FÜRSTEN, HOF UND RESIDENZ (12.Jh. -1250) (in Arbeit)

 

Fürsten

Geistliche Fürsten

Fürstenhof und Residenz

Höfische Lebensform und Moden (Das Fest / Manieren / Literatur / Mode / Exotik)

Kaufkraft

Ein Beispiel: Die Welfen

 

 

Für die Entfaltung des Kapitalismus greifen drei Vorgänge ineinander: Die Erzeugung von Waren, ihre Verteilung und die Nachfrage nach ihnen. Das Mittel, welches die drei miteinander verbindet ist das Geld. Da dieses als gemünztes und ungemünztes Edelmetall existiert, hängt seine Menge in unserer Zeit von den auszubeutenden Silbervorkommen ab. Ein wesentlicher Faktor für die Entwicklung zwischen etwa 1160 und 1250 wird die erhebliche Zunahme des Silbers im lateinischen Europa.

Produktion, Distribution und Konsum sind weder zeitlich noch ursächlich voneinander zu trennen, sie bedingen sich gegenseitig, aber die Zunahme des umlaufenden Silbers ist Voraussetzung für die Entfaltung von allen dreien. Und schließlich ist es die Anhäufung von Geld zwecks Investition, die überall Kapital hervorbringt. Unterhalb einer gewissen Geldmenge gibt es keinen Kapitalismus.

 

Nun basiert die Entfaltung von Kapitalismus allerdings vor allem auch auf der völlig ungleichen Verteilung des Geldes, die wiederum zunächst auf der völlig ungleichen Verfügung über Grund und Boden und darauf arbeitenden Menschen beruht. Bei wenigen hohen Herren sammelt sich das Geld, welches die meiste Nachfrage nach Waren hervorruft. Insbesondere deren Luxusbedürfnisse werden durch Handel befriedigt, welcher dabei Kapital anhäufen kann, und wo die regulären Einkünfte für solche Nachfrage nicht ausreichen, wird es geliehen, wodurch sich ein auf Kredit beruhendes Finanzkapital entwickeln kann. 

 

Erst um solche geistlichen wie weltlichen Herren herum entwickeln sich Städte, mit denen es zu einer zunehmenden Nachfrage nach Massengütern kommt, zunächst vor allem Lebensmitteln und Bekleidung. Hier soll zunächst einmal die Nachfrage jener hohen Herren betrachtet werden, die sich selbst als Fürsten verstehen. Dazu muss zunächst einmal geklärt werden, was ein Fürst und ein Fürstentum ist.

 

Fürstentum

 

Wer über größere oder mehrere adelige Herrschaftskomplexe mit ihren Rechten und Einnahmen verfügt, versucht sie miteinander zu verbinden, und gehört zu den ersten im Adel, den principes, Fürsten. Das sind dann noch keine geschlossenen Territorien, denn sie sind durchzogen von Eigentum und Rechten anderer Herren. Aber mit solchen Fürsten haben die Könige inzwischen umzugehen und sie in ihre Machtausübung einzubeziehen.

Diese "Fürsten" sind aber kein klar definierter Begriff, denn dafür müssen sie erst zu so etwas wie einem eigenen "Stand" werden, der sie aus dem Adel heraushebt, was im römischen Reich im 12. Jahrhundert geschieht. Kaiser Friedrich I. definiert schrittweise ein (deutsches) Reichsfürstentum über Einzelakte wie das Privilegium Minus und den Umgang mit Heinrich dem Löwen, oder wie mit der Erhebung des Grafen Balduin V. von Hennegau zum Markgrafen von Namur (also zum Fürsten) 1184.

Solche Fürstenerhebungen beginnen mit der Auftragung des Allods an den König, der dann "das bisherige Allod mitsamt dem Reichslehen und anderem Reichsgut des Kandidaten zu einer einheitlichen Besitzmasse" verbindet (Spieß2, S.11). Damit gewinnt der Fürst Königsnähe und partizipiert nun an der Reichsgewalt.

 

Unter Friedrich I. ("Barbarossa") gibt es aus Sicht des Kaisers rund 22 weltliche Fürsten, jenen weltlichen Adel nämlich, dem es gelingt, Vorformen von Herrschaften über große Gebiete und eine übergeordnete Gerichtsgewalt über Grafen und Herren zu erringen. Das sind dann Pfalz, -Mark- und Landgrafen und Herzöge. Dazu kommen fast hundert geistliche Fürsten, nämlich (Erz)Bischöfe und Reichsäbte. Aus allen diesen kristallisieren sich dann in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts die vornehmsten heraus - die späteren Kurfürsten, die den König küren.

Indem die Fürsten nur schwer nachvollziehbar zu so etwas wie einer Art Stand zusammenwachsen, werden sie präziser definiert als diejenigen, die direkt vom König belehnt werden und nicht feudal an andere weltliche Lehnsherren gebunden sind. Zudem muss ein Fürst neben "dem lehnsrechtlichen Kriterium (...) zudem ein landrechtliches Erfordernis erfüllen: Er musste Gebietsherrschaft über ein Land und, damit verbunden, eine übergeordnete Gerichtsgewalt über Grafen und Edelfreie ausüben. Ohne territoriales und jursdiktionelles Substrat war ein Fürstentum nicht vorstellbar."(Spieß, S. 43)

 

In Westfrancien gibt es nur wenige geistliche Fürstentümer, die auch als solche anerkannt werden, und unter den weltlichen beginnt der König nicht nur vom Status her, sondern auch wegen seiner Macht im 12. Jahrhundert hervorzuragen, und es gelingt ihm, seinen direkten Herrschaftsbereich immer weiter auszudehnen.

Wie in deutschen Landen entstammen die Fürsten verschiedenen hochadeligen Familien, sind aber mit Beginn des 12. Jahrhunderts de facto wesentlich unabhängiger. Das betrifft die Normandie, die Bretagne, Flandern, die Champagne, Burgund und die übrigen südlichen Fürstentümer. Ganz entgegengesetzt der Entwicklung in deutschen Landen werden diese zunehmend in Abhängigkeit vom Königtum gebracht, die Champagne zum Beispiel über ihre dynastische Verbindung mit Navarra 

 

Im römischen Reich des 12./13. Jahrhunderts entstehen neue Fürstentümer und alte verfallen. Als Beispiel mag der Raum zwischen Rhein, Main und Neckar dienen, wo die Bistümer Mainz, Worms und Speyer und die Reichsabtei Lorsch geistliche Fürstentümer sind. 1156 bekommt Halbbruder Konrad von Friedrich Barbarossa die Pfalzgrafschaft übertragen, die nun langsam zum weltlichen Fürstentum in dem Raum aufsteigt und dabei den geistlichen Fürstentümern Machtvollkommenheiten nimmt und dadurch auch den Ruin der Reichsabtei zur Folge hat, die 1232 an den Mainzer Erzbischof übertragen wird. Da es zwischen Pfalzgraf und König keinen zwischengeschalteten Herzog gibt, und diese "Pfalz" ihren Herrschaftsbereich erheblich erweitern kann, wird sie in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts aus der Fülle ihrer Macht heraus zum Fürstentum, während Speyer geschwächt und Worms nach und nach der Bedeutungslosigkeit zugeführt wird. Am Ende erhält der Pfalzgraf eine besonders erstrangige Stimme im Kurfürstenkollegium.

 

Fürsten tendieren dazu, Hauptorte und zentrale Residenzen zu haben, wie zum Beispiel die Wartburg in einer bestimmten Phase der Landgrafschaft Thüringen, und wie der Adel unter ihnen zentrale religiöse Zentren, die zum Beispiel als Begräbnisorte der Familie fungieren (Reims/St.Denis oder Westminster Abbey für Könige). Dies gilt nicht für die Könige, die kurioserweise "römische" hießen und nicht deutsche, obwohl das da hinein integrierte Langobardenreich nie dauerhaft unter ihrer Kontrolle ist und die Stadt Rom schon gar nicht.

 

Zentrale Burgen werden mit dem Ausbau oder der Neugründung von Städten verbunden, die noch keine Residenzstädte sind wie die bischöflichen es wurden, aber die der Versorgung der Burg und als Wohnsitz fürstlichen Personals dienen können und den Reichtum der Fürsten vermehren. Während Lebensstandard und Wohnkultur des niederen Rittertums nach und nach nicht mehr mit dem Niveau reicher Kaufmannsfamilien wird mithalten können, werden solche festungsartige fürstliche Burgen ausgebaut, um neben der militärischen Mannschaft und Personal mehr Platz für Familie und Gäste zu bieten. Damit entsteht, nach der Entwicklung in Westfranzien und diese manchmal imitierend, auch in deutschen Landen das, was Historiker heute als "höfische Kultur" bezeichnen, auch wenn es nicht um Kultur, sondern Lebensformen geht. Diese werden als Demonstration von Reichtum und Lebensstil zu einem wichtigen Moment fürstlicher Machtausübung.

 

Mit der Herausbildung von Fürstentümern schwindet nach und nach bei ihnen die einseitige Dominanz des adelig-kriegerischen Aspektes, stattdessen werden Fürsten zunehmend zu Herren von Ansätzen einer Verwaltung, deren vornehmstes Ziel die Generierung von Einnahmen ist, und sie entwickeln mit ihren Mitteln neben der Kriegführung zunehmend die Hofhaltung als Zentrum fürstlichen Handelns. Um 1155 schreibt Landgraf Ludwig II. an seinen Bruder Heinrich Raspe II.: Ich möchte, dass Du in Friedenszeiten ablässt von den unnützen Kriegsspielen mit den Waffen (…), dass du vielmehr deine Tüchtigkeit und deinen Fleiß in den öffentlichen Geschäften des Reichs zum Erstrahlen bringst, wie es einem Fürsten geziemt. (in 'Verwandlungen', S.68) Der Fürst wird stärker zum "Politiker" (hier am Kaiserhof) oder zum Auftraggeber von angestellten Politikern.

 

Der langsame Weg in die Entstehung fürstlicher Territorien in deutschen Landen mit sich in den Händen von Fürsten konzentrierender vielfältiger Hoheit geschieht so einmal immer mehr durch die Verdichtung fürstlicher Macht in einem Herrschaftsgebiet, was aber nicht ausschließt, mit Nachbarn Kriege zu führen mit der Hoffnung auf Gebietserweiterung.

 

Keller mit anderen betont dabei die Funktion des Geleitrechtes (conductus), eines ursprünglich königlichen Regals, welches als Lehen immer mehr in die Hände solcher Herren ihres Landes gerät. „Schon unter Barbarossa war das Geleitsrecht ein Attribut herzoglicher, reichsfürstlicher Gewalt, Friedrich II. erkannte es den Landesherren innerhalb ihres Herrschaftsbereichs allgemein zu. Dabei wurde stets eine enge Verbindung hergestellt zwischen der Erhebung von Straßen- oder Schiffszöllen, der Pflicht zur Ausbesserung von Straßen und Brücken sowie dem Geleitsrecht, das man als Verpflichtung verstand, allen Reisenden innerhalb des eigenen Machtbereichs sicheren Schutz zu gewähren.“ (Begrenzung, S.353)

Mit der Gewährung des Geleites wird am ehesten das Fürstentum zu einer geographischen Einheit.

 

Geistliche Fürsten

 

Geistliche Fürsten unterscheiden sich von weltlichen dadurch, dass sie offiziell nicht verheiratet sein können und ihr Fürstentum nicht unter legitime Nachkommen verteilt werden kann, es ist unteilbar. Ihr Hof und ihre Hofhaltung sind etwas kleiner als die großer weltlicher Fürsten. Offiziell müssen sie auch alle Formen herrscherlicher Gewalttätigkeit an weltliche Beauftragte abgeben.

 

Hofämter gibt es wie bei den weltlichen Fürsten, die summi officiales Truchsess, Marschall, Kämmerer und Schenk, die ihr Amt nur bei besonders feierlichen Anlässen ausüben und sich ansonsten von Ministerialen vertreten lassen.

 

In Ausnahmefällen gelingt es, anders als üblicherweise bei weltlichen Fürsten, Sozialaufsteigern, kirchliche Karriere bis in den Fürstenstatus zu machen. Bischof Wolfger von Passau war ist ein solcher Aufsteiger in seinem Amt, aus dem für 1203/04 Reiseabrechnungen erhalten sind. "Die Aufwendungen für Tuch, Schneiderlohn, Ausbesserungen und Reinigung sind beträchtlich (...) Das Bedürfnis des Bischofs nach Luxus wird deutlich: Man kauft Stoffe aus Kamelhaarwolle, Seide, feine Leinwand, braunen italienischen Brokat, indischen Taft - und - als die kalte Jahrezeit naht - mancherlei Pelzwerk. (...) So oft es ihm möglich ist, huldigt er unterwegs der Jagd, vor allem der Falkenbeize. Mehrfach sind Aufwendungen für Jagdhelfer, Falkner, den Ankauf edler Vögel in die Listen eingetragen." (WGoez, S. 298f) "Gaukler, Sänger, Taschenspieler, Rezitatoren, Geiger, sogar Messerwerfer" werden bezahlt, in Siena eine Sängerin zusammen mit zwei Jongleuren. Im November 1203 bekommt ein Herr Walther von der Vogelweide für seine Darbietungen einen Pelzmantel gekauft. (s.o.)

 

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Fürstenhof und Residenz

 

Neben unmittelbar militärischer Potenz, zunehmend despotischer nach innen und aggressiver nach außen, möchten und müssen Fürsten und höherer Adel ihre Machtvollkommenheiten durch Bauten und Lebensführung demonstrieren. Das höfische Zeitalter deutet sich an. Es wird auch geprägt von seiner neuen städtischen Basis, die die früheren agrarischen Grundlagen zunehmend ergänzt.

 

Der "Hof" (curia, court) bezeichnet nun sowohl ein befestigtes Steingebäude, oft mit einem Innenhof, als auch den Haushalt und die Lebensformen derer, die sich dort aufhalten.

Im großen und ganzen ist er königlichen Höfen nachgebildet. Er setzt sich aus der fürstlichen Familie und denen zusammen, die dort Dienste leisten. Herausgehobene Hofämter haben der Truchsess (Versorgung der Tafel), der Marschall (Versorgung der Pferde und des Militärs), der Kämmerer (Garderobe, Geldzufuhr und -Verwaltung) und der Mundschenk inne. Sie sind bei besonderen Anlässe Ehrenämter, werden aber im Alltag von niedereren Dienstleuten versehen.

Zusammen mit weiterem Personal kommt ein großer Hof im hohen Mittelalter schon mal auf 50-100 Leute, die aber nicht unbedingt alle auf der Burg wohnen, und die in engeren und weiteren Kreisen rund um den Fürsten angeordnet sind. Nichtadelige Dienstboten im Stall und in der Küche wohnen und leben dabei auf Distanz zum Fürsten, und schlafen, soweit überhaupt auf der Burg, zu mehreren in einem Raum.

 

In ihrer Hofhaltung demonstrieren sie Macht und Reichtum durch Prunk und Pracht und die Demonstration eines möglichst aktuellen Modebewusstseins, wobei in deutschen Landen die Moden immer mehr aus dem Westen und manchmal auch aus dem Süden kommen.

 

Fürsten mit ihren autoriären bis despotischen Neigungen, die sie gerne als christliches Patriarchat darstellen, mit den meisten Untertanen in einer Kinderrolle und den großen Kapitaleignern als Juniorpartnern, schöpfen die Einkünfte ihrer Untertanen soweit wie möglich für ihre persönlichen Konsum-Bedürfnisse wie die des Machtapparates ab, ohne dass in der Regel dem steten Vermehrungsdrang des Kapitals Grenzen gesetzt werden. Zumindest in Westfranzien und deutschen Landen konzentrieren sich im 12./13. Jahrhundert dabei die Reichtümer auf immer weniger Höfe. Mit den daraus resultierenden Finanzmitteln wird die fürstliche Macht nach innen (unten) und nach außen (nebenan) ausgebaut. Der wesentliche weitere und genauso wichtige Effekt des zunehmenden Reichtums der Mächtigen ist seine Rolle für die Nachfrage nach Gütern auf dem immer wichtigeren Markt.

 

Die Residenz, eigentlich als residentia der Wohnort, soll hier als der Ort bzw. das Gebäude benannt werden, an dem Fürsten ihren hauptsächlichen Aufenthalt nehmen. Damit wird dieser Ort in der Regel auch zur Hauptstadt ihres Herrschaftsbereiches. Ein solcher existiert für die Visigoten mit Toulouse und Toledo, für die Langobarden mit Pavia, kristallisiert sich für Westfranzien unter den Kapetingern mit Paris heraus und für Böhmen mit Prag. England besitzt dann eine Residenz mit Westminster und eine Art Hauptstadt mit dem benachbarten London.

 

Sobald es fürstlichen Machthabern gelingt, Ansätze einer Verwaltung zu etablieren und zu finanzieren, die Mediatisierung ihrer Macht durch mehr direkte Herrschaft ablöst, Macht also auf eine Person hin zu konzentrieren, reist der Hof, also der Herrscher mit seiner Entourage, weniger herum, sondern lässt sich häufiger in einer festen Residenz nieder, in deren Nähe sich oft so etwas wie eine Hauptstadt entwickelt, eine Kapitale, wie es in anderen europäischen Sprachen heißt.

Das Herumreisen der Machthaber diente nicht nur der immer einmal wiederkehrenden Präsenz der Machtausübung, sondern ist auch der Tatsache geschuldet, dass die jeweiligen örtlichen Resourcen für Hofhaltung oft schon nach kurzer Zeit erschöpft sind. Die Konzentration auf weniger Residenzen und schließlich die Entstehung von Hauptstädten hängen also am steigenden Geldvolumen in einer Gegend, von dem Machthaber so viel abschöpfen können, dass sie länger andauernde lokale Hofhaltung mit Geld bezahlen können, und zudem an einer Ausweitung des Handels, die für Geld genügend Waren auch von weiter her heranschafft.

 

Die geistlichen Fürstentümer in deutschen Landen kennen so etwas wie eine Residenz und Hauptstadt mit dem Bischofssitz, der immer auch eine Stadt ist, und bei weltlichen Fürstentümern wird es bald erste Ansätze mit der Koppelung von Residenz und zentralen  wie Wien, München, Braunschweig bzw. Hannover. Immer geht es darum, Organe der Regierung und Ämter der Verwaltung an einem Ort stabil unterzubringen.

Tatsächlich aber ist eine einzige feste fürstliche Residenz in deutschen Landen mit Tendenz zur Hauptstadtbildung bis in die erste Blütezeit des Kapitalismus noch nicht vorhanden. Selbst das Wort Residenz fehlt noch und wird manchmal durch Hoflager ersetzt. Das der Hof reist, hat vor allem damit zu tun, dass die Versorgung durch den einzelnen Ort nur für kurze Zeit gesichert werden kann, bleibt er länger in einer Stadt, taucht schon mal die Bitte auf, bald weiterzuziehen.

 

Eine Kapitale hat viele Vorteile für den Herrscher. Die betreffen nicht nur seine Bequemlichkeit, sicher ein wesentlicher Grund, warum schon der "große" Karl im Alter immer mehr Zeit in Aachen mit seiner Palastanlage, seinem Thermalbad und seinen Jagdgründen verbringt. Schon vor der allgemeinen Sesshaftigkeit der Machthaber reist der Kronschatz bzw. Staatsschatz aus Gründen der Sicherheit nicht mehr immer mit. Ein weiterer ganz praktischer Grund für eine feste Residenz ist, dass man in der Konzentration auf nur wenige oder gar einen zentralen Ort dessen Prächtigkeit als Ausdruck der Macht verstärkt ausbauen kann.

 

Wenn der Hof nicht mehr ständig reist, sondern ortsgebunden wird, also eine zentrale Residenz erhält, vergrößert er sich alleine schon deshalb, weil er Besucher von überall aus dem Herrschaftsraum dorthin konzentriert. Das Musterbeispiel ist von Anfang an der päpstliche Hof. Bis zur Emigration nach Avignon ist er deshalb in Rom, weil Bischöfe auf ihre Bischofsstadt, ihre cathedra und deren Gebäude, die Kathedrale, sowie auf ihren Bischofspalast fixiert sind, auch wenn Bischöfe wie andere Fürsten viel reisen, und nicht nur auf Kriegszügen. Mit dem Ausbau des Papsttums zu einem mächtigen und reichen, wenn auch sehr speziellen Fürstentum, welches seit dem elften Jahrhundert die Kirche als seinen und damit den modernsten und größten Verwaltungsapparat in Europa behandeln kann, lässt sich dann die Residenz verlegen, ohne dass die Machtvollkommenheit dabei auf Dauer allzu großen Schaden erleidet.

 

Sobald Machthaber geschlossenere Territorien anstreben und dann dazu neigen, an einem Hauptort zu residieren, versuchen sie den höheren Adel unter sich an ihren "Hof" zu binden. Ein wesentliches Instrument dafür sind Feste, an denen Fürsten gleichrangige Freunde und untergebenen Adel versammeln.

Ein anderes besteht darin, die Neigung des Adels, seinen männlichen Nachwuchs schon in jungen Jahren zur Ausbildung an einen Hof zu schicken, weidlich auszunutzen, um schon die jungen Leute an sich zu binden. Das geschieht bereits im "ritterlichen" zwölften Jahrhundert und erinnert etwas an die königlich-kaiserlichen Hofkapellen der karolingischen, sächsischen und salischen Könige, in denen junger Klerus an den Herrscher gebunden wurde, um dann Bistümer zu übernehmen. Es ist überhaupt eine Tradition, die schon die "christlichen" Imperatoren Roms pflegten.

Für Friedrich II. und seinen sizilischen Hof ist bekannt, dass er viel jungen (weltlichen) Adel als valetti zur Erziehung übernahm, die er dann in Verwaltung und Militär in Schlüsselpositionen einsetzt. Im Unterschied zu früheren Jahrhunderten zeichnet sich dabei bereits eine massive Säkularisierung ab.

 

In Westfranzien sind hauptstädtische feste Residenzen zum Beispiel in Paris, Provins und Toulouse vorhanden. Hier ist im 12. Jahrhundert die Entwicklung von Hauptorten zu einer Hauptstadt bereits weithin abgeschlossen. Nachdem Teile des Adels dank zunehmender Geldwirtschaft und Marktorientierung ihrer Güter diese verwalten lassen, richten sie sich Adelshöfe in den Residenzstädten ein, wo sie zumindest einen Teil des Jahres verbringen, um einmal dort Einfluss auf die Fürsten auszuüben und zum anderen möglichst viel von den neuen Annehmlichkeiten der Städte zu profitieren. Nur dort bekommt man auch direkt die neuesten Moden mit, an denen sich diese Schickeria orientiert und mit denen sie sich identifiziert.

In England konzentriert sich dabei alles auf die eine Hauptstadt London, wo sich der höhere Adel entlang der Strand und später bei ihren Nebenstraßen ansiedelt. Für die Nordhälfte Italiens ist eine solche Entwicklung nicht nötig, ist der städtische Adel doch immer in den Städten verblieben. In deutschen Landen setzt sich bis tief ins 12. Jahrhundert eher weiter die Tendenz durch, sich von den Städten fernzuhalten und auf dem Land zu siedeln. Erst im späten Mittelalter errichtet ein eher kleiner Teil des höheren Adels in Residenzstädten Städthäuser und hält sich ansonsten eher sporadisch in den Städten auf.

 

Anhand einer Champagne-Residenzstadt wie dem noch heute sehenswerten Provins, wo sich um den gräflichen Palast in der Oberstadt eine Siedlung aus Adelshöfen gruppiert, wird deutlich, wie fürstliche Nachfrage ganz erheblich durch stadtadelige ergänzt wird. Es ist zunächst einmal weiter die Nachfrage nach Luxusgütern, die den Fernhandel stimuliert, aber die zunehmend in Geld entlohnte Verwaltung und die vielen Dienstboten erhöhen auch die Nachfrage nach Alltagsgütern, insbesondere Nahrungsmitteln und Stoffen.

 

Provins besaß seit dem 10. Jahrhundert eine Münzstätte. Mit der zunehmenden Bedeutung der Messe dort verbreiten sich auch diese Denare, bis sie im 12. Jahrhundert zeitweilig sogar zu einer wichtigen Währung in Mittelitalien werden. Zudem ist die Stadt, an der sich wichtige Handelsstraßen kreuzen, schon im frühen Mittelalter ein wichtiger Marktplatz, der auch Einnahmen für die Grafen generiert. Zunächst werden hier die landwirtschaftlichen Produkte der Umgebung verkauft, dann steigt die Stadt im hohen Mittelalter zu einem zentralen Messeplatz auf, an dem zweimal im Jahr für sechs Wochen Waren und Finanzen verhandelt werden. Verkäufer und Käufer aus Flandern und Norditalien treffen hier aufeinander und der Pariser Hof schickt seine Einkäufer hierher.

Als die Grafen der Champagne im 13. Jahrhundert immer mehr in Provins statt in dem eine Tagesreise entfernten Troyes residieren, wird die Burg über der Unterstadt durch ein bequemeres Gebäude ersetzt. Da es sich um ein Musterbeispiel der neuen höfischen Lebensformen handelt, wird dieser Hof durch junge Leute des entfernteren Hochadels ergänzt. Dazu gruppieren sich die spätromanischen Neubauten des Adels.  

1234 werden die Grafen der Champagne zugleich Könige von Navarra, residieren aber weiter vorwiegend in Provins. Dorthin fließt nun eben auch der Großteil der Einnahmen aus Navarra.

Der Bedarf dieser Wohlhabenden wird durch die Ansiedlung von Handwerkern wie Schneidern und Goldschmieden sowie durch Einzelhändler gedeckt. Die Messen sorgen dafür, dass es viele Gasthäuser gibt, wer da keine Unterkunft mehr findet, haust in Zelten.

 

1284 heiratet eine Grafentochter den zukünftigen französischen König Philippe IV. und leitet damit das Ende der Residenz Provins ein. Die Gelder aus der Champagne fließen nun nach Paris. Zudem führt dieser Philippe ab 1297 Krieg mit Flandern und finanziert ihn auch durch höhere Abgaben, was dem Messeplatz zusätzlich schadet. Zur gleichen Zeit beginnt mit der Eroberung von Sevilla und Cádiz und technischem Fortschritt in der Seefahrt der italienische Warentransport zur See über Mittelmeer und Atlantik nach Brügge. Immer größere Firmen mit immer höherem Geschäftsvolumen nutzen die Messen nun eher noch für Finanz-Transaktionen als solche von Waren, die über ständige Vertretungen in den Zentren des Kapitals laufen.

Der König verlegt die Münze nach Troyes, wo sie allerdings stetig an Bedeutung verliert. Immerhin bleibt Troyes Umschlagplatz für das Getreide der Champagne, welches hier auf die Seine verladen wird und einen Großteil der Grundversorgung der Pariser Bevölkerung leistet.

 

Städte basieren auf dem Zufluss von Agrarprodukten des Landes, deren Preise möglichst niedrig gehalten werden, aber sie florieren vor allem über die Konsumausgaben der Herren, die diese Mittel wiederum erst einmal ihren Untertanen abnehmen. Mit dem Abzug der Luxuskonsumenten aus Provins sinkt die Bedeutung der Stadt, sie schrumpft, und mit der sinkenden Bedeutung der Messen fällt sie in die Bedeutungslosigkeit zurück. 

Ohne Geld für die Renovierung als Modernisierung hat sie dann bis heute andererseits auf wunderbare Weise als mittelalterliches Museum überlebt.

 

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Der Hof eines Herrschers dient nicht nur den luxuriösen Annehmlichkeiten und Vergnügungen des Herrschers und seiner auch dadurch angezogenen Entourage aus Höflingen, Beamten und Angestellten, sondern auch der Abbildung und sinnlichen Verdeutlichung der Macht. Wir sind im 13. Jahrhundert noch weit entfernt von der abartig-pervertierten Welt von Versailles, deren hybride Widerwärtigkeiten am Ende nicht mehr zur Identifikation durch den Pöbel und der Mittelschichten einladen und selbst den höheren Adel hin und wieder abzustoßen beginnen. Aber  die Abschottung der Fürsten vom Alltag der Untertanen und von dessen Wahrnehmung ist bereits in vollem Gange.

 

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In Palermo hatten die aus der brutalen Räuber- und Mordbrennertradition der Wikinger herstammenden Normannen unter ihren Königen den Hof einer frühen Despotie eingerichtet, in derselben Zeit, in der auch die Päpste, allerdings in sehr eigenartiger Form, sich zu uneingeschränkten Despoten erklärten. Darauf baut der König und Kaiser Friedrich II. auf, und er verstärkt die typischen Aspekte eines despotischen Hofes noch ganz erheblich, insbesondere, nachdem er die Residenz nach Foggia in der nordapulischen Capitanata, in die Nähe seiner sarazenischen Militärkolonie und Festung Lucera verlegt, wo er mit ihnen eine ihm auf Gedeih und Verderb ausgelieferte, weil in seinem Reich völlig isolierte muslimische Leibgarde und Elitetruppe von Bogenschützen besitzt.

 

Vom Palast des Herrschers in Foggia ist kaum noch etwas erhalten. Ähnlich ist es den Jagdschlössern in der Umgebung ergangen. Zu besichtigen aber ist das sogenannte Castel del Monte, dessen Funktion völlig unbekannt ist, und welches vielleicht nie benutzt wurde und in seiner Monumentalität nur die schiere Macht des Herrschers darbieten soll.

 

Bild

 

Zivilisationen basieren auf der Neigung der in die Untertänigkeit Gebrachten, sich mit der Übermacht der Gewalttäter, in diesem Fall der Herrscher, aber auch gewöhnlicherer Verbrecher zu identifizieren, um ihre Ohnmacht durch phantasierte Teilhabe an der Macht erträglich oder sogar angenehm zu machen. Soweit das für die letzten zehntausend Jahre überhaupt bekannt ist, nimmt diese Identifikation in dem Maße zu, in dem die Machthaber grausamer und brutaler sind, wofür Stalin und Hitler als neuere Beispiele stehen. Im Falle einer terroristischen Geiselnahme wurde dabei einmal vom Stockholm-Syndrom gesprochen. Je weniger gewalttätig und aggressiv Politiker in Demokratien auftreten, desto weniger Respekt wird ihnen in der Regel entgegengebracht. Die Identifikation, so kann man überall beobachten, wird nicht der Macht oder dem sogenannten Amt entgegengebracht, sondern jener Gewalt, mit der sich der Machthaber auszeichnet. Dass auf diese Weise vermieden wird, die eigene Ohnmacht und williges sich Ducken als Feigheit oder tiefes Unglück zu erleben, ist zentraler Faktor dabei.

 

Aber die Identifikation mit brutaler Gewalt, Macht, Reichtum, ja ausgesprochenem Luxusleben anderer ist natürlich nicht nur Vermeidung der Wahrnehmung ihrer Bösartigkeit, sondern auch der Umwidmung von Ohnmacht in imaginierte eigene Macht. Ohnmacht wird so im Kollektiv der Untertanen zumindest in Momenten wahnhafter Hysterie als Macht erlebt, und daran hat sich bekanntlich bis heute nichts geändert.

 

Daneben gibt es noch den anderen Aspekt der Partizipation an der Hebung des Niveaus des Warenkonsums in den Zivilisationen des entstehenden Kapitalismus, mit dem die Herrscher nun ihre Gewalttätigkeit verbinden. Schließlich richtet sich nun der Raubtiercharakter von Herrschaft nicht zuletzt auch deshalb in unentwegten Kriegen gegen die Nachbarn. Insofern nimmt für die Untertanen der Herrscher die Funktion eines bewunderten Leitwolfes in einer Wolfsschar ein, die sich aufmacht, eine Schafsherde in der Nachbarschaft zu reißen, mit dem Unterschied, dass sich der Herrscher den größten Teil der Beute zunächst reserviert und offiziell alleine für die Verteilung des Restes zuständig ist.

 

Wenn aber Pause beim Mordbrennen herrscht, zeigt sich die Macht des Anführers in seinem zur Identifikation durch die Ohnmächtigen und Armen einladenden Luxusleben.

Bürger und produktive Unterschicht in Städten, insbesondere in der Hauptstadt selbst, sind nicht nur das permanente Schauspiel des Hofes und besondere Spektakel darüber hinaus bewundernde Zuschauer, sie partizipieren im Maße des Erlaubten und nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten. Da das Reisen hoher Herren zu Pferde stattfindet, ist es entsprechend langsam, und wenn die Kunde hinreichend früh in die Ortschaften gelangt, säumen die Menschen in ihrer besten Kleidung die Straßen, schmücken sie zum Beispiel mit Blumen und stellen Musikanten (Pauken, Trommeln, Blasinstrumente) und Chöre als Begleitmusik. In der Inszenierung der Macht sind Untertanen die willigen Statisten.

 

Das Stichwort für diese neue höfische Welt heißt modischer Luxus, zunehmendes Raffinement, und der verlangt nicht nur die Ausweitung der Geldwirtschaft und der Verwandlung von Naturaleinnahmen in Geld, er verschlingt vor allem einen immer größeren Teil adeliger Einnahmen. Dabei kann nicht jeder immer mithalten, auch nicht auf niedrigem Niveau. So wie im Laufe der Zeit die Zahl der durch die Schwertleite bzw. das adoubement vollgültigen Rittern wegen der steigenden Kosten dafür abnimmt, so findet besonders in Frankreich seit dem 13. Jahrhundert, mehr noch dem 14., eine Verarmung des niederen Adels statt, der dann an Lebensstil unter den reicher Bauern fallen kann.

 

Höfische Lebensform und Moden

 

Um Macht solide sichtbar zu machen, zeigt sie sich darum auch in der Pracht höfischer Ausstattung, und diese dient natürlich zugleich dem Vergnügen der Machthaber daran. "Pracht" selbst in seiner verallgemeinernden Form ist noch kein hochmittelalterliches Wort

 

In den Ritterromanen werden Reichtum und Kostbarkeit, die so gut wie alles betreffen, von den rîchiu kleit (NL5,277 / P1,23 etc.) für Mensch und Pferd über die luxuriösen Zelte bis zur Prächtigkeit von Gebäuden und Innenausstattung, immer wieder mit geradezu penetranter Ausführlichkeit geschildert. Aller solcher Prunk und Protz soll unentwegt Eindruck schinden und tut das ja auch bis heute.

Dargebotener Reichtum steigert das Ansehen mehr noch als den Neid der Zukurzgekommenen.

Im Kunsthandwerk bis zur sich verselbständigenden Plastik, der Goldschmiedekunst und der Malerei schafft sich höfische Lebensform ein Wohnumfeld, in welchem sich Macht und Reichtum ausdrücken können.

 

Religiös begründete Kritik an dem Amüsierprogramm der höfischen Lebensart gibt es seit seinen Anfängen. Im 12, Jahrhundert wendet sich Johannes von Salisbury gegen die Pracht des englischen Hofes von Heinrich II. und Eleonore von Aquitanien. 1592 blickt der Dominikaner Iacopo d'Acqui zurück auf den süditalienischen Hof Manfreds. Der hatte aus seinem Hof ein Paradies der Lustbarkeit gemacht. Es gab dort großzügige Schenkungen und alle irdischen Eitelkeiten: Frauen, Kleider, Schmuck, Speisen, Lieder, Musikinstrumente. Es gab verschiedene Spiele und alle Tröstungen der Welt, alle Vergnügungen sowohl für den König selbst wie für alle anderen. Nacht und Tag gab es schönste eitle Mädchen und junge Männer ohne Zahl. Alle hielten sämtliche körperlichen Lüste und Freizügigkeiten für erlaubt. Es gab dort eine Kapelle (scola) mit allen Musikinstrumenten und Gesängen der Welt. König Manfred selbst war der prächtigste Sänger und Liedermacher (inventor cantionum). An seinem Hof gab es eine Göttin oder Dienerin (ministra) der Liebe und einen sogenannten Gott der Eitelkeiten, die die Männer und die Mädchen in allen Praktiken der Liebe unterrichteten. In der Schatzkammer des Königs Manfred gab es alle Musikinstrumente der Welt und es gab keine einzige Stunde bei Tag und Nacht, in der nicht Orgeln und andere Instrumente zu hören waren. (…) König Manfred hatte wie ein zweiter Salomo schönste Frauen und Mädchen ohne Zahl zu seinem Willen. Und wenn er lange Zeit gelebt hätte, hätte er ganz Italien in den Brunnen der Lüste versenkt, und die Kirche wäre völlig heruntergekommen. Weil es dort Vergnügungen im Überfluss gab, liefen alle hin. (in Staufer und Italien, S.269)

 

Was hier in Fortführung der antistaufischen päpstlichen Propaganda gegen Friedrich II. angeführt wird, ist die Ablehnung einer völlig weltlichen joie oder vröide als höfischer Lebensinhalt seit dem 11. Jahrhundert, die neben Pracht und Prunk eine zunehmend der Kirche entgleitende und sich verselbständigende Geschlechtlichkeit praktiziert.

 

***Das Fest***

 

Das Zentrum höfischer Selbstdarstellung wird das Fest, welches sich je nach Macht und Reichtum durch aufwendige Inszenierungen und prächtige Amüsierveranstaltungen auszuzeichnen hatte, nicht zuletzt aber durch die Zahl und den Status der Besucher. „Der Domscholaster Balderich beschreibt als Augenzeuge, wie Erzbischof Albero von Trier 1147 zum Hoftag König Konrads III. nach Frankfurt fuhr: Mit vierzig Wohnschiffen sei er gereist, nicht gezählt die kleineren Kriegsfahrzeuge, Lastkähne und Küchenschiffe; acht Grafen und zwei Herzöge als Vasallen befanden sich in seinem Gefolge, dazu eine riesige Zahl von Geistlichen und Rittern, auch zwei berühmte Gelehrte, der Mathematiker Gerland von Besancon und der Philosoph Theoderich von Chartres, an deren gelehrten Disputationen er auf seinem Wohnschiff teilnahm. Die Heimreise nutzte er zu einer Machtdemonstration gegen die Mainzer, indem er auf allen Schiffen die Fahnen hissen ließ und befahl, dass sich die Ritter mit ihren goldglänzenden Schilden, ihren silberhellen Harnischen und Helmen sichtbar aufstellen sollten.; mit schmetternden Trompeten und klingenden Hörnern, mit Waffengetöse und furcherregendem Gesang der Männer versetzte er die ganze Stadt in Aufruhr und Angst – als ob sie schon erobert wäre.“ (KellerBegrenzung, S.441f)

 

Im Fest selbst stellen sich höherer Adel und Fürsten so dar, wie sie sind, nämlich mächtig und reich, und zudem so, wie sie gerne sich selbst sehen wollten, nämlich zunehmend kunstsinnig in einem mittelalterlichen Sinne und manchmal auch schon von einem gewissen Bildungsniveau. Dazu gehören Manieren, formalisierter Umgang miteinander und die Hochstilisierung einer Bindung an ethische Normen, die immer auch als christlich ausgegeben werden. Auf dem höfischen Fest, in dessen Hintergrund auch „politische“ Verhandlungen stattfanden, wird im Vordergrund eine Welt inszeniert, die sich deutlich von denen absetzt, deren Arbeit das Ganze finanziert. Entsprechend wird eine ritterlich-höfische Welt unterhaltsam und prächtig in Szene gesetzt, die völlig ablenkt von dem, was adelig/fürstlich den Alltag ausmacht, in dem mehr oder wenig gewalttätig und brutal Ressourcen erweitert und Einnahmen abgepresst werden.

 

Mustergültig wird das Mainzer Hoffest Barbarossas zu Pfingsten 1184. Von Erzbischöfen über Herzöge bis zu Ministerialen erscheint der ganze abkömmliche Adel aus deutschen Landen. Laut Giselbert von Mons erscheint Herzog Leopold V. von Österreich mit 500 Rittern, Landgraf Ludwig III. von Thüringen 1000  und der Erzbischof von Köln mit 1700 Rittern, wohl etwas überzogene Zahlen. Andere Teilnehmer, schreibt Otto von St.Blasien, kommen aus Spanien, rankreich, Italien und slawischen Ländern. Eine ganze Stadt aus Holz und Zelten wird errichtet. Es gibt einen Festgottesdienst und die feierliche Schwertleite von Söhnen des Kaisers, dazu ein gigantisches zweitägiges Schaureiten.

 

Aber es geht nicht nur um Protz, sondern um das Herstellen einer Parallelwelt jenseits der rauhen Wirklichkeit, in der ihre Herrschaft auf roher Gewalt beruht. Dazu dient die Idealisierung des berittenen Kriegers als eines edlen Ritters, der die Schwachen schützt, den Armen hilft und die Bösen in die Flucht schlägt. Was bei den kapitalkräftigen Bürgern Kompartmentalisierung wird, in der bürgerliche Ehrbarkeit, bürgerliche Frömmigkeit und das rücksichtslose Begehren des Kapitals nach Verwertung und Vermehrung in unterschiedlichen Schubladen derselben Person eingeordnet und recht deutlich getrennt aufbewahrt sind, wird beim Adel und dem höfischen Fürstentum die Trennung in zunehmend christlich verbrämte Kriegerwelt einerseits und dem, was man viel später erst als höfische „Kultur“ bezeichnen wird. Man sollte sich darunter keinen allzu alltäglich wahrnehmbaren Bildungshorizont vorstellen. In der Regensburger Kaiserchronik aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts unterhalten sich die vornehmen Herren bei Hofe  über edle Pferde und Hunde, über Beizvögel und schöne Frauen. 

Das Ideal stellt Hartmann von der Aue um 1190 im 'Iwein' am Fest am Artushof dar: diese sprachen wider diu wip / diese banecten den lîp / diese tanzten, diese sungen, / diese liefen, diese sprungen,/ diese hôrten seitspil / diese schuzzen zuo dem zil, / diese retten von seneder arbeit, / diese von grôzer manheit. (V) Was macht man also: man redet mit Frauen, lustwandelt, tanzt und singt, betreibt Sport, hört Musik, schießt auf eine Zielscheibe, jammert über die Last der Liebe und lobt großes Heldentum.

 

***Manieren***

 

Kennzeichnend für die höfische Kultur wird eine Verfeinerung der Manieren, in der Impulsivität durch zurückhaltende Förmlichkeit abgelöst wird, Impulskontrolle, ein Vorgang, der in den etwas „barbarischeren“ deutschen Landen erst in der frühen Neuzeit abgeschlossen sein wird. Dazu gehören Tischmanieren und nicht zuletzt das Verhalten gegenüber Frauen.

 

Mit der Marienverehrung und der Minnelyrik, soweit sie die Verehrung der unerreichbaren Dame betrifft, wird der Sexus wenigstens in der ideologisierenden Phantasie sublimer bis zum Extrem seiner Unauslebbarkeit. Eine solche Erotisierung in Religion und Höfischkeit lässt eine freier flottierende Sexualität zu, die dann aber auch wieder rücksexualisiert werden kann wie bei Isoldes Tristan.

Höfisches Dasein in Reichtum und zeitweiligem Müßiggang fördert ein Kreisen um die „Liebe“, die immer mehr ins Zentrum höfischer Lebensform gerät. Für den höheren Adel zumindest war es immer selbstverständlich gewesen, dass die aus Machtgründen gestiftete Ehe und sexuelle Lustbarkeit zwei getrennten und beide selbstverständlichen Räumen angehörten. Dabei war natürlich die Möglichkeit einer in der Ehe wachsenden Liebesbeziehung der Gatten nicht ausgeschlossen.

 

Nun wird mit der Erotisierung des höfischen Alltagslebens eine neue Sphäre entschlossen. Das findet sich in der kirchlichen Welt wieder in den erotisierten „schönen“ Skulpturen von Ekklesia und Synagoge, von klugen und törichten Jungfrauen und Heiligengestalten. Hier begegnen sich Fürsten, niederer Adel und Großbürgertum in einer neuen, erotisch durchsetzten Ästhetik, in die als frühe verführerisch attraktive Nackte die Eva des Paradieses einzieht, entblößtes Begehren wie das der Nackten des Jüngsten Gerichtes.

Der aggressive und angeklagte Sexus romanischer Kleinskulpturen schwindet zugunsten einer sublimeren Sexualität, die nicht unbedingt der Wirklichkeit entspricht, sondern dieser als Legitimation dient. Erotisierung als Teil höfischen Alltags findet sich bei Männern und Frauen auch in der Kleidung, die nicht nur immer aufwendiger und kostbarer wird, sondern auch immer mehr von den Körperformen offenbart (siehe...)

 

Männer zeigten so immer mehr von den Waden und bald auch den Oberschenkeln und vom Hintern in engen Kleidungsstücken, während die gotisch gekleidete Frau dassselbe mit ihrer Brust schaffte und der Teilentblößung durch das Dékolleté.

 

Die Erotisierung des adeligen Alltags geht nicht nur auch von der Literatur aus, sondern in diese ein. Schon Anfang des 12. Jahrhunderts beschreibt ein 'Liebeskonzil von Remiremont' das Streitgespräch zweier dortiger Nonnengruppen, von denen die eine dem Ritter, die andere dem Kleriker das höfischere Auftreten bescheinigt. Damen übernommen in der Literatur vor allem als Mäzeninnen eine immer größere Rolle: Eleonore von Aquitanien für Wace, Marie von der Champagne für Chrétien von Troyes, Mathilde, Gemahlin von Heinrich dem Löwen, für den Pfaffen Konrad.

Damen sind eben nicht nur Gegenstand der Minnelyrik, sondern besonders auch Konsumentinnen jener Epik, die damals auch Roman heißt, und werden zu den wichtigsten Konsumenten von Romanen bis heute. Sie sind bei Hofe auch nicht nur Schmuck, sondern wesentlicher Bestandteil, Quelle männlicher Inspiration und Kampfeslust. 

 

Literarisch sichtbar wird das ganze zum ersten Mal mit Wilhelm von Poitiers/Aquitanien, und in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts dann in den okzitanischen Liebesliedern der Troubadoure. Bei Barbarossas Italienzügen sind dann deutsche Liedermacher aus ministerialen und niedrigadeligen Familien dabei. Zugleich beginnt deutsche Liebeslyrik nach französischem Vorbild anverwandelt am Braunschweiger Welfenhof, dem Babenbergischen in Wien und dem der Thüringer Landgrafen.

 

Höfische Verhaltensweisen heben nicht nur vom volc ab, ein Wort, welches ganz langsam seine Bedeutung vom Heeresgefolge und überhaupt Militär dahin verändert, dass eher Bürger und insbesondere Bauern gemeint werden. Sie zeigen nicht nur den Status in Macht und Reichtum. Sie strukturieren zugleich ein Miteinander bei Fest und Alltag nach Rangordnung, und sie vermeiden bei Hofe möglichst Konflikte durch das Einüben anerkannter Verhaltensweisen jenseits von Gewaltätigkeit.

 

***Literatur***

 

Ein Aspekt des höfischen Unterhaltungsprogramms sind Gaukler und Spaßmacher, aber eben auch vor allem Liedermacher und "Roman"autoren. Die machen Karriere an den Höfen als Unterhaltungsspezialisten, mit denen sich hoher Adel schmückt, und als deren Lobredner. Beim Tod von Richard Löwenherz lobt Gaucelm Faudit in seinem Klagelied 'Fortz chauza' dessen Tapferkeit und fasst zusammen: Ach edler Herr König, was wird nun werden / aus den Waffen, aus dem Getümmel mächtiger Turniere, / aus den prächtigen Hoffesten und aus den herrlichen und grandiosen Gaben, / wo ihr nun nicht mehr da seid, der ihr von allem Haupt und Führer wart? (So in Löwenherz, S.15) Lobhudelei, das Spiel mit unterwürfiger Höflichkeit sind ein Teil höfischer Art.

 

In dieser Welt einer ideologisierenden Eigentlichkeit, in der Macht zunehmend auch durch die edle Lebensform begründet und in ihr ausgelebt wird, spielt fiktionale Literatur eine immer größere Rolle. Dabei liefert sie einmal als Ritterepik und höfische Lyrik die ideologische Begründung für Herrschaft und Standesüberhöhung, zum anderen entwickeln beide aber zugleich, um aus dem Vorgebrachten Spannung zu erzeugen, innere Widersprüche und Problematisierungen. Kennzeichnend für solche Literaturen wie denen der Trouvères und des späteren deutschen Minnesangs, von Chrétien de Troyes oder Gottfried von Straßburg wird, dass das ritterlich-höfische Milieu, welches dargestellt wird, völlig ohne seine finanziellen Grundlagen auskommt und das städtische Milieu, welches solchen Eskapismus aus der Wirklichkeit mit seinen Strukturen fördert, kaum eine Rolle spielt.

 

Tatsächlich ist die neue Literatur nur in wenigen Aspekten eine Quelle, die uns die Lebenswirklichkeit der Menschen näherbringt. Bei der Lektüre solcher Texte kommt eher die Vermutung auf, dass in der Zeit, in der nicht nur die Bedeutung des Geldes rapide zunimmt, sondern auch frühe Formen seiner Kapitalisierung, - die neuen Vorstellungswelten Gegenwelten genau dazu sein sollen, solche, die das Ende einer traditionelleren Welt und die Installierung einer "zweiten Natur" eben ein Stück weit auch als phantastischer Ersatz befördert haben mögen. Alle Künste im modernen Sinne entstehen als Bestandteil einer sich entfaltenden und immer kapitalistischer gerierenden Warenwelt.

 

Da höhere Bildung klassisch-antiker Art bei Hofe zunächst eher selten ist, wird dort das Latein von Theologie und Philosophie, die sich manchmal inzwischen auch zu trennen beginnen, was zu ersten philosophischen Texten in den Volkssprachen wie beim Catalán des Raimundus Lull führt, zunehmend durch die Volkssprachen ersetzt, die seit dem 11. Jahrhundert immer mehr auch zu Schriftsprachen werden. Damit entwickelt sich das Sichtbarmachen eines unterschiedlichen Volkscharakters. Die Übertragung von Texten aus dem langue d'oeil in deutsche Sprachen macht das dann augenfällig. Den Anfang machen das Catalán und das Okzitanische, von wo das einmal auf Norditalien übergreift, und zum anderen auf das Sizilianische am Hofe Friedrichs II., welche Texte dann in toskanischer Übersetzung nach Mittelitalien gelangen und dort einen eigenen Stil aufblühen lassen, und zum anderen in die deutschen Lande.

 

So wie Literatur seit der Erfindung des Buchdrucks vom Markt abhängig wird, so ist sie es bis dahin und noch darüber hinaus vom Wohlwollen des sie subventionierenden Adels. Der Autor bindet sich an den adeligen und am besten fürstlichen Mäzen, der sich mit ihm schmückt, weil er mit seinen Werken zufrieden ist. Das prägt ihre Texte in hohem Maße. Heinrich der Löwe und Hermann von Thüringen besorgen „ihren“ Autoren (dem Pfaffen Konrad und Wolfram von Eschenbach) die französischen Vorlagen für das Rolandslied und den Willehalm, die dann deutschen Verhältnissen angepasst werden. 

 

Beispielhaft ist, wie Walther von der Vogelweide zum Propagandisten seiner Herren wird, um an sein Lehen zu gelangen. Als er beim Staufer Friedrich II. angekommen ist, diffamiert er dessen Gegner und seinen früheren „Herrn“ folgendermaßen im modernisierten 'König Friedrichston'::

Ich hatt' Herrn Ottos Wort, er wollte reich mich machen / Wie trüglich war sein Wort! Es ist zum Lachen / Soll das, was er versprach, mir Friedrichs Hand verleihen? / Ich kann ihn bitten nicht um eine Bohne. (…) Ich wollt Herrn Ottens >Milde< an seiner Körperlänge messen; da hat ich mich im Maßstab nicht wenig vertan. Denn wär er so großzügig wie lang, wäre er ein Vorbild edler Eigenschaften. Maß ich aber die Körperlänge daran, wie er Ehre einlegte, da wurde er an allen Enden zu kurz wie ein verschnittener Stoff, an Großmut viel kleiner als ein Zwerg.

Die Milte ist die Freigiebigkeit gegenüber dem Sänger, und tatsächlich war er oft davon abhängig, gab es doch keine wohlfeilen Vervielfältigungsmöglichkeiten für seine Texte und keinen entsprechenden Markt. Und so heißt es denn auch bei Walter: Von Rôme voget, von Pülle künec, lât iuch erbarmen / daz man mich bî rîcher Kunst lât alsus armen! 

Wenn dann Leute wie Walter von der Vogelweide einen volkstümlicheren Ton anschlagen, ist das nicht so sehr Ausdruck von Nähe zur Masse der Bevölkerung in erster Linie, der ländlichen Bevölkerung insbesondere, sondern eher Ausdruck einer neuen Mode in den Adelskreisen und an Fürstenhöfen, bald auch im gehobenen Bürgertum.

 

Noch deutlicher wird Guilhem Figueira um 1237: Ein neu Sirventes beabsichtige ich dem Kaiser zu übersenden, dem edlen Menschen, denn nun ist es mir dienlich, dass ich mich in seinen Dienst begebe, denn kein Mensch teilt besser Lohn aus als er. (in Heinisch, S.108)

Die Künste, und auch die Literatur als Kunstform, sind von der Gunst von einzelnen Mächtigen und ihrer Finanzkraft abhängig, und das wird sich durch die Erfindung des Buchdrucks und der Produktion für einen größeren Markt zunächst kaum ändern, da Literatur sich auch dann zunächst nicht über einen allgemeinen Markt finanzieren lässt.

 

Dies Wort "Literatur" ähnlich wie das von der "Kunst" wird durch die nachantiken Zeiten bis heute keinen klaren Begriff enthalten und zugleich einem steten und massiven Bedeutungswandel unterworfen sein. Bis ins späte Mittelalter ist die im Germanischen wurzelnde (deutsche) "Kunst" das, was einer kann, wenn er es wirklich kann. In Wolframs 'Parzival' taucht das Wort öfter auf. Ritter beherrschen Reitkunst, Kampfkunst, überhaupt kunst an ritterlichen siten (Parzival 3,173). Es gibt die Heilkunst, bei Wolfram die arzâtlîchen listen (Tristan 11,7266), wie list bei ihm auch überhaupt Kunst meinen kann, so wie auch lêre (Tristan 6,3670) oder vuoge (Tristan 11,7698) als Kunstfertigkeit auftauchen.

 

Zu den Künsten gehört auch die Dichtkunst, eine art bei Chrétien (Erec 6641). Wenn Wolfram von mîner künste widerwege spricht, ist sein schriftstellerisches Können gemeint (Parzival 1,1). Gottfried verwendet stattdessen list, diu schepfent list ist seine eigene Kunst (Tristan 1,21), Bei ihm gibt es auch eine ausführliche Darlegung seiner Vorstellungen von Dichtkunst (T1,8) , wie sie Tristan selbst betreibt, der auch schoener maere phlac (T20,13477 / T30,19188) und für einen Hof schanzune tihtete und sang (T30,19210)

 

Zwischen der unterhaltsamen "Lohnarbeit" fahrender Kleinkünstler und hochadeliger Kunstausübung stehen die neuen Autoren, Ministeriale wie Hartmann, arme Rittersleut wie Wolfram oder jemand wie Gottfried, der möglicherweise gehobener Straßburger Bürger war. Wie Chrétien von Troyes oder Wolfram siedeln sie sich offenbar für längere Zeit, gar manchmal für Jahre, an hochadeligen bzw. fürstlichen oder königlichen Höfen an und betreiben dort ihre neuartige Literatur.

 

Literatur (eine viel spätere Wortschöpfung) ist ein ebenso unklares, weil vieldeutiges Wort und weites Feld wie Kunst. Die litterae, also die Arbeit mit dem geschriebenen Wort, war bis dato eine Sache der Gelehrsamkeit gewesen, der wenigen, die (lateinisch) schreiben konnten und die im 11./12.Jahrhundert eine neuartige Philosophie hervorbrachten oder nach antiken Vorbildern lateinische Verse schmiedeten, mit denen sie unter sich blieben. Das Neue ist ein Mehrfaches: Die Adressaten sind ein höfischer Hochadel und Herrscher, die in der Regel nicht nur nicht des Lateinischen mächtig sind, sondern immer noch oft überhaupt gar nicht lesen und schreiben können, also Vorleser und Schreiber brauchen. Sie bedürfen der "Literatur" in der Volkssprache und zugleich auch der Autoren, die den Bedürfnissen der neuen Zeit und ihrer Moden entsprechend tihten. Sie sind es zudem, die das Geld haben, um die teuren Materialien für die Verschriftlichung solcher Texte zu bezahlen, derer sie sich dann wohl auch zu rühmen beginnen. Es wird offenbar "schick", sich für einige Zeit einen tihtaere für seinen Hof leisten zu können.

 

Der kleine Kreis der "Gebildeten" und ihrer lateinischen und damit den meisten Menschen nicht zugänglichen Texte erweitert sich um eine zunächst ebenfalls kleine und deutlich weniger "gelehrte" Gruppe, die nun in den Volkssprachen schreibt. Das Lateinische bleibt die Sprache der Gelehrsamkeit und der Kirche, aber der frühe Kapitalismus und sein Wohlstand für eine kleine Oberschicht fördern zunehmend Texte für die nicht Gelehrten und nicht in den kirchlichen und monastischen Institutionen Verhafteten. Deren Inhalte sind entsprechend entsprechend ganz andere.

Es geht um die Propagierung und Idealisierung von Machtverhältnissen und zugleich um Kurzweil, um Unterhaltung einer kleinen Oberschicht. Soweit handelt es sich um ein ganz triviales Unterhaltungsbedürfnis, um kurzewîle als kurzzeitiges Aussteigen aus der Wirklichkeit ins schiere Amüsement. Wieweit der Problemgehalt, der diese Texte erst zusammenhält, Unterhaltungswert hatte, ist kaum noch nachzuvollziehen.

Elemente aus Sagen und Märchen werden mit Situationen mit aktuellem Wiedererkennungswert verbunden. Kapitalismus taucht gar nicht auf, die Begrifflichkeit des Marktes ist aber in die Sprache integriert.

 

Schon gesagt wurde, dass Künste der Unterhaltung und der Kurzweil zunehmend professionalisiert werden, "kunstvoller", gekonnter werden, und mit ihnen werden Dichter namentlich bekannt, zunächst bei den trouvères, dann bei den Autoren der Ritterromane, was sich im Verlauf der Gotik bei Baumeistern und Schöpfern von Plastik und am Ende auch von Malerei fortsetzen wird. Das, was wir in der Neuzeit Kunst nennen, entsteht, und damit die Prominenz von Künstlern. Sie sind integriert in einen Markt, eine Warenwelt, konkurrieren miteinander und werden bald danach trachten, in Geld bezahlt zu werden. (Zu Ritterromanen ausführlicher Anhang 18)

 

***Mode***

 

Neben originär Deutschem wie dem Nibelungenlied sind die Ritterromane vor allem Anverwandlungen altfranzösischer Literatur, so wie höfische Lebensformen vielfach aus dem Westen stammen und ebenso die neuen "gotischen" Kleidermoden. Mit der Einführung des Kleiderschnittes und der Schneiderei beginnt die Erotisierung der Kleidung als indirekte Versionen der Körperformen.

Rüdigers Leute im Nibelungenlied tragen in Worms Gewänder, vil harte spaehe gesnitten (20,1176) und wol gesniten sind die Kleider von Gahmurets Gefolge im 'Parzival' des Wolfram (2,62). Tristans Kleidung in Gottfrieds Text ist nâch sînem lîbe gesniten (5,3347). Ein Kleid für Obilot sneit man an daz vröuwelîn (Parzival, 7,375) und ein Kleid por son cors estoit taillèe im Erec des Chrétien (1572). Isoldes Kleid ist an der Hüfte g'enget, nâhe an ir lîp getwenget (T15,10905f).

 

Modebewusstsein wird am ausführlichsten an der ansonsten physisch hässlichen Cundry von Wolframs 'Parzival' beschrieben: Sie trägt einen Kapuzenmantel al nâch der Franzoyser siten (...) von Lunders (London) ein pfaewin huot (Pfauenhut), der huot was niuwe (etc., 6,313). Später heißt es: ir cleider tiure und wol gesniten, kostbaere nâch Franzoyser site. (15,778). Kleider in dem snite von Franze (T15,10901) sind seit der Gotik dernier cri. Überhaupt beginnt mit dem Aufstieg des französischen Königtums eine enorme Einflussnahme Frankreichs auf die deutschen Lande. Zu den künste gehört es eben nun auch, franzeis zu reden (Parzival 6,329).

 

Heute noch am sichtbarsten nachvollziehbar ist die allmähliche Übernahme gotischer Bauformen und Skulpturen. Das beginnt um 1130 im Pariser Becken, wo Kirchenfürsten der neuen Mode bei immer größeren Bauten folgen und Architekten miteinander in immer filigraner durchbrochenem Mauerwerk und immer gewagteren Maßwerken miteinander konkurrieren. Während sich so Ästhetik in technischer Errungenschaft abspielt, übernehmen deutsche Kirchenfürsten erst Generationen später die neue Mode, indem sie sie als Detail übernehmen, wie der Erzbischof von Magdeburg den Domchor mit seinem Kapellenkranz oder neuartigen Kapitellen neben romanischen. In deutschen Landen taucht dann vollgültige Gotik erst mit den Neubauten der Trierer Liebfrauenkirche (ab 1227) und der Marburger Elisabethenkirche (ab 1235) auf. Danach ist dann kein Halten mehr, Innovation wird zum Selbstläufer, modern bzw. modisch zu sein wird zu einem erstklassigen Statussymbol, wie die Straßburger Kathedrale dann bald beweist. Italien wird da nicht ganz folgen, da es seine ganz eigene Verlängerung antiker Bauformen hatte.   

 

 

Innovation in der Musik und bei den Musikinstrumenten wird fürstliches Programm. Innovation im Musikprogramm wird der in den Quellen beschriebene Stolz der besonders Mächtigen. 1240 erhalten Beamte in Palermo und Messina den Auftrag, silberne Trompeten (tubas) bauen zu lassen und „schwarze“ Sklaven im Spiel an diesen Instrumenten auszubilden und dann an den Hof nach Foggia zu schicken.

Dazu kommt auch die Tendenz, in der Musik Moden zu folgen, sowohl in der Entwicklung in die Mehrstimmigkeit wie in dem Erscheinen neuer Instrumente und der Differenzierung in dörfische, städtisch-bürgerliche und adelige Musik. Polyphonie wird zwar von Leuten wie Bernhard von Clairvaux und Petrus Cantor verurteilt, zumindest für den kirchlichen Raum, aber die "Welt" schert sich bald nicht mehr darum und Bettelorden werden ihr bereits wie selbstverständlich anhängen.

 

***Exotik***

 

Die schwarzen Musikanten des zweiten Friedrich leiten über zu jener Pervertierung des höfischen Unterhaltungsprogramms, die als Exotik fasziniert und Menschen fremder Kontinente als „Exoten“ bewusst benutzt. Die Reste davon kennt man als Zirkusprogramme des 19. und 20. Jahrhunderts für die geringeren Untertanen.

 

Ein merkwürdiges Phänomen, welches besonders früh schon bei Kaiser Friedrich II. auftritt, ist eben diese Steigerung des Luxuriösen durch das Exotische, sicherlich nicht nur aus persönlicher kaiserlicher Neigung, sondern auch zum Beeindrucken des Publikums, als welches sich die Untertanen hin und wieder aufgewertet fühlen können. Man denke später nur an die "Mohren" der Höfe der Renaissance und des Barock und an das Türkisieren im 18. Jahrhundert, dem im Zentrum der osmanischen Macht das Barockisieren entspricht.

 

Im Bericht des Matthaeus Parisiensis von der Reise Richards von Cornwall 1241 an den Hof zu Foggia in der 'Cronica maior' tauchen zwei schön gestaltete sarazenische Mädchen auf. Sie stellten sich auf dem glatten Estrich mit ihren Füßen vier Kugeln, jede auf zwei, und rollten auf diesen fort.  So bewegten sie sich hierhin und dorthin und wohin es ihnen einfiel. Dabei klatschten sie in die Hände und bewegten auf verschiedene Weise die Arme im Spiel und unter Gesang. Mit den Händen schlugen sie tönende Zimbeln oder Becken zusammen und bewegten den Körper nach der Melodie. Dabei stellten sie in wunderbarer Weise allerlei Scherze dar. (in diesem Deutsch in: Houben, 2, S.119. Siehe auch: Stürner, S.348)

 

Ob es einen Harem aus Sarazenenmädchen gab, wie ein Franziskaner an Papst Innozenz IV. berichtet, ist ansonsten nicht belegbar, wird aber immer wieder unterstellt und zugleich geleugnet, wie vom kaiserlichen Gesandten beim Konzil von Lyon: Die sarazenischen Mädchen hält er sich nicht zum Beischlafe - wer könnte das beweisen? - sondern wegen ihrer Gewandtheit und wegen einiger anderer weiblicher Kunstfertigkeiten. (in: Houben2, S.119). 

 

Bekannt ist, dass Herrscher und überhaupt der Hochadel aufgrund ihrer Macht sich überall Geliebte oder Sexualobjekte für einen kurzen Koitus oder längere „Liebschaften“ in ihren Machtbereichen aussuchen können, wobei in der Regel Gewalt nicht nötig ist, da Mädchen und Frauen in Zivilisationen sich oft geehrt fühlen, wenn höhere Herren sie erwählen, sich sexuell und sozial aufgewertet fühlen und oft materielle Vorteile davontragen. Seit der Zeit der Frankenherrscher kommt es immer wieder vor, dass Könige und Fürsten unter ihnen weit mehr uneheliche als legitime eheliche Kinder haben. Von Kaiser Friedrich II. sind etwa zwölf namentlich bekannt.(Houben2, S.126 zählt sie auf).

 

Für viele Menschen scheint das Exotische einen besonderen erotischen Reiz zu besitzen. Fasziniert sind sie aber wohl überhaupt von exotischen Tieren, soweit diese eingesperrt oder gar domestiziert sind. Mit sicherem Gespür dafür schickt ein Kalif von Bagdad dem großen Karl einen Elefanten als Geschenk.Der Sultan von Ikonium soll Heinrich ("dem Löwen") zwei Leoparden geschenkt haben, "die darauf abgerichtet waren, auf Pferden zu sitzen, samt Sklaven als Wärter für die Tiere" (Borgolte, S.63). Eine Etage darunter besitzen die römischen Frangipane auch einen Leoparden, der eine Frau im Hause anfällt und wohl tötet. (Wickham(1), S.153)

 

Friedrich II. besitzt bei seiner Residenz in Foggia  einen ganzen zoologischen Garten aus Elefanten, einer Giraffe, Dromedaren und Kamelen, mit Löwen, Leoparden und Panthern, Bären, Affen und Papageien, und dazu dann die Jagdvögel wie die von den Fürsten geliebten Falken. Das Einsperren und manchmal auch Domestizieren wilder Tiere zum eigenen Amüsement und dem der Massen wird bekanntlich bis heute üblich bleiben und die Entfremdung von immer mehr Menschen von der Natur fördern.

 

In diesen Zusammenhang gehört die fürstliche Jagd, das erste mittelalterliche Amüsement, welches als Sport bezeichnet und betrachtet wird. Dabei ist immer noch der Aspekt der Nahrungsbeschaffung insofern enthalten, als Wildbret nun zum adeligen Privileg geworden ist und als besonders edel gilt. Darüber hinaus dient sie weiterhin einmal der körperlichen Ertüchtigung und Herausbildung der Tugenden eines Kriegerideals, welche damals auch Könige noch vorweisen müssen. Zudem ist sie als Gemeinschaftserlebnis Sozialisierungsfaktor und dient der Machtdemonstration von Fürsten. Als besonders edel gilt die Abrichtung von Raubvögeln (Falken vor allem) und Raubkatzen (die Geparden Friedrichs II.), identifizieren sich doch Fürsten und höherer Adel bis in ihre Wappen hinein mit deren aggressivem Verhalten. (Beizjagd ist die Jagd mit beißenden und dafür domestiziert bissigen Jagdtieren).   

Fürsten sind zuallererst weiter Krieger. Am Ende seines 'Liber ad honorem Augusti' feiert der Kleriker Petrus von Eboli die Geburt des künftigen Kaisers Friedrich II.: Eben als im Triumph der Kaiser lässt ruhen die Waffen, / wird ihm geboren der Sohn, künftiger Waffentaten Held. (in Eickels/Brüsch, S. 26) Mögen Fürsten seit dem Hochmittelalter auch zunehmend Andere an der Spitze von Truppen in den Kampf ziehen lassen, mögen sie auch immer ausgiebiger von ihren Residenzen aus das Leben genießen, der Krieg und ihr Auftritt als Krieger bleibt ihre erste Daseinsberechtigung. 

 

Hofgesinde

 

Der gebildete Adelige Peter von Blois, ein Höfling niederer Art bei mehreren Fürsten,  beschreibt den Hof König Heinrichs II. von England in einem möglicherweise Ressentiment-geladenen und bewusst etwas überzeichnenden Brief:

Das Hofgesinde bekommt oft schlechtes, schweres, unausgebackenes Brot, Fleisch von kranken Tieren und stinkende, alte Fische! - damit nur einige desto besser leben können. Der Wein ist bisweilen so abscheulich, dass man ihn nur mit geschlossenen Augen und Zähnen herunterwürgen kann. Keiner weiß: wird der König bleiben oder abreisen: woraus für Hofleute, Kaufleute und viele andere gar große Not entsteht. Dann läuft man umher und erkundigt sich bei Huren und Kammerdienern: denn diese Art von Menschen ist für gewöhnlich am besten unterrichtet. Dem Hofe folgen fleißig Schauspieler, Sängerinnen, Würfelspieler, Weinverkäufer, Narren, Possenreißer, Bartscherer, von Huren und Dienern, die über Hofgeheimnisse am besten Bescheid wissen, ganz zu schweigen. Plötzlich aber wird die Reise geändert; dann fehlt es plötzlich an dem Nötigsten, und über Nachtlager, um deren willen nicht einmal die Schweine in Streit geraten sollen, entstehen arge Schlägereien. Mit Fremden und Gästen gehen die Marschälle nach Willkür um, und der Redliche wird am Hofe oft so zurückgesetzt, wie der keine Mittel scheuende Nichtsnutzige hervorgehoben und begünstigt. (deutsch in: Houben2, S.128) 

 

Das Wort Gesinde ist inhaltlich verwandt mit dem Wort Gefolge. Es folgt den Fürsten in seinem Reisekönigtum und teilweise in den Krieg. Dabei sinkt es immer mehr unter das Niveau der den Fürsten in seiner Herrschaft beratenden und ihm dienenden Hofadel und der die Verwaltung tragenden obersten Beamtenschaft. Es wird nach und nach zum allgemeinen Begriff von Dienerschaft, Bediensteten, um dann in der Volkssprache schließlich in Identifikation mit der Sicht der Mächtigen im "Gesindel" zu enden.

 

Eine besondere Rolle in Zeiten einer ausgeprägten "Ritterlichkeit" spielen die adeligen Jugendlichen, die für ihre Erziehung und Ausbildung an Höfe geschickt werden. Es sind dies edle "Knappen", für die sich im romanischen  Raum wie zum Beispiel im Königreich Sizilien das Wort valet herausbildet. Sie übernehmen dienende Aufgaben bei Hofe und gehen dann entweder wieder, wenn sie Ritter werden, oder gliedern sich in das fürstliche Heer oder die Verwaltung ein. In Renaissance und Barock wird daraus der Kammerdiener, und als dessen weibliches Pendant die Zofe.

 

Kaufkraft

 

Wenn Kapitalismus ein spezifisches Geflecht aus Produktion, Distribution und Konsum ist, dann treibt der Adel und insbesondere das Fürstentum seine Entstehung aus der dritten Sphäre heraus an. Im frühen Mittelalter sind es Kirche, Kloster und die Frühformen von Adel, die nicht nur die Überschüsse der ländlichen Produzenten dafür nutzen, sondern dabei auch die Abnehmer der Waren jenes Fernhandels sind, der vor allem zu größerer Kapitalanhäufung führt. Dieser Fernhandel mit Luxusgütern diente einer winzigen, aber umso mächtigeren kleinen Schicht.

Originäre Kapitalanhäufung findet also in den Händen derer statt, die den Konsumbedarf und die Machtgelüste kleiner Gruppen Reicher und Mächtiger bedienen, derer, die Kaufkraft haben. Dazu kommt, dass wir es mit einer Welt zu tun haben, in der Geschenke eine elementare Bedeutung für die Herstellung und Aufrechterhaltung "freundschaftlicher" Beziehungen haben. Und ob es sich um Gegenstände aus Gold, Silber, Elfenbein und mit Edelsteinen verziert, um kostbare Kleider oder Luxus-Pferde handelt, das alles muss zunehmend auf dem Markt erworben werden.

 

Im elften und zwölften Jahrhundert werden geistliche und weltliche Fürsten Förderer und Gründer von Städten, in denen etwas neues entsteht, nämlich Massenkaufkraft. Diese betrifft zuallererst Lebensmittel, denn die Städter sind keine Selbstversorger mehr wie bislang das Land. Mit der Zunahme städtischer Bevölkerung ist das Umland bald nicht mehr ausreichend, um die städtische Bevölkerung zu versorgen, was bereits im 12. Jahrhundert für die reichsitalienischen Städte zu gelten beginnt. Insbesondere in Zeiten von regionalen Missernten müssen Massen von Lebensmitteln, Getreide vor allem, aus der Ferne herbeigeschafft werden. Daneben gibt es einen ständigen, täglichen Zufluss an Konsumgütern aller Art durch die Tore der größeren Städte in die entstehenden Läden und aufblühenden Märkte. Zunehmende Spezialisierung bedeutet Arbeitsteilung und zunehmenden Warenverkehr, innerstädtisch wie aus größerer Ferne.

 

Eine städtische Oberschicht aus Ministerialität und Großkaufleuten entsteht, in Italien und Südgallien insbesondere darüber eine des stadtsässigen Adels. Sie vereint auf verliehenen Rechten basierende Macht mit solcher, die aus ihrem wachsenden Reichtum entsteht. Nach und nach übertreffen sie manche ländliche Adelsfamilie an Wohlstand, und sie setzen ihre Kaufkraft nicht nur in Investitionen um, sondern legen sie zunehmend auch wie der Adel in jenen Luxusgütern an, die überhaupt erst ihre Anstrengungen in der Erlangung von Reichtum begründen und als Machtinsignien zugleich ihren Status demonstrieren. Diese wachsende Gruppe eines manchmal so genannten Patriziats beginnt in eingeschränkterem Maße ebenfalls Massenkaufkraft darzustellen: Luxusgüter gehen nun sozusagen in Serienproduktion über. Dazu gehören zuallererst die immer mehr der Mode folgenden Tuche, aus denen nun Kleidung geschneidert wird, dazu Produkte aus Leder wie Schuhe, Produkte aus Pelz, Kopfbedeckungen usw.

 

Die Verstetigung von Massenkaufkraft setzt eine massive Vermehrung des umlaufenden Geldes voraus und setzt sie in Gang. Dazu gehört die Integration der Landbevölkerung in ein Marktgeschehen, wenn auch auf niedrigem Niveau. Immer mehr handwerkliches Können löst sich aus dem Kontext ländlicher Selbstversorgung und zieht in die Städte ab, wo es größere Abnehmerschaft gibt. Zugleich nimmt der Anteil an Pflanzenproduktion zu, die nicht mehr der Ernährung dient, sondern handwerkliche Rohstoffe darstellt (Wachs, Flachs, Wolle, Farbstoffe usw.).

 

Die Ablösung von ländlichen Dienstleistungen durch Geld füllt nicht nur die Taschen der Herren, sondern treibt die entstehende Bauernschaft stärker als zuvor auf die Märkte. War die Kaufkraft der einzelnen Bauernfamilie auch gering, so gehörten doch andererseits meist immer noch 80 bs 90 Prozent der Bevölkerung zur ländlichen Bevölkerung, was insegsamt sich durchaus ebenfalls als eine Form von Massenkaufkraft darstellen lässt.

 

Der rapide Aufstieg der Bedeutung des Geldes zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert ist Ausdruck einer enormen Veränderung der Lebensverhältnisse. Überall im lateinischen Abendland wird das auch so wahrgenommen. Die Literatur wimmelt nur so von Feststellungen, welche Umwertung traditioneller Wertvorstellungen das mit sich bringt. Geldgier macht sich als Thema breit, während die „ritterliche“ Literatur als ideale Gegenwelt das systematisch ausspart.

 

Die Fürsten brauchen das Geld zuallerst für die militärische Machtentfaltung. Kriege und größere Fehden müssen finanziert und immer häufiger vorfinanziert werden. Zunächst helfen dabei lombardische, später auch toskanische Kreditgeber, die sich zu frühen „Bankiers“ entwickeln. Es entsteht jene enge Verbindung von großbürgerlichem Kapital und fürstlicher Herrschaft, aus der dann die neue Staatlichkeit triumphal emporsteigen wird. Macht, fiskalischer Reichtum und Bankwesen beginnen eine Einheit zu bilden. Nicht die mythenbildenden ritterlichen Heldentaten, sondern die fürstliche Kaufkraft siegt immer mehr auf den Schlachtfeldern.

 

Treue, der Eid und ritterliche Ideale schwinden rapide, sobald sie in der Literatur auf den Podest gehoben werden. Käuflichkeit tritt an ihre Stelle. „Erzbischof Arnold von Köln soll für den Übertritt zu Philipp vom Staufer 5.000 oder gar 9.000 Mark erhalten haben (…) Dass Otto IV. nach dem Tod Philipps als dessen Schwiegersohn allgemein als König anerkannt wurde, kostete ihn nach der Braunschweiger Reimchronik wol zwe und zwenzich dhusent marc, ... dhe he gaph dhen herren.“ (KellerBegrenzung, S.434) Und das waren keine Einzelfälle.

 

Neue Staatlichkeit hat so ihren ersten Motor in der Geldgier der Fürsten, die bei der Bildung von Territorien darauf achteten, vor allem fiskalische Möglichkeiten auszuschöpfen oder zu gewinnen. Wenn diese dann für einen für notwendig erachteten Kriegszug nicht ausreichten, oder der ansteigende Bedarf der Höfe in Friedenszeiten nicht ausreichte, wurden insbesondere auf dem Weg ins Spätmittelalter Herrschaftsrechte verpfändet, später auch ganze Städte mit ihrer Bevölkerung. Die kriegerischen Ambitionen und die höfische Prachtentfaltung führen so immer wieder in Verschuldung, die bis an die Grenzen der Kreditwürdigkeit der Potentaten geht. Wo die überschritten wird, droht der Herrscher mit seiner militärischen Macht, der kreditgebendes „bürgerliches“ Kapital wenig entgegenzusetzen hat.

 

Und so werden die Messeorte der Champagne auch zu Plätzen, an denen die Fürsten Kredite aufnehmen und einlösen. Aber auch an ihren Höfen wird der Verkehr mit lombardischen und später auch toskanischen Finanziers üblich. „Bald gab es in West- und Südeuropa kaum noch einen Krieg, den nicht die italienischen Gesellschaften mitfinanzierten.“ (KellerBegrenzung, S.436)

 

Das betrifft auch die geistlichen Fürsten, die neben ihren Fehdekriegen und ihrer immer prunkvolleren Hofhaltung auch für das sich perfektionierende Steuersystem der Päpste aufzukommen haben. Anfang des 13. Jahrhunderts sind die Erzbischöfe von Trier, Mainz und Köln bereits hoch verschuldet, ebenso wie viele Bischöfe und Abteien in deutschen Landen zum Beispiel, und so mancher Nachfolger muss sich dann mit dem übernommenen Schuldenberg herumschlagen. Bislang wurden für die Liturgie bestimmte Kirchenschätze dann eingeschmolzen, um sie in Zahlungsmittel zu verwandeln, aber nun gelangen sie auf einen neuartigen „Kunstmarkt“, wo zum Wert des Edelmetalls und der applizierten Preziosen das offenbare Talent spezialisierter Kunsthandwerker wertsteigernd hinzukommt.

 

Ein Beispiel: Die Welfen

 

1125 entscheiden sich die Welfen für das Königtum Lothars von Supplinburg und erhalten wohl auch dafür das Versprechen der Hand der Erbtochter Gertrud für Heinrich den Stolzen, Sohn Welfs V. Irgendwann danach wird Heinrich dann sächsischer Herzog. 1127 heiratet er Gertrud. Sein jüngerer Bruder Welf VI. wiederum heiratet mit Uta von Calw die Erbtochter des Pfalzgrafen Gottfried. Anfang der 30er Jahre muss Welf sich das Erbe aber erst einmal gegen Utas Vetter erkämpfen.

 

Heinrich der Stolze, der längst die Kontrolle über Augsburg hat, gewinnt sie nun auch über Regensburg. Schließlich verließ er, überall Schrecken verbreitend, die Stadt und verwüstete im ganzen Land die Befestigungen und Dörfer der Räuber und Geächteten. (Historia Welforum). In schweren Kämpfen wird die Macht von Grafen wie dem von Falkenstein oder dem von Wolfratshausen gebrochen.

Parallel dazu wogt der Kampf zwischen Lothar und den Staufern um das salische Erbe. Heinrich dem Stolzen gelingt es dabei, seinen Schwager Friedrich von Schwaben in einen Hinterhalt zu locken, dem der nur noch geradeso entkommt.

 

1133 und 1136 zieht Heinrich der Stolze mit Lothar nach Italien, beim zweiten Mal sollen 1500 Panzerreiter zu seinem Aufgebot gehört haben. Als Lohn erhält er Garda, Guastalla und die Markgrafenwürde für Tuscien.

Nach dem Tod Lothars gelingt es ihm nicht, sich gegen den Staufer Konrad durchzusetzen und muss ihm nach wenigen Monaten die Reichsinsignien aushändigen, die ihm sein Schwiegervater übergeben hatte. Noch im selben Jahr sorgt der neue König dafür, dass die Fürsten dem Welfen erst Sachsen und dann Bayern zu nehmen. Otto von Freising kommentiert in seiner Chronik:

Es ist wunderlich zu sagen: Dieser Fürst, früher so übermächtig, dessen Herrschaftsbereich sich -  wie er selbst rühmte - von Meer zu Meer, nämlich von Dänemark bis Sizilien, erstreckte, sank in kurzer Zeit in eine derartige Erniedrigung, dass er nach Abfall fast aller seiner Getreuen und Freunde in Bayern heimlich das Land verließ und in Begleitung von nur noch vier Gefährten nach Sachsen kam. (…) 

 

In Sachsen vermag er sich allerdings einigermaßen zu behaupten, als er knapp vierzigjährig 1139 stirbt, wobei von einem Giftmord gemunkelt wird (Annalista Saxo). Sein unmittelbarer Nachfolger wird Welf VI., während Altkaiserin Richenza und Mutter Getrud über den kleinen Heinrich ("den Löwen") wachen.

Der andauernde welfische Einfluss in Sachsen führt dazu, dass Albrecht der Bär, mit Sachsen belehnt, sich in Richtung auf die zukünftige Mark Brandenburg zurückzieht, was dazu führt, dass 1142 der minderjährige Heinrich der Löwe mit Sachsen belehnt wird. Ein Jahr später erhält der Babenberger Heinrich Jasomirgott zur Ostmark Bayern.

Dies wurde der Keim größter Zwietracht. Welf nämlich, der (…) dieses Herzogtum für sich beanspruchte, drang sogleich mit Heeresmacht unter den Augen jenes Heinrich ins Land ein und verließ es erst nach gründlicher Zerstörung wieder. Darüber erzürnt, überfiel Heinrich mit seinem Heer die Besitzungen der Anhänger Welfs und zerstörte ihre Burgen und Länder. (Historia Welforum) 

In solchen fürstlichen Propagandatexten lässt sich das Leid der Bevölkerung, und auf solch einen untertänigen Status waren die meisten Menschen nun schon lange herabgesunken, nur erahnen. 

 

1147 begleitet Welf VI. seinen König auf einem Kreuzzug, kehrt aber vorzeitig wieder zurück, um sich mit Roger II. gegen Konrad zu verbünden. Derweil ziehen Albrecht der Bär und Heinrich der Löwe auf einem anderen "Kreuzzug" ins Wendenland. Helmold von Bosau kommentiert in seiner Slawenchronik: Aber auf allen Feldzügen, die der noch junge Mann ins Slawenland unternahm, war keine Rede vom Christentum, sondern nur vom Geld. (…) Der sich rasch entfaltende Kapitalismus hat inzwischen längst dazu geführt, dass Macht überall in Geld gerechnet werden kann, Geld, welches vom Kapitaleigner investiert und vom Fürsten, der Teile des Gewinns abschöpft, in kriegerische Aktion verwandelt wird, die neue Geldquellen erschließen soll.

 

Seit diesen sogenannten Kreuzzügen verlangt Heinrich der Löwe auch Bayern für die Welfen zurück, er kann sich aber damit auch mit kriegerischen Mitteln nicht durchsetzen. Erst mit der Wahl Friedrichs I. kommt es zur Annäherung an das Königtum. Heinrich Jasormirgott sieht sich ausmanövriert und 1154 wird dem Löwen in Goslar Bayern zugesprochen.

Entsprechend zieht der Welfe dann 1154 mit dem König nach Italien, wo die Kaiserkrönung des Staufers in einen Aufstand der Römer mündet, den die deutschen Militärs brutal niederschlagen. Die Pöhlder Annalen loben den Welfen dafür: Jetzt bleibt dir, Heinrich, der Ruhm einer so großen Tat, der du als Zierde der Deinen im Gemetzel die Hochmütigen niedermachtest. (in Schneidmüller, S.190). Im 12. Jahrhundert, als Geld zunehmend die Welt der Fürsten regiert, wird die Geschichte in die Anfänge neuer Staatlichkeit mit Blut geschrieben, mit dem zunehmend das hergestellt wird, was bald Obrigkeit und Untertänigkeit in der ganzen Fülle des Wortsinns heißen wird.

 

Schließlich wird der Babenberger durch Fürstenspruch und eine kaiserliche Urkunde abgefunden. Der ältere Heinrich gab das Herzogtum Bayern durch sieben Fahnen zurück. Diese wurden dem jüngeren Heinrich übertragen. Er gab durch zwei Fahnen die Ostmark mit den seit alters dazugehörigen Grafschaften zurück. Dann machte er auf Beschluss der Fürsten aus dieser Mark mit den Grafschaften, die man 'die drei Grafschaften' nennt, ein Herzogtum und übertrug es ihm nicht nur persönlich, sondern auch seiner Gemahlin mit zwei Fahnen. Durch Privileg bestätigte er, dass dies künftig von keinem seiner Nachfolger verändert oder aufgehoben werden könne. (Otto von Freising, Gesta Friderici II, 55) 

 

Mit dem Beschluss, der wiederum zahlreiche Menschen als schiere "Bevölkerung" in ein somit entstehendes Staatswesen Österreich einordnet und unterordnet, wird nun Fürstentum mit mehr Macht ausgestattet: Mit reduzierten Pflichten gegenüber dem Kaiser und erweiterten Rechten nach unten. Kontinuierliche Staatlichkeit fördert die Erblichkeit des Fürstentums in den Händen der Babenberger-Familie in männlicher wie weiblicher Linie. Die Unterordnung des gräflichen Hochadels wird durch die volle Gerichtsbarkeit des Fürsten in seinem ganzen Herzogtum gewährt. Die Untertanen werden von Bayern zu Österreichern gemacht und dazu natürlich nicht gefragt.  

 

Welf VI. und sein Sohn konzentrieren sich auf die Gebiete in Schwaben und dem westlichen Bayern, wo ihr Zweig der Welfenfamilie eigene Besitzungen hat. Wichtige Instrumente der Machtausübung sind einmal Ministeriale vor Ort und zum anderen die Parteinahme für den "rechtmäßigen" Papst Alexander und die Reformkirche, insbesondere dabei die Prämonstratenser. Welf VI. gründet in diesem Zusammenhang ein Doppelkloster in Steingaden als neues geistliches Zentrum der Familie.  

In Nord- und Mittelitalien versucht er mit seinem Sohn die Positionen der neuen Kommunen zu beschneiden. Nach der Beteiligung am kaiserlichen Italienzug von 1158 überlässt der Vater seinem Sohn, dem siebten Welf, die italienischen Herrschaftsbereiche und kehrt selbst nach Süddeutschland zurück.

 

Während sich Heinrich der Löwe wiederholt für die staufischen Gegenpäpste einsetzt, gerät Welf in Italien in Konkurrenz zu den italienischen Ansprüchen des Kaisers. Für die Fehde mit dem Pfalzgrafen von Tübingen kehrt der Sohn 1164 aus Italien zurück, unterliegt aber zunächst. Mit Unterstützung des Kaisers gelingt es aber am Ende 1166, die Unterwerfung Hugos von Tübingen zu erreichen, der bis zum Ende Welfs VII. in dessen Haft bleibt.

 

Während dann der Vater in Waffen nach Jerusalem "pilgert", lässt sich der Sohn vom Kaiser für viel Geld für dessen nächsten Italienzug erwärmen, wo er in der Nähe von Rom mit den Spitzen des deutschen Hochadels an einer Seuche stirbt. Seine vom Fleisch gelösten Knochen werden in Steingaden beigesetzt.

Der nun nachkommenslose Vater lässt sich den Verzicht auf die italienischen Güter und Rechte reichlich bezahlen und geht nun ganz in einem prächtigen Hofleben auf.                                                                                                              So beschreibt Rösener das: „Welf VI. war vor allem nach dem Verlust seines Sohnes, der (…) 1167 auf dem Italienzug gestorben war, bestrebt, ein glänzendes Ritter- und Hofleben zu führen. Er gab, wie der Chronist berichtet, üppige Gelage, inszenierte großartige Feste, und geizte nicht mit Geschenken. Den Rittern seines Hofes verehrte er prachtvolle Rüstungen und kostbare Gewänder, auch die Liebe zu zweifelhaften Frauen (amor muliercularum) ließ er sich einiges kosten. Sittliche Verfehlungen sühnte er durch großzügige Barmherzigkeit. Klöster und Kirchen, und insbesondere das von ihm gestiftete Prämonstratenserkloster Steingaden, das er für sich und seine Familie als Grablege bestimmt hatte, bedachte er mit reichen Schenkungen. Im Kreis seiner Freunde und ritterlichen Gefolgsleute feierte er glänzende Hoffeste, wie z.B. 1175 auf dem Gunzenlech bei Augsburg, wo er zusammen mit vielen Magnaten aus Bayern und Schwaben ein prächtiges Fest gestaltete und die von weither zusammengeströmte Menge großzügig bewirtete.“ (Erinnerungskulturen, S.53)

 

Fürsten wie der Welfe und andere umgeben ihren Hof, die Curia, mit einer Schar dort auch wohnender Ritter, und zwar in dem Maße, wie sie sich deren Ausstattung mit repräsentativen Prachtrüstungen und prunkvollen Gewändern leisten können. Im Fest, der hohen Zeit, treffen sie dann mit solchen anderer Fürsten zusammen und messen sich mit ihnen. Während sie so eine königsgleiche Herrschaft in ihrem Machtbereich aufbauen und eine mit den Königen konkurrierende Hofhaltung betreiben, was nach dem Ende der Staufer zur Weiterentwicklung von Staatlichkeit nicht im Reich, sondern in seinen zunehmend mehr Teilen führt, setzen französische Könige in derselben Zeit einen zentralistischen "National"-Staat durch, wie er auch in England existiert.

 

Ein solches höfisches Leben in deutschen Landen muss von der produzierenden wie der Handel und Finanzgeschäfte treibenden Untertanenschaft erst einmal erarbeitet werden. Da Geld sich immer mehr in den Städten konzentriert, werden solche von den Fürsten neugegründet. Zugleich werden sie wie die Burgen durch Mauerbau zu Festungen, von denen aus sich Umland kontrollieren lässt. Daneben nimmt das zu, was als „Landausbau“ bezeichnet wird: Das Roden von Wäldern, Urbarmachen von Talauen und Sümpfen und vieles mehr. Straßen werden ausgebessert, und manchmal schon neugebaut, ebenso wie Brücken über Flüsse und Schluchten. Zugleich versuchen die Fürsten das Recht zur Genehmigung jeder Art von Befestigungen an sich zu reißen.

 

Mit dem Weg in territoriale Herrschaften beginnt auch der in neue Formen von Untertänigkeit, die mit der Propagierung von Fürstenherrlichkeit vom Pfarrer bis zum Hofberichterstatter auch als Haltung gefördert wird. So schreibt Helmold von Bosau über Heinrich den Löwen:

Und die Macht des Herzogs wuchs höher als die aller seiner Vorgänger,, und er wurde der Fürst der Fürsten des Landes (princeps principium terrae) und beugte die Nacken der Aufrührer und brach ihre Burgen und vernichtete die Wegelagerer und machte Frieden im Lande und erbaute die stärksten Festen und hatte ungeheuer reiches Eigengut im Besitz. Denn außer dem Erbe seiner großen Vorfahren, des Kaisers Lothar und seiner Gattin Richenza sowie vieler Herzöge von Bayern und Sachsen wuchsen ihm noch die Besitzungen vieler Fürsten zu, so Hermanns von Winzenburg, Siegfrieds von Homburg, Ottos von Assel und anderer, deren Namen mir entfallen sind. Und dazu der ausgedehnte Machtbereich Erzbischof Hartwigs, der vom alten Geschlecht der Udonen abstammte! Die herrliche Burg Stade erlangte er mit ihrem ganzen Zubehör, mit der Grafschaft an beiden Stromufern und der Grafschaft Dithmarschen, noch zu Lebzeiten des Bischofs, teils nach Erb,- teils nach Lehnsrecht; auch nach Friesland streckte er seine Hand aus und ließ sein Heer dahin ziehen; da gaben ihm die Friesen, um sich loszukaufen, was man von ihnen verlangte.(Cronica Slavorum, II, 102)

 

In der Verherrlichung klingt dies Bild wie das Loblied auf einen frühen orientalischen Despoten, der er so nicht war. Während im entstehenden Frankreich Nationalismus aufkommt, wird sich in deutschen Landen fürstlicher Provinzialismus breitmachen, mit ähnlichen lobredenden Mitteln ausgestattet.

 

Bereits klagen Adelige gegen die Gewaltherrschaft Heinrichs des Löwen in Sachsen, wo der versucht, Landesherrschaft so einzurichten, wie sie dann der Babenberger für Österreich zugesprochen bekommt. Da ist der Zugriff auf Grafschaften ohne männliche Erben schon des etwa 14-jährigen Heinrich. Albert von Stade berichtet, allerdings viel später, wie ein solcher Fall vor ein hochadeliges Gericht gerät: 

Bei der Darlegung der Streitsache nahmen die Leute des Herzogs die Waffen, entfachten einen Aufruhr und ergriffen den Erzbischof. Eine Zeitlang hielten sie ihn in Lüneburg gefangen, um etwas von ihm zu erpressen. Als sie dann sahen, dass er weder durch Gewalt noch durch Drohungen bewegt werden konnte, erlaubten sie ihm den freien Abzug. (in Schneidmüller, S.205)

 

Da sind die Zusammenstöße mit dem Erzbistum Köln in Westfalen, mit dem Erzbistum Bremen im Elbe-Weserraum, und da ist der Bischof von Halberstadt, den Heinrich aus seinem Amt gejagt hat. Bei der Ausweitung Sachsens in den ostelbischen Raum beansprucht Heinrich nach und nach königliche Rechte. 1154 gesteht ihm Friedrich I. das Investiturrecht für die dortigen Bistümer zu. In den Bistümern Lübeck, Schwerin und Ratzeburg verwirklicht er eine Art welfische Reichskirche. Er setzt Grafen ein, lässt Burgen bauen und gründet Städte wie Lübeck, dessen Stadtherr er wird und dessen Handel er fördert.

Wie Welf VI. basiert er seine Herrschaft auf (rund 400) Ministerialenfamilien und ihre Burgen. "Heinrich der Löwe schuf sich damit in seinem Herrschaftssystem Loyalitäten, die er im selbstbewussten sächsischen Adel nicht finden konnte." (Schneidmüller, S.211) Aber die Opposition des Hochadels blieb ineffektiv, solange der Kaiser den Welfen stützte.

 

Städteförderung dient nicht der kommunalen Entwicklung, sondern ist Wirtschaftsförderung und dabei wiederum besonders die des Handels, und zwar mit dem einzigen Ziel, die fürstlichen Einnahmen zu vergrößern. In beiden Herzogtümern gelingt es dem Löwen, die Kontrolle über die Salzgewinnung und den immer wichtigeren Salzhandel an sich zu reißen.

Braunschweig wird um mauert und mit Pfalz und Dom St.Blasius zur ersten weltlichen deutschen Residenzstadt ausgebaut, und zwar im Bündnis mit dem dortigen Bürgertum. Eine Hofkapelle mit einer Klerikergemeinschaft, die gelegentlich als Notare und Urkundenschreiber, also als eine Art Kanzlei fungieren. Zum Hof gehören vor allem Ministeriale, während der sächsische Adel ihm eher distanziert gegenüber steht.

Architektur und Plastik repräsentieren öffentlich fürstliche Macht, so wie der vom Fürsten erweiterte Kirchenschatz von St.Blasius, zu dem die riesige Sammlung in Edelmetall gefasster Reliquien gehört. Mit einer solchen Residenz wird sich entfaltende neue Staatlichkeit sichtbar und fassbar gemacht: Welfen und Braunschweig wachsen zur Einheit zusammen.

Dabei ist in Sachsen die herzogliche Gewalt nur schwach entwickelt, es fehlt ein allgemeines Aufgebotsrecht des Herzogs zu Hof- und Heerfahrt und eine über die Grafenfunktion hinausgehende herzogliche Gerichtsbarkeit (Ehlers in Borgolte, S.62). Das wiederum ist in Sachsen anders, wo der Herzog zudem Lehnsherr aller Markgrafen und Grafen ist.

 

Der Aufstieg des welfischen Sachsens geht einher mit regelmäßiger Heeresfolge des Löwen. Schon 1159 steht er mit 1200 Panzerreitern vor Crema. 1162 verstößt Heinrich in Absprache mit dem Kaiser seine erste Frau, 1168 heiratet er in Minden mit einem großen Fest in Braunschweig Mathilde, die minderjährige Tochter Heinrichs II. (Plantagenêt). Mit der königlichen Gemahlin wird die königsgleiche Stellung des Fürsten deutlich. 

1172 "pilgert" der Herzog mit 500 Panzerreitern nach Jerusalem, nicht zuletzt, um sich die göttliche Hilfe für die Erlangung von Nachwuchs einzuholen, die dann auch kommt. Damit steigern sich jene dynastischen Pläne, die das Erbe des kinderlosen Welf VI. umkreisen. Daran aber war auch der Kaiser interessiert.

Dazu die Krise von Chiavenna 1176, als Barbarossa sein Heer schon entlassen hatte, und Heinrich um Heeresfolge anfleht. der soll dafür Goslar verlangt haben, was der Kaiser ablehnt. 1177 dann der Friede von Venedig, wo Ulrich von Halberstadt, dem Gegner des Löwen, sein Bistum wieder zugesprochen wird. Er und der Erzbischof von Köln fallen nun in Sachsen ein, und als Heinrich im Jahr darauf beim Hoftag Klage führt, formiert sich die Fürstenopposition gegen ihn, der sich der Kaiser anschließt. 1179 erscheint er nicht beim Hoftag zu Worms, zu dem er zitiert war. Dort schließt der Kaiser nun stattdessen den Kauf der Güter Welfs VI. ab und droht mit der Ächtung Heinrichs, falls er beim nächsten Termin wieder nicht erscheint. Heinrich bittet um kaiserliche Vermittlung, der verlangt dafür 5000 Silbermark.

 

1180 werden Heinrich dem Löwen vom Fürstengericht in Würzburg seine beiden Herrschaftsgebiete Bayern und Sachsen genommen. Damit ist er kein princeps mehr, sondern einfacher Edelfreier. Sachsen wird in Gelnhausen geteilt zwischen dem Sohn Albrechts des Bären und dem nun zum Herzog aufgestiegenen Kölner Erzbischof. Ende des Jahres wird die Steiermark als neues Herzogtum von Bayern abgetrennt und dieses wiederum fällt an den Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach. Die neuen Machtverhältnisse müssen dann allerdings erst noch kriegerisch durchgesetzt werden.

 

Die deutschen Lande werden in nur mehr dynastisch, nicht mehr ethnisch definierte Fürstentümer aufgeteilt, Territorien zur Machtausübung und Machterweiterung, und die Menschen dort werden "natürlich" nicht gefragt, so wie es längst und bis heute üblich ist. Die sich entwickelnde neue Staatlichkeit unter kapitalistischen Bedingungen beruht ausschließlich auf dem Diktat der Mächtigen und erzeugt bis heute als selbstverständlich verkaufte Untertänigkeit, für den mittleren Adel eher etwas neues, für die Masse der Bevölkerung westlich des Rheines und südlich der Alpen seit Jahrtausenden Normalität, östlich des Rheines seit den alten fränkischen Eroberungen mit ihren neuen Formen von Unfreiheit ebenfalls zur Gewohnheit geworden. Jeder weiß, wie sich der heutige Staat als unersättliche Krake bis in die intimsten Bereiche menschlichen Lebens ausbreitet und so tut, als sei das naturgegeben und eine Abfolge von Akten väterlicher Fürsorge .

 

Ein Jahr später debattieren die (übrigen) principes auf einem Hoftag zu Erfurt über seine Wiedereinsatzung in den alten Status, wobei sie sich dagegen entscheiden, solange er nicht ihren Forderungen genügt, wie Arnold von Lübeck in seiner Slawenchronik schreibt. Aber neben dieser Voraussetzung wird man längst Fürst erst, wenn es mit Übergabe einer Fahne durch den König verliehen wird und diesem den Treueid leistet. Aber das Beispiel des Löwen zeigt, dass gegen die Fürsten kein römisch-deutscher König bzw. Kaiser mehr ankann. Damit aber ist dann der Kreis der principes im nördlichen römischen Reich auch einigermaßen geschlossen, wenn auch nicht ganz.

 

1181 unterwirft sich der Löwe dem Konzert der Fürsten und dem Kaiser. Immerhin wurde über ihn verfügt, dass er sein Patrimonium, wo immer die Ländereien lagen, ohne jede Einschränkung völlig frei besitzen dürfe. (Arnold von Lübeck, Slawenchronik) Der vom Fürsten zum gemeinen (Hoch)Adeligen Degradierte muss mit seiner Familie ins Exil an den Hof seines Schwiegervaters Heinrich II. Sohn Otto gerät dabei unter die Fittiche von Richard Löwenherz.  Ende 1184 darf der Löwe zurück ins Reich. Heinrich kehrte ins Land seiner Väter zurück, saß in Braunschweig, beschränkt auf seinen Erbbesitz, der freilich großenteils von vielen gewaltsam eingenommen war. (Arnold von Lübeck)

 

Die deutschen Fürsten, geistliche wie weltliche, sind inzwischen zu einer geschlossenen Gesellschaft geworden. Als der Löwe nicht mit auf den Kreuzzug Barbarossas möchte, muss er erneut ins Exil. Zur Beerdigung seiner Frau kehrt er widerrechtlich zurück, versucht die Wiedereroberung Sachsens und muss angesichts eines Reichheeres 1189 aufgeben.

1193 beginnt der Wiederaufstieg mit der Heirat von Sohn Heinrich mit Agnes, Erbtochter des Pfalzgrafen bei Rheiin und Kusine des Kaisers. Nach dem Tod ihres Vaters hat er darum wieder Fürstenrang.1194 stirbt Heinrich der Löwe. Nächste Etappe wird Heinrichs Beteiligung am Kreuzzug Heinrichs VI. Inzwischen nennt er sich selbst nicht mehr nur Pfalzgraf, sondern auch Herzog von Sachsen.

Während Heinrich in Palästina weilt, wird Bruder Otto von der antistaufischen Oppostion um den Erzbischof von Köln aus dem anglonormannischen Exil geholt und in Köln kurz nach Philipp von Schwaben zum König gewählt, und zwar von wenigen Bischöfen, rheinischen Grafen bei Unterstützung durch niederrheinisches Patriziat. Nun standen principes et barones Alamannie, clerici et laici auf Seiten Ottos, und Germaniarum principes et magnates auf seiten Philipps (in Schneidmüller, S.246) Dahinter verbirgt sich nicht nur die relative Schwäche der Position Ottos, sondern vor allem auch die noch immer herrschende Unklarheit in den Titulaturen.

 

Sachsen wird unter den Welfen geteilt, nachdem westliche Teile an den Erzbischof von Köln abgetreten sind: Pfalzgraf Heinrich übernimmt den westlichen Teil, Wilhelm den Osten mit Lüneburg, das alte Billungerland, und Otto die Gebiete um Braunschweig. Nachdem sich Heinrich von Otto (IV.) löst, scheint seine Macht zu sinken, bis dann 1208 Philipp ermordet wird. Mit der Heirat Ottos mit der königlichen Staufer-Tochter Beatrix gewinnt der welfische König nun symbolträchtig die staufische Unterstützung. Das weitere ist Reichsgeschichte, die quasi notwendig wieder im Konflikt mit dem Papsttum kulminiert. 1211-14 darum erneuter Kampf um die Krone, der am Ende in Bouvines entschieden wird.

Das Unheil des Kaisertums in den Händen deutscher Herrscherfamilien war spätestens mit Heinrich IV. deutlich geworden, als die neuen Vormächte Frankreich und England mit ihren Dynasten begannen, die tatsächlichen Vormächte in Europa zu werden, während die deutschen Lande nicht zuletzt auch durch die nicht gewinnbaren ständigen Eroberungszüge in Italien in die Hände einer Schar von immer brutaler regierenden, zu Landesfürsten aufsteigenden Herrschern gelangt. Unter einem Sizilianer dann zerbricht das Reich, welches immer noch ein dem Titel nach römisches ist, in den vierziger Jahren des 13. Jahrhunderts endgültig. Von nun an werden die deutschen Untertanen, die Mittelalter-Historiker heute in Übereinstimmung mit dem Machtapparat, der sie finanziert, zugunsten eines damaligen internationalen Hochadels, dessen Geschichte sie schreiben, ungeniert ignorieren - zum Opfer der Nachbarmächte, die sich bis 1945 daran machen können, deutsche Lande und deutsche Völkerschaften an allen Grenzen auf einen bescheidenen Rest zu reduzieren, der nun im Interesse des globalen Kapitals durch staatlich organisierte Massen-Einwanderung und systematische Zerstörung von Ehe und Familie in ein Vielvölker-Gebilde verwandelt wird, dessen Wurzeln nicht mehr in Europa liegen. Das mag der nicht beklagen, der Stimme dessen ist, der ihn finanziert, und es ist längst unumkehrbar geworden. Aber für die, die es noch zu hören ertragen können, mag es hier geschrieben stehen. 

 

Tatsache ist, dass welfische Großmachtpolitik sich von staufischer in nichts unterschied. Es scheint auch so, dass die seit dem 8. Jahrhundert immer wieder zu hörenden, aber als politisch nicht korrekt wenig überlieferten Stimmen der Kritik an dieser spätestens seit den späten Saliern vorherrschenden Großmannssucht deutscher Herrscherfamilien, die genauso Unheil über die Menschen brachte wie der letztendlich ebenfalls scheiternde Zugriff erst anglo-normannischer und dann englischer Herrscherfamilien auf Frankreich - dass solche kritischen Stimmen gegenüber den herrschenden und durch ihre Machtvollkommenheiten entfesselten Raubtieren in menschlicher Gestalt unter den kleineren Machthabern des Adels immer in der Minderheit blieben. Aber es mag auch sein, dass es damals und bis in die Gegenwart zu gefährlich und mindestens für eine Karriere inopportun ist, das Morden und massenhafte Abschlachten, die massenhaften Vergewaltigungen, Zerstörungen und Verwüstungen, die so viel menschliche Geschichte bis heute ausmachen, anders als etwas Selbstverständliches im Namen eines sogenannten Fortschritts nur beiläufig zu erwähnen und stattdessen die Machthaber zu loben und zu feiern, die auf diese Weise bis heute erfolgreich sind. Aber Tatsache bleibt, dass fast alle Historiker bis heute schiere Apologeten der wirtschaftlichen Macht und von Staatsapparaten sind und ihre staatliche Alimentierung samt der aus kapitalfinanzierten Stiftungen daraus erhalten. 

 

Staufische Machtpolitik, um auf die andere Familie von Herrschern zurückzukommen und das welfische Kapitel hier abzuschließen, vermochte Fürstentümer nicht nur zu ruinieren helfen, sondern auch neu zu gründen. Durch Friedrich II. werden 1235 die alten welfischen Zentren Lüneburg und Braunschweig zum Herzogtum Braunschweig-Lüneburg verbunden, einem königlichen Lehen eines Fürsten. Dieser Vorgang findet in mehreren Etappen statt: Zunächst übergibt Otto "das Kind" dem Kaiser sein Lüneburger Eigentum. Der gibt es dann an das Reich weiter und dann geht es mit Zustimmung der Fürsten als Lehen an ihn zurück. Der Kaiser überträgt dann dem Reich seine Besitzungen an Braunschweig und gibt sie dann  dem Welfen vereinigt mit Lüneburg ebenfalls als Lehen mitsamt dem Titel eines Herzogs von Braunschweig, der nun so erblich wird wie der des Österreichers. Dazu werden die welfischen Ministerialen in den Rechtsstand von Reichsministerialen erhoben. (Schneidmüller, S.281)

Mit den Stauferkaisern wird aus dem einst ostfränkischen Reich, welches seit den Sachsen-Kaisern ein römisches ist, ein Verbund deutscher Fürsten mit einer königlich-kaiserlichen Klammer, die ihrem Wesen nach keine deutsche ist. Nachdem damit die Entfaltung neuer Staatlichkeit auf solche Fürsten übergegangen ist, wird das, was sich über sprachliche Gemeinsamkeit zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert als deutsch konstituiert, für immer die Möglichkeit verlieren, sich in einem gemeinsamen Staat wiederzufinden. Indem andererseits diese neuen Fürstentümer nicht mehr "ethnisch" auf deutsche Völkerschaften bezogen sind, sondern der Willkür der Mächtigen unterworfen ihre Grenzen ziehen, wird es zukünftig nicht nur viele gegeneinander gerichtete deutsche Geschichten geben, sondern am Ende im 19. und 20 Jahrhundert auch deren desaströse Beendigung, was auch immer deutsche Historiker im Dienst der jeweils gerade herrschenden politischen Korrektheit da schreiben mögen.