KÖRPER 4: SEXUS, EROS, LIEBE IM SPÄTEN MITTELALTER (in Arbeit)

 

Natur

Geschlechter (Zwei Rosenromane / Querelle des femmes / Stadt der Frauen / Ginevra / Jeanne d'Arc)

Frauen

Ehe

Manieren

Körperideale

Kleidermoden

(Hadlaub)

Jugend

Fasten und Feste (Alkohol)

Abarten 1 (Obszönität / Gilles de Rais)

Abarten 2 Prostitution  (Sklavinnen)

Gesundheit und Medizin

 

Natur

 

Nachdem die Kirche die Ehe geheiligt hat, befindet sie sich in ihren theoretischen Überlegungen auf dem Rückzug, was die menschliche Geschlechtlichkeit angeht. Der korrekte eheliche Koitus ist jetzt nicht nur religiös gerechtfertigt, sondern entspricht nun auch der "Natur" des Menschen, die Abwehrkämpfe der Kirche konzentrieren sich jetzt auf das, was widernatürlich, gegen die Natur sei. An der Universität von Paris werden Sätze propagiert wie die: Enthaltsamkeit ist keine Tugend, oder, vollkommene fleischliche Abstinenz schadet der Tugend und dem Erhalt der Gattung. (Liste des Étienne Tempier von 1277)

 

Indem das "natürliche" Ausleben der Geschlechtlichkeit (vaginaler Koitus von Ehepartnern) immer weniger zu einer Sünde wird, wird sie immer mehr zu hinnehmbarer "Natur". Thomas von Aquin schreibt in der 'Summa theologica': Der Mensch kann nicht alle zügellosen Antriebe vermeiden, die aus der Verderbtheit und Sinnlichkeit herrühren. (so in: Rossiaud, S.202) Damit fallen die Sünden des Fleisches im Verlauf des 13. Jahrhunderts zunehmend in den Bereich der lässlichen Sünden. Und was passiert, wenn dann die (Woll)Lust im Ehebett immer akzeptabler wird: Sexuelle Lust als natürliches Begehren wird immer legitimer.

Das wird dahin führen, dass das Ausleben des "natürlichen" Geschlechtstriebes von jungen Unverheirateten in einigen Regionen Europas immer akzeptabler wird, solange es den ehrbaren Teil der weiblichen Bevölkerung ausschließt. Bei Thomas heißt das dazu: Eine Sünde ist um so weniger strafbar, je mehr man dazu verleitet wird (...) Wenn es schwer ist, zu widerstehen, dann wird die Sünde dadurch gemildert. (s.o. S.85)  In anderen geistlichen Texten steht dann, dass die Attraktivität des weiblichen Objektes die Schwere der Schuld mindert.

 

Je massiver der Naturbegriff in die Debatte eingeführt wird, desto schärfer geht es dann insbesondere im 15. Jahrhundert gegen das "Widernatürliche", als da vor allem die Homosexualität ist und die Selbstbefriedigung. Da man außerdem gegen den Bevölkerungsschwund seit Mitte des 14. Jahrhunderts vorgehen möchte, gerät auch die dritte Form des unfruchtbaren Umgangs mit der eigenen Geschlechtlichkeit manchmal in Verruf: die Enthaltsamkeit. Die Konsequenz ist, dass einzelne Theologen selbst auf den Konzilien von Konstanz und Basel sich ablehnend gegenüber dem Zölibat äußern.

 

Natur: Nach 1340 beginnt in der Toskana das Malen der Anbetung des Jesuskindes durch die Hirten. Um 1400 ist das Thema in Frankreich angekommen. Wie schon in der Antike werden Schäfer (und Schäferinnen) wieder zu Repräsentanten eines idealisierten Landlebens und der natürlichen Unschuld.  1398 lässt die französische Königin Isabelle in Saint-Ouen eine große Schäferei kaufen, welche sie mit ihrem Hofstaat des öfteren besuchte. In Jean de Meungs 'Roman' lädt der Genius Männer und Frauen ein, die Stiere und Kühe, die Schafe und Hammel beim Koitus zu beobachten. Nicht gemeint ist dabei natürlich die Landbevölkerung.

Die Reaktion von Jean de Gerson folgt: Hört, welche Übel folgen, würde Gott jede nicht verheiratete Frau jedem Mann für ein törichtes Verlangen preisgeben; die Ehe ginge zugrunde (...) Die Fortpflanzung würde weitgehend verhindert, Frauen und Nachkommenschaft in Stich gelassen; ich frage euch, wenn ihr junge, unverheiratete Mädchen, Schwestern oder Basen habt, wollt ihr vielleicht, dass diese allen Männern überlassen werden sollten und eure Söhne allen Frauen oder sogar der eigenen Mutter, falls diese Witwe ist? (in: Rossiaud, S.171)

 

Das Argument der Natürlichkeit zerschellt so an den Ansprüchen von Familie und Verwandtschaft, die erst im Verlauf des zwanzigsten Jahrhunderts für den Westteil Europas bewusst abgewertet werden zugunsten eines viel totalitäreren Staates. Die rabiate Antwort für die Praxis werden die Reformationen liefern.

 

Das alles mag ein Indiz für einen allgemeinen Bewusstseinswandel sein, aber die meisten Menschen werden hinsichtlich ihrer Geschlechtlichkeit kaum allzu sehr mit einem Naturbegriff operiert haben. Der Geschlechtstrieb ist einfach da und man muss mit ihm umgehen, mehr oder weniger liebevoll oder lieblos und vorwiegend im Dunkel der Nacht.

 

Geschlechter (in Arbeit)

 

Die zunehmende Vielfalt schriftlicher und bildlicher Quellen erlaubt es, deutlicher eine Vielfalt von Vorstellungen zu den beiden Geschlechtern und der Praxis ihres Geschlechtslebens zu gewinnen. Die Kirche bejaht nun definitiver sowohl ihr eigenes Zölibat, ja, Keuschheit der Kleriker, was vielfach weiter nicht eingehalten wird, und zudem die Ehe der Laien. Zugleich gehört in Klerikerkreisen Ovid weiter so zur Lektüre wie Boethius.

Für noble Mächtige dient die Ehe weiterhin dynastischen Zwecken und Geliebte und Konkubinen dienen immer noch einer sehr persönlichen Mixtur aus Begehren und Verliebtheit. Die Idealisierung des Rittertums bekommt trivialere Züge, während es selbst an (vor allem militärischer) Bedeutung verliert. Stattdessen gewinnt das höfische Leben an Prunk und Protz, der auf einem zunehmend kapitalistisch generierten Reichtum der Fürsten besteht.In diesem Zusammenhang werden Züge einer gewissen Libertinage erkennbar.

Die Zunahme veröffentlichter Texte in den Volkssprachen erlaubt mehr Einblicke in das, was sehr pauschal als Bürgertum zusammengefasst wird. Ein von Kommerz und Produktion geprägter Alltag scheint ein anderes als das aristokratische Verhältnis zu Ehe und Familie hervorzubringen. Das wenige, was wir über die Mehrheit der weithin illiteraten Menschen im ländlichen Raum erfahren, müssen wir bürgerlichen und adeligen Texten entnehmen. 

 

Nachdem mit Gottfried von Straßburg die unbändige Macht des Geschlechtstriebes ins Zentrum eines literarischen Interesses getreten ist, wird sie im sogenannten späten Mittelalter zentrales Thema eines öffentlichen Bewusstseins der Lesekundigen bleiben. Dabei bleibt eine uralte Vorstellung kirchlicherseits bestehen: Chaos und Gewalt, durch den Geschlechtstrieb ausgelöst, beruhen auf der sexuellen Attraktivität der Frauen, welche diese offensiv einsetzen, um Männer dazu verlocken, sie zu begehren und damit Unheil anzurichten.

Im weltlichen Raum hingegen bleibt bis zu Christine de Pizan ein durchgehender Männerblick erhalten, in dem der Mann aktiver Eroberer von Frauen ist. 

 

****

 

Die Wirklichkeit gelebter Sexualität bricht gegenüber dem schönen Schein einer christlich deklarierten Zivilisation nur selten und punktuell durch. Als triebhafte Notdurft ist sie in den Städten in der amtlich in Bordellen integrierten wie oft auch der illegalen Prostitution anerkannt und solide kommerzialisiert. Im städtischen Klatsch über die außerehelichen Eskapaden und Liebschaften bei Adel und Fürsten schlägt sie sich vage nieder. Tötungen unehelicher Neugeborener bleiben im Dunkel wie Abtreibungen, nur in den Findelhäusern, früher schon in Italien, spät dann auch in deutschen Landen, findet das Anerkennung, was eigentlich nicht sein soll.

Findelhäuser beruhen auf Stiftungen von Organisationen und einzelnen spendenbereiten Reichen. Sie sind mehr oder weniger nach Geschlechtern getrennt und stehen unterschiedlich unter städtischer Aufsicht. 1537 betreut das Mädchenhaus in Nürnberg 46 Kinder, das sind rund hundert Kinder beiderlei Geschlechts für eine Stadt von etwa 30 000 Einwohnern.  

Im Raum aristokratischen Lebensgefühls werden des öfteren "Bastarde" anerkannt, sie sind auch Zeugnis sexueller Potenz. Stadtbürgerliche Ehrbarkeit verhält sich da in der Regel anders, nicht zuletzt deshalb, weil das die Einheit von Geschäft und Familie zerbrechen könnte. Außerhalb der Ehe gezeugte und geborene Kinder werden dort darum in mancherlei Hinsicht benachteiligt bleiben. Sie haben keinen guten Leumund.

 

ff

 

***Zwei Rosenromane***

 

Guillaume de Lorris:

 

Der erste Teil des 'Roman de la Rose', verfasst von Guillaume de Lorris 1245 und unvollendet, knüpft an Bilder damals konventionelle Liebeslyrik an. Das darin enthaltene Ideal der zu erringenden Rose verbindet die Eroberung der Frau, die ganze Kunst der Liebe, wie Lorris das nennt, mit dem durch sie ermöglichten Eintritt in eine höfische Welt, die nicht mehr kriegerisch- ritterlich, sondern durch Reichtum, Pracht und damit materielle Ausstattung gekennzeichnet ist. Das erotische Moment hat sich dabei so weitgehend von den Vorstellungen hochmittelalterlicher Minnewelten entfernt, dass man dahinter bürgerliche Aufstiegsphantasien vermuten kann. (Karl August Ott)

 

Zunächst gelangt der Held der Geschichte an den Rand eines Gartens, an dem außen alles Unerfreuliche dieser Welt dargestellt ist, während drinnen, wie er dann erfährt, wohlhabender Müßiggang herrscht, prächtigste Schönheit und unentwegtes Vergnügen. In diesem Lust-Garten findet er die schönste aller Rosenknospen, lässt sich von Amors Pfeilen durchbohren und dann von ihm erklären, wie man die Knospe erobert: durch den Einsatz von Geld, von höfischen Manieren und das Meiden alles dessen, was als bäurisch-ordinär (villein) gilt. Da das ein mühsamer Weg ist, erklärt Amor dann noch, wie man dieses "Martyrium" am besten ertragen kann.

Die Liebe zur (jungfräulichen) Rose wird so in Zusammenhang gebracht mit der zum "irdischen Paradies" aus Reichtum, Schönheit, Vergnügen und Müßiggang, die begehrte Jungfraurmit einer Sphäre (nichtsnutzig-) höfischer Prächtigkeit.

 

Schließlich rät die Vernunft, Geschöpf Gottes und nicht der Natur, von der  Knospe abzulassen, die zu gewinnen so schwierig ist. Aber für den Helden ist die Kraft Amors zu mächtig. Nun kommt ein Freund (Ami), der ihm Schmeicheln und Bitten anrät. Mit weiteren Hilfen gelingt es dem Helden, einen Kuss zu bekommen. Das führt aber nur dazu, dass das begehrte Gut nun eingemauert und in einen Turm gesperrt wird.

 

ff

 

Jean de Meung:

 

Nachdem der Lorris-Text wohl nicht zufällig unvollendet geblieben war, macht sich ein Jean de Meun(g) gegen 1285 daran, ihn fortzusetzen. Sein Text ist wesentlich intellektueller und besteht überwiegend aus Zitaten und Paraphrasen von Texten des Alanus ab Insulis, von Boethius, Ovid und wenigen anderen, was ihn neben anderem wohl als gebildeten Kleriker an der Pariser Universität ausweist, der zugleich ausführlich kirchliche Kritik an den Bettelorden vertritt. Recht modern setzt der Autor einen Erzähler ein, der mit allegorischen Gestalten wie der Vernunft und der Natur umzugehen hat, die sehr unterschiedliche Sichtweisen vertreten.

 

Bis Anfang des 16. Jahrhunderts ist der zweigeteilte Text äußerst populär, wohl der beliebteste volkssprachliche Text in Frankreich und darüber hinaus, wird häufig illustriert und durch Chaucers Übersetzung auch in England bekannt gemacht.

 

ff

 

****Eine Querelle über die Frauen****

 

Die meisten Texte bis ins späte Mittelalter, ob nun lateinisch oder in den Volkssprachen geschrieben, stammen von Männern. Die Texte der Troubadours und Minnesänger im 12. und 13. Jahrhundert feiern die Frauenverehrung und dann auch die Freuden des Sexus. Im Anschluss beschreiben Ritterromane, wie edle Ritter um Anerkennung durch hohe Damen in ihre Kämpfe ziehen. Das literarisch implizierte Frauenlob verdeckt aber eine sich einschleichende Tendenz, Frauen in ihren Rechten und Entfaltungsmöglichkeiten einzuschränken.

 

Schriftlich geäußerte Ansichten über Frauen sind sehr lange vor allem Männersache, derjenigen also, die mit der rechtlichen Kontrolle über die Frauen auch die über ihre Körper behalten wollen. Gegen deren Doppelspiel aus Verführung und Ablehnung setzt die dreifache Mutter Christine de Pizan nach dem Tod ihres Mannes 1390 die recht belesene weibliche Feder ein, wohl auch, um mit einem neuen Bestseller Geld zu verdienen. Neben Texten, die ein weites Feld abarbeiten und von den Fürsten ihrer Zeit unterstützt werden, erscheint 1405 mit dem 'Livre de la Cité des Dames' ein Gegenentwurf gegen das, was sie als die Misogynie ihrer Zeit erlebt.

 

Christines Vater hatte an der Universität Bologna studiert, dient dann der Republik Venedig und heiratet eine Arzttochter. 1368 wird der Vater als eine Art Hofastrologe an den Hof des französischen Königs Charles V. berufen und erhält ein Haus in Paris. Christine wächst in einer gewissen Wohlhabenheit und in der Nähe höfischer Umgangsformen auf. Sie ist fasziniert vom Reichtum und Überfluss am französischen Hof (Pernoud, S.29f).

Ihr Vater fördert wohl ihre Belesenheit. 1379 heiratet sie einen Adeligen, dessen Vater bei Hofe dient, und der in die direkte Umgebung des Königs als Notar aufsteigen wird. Ein Jahr später stirbt der König und die Lage der Familie wird etwas prekärer. Wenig später stirbt der Vater und nach zehn Jahren Ehe und drei Kindern dann auch der Ehemann.

 

Es kommt seit einiger Zeit gelegentlich zu Zusammenstößen und Unruhen zwischen der Pariser Universität und kirchlichen und königlichen Amtsleuten. Die schulgelehrte Vernunft begehrt auf gegen die übrigen Autoriäten. Es ist allerdings auch jene, die den gelehrten zweiten Teil des Rosenromans vertritt.

 

Christine lebt in prekären finanziellen Verhältnissen und muss viele Jahr lang gegen Schuldner und Gläubiger prozessieren. Zeitweilig sah ich mich an vier Pariser Gerichten klagend oder mit einem Verteidigungsprozess befasst. (so in: Pernoud, S.51)

Daneben beginnt sie um 1390 Gedichte zu schreiben, über die Liebe, eine Schäferidylle usw., und sie beginnt, von Frauen Stärke zu verlangen: Ich besaß pklötzlich ein starkes und tapferes Herz.Und wunderte mich darüber; dies zeigte mir jedoch, / Dass ich wahrhaftig ein Mann geworden war. Zu Witwen sagt sie: um allen anderen Schwierigkeiten zu begegnen (...) lege sie sich ein Männerherz zu, das heißt, sie sei beständig, stark und klug, um auf das, was gut für sie ist, bedacht zu sein und es klug zu erreichen. (so in: Pernoud, S.68f)

 

Christine hat Erfolg, der Herzog von Berry und andere Hochadelige bezahlen sie für ihre Texte. Kurz nach 1400 wird ihr erster Text ins Englische übersetzt. Giangaleazzo Visconti lädt sie nach Mailand ein, wird aber kurz darauf ermordet.

 

Mit der 'Épître au Dieu d'Amour' wendet sich Christine de Pizan 1399 gegen das, was sie als Frauenfeindlichkeit begreift, nämlich die von Jean de Meung betriebene Demaskierung höfischer Liebesideologie. (...) von allen Frauen / Die uns ergeben um Hilfe bitten. / Jene zuvor genannten edlen Frauen / Beklagen sich also bitterlich / Über Treulosigkeiten, Kritteleien, Verleumdungen, / Verrätereien, schwere Beleidigungen, / Hinterhältigkeiten und manch schwere Kümmernisse, / Die ihnen täglich von jenen Verrätern zugefügt werden, / Die sie tadeln, verleumden und betrüben. (so in: Permoud, S.91)

 

Christine, bürgerlich, aber punktuell in höchste höfische Kreise eingeladen und dort auch hofiert,von der dortigen Pracht und der höfischen Ideologie fasziniert,  zudem auch kirchenfromm, beklagt, dass neue Vorstellungen über die sich anbahnende Wissenschaftlichkeit an Gewicht gewinnen, lässt sich auf ein schriftliches Streitgespräch mit Vertretern der Universität ein, die leicht spöttisch und mit herablassendem Ton mit ihr umgehen. 

 

Jean Gerson, zur Mystik neigender Geistlicher und selbst Vertreter der Pariser Universität, greift ebenfalls Jean de Meung und seinen Roman in einem Traktat an: Damals hättet ihr eine große Menge sehen können, eine Vielzahl von Leuten, Junge und Betagte jeden Geschlechts und Alters, die ihn - ohne sich an eine Ordnung zu halten und häufig blindlings - einmal rechtfertigen, ein andermal verteidigen und dann auch in den Himmel heben wollten. (in:Rossiaud, S.163)

 

Derweil nimmt Christine an einem Rosenfest des Herzogs von Orléans teil, welches sie danach in ihrem 'Dit de la Rose' feiert. An Königin Isabeau (Isabella von Bayern) schreibt sie Anfang 1402 ein Memorandum mit Texten des Streites, und bittet sie um Unterstützung der "Sache der Frauen". Bald legt sie nach, Jean de Meung habe mit seiner expliziten Darstellung menschlicher Sexualität die Grenzen der Scham verletzt und wisse überhaupt nicht, was "Liebe" sei. An einen Kanoniker in Paris schreibt sie: Du behauptest, einen deiner Freunde von einer närrischen LIebe geheilt zu haben, indem du ihm den 'Rosenroman' zu lesen empfahlst: Wem willst du weismachen, dass er nicht besser geheilt worden wäre, wenn die ihm die Schriften des heiligen Bernhard gegeben hättest? (so in: Pernoud, S.107)

 

Christine ist offenbar davon überzeugt, dass edle Ritterlichkeit nicht Ideologie, sondern Wirklichkeit gewesen sei, und dass höfische Höflichkeit etwas mit Frauenfreundlichkeit zu tun habe. Inzwischen ist sie auch geblendet von Glanz und Pracht des Burgunderhofes, dessen Interessen sie nun vertritt und der genau solches Blendwerk propagiert und praktiziert. Dass die Zeit der Ritter vorbei ist, und Söldner, Geld und großes Kapital die Welt charakterisieren, scheint sie wacker zu ignorieren.

Was sie zu recht wahrnimmt, ist, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen für Frauen ganz langsam enger werden, und das jenseits der prachtvollen Höfe bei einigen Leuten Anzeichen für eine Ressentiment-geladene Frauenfeindlichkeit zunehmen,. Aber diese ist weniger auffällig als eine zunehmende, oft latente, manchmal wie bei den Hussiten auch offene Feinseligkeit gegen die Kirche und ihre Prachtentfaltung. Die prononcierte Verachtung gegen herausragende Frauen auf dem intellektuellen Feld hat aber immerhin auch etwas damit zu tun, dass Frauen wie Christine nun stärker öffentlich auftreten, konkurrieren, dabei aber nun notgedrungen ohne akademische Ausbildung auskommen müssen. Gerade deshalb wohl wird sie in der Cité des Dames mit der Dame Vernunft beginnen und eine Novella ihren Vater bei juristischen Vorlesungen vertreten lassen.

 

Die Schwäche aller Texte von Christine besteht darin, dass sie ihren Kontrahenten intellektuell nicht gewachsen ist und diese missversteht, zugleich ist aber ihre Naivität auch ihre Stärke, da sie ihrem Grundanliegen eine gewisse Kraft verleiht, nämlich der Verteidigung von Weiblichkeit gegen jede Form der Abwertung zu dienen.

 

****Die Stadt der Frauen****

 

Ein Jean de Montreuil liest Jean de Meungs Text und schreibt 1401 eine Abhandlung, die ihn deutlich lobt, ein, wie Christine de Pizan findet, frauenfeindlicher Text. Die Lektüre dieses Buches verstört sie: Ich fragte mich, welches der Grund, die Ursache dafür sein könnte, dass so viele und so verschiedene Männer, ganz gleich welchen Bildungsgrades, dazu bringen, in ihren Reden, Traktaten und Schriften derartig schlecht  über Frauen zu reden und deren Leben zu tadeln. (...)

Drei Damen treten auf, die Vernunft, die Rechtschaffenheit und die Gerechtigkeit, die Christine trösten wollen

Diejenigen, die Frauen aus Missgunst verleumdet haben, sind unwürdige Männer, die zahlreichen ihnen an Klugheit und Vornehmheit überlegenen Frauen begegnet sind. Sie reagierten darauf mit Schmerz und Unwillen, und so hat ihre große Missgunst sie dazu bewogen, allen Frauen Übles nachzusagen (…) Da es aber kaum ein bedeutendes Werk eines angesehenen Verfassers gibt, das nicht Nachahmer fände, so gibt es gar manche, die sich aufs Abschreiben verlegen. Sie meinen, das könne gar nicht schiefgehen, da andere bereits in ihren Büchern das gesagt haben, was sie selbst sagen wollen – wie etwa die Frauenverunglimpfung; von dieser Sorte kenne ich eine ganze Menge. (Christine, 51f)

 

Dann fordern die drei Damen Christine auf, mit ihnen zusammen in Gedanken eine aus den von ihnen verkörperten Werten Vernunft, Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit zusammengesetzte Stadt der Frauen zu erbauen, was erweisen werde, dass Frauen gleichwertige Geschöpfe Gottes seie . Aber das Spiel der Worte beschreibt wie so oft damals keine Wirklichkeit, sondern versucht höchstens, ihr eine Stellungnahme abzugewinnen. Grundsätzlich erkennt Madame Vernunft an, dass Frauen und Männern von Gott etwas unterschiedliche Aufgaben und Talente zugewiesen werden: Gott hat gewollt, sagt die Vernunft, dass der Mann und die Frau ihm unterschiedlich dienen sollen, was sie aber durchaus gleichwertig macht. (Christine, S.62, 1-11)

 

Schon damit lässt sich der Text nicht für den seit Ende des 18. Jahrhunderts zunehmenden "Feminismus" einvernehmen. Danach ergeht sich der erste Teil in dem Widerspruch zwischen der Aussage von Dame Vernunft, dass Gott und die Natur (sic!) den Frauen einen Dienst geleistet haben, indem sie ihnen körperliche Schwäche gewährt haben; dank dieses Mangels haben sie nicht diese schrecklichen Misshandlungen betreiben können, diese Morde und diese großen und grausamen Dinge, die körperliche Kraft zu tun veranlasst. (Christine, S.67, 1-14), und der Beschreibung einer Unzahl hauptsächlich mythischer und sagenhafter Frauen, die als Krieger, Ritter und Heerführer letztlich doch genau auf diesem Feld reüssiert haben sollen. Dabei wird ausführlich auf die Amazonen als historische Wesen verwiesen, aber auch unter Nutzung der sehr fragwürdigen Historia Augusta auf Zenobia von Palmyra.

Diese kriegerischen Heldinnen sind durchweg ritterlich, edel und im besten Fall auch noch jungfräulich, was Christines Text an Ritterromane erinnern lässt, allerdings solche von eher niedrigem intellektuellem Niveau.

 

Danach geht es in ebenfalls über zwanzig Kurzkapiteln um die Leistungen von Frauen im intellektuellen Bereich. Nachdem sich Christine bei ihren Beispielen zunächst auf das Frauenlob des Boccaccio bezieht, tatsächlich ein Gegenbeispiel zur Behauptung allgemeiner Mysogynie, kommt sie auch zu dessen wenig von Kenntnissen getrübter Darstellung von Sappho, der sie wohl in Unkenntnis der wenigen erhaltenen Fragmente tiefgründige Wissenschaftlichkeit und große Bildung unterstellt, was immer sie darunter verstehen mag (1-30). Ansonsten verweist sie auf Homers Circe, Minerva, Ceres, Isis und andere mythische Gestalten und Göttinnen.

Am Ende des ersten Teils wird dann vor allem mit dem Frauenlob des alttestamentarischen Salomon (!) belegt, dass Frauen Urteilskraft und common sense haben. Schon soweit wird deutlich, dass die Autorin der "Sache der Frauen" einen Bärendienst erweist, indem sie darauf verzichtet, diese mit der alltäglichen Wirklichkeit um sie herum zu belegen und stattdessen zutiefst fragwürdige Autoritäten heranzieht.

 

Im zweiten Teil übernimmt Dame Rechtschaffenheit das argumentieren und beginnt mit Prophetinnen wie den Sybillen und alttestamentarischen Prophetinnen. Auch im weiteren sind nicht die sagenhaft-"historischen" Beispiele der Dame Rechtschaffenheit für die positiven Qualitäten der Frauen interessant, dafür aber die aktuellen Zeugnisse: Eltern haben lieber Söhne als Töchter, weil sie die Kosten für deren Verheiratung scheuen und Töchter vor Verführern geschützt werden müssen. Das hält die Rechtschaffenheit für unbegründet.

Als nächstes werden die aktuellen misogynen (?) Vorwürfe noch konkreter: Frauen machen ihren Ehemännern das Leben mit Gehässigkeit und Bissigkeit schwer, lieben sie wenig und deshalb heiratet der Weise nicht.

Wesentliches und unmittelbar plausibles Argument dagegen hat die Rechtschaffenheit parat: Denn es sind die Männer, die über die Frauen herrschen und keineswegs die Frauen über ihre Ehegatten. Gute Ehemänner ergeben in der Regel gute Ehefrauen, denn bei ihnen sind die Frauen dieser (bösartigen) Art widernatürlich, und sozusagen Monstren. (Christine, S.146f, 2-13)

 

Es folgt nun eine ganze Anzahl treu liebender, aber eher sagenhafter Ehefrauen, darunter sogar die allgemein legendär eher übel beleumundete Xanthippe, die ihren Sokrates sogar innig liebt, obwohl er schon alt ist und es vorzieht, seine Zeit über ein Buch gebeugt zu verbringen, anstatt originelle und feinsinnige Geschenke zu suchen, mit denen er seine Frau erfreuen könnte. (Christine, S.157, 2-21)

 

Als nächstes geht es um die Schwatzhaftigkeit der Frauen und ihre Unfähigkeit, etwas für sich zu behalten. Die Dame Rechtschaffenheit meint dazu: (...) wenn ein Mann klar im Kopf ist, achtet er darauf, die Intelligenz und das Wohlwollen seiner Frau zu ergründen, bevor er ihr einen Gegenstand eröffnet, den er vertraulich behandelt haben möchte, denn das kann gefährlich werden. (Christine, S.161, 2-25) Darüber hinaus soll er auf auf jene Frauen hören, die vernünftig sind, auf die anderen natürlich nicht (2-28) Es folgt eine Anzahl sagenhaft-antiker Beispiele des wohltuenden Einflusses von Frauen.

 

Eines der wenigen handfesteren Kapitel behandelt das Thema, dass einige Männer nicht wollen, dass ihre Frauen, Töchter oder Verwandten Studien betreiben, und zwar aus Angst, dass ihre Sitten dabei korrompiert würden. Dagegen setzt die Dame Rechtschaffenheit, dass moralische Unterweisung nicht schaden könne, und Zauberei und verbotene Wissenschaften dürfe eh niemand ausüben.

Als Musterbeispiel erwähnt sie den nicht so sehr aus versunkener Vergangenheit hervorgeholten Bologneser Legisten Giovanni Andrea, der seiner schönen Tochter Novella das Schreiben und das kanonische Recht beibringt. Wenn ihn also andere Pflichten hinderten, den Stuhl vor seinen Schülern zu besteigen, konnte er seine Tochter den Lehrstuhl an seiner Stelle besteigen lassen. Um aber dem öffentlichen Auge eine Schönheit zu entziehen, die sie abgelenkt hätte. breitete man einen kleinen Vorhang vor dem Stuhl aus.

Ganz an der Wirklichkeit dran ist Christines eigenes Beispiel: Dein Vater, großer Astronom und Philosoph, dachte nicht, dass die Wissenschaften die Frauen verderben könnten. Er erfreute sich im Gegenteil - du weißt es sehr wohl - am Anblick deiner diesbezüglichen Talente. Es sind die weiblichen Vorurteile deiner Mutter, die das Verteifen und Erweitern deiner Kenntnisse in deiner Jugend hinderten, denn sie wollte dich auf Nadelarbeiten beschränken, die die übliche Beschäftigung der Frauen sind. (Alles Christine, S.179f, 2-36)

 

Es folgen sagenhafte Beispiele von Frauen, die belegen sollen, dass sie durchaus keusch sein können, darunter die Penelope des Odysseus. Dann erklärt Christine, unter ihren Zeitgenossen gebe es Männer, die behaupten, dass Frauen gerne vergewaltigt werden würden (!), was die Rechtschaffenheit zurückweist. Schließlich geht es um die Beständigkeit der weiblichen Liebe, wiederum an vielen Beispielen aus alter Zeit belegt.

 

Was nun folgt, dreht sich um die Frage, ob Frauen, die sich mit Kleidung und Zubehör schmücken, dies nicht tun, um Männer zu verführen, wobei verständlicherweise die Antwort der Dame Rechtschaffenheit etwas schwankend ist. Alles Raffinement in der Kleidung über den Rahmen des Üblichen hinaus ist ein Laster. (...) Aber: nicht alle (!) tun es, um zu verführen. Für viele, Männer wie Frauen, ist es eine ehrenwerte Neigung und eine natürliche dazu, sich an Eleganz zu erfreuen und die schönen und reichen Roben zu erfreuen. (...) Wenn es die Natur (!) ist, die es will,, ist es sehr schwer, davon abzulassen (... Christine, S.228, 2-42)

 

Am Ende wird noch widersprochen, dass Frauen von Natur aus geizig seien, vielmehr wird auf ihre Großzügigkeit verwiesen. Schließlich lädt Dame Gerechtigkeit die Gottesmutter als Oberhaupt in die Stadt der Frauen und erwähnt dann eine ganze Anzahl jungfräuliche Märtyrerinnen der Antike quasi als ihren Hofstaat.

Das Schlusswort richtet Christine an die Frauen, die mit den drei Damen die Tugend, den Ruhm und das Ansehen vertreten. Sie sollen dankbar sein, wenn sie einen sanften, guten und vernünftigen Ehemann erwischt haben, und sollen ihm dienen, ihn zärtlich lieben mit treuem Herzen. Die einen mittelmäßigen Ehemann abbekommen haben, sollen dankbar sein, dass der Herr ihnen keinen schlimmeren gegeben hat. (...) Und die, deren Mann abartig ist, treulos und bösartig, soll alles mögliche tun, um ihn zu unterstützen, um ihn davon abzubringen, und wenn es nicht gelingt, wird ihre Seele belohnt werden für ihre mutige Duldsamkeit. (...) Und so, meine lieben Freundinnen, seid bescheiden und geduldig (...)

Ihr jungen Mädchen, die ihr Jungfrauen seid (...) Eure Augen seien niedergeschlagen, eure Münder geizig mit Worten; möge die Schamhaftigkeit alle eure Handlungen inspirieren. Waffnet euch mit Tugend und Mut gegen alle Listen der Verführer und flieht ihre Gesellschaft.

An alle Frauen: ... vor allem seid wachsam, um euch gegen die Feinde eurer Ehre und eurer Tugend zu verteidigen. (...) Weist alle schmeichlerischen Heuchler zurück, die suchen, euch mit ihren schönen Reden und mit allen vorstellbaren Listen euer kostbarstes Gut zu nehmen, das heißt, eure Ehre und die Exzellenz eurer Reputation. (Christine, S.275ff, 3-19)

 

Ganz in den Konventionen ihrer Zeit verhaftet, enthält der Text der Christine de Pizan nichts neues außer der Tatsache, dass sie meint, es sei angebracht, einen Text zur Verteidigung der Frauen zu schreiben. Darin spiegelt sich eine Entwicklung, die zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert die Räume für Frauen langsam weiter einschnürt, was partiell bis tief ins 19. Jahrhundert immer expliziter fortgeführt werden wird.

 

Die 'Cité des Dames' tritt aber dennoch eine neue querelle über die Frauen los und wird auch deswegen nicht wenig gelesen. Sie wird bebildert und in Wandteppichen verewigt, um dann in der Neuzeit vergessen zu werden. Versuche im späteren 20. Jahrhundert, in ihr einen Vorläufer des sogenannten Feminismus zu sehen, können nur darauf beruhen, dass der Text nicht oder nicht aufmerksam gelesen wird.

 

****Ginevra (Lomellini) (in Arbeit)****

 

Christine de Pizan greift in naiver Weise auf die phantasievollen Geschichten Boccaccios zurück, die nicht nur von verbreiteter Libertinage handeln, sondern auch von idealisierter Weiblichkeit, wie sie Ginevra verkörpert. Gute Reiterin, begabt in der Falknerei, bewandert im Lesen und Schreiben, versteht sie auch kaufmännische Buchführung.

Ihr Ehemann wettet 5000 Florin auf ihre Treue, und ihr gelingt es mit einer List, dass er die Wette verliert. Darauf will er sie ermorden lassen und sie entkommt. Alle denken, er habe Erfolg gehabt. Ginevra tritt in Albenga in Männerkleidern Dienst auf einer katalanischen Galeere an. Sie landet beim Sultan von Alexandria, der sie nach Akkon schickt. Sie sorgt dafür, dass ihr Gemahl dorthin kommt, nachdem sie von seiner Wette gehört hat, wo sich alles in Wohlgefallen auflöst.

 

Bocaccios 'Decamerone' ist deshalb bekannter geworden als andere seiner Schriften, weil es einen Meilenstein in der Entwicklung typischer Unterhaltungsliteratur darstellt. Veritable Klischees wie die von Florentinern gegenüber Genuesen werden ausgewalzt, zeitgemäße sexuelle Pikanterien können genossen werden und erotische Phantasien werden angestoßen. Es geht, wie er selbst benennt, um den Eskapismus und die Amüsierlust wohlhabender Damen und die Möglichkeit, darüber zu moralisieren. Die Damen können von den hübschen Sachen, die in diesen Geschichten geschehen, Vergnügen und nützlichen Rat gewinnen, indem sie erkennen, was vermieden und was angestrebt werden sollte.

 

ff

 

****Jeanne d'Arc****

 

Deutlich werden die inzwischen hochneurotischen Ambivalenzen in der Aufnahme der Person der Jeanne d'Arc, zweifellos eine Frau, aber in Männerkleidern, Rüstung und Waffen eine enorme Herausforderung. Als sie vor dem Dauphin erscheint, wird sofort verlangt, sie von erfahrenen Frauen auf ihre Virginität zu untersuchen. Nur als nicht defloriertes Mädchen und nicht als Frau wird sie dann akzeptiert. Im extremen Gegensatzpaar von Heiliger und Hure ist sie eher einer politisch zu nutzenden Heiligkeit zugeordnet, hat sie doch ihren Auftrag aus himmlischen Sphären erhalten. Männerkleidung unterstreicht, dass man sie nicht als Frau aus bäuerlichem Milieu abzuwerten braucht.

 

Christine de Pizan erwacht aus ihrem klösterlichen Alterssitz und feiert ihre Heldin: Gelobt sei Gott, denn Er erwählte / Die kluge Jungfrau zu seiner Gehilfin (...) Die Frau, eine einfache Hirtin, / Tapferer als es jemals ein römischer Held war. (...) Fürwahr, welche Ehre für das weibliche / Von Gott geliebte Geschlecht. (so in: Pernoud, S.159f)

 

Sie wird vom Burgunderherzog für 10 000 Franken an den Herzog von Bedford verkauft. Ein erster Prozess erklärt sie für schuldig der Zauberei und der Häresie. In einem zweiten wird dann ein Todesurteil durch Verbrennen durchgesetzt. 

 

ff

 

Frauen

 

Frauen im fruchtbaren Alter sind Objekt männlicher Begierde und benutzen das, um damit biologische Macht auszuüben - soweit dies die Ordnungsvorstellungen jeweils zulassen. Formal sind sie dabei allerdings von der Antike bis mindestens ins 19. Jahrhundert zum Teil erheblichen rechtlichen und politischen Einschränkungen unterworfen, was Machtausübung eher individuell und persönlich macht und sie der Verallgemeinerung entzieht

Rechtlich stehen Frauen unter der Kuratel von Vätern und Ehemännern, aus der sie vor allem und nur teilweise als Witwen entkommen. Das heißt nicht, dass Frauen rechtlos sind, sondern minderberechtigt. Politisch geht es Frauen, von Ausnahmen abgesehen, ganz allgemein genauso wie fast allen Männern, den Produzenten und Lohnabhängigen nämlich, was den völligen Ausschluss von der förmlichen öffentlichen Machtausübung betrifft. Das gilt im übrigen bis heute für alle Zivilisationen.

 

Allgemein wird angenommen, dass Rechts- und Machtstellung der Frauen sich zwischen dem 11. und 19. Jahrhundert noch einmal verschlechtert haben. Für die Masse der Frauen (und Männer) dürfte das kaum gelten. Frauen arbeiten weiter mit im Handwerks- und Bauernbetrieb und im Verkauf, soweit sie nicht Haushalt und Kinderaufzucht betreiben. Wo das Einkommen des Mannes nicht ausreicht, arbeitet sie im Haushalt vornehmerer Leute oder sie geht in andere Lohnarbeit.

 

Durchaus anders ist es dort, wo Kapital und/oder Adel auf erhebliche Besitztümer treffen. Wenn Witwen im 15. Jahrhundert in Venedig keine männlichen Verwandten haben, wird die Verwaltung ihres Vermögens den Prokuratoren von San Marco übertragen. Das kann Sicherung des Vermögens bedeuten, aber eben auch Entmündigung der Frau.

In einzelnen Sonderfällen können Frauen als Fürstinnen oder Königinnen regieren, in den Städten sind sie von allen Ämtern und Gremien ausgeschlossen. Wenn sich die Republik Venedig in ihren Prozessionen darstellt, sind Frauen reine Zuschauer. Den Idealfall für die vornehmere Frau stellt Francesco Barbaro in 'De re uxoria'1415 dar; er besteht darin, dass die Frau möglichst im Haus bleibt und nur zum Besuch der Messe ausgeht. Dabei haben wir es mit einem hochgeachteten "Humanisten" zu tun, der zudem Spitzenämter in der venezianischen Politik bekleidet.

 

Unverheiratete Frauen der wohlhabenderen Kreise laufen bunt und prächtig herum, um ihre Attraktivität zu steigern, Sind sie verheiratet, sollen sie im wesentlichen Schwarz tragen, allerdings in kostbaren Stoffen. Dass sie sich dabei nicht an das Ideal des Humanisten halten, belegt ein Bericht des hessischen Ministerialen Dietrich von Schachten, der für 1491 aus Venedig berichtet:

(...) von den Frauen, wie die selbigen gekleidet gehen in köstlichem Sammet und seidenen Röcken mit ihren köstlichen güldenen Brust und Ärmeln gestickt und belegt mit Perlen und anderen Edelgestein als dann da Sitt ist, je köstlicher eine als die andere. Auch auf dem Kopf fein geschmücket, denn das Haar, je schöner sie das überkommen, je lieber sie das haben und findet man selten eine, die ihr Haar natürlich schön und lang habe, sie tragen als gemachte und tote Haare, das machen sie schön gelb und kraus, und binden es auf den Kopf zuhauf, wie man in deutschen Landen einem Pferd den Schwanz aufbindet, (...) Vorne sind die Haare schön, hinten zu ist ihr Haar am Nacken kohlschwarz; auch über den Kopf tragen sie über das Haar ihre hübschen von allerlei Farben seidige Tücher, schwarz, Gelb, weiß, die stecken sie unter die Gürtel und ziehen sie dann über die Köpfe; scheinet, wenn man sie ansieht, wie allhier in Deutschland die Nonnen. Auch mag ich sagen, dass ich an Weibern keine schändlichere Kleidung gesehen habe ausgeschnitten, dass man hinten bis auf halben Rücken hinab, desgleichen vorne bis unter die Brust, darüber sie auf das allersubtilste, als sie immer finden können, Tüchlein tragen (...) tragen dazu hölzerne Schuhe (...) die sind hoch, etliche eine Spanne hoch, etliche zwei Spannen, dass sie nicht darauf gehen können, sind mit Sammet oder Scharlachtuch, wie es ihnen gefällig, überzogen (...) Auch sind sie an ihren Händen wohlgezieret mit köstlichen Ringen und Gestein, wie köstlich sie es immer haben können. (...) Auch ist es ihre Art, dass sie sich allwegen anstreichen, und ihre Angesichte malen, welches doch wider die weise Natur ist (... in: Rösch, S.206f)

 

Ehe

 

Zu den sich im Zuge dieser Arbeit herauskristallisierenden Thesen gehört, dass der Mensch nicht nur über den Kopf regiert, sondern auch und zuerst von seinem Körper getrieben wird. Was den Geschlechtstrieb betrifft, gibt es auch im Spätmittelalter nur wenige Möglichkeiten, der Wirklichkeit nahe zu kommen. Stattdessen gibt es drei Quellen, aus denen man nur mit Vorsicht schöpfen kann: Da ist die offizelle kirchliche Lehre, da sind literarische Texte, Skulpturen und Gemälde und wenige Texte, die unmittelbar auf Aspekte des Geschlechtslebens eingehen.

 

Für die Schicht der Fürsten und des hohen Adels fließen die Quellen weiterhin etwas stärker als für die Masse der Menschen. Die patriarchal und patrilinear strukturierte Dynastenfamilie trennt weiter massiv zwischen dem Keuschheitsgebot für die weibliche Nachkommenschaft und den wenig dokumentierten Freiheiten der männlichen. Eheschließungen dienen praktisch ausschließlich dynastischen Interessen und werden von den Eltern, im wesentlichen den Vätern beschlossen. Wohl meist kennen sich die Paare vor der Hochzeit nicht persönlich, haben sich oft auch nie vorher gesehen. Aber im späten Mittelalter werden zunehmend vorher Erkundigungen eingezogen, auch bezüglich des Sexualhindernisses herausragender Hässlichkeit. Sobald Maler hinreichende Techniken in gemalten Portraitbildern entwickelt haben, lässt man schon mal solche von den Bräuten anfertigen.

 

In der Regel wechselt die hochadelige bzw. fürstliche Braut zusammen mit den mitgebrachten Hofdamen mit der Hochzeit in ein ihr bis dato unbekanntes Umfeld und in das Bett eines ihr unbekannten Mannes. Damit das funktioniert, wird sie in die Unterwürfigkeit zum neuen Herrn erzogen. Nachdem er seine Tochter an Friedrich den Schönen verheiratet hat, schreibt ihr Jakob von Aragon: Wir bitten und ermahnen Euch, liebste Tocher (...), dass Ihr Eurem edlen und geschätzten Herrn und Gatten mit besonderer Furcht und Liebe folgt, der Euch nicht allein als Gatte verbunden, sondern Euch auch Eltern und Freunde ersetzen soll (... in: Spieß2, S.40) 

 

In deutschen Landen sind die hochadeligen und fürstlichen Ehefrauen meist deutlich stärker als in romanischen Ländern von der Außenwelt abgeschottet. Dabei haben beide getrennte Privatgemächer, Apartements, das weibliche ist das oder sind die "Frauenzimmer". Regulär schläft man also auch vom Beilager abgesehen getrennt voneinander. Kontakte der Frauen nach außen werden überwacht. "Briefe wurden laut verlesen und somit kontrolliert. Besuche waren nur im Beisein weiterer Personen erlaubt." (Spieß2, S.77)

Gelegentlich findet sogar der Gottesdienst in getrennten Kapellen statt. Genauso nach Geschlechtern getrennt werden oft auch die Mahlzeiten eingenommen. Danach ist zweimal am Tag das gesellige Beisammensein von Männern und Frauen für etwa zwei Stunden möglich. "Die Hofdamen saßen in einer Reihe auf einer langen Bank und unterhielten ihre Gäste. Sie durften dabei nicht aufstehen oder sich mit einem Adeligen absondern. Das Tanzen war nur mit besonderer Erlaubnis des Hofmeisters gestattet. Klopfte der Türsteher dreimal an die Tür, war das Beisammensein beendet." (Spieß2, S.77)

Von den hohen Gemahlinnen wird nicht Verliebtheit, sondern gehorsame eheliche Liebe, eine Art solide Zuneigung erwartet, und natürlich noch solidere Fruchtbarkeit. Zehn oder mehr Kinder (vor allem Söhne) in die Welt zu setzen ist dabei keine Seltenheit, wenn der zumeist deutlich ältere Gemahl soweit durchhält. Das Beilager verweigert zu bekommen gilt als Strafe, Maßregelung, die gelegentlich weiblicherseits beklagt wird, auch weil das den Status der Frau mindert.

 

Eheliche Treue gilt für Frauen als selbstverständlich, männliche dürfte wohl seltener gewesen sein. Auch weil die jeweils hinreichende sexuelle Attraktivität der Damen nicht immer gegeben ist, richtet sich das sexuelle Begehren der Herren gerne auf Geliebte, die es gelegentlich bis zum Konkubinat schaffen und das als Statusverbesserung verstehen. Auf diese Weise zeugen hohe Herren manchmal mehr außereheliche als eheliche Kinder, wobei auch erstere in der Regel recht gut versorgt werden. Ein schönes Beispiel ist der Burgunderherzog Philipp ("der Gute"), von dem gesagt wird, er habe an die 25 Geliebte gehabt und habe mit ihnen 26 Kinder gezeugt, die alle mehr oder weniger gut versorgt werden. Herzog Johann von Kleve, mit Elisabeth von Burgund verheiratet, soll neben sechs ehelichen dreiundsechzig uneheliche gezeugt haben.

Der Kindersegen zeugt von der Potenz der Herren, mit der vermutlich gerne auch einmal geprotzt wird. Erweist sich die Gemahlin als unfruchtbar, belegt die Zahl der Bastarde zudem, wie potent der Herr immerhin ist. Aber auch wenn die Gemahlin zehn, zwölf Kinder zur Welt bringt, also in der Ehe fast unentwegt schwanger ist, gibt es genügend Fälle, in denen Konkubinen fast genauso viele Kinder bekommen. Die männliche Potenz mit dem brav harten Glied und dem fruchtbildenden Sperma korreliert mit hochadelig-fürstlichem Kriegergehabe wie mit dem Jagderfolg.

 

Mitte des 15. Jahrhunderts (1444) führt dann der französische König mit Agnes Sorel das Institut der quasi offiziellen königlichen Maitresse ein. Mit bloßen Schultern, epilierten Brauen und einem hoch aufgekämmten Haar demonstriert sie öffentlich ihre sexuelle Attraktivität bei Hof, was den königlichen Sohn und Thronfolger damals noch empört. Wenn Jean Fouquet sie dann als (jungfräulich-demütige) Maria mit einer attraktiv entblößten Brust malt, genau so wie in einem weltlichen Portrait, verbindet sich Blasphemie mit sexueller Libertinage.

 

Nicht ganz so weit geht Kaiser Friedrich III, der von 1444 bis 1452 mit der Patriziertochter Katharina Pfinzing eine Liebschaft unterhält, die offiziell als heimlich gelten muss, auch wenn sie schnell bekannt wird. Beendet wird sie mit der kaiserlichen Hochzeit mit Eleonora von Portugal.

 

Eine oft im Dunkel bleibende Rolle spielen weibliche Dienstboten, die oft bald nach Einsetzen der Pubertät von ihren Eltern in den Dienst entsprechend reicher Haushalte gegeben werden. Sie erhalten Kost und Logis genauso wie junge Sklavenmädchen, die besonders bei reichen Familien im Mittelmeerraum auch als Statussymbol gelten. Die wiederum konkurrieren nicht nur mit freien Mädchen um Arbeitsplätze, sondern mit den Ehefrauen um die sexuelle Gunst des Herrn.

 

Aus dem 14./15. Jahrhundert wird zunehmend überliefert, dass Fürsten sich nicht nur außerehelicher Geliebter, sondern auch der Prostitution bedienen. Nicht nur Johann ("Ohnefurcht") von Burgund besucht zu diesem Zweck gerne und häufig jene Badhäuser, in denen die ansehnlicheren unter ihnen verkehren.

 

Generell lässt sich insbesondere in höheren Kreisen feststellen, dass die lebenslange Ehe oft nicht allzu lange dauert, da das Leben der Ehefrauen oft alleine schon durch die Vielzahl der Kinder verkürzt wird und natürlich auch durch Krankheiten, und das der Männer zudem durch Gewalttaten. Da Wiederverheiratung beider Geschlechter häufig ist, entstehen heute so genannte Patchwork-Familien mit Kindern aus mehreren Ehen.

 

Da es mehr fürstliche Witwen als Witwer gibt, muss deren Versorgung mit Witwensitz und Einkommen sichergestellt werden, wenn sie nicht als Regentin akzeptiert ist oder ein Sohn mit 14-18 Jahren die Regierung antritt. Solche Witwen sind in der Regel aufgrund ihrer Ausstattung gute Partien und werden manchmal aus vielerlei Gründen auch dazu gedrängt, eine weitere Heirat einzugehen.

 

Königliche Ehen werden oft zwischen Königreichen als Bündnisgrundlage geschlossen, die der deutschen Fürsten und Hochadeligen untereinander schaffen im Lauf der mittelalterlichen Jahrhunderte komplexe Verwandtschaftsbeziehungen, die oft große Teile des deutschen Raumes umspannen. Dabei werden angeheiratete Verwandte wie Blutsverwandte angeredet (mit Bruder, Mutter etc.) und dienen mindestens genauso der Durchsetzung von Interessen. Boten verbreiten manchmal intensiven Briefverkehr, man besucht sich gelegentlich bei Festen und schickt sich regelmäßig fürstliche Geschenke, die die Freundschaft erhalten sollen.

 

Ehen sind auch unterhalb des Adels sowohl eine soziale wie eine sexuelle Einrichtung, wobei letztere nicht nur auf die Triebabfuhr, sondern auch auf eine Nachkommenschaft abzielt. Bei der bürgerlichen Oberschicht wird wie beim Adel darauf geachtet, dass die Heirat eine Verbindung von Familien ist, weshalb sogenannte Liebesheiraten, also solche auf der Basis von Verliebtheit, ebenfalls eher selten sind. Vermutlich trifft das - in wohl etwas geringerem Maße - auch auf die Handwerkerschaft zu. Ehen werden also vermittelt, die werden mit dem Ziel eines Vertrages beredet und dann mit dem Eheversprechen und dem Ringtausch in Frankreich, Italien und den deutschen Landen und schließlich dem sexuellen Vollzug, der Hochzeit also abgeschlossen.

Dabei gelingt es der Kirche schon im Verlauf des Hochmittelalters, die Eheschließung zu sakralisieren, Ehe unter Verwandten zu unterbinden und die lebenslängliche Dauer der Ehe sakramental abzusichern. Scheidungen sind nur in geringen Ausnahmefällen und vor allem in den Kreisen möglich, die sich der Kirche dafür erkenntlich zeigen können.

 

Die sogenannte Liebesheirat, die wohl am wenigsten solide Basis für eine Ehe, bleibt, wenn überhaupt, denen überlassen, die hier zum Proletariat gerechnet werden, bei denen also keine über Besitz vermittelten Bündnisse zu schließen sind. Diese wiederum hängen aber an den Möglichkeiten im wesentlichen des Mannes, über Lohnarbeit eine Familie ernähren zu können, weswegen sie oft viel später im Leben stattfinden als bei den Oberschichten.

 

Grundsätzlich und rechtlich abgesichert ist der Ehemann und Vater das Familienoberhaupt, dies aber nicht, wie Ideologen uns heute weismachen wollen, aus ideologischen Gründen, sondern aus ganz handfesten: Ihnen ist in patriarchaler Tradition die Verantwortung für die Versorgung der Familie und ihren Schutz überlassen, und Verantwortung ist nur schwerlich "demokratisierbar" - ist sie doch eine persönliche Haltung. Deutlich wird das daran, dass Frauen als Witwen selbst die Rolle eines Familienoberhauptes einnehmen können, wobei sie allerdings weiter männlichen Beistand in Rechtsfragen brauchen.

Die Ehefrau ist nur sehr beschränkt alleine geschäftsfähig außer für kleine Geldbeträge, was aber nicht für Kauffrauen gilt und auch nicht für viele Gewerbe treibende Frauen in Köln, von denen einige sogar in (weiblichen) Zünften organisiert sind. Darüber hinaus gibt es auch außerhalb des Hauses nicht wenige

im wesentlichen von Frauen betriebene Arten von Erwerbsarbeit. Die Situation von Frauen sollte also sehr stark nach lokalen, regionalen und zeitlichen Gegebenheiten differenziert werden. Es sollte auch weniger auf sexuelle Gründe, einmal abgesehen von Schwangerschaft und Mutterschaft, abgehoben werden als auf solche praktischer Natur.

 

Im "politischen" Raum bleiben Frauen aber völlig ausgeschlossen, und wo sich politische, "bürgerliche" Rechte entwickeln, bleiben sie dem Hausvorstand überlassen, der Vertreter einer wirtschaftlich geschlossenen Einheit ist.

 

Statt Familie wird im Deutschen öfter vom Haus geredet, was als Kurzform für die Hausgemeinschaft dient, die Ehepaar und Kinder umfasst, bei Handwerk abgesehen vom Baugewerbe und wenigen anderen Zweigen auch die Knechte umfasst, die später Gesellen heißen, und wo erschwinglich, auch jene Knechte und Mägde, die Dienstboten sind. Das ist dann das "ganze Haus".

Die familia, die alte herrschaftliche Hofgemeinschaft mit ihren Formen persönlicher Verpflichtungen und Abhängigkeiten geht zwar vor allem in den großen Städten zurück und verschwindet manchmal ganz, verändert dabei aber dort, wo sie überlebt, ihren Charakter und wird stärker über Geld vermittelt.

 

Grundsätzlich steht dem Oberhaupt wie allen Häuptern das Regiment über Befehl und Gehorsam zu, und es gilt selbst bei volljährigen Kindern noch, solange sie zuhause leben, aber diese strikte Form dürfte durch alle Schichten eher die unerfreuliche Ausnahme bzw. das letzte Mittel gewesen sein, da sich Ehe, Familie und Verwandtschaft schwerlich dauerhaft darüber gedeihlich zusammenhalten lassen. Stattdessen dürfte die Regel arbeitsteile Partnerschaft gewesen sein, wobei weibliche Haushaltungsführung und männliche Organisation von Wirtschaft und Machtbegehren wohl immer wieder ineinandergreifen.

 

Neben einem in Rechtsform gegossenen Patriarchat sind die beachtlichen Freiräume weiblicher Betätigungen im Bereich der Reichen und Mächtigen vor allem wahrzunehmen, ihren Anteil am öffentlichen Leben, an Festen, beim Adel an der Jagd und ähnlichen Vergnügungen, am Lesen und Schreiben, an der Musik und der Unterstützung bildender Künste. Insbesondere in Mitteleuropa heißt spätmittelalterliches Patriarchat nicht pauschal Unterdrückung der Frauen, sondern tendenziell unterschiedliche Aufgabenverteilung. 

 

Dass Frauen schon im Mittelalter in der Lohnarbeit oft schlechter bezahlt wurden als Männer, liegt wohl daran, dass sie oft mit den schlechtest qualifizierten Tätigkeiten betraut sind, wie man gerade bei den Sparten der Tuchherstellung sehen kann. Das hat wohl auch damit zu tun, dass man die Verantwortung für die Hausgegemeinschaft auf den Hausvätern lasten lässt.

 

Die Geschlechterbildung in Kreisen des Großkapitals nobilitiert sozusagen das "Haus", gleicht es in vielem dem Adel an. Ähnlich wie dieser heiraten Kinder der Geschlechter im Zuge von Dynastiebildung und Vernetzung von Kapital in den eigenen Reihen auch der großen Nachbarstädte und solcher, mit denen Handelsbeziehungen bestehen, wobei man bei Mädchen insbesondere versucht, sie bei Jungen des Landadels unterzubringen.

 

Sexus und Macht

 

Im späten Mittelalter wird immer öffentlicher, was zumindest alle Zivilisationen auszeichnet: Dass der Geschlechtstrieb das ursprüngliche Machtspiel der Natur ist und eben auch der menschlichen. Was beim Mann das Ausleben der Potenz ist, ist bei den Frauen das sexueller Attraktivität. Wo beide meinen, dass sie dessen Bezähmung nicht mehr nötig haben, resultieren daraus ausgelebte oder mühsam unterdrückte bzw. verdrängte Aggressionen. Handelt es sich um hohe Herren oder Damen, führt das durch die Geschichte zu Gewalttätigkeit bis in Fehden und Kriege. Beim einfachen Volk heißt dasselbe Kriminalität.

 

Dabei führt ein langer Weg von der Libertinage der Mächtigen im Mittelalter bei Beibehaltung der Ehe bis zur Bindungslosigkeit sexueller Aktivitäten im zwanzigsten Jahrhundert auch bei den "kleinen Leuten" und dem Schwinden von Ehe und Familie. Literarisch schlägt sich das im späten Mittelalter in sogenannten Novellen nieder, deren Kernpunkt oft sexuelle Abenteuer sind, die zunächst zwischen Augenzwinkern und Moralisieren oszillieren wie bei Boccaccios 'Decamerone' und ein Jahrhundert später in den 'Cent nouvelles nouvelles' des Hofes des französischen Charles VII. Im Kern wird dabei jene Haltung vorgebildet, die am Ende in die Pornographie des 18. Jahrhunderts als lukrativer Massenware münden wird. 

Dieselbe Entwicklung vollzieht sich im späten Mittelalter mit der Erotisierung weiblicher Gestalten in Bildhauerei und Malerei, die immer weiblicher werdende Engel, Marien und andere Heilige betrifft. Immer häufiger wird im 15. Jahrhundert die Darstellung der Maria lactans, also ihrer dem Jesuskind hingehaltenen weiblichen Brust. Mit Jean Fouquets mehrmals gemalter Agnes Sorel, der königlichen Maitresse, einmal als Maria, mit einer entblößten und wohlgeformten Brust, wird dann eine massive Grenzüberschreitung vollzogen.

 

Eine dazu parallele Entwicklung liefert die gelegentliche Glorifizierung von Verbrechertum, wie sie sich in der Tradition der Geschichten von Robin Hood entfaltet und im 15. Jahrhundert in der Selbstglorifizierung des Kleinkriminellen Francois de Montcorbier gipfelt, der sich selbst Francois Villon nennt.

 

Wesentlich bleibt durch das ganze Mittelalter das Doppel von Ehe samt Erzeugung von legitimen Nachkommen und das Ausleben des Sexus außerhalb daneben oder hauptsächlich. Während in den produktiven Unterschichten so ein Verhalten seltener ist, da Ehe und Familie zugleich Haushalt im Sinne von Lebensunterhalt sind, wird es in den Kreisen der Reichen und Mächtigen immer mehr die Regel, wobei es zunächst Teil eines fürstlichen, dann aber allgemein eines aristokratischen Lebensstils wird. Für Bauern- und Bürgermädchen eröffnet sich aber hier der Reiz einer zum Teil gut dotierten (illegitimen) Karriere und einer körperlich erlebten Identifikation mit Macht.

Nicht vergessen werden darf dabei das Maß an Gewalt, mit dem sich Herren und in ihrem Sold stehende Militärs nehmen, was sie meinen, zur Befriedigung ihres Geschlechtstriebes bedürfen zu müssen.

 

 

ff

 

 

Manieren

 

Das Verhältnis zum eigenen und Körper des anderen ist natürlich geschlechtsspezifisch und schichtspezifisch, zudem situationsabhängig. In zwei höfischen Situationen, dem gemeinsamen Mahl und dem höfischen Tanz, wird das eingeübt, was öffentlich werden soll.

Tischsitten gab es wohl schon immer, spezifische höfische Manieren dabei wandern wohl aus Frankreich / Burgund und Italien ein. Im hohem Mittelalter werden sie wohl schon für den hohen Adel auch in deutschen Landen formuliert, aber an einzelnen Beispielen wird deutlich, dass sich einige davon nur langsam durchsetzen. Wir haben kaum Beschreibungen dessen, wie es wirklich bei Tisch zugeht, am ehesten finden wir beschrieben, wie es sein sollte, was in der Vielzahl der überlieferten Texte auch implizit aufzeigt, wie es zugleich nicht immer in der Praxis ist.

 

Das Essen samt Verdauen und Ausscheiden verbindet den Menschen so mit den Tieren wie die Geschlechtlichkeit. Je höher gestellt menschliche Wesen aufgrund behaupteter göttlicher Fügung sind, desto stärker versuchen sie sich öffentlich in ihren Manieren davon abzusetzen. In den Städten imitiert das dann eine bürgerliche Oberschicht aus Kapital und Amt in eher moderaterem Umfang und aus demselben Grund.

 

Die angemahnten Tischmanieren beginnen mit einer weniger an Hygiene sondern am Auge des Betrachters orientierten Sauberkeit insbesondere der Hände. Während Wildtiere im Mittelalter den Menschen in der Regel bei der Säuberung ihres Körpers überlegen sind, achten sie beim Verspeisen ihrer Nahrung wenig darauf. Hier kann der Mensch sich demonstrativ und gut sichtbar dem Tier überlegen zeigen. Deshalb wird das Händewaschen verlangt, bei welchem einen in höheren Kreisen Dienstboten mit Schüssel und Tuch bedienen. Des weiteren wird erwartet, dass man seine Fingernägel gereinigt hat.

Wichtigste Regel dann beim Essen und Trinken ist, dass man nicht zeigt, dass es nicht wie bei Tieren um die Befriedigung von Hunger und Durst vor allem geht, sondern um ein "gesellschaftliches Ereignis". Ausgeschlossen werden soll also jene Gier, mit der Tiere Nahrung zu sich nehmen, und das heißt, Zurückhaltung zu üben, nicht unbedingt in der Menge insgesamt, aber in der Geduld, bis einem etwas zugeteilt, vorgelegt oder angeboten ist. Zurückhaltung heißt auch, dass man erst kaut und nicht etwas gleich gierig herunterschluckt.

Die eigenen (wenn auch gesäuberten) Hände kontaminieren quasi Speisen, weswegen man sie möglichst wenig dort einsetzen soll, wo in Schüsseln oder Schalen Essen für mehrere auf den Tisch kommt. Salz wird auch für den eigenen Teller nicht mit zwei Fingern verstreut, sondern mit einer Messerspitze. Die Hände haben sowieso auch auf dem Tisch und nicht darunter zu liegen, wo sie in die Nähe zum Unterleib geraten könnten oder zu wer weiß was zu gebrauchen wären.

Der Mundraum mit seiner Zunge und seinem Speichel soll im Idealfall mit Ekel belegt werden, immer aber möglichst wenig öffentlich werden. Lecken als die Zunge zeigen ist darum tabuisiert, schon gar das Ablecken der verschmutzen Finger, die unauffällig am Tischtuch (und nicht an der Kleidung!) abzuwischen sind, oder das Lecken bei Süßspeisen.

Den vom Speichel kontaminierten Löffel wischt man mit seiner Serviette ab, bevor man ihn zurückgibt, und mit Speichel in Berührung gekommene Speisen nimmt man nicht mehr aus dem Mund, insbesondere schon Gekautes, welches wie alles am weiteren Vorgang der Verdauung mit Ekel belegt wird. Deshalb sollte man Pinkeln und Scheißen, also die Vorgänge der Ausscheidung, vor dem Essen erledigt haben. Nicht nur würden die anderen beim Essen an Verdauung und Ausscheidung erinnert, es wäre auch unhöflich, das gemeinsame Mal deshalb zu verlassen.

Ganz übel angesehen werden das Rülpsen und Furzen, welches auch an mangelnde Körperbeherrschung gemahnt. Und so schreibt Erasmus von Rotterdam in seinem Fürstenspiegel: Weder auf seinem Stuhl hin und her wackelt von einem Schenkel auf den anderen, erweckt den Eindruck, als furze er gerade oder versuche, einen loszuwerden.

 

Das ist im Großen und Ganzen auch das Repertoire der übrigen Textstellen über Tischsitten im Spätmittelalter.

 

Körperideale

 

Während im frühen Mittelalter Männer und Frauen kräftige Körper haben sollen, die einen zum Kämpfen und die anderen zum Kinderkriegen, entwickelt sich im sogenannten gotischen Stilideal insbesondere bei Frauen etwas Neues: Schmale überlange Taillen, relativ schmale Hüften und schlanke Hinterteile bei langen schlanken Beinen. Was dabei wortlos sichtbar wird, taucht in der Literatur erst relativ spät ausführlich und ungeniert ausgesprochen aus: Sexuelle Attraktivität der begehrten "Geliebten" zum Hervorrufen männlichen Appetites, und das, wobei Ehefrauen immer noch vor allem für das Kinderkriegen gut zu sein haben. 

Skulpturen und Gemälde trennen so die zu begehrende von der zu heiratenden Frau, so wie das schon die Minnelyrik vormachte. In den Heldenliedern um 1200 (siehe Großkapitel 'Helden') wird das nur angedeutet, und zwar einmal in der Trennung bloß dekorativer Jungfrauen von (potentiellen) Ehefrauen, und zum anderen in dem Aufkommen der Schneiderei und den an Teile des Leibes an-geschneiderten Gewändern. Andererseits geht die "Liebe" zwar über den Augensinn, aber die expliziten Körperformen bleiben dabei noch keusch ausgespart.

 

Bekanntlich entwickeln sich solche ästhetischen Ideale nach Großregionen immer weiter auseinander. Was in England, Frankreich, dem christlichen Spanien und deutschen Landen sich etwas unterschiedlich als Gotik entwickelt, greift in Italien stärker antike Ideale auf und mündet in frühe "Renaissancen" mit ihren andersartigen Verschlankungen.

Neben den Idealen gibt es die portraitierte und dokumentierte Wirklichkeit. 1475 schreibt der Kurfüst Albrecht Achilles von Brandenburg an seine Frau Anna, sie solle mit ihren Hofdamen tüchtig essen, das dir der arß fayßt und starck werd. Dann komen wir heim und finden, das dir und den junckfrauen die hindern türr sein, so wollen wir euch ungepfeffert nit lassen (...) So uns gott glückseliglich heimhilfet, wöllen wir dich mit dem jungen Albrecht und die jungfraun mit der rüten pfeffern. (...) Der jung Albrecht will starck werden. Auch sag der hofmeisterin, wir wöllen sie auch pfeffern in das groß arßloch. (in: Spieß2, S.78)

 

Einiges daran muss man als herzhafte und scherzhafte Übertreibung nicht zu ernst nehmen. Klar ist wohl, dass der Hintern (als originärer Ort der Anreizung des männlichen Geschlechtstriebes) für den ganzen Körper steht, der wohlgenährt aussehen soll. Das gotische Körperideal, in deutschen Landen ohnehin weniger verbreitet, ist allerdings auch gelegentlich dabei, gerade hier einem neuer Stämmigkeit zu weichen.

 

Kleidermoden

 

Das lateinische Hochmittelalter erfindet die Kleidermoden und überhaupt die Mode als Aspekt eines neuartigen Konsumbetriebes. Im nachherein werden solche Moden bis hin zum Rokoko als "Stile" bezeichnet werden.

 

Da der lateinische stilus das Schreibgerät war, meint "Stil" im ausgehenden italienischen Mittelalter den Schreibstil, wie er im Ausdruck dolce stil nuovo wohl zum ersten Mal auftritt, als Dante damit die norditalienische Variante der neuen Liebeslyrik bezeichnet. Der im Zentrum Franciens im 12. Jahrhundert entwickelte neue Baustil gilt lange als der "fränkische" bzw. später "französische", und wird erst in der Renaissance (von Vasari) verächtlich als "gotisch" abgewertet.

 

Das französische Wort mode kommt erst am Ende des Mittelalters auf, und à la mode kann jemand erst im 16. Jahrhundert sein, als das Wort auch bald ins Deutsche übernommen wird. (Wir übersehen hier zunächst einmal das schon frühmittelalterliche modernus). Vom lateinischen modus, also der Art und Weise von etwas, abgeleitet, ergänzt es zunächst die hochmittelalterliche manière, vom lateinischen manus, Hand, also die Handhabung von etwas. Vor allem im Plural auch die Verhaltensformen, Manieren bezeichnend., gelangt es mit den "französischen" Schreibmoden der Liebeslyrik und des Heldenliedes, der "französischen" Baumode (der Gotik) und der neuen "französischen" Kleidermode mit einer Verspätung von fünfzig bis hundert Jahren in die deutschen Lande, vor allem in jene, die an das kapetingische und burgundische Königreich sowie die nordöstlichen Grafschaften romanischer Sprache angrenzten.

 

Kleidung war traditionell "Tracht", also das, was "man trägt", und sie war traditionell bereits mehr als nur Tracht, als sie nicht nur vor der Witterung schützte und das bedeckte, was man sich schämte zu entblößen. Bereits im frühen Mittelalter begannen die Wohlhabenden und Mächtigen, sich im Rahmen dieser Tracht durch die Qualität der Materialien und die Ausführung von denen zu unterscheiden, die sie unter sich sahen.

 

Der Bauer des frühen Mittelalters trägt drunter naturfarbenes Hemd und Unterhose, darüber einen Umhang, und derbe, einfache Schuhe. Materialien sind Wolle und Leinen. "Der Adelige der Karolingerzeit hingegen trägt einen Rock mit schmalen Ärmeln, der mit kostbaren Edelsteinen geschmückt ist, und einen Gürtel (...) Dazu gehören weiße Handschuhe und ein geschlitzter Umhang, der mit einer Fibel festgehalten wird." Damen sind besonders gekleidet: "Ein Unterkleid mit weiten Ärmeln wird von einem Umhang bedeckt. Die Taille ist eng und wird von einem edelsteinbesetzten Gürtel geziert. Auf dem Haupt befindet sich ein kostbarer Schleier oder eine aufwendig gearbeitete Haube; das Haar ist mit Schleifen und Haarnadeln zurechtgemacht." (Lieverkus in LHL, S. 186f)

 

Generell trug man einen lose fallenden Rock, der von Schultern und Armen bis zu den Fußknöcheln herabfiel. Die Bekleidung von Männern und Frauen unterschied sich dabei nur wenig. Die Allegorie der Arithmetik der Herrad von Landsberg vom Ende des 12. Jahrhunderts zeigt an einem dem Thema entsprechend relativ keusch angezogenen Exemplar die wesentlichen Neuerungen, die die gotische Frauenmode betreffen und damit zugleich die Mode für Frauen ins Leben rufen:

 

Bild

 

Dadurch, dass man in Franzien den "Schnitt" in die Kleiderherstellung einführte, konnte man körpernahe, hautnahe Bekleidung herstellen. Hautnah wird das Damenkleid (zunächst) der Oberschicht von den Schultern bis zu den Hüften, oft auch an den Armen. Damit muss der Ritter nicht mehr erahnen, wie der Körper der Dame beschaffen ist, er kann es sehen. Diese Körpernähe ist auch der erste Ausgangspunkt für die Entstehung einer geschlechtsspezifischen Kleidung und für die Herausstellung des Geschlechtlichen.

 

Hautnah wird die Kleidung nicht nur dadurch, dass sie zugeschnitten wird, sondern auch dadurch, dass sie - oft seitlich - geschnürt wird. (Wie man bei der Superbia der Herrad von Landsberg sehen kann). Das Schnüren ist nötig, weil es noch keine Knopflöcher gibt, die sich dann aber auch im 14. Jahrhundert verbreiten, um die hautnahe Kleidung nun etwas bequemer zu schließen. Wo das Kleid nicht ganz hauteng am Oberkörper anliegt, wird es gegürtet und so die Taille definiert. Die lange, schmale gotische Taille der Damen und die Hervorhebung der Brüste wird auf diese Weise bewerkstelligt und zur Mode. Zugleich werden bei den Vornehmen die Stoffe dünner, so dass einige vermeinen, durch die Kleidung des nackten Körpers ansichtig zu werden. Auf jeden Fall werden die weiblichen Brüste nun wesentlich offenbarer als früher.

 

Um 1270 beschreibt Konrad von Würzburg in seinem Minneroman 'Engelhard', wie das Ergebnis bei den Männern ankam:

 

dô truoc diu schoene ein hemde von sîden (Seide) an ir lîbe, daz nie deheime wîbe ein kleid so rehte wol gezam (gepasst hatte). ez was sô kleine (fein), als ich vernam, daz man dar durch ir wîze hût (ihre weiße Haut)... sach liuhten (sah leuchten) bî den zîten. mit golde zuo den sîten gebrîset (Mit Goldfäden an der Seite geschnürt) was ir lîp dar în. man sach ir senften brüstelin (zarten Brüstchen) an dem kleide reine storzen harte kleine ( sehr zierlich hervortreten), als ez zwên epfel waeren.

 

Das "Hemd" ist das, was wir heute Kleid nennen. Über das Hemd konnte noch eine Überbekleidung, zum Beispiel eine Art vorne offener Mantel kommen.

 

daz hemde stuont gelenket nâch einem fremden schrôte (war nach ungewöhnlichem Schnitt geformt) und suochte sô genôte an ir lîp vil ûz erkorn (passte sich so genau ihrem auserkorenen Körper an) daz man des haete wol gesworn daz diu saeldenbaere (Wunderbare) einhalp (oberhalb) des gürtels waere nacket unde enbloezet gar. (Zeilen 3034ff und 3078ff; In:Bumke, Höfische Kultur 1, S.192)

 

Im fünften Teil des 'Willehalm' des Wolfram von Eschenbach trägt die Königin einen kostbaren Mantel: der mantl muos offener snüere Pflegn... ze etlîchen zîten si ein teil ûf swanc: swes ouge denne drunder dranc, der sah den blic von pard

 

Von den Rundungen von Hintern und Hüften fällt das Kleid dann weit, manchmal sehr weit über die Knöchel bis zum Boden. Der sexuelle Reiz des Oberkörpers - you (don`t) get what you see - mit dem die Frau sich als Objekt sexuellen Begehrens anbietet, wird so konterkariert durch das weite Verhüllen der Schenkel, die in die Scham und Scheide münden. Andererseits konnte die Dame durch geschickte Bewegungen das Kleid zwischen den Beinen so fallen lassen, dass diese wieder betont werden. Die Dame bietet sich also als Objekt der neuen Liebeslyrik dar.

 

Die massive Erotisierung der Leiber war eine extreme Gegenposition zur christlichen Kirche und ihrer Ermahnung, das Seelenheil nicht durch weltliche Gelüste zu gefährden. Entsprechend kracht es auch zwischen Geistlichkeit und der Laienwelt der Mächtigen. Im 'Reinfried von Braunschweig' trifft sich dann die geistliche mit der weltlichen Kritik im Heldenroman von der Orientfahrt Heinrichs des Löwen:

 

des muoz mich nemen wunder grôz, daz sî mê denn halber blôz gânt on des gürtels lenge (oberhalb des Gürtels). ir kleit sint alsô enge daz ez mich lasters vil ermant, wan ir in dem rocke spant der lîp mit lasterlîcher pfliht (mit lasterhafter Bereitwilligkeit). (in: Bumke, Höfische Kultur 1, S.208)

 

Zunächst allerdings bleibt die Dame allerdings noch vom Halsansatz bis zum Fuß bekleidet, bedeckt. Die eigentliche Entblößung wird eine Sache des Spätmittelalters und der Neuzeit. Wenn Riwalîn im Prozess des sich Verliebens in Blanscheflur an sie denkt, fällt ihm folgendes ein:

 

. do er dô sîn âventiure / von sîner Blanschefliure / von ende her betrahtete / und allez sunder ahtete: / ir hâr, ir stirne, ir tinne, / ir wange, ir munt, ir kinne, / den vröuderîchen ôstertac, / der lachende in ir ougen lac. (Zeilen 921ff)

 

Was er also unmittelbar sieht, ist ihr Gesicht. Was auf dem Markt weiblicher Machtspiele dann als erstes entblößt wird, ist ein immer größerer Halsausschnitt, das Décolleté.

 

Mit dieser Kleidung wird die Dame im Unterschied zur Frau "aus dem Volk" unbeweglicher. Da das Kleid über den Boden schleppt, ist es nur noch für Innenräume und zu Pferde (im Damensitz) brauchbar. Zudem wird es gelegentlich mit immer längeren Schleppen besetzt, die beim Gehen gerafft oder von Mägden hinter der Dame hergetragen werden müssen. Kriemhild trägt im Nibelungenlied bei feierlichem Anlass eine solche Schleppe, die von zweien getragen wird.

 

Ähnlich funktionslos und dekorativ sind die immer längeren angenähten Endstücke der Ärmel. Die höfische Dame dekoriert sich zum Luxusgegenstand, der seine Zeit mit textilem Arbeiten verbringt und tatsächlich hauptsächlich zur Fortpflanzung in dynastischer Absicht dient.

 

Kostbare und farbenprächtige Stoffe gehören dazu, ebenso wie bei den Herren, die jetzt ebenso den Moden des Kleiderluxus verfallen wie die Damen. Die Abbildung aus dem 'Hortus deliciarum' zeigt den Antichristen als König und daneben seinen Gehilfen in modischem Hemd, Beinkleidern und der Tendenz zum Vorzeigen von immer mehr (Ober)Schenkeln nach dem Stand von etwa 1180.

 Hortus Deliciarum - Antichrist.jpg

 

 

Ausgehend von im Kern derselben frühmittelalterlichen Bekleidung wie die Frauen verengt sich das Hemd jetzt auch bei den Männern am Oberkörper und den Armen. und wird nach unten weiter oder aber aufgeschlitzt. So wie die Damen nun Taille und Brüste betonen, so die Herren die Beine. Diese sind entweder nackt oder von eng anliegenden Beinkleidern, den (beiden) Hosen bedeckt. Um Hintern und Genitalien trug der Mann nun, da sein Rock immer kürzer wurde oder vorne hochgeschlitzt, eine eng anliegende Art Unterhose, die bruoch im Mittelhochdeutschen, welche den Punkt benennen, wo aus dem Leib die beiden Schenkel aufbrechen. Die wurde immer häufiger an die Hosen angeknüpft (zum Beispiel durch Hosenbänder), woraus die englischen breeches am Ende zu trousers (mit keltischer Wurzel) werden und die neuzeitlichen deutschen "Hosen" im 16. Jahrhundert entstehe

 

Im Kern zeigt der Herr damit mehr von seiner sexuellen Attraktivität (?) als die Dame, und je höher oben der männliche "Rock" aufhörte, desto näher kam man der spätmittelalterlichen Situation, wo der Mann seinen "Bruch" darbot, und damit das, was sich zeitgleich in der immer mächtiger werdenden Wölbung der Ritterrüstung über dem Penis manifestierte. Zudem entwickelte die Gotik mehr noch bei den Männern als bei den Frauen die kunstvolle Schlitzung am Gewand, bei den Herren besonders an den Beinkleidern, die nun entweder die nackte Haut oder aber eine feine Leinenunterlegung darboten. Was bei den Damen der Leib und die Brust, werden bei den Herren recht intensiv die Beine. Beim Reiterspiel, dem Buhurt der Ritter auf Tintajoêl in Gottfrieds 'Tristan' schaut die Damenwelt zu und spricht über Riwalîns Darbietung:

 

der ist ein saeliger man: / wie saeleclîche stêt im an / allez daz, daz er begât! / wie gâr sîn lîp ze wunsche stât! / wie gânt im sô gelîche in ein / diu sîniu keiserlîchen bein! (Zeile 705ff)

 

Und als Jung-Tristan zum ersten Mal auf Hof von König Marke erscheint, heißt es nach Beschreibung seiner übrigen Schönheit: sîne vüeze und sîniu bein, / dar an sîne schoene almeistic schein, / diu stuonden sô ze prîse wol, / als man'z an manne prisen sol. (Zeilen 3341ff). Dieser Blick findet statt, wiewohl sein Gewand nâch sînem lîbe gesniten ist und heute der Leib also die Aufmerksamkeit (neben dem Gesicht) auf sich ziehen würde.

 

In Frankreich kam schon im 11. Jahrhundert die Mode auf, sich die Barthaare abzurasieren, was bislang nur dem Klerus (wie die Tonsur) zustand. Die Haarpracht wurde länger und mit der Brennschere wurden künstliche Locken hergestellt. Am Ende kommen noch die höfischen Schnabelschuhe dazu, und der Modegeck ist komplett (Geck war das mittelalterliche Wort für den Narren).

 

Also: Das Reformchristentum in Kloster und Kirche, Minnesang und Heldenepik, höfische Pracht und Geselligkeit, Erotisierung der Bekleidung, zunehmende Bedeutung des Geldes (Dreifelderwirtschaft, neuer Pflug, Entstehung der Dörfer und Gemeindebildung in den Städten, Aufstieg des Fernhandels etc) finden alle in etwa gleichzeitig statt.

 

Der Kern all unserer Betrachtungen ist der beseelte, d.h. lebendige Körper der Menschen, und in der Bekleidung macht sich nun ein Trend zur vorgetragenen Schamlosigkeit breit, der als Erotisierung allerdings mit der Scham kalkuliert. Ohne die vorherige Verhüllung wären die neuen Enthüllungen keine Erotisierung, sondern schiere Nacktheit. Wenn Kulturen in südlichen Breiten vielleicht nur den Genitalbereich und den Analbereich bedeckten, war dies schließlich keine Schamlosigkeit, keine Erotisierung, sondern vermutlich besonders disziplinierte Schamhaftigkeit, wie Duerr in seinen fünf Bänden insgesamt überzeugend dargelegt hat.

 

(Hadlaub)

 

Jugend

 

Die Besonderheiten menschlicher Sexualität zeigen sich nirgendwo deutlicher als beim Übergang von der Kindheit zum Erwachsenendasein, der sogenannten Adoleszenz, biologisch gesehen der Pubertät, des Übergangs zur geschlechtlichen Identitätsfindung. Da setzen sich Mädchen mit der eigenen sexuellen Attraktivität auseinander, und Jungs mit ihren Aggressionen und Pollutionen.

 

Bis der Vorbildcharakter der Erwachsenen greift und die Integration in die Erwachsenenwelt funktioniert, tendiert das spätere Mittelalter der lateinischen Welt zum Einsperren der Mädchen, nicht zuletzt auch um ihre Jungfräulichkeit möglichst zu erhalten, aber auch um sie auf weibliche Rollenmodelle zu fixieren. Jungs hingegen dürfen stärker nach draußen, feinere unter ihnen bilden Vereinigungen, die gröberen Klötze Banden und Jugendgangs.

 

Die vornehmsten der unter Fünfundzanzigjährigen in Venedig, die noch nicht die schwarze Toga des Maggior Consiglio tragen, werden in den Compagnie della Calza davor bewahrt, mit der minder noblen Jugend zusammenzutreffen. "Diese Kompanien mit ihren verschiedenen Abzeichen waren exklusive Klubs junger Gecken, die sich vor allem durch ihre grellbunten Beinkleider und aufgenähten Klubabzeichen im Straßenbild bemerkbar machten. Jetzt war die adelige Jugend unter sich, sie trat bei Festen auf und entwickelte ein Standesbewusstsein, wie es die Väter wünschten." (Rösch, S.209) Da solche jungmännlichen Vereinigungen aber gerne auch als Unruhestifter vom Schabernack bis zu übleren Gewalttaten neigen, werden sie bald unter die Aufsicht des Rates der Zehn gestellt.

 

Für Burgund und die Provence stellt Rossiaud fest, dass in den Städten sexuelle Gewalt jugendlicher Gruppen im Alter zwischen 18 und 24 Jahren immer wieder droht, umso mehr, je größer die Städte sind. Diese betrifft im wesentlichen Mädchen und Frauen der breiteren Unterschicht, die des öfteren wie Freiwild behandelt werden.

Das hat sicher etwas mit dem Heiratsalter zu tun. Rossiaud schätzt das Heiratsalter der Mädchen im 15. Jahrhundert auf zwischen 16 und 25 Jahren, danahc sinken ihre Chancen. Männer sind dabei in der Regel deutlich älter. Der Heiratsmarkt verändert sich noch dadurch, dass "ein Drittel der heiratsfähigen Mädchen und der heiratsfähigen Frauen (unter 20 Jahren) den arrivierteren und älteren Männern vorbehalten" bleiben. (Rossiaud, S.24) 

 

Gesellen und Lehrlinge verwandter Berufe "der kleinräumigen und abgeschlossenen Städte suchten, um der Langeweile zu entfliehen, nach Feierabend von sich aus Abenteuer und Streit, hänselten die Wachen, waren hinter den Mächen her und gingen dabei bis zur Vergewaltigung." (Rossiaud, S.27) An solchen Attacken auf Mädchen und Frauen ist nach Rossiauds Schätzung jeder zweite junge Mann wenigstens einmal beteiligt. Opfer sind vor allem Dienstmädchen, denen man Willigkeit gegenüber dem Hausherrn unterstellt, Konkubinen von Priestern und verlassene Ehefrauen. Sie alle gelten als adäquate Opfer, insbesondere wenn sie abends oder nachts draußen angetroffen werden, was als Einladung zur Vergewaltigung betrachtet wird.

Opfer sexueller Gewalt gelten dann als entehrt, geschieht die Untat bei temporärer Abwesenheit eines Ehemannes, verstößt dieser die Frau des öfteren. Insofern ebnet das den Weg in die Prostitution.

 

Neben solchen Gruppen gibt es die fester institutionalisierten der abbayes de jovens  oder confréries joyeuses, also Jugend-Abteien oder fröhliche Bruderschaften. Sie besitzen oft den "Abt", den Vorsitzenden und einen Schatzmeister. Wenn ein solches Mitglied heiratet, wird eine Art charivari als Katzenmusik" vor seinem Haus veranstaltet, oder- als andere Form der Bestrafung - ein Ritt auf einem Esel.

 

ff

 

Fasten und Feste (in Arbeit)

 

Die Aufspaltung der Persönlichkeit in (männliche) Jugend und Erwachsensein, in Religion und Alltag findet zunehmend einen dritten Aspekt in den Extremen von Fastenzeiten und Festzeiten.

Fasten heißt vor allem nur einmal am Tag zu essen, und dabei vor allem auf Fleisch und Alkohol, aber auch auf Milchprodukte und Eier zu verzichten.

Die wichtigste Fastenzeit dauert vierzig Tage von Aschermittwoch bis Ostersonntag. Dazu kommen weiter hohe kirchliche Feiertage, insbesondere aber auch die Adventszeit.

 

Gedacht ist Fasten als Orientierung auf die christliche Jenseitsperspektive, Erinnerung an die Minderwertigkeit alles Irdisch-Leiblichen, als Zeit intensivierten Betens, auch als Gedächtniszeit an Passagen des Lebens Jesu. In der Passionszeit sind deshalb die Altäre der Kirchen verhüllt. Heiraten ist für diese Zeit verboten und eigentlich auch das Ausleben des Geschlechtstriebes.

 

Als Kompensation entstehen im Dunkel der Geschichte und wohl von vorchristlichen Bräuchen ausgehend vor der großen Fastenzeit Festtage, an denen genau das Gegenteil gefeiert wird. Offenbar finden nun besonders viele Hochzeiten statt und die Metzger haben Hochkonjunktur.

1341 taucht in Köln ein Fastelovend auf. Der Rat verhält sich ambivalent, subventioniert mal das Treiben und schränkt es dann wieder ein, nicht zuletzt auch wegen Ausschreitungen und Messerstechereien. 1482 findet der Schabernack einen Höhepunkt, als der Gürtelmacher Johann Hemmersbach mit Zunftkumpanen das Rathaus besetzt und Bürgermeister und Ratsherren in den Turm sperrt. Als sie Aschermittwoch abziehen, kennt der Rat keinen Spaß, der Fastnachtsrebell wird hingerichtet.

 

Am Samstag vor dem Fasten findet in Nürnberg der 'schmalzige Samstag' mit Schmalzküchlein, Brot und Wein statt. Am Dienstag findet hier der 'geile Montag' statt und am Dienstag die 'rechte Fastnacht'. An diesen Tagen dürfen die Handwerksgesellen durch die Stadt rayen und mit pfeiffern gehen, also "in Reihen durch die Stadt tanzen." (Fleischmann, S.116)

 

Für Nürnberg ist seit der Mitte des 15. Jahrhunderts das Tragen von Masken belegt und der Geschlechtertausch, also der Kleidertausch zwischen den Geschlechtern. was das Auf-Den Kopf-Stellen strenger städtischer Ordnungsvorstellungen bedeutet.

Im erlaubten Schembartlauf wird den Metzgern Kompensation geboten für vierzig Tage verlorenen Geschäftes. Sie tanzen öffentlich, wobei die städtischen Pfeiffer und Trommler die Musik geben. Dazu gehört eine kostümierte Laufgruppe mit Gesichtsmasken. Da dem Rat dieser Brauch gefällt, kauft er ihnen das Monopol darauf 1468 ab. "Eine kleine Gruppe einheitlich sehr schön Kostümierter zog unter einem Anführer von der Burg aus und lief und tanzte auf einem festgelegten Weg durch die Stadt vorbei am Rathaus und am Frauenhaus. Das Spektakel endete immer am Hauptmarkt, wo man die "Hölle" verbrannte. So nannte man die Schaugefährte in Gestalt von Burgen, Drachen, Elefanten oder Schiffen, die siet 1475 mitgeführt wurden und schließlich in Flammen aufgingen." (s.o.) 

 

Mit der Verwandlung in ein offizielles Spektakel wird wohl der Rat auch die Kontrolle über die Zeit der Unordentlichkeit übernommen haben. Die Reformation wird es dann 1539 verbieten.

 

***Alkohol***

 

Vermutlich ist ein wesentlicher Aspekt der Entstehung von Zivilisationen die Verallgemeinerung bewusstseinsverändernder Drogen: Harte Drogen für die Priesterschaft mittel- und südamerikanischer früher Zivilisationen, Bier in Mesopotamien und dem Ägypten der Pharaos, in der Regel mit Wasser vermischter Wein in den Mittelmeerzivilisationen.

 

Im städtischen Mittelalter ist Wasser oft erheblich verunreinigt, weswegen niedrig-alkoholisches Bier oder Wein zum Wasserersatz wird. Die überlieferten Mengen lassen allerdings eine manchmal durchaus nicht unerhebliche Alkoholisierung von Teilen der Bevölkerung erkennen. Fälle von Alkoholismus sind dokumentiert.

 

Die römische Kirche kennt keine Offenbarungen unter Drogeneinfluss mehr und der Messwein hat nur noch symbolischen Charakter. Aber Alkohol durchzieht schon das ganze Mittelalter, ist Bestandteil von Festen, von Zusammentreffen und dem, was neudeutsch "Geselligkeit" heißt.

 

Bewusstseinsverändernde Drogen setzen Instanzen der Wahrnehmung von Wirklichkeit außer Kraft und wirken vorübergehend euphorisierend. Deshalb werden sie in allen Zivilisationen gefördert, von der Produktion über den Handel bis zum Konsum. Deshalb ist Alkohol heutzutage staatlicherseits erwünscht, wird der Konsum anderer solcher Drogen nicht mehr verfolgt, da die Staaten über Geldwäsche an eher erhöhte Steuern gelangt, und deshalb konzentrieren sich viele Staaten auf die Diffamierung des Rauchens von Tabak, welcher abgesehen von seinen Gesundheitsschäden eher Wachheit und Konzentrationsfähigkeit fördert. Bewusstseinsverändernde Drogen fördern aber Leidensfähigkeit, Apathie und politische Resignation. Für viele Menschen heute sind sie alltägliche Fluchten.

 

Es ist kein Zufall, dass eine kleine mächtige Oberschicht Trinkstuben für sich einrichtet, ebenso wie Zünfte und dann auch Gesellenvereinigungen. Nahe bei städtischen Kirchen stehen die Wirtshäuser, in denen Männer nach dem Gottesdienst Erholung vom frommen Geschehen suchen. Mittelalterliche Zunftordnungen wie die von Straßburg stellen "Diebstahl, Maulstreiche, gotteslästerliche Fluche und unzüchtige Worte bei den Zusammenkünften ebenso unter Strafe (...) wie das Werfen von Krügen, Kannen, Kübeln und Gläsern, das Beschädigen von Fenstern und Ofenkacheln, das Eintreten von Türen oder das Ziehen von Messern. In Hamburg bestraft man das Verschütten von Bier, während die Flensburger Schuhmacher im 15. Jahrhundert differenzierte Bußen über betrunkene Mitglieder verhängten, je nachdem, ob sie sich vor dem Zunfthaus oder noch innerhalb der Räumlichkeiten erbrochen hatten." (Schneider-Ferber, S. 96f)

 

Nach der kurzen Phase von Fröhlichkeit in angeheitertem Zustand kommt der stärkere Kontrollverlust, in der Regel beabsichtigt. Eingedämmte Aggressionen schwappen hoch, zahlreiche Gewalttaten geschehen bis heute unter Alkoholeinfluss. Besonders betroffen sind Kinder und Frauen.

 

Deutlicher noch als im Mittelalter wird heute klar, welche Funktion bewusstseinsverändernde Drogen (insbesondere) in (absterbenden) Zivilisationen haben. Seit dem frühen 19. Jahrhundert operiert Musik mit der Induzierung von Rauschzuständen im Gehirn, mit der Amüsierindustrie seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts werden solche bewusst mit hämmernden Rhythmen zur (nicht nur vorübergehenden) Verblödung eingesetzt, zunehmend unter dem Einfluss von Drogen produziert und konsumiert und staatlicherseits gefördert als "Kultur".

 

Aber schon das lateinische Mittelalter ist ohne den Alkoholkonsum nicht verständlich, Betäubungsmittel und Fluchtversuch zugleich.

 

 

Abarten

 

Komplexere Lebensformen bedürfen der Geschlechtlichkeit zum Zwecke der Fortpflanzung von gemischten Varianten der Elternpaare. Ehe ( man muss inzwischen dazu sagen, natürlich von Mann und Frau), Familie und Verwandtschaft dienen dem Schutz des Nachwuchses und der Versorgung im Alter.  Das alles kann sich in Zivilisationen für die Machthaber ändern, sobald sie auf Kosten ihrer Untertanen leben. Die Kirche des Mittelalters kann für ihre höheren Ränge - oft erfolglos - Ehelosigkeit verordnen oder gar Sexualität diabolisieren. Weltliche Herren können ihren Geschlechtstrieb außerhalb von Ehe und Familie halblegal ausleben.

 

Sexualität hat sowohl mit Lust wie mit Angst zu tun. Das Christentum neigt dazu, die Lust zu diabolisieren und die Angst als Mittel einzusetzen. Dabei driften im Verlauf des Mittelalters zwei parallele Entwicklungen auseinander: Die eine bedeutet zunehmende Tabuisierung sexueller Themen, die allerdings erst in der frühen Neuzeit sich ganz durchsetzt, und zwar insbesondere im Bürgertum, und die andere eine zunehmend offenere Permissivität, wie sie sich insbesondere in literarischen Texten idealisiert niederschlägt, die in höheren Kreisen kursieren.

 

Häufigere sexuelle Praktiken lassen sich so am ehesten aus christlichen Texten erschließen, in denen sie angeprangert werden. So wendet sich Jean Gerson in seinem 'De confessione mollicei' gegen die Selbstbefriedigung als peccatum mollicei insbesondere bei männlichen Jugendlichen, die er als schwere Sünde betrachtet, und lässt dabei darauf schließen, dass sie durchaus verbreitet ist. Allerdings wird das Phänomen in der Praxis wohl eher unter die kleineren Sünden eingereiht. Dennoch schreibt Gerson um 1400 in seinem Traktat: Sie ist eine Sünde gegen die Natur, schwerwiegender als außerehelich mit einer Frau zu verkehren, oder wenn eine Frau mit einem Mann Unzucht treibt, und ihre Vergebung bleibt dem Prälaten vorbehalten.

Dazu kommt die Vorstellung, Sperma sei Blut, welches aus dem Gehirn kommt und weiß wird, während es durch die Venen läuft, wodurch das schiere Abspritzen eine Art Aderlass sei, der bei häufigerer Praxis Schwächung des Körpers und des Verstandes nach sich zieht.

 

Der sich von seinen natürlichen Zwecken verselbständigende Drang nach Triebabfuhr (siehe Großkapitel 'Anfänge') kann sich darüber hinaus auch bei einer kleinen Minderheit auf Objekte des gleichen Geschlechtes ausrichten und bei einer wohl noch kleineren auf Kinder hin desorientieren.

Kulturen basieren neben der Ernährung auf der Orientierung und Regulierung von Sexualität. Diese werden in die Zivilisationen übernommen, aber des öfteren von denen gebrochen, die die Macht dazu haben. Im dritten Buch Moses wird den Juden homosexuelle Praxis verboten, schließlich sollen sie sich fleißig vermehren. Der christliche Kaiser Theodosius belegt sie mit der Todesstrafe. Im abendländischen Mittelalter und der Neuzeit bis ins zwanzigste Jahrhundert ist Homosexualität als Sünde diffamiert und kriminalisiert, und zwar ebenso wie Päderastie mit Kindern vor der Geschlechtsreife. Diffamiert sind auch die Selbstbefriedigung und der Geschlechtsverkehr mit Tieren. Diese Kriminalisierung und zugleich Tabuisierung macht es äußerst schwierig, über solche Praktiken mehr als schiere Gerüchte zu erfahren. Immerhin können wir aus unseren Kenntnissen über den (katholischen) Klerus der letzten rund hundert Jahren erschließen, dass wohl schon früher das Zölibat dazu neigte, in homosexuelle und pädophile Neigungen auszuweichen. Daraus wohl auch resultiert seine intensive Verurteilungspraxis abartiger Sexualität.

 

Homosexualität kommt als unchristlich angedeutet bei Paulus und nicht in den Evangelien vor. Von der Nachantike bis ins Mittelalter gilt sie als Sünde, wird aber möglichst totgeschwiegen und im Zweifelsfall bestraft. 1270 erlässt König Ludwig IX. ("der Heilige") erstmals auch Gesetze, welche die Sodomie zu einem Verbrechen erklären.

 

Aus den wenigen Quellen, die Homosexualität betreffen, lässt sich vermuten, dass sie im wesentlichen verdeckt und einvernehmlich betrieben wird, verfolgt wird sie vor allem dann, wenn sie zur Unterstützung der Verfolgung anderer Verbrechen genutzt wird, wie der Ketzerei, oder wenn sie als Vergewaltigung stattfindet.

Aber 1403 wird in Florenz das Amt der 'Onesta' eingesetzt mit dem Ziel, den Sumpf dieses abscheulichen und gegen die Natur sich wendenden Übels und ungeheuerlichen Verbrechens, wie es das Laster der Homosexualität ist, auszurotten (In: Rossiaud, S.90) Dass es sich auch um eine "natürliche" Veranlagung handeln könnte, scheint unbekannt zu sein. 1432 wird der Kampf in Florenz noch einmal verstärkt mit dem ufficio della notte.

 

***Obszönität***

 

Scham und Triebhemmungen verbannen das Animalische der Geschlechtlichkeit ins Dunkel des Privaten. Seine Veröffentlichung gilt als obszön. In den christlichen Zivilisationen kommt dazu die kirchliche Verurteilung als Sünde, als diabolische Macht. Die bildlichen sexuellen Darstellungen mit den Stilmitteln der Romanik gehen zunehmend zurück, da offenbar der Abwehrkampf gegen "heidnische" Vorstellungen von Sexualität erfolgreicher wird. Mit den Mitteln der Gotik werden vielmehr nun Darstellungen von Engeln (die langsam weiblicher werden) und Heiligen besonders weiblichen Geschlechts sanft erotisiert. Erst damit entsteht eine spezifisch lateinische abendländische "Kunst".

 

Sanfte Erotisierung, die langsam und vorsichtig deutlicher wird, verbunden mit immer soliderer Christianisierung des Sexus an der Oberfläche, vertreibt das handfest Geschlechtliche in einen Untergrund, in dem es einmal im Reich der Phantasie, zum anderen aber auch im Reich der Heimlichkeiten immer neue dunkle Blüten treibt. Das betrifft natürlich zu allererst die Geistlichkeit, der das natürliche Ausleben ihres Triebes mit einer Frau immer mehr genommen wird. Mit der flächendeckenden Zunahme der (geheimen) Beichte bekommen sie nicht nur Nachricht von dem, was da so getrieben wird, sondern sind angeregt, sich selbst Phantasien zu machen.

Zunehmende Vernunftkonstruktionen nicht nur in der sich langsam und bei wenigen etwas emanzipierenden Philosophie, sondern auch in der Theologie und in den die Macht konstruierenden Vorstellungen von Recht führen zu dem Konstrukt von der Einheit von Ketzertum und Obszönität. Ein handfester Grund dafür ist die zu beobachtende Aufwertung von Frauen bei evangelischen Dissidenten, welche das Ordnungsprinzip männlicher Dominanz für die Betrachter durcheinander bringt.

Es tauchen im 13. Jahrhundert Vorstellungen auf, Ketzer in ihrem Satanismus wären heimlich und in Gruppen promiskuitiv (wie in der späteren Pornographie und Wirklichkeit), Initiierung würde durch Küsse auf das Hinterteil von Kröten und schwarzen Katern betrieben und Verwandte würden miteinander und wahllos durcheinander sexuell verkehren.

 

ff

 

***Gilles de Rais***

 

Das zumindest im späten Mittelalter Homosexualität und Päderastie in den herrschaftlichen Kreisen stillschweigend  geduldet wurden, belegt der Fall des hochadeligen Gilles de Rais (1404-40). Als Extrembeispiel bezeugt er zudem wohl die auch allgemein wenig harmlose Nähe von Aggression, Gewalt und Grausamkeit zum Geschlechtstrieb.

Dabei sind wir allerdings im wesentlichen auf die Gerichtsakten jenes Prozesses angewiesen, der ihm den Tod bringt, und dessen Qualität als Ort einer Wahrheitsfindung wie damals üblich durchaus problematisch ist. Das liegt einmal daran, dass er als Inquisitionsprozess in besonderem Maße mit der Folter droht, was die Qualität von Aussagen und Bekenntnissen deutlich herabsetzt, zum anderen daran, dass das Verfahren von seinen politischen Gegnern, einem Bischof und einem Herzog angestrengt wird, die beide erheblich von einer Verurteilung profitieren werden.

 

Der Großvater Jean de Craon hat bereits große Besitzungen zusammengetragen,als die kinderlose Jeanne La Sage aus der de-Rais-Familie 1400 Guy de Laval adoptiert und zu ihrem Erben macht. Als sie von dieser Bestimmung wieder zurücktritt, heiratet Guy Marie de Craon, Enkelin der neuen Erbin und Tochter von Jean de Craon. Er nimmt den Namen de Rais an.

als die Eltern von Gilles in jungen Jahren sterben, als zweiter der Vater 1415 in der Schlacht von Azincourt, ebenso wie Amaury, letzter Sohn von Jean de Craon.Der Vater von Gilles hat vor seinem Tod die Fortführung der Erziehung durch zwei Priester testamentarisch verfügt und einen Cousin zum Vormund bestimmt.

 

Der Großvater übernimmt aber nun widerrechtlich die Aufsicht über den elfjährigen Jungen und Alleinerben. Im Prozess wird Gilles aussagen, die weitere Erziehung durch Jean de Craon habe ihn zu einem lasterhaften Menschen gemacht. Er wurde ohne Zügel gelassen, ging allem nach, was ihm gefiel, und befleißigte sich aller möglichen sündigen Handlungen.

 

Der Großvater und sein junger Erbe sind nun die reichsten Herren in Anjou nach dem dortigen Herzog. Der junge Mann wird dann vermutlich durch den Großvater dazu veranlasst, seine Kusine, die Erbtochter Cathérine de Thouars mit Besitz in der Nachbarschaft des Raumes der Craon/Rais zu enführen, deren Vater gerade gestorben ist. 1422 erteilt die Kirche den Dispens von zu großer Verwandtschaft und es kann geheiratet werde. Jean de Craon heiratet in zweiter Ehe die Großmutter von Cathérine, Anne de Sillé.

Der Großvater beherrscht nun für seinen Erben ein großes Gebiet von der südlichen Bretagne bis ins Anjou und Poitou mit einer ganzen Anzahl von Schlössern und großem Reichtum. Er gilt als raffgierig und räuberisch, belegt ist zum Beispiel durch einen Rechtsspruch, dass er die Schiffer und Kaufleute auf der Loire mit erpresserisch hohen Zöllen ausplünderte.

Als nächstes lässt Jean de Craon die Schwiegermutter von Gilles überfallen und setzt sie gefangen, um so an ihren Witwenanteil (Tiffauges und Pouzages) zu gelangen. Ihr wird gedroht, sie in einen Sack zu stecken und in den Fluss zu werfen. Sie verzichtet und ihr Gemahl muss gegenüber der militärischen Übermacht klein beigeben. Der Spruch des königlichen Gerichts dagegen bleibt wirkungslos und der nahende Gerichtspräsident wird von Craon und Gilles gefangengenommen. Dafür sollen sie eine Buße zahlen, was sie aber nicht tun.

 

Der junge Edelmann wird zwar eine Tochter Marie haben, aber viel Eheleben dürfte für den jungen Homosexuellen nicht stattgefunden haben. Um 1424 übernimmt er die Verwaltung der Herrschaft vom alten Großvater.

 

Gegen 1425 tritt Gilles auf die Seite Karls VII. über, der in Bourges residiert, während Henry V. in Paris Hof hält. Craon und Gilles vertreten unter dem Einfluss von Yolande d'Aragon die Annäherung der Bretagne an den französischen König. Sein Gönner wird der bei Hof einflussreiche Georges de La Trémoille. Unter dem erfahrenen Krieger La Jumellière ist er in einzelnen Scharmützeln für seinen König erfolgreich, was ihm einen Platz am Hofe sichert. 1427 macht ihn Yolande d'Aragon, die Schwiegermutter des Königs, zum Generalstatthalter über Anjou, damit er die Engländer abwehren und zurückdrängen solle.

Im selben Jahr wird Étienne Corrilaut ("Poitou") mit zehn Jahren Page bei Gilles de Rais, dann auch sein Sexualpartner und später sein Helfershelfer beim Kindermord.

 

1429 wird Jeanne d'Arc dem königlichen Hof in Chinon zugeführt. Gilles de Rais ist dort anwesend, wird ihr durch Trémoille zugeordnet und ist dann offenbar bravourös an der Eroberung von Orléans beteiligt. Im Sommer 1429 wird er mit fünfundzwanzig Jahren zum Marschall von Frankreich ernannt. Kurz darauf steht er neben Jeanne d'Arc. als ihr König Karl VII. in Reims gesalbt wird. Im Jahr darauf scheitert der Angriff auf Paris und der Untergang von Jeanne beginnt, die im Mai 1431 von den Engländern verbrannt wird. Damit ist die militärische Laufbahn von Gilles schon fast am Ende.

Immerhin überfällt er Jean de Bueil, um (vergeblich) in den Besitz von dessen Schloss Château-l'Hermitage zu gelangen. Der Überfallene muss Lösegeld bezahlen. 1432 lässt er durch seine Leute Yolanda von Aragon überfallen und ausrauben.

 

Jean de Craon stirbt und Gilles hat nun freie Hand. In seinen Ausagen vor Gericht 1440 heißt es;

Befragt nach dem Ort und der Zeit, wo er begonnen habe, das Verbrechen der Sodomie zu begehen, antwortete er: >In der Burg von Chantocé<. Zeit und Jahr behauptete er nicht mehr zu wissen, aber er habe begonnen, diese Dinge zu tun, in dem Jahr, da sein Ahn, der Herr von La Suzé, verstarb.

Und: Befragt nach dem Ort, an dem er die bewussten Verbrechen beging,, nach der Zeit, zu der er damit begann, und nach der Zahl der Ermordeten, antwortete er und sagte: >Zum ersten in der Burg von Chantocé, und zwar in dem Jahr, in dem der Herr von La Suzé - sein Ahn - verstarb<, an welchem Ort er mehrere Kinder in großer Zahl tötete und töten ließ - über die Zahl ist er sich nicht sicher.

Zuerst führt ihm Gilles de Sillé Kinder zu und ist auch an den Morden beteiligt, dann kommt bald auch de Rais junger Vetter Roger de Briqueville dazu. Im Sommer 1433 wird Trémoille wohl im Auftrag von Yolande d'Aragon entführt. Er muss ein hohes Lösegeld zahlen und versprechen, nicht mehr bei Hof zu erscheinen. Yolandes Einfluss bei Hof steigt nun und Gilles de Rais verliert ihn zur Gänze.

 

Der ganze Bereich menschlicher Sexualität, insbesondere aber der der Homosexualität, homosexueller Pädophilie und der Beziehung zwischen Sexualität und Gewalt ist im letzten halben Jahrhundert in der obskuranten Sphäre politischer Korrektheit in das Dunkel fehlender Aufklärung geraten, in ein Reich mit massiven Drohungen versehener diverser Propaganda. Soviel allerdings ist klar: Homosexuelle Orientierung, ob nun angeboren oder in der Kindheit erworben, wirkt sich früh auf das Leben der Betroffenen aus. Bis zur Legalisierung in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wird sie dabei in der Regel verdeckt ausgeübt und natürlich gilt das auch für das Mittelalter.

 

Man kann annehmen, dass Gilles Fasziniertsein von der androgyn und in Männerkleidung auftretenden "Jungfrau von Orléans' etwas mit seiner Homosexualität zu tun hat, ebenso wie man vermuten kann, dass diese in den militärischen Männerhorden des Hundertjährigen Krieges ihren Platz hat, in denen allerdings heterosexuelles Vergewaltigen von weiblicher Zivilbevölkerung weitaus üblicher ist. Aber belegt wird seine sexuelle Orientierung erst seit 1432, denn für diesen Zeitraum von 1432-40 erst gibt es Zeugenaussagen über Kindesentführungen, in denen sich seine Homosexualität auf kindliche und jugendliche Opfer konzentriert

.

Da sich Homosexualität als Abart von Geschlechtlichkeit völlig vom Ziel der Fortpflanzung entfernt, neigt sie stärker zur Promiskuität und - soweit bekannt - auch stärker in Richtung Pädophilie als Hetero-Sexualität. Der im Mittelalter gängige Beginn des ehelichen Vollzuges mit der Geschlechtsreife des Mädchens, also seine Empfängnis-Fähigkeit, fällt bei (männlicher) Homosexualität als Orientierungsfaktor eher weg, und die Akteure können sich sich so leichter auf die Attraktivität junger Sexualobjekte fixieren: Die Mehrzahl der bekannten Opfer Gilles de Rais befinden sich in der Pubertät (sind zwischen acht und sechzehn Jahre alt), gelten als außerordentlich "schön" oder "schön wie ein Engel" und erinnern so an pädophile Ideale im antiken Hellas.

 

Männliche Homosexualität hat unter anderem zwei idealtypische Seiten: Die eine ist mit dem Bild frauenverachtender aggressiver und manchmal gewaltverherrlichender Maskulinität verbunden, wie sie Gilles in den "legalen" Kriegszügen wie in seinen mehr oder weniger rechtlich nicht abgedeckten Raubzügen und Überfällen ausleben kann, bis er dann auf eine andere Seite umschwenkt, die ihm womöglich ohnehin mehr liegt. Es handelt sich um jene Form männlicher Homosexualität, die früher des öfteren im Deutschen als "schwul" bezeichnet wurde: Männer zeigen dann (pseudo?)weibliche Züge, die im Extremfall bis zum Transvestitentum reichen können, Eitelkeit im Auftreten, einen preziösen Ästhetizismus, das, was üblicherweise gemeinhin als "Verweichlichung" oder Effeminierung beschrieben wurde. 

Nachdem die Kriegerkarriere des Gilles de Rais 1433 zur Gänze zum Erliegen gekommen ist, erweist sich wohl diese zweite Seite als die dominante. Schon als Krieger hatte Gilles wenig dafür getan, so wie sein Großvater seinen Herrschaftsbereich konsequent auszuweiten, er ist eher ein auf schieren Ruhm und Haudegen-Ehre eingestellter Ritter. Nun beginnt in Zeiten ohne kriegerischen Einsatz für den König eine exorbitante Prachtentfaltung, in der er große Teile seines Vermögens verschwendet, während er gleichzeitig im Verborgenen Knaben sexuell missbraucht und dabei ermordet.

 

Tatsächlich beginnt der Verkauf von Rechten und Gütern an Bürger und Kleriker aus Nantes und Angers ansatzweise bereits um 1429 (Reliquet, S.53). Insgesamt errechnen die Erben nach seinem Tod ein verschwendetes Gesamtvermögen von fast 200 000 écus, das Vermögen eines großen Fürsten.

 

Zu den bedeutenden dauerhaften Ausgaben gehört eine stets neu und prächtig eingekleidete, mit einem Gehalt versehene Garde aus zweihundert Reitern mit Pagen und Schildknappen und einem prachtvollen Herold, die keine andere Aufgabe mehr haben, als ein ritterlich-fürstliches Schauspiel zu bieten.

Wohl noch wichtiger und kostspieliger werden religiös-kirchliche Ausgaben. Auch wenn er bereits Jugendliche sexuell missbraucht und ermordet und bald Alchemie praktizieren und Teufelsbeschwörungen inszenieren lassen wird, um an Geld (Gold) zu kommen, ist Gilles zugleich auch ganz im Sinne der Kirche frommer Christ. Wie  für die Kirche bestehen für ihn Gott und Teufel als gleichgewichtige Antagonisten, aber anders als diese wendet er sich nun gleichgewichtig an beide.

 

Wie die Herzöge von Aquitanien lässt er sich prachtvoll als Kanonikus von Saint-Hilaire in Poitiers einführen. Dann kommt es 1435 zur zweiten Institutionalisierung ganz erheblicher Ausgaben: Er gründet in der Nähe seines chateau von Machecoul eine prächtige Stiftskirche zum Gedenken an die unschuldigen Kinder (in Bethlehem), und zwar zum Heil und zur Errettung seiner Seele (in: Bataille, S.148). Inzwischen hat er wohl schon eine ganze Anzahl Knaben ermordet, aber ganz im Sinne mittelalterlichen Christentums, bloß sehr extrem ausgelegt, hält er Sünde und Absolution auch in seinem Fall für verbindbar. Die Kirche wird ihm das am Ende bestätigen.

 

Zur Stiftung gehören ein Vikar, ein Dechant, ein Archidiakon, der Schatzmeister, Kanoniker, ein Kapitel fast wie an einer Kathedrale, alle von ihm ernannt und ausgestattet mit Renten, Bezügen und Besitzungen (in: Bataille, S.148f)) Das Kollegium besteht aus 25-30 Personen, mit Gefolge etwa 50 Leute, die er alle großzügig bezahlt und mit kostbaren Prunkgewändern ausstattet, wie die Erben später beklagen, Chorhemden aus feinstem Stoff, Überröcke und Kappen aus erlesenem Tuchund mit Pelzwerk gefüttert, als wären sie Männer von höchstem Stand und größter Gelehrsamkeit und von rechts wegen in Amt und Würden. (Reliquet, S.55.)

 

Diese an große Opernaufführungen des 19. Jahrhunderts erinnernde Truppe begleitet den Edelmann auf seinen Reisen, wobei mehrere Leute eine der beiden Orgeln tragen müssen. Überhaupt Kirchenmusik: Gilles schafft auch eine Kantorei mit einem Knabenchor vorpubertärer Stimmlagen, wobei er die Knaben zumindest teilweise sexuell missbraucht und dann manchmal samt ihren Eltern mit Gütern und Geld belohnt. Die beiden Chorknaben André Buchet und Jean Rossignol sind zunächst homosexuelle Gespielen und zumindest einer wird dann auch Helfershelfer bei seinen Morden. Beide erhalten Stiftssteller bei Saint-Hilaire (Poitiers).

 

Letzer Höhepunkt seiner Verschwendungssucht wird 1435 die Feier zur Befreiung von Orléans, die der Edelmann teils selbst finanziert und ausrichtet und dabei wohl teure Mysterienspiele aufführen lässt. Er bringt seinen Anhang in wenigstens sechzehn Herbergen unter (Bataille, S.142f). Inzwischen verleiht er schon seine Juwelen, borgt sich Geld. Dabei hat er im Poitou alles außer den Besitzungen seiner Frau verschwendet, im Anjou sind ihm noch zwei Burgen geblieben und dazu die Besitzungen in der Bretagne. Die wenigen hochadeligen Verbündeten wie La Jumellière verlassen nun den Baron.

 

Die Verwandtschaft inklusive der offenbar nicht mehr mit ihm lebenden Ehefrau wendet sich wegen der nicht mehr standesgemäßen Verschwendung an den Papst, der darauf die Stiftung von Machecoul nicht anerkennt, und dann an König Karl VII., der ihm im Juli 1235 wegen seiner unstandesgemäßen Verschwendung verbietet, weitere Ländereien mit Ausnahme der bretonischen zu verkaufen.

Tatsächlich ist die Bretagne noch nicht klar in das französische Königreich integriert. Dort interessieren sich der Herzog Jean V. und der Nantaiser Bischof Jean de Malestroit, Berater des Herzogs, nun zunehmend für Gilles Besitzungen, insbesondere für Champtocé.

Einen der Priester, die in den Kirchen das Verdikt des Königs aussprechen, einer der beiden Lehrer seiner Kindheit, wird von Gilles in zwei seiner Burgen eingesperrt, muss aber dann aufgrund von Protesten wieder freigelassen werden.

 

Hauptanklagepunkt der Kirche gegen Gilles de Rais wird die Ketzerei, weswegen der Vertreter des französischen Inquisitors hinzugezogen wird. Dabei spielen Alchemie und Dämonen- bzw. Teufelsbeschwörungen eine Rolle, wobei diese laut Gerichtsakten in einem engen Zusammenhang gesehen werden.

Alchemie ist ein aus dem Griechischen über das Arabische ins lateinische Abendland gelangtes Wort, in dem sich vorwissenschaftliche, mystische und Macht- und Geldgier betreffende Elemente zusammen fanden. Gilles de Rais gelangt offenbar schon früh an ein Buch, in dem es unter anderen auch einen alchemistischen Text gab. Im Maße der Verschwendung seines Reichtums wird der Aspekt der Verwandlung von Quecksilber, welches als flüssiges Silber angesehen wird, in Silber und Gold offenbar immer wichtiger.

 

Offenbar kam der Zweiundzwanzigjährige 1426 in Kontakt mit einem im Verließ des Schlosses von Angers gefangenen Ritter, dem wegen Häresie der Prozess gemacht werden soll. Der zeigt ihm ein Manuskript, in dem es wohl um Alchemie und Teufelsbeschwörung geht.

 

Ein Pariser Goldschmied Jean Petit und einer aus Angers werden ebenso engagiert wie diverse Italiener, ganz offensichtlich allesamt geldgierige Betrüger, die den Baron offenbar gehörig ausnehmen. Er richtet Öfen in seinen Schlössern ein, eine Art Laboratorien, und lässt sie dort machen, natürlich ohne Erfolg. Je mehr Gilles in Geldnöte kommt, desto intensiver unterstützt er alchemistische Praktiken. Zumindest ein wohl homosexueller Prelati inszeniert für ihn zugleich Teufelsbeschwörungen und unterstützt ihn bei seinen Kindstötungen. Ihn findet der von Gilles beauftragte Priester Eustache Blanchet (aus dem Bistum Saint Malo) im Frühjahr 1439 in der Toskana und bringt ihn dazu, mit ihm zu seinem Auftraggeber zu reisen. Prelati ist selbst ebenfalls Geistlicher und nach eigner Aussage Experte in Poesie, Geomantie, Alchemie und manch anderen "Künsten".

 

Alchemie und Teufelsbeschwörungen scheinen schon um 1426 zu beginnen: Man zieht einen Kreis auf dem Boden, versieht ihn manchmal noch mit magischen Zeichen, und wer dann mit dem Teufel in Kontakt treten will, muss hineintreten. Duftwolken aus Weihrauch, Myrrhe und Aloe werden eingesetzt. Gilles selbst wird ihm nie begegnen. Bis 1435 scheint Sillé solche Satanisten herbeigeführt zu haben, danach der Priester Blanchet, der für diesen Zweck unter anderem einen Arzt anschleppt.

 

Um 1435 beginnen in verstärktem Maße solche rituellen Anrufungen des Teufels, wofür ihm sein Kumpan Gilles de Sillé "Experten" sucht, unter anderem einen Arzt, die allesamt den edlen Baron um sein Geld betrügen. Da werden Kreise gezogen, magische Zeichen eingraviert und Beschwörungsformeln benutzt. In dem Geständnis Gilles vor Gericht heißt es: Er war in Machecoul wie auch an anderen Orten dabei, vor allem, um zu sehen, wie auf dem Boden der Kreis geschlagen wurde oder eine kreisförmige Figur, die in die Erde geritzt wurde, was notwendig ist bei dieser Art von Beschwörung, wenn man den Teufel sehen, mit ihm sprechen und einen Pakt mit ihm schließen will. (in: Reliquet, S.65)

 

Gilles verspricht dem Teufel schriftlich, ihm alles zu geben außer seine Seele und eine Verkürzung seines Lebens. Und weiter heißt es in seinem Geständnis: Er wollte von ihm Wissen, Macht und Reichtum verlangen, um so wieder in den früheren Zustand von Macht und Herrschaft zurück zu gelangen. (in: Reliquet, S.67).

Einen Gipfel erreichen diese Beschwörungen mit der vom Experten empfohlenen Opferung von Hand, Herz, vielleicht auch Auge und Ohr eines Kindes, die Gilles und Prelati unabhängig voneinander vor Gericht bezeugen.

 

Anfang 1440 flieht Blanchet nach eigener Aussage, wird dann aber wieder eingefangen. Kurz zuvor hatte der Dauphin, später Louis XI., seinen Besuch bei Gilles in Tiffauges angekündigt, weshalb der Baron seine der Alchemie dienenden Anlagen vernichtet.

 

In einem Netz aus Alchemie, Magie und sexuell aufgeladenen Kindstötungen wird der Baron gefangen und von einer kleinen Gefolgschaft aus niederem Adel, Bürgern und Unterschicht-Dienstboten unterstützt und ausgenommen. Er ist von naiver Gläubigkeit sowohl was die Lehren der Kirche wie die von "Ketzern" angeht. Das alles wird zwar in großer Heimlichkeit betrieben, kann aber in den chateaux und bei der engen Verwandtschaft kaum verborgen geblieben sein, ist vermutlich auch als Hörensagen in die Dörfer abhängiger Bauern der Umgebung gelangt. Gerüchte und Stimmen, wie es in den Prozessakten heißt, munkeln vom Treiben des hohen Edelmannes, und die Eltern, Verwandten und Bekannten der vielen verschwundenen Kinder fragen erfolglos nach.

 

Zwei Aspekte kommen wohl zusammen: Da ist einmal bei den "kleinen Leuten" die Angst vor dem offenbar notorisch gewalttätigen Edelmann und seiner Entourage, aber etwas anderes scheint für die Zeit genauso bezeichnend. Alchemie ist bei Adel und Bürgern im 15. Jahrhundert groß in Mode und wird für sich von der Kirche meist geduldet, wenn nicht sogar Kirchenmänner selbst sie betreiben. Der Glaube an einen mächtigen Teufel oder an viele Teufel wird von der Kirche selbst gefördert. Ketzerei ist dabei nicht die Teufelsaustreibung, wie sie die Kirche praktiziert, sondern der Pakt mit ihm, ein direktes Konkurrenzunternehmen zu den magischen Praktiken der Kirche.

 

Wenn man für die Zeit bis tief ins 15. Jahrhundert heute noch von Mittelalter spricht, dann sind dessen Strukturen doch seit dem 14. Jahrhundert in voller Auflösung begriffen. Dabei trennt sich immer mehr ein Strang tendentiell rationalistischer Denkweisen, wie er gerne auch mit Begriffen wie Humanismus und Frührenaissance versehen wird, von einem anderen, der immer stärker irrationale Züge annimmt, magische, mystische, nun stärker versehen mit pseudowissenschaftlichem Abrakadabra. Aus dem volkstümlichen Glauben an Feen, Dämonen und Hexen, der eher nun stärker in mächtigere Schichten aufsteigt, wird ein sich dann in der Neuzeit intensivierender Verfolgungswahn mit konsequenterer Brutalität, der bis heute immer wieder in Wellen große Gruppen der Menschen befällt. Nichts ist dabei deutlicher als der Erlösungswahn der Bolschewiken, die für einen dann am Ende nie angestrebten Kommunismus ebenso über Leichenberge geht wie der Rassenwahn der hitlertreuen Nationalsozialisten mit seinen menschheits-erlösenden Phantasien, beide pseudowissenschaftlich verziert und massenhaft Menschen in ihren Bann ziehend.

Erlösungsphantasien voraus gehen Ängste bis in die Paranoia hinein, die sich im späten Mittelalter, welches zugleich frühe Neuzeit ist, pseudowissenschaftlich konkretisieren, um erträglich zu werden. Die Schattenseite aufstrebender Wissenschaftlichkeit wird ihr durchgehender Missbrauch. Das sagt aber nur wenig über die Persönlichkeitsstruktur unseres Barons de Rais aus, die heute weitgehend unzugänglich ist. Immerhin wird sie durch auch für damalige Verhältnisse kindliche Naivität ausgezeichnet, eine geradezu ungeheuerliche Gutgläubigkeit bei offenbar geringer Bildung, die zwar Lesen und Schreiben und Lateinkenntnisse umfasst, aber ein infantiles Urteilsvermögen.

 

Gilles de Rais Untergang beginnt einerseits mit dem 1435 in dem königlichen Interdikt gegen ihn  kulminierenden Kampf der Verwandtschaft gegen seine Verschwendung ihres (potentiellen) Erbes, in dem sich auch der König neben dem Papst gegen ihn wendet, andererseits mit den materiellen Begehrlichkeiten des Bischofs von Nantes und herzoglichen Kanzlers und des Herzogs der Bretagne selbst auf die verbliebenen Besitzungen des Barons in ihrem Machtbereich. Bis zur Verbereitung des Prozesses gegen ihn 1440 geht es weder um die baroniale Homosexualität, noch seine eher ins Pädophile reichenden Neigungen, die ohnehin nicht dergestalt präzisiert werden. Es geht auch zunächst nicht um die Verbindung pervertierter Sexualität mit dem Vergnügen am Töten und an abartigster Grausamkeit. Grausamkeit praktiziert die Kirche ohnehin selbst mit ihren Folterpraktiken und die weltliche Macht in den Greueln des Hundertjährigen Krieges.

 

Aus den Quellen lässt sich ersehen, dass die Gegner des Barons zunehmend darauf warten, einen Anlass zu finden, der ihnen dann Gelegenheit gibt, sich an seinen noch übriggebliebenen Besitzungen zu bereichern. Diesen Anlass liefert Gilles de Rais dann in seinem Konflikt mit Ferron, der in seinen Überfall auf ihn in der Kirche St.Étienne mündet.

 

Vorgeschichte ist, dass der Baron mit dem château von Saint-Étienne-de- Mermorte eine seiner letzten Besitzungen an Geoffroy Le Ferron verkauft, den Schatzmeister der Bretagne. Dann will er das Schloss zurück, aber Ferron weigert sich. Am Pfingstsonntag 1440 taucht Gilles mit Kumpanen seiner Verbrechen und einer größeren Gruppe von Bewaffneten vor der Kirche von Saint-Étienne in der Nähe des Schlosses auf, wo Bruder Jean Le Ferron, dem das Schloss anvertraut worden ist,  mit anderen an der Messe teilnimmt.

Jean Rousseau, Militär des Herzogs der Bretagne, wird später beim Prozess aussagen: An diesen Ort hatte sich der Zeuge begeben, um von seiten des Seigneurs Herzog den Schuldnern des Fiskus das Verbot mitzuteilen, die Abgaben, den Zensus und die anderen Steuern besagter Ortschaft an den Angeklagten Gilles zu entrichten oder abzugeben. (in: Bataille, S.300)

 

Zusammen mit Gilles de Sillé und einem Lenano, Marchese de Ceva dringt unser Baron gegen Ende der Messe bewaffnet in die Kirche ein und schreit: He du Hurenbock, du hast meine Leute geschlagen und erpresst, komm heraus aus der Kirche oder ich strecke dich tot zu Boden. (in: Reliquet, S.83)

Jean Le Ferron wird gezwungen, ihm das Schloss zu öffnen und zu übergeben und wird dort gefangengesetzt, wohl als Geisel. Da das Schloss auf dem Gebiet des Königreiches Frankreich liegt, wendet sich der bretonische Herzog an den Konnetabel des Königs, Arthur de Richemont, Bruder des Herzogs. Mit dem Kirchenfrevel und Gewaltakt bringt der Baron de Rais so das Fass zum überlaufen. Richemont nimmt Schloss Tiffauges ein, befreit dann Jean le Ferron. Gilles de Sillé und Roger de Briqueville fliehen. Am 15. September 1440 lässt unser Baron sich widerstandslos auf Machecoul festnehmen. Dann wird ihm in Nantes der Prozess gemacht.

Seit dem Überfall von Saint-Étienne lässt Bischof Malestroit von Nantes Untersuchungen durchführen, die Kindesmissbrauch- und Mord betreffen sowie Formen der Ketzerei. In diesem Sommer kommt es aber noch zu weiteren Kinderentführungen durch Helfershelfer des Barons.

 

Gilles de Rais ist historisch interessant als Musterbeispiel eines dekadenten großen Feudalherren, der sich dem nähert, was deutsche Geschichtsschreibung dann als Raubrittertum bezeichnen wird, und besonders auch als Exemplar einer Zeit, in der magische Vorstellungen sowohl den kirchlichen Rahmen wie auch den ländlichen Raum verlassen und in das Bürgertum und die adelige Oberschicht aufsteigen. Dabei nehmen Buchproduktionen zu, die immer pseudowissenschaftlicheren Charakter annehmen. In den Quellen zum perversen Barons tauchen mehrmals solche Schriften auf.

 

Aber eindrucksvoller noch kommen mit ihm als Extremfall sexuelle Aspekte zum Vorschein, die die Geschichtsschreibung über das späte Mittelalter im allgemeinen eher ängstlich unter Verschluss hält. Insofern ist der Prozess mit seinen erhaltenen Dokumenten ein ungewöhnlicher Glücksfall.

Es handelt sich dabei genau genommen um zwei hintereinander ablaufende Prozesse, einen geistlichen und einen weltlichen. Das Material, welches vorher über den Baron gesammelt wurde, und welches dann zur Anklage führt, stellt seine Ketzerei als Hauptübel in den Mittelpunkt und bewirkt so, dass die geistliche Prozessleitung an den regionalen Inquisitor übertragen wird. Dabei meint hier Ketzerei nicht Häresie, also das Vertreten anderer (christlicher) Glaubensinhalte, als sie die allein seligmachende Kirche vertritt. Gilles de Rais behält seinen katholischen Kinderglauben bis zum Tod bei. Ketzerei vielmehr sind vor allem die Teufelsbeschwörungen und in geringerem Umfang auch die Alchemie, die der Baron betreiben lässt.

 

Inquisition heißt Untersuchung, und das benennt ein neuartiges, nun schon seit einiger Zeit praktiziertes Gerichtsverfahren, welches ursprünglich Häretiker durch Untersuchung ihrer Häresie aburteilen sollte, welches aber inzwischen bis in weltliche Gerichtsverfahren abgefärbt hat. Nicht mehr Gottesurteile, Zweikämpfe oder ähnliches soll nun der Wahrheitsfindung dienen, sondern Zeugenaussagen und andere Beweise. Insgesamt werden rund hundert Zeugen vernommen. Dieses "rationalere" Verfahren führt auch dazu, dass mehr schriftlich dokumentiert wird. Wäre diese Inquisition nicht oft brutales Machtmittel in den Händen der Kirche gewesen, könnte man es durchweg als Fortschritt im Interesse von Angeklagten betrachten, wenn man davon absehen könnte, dass die oft grausamen Verfahren der Gottesurteile nun durch die Folter oder zumindest ihre Androhung abgelöst werden.

 

Wie das neue, moderne Verfahren in derselben Zeit politisch und kirchlich systematisch missbraucht werden kann, belegt der Prozess gegen Jeanne d'Arc, der in manchem Ähnlichkeiten mit dem gegen Gilles de Rais aufweist. Auch ihr werden ketzerische Untaten vorgeworfen und sexuelle Abartigkeiten, wobei ihr androgynes Auftreten in Männerkleidung und ihr angemaßtes Kriegertum eine nicht geringe Rolle spielen.

Handelt es sich bei Johanna um einen bösartigen Schauprozess, so lässt sich bei dem gegen Gilles de Rais nur wenige Jahre später eher unterstellen, dass hier für damalige Verhältnisse vergleichsweise faktennah vorgegangen wird. Das mag vor allem damit zu tun haben, dass es sich um einen der (einst) reichsten und mächtigsten Feudalherren in Frankreich handelt, wohl aber auch damit, dass es reiches Zeugenmaterial gibt, man also wohl nicht systematisch zu fälschen braucht.

Tatsächlich geschieht das endgültige und ausführlichste Geständnis Gilles erst unter der Androhung der Folter, aber die Aussagen aller Angeklagten finden immerhin nicht erst im Verlauf eines "peinlichen Verhörs" statt. Zudem passen sie zueinander, obwohl sie laut Gerichtsakten ganz unabhängig voneinander stattfinden, und sie passen zu den Aussagen der Eltern, Verwandten und Bekannten der Kinder und Jugendlichen, die umgebracht wurden bzw.  verschwunden waren.

 

Die juristische Seite ist aber hier nur insofern wichtig, als sie mit der Glaubwürdigkeit der Nachrichten zu tun hat, ansonsten soll es um die sexuelle Psychopathologie gehen. Gilles de Rais ist sechsunddreißig, als ihm der Prozess gemacht wird. Er ist wohl von klein auf homosexuell, was ihn vielleicht, wenn es denn sein Kind ist, nicht daran hindert, pflichtschuldigst eine Tochter Marie zu zeugen. Ansonsten hat er wohl nur Geschlechtsverkehr mit Knaben und jungen Männern, zum Beispiel mit zum Teil namentlich bekannten Knaben des Chors der von ihm gegründeten und finanzierten Stiftskirche. Er trieb seine abscheulichen Ausschweifungen mit den Kindern seiner Kapelle (in: Reliquet, S.73), liebte ihren Gesang aber so sehr, dass er sie nicht auch noch ermordete. Ab dem Alter von spätestens achtundzwanzig Jahren lässt er sich zudem Kinder und Jugendliche von seinen Kumpanen wie Gilles de Sillé und von seinen Dienstboten wie Henriet und Poitou (Étienne Corillaut), insgesamt laut Anklage von 1440 von neun namentlich bekannten Helfershelfern zuführen (in: Bataille, S. 269). Poitou sagt ähnlich wie Henriet dazu aus: Besagter Gilles de Rais rühmte sich manchmal, dass er mehr Lust darin finde, Knaben und Mädchen zu töten oder ihnen den Hals abzuschneiden oder sie töten zu lassen und sie schmachten und sterben zu sehen, ihre Köpfe und Gliedmaßen zu zerstückeln und das Blut fließen zu sehen, als wenn er Unzucht mit ihnen triebe (in Reliquet, S. 72, Bataille, S.329).

 

Die Transformation natürlicher sexueller (männlicher) Aggression in grausame Gewalttätigkeit bzw. gewalttätige Grausamkeit ist also ab einem gewissen Alter bei ihm weit gediehen. Dennoch handelt es sich um sexuelle Gewalt, wie sie auch in den Aussagen an anderer Stelle, aus Prüderie etwas gekürzt wiedergegeben,  aufgezeigt wird: Um seine widernatürliche Unzucht zu treiben und seine wollüstige Begierde zu befriedigen, nahm besagter Gilles de Rais seine Rute oder männliches Glied in eine seiner beiden Hände, rieb oder zog daran oder erigierte es, dann legte er es zwischen die Schenkel oder Beine der genannten Mädchen oder Knaben, wobei er das natürliche Gefäß der Mädchen aussparte, und dies tat er mit großer Lust und Inbrunst und wollüstiger Begierde, bis der Samen sich über ihren Bauch ergoß. (in Reliquet, S. 73)

Um seine Gelüste ausleben zu können, präparierte sich der Baron offenbar oft durch erheblichen Alkoholkonsum mit seiner enthemmenden und berauschenden Wirkung. In seinem letztendlichen Geständnis vor Gericht erklärt er, dass ihn der Müßiggang, eine unersättliche Gier nach feinen Speisen und der ständige Genuss feuriger Weine ständig in einen Zustand der Erregung versetzten,  der ihn dazu brachte, so viele Verbrechen und Sünden zu begehen. (in Bataille, S.232) Was sich hier artikuliert ist Hilflosigkeit angesichts der Tatsache, dass der menschliche Geschlechtstrieb eine aggressive und destruktive Seite hat, die ihn schnell auf Abwege bringt, auch wenn Drogenkonsum zwecks Enthemmung dabei eine Rolle spielt. Dass die Erörterung sexueller Phänomene bei Leuten der kirchlichen Inquisition nur moralisch und juristisch stattfinden kann, ist selbstredend. Die Verlogenheit einer Kirche, die bei ihren eigenen Leuten das duldet, was sie zugleich verbietet, spielt dabei sicher eine gewichtige Rolle. Eine andere Sache ist, dass Moral und Justiz ohnehin ungeeignet sind, um Verständnis zu fördern.

 

Mädchen gibt es eher selten und nur, wenn die Lieferanten keine Jungen abliefern können. Offensichtlich behandelt sie der Baron dann so, als ob sie männlichen Geschlechts wären. Henriet erklärt in seinem Geständnis: Manchmal wählte Sire de Rais kleine Mädchen aus, mit denen er Verkehr auf dem Bauch hatte wie mit den männlichen Kindern; er sagte, dass er so mehr Vergnügen und weniger Mühe habe, als wenn er sie nach ihrer Natur genösse; dann wurden diese Mädchen getötet wie die männlichen Kinder. (in: Bataille, S.237 / 333)

 

Im Unterschied zu manchen Pädophilen erregt ihn der schiere Anblick der Kinder und Jugendlichen offenbar nicht soweit, dass es zu Erektionen kommt. Und seine Pädophilie reicht auch deutlich über das eigentliche Kindesalter hinaus, ist insofern eher atypisch, zielt wohl eher auf die Reize jugendlicher Schönheit, die bis ins Alter von achtzehn Jahren hinaufreichen. Dass er auch mit bereits etwas über Zwanzigjährigen wie unter anderem dem für attraktiv geltenden Prelati, seinem Teufelsbeschwörer, homosexuellen Kontakt hat, verdeutlicht das zusätzlich.

 

Der sexuelle Reiz des Umgangs mit Kindern und Jugendlichen liegt ganz offensichtlich zunehmend in der Verbindung von Gewalt, Grausamkeit und sexuellen Handlungen. Sein Diener Poitou sagt aus: Manchmal hängte er sie eigenhändig auf, manchmal ließ er sie von anderen in seinem Zimmer mit Bändern oder Stricken an einer Stange oder einem Haken am Hals aufhängen; dann holte er sie herunter oder ließ sie herunterholen, liebkoste sie zum Schein und versicherte ihnen, dass er nicht daran dächte, sie zu verletzen oder ihnen wehzutun, sondern im Gegenteil sich mit ihnen vergnügen wolle, und so hinderte er sie daran zu schreien. (...)

Und besagter Gilles de Rais trieb seine Unzucht an den Knaben und Mädchen, manchmal bevor er sie verletzte, dies aber nur selten,; öfter nach dem Aufhängen, aber bevor er ihnen andere Verletzungen zufügte; zu anderen Malen, nachdem er ihnen die Halsader geöffnet hatte oder hatte öffnen lassen, so dass das Blut hervorsprang; wieder zu anderen Malen, wenn sie in Todesmattigkeit lagen, oder auch nach dem Tod, wenn ihnen der Hals abgeschnitten war, aber der Körper noch nicht ganz erkaltet. (in: Reliquet, S.73f)

 

Dann tötet er sie selbst mit einem Stock oder einem Schwert oder lässt das durch Sillé, den Diener Henriet oder Poitou, auch einem seiner schönen Sexualpartner, erledigen. Danach werden sie entweder irgendwo zu anderen Leichen abgelegt oder verbrannt.

Er selbst gesteht am Ende, dass er den Samen auf die sündhafteste Weise vor und nach dem Tod der Kinder oder während sie starben auf ihren Bauch spritzte; welchselbigen Kindern manchmal er selbst, manchmal seine Komplizen (Sillé, Bricqueville, Henriet, Poitou, Rossigno, Petit-Robin) verschiedene Quälereien antaten: bald trennten sie mit Dolchen oder Messern den KJopf vom Rumpf, bald schlugen sie sie mit Stöcken oder anderen stumpfen Gegenständen mit aller Gewalt auf den Kopf, bald hängten sie sie in seinem Zimmer mit Stricken an einer Stange oder einem Haken auf und erdrosselten sie, und wenn sie im Sterben lagen, beging er an ihnen in der oben genannten Art die Sünde der Sodomie. Und wenn die Kinder tot waren,küsste er sie, und die schönsten Köpfe und Gliedmaßen zeigte er herum, und auf grausamste Art ließ er ihre Leiber öffnen und erfreute sich an dem Anblick der inneren Organe; und sehr oft setzte er sich auf den Bauch der Kinder, wenn sie im Sterben lagen, und hatte seine Lust daran, sie sterben zu sehen, und lachte darüber. (in: Reliquet, S. 74, Bataille, S.315))

Schließlich reinigen die Diener den Raum, wischen das Blut fort und verbrennen die Leiche(n), während ihr Herr dann schläft.

 

Die im Kern sexuellen Handlungen in einem auf drei bis vier Schlössern jeweils spezifischen Folterraum bleiben wohl das Privileg des Barons, während das Personal, insbesondere die beiden Dienstboten Henriet und Poitou drumherum an Quälereien und Tötungen beteiligt wird. Inwieweit sie daraus selbst Lust gewinnen, oder aber nur Anweisungen folgen, bleibt in allen Quellen unklar.

 

Grausamkeit ist etwas zutiefst Menschliches, es ist darüber hinaus auch bei manchen jagenden Säugetieren zu beobachten. Sie taucht in der altgriechischen Mythologie auf, in den Märchen und Sagen des Mittelalters und der Neuzeit, in den Martyriumsphantasien des Christentums, die ebenfalls zum Teil offensichtliche sexuelle Konnotationen enthalten. In allen diesen Fallen wird sie erzählend aus dem Alltag ausgeschieden, literarisch tabuisiert und zugleich als Schreckens-Spektakel genossen. In den Greueln der Kriege wie in einer folternden Kirche taucht sie als fast alltägliche Praxis auf. In der Soldateska des Hundertjährigen Krieges wird sie alltäglich, wofür viele Warlords der Zeit wie der aus Kastilien stammende Rodrigo de Villandrando stehen, die die anarchischen Kriegszeiten in Frankreich genau in der Zeit Gilles de Rais aus Geld- und Machtgier nutzen.

 

Legale Gewalttätigkeit macht im weltlichen Mittelalter das "Edle" am Menschen aus, seinen Adel. Sie wird im späten Mittelalter zunehmend den Interessen von Königen bzw. Fürsten unterworfen und zugleich an Söldner abgegeben. Sich auch ohne königlichen bzw. fürstlichen Auftrag nach Betätigung umsehende Söldnerkompanien nehmen militärischen Aktivitäten in der öffentlichen Wahrnehmung ihren "edlen" Charakter. Dabei fehlt im Deutschen noch der Begriff Grausamkeit, obwohl es durchaus grauen, graulen, grausen und Greuel gibt. Immerhin kennen lateinische Texte die crudelitas, die im hohen Mittelalter als altfranzösische cruauté auftaucht. Im späten Mittelalter kommt dann im Französischen noch aus dem Lateinischen brutal auf.

 

Die Grausamkeit (mit ihren spezifischen germanischen Konnotationen) von der üblichen edlen Gewalt zu trennen ist wohl schon im späten Mittelalter bzw. der frühen Neuzeit auch ohne diesen Begriff möglich. Im Europa der bezahlten Krieger wird sie immer allgegenwärtiger, nicht zuletzt in den späteren Phasen des Hundertjährigen Krieges. Der Historiker und am Ende Erzbischof von Reims, Juvenal des Ursins, beschreibt die Kriegsgreuel um 1440 in Briefen. Da heißt es zum Beispiel von sich in den Dörfern verproviantierenden Soldaten, sie nahmen Männer, Frauen und kleine Kinder, ohne Unterschied an Alter und Geschlecht,; sie taten den Frauen und Mädchen Gewalt an; sie töteten die Gatten und Väter in Gegenwart der Frauen und Töchter; sie nahmen die Nahrungsmittel an sich und ließen die kleinen Kinder Hungers sterben; sie nahmen die schwangeren Frauen, fesselten sie, und in ihren Fesseln kamen sie nieder, die Neugeborenen ließ man ohne Taufe sterben, dann warfen sie Mutter und Kind in den Fluss, sie nahmen Priester, Mönche, Männer der Kirche, Arbeiter, sie fesselten sie mehrfach und schlugen die so Gepeinigten, einige von ihnen starben verstümmelt, andere außer sich und von Sinnen (...) Man röstet die einen, reißt anderen die Zähne aus, wieder andere werden mit dicken Stöcken geschlagen, nie lässt man sie frei, wenn sie nicht mehr Geld geben als sie besitzen. (in: Bataille, S. 48)

 

Das alles oszilliert zwischen gefühllosem Kalkül, gedankenloser Verrohung und der versteckten bis offen ausgelebten Lust an Grausamkeit mit ihren sehr deutlichen sexuellen Aspekten. Gilles de Rais Besonderheit besteht nur darin, dass er solche Grausamkeit dem Kontext von Militär und Krieg entzieht und jenseits davon einfach weiter praktiziert.

 

Grausamkeit im Verlauf der Kindheit teils zu tabuisieren, aber wenigstens zu regulieren ist ein wesentlicher Zug jeder Kulturbildung. In Zivilisationen werden Gewalt und Grausamkeit vor allem zum Privileg der Machthaber. Gilles de Rais selbst erklärt etwas hilflos, dass bei ihm mangelhafte Erziehung, massiver Alkoholkonsum und Formen luxuriöser Speisen neben schlechter Gesellschaft sein abartiges Wesen hervorgebracht hätten.

 

Die seit dem 18. Jahrhundert sich durchsetzende Ideologie von der eigentlichen Grundgüte des Menschen, die seine "Menschlichkeit" ausmachen soll, dient sowohl kapitalistischen wie demokratischen Begründungszusammenhängen. Sie setzt eine Sollgröße neuzeitlicher Eigentlichkeit an die Stelle von altbekannter Wirklichkeit und wird aus Selbstgefälligkeit gerne angenommen, obwohl die historische Wirklichkeit nirgendwo dafür spricht. Im Kern entstammt sie dem christlichen Vorstellungsraum von der paradiesischen Gottähnlichkeit der Menschen, aus der sie sich entfernt hätten, und die zurückzugewinnen sei. Dabei entfernt sich diese Vorstellung unter den Bedingungen neuzeitlicher Säkularisierungstendenzen zunehmend vom kirchlichen Raum, indem sie diese ideale Gottähnlichkeit nur noch impliziert, um so die immer weitere Entfesselung des Kapitalismus zu legitimieren. Immerhin treten Agenten der Kapitalbewegungen wie eine zweite Pseudo-Natur schaffende gottähnliche Wesen auf, als Vertreter eines Jargons von Eigentlichkeit machen sie Kapitalismus zur eigentlichen Natur des Menschen.

Wenn das Studium historischer Wirklichkeit etwas anderes als die Rechtfertigung von Gegenwart leisten soll, muss sie aber die rosaroten Schleier selbstgefälliger Ideologie beiseite schieben und sich so weit wie möglich mit wirklichen Menschen beschäftigen. Im Extremfall von Gilles de Rais und seiner Helfershelfer dringt schlagartig etwas von dieser Wirklichkeit durch.

 

Der kultivierende Vorgang des Zügelns und Domestizierens der eigenen Triebhaftigkeit wird in den Zivilisationen des christlichen Mittelalter zwar in der offiziellen Lehre für alle behauptet, wird aber vor allem von den Machthabern nach Gutdünken gegenüber den jeweils Untertanen durchgesetzt. Sich selbst erlaubt die herrschende Kriegerschicht Gewalt und damit verbunden Grausamkeit, die kaum als solche bezeichnet und damit auch nicht abgewertet wird. Diese herrschende Schicht hält sich oft genauso wenig an die von ihren Untertanen geforderte Monogamie, so wenig wie die Kirche an das eigene Keuschheits- und Zölibatsgebot, mag sie das auch immer wieder behaupten. Spätmittelalterliche Fürsten, manchmal auch hohe Prälaten haben gelegentlich mehr uneheliche (Bastard)Kinder als eheliche und erkennen diese oft auch an und versorgen sie so wie ihre Maitressen.

 

Junge Unterschichtfrauen werden gelegentlich als Freiwild betrachtet, wobei die eine oder andere aus Karrieregründen auch bereitwillig mitmacht. Die wenig von ritterlichen Idealvorstellungen beeindruckte Soldateska des späten Mittelalters raubt, brennt und mordet nicht nur unter der Zivilbevölkerung, sondern vergewaltigt auch, und das oft nicht wenig. Während Teile des höheren Adels Machtzuwächse und enormen Reichtum erreichen, erleben andere wirtschaftlichen Niedergang und werden zu Wegelagerern, Banditen und Raubrittern. Ohne die Unfähigkeit, die Höhe ererbten Reichtums und ererbter Macht zu halten und ohne die auf sich gezogene Feindschaft des bretonischen Herzogs und des Bischofs von Nantes hätte Gilles wohl weiter morden und dabei seinen sexuellen Perversionen nachgehen können. Zu vermuten ist, dass er ein Extremfall, aber jenseits davon kein Einzelfall war.

Man muss sich dabei vorstellen, dass das, was die Prozessakten hergeben, vermuten lässt, dass im Verlauf von wenigstens vierzehn Jahren wenigstens hundert bis zweihundert Kinder und Jugendliche im wesentlichen wohl männlichen Geschlechts und meist zwischen acht und fünfzahn Jahre alt, grausam gequält, sexuell missbraucht, ermordet und verbrannt werden - und das bei allen Vermutungen und Gerüchten, Stimmen unter Eltern, Verwandten nund Bekannten niemand etwas dagegen unternimmt. Herrschaft produziert eben genügend Angst bei den Untertanen. Niemand untersucht das Verschwinden so vieler Kinder.

 

Offenbar war es mächtigen Herren durchaus möglich, pädophile Neigungen promiskuitiv auszuleben, immerhin beginnt man erst am Ende des 20. Jahrhunderts, solche Praktiken in der katholischen Kirche aufzudecken, nichts spricht dagegen, dass sie schon im Mittelalter üblich sind. Dasselbe gilt für Homosexualität mit jungen Erwachsenen, wie sie Gilles de Rais offenbar außerdem mit einer gewissen Selbstverständlichkeit betreibt, wobei er im Verhältnis zu den Sexualpartnern immer der reichere und mächtigere ist.

 

Ernährung und Fortpflanzung sind die wichtigen Räume massiver Machtkämpfe in der lebendigen Natur. In einer Epoche periodisch wiederkehrender Hungersnöte für die meisten ist die Versorgung eines schwerreichen Gilles de Rais immer gesichert und offenbar ist er nicht einmal an Machterhalt interessiert. Ein Eheleben scheint es kaum zu geben und so öffnen sich weite Räume für Phantasien von öffentlicher Prachtentfaltung und privater sexueller Perversion. Diese entfaltet sich in extrem hybrider Form als jahrelange Abfolge von durch Gewalt und Grausamkeit gekennzeichnete mörderische Machtspiele mit kindlichen und jugendlichen Opfern. Diese müssen natürlich im Unterschied zu anderen homosexuellen Gespielen getötet werden, um nicht nachher von ihren Erlebnissen zu berichten.

Das Machterlebnis männlicher (aggressiver) Potenz erschöpft sich bei ihm nicht im Geschlechtsverkehr samt erschöpfendem Samenerguss, was eben auf mangelnde erektile Potenz schließen lässt. Es muss um aggressive Grausamkeit ergänzt werden, um ein angemessenes Ergbenis von Lustgefühlen hervorzurufen. Der Baron bemächtigt sich des Sexualpartners nicht kurzzeitig im Orgasmus, sondern ausführlich in dessen weitergehender Aneignung. Diese bedeutet die Zerstückelung, das Aufschlitzen, das Genießen des austretenden Blutes. Dies alles gilt als edel und gut, wenn es in der Schlacht mit Erwachsenen geschieht, was der Rittersmann gut kennt.

Weder Gilles selbst, noch die mitgefangenen Helfershelfer äußern sich zu den Qualen der Kinder, so als ob diese gar keine eigene Subjektivität besäßen, reine Objekte wären. Das passt zur Kriegerpersönlichkeit eines Adels, für den Empathie im kriegerischen Kampfgeschehen ohnehin kontraproduktiv gewesen wäre, und der solche höchstens langsam im höfischen Raum des späten Mittelalters erlernt oder im Zuge von Verbürgerlichungstendenzen beim niederen Adel vor allem.

 

Als René d'Anjou im Frühjahr 1437 aus Gefangenschaft zurückkehrt, beginnt eine Auseinandersetzung um Champtocé zwischen ihm und dem Herzog der Bretagne. Letzterer gibt das Versprechen, die Burg nicht zu kaufen, und René lässt sie dann im Herbst besetzen. Darauf bekommt Giles de Rais Angst, auch Machecoul könnte besetzt werden, und er veranlasst seine zahlreichen Helfershelfer, rund vierzig Skelette von Kindern von dort fortzuschaffen und zu verbrennen. Von diesem Vorgang geraten wohl zumindest Gerüchte in eine weitere Öffentlichkeit. Bis 1438 soll dann Champtocé gegen eine größere Summe wieder zurückgegeben werden, aber nun will sich Jean V. von der Bretagne der Burg bemächtigen. In aller Eile lässt darauf Gilles de Rais vierzig Kinderskelette von dort nach Machecoul schaffen, damit sie dort verbrannt werden. Aber weiter werden Kinder entführt und ermordet. (Bataille, S.170ff)

 

In den Aussagen des Barons und seiner Entourage schlägt sich, gemessen an neuzeitlich-bürgerlichen Gefühlshorizonten, extreme Gefühlsarmut nieder, völlig fehlendes Mitgefühl, dann vor der Hinrichtung durch theatralisch anmutende Tränen ergänzt. Dabei wird der Serienmörder, nach heutigen Maßstäben eine Art Mischung aus Psychopath und Soziopath, als Standesgenosse beider Gerichte mit allen Ehren behandelt und ihm wird das, was hoher Adel damals für Ehre hält, in keinem Moment abgesprochen. Er erhält für die Haft einen großen und offenbar komfortablen Wohnraum in der Burg von Nantes.

Die Kirche exkommuniziert ihn zwar am Anfang des Prozesses, als er sich aufs gröbste widerspenstig zeigt, aber nachdem er sich ihr zwei Tage später unterwirft und seine grausamen Taten bekennt, wird er schnell wieder in allen Ehren in sie aufgenommen. Ein paar Tage später wird er erneut wegen Ketzerei exkommuniziert, kniet seufzend nieder und ihm wird bald darauf wiederum die Absolution erteilt. Er selbst ist sich für sich und seinen Mittäter Prelati sicher, dank Absolution nach dem Tod sofort ins Himmelreich mit seinen paradiesischen Zuständen und seiner Nähe zu Gott zu gelangen. Seine Leiche wird, wie von ihm gewünscht, schnell dem gerade losbrennenden Feuer wieder entzogen. Entsprechend wird er an bevorzugter Stelle in geweihter Erde begraben. Zahlreiche vornehme Damen und Fräulein geben ihm das letzte Geleit in einer großen feierlichen Prozession, um die Gilles de Rais am Ende seines Prozesses gebeten hatte: Und außerdem ersuchte besagter Gilles den Präsidenten, er möge den Bischof von Nantes und dessen Gemeinde veranlassen, eine allgemeine Prozession zu veranstalten, während welcher Gott gebeten werde, in ihm und seinen Dienern die sichere Hoffnung in das Heil aufrechtzuerhalten; was ihm durch den Präsidenten in ähnlicher Weise zugestanden wurde. (in: Bataille, S.342)

Immerhin wird dem Baron auch zugute gehalten, dass er in seinen letzten Jahren eine Pilgerreise nach Jerusalem geplant haben soll...

 

Gilles de Sillé verschwindet nach seiner Flucht aus unseren Blicken. Roger de Briqueville, ebenfalls geflohen, tritt bald in den Dienst des bretonischen Hochadeligen Prigent de Coetivy, der Marie de Rais heiratet und am Ende Chantoncé und Ingrande gewinnt. Sein Herr verschaft ihm Begnadigungsurkunden, in denen es heißt, er sie von Gilles de Rais zu den Verbrechen gezwungen worden. Francois Prelati erhält die Strafe lebenslänglicher Haft, kann entkommen und tritt in den Dienst von René von Anjou, wo auch Blanchet auftaucht.

Während sich der bretonische Herzog das übriggebliebene Eigentum des Barons auf bretonischem Boden aneignet, beginnen Literaten wie der Geschichtsschreiber Chastellain ihn in die Galerie vorbildlicher Ritter aufzunehmen. Derweil kämpfen die Erben Gilles fleißig um die Übergabe von möglichst vielen Besitzungen des Barons, was zu erheblichen Aktenbergen führt.

 

 Abarten 2: Prostitution

 

Kriminalität und Prostitution tauchen überall dort massiv auf, wo Dekultivierung als notwendige Begleiterscheinung von Zivilisierung auftritt. Dabei tritt an die Stelle wirklicher sozialer Kontrolle horizontaler Art die vertikale Kontrolle der Machthaber über ihre Untertanen. Beide haben auch etwas mit der auseinandergehenden Schere von arm und reich zu tun und mit Phänomenen von Ausgrenzung und Degradierung, Entwürdigung. Der dümmliche Spruch von der Prostitution als ältestem Gewerbe ist ein Resultat zunehmender Kommerzialisierung der menschlichen Sexualität im späten Kapitalismus und dient ihrer zunehmenden Rechtfertigung seit dem 19. Jahrhundert.

 

In den hellenischen und römischen Zivilisationen ist Prostitution bereits ein Alltagsphänomen städtischen Lebens, und wird noch nicht von christlichen Moralvorstellungen gestört. Der Warencharakter des vornehmlich weiblichen Körpers dient dabei auch dem Ausleben aberranter Phantasien, wozu die gekaufte Willigkeit einlädt.

Dem Christentum an der Macht gelingt es in der Nachantike und dem frühen Mittelalter nicht, die Hurerei zu verdrängen, auch wenn sie wohl mit dem Schwundprozess der Städte zurückgeht. Aber es handelt sich eben nicht um ein moralisches, sondern ein zivilisatorisches Problem.

Mit dem Aufstieg des Kapitalismus als vor allem städtischer Zivilisation, der um sich greifenden Warenwelt und damit einhergehend zunehmend allgemeiner Käuflichkeit wird der weibliche Körper als Ware wie die Kriminalität und die Armut ein integraler Teil der neuen Zivilisiertheit, verachtet, geduldet und genutzt.

 

Prostitution ist kein Spezifikum kapitalistischen Wirtschaftens und nur eine rabiatere Variante von Lohnarbeit als Kommerzialisierung menschlicher Körper. Es ist nichts als der Versuch der Kanalisierung schwer domestizierbarer Triebhaftigkeit unter den Bedingungen fehlender Kultivierung. Spezifisch kapitalistisch wird erst die zunehmende Lösung des Geschlechtstriebes aus fast allen persönlichen Bindungen im 20. Jahrhundert und ihre vollständige Integration in eine allumfassende Warenwelt, die auch die menschlichen Körper bis in ihre intimsten Regungen betrifft. Mit der einhergehenden massiven Vereinzelung von immer mehr Menschen gewinnt nun Prostitution zunehmend an Bedeutung. Im immer ungehemmteren Kampf weiblicher Körper um sexuelle Marktmacht verschwimmen im Auftreten die Unterschiede zwischen Prostituierten und solchen, die sich nicht für solche halten.

 

Zurück in die fernere Vergangenheit: Soweit die Dokumente zurückreichen, scheint Prostitution in den wenigen großen Städten des 11./12. Jahrhunderts fast allgegenwärtig zu sein. Für den Friedhof der Saints-Innocents (der zur Kirche der "unschuldigen Kinder" gehört) ist schon früh bekannt, dass sich dort Huren und ihre Kunden treffen.

 

Jakob von Vitry beschreibt um 1225 in seiner 'Historia Occidentalis' das Leben in Paris:

 

Damals jedoch war der Klerus in ihr verdorbener als das übrige Volk, gleichsam ein stinkender Bock und ein krankes Schaf. Durch verderbliches Beispiel korrumpierte sie viele ihrer Besucher, die von überall her zu ihr strömten, und sie verschlang ihre Bewohner und versenkte sie mit sich in die Tiefe. Einfache Unzucht hielten sie für keine Sünde. Huren zogen überall öffentlich auf den Plätzen und Straßen der Stadt vorbeigehende Kleriker gleichsam mit Gewalt in ihre Bordelle. Wenn sich aber welche beharrlich weigerten hineinzugehen, dann nannten sie diese Sodomiten und schrien hinter ihnen her. Dieses hässliche und abscheuliche Übel hatte die Stadt so sehr in Besatz genommen, gleichwie ein nicht behandelbarer Aussatz und ein unheilbares Gift, dass sie es für etwas Ehrbares hielten, wenn jemand sich öffentlich eine oder mehrere Konkubinen hielt. In ein und demselben Haus wurden oben Vorlesungen gehalten, während unten die Dirnen lebten. Im Obergeschoss lehrten die Magister, im Untergeschoss gingen die Huren ihren verwerflichen Geschäften nach. Aus dem einen Teil (des Hauses) heraus stritten die Huren untereinander und mit den Kupplern, aus dem anderen Teil heraus plärrten die Disputierenden und die sich streitsüchtig aufführenden Kleriker.(Jakob von Vitry: Okzidentale Geschichte (Jacobus de Vitriaco: Historia Occidentalis, deutsch), 7 – Mittelalter (hypotheses.org))

 

Ende des 12. Jahrhunderts bildet in Paris der Priester Foulques de Neuilly aus ausstiegswilligen Prostituierten eine religiöse Gemeinschaft, die sich an die Zisterzienser anlehnt und 1206 eine Abtei bildet. Wenig später entstehen auch in deutschen Städten Reuigerinnen-Gemeinschaften. Viele von ihnen gehen ab 1227 im Orden der büßenden Schwestern der hl. Maria Magdalena auf. 

 

Um 1250, als die Quellen zunehmen, scheint die Prostitution im lateinischen Abendland noch allgegenwärtiger zu sein. Bekannt sind die Huren der Messen von Troyes und Provins sowie der Lendit-Messe von Saint-Denis. Aber die öffentlich-offizielle Meinung scheint noch wechselhaft, ambivalent. 1254/56/69 versucht König Ludwig IX. ("der Heilige") für sein Reich die Prostitution zu verbieten oder wenigstens aus den vornehmeren Straßen zu vertreiben. Dies geschieht im Zuge seiner Maßnahmen gegen Glückspiel, Gotteslästerung und Wucher und ist ebenso wenig dauerhaft wirksam. Es gibt Versuche, Huren mit einem Band zu markieren und das Verbot für sie, die Haube oder den Schleier ehrbarer Frauen zu tragen. Nicht zuletzt Kleriker, die zum Teil auch von den Bordellen profitieren, wenden sich gegen die königlichen Maßnahmen und begründen das damit, dass sie nicht durchsetzbar seien.

 

Nach und nach nimmt die Duldsamkeit der Kirche gegenüber der Prostitution weiter zu, die im 13. Jahrhundert dann als eine Form von Arbeit gilt, die einen gerechten Lohn hat. Schließlich wird entdeckt, dass Jesus (reuigen?) Huren das Himmelreich versprochen hat. Damit wird vor allem Armutsprostitution etwas aufgewertet.

Der Klerus wendet sich denn auch gegen ein härteres Vorgehen des "heiligen" Ludwigs IX. gegen die Prostitution teils in dem Bewusstsein, dass ein Verbot der käuflichen Liebe gesellschaftlich nicht durchsetzbar sei, teils auch, weil Klerikel selbst Bordelle betrieben oder förderten.

 

Nach etwa 1350 und bis in die Anfänge des 16. Jahrhunderts wird Prostitution dann institutionalisiert und soweit legalisiert. In Lucca und dann in Venedig werden bald erste städtische Hurenhäuser eingerichtet. Anfang des 15. Jahrhunderts kommen Florenz und Siena hinzu. Dasselbe gilt für die Städte des französischen Königreiches. Inzwischen liegen die Bordelle auch nicht mehr verschämt am Rande, sondern sind eher zentral angesiedelt. Sperrbezirke gibt es kaum. Auch das Verbot der Prostitution in der Fastenzeit wird immer weniger beachtet und es gibt auch keine spezielle Gerichtsbarkeit mehr für sie.

 

Zu König Charles VI. (1368-1422) heißt es: "Wie der Palast eines jeden Fürsten beherbergte auch der des Königs eine Schar von gemeinen Mädchen;  doch diese lebten verborgen im Halbdunkel der Säle des Untergeschosses in der Gesellschaft von Dienstboten und Wachsoldaten. Der roi des ribauds (Hurenkönig) des Palasts beaufsichtigte sie und kümmerte sich bei Bedarf auch um Neuzugänge. Diese Hofprostituierten standen den Gästen zur Verfügung, hatten aber keinen Zugang zur königlichen Etage, und sie durften auch an keinem Zeremoniell teilnehmen." (Rossiaud, S.70)

Im 'Journal d'un Bourgeois de Paris' heißt es zu den oberen Etagen: Er hatte drei oder vier Konkubinen, die richtige gemeine Mädchen waren, und überall duldete er die Prostituierten, von denen wegen seiner großen Nachlässigkeit ganz Paris voll war, und er erwarb sich beim Volk einen schlechten Ruf, denn kaum konnte man in Paris der Dirnen und Kupplerinnen Herr werden, so sehr begünstigte er sie. (in: Rossiaud, S.201)

 

Im späten Mittelalter wird für die unverheirateten Männer der Gang ins Badhaus oder Bordell ("Frauenhaus") als Alternative zur Verführung bzw. Vergewaltigung ehrbarer Mädchen und Frauen zunehmend ausgesprochen legitimiert und führt zu von der Obrigkeit lizenzierter und reglementierter Prostitution, in der sich Legalität und Ehrlosigkeit verbinden.

In der Reglementierung werden Bordellwirtschaft und Zuhälterei in das allgemeine Geschäftsgebaren integrieren, sie werden einer von vielen Geschäftszweigen, die zum kapitalistischen Aufschwung beitragen: ein ehrloser zwar, aber immerhin ein profitabler. In der so betriebenen Erziehung zur Lieblosigkeit im Geschlechtsverkehr und ihrer Phantasmagorien spielt das Schicksal der zur Ware degradierten Mädchen und Frauen eine geringe Rolle, so wie überhaupt die Ware Arbeitskraft am untersten Stratum der städtischen Bevölkerung angesiedelt ist. 

 

Ein städtisch lizensiertes Bordell gibt es selbst in fast jeder kleineren Stadt in deutschen Landen, in Frankreich und Italien. Nicht lizensierte Prostitution, die den Städten keine Einkünfte liefert, wird verboten, ist aber gang und gebe.

Im Machtbereich Genuas werden Bordelle teilweise direkt von der Stadt über Podestàs verwaltet. Sie vermieten kleine Räumlichkeiten an Prostituierte für täglich 5 Solidi und machen dabei gute Geschäfte. Arbeiter im Hafen können sich gelegentlich ganze Gruppen von ihnen für ihren Massenkonsum abholen. (Epstein, S.283)

 

Für das 15. Jahrhundert in Burgund und Provence stellt die Untersuchung von Rossiaud folgendes fest: Alle Viertel der an der Rhône gelegenen Städte besitzen Bordelle, ein prostibulum publicum, eine maison lupanarde, überhaupt alle Städte der untersuchten Regionen. Sie werden von der Stadt errichtet und von Pächtern betrieben. Es kann sich um überschaubar große Häuser oder um ganze Viertel wie in Lyon oder Avignon. Von ihnen schwärmen die Frauen aus, um auf Kundenfang zu gehen. 15. Jahrhundert: In Dijon mit weniger als 10 000 Einwohnern sind es über hundert lizensierte Huren, in Tarascon mit gut 500 Familien gibt es rund zehn städtische Prostituierte.

 

Daneben zählt Rossiaud für das Dijon unserer Zeit 83 private Bordelle, die weit überwiegend von Frauen geführt werden, die wiederum mehrheitlich Ehefrauen von Handwerkern, Fuhrleuten und Wirten sind. (Rossiaud, S. 36) Daneben stehen höherstehende Kuppler(innen) von Edelhuren, die zunächst vielleicht eher jungfräuliche brave Mädchen sind, die in eine Karriere hineingeredet werden, indem man sie höherstehenden Personen zuführt.

Weniger ortsfeste Prostitution findet auf Jahrmärkten und Messen statt, an Landstraßen und Landeplätzen an Flussufern, bei saisonalen Ernten. 

 

Prostituierte wird man meist irgendwann zwischen dem 13. und 17. Lebensjahr. Die große Mehrzahl wird mit Gewalt oder Druck in die Prostitution gezwungen. Zunächst betreifen sie dann illegale, "heimliche" Prostitution, mit ungefähr 20 landen sie in Badhäusern, und der Abstieg endet mit sinkender Attraktivität in den offiziellen Bordellen. Mit 30 sind sie dann abgearbeitet und landen mit Glück als abbesse, Chefin eines Bordells, häufiger als Büßerinnen in einer Reuerinnengemeinschaft oder im Konkubinat mit einem Geistlichen. Manche landet in Armut, aber andere finden doch noch einen Ehemann, und manchmal gewährt ihnen die Stadt sogar eine Mitgift.

 

Wie weit legale Prostituierte bis zur Reformation anerkannt sind, zeigt eine Episode aus Nürnberg: "Als sich im Jahr 1508 die acht gemeinen Weiber beim Rat beschwerten, unter der Veste gebe es ein illegales Hurenhaus, genehmigte man ihnen dessen Erstürmung. Die Frauen stellten rasch fest, die vögel warn außgeflogen, und schlugen daraufhin alles kurz und klein." (Fleischmann, S.125)

 

Im Grenzbereich zur Prostitution sind offenbar gelegentlich Badhäuser angesiedelt, zumal solche, in denen beide Geschlechter verkehren. Bezeichnend ist, dass sie mit dem Aufkommen der Syphilis Ende des 15. Jahrhunderts oft dann geschlossen werden.

In Rossiauds Untersuchung (für den Südosten Frankreichs) besitzen viele der Badhäuser Zimmer mit Betten. Eigentümer sind oft vornehme Familien, auch Bischöfe und Äbte.

 

Zahlen sind fast immer mit Vorsicht zu genießen, so wenn Bart Van Loo für die Zeit der großen Brügger Hochzeit von 1369 von hundertvierzig Bordellen in der Stadt erzählt (S.86), die in aller Regel ohnehin viel kleiner sind als heutige fabrikartige Hurenhäuser. Immerhin wird der wohl aus Mainz stammende und in Italien lehrende Rabbi Judah Mintz im 15. Jahrhundert die klassische christliche Begründung für die Nützlichkeit der Prostitution so formulieren: Die Gojim halten es für gut, auf den Märkten und Plätzen der Stadt und in allen Winkeln ihrer Häuser Prostituierte zu plazieren, als wollten sie sich dadurch vor einer schwereren Sünde bewahren, nämlich vor einem Verhältnis mit einer verheirateten Frau. (in: Van Loo, S.86) Goj bezeichnet abwertend die Nichtjuden, das andere Volk.

Die in der Praxis der antiken und mittelalterlichen Juden viel strengere, zugleich aber lebensnähere Sexualmoral ist ganz auf Ehe, Familie und Fortpflanzung ausgerichtet, mit der Verpflichtung der Juden zu größtmöglicher Vermehrung, der sie auch erfolgreich nachkommen. In diesem Konzept ist Prostitution nicht vorgesehen, anders als bei den Christen, die sie von der Antike an bis heute teils dulden, teils auch offiziell fördern wie überall im christlichen Mittelalter und wie heute in der BRD zum Beispiel. Dort, wo sich Juden wie im neuzeitlichen Osteuropa massierten, gibt es dann aber eine weitverbreitete jüdische Armutsprostitution, wie sie zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert ausführlich dokumentiert ist. Was unser Rabbi des 15. Jahrhunderts deutlich spöttisch abqualifiziert, ist die spezifisch christliche Doppelmoral zwischen Predigt der Kirche einerseits und offiziell geduldeter oder geförderter Praxis andererseits.

 

Was kaum kritisch auftaucht, ist, dass der Warencharakter der Dienstleistungen von Huren bei diesen zur Entkoppelung von Gefühl und Lust von den sexuellen Handlungen führt, einer Art von Persönlichkeitsspaltung als Abspaltung eines elementaren Lebensbereiches, wie dies oft auch bei Vergewaltigungen geschieht. Das passt zum hier so genannten Phänomen bürgerlicher Kompartmentalisierung, der Entstehung einer spezifisch kapitalistischen Persönlichkeitsstruktur.

Kritik daran kann schon alleine deswegen nicht auftauchen, weil das Christentum sehr früh begonnen hat, die Verbindung von Koitus und Lust als sündhaft zu bezeichnen. Das wiederum wäre den Juden, die die Ehe als Instrument der Vermehrung des "auserwählten Volkes" rundherum bejahen und mit Schutzbestimmungen versehen, nie eingefallen.

 

Rossiaud stellt aufgrund seiner Untersuchungen für das 15. Jahrhundert im Südosten Frankreichs fest, dass eine deutliche Mehrheit der Männer zumindest vor der Ehe sexuelle Erfahrungen mit Prostituierten hat, was wohl ihre sexuelle Erwartungshaltung in der Ehe prägt. Daneben gibt es zumindest Einzelfälle von Verheirateten, auch wenn die eher in Badhäusern Triebabfuhr suchen.

 

Ein großes Feld bieten für die Prostitution die besoldeten Heere des späten Mittelalters. Sowohl Ritter wie einfacher Infanterist erwarten für militärische Unternehmungen einen entsprechend großen Tross an Prostituierten, wie zum Beispiel schon für das Kreuzfahrerheer bei der Belagerung und Einnahme von Konstantinopel belegt ist. Als das Heer des Burgunderherzogs unter Karl ("dem Kühnen") im Juli 1474 Neuss belagert, beschwert sich beispielsweise Philippe de Croy darüber, es gebe zu wenig Huren für abwechslungsreiche Unterhaltung. Dass bei solchen Gelegenheiten Bauern ihre Töchter verstecken, versteht sich von selbst.

Karl ("der Kühne") soll für sein Militär die Vorschrift erlassen haben, dass 30 Huren für eine Kompanie von 900 Mann zu reichen hätten. Für das burgundische Heer der Schlacht von Granson werden bis zu 4000 Huren erwähnt, was wohl übertrieben ist (Van Loo, S.493)

 

Vergleichbar ist das Verhalten gegenüber der Prostitution mit dem jener Armut, die zur Bettelei und zum Almosenerheischen anhält. Auch das Betteln wird lizensiert, offiziell, da man sich mit Almosen in das Himmelreich einkaufen kann, tatsächlich, um nicht nach Ursachen für Armut zu fragen oder etwas zu ihrer Beseitigung zu tun. 

 

****Sklavinnen****(in Arbeit)

 

Die Sklaverei verschwindet im lateinischen Abendland mit dem ersten Millennium weitgehend aus der Produktion. Sie taucht in kleinen Ansätzen in der kolonialen Plantagenwirtschaft Venedigs im 13./14. Jahrhundert wieder auf und dann in der Portugals und Spaniens seit dem späten 15. und insbesondere dann im 16. Jahrhundert. Was aber durch das Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert floriert ist der Sklavenhandel. Für den Aufschwung des Kapitalismus in Städten wie Venedig oder Genua ist er von wesentlicher Bedeutung: Sklaven sind eine wichtige Ware. Offiziell dürfen dabei von Christen keine Christen verhandelt werden, was aber Osteuropa als Herkunftsland angeht, nimmt man es dabei nicht immer so genau.

Hauptabnehmer der Ware Mensch sind islamische Herrschaften, die sie als Militärsklaven in Sklavenarmeen einsetzen, teilweise in der Produktion, oft im Haushalt, gerne aber auch als Eunuchen und im Harem.

 

Der Sklavenhandel und der Besitz von Sklaven ist im lateinischen Abendland legal und wird von der Kirche entweder unterstützt oder aber zumindest geduldet. Da sie in der Produktion kaum mehr eine Rolle spielen, tauchen sie hauptsächlich in den Haushalten reicher Familien als Dienstboten auf. Noch im 15. Jahrhundert, so schätzen heute Historiker, sind 2-4% der Bevölkerung Genuas Sklaven, rund zweitausend Menschen.

Drei Dinge sollten dabei zu denken geben: Erstens sind Sklaven im Mittelalter in der Regel teurer als freie Dienstboten, die genauso viel bzw. wenig im Unterhalt kosten und nicht die teuren Gestehungskosten erfordern, die bei einem wertvolleren Sklaven schon mal den Preis eines einfachen Hauses überschreiten können. Zweitens sind die Haus-Sklaven zu weit mehr als 90% Frauen, die in jüngeren Jahren erworben werden. Und drittens sind die beliebtesten und wertvollsten Sklavinnen vor den Status-Mohrenknaben des Barock hellhäutig (auch in der islamischen Welt), und ihr Wert wird stark an ihrem Aussehen gemessen. Beliebt sind zunächst Tatarinnen, später folgen Russinnen und höchste Preise erzielen dann Tscherkessinnen, denen der Ruhm ihrer Schönheit bis nach dem 15. Jahrhundert vorausgeht.

 

Sklavinnen in lateinisch-christlichen Haushalten dürfen körperlich gezüchtigt werden, sofern keine Waffen benutzt werden. Sie sind wehrlos gegenüber ihren Herren Eigentümern und deren Söhnen - und dies noch deutlich mehr als Dienstmädchen, die im späten Mittelalter insbesonders bei adoleszenten Jung-Männern des öfteren als Freiwild belegt sind (siehe Jacques Roussiaud etc.).

 

Im sogenannten späten Mittelalter taucht die sexuelle Nutzung von Sklavinnen selten in seriösen Quellen auf, sondern eher in fiktionaler Literatur. Wenn aber, dann betrifft sie die Konkurrenz mit den daneben stehenden Ehefrauen, wenn diese sich nicht damit arrangieren, so wie sie das oft bei halboffiziellen und bald dann auch offiziellen (freien) Geliebten tun.

 

Der aggressiv-anarchische Grundzug insbesondere männlicher Sexualität wird bis manchmal Anfang des 16. Jahrhunderts als Naturereignis anerkannt, soweit es sich um männliche Jugendliche und unverheiratete Männer handelt. Fast alle Gemeinden unterhalten ganz offiziell Bordelle und dulden die daneben frei sprießende Prostitution, soweit es nicht zu öffentlichen Konflikten kommt. Die Kirche und viele Geistliche als Privatpersonen ziehen ebenfalls - von Ort zu Ort verschieden - daraus Gewinn. Arme Unterschichtmädchen haben es schwer, ihre offiziell geforderte Jungfräulichkeit vor den Nachstellungen von Jungmannen, Herrenmenschen, Geistlichen und selbst manchmal Mönchen zu retten. Es fällt leicht, sich vorzustellen, welches Schicksal attraktive Sklavinnen vor sich haben.

 

Im späten Mittelalter beginnt nicht nur die Einengung weiblicher Spielräume, die dann zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreicht, sondern auch das dazu gehörige Auseinanderfallen von zunehmender Prüderie einerseits und einer ebenfalls zunehmenden Laszivität bis zur Libertinage andererseits. Die hochkapitalistische Zivilisation entwickelt mit ihrer inzwischen enormen Diversität eine Vielfalt an Widersprüchen, die einfach stehenbleiben, und man wird erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sie zunehmend in totalitäre Einheitsvisionen auflösen.

 

ff

 

Gesundheit und Medizin

 

Die Kenntnisse vom Inneren des menschlichen Körpers, seinen Organen und Funktionen sind bis ins späte Mittelalter gering. Die Kirche verbot durch das Mittelalter hindurch das Sezieren von Leichen, und es wird selbst in der Neuzeit bis ins 18./19. Jahrhundert für angehende Ärzte in manchen Gegenden schwierig sein, Leichen für die eigene Ausbildung zu finden. Stattdessen versucht man, sich mit der Sektion von Tierkadavern zu behelfen.

Karl IV. erlaubt im 14. Jahrhundert in Prag das Öffnen von Leichen zu Studienzwecken. Erst Ende des 15. Jahrhunderts erlaubt Papst Sixtus IV. Sektionen, wenn die zuständigen kirchlichen Stellen die Erlaubnis geben.

 

Viele Ärzte kommen durch das ganze Mittelalter nicht von einem Universitätsstudium her. 1310 verbietet Erzbischof Balduin von Trier, ohne seine Genehmigung als Arzt zu praktizieren.

Der Arzt als physicus ist für viele Menschen eher zu teuer und manchmal auch entsprechend wohlhabend. Daneben gibt es die Wundärzte, die auch Chirurgie betreiben, und die oft auch Barbiere, Bartscherer oder Bader sind, und an die sich in den Städten die meisten Menschen wenden. 1453 gründen sie in Trier ein Barbier- und Wundarztamt.

 

Die Medizin, der sich anheimzugeben ja bis heute gelegentlich gefährlich sein kann, basiert auf der antiken Humoraltheorie von den vier Körpersäften, die sich idealiter im Gleichgewicht zu befinden haben. Von daher bleiben der Aderlass und eine etwas ungewisse Urinschau medizinische Standarde. Geheilt wird ansonsten vor allem mit Pflanzenstoffen und alchemistischen Mitteln. Erfahrungsmedizinische weise Frauen sind da manchmal hilfreicher, obwohl ihre Konkurrenz vom aufkommenden städtischen Ärztewesen zunehmend abgelehnt wird. In diesem Zusammenhang wird den Hebammen, über die die Städte zunehmend die Kontrolle gewinnen, weitere Heilkunst abgesprochen. Der Weg in eine Vermännlichung der Medizin in der Neuzeit ist beschritten. Dabei bleibt die Grenze zwischen Quacksalberei und Medizin fließend.

 

Anfang des 14. Jahrhunderts beginnen wohlhabendere Städte auch in deutschen Landen, städtische Ärzte einzusetzen, in Trier erst ab den 1420er Jahren, und das Apothekenwesen zu reglementieren. Spitäler und Siechenhäuser tragen wenig zur Heilung bei und verheißen vor allem geistlichen Beistand. Insbesondere Wellen von Infektionskrankheiten überschatten das ganze späte Mittelalter und die frühe Neuzeit. Ihnen wird vorwiegend mit Hilflosigkeit begegnet.

 

Gesünder war sicher das im Spätmittelalter um sich greifende öffentliche Badewesen, auch wenn der Aufenthalt in den Badehäusern wie in heutigen Bädern und an Stränden nicht zuletzt einem allgemeinen Unterhaltungsbedürfnis dient, - bis der Einzug der Syphilis und die Reformationen diesen Spaß verderben.

 

Apotheker ist mehr noch als Arzt oder insbesondere Wundarzt ein Beruf, bei dem man bei jemandem zur Lehre geht. Organisiert ist man in der Krämerzunft.