Anhang 27: ENGLAND im 16. Jahrhundert (zu bearbeiten)

 

Kirche, Macht und Frauen

Edward /Mary

Elizabeth I. und ihr Staat

Englische Reformation von unten: Puritaner 

 

 

 

 

Kirche, Macht und Frauen (in Arbeit)

 

Der achte Henry ist ein Bilderbuch-Fürst, ein würdiger Zeitgenosse des ersten französischen Francois, mit dem er 1520 auf dem Güldenen Feld persönlich zusammentrifft, um seine kontinentalen Ambitionen zu demonstrieren. Er ist gutaussehend, wohlgebaut, kräftig und allem mit Talent zugetan, was damals als “Sport” gilt: Reiten, Jagen, Bogenschießen, Tennis. Er ist hochgebildet, sprachbegabt, beherrscht Latein, Französisch und etwas Italienisch, spielt Laute und Virginal, kann vom Blatt singen. (vgl. Suerbaum, S.73ff). Zudem ist er auf seine Art ein frommer Christ und ein theologisch gebildeter Gegner Luthers, - auch die übrigen Reformatoren mag er nicht.

 

Henry liebt die Macht und das Gepränge, die Details der Regierungsgeschäfte gibt er an seine Kanzler ab. Deren erster ist Wolsey, Sohn eines Schlachters mit steiler Karriere, der zweimal versucht, zum Papst gewählt zu werden. Zunächst ist er der passende Partner des ambitionierten Herrschers, der in den Club der Großen seiner Zeit aufsteigen will. Der kandidiert vor den deutschen Kurfürsten als Kaiser, unterliegt aber dem allerkatholischsten Habsburger, dessen Wahl u.a. die Fugger höher finanzieren. Der spanische Thron ist ebenfalls in der Hand des Hauses Habsburg, und Spanien ist seit der Reconquista, der Vertreibung der maurischen Herrscher, eine allerkatholischste Weltmacht. Schließlich ist da Frankreich, einerseits zunehmend protestantisch infiziert, andererseits mit einer ganz und gar katholischen Krone ausgestattet. Der achte Heinrich empfindet sich dabei in diesem päpstlich beäugten und lizensierten Szenarium als ein zu kurz Gekommener.

 

Wolsey muss aber nicht nur abtreten, weil Henrys Machtträume scheitern, sondern wegen eines zentralen Dilemmas im Hause Tudor – des König Schwierigkeiten, sich von seiner von Bruder Arthur geerbten Frau Katharina von Aragon scheiden, bzw. genauer die Ehe annullieren zu lassen. Diese war älter als er, kränkelte und hatte ihm “nur” eine Tochter geschenkt, jene Maria, die später Königin werden wird. Inzwischen hat sich der König in die vornehme Anne Boleyn verliebt, nachdem er vorher schon ein Verhältnis mit einer ihrer älteren Schwestern hatte. Anne wird nun schwanger vom König, und die einflussreichen Astrologen lesen in den Sternen, dass es ein Sohn werden soll, der erwünschte männliche Thronfolger.

 

Aber aller Druck auf die römische Curia nützt nichts, Papst Clemens VII. ist inzwischen nicht mehr frei in seinen Entscheidungen: Als Antwort auf des ersten Francois Versuche, sich Italien einzuverleiben, hatte Kaiser Karl V. Truppen gen Süden geschickt, die Rom eingenommen und mehr noch als damals üblich im Sacco di Roma geplündert hatten. Auch dieser fünfte Karl ist ein sehr frommer Mann, - er wird seine Tage in einem spanischen Kloster beschließen - er beschützt seinen Papst nicht nur, er diktiert ihm nun auch seine Beschlüsse. Der spanisch-habsburgische Karl ist dabei aber Neffe besagter Katharina von Aragon; er ist machtpolitischer Konkurrent Henry VIII. wie Francois I. und lässt nicht zu, dass seine mit riesiger Mitgift von der spanischen Krone auf den englischen Thron gehievte Tante nun von demselben gestoßen werden soll.

 

Erst heiratet Heinrich Lady Anne nun heimlich, dann lässt er die Ehe per Gesetzesänderung legitimieren, indem der Erzbischof von Canterbury die erste Ehe annulliert. Kurz darauf wird ungeachtet aller Sternenguckerei ein Mädchen geboren, Elizabeth, die am Ende bekanntlich auch Königin wird. So hat unser Monarch eine eheliche Tochter verloren (Mary ist plötzlich ein Bastard) und eine gewonnen.

 

Der Papst dreht das um, erklärt die neue Ehe für nichtig und Elisabeth zum Bastard. Darauf wird die englische Kirche in der Suprematsakte der päpstlichen Kontrolle entzogen und entsprechend der des Königs unterstellt , - alles durch Beschlüsse des Parlaments. Von nun an ernennt der König die Bischöfe, die Abgaben an Rom bleiben im Land, und er behandelt ihr Eigentum als das seine. Die geistliche Laufbahn wird zum Staatsdienst schlechthin, wie Suerbaum formuliert (S.87). Paläste widerspenstiger Bischöfe werden zu Steinbrüchen und ihr Besitz wandert in die königliche und andere staatstragende Schatullen.

 

Wenige Jahre später löst Heinrich alle Klöster auf und eignet sich deren Grundbesitz und Einnahmen an, - ähnlich wie die protestantischen Fürsten in Deutschland, ähnlich wie später die französische Revolution. Die moderne vernunftgemäße Macht kennt keine menschlichen Rücksichten mehr, sie wird schrankenlos, ihr Ziel wird der totalitäre Staat, den allerdings erst sogenannte bürgerliche Revolutionen zur Gänze durchsetzen werden.

 

Mit den diversen Reformationen verschärft sich zunächst das Klima der Unduldsamkeit im Abendland, das mit der Verwandlung des Christentums in eine und die einzige Staatsreligion unter Kaiser Konstantin begonnen hatte. In Nord-England kommt es zu einem Aufstand derer, die ihre hergebrachte Religion behalten wollten, der mit einigem Aufwand niedergeschlagen wird. Es kommt zu knapp 50 Hinrichtungen aus religiös verbrämter Staatsraison, das berühmteste Opfer ist des Königs zweiter Kanzler, Thomas Morus, der wegen Hochverrat hingerichtet wird, weil er den Suprematseid nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann.

 

Das Konzept der Staatskirche wird auch in den kleinen protestantischen Fürstentümern Deutschlands durchgesetzt, aber deren Bevölkerung hatte sich vorher weitgehend schon selbst reformiert. In der englischen Bevölkerung hingegen findet die Reformation erst statt, als schon fast alle samt ihrem Herrscher von Rom getrennt sind. Darüber hinaus findet die englische Reformation weitgehend im Rahmen der zu reformierenden Kirche statt, deren großer Vorsitzender der König ist. Das wird nicht gut gehen.

 

Die anglikanische Theologie bleibt zunächst wesentlich katholisch, aber für viele Gläubige, ohnehin mit Theologie überfordert, werden die Veränderungen bedeutsam, die den reformatorischen auf dem Kontinent entsprechen: Die Umstellung von Latein auf die Volkssprache im Gottesdienst macht diesen für fast alle Gläubigen zum ersten Mal sprachlich mitvollziehbar und etabliert die zentrale Bedeutung der Predigt, des sermon. Das magische Moment von Ritus und Sakrament verblasst und schwindet im 18. Jahrhundert ganz. Die Bibel wird übersetzt und dann alleine in englischer Sprache zugelassen. Die Minderheit der Bevölkerung, die sie nun lesen kann und mag, wird das Neue Testament, welches ja erst die römische Theologie genießbar gemacht hatte, weithin beiseite lassen und sich auf das orthodox-jüdische Alte Testament stürzen, welches Glauben und Leben als praktikable Einheit sah. Volksreligiöse Elemente wie Wallfahrten und Heiligenverehrung werden verboten, das Christentum der Frommen wird karg und weniger heiter, das der Mehrheit säkular und konformistisch-desinteressiert.

 

Mit dem Verlust der Mittlerfunktion der Kirche entsteht ganz schnell ein Kult der Unmittelbarkeit. Die unmittelbare Konfrontation mit Gott macht den Menschen unmittelbar vor ihm, und das heißt, vor seinem Gewissen verantwortlich. Die ganze Welt der gläubigen Fiktionen mit ihren so vielfältigen Vermittlungen wird nun suspekt: Rousseau beschreibt in seiner Lebensbeichte seine erste Erweckung als den Verlust von Kindlichkeit, seine zweite als Entscheidung für die Rückgewinnung derselben. Nur vorpubertäre Kinder sind Menschen, denen die Gnade der Unmittelbarkeit tatsächlich gegeben ist. Der abendländische Totalitarismus, der sich langsam entwickelt, wird morgenländische Heilserwartung mit abendländischem Infantilismus verbinden. Man strebt einen Kommunismus an und landet beim Sozialismus. Man strebt einen Sozialismus an und landet bei einem effektiver reformierten Kapitalismus.

 

Heinrichs durch keine päpstlichen Einsprüche mehr behinderter Verschleiß an Ehefrauen führt dazu, dass Anne Boleyn, die ihm keine männlichen Nachkommen schenkt, in einem fingierten Prozess wegen Ehebruchs mit fünf Männern, darunter ihrem Bruder, zum Tode verurteilt wird. Sie ist erst einen Tag tot, da heiratet er schon Jane Seymour, die ihm den erhofften Thronfolger Edward schenkt und dann stirbt. Während der Vater, der ihre Mutter hinrichten ließ, drei weitere Male heiratet, wird Eliabeth, selbst nunmehr Bastard wie ihre ältere Schwester, mit der Abfolge von vier Stiefmüttern konfrontiert.

 

Edward

 

Nach Heinrichs Tod kommt der neunjährige Edward auf den Thron und nähert in sechsjähriger Herrschaft die englische Kirche weiter Positionen kontinentaler Reformation an.

 

"Bloody" Mary

 

Es folgt die (katholische) Maria, die erst Edwards Maßnahmen rückgängig macht und dann alle inzwischen verheirateten Geistlichen aus ihren Ämtern wirft. Fast dreihundert Gegner, darunter mehrere Bischöfe, werden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Viele “Protestanten” fliehen, und zwar dorthin, wo die Reformation besonders erfolgreich war und vor allem in calvinistische Kernlande.

 

 

Elizabeth I. und ihr Staat (1533-1603)

 

Als Elisabeth 1558 ihrer Schwester, welche sie zu ihren Lebzeiten praktisch eingesperrt hielt, folgt, macht sie die Änderungen Marias rückgängig. Spätestens unter ihr wird England dann zum Global Player, der sich mit Frankreich und Spanien wird messen können. Unter ihr kommen aber die von Maria verfolgten Protestanten zurück, deren religiöse Botschaft inzwischen calvinistisch beeinflusst worden ist. Elisabeth, für die Religion letztendlich Privatsache ist, wird sie mit Kompromissformeln noch in Schach halten können. Tatsächlich aber werden Katholiken einerseits, und “Puritaner” andererseits mit der Konstruktion einer Staatsreligion langfristig in mentale Ghettos und die Heimlichkeit gedrängt.

 

Der Staat ist der status, état, state, der Zustand (Hier: der institutionalisierten Macht) also. Am weitesten gediehen ist er im 16. Jahrhundert in den nord-und mittelitalienischen Stadtstaaten, die alle inzwischen dazu tendieren, regionale Fürstentümer zu werden, aber auch in Frankreich. Es ist der Zustand einer Gesellschaft, die nicht länger (fiktiver) traditioneller Verwandtschaftsverband ist, den persönliche und sei es feudal mediatisierte Beziehungen strukturieren. Das neue Medium ist das Gesetz, jene moderne Form der regulierten Willkür, deren höchste und aufgeklärteste Form die der Tyrannei jenes Fürsten (principe) ist, den Macchiavelli auslobt.

 

Solch "aufgeklärte" Staatlichkeit führt die erste Elisabeth in England ein. Sie benutzt dabei die zwei legitimatorischen Eckpfeiler jeden modernen Staates: die Sozialstaatlichkeit und den Mythos Nation.

 

Bis zu des achten Heinrich Bruch mit Rom hatten vor allem Kirchen und Klöster sich um die Notleidenden gekümmert. Mit ihrer Verstaatlichung und Zerschlagung entstand ein Vakuum. Der Sozialstaat nun greift akute Übelstände auf und reguliert sie staatlich so, dass sie einerseits als Staatsaufgaben permanent werden und so Staatlichkeit legitimieren, andererseits aber das Ordnungsgefüge nur bedrohen, nicht aber zerstören. Aus der Hilfsbedürftigkeit einzelner wird so über die stete Neu-Erfindung der Armut, später auch der Arbeitslosigkeit eine staatliche Aufgabe.

 

Solange Gemeinden als Gemeinschaften konzipiert sind, wirkt die Caritas, die Mildtätigkeit. Mit ihrer Armengesetzgebung (poor law) regelt Elisabeth nun die Armenfürsorge als eine staatliche (bis ins englische 19. Jahrhundert kommunale) Aufgabe.

 

Zweiter grundlegender Aspekt der Sozialstaatlichkeit wird die staatliche Modernisierung der Ständeordnung. Das früher in zünftiger und gildemäßiger Selbstorganisation strukturierte Gewerbe wird gesetzlich geregelt (statute of artificers). Staatliche Luxusgesetze versuchen, den Aufwand der einzelnen Stände zu regulieren (Kleidung, Schmuck, Haushaltung).

 

Der zentrale Grundsatz der Durchsetzung von Staatlichkeit bis in den bislang privaten Raum hinein ist die Aufhebung von Selbstregulierung durch Gesetzlichkeit, die Ablösung von Tradition durch Willkür. Ein Prozess von partieller Enteignung über Abgaben und Teil-Entrechtung über Gesetze schafft jene Untertänigkeit, die nach staatlichen Eingriffen ruft, die zu jenem Phänomen führen, das in Zukunft “Reform” heißen wird und Machterhalt durch Anpassung an ökonomischen Wandel bedeutet. Im religiösen Raum heißt das ganze gleichzeitig Re-Formation (Umformung unter dem Vorwand der Wiederherstellung).

 

Wir wissen nicht, warum die Virgin Queen niemals heiratet, und natürlich auch nicht, wie jungfräulich sie war. Hätte sie geheiratet, wäre sie den Entscheidungen eines Ehemanns unterworfen gewesen. 1566 will das Parlament sie wieder mal zur Heirat drängen und sie antwortet: I am your anointed Queen. I will never be by violence constrained to do anything. Mit der Salbung aber ist ihr Königtum mit Gottes Segen versehen. Schon 1559 hatte sie dem Parlament in derselben Sache erklärt:

...I was sent into this world by God to think and do those things chiefly which may tend to his glory. Das klingt wie das Bekenntnis einer Nonne, einer Braut Gottes. In derselben Rede formuliert sie aber weiter: I have already joined myelf in marriage to a husband, namely the Kingdom of England. And behold (and therewith she drew the ring from her finger and showed it, wherewith at her coronation she had in a set form of words, solemnly given herself in marriage to her Kingdom).

Das klingt sehr wie der tradierte jungfräuliche Nationalismus der Johanna von Orléans. Aber nun kommt noch etwas hinzu:

And do not upbraid me with miserable lack of children; for every one of you, and as many as are Englishmen, are children and kinsmen to me: Of whom if God deprive me not (which God forbid) I can not without injury be accounted barren...

 

Die höfischen Dichter werden Elisabeth als Diana, Astraea und Gloriana in Nachfolge der hohen Minne anhimmeln, Edmund Spenser wird mit 'The Faerie Queen' daraus ein großes Gedicht machen, welches Purcell hundert Jahre später unter den letzten Stuarts in wunderschöne Musik fassen wird.

 

Um die Mitte des 16. Jahrhunderts beginnen in Schottland Gemeinden mit der Reformierung des Gottesdienstes und der Einführung von Formen der Selbstverwaltung. Bei Thronbesteigung der während ihrer Minderjährigkeit in Frankreich erzogenen (katholischen) schottischen Königin Maria Stuart muss der calvinistische Reformator John Knox nach Genf fliehen. Als die Königin als Gemahlin des zweiten Franz in Frankreich lebt, kehrt er zurück. 1560 bekennen sich die schottischen Stände zum Calvinismus, und als Maria Stuart nach dem Ableben ihres Gemahls nach Schottland zurückkehrt, scheitert sie mit dem Versuch einer katholischen Restauration, flieht nach England und wird 1587 als gefangene Rivalin von Elizabeth I. enthauptet. In dieser Zeit entwickelt Schottland die Sonderform des Presbyterianismus, in der alle Gemeindemitglieder gleichberechtigt sind und nur einen Ältesten, den Presbyter, als Vorstand wählen. Die Bistümer bleiben daneben bestehen.

 

Die erste Elisabeth hat ihre Amtskirche noch fest im Griff, aber darunter rumort und brodelt es. Der eitle Pomp des Hofes, die Unzucht der Aristokraten, der faule Zauber der Schauspieltruppe eines Herrn Shakespeare und der fehlende Glaubenseifer der anglikanischen Bischöfe, all das ist ein großes Ärgernis für ein Bürgertum, das immer rechtschaffener und fleißiger wird und als Lohn für die Mühen glaubensreiner Rechtschaffenheit nun auch mehr Einfluss will. Im House of Commons wird zu Ende der Amtszeit der jungfräulichen Königin der Druck auf die anglikanische Staatskirche immer stärker: Dieses soll die Strafen für die, die regelmäßig nicht den Gottesdienst besuchen, verschärfen; zudem wird versucht, die einträgliche Ämterhäufung unter der Geistlichkeit zu reduzieren.

 

Jenseits davon aber wird auch mit dem Untergang der Armada Spaniens Niedergang besiedelt, staatlich lizensierte englische Seeräuber werden ihm den zu Rest zu geben versuchen, Lord Mountjoy wird Irland in die Knie zwingen, Frankreich wird auf Abstand gehalten und zerfleischt sich in Religionskriegen.

 

 

Englische Reformation von unten: Puritaner

 

Luthers Kampf ist der des Sünders gegen den großen Satan gewesen. Den gewinnt der Reformator nach ausgiebiger Lektüre des Apostel Paulus, der ihm einen gnädigen Gott verspricht. In Kombination mit ihm gnädigen Landesfürsten verwandelt sich die reformatorische Leidenschaft dann langsam in das kommode Christentum des sonntäglichen Gottesdienstbesuchs mit anschließendem Osterspaziergang.

 

Jean Calvin geht einen anderen Weg. Während Johannes und Paulus aus einem jüdischen Gott einen hellenistischen gemacht hatten, der dann in der Überarbeitung der Kirchenväter römisch wird, lässt Calvin den jüdischen Gott bestehen, insistiert nur darauf, dass der Messias Jesus ihn (eine List der Dame Geschichte vom feinsten) den Juden weggenommen und den Christen gegeben habe. Indem die Juden ihren Messias haben töten lassen, weil dieser sich als Sohn ihres Gottes ausgab, haben sie nicht nur den Messias, sondern ihren Gott selbst verspielt.

 

Der Gott der Juden, der jetzt der der Christen ist, so meint Calvin, ergreift nun nicht mehr Partei für judäo-semitische Volksstämme, die sich ihm unterwerfen, sondern er ist künftig durch Christus der Gott aller Gerechten. Die Gerechten als die Gesetzestreuen sind die schon immer Gerichteten; durch unerforschlichen göttlichen Ratschluß ist so aus dem göttlichen Stammesverband ein global verstreutes Partisanentum Gottes geworden. Für eine Weile gelingt es Calvin in der Stadtrepublik Genf, diesen Krieg für die gute Sache zu führen.

 

Das ist die religiöse Leidenschaft, die in vielen Varianten auch die Herzen der englischen “Reinen” bewegt, der Puritaner, die sich the godly people nennen. Die besten von ihnen werden ab 1620  als Pilgerväter der Mayflower in Plymouth, bald Teil von Massachussetts, das neue Jerusalem gründen, um von dort aus dem Reich des Bösen den Garaus zu machen. 

 

Durch den Rückgriff auf die "Heilige" Schrift selbst erfolgt bei den Puritanern eine starke Identifikation mit dem Volke Israel unter den Propheten: Die Abwehr gegen polytheistische Tendenzen durch die Propheten erinnerte sie an den eigenen Kampf gegen den Papismus. Das führt zu einer starken Judaisierung der Rhetorik und der Kultur. Bald tauft man seine Kinder mit alttestamentarischen Vornamen und nennt sie „Samuel“ und „Habakuk“. "Im Bürgerkrieg sollte man das Bild des Löwen von Juda auf seine Fahnen heften und sich wie das Volk Israel in seinem Kampf gegen die Philister fühlen."( Schwanitz, s.o. S.127)

 

Puritaner sind bibeltreu und betrachten sich so als Nachfolger des auserwählten Volkes der Juden. Ihre Frömmigkeit konzentriert sich auf die ständige gewissenhafte Prüfung ihrer Seele, jeder Schritt im alltäglichen Leben ist ihnen ein Schritt hin zum ewigen Heil. Dieser Puritanismus bleibt bis vor dem Bürgerkrieg im wesentlichen innerhalb der anglikanischen Staatskirche und versucht, deren weitere Reformierung durchzusetzen. Ähnlich wie bei Luther, Zwingli, Calvin und den schottischen Presbyterianern geht es um keine radikale Christus-Nachfolge, wie sie die Religionsgründer verlangt hatten, sondern man beharrt auf der Zwei-Welten-Theorie, die sich auf Erden als Vorstellung der getrennten Sphären von weltlicher Herrschaft und Geistlichkeit am deutlichsten bei Luther geäußert hat. Unter Puritanern entwickelt sich aber schnell der Drang, den von frommer Gesetzestreue durchtränkten Raum schon auf Erden möglichst weit auszudehnen. Beim modernen Islam wird diese Tendenz heute gelegentlich als “Fundamentalismus” bezeichnet.

 

Schnell gelangt die Lehre von der doppelten Praedestination in die Köpfe puritanischer Geistlicher: Eine Minderheit von Gott Auserwählter gelangt zum ewigen Heil, die Mehrheit der Menschen werden ewig in der Hölle schmoren. Dies ist insofern für Puritaner zunächst kein Problem, als sie selbst immer eine solche Minderheit bleiben.

 

Schwanitz fasst diese Prädestinationslehre so zusammen:

"Wenn es zum Zeichen der Erwähltheit gehört, dass man ein gottesfürchtiges Leben führt, sparsam ist, die Zeit für nützliche Arbeit aufwendet und nicht an Luxus und Zerstreuung verschwendet, dann wird man dafür sorgen, daß diese Zeichen sich auch einstellen. So funktioniert die Lehre der Prädestination im großen und ganzen als self-fulfilling prophecy...(...) Gott wurde absolutistischer. Er wurde zu einem rächenden, alttestamentarischen Gott von unendlicher Macht, was das Gefühl der eigenen Ohnmacht und Gnadenbedürftigkeit erhöhte."(Schwanitz II, S.127)

 

Im 'Pilgrim's Progress' beschreibt der strenge Calvinist John Bunyan, ein Particular Baptist, das Leben eines Frommen als Pilgerweg zum Heil. Im fortgeschrittenen 17. Jahrhundert ist die strenge Praedestinationslehre dann allerdings selbst unter Puritanern zur Minderheitenposition geworden, wie sie z.B. die Independenten vertreten, denen Oliver Cromwell nahesteht.

 

In pragmatischer Anpassung an eine mögliche Lebensperspektive der Frommen auf Erden wird die Vorherbestimmung unauffällig immer mehr durch die Vorstellung der göttlichen Vorsehung – providence – ersetzt. Während erstere zu der Konsequenz führte, im eigenen Leben nach Zeichen der Heils-Auserwähltheit zu suchen, sich dazu selbst immer wieder zu examinieren und seine eigene Sündenfreiheit bis zum Exzess zu perfektionieren, was nur bestimmten Naturen gelingen kann, wird der providentielle zunehmend zu einem gnädigeren, angenehmeren Gott, der auch gütig ins Leben der Menschen eingreift (rettet und schützt) und andererseits die Sünder mit Unglück, Unwetter, Krankheit bestraft, was dazu führt, dass auch Fromme mitbetroffen werden können, weshalb diese sich anstrengen müssen, möglichst auch die lieben Nachbarn zu einem gottgefälligen Leben zu bewegen.

 

Die Verbreitung einer weniger strengen, volkstümlicher wirkenden puritanischen Frömmigkeits-Kultur geschieht nicht zuletzt durch Erbauungsliteratur, die zur ständigen Selbsterforschung anleitet und dafür Kriterien anbietet. "In Tagebüchern wird eine regelmäßige, im Idealfall tagtägliche spirituelle „Buchhaltung“ über die positive und negative Bilanz des eigenen Lebenswandels, über die optimale Zeitnutzung, über das regelmäßige Gebet und über die eigenen Andachtsstunden geführt. Außerdem wird Buch geführt darüber, ob man sich frommer oder profaner Gesellschaft bemüßigt hat, ob der Sonntag gebührend geheiligt wurde ... und ob man sich die Sonntagspredigten genau angehört hat." (Greyerz, S.83)

 

Noch Samuel Pepys, aus puritanischem Hintergrund kommender hoher Verwaltungsbeamter unter Charles II. und zugleich munterer Lebemann mit zahllosen klammheimlichen Liebschaften, geht zweimal am Sonntag in die Kirche, einmal davon zusammen mit seiner Frau, und vertraut dem Tagebuch seine Kommentare zum sermon an. Er betet vorm Schlafengehen mit der Frau und manchmal der ganzen Familie, zu der in seinem Fall keine Kinder, aber wie üblich die Dienstboten gehören. Er ist längst königstreuer Anglikaner geworden, wird aber weiter hin-und hergerissen zwischen Sinnenlust und Gewissenspein. Frömmere Puritaner schreiben die Predigten ihrer minister mit und besprechen sie dann im Freundeskreis noch einmal. Pepys hingegen zeigt den Weg abendländischer Frömmigkeit hinein in immer größere Weltlichkeit.

 

Die wichtigsten der guten Werke sind die der Caritas, der unmittelbarsten Form der Nächstenliebe. Mädchen und Frauen machen Handarbeiten für “ihre” Armen, Witwen und Waisen werden besucht und kranke Nachbarn versorgt. Diese Haltung wird auf Teile der anglikanischen Kirche übergehen und sich bis ins zwanzigste Jahrhundert halten. Oft, wenn Jane Austen näht, sind dies Kleider für die Armen: "she usually had a piece of embroidery at hand that she might take up if visitors were there." (Jenkins, S.144)

 

Dabei lehnt der wahrhaft Fromme jegliche ostentative Form der charity als eitel (vain) und heuchlerisch (hypocritical) ab, er soll nicht stolz auf seine guten Werke sein, sondern sie als das Mindeste ansehen, was er für sein Seelenheil tun kann. Schon das ist allerdings harte Arbeit gegen die eigene “Natur” .

 

Eitelkeit ist nie auf Putzsucht beschränkt: Richardsons Clarissa Harlowe wird (zumindest in ihren Briefen) stets darauf bedacht sein, sich „nicht so wichtig zu nehmen“, nicht eingebildet zu sein, würden wir vielleicht heute sagen. Sie ist anerkanntermaßen die schönste, großzügigste, eleganteste, anmutigste, geistreichste junge Dame weit und breit (eine Muster-Lady), aber sie ermahnt sich selbst immer wieder, das alles nicht so wichtig zu nehmen, sondern rechtschaffen zu sein und gute Werke zu tun.

 

Das Leben der godly people, die Reinheit anstreben, versucht den Ausschluss von Luthers altbösem Feind im Alltag. Dabei besteht die alte römisch-katholische Leib-Seele-Dichotomie weiter: Die reine Seele erhebt sich kraft geistiger Anstrengungen über die Äußerungen des Körpers, dieser ist im Prinzip nur das vergängliche Gehäuse für den wertvollen, spirituellen Teil des Menschen. Das Schlüsselwort heißt „Beherrschung“, governance, ein religiös von Kindheit an gestähltes Über-Ich zwingt die Menschen zur Sublimierung und/oder Verleugnung. Was Fénelons tugendhafter Ideal-König seinen Untertanen aufzwingen wird, schaffen englische Puritaner unter der Herrschaft liederlicher und entsprechend liberaler Stuartkönige ganz freiwillig und ganz privat.

 

Der zentrale Sünden-und Lasterkatalog der römischen Kirche des Mittelalters wird von den Puritanern übernommen, nicht zuletzt, weil er sich im zivilisatorischen Prozeß bewährt. Am deutlichsten werden Pferdefuß und Schwefelgestank des Gottseibeiuns beim Thema Sexualität, das im paulinischen Sinne auf die Ehe eingegrenzt bleiben soll. Dies wird im englischen 17.Jahrhundert ein um so schwierigeres Unterfangen, als nicht nur zeitweilig die Zahl der Eheschließungen aus ökonomischen Gründen zurückgeht, sondern aus denselben Gründen auch das Heiratsalter erheblich ansteigt, bei Frauen zeitweilig auf durchschnittlich 27 Jahre. Während die Eltern aller Mädchen naturgemäß an einer frühen Verheiratung ihrer Töchter interessiert sind, die bei hinreichender Mitgift (portion) in der Regel auch möglich ist, steht die Unterschicht bei ökonomisch schwieriger Situation vor der Aufgabe, den Lebensraum der Mädchen so einzugrenzen, dass diese nicht plötzlich geschwängert und einer ordentlichen Heirat nicht mehr zuzuführen sind.

 

Puritanische Moralvorstellungen sind da hilfreich. So ist man in England bestrebt, die Mädchen aus der Alehouse-Kultur auszuschließen, die ohnehin inzwischen als immer weniger gentle angesehen wird, ihnen den Alkoholkonsum zu verbieten, der unter Männern nicht so strenger Provenienz weiter als ehrbar gilt, Tanzvergnügen entweder in strengeren Kreisen ganz zu verhindern, oder unter Aufsicht zu stellen, und die Art der Tänze zu reglementieren. In Deutschland werden in dieser Zeit neu aufkommende Paartänze (mit ihrem Ländler-Walzen) als die „Geilheit“ steigernd abgelehnt, genauso wie Drehen, Heben und Springen der Mädchen, was die Röcke hebt und den Buben unzüchtige Einblicke auf die weiblichen Beine und eine Steigerung ihrer Begehrlichkeit gestattet, in seiner Munterkeit der Bewegungen aber schon sowieso die Emotionalität in jene Vergnüglichkeit steigert, die ein guter Hirte seinen Schäflein nicht zugestehen mag.

 

Philipp Stubbs schreibt 1583 im puritanisch geprägten elisabethanischen England in seiner 'Anatomie of abuses': Spielleute sind

betrunkene Socken und Bordellparasiten, die im Land herumvagabundieren und in Kneipen, Wirtshäusern und an anderen öffentlichen Orten schmutzige, verdorbene und abscheuliche Lieder dichten und singen (...) Stadt und Land sind voll von diesen Spielleuten, die jederzeit bereit sind, zum Tanz für den Teufel aufzuspielen. Aber beim Gottesdienst kriegt man kaum mal einen von ihnen zu sehen. Manche von ihnen werden jedoch antworten und sagen: >Wie, Sir? Wir besitzen die schriftliche Erlaubnis zum Musizieren und nach Belieben unser Spielleuteleben zu führen vom Friedensrichter<. (in: Hartung, S.323)

 

Im puritanischen und calvinistisch-kontinentalen Kontext ist das sexuelle Begehren das zweifellos zentrale und schlimmste Laster. Radikale Puritaner versuchen, die Lust bei den ehelichen Pflichten zu unterdrücken, was den Männern zumindest bei ihren Frauen auch gelingt. Das männliche Begehren lässt sich nicht ganz so weg leugnen; “Normalen” weiblichen Wesen wird hingegen zunehmend unterstellt, sie würden dieses gar nicht kennen. Die Entscheidung einer Clarissa Harlowe oder einer Jane Austen, beides Anglikanerinnen des 18. Jahrhunderts, single zu bleiben, also spinster, alte Jungfer zu werden, wird von ihnen womöglich gar nicht als Verzicht auf sexuelle Lust, sondern als schierer Akt der Freiheit gegen das eheliche Joch gesehen.

 

Der mittelalterlichen Tugend der Keuschheit (chastity), die grundsätzlich auch für das männliche Geschlecht gilt, nur bei ihm nicht so gut kontrollierbar ist, unmittelbar verbunden ist die der Demut (humility), der das Laster der Eitelkeit (vanity) gegenübersteht. Die Vanitas wird gemeinhin als Dame mit Spiegel dargestellt, wiewohl bekannt ist, daß auch Männer nicht immer gegen sie gefeit sind. Im 16. und 17. Jahrhundert wird nun ganz massiv die Putzsucht als wesentlicher Teil der Eitelkeit gegeißelt. In der strenger ständischen kontinental-europäischen Gesellschaft werden detaillierte Kleiderordnungen aufgestellt, die von Zeit zu Zeit und von Ort zu Ort sich unterscheiden. Insbesondere wird das Material der Textilien und die Menge und Qualität des Schmucks festgelegt.

 

Die beiden wesentlichen Wege, erotisches Powerplay zu bieten, sind damals wie heute Formen der Entblößung, bei den Damen das Dekolleté vor allem; daneben die Betonung von Körperformen, bei den Männern ist dies der Penis, der in Fortsetzung der dementsprechenden Ausbuchtung der Ritterrüstungen ähnliche Formen im textilen Bereich annimmt, wobei es besonders empört, wenn stolze Gockel sich zu große Formen nähen lassen. Bei den Damen ist es das Schnüren des Leibes, welches Hintern, Hüften und insbesondere Busen prominent werden lässt und das zeitweilig spitz im Schambereich zusammenlaufende Vorderteil der Oberbekleidung.

 

Puritaner lehnen auch Farbigkeit in der Bekleidung ab, die Quakerfrau, in die sich Daniel Defoes Roxana verkleidet, als sie nach ihrer Zeit als königliche Mistress, Maitresse, in der bürgerlichen Londoner City unterkommt, trägt schwarz. Ihre Kopfbedeckung ist eine Haube ohne allen koketten Zierat.

 

Schwanitz faßt das puritanische England kurz so zusammen: "Schrift war das Gegenprogramm zur katholischen Bilderwelt der Symbole und Veranschaulichungen. (...) Aus dem Festtag der Vergnügungen wurde der Fasttag der religiösen Andacht. Die auf dem Lande üblichen Lustbarkeiten wie Tanz, Sport, Tierhatz, Jagd, Kegeln, Schießen, Jahrmarkt, Fußball etc. wurden nun mißbilligt. Die Benennung des „Sunday“ als „Sonnentag“ wurde als heidnisch abgelehnt,und der Ruhetag wurde zum „Sabbat“ umgetauft" ()

 

Für die Frommen und bald für alle sind an diesem Tag alle Vergnügungen verboten. Die Stuart-Könige werden sich vergebens dafür einsetzen, daß die relativ derbe Volkskultur erhalten bleibt. Noch Dickens wird in zahlreichen Veröffentlichungen darum kämpfen, dass die Unterschicht diesen einzigen freien Tag wieder für ihre Vergnügungen zurückerhält.

 

Das oft eher ferne Diktat der römischen Kirche wird mit der Reformation durch den demokratischen Meinungsterror ersetzt. Man beginnt, sich gegenseitig auf Sündhaftigkeit hin zu kontrollieren, es kommt zu verschärfter Hexenverfolgung und Ketzer-Verbrennung. Nathaniel Hawthornes Scarlet Letter ist ein A für adultery (Ehebruch) und wird einer Unglückseligen in einer puritanischen Gemeinde Neu-Englands mit glühendem Eisen auf die Stirn gebrannt.

 

Es beginnt das moralische Zeitalter im angelsächsischen Raum, das mit der Welle der political correctness gerade wieder einmal fröhliche Urstände gefeiert hat. Sogar Eigennamen können das wunderbar wiedergeben: Einer der radikalen Führer im London des Commonwealth heißt wahr und wahrhaftig Praise God Barebones...

 

Das mos der alten Römer war vor allem das mos maiorum gewesen, es waren die althergebrachten Sitten und Tugenden, deren finalen Verfall Edmund Burke in der französischen Revolution beklagt. Die „Moral“ des 16./17.Jahrhunderts, die in den nächsten beiden noch tyrannischer wird, ist bei den Strengen und Frommen jetzt nicht mehr einfach althergebracht, sondern wird in der Alltagspraxis den Bedürfnissen des Bürgertums angepasst. War der 30-jährige Krieg 1618-48 als europäischer Krieg noch auch Religionskrieg gewesen, so wird die ideologische Begleitmunition des englischen Bürgerkriegs, der 1640 ausbricht, viel moralischer werden, es wird nicht mehr so sehr um den rechten Glauben als um die guten und die schlechten Menschen gehen (die schlechten sind wie immer die anderen). Moderne Moral entsteht aus der Säkularisierung von Religiosität und kennt keine Gnade mehr.

 

Der Kern der neuen Moral ist der Aufschub von Triebbefriedigung (gratification of appetite), religiös verklausuliert als Verzicht auf Erden, dem die wahre Lustbarkeit im Paradies folgen soll, ökonomisch begründbar als Strategie zur Kapitalanhäufung, wobei in diesem Fall die Zinsen (hoffentlich) schon hienieden abfallen. Daniel Defoes Moll Flanders und Roxana werden ihr ganzes Leben im Umkehrschluss als Körpereinsatz, d.h. als Kapitaleinsatz zwecks Rendite ansehen, und bei Roxana geht es dabei auch schon ganz heftig um Kapitalvermehrung. Sie sind frühe privatisierende Unterrnehmerinnen auf dem Weg zu einer Sexindustrie, die später die Kommerzialisierung physischer Bedürfnisbefriedigung auf einem sexuellen Markt erreichen wird.

 

"Was früher Religionsvirtuosen wie Heiligen, Mönchen, Asketen und Eremiten vorbehalten war, wird nun verbindlich für alle. Indem die Askese auf ein pflichterfülltes Berufsleben bezogen wird, kommt es zur Moralisierung dessen,was man später „Sekundärtugenden“ genannt hat: Fleiß, Pünktlichkeit, professionelle Sorgfalt etc." (Schwanitz II, S.129).Max Weber wird um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert herausarbeiten, welche Affinitäten zwischen protestantischer Askese und Frühkapitalismus bestehen.

 

Triebaufschub produziert Frustration und Frustration verlangt nach Kompensation. Die frustration ist ursprünglich die lateinische 'Vereitelung', wird aber immer stärker auch zu dem Gefühl, das diese erweckt. Kompensieren kann man mit dem Bewusstsein, durch seine Lebensführung ein auserwählter Heiliger zu sein, der zumindest auf andere (moralisch) herabschauen kann. Nur kompensiert die Arroganz als Haltung nicht das Gefühl der Frustration. Moralisches Gutsein löst auf Dauer Verbitterung aus, die immer Reaktion auf einen Mangel ist: Die Frustration als Manko führt zur Bitterkeit: es mangelt an lustvollem, körperlich wahrnehmbarem Gefühl. Protestantische Moral tendiert so zur Strenge und Härte gegen sich selbst und gegen andere. Das protestantische Pfarrhaus wird in Deutschland (nicht nur aber auch) Rigorosität hervorbringen: von Hölderlin über Nietzsche bis Gudrun Ensslin. Alle drei werden sich nach etwas anderem sehnen, was aber bei ihnen nur zwischen den Zeilen hindurch lugt.

 

"Was nicht ausgelebt wird, sondern aufgeschoben oder gar geleugnet, bleibt drinnen, wird Innenleben. Jetzt bildet sich das heraus,was David Riesman den „innengeleiteten“ Menschen genannt hat. Das Gewissen wird zur Richtschnur für das Handeln, Denken, Fühlen. Auch die Gedanken werden nun moralisierbar. Der Mensch entdeckt den seelischen Innenraum als Bereich der moralischen Bewährung." (Schwanitz II, S.144f)

 

Schuld wird von einem realen zu einem moralischen und psychischen Faktor, und Buße ist immer weniger Wiedergutmachung und immer mehr moralische Wiederherstellung. Die Strafrechtsreformen des zwanzigsten Jahrhunderts werden diesen Prozess verrechtlichen.

 

Die englischen Protestanten entwickeln so ihre ganz eigene Kultur der Innerlichkeit, außen ruft die Pflicht und innen wird vergeistigt, sublimiert. Das ist der Weg in den Kult der Empfindsamkeit, der sensibility; wer nicht mehr gefühlvoll lebt, spürt wenigstens noch diffus, er wird empfindsam. Je mehr die Empfindung das volle Gefühl kompensiert, desto empfindlicher werden die Empfindsamen, Freud wird später sagen, neurotischer, und für ganz schlimme Fälle werden im 19. Jahrhundert die diagnostischen Begriffe der Neurasthenie und der Hysterie entwickelt. (Master Fairlie in Wilkie Collins ‘Woman in White’ ist ein gelungenes Musterbeispiel dafür.)

 

Friedrich Nietzsche wird den in Frankreich aufgekommenen neuen Begriff von Ressentiment verwenden, um im Schmerz des Verzichts auf Lebendigkeit die latente reizbare Feindseligkeit des dauernd getretenen Hundes zu entdecken. Am Ende wird Freud im ''Unbehagen in der Kultur' feststellen, dass Frustration durch Sublimation nur begrenzt bewältigbar ist und der hoch sublimierte Frust dazu neigt, sich in heftigsten Stürmen zu entladen. Kurz darauf wird er vor Hitler nach England fliehen.

 

Eine clevere, wenn auch widerwärtige Möglichkeit, den moralinsauren Zeitgenossen zu entkommen, ist die Heuchelei (hypocrisy), das Vortäuschen moralischer Einstellung und Lebensweise. Der moralische Druck zwingt zum Kopf-Einziehen, zum Mitmachen, zum Mitläufertum. Zu Roxanas (Defoes) Zeiten, also um 1700, kann es in der Londoner City einfach klug sein, mit einem Quaker-Kostüm herumzulaufen. Wer im protestantischen Kontext des 17./18. Jahrhunderts art benutzt, artful ist, ist ebenfalls ein Hypokrit, ist unaufrichtig. Diese „Kunst“ ist im konkreten Fall, bei Samuel Richardson wie bei Jane Austen, insbesondere Hinter-List, wer nur heuchelt, macht sich eher der affectation schuldig, - „affektiert sein“ heißt, den Affekt bloß vorzutäuschen, weil das moralische Überlegenheit mit sich bringt. 

 

Hypokriten bevölkern Jane Austens 'Sense and Sensibility' und 'Pride and Prejudice', die empfindsame Marianne Dashwood beklagt das, aber die große Schwester Elinor bringt ihr am Ende bei, dass man mit solchen Leuten leben muss (die alte Toleranzregel: was man nicht vernichten kann oder will, muss man ertragen). Das bis zur Karikatur überzogene mustergültige Exemplar in der englischen Literatur wird Uriah Heep, der Protagonist verlogenster humilitas in Dickens ''David Copperfield'. Er ist so humble, dass man die Tritte spürt, die er schon bekommen hat und zugleich die ahnt, die er Schwächeren zugedenken wird, wenn er nur die Macht dazu bekommt..