LAND 6: 1500-1650

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Das Land (Bundschuh /Armer Konrad)

Deutscher Bauernkrieg

Italien/Schweden

Naturzerstörung

Plantagenwirtschaft

 

 

Auch in den kapitalistischen Zivilisationen des späteren Mittelalters generieren die lebenswichtigeren Wirtschaftszweige die geringsten Einkommen und am ehesten Armut. In der immer arbeitsteiligeren Welt des 16./17. Jahrhunderts  gilt das am meisten für die, welche mit der Produktion von Nahrungsmitteln das Leben und Überleben aller sichern. Das hat sich allerdings in den letzten Jahrhunderten etwas verkompliziert: Zum einen stellen Bauern nicht mehr nur Nahrungsmittel her, sondern auch Rohstoffe für die städtischen produzierenden Gewerbe, zum zweiten versuchen sie ihre relative Armut durch Zulieferung von Halbfabrikaten an die Städte zu lindern, und schließlich differenziert sich eine kleine Gruppe von Großbauern weiter aus der Bauernschaft heraus. 

Darüber hinaus wandern bei wachsender Bevölkerung weiterhin Bauern in die Städte ab oder werden zu Lohnarbeit zum Beispiel im Bergbau. 

 

 

Das Land in deutschen Landen

 

Die Landbewirtschaftung bleibt in deutschen Landen vorwiegender Wirtschaftszweig. Nordwest- und Süddeutschland entwickeln in Teilen der Landbevölkerung zunehmenden bäuerlichen Wohlstand, während in manchen Regionen für viele Bauern die Höfe durch Erbteilung auch kleiner werden. 

Die Dorfbevölkerung wird immer stärker differenziert in große und kleine Bauern und jene, die nur ein kleines Haus mit Garten besitzen und sich verdingen müssen, eine Art ländliches Proletariat. Produktivität und Produktion stagnieren bis ins 18. Jahrhundert.

 

Bezugspunkt der Bauern einer Gegend sind kleine, ländliche Adelshäuser, die von Abgaben aus der Landwirtschaft leben, und zwar von eigenen wie belehnten Gütern. 

Ritterschaftlicher (niederer) Landadel mit Rittergut, Grundherrschaft (Abgaben und Dienste) ist in dem adeligen Landstand vertreten. Im 17. Jahrhundert grenzt er sich mit Ahnenproben von Neuadeligen und bürgerlichen Rittergutsbesitzern ab.

 

In deutschen Landen gerät die Selbstverwaltung der Dorfgemeinden im Zuge weiterer Territorialisierung immer mehr unter herrschaftliche Kontrolle. Neben die festgeschriebenen und von Seiten der Herren ausgelegten Weistümer versuchen die Amtleute auch die Dorfordnungen stärker zu kontrollieren. Formen der Grundherrschaft und der Gutsherrschaft im Osten geben weiter den Rahmen ab.

 

Bauern bekommen oft ihre Höfe verpachtet, wofür sie recht unterschiedlich Naturalien bzw. Geld, meist am Martinitag, und manchmal Dienste, Leib-, Spann- und Fuhrdienste leisten. Dazu kommt der Zehnte an Anteil der Kirche an Ackerbau und Viehzucht, der selbst inzwischen vermarktet, z.B. verkauft werden kann und dann oft beim lokalen Adel landet. Ein Teil der Bauern bleibt, regional verschieden, in Eigenhörigkeit gegenüber einem Herrn mit hohen Abgaben im Todesfall, Besthaupt, Bestkleid, die immer mehr in Geldabgaben verwandelt werden. Heirats- und Abwanderungsbeschränkungen werden durch Geldleistung aufgehoben. Pachtbauern sind aber auch oft frei und im Besitz von Vieh und Inventar. De facto vererben diese Bauern ihren Hof, aber Veränderungen am Hof wie das Baum-Fällen fallen unter die Genehmigung des Besitzers.

 

Gegen 1500 kann man wohl davon ausgehen, dass Bauern durchschnittlich knapp ein Drittel ihres Bruttoertrages abgeben müssen. Der Rest langt für Bauern mit mittlerem Einkommen zum Überleben, was aber nicht bei den immer wieder einmal vorkommenden Missernten gilt. Dann verschulden sich Bauern, müssen um Aufschub bitten, der wohl oft nicht gewährt wird, gehen in bäuerlichen Nebenerwerb oder müssen ihren Hof aufgeben.

Immer höher wird der Anteil an Seldnern, Tagelöhnern auf dem Lande. Ähnlich wie bei der Struktur in den Städten kann laut Blickle um 1500 von 50% ländlicher Unterschicht gesprochen werden. (S.114)

Dazu kommt ein stetes Bevölkerungswachstum, welches wegen Restriktionen nicht mehr hinreichend in die Städte abwandern und auch nicht von den Söldnerheeren aufgefangen werden kann. Das gilt wohl besonders für die Gebiete der größeren Bauernaufstände.

 

Der Streit um den Wald verschärft sich. Die herrschaftliche Forstwirtschaft verringert die Möglichkeiten für die Bauern, dort Vieh weiden zu lassen, auch um den Wald zu schützen. Es wird für sie auch schwieriger an das nötige Holz zu kommen. Dafür sorgt die fürstliche Jagdleidenschaft dafür, dass es immer mehr Wildschaden auf Bauernland gibt. Der Zugang zu Gewässern zum Fischen, Tränken und Bewässern wird weiter eingeschränkt.

 

In Ostdeutschland, insbesondere im Nordosten, beginnt Gutsherrschaft neuen Typs mit der zunehmenden Nachfrage nach Agrarprodukten die Bauernhöfe aufzukaufen oder Bauern mit Druck von ihrem Land zu vertreiben ("Bauernlegen"), Die Gutsherren lassen dann ihre immer größer werdenden Besitzungen von persönlich abhängigen oder direkt leibeigenen Bauern bewirtschaften. Billigste Arbeitskraft eines ländlichen Proletariats ersetzt bis ins 18. Jahrhundert technischen Innovationsdruck.

 

***Die Bundschuh-Aufstände***

 

Der Regelfall durch das bisherige Mittelalter war fast überall wie auch in den deutschen Landen die alltägliche ohnmächtige Duldung der von Kirche, Kloster und (vor allem niederem) Adel und Ritterschaft betriebenen herrschaftlichen Machtausübung über die Bauern, deren Druck schon im 15. Jahrhundert zunimmt. Bei Gelegenheit machtpolitischer Krisen entwickeln sich aus spontanen Einzelfällen größere Aufstandsbewegungen in Frankreich und England, die allesamt militärisch scheitern. 

 

Nur punktuell und anhand eklatanter Beispiele wie der Niklashauser Fahrt erfahren wir etwas über das, was Bauern in deutschen Landen über ihre Lage denken. Über das, was sich Anfang des 16. Jahrhunderts zusammenbraut, lesen wir dann erst, als die Lage immer explosiver wird und sich in bäuerlichen Forderungskatalogen niederschlägt. Dabei entsteht keine das Königreich umfassende Bewegung, sondern es kommt nur zu lokalen und dann regionalen, denen ein starker Rekurs auf biblisches Christentum eigen ist.. 

 

1493 kommt es in Schlettstadt zu einer Verschwörung gegen hohe Steuern und Verschuldung, für Aufhebung von Zoll und Ungeld, Einschränkung der Pfründe der Pfarrer und für selbstgewählte Gerichte der Gemeinden. Die Juden sollen geplündert und vertrieben werden. Symbol der Aufständischen ist der Bundschuh. Der Aufstand wird schnell niedergeschlagen.

 

1502 führt Joß Fritz eine Bundschuh-Verschwörung in Bruchsal und Untergrombach an. Gefordert wird die Abschaffung der Leibeigenschaft, die Verteilung der Kirchengüter an das Volk, und dass es keinen Herrn außer dem Kaiser und dem Papst geben solle. Über 7000 Leute verschwören sich, aber dann wird die Bewegung vorzeitig verraten und blutig unterdrückt. Joß Fritz kann entkommen. 

1513 kann er eine neue Verschwörung in Lehen im Breisgau beginnen. Zu bisherigen Forderungen kommen die, dass, sobald Zinsen die Höhe des verliehenen Kapitals erreichen, der Schuldner frei sein soll, Geistliche nur eine Pfründe haben sollen, und allgemeiner Friede in der Christenheit herrschen soll. Auch diese Verschwörung wird verraten und Joß Fritz kann erneut fliehen. Dasselbe geschieht dann 1517 noch einmal.

 

***Der arme Konrad***

 

1514 heißt so ein Bündnis von Bürgern württembergischer Landstädte mit Bauern gegen die zunehmenden Belastungen durch Herzog Ulrich, begleitet vom Elend mehrerer Missernten, welche die Getreidepreise vervielfachen, und von der Einführung des römischen Rechts im Lande, welches die Allmende gefährdet.

Als der verschwenderisch agierende Herzog 1513 neue Steuern für einen Krieg gegen Burgund braucht, bewegt ihn die "Ehrbarkeit" dazu, eine Vermögenssteuer in eine Verbrauchssteuer auf Fleisch, Wein und Getreide umzuwandeln. Diese Ehrbarkeit besteht aus etwa sechzig mehr oder weniger adelsgleichen, privilegierten Bürgerfamilien.

 

Ein Peter Gaiß ruft eine Menge zum Widerstand des "armen Konrad", also der kleinen Leute auf. Württemberger Städte treten in Verschwörungen bei. In Grüningen macht sich der Pfarrer und Reformtheologe Gaißler zum geistigen Anführer, der sich gegen die "Ehrbarkeit" und ihre Umverteilungsabsichten wendet und u.a. mit Peter Gaiß konspiriert. Der Einluss erreicht die Mehrheit der Ämter des Landes.

 

Am 7. Mai 1514 kommt es in Grüningen zum Aufstand, und dann in Leonberg und anderen Städten, wo sie manchmal die Verwaltung übernehmen. In Stuttgart und Tübingen treffen sich Aufrührer.

Dem Herzog gelingt es, die Aufständischen hinzuhalten, da es ihm zunächst an Söldnern fehlt.

 

Auf einem Landtag zu Tübingen Juni/Juli gewährt der Herzog den Landständen Zugeständisse, bekommt dafür fast seine gesamte Schuldenlast abgenommen und die Hinnahme des Straftatbestandes des Landfriedensbruchs samt dessen Bewehrung mit der Todesstrafe, was ihm die Rechtsgrundlage für die Niederschlagung des Aufstandes gibt.

Insgesamt fast 2000 Aufständische werden von den Truppen gefangen genommen, gefoltert und brutal bestraft. Anführer werden gleich geköpft.

 

 

Die großen deutschen Aufstände der Bauern 1524-26 

 

Wie schon zu sehen war, spitzt sich in einigen Regionen die Lage unter den Bauern krisenhaft zu. Zwar beabsichtigen die Reformatoren, deren Prediger sich über die deutschen Lande verbreiten, keine Umkehrung der Machtverhältnisse, aber die Tendenz zu einer Evangelisierung des Christentums gelangt bis zu den Bauern und gibt ihnen einen vagen religiösen Begründungs-Zusammenhang für ihre Beschwerden

 

Am sogenannten Bauernkrieg vor allem in Südwest- und Mitteldeutschland sind neben Bauern auch Städter und Bergleute beteiligt. Er reiht sich in eine lange Linie von Aufständen Ohnmächtiger gegen ihre Machthaber ein, die selten überlokal oder überregional waren. Den Bauern ist bewusst, dass sie Fürsten, Adel, Beamte, Klerus, Mönche und Nonnen ernähren und finanzieren. Neben den Zehnten zahlen sie Steuern, Zölle und Zinsen. Zu solcher Belastung verkleinert die Realteilung die Höfe und gerade dort, wo dann die meisten Aufständischen auftauchen, sinken immer mehr Bauern rechtlich ab bis in Formen von Leibeigenschaft.

Wesentlicher Ausgangspunkt ist die vorausgehende Verschärfung der Belastungen aus der Grundherrschaft, die immer mehr in Leibeigenschaft übergeht. Die Bauern wollen ihre "altüberlieferten Rechte" wiederherstellen. "Das Verbreitungsgebiet der Leibeigenschaft deckt sich weitgehend mit dem des Aufstandsgebietes von 1525." (Blickle, S.106)

 

Ein wichtiger Punkt der bäuerlichen Forderungen betrifft dabei die durch Parzellierung oder grundherrliche Nutzung schrumpfende Allmende, und dabei auch ganz zentral Holzrechte und Waldweide. Dazu kommt die Forderung nach Fischereirechten und schließlich die nach der Befreiung der Gewässer von Herrenrechten. Zudem geht es um die Belastungen aus Leibeigenschaft, den Abgabendruck und die zunehmende Einmischung außer-dörflicher Obrigkeit.

 

Vor allem die dörfliche Oberschicht fordert Veränderungen. Schultheißen, Bauernrichter, Dorfhandwerker und Ackerbürger aus den Kleinstädten tragen den Aufstand und beeinflussen die ärmeren Bauern. Dazu fördern die Reformationen die Distanz zu den geistlichen Herrschaften, auch wenn die Mehrzahl der Reformatoren sich gegen den Aufstand wenden wird. Ausnahme ist partiell Ulrich Zwingli und insbesondere Thomas Münzer, der an der Mühlhausener Marienkirche Pfarrer ist. Im Zeitraum des Aufstandes werden dort Klöster aufgelöst, Räume für Obdachlose geschaffen und eine Armenspeisung eingerichtet. Er fordert die „Gemeinschaft aller Güter, die gleiche Verpflichtung aller zur Arbeit und die Abschaffung aller Obrigkeit“ (omnia sunt communia). Im Mai 1525 wird er gefangen genommen, gefoltert und hingerichtet. Im selben Monat wendet sich Luther 'Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern': Steche, schlage, würge hie wer da kann.

 

Im Sommer 1524 werden aus einzelnen Beschwerden lokale und dann regionale.

Es kommt zu ersten Unruhen am Oberrhein und in Oberschwaben. Hunderte und tausende von Bauern besetzen und plündern Klöster. Burgen und Schlösser werden gestürmt. Zur Jahreswende bestehen bereits regionale Vereinigungen und erste zentrale Texte werden veröffentlicht. Man tritt in Verhandlungen mit dem Schwäbischen Bund ein. Im Spätwinter 1224/25 werden auch zu diesem Zweck in Memmingen die 'Zwölf Artikel' verfasst. Gefordert wird vor allem

-die freie Pfarrerwahl, d.h. die evangelisierender Pfarrer,

- die Abschaffung des Kleinzehnten und der Transfer des großen Zehnten in die Gemeinden, wo gerechtfertigt durch Entschädigung,

- die Aufhebung der Leibeigenschaft bei Bildung einer neuen Obrigkeit,

- freie Jagd und Fischerei,

- Rückgabe der Wälder bzw. Holzrechte in ihnen, wo nötig, durch Entschädigungen,

- Reduzierung der Frondienste auf ein erträgliches Maß und keine willkürliche Erhöhung, zusätzliche Dienste müssen entlohnt werden,

- Neufestsetzung der Abgaben an den Grundherren,

- feste statt willkürliche Strafen,

- Rückgabe der Allmenden, soweit kein Kaufvertrag vorliegt,

- Abschaffung der Todfall-Abgabe. 

 

Eine Oberschwäbische Eidgenossenschaft als Bund bzw. Landschaft wird gebildet. Ostern 1525 einigt sich ein Bauernheer mit dem des Truchsess von Waldburg auf Verhandlungen.

 

Die Forderungen sind wie die Aktivitäten regional etwas verschieden. Meist wird nicht die Abschaffung des Adels verlangt, aber die (vieler) seiner Privilegien und seiner Burgen, was sich vor allem an den (niederen) Landadel richtet. Da das Evangelium Richtschnur sein soll, sollen auch alle Privilegien der Geistlichkeit fallen, welches nun vor allem dieses predigen soll. Klöster sollen verschwinden. Manche (Hoch)Stifte sollen säkularisiert werden und in Laienhand kommen. Vor Gericht sollen arm und reich gleichgestellt sein. Aber eine Obrigkeit will man schon.

Nachdem ihre christlichen Forderungen von den Herren nicht angenommen werden, radikalisieren sich einige wie in der Flugschrift 'An die versamlung gemayner Pawerschaft' vom Mai 1525. Nun wird die Absetzung von Tyrannen gefordert, der Adel wird von politischen und militärischen Aufgaben ausgeschlossen, man möchte auf die Schweizer Eidgenossenschaft oder städtisches Regiment verweisen. Nur der Kaiser soll den Gemeinden des gemeinen Mannes noch vorstehen.

 

Gegen Ende März beginnt sich ein Aufstand von Rothenburg/Tauber über Franken auszubreiten. Nach Weinsberg werden auch andere Städte eingenommen und eine allgemeine "Reformation" soll einsetzen. Mainz duckt sich, aber die Festung von Würzburg kann ausharren. Truppen des Schwäbischen Bundes rücken gegen die Aufständischen vor. In Mainz kommt es im April zu einem Aufstand der Bürger, der dann auch viele andere Städte am Rhein erfasst.

 

Derweil gibt es eine neue Aufstands-Welle, die von Fulda und Hersfeld nach Thüringen geht. Scharen von Bauern ziehen in Erfurt ein und formulieren eine Verfssung. Müntzers Einfluss in Mühlhausen noch weiter zu. Bei Frankenhausen kommt es am 15. Mai  durch Philipp von Hessen, Georg von Sachsen, Heinrich von Braunschweig sowie Albrecht und Ernst von Mansfeld 1. zur Überwältigung des Bauernhaufens, von den etwa 6000 werden fast alle umgebracht. Brutale Strafgerichte setzen ein.

Wenige Tage zuvor schlägt das Heer des Schwäbischen Bundes das der Bauern bei Böblingen. Tiroler Aufstände werden durch Verhandlungen beigelegt und münden in eine Landesordnung. Andere Aufstände im Alpenraum werden zwischen Sommer 1525 und dem folgenden Winter niedergekämpft.

 

Man hat geschätzt, dass etwa tausend Burgen/Schlösser teilweise oder ganz zerstört werden, von denen viele nun verfallen, so wie auch hunderte Klöster. Viele tausende umfassende Bauern"heere" werden von überlegenen fürstlichen Truppen geschlagen und tausende werden getötet. Insgesamt sterben wohl an die 80 000 Menschen. 

 

Fazit

Das teilweise flächendeckende erhebliche Maß an Gewalttätigkeit der Bauern lässt auf erhebliche und leicht nachvollziehbare Erbitterung schließen und wird dann durch die manchmal geradezu maßlose Brutalität herrschaftlicher Gewalt beantwortet. Dabei sind die Forderungen der Bauern zunächst durchaus maßvoll und keineswegs "revolutionär", wie gelegentlich im modischen Jargon behauptet wird. Die geforderten Reformen zielen auf die Rücknahme der Entwicklungen, die als feudale Reaktion auf die kapitalistischen Strukturen seit längerem stattfanden und auf die Stärkung der ländlichen Gemeinden. Dass die Erfüllung der Forderungen dem niederen Adel noch mehr als zuvor den wirtschaftlichen Boden unter den Füßen entziehen würde, lässt sich nicht als explizite Absicht der Bauern darstellen.

 

Die rabiate Gegenwehr der regional herrschenden Kreise hat einmal etwas damit zu tun, dass ihr Legitimationspolster aus Kirche und Kloster angegriffen ist, aber wohl vor allem damit, dass sie sehen, wie aus dem Kreis derer, die extrem minder-berechtigt sind, von Gewalt begleitete Forderungen gestellt werden, deren Erfolg weitere Kreise hätte in Bewegung setzen können.  

 

ff

 

 

Italien 

In der Toskana verarmt die Landbevölkerung immer mehr, da sie den Eigentumsanteil an Land aufgeben und unter dem sich verschärfenden Mezzadria-System Pachten nur noch für zwei Jahre oder weniger und zu oft ungünstigeren Bedingungen ausgegeben werden. Viele Bauern sind zu arm, um sich Brot leisten zu können und gehen zu Esskastanien als Grundnahrungsmittel über. Je ärmer die Bauern, desto verächtlicher äußern sich die Städter über sie, falls sie ihnen einmal zu nahe kommen.

Wingerte, Olivenhaine und Getreidefelder prägen die toskanische Landschaft. Seit dem 15. Jahrhundert breiten sich in Italien neue aus Asien stammende Pflanzen aus: Reis, Karotten (aus Afghanistan), Auberginen, Spinat, Granatäpfel, Apfelsinen.

 

Schweden

Grundherrn, die Bauern persönlich an sich binden, hat es in Schweden kaum je gegeben. Noch im 16. Jahrhundert besitzt die Mehrheit der Bauern das Land,welches sie bearbeiten, etwa 60% des bewirtschafteten Bodens. 20% sind Kronland. Im Süden gibt es etwas adeligen Großgrundbesitz.

 

 

Weitere Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen

 

Noch immer leben die meisten Menschen auf dem Lande und von ihm und eine Mehrheit von ihnen ringt ihr nur mit großer Mühe das Lebensnotwendigste ab. Immer noch auch fehlt es an Texten von ihnen, die uns deutlich machen, ob ihnen Natur mehr besagt als den Gegner, mit dem sie tagtäglich ums Überleben riungen. Aber sie sind es, die die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die wieder langsam zunehmende Zahl von Städtern ihr "täglich Brot" bekommen.

Diese reagieren nun mehr noch als früher darauf, dass die Naturlandschaften aus ihrem Gesichtskreis verschwunden sind und es sich überall um menschengemachte "Kulturlandschaften" handelt. Generell kann man wohl davon ausgehen, dass in diesen für sie "Natur" entweder wohlfeile oder aber immer mehr zu bezahlende Ressource ist. Ein Baum ist so die nützliche Ware Holz.

 

Für wohl weiterhin ganz wenige Leute wird Landschaft aber stärker zum Erlebnisraum. So schreibt der Züricher Arzt und Naturforscher Conrad Gessner 1541 über das Hochgebirge: Welche Lust und was für eine Wonne ist das für ein empfängliches Gemüt, die unermesslichen Gebirgsmassen staunend zu betrachten und gleichsam das Haupt in die Wolken zu erheben. (in: SchubertAlltag, S.239)

 

Inzwischen sind aus städtischen Siedlungen mit von Land umgebenen Häusern längst intensiv Haus an Haus die Straßen entlang gebaute Städte geworden, wobei unterschiedliche Siedlungskerne miteinander verschmolzen wurden und weiter werden. In großen Städten wächst der Abstand zum Kulturland drumherum, und wenn man dieses noch wahrnehmen möchte, muss man sich dazu erst einmal aufmachen. Für manche Menschen im Zentrum der ganz großen Städte ist das wohl schon ein zu großer Aufwand.

 

Unkenntnis der außerstädtischen Tier- und Pflanzenwelt dürfte bereits jetzt zunehmen und zugleich auch die Wahrnehmung ökologischer Zusammenhänge, mit denen Bauern wohl noch vertraut sind. Die nunmehr in privater und öffentlicher Verwaltung stehende Ressource Kulturland, Lieferant für Waren, wird nirgendwo um ihrer selbst willen geschützt, es gibt keinen "Naturschutz" irgendeiner Art, aber sie werden nun als schwindende Ressourcen etwas mehr unter Schutz gestellt.

 

 Die Menschen treten nun Forsten gegenüber, die als Holzreservoir behutsamer verwaltet werden, die Überfischung durch Netze wird in Stadtnähe verboten, der Züricher Rat führt Schonzeiten für die Zeit des Ableichens von Fischen im See ein. Seit dem 14. Jahrhunderten wird an einigen Orten das Fangen der Vögel mit Leinruten verboten, an anderen der Vogelfang überhaupt reguliert. Um 1500 dann bemerkt man dennoch mancherorts den Rückgang von Singvögeln (mit dem Blick darauf, dass sie Nahrungsmittel sind. SchubertAlltag, S.258) 

 

Zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert gelangt der Wald, nun immer weniger Naturraum, sondern Ort von Holzproduktion, im Umfeld von weit entwickelten Gewerberegionen an seine Grenzen. Ein Waldfresser erster Güte wird die Glasproduktion mit ihrer Pottasche-Nachfrage. Der immer mehr in die Tiefe und Länge gehende Bergbau verlangt nach Unmengen von Grubenholz, und die Verhüttung der Erze verschlingt ebenfalls ganze Wälder. "Mitte des 16. Jahrhunderts verbrauchte das Kärntner Eisengewerbe (...) jährlich mit mehr als 220 000 Festmetern Holz das Äquivalent von 1000 Hektar Wald." (Bayerl, S.64)

 

Längst ist das natürliche Potential des Waldes in großen Teilen Mitteleuropas ausgeschöpft. Mit landesherrlichen Forstordnungen und ähnlichem wird versucht, das im Rahmen zu halten. Äcker schnell wachsender Nadelbäume ziehen überall ein. Salinen verbrauchen Holz aus immer größeren Fernen und man beginnt, es durch Gradierwerke einzusparen, die Verdunstung eines Teils des Wassers ermöglichen. Augsburg versorgt sich nun aus den Alpen mit Holz und Amsterdam aus dem Schwarzwald. Wald wird nun zunehmend kapitalisiert und gerät so in die Hände unternehmerischer Privateigentümer.

Holzknappheit führt allenthalben dann zu Sparmaßnahmen, aber sie reichen nicht aus, um mit dem Wachstum des Kapitals mitzuhalten. Der Weg in die Industrialisierung des 18./19. Jahrhunderts ist der zu Kohle, Koks, Dampfmaschinen und schließlich Öl, Gas und Elektrizität.

 

Nicht nur die Naturlandschaft Wald verschwindet, sondern auch die großen Moorlandschaften Mitteleuropas. Torf wird in großem Maßstab zu einem Substitut für Holz, bevor die Kohle es noch später ablöst. Der Begriff "Natur", zunächst den gelehrten Lateinern für mehr oder weniger philosophische Betrachtungen vorbehalten und ansonsten mit Wildnis übersetzt, wird nun auf Kulturlandschaften, also Menschenwerk, übertragen. Durch Popularisierung in den Volkssprachen wird er immer unklarer und hat bis heute für die meisten einen definitiven und klar-sinnvollen Inhalt verloren. Inzwischen schwindet Natur als Gegensatz zu Kultur in einem immer schnelleren Tempo auf der Erde, und in Mitteleuropa ist Naturlandschaft fast zur Gänze inzwischen unbekannt und selbst Kulturlandschaft verschwindet aus immer mehr Regionen. Der homo faber des Kapitalismus hört nicht auf, auf sein Ende mit dem seiner natürlichen Lebensgrundlagen hin zu arbeiten.

 

Während die Verwandlung des übrig gebliebenen Waldes von einem Naturraum in forstwirtschaftliche Betriebe und die der Moore in Torfproduktionsstätten allenthalten bejaht wird, werden die Schäden, die der Bergbau anrichtet, inzwischen von einzelnen gesehen. In einem 'Iudicium Iovis', also Urteil des Jupiter, tritt die Erde in einer Art Gerichtsverfahren mit einem durchbohrten Leib und zerrissenen Kleidern auf, um die Menschen anzuklagen. Der Mensch dringe in die Eingeweide seiner Mutter ein, er durchwühlt ihren Leib, verletzt und beschädigt alle inneren Teile. So zerfleischt er schließlich den ganzen Körper und lähmt dessen Kräfte völlig. (in Bayerl, S. 137) Aber das Urteil Jupiters ist, dass das alles notwendig sei für den Markt der Waren und die Geldwirtschaft.

 

Ein halbes Jahrhundert später wird Agricola in seinem 'De re metallica' deutlicher:

Durch das Schürfen nach Erz werden die Felder verwüstet (...) Wälder und Haine werden umgehauen (...) Durch das Niederlegen der Wälder aber werden die Vögel und andren Tiere ausgerottet, von denen sehr viele den Menschen als feine und angenehme Speise dienen. Die Erze werden gewaschen, durch dieses Waschen aber werden, weil es die Bäche und Flüsse vergiftet, die Fische entweder aus ihnen vertrieben oder getötet. Da also die Einwohner der betreffenden Landschaften infolge der Verwüstung der Felder, Wälder, Haine, Bäche und Flüsse in große Verlegenheit kommen, wie sie die Dinge, die sie zum Leben brauchen, sich verschaffen sollen, und da sie wegen des Mangels an Holz größere Kosten zum Bau ihrer Häuser aufwenden müssen, so ist es vor aller Augen klar, dass beim Schürfen mehr Schaden entsteht, als in den Erzen, die durch den Bergbau gewonnen werden, Nutzen liegt. (deutsch in Bayerl, S.138f)

 

Diese Erkenntnisse hindern Pawer/Agricola aber nicht daran, den "Nutzen" und die "Bequemlichkeit", die die Metalle den Menschen bieten, über das zu stellen, was wir heute als Umweltzerstörung bezeichnen. Umwelt aber meint vernutzte Natur. Der Preis ist eben nicht zu hoch, und das ist ja bis heute im wesentlichen so geblieben. Erst die Möglichkeit der Verlagerung der Zerstörungen in die "dritte Welt" machen es möglich, auf breiterer Front überhaupt darauf einzugehen.

Ein Eigenwert von Natur, von Pflanze und Tier taucht hingegen nicht auf. Alles wird, und auch das bis heute, unter dem Gesichtspunkt der Nützlichkeit für den Menschen gesehen. Das antike Erbe, so wie es Humanisten wie Agricola auffassen, ist eben befreiend vor allem als kapitalistische Hintergrundsideologie, so wie es auch der sogenannte Rationalismus und die daran anschließende Aufklärung sein werden.

 

Und so wird die sogenannte Neuzeit in ihren ersten Jahrhunderten ganze Kulturlandschaften in Industrielandschaften umbauen, getrieben vom Vermehrungsdrang des Kapitals, der Nachfrage der Warenkonsumenten und überhöht durch "politische" Machtinteressen. Und so wird alleine der Oberharzer Raum bis 1740 mit 120 Stauteichen, rund 500 km Wassergräben, unterirdischen Wasserläufen und rund 100 km Entwässerungsstollen der Gruben ausgestattet. Die Abholzung erreicht dabei ein Niveau, dass Grubenholz nun aus dem Solling herbeigeschafft werden muss. (Bayerl, S.148)

In den Bergwerksregionen führt der Bergbau auch zur Herstellung chemischer Substanzen, die entweder als Nebenprodukte gewonnen werden oder aber zur Metallherstellung Verwendung finden. Dazu gehören Arsen, Schwefel, Vitriol, Salpetersäure und Quecksilber. Mit ihnen erreicht die Wasserverschmutzung als Vergiftung ein neues Niveau.

Wo am Berg die Erze gewonnen werden, wird nun im Tal verhüttet. Die Öfen erreichen bis ins 17. Jahrhundert eine Höhe von sieben Metern und verdoppeln die Roheisenproduktion zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert. Am Ende des 18. Jahrhunderts hat England, wo die Wälder längst weitgehend verschwunden sind, dann bereits auf Hochöfen umgestellt, die mit Koks beheizt werden.

 

 

Plantagenwirtschaft in Übersee

 

Aus den Ansätzen von Plantagenwirtschaft in den letzten beiden Jahrhunderten wird nun das Modell für die Produktion von Zuckerrohr, Tabak und Baumwolle vor allem, in dem die einheimische Bevölkerung in Lateinamerika in das encomienda-System gezwungen wird. Plantagen entstehen aber auch im Süden Nordamerikas, in der Karibik und in Indonesien.

 

Wo Einheimische die harte Arbeit physisch nicht durchstehen, beginnt der Einsatz von Negersklaven, die teils von Freibeutern in den eigenen Reihen, teils von Arabern eingefangen und an die Kolonialherren verkauft. Das Handelsdreieck zwischen Sklaven-Einkauf in Afrika, ihrem Verkauf in Amerika und dem Verkauf ihrer Produkte in England fördert die dortige Kapitalanhäufung, die am Ende in Industrialisierung und Fabriksystem führen wird.