtischen Territorien intensivieren können, die manchmal, besonders in der Nordhälfte Italiens, zu regelrechten Stadtstaaten heranwachsen können.

 

Städte sind zunächst einmal in vielerlei Hinsicht Inseln in einer Agrarlandschaft. In ihnen beliefern zunächst Gewerbe und Handel die adelige Herrenschicht mit Waren, werden dabei aber selbst zunehmend mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen auch von außerhalb ausgestattet. Je nach Kaufkraft entsteht dadurch eine bürgerliche Nachfrage in der Stadt, die immer gewichtiger wird und nach und nach in der Summe die der Herren übertrifft.

In den Gründungsprivilegien für Freiburg/Breisgau sind die Einnahmen des Zöllners für Waren, die durch die Tore der Stadt gehen, aufgelistet. Hinaus gehen danach zum Beispiel Pferde, Wein und Brot. Hinein kommen ebenfalls Pferde, dazu Esel, Ochsen und Ziegen, Heu und Stroh, zudem Schweine und Eier, Wein, Gemüse, Honig, Nüsse und Salz, dazu Pfeffer, Kümmel, Weihrauch und Lorbeer. An Rohstoffen passieren Blei, Eisen, Kupfer und Wolle die Tore. Zollfrei bleiben allerdings die Mönche, Kleriker und Ministerialien des Stadtherrn (dominus). (in Hergemöller, S.130)

 

 

Für die Herren der Stadt wird diese dabei auch zu einer immer wichtigeren Einnahmequelle, weswegen sie Produktion und Handel fördern, was sich als Zugestehen von immer mehr Rechten, also Freiheiten bzw. Privilegien darstellt.

Die bürgerliche Stadt mit ihren frühkapitalistischen Elementen ist also ein im Kern gemeinsames Produkt des Zusammengehens von adeliger Herrenschicht, Kapital und Arbeit. Als neuartiger Rechtsraum wird sie von dem entstehenden und in der Entstehung bereits geschichteten Bürgertum nachgefragt und dann von den Herren geschaffen.

 

Ein Musterbeispiel für den immer homogeneren Raum der bürgerlichen Stadt als verrechtlichter Wirtschaftsraum ist die Vergabe des Stapelrechtes an die Bürgergemeinde. Da werden die Wirtschaftsinteressen der Stadt gegen die von Händlern anderer Städte gesetzt, die beim Passieren der Stadt dazu gezwungen werden, ihre Waren mehrere, meist drei Tage dort abzulegen, was eine Art Vorkaufsrecht herstellt.

 

In ihren wichtigsten Aspekten sind Städte als damals noch insuläre Gebilde aber zur Gänze vom Lande abhängig: Die bedürfen zumindest der Versorgung mit Nahrungsmittel und Rohstoffen vom Lande, aber auch des Nachschubes an Menschen, denn bis in die Neuzeit hinein kann aufgrund ungesunder Lebensverhältnisse die Einwohnerschaft nicht aus sich heraus erhalten oder gar gesteigert werden, das Land versorgt vielmehr die Stadt immer neu mit Menschen.

Im Mittelalter hängt die Versorgung der Stadt mit Nahrungsmitteln an den Transportmöglichkeiten. Leicht Verderbliches wie Gemüse und Obst kommt aus dem direkten Umfeld, soweit es nicht in der Stadt selbst erzeugt wird. Auch Milch und Butter kommen aus der Nähe. Wegen des großen Transport-Aufwandes bei erheblichem Verbrauch in den nördlicheren Zonen darf auch der Brennholzbedarf nicht aus allzu großen Entfernungen gedeckt werden. Weiter entfernt dürfen die Äcker der Getreideproduktion liegen, insbesondere, wenn dieses auf Flüssen oder über das Meer transportiert werden kann. Dasselbe betrifft die Produktion von Bauholz und von Fleisch und überhaupt von weniger verderblichen Produkten der Viehzucht. Soweit das Idealmodell von Thünen, welches aber so nur selten Wirklichkeit wurde (Schott, S.65ff)

 

 

Die Versorgung mit Holz und Getreide sind für den Vorgang der Verstädterung im europäischen Mittelalter elementar, und beide führen zur großflächtigen Verwandlung von Naturland in kultivierte Flächen. Ohne Bauholz gäbe es keine mittelalterlichen Städte, denn die meisten Wohnhäuser sind im wesentlichen aus Holz und deshalb aus dem hohen Mittelalter heute auch nicht mehr erhalten. Aber selbst die wenigen Gebäude aus Stein haben einen stattlichen Holzbedarf für das Dach und seine häufige Bedeckung mit Holzschindeln. Schließlich wird auch sehr viel Bauholz für den immer häufiger werdenden Brückenbau verwendet.

Vom Holz als Rohstoff hängt auch ein Großteil der städtischen Handwerke ab. Eiche brauchen die Wagner, Buchsbaum die Drechsler, viele Holzarten die Tischler und Schreiner. Dazu kommt der große Bedarf der Küfer, denn in Fässern werden zahlreiche Waren transportiert und aufbewahrt. In Hafenstädten werden große Mengen für den Schiffsbau verwendet. Gerber verwenden die Baumrinde von Eichen für ihre Lohe und die Herstellung von Teer bedingt einen hohen Brennstoffbedarf. Überhaupt ist Brennholz massenhaft erforderlich für Kochen, Heizen, die Produktion von Salz und Teer.

Dort, wo es stadtnahen Wald gibt, sammelt man Beeren, Pilze und Kräuter, hält Bienen für den wichtigen Honig als einzigen Süßstoff des Mittelalters und jagt, wenn das auch für die meisten Städter inzwischen illegal geworden ist. Der Laubwald dient zudem als Viehweide auch des städtischen Viehs.

 

Otto von Freising schreibt Mitte des 12. Jahrhunderts über den Freisinger Berg: Er war um zu jener Zeit noch ganz von Wäldern umgeben (silvis circumseptus) und soll gewissermaßen ein Hochsitz der Jäger gewesen sein. Von diesen Wäldern finden sich heute in den Mooren in der Ebene Spuren, nämlich alte Baumstümpfe, und noch jetzt (usque hodie) gibt es dort eine Menge Hirsche und Geißen. Auf der Nordseite aber ist noch heute (adhuc) ein ausgedehnter Wald (silva non mediocris) übriggeblieben, im Volksmund Forst genannt (forestus), der der Stadt durch das Bau- und Brennholz von großen Nutzen (plurimum utilis) ist. (Otto, Chronica S.412) Wie man sehen kann ist die Erinnerung an einst weithin bewaldete deutsche Lande damals noch vorhanden, gepaart mit der Vorstellung von der Nützlichkeit erhaltener Waldgebiete.

 

Die durch die Erweiterung von Ackerbau und Viehzucht bereits im hohen Mittelalter massiv schrumpfenden Waldflächen sind Herrenland, viele Städte erhalten allerdings Nutzungsrechte an Stadt- oder Ratswald, wie er dann heißt. Für Hagenau beispielsweise ist das Nutzungsrecht im Forst in der Urkunde von Frtiedrich Barbarossa von 1164 beschrieben: Die Bürger dürfen daraus ihren Eigenbedarf an Bau- und Brennholz decken und ihr Vieh unter Aufsicht eines Hirten dort weiden lassen.

 

In solchen stadtnahen Wäldern wird der Stamm oft in Mannshöhe erst gefällt, worauf die Baumstümpfe Schößlinge dünnere und gebogene Schößlinge austreiben, die wiederum genutzt werden. Dadurch verschwinden viele Buchenwälder, die das nicht vertragen (Schott, S.70).

 

Etwa so wichtig wie mit Holz ist die Versorgung der Städte mit Getreide, dem mittelalterlichen Grundnahrungsmittel, welches zu Brot, Brei oder Bier verarbeitet wird und dabei rund zwei Drittel des menschlichen Kalorienbedarfs deckt. Das direkte Umland über eine Tagesreise oder 30 km hinaus kann die Getreideversorgung nur herstellen, wenn Wasserwege zur Verfügung stehen, da der Landtransport ansonsten mehr mehr Kalorienverbrauch beim Zugvieh bedeutet als Kalorien transportiert werden. In den Grafschaften rund um London werden so rund drei Viertel der Anbaufläche für Getreide verbraucht. Auch Köln kann sich von seinem fruchtbaren Umland selbst versorgen, während Nürnberg mit schlechteren Böden dafür größere Entfernungen in Kauf nehmen muss.

Zweites Grundnahrungsmittel ist das Fleisch. Im hohen Mittelalter besitzen noch nicht wenige Stadtbewohner Vieh, welches gelegentlich auch von städtischen Viehhirten auf Weiden außerhalb der Mauern geführt wird. Die Bürger dürfen am Schlachttag im Herbst selbst schlachten, und zwar dann auch extra dafür gekauftes Vieh. Städtische Behörden beginnen, das Aufkaufen von Vieh auswärts mit Krediten zu unterstützen. Je größer die Stadt, desto eher wird auch Vieh aus entfernteren Regionen auf Viehmärkte der Städte getrieben, um dort verkauft zu werden.

 

Die wichtigsten Gewerbe einer Stadt, nicht unbedingt für die Bewegungen des Kapitals, aber für den Erhalt der Städte, haben mit der Ernährung zu tun. Das sind zunächst einmal die Händler für Getreide, Obst und Gemüse, für Milchprodukte, Honig, Geflügel und Salz. Christopher Dyer zählt für Winchester um 1300 acht Müller für das Mahlen von Getreide und Malz auf, zwölf Bäcker, sechzig Brauer, elf Metzger und sieben Fischhändler. Mit ihren Familien hängen so alleine rund 500 Leute an der Herstelluing und dem Verkauf von Nahrungsmitteln.

Kapitalisiert ist bereits auch der gewerbliche Fischfang, wie der von Heringen bei Yarmouth mit der Investition in ein kleines Schiff (von bis zu 30 Pfund um 1300), in die sich manchmal mehrere Kapitaleigner teilen, und in eine Mannschaft von vielleicht fünf eher gering bezahlten Leuten. Dazu kommen dann manchmal noch geringer bezahlte Räuchererin ihren Räucherkammern und Lohnarbeit, die sie einsalzt und für den Markt verpackt.

 

Zweiter wichtiger Gewerbezweig ist die Tuchproduktion, oft nicht die hochwertiger Tuche für den Fernhandel, sondern der von Tuchen für den alltäglichen Gebrauch der überwiegend ärmeren städtischen Bevölkerung vor Ort, oft ungefärbt oder aber in grauen und rostbraunen Farben.. Eine Art kleine Elite dabei bilden die Weber, die als erste in Zünften oder in England in Gilden organisiert sind, während die Masse der Leute mit Spinnen (oft auf dem Lande), mit Kämmen, Kardieren und ähnlichem bei niedrigerem Einkommen beschäftigt sind.

 

Webstühle und die Wannen und Bottiche der Färber verlangen in Ankauf und Reparatur bereits so etwas wie ein gewisses Kapital, Gerber viel Platz für langgestreckte Gruben, mit Bauholz ausgebaut und brauchen ständig Kapital für die Rohhäute und für Eichenrinde, aus der die Gerberlohe hergestellt wird. Das gilt ebenso für Eisenschmieden, Schmelzöfen für Zinn, spezielle Öfen für Blei. Gewerbe, die daraus Metallgefäße herstellen, benötigen bereits mehr als zwei, drei Arbeitskräfte wie in einem üblichen Handwerksbetrieb (Dyer, S.204)

 

Richtig reich wird man durch massenhafte Vermietung und Verpachtung, aber vor allem durch Handel und Finanzen. Händler von Qualitätswolle zum Beispiel können um die 20% Nettogewinn machen, noch größere Gewinne gibt es bei hochadeligen, insbesondere fürstlichen und königlichen Höfen, wenn sie mit Luxuswaren beliefert werden, von Gewürzhändlern, Kaufleuten die Seide und Brokattuche bieten oder Goldschmiede mit ihrem Zierrat. Kaufleute bilden denn auch die bürgerliche Oberschicht, die die zunehmende Selbstverwaltung in den Städten betreibt.

Reichtum gibt es auch beim obligaten Geldwechseln, bei Krediten an Händler und Magnaten (siehe Kap. Macht und Kapital...)

 

Die Stadt wird primär ein Warenproduzent, aber als solcher wird sie in zunehmendem Maße auch zum Abfallproduzent. Der Bischof von Straßburg bestimmt irgendwann nach 1129 bereits: Niemand soll Unrat oder Kot vor sein Haus werfen, sofern er diesen nicht sofort beseitigen wil (in Hergemöller, S.177). Damit ist noch kaum das gemeint, was heute in der BRD "Wertstoffe" heißt, denn diese werden nach Möglichkeit wiederverwendet, sondern die Fäkalien von Mensch und Tier und in geringem Umfang Abfälle aus Haushalt und Gewerbe.

 

Zur Kontrolle der städtischen Versorgung mit Nahrung, Rohstoffen und Halbfabrikaten machen die größeren Städte nicht nur in Italien, sondern auch in der Südhälfte der der deutschen Lande ihr Umland zu ihrem Einflussgebiet. So erreichen viele die Durchsetzung eines Marktbannes in einer Entfernung von einer Meile (7,4 km) oder von zweien, große und mächtige Städte wie Augsburg von bis zu 10 Meilen. Orte in diesem Raum dürfen keine eigenen Märkte einrichten und abhalten und werden so von den Städten abhängig.

Ein nächster Schritt ist der Ankauf von Land durch städtische Bürger zur eigenen Versorgung oder als Kapitalanlage, und dann auch, um sich einer adeligen Lebensweise anzunähern (siege Großkapitel 'Die Stadt im Norden'). Schließlich kommt dann dazu die Verleihung des Bürgerrechtes an Umlandbewohner, die so zu "Pfahlbürgern" werden. Schließlich wird dann vor allem im späten Mittelalter von der Stadt als Gemeinde Land aufgekauft und mit der Gerichtshoheit verbunden. Solches Land sichert dann direkter die Nahrungsmittel-Versorgung der Stadt in ihren Mauern. Zudem gibt es eine direktere Verbindung zum Nachschub an Menschen von außen, ohne den mittelalterliche Städte nicht überleben konnten.

Bürgerliches Wirtschaften auf dem Lande verändert dieses im Umland der Städte, wird markt- und gewinnorientierter, innovativer eben.

 

Proletarisierung in der Stadt

 

Reich und arm definieren sich immer in Beziehung zueinander und Reichtum ist bislang ohne Armut nicht möglich. Hier soll es aber um jenen Besitz gehen, der wirtschaftliche Selbständigkeit ermöglicht, im engeren Sinne um Kapital, und demgegenüber um jene Besitzlosigkeit, die wirtschaftliche Abhängigkeit als Unselbständigkeit bedeutet. Letzere sollen hier als Proletariat bezeichnet werden, ein durchaus problematischer Begriff, der aus lateinischen Ursprüngen im 19. Jahrhundert vor allem in England gebildet wird und das damalige Industrieproletariat meint, welches dann Marx für seine Geschichtsdeutung missbraucht.

Proles sind die lateinischen Nachkommen, und Proletarier sind dann die Leute, die jenseits ihrer Kinder nichts besitzen, was ihnen wirtschaftliche Selbständigkeit ermöglicht.

 

 

Ein frühes Proletariat als besitzarmes Massenphänomen lässt sich schon in frühen Zivilisationen teils vermuten, teils erkennen. Es gehört zum Wesen antiker Großstädte und nicht nur der Millionenstadt Rom. Es schwindet in den Nachfolgeherrschaften in dem Maße, indem die landbewirtschaftende und handwerkende Bevölkerung in durch Rechtsvorstellungen abgestützte persönliche Abhängigkeiten von Herren gerät. Da die Realität von Eigentum bis dann hinein in feudale Strukturen etwas verschwimmt, fällt es vor allem auf dem Lande schwer, Proletariat als jene Leute zu definieren, die sich nicht von ihrem Eigentum ernähren können.

Aber in den wenigen Texten bis tief ins 11. Jahrhundert hinein taucht immer wieder ein offenbar sich herrenlos gerierender städtischer oder ländlicher „Pöbel“ auf, der dort erwähnt wird, wo er die herrschende Ordnung stört. Mit ihm nicht identisch, aber sich wohl überlappend gibt es eine städtische wie auch ländliche Armut, der sich Kirche und Kloster annehmen, wie immer wieder erwähnt wird.

 

Proletariat soll hier wie in der Antike die Menschen bezeichnen, die eher herrenlos und zugleich ohne Besitz bzw. Kapital sind, das sie hinreichend ernähren könnte. Sie sind also auf Almosen und/oder Lohnarbeit angewiesen. Ohne im Einzelnen allzu ausführlich durch Quellen darüber informiert zu sein, kann man doch annehmen, dass jene Ansätze zu bürgerlichen Freiheiten, die Bauern und Städter von persönlichen Dienstleistungen lösen und die Beziehungen zwischen Menschen auf einen Markt mit seiner Geldwirtschaft orientieren, die Ursache für ein breiteres solches Proletariat darstellen.

 

Proletarisierung zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert hat natürlich zunächst einmal in hohem Maße mit der erheblichen Bevölkerungsvermehrung zu tun und der Endlichkeit des Vorrates an nutzbarem Land.

 

Einleitend sei zum Schluss noch festgestellt, dass Proletarisierung ein Vorgang ist, der auch mit Kapitalkonzentration zu tun haben kann: Je mehr einzusetzendes Kapital nötig ist, um eine zur Investition anreizende hinreichende Rendite zu erzielen, desto weniger Menschen werden in der Lage sein, eine selbständige, auf Kapital gegründete Existenz zu führen. Damit ist auch deutlich, dass Proletariat nicht nur absolute, sondern auch relative Armut umfasst, also auch die Existenzen, die sich durch Lohnarbeit ein annehmliches Leben verschaffen können. Wer also zum Beispiel bei einem mittelalterlichen Fürsten oder Großkapitalisten angestellt ist, kann es durch abhängige Arbeit sogar zu erheblichem Wohlstand bringen und sich am Ende sogar selbstständig machen.

 

In diesem Sinne findet bis heute im Kapitalismus eine stetige Entwicklung der Proletarisierung statt, die in den Ländern großen Wohlstandes inzwischen fast alle erfasst, nachdem kleine Selbständigkeit immer vollständiger vom Markt gefegt wird. Damit lässt sich denn auch sagen, dass die allumfassende Untertänigkeit in den modernen Demokratien mit allumfassender Unselbständigkeit im ökonomischen Bereich korrelliert. Unter den derzeitigen Bedingungen eines alles durchsetzenden Konsumismus und der fast kompletten Kommmerzialisierung des Alltags verliert das Wort allerdings dann seine ursprüngliche Bedeutung: Wer nicht einmal mehr Kinder hat, sondern nur noch Geld aus Unselbständigkeit und für den Konsum, ist letztlich nicht einmal mehr Prolet, sondern nur noch schiere Funktion als Agent von Kapital.

 

Bürger sind seit der Entstehung des Wortes nichtadelige Leute, die wirtschaftliche Selbständigkeit vorweisen können, also vor allem Händler, Finanziers und Handwerker. Zusammen mit jenen Vertretern freier Berufe, die ebenfalls für bürgerlich gehalten wurden, machen sie beim Übergang vom hohen zum späten Mittelalter nur knapp die Hälfte der städtischen Bevölkerung aus. Unter dieser später immer öfter zur Minderheit werdenden Gruppe sind die politischen Rechte sehr unterschiedlich verteilt. Die aktive Teilhabe an der politischen Macht liegt bei nur wenigen unter ihnen, im wesentlichen ist sie, soweit überhaupt, beim größeren Handels- und Finanzkapital angesiedelt.

 

Gut die Hälfte der städtischen Bevölkerung kann sich (bei durchweg geschätzten und erschlossenen Zahlen) durch das Mittelalter von dem, was sie besitzt, nicht ernähren. Dazu gehört zunächst einmal die große Masse derer, die vom Land und die Stadt ziehen und als Haushaltshilfen und Gelegenheitsarbeiter anfangen.

 

Unselbständig sind die für Lohn abhängig Arbeitenden in Handel und Finanzen, das sind im Handwerk die Gesellen und Lehrlinge, und soweit werden sie zum großen Teil noch wenigstens für ehrbar gehalten. Das sind dann auch die Dienstboten, insbesondere die „Mägde“, die immerhin noch festangestellt sind, und von denen aus den Kopfsteuerlisten des englischen 14. Jahrhunderts feststellbar wird, dass es sich um 20-30% der städtischen Bevölkerung handelt. Sie wohnen oft im Haus ihrer "Herrschaften".

Dann kommt dazu die zunehmende Gruppe derjenigen, die wöchentlich oder täglich um Lohnarbeit nachsuchen müssen und sich manchmal morgens an festen Plätzen in der Stadt aufhalten, von wo sie für Arbeiten gedungen werden.Dann gibt es da Wasserträger, Müllabführer, die auftauchen, sobald Müllhalden außerhalb der Städte entstehen. Beim Bauen kommen auf einen gelernten Handwerker wenigstens zwei ungelernte Arbeiter.

Ganz unten sind die, die um Almosen nachzusuchen gezwungen sind und die Prostituierten, oft Arbeitskräfte eines Lizenzinhabers. Daneben gibt es jene Festangestellten, deren Berufe für unehrlich gelten, wie der des Henkers, die zwar ihren Mann ernähren, aber ihm keine bürgerliche Stellung geben.

 

Festangestellte Unterschicht (Gesellen, Dienstpersonal, Lohnarbeit) wurde gemeinhin auch unter dem Wort Knechte zusammengefasst. Für das 15. Jahrhundert wird angenommen, dass diese Gruppe ein Viertel aller „Erwerbstätigen“ umfasst. Dabei wird geschätzt, dass es etwa so viele Gesellen wie Meister gibt.

 

Der Sonderstatus der Gesellen (wie der Lehrknechte) bestand darin, dass sie in den Meisterhaushalt integriert sind. Deshalb verbieten die meisten Zünfte ihnen auch die Ehe. In manchen Branchen gibt es allerdings die Möglichkeit, nach einer Weile die Familie des Meisters ohne Meisterschaft zu verlassen und sich selbständig zu machen. Das ideale Ziel ist allerdings der Meistertitel und die Möglichkeit, einen selbständigen Betrieb aufzumachen. Die Hürden dafür werden aber im Verlauf des späten Mittelalters von Zünften und Räten immer höher gesetzt, so dass es immer mehr lebenslange Gesellen gibt.

 

Schließlich muss man das Geld für ein immer aufwendigeres Meisterstück aufbringen, ein kostpieliges Zunftessen ausrichten, eigene Rüstung vorweisen, schließlich auch eigenes Vermögen. Wo sollte das aber herkommen, wenn es nicht ererbt wurde?

 

Gesellen leisten zünftige Lohnarbeit, wie auch Leute, die im Tuchgewerbe oder auf dem Bau arbeiten. Nichtzünftige Lohnarbeit wird erst, seitdem es städtische Steuerlisten gibt, haushaltsweise erfasst, denn im Unterschied zu der im Haushalt eines Meisters eingebundenen Arbeitskraft sind Tagelöhner und Facharbeiter in der Regel verheiratet, besitzen also einen eigenen Haushalt und wohnen in ausgesprochen ärmeren Vierteln. Sie rekrutieren sich nicht zuletzt aus dem Zuzug von Menschen aus dem Umland, die weiter in die Städte strömen und oft mehrere Generationen brauchen, um aufzusteigen, - falls überhaupt.

 

 

Wurzeln des Kapitalismus? Ein erstes Fazit.

 

Er entsteht in spezifisch europäischen Städten, vor allem in einigen besonderen Stadtlandschaften, und er entsteht unter ganz besonderen Rahmenbedingungen.  Da sind die neuen Königreiche bzw. Fürstentümer mit ihren Mischungen aus germanischen und romanisch/römischen Wurzeln, und da sind die besonderen Ausformungen eines mittelalterlichen Adels. Da ist schließlich das mittelalterliche Christentum mit seinen Besonderheiten.

 

Vereinfacht ausgedrückt: Die großen kirchlichen, klösterlichen und weltlichen Grundherrschaften sammeln Einkünfte aus vor allem bäuerlicher Arbeit an und der Handel Kapital. Zwischen Herren und Handel vermittelt ein herrschaftliches Luxusbedürfnis, welches sowohl in Schatzbildung wie Konsum eingeht. Dabei wird die Versorgung der Herrenschicht langsam nicht mehr nur aus den Grundherrschaften, sondern auf einem sich erweiternden Markt gedeckt. In dieser Entwicklung löst sich das Handwerk - ebenfalls langsam - aus der Grundherrschaft und beginnt stärker für diesen Markt zu produzieren.

 

Die steigende Nachfrage der Oberschicht veranlasst diese, zunächst den Fernhandel mit seinen Luxusgütern, und dann auch den regionalen und lokalen zu privilegieren, und schließlich auch ansatzweise das Handwerk, wobei beide sich an den Sitzen hoher Herrschaften in den neuartigen Städten konzentrieren.

 

Das Bedürfnis nach Luxus und zunehmend auch alltäglicher zusätzlicher Versorgung bringt das Bedürfnis nach geldlichen Einkommen hervor, und damit öffnen sich die Grundherrschaften stärker für den Markt. Aus adeligen Grundherren werden nach und nach Rentiers, die sich zunehmend dem Markt öffnen, die aber hin und wieder und insbesondere in der nördlichen Hälfte Italiens Geld in Kapital verwandeln, indem sie es in Handel investieren.

 

Nicht das Handwerk, sondern der Handel wird so zuerst zum Motor der Entwicklung, und im Handel, nicht zuletzt auch in dem mit Geld, werden jene Summen erwirtschaftet, die sich in großes Kapital verwandeln. Handel und Krieg gehen dabei Hand in Hand. Seestädte wie Venedig, Genua und Pisa erschließen sich Handelswege im Mittelmeer durch das Besiegen der islamischen Konkurrenten, weswegen sie sich aktiv in die Kreuzzüge einmischen, nach Osten entstehen sichere Handelsräume mit dem Stabilisieren der Grenzen durch Ansiedelung innerasiatischer räuberischer Horden und durch die Entwicklung slawischer Reiche, nach Norden durch das Sesshaftwerden skandinavischer Überfallkommandos, die mehr als andere ihre räuberischen Aktivitäten in händlerische verwandeln.

 

Die Überlegenheit des westlichen und südlichen Europas über seine Nachbarn basiert dabei zunehmend auf Kapital, dessen Einkünfte politisch-militärisch eingesetzt werden können. Kriege kosten Geld, und wie beim friedlichen Großhändler muss es vorgeschossen werden. Krieg und Luxuskonsum machen diejenigen, die solches betreiben, abhängig von Handel, Finanziers und Kapital. Im Hochmittelalter setzt die Verschuldung der Herrscher und des Hochadels ein, die als Verschuldung moderner Staaten bis heute geblieben ist. Die Kapitalisten erobern dabei zwar nicht unmittelbar die Herrschaft, aber die ihr zugrunde liegende Macht, wenn auch nur insofern für sich selbst, als sie Agenten der Bewegungen sind, aus denen sich Kapital zusammensetzt.

 

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Kapitalismus entsteht unmerklich, und das hat sicher auch damit zu tun, dass die beiden Hauptakteure, reiche und mächtige Konsumenten und kapitalkräftige Händler und dann auch Finanziers, zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert eine ganz kleine Gruppe von Menschen ist. Eine verschwindend kleine Gruppe und dennoch diejenigen, die mit ihrer Macht die Welt des lateinischen Abendlandes bewegen. Was fast alle Menschen in Land und Stadt allerdings erleben können, ist eine Zunahme des Geldes und der auf Märkten angebotenen Waren, und das geschieht so langsam, dass es sich über viele Generationen hinzieht. Was die Menschen außerdem wahrnehmen, ist, dass zwischen die Dienstbarkeit der Knechte und die Herrschaft der Herren langsam das Geld tritt, wie zum Beispiel auch zwischen die abhängigen Produzenten auf dem Lande und die über sie Macht Ausübenden.

 

Das verweist bereits auf die Tatsache, dass Kapitalismus nicht alleinige Sache von Kapitalisten und ihrer hauptsächlichen reichen und mächtigen Nutznießer ist, und auch nicht von ihnen gegen die Masse der Menschen durchgesetzt wird. Beteiligt sind vielmehr alle, sobald sie in seine Reichweite kommen, und nach allem, was man den Quellen entnehmen kann, sind die Allermeisten bereitwillig dabei, soweit sie darin einen eigenen Vorteil erkennen und zugleich (wie immer) nicht wissen, was sie tun.

 

Das lässt sich auch ganz gut nachvollziehen: Das Leben der meisten (auf dem Lande) ist von der Mühsal einer Arbeit geprägt, die der Erde und den Unbilden der Witterung abgerungen werden muss. Deren Ergebnisse kommen zum Teil ihren Herren zugute, und der Rest langt zu nicht viel mehr als zum Überleben. Mehr für einen Markt zu produzieren, bedeutet nicht nur, dass man mit Geld unbezahlte Dienste ablösen kann und Zeit für Arbeit für sich selbst gewinnt, sondern auch die Perspektive, mit dem Geld nach eigener Entscheidung Waren zu kaufen. Und offenbar übt ein Markt voller Waren als Angebot eine enorme Faszination auf die meisten Menschen aus. Zuallererst aber wird es dabei um die Erleichterung physischer Anstrengungen in der Arbeit und erst später und für weniger Leute um die Annehmlichkeiten der übrigen Lebensumstände gehen.

 

Die teilweise Befreiung aus persönlicher Abhängigkeit von Herren, die durch mehr Aspekte von (zukünftiger) Staatlichkeit ersetzt wird, wird als relative Freiheit empfunden. Die Spielräume eigenen Handelns erweitern sich, während neue Staatlichkeit sich nur langsam entwickelt und noch nicht sehr stark in das Leben der einzelnen Produzenten und Verteiler von Waren eingreift. Dass der zunehmende Markt die Differenzierung in arme und reiche Bauern vorantreiben und ein ländliches Proletariat neuen Typs hervorbringen wird, ist zunächst noch nicht absehbar.

 

In den Städten hingegen wird der Markt als Warenangebot unmittelbar sichtbar und damit der Gelderwerb alltäglich attraktiv. Städter haben zum Teil noch Gärten für die Selbstversorgung und manchmal auch noch Vieh. Aber zunehmend wird der fast tägliche Einkauf von Nahrungsmitteln für immer mehr Menschen normal. Zudem ist man in den Städten mit dem Luxuskonsum der überkommenen Herrenschicht, mit Prunk und Pracht konfrontiert, bewundert diese in der Regel und strebt, soweit man finanziell kann, hin zu Nachahmung. 

 

Der entstehende Kapitalismus ist entsprechend die Sache weniger Menschen, soweit Zivilisationen in ihrer Entwicklung von diesen abhängen, und eine Sache fast aller, soweit sie sich in ihn integrieren lassen. Dabei ist es kaum ein Zufall, dass in genau dieser Zeit Christentum einen neuen Schub erhält, in jener volkstümlichen Frömmigkeit kleiner Gruppen, die sich jenseits der Kirche entwickelt, in der Kirchenreform und den monastischen Reformen. Die Reaktion auf den Kapitalismus ist wesentlich religiös.

Daneben ist sie "konservativ": Sie bildet sich zum Beispiel ab in Ständetheorien, die ein statisches Bild einer stärker in Bewegung geratenen Zivilisation entgegensetzen, und die einer immer verwirrenderen Vielfalt Einheitlichkeit verordnen wollen. Diese Position von Beharrlichkeit gegen den "Fortschritt" geht von der Kirche aus und ist mit der weltlichen Macht verbündet und wird darum nicht mehr als Rückzugsgefechte führen können.