FÜRSTEN, HOF UND RESIDENZ IN DEUTSCHEN LANDEN (12.Jh.-1250)

 

Fürsten

Geistliche Fürsten

Fürstenhof und Residenz

Höfische Lebensform und Moden (Das Fest / Manieren / Literatur / Mode / Exotik)

Kaufkraft

 

 

Für die Entfaltung des Kapitalismus greifen drei Vorgänge ineinander: Die Erzeugung von Waren, ihre Verteilung und die Nachfrage nach ihnen. Das Mittel, welches die drei miteinander verbindet ist das Geld. Da dieses als gemünztes und ungemünztes Edelmetall existiert, hängt seine Menge in unserer Zeit von den auszubeutenden Silbervorkommen ab. Ein wesentlicher Faktor für die Entwicklung zwischen etwa 1160 und 1250 wird die erhebliche Zunahme des Silbers im lateinischen Europa.

Produktion, Distribution und Konsum sind weder zeitlich noch ursächlich voneinander zu trennen, sie bedingen sich gegenseitig, aber die Zunahme des umlaufenden Silbers ist Voraussetzung für die Entfaltung von allen dreien. Und schließlich ist es die Anhäufung von Geld bzw. Kredit zwecks Investition, die überall Kapital hervorbringt. Unterhalb einer gewissen Geldmenge gibt es keinen Kapitalismus.

 

Nun basiert die Entfaltung von Kapitalismus allerdings vor allem auch auf der völlig ungleichen Verteilung des Geldes, die wiederum zunächst auf der völlig ungleichen Verfügung über Grund und Boden und darauf arbeitenden Menschen beruht. Bei wenigen hohen Herren sammelt sich das Geld, welches die meiste Nachfrage nach Waren hervorruft. Insbesondere deren Luxusbedürfnisse werden durch Handel befriedigt, welcher dabei Kapital anhäufen kann, und wo die regulären Einkünfte für solche Nachfrage nicht ausreichen, wird es geliehen, wodurch sich ein auf Kredit beruhendes Finanzkapital entwickeln kann. 

 

Erst um solche geistlichen wie weltlichen hohe Herren herum entwickeln sich Städte, mit denen es zu einer zunehmenden Nachfrage nach Massengütern kommt, zunächst vor allem Lebensmitteln und Bekleidung. Hier soll zunächst einmal die Nachfrage jener hohen Herren betrachtet werden, die sich bald selbst als Fürsten verstehen. Dazu muss zunächst einmal geklärt werden, was ein Fürst und ein Fürstentum ist.

 

Fürstentum

 

Als im Mittelhochdeutschen des Hochmittelalters das Wort Fürst auftaucht, beginnt es den lateinischen princeps zu ersetzen. Beides bezeichnet ursprünglich den Vordersten, Ersten (englisch. first), und dann auch den Vornehmsten. Kurz darauf wird in der altfranzösischen Volkssprache aus dem princeps der prince, der dann im 13. Jahrhundert auch im Deutschen als Prinz auftaucht und immer deutlicher den Abkömmling eines Fürsten benennt.

In den Nachfolgereichen des Imperium Romanum ging der princeps-Titel vom Kaiser auf die Könige über, bezieht dann aber jeden ein, der sich zu Herrschaft und Machtausübung in seinem Bereich aufschwingt. Im westlichen wie östlichen Nachfolge-Reich Karls d.Gr. ist der princeps derjenige, der einen zunehmend erblichen Herrschaftsbereich innehat, also unterhalb oder neben den Königen und über dem einfachen Adel eine Macht ausübende Dynastie bildet.

 

Den Fürsten als Begriff gibt es so weder im Englischen noch in den romanischen Sprachen, was die zwischensprachliche Kommunikation bis heute wie so vieles anderes erschwert. Im 11. Jahrhundert ist er darüber hinaus noch nicht formal eingeengt und bezeichnet so alle Großen des Reiches von den Grafen aufwärts. Er bezeichnet also Leute mit Amts- und Herrschaftsfunktionen in einem klar benannten Raum, insbesondere Bischöfe und Herzöge wie den bayrischen, auch wenn die Besitz- und Rechtsverhältnisse zunächst zersplittert sind und zudem Streubesitz anderswo beinhalten. Zudem unterstehen diese Leute oft unmittelbar Königen, soweit sie es nicht selber sind.

 

 

Aus dem Heer der freien Krieger heben sich die heraus, die über etwas mehr Land und Leute verfügen und beginnen, sich qua "Geblüt" für etwas besseres zu halten, indem sie ihre Familiengeschichte auf besondere Helden und möglichst auch Heilige zurückführen, die ihnen belegen, das sie einem besonders edlen Geschlecht angehören. Zu diesem Zweck nutzen sie denselben Erfindungsgeist wie auch die Kirche schon seit langem. Schließlich lässt man, nun schon im Fürstenrang, solche Familiengeschichten aufschreiben, was sehr früh von den Welfen überliefert ist, die kurz nach 1130 in Altdorf/Ravensburg die Genealogia Welforum formulieren lässt, rund zehn Jahre später vielleicht in Lüneburg, jedenfalls in Sachsen die von Historikern so genannte Sächsische Welfenquelle und um 1170 wiederum in Altdorf/Ravensburg die Historia Welforum.

 

Familiengeschichte als bis ins Sagenhafte zurückreichende Ahnengeschichte verlangt eine klare, sich nicht ins Unübersichtliche verzweigende "Linie", die durch das immer vorrangigere Erbrecht des männlichen Erstgeborenen gewährleistet wird. Dieses nunmehr adelige "Geschlecht" edler Krieger feiert die Ahnen, indem es sie in von der Familie gestifteten Kirchen beerdigt, die oft an ebenfalls zur Familie gehörende Klöster angegliedert sind. Hier kann eine fromme Gemeinschaft im "christlichen" Sinne der Zeit für die spendable wohlhabendere und mächtigere Adelsfamilie Ahnenkult betreiben, indem sie das Totengedenken hochhält und für den möglichst schnellen Weg der Ahnen ins wohlverdiente Paradies, christlicher Nachfolger von Walhall, regelmäßig betet.

Zu Land und Leuten, Ahnenkult in Kirche und Kloster kommt dann noch der befestigte Hauptwohnsitz, im 12. Jahrhundert schon einmal eine steinerne Burg, und den ebenfalls befestigten, manchmal noch hölzernen Nebensitzen zur Verwaltung und Kontrolle übriger Ländereien mit den darauf arbeitenden Leuten.

 

Bischöfe residieren ohnehin derzeit meist in ihrer Kathedralstadt, und seitdem ein Zähringer sich mit Freiburg zur Burg noch eine Stadt errichtet, wächst die Tendenz, sich nicht nur auf Burgen, sondern auch auf Städte zu stützen, und Generationen nach der Gründung von Freiburg konzentriert sich ein Heinrich ("der Löwe") bereits immer mehr auf eine Art Hauptort als Residenzstadt, nämlich Braunschweig. Aber auch Fürsten, nicht nur Könige, müssen mit dem sie umgebenden Hof weiter herumreisen, um ihre Gebiete unter Kontrolle zu halten, sowohl indem sie sie verteidigen als auch indem sie neue erobern oder durch günstige Heiratsverbindungen erwerben.

 

 

Wer über größere oder mehrere adelige Herrschaftskomplexe mit ihren Rechten und Einnahmen verfügt, versucht sie miteinander zu verbinden, und gehört zu den ersten im Adel, den principes, Fürsten. Das sind dann noch keine geschlossenen Territorien, denn sie sind durchzogen von Eigentum und Rechten anderer Herren. Aber mit solchen Fürsten haben die Könige inzwischen umzugehen und sie in ihre Machtausübung einzubeziehen.

Diese "Fürsten" sind aber kein klar definierter Begriff, denn dafür müssen sie erst zu so etwas wie einem eigenen "Stand" werden, der sie aus dem Adel heraushebt, was im römisch/deutschen Reich im 12. Jahrhundert geschieht. Kaiser Friedrich I. definiert schrittweise ein (deutsches) Reichsfürstentum über Einzelakte wie das Privilegium Minus und den Umgang mit Heinrich dem Löwen, oder wie mit der Erhebung des Grafen Balduin V. von Hennegau zum Markgrafen von Namur (also zum Fürsten) 1184.

Solche Fürstenerhebungen beginnen mit der Auftragung des Allods an den König, der dann "das bisherige Allod mitsamt dem Reichslehen und anderem Reichsgut des Kandidaten zu einer einheitlichen Besitzmasse" verbindet (Spieß2, S.11). Damit gewinnt der Fürst Königsnähe und partizipiert nun an der Reichsgewalt.

 

 

Hohe weltliche Fürsten behalten manchmal weiter den Herzogstitel, wie die von Sachsen und Bayern. Aber ob nun Herzog oder Landgraf oder Erzbischof, das Fürstentum umfasst kein ganz klar abgegrenztes und vor allem kein geschlossenes Territorium; und der Titel an sich gewährleistet noch keine tatsächliche Macht, sondern nur die "rechtliche" Voraussetzung dafür. Wirkliche Macht beginnt bei dem Eigengut, dem wirklichen Besitz der fürstlichen Familie. Dazu kommen Lehnsgüter, Grafschafts- und Vogteirechte vor allem.

Der Fürst ist so in seinem Fürstentum nur der erste unter all den adeligen Herren, von denen viele ebenfalls ihrerseits danach streben, ihre Macht zu erweitern, insbesondere durch Intensivierung des Zugriffs in ihrem Bereich, aber auch durch seine Erweiterung.

Fürsten müssen also einmal danach streben, sich alle Herren im Fürstentum unterzuordnen,wozu das Lehnsrecht besonders gegenüber den Grafen dient und die Wahrung des Landfriedens im weitesten Sinn des Wortes. Diese Grafen sind keine wirklichen Amtsträger mehr, sondern sich nach Möglichkeit verselbständigende Adelsgeschlechter, die den Titel in ihrer Familie halten wollen. Mit Durchsetzung von Präsenz auf Hoftagen und beim hohen Gericht sowie bei Feldzügen müssen Herzöge wie Erzbischöfe als hohe Fürsten versuchen, die Vasallität praktisch werden zu lassen

Was noch davor kommt ist, möglichst direkte Kontrolle über ihr eigenes Gut und über Kirchenvogteien aufrecht zu erhalten, letztere vor allem, da die Loyalität von Bischöfen schwerer durchzusetzen ist.

 

Fürsten sind darum zuallererst Krieger und dies im 12. Jahrhundert zunehmend im modischen Gewand von Ritterlichkeit, was eben auch Erzbischöfe betrifft, die allerdings zwar Rüstung im Kriegszug, aber offiziell keine Waffen tragen dürfen, was sie dennoch des öfteren tun.

Mit ihrem herumreisenden Hofstaat, Vorläufer späterer Staatlichkeit, müssen sie zudem durch Zurschaustellung von Reichtum und Macht imponieren, und dort, wo sie sich gerade aufhalten, sowohl den regionalen Adel wie ihre Dienstleute an diesen Hof ziehen. Der Ausbau höfischer Lebensform und von "gehobenen" Manieren bei Hof, zunehmend aus dem Westen übernommen und von Autoren propagiert, soll Fürsten von denen abheben, die untergeordnet sind.

 

Den Flicken eigenen Gutes im Teppich des Fürstentums werden nun nicht mehr Adelige zugeordnet, sondern unfreie Ministeriale, denen man leichter befehlen und die man leichter austauschen kann. Diese werden aber dabei auch als berittene Krieger, also Gewalttäter gebraucht, legen sich eigene Burgen zu und versuchen es als Ritter, dem niederen Adel gleichzutun. Einige werden in Sachen in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts sogar zu Grafen ernannt und so an den Hof gebunden. Aber ritterliche Treue von Adel und selbst von Ministerialen reichte oft nicht weiter als sie die Macht des Fürsten durchsetzen kann.

 

Das Recht beruht wie in allen Zivilisationen auf der Macht des Stärkeren, und im 12. Jahrhundert sind die Machtstrukturen fast unentwegt umkämpft. so dass Burchard von Ursberg Anfang des 13. Jahrhunderts feststellen kann, dass in deutschen Landen als Recht das gilt, was ohne Gesetz und Verständigkeit (sine lege et ratione) als individueller Wille (voluntas sua) durchgesetzt wird (in: EhlersHeinrich, S.53).

Diese Gewalttätigkeit von Adel und Fürsten wird zwar von Bauern und Städtern beklagt, gilt aber bei den Herrenmenschen als selbstverständlich, als Ausdruck jener Freiheit der Edlen, ihr jeweils proklamiertes Recht gewaltsam durchzusetzen, spätestens dann, wenn es von oben nicht durchgesetzt wird. Und spätestens im Moment der Erbitterung artet die Gewalttätigkeit in die abartigsten Grausamkeiten aus, dann werden Feinde bei lebendigem Leib gehäutet, man schlägt Wehrlosen Gliedmaße ab, blendet sie, lässt sie schön langsam verhungern oder was dem entarteten Raubtier Mensch sonst so alles einfällt.

 

 

Unter Friedrich I. ("Barbarossa") gibt es aus Sicht des Kaisers rund 22 weltliche Fürsten, jenen weltlichen Adel nämlich, dem es gelingt, Vorformen von Herrschaften über große Gebiete und eine übergeordnete Gerichtsgewalt über Grafen und Herren zu erringen. Das sind dann Pfalz, -Mark- und Landgrafen und Herzöge. Dazu kommen fast hundert geistliche Fürsten, nämlich (Erz)Bischöfe und Reichsäbte. Aus allen diesen kristallisieren sich dann in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts die vornehmsten heraus - die späteren Kurfürsten, die den König küren.

Indem die Fürsten nur schwer nachvollziehbar zu so etwas wie einer Art Stand zusammenwachsen, werden sie präziser definiert als diejenigen, die direkt vom König belehnt werden und nicht feudal an andere weltliche Lehnsherren gebunden sind. Zudem muss ein Fürst neben "dem lehnsrechtlichen Kriterium (...) zudem ein landrechtliches Erfordernis erfüllen: Er musste Gebietsherrschaft über ein Land und, damit verbunden, eine übergeordnete Gerichtsgewalt über Grafen und Edelfreie ausüben. Ohne territoriales und jursdiktionelles Substrat war ein Fürstentum nicht vorstellbar."(Spieß, S. 43)

 

In Westfrancien gibt es nur wenige geistliche Fürstentümer, die auch als solche anerkannt werden, und unter den weltlichen beginnt der König nicht nur vom Status her, sondern auch wegen seiner Macht im 12. Jahrhundert hervorzuragen, und es gelingt ihm, seinen direkten Herrschaftsbereich immer weiter auszudehnen.

Wie in deutschen Landen entstammen die Fürsten verschiedenen hochadeligen Familien, sind aber mit Beginn des 12. Jahrhunderts de facto wesentlich unabhängiger. Das betrifft die Normandie, die Bretagne, Flandern, die Champagne, Burgund und die übrigen südlichen Fürstentümer. Ganz entgegengesetzt der Entwicklung in deutschen Landen werden diese zunehmend in Abhängigkeit vom Königtum gebracht, die Champagne zum Beispiel über ihre dynastische Verbindung mit Navarra 

 

Im römischen Reich des 12./13. Jahrhunderts entstehen neue Fürstentümer und alte verfallen. Als Beispiel kann der Raum zwischen Rhein, Main und Neckar dienen, wo die Bistümer Mainz, Worms und Speyer und die Reichsabtei Lorsch geistliche Fürstentümer sind. 1156 bekommt Halbbruder Konrad von Friedrich Barbarossa die Pfalzgrafschaft übertragen, die nun langsam zum weltlichen Fürstentum in dem Raum aufsteigt und dabei den geistlichen Fürstentümern Machtvollkommenheiten nimmt und dadurch auch den Ruin der Reichsabtei zur Folge hat, die 1232 an den Mainzer Erzbischof übertragen wird. Da es zwischen Pfalzgraf und König keinen zwischengeschalteten Herzog gibt, und diese "Pfalz" ihren Herrschaftsbereich erheblich erweitern kann, wird sie in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts aus der Fülle ihrer Macht heraus zum Fürstentum, während Speyer geschwächt und Worms nach und nach der Bedeutungslosigkeit zugeführt wird. Am Ende erhält der Pfalzgraf eine besonders erstrangige Stimme im Kurfürstenkollegium.

 

Ein weiteres Fürstentum entsteht unter Albrecht ("dem Bären"), Widersacher Heinrichs ("des Löwen"). Zunächst Erbe billungscher Macht um Ballenstedt und Aschersleben und Vogt des Reichstsiftes St.Simon und Judas in Goslar, seit 1135 Marggraf der sächsischen Nordmark, wird er in seinem Versuch einer Vorherrschaft in Sachsen bald vom Welfen verdrängt und baut sich seit 1150 eine eigene Herrschaft im Havelland auf, die am Ende in der Mark Brandenburg münden wird.

Schließlich etablieren sich die Ludowinger in Thüringen, wo sie nach 1070 beginnen, die Wartburg zu errichten. Durch Heirat kommen sie an Gebiete um Marburg und Kassel und gelten seit 1131 dank König Lothar als Landgrafen von Thüringen und dann seit 1137 in Hessen herzogsgleich. Mit dem durch eine Heirat zusätzlich besiegelten Bündnis mit den Staufern gelingt es ihnen, sich vom welfischen Sachsen zu lösen.

Weit entfernt von Sachsen werden 1135 die Habsburger im südelsässischen Sundgau als Landgrafen eingesetzt, von wo sie dann später auf den Breisgau übergreifen können.

 

 

Fürstentümer können in einem Fürstentum entstehen. Seit 1132 benennen sich Grafen nach ihrer neuen Stammburg Andechs. Von Isar und Lech aus kontrollieren sie bald Gebiete in Franken und Tirol bis hin nach Südtirol. 1173 erhalten sie den Titel der Markgrafschaft Istrien. Graf Bertold IV. von Andechs "hatte solche Autorität, dass der Kaiser den Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach erst dann zum Herzog von Bayern erheben konnte, nachdem er auch die Andechser im Rang erhöhte und Graf Berthold V. zum Titularherzog von Meranien gemacht hatte.

Die Wittelsbacher wiederum begann von der Burg Scheyern aus, dann etwas südwestlich davon mit der Burg Wittelsbach. Seit 1111/20 haben sie aufgrund eines großen Herrschaftsgebietes den Titel eines Pfalzgrafen von Bayern. Ihr bayrisches Fürstentum wird bis 1918 Bestand haben, ähnlich ausdauernd wie das der Mecklenburger Fürsten des 12. Jahrhunderts.

 

Fürsten tendieren dazu, Hauptorte und zentrale Residenzen zu haben, wie zum Beispiel die Wartburg in einer bestimmten Phase der Landgrafschaft Thüringen, und wie der Adel unter ihnen zentrale religiöse Zentren, die zum Beispiel als Begräbnisorte der Familie fungieren (Reims/St.Denis oder Westminster Abbey für Könige). Dies gilt nicht für die Könige, die kurioserweise "römische" heißen und nicht deutsche, obwohl das da hinein integrierte Langobardenreich nie dauerhaft unter ihrer Kontrolle ist und die Stadt Rom schon gar nicht.

 

Zentrale Burgen werden mit dem Ausbau oder der Neugründung von Städten verbunden, die noch keine Residenzstädte sind wie die bischöflichen es wurden, aber die der Versorgung der Burg und als Wohnsitz fürstlichen Personals dienen können und den Reichtum der Fürsten vermehren. Während Lebensstandard und Wohnkultur des niederen Rittertums nach und nach nicht mehr mit dem Niveau reicher Kaufmannsfamilien wird mithalten können, werden solche festungsartige fürstliche Burgen ausgebaut, um neben der militärischen Mannschaft und Personal mehr Platz für Familie und Gäste zu bieten. Damit entsteht, nach der Entwicklung in Westfranzien und diese manchmal imitierend, auch in deutschen Landen das, was Historiker heute als "höfische Kultur" bezeichnen, auch wenn es nicht um Kultur, sondern Lebensformen geht. Diese werden als Demonstration von Reichtum und Lebensstil zu einem wichtigen Moment fürstlicher Machtausübung.

 

Mit der Herausbildung von Fürstentümern schwindet nach und nach bei ihnen die einseitige Dominanz des adelig-kriegerischen Aspektes, stattdessen werden Fürsten zunehmend zu Herren von Ansätzen einer Verwaltung, deren vornehmstes Ziel die Generierung von Einnahmen ist, und sie entwickeln mit ihren Mitteln neben der Kriegführung zunehmend die Hofhaltung als Zentrum fürstlichen Handelns. Um 1155 schreibt Landgraf Ludwig II. an seinen Bruder Heinrich Raspe II.: Ich möchte, dass Du in Friedenszeiten ablässt von den unnützen Kriegsspielen mit den Waffen (…), dass du vielmehr deine Tüchtigkeit und deinen Fleiß in den öffentlichen Geschäften des Reichs zum Erstrahlen bringst, wie es einem Fürsten geziemt. (in 'Verwandlungen', S.68) Der Fürst wird stärker zum "Politiker" (hier am Kaiserhof) oder zum Auftraggeber von angestellten Politikern.

 

Der langsame Weg in die Entstehung fürstlicher Territorien in deutschen Landen mit sich in den Händen von Fürsten konzentrierender vielfältiger Hoheit geschieht so einmal immer mehr durch die Verdichtung fürstlicher Macht in einem Herrschaftsgebiet, was aber nicht ausschließt, mit Nachbarn Kriege zu führen mit der Hoffnung auf Gebietserweiterung.

 

Keller mit anderen betont dabei die Funktion des Geleitrechtes (conductus), eines ursprünglich königlichen Regals, welches als Lehen immer mehr in die Hände solcher Herren ihres Landes gerät. „Schon unter Barbarossa war das Geleitsrecht ein Attribut herzoglicher, reichsfürstlicher Gewalt, Friedrich II. erkannte es den Landesherren innerhalb ihres Herrschaftsbereichs allgemein zu. Dabei wurde stets eine enge Verbindung hergestellt zwischen der Erhebung von Straßen- oder Schiffszöllen, der Pflicht zur Ausbesserung von Straßen und Brücken sowie dem Geleitsrecht, das man als Verpflichtung verstand, allen Reisenden innerhalb des eigenen Machtbereichs sicheren Schutz zu gewähren.“ (Begrenzung, S.353)

Mit der Gewährung des Geleites wird am ehesten das Fürstentum zu einer geographischen Einheit.

 

Geistliche Fürsten

 

Geistliche Fürsten unterscheiden sich von weltlichen dadurch, dass sie offiziell nicht verheiratet sein können und ihr Fürstentum nicht unter legitime Nachkommen verteilt werden kann, es ist unteilbar. Ihr Hof und ihre Hofhaltung sind bald etwas kleiner als die großer weltlicher Fürsten.Wesentlich ist aber die frühe Residenzbildung mit dem Bischofspalast in der Nähe der Kathedrale und die frühe Schriftlichkeit, die einer entsprechenden Verwaltung zugute kommt.

 

Offiziell müssen die bischöflichen Fürsten auch alle Formen herrscherlicher Gewalttätigkeit an weltliche Beauftragte abgeben. Tatsächlich bleiben sie aber wesentlicher Teil des königlichen Vasallenheeres und reiten oft gepanzert an der Spitze ihrer Heere aus Vasallen und ministerialischen Rittern in die Schlachten.

Ein Musterbeispiel an sehr weltlichem Herrschaftswillen sind die Kölner Erzbischöfe, die in Westfalen mit den Welfen zusammenstoßen. "Zwischen Lippe und Rothaargebirge versuchten die Erzbischöfe kölnisches Eigengut mit Lehen zu verbinden und durch Klöster oder Stifte als Zentralorte der Verwaltung beieinander zu halten. Sie kauften ganze adelige Eigengutkomplexe auf und gaben sie teilweise und unter Auflagen als Lehen zurück, indem sie verlangten, dass ihnen die Burgen jederzeit geöffnet würden. Kölnische Ministeriale trieben diese Expansion in das Gebiet der Diözese Paderborn vor" (... EhlersHeinrich, S.135)

 

Hofämter gibt es wie bei den weltlichen Fürsten, die summi officiales Truchsess, Marschall, Kämmerer und Schenk, die ihr Amt nur bei besonders feierlichen Anlässen ausüben und sich ansonsten von Ministerialen vertreten lassen.

 

Nicht nur die Kirchen waren in Gebäude und Ausstattung nach Möglichkeit prachtvoll, sondern auch die fürstbischöflichen Höfe glänzten damit wie die weltlichen. Das Kölner Dienstrecht von etwa 1165 legt fest, "dass der Erzbischof jedem seiner Ministerialen von einer bestimmten Dienstgutstufe an zehn Mark zur Rüstung geben sollte und vierzig Ellen Scharlachstoff, mit denen der Mann seine Kenchte einkleiden sollte; der Erzbischof selbst versah an den drei Hochfesten des Jahres jeweils dreißig Ritter aus seiner Hausgenossenschaft mit neuen Pelzmänteln und bunten Pelzröcken. In Zeiten, in denen man noch nur einegschränkt mit Mobiliar protzen kann, muss dafür vor allem die Bekleidung herhalten.

 

In Ausnahmefällen gelingt es, anders als üblicherweise bei weltlichen Fürsten, Sozialaufsteigern, kirchliche Karriere bis in den Fürstenstatus zu machen. Bischof Wolfger von Passau war ist ein solcher Aufsteiger in seinem Amt, aus dem für 1203/04 Reiseabrechnungen erhalten sind. "Die Aufwendungen für Tuch, Schneiderlohn, Ausbesserungen und Reinigung sind beträchtlich (...) Das Bedürfnis des Bischofs nach Luxus wird deutlich: Man kauft Stoffe aus Kamelhaarwolle, Seide, feine Leinwand, braunen italienischen Brokat, indischen Taft - und - als die kalte Jahrezeit naht - mancherlei Pelzwerk. (...) So oft es ihm möglich ist, huldigt er unterwegs der Jagd, vor allem der Falkenbeize. Mehrfach sind Aufwendungen für Jagdhelfer, Falkner, den Ankauf edler Vögel in die Listen eingetragen." (WGoez, S. 298f) "Gaukler, Sänger, Taschenspieler, Rezitatoren, Geiger, sogar Messerwerfer" werden bezahlt, in Siena eine Sängerin zusammen mit zwei Jongleuren. Im November 1203 bekommt ein Herr Walther von der Vogelweide für seine Darbietungen einen Pelzmantel gekauft. (s.o.)

 

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Fürstenhof und Residenz

 

Neben unmittelbar militärischer Potenz, zunehmend despotischer nach innen und aggressiver nach außen, möchten und müssen Fürsten und höherer Adel ihre Machtvollkommenheiten durch Bauten und Lebensführung demonstrieren. Das höfische Zeitalter deutet sich an. Es wird auch geprägt von seiner neuen städtischen Basis, die die früheren agrarischen Grundlagen zunehmend ergänzt.

 

Der "Hof" (curia, court) bezeichnet nun sowohl ein befestigtes Steingebäude, oft mit einem Innenhof, als auch den Haushalt und die Lebensformen derer, die sich dort aufhalten.

Im großen und ganzen ist er königlichen Höfen nachgebildet. Er setzt sich aus der fürstlichen Familie und denen zusammen, die dort Dienste leisten. Herausgehobene Hofämter haben der Truchsess (Versorgung der Tafel), der Marschall (Versorgung der Pferde und des Militärs), der Kämmerer (Garderobe, Geldzufuhr und -Verwaltung) und der Mundschenk inne. Sie sind bei besonderen Anlässe Ehrenämter, werden aber im Alltag von niedereren Dienstleuten versehen. Mit diesen Ämtern verbinden sich aber auch allgemeine Verwaltungsaufgaben, die mal dem einen, mal dem anderen übertragen werden.

 

Zusammen mit weiterem Personal kommt ein großer Hof im hohen Mittelalter schon mal auf 50-100 Leute, die aber nicht unbedingt alle auf der Burg wohnen, und die in engeren und weiteren Kreisen rund um den Fürsten angeordnet sind. Nichtadelige Dienstboten im Stall und in der Küche wohnen und leben dabei auf Distanz zum Fürsten, und schlafen, soweit überhaupt auf der Burg, zu mehreren in einem Raum.

 

In ihrer Hofhaltung demonstrieren sie Macht und Reichtum durch Prunk und Pracht und die Demonstration eines möglichst aktuellen Modebewusstseins, wobei in deutschen Landen die Moden immer mehr aus dem Westen und manchmal auch aus dem Süden kommen.

 

Fürsten mit ihren autoriären bis despotischen Neigungen, die sie gerne als christliches Patriarchat darstellen, mit den meisten Untertanen in einer Kinderrolle und den großen Kapitaleignern als Juniorpartnern, schöpfen die Einkünfte ihrer Untertanen soweit wie möglich für ihre persönlichen Konsum-Bedürfnisse wie die des Machtapparates ab, ohne dass in der Regel dem steten Vermehrungsdrang des Kapitals Grenzen gesetzt werden. Zumindest in Westfranzien und deutschen Landen konzentrieren sich im 12./13. Jahrhundert dabei die Reichtümer auf immer weniger Höfe. Mit den daraus resultierenden Finanzmitteln wird die fürstliche Macht nach innen (unten) und nach außen (nebenan) ausgebaut. Der wesentliche weitere und genauso wichtige Effekt des zunehmenden Reichtums der Mächtigen ist seine Rolle für die Nachfrage nach Gütern auf dem immer wichtigeren Markt.

 

Ein wesentlicher Aspekt des Hofes ist, dass hier im Tanz der Eitelkeiten, Schmeicheleien, Unterstellungen und der alltäglichen Konkurrenz der Höflinge parallel zu der Entwicklung einer Selbstverwaltung in den Städten eine Sphäre des Politischen entsteht, die jenseits feudaler Rechtsformen das Spiel der Macht unterhalb der eigentlichen Herrscher ausbildet. Solange es dabei neben festen Hofämtern noch keine feste Institutionalisierung des Politischen gibt, wie sie sich erst in den nächsten Jahrhunderten in Burgund, Frankreich und England ausbilden wird, ist man ganz auf seinen Ellenbogen, sein Intrigantentum, Lügereien und seine miesesten Charaktereigenschaften angewiesen, was alles ja bis heute den Raum des Politischen dann darstellt.

 

Die Residenz, eigentlich als residentia der Wohnort, soll hier als der Ort bzw. das Gebäude benannt werden, an dem Fürsten ihren hauptsächlichen Aufenthalt nehmen. Damit wird dieser Ort in der Regel auch zur Hauptstadt ihres Herrschaftsbereiches. Ein solcher existiert für die Visigoten mit Toulouse und Toledo, für die Langobarden mit Pavia, kristallisiert sich für Westfranzien unter den Kapetingern mit Paris heraus und für Böhmen später mit Prag. England besitzt dann eine Residenz mit Westminster und eine Art Hauptstadt mit dem benachbarten London.

 

Sobald es fürstlichen Machthabern gelingt, Ansätze einer Verwaltung zu etablieren und zu finanzieren, die Mediatisierung ihrer Macht durch mehr direkte Herrschaft ablöst, Macht also auf eine Person hin zu konzentrieren, reist der Hof, also der Herrscher mit seiner Entourage, weniger herum, sondern lässt sich häufiger in einer festen Residenz nieder, in deren Nähe sich oft so etwas wie eine Hauptstadt entwickelt, eine Kapitale, wie es in anderen europäischen Sprachen heißt.

 

Frühes Beispiel einer Tendenz zur Hauptstadtbildung in deutschen Landen ist das Braunschweig von Heinrich ("dem Löwen") in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, auch wenn der Fürst weiter in seinem Sachsen zumindest herumreist. Mit der Burg, dem Palas(t), einem Saalbau von über 15x42 Metern, der angeschlossenen mächtigen Burgkapelle, der wiederum angeschlossenen Stiftskirche St.Blasius, den Konventsgebäuden und dem Kreuzgang entsteht ein eindrucksvolles Ensemble. St. Blasius erhält die Ausmaße einer Kathedrale (Länge rund 70m, Langhausbreite 21m).

Auf dem Platz vor diesem Gebäudekomplex lässt der "Löwe" einen in Bronze gegossenen, 2.80m langen und 1.78m hohen Löwen errichten. Irgendwann in den 50er Jahren macht Heinrich den Löwen zu einem Bestandteil seines Namens: Henricus Leo. Wie beim Bären des Askaniers Albrechts handelt es sich um ein mächtiges und wildes Tier, um ein reißendes Raubtier im Falle des Löwen. Fürsten möchten Ruhm und Ehre zuerkannt bekommen, aber das ist immer untermauert von Furcht, die sie einzuflößen haben. Die wesentliche Basis von Herrschaft bleibt die Angst der ihr Untergebenen und zu Unterwerfenden. 

 

Das Herumreisen der Machthaber dient nicht nur der immer einmal wiederkehrenden Präsenz der Machtausübung, sondern ist auch der Tatsache geschuldet, dass die jeweiligen örtlichen Resourcen für Hofhaltung oft schon nach kurzer Zeit erschöpft sind. Die Konzentration auf weniger Residenzen und schließlich die Entstehung von Hauptstädten hängen also am steigenden Geldvolumen in einer Gegend, von dem Machthaber so viel abschöpfen können, dass sie länger andauernde lokale Hofhaltung mit Geld bezahlen können, und zudem an einer Ausweitung des Handels, die für Geld genügend Waren auch von weiter her heranschafft.

 

Die geistlichen Fürstentümer in deutschen Landen kennen so etwas wie eine Residenz und Hauptstadt mit dem Bischofssitz, der immer auch eine Stadt ist, und bei weltlichen Fürstentümern wird es bald erste Ansätze mit der Koppelung von Residenz und zentralen  wie Wien, München, Braunschweig bzw. Hannover. Immer geht es darum, Organe der Regierung und Ämter der Verwaltung an einem Ort stabil unterzubringen.

Tatsächlich aber ist eine einzige feste fürstliche Residenz in deutschen Landen mit Tendenz zur Hauptstadtbildung bis in die erste Blütezeit des Kapitalismus noch nicht vorhanden. Selbst das Wort Residenz fehlt noch und wird manchmal durch Hoflager ersetzt. Das der Hof reist, hat vor allem damit zu tun, dass die Versorgung durch den einzelnen Ort nur für kurze Zeit gesichert werden kann, bleibt er länger in einer Stadt, taucht schon mal die Bitte auf, bald weiterzuziehen.

Der kaiserliche Kaplan und Notar Gottfried von Viterbo schreibt seine 'Memoria' am herumreisenden Hof von Heinrich VI., ... nicht in der Abgeschiedenheit oder in einem Kloster oder sonst an einem ruhigen Ort, sondern (...) in der Unruhe eines großen Hofes, wo ich alltäglich zur Stelle sein musste, nämlich als Kapellan bei Tag und Nacht, zur Messe und zu allen Tagesstunden, bei der Tafel, bei Rechtsgeschäften, beim Anfertigen von Briefen, alltäglich beim Beschaffen neuer Gastunterkünfte (... in: EhlersHeinrich, S.230)

Kapelläne und Notare sind oft die belesensten und schreibkundigsten Leute am Hof und einige Spitzenkräfte gehören zur regulären Entourage eines fürstlichen Hofes.

 

Auf seinen Wegen versucht der königliche oder fürstliche Hof dann die Barone der Gegend an sich zu ziehen, den höheren Adel nämlich. In der Einzahl ist ursprünglich der baro ein Vasall, in der Mehrzahl benennt das Wort hohe Adelige überhaupt. (EhlersHeinrich, S.243) Wo sich der Adel mehrheitlich dem entziehen kann, wie am Hof Heinrichs ("des Löwen"), treten wichtige Ministeriale an die Stelle.

 

Abgesehen von einem engen Kreis wechselt bei Reisen stetig die Besetzung des Hofes, Leute gehen und kommen, es herrscht wohl erhebliche Unruhe, wie Peter von Blois vom angevinischen Königshof beschreibt. Und: Dem Hof folgen ständig Spielleute, Sängerinnen, Würfelspieler, Süßigkeitenhändler, Weinverkäufer, Narren, Schauspieler, Bartscherer, Gaukler aller Art, von Huren und Dienern, die über Hofgeheimnisse am besten Bescheid wissen, ganz zu schweigen. (in: EhlersHeinrich, S.231) Der Amüsierzirkus an diesem Hof soll besonders groß gewesen sein:

"Ein berühmter Hofnarr - er trat unter dem Namen Roland der Furzer auf - kam zu ganz besonderem Ruhm: Er war dazu in der Lage, in die Luft zu springen und dabei gleichzeitig zu pfeifen und zu furzen. Die Hof-Prostituierten wurden zumindest in England und in der Normandie streng überwacht. Hier hatten Ranulf de Broc und Baldric FitzGilbert jeweils das Amt des Hurenmarschalls inne." (Ashbridge, S.220)

 

Eine Kapitale hat viele Vorteile für den Herrscher. Die betreffen nicht nur seine Bequemlichkeit, sicher ein wesentlicher Grund, warum schon der "große" Karl im Alter immer mehr Zeit in Aachen mit seiner Palastanlage, seinem Thermalbad und seinen Jagdgründen verbringt. Schon vor der allgemeinen Sesshaftigkeit der Machthaber reist der Kronschatz bzw. Staatsschatz aus Gründen der Sicherheit nicht mehr immer mit. Ein weiterer ganz praktischer Grund für eine feste Residenz ist, dass man in der Konzentration auf nur wenige oder gar einen zentralen Ort dessen Prächtigkeit als Ausdruck der Macht verstärkt ausbauen kann.

 

Wenn der Hof nicht mehr ständig reist, sondern ortsgebunden wird, also eine zentrale Residenz erhält, vergrößert er sich alleine schon deshalb, weil er Besucher von überall aus dem Herrschaftsraum dorthin konzentriert. Das Musterbeispiel ist von Anfang an der päpstliche Hof. Bis zur Emigration nach Avignon ist er deshalb in Rom, weil Bischöfe auf ihre Bischofsstadt, ihre cathedra und deren Gebäude, die Kathedrale, sowie auf ihren Bischofspalast fixiert sind, auch wenn Bischöfe wie andere Fürsten viel reisen, und nicht nur auf Kriegszügen. Mit dem Ausbau des Papsttums zu einem mächtigen und reichen, wenn auch sehr speziellen Fürstentum, welches seit dem elften Jahrhundert die Kirche als seinen und damit den modernsten und größten Verwaltungsapparat in Europa behandeln kann, lässt sich dann die Residenz verlegen, ohne dass die Machtvollkommenheit dabei auf Dauer allzu großen Schaden erleidet.

 

Sobald Machthaber geschlossenere Territorien anstreben und dann dazu neigen, an einem Hauptort zu residieren, versuchen sie den höheren Adel unter sich an ihren "Hof" zu binden. Ein wesentliches Instrument dafür sind Feste, an denen Fürsten gleichrangige Freunde und untergebenen Adel versammeln.

Ein anderes besteht darin, die Neigung des Adels, seinen männlichen Nachwuchs schon in jungen Jahren zur Ausbildung an einen Hof zu schicken, weidlich auszunutzen, um schon die jungen Leute an sich zu binden. Das geschieht bereits im "ritterlichen" zwölften Jahrhundert und erinnert etwas an die königlich-kaiserlichen Hofkapellen der karolingischen, sächsischen und salischen Könige, in denen junger Klerus an den Herrscher gebunden wurde, um dann Bistümer zu übernehmen. Es ist überhaupt eine Tradition, die schon die "christlichen" Imperatoren Roms pflegten.

Für Friedrich II. und seinen sizilischen Hof ist bekannt, dass er viel jungen (weltlichen) Adel als valetti zur Erziehung übernahm, die er dann in Verwaltung und Militär in Schlüsselpositionen einsetzt. Im Unterschied zu früheren Jahrhunderten zeichnet sich dabei bereits eine massive Säkularisierung ab.

 

In Westfranzien sind hauptstädtische feste Residenzen zum Beispiel in Paris, Provins und Toulouse vorhanden. Hier ist im 12. Jahrhundert die Entwicklung von Hauptorten zu einer Hauptstadt bereits weithin abgeschlossen. Nachdem Teile des Adels dank zunehmender Geldwirtschaft und Marktorientierung ihrer Güter diese verwalten lassen, richten sie sich Adelshöfe in den Residenzstädten ein, wo sie zumindest einen Teil des Jahres verbringen, um einmal dort Einfluss auf die Fürsten auszuüben und zum anderen möglichst viel von den neuen Annehmlichkeiten der Städte zu profitieren. Nur dort bekommt man auch direkt die neuesten Moden mit, an denen sich diese Schickeria orientiert und mit denen sie sich identifiziert.

In England konzentriert sich dabei alles auf die eine Hauptstadt London, wo sich der höhere Adel entlang der Strand und später bei ihren Nebenstraßen ansiedelt. Für die Nordhälfte Italiens ist eine solche Entwicklung nicht nötig, ist der städtische Adel doch immer in den Städten verblieben. In deutschen Landen setzt sich bis tief ins 12. Jahrhundert eher weiter die Tendenz durch, sich von den Städten fernzuhalten und auf dem Land zu siedeln. Erst im späten Mittelalter errichtet ein eher kleiner Teil des höheren Adels in Residenzstädten Städthäuser und hält sich ansonsten eher sporadisch in den Städten auf.

 

Anhand einer Champagne-Residenzstadt wie dem noch heute sehenswerten Provins, wo sich um den gräflichen Palast in der Oberstadt eine Siedlung aus Adelshöfen gruppiert, wird deutlich, wie fürstliche Nachfrage ganz erheblich durch stadtadelige ergänzt wird. Es ist zunächst einmal weiter die Nachfrage nach Luxusgütern, die den Fernhandel stimuliert, aber die zunehmend in Geld entlohnte Verwaltung und die vielen Dienstboten erhöhen auch die Nachfrage nach Alltagsgütern, insbesondere Nahrungsmitteln und Stoffen.

 

Provins besaß seit dem 10. Jahrhundert eine Münzstätte. Mit der zunehmenden Bedeutung der Messe dort verbreiten sich auch diese Denare, bis sie im 12. Jahrhundert zeitweilig sogar zu einer wichtigen Währung in Mittelitalien werden. Zudem ist die Stadt, an der sich wichtige Handelsstraßen kreuzen, schon im frühen Mittelalter ein wichtiger Marktplatz, der auch Einnahmen für die Grafen generiert. Zunächst werden hier die landwirtschaftlichen Produkte der Umgebung verkauft, dann steigt die Stadt im hohen Mittelalter zu einem zentralen Messeplatz auf, an dem zweimal im Jahr für sechs Wochen Waren und Finanzen verhandelt werden. Verkäufer und Käufer aus Flandern und Norditalien treffen hier aufeinander und der Pariser Hof schickt seine Einkäufer hierher.

Als die Grafen der Champagne im 13. Jahrhundert immer mehr in Provins statt in dem eine Tagesreise entfernten Troyes residieren, wird die Burg über der Unterstadt durch ein bequemeres Gebäude ersetzt. Da es sich um ein Musterbeispiel der neuen höfischen Lebensformen handelt, wird dieser Hof durch junge Leute des entfernteren Hochadels ergänzt. Dazu gruppieren sich die spätromanischen Neubauten des Adels.  

1234 werden die Grafen der Champagne zugleich Könige von Navarra, residieren aber weiter vorwiegend in Provins. Dorthin fließt nun eben auch der Großteil der Einnahmen aus Navarra.

Der Bedarf dieser Wohlhabenden wird durch die Ansiedlung von Handwerkern wie Schneidern und Goldschmieden sowie durch Einzelhändler gedeckt. Die Messen sorgen dafür, dass es viele Gasthäuser gibt, wer da keine Unterkunft mehr findet, haust in Zelten.

 

1284 heiratet eine Grafentochter den zukünftigen französischen König Philippe IV. und leitet damit das Ende der Residenz Provins ein. Die Gelder aus der Champagne fließen nun nach Paris. Zudem führt dieser Philippe ab 1297 Krieg mit Flandern und finanziert ihn auch durch höhere Abgaben, was dem Messeplatz zusätzlich schadet. Zur gleichen Zeit beginnt mit der Eroberung von Sevilla und Cádiz und technischem Fortschritt in der Seefahrt der italienische Warentransport zur See über Mittelmeer und Atlantik nach Brügge. Immer größere Firmen mit immer höherem Geschäftsvolumen nutzen die Messen nun eher noch für Finanz-Transaktionen als solche von Waren, die über ständige Vertretungen in den Zentren des Kapitals laufen.

Der König verlegt die Münze nach Troyes, wo sie allerdings stetig an Bedeutung verliert. Immerhin bleibt Troyes Umschlagplatz für das Getreide der Champagne, welches hier auf die Seine verladen wird und einen Großteil der Grundversorgung der Pariser Bevölkerung leistet.

 

Städte basieren auf dem Zufluss von Agrarprodukten des Landes, deren Preise möglichst niedrig gehalten werden, aber sie florieren vor allem über die Konsumausgaben der Herren, die diese Mittel wiederum erst einmal ihren Untertanen abnehmen. Mit dem Abzug der Luxuskonsumenten aus Provins sinkt die Bedeutung der Stadt, sie schrumpft, und mit der sinkenden Bedeutung der Messen fällt sie in die Bedeutungslosigkeit zurück. 

Ohne Geld für die Renovierung als Modernisierung hat sie dann bis heute andererseits auf wunderbare Weise als mittelalterliches Museum überlebt.

 

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Der Hof eines Herrschers dient nicht nur den luxuriösen Annehmlichkeiten und Vergnügungen des Herrschers und seiner auch dadurch angezogenen Entourage aus Höflingen, Beamten und Angestellten, sondern auch der Abbildung und sinnlichen Verdeutlichung der Macht. Wir sind im 13. Jahrhundert noch weit entfernt von der abartig-pervertierten Welt von Versailles, deren hybride Widerwärtigkeiten am Ende nicht mehr zur Identifikation durch den Pöbel und der Mittelschichten einladen und selbst den höheren Adel hin und wieder abzustoßen beginnen. Aber  die Abschottung der Fürsten vom Alltag der Untertanen und von dessen Wahrnehmung ist bereits in vollem Gange.

 

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In Palermo hatten die aus der brutalen Räuber- und Mordbrennertradition der Wikinger herstammenden Normannen unter ihren Königen den Hof einer frühen Despotie eingerichtet, in derselben Zeit, in der auch die Päpste, allerdings in sehr eigenartiger Form, sich zu uneingeschränkten Despoten erklärten. Darauf baut der König und Kaiser Friedrich II. auf, und er verstärkt die typischen Aspekte eines despotischen Hofes noch ganz erheblich, insbesondere, nachdem er die Residenz nach Foggia in der nordapulischen Capitanata, in die Nähe seiner sarazenischen Militärkolonie und Festung Lucera verlegt, wo er mit ihnen eine ihm auf Gedeih und Verderb ausgelieferte, weil in seinem Reich völlig isolierte muslimische Leibgarde und Elitetruppe von Bogenschützen besitzt.

 

Vom Palast des Herrschers in Foggia ist kaum noch etwas erhalten. Ähnlich ist es den Jagdschlössern in der Umgebung ergangen. Zu besichtigen aber ist das sogenannte Castel del Monte, dessen Funktion völlig unbekannt ist, und welches vielleicht nie benutzt wurde und in seiner Monumentalität nur die schiere Macht des Herrschers darbieten soll.

 

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Zivilisationen basieren auf der Neigung der in die Untertänigkeit Gebrachten, sich mit der Übermacht der Gewalttäter, in diesem Fall der Herrscher, aber auch gewöhnlicherer Verbrecher zu identifizieren, um ihre Ohnmacht durch phantasierte Teilhabe an der Macht erträglich oder sogar angenehm zu machen. Soweit das für die letzten zehntausend Jahre überhaupt bekannt ist, nimmt diese Identifikation in dem Maße zu, in dem die Machthaber grausamer und brutaler sind, wofür Stalin und Hitler als neuere Beispiele stehen. Im Falle einer terroristischen Geiselnahme wurde dabei einmal vom Stockholm-Syndrom gesprochen. Je weniger gewalttätig und aggressiv Politiker in Demokratien auftreten, desto weniger Respekt wird ihnen in der Regel entgegengebracht. Die Identifikation, so kann man überall beobachten, wird nicht der Macht oder dem sogenannten Amt entgegengebracht, sondern jener Gewalt, mit der sich der Machthaber auszeichnet. Dass auf diese Weise vermieden wird, die eigene Ohnmacht und williges sich Ducken als Feigheit oder tiefes Unglück zu erleben, ist zentraler Faktor dabei.

 

Aber die Identifikation mit brutaler Gewalt, Macht, Reichtum, ja ausgesprochenem Luxusleben anderer ist natürlich nicht nur Vermeidung der Wahrnehmung ihrer Bösartigkeit, sondern auch der Umwidmung von Ohnmacht in imaginierte eigene Macht. Ohnmacht wird so im Kollektiv der Untertanen zumindest in Momenten wahnhafter Hysterie als Macht erlebt, und daran hat sich bekanntlich bis heute nichts geändert.

 

Daneben gibt es noch den anderen Aspekt der Partizipation an der Hebung des Niveaus des Warenkonsums in den Zivilisationen des entstehenden Kapitalismus, mit dem die Herrscher nun ihre Gewalttätigkeit verbinden. Schließlich richtet sich nun der Raubtiercharakter von Herrschaft nicht zuletzt auch deshalb in unentwegten Kriegen gegen die Nachbarn. Insofern nimmt für die Untertanen der Herrscher die Funktion eines bewunderten Leitwolfes in einer Wolfsschar ein, die sich aufmacht, eine Schafsherde in der Nachbarschaft zu reißen, mit dem Unterschied, dass sich der Herrscher den größten Teil der Beute zunächst reserviert und offiziell alleine für die Verteilung des Restes zuständig ist.

 

Wenn aber Pause beim Mordbrennen herrscht, zeigt sich die Macht des Anführers in seinem zur Identifikation durch die Ohnmächtigen und Armen einladenden Luxusleben.

Bürger und produktive Unterschicht in Städten, insbesondere in der Hauptstadt selbst, sind nicht nur das permanente Schauspiel des Hofes und besondere Spektakel darüber hinaus bewundernde Zuschauer, sie partizipieren im Maße des Erlaubten und nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten. Da das Reisen hoher Herren zu Pferde stattfindet, ist es entsprechend langsam, und wenn die Kunde hinreichend früh in die Ortschaften gelangt, säumen die Menschen in ihrer besten Kleidung die Straßen, schmücken sie zum Beispiel mit Blumen und stellen Musikanten (Pauken, Trommeln, Blasinstrumente) und Chöre als Begleitmusik. In der Inszenierung der Macht sind Untertanen die willigen Statisten.

 

Das Stichwort für diese neue höfische Welt heißt modischer Luxus, zunehmendes Raffinement, und der verlangt nicht nur die Ausweitung der Geldwirtschaft und der Verwandlung von Naturaleinnahmen in Geld, er verschlingt vor allem einen immer größeren Teil adeliger Einnahmen. Dabei kann nicht jeder immer mithalten, auch nicht auf niedrigem Niveau. So wie im Laufe der Zeit die Zahl der durch die Schwertleite bzw. das adoubement vollgültigen Rittern wegen der steigenden Kosten dafür abnimmt, so findet besonders in Frankreich seit dem 13. Jahrhundert, mehr noch dem 14., eine Verarmung des niederen Adels statt, der dann an Lebensstil unter den reicher Bauern fallen kann.

 

Höfische Lebensform und Moden

 

Um Macht solide sichtbar zu machen, zeigt sie sich darum auch in der Pracht höfischer Ausstattung, und diese dient natürlich zugleich dem Vergnügen der Machthaber daran. "Pracht" selbst in seiner verallgemeinernden Form ist allerdings noch kein hochmittelalterliches Wort

 

In den Ritterromanen werden Reichtum und Kostbarkeit, die so gut wie alles betreffen, von den rîchiu kleit (NL5,277 / P1,23 etc.) für Mensch und Pferd über die luxuriösen Zelte bis zur Prächtigkeit von Gebäuden und Innenausstattung, immer wieder mit geradezu penetranter Ausführlichkeit geschildert. Aller solcher Prunk und Protz soll unentwegt Eindruck schinden und tut das ja auch bis heute.

Dargebotener Reichtum steigert das Ansehen mehr noch als den Neid der Zukurzgekommenen.

Im Kunsthandwerk, wie wir das heute nennen, bis zur sich verselbständigenden Plastik, der Goldschmiedekunst und der Malerei schafft sich höfische Lebensform ein Wohnumfeld, in welchem sich Macht und Reichtum ausdrücken können.

 

Dabei orientiert sich der Osten wie bei den intellektuellen Neuerungen am Westen. Selten, dass jemand aus Franzien seine Söhne zur Ausbildung in deutsche Lande schickt, aber umgekehrt ist das häufiger und bildungswillige junge Männer reisen nach Paris, Reims oder anderen Orten, von wo sie nicht nur frühscholastisches Denken, sondern auch die übrigen Moden der Zeit mitbringen.

 

Religiös begründete Kritik an dem Amüsierprogramm der höfischen Lebensart gibt es seit seinen Anfängen. Im 12, Jahrhundert wendet sich Johannes von Salisbury gegen die Pracht des englischen Hofes von Heinrich II. und Eleonore von Aquitanien. 1592 blickt der Dominikaner Iacopo d'Acqui zurück auf den süditalienischen Hof Manfreds. Der hatte aus seinem Hof ein Paradies der Lustbarkeit gemacht. Es gab dort großzügige Schenkungen und alle irdischen Eitelkeiten: Frauen, Kleider, Schmuck, Speisen, Lieder, Musikinstrumente. Es gab verschiedene Spiele und alle Tröstungen der Welt, alle Vergnügungen sowohl für den König selbst wie für alle anderen. Nacht und Tag gab es schönste eitle Mädchen und junge Männer ohne Zahl. Alle hielten sämtliche körperlichen Lüste und Freizügigkeiten für erlaubt. Es gab dort eine Kapelle (scola) mit allen Musikinstrumenten und Gesängen der Welt. König Manfred selbst war der prächtigste Sänger und Liedermacher (inventor cantionum). An seinem Hof gab es eine Göttin oder Dienerin (ministra) der Liebe und einen sogenannten Gott der Eitelkeiten, die die Männer und die Mädchen in allen Praktiken der Liebe unterrichteten. In der Schatzkammer des Königs Manfred gab es alle Musikinstrumente der Welt und es gab keine einzige Stunde bei Tag und Nacht, in der nicht Orgeln und andere Instrumente zu hören waren. (…) König Manfred hatte wie ein zweiter Salomo schönste Frauen und Mädchen ohne Zahl zu seinem Willen. Und wenn er lange Zeit gelebt hätte, hätte er ganz Italien in den Brunnen der Lüste versenkt, und die Kirche wäre völlig heruntergekommen. Weil es dort Vergnügungen im Überfluss gab, liefen alle hin. (in Staufer und Italien, S.269)

 

Was hier in Fortführung der antistaufischen päpstlichen Propaganda gegen Friedrich II. angeführt wird, ist die Ablehnung einer völlig weltlichen joie oder vröide als höfischer Lebensinhalt seit dem 11. Jahrhundert, die neben Pracht und Prunk eine zunehmend der Kirche entgleitende und sich verselbständigende Geschlechtlichkeit praktiziert.

 

***Das Fest***

 

Das Zentrum höfischer Selbstdarstellung wird das Fest, welches sich je nach Macht und Reichtum durch aufwendige Inszenierungen und prächtige Amüsierveranstaltungen auszuzeichnen hatte, nicht zuletzt aber durch die Zahl und den Status der Besucher. „Der Domscholaster Balderich beschreibt als Augenzeuge, wie Erzbischof Albero von Trier 1147 zum Hoftag König Konrads III. nach Frankfurt fuhr: Mit vierzig Wohnschiffen sei er gereist, nicht gezählt die kleineren Kriegsfahrzeuge, Lastkähne und Küchenschiffe; acht Grafen und zwei Herzöge als Vasallen befanden sich in seinem Gefolge, dazu eine riesige Zahl von Geistlichen und Rittern, auch zwei berühmte Gelehrte, der Mathematiker Gerland von Besancon und der Philosoph Theoderich von Chartres, an deren gelehrten Disputationen er auf seinem Wohnschiff teilnahm. Die Heimreise nutzte er zu einer Machtdemonstration gegen die Mainzer, indem er auf allen Schiffen die Fahnen hissen ließ und befahl, dass sich die Ritter mit ihren goldglänzenden Schilden, ihren silberhellen Harnischen und Helmen sichtbar aufstellen sollten.; mit schmetternden Trompeten und klingenden Hörnern, mit Waffengetöse und furcherregendem Gesang der Männer versetzte er die ganze Stadt in Aufruhr und Angst – als ob sie schon erobert wäre.“ (KellerBegrenzung, S.441f)

 

Im Fest selbst stellen sich höherer Adel und Fürsten so dar, wie sie sind, nämlich mächtig und reich, und zudem so, wie sie gerne sich selbst sehen wollten, nämlich zunehmend kunstsinnig in einem mittelalterlichen Sinne und manchmal auch schon von einem gewissen Bildungsniveau. Dazu gehören Manieren, formalisierter Umgang miteinander und die Hochstilisierung einer Bindung an ethische Normen, die immer auch als christlich ausgegeben werden. Auf dem höfischen Fest, in dessen Hintergrund auch „politische“ Verhandlungen stattfanden, wird im Vordergrund eine Welt inszeniert, die sich deutlich von denen absetzt, deren Arbeit das Ganze finanziert. Entsprechend wird eine ritterlich-höfische Welt unterhaltsam und prächtig in Szene gesetzt, die völlig ablenkt von dem, was adelig/fürstlich den Alltag ausmacht, in dem mehr oder wenig gewalttätig und brutal Ressourcen erweitert und Einnahmen abgepresst werden.

 

Mustergültig wird das Mainzer Hoffest Barbarossas zu Pfingsten 1184. Von Erzbischöfen über Herzöge bis zu Ministerialen erscheint der ganze abkömmliche Adel aus deutschen Landen. Laut Giselbert von Mons erscheint Herzog Leopold V. von Österreich mit 500 Rittern, Landgraf Ludwig III. von Thüringen 1000  und der Erzbischof von Köln mit 1700 Rittern, wohl etwas überzogene Zahlen. Andere Teilnehmer, schreibt Otto von St.Blasien, kommen aus Spanien, rankreich, Italien und slawischen Ländern. Eine ganze Stadt aus Holz und Zelten wird errichtet. Es gibt einen Festgottesdienst und die feierliche Schwertleite von Söhnen des Kaisers, dazu ein gigantisches zweitägiges Schaureiten.

 

Aber es geht nicht nur um Protz, sondern um das Herstellen einer Parallelwelt jenseits der rauhen Wirklichkeit, in der ihre Herrschaft auf roher Gewalt beruht. Dazu dient die Idealisierung des berittenen Kriegers als eines edlen Ritters, der die Schwachen schützt, den Armen hilft und die Bösen in die Flucht schlägt. Was bei den kapitalkräftigen Bürgern Kompartmentalisierung wird, in der bürgerliche Ehrbarkeit, bürgerliche Frömmigkeit und das rücksichtslose Begehren des Kapitals nach Verwertung und Vermehrung in unterschiedlichen Schubladen derselben Person eingeordnet und recht deutlich getrennt aufbewahrt sind, wird beim Adel und dem höfischen Fürstentum die Trennung in zunehmend christlich verbrämte Kriegerwelt einerseits und dem, was man viel später erst als höfische „Kultur“ bezeichnen wird. Man sollte sich darunter keinen allzu alltäglich wahrnehmbaren Bildungshorizont vorstellen. In der Regensburger Kaiserchronik aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts unterhalten sich die vornehmen Herren bei Hofe  über edle Pferde und Hunde, über Beizvögel und schöne Frauen. 

Das Ideal stellt Hartmann von der Aue um 1190 im 'Iwein' am Fest am Artushof dar: diese sprachen wider diu wip / diese banecten den lîp / diese tanzten, diese sungen, / diese liefen, diese sprungen,/ diese hôrten seitspil / diese schuzzen zuo dem zil, / diese retten von seneder arbeit, / diese von grôzer manheit. (V) Was macht man also: man redet mit Frauen, lustwandelt, tanzt und singt, betreibt Sport, hört Musik, schießt auf eine Zielscheibe, jammert über die Last der Liebe und lobt großes Heldentum.

 

***Manieren*** (siehe auch: Körper3)

 

Kennzeichnend für die höfische Kultur wird eine Verfeinerung der Manieren, in der Impulsivität durch zurückhaltende Förmlichkeit abgelöst wird, Impulskontrolle, ein Vorgang, der in den etwas „barbarischeren“ deutschen Landen erst in der frühen Neuzeit halbwegs abgeschlossen sein wird. Dazu gehören Tischmanieren und nicht zuletzt das Verhalten gegenüber Frauen.

 

Mit der Marienverehrung und der Minnelyrik, soweit sie die Verehrung der unerreichbaren Dame betrifft, wird der Sexus wenigstens in der ideologisierenden Phantasie sublimer bis zum Extrem seiner Unauslebbarkeit. Eine solche Erotisierung in Religion und Höfischkeit lässt eine freier flottierende Sexualität zu, die dann aber auch wieder rücksexualisiert werden kann wie bei Isoldes Tristan.

Höfisches Dasein in Reichtum und zeitweiligem Müßiggang fördert ein Kreisen um die „Liebe“, die immer mehr ins Zentrum höfischer Lebensform gerät. Für den höheren Adel zumindest war es immer selbstverständlich gewesen, dass die aus Machtgründen gestiftete Ehe und sexuelle Lustbarkeit zwei getrennten und beide selbstverständlichen Räumen angehörten. Dabei war natürlich die Möglichkeit einer in der Ehe wachsenden Liebesbeziehung der Gatten nicht ausgeschlossen.

 

Nun wird mit der Erotisierung des höfischen Alltagslebens eine neue Sphäre entschlossen. Das findet sich in der kirchlichen Welt wieder in den erotisierten „schönen“ Skulpturen von Ekklesia und Synagoge, von klugen und törichten Jungfrauen und Heiligengestalten. Hier begegnen sich Fürsten, niederer Adel und Großbürgertum in einer neuen, erotisch durchsetzten Ästhetik, in die als frühe verführerisch attraktive Nackte die Eva des Paradieses einzieht, und entblößtes Begehren wie das der Nackten des Jüngsten Gerichtes.

Der aggressive und angeklagte Sexus romanischer Kleinskulpturen schwindet zugunsten einer sublimeren Sexualität, die nicht unbedingt der Wirklichkeit entspricht, sondern dieser als Legitimation dient. Erotisierung als Teil höfischen Alltags findet sich bei Männern und Frauen auch in der Kleidung, die nicht nur immer aufwendiger und kostbarer wird, sondern auch immer mehr von den Körperformen offenbart (siehe...)

 

Männer zeigten so immer mehr von den Waden und bald auch den Oberschenkeln und vom Hintern in engen Kleidungsstücken, während die gotisch gekleidete Frau dassselbe mit ihrer Brust schaffte und der Teilentblößung durch das Dékolleté.

 

Die Erotisierung des adeligen Alltags geht nicht nur auch von der Literatur aus, sondern in diese ein. Schon Anfang des 12. Jahrhunderts beschreibt ein 'Liebeskonzil von Remiremont' das Streitgespräch zweier dortiger Nonnengruppen, von denen die eine dem Ritter, die andere dem Kleriker das höfischere Auftreten bescheinigt. Damen übernommen in der Literatur vor allem als Mäzeninnen eine immer größere Rolle: Eleonore von Aquitanien für Wace, Marie von der Champagne für Chrétien von Troyes, Mathilde, Gemahlin von Heinrich dem Löwen, für den Pfaffen Konrad.

Damen sind eben nicht nur Gegenstand der Minnelyrik, sondern besonders auch Konsumentinnen jener Epik, die damals auch Roman heißt, und werden zu den wichtigsten Konsumenten von Romanen bis heute. Sie sind bei Hofe auch nicht nur Schmuck, sondern wesentlicher Bestandteil, Quelle männlicher Inspiration und Kampfeslust. 

 

Literarisch sichtbar wird das ganze zum ersten Mal mit Wilhelm von Poitiers/Aquitanien, und in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts dann in den okzitanischen Liebesliedern der Troubadoure. Bei Barbarossas Italienzügen sind dann deutsche Liedermacher aus ministerialen und niedrigadeligen Familien dabei. Zugleich beginnt deutsche Liebeslyrik nach französischem Vorbild anverwandelt am Braunschweiger Welfenhof, dem Babenbergischen in Wien und dem der Thüringer Landgrafen.

 

Höfische Verhaltensweisen heben nicht nur vom volc ab, ein Wort, welches ganz langsam seine Bedeutung vom Heeresgefolge und überhaupt Militär dahin verändert, dass eher Bürger und insbesondere Bauern gemeint werden. Sie zeigen nicht nur den Status in Macht und Reichtum. Sie strukturieren zugleich ein Miteinander bei Fest und Alltag nach Rangordnung, und sie vermeiden bei Hofe möglichst Konflikte durch das Einüben anerkannter Verhaltensweisen jenseits von Gewaltätigkeit.

 

***Literatur***

 

Ein Aspekt des höfischen Unterhaltungsprogramms sind Gaukler und Spaßmacher, aber eben auch vor allem Liedermacher und "Roman"autoren. Die machen Karriere an den Höfen als Unterhaltungsspezialisten, mit denen sich hoher Adel schmückt, und als deren Lobredner. Beim Tod von Richard Löwenherz lobt Gaucelm Faudit in seinem Klagelied 'Fortz chauza' dessen Tapferkeit und fasst zusammen: Ach edler Herr König, was wird nun werden / aus den Waffen, aus dem Getümmel mächtiger Turniere, / aus den prächtigen Hoffesten und aus den herrlichen und grandiosen Gaben, / wo ihr nun nicht mehr da seid, der ihr von allem Haupt und Führer wart? (So in Löwenherz, S.15) Lobhudelei, das Spiel mit unterwürfiger Höflichkeit sind ein Teil höfischer Art.

 

In dieser Welt einer ideologisierenden Eigentlichkeit, in der Macht zunehmend auch durch die edle Lebensform begründet und in ihr ausgelebt wird, spielt fiktionale Literatur eine immer größere Rolle. Dabei liefert sie einmal als Ritterepik und höfische Lyrik die ideologische Begründung für Herrschaft und Standesüberhöhung, zum anderen entwickeln beide aber zugleich, um aus dem Vorgebrachten Spannung zu erzeugen, innere Widersprüche und Problematisierungen. Kennzeichnend für solche Literaturen wie denen der Trouvères und des späteren deutschen Minnesangs, von Chrétien de Troyes oder Gottfried von Straßburg wird, dass das ritterlich-höfische Milieu, welches dargestellt wird, völlig ohne seine finanziellen Grundlagen auskommt und das städtische Milieu, welches solchen Eskapismus aus der Wirklichkeit mit seinen Strukturen fördert, kaum eine Rolle spielt.

 

Tatsächlich ist die neue Literatur nur in wenigen Aspekten eine Quelle, die uns die Lebenswirklichkeit der Menschen näherbringt. Bei der Lektüre solcher Texte kommt eher die Vermutung auf, dass in der Zeit, in der nicht nur die Bedeutung des Geldes rapide zunimmt, sondern auch frühe Formen seiner Kapitalisierung, - die neuen Vorstellungswelten Gegenwelten genau dazu sein sollen, solche, die das Ende einer traditionelleren Welt und die Installierung einer "zweiten Natur" eben ein Stück weit auch als phantastischer Ersatz befördert haben mögen. Alle Künste im modernen Sinne entstehen als Bestandteil einer sich entfaltenden und immer kapitalistischer gerierenden Warenwelt.

 

Da höhere Bildung klassisch-antiker Art bei Hofe zunächst eher selten ist, wird dort das Latein von Theologie und Philosophie, die sich manchmal inzwischen auch zu trennen beginnen, was zu ersten philosophischen Texten in den Volkssprachen wie beim Catalán des Raimundus Lull führt, zunehmend durch die Volkssprachen ersetzt, die seit dem 11. Jahrhundert immer mehr auch zu Schriftsprachen werden. Damit entwickelt sich das Sichtbarmachen eines unterschiedlichen Volkscharakters. Die Übertragung von Texten aus dem langue d'oeil in deutsche Sprachen macht das dann augenfällig. Den Anfang machen das Catalán und das Okzitanische, von wo das einmal auf Norditalien übergreift, und zum anderen auf das Sizilianische am Hofe Friedrichs II., welche Texte dann in toskanischer Übersetzung nach Mittelitalien gelangen und dort einen eigenen Stil aufblühen lassen, und zum anderen in die deutschen Lande.

 

So wie Literatur seit der Erfindung des Buchdrucks vom Markt abhängig wird, so ist sie es bis dahin und noch darüber hinaus vom Wohlwollen des sie subventionierenden Adels. Der Autor bindet sich an den adeligen und am besten fürstlichen Mäzen, der sich mit ihm schmückt, weil er mit seinen Werken zufrieden ist. Das prägt ihre Texte in hohem Maße. Heinrich der Löwe und Hermann von Thüringen besorgen „ihren“ Autoren (dem Pfaffen Konrad und Wolfram von Eschenbach) die französischen Vorlagen für das Rolandslied und den Willehalm, die dann deutschen Verhältnissen angepasst werden. 

 

Beispielhaft ist, wie Walther von der Vogelweide zum Propagandisten seiner Herren wird, um an sein Lehen zu gelangen. Als er beim Staufer Friedrich II. angekommen ist, diffamiert er dessen Gegner und seinen früheren „Herrn“ folgendermaßen im modernisierten 'König Friedrichston'::

Ich hatt' Herrn Ottos Wort, er wollte reich mich machen / Wie trüglich war sein Wort! Es ist zum Lachen / Soll das, was er versprach, mir Friedrichs Hand verleihen? / Ich kann ihn bitten nicht um eine Bohne. (…) Ich wollt Herrn Ottens >Milde< an seiner Körperlänge messen; da hat ich mich im Maßstab nicht wenig vertan. Denn wär er so großzügig wie lang, wäre er ein Vorbild edler Eigenschaften. Maß ich aber die Körperlänge daran, wie er Ehre einlegte, da wurde er an allen Enden zu kurz wie ein verschnittener Stoff, an Großmut viel kleiner als ein Zwerg.

Die Milte ist die Freigiebigkeit gegenüber dem Sänger, und tatsächlich war er oft davon abhängig, gab es doch keine wohlfeilen Vervielfältigungsmöglichkeiten für seine Texte und keinen entsprechenden Markt. Und so heißt es denn auch bei Walter: Von Rôme voget, von Pülle künec, lât iuch erbarmen / daz man mich bî rîcher Kunst lât alsus armen! 

Wenn dann Leute wie Walter von der Vogelweide einen volkstümlicheren Ton anschlagen, ist das nicht so sehr Ausdruck von Nähe zur Masse der Bevölkerung in erster Linie, der ländlichen Bevölkerung insbesondere, sondern eher Ausdruck einer neuen Mode in den Adelskreisen und an Fürstenhöfen, bald auch im gehobenen Bürgertum.

 

Noch deutlicher wird Guilhem Figueira um 1237: Ein neu Sirventes beabsichtige ich dem Kaiser zu übersenden, dem edlen Menschen, denn nun ist es mir dienlich, dass ich mich in seinen Dienst begebe, denn kein Mensch teilt besser Lohn aus als er. (in Heinisch, S.108)

Die Künste, und auch die Literatur als Kunstform, sind von der Gunst von einzelnen Mächtigen und ihrer Finanzkraft abhängig, und das wird sich durch die Erfindung des Buchdrucks und der Produktion für einen größeren Markt zunächst kaum ändern, da Literatur sich auch dann zunächst nicht über einen allgemeinen Markt finanzieren lässt.

 

Dies Wort "Literatur" ähnlich wie das von der "Kunst" wird durch die nachantiken Zeiten bis heute keinen klaren Begriff enthalten und zugleich einem steten und massiven Bedeutungswandel unterworfen sein. Bis ins späte Mittelalter ist die im Germanischen wurzelnde (deutsche) "Kunst" das, was einer kann, wenn er es wirklich kann. In Wolframs 'Parzival' taucht das Wort öfter auf. Ritter beherrschen Reitkunst, Kampfkunst, überhaupt kunst an ritterlichen siten (Parzival 3,173). Es gibt die Heilkunst, bei Wolfram die arzâtlîchen listen (Tristan 11,7266), wie list bei ihm auch überhaupt Kunst meinen kann, so wie auch lêre (Tristan 6,3670) oder vuoge (Tristan 11,7698) als Kunstfertigkeit auftauchen.

 

Zu den Künsten gehört auch die Dichtkunst, eine art bei Chrétien (Erec 6641). Wenn Wolfram von mîner künste widerwege spricht, ist sein schriftstellerisches Können gemeint (Parzival 1,1). Gottfried verwendet stattdessen list, diu schepfent list ist seine eigene Kunst (Tristan 1,21), Bei ihm gibt es auch eine ausführliche Darlegung seiner Vorstellungen von Dichtkunst (T1,8) , wie sie Tristan selbst betreibt, der auch schoener maere phlac (T20,13477 / T30,19188) und für einen Hof schanzune tihtete und sang (T30,19210)

 

Zwischen der unterhaltsamen "Lohnarbeit" fahrender Kleinkünstler und hochadeliger Kunstausübung stehen die neuen Autoren, Ministeriale wie Hartmann, arme Rittersleut wie Wolfram oder jemand wie Gottfried, der möglicherweise gehobener Straßburger Bürger war. Wie Chrétien von Troyes oder Wolfram siedeln sie sich offenbar für längere Zeit, gar manchmal für Jahre, an hochadeligen bzw. fürstlichen oder königlichen Höfen an und betreiben dort ihre neuartige Literatur.

 

Literatur (eine viel spätere Wortschöpfung) ist ein ebenso unklares, weil vieldeutiges Wort und weites Feld wie Kunst. Die litterae, also die Arbeit mit dem geschriebenen Wort, war bis dato eine Sache der Gelehrsamkeit gewesen, der wenigen, die (lateinisch) schreiben konnten und die im 11./12.Jahrhundert eine neuartige Philosophie hervorbrachten oder nach antiken Vorbildern lateinische Verse schmiedeten, mit denen sie unter sich blieben. Das Neue ist ein Mehrfaches: Die Adressaten sind ein höfischer Hochadel und Herrscher, die in der Regel nicht nur nicht des Lateinischen mächtig sind, sondern immer noch oft überhaupt gar nicht lesen und schreiben können, also Vorleser und Schreiber brauchen. Sie bedürfen der "Literatur" in der Volkssprache und zugleich auch der Autoren, die den Bedürfnissen der neuen Zeit und ihrer Moden entsprechend tihten. Sie sind es zudem, die das Geld haben, um die teuren Materialien für die Verschriftlichung solcher Texte zu bezahlen, derer sie sich dann wohl auch zu rühmen beginnen. Es wird offenbar "schick", sich für einige Zeit einen tihtaere für seinen Hof leisten zu können.

 

Der kleine Kreis der "Gebildeten" und ihrer lateinischen und damit den meisten Menschen nicht zugänglichen Texte erweitert sich um eine zunächst ebenfalls kleine und deutlich weniger "gelehrte" Gruppe, die nun in den Volkssprachen schreibt. Das Lateinische bleibt die Sprache der Gelehrsamkeit und der Kirche, aber der frühe Kapitalismus und sein Wohlstand für eine kleine Oberschicht fördern zunehmend Texte für die nicht Gelehrten und nicht in den kirchlichen und monastischen Institutionen Verhafteten. Deren Inhalte sind entsprechend entsprechend ganz andere.

Es geht um die Propagierung und Idealisierung von Machtverhältnissen und zugleich um Kurzweil, um Unterhaltung einer kleinen Oberschicht. Soweit handelt es sich um ein ganz triviales Unterhaltungsbedürfnis, um kurzewîle als kurzzeitiges Aussteigen aus der Wirklichkeit ins schiere Amüsement. Wieweit der Problemgehalt, der diese Texte erst zusammenhält, Unterhaltungswert hatte, ist kaum noch nachzuvollziehen.

Elemente aus Sagen und Märchen werden mit Situationen mit aktuellem Wiedererkennungswert verbunden. Kapitalismus taucht gar nicht auf, die Begrifflichkeit des Marktes ist aber in die Sprache integriert.

 

Schon gesagt wurde, dass Künste der Unterhaltung und der Kurzweil zunehmend professionalisiert werden, "kunstvoller", gekonnter werden, und mit ihnen werden Dichter namentlich bekannt, zunächst bei den trouvères, dann bei den Autoren der Ritterromane, was sich im Verlauf der Gotik bei Baumeistern und Schöpfern von Plastik und am Ende auch von Malerei fortsetzen wird. Das, was wir in der Neuzeit Kunst nennen, entsteht, und damit die Prominenz von Künstlern. Sie sind integriert in einen Markt, eine Warenwelt, konkurrieren miteinander und werden bald danach trachten, in Geld bezahlt zu werden. (Zu Ritterromanen ausführlicher Anhang 18)

 

***Mode***

 

Neben originär Deutschem wie dem Nibelungenlied sind die Ritterromane vor allem Anverwandlungen altfranzösischer Literatur, so wie höfische Lebensformen vielfach aus dem Westen stammen und ebenso die neuen "gotischen" Kleidermoden. Mit der Einführung des Kleiderschnittes und der Schneiderei beginnt die Erotisierung der Kleidung als indirekte Versionen der Körperformen.

Rüdigers Leute im Nibelungenlied tragen in Worms Gewänder, vil harte spaehe gesnitten (20,1176) und wol gesniten sind die Kleider von Gahmurets Gefolge im 'Parzival' des Wolfram (2,62). Tristans Kleidung in Gottfrieds Text ist nâch sînem lîbe gesniten (5,3347). Ein Kleid für Obilot sneit man an daz vröuwelîn (Parzival, 7,375) und ein Kleid por son cors estoit taillèe im Erec des Chrétien (1572). Isoldes Kleid ist an der Hüfte g'enget, nâhe an ir lîp getwenget (T15,10905f).

 

Modebewusstsein wird am ausführlichsten an der ansonsten physisch hässlichen Cundry von Wolframs 'Parzival' beschrieben: Sie trägt einen Kapuzenmantel al nâch der Franzoyser siten (...) von Lunders (London) ein pfaewin huot (Pfauenhut), der huot was niuwe (etc., 6,313). Später heißt es: ir cleider tiure und wol gesniten, kostbaere nâch Franzoyser site. (15,778). Kleider in dem snite von Franze (T15,10901) sind seit der Gotik dernier cri. Überhaupt beginnt mit dem Aufstieg des französischen Königtums eine enorme Einflussnahme Frankreichs auf die deutschen Lande. Zu den künste gehört es eben nun auch, franzeis zu reden (Parzival 6,329).

 

Heute noch am sichtbarsten nachvollziehbar ist die allmähliche Übernahme gotischer Bauformen und Skulpturen. Das beginnt um 1130 im Pariser Becken, wo Kirchenfürsten der neuen Mode bei immer größeren Bauten folgen und Architekten miteinander in immer filigraner durchbrochenem Mauerwerk und immer gewagteren Maßwerken miteinander konkurrieren. Während sich so Ästhetik in technischer Errungenschaft abspielt, übernehmen deutsche Kirchenfürsten erst Generationen später die neue Mode, indem sie sie als Detail übernehmen, wie der Erzbischof von Magdeburg den Domchor mit seinem Kapellenkranz oder neuartigen Kapitellen neben romanischen. In deutschen Landen taucht dann vollgültige Gotik erst mit den Neubauten der Trierer Liebfrauenkirche (ab 1227) und der Marburger Elisabethenkirche (ab 1235) auf. Danach ist dann kein Halten mehr, Innovation wird zum Selbstläufer, modern bzw. modisch zu sein wird zu einem erstklassigen Statussymbol, wie die Straßburger Kathedrale dann bald beweist. Italien wird da nicht ganz folgen, da es seine ganz eigene Verlängerung antiker Bauformen hatte.   

 

 

Innovation in der Musik und bei den Musikinstrumenten wird fürstliches Programm. Innovation im Musikprogramm wird der in den Quellen beschriebene Stolz der besonders Mächtigen. 1240 erhalten Beamte in Palermo und Messina den Auftrag, silberne Trompeten (tubas) bauen zu lassen und „schwarze“ Sklaven im Spiel an diesen Instrumenten auszubilden und dann an den Hof nach Foggia zu schicken.

Dazu kommt auch die Tendenz, in der Musik Moden zu folgen, sowohl in der Entwicklung in die Mehrstimmigkeit wie in dem Erscheinen neuer Instrumente und der Differenzierung in dörfische, städtisch-bürgerliche und adelige Musik. Polyphonie wird zwar von Leuten wie Bernhard von Clairvaux und Petrus Cantor verurteilt, zumindest für den kirchlichen Raum, aber die "Welt" schert sich bald nicht mehr darum und Bettelorden werden ihr bereits wie selbstverständlich anhängen.

 

***Exotik***

 

Die schwarzen Musikanten des zweiten Friedrich leiten über zu jener Pervertierung des höfischen Unterhaltungsprogramms, die als Exotik fasziniert und Menschen fremder Kontinente als „Exoten“ bewusst benutzt. Die Reste davon kennt man als Zirkusprogramme des 19. und 20. Jahrhunderts für die geringeren Untertanen.

 

Ein merkwürdiges Phänomen, welches besonders früh schon bei Kaiser Friedrich II. auftritt, ist eben diese Steigerung des Luxuriösen durch das Exotische, sicherlich nicht nur aus persönlicher kaiserlicher Neigung, sondern auch zum Beeindrucken des Publikums, als welches sich die Untertanen hin und wieder aufgewertet fühlen können. Man denke später nur an die "Mohren" der Höfe der Renaissance und des Barock und an das Türkisieren im 18. Jahrhundert, dem im Zentrum der osmanischen Macht das Barockisieren entspricht.

 

Im Bericht des Matthaeus Parisiensis von der Reise Richards von Cornwall 1241 an den Hof zu Foggia in der 'Cronica maior' tauchen zwei schön gestaltete sarazenische Mädchen auf. Sie stellten sich auf dem glatten Estrich mit ihren Füßen vier Kugeln, jede auf zwei, und rollten auf diesen fort.  So bewegten sie sich hierhin und dorthin und wohin es ihnen einfiel. Dabei klatschten sie in die Hände und bewegten auf verschiedene Weise die Arme im Spiel und unter Gesang. Mit den Händen schlugen sie tönende Zimbeln oder Becken zusammen und bewegten den Körper nach der Melodie. Dabei stellten sie in wunderbarer Weise allerlei Scherze dar. (in diesem Deutsch in: Houben, 2, S.119. Siehe auch: Stürner, S.348)

 

Ob es einen Harem aus Sarazenenmädchen gab, wie ein Franziskaner an Papst Innozenz IV. berichtet, ist ansonsten nicht belegbar, wird aber immer wieder unterstellt und zugleich geleugnet, wie vom kaiserlichen Gesandten beim Konzil von Lyon: Die sarazenischen Mädchen hält er sich nicht zum Beischlafe - wer könnte das beweisen? - sondern wegen ihrer Gewandtheit und wegen einiger anderer weiblicher Kunstfertigkeiten. (in: Houben2, S.119). 

 

Bekannt ist, dass Herrscher und überhaupt der Hochadel aufgrund ihrer Macht sich überall Geliebte oder Sexualobjekte für einen kurzen Koitus oder längere „Liebschaften“ in ihren Machtbereichen aussuchen können, wobei in der Regel Gewalt nicht nötig ist, da Mädchen und Frauen in Zivilisationen sich oft geehrt fühlen, wenn höhere Herren sie erwählen, sich sexuell und sozial aufgewertet fühlen und oft materielle Vorteile davontragen. Seit der Zeit der Frankenherrscher kommt es immer wieder vor, dass Könige und Fürsten unter ihnen weit mehr uneheliche als legitime eheliche Kinder haben. Von Kaiser Friedrich II. sind etwa zwölf namentlich bekannt.(Houben2, S.126 zählt sie auf).

 

Für viele Menschen scheint das Exotische einen besonderen erotischen Reiz zu besitzen. Fasziniert sind sie aber wohl überhaupt von exotischen Tieren, soweit diese eingesperrt oder gar domestiziert sind. Mit sicherem Gespür dafür schickt ein Kalif von Bagdad dem großen Karl einen Elefanten als Geschenk.Der Sultan von Ikonium soll Heinrich ("dem Löwen") zwei Leoparden geschenkt haben, "die darauf abgerichtet waren, auf Pferden zu sitzen, samt Sklaven als Wärter für die Tiere" (Borgolte, S.63). Eine Etage darunter besitzen die römischen Frangipane auch einen Leoparden, der eine Frau im Hause anfällt und wohl tötet. (Wickham(1), S.153)

 

Friedrich II. besitzt bei seiner Residenz in Foggia  einen ganzen zoologischen Garten aus Elefanten, einer Giraffe, Dromedaren und Kamelen, mit Löwen, Leoparden und Panthern, Bären, Affen und Papageien, und dazu dann die Jagdvögel wie die von den Fürsten geliebten Falken. Das Einsperren und manchmal auch Domestizieren wilder Tiere zum eigenen Amüsement und dem der Massen wird bekanntlich bis heute üblich bleiben und die Entfremdung von immer mehr Menschen von der Natur fördern.

 

In diesen Zusammenhang gehört die fürstliche Jagd, das erste mittelalterliche Amüsement, welches als Sport bezeichnet und betrachtet wird. Dabei ist immer noch der Aspekt der Nahrungsbeschaffung insofern enthalten, als Wildbret nun zum adeligen Privileg geworden ist und als besonders edel gilt. Darüber hinaus dient sie weiterhin einmal der körperlichen Ertüchtigung und Herausbildung der Tugenden eines Kriegerideals, welche damals auch Könige noch vorweisen müssen. Zudem ist sie als Gemeinschaftserlebnis Sozialisierungsfaktor und dient der Machtdemonstration von Fürsten. Als besonders edel gilt die Abrichtung von Raubvögeln (Falken vor allem) und Raubkatzen (die Geparden Friedrichs II.), identifizieren sich doch Fürsten und höherer Adel bis in ihre Wappen hinein mit deren aggressivem Verhalten. (Beizjagd ist die Jagd mit beißenden und dafür domestiziert bissigen Jagdtieren).   

Fürsten sind zuallererst weiter Krieger. Am Ende seines 'Liber ad honorem Augusti' feiert der Kleriker Petrus von Eboli die Geburt des künftigen Kaisers Friedrich II.: Eben als im Triumph der Kaiser lässt ruhen die Waffen, / wird ihm geboren der Sohn, künftiger Waffentaten Held. (in Eickels/Brüsch, S. 26) Mögen Fürsten seit dem Hochmittelalter auch zunehmend Andere an der Spitze von Truppen in den Kampf ziehen lassen, mögen sie auch immer ausgiebiger von ihren Residenzen aus das Leben genießen, der Krieg und ihr Auftritt als Krieger bleibt ihre erste Daseinsberechtigung. 

 

Hofgesinde

 

Der gebildete Adelige Peter von Blois, ein Höfling niederer Art bei mehreren Fürsten,  beschreibt den Hof König Heinrichs II. von England in einem möglicherweise Ressentiment-geladenen und bewusst etwas überzeichnenden Brief:

Das Hofgesinde bekommt oft schlechtes, schweres, unausgebackenes Brot, Fleisch von kranken Tieren und stinkende, alte Fische! - damit nur einige desto besser leben können. Der Wein ist bisweilen so abscheulich, dass man ihn nur mit geschlossenen Augen und Zähnen herunterwürgen kann. Keiner weiß: wird der König bleiben oder abreisen: woraus für Hofleute, Kaufleute und viele andere gar große Not entsteht. Dann läuft man umher und erkundigt sich bei Huren und Kammerdienern: denn diese Art von Menschen ist für gewöhnlich am besten unterrichtet. Dem Hofe folgen fleißig Schauspieler, Sängerinnen, Würfelspieler, Weinverkäufer, Narren, Possenreißer, Bartscherer, von Huren und Dienern, die über Hofgeheimnisse am besten Bescheid wissen, ganz zu schweigen. Plötzlich aber wird die Reise geändert; dann fehlt es plötzlich an dem Nötigsten, und über Nachtlager, um deren willen nicht einmal die Schweine in Streit geraten sollen, entstehen arge Schlägereien. Mit Fremden und Gästen gehen die Marschälle nach Willkür um, und der Redliche wird am Hofe oft so zurückgesetzt, wie der keine Mittel scheuende Nichtsnutzige hervorgehoben und begünstigt. (deutsch in: Houben2, S.128) 

 

Das Wort Gesinde ist inhaltlich verwandt mit dem Wort Gefolge. Es folgt den Fürsten in seinem Reisekönigtum und teilweise in den Krieg. Dabei sinkt es immer mehr unter das Niveau der den Fürsten in seiner Herrschaft beratenden und ihm dienenden Hofadel und der die Verwaltung tragenden obersten Beamtenschaft. Es wird nach und nach zum allgemeinen Begriff von Dienerschaft, Bediensteten, um dann in der Volkssprache schließlich in Identifikation mit der Sicht der Mächtigen im "Gesindel" zu enden.

 

Eine besondere Rolle in Zeiten einer ausgeprägten "Ritterlichkeit" spielen die adeligen Jugendlichen, die für ihre Erziehung und Ausbildung an Höfe geschickt werden. Es sind dies edle "Knappen", für die sich im romanischen  Raum wie zum Beispiel im Königreich Sizilien das Wort valet herausbildet. Sie übernehmen dienende Aufgaben bei Hofe und gehen dann entweder wieder, wenn sie Ritter werden, oder gliedern sich in das fürstliche Heer oder die Verwaltung ein. In Renaissance und Barock wird daraus der Kammerdiener, und als dessen weibliches Pendant die Zofe.

 

Kaufkraft

 

Wenn Kapitalismus ein spezifisches Geflecht aus Produktion, Distribution und Konsum ist, dann treibt der Adel und insbesondere das Fürstentum seine Entstehung aus der dritten Sphäre heraus an. Im frühen Mittelalter sind es Kirche, Kloster und die Frühformen von Adel, die nicht nur Überschüsse der ländlichen Produzenten dafür nutzen, sondern dabei auch die Abnehmer der Waren jenes Fernhandels sind, der vor allem zu größerer Kapitalanhäufung führt. Dieser Fernhandel mit Luxusgütern diente einer winzigen, aber umso mächtigeren kleinen Schicht.

 

Originäre Kapitalanhäufung findet also in den Händen derer statt, die den Konsumbedarf und die Machtgelüste kleiner Gruppen Reicher und Mächtiger bedienen, derer, die Kaufkraft haben. Dazu kommt, dass wir es mit einer Welt zu tun haben, in der Geschenke eine elementare Bedeutung für die Herstellung und Aufrechterhaltung "freundschaftlicher" Beziehungen haben. Und ob es sich um Gegenstände aus Gold, Silber, Elfenbein und mit Edelsteinen verziert, um kostbare Kleider oder Luxus-Pferde handelt, das alles muss zunehmend auf dem Markt erworben werden.

 

Eine Pflicht-Form des Geschenkes ist die Mitgift, und sie hat um so größer zu sein, je reicher und mächtiger ein Fürst ist, denn genau das stellt er damit zur Schau. Wirkliche Geschenke kennt das Mittelalter des aufstrebenden Kapitalismus kaum mehr, und auch die Mitgift wie andere "Geschenke" werden bei jeder Transaktion, die nicht nur das Verleihen eines Privilegs, sondern auch die Eheschließung ist, werden ausführlich verhandelt.

Eine Vorstellung über die Größenordnung von Spitzen-Geschenksendungen gibt die Mitgift des Königs von England für seine Tochter Mathilde von vielleicht 5000 Pfund, die ihr Gemahl Heinrich ("der Löwe") einsacken wird:

 

Man brauchte "je zwanzig Säcke und Truhen, damit alles auf vierunddreißig Packtiere verladen und zu den Schiffen gebracht werden konnte: Gold, um Geschirr damit zu vergolden; sieben vergoldete, scharlachbezogene Sättel; zwölf Zobelperlze, zwei große Seidentücher, zwei seidene Wandteppiche, drei Bahnen spanischen Seidenstoffs (panni de Musce) und eine Decke aus samit, sechsfädig verarbeiteter, schwerer und glänzender Seide. Diese Artikel hatte Edward Blund zusammengestellt, ein kaufmännisch erfahrener Mann aus guter Londoner Familie, der als eine Art Generalmanager des Hofes königliche Bauvorhaben betreute, Luxusgüter einkaufte, Feste ausrichtete und logistische Probleme löste." (EhlersHeinrich, S.191)

 

Schon bald danach, 1168, trifft Henry II. auf seinen welfischen Schwiegersohn und wieder sind so reichliche königliche Geschenke fällig, dass der König einen Boten nach England um Geld-Nachschub schicken muss. Für die Krönungsfeier von Richard ("Löwenherz") werden alleine 1770 Kannen und 5050 Teller gekauft, wie in den königlichen Rechnungsbüchern steht. (Ashbridge, S.256)

 

Eine Etage darunter ist Welf VI. anzusiedeln. So beschreibt Rösener das:

 

„Welf VI. war vor allem nach dem Verlust seines Sohnes, der (…) 1167 auf dem Italienzug gestorben war, bestrebt, ein glänzendes Ritter- und Hofleben zu führen. Er gab, wie der Chronist berichtet, üppige Gelage, inszenierte großartige Feste, und geizte nicht mit Geschenken. Den Rittern seines Hofes verehrte er prachtvolle Rüstungen und kostbare Gewänder, auch die Liebe zu zweifelhaften Frauen (amor muliercularum) ließ er sich einiges kosten. Sittliche Verfehlungen sühnte er durch großzügige Barmherzigkeit. Klöster und Kirchen, und insbesondere das von ihm gestiftete Prämonstratenserkloster Steingaden, das er für sich und seine Familie als Grablege bestimmt hatte, bedachte er mit reichen Schenkungen. Im Kreis seiner Freunde und ritterlichen Gefolgsleute feierte er glänzende Hoffeste, wie z.B. 1175 auf dem Gunzenlech bei Augsburg, wo er zusammen mit vielen Magnaten aus Bayern und Schwaben ein prächtiges Fest gestaltete und die von weither zusammengeströmte Menge großzügig bewirtete.“ (Erinnerungskulturen, S.53)

 

 

Im elften und zwölften Jahrhundert werden geistliche und weltliche Fürsten Förderer und Gründer von Städten, in denen etwas neues entsteht, nämlich Massenkaufkraft. Diese betrifft zuallererst Lebensmittel, denn die Städter sind keine Selbstversorger mehr wie bislang das Land. Mit der Zunahme städtischer Bevölkerung ist das Umland bald nicht mehr ausreichend, um die städtische Bevölkerung zu versorgen, was bereits im 12. Jahrhundert für die reichsitalienischen Städte zu gelten beginnt. Insbesondere in Zeiten von regionalen Missernten müssen Massen von Lebensmitteln, Getreide vor allem, aus der Ferne herbeigeschafft werden. Daneben gibt es einen ständigen, täglichen Zufluss an Konsumgütern aller Art durch die Tore der größeren Städte in die entstehenden Läden und aufblühenden Märkte. Zunehmende Spezialisierung bedeutet Arbeitsteilung und zunehmenden Warenverkehr, innerstädtisch wie aus größerer Ferne.

 

Eine städtische Oberschicht aus Ministerialität und Großkaufleuten entsteht, in Italien und Südgallien insbesondere darüber eine des stadtsässigen Adels. Sie vereint auf verliehenen Rechten basierende Macht mit solcher, die aus ihrem wachsenden Reichtum entsteht. Nach und nach übertreffen sie manche ländliche Adelsfamilie an Wohlstand, und sie setzen ihre Kaufkraft nicht nur in Investitionen um, sondern legen sie zunehmend auch wie der Adel in jenen Luxusgütern an, die überhaupt erst ihre Anstrengungen in der Erlangung von Reichtum begründen und als Machtinsignien zugleich ihren Status demonstrieren. Diese wachsende Gruppe eines manchmal so genannten Patriziats beginnt in eingeschränkterem Maße ebenfalls Massenkaufkraft darzustellen: Luxusgüter gehen nun sozusagen in Serienproduktion über. Dazu gehören zuallererst die immer mehr der Mode folgenden Tuche, aus denen nun Kleidung geschneidert wird, dazu Produkte aus Leder wie Schuhe, Produkte aus Pelz, Kopfbedeckungen usw.

 

Die Verstetigung von Massenkaufkraft setzt eine massive Vermehrung des umlaufenden Geldes voraus und setzt sie in Gang. Dazu gehört die Integration der Landbevölkerung in ein Marktgeschehen, wenn auch auf niedrigem Niveau. Immer mehr handwerkliches Können löst sich aus dem Kontext ländlicher Selbstversorgung und zieht in die Städte ab, wo es größere Abnehmerschaft gibt. Zugleich nimmt der Anteil an Pflanzenproduktion zu, die nicht mehr der Ernährung dient, sondern handwerkliche Rohstoffe darstellt (Wachs, Flachs, Wolle, Farbstoffe usw.).

 

Die Ablösung von ländlichen Dienstleistungen durch Geld füllt nicht nur die Taschen der Herren, sondern treibt die entstehende Bauernschaft stärker als zuvor auf die Märkte. War die Kaufkraft der einzelnen Bauernfamilie auch gering, so gehörten doch andererseits meist immer noch 80 bs 90 Prozent der Bevölkerung zur ländlichen Bevölkerung, was insegsamt sich durchaus ebenfalls als eine Form von Massenkaufkraft darstellen lässt.

 

Der rapide Aufstieg der Bedeutung des Geldes zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert ist Ausdruck einer enormen Veränderung der Lebensverhältnisse. Überall im lateinischen Abendland wird das auch so wahrgenommen. Die Literatur wimmelt nur so von Feststellungen, welche Umwertung traditioneller Wertvorstellungen das mit sich bringt. Geldgier macht sich als Thema breit, während die „ritterliche“ Literatur als ideale Gegenwelt das systematisch ausspart.

 

Die Fürsten brauchen das Geld zuallerst für die militärische Machtentfaltung. Kriege und größere Fehden müssen finanziert und immer häufiger vorfinanziert werden. Zunächst helfen dabei lombardische, später auch toskanische Kreditgeber, die sich zu frühen „Bankiers“ entwickeln. Es entsteht jene enge Verbindung von großbürgerlichem Kapital und fürstlicher Herrschaft, aus der dann die neue Staatlichkeit triumphal emporsteigen wird. Macht, fiskalischer Reichtum und Bankwesen beginnen eine Einheit zu bilden. Nicht die mythenbildenden ritterlichen Heldentaten, sondern die fürstliche Kaufkraft siegt immer mehr auf den Schlachtfeldern.

 

Treue, der Eid und ritterliche Ideale schwinden rapide, sobald sie in der Literatur auf den Podest gehoben werden. Käuflichkeit tritt an ihre Stelle. „Erzbischof Arnold von Köln soll für den Übertritt zu Philipp vom Staufer 5.000 oder gar 9.000 Mark erhalten haben (…) Dass Otto IV. nach dem Tod Philipps als dessen Schwiegersohn allgemein als König anerkannt wurde, kostete ihn nach der Braunschweiger Reimchronik wol zwe und zwenzich dhusent marc, ... dhe he gaph dhen herren.“ (KellerBegrenzung, S.434) Und das waren keine Einzelfälle.

 

Neue Staatlichkeit hat so ihren ersten Motor in der Geldgier der Fürsten, die bei der Bildung von Territorien darauf achteten, vor allem fiskalische Möglichkeiten auszuschöpfen oder zu gewinnen. Wenn diese dann für einen für notwendig erachteten Kriegszug nicht ausreichten, oder der ansteigende Bedarf der Höfe in Friedenszeiten nicht ausreichte, wurden insbesondere auf dem Weg ins Spätmittelalter Herrschaftsrechte verpfändet, später auch ganze Städte mit ihrer Bevölkerung. Die kriegerischen Ambitionen und die höfische Prachtentfaltung führen so immer wieder in Verschuldung, die bis an die Grenzen der Kreditwürdigkeit der Potentaten geht. Wo die überschritten wird, droht der Herrscher mit seiner militärischen Macht, der kreditgebendes „bürgerliches“ Kapital wenig entgegenzusetzen hat.

 

Und so werden die Messeorte der Champagne auch zu Plätzen, an denen die Fürsten Kredite aufnehmen und einlösen. Aber auch an ihren Höfen wird der Verkehr mit lombardischen und später auch toskanischen Finanziers üblich. „Bald gab es in West- und Südeuropa kaum noch einen Krieg, den nicht die italienischen Gesellschaften mitfinanzierten.“ (KellerBegrenzung, S.436)

 

Das betrifft auch die geistlichen Fürsten, die neben ihren Fehdekriegen und ihrer immer prunkvolleren Hofhaltung auch für das sich perfektionierende Steuersystem der Päpste aufzukommen haben. Anfang des 13. Jahrhunderts sind die Erzbischöfe von Trier, Mainz und Köln bereits hoch verschuldet, ebenso wie viele Bischöfe und Abteien in deutschen Landen zum Beispiel, und so mancher Nachfolger muss sich dann mit dem übernommenen Schuldenberg herumschlagen. Bislang wurden für die Liturgie bestimmte Kirchenschätze dann eingeschmolzen, um sie in Zahlungsmittel zu verwandeln, aber nun gelangen sie auf einen neuartigen „Kunstmarkt“, wo zum Wert des Edelmetalls und der applizierten Preziosen das offenbare Talent spezialisierter Kunsthandwerker wertsteigernd hinzukommt.