NACHANTIKE 1 (ausführlicher in Anhang 2-4)
Epochalisierung
400 Jahre sogenanntes Reich der Franken
Das fränkische Reich der Merowinger
Strukturen
Das fränkische Reich der Karolinger
Strukturen
Italien
Angelsachsen in England
Westgoten in Spanien
Die Welt als christliches Konstrukt
Die kirchliche Praxis
Dialektik: Die Vernunft in der Unvernünftigkeit
Intellekt
Kloster
Epochalisierung
Geschichte ist ein Kontinuum in Raum und Zeit, und das betrifft für unseren Zweck besonders deutlich die des griechisch-lateinischen Abendlandes seit ihren frühen städtischen Zivilisationen. Da es hier um die Entstehungsgeschichte des Kapitalismus gehen soll, wird uns nun ausführlicher jenes Kontinuum beschäftigen, welches mit dem Untergang des westlichen Imperium Romanum beginnt und mit dem Untergang der lateinisch-abendländischen Zivilisation seit dem späten 18. Jahrhundert endet.
Über das Griechische, Lateinische und dann das Französische ist das nicht ganz klare Wort Epoche in die deutsche Sprache gekommen, welches so etwas wie längerer Zeitabschnitt meint und die Vorstellung von Kontinuität eher etwas untergräbt.
Moderne Epochalisierung wurde von später so genannten "Humanisten" des 14.-16. .Jahrhunderts erfunden, die meinten, dass nach einer gloriosen griechisch-römischen Antike ein dunkles Zeitalter völligen Niedergangs eingetreten sei, den sie vor allem an mangelnder Belesenheit und Gelehrsamkeit festmachten. Dieses Mittelalter sei mit ihnen vergangen und werde durch eine neue Zeit abgelöst. Der nunmehr zunehmende Fortschrittsoptimismus, eine Art Grundideologie des Kapitalismus, geht davon aus, dass jetzt erneut eine Blütezeit der lateinischen Menschheit auf eine angenommene Höhe der Antike hin anhebe.
Wie im Folgenden an den Franken deutlich werden soll, reihen sich die Nachfolge-Reiche des römischen Imperiums mit deutlichen Veränderungen, aber keiner klaren Bruchlinie an spätantike Entwicklungslinien an. Die neuen Herren versuchen, so viel wie möglich von dem zu erhalten, was sie durch Eroberung gewonnen haben und nun als ihr Erbe betrachten. Wenn ein Venantius Fortunatus zum Beispiel um 566 von Ravenna nach Gallien kommt, wird er von den hohen Herren dort willkommen geheißen, und er wird dann in römischer Tradition Lobgedichte auf sie schreiben. Am anderen Ende der Nachantike befindet sich das karolingische Westwerk des Klosters Corvey mit seinen antiken Bezügen und den Fresken, die der Odyssee entstammen. Dass nun immer mehr römisches Erbe wegbricht und durch neues ersetzt werden muss, was tatsächlich frühestens mit dem 10. Jahrhundert gelingen wird, macht das Zeitalter zu einer Art Zwischenzeit.
Es ist deshalb durchaus sinnvoll, von einer Art Nachantike zu sprechen, die erst dort überall zu Ende geht, wo auch die nachantiken Reiche scheitern, und als letztes das Frankenreich im 9. Jahrhundert, als es nicht einfach nur in mehrere Reiche, sondern noch viel intensiver auseinanderfällt. Damit scheitert auch der vielfach dokumentierte Versuch Karls ("des Großen"), in mancherlei Beziehung noch einmal von Neuem an die Antike anzuknüpfen.
Diese Nachantike ist die eigentliche Mittelzeit des Übergangs von der Antike zu jener Zeit zwischen dem 10. und 18. Jahrhundert, die wir hier als (langes) Mittelalter bezeichnen. Dieses ist im Kern durch den Aufstieg des Kapitalismus im Rahmen neuer Reiche gekennzeichnet, die sich dann langsam in sogenannte Nationalstaaten verwandeln.
Symbolisch für eine Neuzeit sollen die Daten 1776 und 1789 stehen, zwei Abschiede vom Ancien Régime, wie es die Franzosen nachher nennen werden. Das lange Mittelalter wird dabei schrittweise abgelöst durch zunehmende Kapitalkonzentration, den enormen Industrialisierungsschub mit seiner Zerstörung von bäuerlicher Landwirtschaft und produktivem Handwerk, durch das Abdrängen von Monarchie, Adel und Kirche in die Bedeutungslosigkeit und das Verschwinden der lateinischen Sprache. Kapitalismus zersetzt nun das, was wir als lateinisches Abendland bezeichnet haben, und lässt dann im 20. Jahrhundert nur noch die letzten Trümmer dieser Zivilisation zurück. Aus heutiger Sicht ist wohl die zunehmende Zerstörung des Lebensraumes Erde das wichtigste Ergebnis dieser noch immer anhaltenden Neuzeit.
Epochen sind aber ohnehin oft nur relativ wenig aussagekräftige Hilfskrücken, die längst vor allem mit den Dienstbereichen akademischer Historiker zu tun haben. Lateinisch ist dieses Abendland dort, wo die Kirchen- und Gelehrtensprache Latein dominiert, womit die Gebiete einer russischen, griechischen und islamischen Einflusssphäre ausgeschlossen sind, in denen in der hier insgesamt betrachteten Zeit kein Kapitalismus entsteht und sich entwickeln kann. Abendland (Okzident) soll es deswegen heißen, weil es nicht mit einem geographischen Europa identisch ist.
400 Jahre sogenanntes Reich der Franken
Das Imperium der Römer verschwindet, aber nicht zur Gänze, sondern es bleibt - bald zunehmend wieder griechisch geprägt - im Osten bestehen, während sich im Westen zunächst germanisch dominierte Nachfolgereiche darauf etablieren, und deren Herren versuchen, möglichst viel römisches zu erhalten, schon alleine, weil sie selbst wenig dagegen zu setzen haben, um ihre Beute nutzbar zu machen. Während ein Vandalenreich in Nordafrika bald, das hispanische Gotenreich 711 untergehen wird, während die Burgunden von den Franken einverleibt und ein angelsächsisches Gesamtreich als ein England erst spät entsteht, bilden fränkische Heerführer ein zunächst gallisches Reich nach der Besiegung der südlichen Gotenherrscher, dehnen dieses dann langsam über das östliche Germanengebiet aus, und erobern schließlich eher oberflächlich Nord- und Mittelitalien mit dem Anspruch, ganz Italien zu beherrschen.
Damit schaffen sie das damals größte und mächtigste Reich im lateinischen Abendland, ein Muster für andere Königreiche dort. Den entscheidenden Beitrag zu dieser Expansion leisten machtgierige Häuptlinge, aus denen Könige werden, und ein sich völkisch definierender kriegerischer Anhang.
In Gallien nördlich der Loire existieren zunächst noch an Rom orientierte Heeresbezirke mit gallorömischen oder fränkischen Führern, und unter letzteren ragen bald Childerich, der 482 stirbt, und sein Sohn Chlodwig heraus. Das Geschlecht führt sich auf einen sagenhaften Merowech zurück und wird später als Merowinger bezeichnet werden.
Chlodwig schafft es mit kriegerischer Gewalt, Mord und Totschlag, dort die Vorherrschaft in einem neuen Königreich zu gewinnen. Nach Siegen über die Thüringer und 506 über die Alemannen wird 507 in einer Entscheidungsschlacht auch das in Südgallien siedelnde Visigotenreich besiegt und bald in Richtung iberischer Halbinsel verdrängt. Nicht mehr professionalisiertes Soldatentum, sondern Heeres-Gefolgschaft neuen Typs führt zu solchen Erfolgen.
Mit der Annahme des römischen Christentums und Übernahme seines Kirchenapparates durch Chlodwig wird eine nicht-militärische Klammer für das Reich geschaffen, welches aber vor allem durch Krieg und Gewalt geprägt ist.
Mit dem Königstitel (rex) verbindet sich nun Heerführertum mit ziviler Herrschaft. Darunter bleibt zunächst alles erhalten, was nicht durch den Zusammenbruch des großen Imperiums seine Existenzgrundlage verliert.
Das "fränkische" Reich der Merowinger
Unter den Söhnen wird das Reich in germanischer Erbteilung in vier und später drei Teile geteilt, die sich als Neustrien, Austrien und, seit der Eroberung in den 530er Jahren Burgund stabilisieren werden. 536 erringen sie mit der Provence den Zugang zum Mittelmeer. Die Teilreiche werden aber immer wieder auch Krieg gegeneinander führen. Nur die Bretonen bilden ein eigenes keltisches Königreich, welches sie gegenüber den Merowingerkönigen weitgehend behaupten können.
Rechtsrheinische Gebiete von den Thüringern bis zu den Bayern werden mit wechselndem Erfolg unter Hoheit der Merowingerkönige gebracht und vor allem im Raum des (späteren) unteren Mainfranken fränkisch besiedelt. Mit den Sachsen und Friesen gibt es immer wieder Kämpfe ohne dauerhafte Erfolge.
Nachdem rechtsrheinische Völkerschaften ohne direkte römische Herrschaft nur etwas unter römischem Einfluss anzivilisiert wurden, geraten sie nun unter stärkeren Einfluss gallorömisch-fränkischer Mischzivilisation mit ihrem spezifischen Christentum, und ihre Strukturen werden sich bis ins 8. Jahrhundert etwas denen von der anderen Rheinseite angleichen. Dazu dient zum Beispiel des Merowinger-Königs Theudebert Etablierung von Herzogsfamilien wie der Agilolfinger in Bayern in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts. Damit und mit Missionierung wird versucht, Kontrolle über diese Gebiete auszuüben. Derweil dringen, vom Westen zunächst eher unbeachtet, Slawen ins östliche Mitteleuropa ein.
558 erbt Chlothar das Gesamtreich für drei Jahre, und nach seinem Tod wird es wieder unter seinen Söhnen aufgeteilt, die bald dann erneut Kriege gegeneinander und gegen interne Aufständische führen. 613 gelingt es einem Chlothar II. mit Unterstützung der Familie der Arnulfinger erneut, mit Gewalt die Alleinherrschaft durchzusetzen. Eine sich aristokratisch gebende Oberschicht und unter ihnen die Hausmeier gewinnen an Einfluss. In den 20er und 30er Jahren werden Arnulfinger und die Familie eines Pippin immer mächtiger und vereinen sich dann durch Heirat miteinander.
In der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts wird diese von Historikern Pippiniden genannte große Familie auch über das Hausmeieramt insbesondere in Austrasien immer stärker, und 687/80 gewinnt ein Pippin ("der Mittlere") de facto die Macht über Austr(as)ien und Neustrien; der Merowingerkönig ist praktisch entmachtet. Von nun an werden die "Franken" von dieser Familie beherrscht, die später die der Karolinger genannt werden wird.
Strukturen
Was auf jeden Fall gleich verloren geht, ist antik-römische "Staatlichkeit" mit ihrer Vorstellung der cives als untertäniger Staatsbürger mit gemeinsamem Recht. An ihre Stelle treten stärker als zuvor persönliche hierarchische Beziehungen und Abhängigkeiten.
"Herrschaft" als wesentlicher Zug von Zivilisation ist dabei das, was die Herren ausmacht, nämlich letztlich über Gewalt vermittelte Macht über jene Menschen, welche die Herren zumindest zu unterstützen, zu ernähren bzw. zu finanzieren haben.
Ähnlich wie bei Wirklichkeit handelt es sich auch bei Herrschaft um einen Begriff, der in vielen europäischen Sprachen fehlt, und stattdessen in Formen des Wortes Macht (power, pouvoir, potere, poder) aufgeht. Das macht dort eine entsprechende Differenzierung schwieriger und zeigt, wie weit unterschiedliche Sprachen etwas unterschiedliche Welten konstruieren. Aber noch in mittelalterlichen deutschen Landen ist "Herrschaft" kein abstraktes Konzept, sondern überall an die konkreten Umstände der Verhältnisse von Herren untereinander und zu "Knechten" gebunden. (GoetzEuropa, S.285f)
Gewalt ist ursprünglich durch seine Möglichkeiten ausgezeichnetes Walten. Die Macht der Könige ruht vor allem auf der Gewalt ihrer Waffenträger. Darum ist der Krieg auch konstitutives Element der neuen Zivilisation und begründet zunächst mit seinen Beuteperspektiven für die Großen königliche Macht. Die Volksversammlung der Freien ist zugleich die Heeresversammlung auf dem Märzfeld (Mars) oder Maifeld (magis campus, großes Feld). Fast alljährlich geht es dann im Sommer in den Krieg.
In diesen Zusammenhang gehört der in seinen Ursprüngen dunkle Begriff des Vasallen. Das keltische gwas meinte wohl einen Knecht. "Der die Vasallität begründende Akt, die bis in die Antike zurückgehende Kommendation, bei welcher der >Mann< (homo) die gefalteten Hände in die sie umschließenden Hände des Herrn legte, war ursprünglich ein Verknechtungsritus, der allerdings nicht auf die niederen Schichten begrenzt blieb und im Übrigen auch nicht nur zur Besiegelung eines Vasallitätsverhältnisses diente. Die Vasallen allerdings, da besteht kein Zweifel, rekrutierten sich zunächst nur aus untergeordneten Leuten." (Fleckenstein, S.40)
Solche ursprünglich unfreien und dienstbaren vassi (pueri) können im 7.Jahrhundert auch schon Freie sein, und im 8. Jahrhundert wird das die Regel. (Patzold, S.17) Vasallität wird so zur immer mehr auch militärischen Dienstbarkeit freier Männer, die nun zunehmend als Reiterei auftreten.
Die Entstehung des Reiches der Merowinger aus Kriegen und die vielen folgenden Kriege nach außen und im Inneren sind nur die oberste Schicht allgemeiner Gewalttätigkeit, wie sie die Quellen (allerdings eher zufällig) wiedergeben. Herrschaft heißt, diese für den eigenen Bereich aus Eigeninteresse möglichst zu unterdrücken, was auch durch harte Strafen geschehen soll; aber die Herren selbst bleiben dabei immer wieder je nach ihren Möglichkeiten Gewalttäter.
An Einzelfällen ist dokumentiert, dass es unter ihnen ein hohes Potential an Grausamkeit und ein offenbar geringes Niveau der Empathie gibt.
In unseren Augen ist überhaupt die Nachantike von einem großen "legalen" Spielraum an Grausamkeit in der alltäglichen Machtausübung von Herren geprägt. Diese äußert sich vielfältig: Gottesurteile sind ihrem Wesen nach (nicht nur) in unseren heutigen Augen grausam, dazu kommen Folterqualen mit Aufhängen, intensivem Prügeln bis zum Eitern der Wunden und neuem Prügeln nach deren Schließen. Es wird erwürgt. ge- und verbrannt, Knochen werden gebrochen und aufs Rad geflochten, Pflöcke werden unter die Nägel getrieben. Alles das wird von Gregor von Tours berichtet.
Gemetzel mit den damaligen Hieb- und Stichwaffen lässt das Blut spritzen, und das kann nicht selten bis zum Blutrausch enthemmen. Königin Brunichilde wird nach ihrer Niederlage mehrere Tage gefoltert und dann mit Haaren, Bein und Arm an ein Pferd gebunden, welches darauf losrennt und sie in Stücke reißt, wie die Fredegar-Chronik beschreibt.
Zudem beruht königliche Macht wesentlich auch auf der Kooperation mit der Kirche und ihren zunächst romanischen und aristokratisch auftretenden Bischöfen, die in den in langsamem Niedergang befindlichen Städten residieren, schnell bereitwillig mit der neuen zentralen Ordnungsmacht oder den Teilmächten kooperieren und diese dann religiös (als von ihrem Gott gegeben) legitimieren. Für die kirchliche Anerkennung ihrer Macht leisten weltliche Herren den Schutz der zumindest theoretisch unbewaffneten Kirche und dann auch der Klöster.
Dazu wird eine durch Jahrhunderte anhaltende Christianisierung durchgeführt, welche die Unterwerfung unter die machterhaltende Staatsreligion zum Ziel hat. Entsprechend werden auch neue Eroberungen mit Missionierung verbunden. Dabei entsteht eine eigenartige Mischung aus vorchristlichen und christlichen Elementen, aus Wunderglauben, magischen Riten und einer mit Feen und Dämonen durchsetzten Welt.
Des weiteren übernehmen Könige wohl die Masse des römisch-kaiserlichen Großgrundbesitzes wie auch weiteres erbeutetes Land. Aus ihrem Grundbesitz (neben einem langsam angehäuften Schatz) können sie dann Land an treue Gefolgsleute vergeben, die nun in Stadt und Land Herrschaftsfunktionen für sie ausüben.
Schließlich sind sie auf die Kooperation mit den landreichen und mächtigen Familien angewiesen, den kriegerischen Noblen, d.h. Vornehmen, die einerseits königliche Einschränkungen ihrer möglichst zu vergrößernden Macht ablehnen, andererseits der Könige aber als Ordnungsfaktor der Einordnung ihrer untergeordneten Herrschaft bedürfen. Da die Merowingerkönige germanische Erbteilung ihrer Herrschaft betreiben, wobei aber der Reichszusammenhang gewahrt bleiben soll, fällt das Reich immer wieder in die Hände mehrerer Söhne, die dann auch gegen einander kämpfen und dafür vornehme Familien mit ihren Kriegern unter sich sammeln, die auch dadurch aufsteigen können. Das Reich, kriegerisch entstanden, wird bis in seine Endphase im 9. Jahrhundert kriegerisch und damit gewalttätig blieben. Erfolgreiche Kriege mit ihrer Erwartung reicher Beute für alle Beteiligten bleiben so Basis königlicher Herrschaft; dazu kommen aber auch immer wieder Kriege im Inneren.
Außen vor bleiben Basken und Bretonen und ziemlich lange auch die Friesen. Nur ansatzweise wird die Nordhälfte Italiens integriert.
Regiert wird von einem königlichen Hof mit einer kleinen Zahl von Ämtern aus, und zwar in der Regel im Zusammenspiel mit den Großen des Reiches. Schon im Verlauf des 6. Jahrhunderts nimmt die Bedeutung von Steuereinnahmen auch mit dem Niedergang der Schriftlichkeit ab. Für Chris Wicksam ist das von zentraler Bedeutung:
"Staaten, die Steuern erheben, sind viel reicher als fast alle, die auf Landbesitz gründen. (...) Steuern erhebende Staaten haben eine weit
größere Kontrolle über ihre Territorien, teils wegen der steten Präsenz von Steuer-Festsetzern und Steuererhebern, teils weil die staatlich Beauftragten (Beamte und Soldaten) ein Gehalt
bekommen. Herrscher können aufhören Gehälter zu bezahlen, und haben darum größere Kontrolle über ihr Personal. Wenn aber Armeen auf Landbesitz basieren, sind sie schwerer zu
kontrollieren. (...)
Der Übergang von Besteuerung zu Landbesitz als Basis des Staates im Westen war das deutlichste Zeichen, dass die nachrömischen Königtümer nicht imstande sein würden, das römische Imperium im Kleinformat wieder herzustellen." (Wickham(3), S.103f)
Da die Ausgaben aber entsprechend niedrig sind, häufen die Merowinger einen großen Staatsschatz an, aus dem sie Gefolgschaft wie auch aus ihrem großen Grundbesitz belohnen können.
Regiert wird im Zusammenspiel mit den Großen des Reiches, die bei Hofe anzutreffen sind und bei großen Versammlungen. Rechtsstreitigkeiten werden auf Versammlungen vor Ort unter ihrer Aufsicht gelöst, den placita.
Der Hof findet dort statt, wo der König sich aufhält, wo sich zum Beispiel ein palatium befindet, in neuerem Deutsch eine Pfalz. Der Herrscher unterhält dort eine Kapelle, deren Geistlichkeit auch für schriftliche Urkunden zuständig ist. Daneben entwickeln sich Hofämter, zu denen der Verwalter des königlichen Haushaltes gehört, der maiordomus oder später Hausmeier, dessen Macht im 7. Jahrhundert erheblich zunimmt.
Die Krieger sind die Freien, die zugleich die Herren im Lande sind. Ihre Macht und ihr Wohlstand, relativer Luxus, beruht auf der produktiven Arbeit der großen Masse der Bevölkerung, die auf dem Lande lebt, die Lebensmittel erzeugt und davon an die Herren abgeben muss. Das sind in wohl abnehmendem Maße Sklaven, überwiegend aber in unterschiedlich abgestuften Formen der Abhängigkeit von den Herren angesiedelte Leute.
Im Kern dient das Reich dazu, nach Macht und Reichtum unterschiedenen Herren die Mittel zu geben, von der produktiven Arbeit der großen Mehrheit der Menschen zu leben.
Es gibt in diesem Frankenreich dabei keine rechtliche Aufteilung in Adel und Volk, sondern nur in wehrhafte Freie (mit Grundbesitz) und mehr oder weniger Unfreie in persönlicher Abhängigkeit von ihren Herren. Adel ist etwas, was sich erst viel später herauskristallisieren wird. Freie zeichnen sich neben Grundbesitz durch Heeresfolge und Teilnahme an Gerichtsversammlungen aus. Ihre Freiheit in der merowingischen Zivilisation ist aber begrenzt durch die Königsherrschaft und deren Vertreter wie duces und comites, die ebenso wie auch Bischöfe Herrschaftsfunktionen auch jenseits von Grundherrschaft über die Freien ausüben. Funktion und Besitz unterscheiden die Freien, allesamt Herren, in solche mit mehr oder weniger davon. Das zeigt sich mit Funktionen im Machtapparat, aber eben auch mit Statussymbolen wie relativem Luxus, der den Handel befeuert, wo er nicht aus Geschenken oder Beute besteht.
Eine stabil feste Rangordnung unter den Herren gibt es nur in Kirche und Kloster. Ansonsten gibt es den Status der Nähe zum König oder höheren Herren, und Unterordnung wird durch das Verhalten sichtbar gemacht. Man kniet vor dem Höherrangigen, im Extremfall wirft man sich vor ihm nieder; wenn der Höherrangige sitzt, muss man eventuell stehen, den Kopf geneigt. Man gibt sich in die Hand eines Herren, indem man seine aneinandergelegten Handflächen von denen des Höheren umfassen lässt.
Der höhere Rang zeigt prächtigere Kleidung und Schmuck, er gibt die prächtigeren Festmähler und die reicheren Geschenke, er ist aber auch militärisch erfolgreicher.
Rechtsnormen setzen der Rest römischen Rechtes und die verschiedenen germanischen Volksrechte, wenig ergänzt durch Dekrete der Könige.
Die für unsere Untersuchung wichtigste Unterscheidung ist aber die in Produzenten und Konsumenten. Herren zeichnen sich dadurch aus, dass sie andere für sich arbeiten lassen können, um von Arbeit und Ertrag einen Teil für sich abzuzweigen. Dafür behaupten sie, die vielen produktiv Arbeitenden zu schützen, die aber zugleich durch andere Herren auch bedroht werden. Solche Herren verfügen über genug Land, um andere darauf arbeiten zu lassen, und mächtige Herren mit vielen Arbeitskräften sind weltliche Große, Bischöfe mit ihrer Geistlichkeit sowie auch Äbte mit ihren Mönchen, die zwar nach der Benediktregel selbst auch arbeiten sollen, aber vor allem von ihnen Abhängige mit produktiver Arbeit beschäftigen.
Im Frankenreich der Merowinger setzt sich so das Phänomen der extrem ungleichen Verteilung des Eigentums insbesondere auch an Grund und Boden aus dem späteren Imperium Romanum fort, welches nun als Großgrundbesitz auf Könige, Kirche, Kloster und altrömische wie fränkische weltliche Große vor allem aufgeteilt ist, neben einer heute unbekannten Zahl persönlich freier (Klein)Bauern. Als römisches Erbe arbeiten auf den großen Gütern auf dem Lande zunächst Kolonen bzw. Pächter und weiterhin auch Sklaven. Die meisten Menschen sind ohne Landbesitz, relativ arm und praktisch ohnmächtig.
Nicht mehr nachzuvollziehen ist, wie Eroberung und frühe Entwicklungen zur Aufteilung von Land, von Orten und Gegenden auf unterschiedliche weltliche Besitzer vor sich ging, wobei am Ende an einem Ort mehrere von ihnen Grund besitzen können.
Die große Menge der Menschen, die vor allem bäuerliche Produzenten sind, kann viel Aggressivität im Arbeiten bis zur Erschöpfung loswerden. Wichtigste Gratifikation für ihr Ducken unter die Macht ist deren Versprechen, ihre Ernährung zu sichern und den Geduckten Schutz zu bieten, also einen gewissen inneren Frieden zu sichern. Den Untertanen wird so andererseits, soweit angenehm bequem, ein Teil ihrer Verantwortung für sich selbst abgenommen. Dazu ist allerdings anzumerken, dass Zivilisationen dabei immer erst die Probleme schaffen, die sie zu lösen vorgeben.
Neben Indoktrination durch die Kirche tritt die zunehmende Unfähigkeit der illiteraten produktiven Bevölkerung, komplexer werdende Machtstrukturen zu durchschauen. Dadurch landen die meisten Menschen bei einem massiven Informationsdefizit, auch weil die Träger übergeordneter Entscheidungen ihre Kenntnisse nur Interesse-gefiltert und in sehr geringem Umfang nach unten weitergeben. Dabei ist die Menge der Kenntnisse der Menschen insgesamt kaum geringer als heute, nur sind damals die Kenntnisse wesentlich selbst gewonnen bzw. unmittelbar tradiert und beschränken sich notgedrungen auf das eigene Lebensumfeld, auf unmittelbare Erfahrung. Man muss sich allerdings vor Augen halten, dass vieles, was Menschen heutzutage für Kenntnisse bzw. Wissen halten, ihnen aus zweiter oder dritter Hand zukommt und für sie weithin unüberprüfbar ist.
Wie eine Gratifikation für Untertänigkeit sehen Menschen in den Zivilisationen auch die Möglichkeit der Identifikation mit den Mächtigen über Bewunderung und Verehrung an. Als Faustregel dafür kann durch die Geschichte aller Zivilisationen gelten, dass die Identifikation mit Mächtigen umso größer ist, je despotischer sie herrschen. Auch deshalb sind heutige sogenannte Demokratien wenig beliebt und sehr instabil.
Da all das hier Aufgeführte selten ganz genügt, um die Untertanen dauerhaft ruhig zu stellen, verlangt es sie nach Ablenkung wie nach Amüsier-Veranstaltungen, nach inszenierter "Unterhaltung", wie sie auch die Kirche und die an sie angelehnten Feste damals bieten, und dazu eben auch die euphorisierende und am Ende betäubende Wirkung von Drogen, von denen schon damals der Alkohol am verbreitetsten ist.
Dies Reich nennt sich zwar nach den Eroberern Francia, aber es ist eine Art Vielvölkerstaat mit dem Lateinischen als gemeinsamer Schriftsprache. Im Norden des fränkischen Galliens sind die Franken eine zunehmend romanisierte kleine Minderheit, und im gallischen Süden verschwinden sie noch schneller in der romanischen Bevölkerung. Im viel später deutschen Germanien siedeln sich einige Franken am unteren Main an, ansonsten handelt es sich um Stammesgebiete mit eigenem Idiom und langsam wachsendem Selbstverständnis.
Stämme lassen sich als vorzivilisatorische, ideelle Abstammungsgemeinschaften definieren. Mit einem ähnlichen Wirtschaften ausgestattet, besitzen sie einen gemeinsamen Kult oder zumindest ähnliche, und eine gemeinsame Sprache oder sie können sich zumindest sprachlich verständigen. Ihren Ursprung haben sie aus kultureller Gemeinsamkeit.
Mit der Entstehung zivilisierter, also institutioneller Machtstrukturen und den Reichsbildungen gehen tradierte Stämme in ihnen auf die Dauer auf und verschwinden so. Aus Stämmen werden nach und nach Völker, deren Gemeinsamkeit vor allem die gemeinsamen Machthaber sind. Dies wird dann Franzosen, Engländer und andere stärker betreffen als die Deutschen und ohnehin sehr lange nicht die Italiener.
Dabei ist darauf zu achten, dass die "Stämme", die in das römische Reich einwandern, in ihrer besonderen militärischen Verfasstheit sich bereits von ihren vorzivilisatorischen Ursprüngen unterscheiden. Als Einwanderer und Eroberer werden sie mit den Reichsbildungen weiter zivilisiert, nachdem der Kontakt mit den Römern sie bereits auf den Weg in Zivilisierung hinein gebracht hatte.
Über eines muss man sich klar sein: Stamm und Volk als spezifisch deutsche Wörter sind nicht ganz klar definierbar. Insbesondere der Volksbegriff, seitdem er in der deutschen Sprache auftaucht, unterliegt einem mehrmaligen Bedeutungswandel, ohne dass eine der Bedeutungen dabei ganz verschwindet. Im Mittelalter wird er von der ersten Bedeutung als Heeresgefolge einmal zur Benennung der produktiven Gruppen der Bauern und Handwerker absinken, zum anderen steigt er aber dann viel später auch auf zur Bezeichnung der Gruppe aller Untertanen unter einem Fürsten oder König.
Mit dem Gift der politischen Korrektheit der letzten Jahrzehnte wird versucht, die Wörter Stamm und Volk ganz aus der deutschen Sprache zu tilgen,
jedenfalls was Deutsche betrifft, deren Existenz als indigene Bevölkerung im Vielvölkerstaat BRD von den kapitalgesteuerten Massenmedien und staatlichen Institutionen inzwischen zunehmend
geleugnet wird: "Deutsch" ist inzwischen nur noch, wer sich formell unter die Verfügungsmacht des Staates BRD begibt, dessen Untertan ist, ganz gleich, woher er kommt, welche Sprache
er/sie spricht und welchen Machthabern er tatsächlich Loyalität erweist.
Es beginnen mit Chlodwig wenigstens 500 Jahre eines Verwirrspiels der Bezeichnungen von Völkern und Reichen. So nennt zum Beispiel der bretonische Verfasser einer Vita des heiligen Asketen Samson von Dol, den es von Cornwall am Ende in die Bretagne verschlägt, das Frankenreich weiter Romania. (Wickham(3), S.150). Noch im 11./12. Jahrhundert können die deutschen Lande als Francia auftauchen. Als römisches Reich werden sie dann kein gemeinsames Land der Deutschen werden, die sich unter verschiedene Machthaber aufteilen.
Wie Germanen und Romanen da, wo sie miteinander mündlich kommunizieren, sich damals einander mitteilen, wird wohl unbekannt bleiben. In Mischgebieten wie in Kreuznach oder Bitburg gibt es zwei Kirchen für die Volksgruppen (Angenendt(2), S.173). Nicht überliefert ist, dass unterschiedliche Sprach-Zugehörigkeit per se zu Konflikten führt, aber sie wird natürlich wahrgenommen. In seinem Testament von 616 verfügt der Bischof Berthram von Le Mans über servi, und zwar tam natione romana quam et barbara, die er freilässt.
Konfliktlinien entstehen aber dort, wo das nordgallische Friesische, das nun auftauchende (keltische) Bretonische und das Baskische offenbar ethnisches Selbstbewusstsein formen, zusammen mit nichtchristlichen Kulten und stärkeren Traditionen.
Da die Germanen keine eigene Schriftlichkeit mitbringen und in Gallien die Schreib- und Lesefähigkeit selbst in den Städten immer mehr zurückgeht, bleibt
das Lateinische als einzige Schriftsprache, welches nicht zuletzt auch die Sprache der römischen Kirche bis ins zwanzigste Jahrhundert sein wird.
Innerhalb einiger Generationen schwindet die civilitas vor allem der kleinen senatorischen Oberschicht großer Latifundienbesitzer, jenes Vorzeigen-Können einer Belesenheit von Vergil und anderen Klassikern samt poliertem Verhaltenskodex als Statusbeleg.
Mit den neuen Strukturen verschwindet dann auch der dreifache Name. Es bleibt das, was später Vorname sein wird, der Taufname, und in Familien setzt sich zunehmend ein festes Repertoire von ihnen durch, an denen Familienzugehörigkeit ablesbar wird. Anders as heute bedeuten diese Namen aber noch etwas.
Unterhalb schwindet damals dann auch jede Schulbildung und selbst Literalität, da sie nicht mehr finanziert und in agrarisch geprägten Zusammenhängen immer weniger gebraucht werden. Zudem schätzen die neuen Krieger-Grundbesitzer etwas andere Werte als unkriegerische Besitzer riesiger Latifundien zuvor. Die Schreib- und Lesekunst selbst der merowingischen Herrscher geht zurück und ist bei den Karolingern weitgehend verloren. Erst Kaiser Otto III. wird um die Jahrtausendwende wieder schreiben und lesen können.
Damit schrumpft das ohnehin eher seltene Vermögen eines kritisch-intellektuellen Umgangs mit ansatzweise erfahrbarer Wirklichkeit komplexer Zivilisation auf ein Minimum, da die Kenntnisse und Fertigkeiten schwinden. An die Stelle tritt der von der Kirche geforderte Gehorsam, der das Denken in einen engen Rahmen presst, und den die weltliche Macht gerne für sich nutzt.
Die Bevölkerung ist stark verringert. Städte schrumpfen meist ganz erheblich, die öffentlichen Bauten, soweit sie nicht der Verwertung der Steine zum Opfer fallen, werden zweckentfremdet, die Straßen, die Wasserversorgung und Abwasserableitung verschwinden. Nur noch wenige Gebäude der Reichen und Mächtigen sind aus Stein.
Produktives Gewerbe und Handel gehen zusammen zurück. Das Mittelmeer verliert dabei in dem Maße an Bedeutung, in dem die des Nordens steigt. An der Keramik lässt sich erkennen, dass die handwerklichen Fähigkeiten erheblich abnehmen, insbesondere jenseits des Bereichs seltener Luxusprodukten.
Kontinuität herrscht insofern ein wenig weiter, als das römische Vielvölkerreich im Osten weiter existiert und seine Oberhoheit von germanisch dominierten Nachfolgereichen des Westens zunächst anerkannt wird; die frühen germanischen Könige lassen sich von Ostrom als Rechtsnachfolger römischer Herrschaft legitimieren.
Bis zur Pest des 6. Jahrhunderts und dem Aufstieg des Islam bleibt dieses Ostrom eines der wohlhabendsten Gebiete der Welt. Konstantinopel wird bis nach der Schwellenzeit des 10. Jahrhunderts wichtigstes Handelszentrum in Europa sein, auch wenn es wirtschaftlich wichtige riesige Gebiete an die Araber bzw. den Islam verliert.
Erste Risse bekommt die fränkische Beziehung zu Ostrom, als König Theudebert im 6. Jahrhundert mit imperialem Recht konkurriert, indem er Goldmünzen mit seinem Abbild und Namen prägen lässt und damit scharfe oströmische Ablehnung hervorruft. (Wickham(3), S.114)
Übrigens: Während das Merowingerreich mit sich und seinen unmittelbaren Nachbarn beschäftigt ist, finden zwei erhebliche Entwicklungen statt: In weitreichenden Wanderbewegungen nach Westen und Südwesten setzen sich slawische Völkerschaften auf ehedem germanische Gebiete östlich der Elbe und südlich davon bis in den Balkan hinein, und noch weiter entfernt beginnt mit der Durchsetzung einer Mixtur aus panarabischen Idealen und ihrer religiösen Untermauerung der Aufstieg des Islam.
Das fränkische Reich der Karolinger
Unter den reichen und mächtigen Familien der Merowingerzeit, die miteinander und mit den Königen konkurrieren, gelingt es derjenigen, die später als Karolinger bezeichnet werden wird, über das mächtige Hausmeier-Amt so weit aufzusteigen, dass sie unter Karl ("Martell") die schwach gewordenen legitimen Könige beiseite drängen und selbst die Herrschaft übernehmen können. Dazu muss er erst einmal über seine Brüder siegen. Das zerfallende Reich versucht er in jährlichen Kriegszügen gegen Südgallien, sich verselbständigende Alemannen und Bayern und in der Abwehr eines islamischen Raubzuges bis ins fränkische Kernland 732 zusammen zu halten. Fast jedes Jahr findet ein Kriegszug statt. Beneficium als Landgaben und Vasallität beginnen sich stärker miteinander zu verbinden.
Inzwischen haben angelsächsische Missionare die Missionierung noch heidnischer germanischer Völkerschaften unternommen, Klöster und Kirchen gegründet und besonders unter Bonifatius die Anbindung an die römische Zentrale betrieben. Bistümer werden reformiert und auf den fränkischen Herrscher hin orientiert.
Sohn Pippin gelingt es ebenfalls, seine Brüder zu unterwerfen. Inzwischen kann Ostrom/Byzanz die formal noch unter seiner Herrschaft stehenden Bischöfe von Rom immer weniger vor den in Italien dominanten Langobarden schützen, und die Päpste wenden sich, wie schon zu Karls Zeiten, um Hilfe an dessen Nachfolger Pippin, der im wesentlichen die Aktivitäten seines Vaters fortsetzt, aber zur Annäherung an Rom eher bereit wird, was in einen Bescheid des Papstes mündet, der die Annahme der Königswürde durch Pippin legitimiert, die durch Salbung mit "heiligem Öl" wie die sagenhafte eines Königs David zusätzliche sakrale Weihe erhält. Pippin lädt nach erneuter langobardischer Bedrohung den Papst in die Francia ein. 754 zieht er mit einem Heer nach Italien, unterwirft die nördlichen Langobarden ein Stück weit und lässt sich vom Papst mit zwei legitimen Söhnen (erneut?) zum König salben. Ein neuartiges Königtum entsteht so unter päpstlicher Mitwirkung, welches auf Reisen ohne Hauptstadt eine im wesentlichen agrarische Welt regiert. Eine Schenkung an den Papst soll diesem Gebiete in Mittelitalien zugesichert haben. Alemannien und Aquitanien werden militärisch stärker annektiert.
Pippins Sohn Karl ("der Große") hat wohl mindestens vier Ehefrauen hintereinander und Konkubinen daneben. Er setzt brutal wie sein Großvater und Vater Alleinherrschaft durch und unterwirft effizienter als sie Aquitanien und in Etappen und mit Heimtücke Bayern, bis er dessen Herzog und dessen Familie in Kolsterhaft hat. Ab 772 kommt es dann in Jahrzehnte langen brutalen Kriegen zur Unterwerfung der Sachsen, deren kulturelle Strukturen er nicht zuletzt durch grausamste Zwangs-Christianisierung ein gutes Stück weit zerstören lässt. Kirche und Kloster dienen als Machtinstrument. Dadurch gerät er nun auch in Konflikte mit Slawen und Dänen. Die Slawen nähern sich nun ihrer größten Ausdehnung nach Westen. Wilzen verbünden sich mit aufständischen Sachsen, Abodriten sind mit den Franken verbündet, am östlichen Ufer von Elbe und Saale werden erste fränkische Stützpunkte angelegt. Derweil "christianisieren" die Bayern die slawischen Karinthier, deren Gebiet, das zukünftige Kärnten, von ihnen dabei übernommen wird. Von Bayern aus erobert Karl das Awarenland und verteilt ihren Schatz an seine Großen.
Er greift sogar im Südwesten etwas auf das nordöstliche Spanien über, wobei er allerdings auf einem Feldzug selbst scheitert. Immerhin schließen sich ihm einige Orte wie Gerona an und mit vom Sohn Ludwig eroberten Barcelona wird schließlich eine spanische Mark eingerichtet, die er von Grafen verwalten lässt.
Neben Bischöfen und Äbten versucht er sich auf von ihm eingesetzte Grafen und Königsboten zu stützen. Zudem ideologisiert er seine Herrschaft stärker christlich und kontrolliert die Kirche dabei massiver.
773 marschiert er in das Langobardenreich ein, welches wieder einmal das päpstliche Rom bedroht, und macht sich dort zum König. Es kommt zu einer Verbrüderung mit Papst Hadrian in Rom, wo er die "Pippinsche Schenkung erneuert haben und antike Monumente kennengelernt haben soll. Weitere "Besuche" in Italien steigern wohl seine Faszination für imperial-antike Überreste und führen wohl auch zu einem etwas erweiterten Geschichts-Bewusstsein. Söhne werden mit so etwas wie Unter-Königreichen ausgestattet.
Das alles mündet 800 in seine religiös eingekleidete Kaiserkrönung durch den Papst, die seinem Riesenreich vielleicht etwas mehr nominellen Zusammenhalt gibt. Inzwischen hat der "große" Karl die Fläche des Reiches beim Tode von Karl ("Martell") in etwa verdoppelt.
797, 802 und 807 gehen Botschafter Karls ("des Großen") an den Hof des Abbassiden-Herrschers, und 800 reisen Botschafter von Harun Al-Rashid über Pisa nach Aachen und liefern einen Elefanten als Geschenk ab, den ein indischer Rajah besaß und den Haruns Vorgänger Al-Mahdi erworben hatte. Den technischen Vorsprung belegt ein anderes Geschenk des Kalifen: Eine mechanische Uhr auf der Basis einer Wasseruhr, die jede Stunde erklingen lässt. Jede von zwölf Stunden treten zwölf Reiter aus zwölf Fenstern und schließen dann die zuvor offenen Fenster. (siehe: Hodges, S.96)
Von Aachen als Alterssitz aus und umgeben von belesenen Bischöfen und Äbten versucht er mit beschränktem Erfolg, die kaiserliche Machtentfaltung in seinem Reich zu intensivieren.
Als Karl sein Ende nahen sieht, sind seine (legitimen) Söhne Karl und Pippin bereits gestorben. Anders als es fränkisches Recht vorsieht, will der Kaiser 812 die Interessen von Pippins Sohn Bernhard gewahrt sehen, und übergibt ihm Italien. Ein Jahr später wird Sohn Chlodwig (Ludwig) dann in Aachen zum Mitkaiser und Nachfolger erhoben.
Dieser Ludwig ("der Fromme") konzentriert sich ab 814 auf die religiöse Durchdringung der Machtstrukturen, schafft sich mit seinem Reformeifer und der Vertreibung bislang einflussreicher Leute vom Hofe aber Gegner und stärkt zugleich bischöfliches Selbstbewusstsein, welches sich dann auch gegen ihn richten wird. In die Machtstrukturen zieht Unruhe ein. Versuche, das Riesenreich auf seine Söhne als Unterkönige samt einem Mitkaiser als Nachfolger aufzuteilen, führen 817 zu einer Dreiteilung, Der älteste Sohn Lothar wird zum umgehend gekrönten Mit-Kaiser mit einem Zentralreich bis nach Italien, Pippin erhält vor allem ein Groß-Aquitanien und Ludwig ein nach Osten erweitertes Bayern.
Karls Enkel Bernhard wird übergangen. Der wehrt sich und wird mit Blendung und Tod bestraft. 822 begeht der Kaiser dafür öffentliche Buße. Zwischen 823 und 827 nimmt Kritik an ihm zu.
829 setzt die neue Gemahlin Judith durch, dass ihr Sohn Karl Alemannien, Elsass, Churrätien und ein Teil Burgunds zugesprochen werden, die alle aus dem Bereich Lothars kommen. Lothar wird des Hofes nach Italien verwiesen, und mit der Berufung Bernhards von Septimanien, des Sohnes von Wilhelm von Toulouse, und zweier Brüder Judiths an den Hof scheint ein gewisser Machtwechsel einzutreten.
Ein Aufstand der Ludwigsöhne Lothar und Pippin bricht aus. Der Kaiser wird zunächst festgenommen, söhnt sich dann mit Pippin und der bayrischen Ludwig aus. Bald nach wird Karls Bereich vergrößert und Pippin verliert den seinen.
In der Folge wenden sich Lothar und Pippin und schließlich auch Ludwig gegen den Kaiser, den sein Heer verlässt, so dass er gefangen genommen werden kann. Er muss erneut Kirchenbuße leisten.
Nun wenden sich Ludwig und Pippin gegen den übermächtigen Lothar, der sich wieder nach Italien zurückziehen muss. Kaiser Ludwig wird erneut eingesetzt. Ende 838 stirbt Pippin. Der Kaiser teilt nun 839 das Reich erneut und zwar entlang einer Nord-Südlinie von Maas, Saône und Rhone, und Lothar entscheidet sich für den Osten. Der jüngere Ludwig wird dazu verpflichtet, Bayern nicht zu verlassen, hält sich aber nicht daran.
Kurz darauf verschärft sich die Lage durch Normanneneinfälle im Norden und solche von Sarazenen im Süden.
Nach Ludwigs Tod 840 geht der Reichszusammenhang in Bruderkriegen seiner Nachkommen schnell unter, wobei 843 in Verdun ein westliches, romanisch geprägtes Reich, ein Mittelreich von den niederen Landen bis Italien (Lotharingien) und ein ganz germanisch geprägtes Ostreich beschlossen werden.
Im Westen ist Karl ("der Kahle") bald mit dem Aufstieg regionaler Fürsten wie einer flämischen Dynastie, den Robertinern im nördlichen Loireraum und dem Machtzuwachs mächtiger Bischöfe konfrontiert. Dazu kommen immer mehr Normannen- und Sarazenen- Einfälle.
Lothar bleibt im Norden seines Reiches und setzt Sohn Ludwig (II.) in Italien ein.Nach Lothars Tod 869 behält er Italien und wird Kaiser, Provence und Bourgogne gehen an Karl, der ganze Norden fällt an Lothar II., also das Gebiet, welches später Lotharingien heißen wird.
West- und Ostreich gelingt es nach Phasen erheblicher Feindseligkeit derweil, nach dem Tod Lothars II. das nördliche Mittelreich bis 870 (Vertrag von Meersen) unter sich aufzuteilen.
875 empfängt er aus der Hand von Papst Johannes VIII. die Kaiserkrone. 877 kann er sich auf einem zweiten Italienzug der herbei eilenden Truppen aus dem Ostreich nicht erwehren und stirbt auf der Flucht.
Im Osten wird die königliche Macht unter Ludwig ("dem Deutschen" 843-876) durch sogenannte Stammesherzogtümer eingeschränkt. Viel Zeit verbringt er damit, Slawen, die sich in den fränkischen Bruderkriegen verselbständigt hatten, wieder tributpflichtig zu machen, einmal die Abodriten im Norden, insbesondere aber die Böhmen und Mährer (Moravier).
Bis 879 regiert Karls Sohn Ludwig ("der Stammler") und das Westreich zerfällt nun immer weiter. 880 gewinnt der östliche Ludwig ("der Jüngere") im Vertrag von Ribemont auch den Westen Lotharingiens. Das Kaisertum ist nicht mehr mit Hoheit über mehr als zunehmend kleinere Teile Italiens verbunden, es wird marginal und gelangt gegen Ende des 9. Jahrhunderts in die Hände minderer Machthaber. 881 macht der Papst den ostfränkischen Karl III. zum Kaiser, der 885 für kurze Zeit Ost- und Westreich vereint, und dann 887 von Arnulf von Kärnten abgelöst wird. 888 kommt mit dem Robertiner Odo ein erster Nicht-Karolinger auf den Thron des Westreiches. Sein Nachfolger wird mit Karl ("dem Einfältigen") noch einmal ein allerdings fast machtloser Karolinger. Arnulfs Sohn Ludwig ("das Kind") wird 900 sein Nachfolger.
Nachdem West- und Ostgotenreiche, die der Sueben, Vandalen und Langobarden längst untergegangen sind, verschwindet in einem langen Prozess im 9. Jahrhundert auch das Frankenreich. Die westliche und die östliche Francia zerfallen in Fürstentümer bzw. Stammesherzogtümer mit schwachem Königtum.. Ein angelsächsisches Königreich wird erst 1066 untergehen und durch ein franko-normannisches ersetzt werden.
Die aus dem Zusammentreffen germanischer und antik-römischer Elemente entfalteten Kräfte der Reichsbildung schwinden, und auf der Basis der darunter liegenden Verhältnisse entstehen bald neuartige Reiche. Diese Gebilde werden im Laufe der Zeit (neue) "Nationen" erfinden und zusammen mit neuartigen Ansätzen von Staatlichkeit gewalttätig durchsetzen.
Strukturen
Das gallische Kernland des Frankenreiches hat, als die Karolinger an die Macht kommen, bereits eine lange Geschichte der Teilung der Menschen in die vielen, welche nicht nur für sich, sondern auch für ihre Herren arbeiten, und die wenigen, welche von der produktiven Arbeit der vielen leben, hinter sich. Diese Aufteilung bleibt grundsätzlich auch bei den Karolingern bestehen.
Das unterscheidet diejenigen, die über Land als Eigentum oder Leihgabe verfügen und diejenigen, die ohne so etwas auf dem Grund der über Land Verfügenden arbeiten. Die ersteren gelten als Freie mit allen Rechten und Pflichten und die anderen als mehr oder weniger Unfreie.
Aber Freie können auch auf Grund und Boden von Herren leben und arbeiten, wobei das nicht so häufig ist. Und freie Bauern gibt es immer weniger, entweder weil es ihnen günstiger scheint, sich unter den Schutz eines Herrn zu stellen, wobei Schutz immer auch Unterwerfung bedeutet, oder aber, weil sie von Herren ohnehin unterworfen werden.
Das Frankenreich der Karolinger lässt sich damit weiter als Interessen-Gemeinschaft einer reichsbildenden Herrenschicht an der Nutzung der Arbeitskraft der großen Masse der Bevölkerung definieren, die in persönlicher und herrschaftlicher Abhängigkeit und Unterwerfung lebt, und zudem als Interessengemeinschaft von Kriegern, deren Gewalt auf Beute aller Art aus ist. Die Herren sind einst als Krieger eingewandert, und so unterstützen die Produzenten mit Abgaben und Diensten weiterhin nicht nur den konsum-orientierteren Lebensstil der Herren, sondern auch ihre kriegerische Gewalttätigkeit.
Das Reich als solche Interessengemeinschaft drückt sich zum Beispiel darin aus, dass in den Texten der Zeit das Volk (populus) nur die kleine Gruppe der Herren bzw. der persönlich Freien meint. Diese sind noch nicht "geschichtet", sondern konkurrieren unentwegt mit Gewalt und Statussymbolen um einen Rang, welcher Ehre bedeutet. Dazu gehört auch der etwas stabilere Status in der kirchlichen Hierarchie, der Bischöfe und Äbte zu hohen Herren macht, und der Status in einer vom König abgeleiteten Hierarchie öffentlicher Aufgaben, "Ämter", wie sie Herzöge oder Grafen darstellen. Herausragende Herren werden schon mal als nobilis oder edel bezeichnet.
Eine allerdings nicht stabile Spitzen-Gruppe unter diesen großen Herren sind weiter die mit direktem Zugang zum König. Manche Historiker sprechen für die Zeit Karls ("des Großen" von einer Art "Reichsaristokratie" aus etwa vierzig bis fünfzig Familien (Tellenbach).
Die Familie der Karolinger steigt auch deshalb bis zum den Merowingern entrungenen Königsthron auf, weil sie direkt oder indirekt über enorm große Ländereien verfügt. Dieses Eigentum macht sie wie alle anderen aber erst dadurch so recht zu Herren, dass sie darauf andere arbeiten lassen, deren produktive Arbeit wiederum als ehrlos und verächtlich gilt. Sehr große Grundherren verfügen über tausende solche Arbeitskräfte.
An der Spitze stehen die Könige,und spätestens seit Karl ("dem Großen") wird seine Macht in Grafschaften von Grafen vertreten, solchen von ihm eingesetzten Großen dort, die dabei vermutlich auch Wahrer ihrer Eigeninteressen sind, und als Aufsicht wiederum darüber reisen Königsboten durchs Land, meist ein geistlicher und ein weltlicher großer Herr.
Könige werden einmal als Interessenvertreter der Herren gesehen und soweit von ihnen unterstützt, versuchen aber unter den Karolingern, eine davon unabhängige Begründung zu finden. Dazu haben Kirche und Religion zu dienen.
Herrschaft ist seit Pippins Königssalbung nach altjüdischem Vorbild stärker sakralisiert, das heißt, die Herrschaft geschieht "von Gottes Gnaden" und in
seinem Auftrag, was auch durch das ganze lange Mittelalter so bleiben wird.
Darum ist es für sie naheliegend und vernünftig, immer mehr jene Religion samt Kirche zu unterstützen, die ihre Macht begründen und zugleich Teil der sie tragenden Machtstrukturen sind. Einhard schreibt in seiner Karls-Vita über den "großen" Kaiser:
Der christlichen Religion, zu der er von Jugend an angeleitet wurde, war er mit größter Ehrfurcht und Frömmigkeit zugetan. Darum erbaute er auch das
herrliche Gotteshaus zu Aachen und stattete es mit Gold und Silber, mit Leuchtern und mit ehernen Gittern und Türen aus. (26)
Von der Kirche werden Könige auf legendär alttestamentarische Vorbilder wie Salomo und David orientiert, jene, die einvernehmlich mit ihren Priestern das Gesetz des jüdischen Gottes auf Erden verwirklicht haben sollen. Dabei bleiben diese Herrscher zugleich de facto weiter ein Stück weit Herren über ihre Kirche und definieren ähnlich wie schon Kaiser Konstantin, was einheitlicher rechter Glaube zu sein hat. "Irrlehren" wie der in Teilen Spaniens verbreitete Adoptianismus (Jesus als quasi von Gott in Göttlichkeit hinein adoptierter Mensch) werden königlich-kaiserlich verurteilt und bekämpft. Über den von Byzanz ausgehenden Bilderstreit (Verehren oder Anbeten heiliger Bilder) wird genauso letztlich vom Herrscher entschieden. In den Institutiones Aquisgranenses (Aachener Regeln) von 816 wird für das Kapitel Wert auf mönchisches Leben inklusive Armut gelegt. Wo es ihm wichtig erscheint, setzt der König Gefolgsleute als Bischöfe und Äbte ein, letztere auch schon mal über mehrere Klöster. Mit dem Niedergang Ludwigs ("des Frommen") geht dann ihr Aufstieg einher.
Kirche erklärt entsprechend weiter die Machtverhältnisse als gottgewollt und jeden Widerstand dagegen zur großen Sünde. Im Gegenzug wird sie immer weiter mit Land und darauf arbeitenden Leuten ausgestattet, bis sie am Ende zusammen mit den Klöstern zum größten Grundbesitzer im Reich wird. Die Zahl der Priestermönche dort und der zu feiernden Messen nimmt zu.
Je weiter sich im Zuge von Christianisierung oft von weltlichen Herren gegründete Tauf- und dann auch Pfarrkirchen ins Land hinein schieben, oft als grundherrliche Eigenkirchen, desto regelmäßiger findet auch für die Masse der Produzenten herrschaftliche Propaganda statt, deren Niveau allerdings wohl extrem niedrig bleibt.
Wie zum Beispiel auch architektonische Übernahmen aus Überresten des antiken Italiens ist Förderung der Kirche Teil einer Art bescheidener "Re-Romanisierung" als Zivilisierungs-Schub. Dazu gehört die Förderung lateinischer Textkenntnis und Schriftlichkeit und von Unterrichtung einer kleinen, im wesentlichen geistlichen Oberschicht, die auf die römische (Spät)Antike hin orientiert ist. Dazu holen sich Karl und Ludwig belesene Äbte und Bischöfe an ihren Hof, die sich dafür in königlicher Macht sonnen dürfen und mit entsprechenden Ämtern belohnt werden. Mehr Schriftlichkeit soll mehr Verwaltung der Macht mit sich bringen, vor allem eine Kanzlei, die aus der Hofkapelle hervorgeht, ohne dass das Macht dauerhaft stabilisiert.
Solche geringfügige Romanisierung erreicht aber tatsächlich nur den Hof, wenige Gelehrte und wenige Spitzen von Kirche und Kloster. Mit ihrem Geister- und Wunderglauben sind all diese oft zugleich mit der Vorstellungswelt der allermeisten Menschen verbunden, die ihrerseits illiterat sind, im Zuge von Zivilisierung immer weiter getrennt von ihren tradierten Welten, und dabei zugleich weithin außerhalb des Blickfeldes der höfischen Welt, solange sie brav für deren Luxus und ihre Kriege arbeiten.
Das neunte Jahrhundert versucht insbesondere in Westfranzien die Belesenheit und Verfügbarkeit von Texten aus der Zeit Karls ("des Großen") weiter zu führen und zu erweitern, bevor diese Entwicklung dann in etwa mit dem Tod Karls ("des Kahlen") 873 abbricht. Dabei entfaltet sich weiter die Praxis, Vernünftiges und Vernunft-Feindliches so zu vermengen, wie es den geistlichen und weltlichen Machthabern jeweils gefällig ist.
Mag Herrschaft auch noch so religiös verbrämt sein, zeigen tut sie sich auch durch den Luxus, in den sie sich kleidet. Dazu gehört Karls ("des Großen") Palastbau in Aachen und das höfische Leben darin.
Karl der Große trägt zu bestimmten Festtagen ein kostbares Königsgewand, während er alltäglich in gewöhnlicher fränkischer Tracht herumgelaufen sein soll. In Einhards Karls-Vita heißt es :
Bei festlichen Gelegenheiten schritt er in einem mit Gold durchwirkten Kleide und mit Edelsteinen besetzten Schuhen einher, den Mantel durch eine Spange zusammengehalten, auf dem Haupte ein aus Gold und Edelsteinen verfertigtes Diadem.
Eine Abbildung zeigt den Karolinger Lothar I. um 840.
"Der goldene Mantel ist mit einer vermutlich kostbaren Fibel verschlossen. Darüber eine ebenfalls goldfarbene Tunika, beides mit Edelsteinen übersät, wie auch die Krone. Langstab (noch kein Szepter) und Zeremonialschwert sehen ebenfalls goldfarben aus und zahlreiche Edelsteine sind appliziert. Selbst die Schuhe sehen goldfarben aus und das Kissen auf dem Faltstuhl hat goldene Flecken, während selbst der kleine Teppich zu Füßen des Herrschers nicht nur goldfarben ist, sondern ebenfalls von Edelsteinen geziert." (Laudage in LHL S.93)
Macht hat sich sichtbar zu zeigen und muss zudem auch der individuellen Eitelkeit genügen.
Wirtschaftliche Basis der königlichen Machtausübung sind die riesigen Ländereien aus merowingischer und karolingischer Herkunft, in große Domänen und darunter villae aufgeteilt, die weithin autark sein sollen, was Ernährung und Handwerk angeht. Dazu kommt erhebliche Kriegsbeute auch an Land, kommen Tribute Unterworfener, und von ihnen können getreue Große mit beneficia, Wohltaten versorgt werden. Um diese zu behalten und zu vererben, ist es nötig, sich den König zu verpflichten, unter anderem durch Königsnähe. Jedes Jahr vor der Heeresversammlung im Frühjahr findet so unter Karl ("dem Großen") eine größere Versammlung bei Hofe unter dem König statt.
Da eine Pfalz den König und seinen großen Tross nur kurzzeitig ernähren kann, und außerdem königliche Präsenz in den Reichsteilen vonnöten ist, ist der königliche Hof bis zu Karls ("des Großen") Ausbau von Aachen und dann der frühen Zeit seines Sohnes Ludwig mit kurzen Pausen stetig unterwegs, um so Macht zu demonstrieren und aufrechtzuerhalten. Dabei nutzen herausragende Große seine Ankunft, um sich zum Hof zu begeben. Sie besitzen nicht nur viel Land mit darauf arbeitenden Leuten, sondern damit auch viele Vasallen, aus denen sich das königliche Heer zusammensetzt. Sie haben Recht wie Pflicht, den König zu beraten und militärisch zu unterstützen, - und ohne sie kann er nicht herrschen.
Mit dem königlichen "Hofstaat" zieht auch seine Kapelle vornehmer Geistlicher, denn der Macht begründende und Sieg verheißende Gott ist auch ein zivilisierender, also der, mit dessen Propagierung sich (zentral gesteuerte) Herrschaft immer weiter ausdehnen bzw. intensivieren lassen soll. Aus der Kapelle lassen sich zudem bald weiter schriftbegabte Leute für hohe Ämter bei Hofe ziehen, überhaupt erweitert sich höfisches Leben langsam mit etwas größerem Personal.
Das Recht ist in allen Zivilisationen an Macht und Stärke gebunden, mit denen definiert wird, was Gerechtigkeit sein soll. Fränkische Könige sind dabei oberste Richter-Instanz. Recht taucht in den inzwischen verschriftlichten tradierten Volksrechten auf und seltener in den Verordnungen der Herrscher. Rechtsprechung ist ihrem Wesen nach nicht einfach Diktat von oben, sondern soll möglichst konsensual der Friedensstiftung als (Wieder)Herstellung der von den Mächtigen gewünschten Ordnung dienen. Deshalb werden, soweit möglich, außergerichtliche Einigungen vorgezogen, für die oft auch Vermittler wichtig werden. Ansonsten gibt es Rechtsfindung mit Eiden und Gottesurteilen. Zudem gilt für hinreichend mächtige Freie das Fehderecht, wenn sie sich begründet ungerecht behandelt sehen und ihnen kein Mächtigerer hilft.
Die Herrenmenschen üben genauso wie für Kriege des Reiches auch Gewalt gegeneinander. Bei soviel Gefahren soll Macht dem Schutz der vielen relativ Ohnmächtigen dienen. Also: Die Gewalttätigkeit der Herren gegeneinander macht es nötig, die ihnen Untergebenen vor dieser zu schützen. Und so widmet sich Karl in seinen Kapitularien auch dem Schutz der Armen und Schwachen, obwohl das noch unter seinen Nachfolgern wohl wenig effektiv bleibt.
Schutz gewähren auch Bischöfe und Klöster, wobei es bei Armenspeisungen und Ähnlichem sehr überschaubaren Umfangs bleibt, die im übrigen letztlich auch aus der Arbeit der einigermaßen friedlich arbeitenden Menschen herrühren. Tatsächlich sind die meisten Menschen bei Hungersnöten, Seuchen und anderen Katastrophen aber weitgehend sich selbst überlassen und werden von der Geistlichkeit damit getröstet, dass es sich um Strafen ihres Gottes handelt.
Machthaber in solchen Zivilisationen schaffen die Probleme, mit deren Bewältigung sie sich dann rechtfertigen. Sie leben von der Arbeit ohnmächtiger Massen, die sie dann aus Eigeninteresse zugleich machtvoll schützen müssen. Sie praktizieren Gewalt, sind aber am Frieden dort interessiert, wo für sie gearbeitet wird.
Weitere Strukturelemente des Reiches oberhalb der Grundherrschaft der Freien formt der so elementare Krieg. Auch unter den Karolingern bleibt das Frankenreich von Gewalttätigkeit oft grausamster Art geprägt. Dazu gehört der Krieg der wohlhabenderen Freien zu Pferde sowie der übrigen Freien als Infanterie. Dieser ist nicht ständig überall, aber jedes Sommer-Halbjahr irgendwo, entweder nach außen oder im Reich selbst. Schwerter, Lanzen, Äxte, Keulen und Pfeil und Bogen dienen der Metzelei, dem Töten und Verwüsten. Dabei nimmt der Anteil freier Bauern im Heer immer mehr ab und der von teilweise mit Benefizien versehenen Vasallen (immer häufiger zu Pferde) zu. Teilnehmer erwarten von ihrem Kriegsdienst nicht zuletzt auch Beute, was ihr räuberisch-brutales Verhalten bestimmt.
Dabei wird die antik-römische Barbaren-Vorstellung nun auf die "Ungläubigen" übertragen, und die Minder-Zivilisierten werden nicht selten als "Wilde" oder gar "Tiere" angesehen, was sich dann bis ins 19. Jahrhundert weitgehend halten wird.
Was den mehr oder weniger unfreien Produzenten an Gewalttätigkeit verboten ist und kriminalisiert wird, ist Lebenselixir einer beutegierigen und ruhmsüchtigen Herrenschicht, welches sie auch im Inneren als Fehderecht ausleben kann. Selbst Bischöfe und Äbte ziehen in den Krieg, nehmen entweder selbst Waffen in die Hand oder delegieren häufiger den direkten Waffengebrauch. Vor und nach dem Krieg wird von hohen Herren in großem Maßstab sportiv gejagt, eine Art Krieg gegen größere Mit-Lebewesen, was den Produzenten immer mehr erschwert wird, welche das ganz unsportlich zur Ernährung brauchen können.
Man lebt in einer Welt, in der Friedfertigkeit sich für die Machthaber nicht auszahlt. Immerhin ist der Islam ebenfalls aggressiv, von der iberischen Halbinsel aus, an der nördlichen Mittelmeerküste und gegen Byzanz. Sachsen und Westslawen geben sich nichts in gegenseitigen Beutezügen, die Sachsen und „Franken“ führen vor der Eroberung der ersteren durch den "großen" Karl ebenfalls gelegentliche Raubzüge gegeneinander.
Sengen und verwüsten (Reichsannalen) sind dann die beiden zentralen Tätigkeiten der fränkischen Heere durch wenigstens zwei Jahrzehnte gegen die Sachsen, und so heißen
sie auch in den offiziellen Texten der Franken Jahr für Jahr stolz:
Der König säte Verzweiflung unter vielen Sachsen und zerstörte ihr Gebiet (...) Er verwüstete alles, brennend und plündernd, tötete eine große Zahl Sachsen, die versuchten, Widerstand zu leisten, und kehrte mit einer riesigen Beute zurück (...) Hass gegen das verruchte Volk (..). Er ordnete an, dass alles durch das Feuer und das Eisen zerstört werden sollte (...) im Verlauf von 25 Tagen durchquerte er das Land, es verbrennend und zerstörend. Riesige Beute und zahllose Gefangene, Männer, Frauen und Kinder, wurden mitgenommen (usw. Eine längere Aufzählung gibt es bei Minois, Charlemagne, S.180)
Die militarisierte Minderheit aus Herren darf kämpfen und geradezu fröhliches Heldentum im Verletzen, Zerstückeln und Vergewaltigen ableisten, die auch dafür arbeitenden Volksmassen bescheiden sich notgedrungen mit kleiner dimensionierter unerlaubter Räuberei, mit Totschlag und was sonst noch so gerade anliegt – und werden, wo erwischt, dafür bestraft. Menschen sind von vornherein oft nicht friedfertig, aber die rund 95% Hersteller von Nahrungsmitteln und anderen Gütern sind nicht nur dazu gezwungen, sich unter Druck von oben eher im Frieden einzuüben, sie haben auch unmittelbar mehr davon.
Ursprünglich waren die Franken wohl überwiegend Fußkrieger. Zwischen Karl ("Martell") und Karl ("dem Großen") wird Reiterei immer wichtiger, wobei gepanzerte Reiter zunehmen. Deren Ausrüstung mit Pferden, Rüstung und Waffen ist kostspielig und muss von ihnen selbst betrieben werden. Zudem ist das neue Reitertum auf längere Ausbildung und ständiges Training angewiesen.
755 verlegt König Pippin bereits die Heeresversammlung dahin, wo Pferdefutter verfügbarer ist. Spätestens Karl ("der Große") führt dann das fodrum als Abgabe für die Pferdefütterung ein.
Ganz langsam geht das aus dem Militärischen stammende Gefolgschafts-Prinzip in ein von Historikern so genanntes (späteres) Lehnswesen über, wobei die Übergabe (Kommendierung) des Lehnsmannes entweder aus Not heraus geschieht und zu servitium et obsequium, Dienst und Gehorsam führt, oder aber bei Mächtigeren und Wohlhabenderen auch zu consilium et auxilium, Rat (Anwesenheit bei Hoftagen, Verwaltungs- und Gerichtsdienste) und (vor allem militärische) Hilfe. Dafür, dass der Mann dem Herrn Kommendation in die Hand des Herrn, Kuss und einen Treueid leistet, bietet dieser ihm Lehen und Schutz, also in letzter Instanz militärische Unterstützung an.
Diesem mündlichen "Vertrag" fehlen genauere Festlegungen, sie unterscheiden sich auch damit von der Beauftragung mit einem "Amt", also einer konkreten Aufgabe.
Schon zu Karl Martell heißt es,
es wurde wegen der drohenden Kriegsnot und des Ansturms der umliegenden Völker ein Teil des Kirchengutes als zinspflichtige Landleihe zur Unterstützung des Heeres auf einige Zeit zurückbehalten. (ut sub precario et censu aliquam partem ecclesialis pecuniae in adiutorum exercitus nostri cum indulgentia Dei aliquanto tempore retineamus) (in: Althoff(5), S.150)
So kommt auf diese Weise zu Geschenk und Beute als Belohnung für den Gefolgsmann nach und nach das Lehen (Leihgut, beneficium) hinzu, welches den Vasallen auch solider als zuvor an seinen Herrn bindet.
Hat schon der große Karl Bischöfe wie Äbte einfach eigenhändig eingesetzt, so beginnt sich unter Ludwig ("dem Frommen") die Vorstellung durchzusetzen, dass auch Abtswürde wie Bischofsamt königliche Benefizien seien, was dazu führt, dass sie ebenfalls den Akt der Kommendation durchlaufen müssen.
"Wie bei der Übertragung eines Beneficiums erhält der Bischof bei seiner Amtseinsetzung ein Symbol seines Amtes; per baculum überträgt der König ihm die Bischofswürde." (Leiverkus in LHL, S.165, es handelt sich um den sogenannten Krummstab).
Entsprechend stellen auch Bischöfe ein militärisches Aufgebot für ihren König.
Das sich langsam entwickelnde Lehnswesen kombiniert also das dingliche Element beneficium bzw. feudum mit dem persönlichen der Vasallität. Damit können sich die Panzerreiter selbst ausrüsten. Wie persönlich bestimmt aufkommendes Lehnsrecht ist, zeigt sich auch daran, dass der Lehnsherr beim Tod des Vasallen Vormundschafts-Rechte gegenüber den Söhnen und Verheiratungs-Rechte gegenüber den Töchtern behält. (Mitterauer(2), S.110)
Bedeutendere Edle besitzt bald selbst Vasallen, aus denen sich eine vor allem militärische Gefolgschaft zusammensetzt. Zu den unmittelbaren vassi regis Karls ("d.Gr.") kommen im 9. Jahrhundert zunehmend mehr Vasallen dieser Vasallen, also von Bischöfen und Grafen als Senioren, Oberherren vor allem. Untervasallen betreiben zunächst Bauerngüter, die auch für ihre militärische Ausstattung ausreichen. Wir erkennen so eine Schicht von Freien, liberi, die nicht nobilis sind (Thegan), da keine Königsvasallen, sondern ignobilis (Hildemar), mögen sie auch zu einem gewissen Reichtum gelangen,- denn sie stammen von Bauern ab.
Schritt für Schritt ändert sich so der Charakter der Vasallität, indem sie sich mit einem Lehen verbindet. Das Beneficium wird dann zunehmend vom Vater auf den Sohn vererbt, auch wenn es unteilbar bleibt. Damit werden die Herrscher nach und nach den Zugriff auf Krongut und damit etwas auch auf die Treue ihrer Vasallen verlieren. Zum anderen neigen Vasallen im Laufe der Zeit dazu, sich an mehrere Herren zu binden, um möglichst viele Benefizien zu erhalten. Damit zieht bezüglich der Treuepflicht Konfliktpotential auf.
Ein weiteres Problem entsteht, wo kleinere Vasallen, insbesondere solche ohne Beneficium, durch größere mediatisiert werden, indem sie von diesen selbst in Vasallität gebracht werden. Zwischen König und Vasall kann so ein Herr treten, dessen Eigeninteressen bevorzugt zu beachten sind.
"Volk"
Das karolingische Großreich, die Francia, schafft auch weiterhin kein Reichsvolk, da es nicht die Mittel hat, die Formierung kleinräumigerer Einheiten zu verhindern und dort aktive Traditionen ganz zu zerstören.
Aus den Quellen sind längst die "Römer" (romani) verschwunden. Sie werden überall im Machtbereich "fränkischer" Herrscher nun zu Franken, und nicht "fränkisch" sind "Völker" nur dann und dort, wo sie (gerade) nicht unter "fränkischer" Herrschaft stehen, wie in Friesland, Burgund oder Provence in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts (zweite Fredegar-Fortsetzung), oder auch schon mal Aquitanien und Vasconien. Dort ist man dann eben kein Franke. Was das aber für die vielleicht 90 Prozent mehr oder weniger massiv Herren untertanen bis versklavten Menschen bedeutet, bleibt eher unbekannt.
Das lateinische Wort für Volk, der populus, taucht in den Texten des Frankenreiches und seiner Nachfolger vor allem dort auf, wo es um von Königen einberufene Versammlungen und offizielle Akte wie Königswahlen geht. Tatsächlich ist hier aber nur ein Ausschnitt der Reichen und Mächtigen versammelt.
Ein anderes Wort dieses Zeitraumes, vulgus, verweist hingegen bereits auf die sich langsam im nächsten Jahrtausend durchsetzende Bedeutung von Volk zunächst als die der nichtadeligen Leute und noch später der Bauern und der städtischen Unterschichten hin.
In den Annalen von St. Bertin heißt es zum Jahr 859:
Die Dänen verwüsteten das Land hinter der Schelde. Das gemeine Volk (vulgus promiscuum) zwischen Seine und Loire, das sich miteinander verschworen hatte (inter se coniurans) leistete den Dänen, die sich an der Seine festgesetzt hatten, tapferen Widerstand; da aber ihre Verschwörung unvorsichtig betrieben war (incaute sumpta est eorum coniuratio), so wurden sie von unseren Großen ohne Mühe getötet. (Quellen karolReichsgeschichte II, S.99)
Gemeint ist hier, dass die nicht zu kriegerischem Handeln befugten kleinen Leute, die sich nicht die Erlaubnis von oben eingeholt haben, um sich gegen Raub, Vergewaltigung, Mord und Zerstörung verteidigen zu dürfen, wo es für sie sonst niemand tut, in den Augen ihrer christlichen Obrigkeit kein Lebensrecht aus sich selbst heraus haben, also letztlich abgeschlachtet werden können; dies umso mehr, als sie sich zu gemeinsamem, genossenschaftlichem Handeln verbündet haben, was spätestens seit Karl ("dem Großen") ihnen wie auch allen anderen verboten ist.
Mit der Teilung des Frankenreichs werden Voraussetzungen dafür geschaffen, dass sich seit dem 10. Jahrhundert neuartige Völker bilden werden. Es wird Herrschaft sein, die Völker bildet.
Das weithin romanisch sprechende Westfranzien teilt sich immer deutlicher in einen etwas stärker fränkisch beeinflussten Norden mit seiner langue d'oeil, wie sie Sprachwissenschaftler heute nennen, und dem durchgehender romanisch gebliebenen Süden mit seiner langue d'oc.
Im Ostreich wiederum werden untereinander wohl schwer verständliche germanische Idiome gesprochen oder sich in einem Streifen links des Rheins nun durchsetzen. Im Norden sind Flamen und Friesen nur mühsam zu zivilisieren, also zu christianisieren und in „fränkische“ Machtstrukturen einzugliedern. Neuartige "Stämme" der Sachsen, Thüringer, Alemannen und Bayern treten deutlicher hervor, die zusammen mit einem Streifen links des Rheins und einer stärker fränkisch besiedelten Zone um den Main eine Art deutsche Sprachfamilie bilden werden. Es wird aber noch Jahrhunderte dauern, bis sich erst ein französisches oder deutlich später ein deutsches Volksbewusstsein durchsetzt.
Im halbwegs kontrollierten Teil Italiens gibt es einzelne fränkische und später auch aus anderen Gegenden kommende Amtsträger neben einer kleinen langobardischen Oberschicht, und ansonsten die schon lange romanisierte italische Bevölkerung. Es machen sich romanische Sprachen breit, die erst sehr viel später im Norden und in der Mitte der Halbinsel als italienisch zusammengefasst werden, während der Süden bis ins 19. Jahrhundert eigene Wege mit einem etwas anderen Idiom gehen wird.
England wiederum entsteht nach Einwanderung von Vertretern germanischer Stämme aus Christianisierung und der gemeinsamen Kirchenorganisation einerseits und andererseits aus einer Entwicklung, die die angli (Angeln) dauerhaft durch Expansion eines Königreiches von Wessex aus als pars pro toto (die späteren Engelonde) etabliert. Dabei kommt es mit dem Altenglischen zu einer ersten ansatzweise gemeinsamen Sprache.
Damit aber nicht genug, entsteht in der frühen Merowingerzeit durch Einwanderung aus Südwestbritannien eine zunehmend keltisch sprechende Bretagne, die bei nomineller „fränkischer“ Oberhoheit sich allen Eroberungsversuchen entzieht, sich dann aber nach weiterer Anzivilisierung im 9. Jahrhundert in ein weithin eigenständiges „Reich“ verwandelt. Solche Reichsbildung gelingt den westlich der Pyrenäen beheimateten Basken nicht, die aber nur gelegentlich von „fränkischer“ Herrschaft betroffen sind, während die Basken auf der iberischen Seite mit Herrschaften in Pamplona bzw. Navarra sich hispanisch orientieren, in ihren Bergregionen aber weiter gegen massive Zivilisierungs-Versuche standhalten. Weiter südwestlich in der Francia teilen sich zunehmend romanisierte gotische und fränkische Herren die Macht, während in Spanien mit karolingischer Unterstützung sich Katalonien mit dem Zentrum Barcelona andeutet und sich dann langsam vom „fränkischen“ Machtbereich lösen wird, aber mit Aquitanien eine fast gemeinsame romanische Sprache entwickelt. Der größte Teil der iberischen Halbinsel steht nach 711 dabei unter muslimischer Herrschaft aus Arabien und Nordafrika.
Wie Leute unterschiedlicher Sprache sich in der Francia unterhalten, wissen wir nicht. In Grenzgebieten mag es eine gewisse Zweisprachigkeit gegeben haben. Die schriftliche Kommunikation der Großmächtigen im Reich findet in einem zunehmend vereinfachten Latein statt.
In den Straßburger Eiden äußerst sich zwar keine Reichsteilung nach Sprachen, aber eine in Reiche, in denen zwei Sprachen dominant sind. Geteilt wird auch nicht exakt nach Sprachgrenzen, neuzeitlich gesprochen, also auch nicht nach Volksgrenzen, aber mit den Grenzen, die gezogen werden, entstehen Ansätze zu Völkern im späteren Sinne.
Als die Straßburger Übereinkunft von 842 von beiden Gefolgschaften beschworen werden soll, finden für das sich aufteilende fränkische Reich die Texte in zwei Sprachen statt: in einen romanischen und einen althochdeutschen Dialekt.
Pro Deo amur et pro christian poblo et nostro commun salvament, d'ist di en avant, in quant Deus savir et podir me dunat, si salvarai eo cist meon fradre Karlo, et in adiudha et in cadhuna cosa, si cum om per dreit son fradra salvar dist, in o quid il mi altresi fazet, et ab Ludher nul plaid numquam prindrai qui meon vol cist meon fradre Karle in damno sit.
In godes minna ind in thes christanes folches ind unser bedhero gehaltnissi fon thesemo dage frammordes so fram so mir got geuuizci indi mahd furgibit so haldih thesan minan bruodher soso man mit rehtu sinan bruodher scal in thiu thaz er mig so sama duo indi mit ludheren in nohheiniu thing ne gegango the minan uillon imo ce scadhen uuerdhen.
(Für die Liebe Gottes und des christlichen Volkes und unser aller Erlösung, von diesem Tage an, soweit mir Gott Wissen und Können gibt, werde ich meinem Bruder Karl beistehen, sowohl in der Hilfeleistung als auch in jeder anderen Angelegenheit, so wie man seinem Bruder beistehen soll, auf dass er mir genauso tue, und ich werde niemals ein Abkommen mit Lothar treffen, das willentlich meinem Bruder Karl zum Schaden sei.)
Niedergang
Das Riesenreich Karls des Großen wird einigermaßen zusammengehalten durch die königliche Instrumentalisierung einer Oberschicht, die einmal als Grafen und dann auch als vassi regis, königliche Vasallen, den Kern des militärischen Gefolges stellen, und zum anderen Bistümer und große Klöster besetzen.
Regionale Grafen leiten placita, Versammlungen der Gerichtsbarkeit und der Propagierung königlicher Politik. Grafschafts-Versammlungen leisten seit 789 auch den neuartigen Treueeid für Karl, und in ihrem Bereich sind Grafen auch für das Heeresaufgebot zuständig. In dieser hierarchischen Struktur versuchen hochgestellte Königsboten (missi regis) zu kontrollieren, inwieweit königlicher Wille eingelöst wird.
Die Interessengemeinschaft aus solcher "Oberschicht" und dem König besteht darin, dass diese ihn unterstützen, und er dafür ihre Interessen zu wahren hat. Das ist hochgradig konfliktgeladen, da diese hohen Herren immer wieder aneinander geraten, und der König dann Frieden stiften muss, was nicht immer zur Zufriedenheit von jedem von ihnen gelingt. Zudem gibt es weiter unmittelbare Interessenkonflikte zwischen den Königen und den Großen im Lande.
Bis etwa zur Kaiserkrönung Karls profitieren diese Großen, Bischöfe, Äbte und weltliche Herren von der Beute aus den alljährlichen Kriegszügen und sind einigermaßen loyal. Gelegentliche, auch gewalttätige Opposition kleinerer Machthaber kann problemlos niedergeschlagen werden. Bis zu Karls Tod hält dann der einigermaßen eingespielte Machtapparat des Herrschers mit Grafen, Bischöfen, Äbten und Königsboten das Reich noch zusammen, wobei man vermuten kann, dass einige hohe Herren, Bischöfe, Äbte und Grafen vor allem Hoffnungen auf die Zeit nach seinem Tod entwickeln.
Nachdem die lange Zeit der großen kriegerischen Eroberungen im frühen neunten Jahrhundert vorbei ist, betrachten viele weltliche und geistliche Große, also kriegerische Großgrundbesitzer mit bewaffnetem Gefolge, jede Machterweiterung der Könige/Kaiser nach innen mit Misstrauen und kämpfen bei Gelegenheit dagegen an. Bei den Reichsteilungen Ludwigs („des Frommen“) unter seine Söhne neigen sie dazu, denjenigen bei ihren Machtkämpfen zu folgen, die ihnen die meisten Vorteile zu bieten scheinen.
Ludwig ("der Fromme") teilt seinen Söhnen Unterkönigtümer zu. Grafen und Königsboten werden weit ins 9. Jahrhundert hineinreichen, insbesondere dann im karolingischen Ostreich bis gegen sein Ende, aber der Zugriff der Könige auf einzelne Regionen nimmt dabei in dem Maße ab, in dem sich Vorformen eines "Adels" weiter entwickeln, aufsteigen und sich dabei Besitzungen und Rechte zum Beispiel auch an Kloster und Kirche aneignen.
Im Zuge solcher Entwicklungen werden auch manche Bischöfe und Äbte immer mächtiger und selbstbewusster, und sie nehmen im neunten Jahrhundert dann an den zentrifugalen Gruppenbildungen der weltlichen Großen teil, deren Interesse ebenfalls die Abwehr stärkerer königlich-kaiserlicher Machtfülle ist.
Das große Reich beginnt im 9. Jahrhundert mit den Machtkämpfen innerhalb der Königsfamilie auseinander zu fallen. Zu diesen immer wieder aufflammenden Bruderkriegen, die nach dem Tod Ludwigs bis zu den großen Reichsteilungen noch zunehmen, kommen die vielen Bedrohungen von außen: Da sind die Wikinger (korrekt ins Latein der Annalen von St.Bertin als pyratae, also Piraten, übersetzt), die die Küsten von Nordsee, Ärmelkanal und Atlantik jahraus, jahrein überfallen und berauben und dabei bis nach Paris und anderswo ins Inland vordringen, bald in Küstennähe sogar überwintern, um erneut auf Raubzug zu gehen. Im Süden dringen immer wieder "Sarazenen" in Italien und der gallischen Mittelmeerküste ein und betreiben dieselbe grausame Piraterie. Im Osten wiederum kommt es immer wieder zu kriegerischen Konflikten mit slawischen Stämmen.
Die Unterkönige und dann Könige der neuen Teilreiche sind derart in ihre Machtkämpfe verstrickt, dass sie keine Mittel finden, um hinreichend gegen die Verheerungen dieser äußeren Feinde vorzugehen, und sie finden manchmal die Räuber mit hohen Geldsummen ab, um sie wieder loszuwerden. Es sind regionale, manchmal lokale Herren, manchmal das "Volk" vor Ort, die sich dagegen wehren müssen, womit sie meist überfordert sind. Dabei und in den internen Verheerungen gewinnen hohe geistliche und weltliche Herren gegenüber ihren Herrschern an Macht und Einfluss, und zwar durch Drohung mit Gewalt oder durch Gewalt selbst, und nicht zuletzt auch durch königliche Vergaben an sie. Sie teilen sich immer mehr die Macht mit den Königen, wobei sie die Bindung an sie stärker durch eine an Herren unter sich ersetzen. Ihre Besitzungen an und ihr Verfügen über Grund und Boden und darauf arbeitende Menschen bleiben dabei weiter über große Regionen hinaus zersplittert, während eine niedere Herrenschicht über regional oder nur lokal ausgebreiteten Grundbesitz verfügt.
Weltliche Herren mit Titeln wie Grafen oder Herzöge, mächtige Bischöfe und Äbte erweisen sich als stärker als die dennoch geduldete jeweilige Zentralgewalt mit ihren geringen Möglichkeiten, und nur im durch das 10. Jahrhundert von einer sächsischen Familie nun beherrschten Ostreich und im angelsächsischen England wird sich überhaupt eine neue nennenswerte Zentralgewalt entfalten, während das Westreich in Fürstentümer zerfällt, und nördlich vom Papststaat städtische Machtzentren am Anfang ihrer Entwicklung stehen.
Den Herrschern fehlen die Machtmittel, und das ist vor allem ein professionelles und von ihnen bezahltes Heer und eine die Reiche durchdringende Verwaltung. Stattdessen sind sie auf Krieger angewiesen, die sich aus ihrem Eigentum versorgen und entsprechend selbständig sind. Sie sind auf Bischöfe und Äbte angewiesen, die immer reicher und mächtiger werden und auch mit der zunehmenden Christianisierung des Königtums diesem immer selbstbewusster entgegentreten können. Könige besitzen kein adäquates Steuersystem und sind so auf Einkünfte aus ihrem Eigentum und das Wohlwollen solcher militärischer Gefolgschaft angewiesen. Die Korruption als das Eigeninteresse von Beauftragten der Könige, von Grafen und Königsboten können sie kaum kontrollieren. Eine wirksame Verwaltung ist das nicht, und die weithin fehlende Schriftlichkeit außer bei Bischöfen und Äbten verbunden mit den weiten Wegen zu Pferde wirkt entsprechend. Eine sich aus der Hofkapelle entwickelnde kleine Kanzlei stellt zwar zunehmend mehr Urkunden aus, die aber wenig königlichen Willen durchsetzen.
Mit der gescheiterten fränkischen Reichs-Konzeption einher geht das Ende einer Nachantike und der Übergang zu einem anders gearteten Mittelalter, dem Ancien Régime, wie es Franzosen nach seinem Ende dort nennen werden.
Italien
Bis ins 8. Jahrhundert herrscht in großen Teilen Italiens eine langobardische Oberschicht mit ihren Königen von Pavia aus. Die sind bis kurz nach 700 Agilolfinger. Bis 742 wird unter Liutprand Pavia prächtig ausgebaut. Seit 751 bedrohen Langobarden Rom. Zwischen 754 und 774 übernehmen Frankenkönige das Langobardenreich bis nördlich von Benevent.
Byzanz verfügt nominell noch über Venedig, Neapel und das castrum Amalfi, etwas deutlicher über Kalabrien und Otranto, und kann dann im 9. Jahrhundert Apulien dazu gewinnen. Das langobardische Benevent kann sich halten. Ein päpstliches Reich etabliert sich immer mehr in Mittelitalien. Der Norden ist nun offiziell fränkisch. Langsam steigen hier wieder neben fränkischen einzelne langobardische Große auf.
Von Lucca aus steigt eine bayrische Familie seit Anfang des 9. Jahrhunderts 843 zu Markgrafen der Toskana auf, die bis 875 ein praktisch selbständiges Reich schaffen.
Erst 871 greift mit Ludwig II., dem imperator Italiae, ein karolingischer Kaiser in Süditalien ein und befreit zusammen mit byzantinischem Militär das muslimische Zentrum Bari. Sein weiteres Auftreten in Süditalien stößt aber auf den Widerstand von Adelchis von Benevent, so dass es am Ende Byzanz ist, welches seine Präsenz in Süditalien nach Aneignung von Apulien wieder stabilisieren kann.
Nach Ludwig hat sich auch Norditalien praktisch völlig vom Frankenreich gelöst.
Sizilien wird im Laufe des 9. Jahrhunderts von nordafrikanischen Muslimen erobert.
875 krönt Papst Johannes VIII. den westfränkischen König Karl den Kahlen zum Kaiser, der damit wenigstens nominell über ein italienisches Königreich verfügt. Er macht Boso von Vienne dort zu einer Art Statthalter. Dieser wird 879 dann König von Niederburgund, dem späteren Arelat, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Piemont.
Mit dem Tod Karls III. 888 fällt die italienische Königskrone zunächst an Berengar I. und 891 dann an Wido von Spoleto, den der Papst zum Kaiser macht. 894 vertreibt der ostfränkische König Arnulf diesen aus Oberitalien und erhält 896 die Kaiserkrone, die er aber gegen Widos Sohn Lambert und Berengar nicht durchsetzen kann. Als König Ludwig von Provence gegen die Ungarn zur Hilfe gerufen wird, wird auch er zum Kaiser gekrönt, kann sich dann aber gegen Berengar nicht durchsetzen.
Angelsachsen in England
Als die Römer nach Britannien kommen, sind die Inseln allesamt von Kelten besiedelt. 407 ziehen sich zumindest ein Großteil der römischen Truppen von Britannien aufs Festland zurück. Römerstädte wie Canterbury oder Winchester verfallen, Landvillen werden aufgegeben. Im Verlauf des Jahrhunderts schwindet die Geldwirtschaft. Die materielle Produktion wird immer einfacher und kunstloser, und das wird sich mit den germanischen Einwanderern erst einmal so fortsetzen. Von der Römerzeit bleibt in Britannien wenige Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch des Reiches wenig übrig außer Ruinen, mit einer Ausnahme: Seit das Christentum im römischen Machtbereich (imperium) Staatsreligion ist, werden auch die ansatzweise romanisierten Kelten Christen.
Zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert werden die Briten von Kent bis zur Isle of Wight von „heidnischen“ Jüten überrannt, und von ebensolchen „Sachsen“, die gelegentlich damals auch „Friesen“ genannt werden, und die von Sussex bis Wessex (Dorset etc.) und Middelsex mit dem verfallenen London und bis Essex siedeln. Nördlich davon lassen sich die Angeln nieder, die Königreiche in East-Anglia, im Zentrum (Mercia) und im Norden (Northumbria) bilden, wobei die Nordgrenze die zum heutigen Schottland bleibt, die alte Grenze des imperium romanum. Im Westen halten Kelten sie am Severnbecken auf. Alle diese Einwanderer kommen wohl aus dem heutigen Norddeutschland bzw. den heutigen Niederlanden.
Es ist weder bekannt, wie viele Leute kommen, noch ist ihre Verbreitung archäologisch im Detail nachweisbar. Unbekannt ist auch die Zahl der nach Wales, Cornwall und der Bretagne vertriebenen Kelten.
Die altenglischen Dialekte, die sie im Laufe der Zeit ausbilden, sind eng verwandt mit dem Altdeutschen Norddeutschlands und ein wenig auch mit dem Alt-Friesischen. Nach Britannien kommen allerdings keine kompletten Stämme, sondern immer wieder einzelne kleinere Verbände, aber sie bringen die germanischen Strukturen mit, die mit den keltischen verwandt sind: Die Basis bilden in Familien bzw. Haushalte geteilte freie Bauern, ceorl, der deutsche „Kerl“, der sich auch im „Karl“ niedergeschlagen hat. In ganz Europa wird dieser Freie, der das Land bearbeitet, langsam in seiner Freiheit beschränkt.
Darüber steht ein "Adel", dessen wesentliche Kennzeichen das Kriegertum und der größere Grundbesitz sind. Er versucht Gefolgschaften zu bilden, die durch Treue einerseits und Schutz im weitesten Sinne andererseits gekennzeichnet sind. Es bildet sich eine Vielzahl kleiner Königreiche heraus, die kaum über die Größe späterer Counties hinausgehen.
König (erst bretwalda, später cyning) ist man mit und „über“ die, die einem Gefolgschaft leisten. Es gibt also ein Königtum, aber kein geographisch fixiertes Königreich. Ein erfolgreicher König ist einer, der seine Macht erhält und erweitert, mehr Gefolgschaft gewinnt, die selbst Gefolgschaft hinter sich hat. Anlass zum Streit mit den Nachbarn gibt es oft, und das Kriegerethos drängt geradezu immer wieder nach Waffengängen mit der Hoffnung auf Beute.
Auf die Dauer kommt es dazu, dass zeitweilig die anglischen Königreiche von Mercia und dann die vom sächsischen Wessex ein Oberkönigtum für ganz Südengland bis zum Fluss Humber errichten. Langsam bildet sich eine Art Hochadel heraus, der immer öfter mit dem König zusammen ist, mit ihm berät, seine Entscheidungen mit herbeiführt und mit ihm besondere Ereignisse feiert. Das ganze Land wird dabei schrittweise in Grafschaften (shires) aufgeteilt - so wie parallel dazu in Bistümer. Die shires wiederum sind in sogenannte Hundertschaften geteilt, in denen nach germanischer Tradition Gericht gehalten wird.
Die angelsächsische Konversion beginnt 597 auf Bitten des Königs von Kent mit päpstlichen Missionaren. Der Missionar der Jüten, Sachsen und Angeln in Britannien wird ein Papst Gregor aus seinem Kloster vertrauter Mönch Augustinus. Er darf sich bei der königlichen Residenz in der in Ruinen liegenden römischen Stadt Purovernum niederlassen, die die neuen Herren dort Cantwarabyrig nennen, woraus das Erzbistum Canterbury wird, zu dem später noch das von York kommt.
Die Missionierung der Angelsachsen gerät in Konflikt mit der keltisch-britischen Kirche. Getragen wird sie von der Hierarchisierung der Strukturen, wie auch von der zunehmenden Konzentration auf Themen wie die der Ehe und der Sexualität.
Bis ins 7. Jahrhundert wird diese römische Mission immer wieder durch heidnische Aufstände behindert, und sie gelingt zunächst nur in Kent, wo Canterbury Mittelpunkt der Kirchenprovinz wird. Augustinus bekommt das Pallium verliehen, was ihm höchste (quasi erzbischöfliche) Weihegewalt verleiht.
672 kommt es zu einer ersten gesamtenglischen Synode in Hertford. Den Bischofskirchen sind Kathedralklöster zugeordnet, in denen der Klerus wie Mönche lebt. Kurz darauf beginnt die angelsächsische Mission auf dem Kontinent.
Zunächst sind es wohl im 8. Jahrhundert Könige von Mercia, die Königsmacht erweitern auf Basis einer an Reichtum und Status immer differenzierten Bevölkerung. König Offa kann in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts einen hundert Kilometer langen Grenzwall gegen die Waliser aufschütten lassen. Offenbar kann er die Untertanen inzwischen für Heerdienst, Brückenbau und Festungsbau heranziehen. (Wickham(3), S.163) Ein Gemeinschaftsgefühl unter den Angelsachsen wächst vor allem über die kirchlichen Synoden und überhaupt die kirchlichen Kontakte.
Auch wenn das wenig dokumentiert ist, lässt sich zwischen etwa 700 und 900 auf Dorfebene eine erhebliche Veränderung von sich selbst verwaltenden Dörfern freier, landbesitzender Bauern hin zu solchen, die stärker einem einzelnen Grundherrn untergeben sind, feststellen.
Ende des 8. Jahrhunderts beginnt die Eroberung der britischen Inseln durch Wikinger. Die Reichsbildung hin zu einem Königreich England geschieht im Abwehrkampf gegen die Wikinger bzw. Nordmänner unter der Führung südenglischer Sachsenkönige. Ab etwa 830 fallen Nordmänner stärker ein, und in in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts überwintern sie auch auf der Insel. Mit großer Armee von Tausenden Kriegern siegen sie über angelsächsische Heere.
Im neunten Jahrhundert steigt Wessex auf Kosten von Mercia auf und gewinnt Essex, Sussex und Kent. König Aethelwulf heiratet dann eine Tochter von Karl ("dem Kahlen"), was sicher seinen hohen Status aufzeigt. Daneben existieren die Königreiche von East Anglia und Northumbria.
Ende des 9. Jh. beginnt von Wessex aus mit Alfred the Great (871-99) durch Ausbau eines stehenden Heeres, einer Flotte und durch Bau befestigter Orte (burh) ab 902 eine konzentrierte angelsächsische Gegenbewegung, die die Entstehung eines angelsächsisch-englischen Gemeinschaftsbewusstseins vorantreibt.
An die Stelle der tuns, der Zentren königlicher Güter treten dabei rund 30 burhs, manchmal in deren Nähe. Sie sind groß genug, um kleine Heere aufzunehmen. In ihnen lässt der König Gericht halten, Münzen schlagen und Abgaben einsammeln. Nördlich der Themse werden sie Zentren neuer shires, die nach ihnen benannt werden. Über die von ealdormen und shire reeves königlich verwalteten Counties, wie sie später heißen werden, und die auf dieser Ebene Recht und Verwaltung betreibenden Gerichtshöfe samt den in writs verschickten königlichen Aufträge an diese kann zentrale königliche Herrschaft ausgeübt werden. Fränkische und angelsächsische Juristen beginnen unter seiner Regierung mit der Niederschrift des Common Law.
Nach der schweren Niederlage eines Dänenkönigs 878 lässt dieser sich taufen und zieht sich nach East-Anglia zurück. Dort und nördlich davon siedeln sich insgesamt wohl ein paar tausend Dänen an. Sie treiben bald Fernhandel, wie Münzfunde aus Arabien und Samarkand bezeugen.
In der Folge wird Alfred auch in Mercia anerkannt. 886 gelingt es ihm, London zu erobern. Bald danach wird seine Oberhoheit in den übrigen Stammesgebieten Englands und auch von den Dänen mehr oder weniger akzeptiert.
In den Niedergang der Karolinger hinein fällt noch im 9. Jahrhundert der Versuch Alfreds ("des Großen"), von ihnen zu lernen. Er versucht, fränkische Gelehrte nach England zu holen und besorgt sich fränkische Bücher wie Einhards Vita des "großen" Karl. Klostergründungen dienen der Schulbildung. Schließlich lernt er selbst Latein und übersetzt unter anderem selbst des Boethius 'Trost der Philosophie' und unterstützt weitere Übersetzungen aus dem Lateinischen ins Altenglische.
Westgoten in Spanien
Nachdem Chlodwig die Westgoten aus Südgallien weitgehend nach Spanien abgedrängt hat, entsteht in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts dort ein neues Königreich. Dieses Wahl-Königtum mit der Hauptstadt Toledo versucht, ein Reich mittels Comites und Bischöfen zusammen zu halten, bei allerdings relativ geringer Zentralgewalt. Vergleichsweise stark bleiben Bischofskirche und Adel.
In der Praxis nähert sich der Großgrundbesitz, kirchlicher besonders, aber auch weltlicher, im Charakter einem Immunitätsbezirk an, in dem der Herr eine Art Polizeigewalt und eine Art rechtlichen Freiraum gewinnt. Gegen Ende des Westgotenreiches wird geklagt, dass diese Herren nicht einmal mehr im Rahmen der herrschenden Gesetze agieren, sondern gemäß ihren eigenen Gewohnheiten. (García Moreno, S. 236f). Die Herren residieren oft in Städten, wo sie die wichtigen Ämter innehaben. Es gibt eine ausgeprägte städtische Zivilisation als römisches Erbe vor allem Süden.
Gegen Ende des Jahrhunderts findet von oben nach unten die Konversion vom arianischen Christentum zur römischen Kirche statt.
Nach und nach werden das Suebenreich im Westen und das oströmische Gebiet zwischen Cartagena und Malaga erobert. Zentrale Versammlung ist die gelegentlicher Konzilien, Könige werden nun nicht selten vom Adel gestürzt, und in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts sinkt ihre Macht, bis dann ab 711 hintereinander mehrere muslimische Heere aus Nordafrika das Reich übernehmen.
Was bleibt, sind kleine spät-visigotische Herrschaftsräume im Norden an der Atlantik-Küste und um Barcelona. Mitte des 9. Jahrhunderts baut Alfons II ("der Keusche") Oviedo mit einem Palast und Kirchen aus, die letztere noch heute im fast ursprünglichen Zustand dort zu besichtigen sind. Einem Grafen Rodrigo wird die Besiedlung des künftigen Kastilien übertragen. Dort gründet ein Graf Diego Rodriguez 884 Burgos. Klöster wie Sahagún und Silos dienen ebenfalls der Wiederbesiedlung. Ordono I. kann das künftige León Richtung Duero etwas nach Süden ausdehnen. Es bildet sich zudem ein Reich von Pamplona.
Die städtische Zivilisation blüht unter dem Islam auf. Immerhin dürften um 900 im islamischen Cordoba an die 100 000 Einwohner gelebt haben, als in den Frankenreichen größere Städte ein paar tausend besitzen, dazu 40 000 in Toledo und vielleicht 25 000 in Granada. Landwirtschaft, Handwerk und Handel florieren weit mehr als in der christlichen Welt, aber die Verbindung von Despotie und Islam erlaubt keine Voraussetzungen für ein Bürgertum.
Die Welt als christliches Konstrukt
Das durch das Mittelalter anhaltende (römisch-katholische) Christentum ist seit dem 18. Jahrhundert immer mehr zurück gegangen und seit den Reformationen den Protestanten zunehmend und heute den meisten Menschen im (inzwischen mehr oder weniger) deutschsprachigen Raum unbekannt. Grundzüge des nachantiken Christentums sind aber eine Voraussetzung zum Verständnis dieser Zeit wie des darauf folgenden Mittelalters und sollen darum hier schon einmal summarisch zusammengefasst werden.
Sowohl frühe Kulturen wie die meisten antiken Zivilisationen konstruierten nur eine Welt. In Kulturen ist das wenig Erklärliche nicht "übernatürlich", sondern Teil ihrer Welt, mit der sie in Kulten kommunizieren.
In der Welt antiker Zivilisationen leben die Götter oft auf Bergen, manchmal abgeschieden von den Menschen, begeben sich aber immer wieder auch zu ihnen herunter, kopulieren bei Griechen und Römern auch schon mal mit attraktiven Menschen und sind in ihren Abbildern in Kultstätten mehr oder weniger anwesend.
Als Erben der Kulturen, aus denen sie hervorgegangen sind, bilden Götter, die sich von Menschen vor allem durch ihre Unsterblichkeit auszeichnen, erlebbare Kräfte der Natur wie der unbelebten Welt ab. Das ändert sich im Judentum und dem daraus hervorgegangenen Christentum (und später auch in dem aus beiden hervorgegangenen Islam).
Der Gott der Juden und insbesondere auch der Christen existiert außerhalb einer von ihm geschaffenen Welt, bei den Christen laut kirchlicher Doktrin in einer letztlich immateriellen Sphäre, die ermöglicht, dass "er" nunmehr geschlechtslos, nicht nur unsterblich, also ewig ist, sondern auch, so er möchte, überall zugleich, zudem allwissend und allmächtig.
Bei beiden, Juden wie Christen (und später dem Islam), ist er vor allem zuständig für die, die an ihn glauben, er ist mit ihnen ein Bündnis eingegangen, in dem er die Gläubigen unterstützt, die Ungläubigen bestraft und zudem sowohl Juden wie Christen eine schlussendliche "Erlösung" von Ungemach und Leid verspricht, die bei Juden eher eine irdische Komponente enthält, während sie bei Christen mit dem Ende der bekannten Welt die Gläubigen in sein Reich erlöst und sie damit so unsterblich macht, wie er selber sein soll.
Solche Religion beschäftigt sich mit dem, was es in keiner Wirklichkeit gibt und wovon man ernstlich keine Kenntnis haben kann. Sie schließt die Lücken des Nichtwissens durch Erfindungen, von denen man hofft, dass sie eine gewisse Plausibilität deshalb haben, weil sie auf Fragen zumindest einzelner Menschen überhaupt eine Antwort geben. Sowohl das Judentum der Priester, das Christentum der Kirche wie der Islam des Koran beruhen auf der für wahr erklärten Behauptung, dass sich am Anfang ein Gott Einzelnen geoffenbart habe, die das dann aufschrieben. Mit Wahrheiten aber wird nicht zu spaßen sein, wie man bis heute erleben kann.
Solche Religionen behaupten, dass es eine Welt jenseits der Wirklichen gäbe, eine Eigentliche eben, beherrscht von einem Gott, insbesondere bei Christentum und Islam auch von einem etwas irdischeren Teufel und von allen möglichen Dämonen und Geistern, die immerhin man auch sinnlich wahrnehmen könne. Sie haben also imaginierte bipolare Welten, die volkstümlich im Deutschen als Himmel und Erde/Hölle bezeichnet werden.
In diesem Konstrukt wird Wirklichkeit als stark vom Bösen beherrschte "Natur" definiert, weswegen die imaginierten Welten einer Eigentlichkeit gerne als übernatürlich bezeichnet werden.
Zeitliche Welt als saeculum im Gegensatz zu ewig-himmlischen Sphären wird dann noch einmal in eine "weltliche" weltlicher Machthaber und eine "geistliche" Sphäre der priesterlichen Magier und der Klosterleute unterschieden.
Im Zentrum der irdischen Weltzeit steht die Geburt Jesu und seine Kreuzigung und Auferstehung, auch wenn man erst im sechsten Jahrhundert beginnt, die Jahre
danach zu zählen. Letzte der Epochen, in die man die Weltzeit einteilt, ist die antik-römische, welche das Frankenreich und dann auch das ostfränkische "römische" Reich fortzuführen
behaupten, und die in schwer absehbarer Zeit im Weltenende untergehen wird.
Die Christen erben zunächst den jüdischen Gott, der sich bei Juden durch seine Strenge und Härte auszeichnet, und überhaupt nur mit ihnen verbündet ist. In den Evangelien bezeichnet Jesus ihn als seinen Vater und macht ihn so zu einem entsprechend väterlichen Gott, allerdings nur für seine, nämlich Jesu Anhänger. Im Vaterunser-Gebet ist er in zwei evangelischen Versionen überliefert.
Mit der frühchristlichen Annahme einer wie auch immer wortwörtlichen Sohnschaft Jesu teilt sich die christliche Gottesvorstellung in zwei Personen auf, was insofern bereits Probleme aufwirft, als das mit dem vorgegebenen Monotheismus mühsam in Übereinstimmung gebracht werden muss. Dazu kommt dann noch der Heilige Geist (pneuma hagion), der rund hundert Mal in den Evangelien auftaucht, und den die Oberen der Kirche dann qua Inspiration für sich beanspruchen. Dieser aber ist für die Kirche deshalb wichtig, weil er die heiligen Texte erst sakrosankt macht und dann deren Obere zu weiteren religiösen Wahrheiten inspiriert.
Der spiritus sanctus der Westkirche wird die Kirche schon alleine deshalb entzweien, weil Uneinigkeit darüber bestehen wird, ob er nur von Gottvater oder aber auch von Gottsohn ausgeht. Schwieriger wird durch die gesamte Nachantike die Frage bleiben, was die Sohnschaft eines Gottes eigentlich bedeuten könne, ist er doch auf Erden ganz Mensch, aber zugleich auch (irgendwie) Gott selbst. Das beginnt ganz früh mit Erklärungsversuchen, wie ein Gott in einer sehr irdischen Frau einen Sohn zeugen kann, wiewohl das antik-griechischem wie römischem Vorstellungsgut durchaus nahe kommt.
Dann wird weiter das Problem der zwei "Naturen", eher Wesenheiten Jesu als des Christus in der Debatte bleiben, die sich dann mit dem Problem der Dreifaltigkeit des Einen verbindet: Jesus ist Mensch und als Christus Gott. Dabei bekämpfen sich frühe Cheftheoretiker der Christenheit so erbittert bis gewalttätig, dass schon Kaiser Konstantin als Herr von Konzilien, also Versammlungen der vornehmen Kirchenoberen, eingreifen und durchgreifen muss, und noch Karl ("der Große") Machtworte sprechen wird. Inzwischen hat sich aber insbesondere in der späten Karolingerzeit eine zunehmende Abwertung der Bedeutung des Menschen Jesus zugunsten des göttlichen Christus durchgesetzt, die sich zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert in den romanischen Christusbildern des Königs Christus, des triumphierenden Herrschers analog zu den irdischen Königs- und Kaiserdarstellungen wiederfinden wird. Menschlicher werden dann die Heiligen, denen sich die Gläubigen inzwischen immer mehr zuwenden.
Der christliche Gott ist ewig, allwissend und allmächtig, er setzt sich damit aus lauter abstrakten Vorstellungen zusammen. Andererseits wird er eben nicht nur als "Vater" etwas vermenschlicht, sondern auch als Partner der Gläubigen wie ein Mensch gesehen: Man kann ihn bitten, anflehen, mit ihm Tauschgeschäfte eingehen, wenn ich dies mache. gibst du mir jenes: do ut des. Er straft wie ein Mensch, er zürnt wie ein solcher usw.
Als Allmächtiger hat er nicht nur die Kirche eingesetzt und die Menschheit in wenige Herren und viele Knechte eingeteilt, sondern auch in wenige Reiche und gar viele Arme.
Die vorgestellte Präsenz Gottes und eine nur sehr lückenhaft rationale Justiz seit der Nachantike machen es möglich, dass Eide und Gottesurteile die Rechtsprechung beherrschen. Der Meineid gilt nicht nur als schwere Sünde und Verbrechen, sondern wird entsprechend auch von Gott bestraft werden. Im Gottesurteil wiederum wird gehofft, dass Gott selbst Recht spricht, wiewohl das zugleich eine gewisse Hilflosigkeit in der Urteilsfindung ausdrückt. "Die Religion dringt wieder in Gebiete vor, die in der Antike bereits entsakralisiert und >rationalisiert< worden waren." (Angenendt(2), S.184)
Was die allermeisten ohnehin nunmehr zwangsweise Gläubigen von alledem halten, bleibt unbekannt. Zu vermuten ist, dass sie das Gottes-Problem einfach von sich fernhalten, wird es ihnen ohnehin als solches nicht nahegebracht, sondern mit jener Aura der Selbstverständlichkeit umgeben, die der Schutzschirm jeder Form von Gläubigkeit ist.
Das Eingreifen Gottes, welches Menschen der Nachantike und des Mittelalters immer wieder herbei bitten, als Hilfe gegen Dürre oder Überschwemmung, gegen Heuschrecken und Krankheiten, für das Schlachten-Glück, bleibt wohl eine zwiespältige Angelegenheit, grenzt es doch an eine gewisse Verfügbarkeit Gottes für die Menschen. Es wird darum in dem Wort "Wunder" als eine Art Ausnahmephänomen wahrgenommen, während alle Übel der Welt eher Strafe Gottes sein sollen.
Mit dem Reich des Überirdischen wird nicht nur in Kirchenräumen kommuniziert und dabei Magie der Priester zelebriert, die Menschen insbesondere auf dem Lande scheinen alltäglich mit ihm in Kontakt zu stehen, wobei es auch Experten jenseits der Kirche zu geben scheint. Beide, Kirche und Volk, vereinigen sich aber in Prozessionen, die um gutes Wetter für die Ernten, Rettung vor Heuschreckenplagen oder Sieg in Schlachten und Kriegen bitten.
Ablehnend ist die Kirche, wenn es um magische Vernichtung der Nebenbuhlerin oder des bösen Nachbarn, um Förderung der Fruchtbarkeit der Frauen auf nicht kirchlichen Wegen oder um die Verehrung guter und böser Feen geht. Kirche und Laien sind aber zusammen bei wundertätigen Reliquien und Heiligen, in der Verwandlung von Wein in Blut oder Wasser in Weihwasser im Kirchenraum, in der Austreibung von Teufeln und in der Weihung von Kirchen und zunehmend der Weihung von Königen.
Die Wörter Materie und Substanz repräsentieren den Wunsch der Menschen, die wirkliche Bewegung in Raum und Zeit in feststehende "Realität" zu verwandeln und somit alltagstauglich zu machen, sozusagen "handgreiflich". Nur in diesem (sprachlichen) Denkmodell kann als Gegensatz auch "Immaterielles" gedacht werden, welches dann in Sprache noch beständiger wird.
Die Trennung in Materielles (Irdisches) und Immaterielles (geoffenbartes Geistiges), an sich als reiner Denkvorgang zu erkennen, macht dabei das Christentum aus. Heiligen lässt sich dabei nur der "Geist", wiewohl (tatsächlich) immer den Köpfen von Menschen entsprungen, und zwar als der, mit dem "Gott" Menschen "inspiriert", denen er ihnen also wörtlich "einhaucht". Als Ort dieses "Inspirierens" dient (verständlicherweise) nicht der Verstand, sondern eine schwer lokalisierbare Instanz im Menschen, welche von Christen als Seele bezeichnet wird. Dieser immaterielle, spirituelle Ort muss möglichst "rein" (von Sünde bzw. Begierde) gehalten werden, da er im Idealfall ins ebenfalls immaterielle Himmelreich eingehen soll.
Was aber wohl fast alle kirchengläubigen Laien bis durch das lange Mittelalter darunter verstehen, ist nicht das eher unattraktive Weiter-Existieren einer körperlosen "Seele", sondern ein angenehm-leibhaftiges Weiterleben in irgendeinem Himmelreich in der Nähe Gottes und seiner Engels-Scharen.
1115 wird der Mönch Guibert (Wibert) von Nogent in seinem 'De vita sua' schreiben: Ubi enim carni jam nullatenus spiritus reluctatur, et infelicis animae substantia voluptatum dispendio profligatur. Also: Wenn der Geist nicht mehr gegen das Fleisch kämpft, wird die Substanz der Seele durch die Gelüste zerstört. (I,1)
Caro - spiritus - anima, mit Fleisch-Geist-Seele nur notdürftig übersetzt, bedeutet eine sehr christliche Aufspaltung des Menschen in drei Teile, von denen nach theologischer Ansicht die Seele unsterblich sein soll. Mit Fleisch ist wie schon im frühen Christentum der Körper/Leib gemeint, und zwar in lebendiger, also belebter Form. Das belebende Element war bei den Hellenen die psyché gewesen, während bei den Lateinern der Leib "animiert" wird. Anima ( wie Psyche) ist darum nur sehr notdürftig neuhochdeutsch in "Seele" zu übertragen.
Nun soll im christlichen Sinne die Seele über den Geist gegen die Übermacht des belebten Körpers kämpfen, im obigen Text gegen das, was ihn besonders intensiv belebt, nämlich seine voluptas. Diese meint in der Antike die Lust und das daraus resultierende Wohlbefinden, und das wird unter christlichem Einfluss vor allem auf sexuelle Lust/Begehren reduziert, deren Abwehr des Christen Pflicht ist.
Der Geist (pneuma / spiritus etc.) ist nicht nur germanisch, sondern auch christlich-lateinisch eine ausgesprochen unheimliche Größe, wenn er nicht nur sehr menschliche Verstandestätigkeit benennt, sondern als heiliger Geist (spiritus sanctus) auch von Gottvater ausgeht und so Teil der göttlichen Dreifaltigkeit ist. Da er die Häupter der christkatholischen Kirche inspiriert, also ihnen korrekte Glaubensinhalte einhaucht (spirare), muss er magische Qualitäten haben, was es möglich machen wird, ihn auch von dem abzulösen, was vorchristliche Menschen der Antike schlicht und einfach als "Denken" erschlossen.
Wenn man notdürftig den Geist als Funktion des Verstandes verstehen kann, ist die christliche Seele als anima eine Erfindung der Kirche, die heute ersetzt wird durch jene, die schon im alten Hellas als psyché existierte, also Lebendigkeit als ein bewusster wie unbewusster Innenraum des Menschen - unter der Maßgabe, dass der Mensch eine Einheit bildet, die nur gedanklich für bestimmte Zwecke kurz einmal aufgespalten werden sollte.
Gott ist vor allem ewig. Als Christus muss er das ebenfalls sein, deshalb seine Auferstehung und Himmelfahrt. Er hatte allerdings versprochen, wieder zu kommen, was aber dann nicht eintritt. So bleibt bald nichts anderes, als auf Erden lebenslang auszuharren, ansatzweise so zu leben, wie Jesus das wollte, und das ewige Leben auf die Zeit nach dem Tod zu verlegen.
Für die Missionierung wird die Erwartung eines allgemeinen Welten-Gerichtes als Weltuntergang dann tendenziell ersetzt werden durch die irgendwann nach dem individuellen Tod einsetzende Gerichtsbarkeit für den jeweiligen Verstorbenen, was dem Drohcharakter der christlichen Botschaft auf den Einzelnen erheblichen Nachdruck verleiht. Nur Heilige wandern nun ohne Umwege zu Gott, weswegen ihr Leichnam manchmal auch nicht verwest - wie auch immer.
Für die meisten Menschen ist allerdings das Angebot ewigen Lebens als körperloser Seele wenig attraktiv, und so duldet die Kirche und fördert dann auch, dass der Volksglaube wie auch der vieler Geistlicher die Vorstellung einer Auferstehung des Leibes wie beim Gottessohn vorzieht, und zwar im optimalen Zustand jugendlicher Kraft und Schönheit.
Der evangelische Jesus hatte schließlich, behauptet die Kirche, die Auferstehung des Leibes versprochen und auch selbst vorgemacht. Den Laien, also fast allen, kann man aber bald kein ewiges Leben als Kranker, Zerstückelter oder gebrechlicher Greis als Angebot für den Glaubenswechsel und die Unterwerfung unter Kirche und weltliche Macht machen.
In der vom Anfang des 9. Jahrhunderts stammenden Trierer bebilderten Handschrift der Apokalypse, also der Offenbarung des Johannes, thront Christus als richtender Gott, assistiert von einigen Engeln, und unter ihm werden die gerade Auferstandenen als recht jung, gesund und munter abgebildet, natürlich nackt wie im ersten Paradies.
Darunter, neben dem Engel, der die für das Himmelreich Untauglichen dem bzw. einem Teufel übergibt, wird gezeigt, wie einfach der Zustand der gerade Auferstandenen aufzupolieren ist: Ein Engel befiehlt einem kopflosen und auch sonst in schlechtem Zustand befindlichen Auferstandenen, sich in die angemessene körperliche Verfassung derer über ihm zu begeben, in der alleine man vor Gott zu treten hat.
Neben dieser Vorstellung von einer leiblichen Auferstehung bleibt aber, wie z.B. das 'Muspilli' von etwa 870 zeigt, die von einer Unsterblichkeit dessen, was die Griechen psyche nannten, die Römer anima, und was dann in germanischen Sprachen als Seele übersetzt wird. Diese entweicht mit dem Tod aus dem Körper und landet entweder bei Gott oder allen Teufeln. Der Körper ist dann als toter „entseelt“, ein Ausdruck, der sich gehalten hat. Die Seele wird für immateriell gehalten (quasi) wie der Atemhauch, ist aber zugleich durchaus glücks- und leidensfähig.
Die Dualität von Leib und Seele/Geist wird konstitutiv für das Christentum der Gebildeten, während sie für germanische Völkerschaften zunächst nicht einmal sprachlich darstellbar ist. Zudem sind die physischen Höllenqualen, mit denen der neue Gott beim Auslaufen der Antike zunehmend droht, für die zu Missionierenden als körperliche Torturen wesentlich überzeugender als irgendeine postmortale Seelenpein.
Gott und sein Reich sind jenseits von Zeit und Raum und damit menschlichem Vorstellungsvermögen eigentlich nicht zugänglich. Im Grunde gilt das auch für die Hölle, die aber nach der Antike an Format und Anschaulichkeit immer mehr zunimmt, da sehr alltägliche Folterqualen nicht nur die Phantasie beschäftigen. Ewige Seligkeit hingegen ist nicht vorstellbar. Sie ist auf Erden nicht zu haben, und wenn man sich dann aus dem irdischen Leben dafür das heraus pickt, was einem besonders gefällt, nimmt die Kirche das hin. Ein paradiesisch ausgestalteter Himmel ist dann das absolut gesetzte Gegenteil der irdischen Welt, die für die meisten damals nicht zuletzt Mühsal und Arbeit, Kummer und Leid bedeutet.
Wo immer Menschen die Wunschvorstellung von einer leiblichen Auferstehung mit möglichst optimalem Körper haben, muss es ihnen schwergefallen sein, auf Grabbeigaben zu verzichten, und die letzten tun dies im Frankenreich erst im 7./8. Jahrhundert, offenbar getröstet durch die Vorstellung, dass in himinam alles im Überfluss vorhanden sei.
Damit der Übergang in dieses himmlische Paradies möglichst ohne (großen) Umweg erreicht wird, ist zunehmend neben der Anwesenheit der Verwandten die priesterliche Begleitung vonnöten, denn gute Engel und böse Dämonen werden nun um die arme Seele kämpfen, und dabei helfen ihr Gebete und das Begießen mit heiligem Öl, welches immer magischere Kraft gewinnt. Wichtig ist auch eine letzte (und nun möglichst offenherzige) Beichte samt aufrichtiger Reue und zuvor ein Testament, in dem man Kirche und Kloster und damit auch die Armen bedenkt.
Wer einflussreich genug ist, kann auch, wenn er den Tod nahen sieht, für die letzten Tage oder Wochen ins Kloster gehen, um seine Chancen hinsichtlich einer himmlischen Zukunft als Kurzzeit-Mönch noch zu verbessern.
Der Hölle verfallen sind allerdings alle Selbst"mörder", denn der Suizid gilt als
Todsünde und nimmt einem die Möglichkeit des Begräbnisses in bald "geweihter Erde", schließt einen also auch postmortal aus der Gemeinde aus. Spätestens im 10. Jahrhundert werden nämlich nicht nur Kirchen, sondern auch dazu gehörende Friedhöfe geweiht.
In der antiken Welt der Römer verschwindet für Gläubige das, was vom Menschen nach dem Tod übrig bleibt, in der Schattenwelt des infernus, wörtlich der Unterwelt. Im germanischen Raum ist das hel oder hella, in späterem Deutsch Hölle, oder italienisch inferno zum Beispiel.
Tatsächlich entsteht die Hölle aus dem Hades/Tartarus der römischen bzw. griechischen Antike und hat mit dem evangelischen Jesus und seinen jüdischen Vorgaben nichts zu tun. Christlich gewendet wird daraus spätestens im 6./7. Jahrhundert der (wohl riesige) unterirdische Folterkeller, in den alle die Toten gelangen, die entweder zu viel gesündigt oder aber nicht genügend die von Gott der Kirche verliehenen Heilsmittel genutzt haben. Damit werden aus den zwei Welten dann in gewissem Sinne eben doch drei.
Chef im Höllenreich der Christen ist der Teufel. Als Satanas ist er bei Juden der „Widersacher“ Gottes gewesen, sein Gegenspieler, und bei den zu bekehrenden Griechen wird diese Vorstellung recht wörtlich in den diabolos übersetzt, und in seinen Verballhornungen wird dieses Wort dann für die Germanen-Mission übernommen. Neben guten Feen kennt der Volksglaube aber auch böse Dämonen, und Christen sehen überall tausend Teufel am Werk, war die Welt des evangelischen Jesus wie seiner jüdischen Zeitgenossen doch schon von teuflischen Dämonen durchsetzt, die niemand so wie er austreiben konnte.
Abgeleitet wird die christliche Teufelsvorstellung aus der jüdischen Paradiesgeschichte, in welcher (der jüdische) Gott mit Adam und Eva zwei Menschen "nach seinem Ebenbild" schuf, was immer das bedeuten mag. Jedenfalls sind sie Mann und Frau und doch ohne Geschlechtstrieb, da noch unsterblich. Der böse Widersacher Gottes, später auch als aus dem Himmel gefallener Engel des göttlichen Hofstaates beschrieben, verdirbt die Unschuld der Menschen, indem er Eva dazu verführt, Adam zu verführen, die Frucht vom Baum der Erkenntnis zu pflücken bzw. zu essen, worauf Gott die Menschen aus dem Paradies vertreibt.
Die jetzt dazu gehörige sexuelle Komponente besagt, dass mit dem Bösen ein Begehren in die Welt kommt, welches sich praktisch dazu fügt, dass die Menschen als Strafe Gottes ihre Unsterblichkeit verlieren und nun zur Fortpflanzung gezwungen sind, welche bekanntlich durch lustvolles Begehren und mühsames Gebären motiviert wird.
Die von Jesus angebotene Rückkehr ins Paradies bzw. in den "Himmel" bedeutet erneute Unsterblichkeit und damit das Ende sexuellen Begehrens. Die Vorbereitung darauf auf Erden gelingt um so besser, je mehr man dies Begehren unterdrückt und wenigstens nicht auslebt.
Dabei geht es um die menschliche Besonderheit, dass die Fortpflanzung mit einem besonders ausgeprägten Lustempfinden gekoppelt ist, welches schon das Begehren zu einem von ausgiebiger Schmerz-Lust-Erfahrung machen kann, die von der kirchlich geforderten Hinwendung zu Gott ablenkt, indem sie die Menschen auf sehr Irdisches konzentriert.
Dazu ist anzumerken, dass sich in der Entstehungszeit des antiken Christentums der menschliche Geschlechtstrieb offenbar nicht selten als sehr anarchisches und oft nicht mehr sonderlich gezähmtes Moment darstellt, also patriarchalem Ordnungsstreben immer deutlicher widersetzt, und damit auch antik-römischem Familiensinn widerspricht. Umso radikaler wird dazu der christliche Kontrapunkt. Damit wird der Teufel in hohem Maße zum Vertreter des sexuellen Begehrens, was sich volkstümlich in seinem animalischen Pferdefuß und seinen ebenso animalischen Ausdünstungen niederschlägt.
Hier verbinden sich nun Eva
als Verführerin des Mannes und der Teufel, der sich ihrer bedient. Ähnlich wie später im Islam ist die Frau am männlichen Begehren schuld, weil sie es, so heißt es nun, im Mann entzündet.
Die Frau, die das forciert, ist also mit dem Teufel im Bunde. Damit wird das Teufelsbild aber im Laufe der Zeit zunehmend schwanken zwischen dem abstoßend hässlichen und dem
attraktiv-charmanten Bösen. Nur in letzterer Rolle taugt der Teufel ja als Verführer insbesondere der Frau, die dann den Mann verführt. Damit wird ein jüdisches Frauenbild in ein
christliches verwandelt. Andererseits ist der Teufel aber in der Hölle auch der grausame Folterer und Sadist.
Dieser Teufel, oft in der Mehrzahl, ist nicht nur für die Hölle zuständig, sondern bereits auf Erden ähnlich allgegenwärtig wie Gott, ist doch die Erde sein eigentliches Reich, so wie das Paradies das Reich Gottes ist. Nur so ist verständlich, warum der evangelische Jesus versprochen hatte, seine Wiederkehr mit der Zerstörung der irdischen Teufelswelt zu verbinden.
Sehr präsent werden die Teufel in den (von Kirchenleuten verfassten) Texten aber erst mit dem langsamen Einstieg ins Mittelalter im 9./10. Jahrhundert. Seitdem lauert der Teufel wirklich überall, was daran liegt, dass er zwar wie Gott nur einer ist, aber zugleich nicht in dreierlei Gestalt, sondern in wahrhaft unzähligen Exemplaren auftritt. Die Vorstellung vom irdischen Regiment des Teufels und der Höllenqualen setzt sich, wenn man allem, was überliefert ist, glauben kann, langsam immer mehr durch und wird von Königen und Bauern offenbar gleichermaßen „geglaubt“.
Zu den kirchen-christlichen Vorstellungen gehört auch, dass man nicht nur vom heiligen Geist inspiriert, sondern auch vom bösen Geist besessen sein kann, weswegen zu den niederen Ämtern in der Kirche auch nach Möglichkeit wenigstens ein Teufelsaustreiber, Exorzist, gehört. Dieser liest dann rettende Formeln vor, manchmal wohl von anderen Ritualen begleitet.
Vorläufer einer christlichen Sündenvorstellung ist die jüdische vom Verstoß gegen die lange "mosaische" Gebots- und Verbotsliste. Im Christentum taucht dann davon nur noch ein Teil wieder auf. Es gibt spezifisch religiöse Sünden wie Gotteslästerung oder "unkeusche Gedanken", aber andererseits ist im Kern auch fast alles Sünde, was jenseits davon als Verbrechen gilt.
Der christliche Katalog der Laster bzw. in der kirchlichen Version, der Sünden, wird zugleich zu einem menschlicher Gelüste: Neben der sexuellen Lust gehört dazu jene Begierde, die als Völlerei abqualifiziert werden kann (Jesus hat wohl frugal geschmaust), als Besitzgier (Jesus hat Armut gepredigt), als Eitelkeit und Stolz (Jesus wählt einen Esel statt eines Pferdes zum Ritt nach Jerusalem), usw. Eine schwere Sünde ist daneben auch das Töten von Mitmenschen ohne Befehl von oben. Solche Sünden machen aber wesentlich das Leben der Mächtigen im Frankenreich und dann durch das ganze Mittelalter aus. Darum betreibt ihr Gewissen denn auch eine Art doppelte Buchführung besonders listiger Art.
Für die christliche Priesterschaft sind die Sünden das Fundament ihrer Existenzberechtigung: Nachdem die Kindstaufe den Säugling formell und mit höchst magischen Mitteln dem Teufel entreißt und der Kirche zuführt, ermöglicht sie den Willigen mit Predigt und Zauberkräften den Weg zu Gott. Da dieser mit ständigen, höchst natürlichen und zutiefst menschlichen Versuchungen gepflastert ist, bedarf es lebenslang stetig weiterer magischer Mittel der dafür Beamteten, um den Zugriff des Teufels abzuwehren bzw. zu kompensieren.
Die Menschen leben stärker als je zuvor im inneren Zwiespalt, müssen den aber für die Bewältigung ihres meist mühsamen Alltages immer neu wieder ignorieren. Bis ins Mittelalter hinein werden sie also lernen, einmal zwischen dem, was sie sollen, und dem, was sie tun, zu trennen, und zum anderen diese Spaltung möglichst häufig zu ignorieren. Sie werden das in der Regel wohl weniger als Lüge betrachten, sondern als einzig praktikablen Weg einer Lebensführung.
Fast alle sind allerdings sowieso fast durchgehend von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang damit beschäftigt, ihren Lebensunterhalt, also ihr Überleben, und den relativen Luxus der Herren durch Bearbeitung des Landes und durch Viehzucht zu sichern. Vor allem daran hat sich weithin ihre religiöse Vorstellungswelt zu orientieren.
Wie schon Paulus-Briefe bezeugen, sind die christlichen Gemeinden, die sich vor allem im östlichen Teil des Reiches bilden, auf dem Weg in den griechischen
und dann auch den lateinischen Alltag: Ein kirchengesteuertes Christentum muss zu seinem Überleben alltagstauglich werden, sich also in die vorgegebenen Machtstrukturen, Arbeits- und
Lebensgewohnheiten integrieren, wenn auch nicht ganz so wie das vorausgehende Judentum, aber eben doch recht ähnlich. Dabei kommt es neben der Hellenisierung und Romanisierung von
der Integration des Alten (jüdischen) Testamentes ausgehend zu einer weitgehenden Re-Judaisierung des Christentums, von der noch Erasmus von Rotterdam sagen kann:
Das Alte Testament (…) ist heute fast wichtiger geworden als die Literatur des Christentums. Auf die eine oder andere Weise beschäftigen wir uns emsig damit, uns vollständig von Christus zu distanzieren. (Brief an Wolfgang Fabrizius Capito)
Zu den vielen eher seltsamen Forderungen des evangelischen Jesus gehört die, die andere Wange hinzuhalten, nachdem man auf die eine geschlagen worden ist.
Diese völlig widernatürliche und psychisch kaum erträgliche Unterwerfung unter die Gewalt des anderen, eine Opferbereitschaft, die als Friedfertigkeit verstanden wird, ist im historisch
(wenig) dokumentierten Christentum der ersten Jahrhunderte bald fast vollständig verschwunden. Ganz im Gegenteil: Christen tauchen auch in den brutalen und grausamen
Amüsierveranstaltungen der Kaiserzeit auf, und es wird immer selbstverständlicher, dass sie auch Soldaten werden.
Mit der kirchlich propagierten Legende von Konstantins Sieg über seine Gegner in entscheidender Schlacht "im Zeichen des Kreuzes" ist der jesuanische Gott dann endgültig in den jüdischen Kriegsgott, den Gott des Waffen- und Schlachtenglücks rückverwandelt, nur dass dieser inzwischen den Juden durch die Christen quasi weggenommen und aus dem Opferkult der Tempelpriester eine christliche Priesterschaft geworden ist, die über neue magische Mittel verfügt.
Die Rückkehr des jüdischen Kriegsgottes in die christliche Sphäre, die selbst den Feindesliebe predigenden Jesus als triumphierenden Christus zu einem Erzkrieger macht und den Papst gelegentlich mit dem Moses der Eroberung des "gelobten Landes" gleichsetzt, spricht also exemplarisch Bände über das, was mit dem armen Jesus in den Händen der Kirche geschehen ist.
Das zeigt sich in der Beteiligung von Bischöfen und Äbten als gewappneten Führern ihrer Heeresverbände in den Kriegen, wie sie zum Beispiel Karl ("der Große") anfordern wird. Noch im 10. Jahrhundert werden geistliche Herren die meisten königlich-kaiserlichen Heeresverbände anführen.
Widersprüchlich ist aber auch der christlich eingefärbte kriegerische Adel, in dem Stolz und christliche Demut kaum miteinander in Einklang zu bringen sind. Immerhin werden durch das ganze Mittelalter hindurch nicht nur überzählige Kinder adeliger Familien ins Kloster gesteckt, ohne sie zu fragen, sondern es gibt manchmal auch einzelne, die den Anforderungen aristokratisch-kriegerischer Lebensführung aus eigenen Stücken entfliehen, das Schwert sogar wortwörtlich begraben wie der Heilige Galgano, oder früher Kapitalverwertung entkommen wie der Francesco von Assisi, der auch das Krieger-Handwerk früh hinter sich lässt.
Und so wird das Mittelalter zwischen Aktivität, der vita activa, und kontemplativer Ruhe schwanken, aber geprägt wird es von Gewalttätigkeit, die legal ist als Fehde und Krieg und illegal dort, wo sie die Machthaber verbieten.
Von der evangelischen Feindesliebe, ohnehin nicht lebbar, bleibt also kaum etwas übrig, aber auch ansonsten bleibt natürlicherweise von der Nächstenliebe nicht viel erhalten. Sie wird zur caritas, die meist auf das Almosen-Geben für Arme und Kranke reduziert wird, immerhin eine Neuerung gegenüber einer härteren Antike. In der Nachantike wird daraus eine eher schon eigennützig gemeinte Bußleistung derer, die entsprechende Einkünfte oder Vermögen haben. Die Kirche fördert dabei, dass sie selbst solche Almosen empfängt, um sie dann mehr oder weniger weiter zu verteilen.
Die Praxis
Konversion
Die Spitzen der christlichen Kirche sind spätestens seit dem 4. Jahrhundert in die Hände einer reichen und mächtigen Oberschicht gelangt, welche insbesondere das Bischofsamt nun als alternativen Karriereweg betrachtet und dabei nicht immer unbedingt einer "geistlichen" Berufung folgt.
Um 400 beginnt von mehr oder weniger christianisierten Städten aus die Christianisierung des gallorömischen Landes mit dem Bau von ersten Bethäusern und Kirchen durch Bischöfe und weltliche Herren. Schließlich sind die rund 115 gallischen civitates-Kerne allesamt Bischofsitze. Dabei gibt es am Ende des West-Imperiums bereits mehr Geistliche als weltliche Verwaltungsbeamte und um 500 sind die Bischofskirchen oft bereits größter Grundbesitzer.
Nachdem das fränkische Königtum sich von der reinen Heerführerschaft durch Ansiedlung und Reichsbildung löst, ist die römische Westkirche hier zunächst die einzige Institution, die dem Ganzen nichtmilitärische Struktur bietet. Chlodwig lässt sich davon überzeugen, dass es der Verschmelzung der großen alteingesessenen Mehrheit mit der dünnen fränkischen Einwandererschicht zu einem Reichsvolk dienlich sei, die seit den späten Kaisern zum Bündnis mit der weltlichen Macht bereite römisch/katholische Kirche zur Staatskirche zu machen. Mit den Eroberungsversuchen über germanische Nachbarn kann nun, ein weiterer Vorteil, Missionierung als Teil der Unterwerfung einsetzen.
Als Chlodwig die Spitzen seines Gefolges soweit hat, dass sie die Konversion mit ihrem Anführer bejahen, ist nirgendwo dokumentiert, dass sie viel anderes vom Christentum erwarten als einen eher den Sieg bringenden Schlachten-Gott. Als dann das "Volk" dazu gebracht wird, sich der neuen Religion anzuschließen, lässt sich vermuten, dass es zunächst kaum Missionierung gibt, sondern auch hierin vor allem Gehorsam gegenüber den Oberen, um sich brav taufen zu lassen. Vorläufig werden die Toten weiter außerhalb der Stadt begraben und erhalten Grabbeigaben, die Frauen oft Amulette.
Die nunmehr überall analphabetischen und auf dem Lande oft noch kaum christianisierten Bevölkerungen treffen bei und nach ihrer Missionierung bald auf selbst kaum mehr lesekundige Priester vor Ort und insbesondere auf dem Lande, und die wohl über 90% von Landbewirtschaftung lebenden Bauern erfahren von ihren Priestern oft wenig Christliches außer dem in seiner Substanz für sie unverständlichen Glaubensbekenntnis und dem Vaterunser. Erst im Mittelalter werden einzelne lesebegabte Interessierte in den wieder auflebenden Städten erste Inhalte der evangelisch- jesuanischen Botschaften neu entdecken, was sie dann nicht selten zu Häretikern bzw. Ketzern macht, die zu verfolgen und dann bald auch umzubringen sind.
Kirche
Da christliche Machthaber in den neuen Reichen, insbesondere im Frankenreich, von ihren Untertanen Zugehörigkeit zu ihrer Kirche, dem Partner ihres Machtapparates verlangen, unterstützen sie Mission, welche erst die eigenen Untertanen und dann anzivilisierte Nachbarvölker in Vorstellungen und Strukturen unterrichtet, die ihrer Machtausübung nützen. In kriegerischen Eroberungen gehen von nun an Unterwerfung und Missionierung Hand in Hand. Wer sich gegen Christianisierung wehrt, wird mit Gewalt zum Glauben gebracht oder stirbt.
Die oströmisch-kaiserliche Kirche beginnt langsam ein Eigenleben und de facto zerfällt Kirche nun im Westen etwas in solche der jeweiligen Reiche. Nicht nur im Reich der Franken teilt sie sich weiter in die Bistümer als Erben der alten civitates, wobei die Bischöfe sich gelegentlich - auch auf Wunsch der Herrscher - in Reichssynoden treffen, um gemeinsame Beschlüsse nach königlichen Vorlagen zu fassen.
Die Bischöfe stellen ein erhebliches Element von Kontinuität von der Spätantike zur merowingischen Nachantike dar. In ihrem Amt führen sie die Einheit der civitas als Diözese fort, während diese ansonsten auf die Reststadt reduziert ist und durch Gaue bzw. pagi ersetzt wird. Im römischen Kaiserreich konstituiert, beruhen Diözesen weiter auf römischen Recht. Darüber hinaus erweitern sie schon aus der späten Kaiserzeit bestehende Funktionen in ihrem Kernort und teilen sich bald dort die Stadtherrschaft mit den Grafen, wobei sie zunehmend Grundbesitz anhäufen. Entsprechend werden sie oft von den Königen bestimmt.
Bischöfe weihen Priester, legen Inhalte der Religion aus und verändern sie dabei, und sie vereinen in ihrem Bereich Gesetzgebung, Rechtsprechung und Verwaltung.
Diese Bischofskirche verbindet "geistliche" Macht mit der weltlichen eines großen Grundherren mit seiner abhängigen Bevölkerung und mit Ansätzen von Herrschaft über die mehr oder weniger verfallenden Städte zunächst in Konkurrenz mit einem Grafenamt. Im Frankenreich fungieren Bischöfe oft "als (nicht mehr nur kirchliche) Vertreter ihrer Städte am Königshof und vermittelten zwischen König und >civitas<. Das Bischofsamt wurde dadurch in die Reichsverwaltung eingegliedert." (GoetzEuropa, S.221)
Dabei hält die gallische Bischofskirche kaum Kontakt zum Papsttum, welches spätestens im 5. Jahrhundert eine Art Vorrangstellung über (nicht nur) die Westkirche einfordert. Deshalb kann so etwas wie eine gallische "Landeskirche" (Angenendt) entstehen.
Mit ihrer Randstellung im Frankenreich der Karolinger ist der Papst, anders als in Byzanz, nicht der Hofbischof des Kaisers, sondern formal selbständig. Er ist zumindest nominell oberster Gesetzgeber und Richter in seiner Kirche. Von ihm geht alle Weihegewalt aus, sobald sich die fränkische Kirche ihm unterordnet, was durch Winfried-Bonifatius vollendet wird, der dabei dem 664 durchgesetzten angelsächsischen Modell folgt. Er leistet dem Papst 722 einen Gehorsams-Eid, erhält 732 das Pallium (eines Erzbischofs) und wird 737/38 päpstlicher Legat.
Irgendwann nach 850 entsteht die Fälschung einer "konstantinischen Schenkung", mit der große Ländereien im Westen an den Papst gefallen sein sollen.
Noch in der späteren Merowingerzeit bildet sich im Verbund von geistlicher und weltlicher Macht die Pflicht des Gläubigen zur Zahlung einer decima, eines Kirchenzehnten heraus, die immer mehr auf alle weltlichen Einkünfte ausgedehnt wird. Da Bischöfe davon aus jeder Pfarrei ein Drittel ungefähr einbehalten, gewinnen sie ein ganz besonderes Einkommen neben dem aus den eigenen Grundherrschaften in ihrer Diözese und darüber hinaus, und dass neben den Einnahmen aus bis tief ins Mittelalter steigenden Rechten und vor allem aus Schenkungen von Laien.
Eine weitere Besonderheit sind vom Adel gegründete sogenannte Eigenkirchen, über die Grundherren vorläufig eigenständig verfügen, indem sie zum Beispiel eigenes Personal, z.B. Knechte als Priester einsetzen. Erst seit dem großen Karl werden nur noch Freie dafür zugelassen. Als Vogt seiner Kirche kann der Herr frei über sie verfügen und sich bald auch eine kaufen oder sie verkaufen. Oft ist sie für ihn aber Begräbnisort und somit ein frühes Familienzentrum. Solche Eigenkirchen können auch Bischöfe besitzen.
Glauben
Wohl schon vor allen Zivilisationen ist Glauben der gefühlten Unerträglichkeit des Nichtwissens wie der dessen geschuldet, was man wissen kann und nicht wissen möchte. Menschen stopfen die Lücken ihres Wissens und erleichtern das manchmal schwer erträgliche Gewusste mittels Spekulierens und Fabulierens, und da das Geglaubte per se keine Substanz in der Wirklichkeit hat, muss es umso intensiver immer wieder eingeprägt und aufrechterhalten werden. In Zivilisationen wiederum wird tradierter Glaubensinhalt im Sinne der Machthaber umgeformt und von ihnen als Teil ihrer Machtausübung aufgezwungen.
Die nachantiken und mittelalterlichen Zivilisationen beruhen wie alle auf Kombinationen von Gewalt und Gläubigkeit, wobei letztere dazu dient, erstere in die Latenz zu bringen, also idealiter in eine schiere und möglichst im Hintergrund lauernde Drohgebärde zu verwandeln. Neben vielem anderem, was der eine oder andere mal hier und mal da glaubt, ist er mit Ausnahme der Juden dazu gezwungen, zumindest so zu tun, als ob er an ein jeweils gerade korrektes Christentum glaube. Und ähnlich wie heute alle auf die jeweilige Verfassung verpflichtet werden und diese dabei kaum kennen und verstehen und das auch gar nicht erwartet wird, so ist den meisten nachantiken und frühmittelalterlichen Christen durch alle Schichten ihre heilige Schrift nicht durch Lektüre vertraut, und der Kern der paulinischen und evangelischen Botschaft wird ihnen auch partiell vorenthalten, - vermutlich interessiert er sie auch nicht. Zudem sind ihnen die theologischen Spekulationen seit der Spätantike unverständlich, wie vermutlich auch fast der gesamten niederen Geistlichkeit.
So eingerichtet hat Glauben immerhin den angenehmen Vorteil, einmal mühsames Selbstdenken zu ersparen und sich mehr oder weniger faul im von Mächtigeren Vorgegebenen einrichten zu können, andererseits aber auch den, sich Diffamierung, Verfolgung, und besonders im Mittelalter dann auch Folter und Tod zu ersparen.
Kulte und selbst frühe Götterwelten sind von ihren Ursprüngen her an Naturgewalten gebunden und haben so eine gewisse, nachvollziehbare Plausibilität. Diese verschwindet ganz grundlegend schon im römischen Christentum.
Fasziniert sind die Leute dann wohl vor allem von den magischen Aspekten des nachantiken Christentums, die immer weiter ausgebaut werden, und weniger vom evangelischen Jesus, von dem sie vermutlich vor allem erfahren, dass sein Ende ein triumphaler Tod war, der ihn längst bis ans wohl ferne Ende der Welt den Menschen entrückt hat.
Was mittelalterliche Menschen tatsächlich glauben, hängt sowieso auch von ihrem Zugang zu Kirche ab, der erst im Verlauf des früheren Mittelalters nach und nach die Menschen auf dem Lande erreicht. Verlangt wird von ihnen im Kern nur der Glaube an die magischen Kräfte der Kirche und das zunächst wenige, was gerade vor Ort ein Geistlicher imstande ist, ihnen als Glauben vorzusetzen.
Für die meisten Laien bis ins Hochmittelalter, für die Bücher unzugänglich und die ohnehin leseunkundig sind, gibt es neben der Verpflichtung auf Sakramente und Kirchgang, neben der irgendwann einsetzenden Predigt und der Unterrichtung durch Skulpturen und Gemälde nur zwei verpflichtende Texte, das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis (Credo):
Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen . (Matthäus)
Im Glaubensbekenntnis, dem „Credo“, wird die Erlösung ganz auf die Wiederkunft Christi konzentriert, auf das Gericht über die dann Lebenden und die vielen schon Toten:
"Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten; seiner Herrschaft wird kein Ende sein" (sedet ad dexteram Patris. Et iterum venturus est cum gloria, iudicare vivos et mortuos, cuius regni non erit finis.) Diese neue Welt am Ende des geoffenbarten Untergangs der alten wird den Zustand der Erlösung ausmachen: Ich erwarte die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt. Amen. (Et expecto resurrectionem mortuorum, et vitam venturi sæculi. Amen.)
Christen sind zunehmend dazu angehalten, das schier Unglaubliche zu glauben, zum Beispiel auch, dass eine Jungfrau einen (Gottes)Sohn gebären kann, das dreierlei Verschiedenes in einer "Person" ein zugleich einheitliches Eines sein soll, dass manchmal Blinde wieder sehen können, wenn sie sich in die Nähe eines Gefäßes mit besonders heiligen Knochen begeben, dass das Eintauchen in vom Priester magisch verzaubertes Wasser einen Menschen irgendwelchen Teufeln entreißen kann, dass das Spenden von Gold und Silber an eine Kirche oder ein Kloster einen beschleunigten Weg zu einem Gott ermöglichen kann, der seinen Sohn geschickt hatte, um Armut als irdisches Ideal vorzuleben. Zudem kann man die Anwesenheit eines Teufels daran erkennen, dass man ihn wie einen Hund bellen oder wie ein Schwein grunzen hört. Vertreiben kann man ihn dann zum Beispiel, indem man das Areal mit Weihwasser besprengt. Und vieles mehr...
Taufe
Wer sich mit dem Teufel in dieser Zeit und mit seiner Macht und Allgegenwart beschäftigt, kommt nicht um die gleichzeitige Ausdeutung der Taufe herum, die in dieser Form in der römischen Kirche Bestand haben wird: Es handelt sich um den rituellen Vorgang, in dem durch den Priester mithilfe des Taufpaten das Kind dem Teufel entrissen und in die Hand der allein rettenden Kirche gegeben wird.
Eines der frühesten althochdeutschen Zeugnisse, ein Taufgelöbnis, dokumentiert das exorzistische Element. Die ersten Sätze lauten in heutigem Deutsch:
Widersagst du dem Teufel? (Forsahhistu unholdun?) - Ich widersage. / Widersagst du den Werken und allen Wünschen des Teufels? - Ich widersage. / Widersagst du allen Blutopfern, die von den Heiden dargebracht werden, und allen Abgöttern und Götzenbildern, die sie als Gottheiten verehren? - Ich widersage. (E. von Steinmeyer (Hrsg), Die kleineren althochdeutschen Sprachdenkmäler, Berlin 1971 (1916), S.23ff)
Wehe dem Kind, das vor der Taufe oder Nottaufe stirbt. Es kann nicht auf dem Kirchhof beerdigt werden, da dort nur die mit einer gewissen Aussicht auf die Himmelfahrt Platz bekommen, also nicht die Ungetauften und auch keine besonders schweren Sünder zumindest aus den niederen Rängen der Bevölkerung.
Zunächst ist in der antiken Kirche für die Taufe eine mehrjährige Katechumenen-Zeit (Lehrzeit) notwendig, aber diese schrumpft dann immer weiter zusammen, bis sie weithin verschwindet. Den extremen Verzicht darauf bilden nachantike Zwangstaufen, die ohne jede religiöse Vorbereitung vollzogen werden.
Zur unter den fränkischen Herrschern oft geringen religiösen Bildung der Priester passt es, dass bald die Kindertaufe zum Regelfall wird. Ersatzweise für die Kleinen müssen nun Paten oft nur minimale Glaubensinhalte vorweisen und stellvertretend für die (wehrlosen) Kinder bekennen.
Die klassische
Teufelsaustreibung ist also die Taufe, aber Exorzismus ist das Mittel, mit dem jedem auch in späterem Alter der Teufel ausgetrieben werden kann, so er von einem Besitz ergriffen hat.
Da das öfter passiert, ist die Zahl der Exorzisten, damals meist Teil der niederen Geistlichkeit, entsprechend groß.
Eucharistie
Nach der Taufe ist die Eucharistie das zweite zunehmend mit magischen Vorstellungen besetzte Sakrament, also die zweite "heilige" Kulthandlung. In ihrem Kern steht ursprünglich ein Gedächtnismahl, welches an das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern vor seinem Tod erinnern soll, als Jesus Brot und Wein als Erinnerungszeichen an ihn benennt. Daraus entwickelt sich in den ersten Jahrhunderten ein besonderer Gottesdienst aus Lesung, Predigt, Fürbittengebet, Friedenskuss und Mahl, der dann im 5. Jahrhundert als missa bezeichnet wird.
Dabei eignet sich zunächst der Priester die von der Gemeinde gespendeten ("geopferten") Brote und den Wein an, die sie ihm zum Altar bringen, vergibt diese in der Kommunion an die Gläubigen und behält den Rest für die Armen.
Zwischen dem zweiten und fünften Jahrhundert setzt sich die wohl zunächst vage Vorstellung durch, das Brot und Wein für das Blut und den Leib Jesu stehen.
Diese "Transsubstantiation" macht dann auf dem Weg ins Mittelalter jene Wandlung durch, mit der der Priester, wie es heißt, tatsächlich Brot und Wein in Leib und Blut Jesu verwandelt, welche der Christ sich dann einverleibt und so in communio (Gemeinschaft) mit Jesus tritt, ein Prozess, der im 11. Jahrhundert zu heftigem Streit zwischen philosophisch angehauchten Theologen und der kirchlichen Orthodoxie führen wird.
Buße
Da der Teufel in dieser Welt nach dem Willen Gottes und der Anfälligkeit der Menschen herrscht, ist jeder ein Sünder. Die wichtigste Neuerung, die mühsam im Laufe von Jahrhunderten durchgesetzt werden muss, ist ein Bewusstsein von der eigenen (und allgemein-menschlichen) Sündhaftigkeit, der nicht einmal Päpste und allerfrömmste Kaiser entkommen, von denen immerhin einige auf mittelalterlichen Gemälden in der Hölle landen, während andere dem auch durch Heiligkeit entgehen können. Das heißt, man kann sich rein weltlicher Vergehen etwas leichter enthalten, der Sünde aber eben nicht.
Die germanischen Volksrechte kannten als Strafe vor allem Geldzahlungen, im Verlauf fränkischer Herrschaft wird dieses Recht durch Grausamkeiten angereichert: Todesstrafe auf immer mehr Missetaten bis hin zum Majestätsverbrechen bei Karl dem Großen, aber auch Handabhacken, Blenden etc.
Die Geldstrafenkataloge der Germanen wiederum finden bald eine Analogie in den Bußkatalogen für die Sünden. Vor der Busse steht die Beichte, das Bekennen der Sünde, welches ursprünglich öffentlich und persönlich und keine nur kirchliche Angelegenheit ist. Es kommt dafür in der Merowingerzeit zunächst zur Versammlung ganzer Ortschaften und zu großen Bittprozessionen. Genauso ist es in den Klöstern, in denen die Brüder sich untereinander die Beichte abnehmen. Dann wird zunächst eingeführt, dass Todsünden Priestern nur noch heimlich gebeichtet werden müssen, und dann schließlich alle anderen auch.
In der Beichte ist der gelegentlich keusche Priester der Zeit den sexuellen Aktivitäten der Laien verbal ausgesetzt. In den Beichtkatalogen mit ihren Sünden und Strafen finden sich dann die ganzen Phantasien derjenigen wieder, die mit ihrer Keuschheit und ihren sündigen Gedanken zu kämpfen hatten. Bischof Theodulf von Orléans mahnt deshalb schon zur Zeit des großen Karl:
In den Beichtspiegeln sind viele Sünden aufgeführt, welche die Menschen besser nicht kennenlernen sollten. Auch sollte der Priester den Beichtenden nicht über alles befragen, damit dieser nicht nach der Beichte durch die Anstiftung des Teufels einem Laster verfalle, das er vorher gar nicht kannte. (deutsch in Riché, Welt der Karolinger, S. 73)
Seit der Spätantike ist es üblich, dass Menschen, denen eine Kirchenbuße auferlegt wird, zu Anfang der Fastenzeit ein Bußgewand anziehen und mit Asche bestreut werden. In der Kirche Galliens werden sie wie Adam und Eva aus dem Paradies aus der Kirche vertrieben. Am Gründonnerstag dann dürfen sie nach Buße wieder die Kommunion empfangen. Während dieser Brauch um das Ende des 10. Jahrhunderts verloren geht, setzt sich die Asche-Bestreuung aller Gläubigen durch, nachdem zunächst einzelne sie aus Solidarität mit den Büßern auf sich genommen hatten.
Die förmliche Verbindung von Beichte und Bußeröffnung bei Todsünden findet vor allem am „Aschermittwoch“ in der Kirche statt: „In einen Sack gekleidet, mit bloßen Füßen und niedergeschlagenen Augen, trat der Sünder vor den Bischof, der ihm Asche aufs Haupt streute, das Büßerhemd überwarf und das Strafmaß eröffnete, bevor er ihn feierlich aus der Kirche weisen ließ." (Riché, Welt der Karolinger, S.285)
In den germanischen Nachfolgereichen steht es sehr lange eher schlecht um die Reue, da ähnlich wie in den Volksrechten Buße als vollwertige Kompensation für die Übeltat betrachtet wird. Man fastet so und so lange, betet so und so viele Gebete, tritt eine Pilgerschaft an usw. Es gibt zudem auch das körperliche Kasteien. Vermutlich hatte nie zuvor eine Institution mit ihren Beamten zumindest theoretisch eine solch konsequente und intime Kontrolle und Machtausübung über Menschen gehabt.
Man leistet also etwas für die Vergebung der Sünde(n). Mit den irischen Mönchen kommen dann ganze Bußbücher auf, in denen einander Sünde und Buß-Strafe detailliert gegenüber gestellt werden. Dabei kann gelegentlich Buße auch mit Geld als frommem Werk (zum Beispiel als Almosen) abgeleistet werden. Die Idee der Reue und Besserung gerät dabei nun immer stärker in den Hintergrund.
Im Grunde genommen wird dabei, besonders auch unter dem Einfluss der irischen Mission Columbans, immer deutlicher die Vorstellung vertreten, dass jede Sünde eine entsprechende Buße als Äquivalent hat und darum durch Buße auch vergeben werden kann.
Diese Entwicklung führt dazu, dass ein Grundherr schon einmal seine Sklaven für sich, also an seiner Stelle, fasten lässt, und schließlich dazu, dass auch Angehörige oder Verbrüderte im Gebet für jemanden quasi Bußleistungen abliefern, und solches nach dem Tod des Betreffenden fortsetzen, um seine unerfreuliche Wartezeit auf dem Weg ins Himmelreich abzukürzen.
In karolingischer Zeit nehmen auch die Privatmessen zu, also solche, die extra von Privatleuten finanziert werden und ohne die Gemeinde stattfinden. Dabei wird erwartet, dass mit der Messe ein bestimmtes persönliches Anliegen gegenüber Gott erwirkt werden kann. Damit wird die Vorstellung immer stärker etabliert, dass man sich in die von Christus angesammelten Heilsmittel ("da oben") praktisch einkaufen könne. Dem entspricht die Verwandlung von Bußleistungen in Geldabgaben, mit denen jemand finanziert wird, der diese Buße stellvertretend absolviert bzw. wodurch sie in Messfeiern verwandelt werden kann. Vor der Kommerzialisierung des Alltags zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert macht die Kirche solche bereits ausgiebig vor.
Geschlechtlichkeit
Das Christentum der ersten Jahrhunderte geht von der Askese zur de-facto-Bejahung von Ehe und Familie über, und diese werden dann in den neuen Reichen noch etwas durch germanische Vorstellungen ergänzt. Praktizierter Geschlechtstrieb bleibt aber andererseits Sünde, soweit er mit Lustgefühlen verbunden ist, und die Schuld dafür wird vor allem den Frauen zugesprochen.
Andererseits spricht das Christentum grundsätzlich beiden Geschlechtern die Fähigkeit zur (fast) asexuellen Heiligkeit zu.
Macht setzt nicht nur Recht und formuliert Moral als Herrschaftsinstrument, sie alleine kann beide zugleich straflos mit Füßen treten. Auch nur ansatzweise christliche Sexualmoral gilt schon damals nicht für die, welche Massen untertäniger Menschen für sich einspannen können und sich darum an die von ihnen mitvertretenen Regeln selbst nicht halten müssen. In Herrscherfamilien wie den Merowingern und den Karolingern gibt es neben der wegen dynastischer Interessen ausgesuchten Ehefrau in der Regel Nebenfrauen auf Zeit, eben solange, wie sie sich den Appetit anregend halten können. Daneben ist zu vermuten, dass der Gelegenheitsfick gegenüber Mädchen und Frauen in schwacher Machtposition je nach Persönlichkeitsstruktur der Machthaber so üblich sein dürfte, dass er nicht erwähnenswert ist. Erst unter den Karolingern werden dann die illegitimen Söhne von der Nachfolge ausgeschlossen.
Die römische Kirche versuchte immer wieder die germanischen Gewohnheiten der (männlichen) Polygamie und des Konkubinats bei wohlhabenderen Mächtigen zu unterbinden. Offenbar wurde unter den Merowingern und früheren Karolingern noch nicht rechtlich eindeutig zwischen legitimen und illegitimen (außerehelichen) Kindern unterschieden.
Die nicht angeheirateten Bettgefährtinnen Karls ("des Großen") gehören sicher zur Normalausstattung eines mächtigen Großkriegers, und seinen Töchtern verbietet er die Ehe wohl nur, damit sich keine hohen Untertanen dadurch zu großmächtig fühlen können. Ihre sexuellen Bedürfnisse dürfen sie als Töchter des Großpotentaten aber offenbar unehelich nach Gusto ausleben und entsprechend uneheliche Kinder bekommen.
Ludwig ("der Fromme") ist unter den Mächtigen offenbar eher eine Ausnahme, was Monogamie im Erwachsenenalter betrifft. Aber als er mit sechzehn zum ersten Mal heiratet, hat er bereits von Konkubinen eine Tochter und einen Sohn, und der zeitgenössische Astronomus bescheinigt ihm eine gewisse sexuelle Heißblütigkeit in jungen Jahren. Aber nun bringt sich die Kirche im Verein mit der weltlichen Macht stärker in die Vorstellungen und Praktiken von Ehe und Eheschließung ein. Erst seitdem werden außereheliche Kinder in der Regel per se von der Erbfolge ausgeschlossen.
In seiner Zeit beschuldigen Machthaber, die ihre Ehefrauen los werden wollen, diese des Ehebruchs, der Sodomie und was ihnen sonst so einfällt, und sie gehen wohl davon aus, dass das alles nicht ganz unplausibel klingt.
Wie es unter den Mächtigen so zugeht, berichten die Annalen von St.Bertin für 869: Karls ("des Kahlen") Frau Irmintrud war fern vom König im Kloster gestorben,
und alsbald (exsequente) schickt er den Boso (...) an dessen Mutter und deren Schwester Theutberga, die Witwe König Lothars, ließ sich Richildis, die Schwester dieses Boso, zuführen und nahm sie zur Beischläferin (in concubinam accepit): um deswillen gab er diesem Boso die Abtei des heiligen Mauritius nebst anderen Lehen und begab sich selbst, jene concubina mit sich führend, eilends auf den Weg nach der Pfalz zu Aachen (...) (in: QuellenkarolReichsgeschichteII, S.205) Im folgenden Jahr wird er seine Konkubine dann heiraten.
Nur selten hört man von Übergriffen der Mächtigen auf Mädchen und Frauen, die offenbar zu gewöhnlich sind, um einer Erwähnung wert zu sein. 882 zieht König Ludwig von Westfranzien gegen die Normannen, und vermutlich wäre folgendes nie aufgeschrieben worden, wenn er nicht dabei tödlich verletzt worden wäre:
Aber jung wie der König eben war (quia iuvenes errat !), verfolgte er ein Mädchen, die Tochter eines gewissen Germund; und da diese sich in das väterliche Haus flüchtete, setzte ihr der König zu Pferde im Scherz (!) dahin nach, wobei er sich am Türstürz die Schultern und und am Sattel seines Pferdes die Brust aufrieb und eine heftige Quetschung erlitt. (Annales Verdastini in: QuellenkarolReichsgeschichteII, S.303)
Zwischen Mägden und ihren wohlhabenderen Herren dürften sexuelle Übergriffe, manchmal wohl, mit gewissen Hoffnungen verbunden, gelegentlich auch eher einvernehmlich gewesen sein, Aber selbst rohe Vergewaltigungen sind wohl nicht selten gewesen. Im Prümer Urbar tauchen unter den servi non casati zahlreiche Frauen auf, die unverheiratet sind, aber mehrere Kinder haben, - ohne das über die Erzeuger ein Wort verloren wird.
So etwas wird damals in aller Regel nicht geahndet, es gehört wohl bis ins späte Mittelalter zumindest manchmal dazu, und diese Situation soll sich ja auch danach nur wenig ändern.
Wenn man den Annalen des 9./10. Jahrhunderts folgt, dann sind Heerzüge und Kriege neben anderen Greueltaten immer von Vergewaltigungen der weiblichen Bevölkerung begleitet. Die "heidnischen" Wikinger (pyrates) oder Nordmänner oder Dänen, wie auch immer sie genannt werden, ergänzen das durch Versklavung ihrer Opfer. Aber christliche Heere scheinen nicht viel besser zu sein. Kriege sind Verwüstungszüge, die Heere müssen sich vor Ort versorgen und ihre Aggressionen loswerden. Machthörige Chronisten berichten davon nur, wenn es ihnen opportun erscheint.
Als Kaiser Ludwig 864 in Rom ist, verprügeln seine Leute Priester Der Kaiser verließ nach wenigen Tagen Rom, nachdem von seiner Begleitung viele Räubereien verübt, Häuser zerstört, Nonnen und andere Frauen geschändet, Männer getötet und Kirchen geplündert worden waren. (Annales Bertiniani in: QuellenkarolReichsgeschichteII)
Was all diese doch so wichtigen Dinge im Leben der Menschen angeht, so können wir über die mehr als 90% produktiv arbeitender Bevölkerung viel weniger Aussagen machen. Hier geht es auch im Verhältnis der Geschlechter vor allem um das Not Wendende: Ehe, Familie und Verwandtschaft sind lebensnotwendig und auf das wenige Wichtige konzentriert.
Einen Hinweis für Zuwider-Handeln geben vielleicht fränkische Synoden der Mitte des achten Jahrhunderts, in denen Fälle einer gerechtfertigten Scheidung erwähnt werden, nämlich "dass ein Mann mit der künftigen Schwiegertochter verkehrte oder mit einer fremden Frau und zugleich deren Tochter Ehebruch trieb, dass ein Ehepartner beim Eheabschluss seinen unfreien Rechtsstand verheimlichte" (usw., Angenendt(2), S.290). Das sind wohl keine ganz seltenen Fälle, gibt aber keine wirklich repräsentative Auskunft über den Alltag.
Die Ehe wird unter den Eltern ausgehandelt, und die Eheschließung findet dann in zwei Etappen statt. Zunächst kommt die Verlobung mit einer Gabe des Bräutigams (dos), die der möglichen späteren Witwenversorgung dient. Zudem erhält die Verlobte einen Ring von ihm, und das Ganze wird in ein Fest eingebettet.
Dann kommt die eigentliche Hochzeit, für die die Brauteltern der Tochter eine "Mitgift" geben und der Ehemann ihr nach der Hochzeitsnacht die Morgengabe überreicht.
Da Ehe und (sündenbelastete) Geschlechtlichkeit zusammen gehören, ist die Kirche bei der Eheschließung der einfachen Leuten kaum beteiligt, sondern bleibt vorläufig noch außen vor. Unter den Karolingern wird der Priester in der Regel höchstens zur Segnung des Brautbettes gebraucht. Damit wird aber nicht die Ehe geheiligt, sondern nur ihre Fruchtbarkeit magisch beschworen.
Zudem wird im Fasten, vor Empfang der Kommunion und bei anderen Gelegenheiten Enthaltsamkeit der Eheleute erwartet, so wie auch bei der weiblichen Monatsblutung und nach dem Gebären eines Kindes.
Formen der Empfängnisverhütung sind grundsätzlich bekannt und werden von der Kirche als schwere Sünde eingestuft; inwieweit sie praktiziert werden, ist nur wenig dokumentiert. Ein führender Geistlicher der Zeit der Karolinger, Theodulf, mag für den Ton beispielhaft sein:
Nicht auf normale Weise mit einer Frau zu verkehren, heißt sich besudeln und eine abscheuliche Sünde begehen. Deshalb lesen wir, dass Onan, der Sohn Judas, von Gott geschlagen wurde, weil er seinen Samen auf die Erde fließen ließ, nachdem er seiner Frau beigewohnt hat. (Pierre Riché, Die Welt der Karolinger, Stuttgart, 2009 (1963), S.69)
Heiligkeit
Das Wort heilig bzw. sanctus spielt für den in griechischer Sprache propagierten Jesus der Evangelien keine Rolle: Ihm zu folgen heiligt nicht, sondern rettet. Heiligkeit gerät ins Christentum erst, als der Retter nicht wie versprochen wiederkommt.
Da ist zum einen die Selbstheiligung durch ein Jesus in Armut und massiver Reduzierung allen Begehrens imitierendes Leben, welches Eremiten und dann Mönche zum Beispiel als "heilig" erscheinen lässt, und dazu gehören auch nach Bedürfnislosigkeit strebende Jungfrauen. Den Schein als Nimbus der Heiligkeit gewinnen als erstes die Märtyrer, also die in den Tod gehenden Glaubenszeugen der Antike. Das beginnt Mitte des zweiten Jahrhunderts mit Versammlungen an den Gräbern am Todestag der Glaubenszeugen. Seit dem vierten Jahrhundert entstehen dann über Mäyrtrergräbern große Basiliken. Ende dieses Jahrhunderts beginnen mit Ambrosius von Mailand die Translationen, Übertragungen der (skelettierten) Heiligen aus den außerstädtischen Gräbern in innerstädtische Kirchen.
Mit Martin von Tours und dann auch besonders angesehenen Päpsten muss man nicht mehr den Märtyrertod sterben, um heilig zu erscheinen. Es genügt, bei entsprechend frommem Lebenswandel der Kirche besonders förderlich und auch besonders populär zu sein. Nun beweist sich Heiligkeit zunehmend an den Wundern, die Heilige veranstalten, und die dann vor allem von ihren Überresten ausgehen.
Eine besondere Rolle spielen Mönche und Nonnen, die weggesperrt von der "Welt". dem saeculum, kollektiv nach Heiligkeit streben, ohne dass jeder von ihnen gleich in den wachsenden Katalog besonderer Heiliger aufgenommen wird. Aber gemeinsam wird all denen, die nach allgemeiner Meinung besondere Heiligkeit betreiben, dass sie sofort in den Himmel, also die ewige Seligkeit gelangen, und nicht wie alle anderen bis zum Tag des Jüngsten Gerichtes warten müssen. In der Nähe Gottes und engels-ähnlich haben sie entweder direkten Kontakt zu Gott oder aber zu dessen Entourage, den Erzengeln und Aposteln. Damit kann man sie als seine Fürsprecher in allerlei Not anrufen, und sich ihrer Wunderkraft mit Hilfe ihrer Reliquien bedienen. Man macht sie zu Patronen von Kirchen, die so nach ihnen benannt werden, was damit legitimiert wird, dass man Reliquien, behauptete oder wirkliche Überreste von ihnen, in den Altar oder unter ihn in die Krypta einbaut.
Heilig wird jemand lange nicht durch Verordnung, wie dann seit dem 12. Jahrhundert durch "Kanonisierung", sondern durch das hohe Ansehen, welches durch Propaganda hergestellt wird bzw. sich einfach durch Verehrung einstellt. Dazu passt, dass dann sehr lange die meisten Heiligen, die nicht mehr Märtyrer sind, aus dem Kreis der kirchlichen Amtsträger stammen, wozu wieder passt, dass nur rund 15% weiblich sind.
Propaganda heißt vor allem Legendenbildung und so auch die darauf folgende Aufzeichnung der Wunder, die von den Überresten des oder der Heiligen ausgehen. Heiligung wird dabei zu einem wesentlichen Teil nachantiker Textproduktion. Das wird im Laufe der Zeit immer mehr ein Problem für die Kirche dort, wo heiligendes Leben offensichtlich nicht mehr der magischen Heilmittel der Kirche bedarf, wie bei auf Messfeier, Beichte und ähnliches verzichtenden Eremiten.
Der Ausnahmecharakter von Heiligkeit hat viele Funktionen. Durch Heilige erhält die Kirche magische Wundermittel in die Hand, die die Besonderheit dieser Leute betonen. Die Ausnahme darf die Regel bestätigen, dass Christen große Sünder sind und sein dürfen, und dennoch mit kirchlicher Hilfe, aber auch nur durch sie, die ewige Seligkeit erlangen und der Hölle damit (früher oder später) entrinnen.
Für den Normal-Christen sind Heilige, die einmal halbwegs Menschen wie sie waren, häufiger unmittelbare Ansprechpartner als der trinitarische und für sie fast unnahbare Gott. Dazu gehören auch die Apostel und Maria, die allerdings erst später zur Himmelskönigin gekrönt wird, aber all diese sind in ihrer Nähe zu Gott doch den Gläubigen schon weiter entfernt. In der frommen Praxis frühmittelalterlicher Christen mit ihren verschiedenen Zuständigkeiten nähern sich Heilige "im Himmel" immer mehr an die der antiken Götter an, die für Naturphänomene, Handel, Krieg und Frieden oder das Glück einer Stadt zuständig waren und entsprechende Kulte hatten.
Reliquien
386 lässt der Mailänder Bischof Ambrosius die Gebeine der Märtyrer Gervasius und Protasius ausgraben und in seine neue Basilika bringen, also vom Friedhof in die städtische Kirche. Mit dieser Translation beginnt der Heiligenkult in Gestalt ihrer fetischisierten Überreste (Reliquien) und dann auch eine Zunahme des Wunderglaubens.
Heiliges gewinnt zunehmend magische Kraft, und die Heiligen, über deren mutmaßlichen Überresten, lateinisch reliquiae, Kirchen gebaut werden, die so an der zu Knochen zerfallenen Heiligkeit Anteil bekommen, werden nicht nur Namenspatrone der Kirchen, sondern sie sind Vermittler zu Gott selbst.
Während der von antiken Philosophen beeindruckte Augustinus noch vom Tod des Leibes und der Auferstehung der Seele sprach, sprechen sich volkstümliche Wunschvorstellung und sich damit verbunden fühlende Lehrmeinung bald für die Auferstehung des Leibes aus. Heilige sind so einmal leibhaftig im Himmel beim leibhaftigen Gott Christus, und die Kraft, die sie dort entfalten, findet sich bald auch in ihren Überresten wieder.
Ein dazu gehörender Aspekt ist die spezifische christliche Wundergläubigkeit, die an die Wundertaten Jesu anknüpfen kann. Die Fähigkeit Wunder zu vollbringen, spektakuläre Magie, wird nun auf alles Heilige, insbesondere aber die Überreste der Heiligen selbst übertragen. Im Umkehrschluss ist eine Reliquie dann echt, wenn sie Wunder vollbringt. Natürlich ist es theologisch gesehen Gott, der das bewirkt, aber das gilt nicht für die Anschauung der meisten Menschen.
Dabei gibt es bald sogar magische Übertragung der Wunderkraft durch Kontakt des Heiligen mit dem Gegenstand, wodurch Splitter des „heiligen“ Kreuzes, Reste vom Gewand des Gottessohnes oder gar seine Windeln aus Säuglingstagen noch mehr magische Kraft bekommen. Entsprechend werden Berührungsreliquien manchmal auch dadurch produziert, dass man ein Tuch für eine Nacht auf ein Märtyrergrab legt, und dieses so magische Kraft gewinnt.
Hat sich eine Kirche oder ein Kloster in den Besitz besonders attraktiver Reliquien gebracht, so werden sie zu einem Wallfahrtsort. Pilger erhoffen sich dort Heilung von Gebrechen und andere Wunscherfüllung. Für Kirche oder Kloster und den sich so entwickelnden Ort wird das zu einer erheblichen Einnahmequelle. Herbergswesen, Gaststätten, Handwerk und Handel beginnen zu florieren. Ein Musterbeispiel wird mit dem beginnenden Mittelalter das Jakobsheiligtum von Santiago de Compostela zu werden.
Das Heilige, der Heilige oder wenigstens irgend etwas von ihm samt dem zugehörigen Kirchengebäude verschmelzen zu einer Einheit, in der Wunderbares möglich wird. In dieser Einheit ist angeblich Nähe zu Gottes Allmacht, die alles kann, was er will, und manches, was man sich wünscht.
Für das wundergläubige "Volk" wird schon die Überführung von Heiligen oder wenigstens von Teilen von ihnen zu einem öffentlichen Festakt. Einhard schreibt über eine solche Translatio:
Wegen der Menschenmenge konnte man bei Ankunft der Reliquien nicht sofort in die Kirche ziehen. Daher errichtete man erst draußen, unter freiem Himmel, einen Altar, stellte dahinter die Gebeine des Heiligen aus und feierte die Messe. Erst danach folgte der Einzug in die Kirche... (in: LHL, S.130)
827 hatte Einhard seinen Notar Ratleig nach Rom geschickt, um die Körper der heiligen Marcellinus und Peter aus ihrem Grab zu stehlen. Sobald die Beute sich nördlich der Alpen befindet, wird ihr Transport ein öffentliches Spektakel. Über seine Kirche in Michelstadt gelangen sie zu der in Seligenstadt, wo sie sofort beginnen, Kranke zu heilen.
Bald stellt sich allerdings heraus, dass ein Diener des Erzkaplans Ludwigs ("des Frommen"), ein Hilduin, der selbst schon eine Weile sogenannte Heiligenüberreste in Rom stehlen ließ, dem Notar die Überreste des "heiligen" Marcellinus geklaut und dann in seinem Kloster St.Medard in Soissons untergebracht hatte. Es bedarf nun wohl einiges Druckes, um dem rechtmäßigen Grabräuber sein Diebesgut zurück zu geben. (Wickham (3), S.405f)
Kirche hebelt so im Vorgriff auf das Himmelreich die „natürlichen“ Gesetze von Raum und Zeit aus und erfüllt damit eine mächtige menschliche Welt der Vorstellungen. Das wird allerdings nicht nur forciert, sondern auch abgefedert werden durch den Aufstieg einer nicht weniger wundersamen Warenwelt, deren Faszination immer mehr mit der des Mirakulösen wird mithalten können.
Magische Qualität von Kirchen möglichst schon vor der Weihung wird durch das Anbringen von Reliquien in oder unter dem Altar bzw. mehreren Altären, in der Krypta oder später sogar in den Säulen des Kirchenschiffes erreicht. Wichtig ist es dabei vor allem, Reliquien desjenigen Heiligen, dem die Kirche geweiht wird, unterzubringen.
Dialektik: Die Vernunft in der Unvernunft
Das Christentum der kleinen gelehrteren Kreise tritt seit den Kirchenvätern ein gewisses Stück weit das Erbe der antiken Philosophen an. Zwar schwindet in der Nachantike jedes Schulwesen jenseits von Klöstern, welches dann an der Schwelle zum Mittelalter auf Kathedralschulen übergeht, aber die antike Schul-Vorstellung von den sieben freien Künsten, artes liberales, mit Grammatik, Rhetorik und Dialektik als Grundlagen, überlebt in kleinsten Kreisen.
Ursprünglich ist Dialektik als Kunst der Unterredung, insbesondere von Rede und Gegenrede gedacht, und wird so zu einer Diskurslehre, in der auch der nicht unmittelbar diskursive Text unter anderem auf grammatisch richtigen, also überzeugenden logischen Schlussfolgerungen zu beruhen hat.
Das Kirchen-Christentum übernimmt nun das dialektische Instrumentarium, um dessen Sinn allerdings dem Unsinn christlicher Überzeugungen überzustülpen. Anders gesagt: Auf dem Fundament unabänderlicher Glaubenswahrheiten wird dann doch mit Vernunftgründen aufgebaut. So kann Hrabanus Maurus im 9. Jahrhundert schreiben: Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferstanden. Christus ist aber auferstanden, also gibt es eine Auferstehung der Toten. (De clericorum institutione III,20)
In dem, was später als Scholastik auftreten wird, als geschultes Denken, werden dann die Grundlagen dafür geliefert, dass abendländisches Denken bis dahin gelangen wird, der Religion den Garaus zu machen und dabei seit Nietzsche als Philosophie selbst unterzugehen. Es kommt zum Übergang von christlicher Religiosität in polit-ideologische Gläubigkeit.
Das Überleben von logisch argumentierendem Denken in der Religion hat als Voraussetzung die klare Unterscheidung zwischen einer weltlichen und einer "geistlichen" Machtsphäre, die letztlich selbst bei Karl ("dem Großen") respektiert wird, auch wenn er sich in manchem als eine Art Kirchenherr aufführt. Anders als im theokratischen Byzanz und im Islam, der die Nachkommen Mohammeds als Kalifen anerkennt, kann so im früheren 12. Jahrhundert ein Abaelard über die Zeit hinaus, in der er mundtot gemacht wird, Einfluss ausüben, und werden dann ganze theologische Großgebilde von Vernunftgründen durchsetzt, wie bei Thomas von Aquin.
In dieser in geistliche und weltliche (christliche) Sphären geteilten Welt, in der vernünftiges Argumentieren so einen Platz hat, kann sich aus zweckrationalem Handeln von Finanziers, Händlern und Handwerkern, verbunden mit dem nie ganz untergehenden philosophischen Erbe der Antike, jener bürgerliche Freiraum Stadt entwickeln, der das lateinische Abendland so stark bestimmen wird, und der erst mit den großen Industriestädten des 19. Jahrhunderts und dann dem Konsumismus der verschärften Globalisierung des 20./21. Jahrhunderts untergehen wird.
Intellekt
Kulturen sind schriftlos, weil sie der Schrift nicht bedürfen. Ihre Kommunikation ist mündlich, ihre Sprache anschaulich, und jede Entwicklung bei tendenzieller Beharrlichkeit beruht auf der mündlichen Weitergabe von Erfahrung. Zivilisationen erfinden oder übernehmen Schriftlichkeit als Mittel von Machtausübung, sei es zur Verwaltung großer Güter oder für die Gesetzgebung über Untertanen.
Die sich in Städten entwickelnden Zivilisationen des Mittelmeerraumes mit hochentwickelter Arbeitsteilung und großräumigem Handel führen zu weit verbreiteter Schriftlichkeit und Lesevermögen, auch wenn uns von den meisten Menschen keine Texte überliefert sind. Was im Westen des Römerreiches erhalten blieb, sind Werke der Dichtkunst, der Philosophie und der antiken Vorformen von Wissenschaftlichkeit einerseits, und andererseits Texte jener Religion, die mit den Machtstrukturen des Reiches verschmilzt.
Gegen Ende des westlichen Imperiums beginnen die Städte zu schrumpfen, sie müssen Zerstörungen über sich ergehen lassen. Der Handel und die Produktion gehen zurück. Anführer von Heerscharen, die sich als germanische Völkerschaften verstehen, übernehmen Teile des Reiches und möglichst viel von seinen Strukturen. Dabei sinkt die Bedeutung der Städte langsam weiter, die Welt der neuen Reiche wird agrarischer, teilweise erobert sich die (lebendige) Natur ganze Landschaften zurück.
Die Schriftlichkeit zieht sich immer mehr auf eine kleine, auf Land bewirtschaftendem Großgrundbesitz basierende Oberschicht zurück, auf ähnlich wirtschaftende Klöster und auf die Spitzen der Kirche. Schließlich kann man fast nur noch im Kloster Lesen und Schreiben lernen, und fast nur noch in seinen Bibliotheken ist antikes Schriftgut aufgehoben.
Das Christentum ist wie das Judentum und der Islam eine textgebundene Schriftreligion. Sie funktioniert nur, wenn wenigstens Priester, Rabbis und islamische "Geistliche" lesen können, und so Zugang zu dem haben, was da "geoffenbart" ist und wortwörtlich gilt. Außerdem fallen in den neuen Reichen Religion und weltliche Machtausübung mehr oder weniger zusammen. Wenn dann selbst Herrscher des Lesens und Schreibens bis ins 12./13. Jahrhundert nicht mehr kundig sind und in deutschen Landen noch ein Friedrich ("Barbarossa") einen Vorleser braucht, werden wohlhabendere Klöster und Bischofskirchen zu den wenigen Horten der Schriftlichkeit.
Weit mehr als 90% der Menschen leben schließlich auf dem Lande und erhalten ihr Christentum von Priestern, die oft selbst kaum lesen und schreiben können. Das trifft dann noch mehr auf den Raum jener germanischen Völkerschaften zu, die gerade erobert und christianisiert werden und die den Kern der zukünftigen deutschen Lande ausmachen werden.
In dem Amalgam aus christlicher Lehre und weltlicher Macht verschwindet jene antike Intellektualität, die seit den altgriechischen Philosophen ohne Berufung auf Kultus oder Religion auskommen konnte. Und seit Konstantin wird sogar eine von der offiziellen Kirche abweichende christliche Position unterdrückt, verfolgt und gelegentlich mit dem Tode bedroht.
Herrschaft in den neuen Reichen kommt nicht ganz ohne Schriftlichkeit aus, die nun im Auftrag weltlicher Macht von Priestern und Mönchen ausgeübt wird. Es gilt, Gesetze, Dekrete, Verordnungen niederzuschreiben - und an die wenigen Lesekundigen zu richten und an die, denen sie vorgelesen werden. Eine erste Bildungsoffensive findet unter dem eher analphabetischen "großen" Karl statt. Sie betrifft vor allem die Erweiterung der Schriftlichkeit in Kirche und Kloster und die Verbesserung der Religionsverkündigung und -ausübung, die immerhin ein Herrschaftsinstrument ist. Karl selbst umgibt sich mit Lese- und Schreibkundigen und bezieht sich gerne selbst auf die römische Antike, die ihm den Kaisertitel geliefert hat. Überhaupt bedarf sein Riesenreich vieler Völkerschaften der (lateinischen) Schriftlichkeit, um es zusammen zu halten. Die meisten Menschen sind aber von seinen "Reformen" nicht unmittelbar betroffen und bekommen von ihnen auch nichts mit.
Solche Bildungsoffensiven finden an Herrscherhöfen statt und strahlen dann auf einzelne Klöster und Kathedralen aus. Ihre Wirkung in die Breite ist sehr gering, betrifft also nur ganz wenige Menschen und darf nirgendwo die Enge kirchlicher Lehre und die Grenzen weltlicher Machtinteressen überschreiten.
Kenntnisse von unserem Himmelskörper Erde, von den übrigen Himmelskörpern und vom Menschen zum Beispiel solche als medizinisch verwertbare, zudem Kenntnisse von Tier und Pflanze, von Aufgeschriebenem und mündlich Tradiertem oder von philosophischen Gedankengebäuden nehmen in der römischen Kaiserzeit bereits nach und nach ab. Symmachus, der gegen Ambrosius in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts noch für eine Gleichberechtigung von heidnischer und christlicher Weltsicht wirbt, steht auf verlorenem Posten. Einen frühen Höhepunkt erreicht diese Entwicklung, sobald das Christentum Staatsreligion wird und ein Kaiser Theodosius in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts mit der Vernichtung "heidnischer " Texte beginnt. In der Person des Hieronymus zeigt sich, wie zwiespältig für manchen Belesenen sein Verhältnis zu heidnischer wie christlicher Weltbeschreibung bleibt.
Isidors visigotische Enzyklopädien um 600 sind Restesammlungen, andererseits wird mit Christianisierung und einem Netz von Klöstern und städtischen wie
frühen Kirchen auf dem Lande bald auch die Aufbewahrung und das Kopieren weltlicher Literatur bis hin zu den Erotika eines Ovid möglich und erwünscht.
In der Karolingerzeit werden dann in Skriptorien der Kathedralen und Klöster häufiger antike Texte kopiert und mit noch kaum philologischen Methoden bereinigt und ergänzt. Schulmeisterliches Wissen sammelt der Mönch und Abt von Fulda sowie Erzbischof von Mainz Hrabanus Maurus in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts an. In Fulda kann er neben geistlichen Werken auch Sueton, Tacitus, Plinius, Cicero, Vitruv und anderes lesen. Bei Hofe und in Tours ist er dann Schüler von Alkuin. Unter seinen Schülern werden Lupus von Ferrières, Gottschalk von Orbais, Walahfrid Strabo und Otfried von Weißenburg sein.
Die Vorstellung von der Vernunft wenigstens als Dienerin der Religion überlebt in Einzelnen die Antike und lebt dann im 9. Jahrhundert mit dem vorwiegend am Hof Karls ("des Kahlen") lebenden irischen Gelehrten Johannes Scotus ("Eriugena") erneut auf. Als Kenner der sieben freien Künste konzentriert er seine Aufmerksamkeit auf die Logik als Dialektik. Als des (klassischen) Griechisch mächtiger Gelehrter übersetzt er griechische theologische Werke und entwickelt dabei einen christlichen Neoplatonismus, der von Glaubenssätzen ausgeht, um sie mit Vernunft zu überprüfen und danach dann darzustellen. Sein Gott ist das Eine, welches sich selbst denkend existiert und nicht weiter definiert werden kann. In der Schöpfung hat er den Urquell alles Seienden, die primordiales causae, geschaffen, aus denen sich Welt entwickelt, wobei sie nur ein schwacher Abglanz noch ist. Das Böse kann dann nur das Nicht-Seiende sein, da aus Gott nichts Böses emanieren kann. Entsprechend bedeutet Hölle nicht körperliche Qualen, sondern Abwesenheit von Glückseligkeit.
Wie weit er von der Wirklichkeit der meisten Menschen entfernt ist - ein altes Gelehrten-Phänomen - belegt er an der Ansicht, die Erlösung als vernünftig denkende Wahrnehmung Gottes auch eben in seiner Schöpfung betrachtet, also als vernünftigen Näherungsweg hin zu Gott.
Das hat weder etwas mit dem zu tun, was das "Volk" womöglich glaubt, noch mit offiziellem Kirchen-Christentum und wird deshalb mehrmals kirchlich verurteilt, aber sein König hält offenbar schützend seine Hand über ihn. Einige seiner gedanklich anspruchsvollen Texte werden einzelnen (religiösen) Gelehrten, wenn auch selten, in die Hände kommen. Immerhin wird auch durch ihn Neo-Platonismus in christlichem Gewand durch das Mittelalter gerettet werden.
Die seit der griechischen Antike und durch Nachantike und Mittelalter immer wieder versuchte Schärfung des Intellektes Einzelner trifft nicht nur auf die Religion und auf intellektuelle Minderleistung als ihre schärfsten Feinde, sondern innerhalb der Religion auf den Gegensatz zwischen einzelnen Beleseneren und Nachdenklicheren und den illiteraten Massen.
Aber ein Odo von Cluny (bis 942) kann noch über Gerald von Aurillac schreiben:
Ich glaube den Berichten der Augenzeugen, und diese geben nicht so sehr Kunde von zahlreichen Wundern, die das gemeine Volk so sehr beeindrucken, als von einem Leben in strenger Selbstzucht und von gottgefälligen Werken der Nächstenliebe. (in: Moore, S. 52)
Kloster
Schon früh entstand in Ägypten und dem Nahen Osten ein Eremitentum, welches versuchte, in Weltverneinung und Leibfeindlichkeit einer so definierten Nachfolge Jesu nahezukommen. Wie rabiat es dabei zugeht, möge folgendes Beispiel belegen. Cassian berichtet in seinen 'Unterredungen mit den "Wüstenvätern" der Kirche, den Collationes Patrum, von den drei Entsagungen des koptischen Paphnutius:
Wir werden also die wahre Vollkommenheit dieser dritten Entsagung dann in Wahrheit besitzen, wenn unser Geist durch seine ansteckende Verbindung mit Fleischesfett herabgestimmt, sondern durch die erfahrenste Bearbeitung geläutert ist von jedem Affekt und irdischer Beschaffenheit und nun durch unaufhörliche Betrachtung der göttlichen Schriften und geistige Beschauungen zum Unsichtbaren so emporgestiegen ist, daß er auf das Himmlische und Unkörperliche gerichtet die Hülle des gebrechlichen Fleisches und des ihm anhaftenden Körpers gar nicht mehr merkt. Dann soll er auch in solche Entzückungen hingerissen werden, daß er nicht nur seine Stimmen mehr mit dem leiblichen Ohre vernimmt, und nicht durch den Anblick der vorübergehenden Menschen eingenommen wird, sondern daß er nicht einmal die dastehenden mächtigen Bäume und die größten sich darbietenden Gegenstände mit leiblichem Auge sieht. Die Glaubwürdigkeit und Kraft dieses Zustandes wird nur der fassen, der das Gesagte durch Erfahrung kennen gelernt hat, dessen Herzensaugen nämlich der Herr so von allem Gegenwärtigen abgezogen hat, daß er es nicht nur für vorübergehend, sondern für gleichsam nicht daseiend hält und es für leeren Rauch ansieht, der in Nichts sich auflöst. Wandelnd mit Gott wie Henoch und über menschliches Thun und Treiben erhaben findet man ihn nicht mehr in der Eitelkeit dieser Zeit.
Auf die Entsagung von Geld und Gut folgt die auf das irdische Begehren, auf die Laster also. Delarun zitiert ohne Quellenangabe (Erotik..., S.71f) einen Engel, der zu Paphnutius spricht, welcher sich darüber beklagt, sich beim Kochen eines Linsengerichtes die Hand in der Flamme verbrannt zu haben:
Paphnutius, warum bist du traurig darüber, dass dieses irdische Feuer nicht mit dir Frieden hält, wo doch in deinen Gliedern noch das Feuer sinnlicher Gelüste wohnt, ein Feuer, das noch keinesfalls erloschen ist. Solange derartige Gelüste in deinem Innersten lebendig sind, werden sie nicht zulassen, dass dir das irdische Feuer in Frieden begegnet. Du wirst nicht aufhören, seine Angriffe zu spüren, bis zu dem Tag an dem du durch folgende Zeichen erfahren wirst, dass jede innere Regung des Fleisches in dir erstorben ist: Geh hin und nimm ein junges, außerordentlich schönes nacktes Mädchen; wenn du sie im Arm hältst und feststellst, dass dein Körper unverändert ruhig bleibt und die Regungen deines Fleisches besänftigt sind, dann wird für dich die Berührung mit dieser sichtbaren Flamme mild und schmerzlos sein, wie sie es auch war für die drei Männer im Feuerofen zu Babylon.
Diese monachi, nach Heiligkeit strebende Alleinlebende, werden auch dann noch Mönche genannt, als sie beginnen, sich bald in Klöstern zusammen - und so von der "Welt" im claustrum und insbesondere dann der Klausur - abzuschließen.
Ein fränkisches Kloster gründet der "heilige" Martin in Ligugé 361, und 375 das monasterium maius (Marmoutier) bei Tours. Ein recht belesener Johannes Cassianus besucht erst Klöster in Palästina und Ägypten und gründet dann 415 St. Victor bei Massilia (Marseille). Bei diesen und weiteren Klostergründungen des 5. Jahrhunderts setzen bald Bischöfe und weltliche Herren eine Einordnung in den fränkischen Machtapparat durch.
Während die einfachen Priester sich in Belesenheit und Horizont sowie im Lebenswandel oft wenig von den laikalen Gemeindemitgliedern unterscheiden, und die Bischöfe sich in der Verwaltung ihrer Bistümer und Güter in manchem kaum von hohen weltlichen Herren, wird im 6. Jahrhundert "Gallien westlich der Maas und südlich von Somme und Mosel zu einer >Klosterlandschaft<. (...) Gegen Ende des 6. Jahrhunderts gibt es im Frankenreich rund 220, ein Jahrhundert später rund 550 Klöster." (GoetzEuropa, S.233)
Das Kloster dient der Heiligung der Insassen durch Reduzierung auf Mittel der schieren Subsistenz, die hier meist eher als bei den abhängigen Bauern gesichert ist, der Unterdrückung sexueller Regungen, der Konzentration auf das Gebet, das Singen von Psalmen und der Lektüre heiliger Schriften, - und das mit den Grundhaltungen der Demut, des Gehorsams und der größtmöglichen Schweigsamkeit untereinander. Damit soll der eigene Wille zurückgedrängt, die eigene Individualität reduziert und sollen Formen individuellen Begehrens unterdrückt werden.
Solche nach Heiligkeit strebende Männer- und auch Frauengemeinschaften mit den Kennzeichen der Ablehnung von Individualbesitz und ausgelebter Geschlechtlichkeit funktionieren aber überhaupt nur nach einem extrem strengen Regelwerk und unter der fast uneingeschränkten Befehlsgewalt eines Chefs, des Abtes. In der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts schafft ein Benedikt eine entsprechende Klosterregel, die auf mehreren vorherigen fußt und bis ins frühe neunte Jahrhundert immer mehr Einfluss gewinnen wird.
Die Idealvorstellung des benediktinischen Klosters nach seinem Regelwerk ist jene Autarkie, die es aus der "Welt" herausheben soll. In seinen Mauern ist man Gott nah und den (asexuellen) Engeln zumindest ähnlich, was außerhalb kaum möglich sein kann. Die Klosterpforte mit einem bewährten Mönch als Pförtner soll die Welt draußen halten. Gästen bleibt die Klausur, der engere Klosterbereich, offiziell verschlossen. Mönche wiederum sollen in der stabilitas loci nicht außerhalb des claustrum wohnen oder sich aufhalten. Aber Benedikt legt im Unterschied zu früheren Formen von askesis (Askese als eingeübte Lebensform) Wert auf Hygiene und zudem auf landwirtschaftliche und handwerkliche Arbeit der Insassen. Dazu gehört die Arbeitsdisziplin. Otiositas inimica est animae, Müßiggang ist der Feind der Seele, heißt es schon in seinen Regeln (48)
. ...deshalb sollen die Brüder zu bestimmten Zeiten mit Handarbeit, zu bestimmten Zeiten mit heiliger Lesung beschäftigt sein. Und weiter: Wenn aber örtliche Umstände oder die Armut es erfordern, dass sie sich selbst mit der Erntearbeit abgeben, sollen sie sich nicht betrüben, denn sie sind dann wahrhaftig Mönche, wenn sie von ihrer Hände Arbeit leben...
Der wache Tag ist in bald sechs Blöcke à drei Stunden eingeteilt, und zusammen mit zwei weiteren Terminen sind damit auch die Zeiten für die Stundengebete gegeben. Dabei soll in einer Woche der gesamte Psalter aus 150 Psalmen gesungen werden. Mit der Messe wird bald dann ein Kirchengebäude und ein (von auswärts kommender) Priester notwendig, und das Kloster wird so an die Kirchenorganisation angebunden.
Dem Abt als geistlichem wie weltlichem Herrn und den Älteren ist bedingungsloser Gehorsam zu leisten. Er kann sich aber entscheiden, im Kapitelsaal, wo jeweils ein Kapitel der Klosterordnung am Anfang vorgelesen wird, seine Untergebenen anzuhören. Einzelne Beauftragte versorgen den Vorratskeller mit den Abgaben der abhängigen Bauern auf klösterlichen Besitzungen, kümmern sich um die Bibliothek, die Pforte und die Kranken in ihrer Abteilung.
Armut, also Besitzlosigkeit des Einzelnen wird dadurch ermöglicht, dass dem Mönch alles absolut Lebensnotwendige bis hin zu einfacher Kleidung und Nahrung vom Abt zugeteilt wird.
Unter ihm gibt es bei Benedikt eine Rangordnung nach Ordenseintritt, mit Grußpflicht der Jüngeren und Sitzplatz-Räumen für Ältere.
Dort, wo das Prinzip durchgehalten wird, dass ein Mönch ohne besondere Erlaubnis oder besonderen Auftrag nicht aus den Klostermauern heraus darf, ist er lebenslang eingesperrt, was seinen Erfahrungshorizont massiv einschränkt. Was dabei alltäglich vor allem nach Kompensation (als Sublimation z.B.) verlangt, ist das Verbot des Auslebens des Geschlechtstriebes.
Während die Kirche neben Schenkungen vor allem von Grundbesitz und darauf arbeitenden Menschen gelegentlich mit dem Zehnten eine Form von Finanzierung durch eine Art Steuer erreicht, sind die Klöster zunächst ganz auf Schenkungen angewiesen, die schon im Verlauf des Merowingerreiches in dem Maße zunehmen, in dem Klöster durch Reformen auch für die kriegerische und viel Grund besitzende Oberschicht attraktiver werden.
Da diese Oberschicht in vielerlei Hinsicht wenig christlich lebt, bedenkt sie Klöster mit Schenkungen, damit diese für sie beten. Zudem verbindet sie sich mit ihnen, indem sie sonst weniger gut unterbringbare Familienmitglieder dorthin abschiebt. Dabei wird es üblicher, schon Kinder dorthin zu schicken.
Kurz vor 600 gelangen irische Wandermönche mit und nach Columban ins Frankenreich. Dieser übt enormen Einfluss auf die größeren fränkischen Herren aus. „Er verkörperte eine Form strengen und furchtlosen Christentums, die weder Ausdruck gallorömischer Kultur noch von den Bischöfen geschaffen war. Darüber hinaus wurde sie von einem Heiligen propagiert, der sich nicht von der Welt abwandte, sondern enge Beziehungen zu den mächtigen Familien des gesamten nördlichen Frankenreiches unterhielt.“ (Geary, S.173)
Columbans Klöster zeichnen sich u.a. durch enorme Strenge aus. Die meisten der zweihundert Mönche z.B. von Luxeuil entstammen dabei den vornehmsten Familien Franziens, und das Kloster zeichnet sich durch ein religiöses Heldentum büßerischer Askese aus. Dabei wird Luxeuil zu einer Art Kadettenanstalt für zukünftige Inhaber reicher Bistümer des 7. Jahrhunderts wie Eligius, der ebenso reich wie heilig wird, oder von Leuten wie Wandregesil, der St.Wandrille gründet. Columban gelingt es 628, die Vereinigung von Abts- und Weihegewalt für seine Gründung Bibbio und bald darauf für Luxeuil zu erhalten.
Zunächst treten Mitglieder von Familien der fränkischen Oberschicht in Klostergründungen Columbans ein, bald beginnt aber eine für tausend Jahre wichtige Neuerung: Die großen Familien gründen auf ihrem Besitz „eigene“ solche Klöster, in die Familienmitglieder eintreten, die auch die Spitze der Klosterhierarchie einnehmen. "Die vom fränkischen Adel gegründeten Klöster standen im Einklang mit dessen vornehmem Status. Es waren große Klöster mit reich geschmückten Kirchen, in denen adelige Männer und Frauen ihren gewohnten Lebensstil trotz aller Hingabe an Gott beibehalten konnten." (Geary(1), S.157). Wichtig wird dazu, dass die Klöster wirtschaftlich unabhängig werden.
Diese fränkischen "Adelsklöster", die später die Regel des Columban mit der des Benedikt verbinden und dabei den asketischen Aspekt langsam wieder zurückdrängen, werden zu regionalen Kult-Zentren, die zugleich "adelige" Familien- und Machtzentren sind.
Die (weltlichen) Reichen und Mächtigen, allesamt Krieger, geben christlichen Institutionen insbesondere seit dem 7. Jahrhundert gerne viel. Einmal können sie so Kirchen und Klöster eng an sich binden oder sogar unter ihre Aufsicht und ihren Schutz stellen. Des weiteren bekommen sie die Möglichkeit, ähnlich wie Klerus und Mönche in größtmöglicher Nähe zu den Überresten von Heiligen bestattet zu werden, in denen göttliche Wunderkraft aufbewahrt ist, was für den Zugang zum Himmelreich von Vorteil sein soll. Zudem kann man größere Geschenke mit der Verpflichtung von Geistlichkeit und Klosterinsassen verbinden, regelmäßig für das Seelenheil insbesondere der verstorbenen Familienmitglieder zu beten und so die Vermeidung von Höllenqualen zu erreichen, die bei dem ansonsten oft sehr unchristlichen Lebenswandel der Laien eigentlich naheliegend sind.
Das wiederum zieht Vorteile nach sich: Eine Kirche, ein Kloster können so später zum Zentrum ihrer Familien werden, zum Versammlungsort und Identifikationspunkt. Es gibt noch keine Familiennamen, und vorläufig auch keine Burgen, nach denen man sich hätte benennen können, und die den Zusammenhalt und die Traditionsbildung gefördert hätten. Dafür dienen nun bald das Totengedächtnis in Kirche und eigenem Kloster, die memoria.
Neben und nach dem jüngeren Columban ziehen zahlreiche weitere Iren durch Mitteleuropa. Ein Kilian z.B. missioniert vor allem in der Gegend um Würzburg, bis er sich wegen Ablehnung der Ehe des fränkischen Herzogs mit seiner Schwägerin dessen Zorn zuzieht und dafür sterben muss.
Das Klosterwesen floriert nun immer mehr, und manche Kloster werden reicher und reicher, denn der Bedarf an klösterlicher Gebetsarbeit und an Messen für die Familienmitglieder draußen steigt mit ihrem wohl zunehmenden Sünden-Bewusstsein.
Einmal werden Klöster im 7. Jahrhundert so zu Herrschaftselementen der Könige und des Hochadels wie der Pippin-Familie. Andererseits werden sie der Begehrlichkeit von Bischöfen ausgesetzt, der sie bei Gründung zunächst gelegentlich durch Exemtion entzogen sind. Darüber hinaus erhalten einige Bischofskirchen und Klöster eine gewisse Immunität, die den Zugang der weltlichen Gewalt verbietet, so dass diese öffentliche Aufgaben wie Steuern und Militärdienst intern abwickeln können.
Im 8. Jahrhundert greift das Klosterwesen mit dem Einfluss der angelsächsischen Missionsbewegung auf die ostrheinischen Gebiete über. Überall handelt es
sich vor allem dort entsprechend dem Eigenkirchenwesen weltlicher und bischöflicher Herren um Eigenklöster adeliger Gründerfamlien, die manchmal selbst den Abt stellen oder aber
bestimmen.
Die von adeligen Familien gestifteten und ausgestatteten Klöster sind zusätzlich dazu, ihrem Seelenheil zu dienen, eine Art Pfalzort, wo der Herr, wann immer er möchte, als Gast Unterkunft findet und bewirtet wird. Er verfügt in gewissem Maße über das Klostergut, das durch zahlreiche Schenkungen anderer bald weit über die ursprüngliche Stiftungsschenkung seitens des Gründers hinauswächst. Solche Schenkungen sind oft auch Prekarien, die dem Schenkenden gegen eine Zinsleistung an das Kloster die Nutzung auf Lebenszeit sichern.
Der Adel schickt dann Kinder aus seiner Familie als Oblaten ins eigene Kloster, und dort wird ihnen ein Leben bei nur wenig und leichter Arbeit und zunehmend mehr auch das Erlernen von Lesen und Schreiben geboten.
So manches Kloster liegt zwar außerhalb der Stadtmauern, aber in Stadtnähe. Ansonsten wird die Anbindung an Verkehrswege und/oder Wasser gesucht, was wiederum eine relative Einsamkeit insbesondere dann verhindert, wenn dort auch Siedlungskerne für später städtische Ortschaften entstehen.
Große Einrichtungen wie Fulda haben im 9. Jahrhundert über 300 Mönche, St.Gallen etwas über 100. Rund 100 Mönche werden es schon am Anfang auch in Cluny sein. Frauenklöster gibt es deutlich weniger und sie sind auch erheblich kleiner.
Erwirtschaften müssen die Klöster grundlegend Ernährung und Kleidung der Mönche, bauliche Verbesserungen, Aufnahme von Pilgern und anderen Gästen sowie die nicht unbeträchtliche Armenfürsorge und schließlich auch die Pflicht zu Kriegsdiensten. Dafür stehen die Einnahmen aus der Grundherrschaft sowohl an Naturalien, Diensten und Geld zur Verfügung.
Darum beginnen Klöster relativ früh mit der Effizienzsteigerung ihrer Wirtschaft. Dazu gehören Versuche, den aufgrund regional verschiedener Schenkungen entstehenden Streubesitz zu arrondieren oder wenigstens schriftlich festzuhalten. Naturalien von entfernten Gütern werden häufiger vor Ort auf dem Markt verkauft. Früher noch als Bischöfe oder gar weltliche Grundherren legen Äbte dabei eine Art unternehmerisches Verhalten an den Tag.
Zur Effizienzsteigerung gehört dann auch die seit der Karolingerzeit dokumentierte Bedrückung der ärmeren Freien (pauperi homines) durch Äbte, die opressio, wie es auch in den königlich/kaiserlichen Dokumenten heißt, oft mit dem Ziel, sie in die klösterliche familia mit ihrer Grundherrschaft zu zwingen.
Kontrolle über wichtige Klöster begleitet den Aufstieg der Karolinger. Unter ihnen werden diese zunehmend unter Reichsschutz gestellt und mit Immunität versehen. Dafür müssen sie den Königen dienen. Wie dies aussieht, zeigt sich am Reichskloster des heiligen Dionysius (St.Denis bei Paris) zum Beispiel 867:
Der Abt, ein Enkel des "großen" Karl, stirbt und König Karl behielt die Abtswürde in diesem Kloster für sich, indem er bestimmte, dass nach seinen Richtlinien die Angelegenheiten des Klosters und die Güterverwaltung durch Probst, Dekan und Schatzmeister geführt, die Besorgung der Militärangelegenheiten (militiae curam) von dem Hausmeier übernommen würde. (in: QuellenkarolReichsgeschichteII, S.165)
Das Christentum ist in hohem Maße eine Schriftreligion. Da sind die "heiligen" Schriften des Alten und Neuen Testamentes sowie der Kirchenväter und dann die vielen kirchlichen Beschlüsse über Religion und Kirche. Da ist auch das liturgische Schriftgut. Klöster besitzen darum Bibliotheken, die in der früheren Nachantike auch antike Texte heidnischer Autoren aufbewahren, an denen das Interesse dann in der späten Karolingerzeit teilweise wieder etwas nachlässt.
Inzwischen ist man längst von den Schriftrollen aus Papyrus abgekommen und bildet aus in Lagen zusammengefalteten Pergamentblättern Bücher, in denen man von Textstelle zu Textstelle blättern kann. Für ein Buch (codex) vom Umfang der Bibel sind allerdings die Häute von rund 400 Schafen oder Ziegen nötig. Vor allem Schafzucht ist alleine schon deshalb für Klöster wichtig.
Danach entfleischen und enthaaren Gerber die Häute, weichen sie mehrmals ein, glätten sie und spannen sie dann auf. Schließlich gelangen sie zu den Mönchen, die sie beschneiden und falten.
Jetzt ist der Schreiber dran, der feine Linien zieht, und der nun mit Feder, Anspitzmesser und Tintenhörnchen ans Werk gehen kann. Die Tinten werden wie alles andere meist von Mönchen aus Pflanzenstoffen selbst hergestellt, nur das Rot der Purpurschnecke und das Blau aus zerstoßenem Lapislazuli für Illustrationen muss auf großen Märkten für viel Geld von Fernhändlern erworben werden.
Meist entscheidet wohl der Bibliothekar zusammen mit dem Abt, welche Bücher kopiert werden, und Kopieren ist dann die mühsame Arbeit der Skriptoren, die kaum eigene Werke schreiben. Voraussetzung für das Kopieren ist natürlich, dass man Vorlagen aus anderen Klöstern geliehen bekommt.