SPÄTZEIT: 1650-1800 (Materialsammlung)

 

Deutschland nach dem Dreißigjährigen Krieg (Sachsen)

Großmacht-Politik

Krieg und Jagd

Staaten / Absolutismus (August ("der Starke"))

Nation und Volk

Hof und Residenz

Feste

Favoriten und Mätressen

Sammel-Leidenschaft

Kavalierstour

Käuflichkeit

Adel

Untertänigkeit

Sogenanntes Bürgertum

Lohnarbeit und Armut

Justiz

 

Das Land

 

Kirche und Religion

Freimaurer etc.

Lesen und Schreiben

Schule

Aufklärung

Aufklärung als kapitalistischer Fortschritt

Justiz

Ehe und Familie

Körper

Mode

Amüsement

Exotik

 

Ausblick

 

 

Zwischen etwa 1600 und 1730 stagniert die Bevölkerungszahl in Europa, um danach ganz erheblich anzusteigen, begünstigt durch das Klima und bessere Versorgung mit Nahrungsmitteln. Haupt-Leidtragender des Dreißigjährigen Krieges ist das Reich, welches in dieser Zeit mehr als ein Drittel seiner Bevölkerung verliert, zahlreiche zerstörte Städte und Dörfer beklagt und einen Niedergang des Gewerbes.

 

In deutschen Landen steigt sie von 1700 bis 1800 von etwa 15 Millionen auf gut 24 Millionen. Das führt bis dahin, dass die mittelalterlichen Grundstrukturen schließlich eine entsprechende Steigerung der Nahrungsproduktion und eine Ausweitung von Arbeitsplätzen behindern. In Frankreich führt das zu jener allgemeinen Unruhe, die in der "Revolution" von 1789 endet. 

 

Das Produktionsvolumen der produktiven Gewerbe soll zwischen 1600 und 1800 etwa um das Fünffache zugenommen haben, das Verkehrswesen wird erheblich ausgeweitet und der Handel nimmt massiv zu. (Durand2, S.191)

  

 

Deutschland nach dem Dreißigjährigen Krieg

 

Die deutschen Lande sind teilweise hochgradig verwüstet und ein stattlicher Teil der Bevölkerung in Stadt und Land ist tot. Die Einwohnerschaft auf der Fläche des Reiches des 17. Jahrhunderts verringert sich von 21 auf 16 Millionen. Das ist das Resultat dessen, dass die Krieg weit überwiegend auf deutschen Gebieten ausgetragen wurden.

Das Elsass und die deutschstämmigen Teile von Lothringen fallen an die französische Krone, und nach und nach wird eine Französisierung der städtischen Oberschicht dort einsetzen. Die Niederlande, nunmehr auch staatsrechtlich souverän, sind aus dem deutschen Reich ausgegliedert und scheiden schon länger aus dem Sprachraum des sich entwickelnden Hochdeutschen aus, während die deutschen Schweizer dieses als Schriftsprache bewahren. Dasselbe gilt für die Flamen. Der Blick der relativ mächtigen deutschen Habsburger und der aufsteigenden Hohenzollern wird sich ganz nach Osten richten, hin zu Slawen und Ungarn. Die partielle Herausnahme des Herrschaftsgebietes der Habsburger aus dem Reich wird immer deutlichere Auswirkungen zeitigen.

 

Das übrig gebliebene Reich als Ganzes spielt im blutigen "Konzert" der Großmächte Frankreich, England, Niederlande keine Rolle mehr. Aus seinen Trümmern restaurieren sich neben Österreich und Preußen zahlreiche Klein- und Kleinststaaten, jeder davon mit dem Versuch, möglichst "absolute" Machtverhältnisse für seine Fürsten einzurichten.

Zum Provinzialismus gehört auch der fehlende Freihandel. Zwischen Sachsen und Hamburg gibt es an der Elbe ungefähr 48 Zollstationen. (Blanning, S.184)

 

Im Gegensatz zu einer derzeitigen offiziellen Geschichtsschreibung, die dazu neigt, diesen teilweise extremen Provinzialismus zu begrüßen, ist festzustellen, dass die deutschen Lande in ein intellektuelles und künstlerisches Abseits geraten. Nur in der Musik, die sich Fürsten und Städte leisten, kann (mehr als) mitgehalten werden. Theater und Dichtkunst verkümmert, um in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis auf einen Lessing einen eher kümmerlichen Neuanfang zu versuchen, der dann national-pathetisch überschätzt werden wird.

Mit einem radikal anti-nominalistischen Idealismus gerät das Philosophieren schließlich auf einen extremen Irrweg, der jeden Wirklichkeitssinn verliert, und sich schädlich auf die weitere Entwicklung in den deutschen Landen auswirken wird, sobald das von Kreisen des Bürgertums in platterer Form aufgenommen wird. 

 

 

Großmacht-Politik

 

1640-88 Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg-Preußen in 1648 vergrößertem Fürstentum. Aber es ist völlig verwüstet. Er baut eine effiziente Finanzverwaltung auf, für die Land- wie Stadtbevölkerung (Akzise) die Steuern aufbringen müssen, während der Landadel steuerfrei bleibt.

 

1649 werden in England Königtum und Oberhaus abgeschafft: Commonwealth. Das Parlament ernennt einen Staatsrat aus 41 Mitgliedern.1652 Seekrieg mit den Niederlanden.

1653 setzt Cromwell das Barebone-Parlament ein, welches er aber bald wieder auflöst. Ein Armeerat unter Cromwell erlässt eine Verfassung mit dem Instrument of Government. An der Spitze steht Cromwell als Lord Protector. Zwei weitere Parlamente. 1656-59 Krieg gegen Spanien, Jamaika wird erworben. 1657 wird Cromwell Lord Protector auf Lebenszeit. Praktisch handelt es sich um eine Militärdiktatur.

Die englischen Puritaner an der Macht bringen nicht sonderlich viel Sympathien für ihre öffentlich liberaleren Glaubensgenossen auf der anderen Seite des Ärmelkanals auf. 1651 Navigationsakte vor allem gegen den niederländischen Handel: Die Einfuhr von Waren auf die Britischen Inseln und die Ausfuhr von diesen in die überseeischen Kolonien wird verboten.Mit seinen Kriegen versucht Cromwell, die holländische Handelsmacht zu schwächen.

England wird im Verbund mit Schottland und Irland europäische Großmacht.

 

1656-59 Krieg Frankreichs mit England. 1659 Pyrenäenfriede: Frankreich erhält das Roussillon. 1661 Regierungsbeginn von Louis XIV.

 

Der Zweite Nordische Krieg 1654-60 gilt auch als "schwedische Sintflut". Bis 1667 verliert dabei Polen mehr als ein Viertel seiner Bevölkerung, an manchen Stellen sogar die Hälfte. Über 100 000 Juden fallen Pogromen zum Opfer. Krakau, Warschau und Visnius sind weithin zerstört. Symbolhaftiges Aufhalten der Schweden bei Tschenstochau mit Kloster und Bild der Schwarzen Madonna.

Johann Kasimir verzichtet auf die schwedische Krone. Schweden sichert sich im Frieden von Oliva die Vormachtstellung mit Oberhoheit über Livland und Riga. Brandenburg-Preußen steigt auf: Die polnische Lehnshoheit über Preußen verschwindet. In Polen können die Könige immer weniger gegen den Adel ausrichten.

 

1659 Rücktritt von Richard Cromwell, 1660 Restauration der Stuart-Monarchie mit Charles II. Von 1661-79 reguläres Cavalier Parliament. Für den König betreibt Edward Hyde, Lord Clarendon die Staatsgeschäfte und privilegiert die Anglikanische Kirche weiter. 1671 tritt Bruder James zum Katholizismus über und heiratet zwei Jahre später eine Katholikin. Der König wird immer unbeliebter. Zwei Seekriege gegen die Niederlande, New York wird gewonnen. 

1679 Habeas Corpus Act, die Haftdauer wird auf drei Tage festgesetzt, bis ein Richter über sie befindet.

 

1658-1705 Kaiser Leopold

1663 Immerwährender Reichstag im Reich.

 

1661 tritt Louis XIV. die Regierung an. Fängt schnell mit dem Bau von Versailles an, der erst Anfang des 18. Jahrhunderts fertig gestellt wird. Ausgeklügeltes Hofzeremoniell, über das der hohe Adel eingebunden wird, der dort auch seine Vergnügungen findet. Bis 1683 ist Colbert controleur général des finances. Daneben gibt es einen Justizminister und vier Staatssekretäre. Das Remonstrationsrecht des Parlements von Paris wird außer Kraft gesetzt.

Systematische Drangsalierung der Hugenotten.

1682 französisches Nationalkonzil: Vorrang der weltlichen vor der geistlichen Gewalt, Einkünfte der Bistümer fließen an den König, der 35 Generalvikare ernennt. 1685 führt das Edikt von Fontainebleau zur Auswanderung von rund  400 000 Hugenotten.

1713 werden die Jansenisten verboten

Festungsbauten durch Vauban gegen Niederlande und Reich.

 

1664 erobern die restaurierten Stuarts New Amsterdam und machen daraus New York.

 

1668 Krieg von Louis XIV. um die spanischen Niederlande, endet u.a. mit dem Gewinn von Lille.

1672-78 Krieg von Louis gegen die Republik der Niederlande. Wilhelm III. flutet die Deiche. 1674 treten für die Niederlande, Kaiser, Fürsten und Spanien in den Krieg ein. Im Frieden von Nimwegen erhält Frankreich die Franche-Comté, Besancon und Freiburg. Parallel muss Brandenburg seine Eroberungen in Pommern an Schweden zurück geben.

 

Die Republik der Niederlande ist inzwischen reichstes Land Europas mit Indonesien, Ceylon, Südafrika, Guyana und Neu-Amsterdam. Ost- und Westindische Kompanie. Bedeutende Textilindustrie, außerdem ist das Land bedeutender Finanzplatz und Kreditgeber. Die Universität von Leiden wird führend in Europa.

 

 

1660 Erbliches Königtum in Dänemark wird "absolutistisch".

1672-97 Karl XI. von Schweden stärkt die königliche Stellung. 1675 schlägt Friedrich Wilhelm (1640-88) die schwedischen Truppen bei Fehrbellin und wird zum "Großen Kurfürsten".

 

1674 Jan Sobieski zum polnischen König gewählt, der sich nur mühsam gegen osmanisches Heer behaupten kann, dem vorübergehend Podolien überlassen werden muss. Der Sejm kann mit einer Gegenstimme lahmgelegt werden.

 

1681 annektiert Louis XIV. Straßburg, 1683 Luxemburg und das Kurfürstentum Trier. ("Reunionen")

 

1669 erobert Sultan Mehmet IV. Kreta von den Venezianern.

1683 Zweite Belagerung Wiens, dessen Entsatzheer Jan Sobieski kommandiert. Schlacht am Kahlenberg.

 

1682-1725 Zar Peter ("der Große") Petersburg wird Hauptstadt. Modernisierung von Heer und Flotte, Ausbau eines autokratischen Machtapparates. Manufakturen für die Ausrüstung des Heeres. Widerstand der Bojaren wird unterdrückt, sie werden zu westlicher Kleidung und Haartracht gezwungen. Der Adel wird an den Hof gezogen und ein Dienstadel steigt auf. Die Bauern bleiben erbuntertänig in bedrückender Leibeigenschaft. Kirchenaufsicht des Zaren.

 

1685-88 James II., der England zu rekatholisieren versucht und dafür Glaubensfreiheit verspricht. Versucht nach der Monmouth-Rebellion ein stehendes Heer aufrecht zu erhalten. 

1688 wird Wilhelm von Oranien nach der Glorreichen Revolution englischer König. Die Niederländer hoffen auf englischen Schutz vor den Franzosen. James II. flieht nach Frankreich. Toleranzakte, die allen außer den Katholiken und den Atheisten Religionsfreiheit verspricht.

1698 landet James mit französischer Unterstützung in Irland und wird am Boyne geschlagen.

 

1688-97 Pfälzischer Krieg von Louis XIV., der die Pfalz verwüstet zurück lässt, nachdem der Kaiser Leopold, Reichsfürsten, Spanien und Schweden in der Liga von Augsburg dagegen angehen. Ausweitung auf die Niederlande, Italien und Spanien. England kämpft zur See gegen Frankreich. Im Frieden von Rijswijk 1697 muss Louis auf die meisten Reunionen verzichten und ist nicht mehr Hegemon in Europa.

 

1692 Kurwürde für Hannover (Herzogtum Braunschweig-Lüneburg)

 

 

1696 stirbt Johann III. Sobieski. Louis XIV. und August von Sachsen kämpfen mit großen Bestechungssummen um die Wahl in der Slachta, wobei die französischen Mittel nach all den Kriegen knapp sind. August konvertiert zur römischen Konfession. 1697-1733 herrscht August I. ("der Starke") mit einer Unterbrechung über Sachsen und Polen. Für die polnische Krone tritt er zum Katholizismus über, muss aber für die Wahl dann noch riesige Bestechungsgelder zahlen.

 

1697 der neue kaiserliche Oberkommandeur Prinz Eugen gewinnt für die Heilige Liga aus Österreich, Polen und Venedig die Schlacht bei Zenta gegen die Osmanen. Rund 30 000 Osmanen sterben dabei und die Beute ist riesig. 1699 gehen Ungarn, Kroatien und Siebenbürgen im Vertrag von Karlowitz an Habsburg, während Podolien wieder an Polen fällt. 

 

1697 "Große Gesandtschaft" Zar Peters ("des Großen") im Westen (Niederlande, England). Rückkehr 1698 wegen des Strelitzen-Aufstandes, den er brutal unterdrückt. Der Zar baut eigene Flotte auf.

 

1700-21 Großer Nordischer Krieg, Karls XII. Schweden gegen Dänemark, welches Schonen gewinnen möchte, gegen Sachsen-Polen und Russland mit Interesse an Ingermanland und Karelien. Dänemark wird schnell besiegt und scheidet aus, Russland unterliegt 1700 bei Narwa gegen die in erheblicher Unterzahl befindlichen schwedischen Truppen und der Zar muss fliehen. Schweden mit seiner kleinen Bevölkerung von etwas mehr als einer Million und wenig entwickelter Wirtschaft wird aber bald chancenlos sein.

Zar Peter schafft ein stehendes, gut vom Staat ausgebildetes und für damalige Verhältnisse sehr großes Heer.  1701 erobert der Zar Livland, welches bis ins 20. Jahrhundert bei Russland bleibt. Die Polen unterstützen August kaum. 1702 Zar Peters Angriff auf Ingermanland: Nöteburg wird Schlüsselburg. 1703 Gründung von St.Petersburg. Um den Ladogasee baut er Werften. Das vier Jahrhunderte schwedische Finnland wird erobert.

 

Unter schwedischem Druck wird Stanislaw Lesczinski 1704 in Polen eingesetzt. Er bleibt wie sein Land von Schweden abhängig. Polen wird in diesen Jahren verwüstet und ausgeplündert. 1706 besetzt Karl für ein Jahr Sachsen. Polen ist schwedische Kolonie. 1709 schwedische Niederlage bei Poltawa. Aber insgesamt besitzt Karl noch rund 56 000 Soldaten. 

1714 erreicht Karl XII. Stralsund. 1715 treten Preußen und Hannover in den Krieg ein, wobei George I. wenig ausrichten kann. Preußen erobert Rügen. Nur Wismar ist noch schwedisch.

1720/21 gewinnt Hannover Bremen und Verden, Preußen Stettin, Usedom und Wollin, Russland Karelien, Ingermanland, Estland und Livland. Das Zarenreich wird zur Vormacht in der Ostsee.

 

Nach dem Act of Settlement 1701 wird Anne bis 1714 Königin. Mit der Vereinigung von England und Schottland entsteht 1707 in Personalunion Great Britain. Whigs aus Bürgertum und Gentry unter John Churchill, dem Duke of Marlborough. 1710 siegen die Tories bei Wahlen und forcieren ein stärkeres Königtum.

Enormer wirtschaftlicher Aufschwung. Von 1700 bis 1760 wird sich die Bevölkerung von 9 Mio auf über 15 Mio vergrößern, wobei immer mehr Bevölkerung verelendet.

 

1701-14 Spanischer Erbfolgekrieg nach dem Aussterben der Habsburger hier. König Carlos II. überträgt ganz Spanien samt Besitzungen an den Sonnenkönig; der eine Nebenlinie der Bourbon herrschen lässt. Kurfürst Friedrich III. wird durch Kaiser Leopold zum König in Preußen für seine Truppenlieferung.

Mit Frankreich und Spanien kämpfen die Wittelsbacher, auf der anderen Seite Großbritannien und die Niederlande, die deutschen Habsburger und Savoyen. Prinz Eugen (von Savoyen) und der Duke of Markborough gewinnen entscheidende Schlachten. 1711 Vorfrieden mit Großbritannien, dann Friede von Utrecht 1713 und Rastatt 1714: Österreich erhält von Spanien die südlichen Niederlande, das Herzogtum Mailand, das Königreich Neapel und Sardinien. Savoyen bekommt Sizilien und den Königstitel, 1720 werden Sizilien und Sardinien getauscht und der Savoyarde wird König von Sardinien, Großbritannien erhält Menorca, behält Gibraltar, und bekommt von Frankreich Neufundland und die Hudson-Bay.

 

Gleichgewicht der Kräfte Großbritannien, Niederlande, Frankreich, Spanien und Österreich, wobei die Macht Spaniens kontinuierlich abnimmt. Die Niederlande lehnen sich immer stärker an Großbritannien an und verlieren an Gewicht.

Auch Portugal lehnt sich ab 1703 stark an England an, indem es den brasilianischen Markt für englische Waren öffnet, und kann so Brasilien, Küstenteile Afrikas, Chinas und Indiens halten.

 

Kastilien und Aragon verschmelzen in Zentralbehörden. Vier Ressortministerien, eine Super-Intendatur für die Finanzen und eine Verwaltung für "Indien". Die Cortes werden entmachtet. Adelige Gerichtsbarkeit über viele Dörfer und manche Städte bleibt. Weiter bleiben auch viele Ämter beim Adel.

 

1708 Kurwürde von Böhmen reaktiviert für die Habsburger.

Nach dem Tod Josephs I. ist der Bruder 1711-40 Kaiser Karl VI. 1713 erlässt er die Pragmatische Sanktion, da er keinen männlichen Nachfolger hat. Aufgrund von ihr wird 1724 die 1717 geborene Maria Theresia zur Nachfolgerin erklärt.Die beiden Töchter von Joseph I. hingegen verzichten.

 

1713-40 König Friedrich Wilhelm I. von Brandenburg-Preußen ("Soldatenkönig"). Ausbau von Berlin, extrem sparsames Wirtschaften, die Armee wird in seiner Zeit verdoppelt, wofür die Wirtschaftskraft des Landes eingesetzt wird. Zur Verwaltung der Staatsfinanzen wird 1723 das Generaldirektorium geschaffen.

 

1714 wird der Kurfürst von Hannover als George I. König (bis 1727). Zwischen 1721 und 1742 ist der Whig Hugh Walpole Premierminister. Die Könige müssen sich immer mehr auf jeweilige Parlaments-Mehrheiten stützen. Ins Unterhaus wählt nur etwa 1% der Bevölkerung. Die Regierung betreibt Gleichgewichts-Politik in Europa, fördert den Ausbau des Kolonialreiches und die Monopolisierung des Welthandels u.a. mit Tabak und Baumwolle. 

 

1715-23 Régence des Duc d'Orléans auf Betreiben des Pariser Parlements, dessen Bedeutung nun wieder zunimmt. Die Staatsschulden werden gesenkt. 1716 gründet John Law die Banque générale und 1718 die Banque royale. Papiergeld soll durch Landbesitz der Mississippi-Handelsgesellschaft gedeckt werden, die 1719 mit der Compagnie des Indes zusammengelegt wird. 1717 Gründung von Nouvelle Orléans. Große Spekulationswelle mit den Bankaktien, die im Ruin endet. John Law muss fliehen.

1723-43 Regentschaft des Kardinals de Fleury. 1726 fester Münzfuß des Livre Tournois. Wirtschaftsaufschwung hilft, den Haushalt etwas zu konsolidieren.

 

1720-72 in Schweden starke Rolle des Adels und der Stände im Reichstag und Reichsrat. In Dänemark absolutistisches Erbkönigtum und lange Friedenszeit.

 

1733-38 Spanien zusammen mit Frankreich im polnischen Thronfolgekrieg nach dem Tod von August II. Stanislaw Lesczinski erhält Lothringen. Polen ist Spielball der Großmächte. 1737 fällt die Toskana nach dem Aussterben der Medici an Königin-Gemahl Franz Stephan. Eine spanische Nebenlinie erhält das Königreich beider Sizilien. Achse Spanien-Frankreich.

 

1740-80 Königin Maria Theresia 1740-48 Österreichischer Erbfolgekrieg gegen Frankreich, Spanien, Sachsen und Bayern. 1748 Frieden von Aachen für Frankreich erfolglos.

1740-86 König Friedrich II. (seit 1745 "der Große")

1740-42 Erster Schlesischer Krieg nach Überfall Friedrichs.

1744-45 Zweiter Schlesischer Krieg

1745-65 Gemahl Maria Theresias Kaiser Franz I.

 

1743 Regierungsbeginn von Louis XV. (bis 1774)

 

1747 Wilhelm IV. von Oranien wird Statthalter aller Provinzen bei Erblichkeit des Amtes: De-facto-Monarchie. Die Niederlande werden weiter durch Frankreich bedroht.

 

1751-70 leitet Graf Bernstorff die dänische Politik mit Reformen.

 

1755 Erdbeben von Lissabon mit 30 000 Toten. Wiederaufbau durch den Marqués de Pombal. 1759 werden die Jesuiten vertrieben. Aber die Reformen bleiben Stückwerk.

 

Seit 1755 French and Indian War in Nordamerika.

1756 organisiert die Marquise de Pompadour das Renversement des alliances in Versailles. (Habsburg und Frankreich gegen Preußen und Großbritannien in der Konvention von Westminster)

 

Friedrich II. marschiert in Sachsen ein. Damit 1756-63 Siebenjähriger Krieg mit erheblicher englischer Hilfe an Geld gegen Österreich, Russland, Schweden und Frankreich. Siege von Rossbach, Leuthen und Zorndorf, danach Niederlage bei Kunersdorf. Russen marschieren in Preußen ein. 1760 bleiben die englischen Hilfsleistungen aus, 1762 steigt Russland aus. 1763 Frieden von Hubertusburg. Der Krieg soll alleine in Europa mehr als eine halbe Million Tote mit sich gebracht haben. (Kleinschmidt, S.56) Der Konflikt Habsburg-Preußen bleibt.

Im Krieg mit Frankreich gewinnt Großbritannien im Frieden von Paris Kanada und Französisch-Indien. Neue Finanzkrise in Frankreich, aber Reformversuche werden vom Parlement verhindert.

 

Nachdem die Franzosen im Siebenjährigen Krieg (1756-63) von der britischen Krone die Flügel gestutzt bekommen und darauf weniger gefährlich sind, driften England und Holland wieder auseinander, und Holland tritt dann in die Koalition ein, die den Briten jene Kolonien nimmt, die sich dann Vereinigte Staaten von Amerika nennen.

 

1760-1820 George III. 

1764 Erfindung der Spinning Jenny in England, 1769 der Waterframe zur Garn-Herstellung. Um 1770 verfeinerte Dampfmaschine des James Watt.

 

1762-96 Zarin Katharina II., die ihren Mann durch Orloff ermorden lässt, nachdem er einen Separatfrieden mit Preußen schließt. Fortführung der Reformen Zar Peters ("des Großen"). Aber belastete Bauernschaft, 1773/34 Aufstand unter dem Kosaken Pugatschow, der 1775 hingerichtet wird. Russland dringt gegen die Osmanen bis zum Asowschen Meer, zur Krim und nach Odessa vor. Das Osmanische Reich erweist sich als reform-unfähig.

 

1763 in Polen Stalnislaw Poniatowski, Günstling von Katharina II. ("der Großen"). 1768 Toleranzedikt und dagegen Konföderation von Bar.

1766 fällt Lothringen nach dem Tod von Lesczinski an Frankreich.

 

1770-82 Frederick North Premierminister, der den Versuch des Königs unterstützt, stärker noch einmal selbst zu regieren. John Wilkes wird 1774 Lorrd Mayor von London als Gegner des Königs.

 

1771 Konflikt Meaupous mit dem Parlement, welches aus Paris verbannt wird. Die Mitglieder der Provinz-Parlements werden enteignet und durch vom Monarchen bestellte Richter ersetzt.

 

1772 Erste polnische Teilung, Preußen gewinnt Westpreußen, Österreich Galizien und Podolien und Russland große Gebiete im Osten. Reformen in Restpolen.

1771/72-92 in Schweden Gustav III., erneut absolute Macht des Königs zusammen mit den Hüten. Wirtschaftskraft durch die Erzgewinnung.

 

1774-92 Louis XVI. nimmt die Reformen seines Vorgängers zurück. Die Finanzkrise nimmt zu.

 

1773 Boston Tea Party 4.7.1776 Unabhängigkeits-Erklärung

 

1776-86 Amerikanischer Unabhängigkeitskrieg

1778/79 Frankreich und Spanien treten in den Krieg ein. Deren Flotten entscheiden bis 1783 den Krieg. Spanien erhält Menorca und Florida zurück, ist aber finanziell geschwächt. Die Jesuiten werden aus Spanien vertrieben. In den Kolonien bleibt das wirtschaftlich starke Bürgertum von der Verwaltung ausgeschlossen.

 

1780 Gordon Riots gegen Erleichterungen für Katholiken.

 

1778-79 Bayerischer Erbfolgekrieg, 1779 Friede von Teschen, Karl Theodor von der Pfalz behält Bayern, das Innviertel fällt an Österreich. Anspruch Preußens auf Ansbach und Bayreuth.

 

1780-90 Aufgeklärter Absolutismus Josephs II. im Habsburger-Reich

 

1780-84 Vierter Englisch-Niederländischer Seekrieg, mit dem die Niederlande ihre Seemacht verlieren. Dort Patrioten-Bewegug für bürgerliche Reformen und gegen die Privilegien des Regenten-Patriziats.

 

1783 William Pitt als gemäßigter Tory Premierminster

1783 Frieden von Paris, die USA unabhängig. 1784 erhalten sie die Verfügung über das Hinterland bis zum Mississippi.

 

1784-87 Reformen des Bernstorff-Neffen in Dänemark. Modernisierung des Strafrechts, Begünstigung des Handels. Aufhebung der bäuerlichen Schollenbindung, Ablösung grundherrlicher Rechte.

 

1786--97 König Friedrich Wilhelm II.

 

1788-92 Großer Reichstag (Sejm) beschließt geschriebene Verfassung: Parlamentarische Monarchie mit Erbkönigtum

 

1784-89 Hungerkrisen in Frankreich. Die Preise steigen im Vergleich zu 1740 um 65%, die Löhne nur um 22%. Der Weinpreis stagniert. Bürgerliche Großunternehmer pachten große Güter unter Beibehaltung der Feudallasten.

Teilnahme am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg verschärft die Finanzkrise.

1787 Handelsvertrag mit England zur Liberalisierung des Warentausches. Hohe Arbeitslosigkeit in den Städten.

Das Parlement lehnt Besteuerung der privilegierten Schichten ab. Steuergesetze werden nicht registriert. Staatsbankrott.

1788 werden die Generalstände für Mai des nächsten Jahres einberufen.

 

 

Militär, Krieg und Jagd

 

Ruhm wird von den Fürsten weiter vor allem durch kriegerische Erfolge errungen. In Versailles werden die kriegerischen Heldentaten von Louis XIV. ausführlich für die Besucher dargestellt. Viele Fürsten ziehen noch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts hochstpersönlich in die Schlacht. 

 

Die Heere wachsen weiter, Louis XIV. verfügt bereits über fast 400 000 Mann. 

In den zwaziger Jahren wächst das sächsische Heer langsam bis auf 30 000 Mann.

1729/30 große sächsische Militärübung:

"Ein Heer von etwa 500 Bauern und 250 Bergleuten, die als Bauarbeiter eingesetzt wurden, planierte auf der grünen Wiese einen Platz von vier mal fünf Kilometern und errichtete dort eine ganze neue Stadt mit Straßen, PPlätzen, Gärten, Schlachtereien, Bäckereien, Wirtshäusern und Geschäften. Am Elbufer wurden Lagerhäuser gebaut, um die gigantischen Vorräte an Proviant aufzunehmen, die man für die geplanten vierwöchigen Manöber und das begleitende Unterhaltungsprogramm benötigte. (...) Über 1000 Wohn- und Festzelte wurden errichtet, um die Besucherscharen unterzubringen. (...) Im TZehater, das eigens für dieses Ereignis geschaffen worden war, fanden Opwernaufführungen mit drei Kastraten und zwei weiblichen Sopranen statt, die man aus Venedig hatte kommen lassen, sowie italienische Komödien und Ballette; außerdem gab es Feuerwerke, Jagden und üppige Bankette." (Blanning/August, S.331f) 

 

Sächsisch-russische Niederlage gegen Schweden 1706 bei Fraustadt. Dragoneroffizier J.M. Lyth danach in seinem Tagebuch über die Besiegten:

(Der schwedische) General Rehnskiöld bildete einen Kreis von Dragonern, Kavallerie und Infanterie, in dem sich alle übrig gebliebenen Russen versammeln mussten, etwa fünfhundert Mann im Ganzen. Sie wurden auf der Stelle gnadenlos erschossen oder bajonnetiert, so dass sie übereinander fielen wie abgeschlachtete Schafe. (in: BlanningAugust, S. 167)

 

Den Heeren folgen überall Prostituierte zu ihren Lagern.

 

Vermieten und Verkaufen von Soldaten

Johann Georg von Sachsen vermietet gegen Ende des 17. Jahrhunderts für 120 000 Taler 3000 Soldaten an Venedig, die auf dem Peloponnes gegen die Türken kämpfen sollen. Nur 761 kehren in ihre Heimat zurück. (BlanningAugust, S.30)

August ("der Starke") vermietet 9000 Soldaten für über 800 000 Gulden an England und die Niederlande, die 1708/09 bei Oudenaarde und Malplaquet gegen die Franzosen siegen.

 

Jagd

Neben den Kriegen ist die Jagd weiter zentrales fürstliches Vergnügen. Bis ins hohe Alter verbringt Louis XIV. "110 bis 140 Tage im Jahr auf der Jagd." (Banning/August, S.16)

 

Friedrich IV., Herzog von Holstein-Gottorp, befindet sich zwecks Hochzeit 1698 in Stockholm, wo er mit dem Schwager in spe Karl XII. neben sonstiger Randale nächtens Bären hetzt, Kälbern und Schafen mit einem Schwerthieb den Kopf abtrennt oder sie auf eine von der Decke hängende Gans zureiten, um sie zu köpfen. (Blanning/August, S.118f)

 

Ganz pervers sind Jagden anlässlich der Hochzeit des Sohnes von August ("dem Starken. Da werden einmal Hirsche, Rehe und Wildschweine in ein Gatter gepfercht, werden dann von Hilfskräften ins Wasser getrieben und müssen elbabwärts schwimmen, wo sie dann von den Hochzeitsgästen einfach abgeknallt werden können. Daneben gibt es auch hier "eingerichtete Jagden", bei denen Tiere zusammen getrieben und dann von einer Jagdgesellschaft genauso einfach abgeschlachtet werden.

 

Beliebt sind auch Kampfjagden: "1709, als Friedrich IV. in Dresden zu Besuch war, wurden ein Löwe, sechs Bären, sieben Wildschweine, ein Auerochse, ein Büffel, ein polnischer Ochse sowie zwei Pferde aufeinander gehetzt. Um sie möglichst aggressiv zu machen, hatte man sie vorher unter anderem mit rotglühenden Eisen, mit Wurfpfeilen und Stachelstöcken malträtiert und ihre Ohren verstümmelt." (Blanning/August, S.283) Aber es gibt noch vielerlei andere Formen von Tierquälerei als höfischer Spaß.

 

 

Staaten / Absolutismus

 

Mit stärker ausgebildeterer Staatlichkeit verschärfen sich die Machtverhältnisse zwischen Herrschaft, Herren und Untertanen grundsätzlich immer mehr. Französische, dänische, österreichische und preußische Könige zentralisieren in ihren Territorien die Staatsmacht auf sich selbst, was Louis XIV. schon spätestens 1614 in Vollendung gelingt. Historiker werden später von Absolutismus reden, der Herrscher gewinnt die absolute Kontrolle über Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtsprechung. Absolut heißt losgelöst von allen anderen Instanzen. Erben dieser totalen Machtinstanzen werden dann die Republiken bzw. Demokratien bis heute werden.

 

Erschwerend für die Untertanen wird die immer mehr erweiterte Zuständigkeit des Staates über seine Untertanen, die auch bei sogenannten aufgeklärten absoluten Monarchen  nicht geringer ist. Sie wird bis heute exzessiv zunehmen. Zum einen werden dabei frühere Funktionen der Kirche ersetzt, wobei dann von öffentlicher Wohlfahrt und Gemeinnutz die Rede ist, zum anderen übersetzen sich die immer weiter zunehmenden Finanzinteressen des Staates in Wirtschaftspolitik, wobei es vor allem um Handelsinteressen geht.

 

Muchembled zu Frankreich: "Die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts erscheint als immer stärker diszipliniert. Die Überwachung, in Paris vom Polizeikommandanten, in der Provinz vom Prévôt du maréchal ausgeübt, wird durchgreifender. Die durch alle möglichen Formen der >Polizey< disziplinierten Sitten weiten sich zu einem gemeinsamen Lebens- und Denkstil der Privilegierten und der städtischen guten Gesellschaft aus, die zu dieser Zeit eine mächtige ökonomische und demographische Expansion erfahren. Verfeinerung und vornehmes Betragen heben eine Minderheit deutlich von einer vulgären Masse der Gewohnheitsmenschen ab." (S.137f)

 

Schritt für Schritt wird nach der Kirche auch der Adel unter die Staatsknute gezwungen, wiewohl beide weithin (nach unten) privilegiert bleiben, was dazu führt, dass kleine Kreise eines sich an die Könige und Fürsten hängenden Großbürgertums in einen Amtsadel aufsteigen können. Bei August ("dem Starken") heißt das um 1705 in seinen Empfehlungen für die Nachwelt, Geburtsadelige müssten gezähmt und zu gehorsamen Staatsdienern gemacht werden, sie dürften Bürgerlichen nur vorgezogen werden, wenn sie ihnen überlegen seien. Widerstand solle mit Pfändung ihrer Güter bestraft werden. (Blanning, S.196) 1709 wird der ständige Ausschuss der Landstände abgeschafft, 1728 erklärt August, wenn die Landstände protestieren, könne der Kurfürst einfach erklären: "das ist mein Wille." Es gelingt den Landständen aber, zu überleben und bis zu seinem Tod die direkte Besteuerung zu kontrollieren.

 

Fast alle Menschen verharren in zunehmender Untertänigkeit und werden als Eigentum ihrer Herren betrachtet. Das zeigt sich nirgendwo besser als in den vielen Erbfolgekriegen, in denen Kriege der Hoheiten entscheiden, in wessen Untertänigkeit die meisten geraten. Es zeigt sich aber auch in den Vertreibungen nicht willfähriger Untertanen und in der Ansiedlung bzw. Peuplierung von Fremden, wo sie wirtschaftlich willkommen sind. Auch das wird bis heute so bleiben.

 

Wie entfernt Herrscher von ihren Untertanen sind. zeigt sich schon alleine sprachlich. Das Französisch des Friedrich II. ("der Große") soll besser gewesen sein als sein Deutsch, und er benutzt es auch wo immer möglich. August ("der Starke") ist zwar einen großen Teil seines Lebens König von Polen, hält es aber nicht für nötig, die Sprache seiner Untertanen zu erlernen.

 

Die Wirtschaftspolitik ist durchweg kapitalistisch, was dadurch erleichtert wird, dass Kapital und Herrschaft Hand in Hand gehen und dies bis heute tun werden. Im Ergebnis nimmt die Verelendung und Armut immer mehr zu, immer mehr Menschen wandern vom Land in die Städte und bevölkern dort Elendsquartiere, das Material für die in der zweiten Hläfte des 18. Jahrhunderts in Teilen Englands einsetzende Industrialisierung insbesondere der Textilindustrie.

 

Zweiter Vertreter eines idealiter allmächtigen Staates nach Bodin wird Thomas Hobbes (1588-1679), der den Menschen im 'Leviathan' als friedlos-gewalttätiges Wesen im Sinne der Stuart-Könige unter die Knute eines allmächtigen Monarchen zwingen will, um so den inneren Frieden zu wahren.

 

Anders entwickeln sich das seit 1572 aristokratisch-ständisch beherrschte Polen, eine Art Zusammenschluss von von Magnaten beherrschten Kleinstaaten. Zwar umfasst hier "das köngliche Lehnsrecht (...) 25 000 Amtssitze und fünfzehn Prozent der gesamten Landfläche der Union", aber ddie Amtsinhaber können nicht abgesetzt werden und das Land muss immer verpachtet sein und bleibt ein Leben lang beim Pächter. (BlanningAugust, S.84) Mit dem liberum veto kann der Sejm stets Obstruktionspolitik gegenüber dem König betreiben. Ähnlich destruktiv ist das Einstimmigkeits-Prinzip.

Anders entwickeln sich auch die Niederlande, aber auch das entstehende Großbritannien, in dem die Könige mit einem mächtiger werdenden Parlament umgehen müssen. Nach 1680 formuliert John Locke in den 'Two treatises on government' eine Verfassung, die auf einem (imaginären) Vertrag der Untertanen bestehen soll.

 

In Frankreich entsteht aber mit der aufkommenden Aufklärung Gegenwind gegen den absoluten Herrscher. 1748 erscheint in Genf Montesquieus 'De l’esprit des lois' welches einen Staat mit Gewaltenteilung propagiert.

1762 erscheint Rousseaus 'Du contrat social ou Principes du droit politique', welcher die Schimäre von Lockes Vertragstheorie durch die Schimäre einer volonté générale ablöst, welche genauso imaginär bleibt wie der ursprüngliche Vertrag bei Locke, aber deutlich totalitärere Züge trägt, wie sie dann bei den Jakobinern wieder auftauchen werden.

 

***August II. ("der Starke") und Sachsen***

 

Die Bevölkerungsdichte Sachsens ist fast so hoch wie die der holländischen Republik und doppelt so hoch wie in Brandenburg-Preußen. Ein Drittel der Bevölkerung lebt in Städten, 40 Prozent arbeiten in ländlichen Manufakturen, nur 25 Prozent sind Bauern. (Blaschke)

 

Es besitzt zahlreiche Bodenschätze: Silber, Eisen, Halbedelsteine, Zinn, Kupfer, Blei, Zink und vieles mehr. Zwischen 1680 und 1730 werden pro Jahr immer noch durchschnittlich viereinhalb Tonnen Silber gefördert, wobei die Schürfrechte beim Kurfürsten liegen. (Blanning, S.182)

Produktion von Baumwolle in Chemnitz, Leinen in der Oberlausitz, Wollweberei in der Niederlausitz, Damastweberei in Zittau, Spitzen im Vogtland, usw. 

Vorformen von Fabriken, also Manufakturen, in denen alle Vorgänge der Produktion in einem Unternehmen konzentriert sind: In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts waren zwanzig davon entstanden und unter August ("dem Starken") kommen noch einmal so viele dazu.

 

Sächsische Landstände in drei Kammern: Grafen und Herren, Besitzer von Rittergütern und Städte. Die ländlichen Ritter verteidigen die Befreiung von direkten Steuern und sind streng lutherisch.

 

1698 ernennt August eine Oberrechnungskammer zur Kontrolle von Behörden und Beamten. Sie beginnt mit der Verfolgung und Bestrafung von Korruption. Für ihre Abschaffung zahlen die Landstände eine Million Taler. 

1707 allgemeine Verbrauchssteuer

Ab 1706 Geheimes Kabinett mit Abteilungen für Innen-, Außen- und Militärpolitik.     

 

Seine Herrschaft zwischen 1694 und 1733 ist ein Musterbeispiel dafür, wie sich Fürsten dieser Zeit bereichern und ihre Untertanen ausplündern.

Beamtenapparat mit loyalen Bürgerlichen. Premierminister Flemming bis zu seinem Tod 1728.

1703 Generalkonsumtionsakzise: Indirekte Steuer, die nicht der ständischen Bewilligung unterliegt.

Förderung der zweimal jährlichen Leipziger Messe. 1698 Staatsbank in Leipzig, 1715 Landeslotterie, 1722 Postreform. Rohstoffe aus Polen, Fertigprodukte aus Sachsen

1710 Manufaktur Meißen 

 

1697 Konversion Augusts, insgesamt 39 Millionen Reichstaler für die polnische Krone 1697 und ihre Aufrechterhaltung.

 

1700-21 großer Nordischer Krieg. Dabei hat Kern-Schweden nur eine Bevölkerung von einer Viertelmillion Menschen. Karl lässt 1704 Stanislaw Leszczynski zum polnischen König wählen. Karl besetzt 1706 Sachsen. Polen ist praktisch eine schwedische Kolonie. 1707 verlassen die schwedischen Truppen Sachsen. Zar Peter betreibt Strategie der verbrannten Erde, und nur wenig vom schwedischen Entsatz kommt beim Heer an. 1709 Schlacht von Poltawa mit vielen schwedischen Toten und Kriegsgefangenen, die in Russland Zwangsarbeit bis zum Frieden 1721 leisten müssen, soweit sie solange überlebt haben. Karl flieht, kann aber erst fünf Jahre später zu seiner Armee im Norden zurück. 

 

August gewinnt 1709 die polnische Krone zurück, Stanislaw Leszczinski flieht, aber die Kontrolle über Polen bleibt prekär. Augusts "oberste Priorität war es, Polen zu einer Erbmonarchie für das Haus Wettin zu machen, indem er seinem Sohn Friedrich August, geboren 1696, die Nachfolge sicherte." (Blanning, S.245)

 

1714 großer Sieg der russischen Flotte über die schwedische. Ende der schwedischen Seehoheit.

1715/16 polnische Konföderation gegen August. Nach sächsischem Sieg dann Frieden von Warschau. Der König hat nun stehendes Heeer von 24 000 Mann, welches aus dauerhaften Steuern der Gutsbesitzer der Szlachta finanziert wird. Aber es reduziert sich dann auf 18 000 aus finanziellen Gründen. Allerdings kann August die Personalunion nicht in eine vollständige Union verwandeln. Reformvorstellungen Augusts lassen sich dann wie die seines Nachfolgers nicht mehr umsetzen.

Der Zar gewinnt schon 1711 Kurland. Er gewinnt Unterstützung in Polen und hat dort 40 000 Soldaten stationiert. 1718 Allianz von Kaiser (Karl VI.), Sachsen und Hannover (George I.) Karl XII, stirbt und es folgt ein Umsturz in Schweden. Konstitutionelle Monarchie. Beim Frieden mit Hannover verliert Schweden 1719 Bremen und Verden. Bei dem mit Preußen 1720 verliert es Stettin und Westpommern. 

Beim Frieden 1721, der unter Ausschluss von August zustande kommt,  besitzt der Zar die größte Flotte im Ostseeraum. 1725 akzeptiert Österreich die russische Hegemonie in Osteuropa. 

 

1719 unsäglich teure Hochzeit des Sohnes mit Maria Josepha von Habsburg, die auf alle habsburgischen Ansprüche wie ihre Schwester verzichtet hatte.

 

Heeresreform, 1730 große Truppenschau von Zeithain mit großen Festivitäten

 

Januar 1734 wird August III. zum polnischen König gekrönt. Bie Warschau wird im September von rund 13 000 anwesenden Szlachta Stanislaw Leszczynski zum König gewählt. Im Oktober wird unter Aufsicht eines russischen Heeres von etw 3000 Szlachta August gewählt. Kurzer "polnischer Erbfolgekrieg", in dem Österreich gewinnt.

 

Architekt M.D.Pöppelmann, Bildhauer Balthasar Permoser, Maler Louis de Silvestre, Juwelier J.M. Dinglinger uv.a.

Barockschlösser in Dresden (Zwinger) und Warschau. Pöppelmanns Zwinger soll vor allem den Rahmen für rauschende Feste bieten. Besitzt 450 freistehende Statuen, die unter der Aufssicht von Permoser entstehen.

Neue Oper neben dem Zwinger, die im Parkett und in drei Rängen mit achtzehn Logen 2000  Besucher fassen. Schloss Pillnitz.An einem der Pavillions für die Hochzeit des Sohnes steht geschrieben: Die Fürsten schaffen sich Unsterblichkeit durch große Bauten wie durch große Siege. (in: lanning, S.267)

 

Viele rauschende Feste, von denen das Volk fasziniert ist.

1716 sechs Millionen Reichstaler teure und 26 Tage dauernde Hochzeit des Kurprinzen August mit der Kaisertochter. Kopie des venezianischen Karnevals. Dresden wird durch Vorschriften in eine Barockstadt verwandelt. Der Öffentlichkeit zugängliche Gemälde- und Skulpturensammlung. Grünes Gewölbe. Indisches Schmuckstück für fast 60 000 Reichstaler, Porzellansammlung

 

Augusts Orchester gilt am Ende seines Lebens als das berühmteste in Europa.

Musiker Heinichen, Violinist Johann Georg Pisendel, Kontrabassist Zelenka,  der Flötist Johann Joachim Quantz u.v.a.

Opernkomponist Antonio Lotti. 

 

 

Nation und Volk

 

1687 hält Thomasius in Halle eine der frühen Vorlesungen in deutscher Sprache, was unter seinen Kollegen Empörung auslöst: Discours Welcher Gestalt man denen Frantzosen in gemeinem Leben und Wandel nachahmen solle? Dreißig Jahre später schreibt er dazu:

Als ich für ohngefehr dreyszig Jahren ein teutsch Programma in Leipzig an das schwartze Bret schlug, in welchem ich andeutete, daß ich über des  Gracians Homme de cour lesen wolte, was ware da nicht für ein entsetzliches lamentiren! Denckt doch! ein teutsch Programma an das lateinische schwartze Bret der löbl Universität. Ein solcher Greuel ist nicht erhöret worden, weil die Universität gestanden. Ich muste damahls in Gefahr stehen, daß man nicht gar solenni processione das löbliche schwartze Bret mit Weyhwasser besprengte. (in: Wikipedia zu: Thomasius)

 

In Leipzig ist J.C. Gottsched seit 1624, wird führender Kopf der 'Deutschen Gesellschaft', die deutschsprachige Literatur fördert. Solche entstehen auch anderswo. 1740 meint er: Ist unter allen heutigen Nationen eine, die mit mehr Recht Vaterlanmdsliebe und Stolz hervorruft als Deutschland. (in: Blanning, S.189)

 

 

Hof und Residenz

 

1682 macht Louis XIV. Versailles zu seiner Hauptresidenz. Laut Lieselotte von der Pfalz täglicher Rhythmus von Jagd, danach Spiele und abends Komödie; danach manchmal Ball bis in die späte Nacht. 

 

Bei wichtigen Anlässen erscheint Louis XIV. mit Juwelen übersät, er trägt sie auf Rock und Hut, am Schwertgriff und dem Kreuz vom Orden des Heiligen Geistes.

August II. von Sachsen trägt bei der Hochzeit seines einzigen Sohnes jeden Tag einen anderen Anzug mit einer "darauf abgestimmten Kombination von Juwelen, darunter Diamanten, Rubine, Saphire, Smaragde und (...) Halbedelsteine" (Blanning/August, S.299)

 

Höfe haben wie der sächsische Hofzwerge.

 

 

Feste

 

In den 1660er Jahren beginnt die große Zeit höfischer Großfeste.

Mai 1664 von Louis XIV. veranstaltete 'Plaisirs de l'Isle enchantée', mit denen der König seine junge Mätresse Louise de la Vallière beeindrucken möchte. Acht Tage für 800 Gäste mit Reiterspielen, Balletten, Schauspielen (Molière), Banketten, Feuerwerken etc.

1666 legendär lange Hochzeits-Feierlichkeiten Kaiser Leopolds I.

 

1719 Hochzeit des Wettiners Friedrich-August mit Maria Josepha von Habsburg. Im Oktober 1718 kommen vier Kutschen und fünf Wagen, gefüllt mit Luxusgütern aus Paris, in Dresden an.

 

Sie kommt in einer mit Goldornamenten übersäten Gondel ("Bucentaur") an. Am Ufer wartet August ("der Starke") in einem mit Juwelen im Wert von etwa zwei Millionen Talern, was etwa ein Viertel des sächsischen Jahreshaushaltes ausmacht. (Blanning, S.265) Ein ganzer Monat Festlichkeiten, deren Planung August selbst übernimmt. Unter anderem wird auf dem Fluss eine Schlacht zwischen den Argonauten Jasons und König Aietes von Kolchis dargestellt, die am Ende in einem Feuerwerk den Sieg Jasons feiert. Ballette, Ballettopern, Serenaden, drei ganze Opern

 

 

Favoriten und Mätressen

 

Mustergültig für die Mätressenwirtschaft der Zeit ist Louis XIV.  Seine letzte Mätresse, Francoise d'Aubigné, wird mit sechzehn Ehefrau des Komödiendichters Scarron. Lernt dort die Kurtisane Ninon de Lenclos kennen. Einige Zeit nach dem Tod Scarrons wird sie Erzieherin des Kindes der königlichen Geliebten Mme de Montespan und dann auch weiterer Kinder. Diese werden schließlich von Louis legitimiert und an den Hof geholt, wo Mme Scarron nun auch als Gouvernante dient. Sie erringt die Sympathie des Königs und erhält von ihm genug Geld, um Schloss Maintenon zu kaufen, wo sie dann als Marquise etabliert wird. Sie ist nun Vertraute des Königs. Nach dem Tod der Königin 1683 geht Louis mit ihr eine morganatische Ehe ein, die bis zu seinem Tod hält, und in der sie ihn religiös stark beeinflusst.

 

1691 folgt Johann Georg von Sachsen auf seinen ebenfalls reich mit Mätressen gesegneten Vater, macht die sieben Jahre jüngere Magdalena Sibylla von Neitschütz, in die er sich schon drei Jahre vorher verliebt hatte, zu seiner maîtresse en titre und heiratet zugleich die Witwe des Markgrafen von Brandenburg-Bayreuth.  Die Mätresse erhält ein Stadtschloss in Dresden und einen großen Landsitz in Pillnitz. Damit Leopold I. sie zur Gräfin macht, sendet der Sachsenfürst 12 000 seiner Soldaten an den Rhein, um "gegen die Franzosen zu kämpfen und zu sterben." (BlanningAugust, S.23) 

Sie erpresst mit ihrer Mutter von Leipziger Kaufleuten Schutzgelder "mit der Drohung, ihnen ansonsten ihre Handelsprivilegien zu entziehen." (s.o.) Am Ende stirbt sie 1694 schwerreich, u.a. im Besitz von etwa 100 000 Talern. Als Mätresse und Kurfürst beide tot sind, wird die Mutter verhaftet und sogar auch wegen Hexerei angeklagt. Der gesamte Besitz der beiden wird beschlagnahmt. Neben anderen wird auch der an den Acquisitionen der Neischütz beteiligte Kammerpräsident von Hoym eingesperrt, der sich dann aber wenig später mit 200 000 Taler freikaufen darf.

 

August II. von Sachsen soll sich mit sechzehn Jahren an einer Hofdame seines Vaters, der Gräfin Marie Elisabeth von Brockdorff, verlustiert haben. Ist bereits auf seiner Kavalierstour vollkommen promiskuitiv und hält sich dann gelegentlich mehrere Mätressen gleichzeitig. 

Bei dem Entsatz von Wien 1683 gerät u.a. auch das türkische Mädchen Fatima in polnische Hände, gerät bei Militär von Hand zu Hand und wird schließlich August ("dem Starken") zugespielt, der von ihr zwei Kinder erhält, das erste 1702.

1696 gebärt ihm die Mätresse Aurora von Königsmarck sein erstes uneheliches Kind, während er bereits eher mit Gräfin Anna Esterle zusammen ist, was August aber nicht daran hindert, Aurora ebenfalls bei Hofe zu belassen. Aurora war eben seine erste offizielle maîtresse en titre

 

Unter den vielen Mätressen Augusts ("des Starken") ragt die spätere Fürstin Lubomirska neben vielen anderen heraus. Die Lubomirska war Gräfin von Altenbockum und heiratete 1695 dem Magnaten Lubomirska. Als sie Augusts Mätresse wird, wird der Ehemann mit hohen Posten abgefunden, dann wird mit viel Geld beim Vatikan erreicht, dass sie sich scheiden lassen kann. Mit viel sächsischem Geld wird dann bei Kaiser Leopold erreicht, dass sie den Titel einer 

Fürstin von Teschen erhält.

Eine der nächsten wird Constantia von Hoym, deren Ehemann neben ihr in seinem Schloss auch eine Geliebte hält. Hoyms Abgabe seiner Frau muss bei ihm teuer erkauft werden, und Constantia selbst bekommt eine jährliche Apanage von 100 000 Talern. 1707 erhält sie zudem u.a. Schloss Pillnitz und den Titel einer Gräfin von Kosel. Aber zugleich vögelt er auch weiter mit der Fürstin von Teschen, mit Fatima und einer Henriette Duval. Um 1712 kommt dann eine sehr junge Gräfin Dönhoff. Constantia wird nun in Pillnitz praktisch gefangen gehalten, von wo sie 1715 flieht, eingefangen wird und 49 Jahre in strenger Einzelhaft verbringen muss.

 

Umgekehrt hält sich Zarin Katharina II. u.a. mit Saltykow, Poniatowski, Orlow und Potjomkin Favoriten, die zugleich ihre Bettgespielen sind. 

 

 

Sammel-Leidenschaft

 

August II. von Sachsen nutzt seinen Hofjuwelier Johann Melchior Dinglinger für die Herstellung zahlreicher Juwelierarbeiten als auszustellende Sammelstücke. Sieben Jahre ab 1701 dauert alleine die Arbeit am 'Hofstaat zu Delhi am Geburtstag des Großmoguls Aureng-Zeb' mit 175 Figürchen, 3000 Diamanten und anderen Edelsteinen. Es kostet alleine fast 55 000 Taler.

 

Unter August II. entsteht auch das erste deutsche Kupferstich-Kabinett in Dresden. Raymond Leplat wird zum Beauftragten für Augusts Sammelwut: Massen von antiken Skupturen, 1728 sind das in Italien allein 192 Skulpturen aus zwei Sammlungen. Dazu kommen zahlreiche Gemälde u.a. von Poussin, Giorgione, Rubens u.v.a.  Gemäldegalerie von 62 Metern Länge und 9 Metern Breite.

Im Holländischen Palais entsteht eine Sammlung mit 25 000 Stück Porzellan. 1727 sind es schon 21 000 ostasiatische Stücke und 20 000 aus Meißner Produktion.

Vier Tresorräume des Grünen Gewölbes. 

Im Jägerhof in Dresden und auf Schloss Moritzburg Menagerien mit Löwen, Leoparden, Bären, Straußen etc.

 

 

Kavalierstour

 

Beispiel: Der junge August ("der Starke"). Längere Aufenthalte in Paris und Versailles (1687/88) Oper und Schauspiel (Corneille, Molière, Racine). Venedig: " Bälle, Bankette, Bordelle, Spielhöllen, Theater, Opernhäuser", fasst Blanning zusammen. Und natürlich reichlich Mädchen und junge Frauen. 

 

 

Käuflichkeit

 

Wo Geld ins Spiel kommt, werden Menschen mehr oder weniger käuflich. Und gekauft wird nicht nur die Arbeit von Huren und von Lohnarbeitern, gekauft werden auch Entscheidungen und nicht zuletzt Wahlentscheidungen. Je mehr Geld im Umlauf ist, desto höher werden dabei die Summen.

 

Nach dem Klassiker der Wahl Karls V. ragt u.a. die von August II. von Sachsen zum polnischen König 1697 heraus, die teuer ist, da jeder polnische Adelige teilnehmen kann, und Magnaten wie Slachta "Geld bar auf die Hand haben" wollen. (BlanningAugust, S.64) Also werden die sächsoschen Kronjuwelen in Wien gegen einen Kredit von bis zu einer Million Guldenverpfändet, das Amt Borna wird auf 24 Jahre für 300 000 Taler verpfändet, und für 300 000 Taler werden die Rechte an der Abtei Quedlinburg an Brandenburg verkauft so wie für 1 100 000 Gulden das Herzogtum Lauenburg an Braunschweig-Lüneburg. Behilflich ist er gerade eingestellte Hofjude Berend Lehmann. Am Vorabend der Wahl kommt Lehmann mit einer Wagenladung von Fässern, die 40 000 Taler in Münzen enthalten, die direkt ans Slachta-Wahlvolk verteilt werden.

Um dann in Krakau zunächst vom dortigen Starosten verweigerten Zugang zu den Kronjuwelen zu bekommen, muss dessen Gemahlin ein Diamant-Armband und er eine goldene Dose bekommen. Weitere Gegnerschaft in Polen muss dann mit weiteren Geschenken beseitigt werden.

 

 

Adel

 

Immer noch herrschen Könige und Fürsten, und der Adel besitzt weiter seine Privilegien auch in den höheren Rängen der Kirche und beim Militär. Die Verwaltung ist aber nunmehr weit überwiegend in der Hand bürgerlicher Experten, meist Juristen, und nicht wenige von ihnen werden in den (Amts)Adel erhoben. Dieser wächst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit dem alten (Schwert)Adel zusammen.

In Frankreich machen alter und Amtsadel zusammen vielleicht 1,5% der Bevölkerung aus. Der alte Adel schrumpft aber durch Aussterben und wird dann durch Neuzugänge aufgestockt. 

1701 wird dem französischen Adel auch der Großhandel erlaubt. Wirtschaftlich nähern sich damit Adel und Großkapital stärker an. Zudem nimmt der Anteil des größeren Kapitals am Grundbesitz zu. Dabei entsteht "durch Bewirtschaftung großer Landgüter, fortgesetzte Geldgeschäfte und den Kauf in der Familie weitervererbter königlicher Ämter" eine Art französische Gentry. (Durand2, S.533) Diese hebt sich sowohl vom Hofadel wie vom verarmenden Landadel ab.

In England sind Gentry und Adel schon seit dem Ende des 16. Jahrhunderts an Aktienhandel und ähnlichen Geschäften beteiligt.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nimmt dann auch auf dem Kontinent das zu, was Durand als "Merkantilisierung" des Adels bezeichnet. (2, S.527)

 

 

Untertänigkeit

 

Als Johann Georg von Sachsens Mätresse Magdalena 1694 an den Pocken stirbt, verfügt der Fürst, dass die gesamte Bevölkerung der Stadt bei der Begräbnis-Prozession die Straßen säumen muss. (BlanningAugust, S.23)

Wenn August ("der Starke") zu Besuch nach Leipzig kommt, wird das mit Volksbelustigungen verbunden: Umzüge, Feuerwerke, Fischerstechen.

Als Maria Josepha für ihre Hohzeit in Dresden ankommt, säumen 1300 Einwohner in roten und grauen Uniformen die Straßen. "Vor dem Schloss hatten sich, ebenfalls uniformiert, die Landstände aufgereiht, dazu die kurfürstlichen Jäger mit Jagdhörnern. (Blanning, S.165f)

 

Sogenanntes Bürgertum

 

Schon 1650 schreibt der Kaufmann Coquault aus Reims in seinen Erinnerungen:

Soviel zu Stand, Leben und Stellung der Herren Junker, die sich vornehmer Herkunft rühmen; und viele Adelige leben kaum besser ud taugen nur dazu, zu schlemmen und die Bauern in ihrem Dorf arm zu fressen. Um wieviel vornehmer sind doch da die ehrbaren Stadtbürger und guten Kaufleute: Von sanftmütigerem Wesen, zeigen sie einen gesitteteren Lebenswandel und ein vorbildlicheres Betragen, halten Familie und Hausstand in pünktlicher Ordnung, tun, was in ihren Kräften steht, geben niemandem Anlass zu murren, bezahlen jeden, der für sie arbeitet und begehen v.a. niemals eine feige Tat. (...) man darf beim Adel keine Tugend mehr suchen. (in:Durand2, S.536)

Robespierre kündigt sich bereits an.

 

Die Lebenshaltungskosten steigen mit dem Reichtum von Minderheiten. Was heute Konjunktur heißt, ist für die Menschen damals ein Auf und Ab der Preise, von den Mieten bis zu den Lebensmittel-Preisen. 1787 schreibt Arthur Young von Bordeaux aus:

Man klagt, dass die Lebenshaltungskosten in zehn Jahren um 30 Prozent gestiegen sind. Nichts kann deutlicher beweisen, welchen Fortschritt der Wohlstand inzwischen gemacht hat. (in: Durand2, S.181)

 

Der reiche Leipziger Kaufmann Andreas Dietrich Apel besitzt am Marktplatz einen so luxuriösen barocken Stadtpalast, dass August ("der Starke") bei seinen Messebesuchen immer wieder dort residiert.

 

 

Lohnarbeit und Armut

 

Schon Thomas Hobbes stellt fest, das die individuelle Arbeitskraft eine Ware ist, aber das wusste man im Kern schon viel früher. Im 17./18. Jahrhundert steigt die Zahl der Menschen auf dem Arbeitsmarkt immer mehr an, um schließlich in den größeren Städten überall im lateinischen Abendland zumindest die 50% zu erreichen oder zu übersteigen. 

 

Im 17. Jahrhundert ist das weitere Umland um Leiden so wohlhabend, dass es Amsterdam beliefert. Leiden konzentriert also alle Arbeitsschritte textiler Produktion mit preiswerten Textilien mittlerer Qualität in der Stadt. Um 1670 sind von rund 70 000 Einwohnern 45 000 Textilarbeiter, darunter viele Frauen und Kinder. Es werden Arbeitersiedlungen gebaut, aber viele leben auch in engen Mietwohnungen. Die Stadt wird von wenigen Privilegierten kontrolliert, die kartellartig Preise und Löhne festsetzen. Unruhen der Arbeiterschaft werden zu unterbinden versucht, indem man ihr das Rederecht auf eigenen Versammlungen verbietet.

 

Ähnlich werden  manchmal gewalttätige Aufstandsversuche in der Textil-Arbeiterschaft Englands mit Gewalt unterbunden. Einzelne Aufrührer werden gehängt.

 

In einem 'Livre commode des adresses de Paris pour 1692' werden Tips wie der folgende gegeben:

"Wer eine Magd sucht, begibt sich ins Empfehlungsbureau in der Rue de la Vannerie, wer einen Diener braucht, auf den Marché Neuf und wer einen Koch einstellen will, auf den Grèveplatz. Wird ein Gehilfe oder Handwerksgeselle benötigt, so verfügen sich Kaufleute in die Rue Quincampoix, Wundärzte in die Rue des Cordeliers und Apotheker in die Rue de la Huchette; Maurer und Handlanger aus dem Limousin  bieten auf dem Grèveplatz ihre Dienste an, während sich Schuster, Schlosser, Schreiner, Küfer, Büchsenmacher, Garköche und andere selbst verdingen, indem sie in den Werkstätten und Küchen vorstellig werden." (Durand2, S.48)

 

Die Bevölkerung nimmt zu. Immer mehr Proletariat zieht in die Städte. Zu Lissabon für 1772 heißt es, dass die hohen Löhne Riesenscharen aus der Provinz Galicien ins Land (ziehen), die wir hier >galegos< nennen und die in dieser Hauptstadt sowie in den wichtigsten portugiesischen Städten als Träger, Handlanger und Domestiken arbeiten wie die Savoyarden in Paris und den anderen Großstädten Frankreichs. (in: Durand2, S.225) 

 

Inzwischen soll es um die 10 000 Landstreicher in und um Lissabon geben, "marodierende Matrosen, Fahnenflüchtige, Zigeuner, Hausierer, fahrendes Volk, Gaukler, Krüppel, Bettler und Strolche aller Art." ( Gelegentlich gibt es Massen-Verhaftungen, und man schickt die so Eingefangenen nach Goa.

Laut Malesherbes gibt es im Frühjahr 1776 in Paris

ungefähr einundneunzigtausend Personen ohne festen Wohnsitz. Sie ziehen sich abends in irgendwelche Bruchbuden oder Notquartiere zurück und erheben sich morgens ohne zu wissen, wovon sie den Tag bestreiten sollen. (alles in: Durand2, S. 564)

 

Im 18. Jahrhundert nimmt die Zahl der Streiks/Arbeitsniederlegungen von Gesellen in deutschen Städten zu. Zwischen 1700 und 1806 sind für 22 größere Städte insgesamt 511 Arbeitsniederlegungen bekannt. (Rosseaux, S.68) 

 

Bier und Wein alkoholisieren mehr oder weniger den Alltag, der Suff ist ein Thema nicht nur in den Städten. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts nimmt dann der Konsum von billigem Branntwein ("Fusel") immer mehr zu. Im Durchschnitt werden in Berlin um 1780 viermal so viel Spirituosen getrunken wie heute. (Rosseaux, S.128)

 

 

 

Das Land

 

1648 Aufstand der bis zu 300 000 kosakischen und ukrainischen Bauern gegen Polen-Litauen, angeführt von Bohdan Chmelnykyi, Hass auf Adelige, Städter und Juden und Lust am Plündern.

 

Land ist längst eine Ware wie jede andere und wird genauso gekauft und verkauft. Inzwischen gibt es Zeitungsangebote für Landverkäufe. Grundeigentum wird Spekulations-Objekt.

 

Vor 1798 kontrolliert der Adel in Frankreich 20% des Grundbesitzes. (Durand2, S.281) Daneben nimmt insbesondere im Umfeld der Städte der bürgerliche Grundbesitz zu. Dieses wird an Pächter vergeben, die nach kapitalistischen Kriterien operieren und immer mehr Lohnarbeiter einstellen. Manche werden zu Großpächtern einer ganzen Anzahl von Gütern. Dieser Pächter wird "durch den Besitz des langsam angehäuften Kapitals (..) mehr und mehr zum Unternehmer." (Durand2, S.306)

Auf der Terra Ferma von Venedig geht immer mehr Land in die Hände von Patriziern über, die es von Verwaltern nach Kriterien der Wirtschaftlichkeit bestellen lassen. Ein System aus Verwalern, Vorarbeitern und Tagelöhnern entsteht. Eine patrizische Landbesiedlung mit ihren Palästen und Festen setzt sich durch. 

In der Toskana machen sich schon seit dem späten 14. Jahrhundert die Halbpachthöfe breit, die städtischem Kapital gehören und von poderi aus kontrolliert werden. In dem Maße, in dem sich die Toskana auf Öl und Wein spezialisiert, wird sie von Kapital durchdrungen. Andere Grundnahrungsmittel müssen dann eingehandelt werden.

Hocharistokratische Großgrundbesitzer kontrollieren die römische Campagna  und geben sie an Verwalter ab, die nur die wertvollsten Ländereien selbst verwalten und die minderen Gebiete unterverpachten.

 

Im südliche Spanien beginnt mit der späteren Reconquista Großgrundbesitz und setzt sich dann immer mehr durch.

 

Erhebliche Teile der Landbevölkerung leben weiter in enormem Elend. Es gibt weiter hin und wieder kleinere Bauernaufstände im ehedem lateinischen  Europa

 

Das Dorf teilt sich in Bauern und Lohnarbeiter. In einer Statistik von 1698 gibt es abgesehen von Mägden ohne Frauen und Kinder "für den Gerichtsbezirk von Orléans folgende Ziffern: 23 812 Hufbauern, 21 840 Winzer, 2121 Müller, 539 Gärtner, 3160 Hirten, 38 444 Tagelöhner, 13 696 Mägde, 15 000 Knechte. (...) Auf 120 000 werktätige Personen treffen also über 67 000 Lohnempfänger." (Durand2, S.273)

 

Sogenannte 'Agrarbewegung' von Beamten, reichen Kaufleuten und Handwerkern, die in Stadtnähe Mustergüter anlegen und zum Teil dort Sonderkulturen wie Maulbeerbäume oder Krapp anbauen. (Siehe Wieland).

 

Um die Erträge in der Nahrungsproduktion, die bislang eher stagnieren, zu steigern, werden seit der Spätzeit des 18. Jahrhunderts mit Mitteln der Flurbereinigung die Gewannfluren zu großen Blöcken zusammengefasst und auch der Rest der Allmende wird aufgeteilt. Erst jetzt entsteht dann eine von feudalen Rahmenbedingungen befreite Bauernschaft, der es bald gelingen wird, die massiv anwachsende städtische Bevölkerung mit Maschineneinsatz und Industriedüngern zu ernähren. Solche Bauernbefreiung führt dann aber auch zur Verminderung ihrer Zahl, und die Überzähligen wandern in die Industrien der Städte ab.

 

 

Kirche und Religion

 

In Frankreich beklagen Geistliche weiter das oft wenig fromme Verhalten in der Kirche. 1619 heißt es zu Toulouse u.a.: 
Dann gibt es noch Frauen, die, ihrer natürlichen Sittsamkeit vergessend und als hätte die Taktlosigkeit alle Scham und allen Anstand weggewischt, sich dieselben Freiheiten wie die Männer herausnehmen und sich während der Gottesdienste tuschelnd in profaner Rede mit der Jugend unterhalten. (in: Muchembled, S.238)

 

Das magische Weltbild schwindet in der protestantischen Welt nach und nach etwas, bleibt aber durch die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts noch vielerorts mit Astrologie, Kabbala, esoterischer Hermetik und Alchemie bestehen, wobei die letztere mit der Suche nach dem Stein der Weisen in den 70er Jahren noch einmal einen erheblichen Aufschwung erlebt.

 

Der Hexenglaube, dem auch ein Rationalist wie Jean Bodin anhing, besteht durch das 17. Jahrhundert teilweise weiter. Der Jesuit Friedrich Spee von Langenfeld hält in seiner Cautio Criminalis von 1631 an Hexenvorstellungen fest, lehnt aber die Art der Hexenprozesse ab. 1660-75 gibt es eine neue Verfolgungswelle in Deutschland. Zwischen 1665 und 1681 werden unter dem Bürgermeister Cothmann im westfälischen Lemgo mehr als 100 Menschen als Hexen bzw. Hexer hingerichtet.

1682 beschließt Louis XIV., die Hexenverbrennungen einzustellen.

1691/93 schreibt Balthasar Bekker 'De betooverde weereld' dann gegen den Glauben an Hexen, Zauberer, Kobolde und Teufel an, und 1701 Thomasius mit 'De crimine magiae'.

 

Richard Baxter (1615- 91) 'A Christian Directory'

Seit den 50er Jahren des 17. Jahrhunderts begründet George Fox die Society of Friends, von ihren Gegnern Quaker genannt. Sie lehnen den Eid, den Kriegsdienst und weltliche Vergnügungen ab und haben schweigende Gottesdienste.

 

Zwischen 1660 und 1680 plant William Penn eine Quaker-Kolonie in Nordamerika. 1681 begleicht Charles II. Schulden, indem er ihm ein großes Gebiet in Nordamerika vermacht: Pennsylvania (damals auch mit Delaware). Quaker, deutsche Mennoniten und andere evangelische Gruppen wandern ein.

 

1660 wird in England die anglikanische Kirche wieder hergestellt und in Schottland noch einmal das Episkopat. 1690 dann Rückkehr zum Presbyterianismus. 1661 Corporation Act, der Nicht-Anglikanern Zugang zu lokalen Ämtern verbietet. 1662 verlieren rund 2000 Pfarrer ihre Stelle, die ds revidierte Book of Common Prayer benutzen. 1664 gibt es Haftstrafen auf nonkonformistische Gottesdienste. 1673/78 nach zwei Test-Acts ist sogar das Oberhaus von katholischen Lords gereinigt.

 

Ab 1685 Rekatholisierungspolitik durch James II., die zur 'Glorious Revolution' von 1688 führt. Unter William verbessert sich die Lage der Katholiken etwas.

 

Inzwischen ist das Papsttum machtlos und verschuldet.

 

1682 sechs Gallikanische Artikel durch Bischof Bossuet.

1685 Edikt von Fontainebleau, Massen-Auswanderung von mehr als einer halben Million Hugenotten.

 

1701 wird im Act of Settlement festgelegt, dass englische Könige der anglikanischen Kirche angehören müssen.

1715 landet der Pretender James Edward in Schottland, und der Aufstand dort wird niedergeschlagen.

1718 dürfen nicht-anglikanische Protestanten öffentliche Ämter einnehmen und seit 1727 auch ins Unterhaus gewählt werden.

 

Vielerorts in deutschen Landen Intoleranz zwischen reformierten und lutherischen Gemeinden, wie bis tief ins 17. Jahrhundert in Mannheim. Erst 1673 dürfen Lutheraner Pfarrer haben, die aber aus der Staatskasse besoldet werden, um sie so unter landesherrlicher Kontrolle zu halten. Sie dürfen auch keine Kollekten abhalten. Ab 1652 erhalten auch Katholiken hier Bürgerrecht, dürfen aber keine Gemeinde bilden.

Ab 1685 regiert die katholische Linie Pfalz-Neuburg und fördert nun sehr aktiv auch in Mannheim die römische Kirche, wo ab 1720 die kurpfälzische Residenz ist.

August ("der Starke") sorgt dafür, dass Juden während der Messen ihre Religion ausüben dürfen und dort auch gleichberechtigt operieren dürfen.

 

1724 Thorner Blutgericht: Die Katholiken in der überwiegend protestantischen Stadt wütend, dass die Protestanten sich weigern, während der Fronleichnamsprozession die Hüte abzunehmen und niederzuknien, als eine Marienstatue vorbeigetragen wird. Eskalation führt zum Sturm von Protestanten auf das Jesuitenkolleg. Zehn Protestanten, darunter der Bürgermeister, werden auf dem Markt öffentlich enthauptet, die protestantische Kirche der Stadt wird von den Katholiken übernommen, das protestantische Gymnasium wird geschlossen.

 

1731 zwingt der Salzburger Erzbischof mehr als 10 000  verbliebene Protestanten zur Auswanderung. In Österreich protestantische Untergrund-Gemeinden und 

unter Maria Theresia Zwangsbekehrungen und brutale Deportationen nach Siebenbürgen und Ungarn.

 

1745 landet Bonny Prince Charly in Schottland und unterliegt ein Jahr später bei Culloden.

 

Zwischen 1759 und 1767 müssen die Jesuiten Frankreich, Portugal, Spanien und beide Sizilien verlassen.

 

Ab 1765 Mitregentschaft Josephs II. und ab 1780 Alleinherrschaft.

1781 sogenanntes Toleranzedikt Kaiser Josephs II. für Österreich, aber mit bestehenden Abstufungen für Gruppen der Protestanten. Kontemplative Abteien werden von ihm geschlossen und das Geld in einen Religionsfonds eingebracht , um so Priester zu bezahlen.

 

 

Freimaurer etc.

 

1717 in London

1738 Eintritt von Kronprinz Friedrich von Preußen 1740 gründet er seine eigene Loge in Berlin nach der Thronbesteigung.

 

 

Lesen und Schreiben

 

Stadtbibliotheken wie in Leipzig um 1700 und zudem Universitätsbibliothek.

Im 1800  Jahrhundert nimmt das Lesen in deutschen Landen erheblich zu

1665 erscheint mit dem 'Journal des scavans' eine frühe Zeitschrift. Ab 1682 erscheinen in Leipzig die wissenschaftlichen 'Acta Eruditorum'. 1688-90 gibt Thomasius in Leipzig die 'Monatsgespräche' heraus, der er vorwiegend auch schreibt. Auch Gottsched gibt Zeitschriften heraus.

 

Schule

 

Der Nachwuchs an Beamten und Theologen wird in deutschen Landen an Elementarschulen, Lateinschulen und Gymnasien herangezogen.

Druckmetropolen Leipzig und Frankfurt.

Aufkommender Toleranzgedanke - Aufklärung

 

In Polen kann der niedere Landadel um 1700 meist noch nicht schreiben.

 

 

Die sogenannte Aufklärung

 

Gemeinhin wird ungefähr vom 17. Jahrhundert als dem eines Rationalismus und dem des 18. von einem der Aufklärung.  

 

1588-1679 Thomas Hobbes: Leviathan

 

Seit etwa 1665/1666 entwickelt Newton die Infinitesimalrechnung, die Theorie des Lichts und seiner Verbreitung durch kleinste Teilchen und die Gravitations-Theorie. Empiristischer Anti-Cartesianismus.

Huyghens erklärt schon um 1650 das Licht mit seiner Wellentheorie. Die Gesetze der Natur, die nun immer wissenschaftlicher erforscht werden, wird langsam des religiösen Kontextes entkleidet. Die Welt wird zunehmend mathematisiert.

 

Aufbauend auf dem französischen "Rationalismus" entwickelt sich ein Vernunft- und Fortschrittsglaube samt Geschichtsoptimismus, der etwas breitere Kreise der Belesenen erreicht, wenn auch nicht die meisten Menschen. Mit Pierre Bayle (1647-1706) wird es bei einem einzelnen nunmehr denkbar, dass man auch gegenüber Atheisten tolerant sein könnte.

 

Die Aufklärung ist von Anfang an in eine früher einsetzende französische und eine zunächst oft von Pfarrern oder Theologen betriebene, sich dann ins idealistische wendende deutsche gespalten. 

Neues Menschenbild 

 

Arouet/Voltaire (1694-1778), harte Kritik an der katholischen Kirche 

 

Montesquieu

 

Diderot

 

David Hume (1711-76) 'An Enquiry Concerning Human Understanding' (nach 1748)

 

Gotthold Ephraim Lessing (1729-81) Religiöse Toleranz im 'Nathan'

 

Immanuel Kant (1724-1804)

 

Zarin Katharina II. führt ausführlichen Briefwechsel mit Voltaire, lädt Diderot zu sich ein, fördert ihn und liest Montesquieu, setzt aber als Zarin diktatorische Herrschaft in ihrem Reich durch.

 

 

Aufklärung als kapitalistischer Fortschritt

 

Benjamin Franklin (1706-90) Calvinistischer Vater, Druckerlehre, Drucker-Unternehmer, Verleger, in der Mitte seines Lebens Rentier, dann Politiker und schließlich Staatsmann. 

Advice to a young tradesman (1748)

Remember, that time is money. (...) Remember, that trade is money. (...) Remember, that money is of the prolific, generating nature. (...) After industry and frugality, nothing contributes more to the raising of a young man in the world than punctuality and justice in all his dealings; therefore, never keep borrowed money an hour beyond the time you promised, lest a disappointment shut up your friends purse forever.

 

Adam Smith: Wealth of the nations (1776)

It is not from the benevolence of the butcher, the brewer, or the baker that we expect our dinner, but from their regard to their own interest. We address ourselves, not to their humanity, but to their self-love, and never talk to them of our own necessities, but of their advantages. Nobody but a beggar chooses to depend chiefly upon the benevolence of his fellow-citizens. Even a beggar does not depend upon it entirely. (I,2)

 

(Aber im verwissenschaftlichten Rassismus wird sich das Unheil der Wissenschaften am Ende so offenbaren wie in der Erfindung der Atombombe und anderen Unheils, hinter dem völlig überforderte und darum verantwortungslose Menschenmassen hinterher laufen.)

 

 

Justiz

 

Grausamkeit der Strafen bleibt zunächst. Bekannt wird, wie Patkul durch Karl von Schweden bestraft wird: In einem Kreis von 300 schwedischen Reitern wird er aufs Rad gebunden, Darauf zerschlägt ihm der Henker mit einem Vorschlaghammer alle Knochen bis zum Rückgrat. Dann wird der Kopf abgeschlagen, und der Körper wird gevierteilt und auf der Straße nach Warschau aufgestellt. (BlanningAugust, S.176).

 

Ansatzweise im 17. und dann im 18. Jahrhundert setzen juristische Vertreter der "Aufklärung" sich für Einschränkungen der Folter ein, die zur Hinzuziehung von Ärzten in einzelnen Fällen führen und die 1771 im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel als "aufgeklärter" Herrschaft zur letztmaligen Anwendung der Folter führen.

 

Die Idee, dass missglückte Integration in den Untertanenverband des Staates in Bereichen der Unterschichten durch staatlich verordnete Erziehung kompensiert wird, beruht auf dem sich immer mehr durchsetzenden Gedanken, dass zumindest unterhalb von Kirche und Adel Untertanen quasi Eigentum in der Verfügungsgewalt dieses Staates sind, ein Gedanke, der sich dann bis heute für alle durchsetzt. Die Idee korrelliert mit jenem Gedanken, der im 20. Jahrhundert als "Resozialisierung": Strafe auch zum Zweck der "Besserung". Unter den Bedingungen des 17. bis 19. Jahrhunderts mit Überfüllung, fehlender Hygiene, miserabler Ernährung und Wärterwillkür mit regelmäßigem Prügeln wird mehr noch als heute eher das Gegenteil erreicht. Dazu kommt, dass Urteile oft nicht einmal die Dauer der Strafe festlegen.

 

Die Idee, dass sich Zuchthäuser als Anstalten der Zwangsarbeit selbst tragen oder gar Gewinn abwerfen könnten, bleibt ebenfalls illusorisch, auch wenn dann reine Strafanstalt und Zwangsarbeits-Haus getrennt werden.

 

Spätestens im 18. Jahrhundert sind Zuchthäuser überall überfüllt, da man neben Dieben Vagabunden, Zigeuner, ja Alkoholiker und Faulenzer, Bettler und selbst Kinder hier einsperren will. Schon in Hamburg 1614 soll das neue Zuchthaus dazu dienen, dass dadurch die Armen unterhalten und die Bettler abgeschafft werden. Die Straße soll, heißt es andernorts, so viel als muglich von dem Gesindel gesäubert werden.  (SchubertRäuber, S. 148)

 

1743 schafft der preußische zweite Friedrich die Todesstrafe ab und 1771 geschieht dasselbe in den Herzogtümern Schleswig und Holstein. Das ist sicher auch Resultat von Argumentationen akademischer Juristen, die jener Vorstellungswelt verpflichtet sind, die sich dann im Nachhinein Aufklärung nennt und in Cesare Beccaria einen bedeutenden Vertreter hat. Dieser neue Rationalismus aber wirkt nur auf wenige Fürsten, den kleinen Kreis eines "Bildungsbürgertums", darunter auch einige Richter, ein und bleibt ein zweischneidiges Schwert, vertritt er doch am Ende im Ergebnis einen immer totalitäreren Staat.

 

Zwischen Schillers ernsthafterem 'Verbrecher aus verlorener Ehre' und Vulpius trivialem 'Rinaldo Rinaldini' entstehen Vorformen des Kriminalromans.

 

 

Ehe und Familie 

 

Während in bäuerlicher Landwirtschaft und Handwerk das "ganze Haus" mit seinem Kern aus Ehe und Familie vorherrscht und weithin notwendig ist, nimmt mit der Zunahme des tertiären Sektors in Residenz- und Hauptstädten der Anteil der Erwerbstätigen zu, die nicht mehr Haushaltsvorstände vollständiger Familien sind, sondern Männer mit Dienstboten. Die Auflösung der Familie, die aber erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts überhand nimmt, setzt immer deutlicher ein. 

 

 

Körper

 

In Frankreich setzen sich im 17. Jahrhundert Bücher durch, die von civilité handeln. 1675 hat Antoine de Courtin mit 'Nouveau traité de la civilité qui se pratique en France parmi les honnestes gens' Erfolg:

(...) sich offen mit einem Taschentuch zu schneuzen, ohne sich hinter seiner Serviette zu verstecken, sich damit den Schweiß aus dem Gesicht zu wischen, sich am Kopf oder anderswo zu kratzen, zu rülpsen und zu spucken, sich kräftig und häufig aus dem Bauch vernehmen zu lassen, sind Schmutzigkeiten, die bei jedermann Übelkeit erregen.

(...) Früher war es erlaubt, angesichts bedeutender Persönlichkeiten auf den Boden zu spücken, und es genügte, den Fuß darauf zu stellen; heute ist das eine Unanständigkeit. (...) Früher durfte man das, was man nicht essen konnte, aus dem Mund ziehen und es zu Boden werfen, vorausgesetzt, man tat es geschickt: heute wäre das eine große Unreinlichkeit.

(in: Muchembled, S.225) 

 

In vornehmeren Kreisen wird die Körperbeherrschung bis zum Ende des Ancien Régime weiter zunehmen.

 

Bis durch das erste Drittel des 18. Jahrhunderts wird sich nur sehr selten gewaschen, stattdessen ist saubere Wäsche samt weißen Hemden comme il faut. Das Gesicht wird bis Ende des Ancien Régime kaum gewaschen, sondern mit Schichten von Weiß und Rouge bedeckt, so wie die Kopfform unter der gepuderten Perücke versteckt ist. 

 

Seit dem zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts wird bei Königen und hohen Aristokraten wieder hin und wieder (warm) gebadet. Mitte des Jahrhunderts werden bei vornehmen Neubauten manchmal von vorneherein Bäder eingebaut. Die runden Bottiche werden zu Badewannen verlängert. Wo das fehlt, entsteht das Boudoir mit Waschschüssel oder Krug und Schwamm. Aus Gesundheitsgründen wird bald das kalte Wasser zur allgemeinen Stärkung empfohlen.Wer sonst nichts badet, tut das wenigstens mit den Füßen und manchmal Beinen. 

Nach 1760 entstehen erste Bäder auf Booten auf der Seine, Luxus für wenige Reiche. 1785 gibt es die erste Schwimmschule in Paris an der Seine.

 

Zwischen 1730 und 1750 kommen erste Bidets bei hohen Aristokraten auf und bald wird empfohlen, sie regelmäßig zu benutzen. Nach 1780 werden sie beim Großbürgertum häufiger. Daneben gibt es für die unteren Körperöffnungen inzwischen Kanüle und Spritzen.

 

Kult der Natürlichkeit mit Rousseau.

 

1707-1711 breitet sich die Pest in Polen aus und ihr fallen Zehntausende zum Opfer.

Frühe Krankenhäuser mit Akutversorgung entstehen mit der Charité in Berlin 1727 und dann auch in Stettin (1733) und Hannover (1734). 1784 entsteht das Allgemeine Krankenhaus in Wien.

 

Ein Indikator für das Sexualverhalten sind Zahlen für uneheliche Kinder. In größeren deutschen Städten schwanken sie um 1700 zwischen einem und fünf Prozent. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts erhöhen sie sich in großen Städten wie Berlin oder auch Dresden auf etwa 10 Prozent.

 

 

Amüsement

 

Ende des 17. Jahrhunderts entstehen als Alternative zu Wirtshäusern Kaffeehäuser in Wien, Paris und London. 1694 netsteht das erste in Leipzig, bis 1723 sind es schon acht. 1723 sollen es in London bereits 380 sein. (Muchembled, S.245) Hier gibt es neben Getränken und Zeitungen das gepflegte Gespräch.

Um diese Zeit heißt es:

Gleichwie zu Paris viele Müßiggänger sind / also finden sich davon einige / welche den gantzen Tag über nichts anderes thun / als daß sie aus einem Caffé-Hause ins andere lauffen / und zuhören / was neues passiret. (...) In allen diesen Caffé-Häusern wird kein tabac geraucht / wie in Holland und Tatschland manier ist; wie denn gar wenige Leute von condition in Frankreich den tabac lieben. (...) Es ist auch nicht manier, daß man in den Caffé-Häusern in Karten oder mit Würffeln spielet. Doch spielet man zuweilen das Schachspiel. (Joachim Neimetz in: Muchembled, S.246)  

 

Alkoholkonsum bleibt weit verbreitet. 1728 gründen Frriedrich Wilhelm I. (von Preußen) und August ("der Starke") in Dresden eine "Gesellschaft zur Bekämpfung der Nüchternheit". Ihr Ziel ist der Krieg gegen die Temperenz und verlangt von den Mitgliedern einen Betrunkenheitstest. (Blannign/August, S.327)

 

Bis 1672 Heinrich Schütz Hofmusiker in Dresden.

1680 Collegium Musicum studentischer Musiker gibt in Leipzig öffentliche Konzerte. 1701 gründet Georg Philipp Telemann dort ein Ensemble aus rund sechzig Sängern und Instrumentalisten. Bürgermeister Lange an der Spitze einer Gruppe, die Bach 1723 nach Leipzig holt. Von 1729 bis 36 leitet es der Thomaskantor Bach. Aufführungen in Gaststätten und Kaffeehäusern.

Im 18. Jahrhundert kommen immer mehr öffentliche Konzerte auf. In Hamburg (1722) und Frankfurt/Main entstehen erste öffentliche Konzert-Unternehmen. 1743 entsteht in Leipzig das Große Concert mit Mitgliedern, die jährlich 20 Taler zahlen müssen. 1781 findet das erste Konzert im Gewandhaus statt. Ähnliches kommt in Mannheim und Berlin zustande.

Zur höfischen Oper komm 1677 die öffentliche Hamburger Oper. Auf seiner Kavalierstour begeistert sich August ("der Starke") für die italienische Oper.

 

Erst Ende des 18. Jahrhunderts kommen weitere öffentliche Opern hinzu.

 

Bürger gründen schon im späten 17. Jahrhundert Theater-Gesellschaften. Inzwischen gibt es auch deutsche Wandertheater. 1765 gibt es ein festes, privatwirtschaftliches Theater in Berlin, weitere folgen in Leipzig, Frankfurt/Oder und Frankfrurt/Main. Das auch von Lessing gegründete Hamburger Nationaltheater scheitert dagegen bald an finanziellen Schwierigkeiten. Aber dann werden staatliche Theater eröffnet.

 

Im Umfeld großer Städte werden Vergnügungsgärten mit Buden und Ständen eingerichtet, von denen der 1766 eingerichtete Prater der bekannteste ist. Schaukeln und Karussells kommen auf.

 

Kurorte: Karlsbad, Marienbad, Pyrmont für ein adeliges und großbürgerliches Publikum. Glücksspiel, Spazierengehen und Promenieren. Dazu kommen im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts erste Fluss-Badeanstalten.

 

Wer es sich leisten kann, nimmt seit dem späten 17. Jahrhundert am Karneval von Venedig teil, dessen Saison vom 26. Dezember bis zur Mitternacht von Fastnachts-Dienstag reicht.

 

Weithin in den Rang von Amüsement gehört im 18. Jahrhundert auch die Grand Tour  vor allem nach Italien, die jungen Herren von Vermögen "die Welt" eröffnen soll

 

 

Kleidermoden

 

Ende des 16. Jahrhunderts schwenken die ersten Reichen von Gold- und Silberstoffen langsam zu Seidenstoffen über. 

Ende des 17. Jahrhunderts siegt englische Tuchmode.

Im 18. Jahrhundert kommen die Indiennes auf, bedruckte Kattune (Baumwolle) aus Indien, die dann in Europa nachgeahmt werden. 1708 schreibt Daniel Defoe: 

Man sieht derzeit Damen von Stand in indische Vorleger gehüllt einherwandeln, die bis vor kurzem ihren Kammerzofen für den eigenen Gebrauch zu gewöhnlich erschienen wären; mittlerweile jedoch sind die Indiennes avanciert und vom Fußboden auf den Rücken der Damenwelt übergewechselt; grobe Teppiche haben sich in Röcke verwandelt. (... in: Durand2, S.190)

 

 

Exotik, edle Wilde und unedle Bauern

 

Mohren gehören schon relativ früh zu Haushalten der Reichen. 

Als Maria Josepha 1719 zu ihrer Hochzeit in die Stadt Dresden in ihrer Galakutsche kommt, geht ihr eine Leibwache voraus, "bestehend aus 24 schwarzen Leibwächtern, die, befehligt vom "Leibmohr",  in weiße Seide gekleidet waren und rote Turbane trugen." (Blanning/August, S.265) Schwarzgeschminkte "Mohren" tauchen dann auch anderswo als Zierde der Hochzeit auf.

 

Anfang des 17. Jahrhunderts erreichen die Indiennes die Salons der Reichen: (...) ja selbst die Königin höchstpersönlich beliebte sich zu jener Zeit mit China und Japan angetan, will sagen, in chinesischen Seiden und Kattunen, zu zeigen.  (in: Durand2, S.190)

 

Zum Weg in den Abstieg der Künste und der Stil-Gebundenheit gehören seit dem späteren Barock die Turquoiserien. Noch während das osmanische Reich Europa bedroht, wird in Einrichtungs-Gegenständen türkisiert. Zur Hochzeit Maria Josephas mit dem sächsischen Thronfolger 1719 gibt es Zelte à la turque und "eine Wache aus vier echten, außergewöhnlich hochgewachsenen Türken, die türkische Tracht und Turbane trugen. Während der gesamten Festivitäten wurde Agust von einem Bataillon türkisch gekleideter sächsischer Soldaten begleitet (...) Der Höhepunkt war ein Orientalisches Bankett." (Blanning/August, S.272f)

 

Im 18. Jahrhundert kommen die Chinoiserien hinzu, insbesondere bei Textilien und Porzellan. Als Schlossausstattung nach 1720 zum ersten Mal in Schloss Pillnitz bei Dresden.

 

Das Konzept vom noble savage kommt auf, gerne als Indianer verstanden, der in einem Zustand ursprünglicher Unschuld lebt. "Beunruhigender und weniger eindeutig, besitzt der Landbewohner oder derjenige, der ärmlich in den Städten lebt, Eigenschaften, die die zivilisierten Leute verurteilen und zum Verschwinden bringen möchten, weil sie sie an einen Teil ihrer selbst erinnern, den sie vergessen wollen." (Muchembled, S.139)

 

Im weitesten Sinne gehört auch der höfische Kult des Landlebens dazu. Ein frühes Beispiel findet während der Hochzeitsfeiern für Augusts II. Tochter 1725 statt. Bei Schloss Pillnitz findet dazu ein Pseudo-Bauernfest statt: Ein ganzes Dorf mit 38 Holzhäusern wird erbaut. um darin Sänger, Tänzer und Schauspieler unterzubringen. Es gibt eine Dorfwiese, ein Gasthaus usw. "Drei Wochen lang konnten die Hochzeitsgäste Freudenfeuer, bäuerliche Beschäftigungen wie Dreschen, eine Entenjagd" usw. erleben. 

 

 

Ausblick

 

Das Bündnis von sklavenhaltenden Plantagenbesitzern mit bürgerlichem Gewinnstreben und bäuerlicher Landwirtschaft führt 1776-83 zusammen mit spätpuritanisch genährtem Hass auf englische "Katholische" zur ersten großen Ablösung einer Kolonie vom Mutterland und der Schaffung einer Präsidialrepublik mit erheblichen staatsbürgerlichen Freiheitsrechten. Gewinngier und offensiv durchgesetzte Kapitalinteressen beginnen mit der weiteren Eroberung des nordamerikanischen Kontinents und der Vernichtung der indigenen "indianischen" Kulturen.  

 

Davon inspiriert tritt der französische Adel für seine Standesinteressen gegen den König auf, und im Zuge dieser Rebellion übernehmen ab 1789 Abenteurer, die sich politisieren, zusammen mit Vertretern von Kapitalinteressen und parareligiösen Politideologen den französischen Staat. Anders als in den USA mündet das alles nicht in mehr Freiheitsrechten, sondern in einem brutal terroristischen Staatsgebilde und nie zuvor dagewesener Unfreiheit.

 

Die Nation ist längst einerseits die ins Ideale verkommene Sehnsucht des kleinen Mannes nach Größe, Vervielfältigung, der sich Demagogen seit langem bedienen. Andererseits wird sie der Binnenmarkt als Startrampe für die weitere koloniale und postkoloniale Ausplünderung der Welt. 1789 wird sie in den Texten der Abenteurer, Phantasten, der Karrrieristen des absterbenden Adels und eines Teils des Dritten Standes zum Agenten der Geschichte. Niemand kann das säkular-theologischer formulieren als der Hocharistokrat Lafayette, der sie gerne als Einheit, Rechtschaffenheit, Fleiß und Genügsamkeit definiert, als union, probité, industrie, frugalité. Das ist, wie leicht sichtbar wird, auch Rousseau,  wenn auch aristokratisch garniert mit honneur und gloire. Das muss man auch nicht einzeln als Zitat belegen, denn Lafayettes Texte schwelgen in diesem Vokabular nationaler Wohlanständigkeit.

 

Während Lafayette mehr der Mann des Schlachtenlärms, der Paraden und der Theatralik ist, dessen Text gerne auf Ernsthaftigkeit verzichtet, formuliert der an die Göttin Vernunft glaubende Abbé Sieyès die Vernunft in seinem wenige Monate vor dem Mai 89 veröffentlichten Programm für diesen Mai doppelt und vom rhetorischen Pathos des dogmatischen Propagandisten getragen: Seine Nation besteht einmal aus den von den französischen Königen zusammengerafften Provinzen und Völkerschaften (schreibt er als Patriot nicht so, er meint aber genau dieses Territorium), zum anderen ist sie identisch mit dem dritten Stand, denen, die seiner Ansicht nach für Wohlstand und Reichtum (in) der Nation zuständig sind. Auf die Frage seines Pamphletes, was der dritte Stand sei, antwortet er nämlich mit: Alles. Die Privilegierten, die nicht zur Nation gehören (Adel und Klerus), sind nicht einmal 2% der Bevölkerung, übrigens eine Quote ähnlich der der Juden im Deutschland von 1933.

Was ist danach eine Nation? Eine Körperschaft von Assoziierten, die unter einem gemeinsamen Gesetz leben und von derselben Gesetzgebung vertreten werden. (Un corps d’associés vivant sous une loi commune et représenté par la même législature.) Der vernunftgemäße Staat, der sich jetzt Nation nennt, ist nichts anderes als eine Firma bürgerlichen Rechts, deren Produkt nach US-Vorbild propagandistisch das Glück der Bürger (citoyens) ist. Wer auf diese Weise nicht glücklich sein möchte, muss entsprechend auswandern oder seiner Verfolgung gewärtig sein. Die Seele des Staatsbürgers, der sein Glück will, brennt fürs Vaterland (L’âme brule pour une patrie.). Das ist dann auch nicht verwunderlich, verzehrt sich doch die Seele des guten Gesetzgebers für das Glück seiner „Bürger“, wie die Untertanen nun heißen. Die wahnwitzige Konstruktion der volonté générale des Rousseauschen Gesellschaftsvertrages, des allgemeinen Willens, wird allerdings bei Sieyès herabgemildert zum intérêt général, jenem „allgemeinen Interesse“, welches in unserer BRD noch mehr abgemildert, aber immer noch bedrohlich genug weiter als Gemeinwohl auftaucht.

 

Festzuhalten bleibt, dass die neue Nation, die in der ersten französischen Verfassung von 1789/90 auftaucht, nicht identisch ist mit dem Staat, und auch nicht identisch wird mit der Bevölkerung dieses Staates, die als peuple auftritt, als Volk neuen Typs, sie wird nun ganz und gar zu einer Schimäre, die sich nur in ihren Inszenierungen zeigt, aber in Schüben allgemeinen Enthusiasmus hervorrufen kann.

 

 

Nachdem das Land hinreichend ruiniert ist, schwingt sich Napoleon zum kaiserlichen Machthaber auf und versucht sich an der Eroberung Europas bis nach Moskau. 

Mit je nach Zustand der Unfreiheit unterschiedlicher Verfassungen entsteht ein instabiles Staatswesen, dessen Kontinuum in der Vertretung von Kapitalinteressen bis hin zu für die Menschen dort ruinösem Kolonialismus führt, wo immer man zugreifen kann.

 

Die französische Revolution wird dann zum Geburtshelfer einer neuen deutschen „Nation“, Napoleon mit seiner Unterdrückungs- und Ausplünderungspolitik hilft, den deutschen Nationalismus als „politischen“ zu erfinden.

 

Im parlamentarisch verfassten England existiert und erweitert sich ein Kolonial-Imperium (empire) mit allen schrecklichen Folgen für die dort "Eingeborenen", welches zu solcher Kapitalakkumulation im Mutterland führt, dass sie in eine massive Industrialisierung mit Dampfkraft, Maschinen und Fabriken mündet, die einen großen Teil der Bevölkerung in ein in großem Elend lebendes Industrie-Proletariat verwandelt. Regierungen vertreten die Interessen des enorm wachsenden Kapitals und seiner Interessen in Übersee.

 

Diese Industrialisierung greift dann bald auf die Kernländer des Kontinents über und ruiniert nach und nach auch hier über ihre sogenannte Befreiung Bauern und produktives Handwerk, zunehmend vor allem auch in den deutschen Landen, die weiter von zahlreichen Fürsten regiert werden. Hier wie in Italien sind es Könige, die eine Reichseinigung herbeiführen, in deutschen Landen die Hohenzollern, die nach Eroberungen die Habsburger und mit ihnen (Groß)Österreich ins Abseits drängen.

Der dritte Napoleon wird auch der Geburtshelfer der italienischen Nation. Dafür, dass der piemontesische König von Sardinien „ihm“ Nizza und Umgebung „schenkt“, unterstützt er die Unterwerfung Mittel- und Süditaliens unter die piemontesische Krone. Als Ergebnis bezahlt das Königreich beider Sizilien mit hundert Jahren Niedergang und der Teil-Überantwortung an kriminelle Vereinigungen mit regionalen Traditionen.

In beiden Fällen bricht dabei eine kurze Welle eines Nationalismus aus, der die dynastischen Interessen und die immer größeren Kapitals flankiert.

 

Der wirtschaftliche Abstieg Spaniens wiederum setzt sich fort und wird vom Verlust der süd- und mittelamerikanischen Kolonien begleitet, den eine postkoloniale spanische Oberschicht dort erreicht, die aber kaum funktionierende staatliche Strukturen zustande bringen. Was bis ins zwanzigste Jahrhundert Bestand hat, sind Teile des portugiesischen, englischen und französischen Kolonialreiches.

 

Die Kapital-Interessen des wirtschaftlich aufstrebenden deutschen Kaiserreiches und des englischen parlamentarischen Imperiums stoßen in der Katastrophe des Ersten Weltkriegs zusammen und verbinden sich mit dem andauernden französisch-deutschen Gegensatz. Im Ergebnis beginnt der von den Alliierten gewollte Niedergang von Restdeutschland, welches nun zur Republik wird, die bis 1933 mit den Ergebnissen der Niederlage zu kämpfen hat. 

 

In den Industriestaaten beginnt eine erste Phase der Sozialdemokratisierung der weiter durch und durch kapitalistisch orientierten Staaten, und es kommt zu ersten Schritten einer Umverteilung von oben nach unten mit dem Ausbau eines sogenannten Sozialstaates, um die Loyalität der proletarisierten Massen zu erhalten. Das misslingt in der Weimarer Republik aufgrund der Nachkriegslasten, während es auf der iberischen Halbinsel, in Italien und dem russischen Zarenreich kaum stattfinden kann. Sozialistische Bewegungen führen im Zarenreich zur bolschewistischen Terrordiktatur, in Spanien zur Gegenbewegung der Falange und dann zur Militärdiktatur Francos und in Italien in den Faschismus, während es Hitler gelingt, mit seinem Nationalsozialismus den deutschen Staat zu übernehmen und bolschewistische Elemente neben seinem Rassenwahn durchzusetzen. In all diesen Ländern findet aus handfesten Interessen nachher keine ernsthafte Aufarbeitung solcher Vorgänge statt. 

 

Der starke Schub der Globalisierung seit dem 16. Jahrhundert verstärkt die Kapitalkonzentration zusammen mit dem tendenziellen Fall der Profitrate. Immer mehr Kapital ist für eine hinreichende Rendite vonnöten. Neben den letzten Resten bäuerlicher Landwirtschaft wird Handwerk inzwischen zum reinen Servicebetrieb, und mit der Digitalisierung verschwinden die letzten Läden als Familienbetriebe und gehen in tendenziell globalisierten Ladenketten auf. Immer mehr Industrie wird in Billiglohnländer verschoben, von denen insbesondere Rotchina langsam in der Entwicklung aufholt und inzwischen die alten Metropolen des Kapitals von sich abhängig macht.

 

Dank zunehmender Sozialdemokratisierung wird fast die gesamte Bevölkerung hier zu einem Proletariat auf derzeit noch hohem Konsum-Niveau. Bezahlen tun das bislang mehr oder weniger diktatorisch regierte Gegenden der Welt mit dem Elend ihrer Menschen. Durch immer stärkere staatliche Regulierung verliert dieses in sich sehr differenzierte Proletariat der nunmehr gänzlich Unselbständigen alle Spielräume des Handelns außer - je nach Geldbeutel - im Konsumbereich und gerät so in einen nie dagewesenen Zustand der Unfreiheit, der kaum noch durch alle paar Jahre stattfindende Wahlen kompensiert wird. Auch dadurch verlieren die Demokratien in dem Maße ihre Attraktivität, in dem inzwischen das Halten des Konsumniveaus für die große Mehrheit immer unwahrscheinlicher wird. Mit den Demokratien ist aber die ohnehin eingeschränkte Rechtstaatlichkeit und Gewaltenteilung gefährdet. Es droht der Absturz in modernistische Despotien wie in Rotchina oder in traditionellere wie in Russland. 

 

Nach den Peuplierungsmaßnahmen seit dem Mittelalter, die die Völker noch integrieren konnten, beginnt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine nicht mehr integrierbare, staatlich organisierte Masseneinwanderung aus den armen Ländern dieser Welt in großen Teilen Europas, deren oberstes Ziel die Bewahrung der Kapitalrendite ist. Damit werden Staaten wie die BRD zu Vielvölkerstaaten, in die die Machthaber der wichtigsten Einwanderer-Länder bereits aktiv hinein regieren, und in denen der Untergang der tradierten Völker absehbar ist. Einwohner werden zur Gänze zu Nummern, hinter denen jene Statistiken stehen, welche ausdrücken, wie Kapital und Staat mit Macht und Geld versorgt werden. Das einst lateinische Abendland, welches den Kapitalismus hervorgebracht hat, wird von diesem nun aufgefressen.

 

Dazu gehört eine massive Wohlstands-Verwahrlosung, von Fraktionen des Kapitals und deren Helfershelfern im Staat mit betrieben, die sich in einer gigantischen Amüsier-Industrie entlädt, die psychosoziale und sexuelle Verwahrlosung als Konsum-Motoren betreibt und neben dem Alkohol immer weitere Drogen benötigt. Ehe und Familie der indigenen Bevölkerungen gehen zurück, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung der Staaten schwindet, das Ideal scheint die Agglomeration atomisierter Einzelwesen zu sein, die hilflos in einem Meer der Haltlosigkeit nach immer neuen Idolen suchen.

 

Schließlich ist noch anzumerken, dass ein archaischer Islam, der in Afrika und Asien immer weiter voranschreitet, dabei zu sein scheint, mit seiner Massen-Einwanderung in großen Teilen Europas zunehmend zur einzigen außerstaatlichen Ordnungsmacht zu werden, wobei er selbst wieder in unterschiedliche Fraktionen und Herkunftsgebiete geteilt ist. Daneben konkurriert eine sich teilweise ethnisch verfestigende organisierte Kriminalität mit den Staatswesen, überall und bssonders in der BRD weithin geduldet.

 

Für die Menschheit entscheidend wird aber die längst eingetretene ökologische Katastrophe mit ihrer Nutzung von immer mehr noch übrig gebliebenen natürlichen Lebensräumen für Staat und Kapital, dem rasant ansteigenden Verlust der Artenvielfalt und der inzwischen von einigen wahrgenommenen Zerstörung der Erdatmosphäre, der offenbar nicht mehr aufzuhalten ist. Fast allen Menschen fehlt der Zugang zu so komplexen Vorgängen, sie fühlen sich - verständlicherweise - überfordert, konzentriert auf die Bewältigung ihres Lebens-Alltags, den immer mehr Menschen dennoch für unbefriedigend halten.