Stadt 5: STADT IM NORDEN 12.JH. BIS 1250 (in Arbeit)

 

 

Flandern

Bischofsstädte in deutschen Landen

Weltliche Stadtgründungen (Zähringer, Staufer, Welfen)

Festungsstädte

Stadtgründungen im deutsch werdenden Osten

Frankreich

England

Zuzug

Stadtbild

 

Von den Gesellschaften zur Gemeinde II

Freiheiten

Gesellschaften: Produktion (Handwerk)

Gesellschaften: Kapital  (Handel und Finanzen)

Der Sonderfall Köln

Abgaben an die Stadt

Stadträte

Regensburg (Nürnberg)

Freiheit?

Otto von Freising und die Begrifflichkeit (in Arbeit)

Die Stadt als Wirtschaftsraum im hohen Mittelalter

Proletarisierung

 

Verbürgerlichendes ChristentumGoderich und die Symbiose von Christentum und Handels-Kapital

 

 

 

Kein Kapitalismus ohne relativ freie Entfaltungsmöglichkeit von vielerlei Kapital und ohne die Voraussetzung dafür, die "bürgerliche" Stadt, deren Voraussetzungen wiederum im frühen Mittelalter liegen. Die Dinge sind erheblich komplizierter als dieser einfach erscheinende Satz anzudeuten scheint, aber er liefert den "politischen" Kern, zu dem ein tiefer in den Personen verankerter hinzu kommen muss.

Nach jenem Okzident, den das römische Imperium bildete, und der danach wieder auseinanderfällt, entsteht mit diesen neuartigen Städten ein neuer, ebenfalls lateinischer, der seinen Zusammenhang in den Reisen der Händler erfährt und in dem Austausch von Waren. Aus diesem Zusammenhang fällt der byzantinische und allgemeiner orthodox geprägte Osten dauerhaft heraus, der ohnehin in der Rus dem Ansturm der Mongolen erliegt und ein Stück weit asiatisch geprägt wird und mit Byzanz von allen Seiten bedroht ist und zweimal untergeht.

 

Flandern

 

Eine Besonderheit der niederen Lande im frühen Mittelalter ist das Maß, in dem sie dem Meer ausgesetzt und ihm abgerungen sind. Bis ins hohe Mittelalter wird die Küstenlinie teilweise bis zu 15 Kilometern seewärts dem Meer abgerungen (Van Loo, S.82) Aus Inseln entsteht dabei Festland. Das Neuland wird zunächst Weideland für Schafe, das Hinterland wird abgeholzt und in Äcker verwandelt.

 

Kerne der flämischen Städte sind einmal Abteien und zum anderen gräfliche Burgen, die Burggrafen verwalten. Neben die Burgstadt tritt die davon eher unabhängige Kaufmanns- und Gewerbestadt. Im 11. Jahrhundert sind Gent und Brügge bereits mit Wehranlagen versehen.

Flandern bietet auf dem Weg ins hohe Mittelalter die fortgeschrittenste, dichteste und urbanisierteste (Stadt)Landschaft neben Nord- und Mittelitalien, gefördert von den Grafen, die weiter städtische Siedlungen wie Calais oder Dünkirchen gründen.

 

Zwei Faktoren werden wichtig: Der um 1100 stärker einsetzende Rekurs auf die hochwertigere englische Wolle statt der von den flämischen Abteien hergestellten minderwertigen, der Ypern, Douai, Gent und Brügge zu herausragenden Zentren der europäischen Tuchproduktion macht. Zum anderen der Handelsweg von Brügge nach Köln und dann in alle Welt, der im 12. und 13. Jahrhundert systematisch ergänzt wird durch den ausgebauten Zugang Brügges zum Meer und den Seehandel.

Der Kanalbau nimmt im 12. Jahrhundert weiter zu. Durch den hohen Wasserstand des Meeres und eine Sturmfliut 1134 erhält Brügge einen Meereshafen. Es wird zum Zentrum des Handels des Kontinents mit England. Die in Flandern zu Tuchen verarbeitete englische Wolle wird von hier als feine Tuche wieder nach England oder auch in andere europäische Gegenden exportiert. Zudem ist Brügge Sitz der flämischen Grafen.

Ein erster Kanalring parallel zur Stadtmauer, aus dem Wallgraben hervorgegangen, ist von Kais gesäumt und dient dem Warentransport.

1180 wird Damme als Vorhafen für Brügge gegründet. Von dort wiederum führt ein Kanal nach Gent. Damme erhält Stapelrecht für Wein und Hering vor allem und wird so ein zentraler Handelsort.

 

Die Tuchproduktion scheint sich früh in das Verlagswesen einerseits und das Unternehmertum reiner Tuchfabrikanten aufgeteilt zu haben. Die starke Stellung dieses Produktionszweiges scheint sich dann darin auszudrücken, dass das flämische Kapital sich um 1250 von den Champagnemessen zurückziehen kann und die Händler zu Hause empfängt.

 

1213 erobert eine französische Flotte Damme, damals Hafenort für Brügge. Von dort berichtet der befehlshabende Admiral fasziniert von dem dort angetroffenen Reichtum und der Vielfalt der Waren (Spufford, S.77). Daraus ergibt sich, wie weit das französische Königreich (wie das übrige lateinische Abendland) hinter dieser Region und großen Teilen der Nordhälfte Italiens "hinterherhinkt".

 

Die Macht in Flandern ist Anfang des 12. Jahrhunderts geteilt zwischen dem Grafen, der Ritterschaft und der bürgerlichen Oberschicht der Städte. Letztere ist durch Schöffen (scabini) vertreten, die zunächst noch Amtsleute der Stadtherren sind, dann aber von der Eidgenossenschaft der Bürger eingesetzt werden, und deren Kollegium dann auch als Stadtrat fungiert.

 

Im März 1127 wird der kinderlose Graf Karl der Gute ermordet. König Ludwig VI. setzt als französischer Lehnsherr des größeren Teil Flanderns Wilhelm Clito von der Normandie als neuen Grafen ein. Inzwischen hatte aber eine eidlich verbundene Gemeinschaft der bürgerlichen Oberschicht Brügges mit der anderer Städte erklärt, sie selbst wolle ihren neuen Herrn wählen und dieser habe ihren städtischen Interessen zu dienen. 1127 beschört Wilhelm Clito laut einem Bericht des Klerikers Galbert von Brügge, keine Zölle und keinen Grundzins von den Städten zu erheben. Damit ist die freie Vererbbarkeit der städtischen Immobilien hergestellt. Schließlich erlaubte er ihnen auch, vom Gewohnheitsrecht abzuweichen und eigenes Willkürrecht zu erlassen.

 

England sieht die Entscheidung für Wilhelm Clito als gegen seine Interessen gerichtet und verbietet die Wollexporte nach Flandern. Inzwischen hat dieser allerdings den Verzicht auf Zölle bereits wieder zurückgenommen, da er die Einnahmen für Zuwendungen an seine Vasallen braucht. Außerdem entzieht er den Brügger Schöffen das Gericht über Mitschuldige an der Ermordung Karls des Guten.

Ein erster Aufstand im August in Lille kann von Wilhelm noch niedergeschlagen werden, aber dann wird im September in Brügge diskutiert, ob ein eidbrüchiger Herrscher rechtmäßig sein könne.

Im Februar 1128 stellen sich in Gent die Adeligen Daniel von Dendermonde und Iwein von Aalst an die Spitze der Bewegung und fördern nun die Wahl des auch von England unterstützten elsässischen Grafen Dietrich. Es kommt zu einer Schwureinung der bürgerlichen Oberschicht (der Schöffen) von Brügge und Gent mit den beiden Adeligen. Der französische König verlangt ein Schiedsgericht, was die Flamen ablehnen mit der Begründung, es sei ihr alleiniges Recht, den Grafen zu wählen. Im Juli1228 stirbt Wilhelm Clito und Dietrich setzt sich nun durch, unterstützt von Gent, Brügge, Ypern, Douai und Lille, - in der berechtigten Hoffnung, dass dieser ihre wirtschaftlichen Interessen unterstützen und die gräfliche Macht in diesem Sinne stärken würde.

 

1127/28 bestimmt ein Statut von St.Omer, "dass alle innerhalb des Mauerrings wohnenden und die noch zuziehenden Bewohner vom Kopfzins befreit seien, was de facto die Aufhebung des Zensualenstatus als einer Form leichterer Hörigkeit bedeutete." (Führmann, S.76) Graf Dietrich der Elsässer bestätigt die Urkunde von Wilhelm Clito, aber wieweit sie umgesetzt wird, ist unklar, denn sie greift stark in die Einkünfte insbesondere der Kirche ein. Vermutlich dauert es bis Ende des 12. Jahrhunderts, bis allgemeine persönliche Freiheit der Städter vorhanden ist und zum Beispiel auch die Todfallabgabe wegfällt.

 

1174 schafft Graf Philipp für Aalst die Todfallabgabe ab, und 1189 für Oudenaarde. 1190 überführt er die gräflichen Hörigen von Kortrijk (Courtrai) gemeinsam in die Zensualität, wobei die Abgaben an die Marienkirche von Tournai fallen sollen (Schulz(2), S.61). Anders als in Worms und Speyer bleiben hier aber ein jährlicher Kopfzins von zwei Pfennigen bestehen, "eine Heiratsgebühr in Höhe von sechs Pfennigen und eine Abgabe im Falle des Todes von zwölf Pfennigen", was als burgensium libertate gaudere bezeichnet wird (Schulz(2), S.125).

 

Schritt für Schritt werden die Schöffen im 12. Jahrhundert zur allgemeinen Vertretung der Bürger. Nach dem Ende der Elsässer in Flandern 1191 treten die Schöffen auch nach außen wie gegenüber England als Gemeinschaft auf, als scabini Flandriae.

 

Eine Besonderheit in Flandern und Nordfrankreich wird die Repräsentanz bürgerlichen Selbstbewusstseins nicht nur im immer prächtigeren Rathaus, sondern in einem möglichst hohen und mächtigen Stadtturm, dem Belfried oder beffroi, wie er um 1240 am Brügger Marktplatz entsteht, dessen Sturmglocke bei Gefahr läutet, und wo die städtischen Urkunden aufgehoben werden. Ypern baut ab 1230 eine riesige Tuchhalle.

 

In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts kontrollieren in Gent 39 Familien die Stadt, als 13 Schöffen, 13 Ratsmitglieder und 13 ledige. Sie schließen sich zunehmend nach unten ab. In Brügge werden die Schöffen aus den Führungskreisen der lokalen Hanse ausgewählt, damals eine reine Händlervereinigung. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts können dann auch Leute der Mittelschichten in die Hansa und damit in die Stadtpolitik aufsteigen.

 

Die Schöffen "dominierten die städtische Politik, leiteten die Finanzverwaltung, erhoben beispielsweise in Gent Getränkesteuer, die besonders den Konsum der breiten Bevölkerung belasteten." (Fuhrmann, S.79)

 

Vor den Stadtmauern wachsen Vorstädte der kleinen Leute, die vorläufig noch nicht in die städtische Gerichtsbarkeit einbezogen sind. In Gent sind es inzwischen vor allem Weber und Tuchwalker, die immer offensiver politische Teilhaberschaft verlangen. Dort wie in Brügge werden Aufstände niedergeschlagen.

 

Deutsche Bischofsstädte

 

Kern von Hildesheim ist der Bischofsitz aus der Karolingerzeit, der um 1000 ummauert wird. Bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts entstehen zusätzlich vier Stiftsimmunitäten.  Im 12. Jahrhundert wird unter dem bischöflichen Herren aus dem Altenmarkt ein neuer, bürgerlicher Stadtteil um St. Andreas. 1196 gründet  der Bischof mit dem Moritzstift direkt daneben auf dessen Boden die Dammstadt mit flämischen Siedlern.

Vor 1223 werden die neuen Stadtteile zur Altstadt, als südlich davon noch planmäßiger unter der Aufsicht des Domprobstes eine Neustadt dazu kommt. Beide sind mit einer Pfarrkirche ausgestattet und beide jeweils ummauert und schließlich mit einem eigenen Rat ausgestattet. Alle drei Bürgermeinden besitzen eigenes Recht, einen eigenen Rat, eigene Pfarrkirche und eigene Stadtmauer.

Noch im 13. Jahrhundert werden dann alle Stadtteile mit einer gemeinsamen Mauer umgeben, was ihr Zusammenwachsen fördert. Die Neustadt wird der Altstadt untergeordnet und ist politisch minder berechtigt.

Schließlich wird der Bischof aus all seinen weltlichen Positionen vertrieben.

 

Aber die Regel ist bis tief in die Stauferzeit hinein der Konsens und nicht der Konflikt. An einem Punkt alleine schon macht das Gerold Brönnen deutlich: "Die baulichen Großprojekte wie der Wormser Dom, errichtet etwa zwischen 1125 und 1181, sind, wie durch Inschriften bezeugt wird, Gemeinschaftsleistungen der gesamten Stadt und der Region unter erheblicher Beteiligung der ministerialischen Führungsschicht, gefördert durch das staufische Königtum und bruderschaftliche Organisationen." (in 'Verwandlungen', S.100)

 

Bischofsstädte haben mit ihren Diözesen quasi Territorien vorgezeichnet, und bei Erzbistümern sind das riesige Gebiete, wie zum Beispiel in der 'Vita Arnoldi' für Mainz deutlich wird: Denn der Mainzer Stuhl ist sowohl berühmt wegen seiner Suffraganbistümer als auch der edelste wegen seiner Fürsten und der reichste an Menschen und Gütern, sowie an Macht und Gewalt der umfangreichste. Ihm gehorchen nämlich Sachsen und Thüringen, Franken und Hessen, Schwaben, Böhmen und Mähren. (In Staufer und Italien, S.25) Edel, reich, Macht und Gewalt verweisen auf das künftige Kurfürstentum.

 

Weltliche Stadtgründungen

 

Aus einem klassischen karolingischen Pfalzort entwickelt sich eine Handelsstadt Frankfurt. Unter Kaiser Friedrich I. gewinnt sie noch einmal an Bedeutung, 1140 wird sie zum ersten Mal als oppidum bezeichnet und erhält dann Münze (1194 erstmals erwähnt) und die Herbstmesse. Gegen Ende des Jahrhunderts erhält die Stadt eine neue Mauer. 1240 privilegiert Friedrich II. zusätzlich die Frankfurter Herbstmesse.

 

Einige Besonderheiten hat die Gründung von Uelzen. Südlich von Lüneburg entsteht Ende des 10. Jahrhunderts ein Kanonissenstift, welches 1130 in ein Benediktinerkloster umgewandelt wird und dem Bischof von Verden untersteht. In dessen Nähe entsteht eine Siedlung, die den Namen Ullessen hat.

Erst im 13. Jahrhundert gibt es Dokumente, die einen Markt und eine Mühle erwähnen und Abgaben, die von den Bewohnern an den Bischof zu entrichten sind. Um 1260 kommt es dabei zu Konflikten zwischen den Bürgern und dem Abt, der sich dann mit den consulibus civitatis Ullensis, also dem Rat, über Details der Marktordnung einigt. Kurz darauf ziehen die Bürger aber auf die andere Seite des Flusses und gründen unter Aufsicht des Grafen von Schwerin Uelzen, welches dann bald bald an den Herzog von Braunschweig-Lüneburg fällt. Inzwischen ist es ganz der klösterlichen Aufsicht entzogen. (Nach Sven Rabeler in: Konsumentenstadt, S. 101ff)

 

****Zähringerstädte****

 

Zu solchen aus sich heraus heranwachsenden Städtchen kommen besonders im 12. Jahrhundert planmäßig gegründete oder besiedelte weltlicher Großer wie Heinrichs des Löwen oder der Zähringer, die für ihr Umfeld nicht mehr Komplexe von Grundherrschaften, sondern ein städtisches Umfeld zum „Residieren“ verlangen. Neugründungen werden mit besonderen Bürgerrechten ausgestattet, so wie die Neubesiedlung ländlicher Gebiete mit Bauern diesen besondere Freiheiten zugesteht.

 

Anfang des 11. Jahrhunderts bemächtigten sich die Bischöfe von Basel des Ortes Breisach, damals Zentrum des Breisgaus. In etwa derselben Zeit beginnen auch die Vorgänger der Zähringer Einfluss im Breisgau zu gewinnen. Laut den Marbacher Annalen lässt ein Berthold II. um 1091 im heutigen Gebiet von Freiburg eine Burg errichten und lässt ein suburbium vor allem mit Handwerkern darunter entstehen.

Um 1120 kommt es dann unter Bertholds Sohn Konrad zur Gründung von Freiburg im Breisgau, der planmäßigen Verstädterung einer Gewerbesiedlung am Fuße der Adelsburg auf dem Schlossberg. „Ihr wurde im Westen eine breite Marktstraße vorgelagert mit Hofstätten von fünzig auf hundert Fuß, etwa sechzehn auf zweiunddreißig Metern, auf denen die neu zugezogenen Kaufleute ihre Häuser errichten sollten.“ (KellerBegrenzung, S.256)

 

Die Gründungsurkunde, die allerdings nur in späteren Exemplaren überliefert ist, weist die Stadtgründung als Marktgründung aus: Hiermit sei allen jetzt und in Zukunft kundgetan, dass ich, Konrad, im Jahr der Fleischwerdung des Herrn 1120 auf dem Gebiet meines eigenen Rechtes, und zwar in Freiburg, einen Markt (forum) gegründet habe. 1. Nachdem von überall her Kaufleute herbeigeholt wurden, habe ich beschlossen, diesen Markt aufgrund einer Schwureinung (coniuratione) ins Leben zu rufen und auszubauen. 2. Dann habe ich in dem neu ausgewiesenen Marktbereich jedem einzelnen Kaufmann (mercator) ein Grundstück zur Errichtung seines Hauses nach eigenem Recht zugewiesen. 3a. Und ich habe festgelegt, dass mir und meinen Nachkommen von jedem einzelnen Grundstück am Fest des seligen Martin ein Schilling gültiger Münze als Jahreszins zu entrichten ist. 3b. Die Grundstücke sollen jeweils hundert Fuß lang und fünfzig Fuß breit sein. 4. Ich verspreche allen, die meinen Markt aufsuchen, Frieden und freies Geleit in meinem Macht- und Herrschaftsbereich (potestas etregimen). Wenn jemand von ihnen in diesem Gebiet ausgeraubt wird und den Täter namhaft macht, werde ich die Rückgabe veranlassen oder selbst für den Schaden aufkommen. (etc., siehe weiter unten, in: Quellen Stadt, S.124f).

 

Deutlicher als anderswo wird hier, dass Städte oft primär aus ökonomischen Interessen entstehen und ein Bürgertum sich aus solchen Interessen von Machthabern herleiten wird. Den Bürgern wird freies Erbrecht gegeben, die Wahl der die Hochgerichtsbarkeit ausübenden Vögte und der Pfarrer.

Aufblühen wird die Stadt über den Silberbergbau im Südschwarzwald und den Handel. 26 Jahre nach der Gründungsurkunde sind bereits Stadtmauern, eine Kirche und ein Hospital belegt. Laut einer Urkunde von 1152 übt der Stadtherr dreimal im Jahr die Hochgerichtsbarkeit selbst aus, "aber nach den Satzungen der Bürger, die als Urteilsfinder im Prozess mitwirken, Als Vertreter des Stadtherrn wird nun der Schultheisß genannt, der zudem dem Niedergericht vorsaß und mit mden Bürgern richtete. Den Schultheiß wiederum wählten die Bürger." (Fuhrmann, S.89) Das Recht der Pfarrerwahl verlieren die Bürger allerdings schon 1247 wieder.

Ein eigentliches Stadtrecht wird dann für Freiburg erst 1218 fixiert, als die Stadt an die Grafen von Freiburg übergeht und später an die Habsburger.

Daneben gründen die Zähringer auch Freiburg im Üchtland und Bern und bauen ländliche Siedlungen wie Villingen, Offenburg oder Neuenburg/Rhein aus, die allerdings erst nach ihrem Aussterben 1218 vollgültige Städte werden.

 

Solche geplanten Städte, von Fürsten gegründet, die Grund und Boden zur Verfügung stellten, haben von vorneherein einen anderen Charakter als die alten Bischofsstädte. Um Neubürger anzulocken, werden ihnen mehr Rechte zugestanden, die Gründung war "auf eine >verfasste< Gemeinde orientiert." (KellerBegrenzung, S.339) Die Privilegien im Gründungsakt, im Zusammenspiel von Gründer und vornehmerer Kaufmannsschaft verfasst, gelten nun von vorneherein für alle Bürger, wodurch Gemeinde von vorneherein konstituiert ist.

 

****Stauferstädte****

 

Nach dem Investiturstreit ist die Krise staufischer Herrschaft nach Friedrich I. der zweite Raum, in dem sich bürgerliche Rechte und bürgerliche Politik freier entfalten können. „Freie Städte“ entstehen mit den Bischofsstädten entlang des Rheins von Köln bis Basel, mit Augsburg und Regensburg im Südosten. Dabei sind die Staufer aus Eigeninteresse ausgesprochene Förderer des Städtewesens und bürgerlichen Wirtschaftens, nur wollen sie die Hoheit insbesondere über ihre eigenen Reichs-Städte nicht aus der Hand geben, indem sie dort den Schultheißen einsetzen und das Schöffenkolleg kontrollieren. Insgesamt entstehen in der Stauferzeit mehr neue Städte in deutschen Landen als je zuvor.

 

Eine Besonderheit insbesondere der Stauferzeit werden die sich ausbreitenden königlichen Pfalzstädte insbesondere in den staufischen Königslandschaften wie Hagenau, Gelnhausen, Kaiserslautern, Wimpfen, Eger. Zwar sind sie keine eigentlichen Residenzen, aber doch ausgedehntere Burgen, von Ministerialien besetzt, die von dort Königs- bzw. Reichsgut verwalten. Von ihnen aus halten die Könige zunehmend Hof, wobei das Gefolge in der darum entstehenden Stadt untergebracht wird. Getragen wird die Pfalz durch Einkünfte aus der Stadt und den Grundherrschaften des Umlandes.

 

Ein Musterbeispiel ist Wimpfen, wo Friedrich Barbarossa um 1170 anstelle einer Burg aus der Salierzeit die größte staufische Kaiserpfalz im deutschen Raum errichten lässt, die einen Neckarübergang kontrolliert. Daneben entsteht bald eine kleine Stadt, die bis zum Ende des Reiches freie Reichsstadt bleiben wird. Als um 1300 die Brücke zerstört wird, sinkt Wimpfen zur Ackerbürgerstadt ab und der Neckarübergang wandert zur freien Reichsstadt Heilbronn, ebenfalls eine Stauferstadt.

 

Handel und Handwerk um die kaiserlichen Pfalzen herum werden also ausdrücklich gefördert, Stadtrechte werden vergeben, Selbstverwaltung wird solange geduldet, wie sie unter königlichem Einfluss bleibt. „Die ganz zweifellos große Anziehungskraft der Neugründungen beruhte aber wohl wesentlich auf den persönlichen Freiheitsrechten ihrer Einwohner sowie darauf, dass sie sich, durchaus mit königlicher Förderung, meist rasch zu Zentren der Gewerbeproduktion und des lokalen Handels, des Warenverkehrs mit ihrem ländlichen Umfeld, zum Teil sogar zu Fernhandelsmärkten entwickelten.“ (Stürner, S.209)

 

Ein weiteres Musterbeispiel ist Hagenau. 1142 ist eine Burg auf einer Insel in der Moder belegt. Ein Freiheitsbrief Barbarossas von 1164 besagt, der Herzog habe den Ort Hagenau unter Kaiser Heinrich gegründet, also vor 1125 (in Löwenherz, S.255).  1163 stiftet Herzog Friedrich im Kastell Hagenau eine Pfarrkirche, was auf eine städtische Siedlung hinweist. Im Privleg von 1164 "soll jeder Einwohner (...) weiterhin seinem jeweiligen Herrn hinsichtlich seiner Person und seiner Immobilien verbunden bleiben, in Bezug auf seinen beweglichen Besitz aber dem >Magistrat< unterstehen" (Schulz(2), S.61) In den siebziger Jahren wird die Burg durch Friedrich Barbarossa zur Pfalz ausgebaut.  Den Bürgern werden die immer üblicheren Eigentums- und Zollfreiheiten zugestanden.

Für Heinrich VI. ist die Pfalz ebenfalls als Aufenthaltsort belegt. Für  Friedrich II. wird Hagenau mit seinem großen Forst bzw. Jagdrevier beliebtester Aufenthaltsort in deutschen Landen. Von hier aus kontrolliert der Burgvogt und seit 1214 der scultetus, also Schultheiß das staufische Haus- und Reichsgut. Aus der Bürgerschaft ausgewählt, war er zunächst nur für die Stadt zuständig gewesen. 1215 wird der aus einfachen bäuerlichen Verhältnissen stammende Wolfelin, der es bis zum cellerarius am Hagenauer Hof schafft, dort Schultheiß, um später zum Prokurator des Elsass aufzusteigen.

 

Von dort befördert er im Auftrag Friedrichs den Aufstieg Schlettstadts, wobei er Rechte, dabei vor allem die Einnahmen von Zöllner und Schultheiß, erwirbt, bis der König praktisch Stadtherr ist, was mit dem Bau einer Stadtmauer um die civitas und der Errichtung einer Münze gekrönt wird.

Ähnlich steigt unter Wolfelin Kolmar auf, indem für den König die Vogteirechte erworben werden und die entstehende Stadt mit einer Mauer umgeben wird. Schließlich können die Bürger das Stadtrecht erwerben. Im weiteren wird die Burg Kaysersberg erworben und ausgebaut, eine gleichnamige Stadt gegründet, von einem Schultheißen verwaltet.

 

Ein etwas anderes Muster stellen Annweiler und Oppenheim dar, wo die Förderung der Stadt und der Ansiedlung von Menschen unmittelbar der Unterstützung der Stauferburg dient. Die Bürger von Annweiler dürfen dafür eine eigene Münze betreiben, deren Einnahmen aber an die Burg gehen, und nach dem Privileg Friedrichs II. von 1219 dürfen Hörige, die sich fest ansiedeln, nach Jahr und Tag nicht mehr von ihren Herren zurückgefordert werden, ähnlich wie bei der Gründung von Pfullendorf, wo Neubürger niemandem außerhalb mehr Abgaben und Dienste leisten müssen, wenn sie sich zum Hausbau verpflichten und einen finanziellen Beitrag zum Bau der Stadtmauer leisten.

 

1129 taucht Duisburg als villa von Lothar III. in einem Dokument auf, welches den cives erlaubt, im Forst Steine für den Bau eigener Häuser zu brechen. Duisburg ist bereits wichtiger Handesort am Rhein. Konrad III. genehmigt 1145 den Bau von Bürgerhäusern bei der Königspfalz und am Marktplatz, damit die Besucher königlicher Hoftage dort besser untergebracht werden können.1165 schützt Friedrich I. die Bürger vor einem widerrechtlich vom Bischof von Gottfried erhobenen Zoll. Im Kern handelt es sich damit bereits um eine königsunmittelbare Stadt mit Mauer, Markt und Münze, Elementen von Selbstverwaltung und Pfarrbezirken, - bei allerdings eher geringer Bevölkerung und Schwinden der Bedeutung der Pfalz.

 

1219 erklärt Friedrich II. für Nürnberg, dass ein jeder Bürger dieses Ortes keinen anderen Schutzherrn (advocatus) haben soll als uns und unsere Nachfolger, die Könige und Kaiser der Römer. (in Hergemöller, S.256) "Freie" Reichsstädte werden solche königsnahen Städte erst unter Rudolf von Habsburg, denn die Staufer tendieren dazu, zwar Privilegien zu vergeben, die die Wirtschaft von Fesseln befreien, andererseits aber die Verselbständigung der Städte durch Einsetzung königlicher Vertreter wie Vögte oder Schultheißen (wie in Nürnberg) zu verhindern. So erhält Lübeck in einer Urkunde von 1226 zwar die Reichsfreiheit, also direkte Unterstellung unter den König und Kaiser als civitas libera, eine Münze, aus der der König jährlich 60 Silbermark Abgaben gewinnt, zudem in mehreren Bestimmungen ein beachtliches Territorium, aber eben auch einen kaiserlichen Rektor.

 

Wieviel Freiheiten bzw. "Freiheit" (libertas) staufische Politik "Bürgern" einer Stadt zugesteht, unterscheidet sich schon in den staufischen bzw. königlichen Städten und dann noch einmal zu denen in anderen Händen und unterliegt dem Spiel der Macht, welches sich in deutschen Landen anders entwickelt als in England oder Frankreich.

 

****Welfische Gründungen****

 

Solche fürstliche Stadtgründungen im 12. und 13. Jahrhundert dienen zum Teil der Versorgung der herrschaftlichen Burg und liefern ihr neue Einkünfte. In ihr ist Personal untergebracht und die vornehmeren Bürgerhäuser dienen auch der Unterbringung von Gästen der nun häufiger werdenden Feste, in denen höfische Lebensform zelebriert wird.

 

Eine solche Residenzstadt wird Braunschweig unter den Welfen. Beiderseits der Oker, zunächst durch eine Furt verbunden, gab es schon im 11. Jahrhundert kleine Siedlungen: Brunswik und Dankwarderode. Die Brunonen, Nachfahren eines Bruno,  geben ihnen Kerne mit der Errichtung einer Burg und den Stiften St.Blasius und St.Cyriacus. Ein Markt kommt hinzu und Anfang des 12. Jahrhunderts ein Kloster. 1130 gründet Lothar III. die "Altstadt".

Als Heinrich der Löwe sich zum mächtigsten Fürsten im Reich neben dem Kaiser und zunächst im Bündnis mit ihm entwickelt, lässt er sich eine mächtige Pfalz wie die Kaiserpfalz in Goslar erbauen und macht sie zu seiner wichtigsten Residenz. 1160 gründet er den Hagen. 1173 folgt der Neubau von St.Blasius: Die erste richtige deutsche Residenzstadt ist entstanden. 

Zunächst eng mit den Welfen verbunden, die das wirtschaftliche Gedeihen des Bürgertums fördern, schwankt die städtische Oberschicht dann aus ökonomischem Interesse zwischen Welfen und Staufern, bis Otto "das Kind" die Altstadt und den handwerklich geprägtenl Hagen mit Stadtrechtsprivilegien auszeichnet, um sich der Bindung des Bürgertums an ihn zu versichern. 1227 halten die Braunschweiger Bürger ihre Stadt zusammen mit dem Markgrafen von Brandenburg gegen den römischen König und den bayrischen Herzog, während Otto sich nach der Schlacht von Bornhöved in der Gefangenschaft Graf Heinrichs von Schwerin befindet. Neben Lüneburgern werden auch Braunschweiger Bürger dann als Geiseln für die Auslösung ihres Herrn antreten. 

Am Ende werden fünf Orte, "Weichbilder", zur Stadt Braunschweig zusammenwachsen. Den Anfang machen Altstadt, Hagen und die gerade gegründete Neustadt mit der Vereinbarung für einen gemeinsamen Rat und eine gemeinsame Kasse. Aber die Räte der fünf Weichbilder bleiben durch das spätere Mittelalter bestehen.

 

Lübeck hat eine besonders wechselhafte Vorgeschichte und ist auch keine eigentliche welfische Gründung. Eine bis ins 9. Jahrhundert zurückgehende slawische Siedlung mit Burg und Wall wird um 1100 zur Residenz eines Obodritenfürsten Heinrich und löst damit Mecklenburg ab. An diese angelehnt gibt es eine Handwerkersiedlung mit einer Münze. 1138 wird dieses Liubice von konkurrierenden Slawen zerstört. Adolf II. von Schauenburg setzt sich in Holstein durch und gründet 1143 ein neues Lübeck, wie Helmold von Bosau in seiner Slawenchronik erklärt: Dort aber, (..., zwischen Trave und Wakenitz) liegt ein ziemlich schmaler Hügel, der dem Burgwall vorgelagert ist. Da nun der umsichtige Mann sah, wie passend die Lage und wie trefflich der Hafen war, begann er dort eine Stadt zu bauen und nannte sie Lübeck, weil sie von dem alten Hafen und Hauptort, den einst Fürst Heinrich angelegt hatte, nicht weit entfernt war. (In: Fuhrmann, S.90)

Nach dem "Wendenkreuzzug" wendet sich der Obodritenfürst Niklot gegen die Stadt und die Burgbesatzung sendet laut Helmold Boten zur Stadt und zum Markte, um dort die drohende Gefahr bekanntzumachen. Aber das Stadtvolk war vor Trunkenheit weder aus den Betten noch Booten zu bringen, bis es, von feinden umzingelt, die warenbeladenen Schiffe durch hineingeworfene Feuerbrände verlor. Dort wurden an jenem Tag an dreihundert und mehr Männer erschlagen. (in: Fuhrmann, S.90) Die Bewunderung des geistlichen Chronisten für den fürstlichen Herren und die Verachtung für die unteradeligen Städter ist unübersehbar. 1151 schließt der Graf mit Niklot Frieden.

In Bardowick ist Heinrich der Löwe Herr, und da Lübeck erfolgreiche Handelskonkurrenz wird, verlangt der Welfe von seinem Lehensmann die Hälfte der Stadt, wie wiederum Helmold berichtet. Weil Adolf sich weigert, lässt Heinrich den Markthandel in Lübeck verbieten und sorgt dafür, dass die dortigen Waren nach Bardowick verbracht werden. Kurz darauf, nachdem ein Feuer Lübeck verwüstet, lässt der "Löwe" in der Nähe eine "Löwenstadt" errichten. 1158/59 setzt er dann die Übergabe von Lübeck durch, wohin der Bischofssitz von Oldenburg transferiert wird. Ein wenig lässt sich das als eine Neugründung verstehen.

Nachdem es zunächst kriegerische Konflikte mit gotländischer Handelskonkurrenz gibt, schlichtet Heinrich und es kommt zu gemeinsamen Fahrgemeinschaften. Die Stadt wächst um die Marienkirche mit einem neuen Viertel. Heinrich sandte, wie Helmold berichtet, Boten in die Hauptorte und Reiche des Nordens, Dänemark, Schweden, Norwegen und Rußland, und bot ihnen Frieden, dass sie Zugang zu freiem Handel in seine Stadt Lübeck hätten. Er verbriefte dort auch eine Münze, einen Zoll und höchst ansehnliche Stadtfreiheiten. (in: Fuhrmann, S.91)

 

1180 verliert Heinrich seine Machtfülle und der zunächst neue Stadtherr Friedrich II. ("Barbarossa") erneuert und erweitert die Stadtrechte. Dann wird GRaf Adolf III. von Schaumburg Stadtherr, nach 1201 nacheinander die dänischen Könige Knut IV. und Waldemar I. 1201 wird auch ein Stadtrat belegt und 1225 ein Stadtsiegel.

Mit der Niederlage Waldemars I. gegen norddeutsche Fürsten wird Lübeck unabhängiger. 1226 erreichen Boten in Borgo San Donnino zwischen Parma und Piacenza von Friedrich II. Reichsfreiheit und eine zusätzliche Erweiterung der Rechte. Dazu gehört auch folgendes Recht im Zuge der langsamen Orientierung auch auf den Handel nach Westen: Außerdem befreien Wir die genannten Lübecker Bürger, wenn sie nach England fahren, von der sehr missbräuchlichen und belastenden Abgabe, die, wie es heißt, die Leute von Köln und Tiel und deren Genossen gegen sie ausgeheckt haben, und tilgen diesen Missbrauch gänzlich, vielmehr sollen sie nach Recht und Stand leben wie die Leute von Köln und Tiel und deren Genossen. (in: Fuhrmann, S.93).

Durchsetzen kann der Kaiser solches allerdings nicht, sein Einfluss ist selbst in Norddeutschland schon sehr gering.

 

Indem Heinrich Bardowick zerstört und die Sole von Oldesloe zuschütten lässt, fördert er nachhaltig die Salzproduktion Lüneburgs.

 

Eine welfische Gründung im Konflikt mit dem Bistum wird München. Der Bischof von Freising besaß in Föhrung einen Markt und Münze, baute eine Brücke und erhob den Zoll darauf, der nicht zuletzt den Salzhandel aus dem Süden betraf. Als Heinrich der Löwe 1056 sein Herzogtum Bayern zurückerhält, legt er flussaufwärts in der Nähe an einer Isar-Furt einen neuen Markt mit einer neuen Brücke an. An ihr soll nun der Zoll der Handelsstraße von Salzburg nach Schwaben erhoben werden. Es geht nicht zuletzt weiter um Salz. Da er das fürstliche Geleitrecht besitzt, kann er die Kaufleute dazu bringen, über seinen Ort zu reisen. Eine Siedlung von Handwerkern und Händlern entsteht. Schließlich zerstört er die Brücke von Föhring und verbietet den Markt und die Münze dort. Bischof Otto von Freising erhebt Klage beim Kaiser. Dessen Vermittlungsversuch 1158 geht substantiell zugunsten der herzoglichen Gründung aus: Freising wird mit einem Drittel der Einkünfte aus Zoll und Münze der Neugründung abgefunden. Erst 1180, zu spät, wird das kaiserliche Urteil revidiert. Recht ist Ausdruck und Rechtfertigung von Macht.

 

Stadtgründung als Festung

 

Was im hohen Mittelalter Stadt wird, ist immer auch eine Festung. Das gilt auch für Bischofsstädte, in denen der Bischof zugleich Kriegsherr und Heerführer ist und von seinen Bürgern materielle Unterstützung für Hof- und Heerfahrt erwartet, wie zum Beispiel Friedrich I. Barbarossa 1156 für Augsburg festsetzt und Markgraf Otto von Meißen für die Bürger des neugegründeten Leipzig für den Fall bestimmt, dass er an einem kaiserlichen Italienzug teilnehmen muss.

 

Aber das mangelnde militärische Potential der Stadtbürger und die zunehmende Professionalisierung der Krieger führt dazu, dass immer mehr Stadtherren an die Stelle der Heerfolge eine Steuer setzen oder aber Leistungen für die Befestigung der Stadt. Seit 1179 unterstützen Erzbischof und Kaiser den Bau des riesigen, 4,6 km langen Mauerbogens, der Stadtkern und Vororte bis zum Rhein umfasst. Die 2,3 km lange Rheinlinie erhält dann im 13. Jahrhundert ebenfalls eine Mauer. Während kleinere Städte nur über den Toren Türme bauen, erhält die Kölner Stadtmauer mehr als 50 davon.

Dabei spielt vor der Zeit der Feuerwaffen und der Artillerie insbesondere die Höhe der Mauer eine entscheidende Rolle, um die Verteidiger zu schützen.

 

Zunehmend werden Städte auch anstelle von Burgen als Festungen gegründet, die die Bürger ummauern und mit Waffengewalt zu halten haben. Solche Städte, die mit allen anderen nun eine feste Ummauerung erhalten, Wehrtürme und wenige bewehrte Eingangstore, dienen nicht mehr primär als Marktorte und für Produktion und Handel, wachsen nur wenig und werden stärker unter fürstlicher Kontrolle gehalten.

 

Ein Mischgebilde wird Lippstadt, um 1168 von Bernhard, dem Herrn von Lippe mit Genehmigung durch Barbarossa gegründet, der erste Versuch, zusätzlich zu Burgen seine bescheidene "Herrschaft" durch eine Stadt zu sichern. Werner Goez schreibt dazu: "Städte waren in erster Linie Großburgen, ihre Bewohner zur Verteidigung verpflichtet. (...) Bei der Gründung Lippstadts bildeten die Armierungsarbeiten den Anfang: Ein mächtiger Wall wurde aufgeworfen, den man mit Holzpalisaden bewehrte und dann Stück um Stück durch eine Steinmauer ersetzte." (WGoez, S. 276)

Das Innere der Stadt war in gleichmäßige Rechtecke aufgeteilt, die gegen Bodenzins vergeben wurden. Als die Stadt dann durch andere Herren bedroht wird, denen die abhängigen Bauern dorthin entlaufen, übergibt ihr Herr sie an den Erzbischof von Köln, um sie als Lehen zurück zu erhalten. Sie erhält nun auch ein ausführlicheres, an Soest angelehntes Stadtrecht, welches sich laut Urkunde die Bürger erwählen.

Bernhard ernennt die Mitglieder der Ratsversammlung und die Schöffen im Einvernehmen mit den Bürgern, und die Bürger haben in ihren inneren Angelegenheiten eine umfangreiche Selbstverwaltung. Dafür steht die städtische Miliz gegen Feinde zur Verfügung. Außerdem steht in den Bestimmungen aus der Zeit um 1220, dass alle Verbrechen ohne scharfe Waffen sollen von den Ratsmannen gerichtet werden, mit der Maßgabe, dass alle daraus fließenden Eträge der Befestigung des Ortes dienen sollen (§1).

Die Stadt ist nicht nur Festung, sondern erhält auch einen Markt und Zollfreiheit, die sie überhaupt erst lebensfähig machen.

 

Die Machterweiterung, die Bernhard mit Lippstadt (der stad tor lyppe) in Westfalen erreicht, beflügelt ihn, weitere Städte zu gründen: Lemgo, Detmold und andere. Laut Keller verdreifacht sich auch auf diese Weise die Zahl der Städte in Mitteleuropa zwischen 1150 und 1200 und dann noch einmal in den nächsten fünfzig Jahren. (Begrenzung, S.437)

 

Stadtgründungen im deutsch werdenden Osten

 

Landesherren im ostelbischen Raum fördern die Ansiedlung vor allem aus den Niederlanden, und setzen dafür unternehmerisch handelnde Lokatoren ein. Ziel ist zunehmende Zivilisierung, also Nutzbarmachung des Landes zur Vergrößerung des herrschaftlichen Einkommens. Schätzungen sprechen von rund 200 000 Siedlern im 12. Jahrhundert und noch einmal dieselbe Zahl bis 1250 und dann noch einmal bis 1300. Den Weg weiter nach Osten gehen dann auch Nachkommen der Siedler selbst.

 

Die neuen Ostseestädte sind wie Stralsund alle auf den maritimen Handel ausgerichtet. Der Grundriss von Altstadt und Neustädten ist deutlich gerastert und auf den Hafen mit seinen sechs Schiffsbrücken ausgerichtet. Es fehlen die alten Kerne im westlichen Reich, die Domburg und die Königspfalz. Siedlungskerne sind stattdessen monumentale Kirchenbauten.

Zwar sieht man solchen Städten an, dass sie einem Plan folgen, aber es gibt bis ins 14. Jahrhundert noch keine eigentlichen Bauverordnungen.

 

Eine Besonderheit in deutsch werdenden Landen sind die askanischen Stadtgründungen im Osten, alleine die Brüder Johann und Otto III. von Brandenburg sollen in der Mitte des 13. Jahrhunderts etwa 30 Städte gegründet haben, die als Zivilisationsinseln in einer immer noch erst deutsch werdenden, vorher westslawischen Welt fungierten, dort, wo es bislang nur die Bischofsorte Havelberg und Brandenburg gab. Wie bei Bernhard von Lippe und anderen, allerdings in viel größerem Maßstab, dienen hier Städte nicht nur zur Besiedlung, sondern vor allem zur Verfestigung eines Herrschaftsraumes, eines Fürstentumes hier. So wie das Land professionell durch "Lokatoren" besiedelt wird, so wird auch die Besiedelung dieser Städte systematisch betrieben.

Die bekanntesten Gründungen werden Berlin und Cölln, die bald zusammenwachsen. Die Fürsten legen hier einen herrschaftlichen Hof, eine Aula an, der Ort wird Sitz eines Probstes und dort gibt es bereits eine Niederlassung der Tempelritter (Tempelhof!). Kaufleute siedeln sich an, auch Fernhändler, für die es Zollfreiheit gibt.  

In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts gibt es bereits dort eine Kaufmanns-Siedlung mit Nikolaikirche, wo 1253 eine fürstliche Urkunde Frankfurt/Oder nach Berliner Recht begründet und den Bau einer Brücke und eines Kaufhauses durch die Bürger impliziert. Waren in geringerem Umfang und Lebensmittel in kleineren Mengen werden von Zoll befreit, so dass es vor allem die Abgaben auf die Abgaben auf die Marktstände und auf den Fernhandel sind, mit denen der Fürst hier Einnahmen erzielen kann. Letztere aber haben die Stadtgründung vor allem befördert (Sven Rabeler in: Konsumentenstadt, S. 111ff)

 

Neu sind auch die Städte in Sachsen, für das man für 1300 bereits 400 000 Einwohner schätzt. Aus einem sorbischen Ort entsteht durch Errichtung einer deutschen Burg, der urbs Lipzi des Thietmar von Merseburg, eine Kaufmanns- und Handwerkersiedlung besonders von Gerbern. Zwischen 1156 und 1170 verleiht Markgraf Otto der Reiche von Meißen-Wettin eine Art Stadtecht nach Hallisch-Magdeburgischem Recht und gibt das neue Stadtgebiet zur Bebauung frei. Das Marktrecht verleiht der Stadt eine Bannmeile von 27 Dörfern drumherum, denen jeglicher Markt verboten wird. Leipzig besitzt nun Zollfreiheit, kann aber in seinem Weichbild Abgaben auf Wege und Brücken erheben. Seinen fürstlichen Wald in der Nähe gibt er zur Nutzung durch die Städter frei.

 

Die seit dem 6./7. Jahrhundert von Sorben besiedelte Oberlausitz gehört im 10. Jahrhundert zur Mark Meißen, wird dann polnisch, dann 1031 wieder an Meißen angegliedert, schließlich böhmisches Reichslehen mit Unterbrechungen bis 1253. 1268 gelangt es an die brandenburgischen Askanier, nach 1319 Stück für Stück wieder an Böhmen. Wie in allen Zivilisationen sind die Menschen Spielmaterial der Mächtigen.

Stadtrecht und städtische Gerichtsbarkeit kommen auch hier in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts auf. Die städtischen Ämter werden von Kaufleuten, insbesondere auch Waidhändlern und Gewandschneidern besetzt sowie von Mitgliedern des niederen Adels, soweit er in der Stadt oder ihrem Umland ansässig ist. Solcher Adel geht dann manchmal wohl im 14. Jahrhundert im Bürgertum auf. (Karl Czok in: Beiträge, S.113)

 

Schlesiens zunehmend deutsche Besiedlung erleidet durch den Mongoleneinfall nur einen kurzen Rückschlag (Zerstörung von Breslau), "bis 1400 hat man in Schlesien 120 Städte und über 1200 Dörfer mit überwiegend deutschsprachiger Bevölkerung gegründet." (Dirlmeier, S.16)

 

Frankreich

 

Paris: Mit der neuen Stadtmauer unter Philipp II. August, die auf das linke Seineufer übergreift, wachsen ville, cité und université zusammen und das große Paris des späten Mittelalters deutet sich bereits an. 

Unter dem heiligen Ludwig schließlich ist Paris eine durch und durch königliche Stadt, in der die Krone durch Étienne de Boileau mit dem 'Livre des métiers' die Satzungen und Bräuche der Kaufleute so festschreibt, das der Prévôté von Paris im Châtelet die Kontrolle über deren Arbeit und Geschäfte möglich ist.

Immerhin werden die Zünfte mit Privilegien versehen, zunächst 1162 die Fleischerzunft.

Das linke Ufer, außerhalb der bischöflichen Gerichtsbarkeit, ist bis tief ins 12. Jahrhundert nur locker besiedelt von vielleicht 1000 Menschen insgesamt. Hier wachsen Saint Germain und der Bourg von Sainte Geneviève nicht zuletzt durch den Zuwachs von Scholaren an, denen dann offenbar noch die Prostitution folgt, die Jakob von Vitry erwähnen wird.

 

Laon: Kleine ritterliche miles mit Landbesitz um die Stadt sind in derselben Familie anzutreffen wie cives ohne militärische Funktion (Saint-Denis in Hartmann (Hrsg), S. 111ff). Cives als Elite des späteren 12. Jahrhunderts besitzen ein großes steinernes Stadthaus auf großem Grundstück und viel Grundbesitz außerhalb im ganzen Laonnais. Sie sind über die Nähe zum Bischof und zum Adel aufgestiegen und betreiben neben der Rendite aus dem Land (Wein, Getreide) und von städtischen Immobilien Handel. Gemeinsame Firmen der cives, milites und Kanoniker bauen und bewirtschaften Mühlen als Renditeobjekt. Einzelne große Kapitalisten spekulieren mit Land und kaufen von der Pleite bedrohte Güter zum Beispiel von Rittern auf.

 

Der Markt von Laon dient dem Handel mit der im Laonnais von den cives abgeschöpften landwirtschaftlichen Produktion. Teile des Kapitals gehen auch direkt in die Finanzwirtschaft (Darlehen, Kredite). Spekulanten leihen sich Häuser von Abteien in der Stadt gegen Zins und vermieten sie teurer. Es gibt relativ wenig Handwerk, und nur Luxusproduzenten reichen in die Schicht der cives hinein.

Ab 1240 kommt es zum Niedergang der Stadt durch Erbteilung des Grundbesitzes, Niedergang des Handels und der Bedeutung der Stadt für den König.

 

Im weiteren 12. Jahrhundert dann entwickeln wenige französische Städte wie Tournai und Soissons große Selbständigkeit, während die meisten in der Nordhälfte Freibriefe erhalten, die ihnen durch die Fürsten Rechte gewähren, die der wirtschaftlichen Entwicklung durch Freiheiten dienen, sie aber weiter in den feudalen Machtstrukturen halten und vermeiden, dass es zu aufsässiger Kommunebildung kommt. Vorbild werden die 'Einrichtungen für Rouen', die bei einzelnen Selbstverwaltungsrechten die Regierung durch herzogliche Beamte festlegen. In der Krondomäne werden Städte weiter durch königliche Vögte (später: prévôts) regiert, Paris bekommt nur mit den marchands de l'eau eine Vereinigung mit eigener Handelsgerichtsbarkeit zugestanden.

 

Nach 1128/1137 beginnt die langsame Aufhebung der Todfallabgabe, aber Bischöfe und Kathedralkapitel bekämpfen die Gemeindebildung durch das Jahrhundert. 1180 erklärt Philippe II. ("Auguste") die Einwohner der Stadt Orléans und fast der ganzen Diözese für frei vom iugum servitutis, dem Joch der Knechtschaft (Schulz(2), S.59). Bis 1250 haben sich dann ganze Gemeinden freigekauft, die allerdings dann weiter jährliche Zahlungen leisten müssen.

 

Zünfte werden vom König und den Fürsten privilegiert, 1162 die wichtigen Fleischer von Paris durch Ludwig VII., 1181 Maurer, Zimmerleute, Fischhändler, Fleischer und Holzhändler von Toulouse durch Graf Raimund V.

Mit der Befreiung der Bürger von grundherrlichen Belastungen nimmt aber auch der königliche Druck auf die Städte zu, die im 13. Jahrhundert dann zunehmend königlichen Prévôts unterstellt werden. Bürgerliche Freiheiten werden nicht durch politische wenigstens für die städtische Oberschicht ergänzt.  

 

Die Städte wachsen im 12. Jahrhundert wie überall, und dominieren mit ihren Privilegien das Land drumherum. Die Handwerke diversifizieren sich, das Textilgewerbe steigt auf und die Zünfte gewinnen an Bedeutung. Die Macht gerät in die Hände einer neuen Oberschicht, in der Stadtadel und Handelsherren miteinander verschmelzen.

 

Mit den fabliaux, dem Roman de renart und mit Ruteboeuf  entsteht in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts eine neuartige satirische Literatur, die entweder vom bürgerlichen Standpunkt aus über Klerus und Bauern herzieht und auf jeden Fall eine neue Art des Moralisierens in die Welt setzt.

 

England

 

Im 12. Jahrhundert setzt sich bei steigendem Wohlstand in den größeren Städten zunehmende Privilegierung durch die Könige durch, die zum Beispiel Zollfreiheit im Königreich bedeutet oder die Befreiung der Bürger von anderem als dem städtischen Gericht. Solche Privilegiensammlungen, municipal charters, schaffen chartered boroughs. Während seiner Regierung von 1154 bis 1189 verleiht zum Beispiel Henry II fast 50 solcher charters.

Wichtigstes städtisches Recht wird dabei besonders gegen Ende des Jahrhunderts die eigenständige Eintreibung der regulären Abgabe an den König, die farm, und dann damit verbunden das Recht der Wahl der Leute, in Northampton provosts, die dafür zuständig sind. Im Verlauf des 13. Jahrhunderts wird die Zahl solcher Städte auf 49 steigen (Carpenter, S.392). Mit diesem Recht wird die Aufgabe der Sheriffs, die die Königsmacht über die Stadt vertreten, deutlich eingeschränkt.

 

Gemeindebildung ist dabei mit dem Begriff commune oder gild merchant verbunden, der eine reiche städtische Oberschicht meint, die auch der Adressat der königlichen charters ist, und der im wesentlichen das Handwerk ausschließt. In London ist für 1130 eine Gilde der Weber dokumentiert, nach der Jahrhundertmitte eine der Bäcker, vermutlich auch der Sattler und Fischhändler. 1141 formiert sich die Stadt als Kommune.

 

Mitte des 13. Jahrhunderts brechen dann wie in Oxford Konflikte zwischen geringeren burgesses und den burgess magnates aus, gefördert durch die Krise des Königtums mit ihren Unruhen.

 

London oder genauer Westminster wird im Verlauf des 12. Jahrhunderts zur aufstrebenden Königsstadt, ja Residenzstadt. In den 70er Jahren des 12. Jahrhunderts wandern der Staatsschatz und das Amt des Exchequers hierher und in den 90er Jahren trennt sich hier der Court of the common bench vom Exchequer und wird der oberste (königliche) Gerichtshof. 1245 beginnt der Bau der neuen, gotischen Westminster Abbey als Königskirche und königliche Grablege.

Seitdem London zunehmend Hauptstadtfunktion hat, siedeln sich hier große Herren an oder lassen Dependancen bauen, um so Einfluss auf das Geschehen bei Hof zu bekommen.

Zwischen 1172 und 1202 entsteht auf eine Länge 276 Metern die London Bridge mit ihren 19 Bögen.

 

London wird von königlichen sheriffs verwaltet. Während Richard ("Löwenherz") zum Kreuzzug aufbricht, ist ab 1189 der Normanne Wilhelm Longchamps, Bischof von Ely, zugleich Kanzler in England mit Residenz im Tower, den er zu einer mächtigen Zwingburg ausbaut. Zur Opposition um Bruder John scharen sich die Londoner, die 1191 in zwei großen Versammlungen in St. Paul und vor dem Tower ihre kommunalen Ansprüche formuliert. "Die Kommune setzte Longchamps ab, dem sie vorwarf, die englische Nation beleidigt zu haben und der englischen Sprache nicht mächtig zu sein." (Borgolte, S.114)

In der Folge bildet sich eine communa Lundoniarum, die dann einen mayor aus dem Großbürgertum einsetzt. Wie schon Guibert de Nogent für Laon, so schimpft jetzt auch Richard von Devizes, Mönch in Winchester: Communia est tumor plebis, timor regni, tepor sacerdotii, also ein Krebsgeschwür, ein Schrecken und Ausdruck der Verachtung (Chronicon de rebus gestis Ricardi Primi) .

 

Wie auf dem Kontinent entwickelt sich ein bürgerlicher Verwaltungsapparat mit Urkundenwesen. Zusammen mit anderen Honorationen bilden die aldermen (wohl die Schöffen) die Gruppe der „Barone“, Magnaten, die den proceres Westfranciens entsprechen, und die Macht in der Stadt unter dem König ausüben.

Die Stadt pendelt zwischen Empörung über die Belastungen, die ihnen die Könige für ihre Kriege auf dem Kontinent auferlegen, besonders nach dem Verlust der Normandie, und bürgerlichen Bekundungen begeisterter Untertänigkeit. Zunächst gewinnen die "Bürger" unter Henry I das Recht, ihren Sheriff zu wählen, dann 1215 dürfen die barons unter ihnen auch wieder ihren mayor wählen.

Die Stadt ist seit über hundert Jahren in 24 wards aufgeteilt, und deren führende Bürger wählen einen Alderman auf Lebenszeit aus ihren Reihen, der sie leitet und richterliche Funktionen hat. So ein Alderman ist Fitz Thedmar, dessen Großvater aus Köln kam. Er besitzt eine große Halle, Läden, Häuser, Renten aus Grundbesitz und eine eigene wharf.  Mit seiner Schwester verheiratet ist der Bürgermeister John de Gisors, ein führender Weinhändler.

 

Mit London in den Händen der Opposition, muss König John nachgeben. Als 1215 25 Barone gewählt werden, die die Bestimmungen der (Magna) Carta durchsetzen sollen, ist einer davon der Mayor von London.1253 erklärt der König den Bürgermeister zum Vertreter der Gesamtbürgerschaft der Gemeinde und verringert so den Einfluss der Barone. (Keene in Hartmann (Hrsg), S.153) Im folgenden großen Aufstand des geringeren Bürgertums gegen das Regiment der Aldermen gelingt es vor allem den fishmongers und den cordwainers (die feines Leder aus Cordoba verarbeiten), in die oberen Ränge aufzusteigen, und am Ende des 13. Jahrhunderts werden solche Fisch-Großhändler selbst zu Aldermen.

 

In der zweitwichtigsten englischen Stadt, York, ist der König ebenfalls Oberhaupt und teilt sich ansonsten die Macht mit dem Bischof. Handwerk (insbesondere Tuchproduktion) und Seehandel machen den Reichtum der Bürger aus, die etwa gleichzeitig mit großen deutschen Städten ihr eigenes Stadtsiegel führen (1207), Bürgermeister wählen (1213), die städtischen Ämter besetzen und die Strafgerichtsbarkeit über die Bürger ausüben.

Für Ipswich ist für 1200 ein Stadtrat dikumentiert und für Northampton für 1215.

 

Städte sind im hohen Mittelalter die Summe der ökonomischen Interessen ihrer Oberschicht. Je stärker deren Einfluss auf das Stadtregiment wird, desto deutlicher wird das. 1247/48 lässt Bristol einen Kanal bauen, der es zum zweitwichtigsten Hafen Englands macht. Klar, dass dabei auch etwas für die Mittelschichten und die Lohnarbeit abfällt. Lokalpatriotismus sorgt zugleich dafür, dass die Konkurrenz unter den Städten blüht, so wie die internationale Konkurrenz, die auch Städte gelegentlich bereitwillig Kriege unterstützen lässt.

 

In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts gründet der schottische König David I. nach englischem Vorbild Märkte und Städte, um den Handel zu fördern. Viele der Neusiedler kommen dabei aus dichtbesiedelten Regionen Kontinentaleuropas wie aus Flandern.

 

Zuzug vom Lande

 

Mittelalterliche Städte verdanken ihre Bevölkerung und deren Wachstum vor allem dem Zuzug vom Land her. Diese ist von seiten der städtischen Herrenschicht grundsätzlich erwünscht, enthält aber das Problem, dass den Herren auf dem Lande dabei Leute entlaufen. Also wird Recht draußen und in der Stadt berührt. In ihr wird zum Beispiel für Freiburg vom Zähringer ein Zuzugsrecht aller eingeräumt, die keine Hörigen sind, und nach Jahr und Tag erhalten sie die dort üblichen bürgerlichen Freiheiten, wobei Friedrich Barbarossa dies Recht für Augsburg auf die eingrenzt, die dort dann ein Haus besitzen.

Von außen gesehen geschieht der Zuzug rechtlich abgesichert nur dort, wo der Landbevölkerung entsprechende Freiheiten zugestanden werden, was nördlich der Alpen später als südlich davon geschieht. Ansonsten kann von Landflucht gesprochen werden, die in vielen Dokumenten beklagt wird, in denen Strafen auf Flucht a iugo servitutis, aus dem Joch der Knechtschaft formuliert werden, wie in einer Urkunde des Bischofs Dietrichs III. von Münster von 1224, der beklagt, dass nämlich ihr gehörende Leute (ei perinentes) mit schlauer List sich in andere Gegenden absetzen und, nachdem sie sich in Städten (in oppidis) eine Behausung (domicilium) besorgt haben, in die Freiheit ausbrechen (se frangant in libertatem), obwohl sie doch in Hörigkeit gehalten werden (proprietatis iure tenentur)... (Nonn, S.55).

 

Für Münster war schon vorher, um 1210, festgelegt worden: Wer im Weichbild ein Jahr lang gewohnt hat, ohne dass ihn jemand als Hörigen beansprucht hat, der soll zu den Freien gerechnet werden. Und: Die Bürger werden niemanden als ihren Bürger aufnehmen, der einem Herrn untersteht, welcher dagegen Einspruch erhebt. Und noch deutlicher: Wenn aber vor Ablauf eines Jahres und sechs Wochen sein Herr ihn ausfindig macht und ihn zu Recht der Unfreiheit überführt, soll er ohne Rückerstattung der Pfennige, die er gezahlt hat, vom Bürgerrecht ausgeschlossen werden. (Engel/Jacob, S. 35)

Bürgerrecht ist also Freiheit, in die man sich einkaufen muss, was man nur darf, wenn man weit genug weg von einem Herrn geflohen ist, schon frei ist oder aber freigelassen wurde.

 

Solche Zuzugsregelungen setzen sich auch anderswo durch. Ein frühes Beispiel in England sind die Gewohnheiten von Newcastle upon Tyne von etwa 1135, in denen eine entspechende Jahr- und Tagregelung auftaucht (Carpenter, S.44)

 

Städte wachsen im Mittelalter wohl ausschließlich über den Zuzug vom Land. Dort wächst die Bevölkerung bis in die Zeit um 1300 relativ kontinuierlich an. Was die Leute im einzelnen in die Städte treibt, ist bis tief ins späte Mittelalter wenig dokumentiert, lässt sich aber teils erschließen, teils vermuten. Mit dem Wachstum der ländlichen Bevölkerung mangelt es trotz Ausbaus der nutzbaren Flächen bis kurz nach 1300 ständig mehr Leuten an hinreichend viel Land. Sie gehen dorthin, wo sie die Chancen auf besser bezahlte Lohnarbeit zumindest eher sehen. Städte bieten zudem mehr Raum für wenigstens bescheidene Karrieren und liefern auch mehr rechtlichen Spielraum dafür. Städte bieten mehr Ernährungssicherheit, überhaupt, ist man erst einmal gut untergekommen, auch tendenziell qualitativ bessere Ernährung.

Zu vermuten ist daneben, dass auch das größere Amüsierangebot der Städte eine Rolle spielt, von den Festivitäten über mehr Gastronomie bis vielleicht auch zu den Bordellen, und in größeren Städten beginnt wohl auch schon der Reiz der Anonymität mit dem Abschütteln eines Teils der Kontrolle durch die Umgebung um sich zu greifen. Wer es zu etwas Geld bringt, kann sich zudem dem Faszinosum eines örtlichen Marktes in unmittelbarer Nähe hingeben, dem Reiz der Auswahl oder wenigstens des Anschauens von Waren.

 

Stadtbild

 

Bis auf Kirchen, Pfalzen und manchmal Klöster werden städtische Bauten durch das hohe Mittelalter aus Holz konstruiert. Es sind im 12. Jahrhundert bereits auf Steinfundamenten sitzende Ständerbauten, die manchmal, wie für Lübeck ermittelt, bis zu sechs Metern hoch sein können, was mehrere Etagen ermöglicht.

Der Boden des Parterres besteht oft einfach aus gestampftem Lehm, manchmal sind wohl auch Bretter darüber gelegt.

Solche Häuser sind einfach konstruiert und können zunächst bei Ortswechsel abgebaut und mitgenommen werden, weswegen sie im Unterschied zum Boden manchmal bis ins 13. Jahrhundert hinein nicht als immobiles Eigentum gezählt werden. Allerdings überdauern sie in der Regel maximal ein, zwei Generationen, weswegen von ihnen auch nichts bis heute überlebt hat.

 

Mit der Verbesserung der Holzbauweise werden Häuser in den Städten nun von spezialisierten Handwerkern gebaut. In einigen Orten wie Freiburg nehmen die Steinbauten zu, in anderen werden sie wie in Schwäbisch-Gemünd schon nach einer Weile von verbesserten Fachwerkhäusern wieder abgelöst.

 

In einigen Städten bauen die Vornehmen und Reichen sich steinerne Wohntürme wie in Italien, wie der Runtingerturm vom Anfang des 13. Jahrhunderts in Regensburg. Die Grundfläche misst 7,8x8,8m, also rund 44m² in jedem der sechs Stockwerke bei einer Höhe von 21 Metern. Andere Türme in Regensburg erreichen bis zu 37 Metern. 1260 wird nebenan zur Straße hin ein Anbau mit derselben Grundfläche errichtet. Damit wird es nun möglich, einen repräsentativen Saal wie auf einer Adelsburg einzurichten.

 

Deutsche Lande: Von den Gesellschaften zur Gemeinde

 

Neben Bürger und Stadt kommt als dritter dazugehöriger Begriff der von der Gemeinde oder Gemeine. Einflüsse aus Norditalien insbesondere werden für deren Entwicklung gelegentlich vermutet, aber kaum zu belegen. Eher ist es wohl so, dass ein ähnlicher Stand der Entwicklung frühen Kapitalismus ähnliche Machtstrukturen hervorbringt.

In der Gemeinde wachsen die Bürger einer Stadt zu einer juristischen Person zusammen, also jener rechtlichen Abstraktion, wie sie im 'corpus iuris civilis' des Justinian tradiert worden war. Einen Vorläufer hatte diese Vorstellung seit dem 11. Jahrhundert in den Kapiteln von Klöstern und Stiften, in denen Kanoniker oder Mönche versammelt waren. Ausgehend von dem regelmäßig verlesenen Kapitel eines heiligen Textes wurde daraus der Versammlungsraum und dann die rechtliche Fiktion einer Körperschaft, die die dort Versammelten als rechtsfähige Gemeinschaft bilden.

 

Fremdkörper in solchen Gemeinden bleiben die adeligen Höfe, die wie in Regensburg später zum Teil zu Klöstern werden, und eben die Klöster und Stifte.  "An weiteren rechtlichen Sonderbezirken befanden sich etwa in Regensburg Ende des 11. Jahrhunderts fünf Höfe auswärtiger Bischöfe, sieben Höfe auswärtiger Klöster..." (Isenmann, S.43). Die Gemeinde umfasst so kein geschlossenes Stadtgebiet.

 

In derselben Zeit beginnt das Wiederaufleben des Studiums des römischen Rechtes (in Bologna vor allem) und die Systematisierung eines Kirchenrechtes (in Paris z.B.). Es kommt zur Wiederentdeckung des römischen Begriffs der universitas, mit dem Personengruppen bezeichnet werden, die rechtlich wie eine (juristische) Person auftreten konnten bzw. sollten, und darum von einem dafür Bevollmächtigten vertreten werden können.

 

Bis heute uns vertraut, wenn auch nur noch als relativ sinnentleertes Wort, ist die universitas von Lehrenden und Lernenden, wie sie sich zum ersten Mal aus mehreren hohen Schulen in Paris bildete. 1174 taucht in einer Kölner Urkunde zum ersten Mal der Ausdruck pro universis civibus, für die Leute, die die Meister der Kölner Kirchspiele vertreten, auf, 1180 dann der von der universitas civium. (Groten, S.129)

Ausgeschlossen von diesem Konzept waren die Geistlichen, die Juden und eine breite, oft besitzlose Schicht. Das waren Gesellen und Lehrlinge, das immer größer werdende Gesinde, die Armen und all die, die keinem ehrbaren „Beruf“ nachgingen. Der Bürger war soweit in seinem Selbstverständnis nach oben und unten klar abgegrenzt.

 

Die Gemeindebildung des 12. und 13. Jahrhunderts verläuft sehr komplex und örtlich wie zeitlich sehr unterschiedlich. In Bremen entwickelt sich keine Bürger- sondern eine „Einwohnergemeinde“ (Schulz(2), S.42-49), Vom Ratsgericht ausgenommen sind bis in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts die Ministerialen, alle Knechte und Mägde aller geistlichen und weltlichen Herren bis zu den Minsterialen. Die Zuständigkeit des Rates wiederum konzentriert sich auf „Allmendeangelegenheiten und Regelungen des Marktverkehrs.“ (Schulz(2), S.49)

Einen wesentlichen Faktor auf dem Weg zur Gemeindebildung benennt Groten so: „Das rasante Bevölkerungswachstum veränderte die städtische Gesellschaft grundlegend. Ab einem gewissen Punkt waren die hergebrachten Organisationsformen überfordert. Die bischöfliche familia stellte nicht mehr die Mehrzahl der Bevölkerung, und auch die Verbände von Hörigen und Zinspflichtigen anderer städtischer und auswärtiger Kirchen traten kaum noch als Ordnungsfaktoren in Erscheinung. … Das bedeutete, dass kirchliche Institute als Ordnungsmächte an Bedeutung verloren.“ (S.77)

 

Die Gemeindebildung basiert räumlich auf der ummauerten Stadt, die zugleich Gerichtsbezirk wird, der die Einwohner/Bürger vor auswärtiger Gerichtsbarkeit schützt. Sie wird dann auch Rechtsbezirk eines gemeinsamen Stadtrechts, welches den meisten Einwohnern jenseits von Adel, Klerus und Mönchen freie Tätigkeit in Gewerbe und Geschäft ermöglicht, wobei tendenziell die Abgaben an die alten Herren abnehmen, aber zunehmend durch solche an die Bürgergemeinde ergänzt werden. Eine Obrigkeit (oberkeit) wird dabei durch eine andere ergänzt, oder gar in einzelnen Fällen fast ersetzt.

 

Die Entstehungsgeschichte des Kapitalismus ist auch die der Emanzipation von Handwerk und Handel aus dem rechtlichen Rahmen der Herren über großen Grundbesitz. Dies geschieht beim Handel, insbesondere dem Fernhandel zugleich schneller und in größerem Umfang, nicht zuletzt deshalb, weil er in Teilen immer schon freier war. Teile des Handwerks bleiben als vorrangige Lieferanten für die adelige und dann auch fürstliche Herrenschicht dieser rechtlich und inhaltlich stärker verbunden.

 

Eines aber gilt es zu betonen: Die Entstehung von Kapitalismus und die Gemeindebildung hängen zusammen und sind ein Spezifikum abendländischer Geschichte.

 

Freiheiten: Zensuale und Ministeriale

 

Die Befreiung der frühmittelalterlichen persönlichen Untertänigkeit in die andersartige der Stadt ist ein Vorgang, der einmal in die Zensualität und langsam da wieder heraus führt, und bei den Ministerialen sich teilt in den der zunehmenden Selbstverwaltung in ihren Ämtern bei zunehmender Geschäftstätigkeit, und auf dem Lande in das langsame Aufgehen im ritterlichen Landadel. Diese Vorgänge laufen an verschiedenen Orten unterschiedlich ab und zu verschiedenen Zeiten.

 

Die unterste Schicht der Knechte und Mägde reiht sich in Worms im 12. Jahrhundert zunehmend in die Zuständigkeit der Stadt ein, soweit sie aus dem unmittelbaren Dienst beim Herrn austritt und ein davon unabhängiges Gewerbe betreibt. Damit verschwindet das Geburtsprinzip und wird ersetzt durch die tatächliche Tätigkeit, die die Untertanen neu einordnet. Das wiederum bedeutet die langsame Geburt einer bürgerlichen Gemeinde mit ihrem eigenen Recht und ihren eigenen Pflichten und Abgaben. Rechtlich findet die Überführung aus der Knechtschaft in die Zensualität statt.

 

Die Wege in die Zensualität sind vielfältig. Handwerker und schiere Arbeitskräfte kaufen sich selbst frei vom Herrn zum Zwecke, sich in die Zinsabhängigkeit von einer Kirche und insbesondere eines Klosters zu begeben. Allein dem Regensburger Kloster St.Emmeran sind zwischen 975 und 1200 fünfhundert Hörige zu Zensualenrecht übergeben worden (Schulz(2), S.75). Mancipia, also Hörige, werden von Bürgern freigelassen, nachdem sie ihm ihr Eigentum überlassen haben. Bürger kaufen ihre hörige Ehefrau und die Kinder frei. Hörige werden an ein Kloster tradiert und zahlen ihrem bisherigen Herrn bis zu dessen Tod einen Kopfzins als Altersversorgung. Hörige werden an Kirche und Kloster verschenkt und dabei von der Hörigkeit in die Zensualität übergeben. Bischöfe verschenken wie Burchard von Worms große Güter an Klöster, deren Hörige dabei in die Zensualität aufsteigen und ab omni servitude liberi sind (Schulz(2), S.87). Enorme Gelder müssen so insgesamt geflossen sein, wobei größere Summen für den Freikauf in der Regel einen geringeren "Kopfzins" nach sich ziehen. Es ist offensichtlich, dass zunehmendes Produzieren für einen Markt mehr Geld in die Hände der Leute fließen lässt, und dass es zugleich günstiger wird, Gratisdienste durch Schutzbefohlene mit Geld abzulösen und sich stattdessen Arbeit zu kaufen.

 

Freie begeben sich besonders im 12. Jahrhundert in den Zensualenstand, um zum Beispiel in den Schutz eines Klosters zu gelangen, was vergleichsweise aber seltener ist. Meistens geht es um Frauen, insbesondere Witwen, In Mainz tritt "die Witwe Willerad, eine freie Friesin, die mit einem in Mainz-Kastel ansässigen Freien verheiratet gewesen war, mit ihrer Tochter in die Zensualität ausdrücklich mit der Begründung ein, dass sie vor den Verwandten ihres verstorbenen Mannes, die sie gewaltsam um ihr Erbe bringen wollten, Schutz gesucht habe" (Schulz(2), S.78).

 

Zinspflichtige erhalten so eine weitgehende Mobilität und freie Entfaltungsmöglichkeiten auch im gewerblichen Bereich bei jährlichem Kopfzins von mehreren Pfennigen (Denaren), Heiratsgebühr und Todfallabgabe, den census oder das tributum, wodurch sie in einen geistlichen Verband locker eingegliedert bleiben (Schulz(2), S.53). Die Todfallabgabe beinhaltet oft beim Tod des Mannes das Besthaupt, nämlich sein bestes Stück Vieh, bei der Frau das Bestkleid, ihr wertvollstes Kleidungsstück. Die Heiratsgebühr wird für die übliche Zustimmung des Herrn zur Heirat bezahlt, eine zusätzliche ist zu entrichtet, wenn der Herr eine Heirat außerhalb seiner familia duldet, wobei er sich dann zugleich oft einen großen Anteil am zukünftigen Erbe zu sichern, damit es nicht seine familia verlässt.

Wird der jährliche Zins in Wachs für die Kerzen des Heiligen der Kirche entrichtet, spricht man von Wachszinsigen, Cerozensualen. Stärkster Eingriff in persönliche Freiheit ist die extrem hohe Gebühr bei Heirat außerhalb der familia des Herrn, zugleich deutlichstes Zeichen der Zugehörigkeit zu dieser. Größte neue Freiheit ist der Wegfall von Herren/Frondiensten, wodurch der Zensuale "über seine eigene Arbeitskraft und zugleich über das Produkt seiner Arbeit frei verfügen" kann (Schulz(2), S.70). Kapitalismus wäre ohne das starke Anwachsen der Zensualität im 11./12. Jahrhundert nicht möglich gewesen, die die Menschen zum relativ freien Agenten in einer Marktwirtschaft macht.

 

Die Wormser Zensualen erringen Elemente bürgerlicher Freiheit, und zwar zwischen einem Privileg Kaiser Heinrichs V. von 1114 und einem für 1184 durch Friedrich I. („Barbarossa“). Ihre Verpflichtungen werden zunehmend eingeschränkt. Schon der fünfte Heinrich dekretiert die freie Eheschließung bei freiem Erbrecht. Das bleibt aber zunächst auf Worms beschränkt. Dort ist nach Kaiser Friedrich I. nur noch der Kopfzins als Belastung übrig. Mit der Befreiung davon wird dann der entscheidende Schritt getan.

Die Entwicklung "bürgerlicher" Freiheiten, also von Rechten, die sporadisch im 11. Jahrhundert einsetzt, wird im 12. Jahrhundert bestätigt und erweitert. Erst 1182 wird in Speyer und 1184 in Worms durch Kaiser Friedrich I. ("Barbarossa") endgültig die Todfallabgabe beseitigt. Den Wormsern erlässt er zugleich mit dem Kopfzins die letze persönliche Verpflichtung gegenüber einem Herrn. Dieses Privileg gitl für die ganze Einwohnerschaft, was für Speyer heißt: Omnes qui in civitate Spirensi modo habitanti vel deinceps habitare voluerint... (in Schulz(2), S.103)

 

Aber die Entwicklung verläuft je nach Ort und Zeit sehr unterschiedlich und mancherorts bleiben solche Verpflichtungen weiter bestehen, zum Teil bis in die Neuzeit hinein. Bürgerliche Freiheit als Ablösung von persönlichen Verpflichtungen gegenüber einem Herrn, geschieht von Ort zu Ort verschieden und zu verschiedenen Zeiten.

1186 privilegiert der erste Friedrich alle Einwohner von Bremen „nach Jahr und Tag“ als „frei“, sofern sie nicht weiterhin zu den Kirchen gehören. Diese bleiben unfrei, auch wenn sie zugleich der Gemeinde angehören.

 

An die Stelle des Kopfzinses tritt in der Gründungsurkunde für Freiburg 1120 der Jahreszins (von einem Schilling) auf das Grundstück. Damit wird der Weg von der grundherrlichen Abgabe zur bürgerlichen Besteuerung beschritten.

Hundert Jahre später (1219) setzt Friedrich II. als königlicher Stadtherr für Nürnberg fest: Wenn der Reichsherr von ihnen die Steuer (steuram) erhebt, brauchen sie die Zahlung nicht einzeln pro Person, sondern dann können sie diese gemeinsam, je nach ihrem Vermögen (pro posse suo) entrichten. (in Hergemöller, S.258). Damit wird die Stadtgemeinde zu einer abgeschlossenen fiskalischen Körperschaft.

 

1120/35 dekretiert der Mainzer Erzbischof Adalbert seine Stadt zum Gerichtsstandort für alle seine Städter. Damit wird sie hier zum Gerichtsbezirk und nach außen abgegrenzt. Viele andere Städte folgen darin und dabei werden immer mehr Bereiche niederer Gerichtsbarkeit in bürgerliche Hand gegeben.

 

Knut Schulz fasst zusammen, dass der Grundsatz, Stadtluft mache frei, sich neben der in dieser Hinsicht privilegierten Ostsiedlung vor allem auf die Machtbereiche der Zähringer, Staufer und Welfen konzentriert (Schulz(2), S.67). Am Niederrhein und überhaupt im Nordwesten hingegen basieren Stadtgründungen und Stadtrechtsverleihungen auf abgeschwächter Zensualität, während diese andernorts bereits verschwindet. Abgeschwächt ist die Größe der Todfallabgabe und verzichtet wird auf das Verbot der Heirat außerhalb der grundherrlichen familia. Während sich in Hamm, Münster und Lippstadt um 1215 noch der Satz von der freimachenden Stadtluft findet, wird dieser im weiteren 13. Jahrhundert bereits abgelehnt und die Landflucht Höriger in die Stadt immer mehr erschwert. Allein das Stift Xanten verfügt 1430 noch über ungefähr 4000 Wachszinsler, während die Zensualität in Bayern bereits weithin verschwunden ist.

In Oberschwaben bleibt die Zensualität mit ihren Abgaben bis in die Neuzeit bestehen und wird teilweise sogar wieder verschärft. Nachdem die Appenzeller sich den Wegfall der Todfallabgabe 1566 erkaufen, gelingt das im Rorschacher Vertrag mit dem Abt von St.Gallen seinen Leuten, das ebenfalls zu tun (Schulz(2), S.66). Aber das liegt an dem mächtigen Einfluss der nahen Eidgenossenschaft.

 

Besonders wichtig für die Entstehung einer Stadtgemeinde ist die Auslösung des immobilen Eigentums innerhalb der Stadtmauern aus der unmittelbaren Verfügung des Herrn, in der sie einmal stand. Der Weg in das freie Eigentum geschieht über das Erbrecht, welches der Ablösung der Verpflichtungen aus der Zensualität vorausgeht.

1180 bestätigt Friedrich Barbarossa den Wetzlarern, dass ein jeder von ihnen von seiner Hofstätte alljährlich 4 Pfennige dem Herrn, von dem er sie hat, als Zins zahlt, und dass er sie ohne alle weiteren Forderung ungestört innehaben soll. Nach ihrem Tode jedoch sollen ihre Söhne oder nächsten Erben oder diejenigen, denen sie es vielleicht vermachen wollen, 12. Pfennige entrichten, und von da an sollen sie, wie es zuvor angeordnet ist, jährlich 4 Pfennige zahlen. Wenn aber jemand bei Lebzeiten seine Hofstätte verkaufen will, soll sie der Käufer zu demselben Recht wie ein Erbe erhalten. (Engel/Jacob, S.29)

Der bürgerliche Eigentumsbegriff entsteht so aus Gewohnheiten, die sich als für beide Seiten günstige einschleichen, und wird dann festgeschrieben, um in den folgenden Jahrhunderten wieder Schritt für Schritt eingeschränkt zu werden, bis er in demokratischen Verfassungen vollständig unter staatliche Willkür gerät und massiv entwertet wird.

 

Freiheit wird letztlich wirtschaftlich definiert, auch wenn sie sich rechtlich äußert. Sie beinhaltet das Besitz- und Erbrecht und die Möglichkeit, sich ein Gewerbe zu suchen. Das betrifft auch die vom Bischof belehnten Ministerialen, die ihren Militärdienst nun durch Geld, nämlich durch einen von ihnen bezahlten Ersatzmann ablösen können. Als Kaufleute (mercatores), Besitzer eines Lehnsgutes und als berittene Krieger können sie sich nun entweder stärker ihren Geschäften zuwenden und Bürger werden, manchmal die einzigen, die so genannt werden, oder aber eine ländliche Krieger- und Gutsherrenkarriere einschlagen.

 

Der Ministeriale ist wörtlich ein Dienstmann, und zwar ein solcher, der gehobene und keine Knechtsdienste leistet, zum Beispiel die eines villicus, also eines Meiers. Knut Schulz sieht die Wormser Fiskalinen des frühen Mittelalters als ein Mittelding zwischen Zensualen und Ministerialen an: Sie brauchen nur gehobene Hofdienste zu leisten und können diese, wenn sie dazu nicht gebraucht werden, durch einen Zins ablösen. Fiskalinen hißene sie, weil sie ein Geschenk des königlichen Fiskus an den Wormser Bischof waren. Dazu erwähnt er eine Wachszinsige aus Mainz-Kastel; sie soll samt Nachkommen sine omni servitutis iugo, ubicumque velint, liberi permaneant ac in condicione et iure illorum, qui fisgelini vocant, semper maneant. (Schulz(2), S.98) Für das zwölfte Jahrhundert wird es dann üblicher, einige Hörige ins Zensualenrecht, einige und immer mehr davon aber gleich in den Ministerialenstatus zu tradieren.

 

Neben einigen freien Fernkaufleuten werden Ministeriale bzw. Nachfahren von ihnen vor allem dann das städtische Meliorat bilden und später das Patriziat, denn "durch ihre militärische Qualifikation, die Wahrnehmung der Gericntsbarkeit, die Regelung des Markt- und Warenverkehrs sowie eine vielfältige Beteiligung am städtischen Wirtschaftsleben waren sie auf Grund ihrer Herkunft und der von ihnen ausgeübten Funktionen diejenige Gruppe in der Stadt, die in erster Linie befähigt war, selbständig die Geschicke der Stadt in die Hand zu nehmen und sich auch gegenüber dem Stadtherrn durchzusetzen." (Schulz(2), S.130)

 

In Trier hatte der Burggraf Ludwig mit seinen Ministerialen bereits in den zwanziger Jahren des 12. Jahrhunderts erhebliche Selbständigkeit erlangt. In den Gesta Alberonis heißt es: Burggraf Ludwig hatte Erzbischof Gottfried so von sich abhängig gemacht, dass er sagen konnte, er habe das palatium zu Lehen und alle bischöflichen Einkünfte müssten dorthin gebracht werden. Für den Unterhalt des Bischofs und seiner Kapläne habe er zu sorgen, und alle übrigen zum Bistum gehörigen Dinge seien ihm unterstellt. Die Aufgabe des Bischofs sei es dagegen, Messen zu lesen, Kleriker zu ordinieren und Kirchen zu weihen. Als sein Recht erklärte er, das Land zu regieren, alle Angelegenheiten im Bistum zu regeln und die Kriegsmannschaft zu befehligen. Für die Mahlzeiten des Bischofs lieferte er täglich einen Sester Wein udn zwei Sester Bier, während er selbst mit einem ansehnlichen Gefolge wie ein großer Fürst Tafel hielt. Er trat überall mit einer großen Gefolgschaft von Reitern auf und regierte auf jede Weise das ganze Land. (MGH SS8, S.250)

1131/32 führt er einen Aufstand der Ministerialen gegen jenen Teil des Trierer Klerus an, welcher Albero gegen ihren Willen zum neuen Bischof gewählt hatte und plündern ihre Häuser und überfallen sie auf offener Straße. Albero muss für längere Zeit außerhalb der Stadt in Pfalzel residieren. Bis um 1170 setzt sich dann mittels mehrerer coniurationes die Ministerialität soweit durch, dass sie ein Schöffenkolleg als Stadtbehörde weitgehend besetzt.

 

Der zunächst bis ins 13. Jahrhundert bestehenden rechtlichen Unfreiheit steht die große wirtschaftliche Unabhängigkeit gegenüber. Städtische Ministeriale entwickeln großen Landbesitz, zudem werden sie oft die größten Grund- und Hausbesitzer in der Stadt. Ministeriale süddeutscher Städte sind oft die bedeutendsten Handelsherren dort, sie sind im Münzgeschäft wie im Silberbergbau tätig, wobei sie immer stärker aus dem Einfluss ihrer städtischen Herren heraustreten.

Die Begriffe cives und burgenses werden in Mainz im 12. Jahrhundert im wesentlichen für Ministeriale verwendet. Diese teilen sich in einer Urkunde von 1155 auf in vornehme Ministerialengeschlechter, die burgenses, und die officiati. Diese Offizialen bilden zusammen mit anderen bürgerlichen Ministerialen den 1144 vom Erzbischof anerkannten Stadtrat und besetzen die höchsten städtischen Ämter (Schulz).

Ähnlich wie schon Generationen früher in Trier kommt es auch in Mainz 1158-60 zu einer großen Machtprobe zwischen cives unter der Führung der Ministerialen und dem Erzbischof Arnold von Seelenhofen, der von der Stadt stipendiae militie

für seine Teilnahme am zweiten Feldzug Barbarossas nach Italien verlangt. 1163 verurteilt der Kaiser dann die Stadt dafür zur Zerstörung der Stadtmauer und der Aberkennung ihrer Rechte. Aber die Ministerialität ist schon wenige Jahre später wieder in ihrer alten Machtstellung.

 

Das Recht der Bürger am Eigentum an Grund und Boden lockt Leute in neugegründete Städte. Aber auch in den schon älteren wird die Koppelung dienstlicher Verpflichtungen an den Boden durch einen Grundzins abgelöst. Das liegt besonders im Interesse der Kaufleute, die dadurch uneingeschränkte Mobilität erlangen. Nach und nach setzt sich in immer mehr Städten durch, dass Grund und Boden in der Stadt frei vererbt und veräußert werden können. In derselben Zeit wird in der Stadt das Heiraten von Genehmigungen und Abgaben befreit.

 

Indem das entstehende Bürgertum erweiterte Möglichkeiten erhält, in einer gewissen Selbständigkeit Geld zu verdienen, wird immer deutlicher, dass die Herren in der Situation von Rentiers durch geldliche Abgaben einfacher zu Reichtum gelangen können aus durch Dienste aus grundherrlicher Abhängigkeit. Indem immer mehr Geld zwischen die Menschen tritt, treten zugleich die auf Grund und Boden beruhenden persönlichen Beziehungen zwischen Herr und Knecht zurück.

 

Die Dynamik der Entwicklung, welche die abendländische bürgerliche Stadtgemeinde als Sonderfall der Geschichte hervorbringt, beruht also auf der Dynamik der handwerklichen Gewerbe, des Handels über den städtischen Markt und der Geschäftstätigkeit stadtsässiger Ministerialer und vermutlich weniger freier Fernkaufleute. Indem das Wachstum von all diesem und dabei auch der Einwohnerschaft vom Stadtherrn als einkommensfördernd erkannt wird, kommt es zur Kapitalisierung des Wirtschaftens einer Oberschicht von "Geschlechtern"und zur Kommerzialisierung der gesamten Stadt. Dabei entsteht eine Interdependenz zwischen Wirtschaft und Recht, bei der die Ökonomie einen gewissen Vorlauf hat.

 

Gesellschaften: Produktion (Handwerk)

 

Das sich zunehmend auf einen städtischen Markt orientierende Handwerk jenseits grundherrlicher Bedürfnisse verlangt vor allem ein Wachstum städtischer Bevölkerung als nachfragender Konsumenten. Erst, wo es eine größere Zahl von Handwerkern mit eigenen Betrieben und Produktionsmitteln gibt, beginnen sie sich in der Stadt zusammenzuschließen. Die Anfänge liegen im Dunkeln, einmal wegen mangelnder Schriftlichkeit im Handwerk, zum anderen, weil erst später die Stadtherren und höheren Herrschaften darauf reagieren, indem sie solche Zusammenschlüsse rechtlich bestätigen. Das geschieht bereits hier und da im 11. Jahrhundert in West- und Ostfranzien.

Es bilden sich Interessengemeinschaften der Schuster, der Fischer und nach und nach immer mehr anderer. Diese sind einmal fraternitates, Bruderschaften, und zum anderen societates, gewerbliche bzw. „genossenschaftliche“ Vertretungen, wie Schulz (S. 41ff) meint sie trennen zu können.

 

Der Begriff Genossen hat vielfältige Bedeutung. Im frühen Recht der Stadt Freiburg/Breisgau ist zum Beispiel festgelegt, das Eheleute für einander genoz sind. Später im 12. Jahrhundert heißt es: Jeder Bürger dieser Stadt ist hinsichtlich des Eigentums dem anderen ein Genosse, und wenn er vielleicht Grundbesitz erwerben will, braucht er für seinen Besitz in keiner Form das Vogteirecht zu zahlen. (in Hergemöller, S.155). Genossen sind so gleichberechtigte Partner und noch im 13. Jahrhundert zeichnen sie sich durch Ebenbürtigkeit aus (siehe auch Anhang 18).

 

Zunächst handelt es sich um Vereinigungen, die kultische Zwecke mit denen gegenseitiger Unterstützung verbinden und sie beruhen auf Freiwilligkeit. Ein spätes Echo auf den Übergang von der noch stark religiös definierten Brüderschaft zur Zunft bezeichnet ein gerne zitiertes Dokument für die Baseler Kürschner von 1226, in dem von der confraternitas eorum, … quod in vulgari dicitur zhunft die Rede ist (Engel/Jacob, S. 255). Falls das Wort Zunft von „ziemen“ kommt, ist darin von vorneherein die Verregelung und nicht nur die Interessenvertretung einer Handswerksbranche gemeint.

 

Zünftig ist bis heute etwas, was sich ziemt, also ordentlich gemacht ist und bald dann auch auf Übereinkunft beruht. Indem in einigen deutschen Gebieten stattdessen das Wort Innung, also Einung benutzt wurde, wird letzteres deutlich. Dort, wo die Zunft als Amt erwähnt wird, wird zudem belegt, dass sie ein officium ist, also von einer drübergesetzten Macht, eben dem Herrn der Stadt, verliehen, privilegiert wurde. Mit der Privilegierung der Wormser Fischhändler 1107 durch den Bischof wird aus ihrer Arbeit selbst schon ein officium.

Das Wort Gilde bezeichnet wohl ursprünglich ein zeremonielles Trinkgelage, in dem Menschen sich miteinander verbinden, und wurde darum sowohl für Vereinigungen von Handwerkern wie von Kaufleuten verwandt. Umgekehrt war es wohl mit der Bezeichnung Zeche für Zunft, wobei dies Wort ursprünglich eher Versammlung, Vereinigung meinte, um dann dadurch, das solche gemeinsamen Trinkgelage zum zünftigen Alltag gehörten, gegen Ende des Mittelalters auch dieses selbst zu bezeichnen, weswegen man noch heutzutage sagen kann, dass jemand die Zeche bezahlen muss.

 

Zunächst sind Handwerkervereinigungen also kultischen Bruderschaften eines bestimmten Gewerbes, und sie bleiben auf jeden Fall weiter Kultgemeinschaften, an einer Kirche angesiedelt, in der sie einen Altar oft für den speziellen Zunftheiligen unterhalten, für den sie Kerzen spenden und an dem sie an festen Terminen Messen feiern. Zudem nehmen sie geschlossen an Prozessionen teil. Dadurch werden sie zu Feldern einer Verbürgerlichung von Christentum, die sich dann in den von ihnen nachgefragten Künsten wie auch in der Literatur besonders des Spätmittelalters äußert.

 

Sobald Stadtherren und Fürsten in der Ambivalenz von Interessenvertretung und Ordnungsstiftung solcher Einungen im Gewerbe und auf dem Markt die Chancen für sich erkennen, privilegieren sie diese unter Einbindung in das von ihnen gewünschte grundherrliche Ordnungsgefüge. 1106 bestätigt der Bischof von Worms 23 Fischhändlern ihr ausschließliches Recht auf dieses Gewerbe und die Vererbbarkeit dieses Rechtes auf den Sohn, und, so keiner vorhanden ist, die Kooptation eines weiteren Mitgliedes.

 

Handwerkervereinigungen vertreten also Interessen des Stadtherrn, der sie damit beauftragt. Zugleich sind sie aber auch Interessenvertretung der Handwerker selbst.

Indem Stadtherren dann noch bürgerliche Instanzen in der Stadt anerkennen, die auch über den Vereinigungen von Handwerkern stehen und zum Beispiel das Marktgeschehen insgesamt ordnen, werden diese immer mehr in ein obrigkeitliches System eingeordnet werden.

 

Straßburg um 1130 kennt solche bürgerlichen Instanzen noch nicht, die Menschen sind ganz in den Rahmen bischöflichen Rechtes eingegliedert. Die vertikale Gliederung in Herrn und Unterta wird vom vicedominus, dem urbis praefectus und dem urbani iuris villicus vertreten.

Aber dem tritt bereits eine gewisse horizontale Gliederung in Vereinigungen einzelner produktiver Branchen entgegen: Das vom Bischof besetzte Amt (officium) des Burggrafen bestellt die Meister fast aller Ämter (officia) in der Stadt (…), nämlich die der Sattler, Kürschner, Handschuhmacher, Schuster, Schmiede, Müller, Küfer, Becherer, Schwertfeger, Obsthänder und der Schankwirte. ( Hergemöller, S.170) Dann wird im einzelnen aufgeführt, welche Dienste sie dem Bischof zu leisten haben. Deren Vereinigungen dienen also nicht nur ihren Interessen, sondern auch denen des Stadtherrn an Rechtlichkeit, Ordnung und Friedfertigkeit, mit anderen Worten an Unterwerfung und Gehorsam. Horizontal heißt aber nicht, dass man annehmen könnte, sie seien nicht unterschiedlich wohlhabend und einflussreich. Bürger besitzen manchmal bereits erheblichen Grundbesitz, den sie auch verkaufen dürfen.

 

Eine mögliche Entstehung handwerklicher Vereinigungen kann so durch die stadtherrliche Verwaltung von Branchen in officia gelegen haben, die durch kultische und rituelle Elemente wie das gemeinsame Essen und Trinken zusammenwachsen und ein Eigenleben gewinnen.

 

Um dieselbe Zeit (1128) bestätigt Bischof Embricho von Würzburg den Schuhmachern seiner Stadt ihre althergebrachten Rechte:

Alle christgläubigen Menschen, sowohl die gegenwärtigen als auch die zukünftigen, sollen wissen, dass die Schuster unserer Stadt vor uns getreten sind, um uns ihre Rechte, die ihnen von unseren Vorgängern schon vor langer Zeit gegeben und zuerkannt worden sind, darzulegen und sich darüber zu beklagen, dass diese durch die Habgier einiger Richter abgeändert worden sind (…) Außerdem hat, wer die Mitgliedschaft in ihrem consortium erlangen wollte, ihnen 30 Schillinge gezahlt, und von diesen standen dem persönlichen Kämmerer des Bischofs 4 Schillinge zu, den beiden Schultheißen 3; die übrigen 23 Schillinge haben die Schuster eingenommen, um davon jedes Jahr 44 Pfund Wachs für die Kerzenbeleuchtung der Krypta und dem Kirchenpersonal 8 Pfennige zu geben; und wenn sie dies alles gezahlt hatten, sollten sie von niemandem mit ungerechten Forderungen behelligt werden. (Engel/Jacob, S. 279)

 

Offenbar gab es schon im 11. Jahrhundert oder jedenfalls Anfang des 12. eine Art Zusammenschluss der Würzburger Schuhmacher-Meister, deren innere Angelegenheiten sie selbst regelten.  Ein Meister, der dazugehören wollte, musste sich mit einer Einmalzahlung von 360 Pfennig (30 Schillinge) einkaufen (Zensualen bezahlten üblicherweise einen Jahreszins von 2 Pfennigen und lagen damit sozusagen über der Armutsgrenze). Die Summe war also von erheblichem Umfang und musste wohl erst einmal angespart werden.

Zudem bildeten die höchstens zwanzig Mitglieder des consortium eine Gebetsbruderschaft., die am Stift Neumünster angesiedelt ist, wo Kerzenwachs für die Krypta und Geld für den Priester ihres Altares abzuliefern ist. (Groten, S.105f/ Schulz, S. 42) Das stellte sie wohl in irgendeiner Form unter den Schutz der Stiftsherren, und das magische Moment des kirchenchristlichen Mittelpunktes schuf dann eine originäre Bindekraft untereinander. In Not geratene Mitglieder werden aus einer Gemeinschaftskasse unterstützt.

Für ihre Zulassung müssen sie dem Bischof Kerzenwachs und Geld liefern und dazu einen Pelzmantel, dem Stadtkämmerer Geld und den beiden Stadtschultheißen zwei paar Stiefel zu Weihnachten, ein hoher Preis insgesamt. (Groten, S.105f)

Wenn man dem Bischof hier glauben kann, dann baten sie ihn darum, von weiteren Ansprüchen seiner Amtsleute verschont zu werden, die diese vermutlich in die eigene Tasche stecken wollten.

 

1149 trennen sich in Köln die Weber von Bettbezügen von denen von Kopftüchern und geben bekannt, dass sie eine fraternitas der Bettbezugweber in frommer Hoffnung auf das ewige Leben gegründet und sie im Bürgerhaus, das im Judenviertel liegt, vom Vogt Richolf, vom Grafen Hermann, von den Richtern und Schöffen und auch mit dem Beifall des gesamten Stadtvolkes bestätigt erhalten haben, und zwar in der Form, dass alle mit der Bettbezugweberei Befassten, die im Stadtgebiet leben, gleich ob sie am Ort geboren oder zugezogen sind, sich dieser Zunft, gemäß dem von den obengenannten Mitgliedern festgesetzten Recht, freiwillig unterwerfen sollen. Diejenigen aber, die dem durch irgendeine Abweichung zuwiderhandeln und sich freiwillig nicht unterstellen wollen, sollen, durch strengen Richterspruch gebändigt, unter materiellen Verlusten schließlich gezwungen werden, sich ihm zu unterstellen und ihm zu folgen. Außerdem soll dem künftigen wie dem gegenwärtigen Geschlecht nicht unbekannt bleiben, dass die genannten Zunftbrüder aus der gemeinsamen Kasse der Zunft im Rahmen ihrer Möglichkeiten den Kopftuchwebern einen Zuschuss gegeben und den Stand auf dem Marktplatz, wo Kopftücher verkauft werden, durch eine Aufschüttung von Steinchen und Holz trockengelegt haben, und darum soll er beiden ohne Widerspruch und missgünstiges Gerede gemeinsam gehören. (Engel/Jacob, S. 280)

 

Was war geschehen? Vier einflussreiche und mächtige Meister jener Leinenweberei, die sich auf Bettbezüge spezialisiert hatten, sahen ihre spezifischen Interessen in einer eigenen Vereinigung besser aufgehoben als in der bisherigen, in der sie mit Kopftuchwebern zusammen waren. Sie schufen sich eine eigene Satzung und konnten bei den Vertretern der geistlichen und weltlichen Stadtherrschaft und ebenso bei der aufkommenden Vertretung der Bürgerschaft durchsetzen, dass diese anerkannt wurde. In ihrer Satzung legten sie auch fest, dass ihre sämtlichen Fachkollegen unter massiver Strafandrohung gezwungen werden, ihrer neuen Brüderschaft beizutreten.

 

Offenbar war es in dieser Stadt wesentlich lukrativer geworden, Bettbezüge herzustellen und zu verkaufen, weswegen diese Weber die anderen nun unterstützen können. Das machen sie aber deshalb, weil sie ihren Stand auf dem Markt, nachdem womöglich alle Plätze vergeben sind, behalten wollen. Vermutlich handelt es sich um jenen Markt, der durch Aufschüttung von Rheinufergebiet entstanden war, und die Idee der Hersteller von Bettbezügen ist nun, den bisherigen gemeinsamen Standort durch Aufschüttung zu erweitern und ihn dann gemeinsam-getrennt zusammen mit den nun abgedrängten Kopftuchherstellern zu benutzen. Diese werden darauf aufmerksam gemacht, dass ihr nun geringer Einfluss bei den Mächtigen der Stadt ihnen nichts anderes mehr erlaubt, als zuzustimmen, da sie andernfalls wohl nicht geringen Ärger bekämen.

 

Im Unterschied zum Würzburger Dokument von 1128 ist hier von einer gemeinsamen Kasse die Rede, die nicht mehr nur Abgaben an die Obrigkeit dient, sondern auch solchen Ellenbogen-Operationen gegen anders spezialisierte Gewerbe, gegen Fachkollegen, und vermutlich auch bestimmt ist für milde Gaben und Dotationen, mit denen sie ihre Interessen durchsetzen können, und die vermutlich nicht unter dem Signum „Bestechungen“ firmierten.

 

Wichtig ist, dass diese Schwurgemeinschaften, Zünfte, Gilden, Innungen, Zechen usw. einen kultisch-religiösen, einen gesellig-genossenschaftlichen und einen ökonomisch-politischen Aspekt enthalten. Dabei sind religiöse Bruderschaft und einzelnes Handwerk deckungsgleicher als üblicherweise in Italien, was eine Unterscheidung schwieriger macht. Die Kultgemeinschaft ist auf eine Kirche und einen Heiligen bezogen und gipfelt wo möglich in einem eigenen Altar dort, gemeinschaftlichen Messfeiern und damit zusammenhängenden Festen (convivium). Als Solidargemeinschaft helfen sie in Not geratenen Mitgliedern, beerdigen Genossen gemeinschaftlich usw. Ihr ökonomisches Interesse äußert sich in der Aufsicht über ihr Gewerbe und den Markt, später der Regulierung der Lehrlingsausbildung und des Status der Gesellen. Die Kontrolle darüber werden sie erlangen, sobald sie die Ausübung des Handwerkes an die Zunftmitgliedschaft koppeln und die Aufnahme in die Zunft an das Können, Eigentum und die jeweiligen Zunftregeln.

 

Die Verbindung von ökonomischen, genossenschaftlichen und religiösen Aspekten ist wichtig: Der religiöse Mittelpunkt legitimiert diese Vereinigungen, gibt ihnen Zusammenhalt über ein konfliktfreies Miteinander jenseits ökonomischer und politischer Meinungsunterschiede und fixiert sie als Teil städtischer Feiertags-Lebensformen, wie sie zum Beispiel in Prozessionen und Festivitäten sichtbar werden. Die handwerklichen Werte Fleiß, Pünktlichkeit, Ehrlichkeit in der Qualität und Quantität des Produktes, Ehrbarkeit als Verbindlichkeit von Ehe und Familie, die die Firma ausmachen, halten so Einzug in die städtische Religion und durchwirken sie zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert mehr noch als die Wertvorstellungen des Handels und großen Kapitals. Das städtische Christentum wird bürgerlichwerden, mehr noch als in Italien, wo das große Kapital früher und stärker in aristokratische Vorstellungswelten hineinwächst und Adel auch stärker am Kapital beteiligt ist.

 

Soweit werden solche Zusammenschlüsse von Stadtherrn gefördert, die es ihnen überlassen, ihre inneren Angelegenheiten zu regeln. Man darf dazu nicht vergessen, dass nicht der Handel, sondern das Handwerk den Kern der Bürgerschaft ausmachen: Städte sind wie Dörfer meist vor allem Produktionsorte.

 

Karl Marx sprach davon, dass der Kapitalismus im Schoße des Feudalismus entstanden sei. Jedenfalls wird seine Entstehung von den vorkapitalistischen Mächten durchgehend gefördert. Er entsteht, was das Handwerk als Voraussetzung betrifft, jedenfalls auch im Schoße der Kirche, denn seine Vereinigungen beginnen mit einem kultisch-rituellen christlichen Kern, angegliedert an die Pfarrkirche, Stiftskirche oder bald auch die Kathedrale.

 

Handwerk ist damals kleines, überschaubares Kapital mit geringen unternehmerischen Spielräumen. Aber diese werden, wie man sieht, „politisch“ genutzt. Zusammenschlüsse entstehen im Zusammenspiel mit weltlichen und geistlichen Stadtherren, der Kirche und den kapitalkräftigeren Händlern und Finanziers, und was Handel, Geldgeschäft und Handwerk dann als bürgerliche Freiheit herausarbeiten, ist alleine den Interessen ihrer Gewerbe geschuldet und ist neue, „modernere“ Unfreiheit darüber hinaus. Die ökonomisch-politische Gewalt, die die Bettbezüge-Weber gegenüber jenen ausüben, die Kopftücher herstellen, wird dabei ergänzt durch die, mit der sie gegenüber jenen Kollegen des selben spezialisierten Gewerbes auftreten, die sie unter ihre Kontrolle bringen. Nichts ist dabei deutlicher als das Wortspiel, welches Freiwilligkeit und Unterwerfung in ein und demselben Vorgang unterbringt. Die Kollegen, schreiben sie hier auf, die sich nicht freiwillig unterwerfen, werden mit Hilfe der städtischen Polizeigewalt und Rechtssprechung unterworfen werden. Dies ist ein ganz frühes Beispiel für das, was bis in die die Gegenwart den bürgerlichen Freiheitsbegriff ausmachen wird und Kern jener Staatlichkeit geworden ist, die sich heute in totalitärer Form Demokratie nennt.

Aber im 12. Jahrhundert ist man von der aktuellen Allgegenwart des modernen (totalitären) Staates noch weit entfernt. Es gelingt Handel und Handwerk, sich aus der stadtherrlichen Gewalt ein Stück weit zu befreien, meist im Einvernehmen mit derselben, ohne aber auf die Dauer, von wenigen Ausnahmen abgesehen, dabei dem Dialog mit der übergeordneten Macht ganz zu entgehen, oder wie, in der Nordhälfte Italiens, nicht den Signorien der neuen Herren zu verfallen.

 

Wenn solche Handwerker-Gesellschaften hier ausführlich als Muster von Gemeinschaftsbildung in den Städten beschrieben werden, so werden sie in den entstehenden Stadtgemeinden andererseits zunächst nicht im Geringsten an der Macht beteiligt, die bürgerliche Oberschicht betrachtet vielmehr wie der Adel produktive Arbeit überwiegend als verachtenswert und minderwertigen Menschen zuzuordnen.

 

Um 1200 haben größere deutsche Städte mit vielleicht 3000 Einwohnern bereits eine diversifizierte Handwerkerschaft mit zahlreichen spezialisierten Handwerken, die sich zu ihrer Interessenvertretung zusammengeschlossen haben, und daneben eine Vielzahl spezialisierter Krämer. Es gibt den täglichen Markt mit seinen Buden und Ständen und den Jahrmarkt für den Groß- und Fernhandel mit seinen Festen und seinem Treiben.

 

In der Vielfalt unterschiedlicher Privilegien und interner Regulierungen lassen sich bald einige Gemeinsamkeiten erkennen. Zünftig (wie es bald heißen wird) konnte zunächst einmal nur ein Meister werden, manchmal auch eine Meisterin. Er muss meist einen mehr oder weniger hohen Besitz vorweisen und zudem ein Eintrittsgeld bezahlen, welches sich oft daran orientiert, wieviele Meisterbetriebe eines Gewerbes man in der Stadt haben will. Ob ein Zunftzwang ausgeübt wird, hängt im Mittelalter an örtlichen Gegebenheiten und an historischen Konjunkturen.So gilt für Magdeburger Hersteller von Schilden und Sätteln schon gegen Ende des 12. Jahrhunderts die Beitrittspflicht zu ihren Zünften, die im Verlauf des Mittelalters immer häufiger wird.

 

Eine Hoheit über das Handwerkswesen übten zunächst die Stadtherren aus, und Zünfte oder ähnlich heißen die Zusammenschlüsse der Handwerker erst im späteren Hochmittelalter oder gar erst im Spätmittelalter, als sie stärker aus der Hand der Stadtherren in die der entstehenden Stadtgemeinden übergehen. 1180 vergibt, ein frühes Beispiel, die mächtige und reiche Kölner Richerzeche bereits ein Privileg für die Kölner Drechslerzunft. Im Gefolge der späten Stauferzeit wird das immer mehr Aufgabe von Landesherren, die das dann delegieren. Für Berlin und Frankfurt/Oder galt etwa Folgendes zum Stadtrecht : "Danach ordnete der Rat die gesamte gewerbliche Tätigkeit, er hatte die Aufsicht über Maß und Gewicht, über die in 'Innungen' zusammengeschlossenen Handwerker, über die Qualität der von ihnen hergestellten Produkte und bestimmte die Art und Weise des Verkaufs auf den Marktständen und in den Läden." (Schich, in Schulz, S.45)

 

Noch 1226 setzt der Baseler Bischof in der Gründungsurkunde einer Kürschnerzunft fest, dass er aus dem Kreis der Meister einen Zunftmeister einsetzt und zudem jedes Jahr einen Ministerialen zur Beaufsichigung der Zunft aussucht.

Nach und nach setzt sich für die Zünfte seit der späten Stauferzeit die freie Wahl ihres Zunftmeisters und anderen Beauftragten und die Regelung ihrer inneren Angelegenheiten durch, über die sie auch eine gewisse Gerichtsbarkeit besitzen, samt ihrer kultischen Betätigungen. Im Fall von Krankheit oder plötzlicher Not hilft man sich gegenseitig, meist mit Krediten, aus. Die Beerdigung eines Mitgliedes wird gemeinsame Verpflichtung. Die Ausbildung von Lehrlingen und Beschäftigung von Gesellen wird ebenfalls mehr und mehr gemeinsam geregelt, ebenso wie die Aufsicht über die Bewaffnung der Mitglieder und der Anteil an der Stadtverteidigung.

Ein Zunftzwang wie bei den Baseler Kürchnern und ein Verkaufsmonopol für das eigene Gewerbe in der Stadt müssen mit dem jeweiligen Herren und/bzw. dem Rat der Stadt abgestimmt sein.

 

Gesellschaften: Kapital (Handel und Finanzen)

 

Wie das Land so erbt auch die mittelalterliche Stadt aus der Antike die enorme Ungleichheit der Menschen in Besitz und Lebensstandard und genauso an Rechten, Macht und Einfluss. Da sind die rechtlichen und wirtschaftlichen Unterschiede von Stadtherr, Klerus, Kloster, Stift, Adel, Ministerialität, Kapital, Handwerk und städtischer Unterschicht. Solche Ungleichheit ist eine von vielen Vorausetzungen für Kapitalismus und der wird sie dann erheblich vertiefen und verändern.

 

Eine städtische Oberschicht entwickelt sich früh aus den großen Grundherren, die teils in ihren steinernen Geschlechtertürmen in der Stadt, teils auf dem Land residieren. Zu ihnen stößt eine Schicht wohlhabender "Juristen". Zusammen sind sie die boni homines, maiores oder meliores. In dem Maße, in dem sie sich in Richtung auf einen hochmittelalterlichen Adel entwickeln, verlassen sie in deutschen Landen die Städte und konzentrieren ihren Lebensmittelpunkt auf das Land.

Eine neue städtische Oberschicht entsteht unterhalb des Stadtherrn und neben dem hohen Klerus und den Klöstern. Es sind dies die zunächst rechtlich unfreien Dienstleute der Herren, soweit sie vorrangig in der Stadt ansässig sind, und die oft zunächst ebenfalls oft unfreien wohlhabenderen Kaufleute und Finanzfachleute. Ihr Aufstieg wird meist von den Herren gefördert.

 

In den Bischofsstädten entwickeln sich die Ministerialen, zunächst rechtlich noch unfreie Dienstleute des Stadtherrn, zu einer Führungsgruppe, da sie die Exekutive der stadtherrlichen Machtausübung als Schultheißen, Schöffen, Zöllner, Münzmeister und Burggrafen ausüben und zugleich die Elite des städtischen Militärs darstellen. Als solche sind sie geeignet, ein frühes städtisches Rittertum zu bilden.

Beim langsamen Übergang stadtherrlicher Funktionen in gemeindliche Ämter liegt es nahe, dass sie diese weiter übernehmen. Dabei besitzen sie immer mehr freies Eigentum und beteiligen sich gelegentlich an kaufmännischer Geschäftstätigkeit, was sie zum guten Teil in die Nähe der aufstrebenden bürgerlichen Oberschicht bringt.

 

Ziemlich weit oben in der Rangordnung stehen die Münzerhausgenossenschaften, die nicht nur die Geldherstellung beaufsichtigen, sondern auch das Monopol des Geldwechsels und Edelmetallhandels innehaben. Sie können wie in Trier zunächst nur 6 Mitglieder haben, oder wie in Köln 59, dort allerdings erst Ende des 13. Jahrhunderts. In Trier ist das consortium civitatis Treverensis, quod Huschenozcaph vulgo vocatur, seit 1236 auf 30 Mitglieder beschränkt, die sich selbst ergänzen dürfen und über eine eigene Gerichtsbarkeit verfügen, da sie alle aus Ministerialenfamilien stammen (1351: geburt von rechter linigen). Wie eng sie mit der Gemeindebildung verknüpft sind, demonstriert die Tatsache, dass sie 1289 ein Münzhaus erbauen lassen, welches zugleich als Rathaus dient. In Straßburg ist das Münzhaus zugleich der Versammlungsort der hohen Geschlechter.

Das "Haus" leitet sich vermutlich vom bischöflichen Haus ab, weswegen es auch andere Hausgenossenschaften gibt wie die der Kürschner (pellifices/wiltwerker), die zu den wenigen Handwerkern gehören, die über die enge Verbindung mit dem stadtherrlichen Kunden in die Elite aufsteigen und in Worms zum Beispiel neben die Münzer gestellt werden (Schulz(2), S.235). Diese in Trier schon um 1215 camerarii genannten Handwerker der bischöflichen Kammer sind nicht zufällig die ersten, die in Basel 1226 ein Zunftprivileg erhalten.

 

Neben die internen Vereinbarungen von Handwerkern treten in den Städten solche von Händlern. Da ist die vom Wormser Bischof geordnete Vereinigung der Fischhändler von etwa 1106, in der die Mitgliedschaft vererbt wird und beim Fehlen eines Erben ein urbanorum communi consilio die Stelle vergibt. Dazu kommen Privilegierungen solcher Gruppen durch die jeweiligen Herren, wie eine solche vor 1060 bereits für Würzburger Kaufleute bestanden haben muss. (Leng, S.42). Um 1170 vergibt der englische König Heinrich II. ein Privileg für die Kölner Kaufleute in London, welches auf eine Art Zusammenschluss von diesen schließen lässt.

Ein Monopol des Detailverkaufs hochwertiger Tuche gewinnen in dieser Zeit die Gilden der Gewandschneider oft aus ministerialen Familien, in Köln gibt es bald eine Bruderschaft der Waidhändler und in Lüneburg monopolisieren die zusammengeschlossenen Sülfmeister den Salzhandel. Insgesamt bedarf aber die kleine reiche Oberschicht der (bald) alten Geschlechter keiner Gilden, denn sie finden sich im Stadtregiment ohnehin zusammen, und grenzen sich später gegen Konkurrenz durch Stuben, Tanzvereinigungen und ähnliches ab.

 

Köln ist ein Ausnahmefall in der hochmittelalterlichen Stadtgeschichte der deutschen Lande, auf den extra eingegangen werden soll. Typischer sind die Verhältnisse in Mainz und Trier, wo in der Regel Ministeriale die Geschäfte des geistlichen Stadtherrn führen. In Trier kommt es deshalb 1161 zu einer communio oder coniuratio der cives, die gewisse neue Gewohnheiten und ungebührliche Rechte einer Einung schaffen (in: Groten, S.103). 11 Jahre später haben sie dann erste Erfolge. Schritt für Schritt sind es dann in kaufmännische und finanzielle Geschäfte verwickelte Minsteriale mit Lehnsgut auf dem Lande, die das Regiment in der Stadt unter der Aufsicht des Stadtherrn übernehmen. Fast so wie in Venedig, wo Großkaufleute die Stadt zu ihrer Stadt machen, übernehmen auch sie die Kontrolle. Dabei gilt der Bürgerbegriff bis ins 13. und manchmal bis ins 14. Jahrhundert nur für sie. In Freiburg/Breisgau 1293 besteht der Rat aus Rittern, mercatores, also Kaufleuten und darum Bürgern und aus Handwerkern, und noch 1334 ist der Straßburger Rat aus Rittern, Bürgern und Handwerkern zusammengesetzt. In Basel sind es die Achtbürger, die die aus der Ministerialität entstammende Oberschicht repräsentieren und in das Ministerium zumindest symbolisch aufgenommen werden müssen, neben den ritterlichen Vertretern aus der entsprechenden Stubengesellschaft (Schulz(2), S.228f).

 

Ansatzweise deutet sich schon vor dem späten Mittelalter ein Gegensatz zwischen jenen städtischen miles, Ministerialen an, die "verbürgerlichen", und jenen, die als ritterliche Geschlechter in der Stadt Karriere machen werden. Auch die bürgerlichen Ministerialen haben (Dienst)Lehen auf dem Lande, im Unterschied zu nichtministerialen Bürgern, beziehen aber ihr Einkommen vorwiegend aus der Stadt. Die ritterlichen Ministerialen machen vor allem Finanzgeschäfte und leben von Grund- und Hauseigentum, verfügen aber über immer mehr Besitzungen und Rechte auf dem Lande. Manchmal verheiraten sie sich mit reichen Bürgerstöchtern, eher aber mit Landadeligen, bemühen sich um einen adeligen Lebensstil und haben einen zweiten Wohnsitz mit einer Burg auf dem Lande.

Zwischen der ritterlichen und der bürgerlich-ministerialen Oberschicht in der Stadt wird es denn auch im späten Mittelalter zunehmend zu Konflikten kommen. In der Schlacht von Hausbergen 1263 sind es die ritterlichen Geschlechter unter dem Bischof, die gegen die Bürger unter den ebenfalls der Ministerialität entstammenden Ratsgeschlechtern kämpfen - und dabei verlieren.

 

Deutlicher zunächst noch werden Unterschiede zwischen "Bürgern", burgenses und cives, und unterbürgerlichen, unehrlichen Menschen einerseits, und die einer Schichtung des Bürgertums nach Eigentum und Einkommen und nach Rechten. Dabei drückt sich die Verachtung der Höhergestellten für körperliche bzw. produktive Arbeit darin aus, dass Amtspersonen, Händler/Kaufleute und Finanziers angesehener sind als das Handwerk und durch ihre materielle Ausstattung auch eine Art bürgerliche Oberschicht bilden, jene, die vor allem in den Dokumenten als cives bzw. burgenses angesprochen werden.

 

Im erzbischöflichen Privileg für Magdeburg von 1188 ist von einem conventus civium die Rede, den die stulti (Dummen, Bedenkenlosen) nicht durch ungezügelte Rede stören oder sich gar dem Willen der Besseren (meliores) widersetzen dürfen. Der Stadtherr bestimmt, dass die Anmaßung solcher Leute in jeder Hinsicht zu zügeln ist, das heißt, dass jemand, der sich zu solcher Anmaßung erdreistet, von den Bürgern (a civibus) mit solcher Härte bestraft werden soll, dass sich kein anderer es ihm gleichzutun wagt. (in Hergemöller, S.230. Auch: Engel/Jacob, S. 48)

 

Der Sonderfall Köln

 

Herr Kölns ist sein Erzbischof, ein mächtiger Mann im römisch/deutschen Reich. Er verfügt im 12. Jahrhundert über das Hochgericht und und die ihm verliehenen Regalienrechte an Markt, Zoll und Münze. Das Hochgericht eignet sich zur direkten Machtausübung, die von Kämmerer, Zöllmer und Münzerhausgenossen verwalteten Regalien vor allem als Einnahmequelle.

 

Dem Hochgericht stehen ein Burggraf und ein Stadtvogt (advocatus) vor, die oft nicht anwesend sind und sich durch Männer der städtischen Oberschicht vertreten lassen. Schon im späten 11. Jahrhundert existiert in Köln ein Schöffenkollegium des bischöflichen Hochgerichts, welches 1103 bereits 12 Mitglieder umfasst und um 1150 etwa 25. Der Erzbischof rekrutiert diese Leute vor allem oder vielleicht auch zur Gänze aus dem Kreis seiner Ministerialen, dabei im wesentlichen eben aus Geschäftsleuten. Darunter befinden sich auch solche, die zugleich Ministeriale der Klöster St.Pantaleon und St.Martin sind.

Im 12. Jahrhundert wird das Schöffenkolleg unter dem Vorsitz von Burggraf und Vogt auch zu einer Art Stadtbehörde über den in Pfarreien gewählten Amtsleuten der Stadtviertel (von Historikern manchmal als Sondergemeinden bezeichnet), was sich vielleicht 1155 darin ausdrückt, dass sie als senatus bezeichnet werden. 1149 verleiht dieses Gremium und nicht der Erzbischof den Decklakenwebern das Recht, eine Bruderschaft zu bilden. Man tagt in domo civium und führt das Stadtsiegel.

1138/39 tauchen "Schöffenbrüder" (1149: senatorum fratres) auf, ein kooptierter Kreis von Anwärtern auf das Schöffenamt. Irgendwann in dieser Zeit ersetzen Schöffen verstorbene Mitglieder selbständig und lösen sich so schrittweise etwas aus der direkten Unterordnung unter den Herrn. Durch Dienst als Schöffenmeister wird man in der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts von von einem "unverdienten" zu einem "verdienten" Schöffen bei den officiales scabinorum, denen nun das Recht der Schöffenwahl zusteht.

 

Eine übergreifende Bruderschaft der kleinen bürgerlichen Oberschicht bildet in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts die allerdings erst 1180 dokumentierte Kölner Richerzeche (Genossenschaft der Reichen), die sich aus den Schöffen des Hochgerichts, Ministerialen des Bischofs und anderer Kölner Kirchen und einigen weiteren reichen Kaufleuten zusammensetzt, das heißt Reichtum bei solcher Herkunft über mehrere Generationen besitzt. Sie haben meist Verkaufsstände, sind Geldverleiher und besitzen zahlreiche Häuser und reichlich Grund und Boden,

Diese Vereinigung von bald über hundert Mitgliedern ist mit einem eigenen Versammlungshaus, dem Bürgerhaus (domus burgensium) und späteren Rathaus, und einem eigenen Siegel ausgestattet. Die Geschäfte führen bald jährlich gewählte Amtsträger, Offiziale. Von ihnen, den Verdienten, werden aus dem Kreis "unverdienter" Mitglieder zwei jährlich wechselnde Bürgermeister gewählt, ein Schöffe und ein anderer, die danach zum Kreis der Verdienten gehören. Ihren besonders großen Reichtum müssen sie nach der Wahl durch Geschenke und ein aufwendiges Bruderschaftsmahl belegen. Die Schöffenbürgermeister bewahren das Stadtsiegel, welches vieleicht erst zusammen mit der Richerzeche aufkommt. Im Bürgerhaus werden zwei offenbar festangestellte Schreiber beschäftigt.

 

Die beiden "bürgerlichen" Richter-Vertreter und die Schöffen sind im 12. Jahrhundert dominant in der Richerzeche (Groten2, S.6) und vertreten im 12. Jahrhundert kommunale Belange wie die Marktaufsicht. Die Zeche löst darin das Schöffenkollegium ab. Sie ist es auch, die ein Stadtbuch führt. Nach und nach setzen sie ihren Anspruch durch, auf ihren Versammlungen in ihrem Haus Interessenvertreter der bürgerlichen Gesamtgemeinde zu sein, die dadurch überhaupt erst entstehen kann. Für 1159 ist zum ersten Mal eine im Versammlungshaus beschlossene "Willkür" überliefert, also eine aus der Willkür der Versammelten entsprungene Rechtsetzung, die natürlich nur für die Bürger gilt. In den 1180er Jahren legitimiert die Zeche ex communi sonsilio et consensu officialium de richirzegcheide eine Drechslerzunft (Schulz(2), S.201).

 

Die gesamte Führungsgruppe, die sowohl als Schöffen wie als Zechenmitglieder auftritt, besteht aus Ministerialen. Es handelt sich aber nicht um eine abgeschlossene Gruppe, denn Neureiche können grundsätzlich hinzukommen. Wenn in den Kölner Urkunden cives bzw. burgenses auftreten, handelt es sich um Ministeriale, die Knut Schulz in seinen Untersuchungen als "bürgerlich" einordnet. Sie sind auch deshalb die wirtschaftliche Führungsgruppe, weil sie Vorrechte genießen, die ihre Geschäftstätigkeit erleichtern, und diese wiederum es ihnen ermöglicht, sich stärler aus der direkten Unterordnung unter den Stadtherrn zu lösen. Da sie Jahrhunderte vor den nichtminsterialen Bürgern das Recht der Lehnsfähigkeit haben, können sie ihren Reichttum auch auf Grund"besitz" aufbauen und diesen wiederum zur Absicherung ihrer Geschäfte einsetzen.

Zu diesen "bürgerlichen Ministerialen" gehören an hervorragender Stelle die Münzerhausgenossen mit einem frühen Monopol auf Geldgeschäfte, auf die noch näher einzugehen sein wird. (siehe weiter oben)

 

Bürgerversammlungen über die Zeche hinaus, also des vulgus, scheinen im 12. Jahrhundert noch mittels Applaus zu Entscheidungen beizutragen. Näher an solchen Entscheidungen sind sie vielleicht in den Pfarreien bzw. Stadtteilen.

Denn neben den zentralen Institutionen von Münzern, Schöffen und Riecherzeche, die bis ins 13. Jahrhundert die einzigen gesamtstädtischen Institutionen in Köln unterhalb des Stadtherrn sind, und wohl älter als diese, tauchen in Köln die zwölf Kirchspiele (Pfarreibezirke) auf, die sich ein hohes Maß an Selbständigkeit erhalten. In den Geburhäusern (domus civium) der Kirchspiele wird die niedere Gerichtsbarkeit abgehalten sowie werden eigene Statuten beschlossen. Hier wird das Bürgerrecht verliehen, der Bürgereid geleistet und werden Bürgerlisten sowie die Schreinskarten für Immobilien- und Pfandgeschäfte geführt. Die Amtleute der Kirchspiele treiben die auf dem Boden lastenden direkten Steuern ein und organisieren die Verteidigung eines ihnen zugewiesenen Mauerabschnitts.

 

Zwei Meister stehen für ein Jahr über dem Kirchspiel, um dann in die Bruderschaft der Amtleute, Offizialen einzutreten. Beherrscht werden die Kirchspiele wohl von ihren führenden Geschlechtern, und so tauchen Schöffen und Mitglieder der Richerzeche unter ihren Amtleuten auf. Aber insgesamt werden sie von einer breiteren bürgerlichen Oberschicht kontrolliert. "In den Parochien nahmen Personen am öffentlichen Leben teil, die auf gesamtstädtischer Ebene nicht mitzureden hatten." (Groten2, S.9)

 

Bei Th. Zotz heißt es, das Kölner Bürgertum des späten 12. Jahrhunderts, Stauferzeit, „ist, wenn man auf zwei oder mehr Generationen innerhalb einer Familie blickt, durch die Verbindung von kaufmännischer beziehungsweise geldgeschäftlicher Tätigkeit, Mitgliedschaft in der Richerzeche, Bekleidung stadtherrlicher Ämter wie des Schöffen- oder Zöllneramtes, Zugehörigkeit zur Ministerialität des Domstifts und nicht zuletzt durch >Militia<, Ritterschaft oder Ritterwürde, gekennzeichnet.“

 

Sonja Zöller hat sich ausgiebig mit der Familie Unmaze beschäftigt, deren Mitglied Gerhard wohl Fernhandel vor allem betreibt. Er verleiht zudem Geld, wobei er als Sicherheit Immobilien verlangt, die im Falle der Nichtrückzahlung an ihn fallen. Zwischen Dom und Bischofspalast kauft er Häuser, in der Nähe Verkaufshallen und Backhäuser. Er ist in der Bürgervertretung, seit 1169 einer der beiden obersten bischöflichen Zöllner und 1174 bekommt er für 600 Markt für einige Jahre den Kölner Stadtzoll als Pfand und kann wohl als bischöflicher Ministerialer gelten. Gewinne aus Geschäften gehen fast alle in Immobilien. Das zeigt, dass frühe Kapitalisten manchmal nur eingeschränkt als solche gelten können.

Wie es die Familiengeschichte will, bricht das Geschäftsgebaren mit Gerhards Tod 1197 ab. Seine Stieftochter Richmud und ihr Mann, der Sohn von Gerhards Bruder, erben, sie wird schon in jungen Jahren Witwe, asl ihr Mann nicht vom dritten Kreuzzug zurückkommt, und setzt ihr großes Vermögen in die Gründung des Augustinerinnenklosters St. Maria zum Weiher ein, in das sie mit ihren vier Töchtern auch eintritt, ohne allerdings selbst Nonne zu werden.

 

Im Thronstreit zwischen Welfen und Staufern lehnt der Kölner Erzbischof Adolf von Altena einen staufischen Kandidaten ab, und das gute Verhältnis zu Richard ("Löwenherz") lässt ihn auf den Welfen Otto verfallen. Dabei erweist sich die Kölner bürgerliche Oberschicht bereits als politisch selbständig und in diesem Zusammenhang wohl auch ihre wirtschaftlichen Interessen vertretend. Eine Mehrheit entscheidet sich für den mit England verbündeten Otto IV., ist doch der Englandhandel für sie wichtig, während eine Minderheit für Neutralität eintritt. Der stauferfreundliche Burchard von Ursberg berichtet in seiner Chronik: Und dann berieten sich die Kölner und Straßburger mit ihren Bischöfen und einigen anderen Ungerechten, verübten eine Untat und sandten ihre Boten, nämlich Graf Albrecht von Dagsburg und den Grafen von Leinigen nach England, damit sie von dort Otto herbeiriefen und herbeiführten, weil er hochmütig und dumm, aber von starken Kräften und großer Statur zu sein schien; außerdem erhofften sie die Hilfe des Königs Richard von England, weil er dessen Onkel war. Diesen wählten sie dann bei Köln zum König. (in: Fuhrmann, S.68)

 

Zum Dank gesteht ihnen Otto zu, "zur Bezahlung des Befestigungsbaus für drei Jahre einen Mahl- und Braupfennig von jedem Malter Getreide einzuziehen; es handelte sich um einen Vorläufer der später verbreitet erhobenen indirekten Steuern." (Fuhrmann, S.68)

 

Die prowelfischen und prostaufischen Parteien in Köln bestehen weiter. Ottos Herrschaftsausübung führt zu einer Distanzierung des Erzbischofs, der 1204 Kontakt zu Philipp von Schwaben aufnimmt. Januar 1205 krönt Adolf Philipp in Aachen, wofür er im Juni vom Papst Innozenz III. gebannt und abgesetzt wird. Im Juli wird Bruno von Sayn von der Welfenpartei zum Erzbischof gewählt, woraufhin Dompropst Engelbert von Berg und verschiedene Domherren protestieren und die Stadt verlassen. Die Mehrheit der Bevölkerung hält ebenfalls zu Adolf, ein Schisma entsteht und wird erst durch Ottos IV. Anerkennung von Bruno beendet.

 

Im August 1206 wird Bruno von Philipp von Schwaben nach der Schlacht bei Wassenberg mit der Niederlage für Otto IV. für ein Jahr gefangen genommen. Beide waren auf die Burg Wassenberg geflohen, von der Otto dann entkommen kann.

Philipp bewirkt ein Einschwenken auf Adolf von Altena. April 1207 kann Philipp in Köln einziehen. und vergibt ein Privileg nur für die Kölner Bürger (Groten2, S.30). Mit der Genehmigung des Mauerbaus gibt er den Bürgern das Befestigungsrecht (s.o.).

 

1208 sind beide Erzbischöfe in Rom. Nach der Ermordung Philipps im Juni dieses Jahres kann Bruno zurück nach Köln, stirbt aber noch im November. Nachfolger Dietrich (I.) von Hengebach wird 1212 vom päpstlichen Legaten abgesetzt und Adolf von Altena provisorisch eingesetzt, was ein neues Schisma bedeutet.

 

Nach der Schlacht von Bouvines wird Friedrich II. 1215 in Aachen gekrönt. Kanpp zwei Wochen später kann er in Köln Hof halten. Im Februar 1216 kann der prostaufische Domprobst Engelbert von Berg mit Unterstützung Adolfs zum Erzbischof gewählt werden. Im selben Jahr 1216 gibt es einen ersten Versuch, vermutlich getragen von Offizialen der Kirchspiele, einen Rat als Gegengewicht gegen die Schöffen und vielleicht überhaupt das Meliorat zu bilden,wie allerdings nur die Intitulatio einer Urkunde zeigt: Iudex consules scabini civisque universi Colonienses. (Groten2, S.58).

Diesen Rat verbietet allerdings Engelbert von Berg schnell wieder.

 

Inzwischen war die Trennung der Bevölkerung in Freie (die meisten) und Unfreie (Zensualen und Ministeriale) offenbar obsolet geworden. Die Ministerialen werden miles, Teil der Ritterschaft, wo sie nicht in der freien bürgerlichen Oberschicht aufgehen. Aus der breiten Gruppe der Freien hatte sich längst ein Meliorat herausgebildet, wie es Historiker seit einiger Zeit gerne nennen, und wie es sich in der Richerzeche darstellt. 1216 wird ein Teil dieser alten bürgerlichen Geschlechter, wohl vor allem die alten Schöffenfamilien, in einer Urkunde Friedrichs II. als nobiles burgenses Colonienses bezeichnet. Diese scheinen eine adelige Lebensform anzustreben, besitzen entsprechende Wappen und betreiben laut Roger von Wendover Turniere. (Soweit alles Groten2, S.79ff). Von den nun ritterlichen einstigen Ministerialen unterscheidet sie ihr nichtkriegerischer (kapitalistischer) Charakter, nicht aber die übrige Lebensform.

 

Die Kirchspiele mit ihren Amtsleuten, die wohl vorwiegend der kleinen Oberschicht der Kapitaleigner angehören und sich nun nach ihrem Dienst wie die Herren der Richerzeche dominus titulieren lassen, schaffen es in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts zunehmend, Einfluss auf die Pfarrerwahl zu gewinnen. Laut Groten (2, S.99) kann man vermuten, dass sie mit zunehmendem Machtbewusstsein den Rat als ihr eigenes politisches Instrument gegen die noblen Großbürger einsetzen, den Partnern von Stadtherr und Königen.

 

Nachdem Erzbischof Engelbert (I.) den Rat beseitigt hat, müssen ihm die Bruderschaften 4000 Mark Buße zahlen. Bürgerliche Selbstverwaltung gibt es nun nur noch im vom Stadtherrn gesteckten Rahmen. Nach Fehden mit Walram von Limburg über das Begrsche Erbe (nach dem Kreuzzugstod von Engelberts Bruder) ist er 1220 federführend bei der sogenannten Confoederatio für die geistlichen Fürsten. Derweil versucht er sein Territorium auszubauen, was ihm die Feindschaft des dortigen Adels einträgt. Laut Caesarius von Heisterbach verbünden sich die Kölner Bürger mit Walram von Limburg. Vielleicht auf dessen Veranlassung wird der Erzbischof 1225 von einer Schar unter dem Grafen von Isenberg ermordet.

Nachfolger Heinrich von Müllenark führt die strenge Politik gegen die Bürgerschaft weiter fort. die als subiecti, Untertanen, bezeichnet werden. Immerhin erlaubt er den Münzerhausgenossen Gerichtbarkeit untereinander über in ihrem Amt begangene Vergehen und fördert mit dem Wollenamt das Handwerk.

1232 heißt es dann im Statutum Friedrichs II.: revocamus in irritum et cessamus in omni civitate vel oppido Alamannie comunia, consilia, magistros civium seu rectores vel alios quoslibet officiales (etc).

 

Während es inzwischen (nach 1229?) wohl wieder eine Art Rat mit beschränkten Befugnissen gibt, sind die Schöffen weiter das Zentrum der "bürgerlichen" Macht in der Stadt. Dieses Gremium schließt sich weiter ab und kooptiert vorwiegend Verwandte. Neue Familien wie die Oversolz steigen wohl nur durch Bestechung noch auf. "Die im Jahre 1259 von Konrad von Hochstaden abgesetzten Schöffen rekrutierten sich nur noch aus acht Geschlechtern." (Groten2, S.133) Ihre Familien überschneiden sich mit denen der Richerzeche, in der der Nicht-Schöffe als Bürgermeister in das Machtzentrum aufsteigen kann.

 

Der Rat dieser Zeit ist offenbar ein Organ der Amtleute der Kirchspiele, und aufgrund seiner geringen Befugnisse beteiligen sich wohl Schöffen und Bürgermeister nicht an ihm.

 

Neben dem Konflikt um große Politik, die Machtfrage im Reich, bilden sich Parteiungen in innerstädtischen Machtkonflikten heraus. Da sind die nach einem Oberhaupt genannten Weisen aus der Mühlengasse, die schon länger hohe Ämter innehaben, und die um Einfluss konkurrierenden Aufsteiger um die Overstolzfamilie. Ein Totschlag 1237 führt ähnlich wie eine ähnliche Geschichte in Florenz zur Gründungslegende des Parteienstreites.

 

Daneben gewinnen die Zünfte (Ämter, Bruderschaften) an Bedeutung, insbesondere das mitgliederstärkste Wollenamt, ohne aber in die oberste Machtelite eindringen zu können. Das Wollenamt "besaß ein gemeinsames Haus, hatte eigene Vorsteher und Kontrolleure (custodes), die über die Qualität des Tuches wachten. Der Zunftvorstand hatte Disziplinargewalt über die Genossen und konnte Bußen verhängen." (Groten2, S.175) In der ebenfalls bedeutenden Bruderschaft der Gewandschneider sind Handwerker und Kaufleute vereint, darunter auch Mitglieder der mächtigsten Geschlechter.

Drechsler, Bettziechenweber und Schleierweber sind schon aus dem 12. Jahrhundert überliefert, nun kommen Filzhutmacher und Goldschmiede dazu, - den Zufällen der dokumentarischen Überlieferung geschuldet. Goldschmiede und Kürschner sind wohl die reichsten Handwerker, denen es sogar gelingt, ins Meliorat einzuheiraten.

 

Zu diesen Parteiungen mit gelegentlich Gewaltausbrüchen kommt der eskalierende Konflikt mit dem Stadtherrn, nunmehr Konrad von Hochstaden. Der orientiert sich mit einem Teil der Großbürger 1239 hin zur päpstlichen Seite, während die Mehrzahl der Geschlechter zunächst auf der kaiserlichen verharrt. Herbst 1247 überschüttet Gegenkönig Wilhelm von Holland die Stadt mit Privilegien, zu denen sogar gehört, dass er die Stadt nur noch ohne Heer, nur noch mit einer Leibwache betreten wolle.

Stadtherr Konrads Macht über sein dichteres Territorium wächst und er wendet sich ab 1249 rabiater gegen die Großbürger. Die schließen Verträge auf Gegenseitigkeit mit den Grafen von Berg und Jülich und demonstrieren damit das Recht auf eine eigene "Außenpolitik". Konrad von Hochstaden greift die Stadt vergebens mit Schiffen an.

 

Im "Kleinen Schied" von 1252 wird dann ein Ausgleich gesucht. Im ersten Schiedsverfahren dieser Art nördlich der Alpen stehen sich Stadt und Erzbischof mehr oder weniger gleichberechtigt gegenüber, wobei Albertus Magnus maßgeblich beteiligt ist. Eine Urkunde Konrads erwähnt nun wieder Konsuln. Der Erzbischof scheint den Rat als Instrument gegen die mächtigen bürgerlichen Geschlechter aufwerten zu wollen 1255 tritt die Stadt mit diesem Stadtrat dem Rheinischen Städtebund bei. Der Rat wird nun wohl wieder stärker mit Meliorat durchsetzt.

1258 hat sich ein Stadtrat durchgesetzt, ein Jahr später kann er zusammen mit Erzbischof und Gesamtgemeinde die Schöffen entmachten. Rat und Bruderschaften sind nun an der Wahl der Schöffen beteiligt, die vom Geldhandel und der Münze ausgeschlossen werden. In den folgenden Jahrzehnten wird die Partei der Overstolzen immer mehr an Gewicht gewinnen.

 

 

Aufgaben und Rechte der Bürger

 

Aufgaben der Bürger: Wenn die Städte wachsen, werden Pfarreien, Städtteile oder Berufsvereinigungen für Bau und Erhalt von Mauerabschnitten zuständig und ebenso für die Verteidigung der Mauern. Insgesamt wird der Mauerbau bis ins späte Mittelalter zur wichtigsten und kostspieligsten Gemeinschaftsaufgabe in der Stadt. Er grenzt die Stadt nach außen ab, auch wenn sie sich später als Gemeinde eine gewisse Kontrolle über das Umland zulegt. Ausgegrenzt sind oft Mühlen, die Richtstätten, Leprosenhäuser, Bleichwiesen, Steinbrüche und Lehmgruben. Vor das Umland wird dann noch einmal ein Ring aus Hecken und Gräben als eine Art Vorverteidigung angelegt. Eine solche Landwehr kann im Spätmittelalter am Beispiel Rothenburg o.d.T. etwa 62 km lang und mit neun Türmen bestückt sein (Schott, S.99)

 

In Zivilisationen tritt das Recht an die Stelle der tradierten Vorstellungen von Kulturen vom Frieden als Normalzustand. Recht wird wesentlich zum Recht der Mächtigen und Frieden bedeutet zuallererst möglichst ungestörte Machtausübung. Für die entstehenden neuen Städte heißt das zunächst, dass oberster Hüter des Friedens der König ist, darunter das entstehende Fürstentum und darunter wiederum, falls davon verschieden, der Stadtherr.

 

Städte werden immer deutlicher Bereiche eines Sonderfriedens, der sie vom Land und dem Landfrieden abhebt. Entsprechend sind Recht und Gericht je nach Stadt und Herrschaft verschieden.

 

Um 1130 legt der Bischof und Stadtherr von Straßburg in einer Urkunde fest, was für seine Stadt zu gelten hat. In §1 und 2 heißt es ganz grundlegend:

Ad formam aliarum civitatum in eo honore condita est Argentina, ut omnis homo tam extraneus quam indigena pacem in ea omni tempore et ab omnibus habeat. (Nach dem Vorbild anderer Städte ist Straßburg mit der Auszeichnung gegründet worden, dass jeder Mensch in der Stadt, fremd oder einheimisch, für alle Zeit und in jeder Hinsicht Frieden habe.)  Und weiter: Wenn jemand außerhalb der Stadt etwas verbrochen hat und aus Furcht wegen seiner Schuld in die Stadt flüchtet, soll er dort sicher sein. Keiner lege gewaltsam Hand an ihn, gleichwohl soll er willig und bereit sein, vor Gericht zu erscheinen.

Die Stadt ist hier ein abgeschlossener Rechtsbezirk, in dem Frieden und also Schutz oberstes Gebot sind. Selbsthilfe, das alte Recht des Adels, ist dem Bürger verboten. Wer dennoch zur Fehde greifen will, um zu seinem Recht zu kommen, wird in Zukunft seine bürgerlichen Rechte aufgeben und die Stadt verlassen müssen.

§5: Alle Beamten dieser Stadt unterstehen der Gewalt des Bischofs, so dass entweder er selbst oder die, die er ernannt hat, sie einsetzen sollen. Die Höheren sollen die Niederen einsetzen, soweit sie ihm unterstellt sind. §6: Keinem darf der Bischof ein öffentliches Amt anvertrauen, der nicht zur familia seiner Kirche gehört. §7: Vier Beamtete aber, in deren Händen die Leitung der Stadt liegt, setzt der Bischof mit eigener Hand ein, und zwar den Schultheißen, den Burggrafen, den Zöllner und den Münzmeister.

Der Vogt, vom Bischof eingesetzt, hat für diesen das Gewaltmonopol wahrzunehmen. Der ebenfalls vom Bischof eingesetzte Schultheiß übt auch über zwei von ihm eingesetzte Richter alle Gerichtsbarkeit aus außer der, die seine Dienstleute und die Mitglieder seiner familia betrifft. Das Gericht findet öffentlich, nämlich auf dem Marktplatz statt. Er setzt auch den Wächter des bischöflichen Kerkers ein. Bestraft wird mit dem Strick am Galgen, mit Enthauptungen, an Haut und Haar, an der Hand (mit Handabschlagen), durch Ausreißen der Augen, mit Abschneiden der Hoden und Geldstrafen.

Gerichtsabgaben und Geldstrafen fallen an den Gerichtsherrn und bleiben auch eine wichtige Einnahmequelle der Herren, nachdem die Gerichtsbarkeit stufenweise an die Bürger übergeht.

Das vom Bischof besetzte Amt des Burggrafen bestellt die Meister fast aller Ämter (officia) in der Stadt (…), nämlich die der Sattler, Kürschner, Handschuhmacher, Schuster, Schmiede, Müller, Küfer, Becherer, Schwertfeger, Obsthänder und der Schankwirte und übt über sie die Gerichtsgewalt aus. Deren Vereinigungen dienen nicht einfach ihren eigenen Interessen, sondern vor allem auch denen des Stadtherrn. Jeder einzelne der Bürger (burgenses) soll fünfmal im Jahr Herrendienst leisten, mit einigen Ausnahmen, die extra aufgeführt werden.

Dritter vom Bischof eingesetzter Beamter ist der Zöllner, der keine Zölle von Mitgliedern der bischöflichen familia erhebt, über die städtischen Maße wacht und über den guten Zustand der Brücken. Letzter solcher Beamter ist der Münzmeister, in dessen Amt man sich teuer einkaufen muss. Oft stellt die Münze nicht nur Geld her, sondern wechselt es auch und ist ein vergleichsweise hohes Amt.

 Nach der Beschreibung der Ämter folgt die der Pflichten der burgenses. Sie alle müssen alljährlich fünfmal eine bestimmte Anzahl von Tagen für den Herrn arbeiten, mit Ausnahme bestimmter Handwerker, die eine bestimmte Anzahl von Leistungen bzw. Erzeugnissen an den Herrn abliefern müssen, zusätzliche Dienste müssen Müller und Fischer bieten. 24 Kaufleute müssen Botendienste für den bischöflichen Herrn leisten. (In: Hergemöller, S.160ff,  außerdem: Engel/Jakob, S.21ff, Schulz, S. 37f)

Bürger sind also in die Herrschaft des Bischofs eingegliedert, der an jenes Recht und jene Ordnung gebunden ist, die er selbst bestimmt, die aber die Bürger aus Eigeninteresse fördern. Wenn man nicht zur familia des Bischofs gehört, dann vermutlich derzeit noch zu einer anderen. Aber auch dann gehört man zur bischöflich kontrollierten Rechtsgemeinschaft der Stadt. Was geschehen wird , ist die Emanzipation aus solcher familia und die Partizipation an der Regelung aller die Bürger betreffenden Angelegenheiten.

In der ersten Hälfte des 12. Jahrhundert regiert der Bischof die Stadt also noch fast uneingeschränkt über seine ministri, den Vogt, den Schultheiß, über Münzmeister, Burggraf und Zöllner.

 

Die Entwicklung der bürgerlichen Stadt ist überall im Reich ähnlich, aber den jeweiligen Umständen entsprechend eben auch ein Stück weit verschieden. Straßburg entwickelt sich dabei zwischen 1147 und 1263 kontinuierlicher (Kammerer), mit weniger Brüchen und Eckdaten auch aufgrund der Fruchtbarkeit seines Umlandes.

 

Kaiser Friedrich I. regelt die urbana iustitia 1156 in einer Urkunde für Augsburg, die wohl bestehendes Recht vertieft. Danach wird die Hochgerichtsbarkeit vom bischöflichen Vogt des Hochstiftes ausgeübt, der an drei festgesetzten Tagen und zudem, wenn etwas anliegt, nach Augsburg kommt. Für zivile Angelegenheiten ist der bischöfliche Burggraf zuständig, der unter anderem auch die Qualität von Brot und Bier beaufsichtigt, den Grundnahrungsmitteln also.

Zusammen mit großbürgerlich-ministerialen Schöffen führt er ein Siegel für etwaige Urkunden, welches auf das bischöfliche und dann das davon getrennte des Domkapitels zurückgeht. Erst für 1234 ist dann auch ein Siegel (sigillum) civium Augustensium überliefert, in dem sich die "Bürger" von Augsburg als selbständige Rechtsgemeinschaft erweisen.

 

Der geschworene Friede einer Bürgergemeinschaft ergänzt zunächst den von der Herrschaft vorgegebenen und löst ihn dann ganz allmählich ab. Politische Bürger aber sind bald nur wenige Kapitaleigner in der Stadt und "Gemeinschaft" meint eine vertikale Struktur mit scharfer Über- und Unterordnung. Diese ministerialisch-großbürgerliche Oberschicht bilden die bald Münzerhausgenossen genannten Münzer und Geldwechsler und die erst am Gericht beteilgten und dann später dieses manchmal ganz übernehmenden Schöffen. Für 1180 ist ein Wormser Gericht belegt, an dem neben Geistlichen 12 Ministeriale und 28 burgenses wirken. (Fuhrmann, S.87)

 

Rechtshändel zwischen Städtern und Auswärtigen fallen, wie eine Urkunde von Erbischof Wichmann 1188 für sein Magdeburg festlegt, zwar noch unter die Rechtsprechung von Burggraf oder Schultheiß, aber innerstädtische Rechtshändel in beschränktem Umfang unter die Entscheidungen von Schöffen (scabini) als Vertretern der städtischen Oberschicht.

 

1235 beschreiben die Schöffen von Halle ihr Recht den Leuten des niederschlesischen Neumarkt. Danach richtet der Burggraf noch dreimal im Jahr über Notzucht (für die, so erwiesen, die Todesstrafe gilt), den Hausfriedensbruch und den Raubüberfall, während der Schultheiß der Bürger vierzehntägig die übrigen Straftaten abhandelt.

 

Lübeck wird 1181 königliche Stadt, das was später Reichsstadt heißen wird. Das Gericht wird nach einer Quelle für 1243 vom kaiserlichen Vogt geleitet, dem aber zwei Bürger wohl schon seit längerem zur Seite stehen. 1247 dürfen die Organe der städtischen Oberschicht diesen bereits selbst benennen und für 1262 ist bereits belegt, dass die Stadt die Vogtei verpachtet (für 70 Mark).

 

Was dann nördlich der Alpen nicht gelingen wird, ist die Eingliederung geistlicher Räume in einen bürgerlich-weltlichen. Wer zum Domkapitel oder zu anderen geistlichen Immunitäten gehört, bleibt samt seiner Dienerschaft aus der Gerichtsbarkeit der bürgerlichen Marktsiedlung herausgenommen.

 

Ein weites Feld werden die Regelungen bezüglich der Kriminalität. Das beginnt beim Hausfriedensbruch als gewaltsames Betreten eines Grundstückes, wogegen sich der Hausherr nach eigenem Ermessen wehren darf, wie es im 13. Jahrhundert für Freiburg/Breisgau heißt, eines von vielen Rechten, die Demokratien ihren Untertanen verwehren werden. Geregelt werden für diese Stadt auch Messerstechereien, Verletzungen in Trinkstuben, wo offenbar gelegentlich mehr getrunken wird, als dem klaren Verstand guttut, Haareausreißen, was offenbar öfter vorkommt, ebenso wie Tatbestände der Beleidigung. Wiederholte Beleidigungen können zum Ausschluss aus der Stadt führen. Wie sehr auf den Frieden der Stadt und den Schutz der Bürger geachtet wird, zeigt folgender Paragraph aus Friedrich Barbarossas Stadtrecht für Hagenau von 1164: Die nichtsnutzige Frau, die eine rechtschaffene und ehrenwerte Frau übel mit Schimpfworten behandelt, wird, auch wenn sie nur einmal glaubhaft überführt ist, nach der besagten Weise ohne jede Einspruchsmöglichkeit aus der Stadtgemeinschaft (extra civitatis collegium) ausgesondert. (in Hergemöller, S.214)

Immer wieder wird in den Bestimmungen darauf geachtet, dass die Strafe der Tat entspricht: Mord entspricht die Todesstrafe, dauerhafte Schädigung von Körpergliedern mit Handabhacken, andere blutige Verletzungen mit hohen Geldstrafen.

 

 

****Abgaben an die Stadt****

 

Neben die Abgaben an den Stadtherren treten mehr und mehr die an die bürgerliche Obrigkeit. Dazu gehört die Gebühr für das Bürgerrecht, in Halle drei Schillinge 1235, die Gebühren für den Eintritt in die Innung, die bei den Hallenser Bäckern zu zwei Dritteln an die Stadt gehen, und um die selbe Zeit noch die Sachabgaben der Innungen an Stadtherrn, Vogt und Schöffen.

 

Daneben gibt es weiterhin die Gerichtsgebühren, schon lange Einnahmequelle derer, die das Richteramt innehaben. 1259 gehen davon zwei Drittel an Schöffen, Rat und Bürger., wie der Kölner Erzbischof bestimmt.

 

Stadträte

 

Der Weg in die politische Gemeindebildung vollzieht sich nördlich der Alpen nach und nach in Vorformen im 12. Jahrhundert und offenbar oft weithin im Einvernehmen mit den Stadtherren. Noch weit entfernt von (groß)bürgerlicher Repräsentanz ist die Verpflichtung von 24 Leuten aus dem genere mercatorum, also aus Kaufmannsgeschlechtern, durch den Bischof von Straßburg, für ihn Gesandtschaften (legaciones) in seiner Diözese durchzuführen. Dafür erhalten sie auf seinen Festlichkeiten, wenn er seine Leute zu sich lädt, bei dem Festmahl ehrenvolle Sitze ihm gegenüber (in: Hergemöller S.178). Spitzen des Bürgertums kooperieren so als Honoratioren mit dem Stadtherrn.

Der Mainzer Erzbischof spricht in seiner Urkunde von 1135 vom Rat der Vornehmen (primorum consilio), den er einholt, und spezifiziert: ich meine den der Kleriker, Grafen, Freien, der Stiftsangehörigen und der Bürger (civium) (in: Hergemöller, S.186).

 

In der Gründungsurkunde für Freiburg 1120 tauchen 24 Marktgeschworene (conjuratores fori) auf, die mit Interna der entstehenden Bürgergemeinde befasst werden. Dazu wählen "die Bürger" jährlich einen Schultheiß, den Büttel und den Gemeindehirten (§6 im Privileg Herzog Bertholds). Ein weiteres wichtiges Amt hat der Waagemeister inne. 1152 wird der Markt als Stadt anerkannt und erhält ein herzogliches Gericht mit Rechtsprechung nach den Satzungen der Bürger. Unter Berthold V. (1186-1218) tauchen dann 24 Ratsmannen (consules) in den Urkunden auf, die zum Beispiel über die Maße für Wein und Getreide und die Gewichte für Gold und Silber verfügen und Bestimmungen über Wein,Brot und Fleisch und anderes, was ihnen für das Wohl der Stadtgemeinde (universitati civitatis) nützlich erscheint, erlassen können (in: Hergemöller, S.160)

 

Ein magistratus und eine coniuratio civitatis, also Schwurgemeinschaft der Bürger erscheint 1164 in Hagenau mit noch eingeschränkten Befugnissen.

 

Um 1200 finden sich in den Quellen aus deutschen Landen die ersten Erwähnungen von Stadträten, und zwar in Bischofsstädten am Rhein, wie irgendwann zwischen 1184 und 1202 für Worms, 1196 für Utrecht, 1198 für Speyer und um diese Zeit auch für Lübeck, wo 1201 consules auftauchen. Es folgen Erfurt ab 1212 und Soest 1213 (mit consules civitatis). In Utrecht werden frühe 1196 consules erwähnt, aber dann erst 1230 wieder.

 

In Worms wandelt sich ein Friedensgerichtsgremium von vierzig 1198 dokumentierten iudices in eine Art Rat (Groten2, S.75). Er besteht aus 12 Ministerialen und 28 Bürgern (cives). 1233 in der Großen Rachtung wird festgesetzt, dass ein Rat aus neun vom Bischof bestimmten Bürgern und sechs von diesen bestimmten milites bestehen solle. Einer der ersteren und einer der letzteren sollen Bürgermeister sein.

Schulz belegt ((2), S.149ff), wie viele der ratsfähigen Geschlechter in Worms von Ministerialen abstammen. Diese haben sich in einen ritterlichen und einen bürgerlichen Zweig gespalten, deren letzterer nun als cives auftritt (quemlibet ministerialem suam tam milites quam cives de Lawtenburg... wird es in einer Urkunde für Ladenburg von 1283 heißen).

 

Für Speyer erlaubt Philipp von Schwaben der Stadt, ut libertatem habeat XII ex civibus suis eligendi, die 1124 consiliarii und 1237 consules heißen. (Groten2, S.72). In Mainz wandelt sich ein Amtleutegremium nach und nach in einen Rat. In Mainzischen Erfurt sind es 1212 burgenses, die eine Urkunde mit ausstellen, 1217 werden diese ausdrücklich als consiliarii bezeichnet, allerdings taucht erst 1238 consilium auf und und erst 1243 consules.

 

Zwischen etwa 1190 und 1225 taucht in Basel ein Rat auf, wird vom König erst privilegiert, was er später wieder zurücknimmt, bis der Bischof dann einen Rat nach eigenen Vorstellungen zulässt. Ähnlich ergeht es in dieser Zeit einem Rat in Konstanz.

 

Um 1200 tritt in Straßburg ein bürgerlicher Rat von zwölf consiliarii neben dem Bischof auf, wohl nach dem Vorbild des 1198 erwähnten Rates von Speyer. Er besiegelt zusammen mit Ministerialen und adeligen Domherren einen Vertrag mit Graf Rudolf von Habsburg: Sigillum burgensium Argentinensis civitatis. (Kammerer in Hartmann (Hrsg), S.74).

1205 unterstellt Philipp von Schwaben die Stadt „unter seinen Schutz“. 1214 schränkt Friedrich II. das ein, da er ein consilium verbietet,  nisi de consensu et bona voluntate ipsius episcopi et eius concessione, was er 1219 wohl etwas zurücknimmt. Für 1214 ist eine Bürgersatzung überliefert: die burgere von Strazburg die witzigsten, und die ehrsamesten, als zerehte minne, der reht vertikeite, mit bescheidenlichen sinnen sint uber ein komen, mit dez bischoves willen und rate, dez Vogetesund aller der hohesten... (Kammerer in Hartmann (Hrsg), S.75) Ein Rat aus 12 Bürgern mit zwei Bürgermeistern wird erwähnt, daneben zwölf Schöffen, die eine allgemeine Gerichtsbarkeit ausüben. Neben der Rechtsprechung und Polizeigewalt gehen die Außenbeziehungen an die bürgerliche Oberschicht. Der Neubau des Münsters gerät mehr und mehr unter bürgerliche Regie.

 

Seit 1216 formiert sich der Rat in Köln aus einer Protestbewegung der Amtleutebruderschaften der Pfarreien gegen das Regiment der stadtadeligen Schöffen, wird mit Hilfe Friedrichs II. beseitigt, ist aber dann 1229 wieder vorhanden (Dirlmeier).

 

Etwa in dieser Zeit löst die Bezeichnung consules die bisherigen consiliarii ab. Die Nutzung eines verallgemeinernden Wortes "Rat" bleibt allerdings zunächst problematisch, da er zunächst nur in lateinischen Formen auftaucht.

 

Innerhalb von rund 50 Jahren werden nun Räte in deutlich über 100 deutschen Städten eingerichtet, die sich damit als politische Gemeinde konstituieren.

Gebildet werden sie von bürgerlicher Kaufmanns-Oberschicht und Ministerialen.

 

Heinrich der Löwe bestimmt für Lübeck: Wählt man jemanden in den Rat, der soll zwei Jahre darin sitzen, im dritten soll er frei sein, man kann ihn aber bitten, den Rat zu besuchen. Wir bestimmen auch, dass in den Rat nur komme, wer ehelich, von freier Geburt und niemandes Eigentum sei, auch darf er bei keinem Herr irgendein Amt bekleiden. Er soll von gutem Rufe sein, und auch seine Mutter muss frei und niemandes Eigen gewesen sein. Er darf keines Geistlichen oder Pfaffen Sohn sein und soll liegendes Eigentum innerhalb der Mauern haben, er darf zu seinem Eide nicht gezwungen sein und seine Nahrung nicht mit Handwerk erworben haben. (Engel/Jacob, S. 41) Damit entspricht der Herrscher den Wünschen des gehobenen Handelskapitals der Stadt, auch indem er bürgerliche Ehrbarkeitsvorstellungen hineinflicht.

 

Oft lässt sich die Zustimmung des jeweiligen Stadtherrn dazu erkennen, dass Vertreter der unteradeligen Oberschicht nun eben nicht mehr als Amtleute des Herrn, sondern der Bürger auftreten, um die vielfältiger werdenden Aufgaben in der Verwaltung der Stadt zu übernehmen und zu verteilen. 

 

In der Gründungsurkunde von Hamm (Marca) erhalten ein Rat (consilium), der Bürgermeister (proconsul) und der zusammen mit dem Bürgermeister vom Grafen von Altena und Mark ausgesuchte Richter (iudex) erhebliche Befugnisse zugesprochen, nachdem die Bürger (opidales) sich für das Lippstädter Recht entschieden hatten (Hergemöller, S.242ff). Nachdem der Edelherr Bernhard II. zur Lippe  Lippstadt gegründet hat, gewährt er den Bürgern 1220 umfassende Rechte, über die offenbar gemeinsam consules und iudices zu wachen haben (Hergemöller, S.262ff). Beide Urkunden beziehen sich auf das Soester Stadtrecht mit seinen magistri burgensium, dem consilium und der Schwurgemeinschaft von totum commune civitatis, welches dann auf rund 60 weitere Städte angewandt werden wird (Hergemöller, S.19)

 

Aus den consiliarii, also den Ratgebern des Bischofs, dessen Amtsleuten noch untergeordnet, werden so Ratsherren (consules), die zunächst in der Regel ein Jahr im Rat sitzen, was eine breite Beteiligung der bürgerlichen Oberschicht im Laufe der Jahre ermöglichen soll, und die sich durch Kooptation ergänzen, was sie unter anderem auch dem Einfluss des Stadtherrn entziehen soll.

Dabei bleibt der kaiserliche Zugriff, mit dem der Kaiser seine Bischofskandidaten durchsetzen kann. Entsprechend hält dann Heinrich VI. auch kurz hintereinander für Bischof und Stadt kostspielige Hoftage in Worms ab, wo sie praktisch die Stadtherrschaft besitzen (Bönnen). Ähnliches gilt für Speyer. Das mag aber mit dazu beitragen, dass beide Städte nicht das Format von Mainz unter seinen mächtigen Bischöfen gewinnen.

 

Natürlich möchten Stadtherren die neuen Selbstverwaltungskollegien wo möglich unter ihrem Einfluss halten. In Neuss hatte sich bereits längst ein Ratsmännerkollegium aus consules gebildet, als der Erzbischof von Köln 1259 noch von officiati redet, qui amptman vulgariter appellantur, (in Hergemöller, S.286) und so den Eindruck erweckt, als ob sie ihm noch unterstehen.

 

Um 1250 dürften also bereits rund hundert deutsche Städte eine solche konsularische Verfassung besessen haben, in Städten der Landesfürsten, aber vor allem in den rheinischen Bischofsstädten und im Norden, dort insbesondere im welfischen Machtraum, während der Süden überwiegend in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts nachzieht. Das liegt daran, dass die fränkischen, elsässischen und schwäbischen Reichsstädte der Staufer ein strafferes Reichsregiment haben (Isenmann). Dabei ist auffällig, in welchem Tempo, in wenigen Jahrzehnten zwischen 1251 und 1290 dort die Ratsverfassung dann einsetzt, also im sogenannten (großen) Interregnum vor allem und in der Zeit des Königtums Rudolfs von Habsburg.

 

Noch vor 1250 gelingt es einer Anzahl von Städten mit Räten, beim Vorsitz im Rat den Beauftragten des Stadtherrn durch einen vom Rat gewählten Bürgermeister zu ersetzen.

 

Das Bündnis zwischen herrscherlicher, stadtherrlicher und bürgerlich-städtischer Obrigkeit richtet sich nicht zuletzt auch gegen die große Masse der städtischen Bevölkerung, die bis ins 14. Jahrhundert ständig zunimmt, nicht zuletzt durch Zuzug von außen. Und so verfügt das schon damit erwähnte Magdeburger Stadtrecht von 1188 den Ausschluss der meisten vom Rederecht in der Bürgerversammlung.

Die politische Macht in den Städten gewinnt eine Gruppe bedeutender Kapitaleigner, die Gemeindebildung ist so keine Sache aller Bürger oder gar der Einwohnerschaft. Diese sich zunehmend aristokratisch aufführende sehr kleine Minderheit der Bürger passt auf, dass sie politisch unter ihresgleichen bleibt. Dazu werden entweder komplizierte Wahlvorgänge inszeniert, die die meisten Leute effektiv ausschließen, oder aber es wird bald einfach zur Kooptation übergegangen. Dabei ist dies nicht einfach nur eine Herrschaft der Reichsten, sondern der sich als älteste und am meisten aristokratisch fühlenden Geschlechter. "Selbst in einer kleinen Stadt wie Rinteln stammen acht der zehn Ratsherren 1252 aus adeligen Burgmannengeschlechtern." (Dirlmeier, S.73) Die Oberschicht teilte sich so in ratsfähiges Meliorat oder Patriziat und eine davon ausgeschlossene Gruppe von Reichen.

 

In der Stadt leben die Leute enger beieinander als bislang auf dem Lande, sie lassen sich von der Obrigkeit leichter kontrollieren und sie geraten immer mehr und detaillierter unter ihre Kontrolle. Über hundert Jahre nach dem Magdeburger Dokument (1188) wird für Wismar von den politisch Mächtigen noch viel allgemeiner festgelegt: Niemand darf bösartig sprechen über Fürsten, Herren, Jungfrauen und andere ehrliche Leute, geistliche und weltliche, bei einer Buße von zehn Mark Silber. (Engel/Jacob, S. 65)

 

Viele Faktoren spielen in den Anfängen des Übergangs des Stadtregiments von den alten Herren zu den neuen eine Rolle. Vertreter des großen Kapitals sind standesgemäßere Gesprächspartner für den herkömmlichen Stadtherrn, als Handels- und Finanzkapital haben sie einen weiteren Horizont als die produzierende Bevölkerung und sie sind eher aus ihrem Geschäft abkömmlich als Handwerker. Darüber hinaus vertritt diese kleine Oberschicht mit ihren wirtschaftlichen Interessen die Stadt als Institution und es gibt keine Vorstellung einer die Bevölkerung widerspiegelnden Repräsentanz.

 

Der (Haupt)Markt wird zum Ort des Rathauses, nachdem zunächst Ratsgeschäfte behelfsmäßig in Kirchen oder anderen vornehmen Gebäuden abgehalten wurden. Ratshäuser sind Mehrzeckgebäude wie das nach 1232 errichtete Dortmunder Exemplar. "Im Untergeschoss (...) befand sich ein Weinkeller, das Erdgeschoss enthielt Gerichtslaube und Tuchhalle, das erste Obergeschoss Gerichts- und Ratssaal und darüber lag ein Festsaal." (Isenmann, S. 55)

 

Wirtschaft und Politik sind im Rathaus so verknüpft wie im Kaufhaus. Das Thorner Rathaus im Deutschordensland, dessen Bau als Kaufhaus 1259 beginnt, beherbergt "eine Tuchhalle, Verkaufsstände für Handwerker und kleine Gewerbetreibende, die Ratswaage, Brotbänke und die Gerichtslaube." (Isenmann, S.56) Im Obergeschoss befindet sich dann die städtische Verwaltung.

 

Die bürgerliche Gemeinde (Kommune) entsteht so zum einen aus ihren Aufgaben, in denen sie sich immer mehr vom direkten Einfluss des Stadtherrn löst, zum anderen aus einer Vielfalt gemeinsamer Rechte, die von Stadt zu Stadt zwar ähnlich, aber nicht identisch sind. Zeichenhaft deutlich als Rechtsgemeinschaft wird sie mit der Erstellung eigener Siegel, mit denen sie eigene Urkunden "besiegelt". 1195 taucht für Würzburg (Wirciburg) ein solches auf, neben denen von Köln, Mainz und Trier (Leng, S.47). Abgebildet ist darauf noch die Bischofskirche.

 

Mit dem Weg in die politische Gemeinde beginnt diese auch, selbständiger Beziehungen zu anderen zu knüpfen. 1208  kommt es zu einem Zollverttrag zwischen den cives von Worms und Speyer: Verhandelt werden gegenseitig gleich hohe Zölle für den Handel über Land und auf dem Rhein. Mit der nachlassenden staufischen Kontrolle über deutsche Lande gewinnt die städtische Friedenserhaltung an Bedeutung: Im November 1226 verbietet Heinrich (VII.)  im Interesse seines Vaters, der gerade besonders fürstlicher Unterstützung bedarf, auf einem Hoftag zu Würzburg einen Bund der Städte Mainz, Bingen, Worms, Speyer, Frankfurt, Gelnhausen und Friedberg gegen den Erzbischof von Mainz. Dem Erzbischof wird nach Fürstenspruch zugestanden, dass das königliche Oppenheim nebenan keine Ministeriale, Bürger und andere Leute mehr aus Mainz aufnehmen und die schon dorthin gekommenen wieder zurückgeschickt werden.bildet sich ein Städtebund am Mittelrhein. 1227 werden alte Bündnisse zwischen Straßburg und Speyer erwähnt. 1230 begünstigt Heinrich dann wiederum ein Bündnis der Bürger von Lüttich und anderer Städte an der Maas gegen den Bischof, welches er ein Jahr später auf Druck seines Vaters verbieten muss.

 

Vom ersten bis zum zweiten Friedrich lavieren die Stauferkönige zwischen der Tatsache, dass sie von der Macht der Fürsten abhängig sind, die die Städte unter ihrer Kontrolle halten wollen, und der Tatsache, dass diese eine immer wichtigere Einnahmequelle sind. In seinem Privileg an die geistlichen Fürsten verbietet Friedrich II. 1232 in jeder Stadt und jedem Marktort Deutschlands (Alemannie) die Gemeindevertretungen, Gemeinderäte, Bürgermeister, Schulzen oder sonstige Amtsleute, die von der Gesamtheit der Bürger ohne Zustimmung der Erzbischöfe oder Bischöfe eingesetzt werden - ganz gleich mit welchem Namen sie bei der Verschiedenheit der Orte bedacht sind. Außerdem widerrufen und beseitigen Wir jedwede Handwerksbruderschaften oder Zünfte, ganz gleich mit welchem Namen sie gemeinhin bedacht werden. (in: Fuhrmann, S.95)

 

1254 kommt es nach dem Tod Konrads IV. zum von Mainz und Worms ausgehenden Rheinischen Bund, laut Hermann von Niederaltaich pax more Lombardicarum civitatum, also nach dem Vorbild der lombardischen Städtebünde (in 'Verwandlungen', S.106). Auch Kleinstädte wie Bingen und Oppenheim treten bei, bis 1255 gehören Städte von Bremen bis Zürich, von Aachen bis Regensburg dazu, und zudem auch adelige Herren. Das Bündnis scheitert an Uneinigkeit bei der Doppelwahl 1257 von Alfons von Kastilien und Richard von Cornwall.

 

Regensburg

 

Musterbeispiel für eine kapitalistisch-bürgerliche Stadt, der es gelingt, sich für einige Zeit in gewissem Maße übergeordneten Mächten zu entziehen, wird Regensburg. Das beruht auch darauf, dass es zu einem Zentrum des Fernhandels wird, wobei vor allem die Beziehung zu Venedig bedeutsam ist, wo Regensburger lange den Vorsitz in der Handelsniederlassung der Deutschen (Fondaco die Tedeschi) innehaben. Damit sind sie auch an den Orienthandel angeschlossen, während sie zugleich die Ostwest-Achse zwischen Frankreich und dem Reich der Rus bedienen. Um die Kontrolle der Stadt ringen mit den Bürgern der König (Kaiser), die bayrischen Herzöge und der Bischof.

 

Die cives ratisponenses, die immer häufiger auch als burgenses auftauchen, sind nicht nur Großkaufleute, sondern auch Kramer und Handwerker, wobei Textilproduktion herausragt, aber das große Kapital verbindet sich mit der Produktion nicht so wie in Augsburg und anderswo. Organisiert ist es in einer Hanse der Fernkaufleute, 1184 wird erstmals ein Hansgraf erwähnt.

Überhaupt prägt Transithandel die Stadt vor allem: "So lieferten die Kaufleute beispielsweise in Südtirol erworbene Weine nach Böhmen, brachten von dort vornehmlich Edelmetall in Form von Barrensilber zurück. Zu ihrem Handelsnetz gehört auch schon früh Venedig.

 

Ein erster dokumentierter Meilenstein bürgerlichen Selbstbewusstseins wird der Bau einer steinernen Brücke über die Donau zwischen 1135 und 1146 mit fünfzehn Pfeilern, sechzehn Bögen und einer Länge von über 300 Metern. Mit drei Tortürmen bewehrt wird sie für Jahrhunderte zwischen Ulm und Wien der einzige feste Donauübergang bleiben und so sehr viel Fernhandel auf die Stadt konzentrieren.

 

Auf Bitten der Bürgerschaft stellt Barbarossa 1182 für sie ein Privileg aus, in dem er die Freiheit für die steinerne Brücke bestätigt. Niemandem steht es zu,von einem, der diese Brücke überquert, irgendetwas zu fordern, abgesehen davon, wenn jemand freiwillig etwas zur Erhaltung oder Reparatur dieser Brücke spenden möchte. Ein „gewählter“ Brückenmeister ist verantwortlich. (Im ersten Band des Regensburger Urkundenbuches)

 

Ab 1185 sind Konflikte zwischen Bischof und Herzog um die Stadtherrschaft dokumentiert. Barbarossa nutzt sie offenbar, um 1188 die Domvogtei königlich zu besetzen, worauf er Regensburg civitas sua nennt. Aber nach seinem Tod wird die königliche Macht in der Stadt geschwächt. Mit der Doppelwahl von 1198 kann der Herzog seinen Einfluss auf die Stadt stärken.

 

1205 teilt König Philipp von Schwaben Rechte und Einnahmen zwischen Bischof und Herzog auf, aber schon 1207 bestätigt sein später so genanntes „Philippinum“ Stadtrecht und städtische Steuer und gewährt der universitas civium das Besetzen des Amtes des Hansgrafen und bestätigt zudem dessen breitgefächerte Aufgaben. Inzwischen ist von civilia instituta und consensus urbanorum die Rede, was die burgenses auf dem Stadtsiegel dokumentieren (sigillum civium).

 

Gelegentlich wird von einer Regensburger Hanse geredet, „in der sich die Kölner, Aachener und Ulmer Kaufleute der Führung und Marktaufsicht des Regensburger Hansagrafen unterwerfen mussten“ (Irsigler in Hartmann (Hrsg), S.93). Der Tuchhandel aus dem Nordwesten kam in Köln zusammen, wurden dort sortiert und verpackt und ging dann über den ascensum in Reno nach Regensburg, und von dort nach Osten, Südosten und Süden.

 

Als die gerade mit dem Herzog verbündeten Bürger sich ein Rathaus bauen, lässt der Bischof dies 1213 abreißen. Seine Macht steigt zuungunsten des Herzogs. Auch die 1220 vereinbarte (später so genannte) Confoederatio cum principibus ecclesiasticis soll die „fürstliche“ Bischofsmacht stärken. Damit werden nicht nur die städtischen Verselbständigungsversuche zurückgedrängt, sondern auch den territorialen Bestrebungen der Staufer nach geschlossenen königlichen Städtelandschaften wie im Elsass oder der Wetterau gebremst (Schulz in Hartmann (Hrsg), S. 48ff)

 

Aber im Konflikt um die nächste Bischofswahl mischen die Bürger bereits mit, denen der Papst mit einem Schreiben an die rectoribus et universis civibus ratisponensibus 1227 antwortet. (Kolmer in Hartmann(Hrsg), S.32f)

 

1230 verbietet Friedrich II. die Steuererhebung an die Bürger durch den Herzog. Er gewährt Eigentumsgarantie, Gewerbesicherheit, freies Erbrecht, und ohne so etwas wie richterlichen Beschluss wurde die Unverletzbarkeit des Hauses garantiert. Dazu kommen das Recht der Bürger, die Stadt zu befestigen und Freiheit für Unfreie, die zehn Jahre in der Stadt gelebt haben. Damit wird der Einfluss der Regensburger Klöster wegen ihrer zahlreichen Hörigen berücksichtigt. Bürgerliche Schöffen sollen am herzoglichen Gericht mitwirken.

 

Damit ist der Herzog fast aus der Stadt getrieben. Andererseits stärkt Friedrich die Position des Bischofs und sucht nach einem Ausgleich Stadtherr-Bürgerschaft.

 

1231 ist Heinrich (VII.) gezwungen, mit dem 'Statutum in favorem principum' seine städtefreundliche Politik zu beenden, und das wird ein Jahr später von Friedrich II. in Ravenna bestätigt. Offenbar hatte die hohe Geistlichkeit sich durch die zunehmende Ausweitung und Verselbständigung bürgerlicher Selbstverwaltung bedroht gefühlt.

 

Während de iure die bischöfliche Stadtherrschaft immer noch einigermaßen gesichert ist, taucht ein rein bürgerliches Gericht auf, wird 1243 ein Bürgermeister gewählt und der Plan eines domus civium formuliert. Es gibt eine städtische Kanzlei mit einem notarius universitatis civium (Kolmer s.o. S.35) und ein eigenes Siegel dazu.

 

Die Konflikte zwischen Papst und Friedrich II. werden von den sich entfaltenden Bürgergemeinden genutzt. 1244 erlangt die von Mainz von ihrem erzbischöflichen Stadtherrn jene Rechte, die sie zur freien Stadt machen. (1273 wird er aus seinem befestigten Sitz in der Stadt ganz vertrieben).

 

1245 setzt das Konzil von Lyon Friedrich II. ab und exkommuniziert ihn. Damit sieht sich auch der Regensburger Bischof Siegfried, immerhin der Reichskanzler, gezwungen, gegen ihn Stellung zu beziehen. Darauf äußert sich die Bürgerschaft deutlich zugunsten des Staufers, der nun wieder nicht anders kann, um die Bürger auf seiner Seite zu halten, als seine vorherigen bürgerliche Rechte einengenden Bestimmungen zurückzunehmen.

 

Er entzieht dem Bischof, der nun auf die Seite des Papstes gewechselt ist, de facto die Stadtherrschaft, indem er den Bürgern Selbstverwaltung mit einem Rat, einem gewählten Bürgermeister und freie Besetzung aller Ämter erlaubt (… ut liceat vobis ammodo comunia consilia … statuere et magistratos seu rectores civium vel quoslibet officiales alios libere ordinare). Ein neues Rathaus am Rand des wichtigsten Marktplatzes dokumentiert als palastartiger Bau die Macht der Bürger in der Stadt.

Darauf verhängte Bischof Siegfried das Interdikt über die Stadt, was weitgehend ignoriert wurde. Er stirbt kurz darauf und sein Nachfolger kann sich nicht in der Stadt halten.

Es kommt zur Reduzierung der Amtszeit des Bürgermeisters auf ein Jahr, dann Abschaffung durch die Oberschicht. Kurz darauf geht die gesamte Gerichtsbarkeit an die Bürger.

 

Der Bischof regiert jetzt nur noch das Hochstift, und das Kloster St. Emmeran und zwei Damenstifte genießen weiter Immunität. Damit ist Regensburg Freie Stadt in der Hand des bürgerlichen großen Kapitals, und selbst weithin dem Einfluss der folgenden Könige entzogen. Es braucht ihm nicht zu huldigen, kann von ihm nicht verpfändet werden und zahlte keine Steuern an ihn. 1256 tritt Regensburg dem Rheinischen Städtebund freier Städte bei.

 

Für die bayrischen Herzöge bedeutet das, dass sie, was Residenz und „Hauptstadt“ angeht, zunächst nach Landshut und später nach München umziehen. Für den Bischof bedeutet es, dass er seine Residenz wie in Köln (Bonn,Brühl), Mainz (Eltville, Aschaffenburg), Straßburg (Zabern,Ruffach) und anderswo nun außerhalb der Stadt errichtet.

 

****Nürnberg****

 

Nürnberg gewinnt deutlich später als das auf die Römerzeit zurückgehende Regensburg an Bedeutung.

Münzprägung ist seit der Mitte des 12. Jahrhunderts unter Konrad III. belegt. Ende des 12. Jahrhunderts ist mit der Sebalduskirche eine eigene Pfarrei belegt, die allerdings dem Bamberger Bischof untersteht, während erst Mitte des 13. Jahrhunderts St. Lorenz zur Pfarrkirche wird, unter der Aufsicht von Eichstätt. Seit 1224 gibt es auch ein Franziskanerkloster.

 

1219 bestimmt der König seinen als den einzigen Vogt in der Stadt, die mit einer gemeinsamen Steuerleistung nun organisatorisch zusammenwächst und zur Förderung von Handel und Wandel vom gerichtlichen Zweikampf befreit wird. Die Stadt handelt nun mit immer mehr Städten (am Ende sind es etwa 90) wechselseitige Zollbefreiungen aus, die durch Geleitbriefe flankiert werden. Es beginnen immer ausgedehntere Handelsbeziehungen nach Böhmen

Die Gemeindebildung gewinnt 1245 Konturen mit einer Urkunde an die universitas civium, die bereits ein eigenes Siegel führt. 1256 beginnt der Bau einer Stadtmauer, die allerdings erst um 1330 beide Stadtteile umfasst. Mitte des 13. Jahrhunderts sind zwei bürgerliche Machtblöcke zu erkennen. Die scabini (Schöffen) unter dem Schultheißen betreiben das Gericht und die consules (Räte) verwalten die Stadt. 

 

Freiheit?

 

Es sollte noch darauf eingegangen werden, dass die bislang fortschrittsgläubige Gegenwart sich bei der Betrachtung der neuen mittelalterlichen Städte gerne auf den Satz, Stadtluft mache frei nach Jahr und Tag, stützt. Gemeint ist die Befreiung aus der Abhängigkeit vom Grundherrn, Hörigkeit, für den, der vom Land in die Stadt zieht und sich dort bewährt hat. Und mit dem Blick von oben nach unten schreibt Otto von Freising Mitte des 12. Jahrhunderts über die bürgerliche Oberschicht in Norditalien: Denn sie lieben die Freiheit so sehr (...).

Diese Freiheit im Singular taucht als Verallgemeinerung einzelner Freiheiten 1066 in dem Privilegienkatalog des Bischofs von Huy für seine burgenses in der libertas ecclesie und der libertas ville auf, und sie setzt sich aus 10 Pflichten und Rechten zusammen. (in Hergemöller, s.o.) Dieser verallgemeinerte Freiheitsbegriff wird nie abstrakt, er bleibt immer konkret wie in der libertas illius iuris von Magdeburg, die deren Erzbischof auch Jüterbog verleiht. Es ist also eine Freiheit aus Freiheiten, die Rechte und zunehmend auch Pflichten sind wie die Freiheit von Zoll und zugleich die Pflicht zum Einhalten von Qualitätsstandarden bei Waren. Ausdrücklich geht es dabei wie in dieser Urkunde um die Wohlfahrt des Stadtherrn und insoweit um die wirtschaftliche Wohlfahrt seiner Untertanen, und dem sind alle Freiheitsvorstellungen ein- und untergeordnet.

 

1288 erklärt der Graf von Berg, dass er die villa Duseldorp, ihre Güter und Bewohner schlicht und einfach in die Freiheit (libertas) entlässt. Das aber bedeutet nichts anderes als die Befreiung von willkürlichen zusätzlichen Belastungen, Schöffenwahl, Zollfreiheit und das Recht, Märkte wöchentlich und jährlich abzuhalten. Freiheit ist also die Befreiung von bestimmten konkreten Pflichten und Lasten.

 

Der abstrakte Freiheitsbegriff, wie er in der Neuzeit von Literaten gefordert und von Machthabern dann dekretiert wird, geht umgekehrt vor: Er besteht in einer hypothetischen allgemeinen und in philosophischer Unklarheit formulierten Freiheit, die alle "freiwillig" in einem hypothetischen (Gesellschafts)Vertrag aufgeben, um dann einzelne Freiheiten als Rechte zugewiesen zu bekommen. (Vgl. B..., John Locke). Es handelt sich um Theorie als Betrugsmanöver zur rechtfertigung eines zunehmend totalitäreren Staates.

Die "bürgerlichen" Freiheiten des Mittelalters haben stattdessen ihren Ursprung in der realen Evolution des Kapitalismus und fördern diesen handfest. Sie sind keine Gnadenakte eines Staates, sondern aus Interesse geborene Rechtsakte vieler potenter Herren. Im Kern stehen das Eigentum mit seiner Vererbbarkeit und "die freie Verfügbarkeit über die eigene Arbeitsleistung im Zusammenhang mit der auf Rentabilität ausgerichteten Arbeitsorganisation (...Dirlmeier, S.68).

 

Das Ergebnis ist die Verselbständigung der Kapitalbewegungen und darunter begrenzter die der auf Eigentum beruhenden Produktion. Komplementär wird das sichtbar in der Befreiung von immer mehr Arbeit von ihrer direkten persönlichen Abhängigkeit von Herren, von ihrer Bindung an Grund und Boden. Auf dem Lande wird so eine Minderheit nach und nach zu Proletariat, der Landarbeiterschaft, und in der Stadt bildet es im Verlauf des Mittelalters die Mehrheit. Seine wirtschaftliche Unselbständigkeit aber ist massive Unfreiheit gegenüber dem sich verallgemeinernden Markt und in dem Sinne viel drückender, da Widerstand schnell ins Leere eines nicht vorhandenen persönlichen Gegners läuft. Alle Phantasien von Befreiung gehen entweder topisch zurück in konstruierte Vergangenheiten oder utopisch nach vorne in totalitäre Konstruktionen. Gerne werden dann neuzeitlich beide Konstruktionen auch miteinander vermischt.

 

Formale "Gleichheit vor Gericht und Stadtrecht" (Isenmann) wird zwar hergestellt, aber keine Rechtsgleichheit, denn die Freiheit des Eigentums schließt zum Beispiel oft alle die vom Bürgerrecht aus, die kaum welches besitzen und darum abhängig beschäftigt sind. Und selbst das Bürgerrecht gewährt noch keine Partizipation an der Macht in der Stadt, die zunächst den Ministerialien und zusammen mit diesen dann den Eignern unternehmerisch tauglichen Kapitals zugestanden wird. Wenn in späteren Jahrhunderten Teile des Handwerks Beteiligung an der Macht bekommen, dann nur über wohlhabende Anführer, die sich gegenüber ihrer Klientel schnell verselbständigen.

 

Der Blick von unten nach oben sieht etwas anders aus als der des Freisinger Bischofs, denn die rechtliche und durchaus drückende Unfreiheit gegenüber dem Grundherrn wird in der Stadt nun Schritt für Schritt durch eine ganz andere ersetzt: Einmal durch die der verrechtlichten Unterwerfung unter den Stadtherrn und die neue unter "bürgerliche" Obrigkeit, die entsteht, zum anderen durch die horizontalen Bindungen, die unausweichlich sind, um in der Stadt wirtschaftlich zu reüssieren.

Was auf dem Land mit dem Flurzwang beispielsweise geschieht und dem Regelungszwang, der sich für die neuen Dorfgemeinschaften daraus ergibt, bieten sehr ausführlich für Handwerk und Geschäft die Bruderschaften, Zünfte, Gilden, die mehr als nur das Wirtschaften regeln. "Auch wenn der städtische Handwerker in eigener Verantwortung und auf eigene Rechnung produzierte, wurde seine Tätigkeit fest in eine Organisation eingebunden, die ihn weit über den Beruf hinaus in eine Lebensgemeinschaft stellte, der er sich nicht entziehen konnte." (KellerBegrenzung, S. 269)

Dazu kam bald das enge Zusammenleben Haus an Haus im Viertel und der Pfarrei, in der die Kirche, nun sehr nahegerückt, ihre strenge Aufsicht führte. Die heute rasch schwindende soziale Kontrolle, durch die Maßgaben politischer Korrektheit abgelöst, und die notwendig war, um in den größeren Menschenzusammenballungen gemeinsam leben zu können, bedeutete damals enormen Druck und starke Einschränkung von dem, was man später unter "Freiheit" verstehen wird.

Es entsteht ein zunehmender Regelungsbedarf, eine der Wurzeln für die Ausweitung von Kompetenzen einer städtischen Obrigkeit. Für Hagenau bestimmt Friedrich Barbarossa 1164, dass die Schultheißen eine Oberaufsicht über die Bäcker, die Preis und Gewicht von Brot beaufsichtigt. Und: Wir gebieten den Metzgern, ausschließlich gesundes und frisches Fleisch zu verkaufen, wenn sie aber grindiges oder sonstwie verschmutztes Fleisch verkaufen und sie deswegen von den Geschworenen der Stadt (a coniuratis civitatis) überführt werden, sollen sie von der Gemeinschaft der anderen aus der Gemarkung dieses Ortes (ville) entfernt werden. (in Hergemöller, S.216)

 

Vertikaler Zwang zeigt sich in der Unterordnung politisch formulierter städtischer Interessen unter die wirtschaftlichen der Oberschichten, am deutlichsten seitdem in Flandern. Nach der Ermordung des Grafen Karls des Guten 1127 versucht König Ludwig VI., das Verfahren gegen die Attentäter mit dem Recht des Lehnsherrn in die Hand zu bekommen und versucht zudem, aus außenpolitischen Gründen Wilhelm Clito als Nachfolger durchzudrücken. Die Kaufmannsinteressen in Lille, Gent und Brügge stehen dagegen, wo die enge Beziehung zu England Vorrang hat. Im Aufstand verbündet sich der Handel mit dem Adel und den Spitzen des Handwerks. Solche wirtschaftlichen Oberschicht-Interessen begründen dann Formen von Patriotismus, in denen das "Volk" mitgezogen wird.

 

Otto von Freising und die Begrifflichkeit (in Arbeit)

 

Zurück in die Mitte des 12. Jahrhunderts und zu jener vielzitierten Passage in Bischof Ottos von Freising 'Gesta Friderici', wie sie in der Regel überschrieben werden, über die norditalienische Freiheit (libertas) seiner Zeit (Otto von Freising, S.309f). Es geht um die "politischen" Strukturen in Städten wie Mailand, wie sie ein hochadeliger und zugleich recht belesener Geistlicher der Zeit Barbarossas beschreibt, und damit zugleich um die Anfänge des Politisierens in deutschen Landen (und anderswo). Was dabei deutlich wird, ist, dass politische Texte von Anfang an dazu neigen, die Dinge zu verunklaren, indem sie einmal Begriffe völlig ungeklärt in den Raum stellen und dabei implizit ermöglichen, dass sie mit emotionalen Qualitäten aufgefüllt werden können, zum anderen moralische Vorstellungen und handfeste Wirklichkeit geschickt miteinander vermischt werden.

Es handelt sich um italienische Verhältnisse, aber sie werden sich in mancher Hinsicht bald auch in deutschen Landen einstellen, und die lateinischen Vokabeln, mit denen sie wahrgenommen werden, werden dieselben sein.

 

Der Text beginnt mit einem Lob der Italiener, die bei der Einrichtung ihrer civitas der sollertia Romanorum folgen, also der klugen Einsicht der (antiken) Römer, und endet mit der Behauptung, dass sie den Gesetzen, von denen sie behaupten, ihnen zu folgen, tatsächlich aber nicht gehorchen (legibus non obsequi), weshalb der princeps, also der Kaiser, sie mit militärischer Gewalt unterwerfen muss. Er muss das tun, da er nicht immer anwesend sein kann, und sie seine Abwesenheit unbotmäßig ausnutzen.

 

Eigentlich müsste es am Anfang heißen, "sie lieben ihre Freiheit so sehr, dass sie sogar die Unterwerfung unter den Kaiser ablehnen", was dem widersprechen würde, dass es sich bei dem ganzen von Otto intendierten Buch um einen Propagandatext für seinen bewunderten Verwandten Kaiser Friedrich I. (Barbarossa) handelt. Stattdessen heißt es: Denique libertatem tantopere affectant, ut potestatis insolentiam fugiendo consulum potius quam imperantium regantur arbitrio. Da das arbitrium die Willkür des Mächtigen bezeichnet, seine eigenmächtige Entscheidung, heißt hier die Freiheit, die ihnen so am Herzen liegt (affectare) die Unterwerfung unter (die Willkür der eigenen) Konsuln und nicht unter (die von) Herrscher(n). Und der Unterschied ist im folgenden unter anderem, dass Konsuln gewählt werden (eligere), Herrscher aber eben nicht, und Konsuln auch nur auf ein Jahr.

 

Bis hierher ist Freiheit von dem, was bei Otto imperare heisst, herrschen im Sinne von befehlen, unterschieden und scheint positiv bewertet, da aus der poltischen Klugheit der Römer herrührend. Das wird noch verstärkt durch die Verhinderung (reprimere) von superbia, Hochmut im neuhochdeutschen Sinne, Arroganz könnte man auch sagen, indem alle drei ordines, Kapitäne, Valvassoren und Plebs passives Wahlrecht haben, und die libido dominandi, also Lust am Herrschen, wird durch die Begrenzung des Konsulats auf ein Jahr gedämpft. 

 

Bis hierhin ist Herrschaft also schlecht, da sie implizit insolentia potestatis, also übermäßige, maßlose Macht, superbia und libido dominandi bedeutet. Das darf aber nicht sein, deshalb nun die Kehrtwende: Die civitates sind auf Bistumsebene angewachsen, indem die diocesanos und die nobiles gezwungen wurden (compellere), sich zu unterwerfen (in comprimere enthalten). Die die Freiheit so lieben sind also an der Unfreiheit der anderen interessiert. Und darum werden die opifices contemptibilium mechanicarum artium, die verachtenswerten Handarbeiter, zum Kriegshandwerk zugelassen, jene, die andere Völker (wie auch die Deutschen) tamquam pestem, wie die Pest herabwürdigen.

 

Jetzt wird der Satzteil auch verständlicher, quod, cum, legibus se vivere glorientur, legibus non obsecuntur. Sie rühmen sich, ihren eigenen Gesetzen zu gehorchen, aber sie befolgen nicht die vom Kaiser über sie gesetzten. Und darum ist der Kaiser (Herrscher) gezwungen (compellatur), sie mit militärischer Gewalt niederzuwerfen.

 

Ist das Loblied auf die Freiheit am Anfang jetzt eine geschickte rhetorische Figur, um demjenigen, der es als Argument benutzen wollte, dann den Boden zu entziehen, und um so klarer den Machtanspruch des Kaisers zu begründen? Freiheit ist dann also scheinbar gut, aber eben nur dem ersten Anschein nach?

Oder lässt Otto zwei begründete Positionen nebeneinander bestehen? Wohl kaum, wenn man der Reihenfolge seiner Feststellungen folgt.

Andererseits steht direkt hintereinander die Verächtlichkeit der Leute, die an der Freiheit partizipieren, und das zweifelsfrei für Otto positive Moment, dass italienische Städte alle anderen an Macht und Reichtum übertreffen. Ihre Art der Freiheitsliebe bringt das zustande. Und dann aber: Das alles wäre in Italien nicht geschehen, wenn die Kaiser öfter da gewesen wären. Dazu gehört, dass für Otto rechte kaiserliche Macht gottgewollter oberster Ordnungsfaktor auf Erden ist. Schließlich proprium principem mitem suscipere oportet, es gehört sich, den mild-sanften ("gnädigen") eigenen (!) Fürsten zu ertragen (!).

 

Man spürt, dass hier zwei Dinge zusammenkommen: Rhetorisches Geschick bei prokaiserlicher Propaganda und Irritation über das Nebeneinander von Charme der "Freiheit" und Ordnung schaffendem Gehorsam, dem am Ende der Sieg zu gehören hat. 

Dazu gehört die Unklarheit der Verhältnisse: Da ist der ordo ("Stand") plebis, der unter denen von Kapitänen und Valvassoren angesiedelt ist, und zu dem die verächtlichen Handwerker gehören, und da sind mehrmals die cives, die ebenfalls nicht definiert werden, aber wohl alle die Stadt irgendwie tragenden Leute umfassen, und endlich taucht am Ende dieses Abschnittes der populus mit seiner unbesonnen verwegenen Haltung (temeritas) auf, seiner Aufsässigkeit eben, die zugleich Freiheitsliebe ist. Plebs, cives und populus sind sicher keine Synonyme, aber aus der Sicht von oben ist ihnen wohl gemein, dass sie die gottgewollter Herrschaft zu Unterwerfende meinen.

Genauso unklar bleibt das Gesetz (lex), welches einmal das der Stadt samt ihrem comitatus (contado) ist, von den cives legitimiert, andererseits aber das herkömmliche und gottgegebene des Kaisers ist.

 

Ich denke, hier kommen viele Dinge zusammen. Da ist der kritische, anintellektualisierte Geist, wie er in der Betrachtung von Abaelard und Gilbert von Porrée im selben Buch vorsichtig in Erscheinung tritt und da ist der Verwandte und Bewunderer des Kaisers, selbst weit über der Plebs bzw. den cives stehend. Da ist aber noch etwas ganz anderes: Das neue Denken, welches sich seit hundert Jahren entwickelt hat, versucht gedanklich (und nicht mehr religiös fundiert) zu ordnen und trifft dabei auf eine Welt in Bewegung, die komplexer wird und sich dem neuartigen ordnenden Denken entzieht, - was aber nicht sein darf. Das ordnende Denken braucht Koordinaten oder wenigstens Pole, und die zwei Pole Stadt und Reich, civitas und imperium, passen nicht in dasselbe Koordinatensystem, sie sind nicht mehr mit denselben (ehedem religiös fundierten) Kriterien einzuordnen. So scheitert der Versuch einer wirklich logischen Struktur des Textes, die gewaltsam durch eine Reihenfolge ersetzt wird, die hierarchisch aufsteigt bis zum (gottgewollten) Herrscher, obwohl der Text ganz ohne Gott politisiert.

 

 

Die Stadt als Wirtschaftsraum im hohen Mittelalter

 

Zur Brutstätte des frühen Kapitalismus werden Städte nicht als religiöse Zentren, als Hauptstädte von Herrschaften oder Verwaltungszentren, auch wenn diese Voraussetzungen bieten, sondern primär als wirtschaftliche Einheiten. Dabei ist unwichtig, ob solche Orte einen Stadtherrn behalten, das Kapital die Stadt in eigener Regie politisch führt oder aber sehr oft beide miteinander kooperieren, wichtig ist nur, dass sie primär seinen Interessen dient. Dass es dazu kommt, verdankt sich Entwicklungen im frühen und hohen Mittelalter, die diese Zeit vor allem auszeichnen. An der Oberfläche ist die typische abendländische Stadt des Mittelalters dann die eines sich selbst organisierenden neuartigen Bürgertums im Sinne von Max Weber, substantiell aber Zentrum von jenen sich verselbständigenden Verwertungsprozessen, aus denen Kapital besteht.

 

Zentrum dieses Wirtschaftsraumes ist zunächst der Markt und der Handel, dazu gehören aber bald auch die produzierenden Gewerbe. Wie beide Bereiche gewichtet sind, liegt oft am Standort. An Meeren und großen Flüssen wie an großen Handelsstraßen dominiert oft der Handel, während andernorts Tuchproduktion oder Metallgewerbe vorherrschen und eher selten sogar der Bergbau. Immer aber gibt es Bäcker und Metzger, meist auch Schuster und später Schneider.

 

Zunächst einmal sind Städte Wirtschaftsraum nach innen, innerhalb ihrer Mauern. Dann expandieren sie im hohen und späten Mittelalter nach außen, einmal über die steigende Ein- und Ausfuhr von Waren, die für Städte oder städtische Firmen zu Niederlassungen führt, die den städtischen Wirtschaftsraum europaweit und bis in den vorderen Orient und Nordafrika ausdehnen. Zum anderen, indem sich Städte in ihrem Umland Einflusssphären sichern, die sich bis zu städtischen Territorien intensivieren können, die manchmal, besonders in der Nordhälfte Italiens, zu regelrechten Stadtstaaten heranwachsen können.

 

Städte sind zunächst einmal in vielerlei Hinsicht Inseln in einer Agrarlandschaft. In ihnen beliefern zunächst Gewerbe und Handel die adelige Herrenschicht mit Waren, werden dabei aber selbst zunehmend mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen auch von außerhalb ausgestattet. Je nach Kaufkraft entsteht dadurch eine allgemeine  Nachfrage der Einwohner in der Stadt, die immer gewichtiger wird und nach und nach in der Summe die der Herren übertrifft.

In den Gründungsprivilegien für Freiburg/Breisgau sind die Einnahmen des Zöllners für Waren, die durch die Tore der Stadt gehen, aufgelistet. Hinaus gehen danach zum Beispiel Pferde, Wein und Brot. Hinein kommen ebenfalls Pferde, dazu Esel, Ochsen und Ziegen, Heu und Stroh, zudem Schweine und Eier, Wein, Gemüse, Honig, Nüsse und Salz, dazu Pfeffer, Kümmel, Weihrauch und Lorbeer. An Rohstoffen passieren Blei, Eisen, Kupfer und Wolle die Tore. Zollfrei bleiben allerdings die Mönche, Kleriker und Ministerialien des Stadtherrn (dominus). (in Hergemöller, S.130)

Nicht aufgeführt ist hier das Grundnahrungsmittel fast aller, nämlich Getreide, welches als Brot unterschiedlicher Qualität und als Getreidemus bei den Ärmeren das Standard-Lebensmittel ist. Butter leisten sich eher die Wohlhabenderen, und nur außerhalb der Fastenzeit, während in Südeuropa Olivenöl etwas gängiger ist.  Dazu gehören die klassischen mitteleuropäischen Gemüsesorten, und wer sich Süßes leisten kann, gewinnt es aus Hönig. Fleisch ist ebenfalls vor allem etwas für die Wohlhabenderen.

 

Für die Herren der Stadt wird diese dabei auch zu einer immer wichtigeren Einnahmequelle, weswegen sie Produktion und Handel fördern, was sich als Zugestehen von immer mehr Rechten, also Freiheiten bzw. Privilegien darstellt.

Die bürgerliche Stadt mit ihren frühkapitalistischen Elementen ist also ein im Kern gemeinsames Produkt des Zusammengehens von adeliger Herrenschicht, Kapital und Arbeit. Als neuartiger Rechtsraum wird sie von dem entstehenden und in der Entstehung bereits geschichteten Bürgertum nachgefragt und dann von den Herren geschaffen.

 

Ein Musterbeispiel für den immer homogeneren Raum der bürgerlichen Stadt als verrechtlichter Wirtschaftsraum ist die Vergabe des Stapelrechtes an die Bürgergemeinde. Da werden die Wirtschaftsinteressen der Stadt gegen die von Händlern anderer Städte gesetzt, die beim Passieren der Stadt dazu gezwungen werden, ihre Waren mehrere, meist drei Tage dort abzulegen, was eine Art Vorkaufsrecht herstellt.

 

In ihren wichtigsten Aspekten sind Städte als damals noch insuläre Gebilde aber zur Gänze vom Lande abhängig: Die bedürfen zumindest der Versorgung mit Nahrungsmittel und Rohstoffen vom Lande, aber auch des Nachschubes an Menschen, denn bis in die Neuzeit hinein kann aufgrund ungesunder Lebensverhältnisse die Einwohnerschaft nicht aus sich heraus erhalten oder gar gesteigert werden, das Land versorgt vielmehr die Stadt immer neu mit Menschen.

Im Mittelalter hängt die Versorgung der Stadt mit Nahrungsmitteln an den Transportmöglichkeiten. Leicht Verderbliches wie Gemüse und Obst kommt aus dem direkten Umfeld, soweit es nicht in der Stadt selbst erzeugt wird. Auch Milch und Butter kommen aus der Nähe. Wegen des großen Transport-Aufwandes bei erheblichem Verbrauch in den nördlicheren Zonen darf auch der Brennholzbedarf nicht aus allzu großen Entfernungen gedeckt werden. Weiter entfernt dürfen die Äcker der Getreideproduktion liegen, insbesondere, wenn dieses auf Flüssen oder über das Meer transportiert werden kann. Dasselbe betrifft die Produktion von Bauholz und von Fleisch und überhaupt von weniger verderblichen Produkten der Viehzucht. Soweit das Idealmodell von Thünen, welches aber so nur selten Wirklichkeit wurde (Schott, S.65ff)

 

 

Die Versorgung mit Holz und Getreide sind für den Vorgang der Verstädterung im europäischen Mittelalter elementar, und beide führen zur großflächtigen Verwandlung von Naturland in kultivierte Flächen. Ohne Bauholz gäbe es keine mittelalterlichen Städte, denn die meisten Wohnhäuser sind im wesentlichen aus Holz und deshalb aus dem hohen Mittelalter heute auch nicht mehr erhalten. Aber selbst die wenigen Gebäude aus Stein haben einen stattlichen Holzbedarf für das Dach und seine häufige Bedeckung mit Holzschindeln. Schließlich wird auch sehr viel Bauholz für den immer häufiger werdenden Brückenbau verwendet.

Vom Holz als Rohstoff hängt auch ein Großteil der städtischen Handwerke ab. Eiche brauchen die Wagner, Buchsbaum die Drechsler, viele Holzarten die Tischler und Schreiner. Dazu kommt der große Bedarf der Küfer, denn in Fässern werden zahlreiche Waren transportiert und aufbewahrt. In Hafenstädten werden große Mengen für den Schiffsbau verwendet. Gerber verwenden die Baumrinde von Eichen für ihre Lohe und die Herstellung von Teer bedingt einen hohen Brennstoffbedarf. Überhaupt ist Brennholz massenhaft erforderlich für Kochen, Heizen, die Produktion von Salz und Teer.

Dort, wo es stadtnahen Wald gibt, sammelt man Beeren, Pilze und Kräuter, hält Bienen für den wichtigen Honig als einzigen Süßstoff des Mittelalters und jagt, wenn das auch für die meisten Städter inzwischen illegal geworden ist. Der Laubwald dient zudem als Viehweide auch des städtischen Viehs.

 

Otto von Freising schreibt Mitte des 12. Jahrhunderts über den Freisinger Berg: Er war um zu jener Zeit noch ganz von Wäldern umgeben (silvis circumseptus) und soll gewissermaßen ein Hochsitz der Jäger gewesen sein. Von diesen Wäldern finden sich heute in den Mooren in der Ebene Spuren, nämlich alte Baumstümpfe, und noch jetzt (usque hodie) gibt es dort eine Menge Hirsche und Geißen. Auf der Nordseite aber ist noch heute (adhuc) ein ausgedehnter Wald (silva non mediocris) übriggeblieben, im Volksmund Forst genannt (forestus), der der Stadt durch das Bau- und Brennholz von großen Nutzen (plurimum utilis) ist. (Otto, Chronica S.412) Wie man sehen kann ist die Erinnerung an einst weithin bewaldete deutsche Lande damals noch vorhanden, gepaart mit der Vorstellung von der Nützlichkeit erhaltener Waldgebiete.

 

Die durch die Erweiterung von Ackerbau und Viehzucht bereits im hohen Mittelalter massiv schrumpfenden Waldflächen sind Herrenland, viele Städte erhalten allerdings Nutzungsrechte an Stadt- oder Ratswald, wie er dann heißt. Für Hagenau beispielsweise ist das Nutzungsrecht im Forst in der Urkunde von Frtiedrich Barbarossa von 1164 beschrieben: Die Bürger dürfen daraus ihren Eigenbedarf an Bau- und Brennholz decken und ihr Vieh unter Aufsicht eines Hirten dort weiden lassen.

 

In solchen stadtnahen Wäldern wird der Stamm oft in Mannshöhe erst gefällt, worauf die Baumstümpfe Schößlinge dünnere und gebogene Schößlinge austreiben, die wiederum genutzt werden. Dadurch verschwinden viele Buchenwälder, die das nicht vertragen (Schott, S.70).

 

Etwa so wichtig wie mit Holz ist die Versorgung der Städte mit Getreide, dem mittelalterlichen Grundnahrungsmittel, welches zu Brot, Brei oder Bier verarbeitet wird und dabei rund zwei Drittel des menschlichen Kalorienbedarfs deckt. Das direkte Umland über eine Tagesreise oder 30 km hinaus kann die Getreideversorgung nur herstellen, wenn Wasserwege zur Verfügung stehen, da der Landtransport ansonsten mehr mehr Kalorienverbrauch beim Zugvieh bedeutet als Kalorien transportiert werden. In den Grafschaften rund um London werden so rund drei Viertel der Anbaufläche für Getreide verbraucht. Auch Köln kann sich von seinem fruchtbaren Umland selbst versorgen, während Nürnberg mit schlechteren Böden dafür größere Entfernungen in Kauf nehmen muss.

Zweites Grundnahrungsmittel ist das Fleisch. Im hohen Mittelalter besitzen noch nicht wenige Stadtbewohner Vieh, welches gelegentlich auch von städtischen Viehhirten auf Weiden außerhalb der Mauern geführt wird. Die Bürger dürfen am Schlachttag im Herbst selbst schlachten, und zwar dann auch extra dafür gekauftes Vieh. Städtische Behörden beginnen, das Aufkaufen von Vieh auswärts mit Krediten zu unterstützen. Je größer die Stadt, desto eher wird auch Vieh aus entfernteren Regionen auf Viehmärkte der Städte getrieben, um dort verkauft zu werden.

 

Die wichtigsten Gewerbe einer Stadt, nicht unbedingt für die Bewegungen des Kapitals, aber für den Erhalt der Städte, haben mit der Ernährung zu tun. Das sind zunächst einmal die Händler für Getreide, Obst und Gemüse, für Milchprodukte, Honig, Geflügel und Salz. Christopher Dyer zählt für Winchester um 1300 acht Müller für das Mahlen von Getreide und Malz auf, zwölf Bäcker, sechzig Brauer, elf Metzger und sieben Fischhändler. Mit ihren Familien hängen so alleine rund 500 Leute an der Herstelluing und dem Verkauf von Nahrungsmitteln.

Kapitalisiert ist bereits auch der gewerbliche Fischfang, wie der von Heringen bei Yarmouth mit der Investition in ein kleines Schiff (von bis zu 30 Pfund um 1300), in die sich manchmal mehrere Kapitaleigner teilen, und in eine Mannschaft von vielleicht fünf eher gering bezahlten Leuten. Dazu kommen dann manchmal noch geringer bezahlte Räuchererin ihren Räucherkammern und Lohnarbeit, die sie einsalzt und für den Markt verpackt.

 

Zweiter wichtiger Gewerbezweig ist die Tuchproduktion, oft nicht die hochwertiger Tuche für den Fernhandel, sondern der von Tuchen für den alltäglichen Gebrauch der überwiegend ärmeren städtischen Bevölkerung vor Ort, oft ungefärbt oder aber in grauen und rostbraunen Farben.. Eine Art kleine Elite dabei bilden die Weber, die als erste in Zünften oder in England in Gilden organisiert sind, während die Masse der Leute mit Spinnen (oft auf dem Lande), mit Kämmen, Kardieren und ähnlichem bei niedrigerem Einkommen beschäftigt sind.

 

Webstühle und die Wannen und Bottiche der Färber verlangen in Ankauf und Reparatur bereits so etwas wie ein gewisses Kapital, Gerber viel Platz für langgestreckte Gruben, mit Bauholz ausgebaut und brauchen ständig Kapital für die Rohhäute und für Eichenrinde, aus der die Gerberlohe hergestellt wird. Das gilt ebenso für Eisenschmieden, Schmelzöfen für Zinn, spezielle Öfen für Blei. Gewerbe, die daraus Metallgefäße herstellen, benötigen bereits mehr als zwei, drei Arbeitskräfte wie in einem üblichen Handwerksbetrieb (Dyer, S.204)

 

Richtig reich wird man durch massenhafte Vermietung und Verpachtung, aber vor allem durch Handel und Finanzen. Händler von Qualitätswolle zum Beispiel können um die 20% Nettogewinn machen, noch größere Gewinne gibt es bei hochadeligen, insbesondere fürstlichen und königlichen Höfen, wenn sie mit Luxuswaren beliefert werden, von Gewürzhändlern, Kaufleuten die Seide und Brokattuche bieten oder Goldschmiede mit ihrem Zierrat. Kaufleute bilden denn auch die bürgerliche Oberschicht, die die zunehmende Selbstverwaltung in den Städten betreibt.

Reichtum gibt es auch beim obligaten Geldwechseln, bei Krediten an Händler und Magnaten (siehe Kap. Macht und Kapital...)

 

Die Stadt wird primär ein Warenproduzent, aber als solcher wird sie in zunehmendem Maße auch zum Abfallproduzent. Der Bischof von Straßburg bestimmt irgendwann nach 1129 bereits: Niemand soll Unrat oder Kot vor sein Haus werfen, sofern er diesen nicht sofort beseitigen wil (in Hergemöller, S.177). Damit ist noch kaum das gemeint, was heute in der BRD "Wertstoffe" heißt, denn diese werden nach Möglichkeit wiederverwendet, sondern die Fäkalien von Mensch und Tier und in geringem Umfang Abfälle aus Haushalt und Gewerbe. Was hingegen wiederverwendet werden kann, wird entweder geflickt und weiterverwendet, oder aber Wertstoffe wie Metalle werden eingeschmolzen. Die Wegwerfwelt als Müllwelt ist eine des 20. Jahrhunderts, denn vorher sind Rohstoffe Wertsachen, da die menschliche Arbeit, die sie zu Produkten veredelt, vergleichsweise billig ist, Rohstoffe aber eher teuer sind.

 

Zur Kontrolle der städtischen Versorgung mit Nahrung, Rohstoffen und Halbfabrikaten machen die größeren Städte nicht nur in Italien, sondern auch in der Südhälfte der der deutschen Lande ihr Umland zu ihrem Einflussgebiet. So erreichen viele die Durchsetzung eines Marktbannes in einer Entfernung von einer Meile (7,4 km) oder von zweien, große und mächtige Städte wie Augsburg von bis zu 10 Meilen. Orte in diesem Raum dürfen keine eigenen Märkte einrichten und abhalten und werden so von den Städten abhängig.

Ein nächster Schritt ist der Ankauf von Land durch städtische Bürger zur eigenen Versorgung oder als Kapitalanlage, und dann auch, um sich einer adeligen Lebensweise anzunähern (siege Großkapitel 'Die Stadt im Norden'). Schließlich kommt dann dazu die Verleihung des Bürgerrechtes an Umlandbewohner, die so zu "Pfahlbürgern" werden. Schließlich wird dann vor allem im späten Mittelalter von der Stadt als Gemeinde Land aufgekauft und mit der Gerichtshoheit verbunden. Solches Land sichert dann direkter die Nahrungsmittel-Versorgung der Stadt in ihren Mauern. Zudem gibt es eine direktere Verbindung zum Nachschub an Menschen von außen, ohne den mittelalterliche Städte nicht überleben konnten.

Bürgerliches Wirtschaften auf dem Lande verändert dieses im Umland der Städte, wird markt- und gewinnorientierter, innovativer eben.

 

Proletarisierung in der Stadt

 

Reich und arm definieren sich immer in Beziehung zueinander und Reichtum ist ohne Armut nicht möglich, beide sind aufeinander bezogen. Hier soll es aber um jenen Besitz gehen, der wirtschaftliche Selbständigkeit ermöglicht, im engeren Sinne um Kapital, und demgegenüber um jene Besitzlosigkeit, die wirtschaftliche Abhängigkeit als Unselbständigkeit bedeutet. Letzere sollen hier als Proletariat bezeichnet werden, ein durchaus problematischer Begriff, der aus lateinischen Ursprüngen im 19. Jahrhundert vor allem in England gebildet wird und das damalige Industrieproletariat meint, welches dann Marx für seine Geschichtsdeutung missbraucht.

Proles sind die lateinischen Nachkommen, und Proletarier sind dann die Leute, die jenseits ihrer Kinder nichts besitzen, was ihnen wirtschaftliche Selbständigkeit ermöglicht.

 

 

Ein frühes Proletariat als besitzarmes Massenphänomen lässt sich schon in frühen Zivilisationen teils vermuten, teils erkennen. Es gehört zum Wesen antiker Großstädte und nicht nur der Millionenstadt Rom. Es schwindet in den Nachfolgeherrschaften in dem Maße, indem die landbewirtschaftende und handwerkende Bevölkerung in durch Rechtsvorstellungen abgestützte persönliche Abhängigkeiten von Herren gerät. Da die Realität von Eigentum bis dann hinein in feudale Strukturen etwas verschwimmt, fällt es vor allem auf dem Lande schwer, Proletariat als jene Leute zu definieren, die sich nicht von ihrem Eigentum ernähren können.

Aber in den wenigen Texten bis tief ins 11. Jahrhundert hinein taucht immer wieder ein offenbar sich herrenlos gerierender städtischer oder ländlicher „Pöbel“ auf, der dort erwähnt wird, wo er die herrschende Ordnung stört. Mit ihm nicht identisch, aber sich wohl überlappend gibt es eine städtische wie auch ländliche Armut, der sich Kirche und Kloster annehmen, wie immer wieder erwähnt wird.

 

Proletariat soll hier wie in der Antike die Menschen bezeichnen, die eher herrenlos und zugleich ohne Besitz bzw. Kapital sind, das sie hinreichend ernähren könnte. Sie sind also auf Almosen und/oder Lohnarbeit angewiesen. Ohne im Einzelnen allzu ausführlich durch Quellen darüber informiert zu sein, kann man doch annehmen, dass jene Ansätze zu bürgerlichen Freiheiten, die Bauern und Städter von persönlichen Dienstleistungen lösen und die Beziehungen zwischen Menschen auf einen Markt mit seiner Geldwirtschaft orientieren, die Ursache für ein breiteres solches Proletariat darstellen.

 

Proletarisierung zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert hat natürlich zunächst einmal in hohem Maße mit der erheblichen Bevölkerungsvermehrung zu tun und der Endlichkeit des Vorrates an nutzbarem Land.

 

Einleitend sei zum Schluss noch festgestellt, dass Proletarisierung ein Vorgang ist, der auch mit Kapitalkonzentration zu tun haben kann: Je mehr einzusetzendes Kapital nötig ist, um eine zur Investition anreizende hinreichende Rendite zu erzielen, desto weniger Menschen werden in der Lage sein, eine selbständige, auf Kapital gegründete Existenz zu führen. Damit ist auch deutlich, dass Proletariat nicht nur absolute, sondern auch relative Armut umfasst, also auch die Existenzen, die sich durch Lohnarbeit ein annehmliches Leben verschaffen können. Wer also zum Beispiel bei einem mittelalterlichen Fürsten oder Großkapitalisten angestellt ist, kann es durch abhängige Arbeit sogar zu erheblichem Wohlstand bringen und sich am Ende sogar selbstständig machen.

 

In diesem Sinne findet bis heute im Kapitalismus eine stetige Entwicklung der Proletarisierung statt, die in den Ländern großen Wohlstandes inzwischen fast alle erfasst, nachdem kleine Selbständigkeit immer vollständiger vom Markt gefegt wird. Damit lässt sich denn auch sagen, dass die allumfassende Untertänigkeit in den modernen Demokratien mit allumfassender Unselbständigkeit im ökonomischen Bereich korrelliert. Unter den derzeitigen Bedingungen eines alles durchsetzenden Konsumismus und der fast kompletten Kommmerzialisierung des Alltags verliert das Wort allerdings dann seine ursprüngliche Bedeutung: Wer nicht einmal mehr Kinder hat, sondern nur noch Geld aus Unselbständigkeit und für den Konsum, ist letztlich nicht einmal mehr Prolet, sondern nur noch schiere Funktion als Agent von Kapital.

 

Bürger sind seit der Entstehung des Wortes nichtadelige Leute, die wirtschaftliche Selbständigkeit vorweisen können, also vor allem Händler, Finanziers und Handwerker. Zusammen mit jenen Vertretern freier Berufe, die ebenfalls für bürgerlich gehalten wurden, machen sie beim Übergang vom hohen zum späten Mittelalter nur knapp die Hälfte der städtischen Bevölkerung aus. Unter dieser später immer öfter zur Minderheit werdenden Gruppe sind die politischen Rechte sehr unterschiedlich verteilt. Die aktive Teilhabe an der politischen Macht liegt bei nur wenigen unter ihnen, im wesentlichen ist sie, soweit überhaupt, beim größeren Handels- und Finanzkapital angesiedelt.

 

Gut die Hälfte der städtischen Bevölkerung kann sich (bei durchweg geschätzten und erschlossenen Zahlen) durch das Mittelalter von dem, was sie besitzt, nicht ernähren. Dazu gehört zunächst einmal die große Masse derer, die vom Land und die Stadt ziehen und als Haushaltshilfen und Gelegenheitsarbeiter anfangen.

 

Unselbständig sind die für Lohn abhängig Arbeitenden in Handel und Finanzen, das sind im Handwerk die Gesellen und Lehrlinge, und soweit werden sie zum großen Teil noch wenigstens für ehrbar gehalten. Das sind dann auch die Dienstboten, insbesondere die „Mägde“, die immerhin noch festangestellt sind, und von denen aus den Kopfsteuerlisten des englischen 14. Jahrhunderts feststellbar wird, dass es sich um 20-30% der städtischen Bevölkerung handelt. Sie wohnen oft im Haus ihrer "Herrschaften".

Dann kommt dazu die zunehmende Gruppe derjenigen, die wöchentlich oder täglich um Lohnarbeit nachsuchen müssen und sich manchmal morgens an festen Plätzen in der Stadt aufhalten, von wo sie für Arbeiten gedungen werden. Dann gibt es da Wasserträger, Müllabführer, die auftauchen, sobald Müllhalden außerhalb der Städte entstehen. Beim Bauen kommen auf einen gelernten Handwerker wenigstens zwei ungelernte Arbeiter.

Ganz wichtig sind auch die Lastenträger und dann auch die Leute, die an Häfen oder auf Baustellen Treträder bwegen

Ganz unten sind die, die um Almosen nachzusuchen gezwungen sind und die Prostituierten, oft Arbeitskräfte eines Lizenzinhabers. Daneben gibt es jene Festangestellten, deren Berufe für unehrlich gelten, wie der des Henkers, die zwar ihren Mann ernähren, aber ihm keine bürgerliche Stellung geben.

 

Festangestellte Unterschicht (Gesellen, Dienstpersonal, Lohnarbeit) wurde gemeinhin auch unter dem Wort Knechte zusammengefasst. Für das 15. Jahrhundert wird angenommen, dass diese Gruppe ein Viertel aller „Erwerbstätigen“ umfasst. Dabei wird geschätzt, dass es etwa so viele Gesellen wie Meister gibt.

 

Der Sonderstatus der Gesellen (wie der Lehrknechte) bestand darin, dass sie in den Meisterhaushalt integriert sind. Deshalb verbieten die meisten Zünfte ihnen auch die Ehe. In manchen Branchen gibt es allerdings die Möglichkeit, nach einer Weile die Familie des Meisters ohne Meisterschaft zu verlassen und sich selbständig zu machen. Das ideale Ziel ist allerdings der Meistertitel und die Möglichkeit, einen selbständigen Betrieb aufzumachen. Die Hürden dafür werden aber im Verlauf des späten Mittelalters von Zünften und Räten immer höher gesetzt, so dass es immer mehr lebenslange Gesellen gibt.

 

Schließlich muss man das Geld für ein immer aufwendigeres Meisterstück aufbringen, ein kostpieliges Zunftessen ausrichten, eigene Rüstung vorweisen, schließlich auch eigenes Vermögen. Wo sollte das aber herkommen, wenn es nicht ererbt wurde?

 

Gesellen (bis gegen Ende des Mittelalters "Knechte") leisten zünftige Lohnarbeit, wie auch Leute, die im Tuchgewerbe oder auf dem Bau arbeiten. Nichtzünftige Lohnarbeit wird erst, seitdem es städtische Steuerlisten gibt, haushaltsweise erfasst, denn im Unterschied zu der im Haushalt eines Meisters eingebundenen Arbeitskraft sind Tagelöhner und Facharbeiter in der Regel verheiratet, besitzen also einen eigenen Haushalt und wohnen in ausgesprochen ärmeren Vierteln. Sie rekrutieren sich nicht zuletzt aus dem Zuzug von Menschen aus dem Umland, die weiter in die Städte strömen und oft mehrere Generationen brauchen, um aufzusteigen, - falls überhaupt.

 

Verbürgerlichendes Christentum

 

Wir wissen heute wenig davon, was die Städter im 11./12. Jahrhundert glaubten, aber um so mehr von dem, was ihnen als Glauben vorgesetzt wurde. Daraus lässt sich erschließen, dass in dieser Zeit vor allem noch wie auf dem Lande Geschichten von Wundern und von Wunder vollbringenden Heiligen zu Gemüte geführt werden, deren Irrationalität jenseits aller Erfahrung die Vorstellungswelt eines entstehenden Bürgertums in zwei Sphären aufteilt: Die zweckrationale des Wirtschaftens und die irrationale des Glaubens. Stärker als die Aufspaltung der Herren in Gewaltätigkeit und christlichen Glauben, die durch milde Gaben besonders an die Kirche und durch Christianisierung der Gewalttätigkeit ausgeglichen werden kann, führt das bei Bürgern zur Dichotomisierung von Vorstellungswelten und zur Kompart-Mentalisierung von ganz unterschiedlicher Erfahrung. 

 

Das, was beide Welten zusammenhält und von Kirche und Kloster unterstützt wird ist der religiöse Aspekt vor allem der kleinbürgerlichen Gesellschaften, die oft aus christlichen Bruderschaften hervorgehen und neben archaischen Festritualen ihren eigenen christlichen Kult entwickeln, mit einem eigenen wundertätigen Heiligen und bald auch mit dem dazugehörigen Altar in einer mit der Gesellschaft verbundenen Kirche.

Kaum etwas wissen wir für diese Zeit von häuslicher Frömmigkeit, während die Herren längst private Kapellen und Altäre manchmal samt dafür zuständigen Kaplanen besitzen. Wir hören aber von den zentralen kultisch begangenen Eckpunkten des christlichen Lebens, Taufe, Beerdigung und nun zunehmend auch kirchlicher Trauung.

 

Daneben ist der regelmäßige Kirchgang Pflicht und dabei auch die Beichte, und dazu kommen kirchliche Festtage, die in einem immer öffentlicheren städtischen Raum stattfinden. Dabei sind die öffentlichen Prozessionen wichtig, in denen nicht nur die Kirche ihre Macht spektakulär demonstriert, sondern eben auch die geschlossen mitziehenden bürgerlichen Gesellschaften.

Solche großen Feste können mit sehr weltlichen Festivitäten verbunden werden, wie der Vorgang des Fastenanbruchs und des Fastenbrechens und vor allem die Spektakel um Ostern und Pfingsten. Sehr weltliche Jahrmärkte und Messen werden gerne mit hohen Festtagen verbunden und manchmal nach ihnen benannt. Nirgendwo wie hier finden kirchliche und klösterliche Macht mit ihrem religiösen Anspruch und blankes Gewinnstreben und Geschäftemacherei zusammen.

 

Es dauert, bis wir sehen können, wie die oberen Schichten des neuen Bürgertums sich die neuen adeligen Wertvorstellungen anverwandeln, in eigene verwandeln. Dabei entwickeln sie neben dem Ehrbegriff der adeligen Krieger Vorstellungen großbürgerlicher Ehrbarkeit. So entsteht mit dem bürgerlichen Gewerbe in der Stadt die bürgerliche Familie, die sich stärker aus den tradierten Verwandtschaftsbindungen heraushebt. Die Werte scheinen auf beiden Feldern die gleichen zu sein: Einhalten von Verbindlichkeiten, Sparsamkeit, Kalkulierbarkeit des Risikos, Planungssicherheit, Gleichstellung des Ansehens von Familie und Geschäft. Was für den Adel auf Gewalt basierende Macht ist, wird für den Bürger das auf den Geflogenheiten des Geschäftes basierende und sich langsam verschriftlichendes Recht.

 

Das Geschäft und das Recht fördern eine neuartige, vernunftgeleitete Bewältigung des Alltags, die aus dem Sündenkanon der Kirche herauswächst und ihn durch einen neuen Katalog von rationaler begründbaren Tugenden und Lastern zu ersetzen beginnt. Da beide in der Stadt nebeneinander und eben auch räumlich getrennt existieren, beginnt eine Koexistenz zweier ihrem Wesen nach diametral entgegengesetzter Welten. Was den menschlichen Sexus betrifft, so wird seine Bedrohlichkeit zwischen Kirche und Bürgertum zunächst wohl unterschiedlich betrachtet: Während die Lust kirchlicherseits dem Menschen eine Erdenschwere gibt, die ihn von der Bewegung himmelwärts abzieht, wird sie bürgerlicherseits in seine Familie integriert, die zugleich das Geschäft ist. Nach und nach übernimmt die Kirche für ihre bürgerliche Klientel Aspekte dieser bürgerlichen Wertvorstellungen

 

Die Koexistenz zwischen kirchlichen und bürgerlich-geschäftsmäßigen Vorstellungen schafft im Bürgertum ein räumlich und zeitlich getrenntes Nebeneinander, in dem sich nach und nach die so gesehene Unabdingbarkeit, quasi Naturnotwendigkeit der Zwanghaftigkeit der Kapitalverwertungsprozesse herausstellt, von denen auch alle nichtbürgerliche Macht abzuhängen beginnt. Das Armutsideal wird für Kirche und Kloster reserviert, das Geschäft hingegen salviert sich mit Spenden und Wohltätigkeit. Am kirchlichen Festtag wird der Kirche gehuldigt, im geschäftlichen Alltag dem Geschäft. In öffentlichen Prozessionen wird die Einheit von Kirche und Bürgertum zelebriert, und indem nach dem Kriegertum und der Ehe nun auch das Geschäft "christianisiert" wird, das "Christentum" ihnen angeglichen wird, entfernt dieses sich immer mehr von den paulinischen und evangelischen Wurzeln des Christentums, um sich dann mit der Kirche darauf zu einigen, dass bürgerliche Ehrbarkeit und Christentum zusammengehören können – jene Ehrbarkeit, der der Jesus der Evangelien mit radikaler Ablehnung begegnet war.

 

Kein Wunder also, das die Häresien auf dem Weg ins Hochmittelalter ihren Ursprung in den Städten haben und aus dem bürgerlichen Milieu herkommen. Soweit sie nicht vernichtet werden, werden sie integriert in eine städtische Welt, in der die Kompartmentalisierung der „Gesellschaft“ in nebeneinander her lebende tatsächliche Gesellschaften stattfindet. Die Widersprüche finden aber nicht nur ihr mehr oder minder gedeihliches Nebeneinander, sie balgen sich auch unter der Oberfläche des Bewusstseins in jedem Einzelnen auf ihre Weise – aber möglichst nicht mehr offen. Die Mahnungen, die die obszön drohenden und zugleich skurrill unterhaltsamen Kleinplastiken an romanische Kirchen hefteten, verschwinden, und gotische Kirchen purifizieren ihren Figurenschmuck: Was als Mahnung bleibt sind die Darstellungen des jüngsten Gerichts, in denen auf der einen Seite die Erlösten bürgerlicher Rechtschaffenheit sich selbst sehen dürfen, während die Obszönitäten der Lasterhaften auf der anderen Seite ihren skurril-unterhaltsamen Aspekt verlieren und einer stärker sadistisch vernunftgemäß eingefärbten Strafmentalität unterzogen werden.

Ansonsten demonstrieren die gotischen Kathedralen vor allem den Triumph eines Bürgertums, welches nun im kirchlichen Rahmen seine Vorstellungen von Ehrbarkeit und Rechtschaffenheit als "Christentum" darstellen kann.

 

Aber stärker als in den Häresien und im Kirchenschmuck brechen die internalisierten Ambivalenzen in der neuen Literatur hervor. Im Tristan des hochgebildeten und vermutlich bürgerlichen Gottfried kulminiert der Sexus als raffinierter Eros und orgiastische erotische Phantasie eingebettet in einen quasi-sakralen Raum, dem zwar nicht der versteckte christliche Einfluss, aber jedes unmittelbar religiöse Gedankengut abgeht, in dem Kirche und Christentum Randphänomene bleiben wie bürgerliche Lebensformen, in einem Phantasialand erotischer Fluchten. Jenseits eines in einen Fiebertraum hochstilisierten gefeierten Eros verendet der Sexus aber im Schmerz, seiner extrem formulierten anderen Seite.

Was Gottfried verloren scheint, taucht bei ihm als Idealbild von Liebe, von rechter Minne im Tristan auf:

 

Ez ist vil wâr, daz man dâ saget:

«Minne ist getriben unde gejaget - Liebe ist vertrieben und verjagt

in den endelesten ort.»

wirn haben an ir niwan daz wort. - nur das Wort ist geblieben

uns ist niwan der name beliben - nur der Name

und han ouch den alsô zetriben, - und der ist zerredet

alsô verwortet und vernamet,

daz sich diu müede ir namen schamet

und ir daz wort unmaeret. - sie mag das Wort selbst nicht mehr

 

sî swachet unde swaeret

ir selber ûf der erde.

diu êrelôse unwerde,

si slîchet under hûsen biten - sie schleicht bettelnd herum

und treit von lasterlîchen siten - trägt...

gemanicvaltet einen sac, - einen mannigfaltigen Sack

in dem s'ir diube und ir bejac - wie Diebe und Bettler

ir selbes munde verseit - es sich vom Munde absparn

und ez ze strâze veile treit. - auf der Straße feilbieten.

ôwê! den market schaffen wir.

daz wunder trîbe wir mit ir - das Wunderliche...

und wellen des unschuldic sîn.

Minne, aller herzen künigîn,

diu vrîe, diu eine

diu ist umbe kouf gemeine! - die ist käuflich geworden

wie habe wir unser hêrschaft

an ir gemachet zinshaft! - bei ihr zum Gelderwerb gemacht

wir haben ein boese conterfeit - wir haben eine böse Fälschung

in daz vingerlîn geleit - an den Ring gemacht

und triegen uns dâ selbe mite. - betrügen uns selbst damit

ez ist ein armer trügesite, - es ist eine arme Lügensitte

der vriunden alsô liuget, - man belügt die Freunde

daz er sich selben triuget. - und betrügt sich damit selbst

wir valschen minnaere, - wir falschen Liebhaber

der Minnen trügenaere,

wie vergânt uns unser tage, - vergehen

daz wir unserre clage

sô selten liebez ende geben! - zu einem guten Ende bringen

wie vertuon wir unser leben

âne liep und âne guot! - ohne Liebe und Güte

nu gît uns doch daz guoten muot,

daz uns ze nihte bestât. - was uns nicht zukommt

swaz ieman schoener maere hât - was jemand an schöner Märe hat

von vriuntlîchen dingen,

swaz wir mit rede vür bringen

von den, die wîlent wâren weiland

vor manegen hundert jâren,

daz tuot uns in dem herzen wol

und sîn der selben state sô vol, - und sind dieses Zustands so voll

daz lützel ieman waere - dass selten jemand wäre

getriuwe unde gewaere - getreu und wahr

und wider den vriunt âne âkust, - nicht gegenüber seinem Freund

ern möhte sus getâne lust

von sîn selbes sachen

in sînem herzen machen. (Tristan, Kapitel 17, Zeilen 12279ff)

 

"Wie vertun wir unser Leben ohne Liebe und ohne Güte." In einer der schönsten Textpassagen aus der Blütezeit deutscher Literatur, die völlig ohne Gott, Christus und ewiges Leben auskommt, wird in Unterstellung früherer, besserer Gegebenheiten der Einfluss des alles durchsetzenden Kapitalismus  auf die Lebensverhältnisse am gravierendsten Beispiel deutlich gemacht: Sogar die Liebe ist, wie die Freundschaft, aus der sie hervorgeht, käuflich geworden und auf den Markt getragen. Das "Herz" wird vom Geld regiert, die innigsten Gefühle sind wohlfeil geworden.

 

Für die Herrenschicht so wie die Kirche ist Arbeit etwas Verächtliches. Entsprechend haben die Wörter für „arbeiten“ in einigen germanischen wie romanischen Sprachen die Grundbedeutung von Mühsal, Quälerei, Tortur. Dagegen entwickelt sich in den Städten ein „Arbeitsethos“ der Handwerker und Kaufleute (auf unterschiedliche Weise), während große Händler, die es zu Reichtum schaffen, versuchen, aristokratische Verhaltensweisen und Lebensformen nachzuahmen. Die Bevölkerung der Städte zerfällt dabei bereits bei deren Aufstieg in eine Oberschicht aus adeligen und nichtadeligen „Geschlechtern“, eine Mittelschicht aus Kleinhandel und Handwerk, und eine breite Unterschicht. Dabei entsteht von vorneherein keine „bürgerliche Gesellschaft“, sondern ein Konglomerat aus förmlichen und formlosen „Gesellschaften“, die nur punktuell zusammenfinden.

 

Das Christentum der Bürger verdünnt sich auch in dieser Beziehung in die schon erwähnte Kompartmentalisierung: Hier bin ich Geschäftsmann, dort frommer Christ. Die Geschäfte werden dabei „christianisiert“, indem sie einer gewissen Rechtschaffenheit unterliegen, und der Bürger der neuen Ehrbarkeit. Nach und nach gelingt es sogar, diese bürgerliche Ehrbarkeit und Rechtschaffenheit zum Kern christlicher Tugendhaftigkeit hoch zu veredeln. Die Kompartmentalisierung schafft aber auch einen vom geschäftlich-familiären Alltag abgetrennten Raum der Frömmigkeit, die darum bei wenigen intensiver, vor allem gefühlsintensiver werden kann.

 

Dem Zerfall des bürgerlichen Lebens in unterschiedliche Abteilungen ging ein anderer seit der Antike in Kirche, Eremitentum und monastische Bewegungen voraus. Letztere entstanden, um Jesu Gebot, ihm zu folgen, ernstzunehmen, was die übrige Christenheit und die Weltkirche selbst verständlicherweise ablehnten. Die Selbstversorgung der Klöster ließ diese spätestens in der benediktinischen Regel ein ganz neuartiges, so nie dagewesenes Arbeitsethos aus dem Geist religiöser Vorstellungen entwickeln: Arbeit als Dienst auf dem Weg zu Gott, streng reglementiert und geradezu paramilitärisch organisiert. Auf dem Weg ins hohe Mittelalter werden Klöster aber oft durch Schenkungen Großgrundbesitzer mit Scharen abhängiger Landbewohner, deren Verhältnis zum monastischen Herrn dem der Abhängigkeit und verhältnismäßigen Rechtlosigkeit von weltlichen Herren entspricht.

 

Den Klöstern als frühmittelalterlichen Herrschaftsbezirken analog zu denen der Bischöfe und der weltlichen Herren entkommen die in und für die neuen Städte entstehenden Bettelorden, die das Armutsgebot als Ablehnung jedweder Arbeit zur Selbstversorgung ansehen, - schließlich hatte sich Jesus offenbar auch als eher arbeitsscheuer Bettler ernährt. Sie knüpfen damit auch an jene städtische Armut im hohen Mittelalter an, die das Gebot der Caritas zum Erwerb arbeitslosen Einkommens und als ein zum Teil sich selbst organisierendes Gewerbe nutzte, bis der Bürgerfleiß anfing, sie zu vertreiben.

 

Wie Menschen allgemein Handwerk auf dem Weg ins hohe Mittelalter erlebt haben, ist kaum mehr aus Quellen ablesbar. Aus dem 12. Jahrhundert kennen wir vor allem den Reflex in den aufgeschriebenen Predigten von Bettelmönchen:

Berthold von Regensburg sagt in der schriftlichen Version: Du Schuhmacher, du brennst die Sohlen und auch die Flecken und sagst: „Seht wie dick!“, wenn sie hart sind. Und wenn der Käufer die Schuhe dann trägt, so geht er kaum eine Woche darauf. Du Betrüger! Du betrügst manchen armen Menschen, denn die Reichen wagst du nicht zu täuschen. (Engel/Jacob, S. 274) Wenig später heißt es bei einem anderen Franziskanerprediger, Ludovicus: Ach, wie viele lügen und bekräftigen ihre Lügen sogar mit einem Eid, indem sie behaupten, dass es gute Ware sei, die sie verkaufen, obschon sie minderwertig ist; sie behaupten auch, teurer eingekauft zu haben und um einen geringeren Preis zu verkaufen. (Engel/Jacob, S. 276)

 

Solche Äußerungen, denen sich bald dann auch weltliche anschließen, lassen sich kaum quantitativ bewerten. Sie beschreiben die Möglichkeiten, die Markt und Warenkonsum für Betrug und Täuschung liefern und die entsprechend auch genutzt werden, wie sehr, lässt sich höchstens vermuten.

 

Es wird später zu untersuchen sein, wie die Zisterzienser selbst arbeitsfreies Einkommen durch neue Formen der Delegierung von Arbeit nach außen erzielen werden und dabei der Entwicklung des Kapitalismus ganz neue Impulse geben.

 

Alles in allem ist das neue Bürgertum aufgrund seiner weltlichen Fundierung nicht imstande, über die eigene Widersprüchlichkeit so hinwegzusehen wie Kirche und Kloster. In den Gaben von Spenden und Almosen bleibt ein Restbewusstsein einer Schuld, die insbesondere die wohlhabenderen Geschäftsleute abzutragen haben. Angesichts des Todes und der Bedrohung durch ewige Verdammnis äußert sie sich in Testamenten, in denen Teile des zusammengetragenen Vermögens und im Extremfall sogar das ganze an Kirche oder Kloster oder direkt an karitative Einrichtungen übertragen werden.

 

Der Handel befriedigt bekanntlich nicht nur Bedürfnisse, er weckt sie. Wenige Kulturen erwiesen sich einst als resistent gegen die Verlockungen von Tand und Flitter, von käuflichen Statussymbolen oder von Waren, die das Leben scheinbar vereinfachten, in Wirklichkeit aber neue Mühen hervorriefen, um an das Geld zu gelangen, um sie zu erwerben. Der Luxusbedarf der geistlichen und weltlichen Großen wurde zu einem Gutteil durch das Wiederaufleben des Fernhandels gefördert, und sobald es bürgerliche Reiche gibt, geht es ihnen genauso. Nicht durch den Stand und Status eines Fürsten oder Adeligen legitimiert, nehmen reiche Bürger durchaus die Ambivalenzen zwischen Verlockungen ihrer animalischen Natur (Begehren/Gier) und den Forderungen eines nicht kulturell vermittelten, sondern seit der Antike als Fremdkörper aufgesetzten Christentums wahr.

Während in der Kompartmentalisierung die Religion aus großen Teilen des Alltags hinausgedrängt wird, insbesondere aus dem Wirtschaften und aus den Betten, ist sie in der Internalisierung als drängender Widerspruch zwischen Norm und Verlockung im Schuldgefühl latent immer präsent. Unter der prächtigen Oberfläche gärt gelegentlich eine zerrissene Persönlichkeit, deren Energien zunehmend auch darauf gerichtet sein müssen, in den Befriedigungen, die Warenkonsum bietet, einen allerdings wenigstens vorrübergehenden Kitt zu finden. Vor den Reformationen bleibt allerdings immer ein Rest des Zweifels, ob Reichtum und möglichst viel davon das zentrale gottgewollte Ziel für einen Christenmenschen sei.

 

Goderich und die Symbiose von Christentum und Handels-Kapital

 

Der Abt Ailred von Rievaulx, der Goderich selbst kannte, beauftragte den Mönch Reginald von Durham, dessen Heiligenvita zu schreiben. Das hatten vorher schon andere getan. Reginald besucht Goderich um 1170 des öfteren in Finchale, und seine Vita macht, was dessen weltliches Vorleben angeht, den Eindruck relativ großer Seriosität. Hier nun Auszüge aus der dritten Version dieses Textes:

 

Beide Eltern waren von geringem Rang und Wohlstand. (vitam pauperem ducebant)… Als er die Kindheit hinter sich ließ, verfolgte er eine klügere Lebensweise, und begann sorgfältig und ausdauernd die Lehren weltlicher Vorausplanung zu erlernen. (coepit adolescentior prudentiores vitae vias) Dazu entschloss er sich, nicht mehr das Leben eines Bauern weiter zu führen, sondern die Grundlagen verfeinerter Vorstellungen zu studieren, zu erlernen und sich in ihnen zu üben. (Unde non agricultura delegit exercitia colere, sed potious quae sagacioris animi sunt, rudimenta studuit arripiendo exercere.) Weil er ein Händler werden wollte, begann er zunächst das Gewerbe eines Hausierers auszuüben, in dem er anfangs kleine Gewinne machte mit Gegenständen von geringem Preis. (Hinc est quod mercatoris aemulatus studium, coepit mercimonii frequentare negotium, et primitus in minoribus quidem et rebus pretii inferioris coupit lucrandi officia discere.)Und dann, immer noch in seiner Jugend, machte sein Geist Fortschritte, indem er nun Dinge von größerem Wert kaufte, verkaufte, und dabei Gewinn machte. (Postmodem vero paulatim ad maioris pretii emolumenta adolescentiae suae ingenia promovere.) Er verbindet sich nun mit Kaufleuten in der Stadt. Bald profitierte der Junge, der sich viele anstrengende Stunden abgemüht hatte, von Dorf zu Dorf und von Hof zu Hof, so durch sein Alter und seine Kenntnisse, dass er nun mit Kollegen seines Alters durch Orte und Weiler reiste, durch Festungen und große Städte, zu den Märkten und den verschiedenen Buden der Marktplätze. (Nam et in primordiis per rura et villanos circumquaque positos coepit cum mercibus minutis pervagando circuire, postmodum vero paulatim se urbanis mercatoribus consociando confoederare. Unde in brevi contigit ut qui per villulas et rura diutius solebat pedibus lassabundis incedere, postea aetate similiter cum sapientiae maioris sagacitate crescente, cum sodalibus coaetaneis coepit per castra et castella, munitiones et civitates, ad nundinas per diversas fori venales officina, ad publica mercimonia exsequenda procedere.)

 

Sein Gewissen (conscientia) hatte damit keine großen Probleme, denn er hatte als Kind das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis gelernt und denkt oft daran. Schließlich reist er ins Ausland, zuerst nach St. Andrews in Schottland und dann das erste Mal nach Rom. Dann schließt erFreundschaft mit einigen jungen Leuten, die bestrebt waren, an Waren zu kommen. So segelt er oft von Britannien nach Schottland und wieder zurück. (Unde sapius de Britannia in Scotiam vadens et rediens)… Er begegnet zu See vielen Gefahren, aber Gottes Gnade (Dei providentia) bewahrte ihn vor dem Untergang. Denn Er, der den heiligen Petrus vor dem Untergang bewahrt hatte (conservaverat), als er auf dem Wasser ging, bewahrte mit derselbe starken Hand sein auserwähltes Gefäß (vas electionis futurum) vor allem Unglück und solchen Gefahren. Deshalb wendet sich Goderich immer intensiverer Heiligenverehrung zu, und er erlernt immer neue Gebete, die er mit Erfolg einsetzt: creberrime expiriri solebat sibi promptae consolationis adesse... Indem er so immer höher und höher strebte, und von ganzem Herzen hoch hinaus wollte, trugen seine Mühen und Sorgen am Ende viele Früchte weltlichen Gewinns. (Tandem semper altiora appetens et ad proveciora cordis desiderio suspirans, de nimio labore sollicitudinum, multimodi provectus secularis assequi promeruit emolumentum.)

 

Inzwischen ist er auch Schiffer, und bewegt sein Schiff nach Dänemark, Flandern und Schottland. In all diesen Ländern findet er seltene und darum besonders kostbare Waren, welche er in andere Gegenden befördert, wo sie wenig bekannt sind und von den Einwohnern mehr als Gold begehrt werden. Darum tauscht er diese Waren gegen andere, die anderswo begehrt sind. (In quibus singulis terrarum finibus aliqua rara et idio pretiosiora, reperiens, ad alias secum regiones transtulit, in quibus ea maxime ignota fuisse persensit,, quae apud indigenas desiderabiliora super aurum exstiterant.)… Und so machte er großen Gewinn in all seinen Geschäften und sammelt viel Gewinn im Schweiße seines Angesichts an. Denn er verkaufte an einem Ort die Waren teuer, die er anderswo billig eingekauft hatte. (De quibus singulis negotiando plurimum profecerat, et maximas opum divitias in sudore vultus suisibi perquisierat; quia hic multo venundabat quod alibi ex parvi pretii sumtibus congregaverat).

 

Dann kaufte er die Hälfte eines Handelsschiffes zusammen mit einigen Handelspartnern (cum sociis negatiatoribus), und wieder durch seine vorsichtige Klugheit (sua prudentia) kaufte er den vierten Teil eines anderen Schiffes.Auf die Dauer erwarb er sich durch seine Navigationskünste, in denen er alle seine Genossen übertraf, die Beförderung zum Posten eines Steuermannes.

 

Nun werden seine ganzen körperlichen Vorzüge und Talente beschrieben. Dann: Auf seinen verschiedenen Seefahrten besuchte er die Schreine vieler Heiliger unter deren Schutz er sich auf das allerfrömmste stellte, insbesondere in der Kirche von St. Andrews (domicilium Sancti Apostoli Andreae) … Auf dem Weg dorthin berührte er oft die Insel Lindisfarne, wo der heilige Cuthbert Bischof gewesen war, und die Insel Farne, wo der Heilige als Eremit gelebt hatte. … Von hieran begann er sich nach der Einsamkeit (solitudo) zu sehnen, und er schätzte seine Waren geringer ein (negotiandi lucra exinde paulo minus aestimare).

 

Jetzt hatte er sechzehn Jahre als Kaufmann gelebt, und er begann daran zu denken, die Güter, die er so mühsam erworben hatte, als Almosen zu geben, zu Gottes Ehre und Dienst (...in Dei famulatu atque obsequio exspendere proponebat). Er pilgert nach Jerusalem und auf dem Rückweg besucht er auch Santiago de Compostela. Bald darauf wird er eine Art Majordomus im Haus eines reichen Mannes in seiner Heimat. Als er seinem Herrn von den Missetaten der jüngeren Männer des Haushaltes (Viehdiebstahl zum Beispiel) berichtet, wehrt dieser ihn ab. Er verlässt also auch diesen Posten und pilgert nach St.Gilles und nach Rom. Als er später wieder nach Rom pilgern möchte, bittet seine Mutter mitkommen zu dürfen. Sie reisen nach London und sie waren kaum von dort abgereist, als die Mutter sich ihrer Schuhe entledigte und derart barfuß nach Rom reiste, und von dort barfuß zurück nach London. Der heilige Goderich, der demütig seiner Mutter diente, hätte sie gerne die ganze Strecke getragen.

 

Bald nach der Rückkehr verkaufte er alle seine Besitztümer und verteilte sie unter den Armen.(Coepit omnia quaesita vendere, pauperibuis eorum pretia erogare.) Nachdem er dann seinen Eltern von seinen Absichten erzählt und ihren Segen erlangt hatte, ging er fort an einen ungewissen Ort, nämlich dorthin, wohin ihn der Herr führen würde. Denn mehr als alles andere begehrte er das Leben eines Einsiedlers.

 

In den fast zweihundert Jahren nach der Beschreibung der Kaufleute von Tiel hat sich offensichtlich viel geändert. Da ist natürlich zum einen der vom entstehenden Kapitalismus und von der Kirche beförderte Zivilisierungsprozess und zum anderen die Zielperspektive Reginalds von einer sich entwickelnden Heiligkeit Goderichs, die sich alles aussucht, was da hinführt. Aber viel wichtiger ist etwas anderes: Es fehlt die Kritik des geistlichen Autors an der Sünde des Geizes bzw. der Gier, die nun einmal aus christlicher Sicht zu einem Kaufmann gehört, dessen erstes Augenmerk auf seinen sehr weltlichen Gewinn gerichtet ist. Vielmehr ist seine ganze Vita eine einzige Erfolgsgeschichte von Anfang an. Frühes kapitalistisches Erwerbsstreben führt (hier) zur Heiligkeit.

 

Goderichs prudentia erlaubt ihm den Schritt von der ehedem gottgefälligeren Landwirtschaft zum Handel und schließlich zu beachtlichem Reichtum, den der Autor als Weg zur Heiligkeit positiv beschreibt. Die frommen Eltern geben ihm nur das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis mit auf den Weg, wohl in mündlicher Tradition, und diese Minimalformeln widersprechen offenbar inzwischen auch nicht einem Kaufmannsdasein, sein Gewissen bleibt rein. Das einzige, was da später noch dazu kommt, ist eine ausgiebige Heiligenverehrung und sind eine Anzahl weiterer vorgegebener Gebete, über die wir im  Detail nichts erfahren.

Goderich bleibt also in Unkenntnis der evangelischen Botschaft, und er kennt entsprechend den krassen Unterschied zwischen seiner und der dort propagierten Lebensform nicht. Das dürfte beim Autor seiner Vita anders sein. Da es sich dabei um eine geistliche Auftragsarbeit handelt, wird er wohl der Regel gefolgt sein, dass ein Heiliger in seiner Vita ein wenig bzw. ursprünglich (fast?) gar nicht sündiger Mensch zu sein hat. Aber um 1200 wäre es längst möglich gewesen, Heiligkeit auch aus der Abkehr von der Sünde zu beschreiben. Es wird deutlich dass sich inzwischen Heiligkeit und tugendhaftes (?) Kaufmannsleben nicht mehr widersprechen.

Christliche Heiligkeit hängt also nicht an der evangelischen Botschaft, sondern an der Anerkennung der magischen Qualität von Heiligtümern. Der vermutlich bis zum Schluss illiterate Kaufmann ist offenbar auch nicht von Priestern oder Mönchen ins Christentum eingeführt worden, sondern knüpft unmittelbar an die magischen Vorstellungen vorchristlicher Zeit an.

 

Nehmen wir an, dass Goderich selbst meint, ein christlicher Kaufmann zu sein und einer christlichen Seefahrt zu frönen, so bleibt immer noch, dass er nach damaligen Vorstellungen erst als älterer Mann davon ablässt, und erst als richtig alter Mann jenes Eremitenleben anstrebt, - was so etwas wie Heiligkeit bedeuten soll. Damit ließe er sich in jene mittelalterliche Vorstellung einreihen, dass Heiligkeit für Bürger und Adelige bestenfalls eine Sache des Alters sei, oder gar erst etwas, dem man sich angesichts des Todes zuwendet, - so wie Frömmigkeit und Kirchgang später einmal zu einer Sache alter Weiber werden wird.

 

Der geistliche Autor hält es nicht für Kompartmentalisierung, wenn Goderich den besten Gewinn herausschlagen möchte, und dann bei nächster Gelegenheit vor Anker geht, um am Ort der Reliquien eines Heiligen zu beten. Er findet es auch nicht problematisch, dass die zweite, zeitliche Kompartmentalisierung (erst weltliches, dann geistliches Leben) zwei Extreme gegeneinander setzt, Extreme deshalb, weil auf der einen Seite die Eremitage steht, die auch so etwas wie radikale örtliche Kompartmentalisierung als Abgrenzung bedeutet, und auf der anderen Seite die große weite Welt des seefahrenden Händlers.

Reginalds Bericht beruht angeblich nicht zuletzt auf den Worten des alten Heiligen selbst. Aber wir werden nicht erfahren, was in dessen Innerem tatsächlich vor sich gegangen ist. Frommes Handeln ist äußerlich, sichtbar, es fehlt die Darstellung innerer Bewegung. Vielleicht hat Goderich selbst keine Widersprüche wahrgenommen, was seinem geringen Christianisierungsgrad entsprochen hätte. Zwischen den frühen Heiligen der späten Antike und denen des hohen Mittelalters ist kaum noch Ähnlichkeit zu erkennen, was nicht verwundern kann. Goderich ist kein antiker Märtyrer, sondern ein erfolgreicher Geschäftsmann.