Körper 3: KÖRPERLICHKEIT, SEXUS; EROS UND LIEBE (12.Jh.) (in Arbeit)

 

Noch einmal das Obszöne

Ermengard und Bertrada

Philippa und Wilhelm

Wilhelm, der Troubadour

Bernart de Ventadorn

Hohe Minne

Liebe und Schmerz

 

 

In diesem Großkapitel wird es im wesentlichen um jenen höheren Adel gehen, der anfängt, sogenannte höfische Lebensformen zu etablieren. (Großkapitel...). Diese beginnen in Text und Bild aufzutauchen, wobei es aber wohl mehr um deren Propagierung als um bereits reale Praxis geht. Es ist aber zunächst auch immer noch die Zeit jener romanischen Kleinplastiken, in denen das Verwerfliche bis hin zum Obszönen breiten Raum einnimmt (Großkapitel ...). Aber mit dem Auftauchen der sogenannten Gotik werden sie zunächst verniedlicht und dann verschwinden.

 

Wir befinden uns in der Zeit der Entfaltung von Kapitalismus, wobei die Handelsstädte des Mittelmeerraumes noch ihren Vorsprung behalten. Aber zunehmend verallgemeinert sich jener Vorgang, in dem einmal eine Herrenschicht Teile der Produktion von Landwirtschaft und Handwerk abschöpft, damit auf dem Markt Waren kauft und dem Handel so Kapitalbildung ermöglicht.

Inzwischen wächst zudem mit den Städten deren Gewerbe, es bildet sich eine unteradelige Oberschicht, die in die Führung der Städte einbezogen wird und selbst auf dem Markt Waren nachfragt. Neben den immer festgelegterederen n Regeln feudaler Strukturen gewinnen die des Marktes und des Kapitals eine Bedeutung, die wirtschaftlich die auf Großgrundbesitz basierenden zu überwuchern anfangen, ohne aber im Norden und Westen deren politische Machtposition mindern zu können.

 

Es sind ritterlich-höfische und daneben und sich wo möglich an ihnen orientierend bürgerliche Körper-Vorstellungen, die entwickelt werden. In ihnen wird das, was vom Christentum integrierbar ist, in einen explizit weltlichen Raum hineintransformiert und der Rest in einen kirchlichen Raum förmlicher abgeschieden. In diesem Vorgang, der sehr stark auch einer der Erotisierung des Sexus ist und der Verfeinerung des Gefühlshaushaltes, wird die Lust und überhaupt irdisches Vergnügen stärker einem Anspruch zivilisierter Ordentlichkeit unterzogen, eine Bemühung, die das, was wir bislang anachronistisch als das Obszöne im weitesten Sinne betrachtet haben, nun tatsächlich soweit als solches sieht, dass es aus der Öffentlichkeit nach und nach verschwindet und sich in die dunkleren Sphären unterhalb des Bewussten senkt. 

 

Damit ist ein tatsächlich zur Gänze nachantikes Zeitalter angebrochen, mit wesentlich komplizierter strukturierten Persönlichkeiten, die einen möglichst stabilen Zuckerguß über das komplexer werdende Innere legen und dieses nach Kräften zu verleugnen versuchen. Am offensichtlichsten wird das noch bei der interessantesten überlieferten Persönlichkeit der Übergangszeit, jenem Herzog Wilhelm von Aquitanien, der als der erste Troubadour gilt.

 

Was aus der Korrektheit der Öffentlichkeit und dann aus dem Bewusstsein in jenen dunklen Bereich darunter verlegt wird, ist unmittelbarer Auseinandersetzung und Bearbeitung entzogen, aber dadurch weder weg noch weniger virulent. Ganz im Gegenteil bricht es sich dort explosiv Bahn, wo es in Übereinstimmung mit der Macht dazu Rechtfertigung findet. Dazu mag das folgende Beispiel dienen.

 

 

 

Noch einmal das Obszöne

 

Das hohe Mittelalter spricht zwar vom sexuellen Begehren und der Liebe, aber es dauert lange, bis es zu erotischen bildlichen Darstellungen kommt. Stattdessen wird in Bildern das offen Sexuelle zunächst weiterhin vornehmlich aggressiv-obszön, es ist dabei das, wovon die Kirche meint, dass es genau das unbezähmt ohnehin sei.

 

Das Relief aus dem Mailänder Castello-Museum stammt vielleicht aus der Zeit der Italienzüge Kaiser Friedrichs I. Barbarossa und bezeugte dann den wiederaufflackernden Stolz der Mailänder nach der Zerstörung ihrer Stadt durch den Kaiser und ihrem Wiederaufbau. An einem Stadttor angebracht, zeigt es vielleicht die Gemahlin des Kaisers, Kaiserin Beatrix (von Burgund), wie sie in obszöner Pose ihr Gewand vorne hebt, so dass die Scham entblößt ist, und wie sie wie eine Hure (?) mit dem Rasiermesser sich die Schamhaare abrasiert. Bei der Gelegenheit zeigt sie hier ihre unbehaarten Schamlippen. Sie ist dadurch offen für den aggressiven Spott der Abgehärteten und die Abscheu der Frommen.

Die Anstrengungen der weiteren Zivilisierungen werden von nun an am Rand des jeweils gerade Korrekten Energien aus dem unterbewussten Raum in den bewusster Aktivität zerren. Die Wirklichkeit zerteilt sich in eine erlaubte und eine verbotene und zugleich mindestens unter der Hand anerkannte, Sublimierung und Moralisierung der Geschlechterbeziehungen gehen zusammen mit der zunehmenden Etablierung und Legalisierung von Prostitution, das immer allgemeinere Propagieren von Frieden mit dem weiter perfektionierten massenhaften Töten und Zerstören, wenn es nur einem guten Zweck dient.

 

Wenn die obige Deutung stimmt, dann ist sie ein gutes Beispiel dafür, wie der offiziell ins Dunkel versenkte Sexus sich Bahn bricht in aggressiver politischer Propaganda. Das beginnt schon mit der massiven Kritik am Geschlechtsleben Kaiser Heinrichs IV.  und wird dann seine Blüte bei den letzten Staufern finden.

Der Dominikaner Iacopo d'Acqui schreibt so kurz vor 1300 über den König beider Sizilien: König Manfred hatte wie ein zweiter Salomo schönste Frauen und Mädchen ohne Zahl zu seinem Willen. Und wenn er lange Zeit gelebt hätte, hätte er ganz Italien in den Brunnen der Lüste versenkt, und die Kirche wäre völlig heruntergekommen. (in Staufer und Italien, S.269)

 

Das Lied der Lieder

 

Die Sublimierung eines zunehmend aus dem öffentlichen Blick verdrängten Sexus in Erotik wird nirgendwo deutlicher als in der religiösen Verdichtung des Erotischen im Cantus Canticorum.

Das auf den ersten Blick Erstaunliche ist, dass das Lied der Lieder vor allem seit den Klosterreformen, die mit das Hochmittelalter einleiten, zu einer Sache der Mönche wird. Niemand hat mehr als Bernhard, Abt von Clairvaux, zudem guter Kenner von Ovid, diese poetisch-erotischen Zeilen transformiert in solche einer gefühlsintensiven Liebe zum christlichen Gott. Daraus entsteht eine (fast?) mystische (Fast)Vermählung des gläubigen Mönchs und der gläubigen Nonne mit seiner Maria und ihrem „Bräutigam Jesus“ dank intensiver Vorstellungskraft. Bernhard wird seine Mönche schon einmal in einer seiner Predigten fragen, ob sie nach intensiver Meditation nicht den „Kuss des Bräutigams auf dem Mund“ verspürt hätten.

 

In rund achtzig Predigten über das Lied der Lieder versucht Bernhard um 1100, die sinnliche Erotik dieser Poesie in eine umzuformen, die sich nur noch rein in der Vorstellung abspielt, wobei sich dem unfrommen Betrachter immer wieder die Frage aufdrängt, was das mit Mönch und Nonne macht. Aber diese im Hochmittelalter noch introvertierte, noch nicht barock ekstatische Intensivierung der Gefühle wird sich auf das ganze Abendland auswirken, mehr in den katholisch gebliebenen als in den reformierten Regionen mit ihrer vorgeblichen vernünftigen Nüchternheit.

 

Rupert von Deutz schildert, wie bei seiner Andacht vor dem Kreuz der Gekreuzigte seine Augen auf ihn richtet. Doch das war mir nicht genug. Ich wollte ihn mit Händen berühren, umarmen, küssen ...Ich spürte, dass er es wollte ... Ich hielt ihn, umarmte ihn, küsste ihn lange. Ich spürte, wie er zögernd diese Liebkosungen zuließ - da öffnete er selbst seinen Mund, damit ich tiefer küssen könne.

Mechthild von Magdeburg wird sich in einer Vision sehr erotisch vor ihrem himmlischen Bräutigam entkleiden.

 

Diese von ihren Quellen her altorientalische Erotik, neben den Psalmen wohl das Poetischste, was wir aus dem damaligen hebräischen Sprachraum kennen, ist noch nicht berührt von Religionen, die Frauen abwerten und erotisch poetisierte Sexualität in die angstbesetzte Sünden-Ecke stellen. Solche orientalische Poesie, die im muslimischen Mittelalter in etwas anderer Gestalt wieder auftaucht, wird die abendländische Sprache um ein Kolorit und eine Prächtigkeit bereichern, die zum Beispiel die erotischeren Briseis-Passagen in Homers Ilias oder die erotische Poesie eines Ovid weit übertrifft. Die rund 30 Kommentare des 12. Jahrhunderts machen das deutlich.

 

In Teilen der abendländisch-mittelalterlichen Liebeslyrik wie -Prosa wird sich das enorm bereichernd auswirken. Hier ein Beispiel aus den späteren „Briefen zweier Liebender“ in der Übersetzung der Manesse-Ausgabe - ein Brief der Frau:

 

Ihrem Zedernhaus wünscht die elfenbeinere Statue, auf die sich das ganze Haus stützt: das Schneeweiß, den Mondenglanz, die Sonnenglut, den Sternenstrahl, den Rosenduft, die Lilienpracht, die Balsamsüße, die Erdfruchtbarkeit, die Himmelsheiterkeit - und all das, was darin an Süße enthalten ist.

Die Zither mit der Pauke soll dir beim Singen lieblich beistehen! Wenn auf meinen Wunsch, mein Geliebtester, auch eine Tat folgte, dann würde ich dir das, was ich jetzt schreibe, leibhaftig überbringen...

 

Die Entzifferung der erotischen Metaphorik fällt natürlich dem schwer, der zum Beispiel die entsprechenden biblischen Textstellen nicht kennt. Aber ich vermute, ganz verhagelt wurde der Zugang zu erotischer Metaphorik erst durch die Pornographisierung des Alltags, die kommerzielle Ausbeutung menschlicher Sexualität, jene Kälte aus Prüderie und Gier, wie sie uns inzwischen täglich aus so vielen Werbebotschaften Sinnlichkeit zerstört.

 

Zwischen dem 'Lied der Lieder' und diesem wohl eher dem 13. als dem 12. Jahrhundert entstammenden Liebesbrief klafft eine breite Zäsur. Der christlichen Abwertung der Geschlechtlichkeit ist es zwar nicht gelungen, hier eine Abwertung ihres sinnlich-physischen Aspektes durchzusetzen, aber der Conditionalis des letzten Satzes zeigt, dass es eine Öffentlichkeit gibt, die diese beiden Liebenden behindert.

 

Aber ganz langsam merken die ersten Frommen dann doch, dass es sich hier um wenig Frommes handelt. In Klöstern des 12. Jahrhunderts führt das "Hohelied" zur Interpretation der Zeugung Jesu als Ergebnis eines heiligen Geschlechtsverkehrs zwischen Gott und Maria, und wir werden dann sehen, wie sich die kirchliche Doktrin langsam der für sie nicht mehr zu bewältigenden Thematik verschließt.

 

 

Reinigung

 

Mit der Sakralisierung eines christlichen Kriegertums in der neuen Vorstellung von Ritterlichkeit, wie sie über die kirchliche Friedensbewegung, die Reconquista und die Kreuzzüge in den Orient entwickelt wird, wird veredelte kriegerische Gewalttätigkeit zu einem Abwaschen von Sünden für das neue Rittertum erklärt.

 

In der Mitte des 12. Jahrhunderts ruft der Trobador Marcabru in seinem 'Vers del lavador' nach dem gescheiterten zweiten Kreuzzug, der Niederlage der Kreuzfahrer von Damaskus und der Nachricht von dem Ehekrach zwischen dem frommen König Louis und seiner Eleonore (von Aquitanien) zum Heiligen Krieg der Reconquista auf, die gerade dabei ist oder aber Tortosa schon von den "Heiden" erobert hatte (Ich übernehme die Version von Linda Paterson und ihre historische Einordnung in J.Phillips/ M.Hoch (Hrsg), The Second Crusade: Scope and Consequences. Manchester UP, 2001), S.133ff)

 

Pax in nomine Domini!

Marcabru machte die Worte und die Töne (so).

Hört, was er sagt:

Wie uns gemacht in seiner Güte (dousor)

der himmlische Herr (seignorius),

in unserer Nähe einen Waschplatz (lavador)

den es außer in Übersee (outramar) nicht gegeben hat

in der Nähe von Josaphat;

und meine Aufforderung betrifft den bei uns.

Wir müssen Tag und Nacht waschen

so wie es recht ist,

so versichere ich euch.

Jeder hat die Gelegenheit sich zu waschen

Solange ein jeder dazu noch imstande ist:

soll er zum Waschplatz gehen,

denn es ist eine wahrhafte Medizin (medicinaus),

gehen wir nämlich vorher in den Tod

haben wir statt eines hohen Hauses eine niedere Herberge (alberc).

Aber Habgier und Unglaube (no-fes)

trennen den jugendlichen Mann von seinem Gefährten (conpaignon).

Ai, was für ein Schmerz (cals dols es)

dass all die vielen zu dem Ort fliegen

dessen Dank ist!

Wenn wir nicht zum Waschplatz eilen

bevor wir den Mund und die Augen geschlossen haben,

dann ist da nicht einer nicht fett von Stolz (orgoill)

der nicht im Sterben einen starken Gegner findet.

Denn der Herr, der alles weiß was ist

und alles, was war und sein wird

hat uns versprochen

die Krone und den Namen des Imperators;

und ihre Schönheit wird geistig (sabencaus) sein

die sie am Waschplatz scheinen wird

mehr als der Morgenstern,

falls wir die Schmach Gottes rächen

die sie ihm hier wie dort in Damaskus angetan haben.

(........)

Aber wer wollüstig ins Horn stößt (corna-vi)

nach Essen und Trinken giert,

am Kaminfeuer hockt,

dieser Plünderer bleibt zurück.

Und Gott möchte die Tapferen (arditz) und Klugen (saus)

an seinem Waschplatz erproben,

und die anderen bewachen die Häuser (ostaus)

und vergraben ihren coutre (?) im Garten,

weswegen ich sie in ihre Schande jage (?).

(...... etc.)

 

Natürlich haben die höfischen Reinheitsvorschriften eine legitimatorische Funktion für die höheren Stände. Aber sie haben auch etwas mit Körperlichkeit zu tun und etwas mit Christianisierung, die ohnehin anders verlief, als es sich die hochmittelalterliche Reformkirche vorgestellt hatte. Die reine Seele des guten Gewissens und die körperliche Reinlichkeit neuen Stils entwickeln sich in der Laienwelt der Oberschichten gleichzeitig.

 

Irmengard und Bertrada

 

Auf Abbildungen aus der Manessischen Liederhandschrift erhört die geliebte Frau den Minnesänger. Nach dem Ende der Zeit des Minnesangs sind solche putzig-fröhlichen Männerphantasien offenbar möglich. In der Zeit, die in diese „kulturelle“ Wende hineinführt, werden einige der privilegierten unter den Frauen lyrisch, allerdings meist, ohne Lieder zu schreiben, und auch ohne Heiterkeit. Stattdessen flüchten sie vor der Männerwelt ins Kloster, und das in dieser Zeit des öfteren.

 

1060 vermacht der kinderlose Gottfried Martell die Touraine seinem Neffen Gottfried le Barbu, und dessen Bruder Fulko 'Le Réchin' die Saintonge und Vihiers. Martell hatte es geschafft, sich und sein Reich gegen den Francier (Frans) zu behaupten.

 

1061 schafft es Wilhelm von Aquitanien, sich die Saintonge unter den Nagel zu reißen, was Quellen auf den fehlenden Einsatz von Gottfried zurückführen. 1067 lässt Fulko IV. Gottfried überfallen und einsperren und ab 1068 dann für 28 Jahre lang im Kerker seiner Burg von Chinon verschmachten. Dann versucht Fulko, mit den Anhängern seines Bruders fertig zu werden, was nicht dauerhaft gelingt. Zu seinen Getreuen gehört der Vater von Hersendis de Champagne.

 

Der Réchin (der Zänker, wie Fulko IV. genannt wurde), pernimium libidinosus, wie er in den Chroniken des Anjou bezeichnet wird (gulositati, ebrietati, libidini, inertiae et pigritiae subiacuit), ist am Ende nach vier anderen Ehefrauen mit Bertrada von Montfort verheiratet, einer wohl ausnehmend schönen Frau, die ihm den fünften Fulko als Sohn schenkt. Sie war von ihrer Tante Elvisa/Heloisa von Evreux aufgezogen worden. Ordericus Vitalis berichtet in seiner Kirchengeschichte, sie sei geradezu vom Herrn von Evreux gegen erhebliche Ländereien verhökert worden. (III, 8)

 

Ermengard(e) ist eine Tochter dieses Grafen von Anjou. Am Hof von Angers wächst sie in einem Milieu auf, in dem Dichtung und Gelehrsamkeit zu Hause sind. Andererseits ist ihr Vater ein Haudegen wie ihr wohl erster Ehemann, der neunte Wilhelm von Aquitanien. Aufgrund zu enger Verwandtschaft bietet sich dem Herzog die Möglichkeit, sie kurz nach der Hochzeit wieder zu verstoßen. Dies gerät ihr aber nicht zum Glück, denn kurz darauf, um 1092, wird sie in die – wie manche meinen - kulturelle Einöde des Grafen Alan von der Bretagne verheiratet. Dort beschert sie ihm drei Kinder.

 

Um 1106 taucht sie im Kloster von Fontevrault bei Robert d'Arbrissel auf, wo sie sich einige Zeit aufhält, um dort dann wieder zu verschwinden. Der gestrenge Gottfried, Bischof von Vendôme wirft ihr das dann auch in einem Brief an sie vor: Adulantiam lingue, also ihr schäbig schmeichelnde Stimmen, iterum sociassent mundo, hätten sie also wieder mit der „Welt“ zusammengebracht, wo sie als Geschöpf ihrem Schöpfer zwischenzeitlich doch so nah gekommen sei.

 

Sie taucht dort in den Quellen als jahrzehntelange verantwortungsvolle Herrscherin auf, aber nach wenigen Jahren Ehe scheint sie sich doch an Robert d'Arbrissel gewandt zu haben. Offenbar wollte sie in sein Kloster flüchten. Du tatest, was du konntest, du flohst. Die Kirche brachte dich zurück, schreibt er ihr als Antwort auf einen Brief von ihr an ihn, der nicht erhalten ist.

 

Die hohen Herrren waren zum großen Teil nicht nur edle Rabauken zu Pferd und mit dem Schwert in der Hand, sondern sie waren gelegentlich auch Rabauken gegenüber den Frauen. Und bevor dem einen oder anderen das „Ich“ lyrisch wird, kämpfen Frauen gegen deren Rabauken-Ich, und sie tun das auch, indem sie manchmal die Flucht ergreifen. Robert d'Arbrissel und Fontevrault werden ein Fluchtpunkt, so wie Clara später und schon vor einer Verehelichung zu Francesco Bernadone, dem heiligen Franzsikus, entkommt.

 

Ermengarde wollte sich wohl scheiden lassen, wiewohl die Quellen nichts nachteiliges über ihren Gemahl vermelden, was aber nicht viel heißen muss. Leider war der Scheidungsgrund – zu enge Verwandtschaftschaft – offenbar nicht nachweisbar. Tochter Hedwig war blutjung an Balduin von Flandern verheiratet worden, wohl vom Vater, und dieser Balduin war berüchtigt ob seiner Grausamkeit. Robert d'Arbrissel schreibt tröstend: Wegen der Sünde an deiner Tochter, die du dem Tod übergeben hast, bist du sehr besorgt. Bete demütig und kniefällig zu Gott, damit er dich befreit und du nicht verdirbst. Versuche auf irgendeine Weise die Trennung deiner Tochter erreichst.

 

Als Experte für die Lust des Leidens im richtigen Handeln schreibt Robert ihr als Einstieg in seinen Brief, den man als Manuskript in der Stadtbibliothek von Vendôme einsehen kann, oder aber im Internet, dass vorgetäuschte Tugenden schlimmer als ausgelebte Laster seien. Und: Virtus enim medium vitiorum est. Die Tugend liegt nämlich im richtigen Maß der Mitte zwischen den Lastern.

Wahrhaftig: So wie er erforscht, dass es die Nähe zur (attraktiven) Frau ist, in der sich die Tugend erprobt, so soll sie „in der Welt“ bleiben, um den Lustschmerz jener Heiligkeit zu erfahren, die das Ausgesetztsein gegenüber den Schrecken der Welt erst ermöglicht:

 

Du bist verheiratet, du kannst nicht durch das Gesetz entheiratet werden. (Conjuncta es; non potes disjungi lege.) Du hast keine Zeugen, die für dich Zeugnis ablegen (dass die Ehe illegitim sei). Es gibt keinen anderen Weg, durch kirchliches Urteil getrennt zu werden. Dein Wunsch war es, die Welt zu verlassen und dich selbst zu verleugnen und nackt dem nackten Christus am Kreuz zu folgen. (ut mundum relinqueres, et te ipsam abnegares, et nuda nudum Christum in cruce sequereris). Aber bete zu Gott deinem Herrn, dass er nicht deinen Wille tue, sondern seinen mit dir. Wir lesen im Evangelium, dass der Sohn Gottes, dabei, sich für uns zu opfern, als er zum Vater vor der Passion betete, sagte: Vater, wenn es möglich ist, lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Aber nicht, wie ich es will, sondern wie du willst.

 

Robert wurde immer wieder vorgeworfen, dass er Frauen in seine Gemeinschaft aufnahm, die aus ihren Ehen flüchteten. Aber offensichtlich lud er sie nicht dazu ein. Vielmehr rief er sie auf, dort zu bleiben, wo der irdische Schrecken herrscht, den er sehr deutlich beschreibt:

 

Kümmere dich nicht zu sehr um die Änderung von Ort und Gewohnheit. Habe Gott in deinem Herzen, ob du in der Stadt oder am Hof lebst, in einem elfenbeinernen Bett oder in wertvollen Kleidern, beim Heer, vor Gericht oder auf einem Bankett. Liebe, und Gott wird bei dir sein. Du wirst unter barbarischen und ungebildeten Männern leben und es wird dir scheinen, du könntest dort nichts gutes tun. Die Doktoren (gemeint sind wörtlich: Gelehrte), Bischöfe, Äbte und Priester sind Simonisten (Geldgierige), die Fürsten ungerecht und Plünderer, ehebrecherisch und blutschänderisch, das Volk in Unkenntnis des Gesetzes Gottes (gemeint ist die Nächstenliebe vor allem). Niemand tut Gutes, keiner sagt Gutes, jedermann wendet sich gegen die Wahrheit. Es gibt keine Wahrheit, es gibt keine Gnade, es ist keine Bildung (als Erkenntnis Gottes) mehr im Land. Lügen, Ehebruch, Mord überschwemmen es und Blut berührt Blut. Die Erde ist mit Blut infiziert und vergiftet durch ihre Werke, und sie betreiben Unzucht in ihrem Erfindungsgeist. Und Gott ist mit Zorn über seine Leute beladen und verabscheut sein Erbe und liefert sie den Händen der Ungläubigen aus, den unreinen Geistern und sie werden beherrscht von denen, von denen sie gehasst werden. Aber fürchte nicht solche Feinde Christi.

(Nullus agit bonum, nullus dicit bonum, omnes contradicunt veritati. Non est veritas, non est misericordia, non est scientia in terra illa. Mendacium et adulterium et homicidium inundaverunt, et sanguis sanguinem tetigit. Et interfecta est terra in sanguine, et contaminata est in operibus eorum, et fornicati sunt in adinventionibus suis. Et iratus est furore Dominus in populo suo, et abominatus est hereditatem suam et tradidit eos in manus gentium, id est immundorum spirituum, et dominati sunt eorum qui oderunt eos.)

 

Das ist das ausgehende frühe Mittelalter, von unten und von einem moralischen (christlichen) Anspruch her gesehen; mittendrin zitiert werden die Donnerworte des Propheten Hosea an sein Volk Israel (Non est veritas ... sanguinem tetigit) - ein Verweis, dass das hier auch ein uralter Topos ist, die alte Klage um die Verworfenheit der Menschen, biblisches Erbe.

 

Das ist die sehr prosaische Grundlage, auf der sich das neue lyrische Ich erheben wird, und es wird sich auch in Franz von Assisi erheben, neben dem Lanzelot des Chrétien de Toyes, neben dem 'Parzival' von Wolfram von Eschenbach, neben dem 'Tristan' von Gottfried von Straßburg und neben das Nibelungenlied des anonymen Passauer Mönches. Tochter Hedwig wird übrigens um 1111 von Papst Paschalis II. geschieden werden.

 

Etwa gleichweit entfernt von den Städten Tours, Poitiers und Angers, war Fontevrault (heute: Fontevraud) nicht außerhalb der unmittelbaren Reichweite von Wilhelm von Aquitanien, der zugleich Graf von Poitiers war. Und er war nicht außerhalb der Reichweite der Sichtweise dessen, was seine vermutlich erste Frau innerlich antrieb. Das war für ihn offenbar sehr lange Quell enormen Grolls. Um das zu ermessen, seien einige frühe Zeilen des ersten Trobadors zitiert:

 

Auf einem weichen Pfühle / kenne ich alle Spiele; / da weiß ich, wie man's macht - / bei Tag und bei Nacht. // Bin ein begehrter Mann / Nie mich vergessen kann / jedes Weib, zu dem ich kam, / das in die Arme mich nahm. / Muss deshalb niemals fürchten Not, / Könnt ja durch Liebe verdienen mein Brot. (übersetzt in Delarun, S.101) Oder noch protziger:

Für meinen Sattel habe ich zwei Stuten ... Doch kann ich die eine nicht zusammen mit der anderen haben. Die Pferde wollen sich nicht leiden.

Das soll ein Gedicht über seine beiden Geliebten Agnes und Arsène sein.

 

Ehefrauen solcher Männer begeben sich nun auf die Suche nach einer nicht mehr allein von Vater und Gatten diktierten weiblichen Identität, nach einem nicht mehr nur vorgegebenen Selbstverständnis.

In dieser Spannbreite entwickelt sich die Spannung, die das neue lyrische Ich zu (er)finden sich anschickt. 1112 zieht sich der bretonische Graf ins Kloster zurück und Ermengard kann endlich nach Fontevrault, wo sie bleibt, bis Robert d'Arbrissel stirbt.

 

Vom Vater Ermengards, dem vierten Fulko von Anjou, sind fünf mehr oder weniger legitime Ehefrauen bekannt, die letzte, Bertrada von Montfort, wird Stiefmutter der Ermengard, was sie nicht sehr belastet haben dürfte. Sie schenkt dem vierten einen fünften Fulko, der wiederum Vater von Gottfried Plantagenet wird, dem Urheber des angevinischen Königshauses, das über England und den ganzen Westen des heutigen Frankreichs herrschen wird, spätestens in der Verbindung mit Eleonore von Aquitanien, der „Königin der Troubadoure“, einer Enkelin unseres neunten Wilhelms. Sie ist die verehrte Dame von Bernart de Ventadorn, der ihr Hauslyriker werden wird.

1092 verlässt Bertrada ihren Gemahl und wird die Geliebte des französischen Königs Philipp.

 

1109 tritt nach dem Tod seines Vaters Fulko V. die Herrschaft im Anjou an. Beeinflusst wird er von seiner Mutter, die nach dem Tod Philipps wieder ins Anjou zurückkehrt. Über ihn schreiben die Chroniken von Anjou:

Er verließ die Wege seines Vaters und seiner Mutter, führte ein ehrbares Leben und regierte klug sein Land. Als anständiger Mann, wacker im Kampf, als frommer Katholik und wohlwollend gegenüber der Kirche, übernahm er die zwei Grafschaften (duobus consulatibus) des Anjou und der Touraine und fügte dem mit der Ehefrau noch Maine (Cenomannicum) hinzu. Die Freunde lobten ihn sehr, dieb öswilligen und seine Gegner unterdrückte er und bald war er allen an Ruhm und gutem Ruf überlegen. (das lateinische Original in Robl, Herkunft, S.141)

 

Andererseits war sein Halbbruder Gottfried Martell, Bertradas Stiefsohn aus ihrer Ehe mit dem vierten Fulko, wohl an Gift gestorben, und man nahm an, die Stiefmutter stünde dahinter. In der Chronik von Anjou kommt Bertrada jedenfalls schlecht weg:

Diese Frau fürchtete ihren erwachsenen Stiefsohn und ihr Geist war ganz besessen und konnte weder durch Ruhe noch Schlaf besänftigt werden; ständig dachte sie daran, wie sie Martell schaden könnte. Ihre Gesichtsfarbe war stets blutleer, ihr Gang mal schnell, mal langsam, in Gesicht und Mienenspiel war der Wahnwitz, und denen, die sie auf viele Arten zu sich gelockt hatte, brachte sie schlimme Schandtaten bei.

Das klingt natürlich ziemlich nach platter Diffamierung, aber was wissen wir heute davon...

 

Der fünfte Fulko wird ein großer Förderer von Fontevrault und beschenkt das Kloster reichhaltig, bevor er sich 1120 ins „heilige Land“ aufmacht und dort 1131 zum König von Jerusalem gekrönt wird. Im Konflikt mit Wilhelm von Aquitanien, der ihn übrigens auch kurz einmal gefangensetzt, ist Fontevrault ein Stützpunkt nach Süden hin. An seinen Schenkungen ist offenbar auch Mutter Bertrada beteiligt. Sie wiederum ist offenbar mit Hersendis von Champagne persönlich bekannt.

Nach dem Tod von Abtissin Petronilla wird Fulkos Tochter Mathilde ihre Nachfolgerin, die nach dem Untergang der Blanche Nef ihren propektiven Gatten, Thronfolger Wilhelm Plantagenêt verloren hatte, und um 1128 dort Nonne wurde.

 

Mit ihr wird Fontevrault dann Hauskloster der Plantagenêt und verliert völlig seinen ursprünglichen Reformcharakter. Henry II., Eleonore von Aquitanien, Richard Löwenherz und die Gattin von John Lackland werden hier begraben werden.

 

Mit Bertrada wird die Liebe zu einer tatsächlich ausgetragenen Aventüre, zum Abenteuer par excellence. Sie soll nach Darstellung der Zeitzeugen eine außergewöhnliche Schönheit gewesen sein, während Bertha von Holland, die Gemahlin König Philipps I. von Westfranzien als dick und unattraktiv beschrieben wird. Immerhin schenkt diese dem König zwei Kinder, die der aber verstoßen wird.

 

Im Mai 1082 geschieht es wohl, dass Philipp in Tours Bertrada begegnet. Er verliebt sich unsterblich in sie, was ihr zu gefallen scheint, und „entführt“ sie bzw. lässt sie von seinen Leuten entführen, wohl mit ihrer Einwilligung. Der Bischof von Senlis und dessen Vorgesetzter, der Erzbischof von Reims, erklären sich bereit, die beiden (kirchlich) zu verheiraten und damit einen doppelten Ehebruch zu sanktionieren. Es geschieht gleich Pfingsten 1082 in Tours. Dass sie das tun, ist nicht ganz verwunderlich, denn beide unterstehen dem „französischen“ König, und die Kirchenreform ist erst seit kurzem dabei, ihre Vorstellungen von einer christlichen Ehe durchzusetzen.

 

Die Macht regiert das Recht, aber die Macht ist geteilt. Papst Urban II. ist mitten im Investiturstreit mit Heinrich IV., Kaiser und König des Ostfrankenreiches, der aus dem Streit über die Investitur einen Grundsatzstreit gemacht hatte. Heinrich unterstützt einen Gegenpapst, und Urban weicht nach Nordwesten aus, letztlich fast unter die Fittiche des Königs Philipp, der, was die Bischofsernennungen angeht, längst dabei ist, sich elegant aus der Affaire zu ziehen, indem er nach Kompromiss-Möglichkeiten sucht.

 

Im Oktober 1094 spricht der päpstliche Legat Hugo von Dié mit 32 Bischöfen in Autun den Kirchenbann über den Ehebrecher und seine neue „Gattin“ aus, wiewohl Bertha gerade gestorben ist. In Clermont kommt es 1095 zu der großen Synode, in der Urban die Kirchenreform vorantreibt und zum (ersten) Kreuzzug aufruft. Zudem wiederholt er hier, was er schon vorher getan hatte, er exkommuniziert Philipp wegen Ehebruchs und stellt mit ihm ganz „Frankreich“ unter den Kirchenbann. Damit ist ihm die Teilnahme am religiösen Leben untersagt, was vor allem Bertrada bedrückt.

 

Deren de-jure-Gatte Fulko hatte mit all dem offenbar keine Probleme, denn schöne Frauen gab es genug. Als der Papst extra nach Angers kommt, engagiert dieser Robert d'Arbrissel für die Predigt, die Fulko in den gerechten Zorn gegen den Ehebruch hineinpredigen soll, den der dann auch kurz pflichtschuldigst empfindet.

 

1097 wird das Paar auf einem Konzil in Nîmes erneut verurteilt.Im Jahr darauf, als viele seiner Untertanen (im Kirchenbann) zum ersten Kreuzzug aufbrechen, hält Philipp es für nötig, ein wenig Reue zu zeigen und die Exkommunikation wird aufgehoben. In aller Ruhe behält er aber seine Bertrada bei sich, die Liebe ist zu groß. Als das unübersehbar wird, wird er 1100 in Poitiers erneut exkommuniziert. Also wird mit öffentlichem Theater Bertrada auf dem Konzil von Beaugency unter Beisein von Robert d'Arbrissel „fortgeschickt“, was den neuen Papst Paschalis II. dazu bewegt, den König am 2. Dezember 1104 in Paris wieder in den Schoß der Kirche aufzunehmen, nachdem das sündige Paar in Notre Dame barfuß und im Büßergewand auftaucht: Der Papst braucht den Verbündeten gegen den Kaiser, auch wenn dessen Sohn sich derweil dazu aufmacht, diesen abzusetzen und einzusperren und seine Nachfolge als fünfter Heinrich anzutreten.

 

Aber für 1096 ist schon wieder dokumentiert, dass der de-jure-Ehemann (der Graf), der de-facto-Ehemann (der König) und die schöne Bertrada in friedlicher Gemeinschaft zusammen speisen – sie wohl immer noch die Liebste des Königs.

 

Diese Liebe im Affront gegen Gott und Kirche und jedes Recht wird eine europäische Sensation. Bertrada lebt weiter und ganz offen mit dem König zusammen. Der Papst kommt ungeachtet soviel irdischer Liebe 1107 wieder dorthin, um die abschließende Regelung für die Bischofsinvestitur zu beschließen und die liederliche Ehe zu ignorieren. La France ist seitdem der Kirche liebste Tochter, jedenfalls bis 1789.

 

Der König, der Liebe ganz neumodisch für etwas privates hält, hält die Thronfolge allerdings für eine öffentliche Angelegenheit und setzt mit Ludwig VI. einen Sohn aus erster (und damit einzig legaler) Ehe ein. Für Bertrada, die ebenfalls mit Philipp einen Sohn hat, ist das nicht hinnehmbar. Zweimal intrigiert sie gegen Ludwig und soll sogar versucht haben, ihn zu vergiften. Ihrer Ehe mit dem Vater tut das aber offenbar keinen Abbruch. Das Mittelalter kann gelegentlich Dinge trennen und Widersprüche stehen lassen.

 

Nachdem Philipp 1108 gestorben ist, eilt Bertrada, die große Liebende gegen Recht und Gesetz, nach Fontevrault, wo sie Robert d'Arbrissel besucht. In den nächsten sechs Jahren wird sie immer wiederkommen und jedesmal große Geschenke mitbringen. Zwischendrin weilt sie bei ihrem Sohn Fulko V. im Anjou.

Am Ende wird sie 1112 ganz in das von ihr gegründete Tochterkloster von Fontevrault, Hautebruyére einziehen. 1115 macht Robert sie dort zur Äbtissin.

 

Robert ist kein Moralist im heutigen Wortsinn, wie man hieran ersehen kann. Offenbar nimmt er die Menschen, wie sie sind, und bringt ihnen dabei das entgegen, was er zu geben hat. Das alles muss unser erster Trobador ertragen, vor dessen Augen das geschieht.

 

 

Philippa und Wilhelm

 

All dies sind Vorgänge einer kulturellen Wende, und es sind unruhige Zeiten. Wilhelm gilt damals als einer der größten Rabauken unter der Hocharistokratie. Einer der Weggefährten von Robert d'Arbrissel war Bernhard von Thiron, und einer von dessen Weggefährten, Gaufredus Grossus oder Geoffroy (Gottfried) le Gros, überliefert in seiner Vita beati Bernardi, folgendes Vorkommnis vom Konzil von Poitiers von 1100 :

 

In jener Zeit beriefen zwei Kardinäle, ... , Legaten des apostolischen Stuhls, ein Konzil nach Poitiers ein. Hundertvierzig Väter der Kirche folgten dem Ruf. Sie sprachen den Kirchenbann über Philipp, König der Franzosen, aus, da dieser mit der Frau Fulkos, des Grafen von Anjou, im Ehebruch lebte. Bei der Verkündigung der Exkommunikation trat plötzlich Wilhelm, der Herzog von Aquitanien (eine Art Hausherr im Poitou) vor die Versammlung. Er selbst, Verächter jeder Scham und jeder Heiligkeit, fürchtete, dass über ihn die gleiche Strafe für ähnliche Vergehen verhängt würde. Hocherzürnt gab er den Befehl (er war natürlich mit Gefolge da!), allen anwesenden kirchlichen Würdenträgern die Kleider vom Leib zu reißen, sie auszupeitschen und zu töten. Als Wilhelms Leute sich anschickten, diesen Befehl auszuführen, stoben die erschreckten Priester und Äbte in alle Richtungen asueinander, um ihr irdisches Leben zu retten, bemüht, einen sicheren Unterschlupf zu finden. Nur Bernhard von Thiron und Robert d'Arbrissel, die ebenfalls dort zugegen waren, bleiben als außerordentlich mutige Verteidiger des Rechts und als Streiter gegen jegliche Ungerechtigkeit am Ort der Versammlung zurück. Mit großer Standhaftigkeit traten sie trotz der Gefahr, in der sie sich befanden, weiter für die Exkommunikation Philipps ein, während sie es sich zur Ehre anrechneten, unter Umständen um Christi willen Kränkungen zu erfahren oder gar den Tod erleiden zu müssen. (In der Patrologia Latina von Migne nachzulesen).

 

Bernhard und Robert waren, so wird vermutet (beide hatten ihre Klöster noch nicht gegründet), anwesend, weil auch gegen sie verhandelt werden sollte, waren sie doch radikale Außenseiter in den Augen der Amtskirche. Am Ende zog Wilhelm von Aquitanien, von dem mehrfach berichtet wird, er habe Geistliche verprügelt, die geschickt wurden, ihn zu ermahnen, von dannen, und das Verdikt wurde über den König ausgesprochen.

 

Einen besonderen Dauerstreit führt Wilhelm mit dem Bischof von Poitiers. Schließlich setzt er ihn so unter Druck, das der gute Mann ins Exil nach Chavigny muss, wo er 1115 stirbt. Wir erinnern uns, dieser Bischof war mit Robert d'Arbrissel befreundet, einem frommen Gegner des aquitanischen Herzogs.

Die Konfrontationen des ersten Trobadors mit Robert d'Arbrissel begleiten einen guten Teil seines Lebens.

Unser neunter Wilhelm heiratet nach Ermengarde Philippa von Mahaut-Toulouse, was ihn lebenslang immer mal wieder ermutigen wird, zu versuchen, sich der Grafschaft Toulouse kriegerisch zu bemächtigen. Er etabliert schließlich die von ihm „entführte“ Grafin Dangerosa (sic!) von Châtellerault, Ehefrau eines Vasallen von ihm, in einem seiner Paläste, Tour Maubergeon, worauf er zum zweiten Mal exkommuniziert wird. Dangerosa (Dangereuse auf Französisch) de l'Îsle Bouchard hatte von ihrem Ehemann schon fünf Kinder, die sie samt Mann für Wilhelm verlässt.

 

Ihres Mannes, seiner Untreue, seiner Ruppigkeit und seiner Dauergeliebten „La Maubergeonne“ überdrüssig, flieht Philippa darauf 1116 nach Fontevrault, wo sie Gelegenheit hat, sich mit Ermengarde anzufreunden. Zuvor hatte sie dem wilden Trobador fünf Kinder geschenkt. Philippa stirbt 1118 im Kloster.

Unser aquitanischer Ritter und Sänger, noch nicht recht bei der hohen Minne angekommen, dichtet voller Wut:

 

Herrin, du begehst eine große Sünde, / wenn du anstelle des rechtschaffenen Ritters / den Mönch oder den Kleriker liebst. / Du tust nicht recht daran, / und ich werde die Ungetreue / auf dem Scheiterhaufen verbrennen.

 

Die neue Frömmigkeit konkurriert also mit dem älteren Kriegertum und es wird noch viele Jahrzehnte dauern, bis Poeten wie Chrétien de Troyes Versöhnungsversuche starten werden.

 

Nach Philippas Tod beschließt Ermengarde, ihr posthum Genugtuung zu verschaffen. Im Oktober 1119 erscheint sie vor Papst Calixt II. und verlangt, dass er Wilhelm noch einmal (!) exkommuniziere und die Maubergeonne aus dem herzoglichen Schloß verweise (zurück zu Mann und Kindern). Der Papst sieht bereits ein großes Heer von Kaiser Heinrich V. herannahen und hütet sich, französische (westfränkische) Große anzugreifen, die er als Bündnispartner brauchte. Ermengarde wird aber auch weiter keine Ruhe geben, was das betrifft.

 

Aber zurück zu den ersten überlieferten Dokumenten des neuen lyrischen Ichs, und zum Personal dieser Welt. Unsere Ermengarde, lange nachdem sie Fontevrault wieder verlassen hat, ungefähr sechzig Jahre alt, lange auch nach den Versen ihres Ex-Ehemannes Wilhelm von Aquitanien, nimmt 1130 den Schleier der Nonne aus der Hand von Bernhard von Clairvaux, dem großen Reformer des Zisterzienserordens. Die Begegnung muss beide beeindruckt haben, denn es entspinnt sich ein Briefwechsel, in dem Bernhard zum Beispiel an Ermengarde schreibt:

 

Oh, wenn du in meinem Herzen von jener Liebe zu dir lesen könntest, die Gott hat entstehen lassen, würdest du erkennen, dass keine Sprache und keine Feder hinreichend wiederzugeben vermögen, was mir der Geist Gottes ins tiefste Innere hineingeschrieben hat. Ich bin jetzt bei dir in meinen Gedanken, wie fern ich dir auch immer sein mag mit meinem Körper. Dabei hängst es weder von dir ab noch von mir, ob ich zu dir kommen kann. Dennoch hast du die Möglichkeit festzustellen, ob ich die Wahrheit sage, wenn du ihrer nicht bereits sicher bist. Kehre also in dich und prüfe auf diese Weise mein Herz und gestehe mir zu, ebensoviel Liebe für dich zu empfinden, wie du sie für mich fühlst. Und wenn du glaubst, du würdest mehr lieben und ich weniger, dann halte dich dennoch für überlegen, indem du annimmst, mich in Nächstenliebe übertroffen zu haben. (im Deutschen von Delarun, s.o. S.125)

 

Die sublime Gefühlsintensität dieses Briefes und seiner Liebeserklärung übertrifft an Tiefe manches, was Minnelyrik hervorgebracht hat. Dennoch ist sie keine, die auf den Körper des Gegenübers abzielt, wiewohl sie die größte Nähe zu dem erreicht, was Bernart de Ventadorn, ein Tannhäuser oder ein Frauenlob zustandebringen. Fast nirgendwo wie hier treffen christliche Mystik und weltliche Liebeslyrik so nahe aufeinander.

 

Wilhelm von Aquitanien

 

Wilhelm, neunter Herzog von Aquitanien und siebter Graf vom Poitou, lebte von 1071 bis 1127, war also ein Zeitgenosse von Abaelard und Robert d'Arbrissel. Als Abkömmling französischer Könige und direkter Vorfahre der Eleonore von Aquitanien, der Marie de Champagne und von Richard Löwenherz ist er Teil sehr erlauchter Kreise.

 

Die Ausbildung des neunten Wilhelm lässt sich erschließen: Reiten, Jagen, Waffengebrauch, Erlernen von Verhalten, aus Stolz und Mut zusammengesetzt, und in seinem Fall auch Lesen und Schreiben. Dazu Kenntnis einer mythisch und sagenhaft aufgefassten Familiengeschichte, die begründet, warum er ein so bedeutender Fürst sein wird. Schließlich religiöse Erziehung im Geiste der Familientradition. Mit fünfzehn war er ein junger Mann und durchaus imstande, ein Fürstentum zu regieren.

 

Vom lateinischen advenire abgeleitet, ist das Abenteuer das, was einem zustößt, nicht das, was man vorgesehen hat. Dabei ist zumindest in der Literatur beabsichtigt, dass einem etwas zustößt. Im Abenteuer erfüllt sich die ritterliche Kriegeridentität, so wie sie literarisch festgehalten ist. Wilhelm wird ein Paragon dieser Ritterlichkeit, aber ohne deren Christianisierung, die zu seiner Zeit ohnehin noch recht oberflächlich bleibt.

 

Das Reformpapsttum hatte unter Urban II., der vor Kaiser Heinrich IV. ins westfränkische Gebiet ausgewichen war, das Abdrängen dieser anarchischen Kriegergewalt, die immer auch Kirchen und Klöster bedrohte, in den „heiligen Krieg“ veranlasst. Auf einer Kirchenversammlung von Clermont ruft der Papst 1095 zum „Kreuzzug“ ins „heilige Land“, also zur Befreiung des ersten Wallfahrtsortes der Christenheit, Jerusalems, vom „muslimischen Joch“ auf. Für unseren Wilhelm ist es allerdings erst 1101 opportun, eine solche „bewaffnete Wallfahrt“ anzutreten, so wie auch der deutschen Hochadel sich erst später dazu berufen fühlt. Ein Welf IV. wird sich ebenfalls erst dann zu einem heiligen Kriegszug aufmachen, hatte er doch vorher zu Hause noch viel zu erledigen.

Der provenzalische Biograph von Wilhelm, der deutlich später über ihn schreibt, charakterisiert ihn so:

 

Der Graf von Poitou war einer der höfischsten Menschen der Welt (uns dels majors cortes del mon) und einer der größten Verführer (Betrüger – trichadors) der Frauen (dompnas) und ein guter Ritter in Waffentaten und großzügig in der Frauenverehrung (dompnejar) und er wusste gut zu dichten (trobar) und singen. Und er ist viel durch die Welt gereist, um die Frauen zu gewinnen. (in: L.T.Topsfield, Troubadours and Love. S.11)

 

Der zeitgenössische Wilhelm von Malmesbury beschreibt ihn aus mönchischer Sicht so:

Er war ein lächerlicher Spaßmacher, und ein Mann, der so zum Bösen neigte, dass er allen Arten von Lastern nachging, bevor er von Jerusalem zurückkehrte; und er sah nicht die Hand der Vorsehung in dem Unglück, dass er erlebte, da er glaubte , dass Zufall und Umstände für alles verantwortlich seien... Nichts nahm er ernst, alles verwandelte er in einen Witz und ließ seine Zuhörer hemmungslos lachen.

 

Ein moderner Mensch also, mag der eine oder andere denken – aber ganz im Gegenteil, er war ein früher hochmittelalterlicher Mensch, ein intellektueller Skeptiker, sein Lachen mag an Beckett oder Joyce erinnern, aber ihm fehlte die entsprechende Galle.

Gut ausgesehen soll er haben, mutig soll er gewesen sein, geschickt im Kampf, mitleidvoll gegenüber den Schwachen, und gelehrt im Sinne von belesen war er gewiss.

 

Einen Herrn über sich akzeptierte er nicht, was man als aristokratische Freiheitsliebe bezeichnen könnte. Im weltlichen Raum kannte er auch keinen solchen, aber mit der Reformkirche erlebte er seit dem 11. Jahrhundert eine zunehmende Einengung seiner nicht von Moral angekränkelten Spielräume.

Ich zitiere dazu einen Abschnitt aus Topsfields 'Troubardours and Love' in meiner Übersetzung. Wilhelm von Malmesbury beschreibt die Szene seiner ersten Exkommunikation 1114:

Peter von Poitiers war gerade dabei, das Urteil in der Kathedrale zu verkünden, als Wilhelm, außer sich vor Ärger, ihn bei den Haaren packt und sein Schwert schwingend ausrief: „Nun wirst du sterben, wenn du mir nicht die Absolution erteilst.“ Darauf wurde der Bischof, der vorgab, veränstigt zu sein, der aber nur eine Gelegenheit suchte, zu reden, losgelassen und sprach die Absolutionsformel. Nachdem er dies vollzogen hatte, neigte er ihm seinen Hals entgegen, weil er nun das Martyrium erwartete, und lud Wilhelm ein, das Schwert niedersausen zu lassen. Darauf erwiderte Wilhelm: „Ich hasse dich zu sehr, um dich meines Hasses für würdig zu erachten, und du wirst niemals durch meine Hände in den Himmel kommen.“ Als Wilhelm von den Wundern hörte, die der Bischof nach seinem Tod (sic!) 1115 vollbrachte, bedauerte er, ihn nicht früher dorthin gesandt zu haben, „denn er war ganz offensichtlich im Himmel so glücklich.“ (S.12)

 

Ich vermute, dass diese skeptische Heiterkeit kein neuzeitlicher Zynismus gegenüber Religion à la Voltaire ist. So etwas hatte er noch nicht nötig. Vielmehr mag man annehmen, dass Wilhelm unterscheiden konnte zwischen (seinen) religiösen Vorstellungen und den - in seinen Augen - Anmaßungen klerikaler Amtsträger.

 

In zwei Heiraten mit Ermengarde (Irmgard) von Anjou, eine Eheschließung ist allerdings nicht belegt, und danach mit Philippa von Toulouse erhielt er prospektive Anwartschaften auf großen Zuwachs an Herrschafts-Regionen. Seine Liebesgeschichten sind ihm aber wohl wichtiger als eheliche Mindest-Verbindlichkeiten. Von der ersten Frau erlangt er die Scheidung (vermutlich, man weiß nichts genaues selbst über eine Eheschließung mit ihr) und mit der zweiten gibt es spätestens am Ende Krach. Stattdessen ist unser Wilhelm lieber stolzer Krieger, er braucht den „ritterlichen“ Kampf und geht ihm nach, wo sich eine Gelegenheit bietet. In der bald aufkommenden Ritterepik wird diese Kampfeslust als Abenteuerlust beschrieben. Sie führt dem Krieger im übrigen auch edle Frauen zu, belegt sie doch seine Männlichkeit.

 

Philippa war die junge Witwe des Königs von Aragon und einziges Kind von Wilhelm IV. (Guilhem) von Toulouse, war also Erbin. Als Raimund (Raimon) von Saint-Gilles, der neue Herr des Toulousain, zum ersten Kreuzzug aufbricht, vergisst unser Wilhelm die Verpflichtung zum Gottesfrieden für die zurückgelassenen Herrschaftsgebiete der Kreuzfahrer und fällt über das Fürstentum her.

 

Aber das Herrschen gefällt Wilhelm weniger als das Erobern, und so überlässt er Philippa die Aufsicht über Toulouse und Umgebung und zieht an der Seite von Wilhelm Rufus in der Normandie in neue Kämpfe. Der war Sohn Wilhelms des Eroberers und wollte die Abtrennung der Normandie von seinem englischen Königreich nicht hinnehmen. Zudem war er wie Wilhelm von Aquitanien ein ausgesprochen „höfischer“ Mensch und ein begeisterter ritterlicher Krieger.

 

Als unser Wilhelm von der Eroberung Jerusalems 1099 hört, packt ihn dann doch die ganz große Reiselust, er verzichtet zugunsten Bertrans von Saint-Gilles auf Toulouse, nimmt das Kreuz und zieht "mit 30 000 Rittern" los (eine wohl heftig übertriebene Zahl), erleidet auf dem Landweg ungeheure Verluste und reitet am Ende mit wenigen Überlebenden in Jerusalem ein.

 

Den öffentlichen Klatsch der Höfe erfreut er besonders mit seiner Entführung der schönen Maubergeonne, der Vikomtess von Châtellerault, Ehefrau eines seiner Vasallen, die er als Maitresse auf einer seiner Burgen etabliert. Sie bringt ihm die zweite Exkommunikation durch einen päpstlichen Legaten ein, die er - so wird berichtet - ebenfalls mit Verachtung bedenkt.

 

1120 im Alter von fast fünfzig Jahren sucht Wilhelm das Abenteuer dann auch noch auf der iberischen Halbinsel im Bündnis mit Aragon gegen die „Heiden“. Die Mauren werden vernichtend bei Cutanda geschlagen, aber unser Graf wird bald darauf schwer verletzt. Topsfield reiht folgendes Gedicht dort ein, in welchem ritterliches Reckentum sich wacker niederschlägt:

 

Mein Leben weihte ich dem Heldenmut und dem Vergnügen (proeza e joi), aber nun heißt es, von ihnen Abschied zu nehmen, und ich entferne mich zu Ihm, bei dem alle Sünder Frieden finden (troban fi). Ich war sehr fröhlich und ganz voller Freude, aber unser Herr wünscht das nicht länger ... Ich bitte alle meine Freunde, dass sie an mein Totenbett kommen und mir große Ehre erweisen (e m'onren fort); denn ich erfuhr Freuden und Wonnen (joi e deport) nah und fern und auch in meinem Heim. (Zum Teil im Original in Topsfield, Troubadours and Love, S.40)

 

Am Ende wird Wilhelm von Aquitanien den Weg zu dem ersten Lied schaffen, in dem er vom rabiaten und poetisch ungebrochenen zum lyrischen Ich gelangt:

 

Euer Leib ist weißer als Elfenbein, / deshalb verehre ich keine andere Frau als euch. / Wird mir nicht bald geholfen, / liebt mich meine edle Dame nicht bald, / küsst sie mich nicht in ihrem Zimmer / oder unter dem Laubdach, / werde ich sterben, beim Haupt des heiligen Gregor. // Unserer Liebe geht es / wie dem Zweig des Weißdorns: / Er hängt an seinem Strauch, / in der Nacht, bei Regen und Frost, zitternd. / Doch am nächsten Morgen glänzt die Sonne wieder / festlich auf den grünen Blättern des Zweiges. (deutsch in Delarun, s.o. S. 102)

 

Dies ist eines der ersten auf Pergament erhaltenen europäischen Minnelieder und vielleicht das erste des neunten Wilhelm von Aquitanien. Es ist unübersehbar, dass es schon einer nicht bis heute schwarz auf weiß aufgehobenen lyrischen Tradition entspringt, denn das Spiel mit der Pose im ersten Teil ist bereits souverän, und der zweite Teil ist ein Kommentar, der ein perfektes Bild enthält, das der Brechung des ersten Teils dient.

 

Der alte Rabauke und antiklerikale Weiberheld kann es dabei nicht lassen: Der weiße Leib, eine offenbar schon stehende Wendung, ist alles, was er „verehrt“, und dass er (ausgerechnet) beim Haupt des heiligen Gregor sterben wird, ist Schabernack und freche Persiflage, denn seine Liebe ist bereits unsere Liebe, mit der es auf und ab geht, und die immer wieder neu ergrünt, das gemeinsame Lager nämlich.

Wie sehr seine späten Gedichte bereits Kommentare neuer Poesie sind, wird in 'Ich werde einen Vers machen aus reinem Nichts' (Farai un vers de dreyt nien) deutlich.

 

Meines Erachtens ist Wilhelm in erster Linie ein früher mittelalterlicher Intellektueller in Kombination mit enormer sprachlicher Ausdruckskraft. Er ist ein Skeptiker, und skeptisch steht er allen Weltanschauungen und Glaubenssätzen gegenüber. Seine Lieder/Gedichte handeln alle von der "Liebe", widersetzen sich dabei aber der uns heute so vertrauten Verschnulzung des Themas und behandeln es mit derselben Skepsis wie alles andere. Die intellektuellen Brechungen des Themas machen ebenso ihre Schönheit aus wie die Sprache, die allerdings in der Übersetzung nicht wiedergebbar ist.

 

Das schönste und ungewöhnlichste der 11 erhaltenen Lieder hat einen Anfang, in dem der Kenner des Lateinischen, Norditalienischen, Französischen, Katalanischen oder des Castellano die Worte wiedererkennen kann, was sonst bei ihm nicht so leicht der Fall ist:

 

Farai un vers de dryt nien: / Non er de mi ni d'autra gen, / Non er d'amor ni de joven, / Ni de ren au, / Qu'enans fo trobatz en durmen / Sobre chevau.

 

Ich werde ein Gedicht von rein gar nichts machen: / Es handelt nicht von mir noch von anderen Leuten, / Es handelt nicht von der Liebe noch von der Lebensfreude im besten Alter, / Noch von anderen Dingen, / Es wurde erfunden beim Schlafen / auf einem Pferd.

 

(Man kann das französische faire entdecken, rien, autres gens, amour, etc). Das trobar als (er)finden führt zur Bezeichnung Trobador für alle nach ihm und nach diesem Gedicht. Hierbei geht es um den Einfall, der aus Worten besteht, die als bloße Worte nichts sind, und die situativ „einfallen“, und es handelt von nichts, denn es ist nur ein Gedicht. Zu Pferd gelangt man vor allem zu Taten, und falls das Pferd auf einer Bedeutungsebene auch für eine Frau steht, verbinden sich hier Poesie, Intellekt und Rabaukentum.

 

Das Gedicht gehört zur Liedgattung der devinalhs, der rätselhaften, verrätselten Gedichte, vom lateinischen divinare, erraten. Bei Wilhelm entspricht die Verrätselung im Gedicht der Rätselhaftigkeit, Unverständlichkeit der Welt. Ihm als Skeptiker ist sie ein Wirrwarr unauflöslicher Widersprüche, die man nicht anders als aushalten kann.

 

Das Gedicht, welches von der Vorstellung und der ganz anderen Wirklichkeit menschlicher Liebe handelt, bringt ständig zwei Pole der Trobador-Lyrik zusammen: Den manchmal albern gesehenen Unfug, Spaß (foudatz) und den Sinn samt verfeinerter Sinnlichkeit (sen, den lateinischen sensus). Wilhelm pendelt nämlich zwischen der inakzeptablen Wirklichkeit und der unwirklichen Welt wunschgetränkter Vorstellungen, denn sein Herz ist von tiefempfundenem Schmerz zerspalten, vom dol corau, der französischen douleur du coeur, das, was im mittelhochdeutschen Minnesang herzeleyde heißt.

Er sucht einen Arzt, der seinen Schmerz heilen könnte, denn seine Liebste (amigua) hat ihn schnöde verlassen. „Der wird ein guter Doktor sein, der mich heilen kann, obwohl ich nicht krank bin (ia non sia mau).“

 

Im Kern ist das die Vorstellung Ovids, dass die Liebe Wunden schlägt, die durch die Erfüllung des Begehrens geheilt werden: Love hurts, sang Elvis Costello und mit ihm Emmylou Harris. Die Verbindung von Liebe und Schmerz ist wenigstens Jahrtausende alt.

 

Der rätselhafte Widerspruch im Gedicht ist also der zwischen wahrnehmbarer Wirklichkeit und menschlicher Vorstellung. Dieser Widerspruch wird immer wieder in den Text hineingenommen, damit ja nicht der Eindruck entsteht, ein Text könne auf zu rechtfertigende Weise eine eindeutige Welt hervorzaubern.

Wilhelm/Guilhem weiß natürlich als Meister der Sprachreflektion, dass jeder Text das dennoch für den naiven Leser tut, und wer hat schon die Stärke, Texte nicht naiv zu lesen oder zu hören...

 

Ich habe eine Liebste, ich weiß nicht, wer sie ist, / Denn ich habe sie nie gesehen, bei meinem Glauben; / Noch tat sie jemals etwas, was mich erfreut oder geärgert hätte, / Noch kümmert mich das, / Denn nie war ein Normanne oder Franzose bei mir zuhause.

 

Normannen und Franzosen sind für den Aquitanier von höfischer Kultur, von „Höflichkeit“, barbarische, rohe Banausen. Die Liebste seiner Vorstellung macht ihn aber zugleich zu einem Opfer seiner höfischen Kultiviertheit. Um mit Sigmund Freud zu sprechen, sensible Kunstfertigkeit als Sublimation roher Triebhaftigkeit erfreut nicht nur die Vorstellungskraft, sondern sie ist zugleich ein Joch, das leiden lässt.

 

Sein Zuhause (ostau, kastellanisch hostal oder französisch hôtel) ist seine Vorstellungskraft, in der sein Herz mit seinem Verstand arbeitet. Dort gibt es die domna oder dompna seines Herzens (die italienische donna):

Ich sah sie nie und liebe sie sehr, / Ich habe mich nie ihr gegenüber behaupten müssen; / Wenn ich sie nicht sehe, ist das reinstes Vergnügen...

 

Das reine Vergnügen ist deport, was im Französischen desportes wird und dann sich im Englischen später zu sport(s) entwickelt. Und da unser ritterlicher Liedermacher die Differenz in der Welt nicht mag, wird er nun wieder grantig:

Mir ist das völlig wurscht, / Denn ich kenne eine Dame, die ist noch anmutiger (gensor) und schöner und noch viel mehr wert.

 

Der grantige Trotz ist ein kurzer, kunstvoll eingestreuter Affekt, den er dann wieder zurücknimmt. An anderen Stellen wird er das, was Engländer seit der Reformation mit dem Wort „bawdy“ benennen, und dem eine deutsche Entsprechung fehlt, also in etwa: unzüchtig, unmanierlich, unanständig. Damit knüpft er an das Pferd an, auf dem ihm schlafend das Gedicht eingegeben wurde. Die Dame, die noch schöner und besser ist, ist eben die, die ihn verlassen hat. Sie ist wohl nur deshalb noch schöner und besser, weil sie aus Fleisch und Blut ist.

 

Zu des Dichters Zeit beginnt sich bereits eine höfische Kultur in Südgallien zu entwickeln, im Poitou, in Aquitanien, in der Provence (die deutschen Lande werden in germanischer „Barbarei“ erst viel später folgen.) Ihre hövescheit oder „Höflichkeit“ (französisch courteoisie) wird von ihm geschätzt, und zugleich kritisiert er sie unentwegt: Die Last ihrer Disziplin nimmt ihm etwas von dem, was ein Kernwort okzitanischer Kultur ist: joy, Lebensfreude, das sinnliche sich Austoben, das Glücksgefühl im Spüren aller (männlichen) Muskeln, der anschwellende Rausch erotischer Lust. Alles wird durch die zunehmenden Schranken einer neuen Höflichkeit mitsamt einer neuen Frömmigkeit vernagelt, wiewohl Wilhelm weiß, dass die Formen, in denen er joy ausdrücken kann, jene für mich immer seltener in Italien anzutreffende gioia, die französische joie de vivre, eben Lebenslust, sich auch und zugleich (welch ein fataler Widerspruch!) aus diesen kulturellen Innovationen nährt.

 

Joy suchen die Trobadors (und die wenigen Trobaditz) und joven, die Lebenslust der besten Jahre (abgeleitet vom lateinischen iuvenis), und amor in all ihren Facetten. Aber am Ende des Gedichtes muss Wilhelm in Gedanken zu der wirklichen Domna zurückkehren, die ihn verlassen hatte:

 

Ich kenn nicht den Ort, wo sie ist / Ob sie auf Bergen wohnt oder im Tal, / Ich wage nicht zu beschreiben, was sie mir angetan hat, / Besser darüber schweigen. / Und es betrübt mich, dass ich hierbleiben muss, / Aber das ist mein Los.

 

Dies „hier“ ist die erfahrbare Wirklichkeit jenseits aller schönen Texte, all des schönen „trobar“ von Liedern und des courteoisen Zaubers. Im „Finden“ des Textes ist alles nichts, tot es niens, denn aus Nichts wird am Ende nichts. Das bleibt sein zweiter Schlüssel-Ausspruch: no sai qui s'es, ich weiß nicht, was das alles ist.

 

Und hier trifft sich unser Dichter mit der neuen Welle von Frömmigkeit, die gerade durch das romanische Gallien zieht, und die bald den neuen Stil der Gotik hervorbringen wird: Die sinnlich erfahrbare Welt ist nichtig, bloß – bei Wilhelm gibt es wie bei manchem anderen noch nicht recht christianisierten Ritter keine andere, über die er sich hienieden auslassen könnte, und die bessere menschlicher Vorstellung bleibt ein Traum. Die Vernunft erobert sich in der frühscholastischen Dialektik eine neue Welt, die auf vernünftige Konsistenz dringt, während unser Guilhem die Widersprüche lebt.

 

Bernart de Ventadorn

 

Wer durchs Limousin reist, kann noch heute die Ruinen der Burg von Ventadour (Ventadorn) besichtigen. Das war der Ort, an dem einer der bedeutendsten trobadors im 12. Jahrhundert groß wurde und wo er das „Singen“ lernte, also die Kunst lyrischer Ausdrucksweise. Das war der Bernhard, der sich in der eigenen Sprache Bernartz nannte, und den wir heute nach dem Ort seiner Kindheit und Jugend Bernart de Ventadorn nennen (französisch: Bernard de Ventadour)

 

Um eine Vorstellung sowohl von der Sprache als auch den Inhalten dieses neuen „lyrischen Ichs“ nach der Antike zu bekommen, hier ein Anfang eines Liedes von Bernart sowohl im okzitanischen Original wie in meiner Übersetzung:

 

Non es meravelha s'eu chan

melhs de nul autre chantador,

que plus me tra.l cors vas amor

el melhs sui faihz a so coman.

Cor e cors e saber e sen

e fors' e poder i ai mes.

Si.m tira vas amor lo fres

que vas autra part no.m aten.

 

Es ist kein Wunder, wenn ich / besser singe als jeder andere Sänger, / denn mich zieht das Herz mehr zur Liebe hin / und mehr ergebe ich mich ihren Befehlen. / Herz und Leib, Verstand und Sinn, / Kraft und Macht habe ich verwandt. / Die Zügel ziehen mich so sehr zur Liebe hin, / dass nichts anderes meine Aufmerksamkeit mehr erregt. (Im Original in Topsfield, Toubadours, S. 114)

 

Wer romanische Sprachen kennt, entdeckt einen begrifflichen Kanon, der bis in die Schnulzen der Gegenwart hineinreicht: Wunder, Singen, Herz, Liebe, Unterwerfung, und dann als Gegenpol (der in der Schnulze fehlt): Wissen und Sinn (sensus, bei einem englischen Übersetzer als Instinkt verstanden), Kraft und Macht. Was in der späteren spanischen (nicht katalanischen) Lyrik dazukommen wird, ist eine sehr mystisch-katholisch-kastilische Auffassung von Seele (alma), die mit der Säkularisierung mit einer etwas vagen Vorstellung von Gefühl verschwimmt. Ein solcher Seelenbegriff fehlt aber bei den Troubadouren noch.

Zunächst etwas zum Verständnis der von mir übersetzten ersten Zeilen dieses Liedes, dessen Text wie die Musik vom Sänger stammt. Bertrant, den manche damals wie heute für den wichtigsten okzitanischen Minnesänger seiner Zeit halten, ist nicht voller Arroganz, wenn er sagt, er sei besser als (melhs de) irgendein anderer Sänger. Er ist es eben nicht, weil er ein großes künstlerisches Genie ist, eine solche Vorstellung gab es damals noch nicht. Er ist besser, weil er sich mehr als alle anderen der Liebe (amor) widmet und ergibt. Das ist natürlich eine ernsthafte literarische Pose.

 

Die Liebe, der sich der Trobador Bertrant unterwirft, ist, wie leicht ersichtlich, zunächst einmal eine Personifikation. Das ist eine antike Tradition, die daher vertraut ist, dass indogermanische Götter Personifikationen waren. In ihnen stellte sich „etwas Lebendiges“ als „jemand“ dar. Das kaum Greifbare wird anschaulich, greifbar gemacht. Derart kann es in beiderlei Wortsinn „begriffen“ werden. Und so gibt es die Dame Liebe, in der verarbeitete Triebhaftigkeit zum Gegenstand werden kann, und jenen Herrn, der der Teufel ist, die Verkörperung des „Bösen“. Auf diese Weise konnten auch die Laster, das Ausagieren des Bösen in seiner vielfachen Gestalt sogar in Statuen zur Anschauung gebracht werden.

 

Zunächst einmal ist „die Liebe“ die Nominalisierung einer Tätigkeit oder zumindest Aktivität, des Liebens. Das Lieben gibt es erfahrbar, die Liebe natürlich nicht. Deshalb ist Nominalisieren und Personifizieren derselbe Vorgang, etwas nicht unmittelbar Greifbares wird scheinbar zum Begriff, indem ihm die Betätigung und das Geschehen als Aspekte entzogen werden. Um das etwas zu verdeutlichen: Das „Schöne“ „gibt es“ auch nicht, es ist die Nominalisierung einer Eigenschaft, also eines Urteils, welches einem Gegenstand der Wahrnehmung angehängt wird. Nun ist natürlich die Benennung von Tätigkeit leichter zur Sprache zu bringen als die von Eigenschaften, besonders von solchen Aktivitäten, die nicht bloß gedanklich ausgetragen werden.

 

Mit dem Lieben wird es da schon schwierig, weil es als Begehren zunächst überhaupt nur vom Begehrenden wahrnehmbar ist, wenn mit dem Wort nicht nur das Ausagieren des Geschlechtstriebes gemeint ist, während es sich als gebende Liebe überhaupt in der Tätigkeit erst erweist.

 

In den Liedern der Trobadors spielt das christlich definierte Seelenheil auf den ersten Blick oft keine Rolle, und doch sind sie zutiefst christlich geprägt. Das wird aus dem Anfang dieses Liedes nur zur Hälfte deutlich: Die hier benannte begehrende Liebe ist kein integraler Teil des Menschen, sie ist vielmehr eine Kraft, der man sich entgegensetzen kann; der Sänger ist dabei gescheitert, sie hat ihn hinweggezogen. Das alles ist natürlich eine Pose.

 

Schon in den ersten vier Zeilen ist der Sänger also so großartig, weil er so erheblich gescheitert ist. Damit ist er in einen Widerspruch eingetreten, den er nun lyrisch reflektiert – aber er gibt auch nicht dem Begehren nach, sondern der Liebe (amor, nicht libido, luxuria, cupiditas oder voluptas). Er kann den Widerspruch aushalten, weil sich das Begehren ohnehin dorthin richtet, wo es keine gewisse Befriedigung gibt. Die Liebe ist nämlich tatsächlich eine Dame, kein leichtes, leicht zu habendes Mädchen, sie ist als poetische Vorstellung eine womöglich unerreichbare Frau.

 

Der erste Widerspruch löst sich im zweiten auf: Das Begehren richtet sich auf etwas Unerreichbares.

Wenn ich nun sehr keck wäre, würde ich einen großen Bogen zur Entstehung des Kapitalismus im noch christlichen Abendland schlagen, aber das wäre ein allzu großer Bogen; es fehlen unzählige Zwischenschritte, die unter anderem auch das personifizierte Begehren auf den Boden alltäglicher Wirklichkeit herunterholen müssten: Auf die Ebene der Produzenten, die die kleine kunstinteressierte Oberschicht versorgen und anfangen, Waren für einen Markt zu produzieren, auf den Boden der Machtverhältnisse und der gesellschaftlichen Verbindlichkeiten. Dann wäre von der Umleitung des Begehrens auf tote Dinge zu berichten, auf den Warencharakter dieser Dinge usw.

 

Zurück zu seinen Liedern. In einer Strophe heißt es:

 

Wenn ich sie sehe, sieht man es / in meinen Augen, meinem Gesicht (vis), meiner Farbe / denn so zittere ich vor Furcht / denn ich bin verrückt / hab weniger Verstand als ein Kind / so sehr bin ich von der Liebe eingenommen (entrepres); / und um einen so besiegten Mann / sollte die Dame (domna) sich Sorgen machen.

Ganz geschauspielert war so etwas nicht, es war auch nicht einfach nur „literarische“ Pose. Ein guter Schauspieler spielt zudem Gefühle so, dass er sie im Spiel in sich wahrnimmt.

 

Bernart hatte übrigens wie alle damals zwar einen Namen, aber keinen Nachnamen, Familiennamen, und das de Ventadorn ist kein Name, sondern wird nur von anderen verwendet, um ihn durch die Herkunft von anderen Bernarts zu unterscheiden. Es ist darüber hinaus schon gar kein „de“ als Adelsprädikat, so etwas gab es damals noch gar nicht. Den germanischen Ursprung seines Namens (Bernhard) erkannte er wohl auch nicht mehr, im Süden des ehemaligen Galliens war man Aquitanier, Provenzale oder was auch immer, die Erinnerung an die gotische und fränkische Herrschaft war geschwunden, die französische steht erst bevor, und die Sprache war ein etwas heruntergekommenes Regionallatein.

 

Unser Bernart war wohl das Kind von Dienstboten oder Handwerkern auf der Burg von Ventadorn. Bei Peire d'Alvernhe heißt es: Als Vater hatte er einen Dienstmann (sirven), der geübt war im Schießen mit dem Langbogen aus Goldregen (alborn), und seine Mutter beheizte den Ofen (forn) und sammelte dafür Zweige. (Topsfield, Troubadours..., S.112)

Die gräfliche Herrschaft dort war mit den frühen Trobadors in Kontakt gekommen und die Gräfin Alaiz hatte sich besonders darum bemüht, solche Sänger in ihre Burg zu bekommen. Deren neue Kunst hatte der Knabe aus kleinen Verhältnissen dann in sich aufgesogen, und er war darin offensichtlich von den Herrschaften gefördert worden.

 

Vielleicht auch deshalb, und wegen der räumlichen Nähe zu den feudalen Strukturen im französischen und anglonormannischen Gallien, analogisiert er den Frauendienst, Minnedienst mit dem Dienst des feudalen Vasallen, der zuallererst Waffendienst im kriegerischen Gefolge ist, und dessen materielle Gegenleistung in Land, einer Burg, einem Haus bestehen kann. Die handfeste Gegenleistung der "Herrin" wäre bzw. ist, dass sie ihn "erhört".

 

Irgendwann hatte er sich vielleicht seine Gräfing Alaiz zur Dame seines Herzens und seiner Gedichte auserkoren und ist dann in seinen Liedern so deutlich geworden, wie in dem obigen. Jedenfalls legt ihm der Herr von Ventadorn die Abreise nahe, und dessen Wille war für den Sänger dann selbstverständlich Befehl.

 

In ihrem heimischen Poitiers war gerade mal wieder Eleonore von Aquitanien eingetroffen, ehedem Gemahlin des Königs von Frankreich, eines damals noch ziemlich kleinen Königreiches, und inzwischen nach Scheidung „Königin der Normannen“, also Gemahlin des aus der angevinischen (vom Anjou abgeleiteten) Familie der Plantagenet stammenden „anglonormannischen“ Königs von England und des ganzen Westens des heutigen Frankreichs und ehemaligen Galliens.

 

Diese okzitanische Hochadelige und längst Herrscherin über ein Riesenreich, welches von ihren Söhnen (Richard Coeur de Lion und Jehan Sans Terre, Löwenherz und Ohneland) wieder ruiniert werden wird, soll von zu Hause (Großvater war Guilhem IX) eine Liebe zu der neuen Dicht- und Sangeskunst mitgebracht haben, was allerdings nicht dokumentiert ist. Ihrem Hof schließt sich Bernart nun möglicherweise an und vermutlich ist sie es, die er als seinen aziman verherrlicht, nämlich seinen Lebenspol oder Leitstern.

 

Über sie wird er Zugang bekommen zur zweiten das Abendland beeinflussenden Welt neben der islamischen: zum keltischen Kulturkreis Britanniens und der Bretagne, die damals gleich hießen: Britannia. Für ihn wird dabei vielleicht die Gralssage, aber auf jeden Fall die Geschichte von Tristan und Iseult wichtig werden, in der die „Liebe“ eine Naturgewalt ist, der man sich nur durch den Tod entziehen kann. Ähnlich wie im Süden wird auch im Norden das Begehren nicht nur durch das christliche Verbot gebrochen, sondern durch Vorstellungen von Gefolgschaft und Treue.

 

Zurück zu unserem Lied: Die hier beschriebene Liebe, genauer das erotische Begehren, wirkt wie eine Naturgewalt, aber sie wird nicht, wie in den vielen Jahrhunderten vorher, als solche eingesetzt. Der Sänger deutet an, was er gerne hätte, bittet aber die Dame um Erlaubnis, und da er sich an eine Dame wendet, vielleicht auch verheiratet, ist implizit im Text eingeschlossen, dass sie ihn nicht erhören muss - vielleicht auch nicht will. Dass aber nun Frauen wenigstens in diesem Sinne die Starken werden, denen die erotische Entscheidung überlassen wird, ist ein Wendepunkt. In der Wirklichkeit ist beim Adel und beim Bürgertum davon aber noch lange kaum etwas zu spüren.

 

In unserem Lied feiert Bernart die Liebe als solche, er feiert das Lustvolle an diesem nicht gleich eingelösten Begehren und das geht nur, wenn er sich eine „hohe“ und insofern eher unzugängliche Dame zum Gegenstand macht. In der Regel ist diese Dame zudem mit einem Mächtigen verheiratet. Zugleich feiert er das Leiden an diesem Begehren, denn letztlich sucht er eine „Liebe“, die stets in Gefahr ist, unerfüllt zu bleiben, und deren sexueller Vollzug ihre Zerstörung wäre, was er natürlich nicht sagt. Dann wäre die Voraussetzung für das spielerische Moment dieser Kultur verloren. Das neue lyrische Ich versteht seine Entfaltung als inneres Abenteuer, die phantasierte Beziehung ist die der kurzen amourösen Episode, die Ehe wäre ihr Tod.

 

Diese neue Form von Liebe ist nicht die Gottesminne des Mönches oder der Nonne, in der der Eros, das Begehren, sich von jedem physischen Aspekt abwendet, wir sagen gelegentlich, vergeistigt, spiritualisiert wird, was diesen Vorgang eher nebelhaft beschreibt. Aber indem der Eros des Trobadors sich idealiter einen ebenso sinnlich-handfesten wie schwer erreichbaren Gegenstand sucht, was dann später in den Festen der höfischen Liebe zusammen mit den Damen und Herren gefeiert werden wird, wird die Lust immerhin an das Leiden gekoppelt. Im intakten Kloster sollte es umgekehrt sein: Das Leiden sollte zu einer Form spiritualisierter Lust führen, der Lust am Eigentlichen, Spirituellen, jener Lust, welche aus der Abkehr von den Leiden der „fleischlichen“ Existenz herrührt, und doch eine erotische Komponente bei den dafür Begabten gewinnt.

 

Als Entstehungsort höfischer Vorstellungen und Verhaltensweisen lässt sich wohl am wahrscheinlichsten der Hof von Poitiers darstellen, für den vor allem Bernart seine Lieder/Gedichte schrieb. Ein, zwei Generationen nach unserem Wilhelm von Aquitanien tut sich hier ein Netzwerk ritualisierter Verhaltensformen auf. In allen möglichen Lebensbereichen werden solche eingeübt, beim Essen, Trinken, sogar manchmal bei der Gewaltausübung und der Einlösung sexuellen Begehrens. Dabei wird die Geduld zur ersten Tugend, das Abwarten-Können und eben auch die Pose der Demut vor der Dame.

 

Diese Formalisierung und Ritualisierung des Verhaltens, bis heute als Reminiszenz in der deutschen Sprache als „Höflichkeit“ erhalten, dem être poli, aus dem Verb polir entstanden, das zur politesse der französischen Spätrenaissance wird, taucht im Mittelfranzösischen am Ende des 12. Jahrhunderts als courtoisie auf, und auf der italienischen Halbinsel als cortesia.

Es ist zu unterscheiden von dem sich im Spätmittelalter entwickelnden être galant, woraus die französische Renaissance die galanterie macht. Dieses sprachlich aus dem fränkischen wala abgeleitete Verhalten wird zur gänzlich äußerlicher Form, während das „polierte“ Verhalten in seiner Entstehungszeit noch die Idee einer damit verbundenen inneren Einstellung enthielt.

 

Unser Wilhelm von Aquitanien war ein, zwei Generationen vor Bernart von den frühen Formen höfischen Verhaltens und damit verbundener Gesinnung beeinflusst, machte sie aber zugleich mit seinem Spott noch lächerlich. Indem diese „hövescheit“ zu einer Bedingung für Standeszugehörigkeit wird, wird sie unabdingbares „comme il faut“, wie es dann Andreas Cappelanus in den Dialogen seines 'De Amore' in seinem Latein um 1200 formuliert.

 

Bernart verpflichtet sich als erster dieser Trobadors/Troubadoure völlig diesen höfischen Konventionen. Aber er versucht, sie mit Gefühlen aufzuladen. Dabei verlässt er das intellektuelle Niveau des Guilhem, das ganz andere eines Macabru (ein Künstlername) oder eines Jaufre Rudel. Jois, Lebenslust, wird nur noch im Liebesdienst angestrebt, und dieser wiederum dient nur noch der Erweckung von Lebenslust, wird eine Art therapeutisches Anliegen.

 

Das Singen kann keinen Wert erlangen (no pot gaire valer), / wenn sich das Lied nicht aus dem Herz heraus bewegt (si d'ins dal cor no mou lo chans); / kein Lied kann sich aus dem Herzen heraus bewegen (no pot dal cor mover), wenn dort keine von Herzen kommende feine Liebe ist (si no i es fin'amors coraus).

 

Oder an anderer Stelle:

Jedermann (totz om), der nicht die Liebe zum Zustand seines Lebens macht, und der sein Herz und sein Begehren nicht zur Liebe führt, führt ein niedriges Leben; denn alles, was ist, verliert sich (s'abandona) in Freude (joy) und hallt davon wider: Wiesen, Gärten und Obsthaine, Röhrichte, Ebenen und Wälder. (Beide Originaltexte in Topsfield, Troubadours, S. 119, 124)

 

Die Welt dieser Lieder wirkt ein wenig, als ob sie schon den Keim jenes finalen Abgrundes enthielte, den die 'Liaisons dangereuses' beim Zusammenbruch des Ancien Régime' anbieten, wie die von Müßiggängern mit recht leeren Herzen, die Gefühle tanken, indem sie sich an der Liebe zu einer Dame entzünden. Das wirkt auch schon fast wie die Welt der Wohlstandsoasen des späten Kapitalismus Ende des 20. Jahrhunderts, in der die gelangweilte Gefühlsarmut ihre Reste an Emotionalität entweder durch sexuelles Aufputschen erreicht, durch Drogen oder aber durch Randalieren.

 

Das ist aber unfair gegenüber Bernart und seiner Zeit, in der die Poesie immerhin noch kunstvoll ist, und die Lieder darüber hinwegtäuschen, dass es sich dabei um einen zunehmend auch von Damen kontrollierten höfischen Alltag handelt, bei dem solche wie Eleonore von Aquitanien, Herrin des Hofes von Poitiers, an der Seite des französischen Königs im Kreuzzug auf dem Landweg nach Jerusalem und in die Schlachten reiten und solche wie Ermengarde von Narbonne über ein halbes Jahrhundert ihr Fürstentum regieren.

 

Die Entmoralisierung und Entlassung der Liebe aus sozialverbindlichen Bindungen gelingt bei Bernart vor allem in der Konzentration auf diejenigen Damen, die ihn nicht zwischen ihre Schenkel lassen. Auf diese Weise kann sich dort seine poetische Version des himmlischen Jerusalem fixieren, dass ihm die auf Dauer vergleichsweise enttäuschende Erhörung nehmen würde. Zwar singt er:

 

Ach! Was ist mein Leben wert, wenn ich nicht jeden Tag unter dem Fenster meine wahre und meiner Natur gemäße Freude sehe (fi joi natural), ihr Körper weiß wie der Schnee an Weihnachten, so dass wir aneinander maßnehmen können?

Und:

Oh Gott! Warum bin ich ich keine Schwalbe (ironda), so dass ich durch die Lüfte fliegen könnte und aus der tiefen Nacht in ihre Kammer kommen könnte. (Wenn ich ein Vöglein wär...)

 

Aber sein zentrales Thema ist nicht der kurze Genuss, sondern das lange Sehnen und Leiden daran, die Wollust des Schmerzes, das einzige, was ihn lebendig macht. Die lyrische Erfindung der Liebe neuen Typs besteht nicht in der Verfeinerung des Koitus oder des Weges dahin, es ist noch nicht erotisches Raffinement, sondern die Entdeckung des belebenden Elementes des Eros in seiner Unerfülltheit.

 

Wir müssen von Ausnahmen abgesehen nicht annehmen, dass es sich bei Trobadors oder deutschen Minnesängern um eine Praxis des Verzichtes auf Einlösung des Begehrens handelte. Ein Teil dieser Lyrik beschäftigt sich auch mit dem erotischen Vollzug. Aber das Besondere ist eben die Kultur des Sehnens und des Schmerzes, der Sensibilisierung des Innenlebens und des Wahrnehmungsvermögens. Bei Andreas Capellanus, noch eine Generation später, wird die fast schon ironische Spiegelung eine andere höfische sexuelle Praxis darstellen, aber darauf ist später zurückzukommen.

 

Hohe Minne

 

Das Bild vom Sänger Meinloh aus der Manessischen Handschrift verdeutlicht etwas von dem, was als "hohe Minne" bezeichnet wird: Die Herrin ist unnahbar, was hier verdeutlicht wird durch das lange Papierband, welches den sie verehrenden Sänger von seiner Dame trennt. Das Lied von der Liebe zur frouwe auf diesem Papier stellt sich zwischen sie und ihn. Die Erfindung der "hohen Minne" bzw. des "reinen" amor / fin amor des okzitanischen Sängers verbindet das Begehren des Mannes zur Herrin mit der mit der (gedachten bzw. behaupteten) Voraussetzung seiner Nichterfüllung. Bei den mit größtem poetischen Raffinement ausgestatteten Sängern wird das Begehren in ein dienendes Verehren verwandelt.

Für Hadlaub stimmt das um 1300 schon nicht mehr so ganz. Die Dame unten wendet sich in gotischem Schwung vom Herrn einerseits ab und ihm andererseits zu. Die Tür in ihr Haus ist weit geöffnet.

 

Freud nennt so etwas Sublimation von Triebhaftigkeit, also: Verfeinerung. Dieser Vorgang im Minnesang war ein "Spiel", ein Wort, welches wohl ursprünglich eine Art lebhafter Bewegung benennt (wie in „Mienenspiel“). Darum waren die Minnesänger auch "Spielleute". Sie spielten, anders als im späteren Schau"spiel", nicht nur etwas vor, sondern etwas durch. Sie spielten das Sich Versagen des Ausagierens eines Triebes durch, indem sie es vorspielten. Im Unterschied zu Schauspielern trugen sie ihre eigenen Texte vor, und zwar sangen sie sie.

 

Im Anschluss an die christliche Liebesvorstellung, griechisch agape und lateinisch caritas, die nicht eine begehrende und nehmende Liebe war, sondern eine gebende, übt sich eine feine, "höfische" Gesellschaft darin ein, im Bereich des sexuellen Begehrens noch vor das Nehmen das Geben zu stellen. Das betraf natürlich so nicht das wirkliche Leben, den Alltag, der im neuen Spiel der Geschlechterrollen dabei etwas auf den Kopf gestellt wurde aber es sollte in ihn hineinwirken.

 

Der Sänger erwählt sich dafür des öfteren eine Herrin, die er dann "besingt", aber er konnte auch ein Lied vortragen, in dem er eine fiktive Dame zum Gegenstand seiner kunstvollen und seine Geschlechtlichkeit kultivierenden Exerzitien macht. Die Herrin ist manchmal von hohem Stand, gelegentlich verheiratet, und zudem das, was man damals etwas ungenau alles so unter "keusch" versteht, d.h. sie widersteht erotischen Abenteuern, zumindest hat sie diesen Ruf. Diese frouwe wird anonymisiert, denn eine auf Ehe, Familie und dem Sozialverband des "Hauses" begründete recht patriarchale Gesellschaft muss das neue sensibilisierte erotische Spiel in den Rahmen einer Fest- und Feierkultur eingrenzen, sie würde sonst an ihr zerbrechen.

 

Damit entsteht eine Sphäre weltlicher Laien-"Kunst", die allerdings erst in der Neuzeit so bezeichnet werden wird. Sie hat starken Unterhaltungscharakter und erwirbt sich nach und nach immer mehr erzieherisch-propagandistische Elemente. In ihrer Selbstreflektion entwickelt sie manchmal ein gewisses intellektuelles Niveau. Aus dieser Sphäre wird die hybride Ausgrenzung von "Kultur" in den neuen künstlerischen Bereich hinein hervorgehen. Parallel dazu werden "ständische" Verhaltensformen entwickelt, die im Laufe der Zeit so künstlich werden wie die entstehende Kunst.

 

Im kunstvollen Spiel kultiviert der Sänger also einen Widerspruch: Voraussetzung des Spiels ist jenes Begehren, welches im Geschlechtstrieb begründet ist. Indem im Extremfall ein Objekt des Begehrens gewählt wird, welches den Spannungsabbau, die sexuelle Befriedigung unter gar keinen Umständen gewährt, wird die innere Spannung des Begehrens unendlich aufrechterhalten, nicht eingelöst. Dieses Dehnen der Spannung lässt sich als Sensibilisierung beschreiben. Es ist eine kunstvolle Verarbeitung dessen, was Freud als Neurose bezeichnet, jeder Zustand des Menschen unter den Bedingungen von Kultur.

 

Im Spiel muss der Sänger aber so tun, als ob er die Triebabfuhr, die sexuelle Entspannung in der, in dieser erwählten Frau, dringend brauchte (natürlich braucht er sie tatsächlich). Poetisch ist das die Bitte um die "Erfüllung" seiner Liebe. Nur deshalb kann er das thematisieren, was (vorläufig oder dauerhaft) unerfüllte Liebe immer auch bedeutet: Schmerz.

 

Nun vermeidet er dabei einen anderen Schmerz: Den der Ent-Täuschung seiner phantasierten Verzauberung der geliebten Frau nach der Triebabfuhr, wenn der hormonelle Abschwung einsetzt, wie wir heute formulieren können, und die Idealisierung vielleicht schon ihren ersten Rückschlag erleidet. Zudem vermeidet er die Verbindung von Lust und Schmerz im Ausagieren des triebhaften Verlangens, das auf und ab von Aggression und Depression. Aber dazu wird er sich kaum offen äußern. Stattdessen formuliert er die Schmerzlust verfeinerten Begehrens - dieser spezifischen Ausformung von Liebe.

 

Neben dem Einüben der Sublimierung des Geschlechtstriebes, der bekanntlich nicht auf Liebe, sondern auf Fortpflanzung abzielt, einer Übung, die überhaupt erst einen Begriff von "Liebe" hervorbringt, übt er sich zugleich ein in das Ertragen von seelischem Schmerz. Was daraus hervorgeht, können wir eben in moderner Ausdrucksweise als "Sensibilisierung" bezeichnen.

 

Das "Ich" wird auf eine Weise "lyrisch", wie es das zuvor nicht gab. Voraussetzung dafür ist natürlich das stärkere Eindringen des Christentums in den "weltlichen" Raum, also aus den engen Kreisen von Klerus und Kloster heraus. Zudem musste bei den Laien der Oberschichten die Literalität steigen, was zuerst im anglonormannischen und im Mittelmeerraum geschah. Die deutschen Lande kamen dabei erst mit Jahrhunderten Verspätung hinterher.

 

Leiden und Schmerz

 

Als Pietà oder Vesperbild bezeichnet man in der christlichen Kunst das Bild von der Schmerzensmutter, also von Maria, die ihren toten Sohn hält. Solche Bilder oder Statuen sind auch ein Ergebnis jenes Wandels im Hochmittelalter, der sich zugleich in der neuen Lyrik abzeichnet. Die meisten Pietàs entstehen erst, als die Zeit des Minnesangs vorbei ist. Zu den ganz frühen gehört die hier abgebildete aus der romanischen Basilika von Aquileja im heutigen Nordost-Italien.

 

Pietà meint im christlichen Raum „Mitgefühl“ und „Frömmigkeit“, und es ist kein Zufall, dass Frömmigkeit nun auch für Laien das Hineingehen in und das Durchhalten von Schmerzen in der Verehrung Jesu meint. In säkularisierter Form wird diese Schmerzkultur zwischen Barock und der Romantik zum Beispiel ein wesentlicher Aspekt von kunstvoller Musik sein, selbst die Volksmusik dieser Zeit, soweit noch bekannt, beschäftigt sich bald (etwas unbefangener) damit.

 

Ein ganz deutlicher Ausdruck dieses Wandels ist die theologisch durch nichts zu begründende Bedeutungszunahme der Frau und Mutter, deren Rolle für das evangelische Heilsgeschehen an und für sich mit der Empfängnis, Geburt und Aufzucht Jesu erledigt war. In etwa derselben Zeit steigt auch eine zweite biblische Frau im Ansehen: Maria Magdalena, das evangelische Idealbild der Frau, die weder Ehefrau noch Mutter ist, der Frau, die Jesus liebte. (siehe Großkapitel 'Eros' etc)

 

Grundsätzlich kann man sagen, dass die Aufwertung der Frau in der neuen Lyrik und die in den bildenden Künsten sehr viel miteinander zu tun haben. Und beide haben sehr viel damit zu tun, dass evangelische Themen und Botschaften wichtiger werden. Diese Evangelisierung beschäftigt sich mit dem erstaunlichen Erzähl-Aspekt der Evangelien, ihrem Anteil an kleinen Geschichtchen, einem schwachen Wieder-Aufleben der größeren Erzählungen im Alten Testament. Wer das Besondere an diesem Erzähl-Anteil erkennen möchte, kann die Bibel zum Beispiel mit dem Koran vergleichen, dem das fehlt. Der Islam hat dann später dem entsprechende Geschichten im Sinne von Volkstümlichkeit nachgeschoben.

Dass es im Verlauf des Mittelalters genau gegenläufige Vorgänge der tatsächlichen Entrechtung und sozialen Marginalisierung von Frauen gibt, sei hier zunächst nur kurz angedeutet.

 

Der Jesus des früheren Mittelalters war ein triumphierender Jesus gewesen, er war es selbst noch am Kreuz. Das war theologisch korrekt, denn sein kurzer Opfergang und Leidensweg war nichts im Vergleich dazu, dass er wieder in seinen "Vater" eingegangen war. Er hatte das Ziel erreicht, das er zu Lebzeiten gepredigt hatte: Der Bürden des Fleisches und des Erdenlebens ledig tritt er in den Zustand der Wahrheit ein, den des ewigen unveränderlichen Seins, einen Zustand ewiger "Seligkeit", eines spirituellen Glückes (was immer das sein mag).

 

Als das Christentum die rauhe Kriegerwelt soweit erfasst, dass sie Religion nicht mehr als das zeremonielle Abwickeln gelegentlicher Pflichten begreift, sondern etwas von der evangelischen Botschaft zu verinnerlichen beginnt, tritt mehr von dem Menschen Jesus in den Vordergrund. Seine Forderungen sind natürlich für die meisten nicht hinnehmbar und werden weitgehend ignoriert, aber es kommt zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem Jesus der Passion, dem, der für andere leidet. Damit werden auch Frauengestalten bedeutsamer: Die Frau, die um ihren Sohn leidet, und die Frau, die ihn "liebte", d.h. die ihn dienend liebte.

 

Nur zur Erinnerung: Der evangelische Jesus predigte unbedingte Armut, Wohnortlosigkeit, Ehelosigkeit usw. als Aufbruch hin zum eigentlichen, "wahren" Leben, und zudem Nächstenliebe (nicht wohlfeile Fernstenliebe!), Feindesliebe, Gewaltlosigkeit. Das war das, was zum Teil ursprüngliches monastisches Leben betrieb,  jenes Leben also, dem dann als erstes die Neigung zum Pilger-artigen Umherwandern, weg vom Kloster und wieder zurück, von oben ausgetrieben wurde. Irische Mönche werden dieses predigende Umherwandern in der Nachfolge Jesu am längsten durchhalten und dabei wesentlich auch zur Christianisierung des Frankenreiches beitragen. Im 11. Jahrhundert lebt diese ambulante Heiligkeit wieder auf.

 

Die kriegerischen "heidnischen" Horden, die ins römische Imperium einfielen und ihm den Garaus machten, trafen auf ein "verstaatlichtes" Christentum, in dem die jesuanische Botschaft auf das Mönchtum und Außenseiter abgeschoben ist; auf eine Kirche, die über tausend Jahre um die Ehelosigkeit des Klerus kämpfen wird, auf eine Kirche, die bis in die Zeit des Minnesangs hinein darum kämpft, dass kirchliche Ämter nicht erkauft werden und dass das Eigentum der Kirche, welches längst ein erhebliches und vererbbares ist, als ein kollektives zu behandeln ist und nicht als eines, aus dem sich Kleriker oder Äbte individuell bedienen.

 

Wir müssen uns klarmachen, dass der Weg hin zu dem, was ich hier unter anderem als Sensibilisierung beschreibe, ein für damalige Verhältnisse ungeheuerlicher ist. Er betrifft nur wenige aus den führenden Schichten derer, die sich als Adel herausbilden und darüber einige von denen, die dann zu den ersten über ihnen werden, den Fürsten. Betroffen werden sie davon ganz unterschiedlich und zu einem guten Teil auch überhaupt nicht. Nur langsam sinkt davon etwas in die stadt-bürgerlichen Schichten ab, die erst gerade entstehen, und viel später auf die ländliche große Mehrheit der Bevölkerung.

 

Die erste Sprache der neuen Herren, die Teilreiche aus dem ehemaligen imperium Romanum herausschneiden, ist die der Gewalt, und das erste Recht ist das der Stärkeren. Die Annahme des Christentums ist zunächst vor allem ein Machtmittel, eine Legitimationsstrategie für Herrschaft und Unterwerfung. Der den Sieg verleihende neue Schlachtengott wird auch als Abbild von Herrschern auf Erden verwandt, bzw. er wird zugleich zum Abbild irdischer Macht - er hat und verleiht maiestas.

 

In der Salbung von Königen erst im iberischen Westgotenreich, dann im Frankenreich wird der König, der lange Zeit vor allem ein Heerkönig ist, magisch mit dem neuen Gott verbunden. Im Befolgen der Gottesdienstpflichten und in frommen Stiftungen erkauft sich der Mächtige Gegenleistungen von diesem Gott, so wie die Stadtrömer früher opferten, um Götter auf ihre Seite zu bekommen. Do ut des - was ich Gott gebe, möchte ich von ihm zurückbekommen. Das Christentum wird ein Handel auf dem Markt der Rechtfertigungen.

 

Ritterschaft (cavaleria) und Ritterlichkeit, wie wir sie uns heute vorstellen, entstehen erst nach der Jahrtausendwende. Wer die evangelische Botschaft als "Laie" zuvor an irgendwelchen Punkten ernst nimmt, wird wie Martin von Tours sofort für "heilig" erklärt, damit zur Ausnahme gestempelt, neutralisiert und der Verehrung anheim gegeben. Der Heiligenkult der folgenden Jahrhunderte entlastet dann alle die, die nicht die geringste Absicht haben, heilig zu werden. Die magischen Momente dieses Christentum sind völlig unjesuanisch, sie sind dem römisch-hellenistischen und germanischen Heidentum entnommen. Jesus hatte damit nichts zu tun, er verlangte ein enormes Ethos der konsequenten Taten und des konsequenten Verhaltens.

 

In der Verbindung von Lust und Leid und deren Feiern in der hohen Minne beginnt eine Entwicklung der "Kultivierung" von Triebhaftigkeit in der Latenz, die analog ist zum Bestreben von Machthabern und Gewalttätern, in der Entstehung neuer Staatlichkeit die Gewalt im Inneren und nach unten in die Latenz der Strafandrohung in Permanenz zu verlagern und stattdessen nach außen zu verlegen. Insofern lassen sich Sublimierungsbestrebungen des Aggressiven generell wie die Regulierungsneigungen des Kapitals parallel dazu beobachten, die in jenes spezifisch abendländische Phänomen des Nationalismus münden werden: Der Vermassung von Untertanen eines Machthabers auf der Suche nach Staatlichkeit unter einer Idee.

 

Die Herz-Schmerz-Sublimationen des Sexus haben einen Ausgangspunkt in dem Verzicht auf Triebabfuhr in der hohen Minne, einen weiteren in den Versionen des Trennungsschmerzes. Was in der deutschen Poesie die Morgenlieder mit der Trennung des Paares nach der sogenannten Liebesnacht sind, die kunstvoll aufrechterhaltene Illusion, dass es im Sexus um Liebe ginge, findet einen anderen Ort auch in den poetischen Inszenierungen des Abschieds des Ritters, des Trägers kunstvoller Liebesvorstellungen, beim Ausritt in Kampf und Krieg. Besonders kunstvoll veredeln lassen sich solche Herz-Schmerz-Trennungssituationen, wenn sie auch noch christlich-religiös veredelt werden wie beim Aufbruch zum Kreuzzug, der ja ab 1095 in Permanenz stattfindet, sich allerdings in Schüben zu großangelegten Kriegszügen auswächst.  

 

Rainald von Aquino ist nicht nur Bruder des großen Scholasten Thomas, sondern als gehobener Diener (Valet) und Falkner Kaiser Friedrichs II. am Hof aufgestiegen. In einem Kreuzlied lässt er eine Frau über den Abschied vom Geliebten klagen, der ins sogenannte "Heilige Land" der Christen aufbricht. "Gott, das Kreuz, des Kaisers Friedenswerk, ihre eigene Liebe" , alles wird ihr nun "zum Grund für Leid und Verzweiflung" (Stürner S.373). 

 

Mit dem Einzug der Herz-Schmerz-Liebe-Thematik wird natürlich nicht nur einem gehobenen Stil ein Thema neben dem des Lobhudeln für die Mächtigen oder der Propaganda für den Konkurrenten um die Macht Tür und Tor geöffnet, sondern auch für die Verkitschung des Themas. Sublimation führt eben nicht nur zur Ausdifferenzierung und Verfeinerung von Gefühlen, sondern leichthin auch zu deren Verflachung, wie sie viel später in der Musik der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dann als sentimentales Rokoko überhand nehmen wird, um eine Etage tiefer in völliger Verschnulzung zu verenden, in der sich reiner Warencharakter mit untertänigster Verblödung verbinden. 

 

Ohnehin setzt sich im Verlauf des 12. und dann besonders ins 13. hinein die Tendenz durch, die Liebeslyrik mit dem sexuellen Vollzug zu krönen und so etwas ungehemmter zu bejubeln durch, und das nicht nur bei Walter von der Vogelweide und bei Neidhart von Reuenthal. In der Manessehandschrift ist ein Lied von Kaiser Heinrich VI. enthalten, welches folgende Passagen modern eingedeutscht enthält: 

Ich grüße mit Gesang die süße Geliebte, von der ich nicht ablassen will noch kann. Dass ich sie mit meinem Mund in der rechten Weise grüßen konnte,  ist leider lange her (…) Mir sind die Reiche (diu rîch) und die Länder (diu lant) untertan, wenn ich bei der Geliebten (minneclîchen) bin, und wenn ich Abschied nehme, sind meine Macht (mîn gewalt) und Reichtum dahin. (…) was gibt mir die Geliebte zum Lohn? Sie belohnt mich schon richtig gut. Bevor ich auf sie verzichte, verzichte ich lieber auf die Krone. Wer nicht glaubt, dass ich lange glücklich leben könnte, auch wenn nie eine Krone auf meinen Kopf käme, der versündigt sich. Nur ihretwegen kann ich das sagen. Würde ich sie verlieren, was hätte ich dann? Dann würde ich weder Frauen noch Männern zur Freude taugen und meine beste Hoffnung wäre in Acht und Bann. (in Staufer und Italien, S.271)

Nirgendwo besser als hier kann man erkennen, dass solche Lyrik Pose ist, der es massiv an Substanz fehlt. Der idealisierenden lyrischen Höhe entspricht die Niedrigkeit, wenn sie der Verlogenheit entkleidet wird. Allerdings ist die Geliebte des kaiserlichen Machwerks ohnehin keine Person, sondern völlig entpersonalisierte Stellvertreterin für jedes weibliche Liebesobjekt, was das Posieren des Sängers ohnehin plausibel macht.