FÜRSTEN, HOF UND RESIDENZ (12.Jh. -1250)

 

Fürsten

Fürstenhof und Residenz

Ein Beispiel: Die Welfen

Natur und lyrisches Ich

 

 

Fürstentum

 

Wer über mehrere adelige Herrschaftskomplexe mit ihren Rechten und Einnahmen verfügt, versuchte sie miteinander zu verbinden, und gehört zu den ersten im Adel, den principes, Fürsten. Das sind dann noch keine geschlossenen Territorien, denn sie sind durchzogen von Eigentum und Rechten anderer Herren. Aber mit solchen Fürsten haben die Könige umzugehen und sie in ihre Machtausübung einzubeziehen.

Diese "Fürsten" sind aber kein klar definierter Begriff, denn dafür müssen sie erst zu einem eigenen "Stand" werden, der sie aus dem Adel heraushebt, was im römischen Reich im 12./13. Jahrhundert geschieht. Kaiser Friedrich I. definiert schrittweise ein Reichsfürstentum über Einzelakte wie das Privilegium Minus und den Umgang mit Heinrich dem Löwen, oder wie der Erhebung des Grafen Balduin V. von Hennegau zum Markgrafen von Namur (also zum Fürsten) 1184.

 

Unter Kaiser Friedrich I. gibt es aus Sicht des Kaisers rund 22 weltliche Fürsten, jener weltliche Adel nämlich, dem es gelingt, Vorformen von Herrschaften über Territorien zu erringen. Das sind dann Pfalz, -Mark- und Landgrafen und Herzöge. Dazu kommen fast hundert geistliche Fürsten, nämlich (Erz)Bischöfe und Reichsäbte. Aus allen diesen kristallisieren sich dann in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts die vornehmsten heraus - die späteren Kurfürsten, die den König küren.

Indem die Fürsten zum Stand zusammenwachsen, werden sie präziser definiert als diejenigen, die direkt vom König belehnt werden und nicht feudal an andere weltliche Lehnsherren gebunden sind. Zudem musste ein Fürst neben "dem lehnsrechtlichen Kriterium (...) zudem ein landrechtliches Erfordernis erfüllen: Er musste Gebietsherrschaft über ein Land und, damit verbunden, eine übergeordnete Gerichtsgewalt über Grafen und Edelfreie ausüben. Ohne territoriales und jursdiktionelles Substrat war ein Fürstentum nicht vorstellbar."(Spieß, S. 43)

In Westfrancien dagegen gibt es nur wenige geistliche Fürstentümer, die auch als solche anerkannt werden, und unter den weltlichen beginnt der König hervorzuragen, dem es gelingt, seinen direkten Herrschaftsbereich immer weiter auszudehnen.

 

Im römischen Reich des 12./13. Jahrhunderts entstehen neue Fürstentümer und alte verfallen. Als Beispiel mag der Raum zwischen Rhein, Main und Neckar dienen, wo die Bistümer Mainz, Worms und Speyer und die Reichsabtei Lorsch geistliche Fürstentümer sind. 1156 bekommt Halbbruder Konrad von Friedrich Barbarossa die Pfalzgrafschaft übertragen, die nun langsam zum weltlichen Fürstentum in dem Raum aufsteigt und dabei den geistlichen Fürstentümern Machtvollkommenheiten nimmt und dadurch auch den Ruin der Reichsabtei zur Folge hat, die 1232 an den Mainzer Erzbischof übertragen wird. Da es zwischen Pfalzgraf und König keinen zwischengeschalteten Herzog gibt, und diese "Pfalz" ihren Herrschaftsbereich erheblich erweitern kann, wird sie in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts aus der Fülle ihrer Macht heraus zum Fürstentum, während Speyer geschwächt und Worms nach und nach der Bedeutungslosigkeit zugeführt wird. Am Ende erhält der Pfalzgraf eine besonders erstrangige Stimme im Kurfürstenkollegium.

 

Fürsten tendierten dazu, Hauptorte und zentrale Residenzen zu haben , wie zum Beispiel die Wartburg in einer bestimmten Phase der Landgrafschaft Thüringen, und wie der Adel unter ihnen zentrale religiöse Zentren, die zum Beispiel als Begräbnisorte der Familie fungieren (Reims/St.Denis oder Westminster Abbey für Könige). Dies gilt nicht für die Könige, die kurioserweise "römische" hießen und nicht deutsche, obwohl das da hinein integrierte Langobardenreich nie dauerhaft unter ihrer Kontrolle war und die Stadt Rom schon gar nicht. Da sich kein klarer Herrschaftsraum Deutschland entwickelt und keine deutsche Monarchie, wird es auch bis 1871 keine deutsche Hauptstadt geben, und eine solche verfügt dann danach nur über einen Teil deutscher Lande.

 

Zentrale Burgen wurden mit dem Ausbau oder der Neugründung von Städten verbunden, die noch keine Residenzstädte waren wie die bischöflichen es wurden, aber die der Versorgung der Burg und als Wohnsitz fürstlichen Personals dienen konnten und den Reichtum der Fürsten vermehrten. Während Lebensstandard und Wohnkultur des niederen Rittertums nach und nach nicht mehr mit dem Niveau reicher Kaufmannsfamilien wird mithalten können, werden solche festungsartige fürstliche Burgen ausgebaut, um neben der militärischen Mannschaft und Personal mehr Platz für Familie und Gäste zu bieten. Damit entsteht, nach der Entwicklung in Westfranzien und diese manchmal imitierend, auch in deutschen Landen das, was wir heute als höfische Kultur bezeichnen. Diese wird als Demonstration von Reichtum und Lebensstil zu einem wichtigen Moment fürstlicher Machtausübung.

 

Mit der Herausbildung von Fürstentümern schwindet nach und nach die Dominanz des kriegerischen Aspektes, stattdessen werden Fürsten zunehmend zu Herren über eine Verwaltung, deren vornehmstes Ziel die Generierung von Einnahmen ist, und sie entwickeln mit ihren Mitteln neben der Kriegführung zunehmend die Hofhaltung als Zentrum fürstlichen Handelns. Um 1155 schreibt Landgraf Ludwig II. an seinen Bruder Heinrich Raspe II.: Ich möchte, dass Du in Friedenszeiten ablässt von den unnützen Kriegsspielen mit den Waffen (…), dass du vielmehr deine Tüchtigkeit und deinen Fleiß in den öffentlichen Geschäften des Reichs zum Erstrahlen bringst, wie es einem Fürsten geziemt. (in 'Verwandlungen', S.68) Der Fürst wird stärker zum "Politike"r (hier am Kaiserhof) oder zum Auftraggeber von angestellten Politikern.

 

Der langsame Weg in die Entstehung fürstlicher Territorien in deutschen Landen mit sich in den Händen von Fürsten konzentrierender vielfältiger Hoheit geschieht so einmal immer mehr durch die Verdichtung fürstlicher Macht in einem „Territorium“, einem Herrschaftsgebiet, was aber nicht ausschließt, mit Nachbarn Kriege zu führen mit der Hoffnung auf Gebietserweiterung.

 

Keller betont dabei die Funktion des Geleitrechtes, eines ursprünglich königlichen Regals, welches immer mehr in die Hände solcher Herren ihres Landes gerät. „Schon unter Barbarossa war das Geleitsrecht ein Attribut herzoglicher, reichsfürstlicher Gewalt, Friedrich II. erkannte es den Landesherren innerhalb ihres Herrschaftsbereichs allgemein zu. Dabei wurde stets eine enge Verbindung hergestellt zwischen der Erhebung von Straßen- oder Schiffszöllen, der Pflicht zur Ausbesserung von Straßen und Brücken sowie dem Geleitsrecht, das man als Verpflichtung verstand, allen Reisenden innerhalb des eigenen Machtbereichs sicheren Schutz zu gewähren.“ (Begrenzung, S.353)

 

Geistliche Fürsten (ff)

 

Bischof Wolfger von Passau war Sozialaufsteiger in seinem Amt, aus dem für 1203/04 Reiseabrechnungen erhalten sind. "Die Aufwendungen für Tuch, Schneiderlohn, Ausbesserungen und Reinigung sind beträchtlich (...) Das Bedürfnis des Bischofs nach Luxus wird deutlich: Man kauft Stoffe aus Kamelhaarwolle, Seide, feine Leinwand, braunen italienischen Brokat, indischen Taft - und - als die kalte Jahrezeit naht - mancherlei Pelzwerk. (...) So oft es ihm möglich ist, huldigt er unterwegs der Jagd, vor allem der Falkenbeize. Mehrfach sind Aufwendungen für Jagdhelfer, Falkner, den Ankauf edler Vögel in die Listen eingetragen." (WGoez, S. 298f) "Gauker, Sänger, Taschenspieler, Rezitatoren, Geiger, sogar Messerwerfer" werden bezahlt, in Siena eine Sängerin zusammen mit zwei Jongleuren. Im November 1203 bekommt ein Herr Walther von der Vogelweide für seine Darbietungen einen Pelzmantel gekauft. (s.o.)

 

 

Fürstenhof und Residenz

 

Fürsten mit zunehmend totalitären und despotischen Neigungen, die sie gerne als christliches Patriarchat darstellen, mit den Untertanen in einer Kinderrolle und den großen Kapitaleignern als Juniorpartnern, schöpfen die Einkünfte ihrer Untertanen soweit für ihre persönlichen Bedürfnisse wie die des neuen Staates ab, soweit dies möglich ist, ohne dass dabei dem steten Vermehrungsdrang des Kapitals Grenzen gesetzt werden. Zumindest in deutschen Landen konzentrieren sich im 12./13. Jahrhundert dabei die Reichtümer auf immer weniger Höfe. Mit den daraus resultierenden Finanzmitteln wird die Staatsmacht nach innen (unten) und nach außen (nebenan) ausgebaut. Der wesentliche weitere und genauso wichtige Effekt des zunehmenden Reichtums der politischen Macht ist seine Rolle für die Nachfrage nach Gütern auf dem immer wichtigeren Markt.

 

Sobald es fürstlichen Machthabern gelingt, eine Verwaltung zu etablieren und zu finanzieren, die Mediatisierung ihrer Macht durch mehr direkte Herrschaft ablöst, Macht also auf eine Person hin zu konzentrieren, die mit der neuen Staatlichkeit identisch ist, reist der Hof, also der Herrscher mit seiner Entourage, nicht mehr herum, sondern lässt sich in einer festen Residenz nieder, in deren Nähe sich oft so etwas wie eine Hauptstadt entwickelt, eine Kapitale, wie es in anderen europäischen Sprachen heißt.

 

Eine solche Kapitale hat viele Vorteile für den Herrscher. Die betreffen nicht nur seine Bequemlichkeit, sicher ein wesentlicher Grund, warum der große Karl im Alter immer mehr Zeit in Aachen mit seiner Palastanlage, seinem Thermalbad und seinen Jagdgründen verbringt. Schon vor der allgemeinen Sesshaftigkeit der Machthaber reist der Kronschatz bzw. Staatsschatz aus Gründen der Sicherheit nicht mehr immer mit, sondern wird sozusagen sesshaft. Ein weiterer ganz praktischer Grund für eine feste Residenz ist, dass man in der Konzentration auf nur einen zentralen Ort dessen Prächtigkeit als Repräsentanz der Macht verstärkt ausbauen kann.

 

Wenn der Hof nicht mehr ständig reist, sondern ortsgebunden wird, also eine zentrale Residenz erhält, vergrößert er sich alleine schon deshalb, weil er Besucher von überall aus dem Herrschaftsraum dorthin konzentriert. Das Musterbeispiel ist von Anfang an der päpstliche Hof. Bis zur Emigration nach Avignon ist er deshalb in Rom, weil Bischöfe auf ihre Bischofsstadt, ihre cathedra und deren Gebäude, die Kathedrale, sowie auf ihren Bischofspalast fixiert sind, auch wenn Bischöfe wie andere Fürsten viel reisen, und nicht nur auf Kriegszügen. Mit dem Ausbau des Papsttums zu einem mächtigen und reichen Fürstentum, welches seit dem elften Jahrhundert die Kirche als seinen und damit den modernsten und größten Verwaltungsapparat in Europa behandeln kann, lässt sich dann die Residenz verlegen, ohne dass die Machtvollkommenheit dabei auf Dauer allzu großen Schaden erleidet.

 

Sobald Machthaber geschlossene Territorien anstreben und dann dazu neigen, an einem Hauptort zu residieren, versuchen sie den höheren Adel unter sich an ihren "Hof" zu binden. Ein wesentliches Instrument dafür sind Feste, an denen sie gleichrangige Freunde und untergebenen Adel versammeln.

Ein anderes besteht darin, die Neigung des Adels, seinen männlichen Nachwuchs schon in jungen Jahren zur Ausbildung an einen Hof zu schicken, weidlich auszunutzen, um schon die jungen Leute an sich zu binden. Das geschieht bereits im "ritterlichen" zwölften Jahrhundert und erinnert etwas an die königlich-kaiserlichen Hofkapellen der karolingischen, sächsischen und salischen Könige, in denen junger Klerus an den Herrscher gebunden wird, um dann Bistümer zu übernehmen. Es ist überhaupt eine Tradition, die schon die christlichen Imperatoren Roms pflegten.

Für Friedrich II. und seinen sizilischen Hof ist bekannt, dass er viel jungen (weltlichen) Adel als valetti zur Erziehung übernahm, die er dann in Verwaltung und Militär in Schlüsselpositionen einsetzt. Im Unterschied zu früheren Jahrhunderten zeichnet sich dabei bereits eine massive Säkularisierung ab.

 

Der nächste Schritt betrifft stärker das spätere Mittelalter und die frühe Neuzeit und wird nicht für die deutschen Lande gelten: Territorialherren mit immer zusammenhängenderen von ihnen beherrschten Landschaften halten sich häufiger und länger an königlichen Höfen auf, bis sie ihre Residenzen wie ein Großteil der Fürsten des entstehenden Frankreichs ganz in die Nähe des Königs in dessen Residenz in der Kapitale Paris verlegen. Dass es dabei um die Nähe zum hauptstädtischen Königshof geht, erweist sich daran, dass das Verlassen der Hauptstadt durch die Könige zum Ende des Mittelalters auch die Abwanderung der Fürstenhöfe aus der Kapitale zurück in die Provinz bedeuten wird.

 

Es entsteht dabei ein vielfaches Nachfragephänomen auf dem hauptstädtischen Markt, welches die Luxusbedürfnisse des königlichen Hofes und im Gefolge des dort und in der Nähe versammelten Hochadels betrifft, aber auch die staatlichen Bedürfnisse nicht zuletzt militärischer Natur. Die in Hauptstädten und Residenzorten zunehmende Bevölkerung bedeutet dann auch Nachfrage nach Massenwaren in einer zunehmend arbeitsteiligen Welt. An erster Stelle steht dabei der Bedarf an Nahrungsmitteln, insbesondere an Getreide für die städtischen Massen. Aber auch die durch Gärung keimfreier gemachten leicht alkoholischen Ersatzgetränke für in der Regel verdrecktes Wasser in und um die Städte werden immer wichtiger, sowie der Import von Rohstoffen und Halbfabrikaten für das teilweise stärker kapitalkonzentrierte Handwerk mit seiner Tendenz zur Lohnarbeit.

 

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Der Hof eines Herrschers dient nicht nur den luxuriösen Annehmlichkeiten und Vergnügungen des Herrschers und seiner auch dadurch angezogenen Entourage aus Höflingen, Beamten und Angestellten, sondern auch der sinnlichen Verdeutlichung der Macht. Wir sind im 13. Jahrhundert noch weit entfernt von der abartig-pervertierten Welt von Versailles, deren hybride Widerwärtigkeiten am Ende nicht mehr zur Identifikation durch den Pöbel und der Mittelschichten einladen und selbst den höheren Adel hin und wieder abzustoßen beginnen. Aber zwei Phänomene beginnen sich in den höfischen Residenzen einzunisten. Da ist einmal die Abschottung der Herrscher vom Alltag der Untertanen und von dessen Wahrnehmung. Am Ende stehen, 800 Jahre später, die völlig unter einer opaken Käseglocke lebenden Politiker wie jene von Bonn und Berlin, die von ihren Untertanen nur noch als „die Menschen da draußen“ oder „draußen im Lande“ reden, und von denen die meisten bis ins kleinste Detail so abgeschottet sind wie die späten Ludwige Frankreichs. Im besten Fall lernen Herrscher und später Politiker der oberen Etagen sinnlich wahrnehmbare Wirklichkeit jenseits ihrer völlig eingeigelten Existenz nur noch punktuell und vielleicht so wie Kunden der Tourismusindustrie heute Ferienorte kennen, also meist fast gar nicht.

 

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In Palermo hatten die aus der brutalen Räuber- und Mordbrennertradition der Wikinger herstammenden Normannen unter ihren Königen den Hof einer frühen Despotie eingerichtet, in derselben Zeit, in der auch die Päpste, allerdings in sehr eigenartiger Form, sich zu uneingeschränkten Despoten erklären. Darauf baut der König und Kaiser Friedrich II. auf, und er verstärkt die typischen Aspekte eines despotischen Hofes noch ganz erheblich, insbesondere, nachdem er die Residenz nach Foggia in der nordapulischen Capitanata, in die Nähe seiner sarazenischen Militärkolonie und Festung Lucera verlegt, wo er mit ihnen eine ihm auf Gedeih und Verderb ausgelieferte, weil in seinem Reich völlig isolierte muslimische Leibgarde und Elitetruppe von Bogenschützen besitzt.

 

Vom Palast des Herrschers in Foggia ist kaum noch etwas erhalten. Ähnlich ist es den Jagdschlössern in der Umgebung ergangen. Zu besichtigen aber ist das sogenannte Castel del Monte, dessen Funktion völlig unbekannt ist, und welches vielleicht nie benutzt wurde und in seiner Monumentalität nur die schiere Macht des Herrschers darbieten soll.

 

Bild

 

Zivilisationen basieren auf der Neigung der in die Untertänigkeit gebrachten, sich mit der Übermacht der Gewalttäter, in diesem Fall der Herrscher, aber auch gewöhnlicherer Verbrecher zu identifizieren, um ihre Ohnmacht durch phantasierte Teilhabe an der Macht erträglich oder sogar angenehm zu machen. Soweit das für die letzten zehntausend Jahre überhaupt bekannt ist, nimmt diese Identifikation in dem Maße zu, in dem die Machthaber grausamer und brutaler sind. Im Falle einer terroristischen Geiselnahme wurde dabei einmal vom Stockholm-Syndrom gesprochen. Je weniger gewalttätig und aggressiv Politiker in Demokratien auftreten, desto weniger Respekt wird ihnen in der Regel entgegengebracht. Die Identifikation, so kann man überall beobachten, wird nicht der Macht oder dem sogenannten Amt entgegengebracht, sondern jener Gewalt, mit der sich der Machthaber auszeichnet. Dass auf diese Weise vermieden wird, die eigene Ohnmacht und williges sich Ducken als Feigheit oder tiefes Unglück zu erleben, ist selbstredend zentraler Faktor dabei.

 

Aber die Identifikation mit brutaler Gewalt, Macht, Reichtum, ja ausgesprochenem Luxusleben anderer ist natürlich nicht nur Vermeidung der Wahrnehmung ihrer Bösartigkeit, sondern auch der Umwidmung von Ohnmacht in imaginierte eigene Macht. Ohnmacht wird so im Kollektiv der Untertanen zumindest in Momenten wahnhafter Hysterie als Macht erlebt, und daran hat sich bekanntlich bis heute nichts geändert.

 

Daneben gibt es noch den anderen Aspekt der Partizipation an der Hebung des Niveaus des Warenkonsums in den Zivilisationen des entstehenden Kapitalismus, mit dem die Herrscher nun ihre Gewalttätigkeit verbinden. Schließlich richtet sich nun der Raubtiercharakter von Herrschaft nicht zuletzt auch deshalb in unentwegten Kriegen gegen die Nachbarn. Insofern nimmt für die Untertanen der Herrscher die Funktion eines bewunderten Leitwolfes in einer Wolfsschar ein, die sich aufmacht, eine Schafsherde in der Nachbarschaft zu reißen, mit dem Unterschied, dass sich der Herrscher den größten Teil der Beute zunächst reserviert und offiziell alleine für die Verteilung des Restes zuständig ist.

 

Wenn aber gerade einmal Pause beim Mordbrennen herrscht, zeigt sich die Macht des Anführers in seinem zur Identifikation durch die Ohnmächtigen und Armen einladenden Luxusleben.

Bürger und produktive Unterschicht in Städten, insbesondere in der Hauptstadt selbst, sind nicht nur das permanente Schauspiel des Hofes und besondere Spektakel darüber hinaus bewundernde Zuschauer, sie partizipieren im Maße des Erlaubten und nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten. Da das Reisen hoher Herren zu Pferde stattfindet, ist es entsprechend langsam, und wenn die Kunde hinreichend früh in die Ortschaften gelangt, säumen die Menschen in ihrer besten Kleidung die Straßen, schmücken sie zum Beispiel mit Blumen und stellen Musikanten (Pauken, Trommeln, Blasinstrumente) und Chöre als Begleitmusik. In der Inszenierung der Macht sind Untertanen die willigen Statisten.

 

Religiös begründete Kritik an dem Amüsierprogramm der höfischen Lebensart gibt es seit seinen Anfängen. Im 12, Jahrhundert wendet sich Johannes von Salisbury gegen die Pracht des englischen Hofes von Heinrich II. und Eleonore von Aquitanien. 1592 blickt der Dominikaner Iacopo d'Acqui zurück auf den süditalienischen Hof Manfreds. Der hatte aus seinem Hof ein Paradies der Lustbarkeit gemacht. Es gab dort großzügige Schenkungen und alle irdischen Eitelkeiten: Frauen, Kleider, Schmuck, Speisen, Lieder, Musikinstrumente. Es gab verschiedene Spiele und alle Tröstungen der Welt, alle Vergnügungen sowohl für den König selbst wie für alle anderen. Nacht und Tag gab es schönste eitle Mädchen und junge Männer ohne Zahl. Alle hielten sämtliche körperlichen Lüste und Freizügigkeiten für erlaubt. Es gab dort eine Kapelle (scola) mit allen Musikinstrumenten und Gesängen der Welt. König Manfred selbst war der prächtigste Sänger und Liedermacher (inventor cantionum). An seinem Hof gab es eine Göttin oder Dienerin (ministra) der Liebe und einen sogenannten Gott der Eitelkeiten, die die Männer und die Mädchen in allen Praktiken der Liebe unterrichteten. In der Schatzkammer des Königs Manfred gab es alle Musikinstrumente der Welt und es gab keine einzige Stunde bei Tag und Nacht, in der nicht Orgeln und andere Instrumente zu hören waren. (…) König Manfred hatte wie ein zweiter Salomo schönste Frauen und Mädchen ohne Zahl zu seinem Willen. Und wenn er lange Zeit gelebt hätte, hätte er ganz Italien in den Brunnen der Lüste versenkt, und die Kirche wäre völlig heruntergekommen. Weil es dort Vergnügungen im Überfluss gab, liefen alle hin. (in Staufer und Italien, S.269)

 

Was hier in Fortführung der antistaufischen päpstlichen Propaganda gegen Friedrich II. fortgeführt wird, ist die Ablehnung einer völlig weltlichen joie oder vröide als höfischer Lebensinhalt seit dem 11. Jahrhundert, die neben Pracht und Prunk eine zunehmend der Kirche entgleitende und sich verselbständigende Geschlechtlichkeit praktiziert.

 

Ein Aspekt des höfischen Unterhaltungsprogramms sind Gaukler und Spaßmacher, aber eben auch vor allem Liedermacher und "Roman"autoren. Die machen Karriere an den Höfen als Unterhaltungsspezialisten, mit denen sich hoher Adel schmückt, und als deren Lobredner. Beim Tod von Richard Löwenherz lobt Gaucelm Faudit in seinem Klagelied 'Fortz chauza' dessen Tapferkeit und fasst zusammen: Ach edler Herr König, was wird nun werden / aus den Waffen, aus dem Getümmel mächtiger Turniere, / aus den prächtigen Hoffesten und aus den herrlichen und grandiosen Gaben, / wo ihr nun nicht mehr da seid, der ihr von allem Haupt und Führer wart? (So in Löwenherz, S.15) Lobhudelei, das Spiel mit unterwürfiger Höflichkeit sind ein Teil höfischer Art.

 

Innovation in der Musik und bei den Musikinstrumenten wird fürstliches Programm. Innovation im Musikprogramm wird der in den Quellen beschriebene Stolz der besonders Mächtigen. 1240 erhalten Beamte in Palermo und Messina den Auftrag, silberne Trompeten (tubas) bauen zu lassen und „schwarze“ Sklaven im Spiel an diesen Instrumenten auszubilden und dann an den Hof nach Foggia zu schicken. Das leitet über zu jener Pervertierung des höfischen Unterhaltungsprogramms, die als Exotik fasziniert und Menschen fremder Kontinente als „Exoten“ bewusst benutzt. Die Reste davon kennt man als Zirkusprogramme des 19. und 20. Jahrhunderts für die geringeren Untertanen.

 

Ein merkwürdiges Phänomen, welches besonders früh schon bei Kaiser Friedrich II. auftritt, ist eben diese Steigerung des Luxuriösen durch das Exotische, sicherlich nicht nur aus persönlicher kaiserlicher Neigung, sondern auch zum Beeindrucken des Publikums, als welches sich die Untertanen hin und wieder aufgewertet fühlen können. Man denke später nur an die "Mohren" der Höfe der Renaissance und des Barock und an das Türkisieren im 18. Jahrhundert, dem im Zentrum der osmanischen Macht das Barockisieren entspricht.

 

Im Bericht des Matthaeus Parisiensis von der Reise Richards von Cornwall 1241 an den Hof zu Foggia in der 'Cronica maior' tauchen zwei schön gestaltete sarazenische Mädchen auf. Sie stellten sich auf dem glatten Estrich mit ihren Füßen vier Kugeln, jede auf zwei, und rollten auf diesen fort.  So bewegten sie sich hierhin und dorthin und wohin es ihnen einfiel. Dabei klatschten sie in die Hände und bewegten auf verschiedene Weise die Arme im Spiel und unter Gesang. Mit den Händen schlugen sie tönende Zimbeln oder Becken zusammen und bewegten den Körper nach der Melodie. Dabei stellten sie in wunderbarer Weise allerlei Scherze dar. (in diesem Deutsch in: Houben, 2, S.119. Siehe auch: Stürner, S.348)

 

Ob es einen Harem aus Sarazenenmädchen gab, wie ein Franziskaner an Papst Innozenz IV. berichtet, ist ansonsten nicht belegbar, wird aber immer wieder unterstellt und zugleich geleugnet, wie vom kaiserlichen Gesandten beim Konzil von Lyon: Die sarazenischen Mädchen hält er sich nicht zum Beischlafe - wer könnte das beweisen? - sondern wegen ihrer Gewandtheit und wegen einiger anderer weiblicher Kunstfertigkeiten. (in: Houben2, S.119). 

 

Bekannt ist, dass Herrscher und überhaupt der Hochadel aufgrund ihrer Macht sich überall Geliebte oder Sexualobjekte für einen kurzen Koitus oder längere „Liebschaften“ in ihren Machtbereichen aussuchen können, wobei in der Regel Gewalt nicht nötig ist, da Mädchen und Frauen in Zivilisationen sich oft geehrt fühlen, wenn höhere Herren sie erwählen, sich sexuell und sozial aufgewertet fühlen und oft materielle Vorteile davontragen. Seit der Zeit der Frankenherrscher kommt es immer wieder vor, dass Könige und Fürsten unter ihnen weit mehr uneheliche als legitime eheliche Kinder haben. Von Kaiser Friedrich II. sind etwa zwölf namentlich bekannt.(Houben2, S.126 zählt sie auf).

 

Es gibt Menschen, für die das Exotische einen besonderen erotischen Reiz besitzt. Fasziniert sind sie aber wohl überhaupt von exotischen Tieren, soweit diese eingesperrt oder gar domestiziert sind. Mit sicherem Gespür dafür schickt ein Kalif von Bagdad dem großen Karl einen Elefanten als Geschenk. Friedrich II. besitzt bei seiner Residenz in Foggia  einen ganzen zoologischen Garten aus Elefanten, einer Giraffe, Dromedaren und Kamelen, mit Löwen, Leoparden und Panthern, Bären, Affen und Papageien, und dazu dann die Jagdvögel wie die von den Fürsten geliebten Falken. Das Einsperren und manchmal auch Domestizieren wilder Tiere zum eigenen Amüsement und dem der Massen wird bekanntlich bis heute üblich bleiben und die Entfremdung von immer mehr Menschen von der Natur fördern.

 

In diesen Zusammenhang gehört die fürstliche Jagd, das erste mittelalterliche Amüsement, welches als Sport bezeichnet und betrachtet wird. Dabei ist immer noch der Aspekt der Nahrungsbeschaffung insofern enthalten, als Wildbret nun zum adeligen Privileg geworden ist und als besonders edel gilt. Darüber hinaus dient sie weiterhin einmal der körperlichen Ertüchtigung und Herausbildung der Tugenden eines Kriegerideals, welche damals auch Könige noch vorweisen müssen. Zudem ist sie als Gemeinschaftserlebnis Sozialisierungsfaktor und dient der Machtdemonstration von Fürsten. Als besonders edel gilt die Abrichtung von Raubvögeln (Falken vor allem) und Raubkatzen (die Geparden Friedrichs II.), identifizieren sich doch Fürsten und höherer Adel bis in ihre Wappen hinein mit deren aggressivem Verhalten. (Beizjagd ist die Jagd mit beißenden und dafür domestiziert bissigen Jagdtieren).   

Fürsten sind zuallererst weiter Krieger. Am Ende seines 'Liber ad honorem Augusti' feiert der Kleriker Petrus von Eboli die Geburt des künftigen Kaisers Friedrich II.: Eben als im Triumph der Kaiser lässt ruhen die Waffen, / wird ihm geboren der Sohn, künftiger Waffentaten Held. (in Eickels/Brüsch, S. 26) Mögen Fürsten seit dem Hochmittelalter auch zunehmend Andere an der Spitze von Truppen in den Kampf ziehen lassen, mögen sie auch immer ausgiebiger von ihren Residenzen aus das Leben genießen, der Krieg und ihr Auftritt als Krieger bleibt ihre erste Daseinsberechtigung. 

 

Hofgesinde

 

Der gebildete Adelige Peter von Blois, ein Höfling niederer Art bei mehreren Fürsten,  beschreibt den Hof König Heinrichs II. von England in einem möglicherweise Ressentiment-geladenen und bewusst etwas überzeichnenden Brief:

Das Hofgesinde bekommt oft schlechtes, schweres, unausgebackenes Brot, Fleisch von kranken Tieren und stinkende, alte Fische! - damit nur einige desto besser leben können. Der Wein ist bisweilen so abscheulich, dass man ihn nur mit geschlossenen Augen und Zähnen herunterwürgen kann. Keiner weiß: wird der König bleiben oder abreisen: woraus für Hofleute, Kaufleute und viele andere gar große Not entsteht. Dann läuft man umher und erkundigt sich bei Huren und Kammerdienern: denn diese Art von Menschen ist für gewöhnlich am besten unterrichtet. Dem Hofe folgen fleißig Schauspieler, Sängerinnen, Würfelspieler, Weinverkäufer, Narren, Possenreißer, Bartscherer, von Huren und Dienern, die über Hofgeheimnisse am besten Bescheid wissen, ganz zu schweigen. Plötzlich aber wird die Reise geändert; dann fehlt es plötzlich an dem Nötigsten, und über Nachtlager, um deren willen nicht einmal die Schweine in Streit geraten sollen, entstehen arge Schlägereien. Mit Fremden und Gästen gehen die Marschälle nach Willkür um, und der Redliche wird am Hofe oft so zurückgesetzt, wie der keine Mittel scheuende Nichtsnutzige hervorgehoben und begünstigt. (deutsch in: Houben2, S.128) 

 

Das Wort Gesinde ist inhaltlich verwandt mit dem Wort Gefolge. Es folgt den Fürsten in seinem Reisekönigtum und teilweise in den Krieg. Dabei sinkt es immer mehr unter das Niveau der den Fürsten in seiner Herrschaft beratenden und ihm dienenden Hofadel und der die Verwaltung tragenden obersten Beamtenschaft. Es wird nach und nach zum allgemeinen Begriff von Dienerschaft, Bediensteten, um dann in der Volkssprache schließlich in Identifikation mit der Sicht der Mächtigen im "Gesindel" zu enden.

 

Eine besondere Rolle in Zeiten einer ausgeprägten "Ritterlichkeit" spielen die adeligen Jugendlichen, die für ihre Erziehung und Ausbildung an Höfe geschickt werden. Es sind dies edle "Knappen", für die sich im romanischen  Raum wie zum Beispiel im Königreich Sizilien das Wort valet herausbildet. Sie übernehmen dienende Aufgaben bei Hofe und gehen dann entweder wieder, wenn sie Ritter werden, oder gliedern sich in das fürstliche Heer oder die Verwaltung ein. In Renaissance und Barock wird daraus der Kammerdiener, und als dessen weibliches Pendant die Zofe.

 

Ein Beispiel: Die Welfen

 

1125 entscheiden sich die Welfen für das Königtum Lothars von Supplinburg und erhalten wohl auch dafür das Versprechen der Hand der Erbtochter Gertrud für Heinrich den Stolzen, Sohn Welfs V. Irgendwann danach wird Heinrich dann sächsischer Herzog. 1127 heiratet er Gertrud. Sein jüngerer Bruder Welf VI. wiederum heiratet mit Uta von Calw die Erbtochter des Pfalzgrafen Gottfried. Anfang der 30er Jahre muss Welf sich das Erbe aber erst einmal gegen Utas Vetter erkämpfen.

 

Heinrich der Stolze, der längst die Kontrolle über Augsburg hat, gewinnt sie nun auch über Regensburg. Schließlich verließ er, überall Schrecken verbreitend, die Stadt und verwüstete im ganzen Land die Befestigungen und Dörfer der Räuber und Geächteten. (Historia Welforum). In schweren Kämpfen wird die Macht von Grafen wie dem von Falkenstein oder dem von Wolfratshausen gebrochen.

Parallel dazu wogt der Kampf zwischen Lothar und den Staufern um das salische Erbe. Heinrich dem Stolzen gelingt es dabei, seinen Schwager Friedrich von Schwaben in einen Hinterhalt zu locken, dem der nur noch geradeso entkommt.

 

1133 und 1136 zieht Heinrich der Stolze mit Lothar nach Italien, beim zweiten Mal sollen 1500 Panzerreiter zu seinem Aufgebot gehört haben. Als Lohn erhält er Garda, Guastalla und die Markgrafenwürde für Tuscien.

Nach dem Tod Lothars gelingt es ihm nicht, sich gegen den Staufer Konrad durchzusetzen und muss ihm nach wenigen Monaten die Reichsinsignien aushändigen, die ihm sein Schwiegervater übergeben hatte. Noch im selben Jahr sorgt der neue König dafür, dass die Fürsten dem Welfen erst Sachsen und dann Bayern zu nehmen. Otto von Freising kommentiert in seiner Chronik:

Es ist wunderlich zu sagen: Dieser Fürst, früher so übermächtig, dessen Herrschaftsbereich sich -  wie er selbst rühmte - von Meer zu Meer, nämlich von Dänemark bis Sizilien, erstreckte, sank in kurzer Zeit in eine derartige Erniedrigung, dass er nach Abfall fast aller seiner Getreuen und Freunde in Bayern heimlich das Land verließ und in Begleitung von nur noch vier Gefährten nach Sachsen kam. (…) 

 

In Sachsen vermag er sich allerdings einigermaßen zu behaupten, als er knapp vierzigjährig 1139 stirbt, wobei von einem Giftmord gemunkelt wird (Annalista Saxo). Sein unmittelbarer Nachfolger wird Welf VI., während Altkaiserin Richenza und Mutter Getrud über den kleinen Heinrich ("den Löwen") wachen.

Der andauernde welfische Einfluss in Sachsen führt dazu, dass Albrecht der Bär, mit Sachsen belehnt, sich in Richtung auf die zukünftige Mark Brandenburg zurückzieht, was dazu führt, dass 1142 der minderjährige Heinrich der Löwe mit Sachsen belehnt wird. Ein Jahr später erhält der Babenberger Heinrich Jasomirgott zur Ostmark Bayern.

Dies wurde der Keim größter Zwietracht. Welf nämlich, der (…) dieses Herzogtum für sich beanspruchte, drang sogleich mit Heeresmacht unter den Augen jenes Heinrich ins Land ein und verließ es erst nach gründlicher Zerstörung wieder. Darüber erzürnt, überfiel Heinrich mit seinem Heer die Besitzungen der Anhänger Welfs und zerstörte ihre Burgen und Länder. (Historia Welforum) 

In solchen fürstlichen Propagandatexten lässt sich das Leid der Bevölkerung, und auf solch einen Status waren die meisten Menschen nun schon lange herabgesunken, nur erahnen. 

 

1147 begleitet Welf VI. seinen König auf einem Kreuzzug, kehrt aber vorzeitig wieder zurück, um sich mit Roger II. gegen Konrad zu verbünden. Derweil ziehen Albrecht der Bär und Heinrich der Löwe auf einem anderen "Kreuzzug" ins Wendenland. Helmold von Bosau kommentiert in seiner Slawenchronik: Aber auf allen Feldzügen, die der noch junge Mann ins Slawenland unternahm, war keine Rede vom Christentum, sondern nur vom Geld. (…) Der sich rasch entfaltende Kapitalismus hat inzwischen längst dazu geführt, dass Macht überall in Geld gerechnet werden kann, Geld, welches vom Kapitaleigner investiert und vom Fürsten, der Teile des Gewinns abschöpft, in kriegerische Aktion verwandelt wird, die neue Geldquellen erschließen soll.

 

Seit diesen sogenannten Kreuzzügen verlangt Heinrich der Löwe auch Bayern für die Welfen zurück, er kann sich aber damit auch mit kriegerischen Mitteln nicht durchsetzen. Erst mit der Wahl Friedrichs I. kommt es zur Annäherung an das Königtum. Heinrich Jasormirgott sieht sich ausmanövriert und 1154 wird dem Löwen in Goslar Bayern zugesprochen.

Entsprechend zieht der Welfe dann 1154 mit dem König nach Italien, wo die Kaiserkrönung des Staufers in einen Aufstand der Römer mündet, den die deutschen Militärs brutal niederschlagen. Die Pöhlder Annalen loben den Welfen dafür: Jetzt bleibt dir, Heinrich, der Ruhm einer so großen Tat, der du als Zierde der Deinen im Gemetzel die Hochmütigen niedermachtest. (in Schneidmüller, S.190).Im 12. Jahrhundert, als Geld zunehmend die Welt der Fürsten regiert, wird die Geschichte der Anfänge neuer Staatlichkeit mit Blut geschrieben, mit dem zunehmend das hergestellt wird, was bald Obrigkeit und Untertänigkeit in der ganzen Fülle des Wortsinns heißen wird.

 

Schließlich wird der Babenberger durch Fürstenspruch und eine kaiserliche Urkunde abgefunden. Der ältere Heinrich gab das Herzogtum Bayern durch sieben Fahnen zurück. Diese wurden dem jüngeren Heirnich übertragen. Er gab durch zwei Fahnen die Ostmark mit den seit alters dazugehörigen Grafschaften zurück. Dann machte er auf Beschluss der Fürsten aus dieser Mark mit den Grafschaften, die man 'die drei Grafschaften' nennt, ein Herzogtum und übertrug es ihm nicht nur persönlich, sondern auch seiner Gemahlin mit zwei Fahnen. Durch Privileg bestätigte er, dass dies künftig von keinem seiner Nachfolger verändert oder aufgehoben werden könne. (Otto von Freising, Gesta Friderici II, 55) 

 

Mit dem Beschluss, der wiederum zahlreiche Menschen als schiere "Bevölkerung" in ein somit entstehendes Staatswesen Österreich einordnet und unterordnet, wird nun Fürstentum mit mehr Macht ausgestattet: Mit reduzierten Pflichten gegenüber dem Kaiser und erweiterten Rechten nach unten. Kontinuierliche Staatlichkeit fördert die Erblichkeit des Fürstentums in den Händen der Babenberger-Familie in männlicher wie weiblicher Linie. Die Unterordnung des gräflichen Hochadels wird durch die volle Gerichtsbarkeit des Fürsten in seinem ganzen Herzogtum gewährt. Die Untertanen werden von Bayern zu Österreichern gemacht und dazu natürlich nicht gefragt.  

 

Welf VI. und sein Sohn konzentrieren sich auf die Gebiete in Schwaben und dem westlichen Bayern, wo ihr Zweig der Welfenfamilie eigene Besitzungen hat. Wichtige Instrumente der Machtausübung sind einmal Ministeriale vor Ort und zum anderen die Parteinahme für den "rechtmäßigen" Papst Alexander und die Reformkirche, insbesondere dabei die Prämonstratenser. Welf VI. gründet in diesem Zusammenhang ein Doppelkloster in Steingaden als neues geistliches Zentrum der Familie.  

In Nord- und Mittelitalien versucht er mit seinem Sohn die Positionen der neuen Kommunen zu beschneiden. Nach der Beteiligung am kaiserlichen Italienzug von 1158 überlässt der Vater seinem Sohn, dem siebten Welf, die italienischen Herrschaftsbereiche und kehrt selbst nach Süddeutschland zurück.

 

Während sich Heinrich der Löwe wiederholt für die staufischen Gegenpäpste einsetzt, gerät Welf in Italien in Konkurrenz zu den italienischen Ansprüchen des Kaisers. Für die Fehde mit dem Pfalzgrafen von Tübingen kehrt der Sohn 1164 aus Italien zurück, unterliegt aber zunächst. Mit Unterstützung des Kaisers gelingt es aber am Ende 1166, die Unterwerfung Hugos von Tübingen zu erreichen, der bis zum Ende Welfs VII. in dessen Haft bleibt.

 

Während dann der Vater in Waffen nach Jerusalem "pilgert", lässt sich der Sohn vom Kaiser für viel Geld für dessen nächsten Italienzug erwärmen, wo er in der Nähe von Rom mit den Spitzen des deutschen Hochadels an einer Seuche stirbt. Seine vom Fleisch gelösten Knochen werden in Steingaden beigesetzt.

Der nun nachkommenslose Vater lässt sich den Verzicht auf die italienischen Güter und Rechte reichlich bezahlen und geht nun ganz in einem prächtigen Hofleben auf.                                                                                                              So beschreibt Rösener das: „Welf VI. war vor allem nach dem Verlust seines Sohnes, der (…) 1167 auf dem Italienzug gestorben war, bestrebt, ein glänzendes Ritter- und Hofleben zu führen. Er gab, wie der Chronist berichtet, üppige Gelage, inszenierte großartige Feste, und geizte nicht mit Geschenken. Den Rittern seines Hofes verehrte er prachtvolle Rüstungen und kostbare Gewänder, auch die Liebe zu zweifelhaften Frauen (amor muliercularum) ließ er sich einiges kosten. Sittliche Verfehlungen sühnte er durch großzügige Barmherzigkeit. Klöster und Kirchen, und insbesondere das von ihm gestiftete Prämonstratenserkloster Steingaden, das er für sich und seine Familie als Grablege bestimmt hatte, bedachte er mit reichen Schenkungen. Im Kreis seiner Freunde und ritterlichen Gefolgsleute feierte er glänzende Hoffeste, wie z.B. 1175 auf dem Gunzenlech bei Augsburg, wo er zusammen mit vielen Magnaten aus Bayern und Schwaben ein prächtiges Fest gestaltete und die von weither zusammengeströmte Menge großzügig bewirtete.“ (Erinnerungskulturen, S.53)

 

Fürsten wie der Welfe und andere umgeben ihren Hof, die Curia, mit einer Schar dort auch wohnender Ritter, und zwar in dem Maße, wie sie sich deren Ausstattung mit repräsentativen Prachtrüstungen und prunkvollen Gewändern leisten können. Im Fest, der hohen Zeit, treffen sie dann mit solchen anderer Fürsten zusammen und messen sich mit ihnen. Während sie so eine königsgleiche Herrschaft in ihrem Machtbereich aufbauen und eine mit den Königen konkurrierende Hofhaltung betreiben, was nach dem Ende der Staufer zur Weiterentwicklung von Staatlichkeit nicht im Reich, sondern in seinen zunehmend mehr Teilen führt, setzen französische Könige in derselben Zeit einen zentralistischen "National"-Staat durch, wie er auch in England existiert.

 

Ein solches höfisches Leben in deutschen Landen muss von der produzierenden wie der Handel und Finanzgeschäfte treibenden Untertanenschaft erst einmal erarbeitet werden. Da Geld sich immer mehr in den Städten konzentriert, werden solche von den Fürsten neugegründet. Zugleich werden sie wie die Burgen durch Mauerbau zu Festungen, von denen aus sich Umland kontrollieren lässt. Daneben nimmt das zu, was als „Landausbau“ bezeichnet wird: Das Roden von Wäldern, Urbarmachen von Talauen und Sümpfen und vieles mehr. Straßen werden ausgebessert, und manchmal schon neugebaut, ebenso wie Brücken über Flüsse und Schluchten. Zugleich versuchen die Fürsten das Recht zur Genehmigung jeder Art von Befestigungen an sich zu reißen.

 

Mit dem Weg in territoriale Herrschaften beginnt auch der in neue Formen von Untertänigkeit, die mit der Propagierung von Fürstenherrlichkeit vom Pfarrer bis zum Hofberichterstatter auch als Haltung gefördert wird. So schreibt Helmold von Bosau über Heinrich den Löwen:

Und die Macht des Herzogs wuchs höher als die aller seiner Vorgänger,, und er wurde der Fürst der Fürsten des Landes (princeps principium terrae) und beugte die Nacken der Aufrührer und brach ihre Burgen und vernichtete die Wegelagerer und machte Frieden im Lande und erbaute die stärksten Festen und hatte ungeheuer reiches Eigengut im Besitz. Denn außer dem Erbe seiner großen Vorfahren, des Kaisers Lothar und seiner Gattin Richenza sowie vieler Herzöge von Bayern und Sachsen wuchsen ihm noch die Besitzungen vieler Fürsten zu, so Hermanns von Winzenburg, Siegfrieds von Homburg, Ottos von Assel und anderer, deren Namen mir entfallen sind. Und dazu der ausgedehnte Machtbereich Erzbischof Hartwigs, der vom alten Geschlecht der Udonen abstammte! Die herrliche Burg Stade erlangte er mit ihrem ganzen Zubehör, mit der Grafschaft an beiden Stromufern und der Grafschaft Dithmarschen, noch zu Lebzeiten des Bischofs, teils nach Erb,- teils nach Lehnsrecht; auch nach Friesland streckte er seine Hand aus und ließ sein Heer dahin ziehen; da gaben ihm die Friesen, um sich loszukaufen, was man von ihnen verlangte.(Cronica Slavorum, II, 102)

 

In der Verherrlichung klingt dies Bild wie das Loblied auf einen frühen orientalischen Despoten, der er so nicht war. Während im entstehenden Frankreich Nationalismus aufkommt, wird sich in deutschen Landen fürstlicher Provinzialismus breitmachen, mit ähnlichen lobredenden Mitteln ausgestattet.

 

Bereits klagen Adelige gegen die Gewaltherrschaft Heinrichs des Löwen in Sachsen, wo der versucht, Landesherrschaft so einzurichten, wie sie dann der Babenberger für Österreich zugesprochen bekommt. Da ist der Zugriff auf Grafschaften ohne männliche Erben schon des etwa 14-jährigen Heinrich. Albert von Stade berichtet, allerdings viel später, wie ein solcher Fall vor ein hochadeliges Gericht gerät: 

Bei der Darlegung der Streitsache nahmen die Leute des Herzogs die Waffen, entfachten einen Aufruhr und ergriffen den Erzbischof. Eine Zeitlang hielten sie ihn in Lüneburg gefangen, um etwas von ihm zu erpressen. Als sie dann sahen, dass er weder durch Gewalt noch durch Drohungen bewegt werden konnte, erlaubten sie ihm den freien Abzug. (in Schneidmüller, S.205)

 

Da sind die Zusammenstöße mit dem Erzbistum Köln in Westfalen, mit dem Erzbistum Bremen im Elbe-Weserraum, und da ist der Bischof von Halberstadt, den Heinrich aus seinem Amt gejagt hat. Bei der Ausweitung Sachsens in den ostelbischen Raum beansprucht Heinrich nach und nach königliche Rechte. 1154 gesteht ihm Friedrich I. das Investiturrecht für die dortigen Bistümer zu. In den Bistümern Lübeck, Schwerin und Ratzeburg verwirklicht er eine Art welfische Reichskirche. Er setzt Grafen ein, lässt Burgen bauen und gründet Städte wie Lübeck, dessen Stadtherr er wird und dessen Handel er fördert.

Wie Welf VI. basiert er seine Herrschaft auf (rund 400) Ministerialenfamilien und ihre Burgen. "Heinrich der Löwe schuf sich damit in seinem Herrschaftssystem Loyalitäten, die er im selbstbewussten sächsischen Adel nicht finden konnte." (Schneidmüller, S.211) Aber die Opposition des Hochadels blieb ineffektiv, solange der Kaiser den Welfen stützte.

 

Städteförderung dient nicht der kommunalen Entwicklung, sondern ist Wirtschaftsförderung und dabei wiederum besonders die des Handels, und zwar mit dem einzigen Ziel, die fürstlichen Einnahmen zu vergrößern. In beiden Herzogtümern gelingt es dem Löwen, die Kontrolle über die Salzgewinnung und den immer wichtigeren Salzhandel an sich zu reißen.

Braunschweig wird mit Pfalz und Dom St.Blasius zur ersten weltlichen deutschen Residenzstadt ausgebaut, und zwar im Bündnis mit dem dortigen Bürgertum. Architektur und Plastik repräsentieren öffentlich fürstliche Macht, so wie der vom Fürsten erweiterte Kirchenschatz von St.Blasius, zu dem die riesige Sammlung in Edelmetall gefasster Reliquien gehört. Mit einer solchen Residenz wird sich entfaltende neue Staatlichkeit sichtbar und fassbar gemacht: Welfen und Braunschweig wachsen zur Einheit zusammen.

 

Der Aufstieg des welfischen Sachsens geht einher mit regelmäßiger Heeresfolge des Löwen. Schon 1159 steht er mit 1200 Panzerreitern vor Crema. 1162 verstößt Heinrich in Absprache mit dem Kaiser seine erste Frau, 1168 heiratet er in Minden mit einem großen Fest in Braunschweig Mathilde, die minderjährige Tochter Heinrichs II. (Plantagenêt). Mit der königlichen Gemahlin wird die königsgleiche Stellung des Fürsten deutlich. 

1172 "pilgert" der Herzog mit 500 Panzerreitern nach Jerusalem, nicht zuletzt, um sich die göttliche Hilfe für die Erlangung von Nachwuchs einzuholen, die dann auch kommt. Damit steigern sich jene dynastischen Pläne, die das Erbe des kinderlosen Welf VI. umkreisen. Daran aber war auch der Kaiser interessiert.

Dazu die Krise von Chiavenna 1176, als Barbarossa sein Heer schon entlassen hatte, und Heinrich um Heeresfolge anfleht. der soll dafür Goslar verlangt haben, was der Kaiser ablehnt. 1177 dann der Friede von Venedig, wo Ulrich von Halberstadt, dem Gegner des Löwen, sein Bistum wieder zugesprochen wird. Er und der Erzbischof von Köln fallen nun in Sachsen ein, und als Heinrich im Jahr darauf beim Hoftag Klage führt, formiert sich die Fürstenopposition gegen ihn, der sich der Kaiser anschließt. 1179 erscheint er nicht beim Hoftag zu Worms, zu dem er zitiert war. Dort schließt der Kaiser nun stattdessen den Kauf der Güter Welfs VI. ab und droht mit der Ächtung Heinrichs, falls er beim nächsten Termin wieder nicht erscheint. Heinrich bittet um kaiserliche Vermittlung, der verlangt dafür 5000 Silbermark.

 

1180 werden Heinrich dem Löwen vom Fürstengericht in Würzburg seine beiden Herrschaftsgebiete Bayern und Sachsen genommen. Damit ist er kein princeps mehr, sondern einfacher Edelfreier. Sachsen wird in Gelnhausen geteilt zwischen dem Sohn Albrechts des Bären und dem nun zum Herzog aufgestiegenen Kölner Erzbischof. Ende des Jahres wird die Steiermark als neues Herzogtum von Bayern abgetrennt und dieses wiederum fällt an den Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach. Die neuen Machtverhältnisse müssen dann allerdings erst noch kriegerisch durchgesetzt werden.

 

Die deutschen Lande werden in nur mehr dynastisch, nicht mehr ethnisch definierte Fürstentümer aufgeteilt, Territorien zur Machtausübung und Machterweiterung, und die Menschen dort werden "natürlich" nicht gefragt, so wie es längst und bis heute üblich ist. Die sich entwickelnde neue Staatlichkeit unter kapitalistischen Bedingungen beruht ausschließlich auf dem Diktat der Mächtigen und erzeugt bis heute als selbstverständlich verkaufte Untertänigkeit, für den mittleren Adel eher etwas neues, für die Masse der Bevölkerung westlich des Rheines und südlich der Alpen seit Jahrtausenden Normalität, östlich des Rheines seit den alten fränkischen Eroberungen mit ihren neuen Formen von Unfreiheit ebenfalls zur Gewohnheit geworden. Jeder weiß, wie sich der heutige Staat als unersättliche Krake bis in die intimsten Bereiche menschlichen Lebens ausbreitet und so tut, als sei das naturgegeben und eine Abfolge von Akten väterlicher Fürsorge .

 

Ein Jahr später debattieren die (übrigen) principes auf einem Hoftag zu Erfurt über seine Wiedereinsatzung in den alten Status, wobei sie sich dagegen entscheiden, solange er nicht ihren Forderungen genügt, wie Arnold von Lübeck in seiner Slawenchronik schreibt. Aber neben dieser Voraussetzung wird man längst Fürst erst, wenn es mit Übergabe einer Fahne durch den König verliehen wird und diesem den Treueid leistet. Aber das Beispiel des Löwen zeigt, dass gegen die Fürsten kein römisch-deutscher König bzw. Kaiser mehr ankann. Damit aber ist dann der Kreis der principes im nördlichen römischen Reich auch einigermaßen geschlossen, wenn auch nicht ganz.

 

1181 unterwirft sich der Löwe dem Konzert der Fürsten und dem Kaiser. Immerhin wurde über ihn verfügt, dass er sein Patrimonium, wo immer die Ländereien lagen, ohne jede Einschränkung völlig frei besitzen dürfe. (Arnold von Lübeck, Slawenchronik) Der vom Fürsten zum gemeinen (Hoch)Adeligen Degradierte muss mit seiner Familie ins Exil an den Hof seines Schwiegervaters Heinrich II. Sohn Otto gerät dabei unter die Fittiche von Richard Löwenherz.  Ende 1184 darf der Löwe zurück ins Reich. Heinrich kehrte ins Land seiner Väter zurück, saß in Braunschweig, beschränkt auf seinen Erbbesitz, der freilich großenteils von vielen gewaltsam eingenommen war. (Arnold von Lübeck)

 

Die deutschen Fürsten, geistliche wie weltliche, sind inzwischen zu einer geschlossenen Gesellschaft geworden. Als der Löwe nicht mit auf den Kreuzzug Barbarossas möchte, muss er erneut ins Exil. Zur Beerdigung seiner Frau kehrt er widerrechtlich zurück, versucht die Wiedereroberung Sachsens und muss angesichts eines Reichheeres 1189 aufgeben.

1193 beginnt der Wiederaufstieg mit der Heirat von Sohn Heinrich mit Agnes, Erbtochter des Pfalzgrafen bei Rheiin und Kusine des Kaisers. Nach dem Tod ihres Vaters hat er darum wieder Fürstenrang.1194 stirbt Heinrich der Löwe. Nächste Etappe wird Heinrichs Beteiligung am Kreuzzug Heinrichs VI. Inzwischen nennt er sich selbst nicht mehr nur Pfalzgraf, sondern auch Herzog von Sachsen.

Während Heinrich in Palästina weilt, wird Bruder Otto von der antistaufischen Oppostion um den Erzbischof von Köln aus dem anglonormannischen Exil geholt und in Köln kurz nach Philipp von Schwaben zum König gewählt, und zwar von wenigen Bischöfen, rheinischen Grafen bei Unterstützung durch niederrheinisches Patriziat. Nun standen principes et barones Alamannie, clerici et laici auf Seiten Ottos, und Germaniarum principes et magnates auf seiten Philipps (in Schneidmüller, S.246) Dahinter verbirgt sich nicht nur die relative Schwäche der Position Ottos, sondern vor allem auch die noch immer herrschende Unklarheit in den Titulaturen.

 

Sachsen wird unter den Welfen geteilt, nachdem westliche Teile an den Erzbischof von Köln abgetreten sind: Pfalzgraf Heinrich übernimmt den westlichen Teil, Wilhelm den Osten mit Lüneburg, das alte Billungerland, und Otto die Gebiete um Braunschweig. Nachdem sich Heinrich von Otto (IV.) löst, scheint seine Macht zu sinken, bis dann 1208 Philipp ermordet wird. Mit der Heirat Ottos mit der königlichen Staufer-Tochter Beatrix gewinnt der welfische König nun symbolträchtig die staufische Unterstützung. Das weitere ist Reichsgeschichte, die quasi notwendig wieder im Konflikt mit dem Papsttum kulminiert. 1211-14 darum erneuter Kampf um die Krone, der am Ende in Bouvines entschieden wird.

Das Unheil des Kaisertums in den Händen deutscher Herrscherfamilien war spätestens mit Heinrich IV. deutlich geworden, als die neuen Vormächte Frankreich und England mit ihren Dynasten begannen, die tatsächlichen Vormächte in Europa zu werden, während die deutschen Lande nicht zuletzt auch durch die nicht gewinnbaren ständigen Eroberungszüge in Italien in die Hände einer Schar von immer brutaler regierenden, zu Landesfürsten aufsteigenden Herrschern gelangt. Unter einem Sizilianer dann zerbricht das Reich, welches immer noch ein dem Titel nach römisches ist, in den vierziger Jahren des 13. Jahrhunderts endgültig. Von nun an werden die deutschen Untertanen, die Mittelalter-Historiker heute in Übereinstimmung mit dem Machtapparat, der sie finanziert, zugunsten eines damaligen internationalen Hochadels, dessen Geschichte sie schreiben, ungeniert ignorieren - zum Opfer der Nachbarmächte, die sich bis 1945 daran machen können, deutsche Lande und deutsche Völkerschaften an allen Grenzen auf einen bescheidenen Rest zu reduzieren, der nun im Interesse des globalen Kapitals durch staatlich organisierte Massen-Einwanderung und systematische Zerstörung von Ehe und Familie in ein Vielvölker-Gebilde verwandelt wird, dessen Wurzeln nicht mehr in Europa liegen. Das mag der nicht beklagen, der Stimme dessen ist, der ihn finanziert, und es ist längst unumkehrbar geworden. Aber für die, die es noch zu hören ertragen können, mag es hier geschrieben stehen. 

 

Tatsache ist, dass welfische Großmachtpolitik sich von staufischer in nichts unterschied. Es scheint auch so, dass die seit dem 8. Jahrhundert immer wieder zu hörenden, aber als politisch nicht korrekt wenig überlieferten Stimmen der Kritik an dieser spätestens seit den späten Saliern vorherrschenden Großmannssucht deutscher Herrscherfamilien, die genauso Unheil über die Menschen brachte wie der letztendlich ebenfalls scheiternde Zugriff erst anglo-normannischer und dann englischer Herrscherfamilien auf Frankreich - dass solche kritischen Stimmen gegenüber den herrschenden und durch ihre Machtvollkommenheiten entfesselten Raubtieren in menschlicher Gestalt unter den kleineren Machthabern des Adels immer in der Minderheit blieben. Aber es mag auch sein, dass es damals und bis in die Gegenwart zu gefährlich und mindestens für eine Karriere inopportun ist, das Morden und massenhafte Abschlachten, die massenhaften Vergewaltigungen, Zerstörungen und Verwüstungen, die so viel menschliche Geschichte bis heute ausmachen, anders als etwas Selbstverständliches im Namen eines sogenannten Fortschritts nur beiläufig zu erwähnen und stattdessen die Machthaber zu loben und zu feiern, die auf diese Weise bis heute erfolgreich sind. Aber Tatsache bleibt, dass fast alle Historiker bis heute schiere Apologeten der wirtschaftlichen Macht und von Staatsapparaten sind und ihre staatliche Alimentierung samt der aus kapitalfinanzierten Stiftungen daraus erhalten. 

 

Staufische Machtpolitik, um auf die andere Familie von Herrschern zurückzukommen und das welfische Kapitel hier abzuschließen, vermochte Fürstentümer nicht nur zu ruinieren helfen, sondern auch neu zu gründen. Durch Friedrich II. werden 1235 die alten welfischen Zentren Lüneburg und Braunschweig zum Herzogtum Braunschweig-Lüneburg verbunden, einem königlichen Lehen eines Fürsten. Dieser Vorgang findet in mehreren Etappen statt: Zunächst übergibt Otto "das Kind" dem Kaiser sein Lüneburger Eigentum. Der gibt es dann an das Reich weiter und dann geht es mit Zustimmung der Fürsten als Lehen an ihn zurück. Der Kaiser überträgt dann dem Reich seine Besitzungen an Braunschweig und gibt sie dann  dem Welfen vereinigt mit Lüneburg ebenfalls als Lehen mitsamt dem Titel eines Herzogs von Braunschweig, der nun so erblich wird wie der des Österreichers. Dazu werden die welfischen Ministerialen in den Rechtsstand von Reichsministerialen erhoben. (Schneidmüller, S.281)

Mit den Stauferkaisern wird aus dem einst ostfränkischen Reich, welches seit den Sachsen-Kaisern ein römisches ist, ein Verbund deutscher Fürsten mit einer königlich-kaiserlichen Klammer, die ihrem Wesen nach keine deutsche ist. Nachdem damit die Entfaltung neuer Staatlichkeit auf solche Fürsten übergegangen ist, wird das, was sich über sprachliche Gemeinsamkeit zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert als deutsch konstituiert, für immer die Möglichkeit verlieren, sich in einem gemeinsamen Staat wiederzufinden. Indem andererseits diese neuen Fürstentümer nicht mehr "ethnisch" auf deutsche Völkerschaften bezogen sind, sondern der Willkür der Mächtigen unterworfen ihre Grenzen ziehen, wird es zukünftig nicht nur viele gegeneinander gerichtete deutsche Geschichten geben, sondern am Ende im 19. und 20 Jahrhundert auch deren desaströse Beendigung, was auch immer deutsche Historiker im Dienst der jeweils gerade herrschenden politischen Korrektheit da schreiben mögen.

 

Natur und lyrisches Ich

 

Zu dieser Abbildung in der Manesse-Handschrift singt Heinrich von Veldeke in seinem Lied, dass die Tage gerade wieder heller und länger werden, die Amseln ihren lieblichen Gesang wieder vernehmen lassen, und jedermann Gott danken könne, der rechte Minne hat und dass er Liebe erleben darf: dat mich lîves ît geschît.

 

Im Minnesang wird Liebe zu einer neuen, anderen Passion, passio, als es die des Jesus war. Die vom Sänger nicht verantwortete Buchillustration weist auf die Lebenslust verkörpernden Blumen und Vögel. Das entstehende lyrische Ich entdeckt nicht nur die sich dehnende Lust am und im (Liebes)Leiden, sondern verknüpft das auch mit einer neuen Entdeckung von „Natur“, einer neuen Darstellung von ihr. Diese Natur wird teils idealisiert, teils idyllisiert, aber sie ist immer ein Garten des Frohsinns, ein Paradies-Gärtlein. Die belebende Kraft des Begehrens und der Frühling des Spießens der Blumen und des Auflebens der Vögel werden ausdrücklich als verwandt entdeckt.

 

Zunächst dazu die Vorläufer, hier in einem Lied von Bernart:

Wenn das Gras ergrünt und frische Blätter sprießen / Und Blumen blühen im ebenen Land, / Wenn Nachtigallen so süß singen, / und der Gesang den grünen Wald erfüllt, / dann freue ich mich am Gesang und den Blumen, / Freude in mir und über meine Dame ist noch mehr; / alles um mich herum verwandelt sich in Freude, / aber am stärksten steigt durch sie mein Entzücken in die Höhe.

joi ai de lui, e joi ai de la flor / e joi de me e de midons major; / daus totas partz sui de joi claus e sens, / mas sel es jois que totz autres jois vens.

 

Das ist die zweite Seite der Liebeslyrik, hier in Einzel-Zeilen von Bertrant: „ So voll ist mein Herz von Freude“ (tant ai mo cor ple de joya) - „Wenn ich die Blumen sehe, die grünen Kräuter und die Blätter“ (can vei la flor, l'erba vert e la folha) - „Welch süßer Gesang ist doch der der Nachtigall“ (pel doutz chan que.l rosinnhols fai). Man beachte die Unbefangenheit des (in die Pose gestellten) Gefühls im Vergleich zur inzwischen in den Metropolen des Kapitalismus Angst vor der Unmittelbarkeit solcher Gefühle, die längst Schwäche bedeuten, bedrohlich gewordene Verletzlichkeit.

 

Was der Sänger da sieht und hört, ist nicht für jedermann und zu jeder Zeit selbstverständlich. Im frühen Mittelalter sind die Wörter „Wald“ und „Wüste“ synonym, Wald ist unkultiviertes Land, wo Geister und Dämonen hausen, gefährliche wilde Tiere und Räuber. Bestenfalls taugt er als Holzlieferant und zur Schweine-Fütterung. Vögel behindern die Saat und die Ernte und werden verspeist. Ein Sinn für die „Schönheit“ von Blumen entwickelt sich ebenfalls erst langsam (soweit wir das überhaupt heute wissen können).

 

Bei Walter von der Vogelweise klingt das so: Ach, wer wollte da mürrisch sein. / Wo die Vögel so herrlich / ihre schönsten Melodien singen, / da wollen wir es so machen wie sie. Bei Wolfram von Eschenbach, mehr wegen seines 'Parzival' und 'Willehalm' bekannt, klingt es ähnlich: Der leuchtenden Blumen Glänzen, / wird überall durch den Tau erhöht: / die liebsten Vögel mit den hellsten Stimmen / wiegen ihre Kinder durch die Maienzeit mit ihrem Gesang. (al des meigen zît si wegent mit gesange ir kint.)

 

Da verbinden sich Lebenslust und die Wahrnehmung von Lebendigkeit in der Natur, das gehobene Gespür für sich selbst in der neuen Liebe mit der Wahrnehmung des nun als schön aufgefassten Fortpflanzungstriebes bei Vögeln (Nestbau, Singen) und Pflanzen, deren Blüten ihre Fortpflanzungsorgane sind. Solche Lieder werden gerne in den Mai, den Frühling versetzt.

 

Analog zur Kultivierung des Geschlechtstriebes, die als Erotisierung auch seine Ästhetisierung ist, beginnt eine zunächst noch auf wenige stehende Wendungen in der Lyrik beschränkte Ästhetisierung der Natur. Sie ist nun nicht nur da, um als Nahrung einverleibt zu werden, sondern gewinnt eine physischen Zwecken entzogene eigene Qualität. In dem Besingen der Liebe und zugleich der lebendigen Natur werden differenzierte Gefühle entwickelt, „ge- bzw. erfunden“ und an Texten und Bildern ausprobiert.

 

Sicher eine der schönsten derartigen deutschen Textpassagen beschreibt in Gottfrieds 'Tristan' die Situation zu Beginn des Festes in Tintajêl (Tintagel) im Reich des Königs Marke, auf jenem höfischen Fest, wo Riwalin und Blanscheflur aufeinander treffen und in Liebe entbrennen werden:

 

man vant dâ, swaz man wolte,

daz der meie bringen solte:

den schate bî der sunnen,

die linden bî dem brunnen,

die senften, linden winde,

die Markes ingesinde

sîn wesen engegene macheten.

die liehten bluomen lacheten

ûz dem betouwetem grase.

des meien vriunt, der grüene wase (Wiese)

der haete ûz bluomen ane geleit (angelegt)

sô wunneclîchiu sumercleit,

daz sî den lieben gesten

in ir ougen widerglesten. ()

diu süeze boumbluot (Baumblüte) sach den man

sô rehte suoze lachende an,

daz sich daz herze und al der muot

wider an die lachende bluot

mit spilnden ougen machete

und ir allez widerlachete.

daz senfte vogelgedoene, (Getöne)

daz süeze, daz schoene,

daz ôren (Ohren) unde muote

vil dicke (sehr) kumet ze guote,

daz vulte (füllte) dâ berge unde tal.

diu saelege nahtegal,

daz liebe süeze vogelîn,

daz iemer süeze müeze sîn,

daz kallete (rief) ûz der blüete

mit solher übermüete,

daz dâ manc edele herze van

vröude unde hôhen muot gewan. (Zeilen 549ff)

 

Andere wie Macabru verleihen der Liebe als fin amor metaphysische Überhöhung, geben ihr die Funktion, Sinn zu stiften. Niemand aber macht mehr als Bernart de Ventadorn deutlich, dass begehrende Liebe einen verlebendigenden Funken ins Herz senden soll, der die Emotionen in Bewegung setzt und dann der Kultivierung von Gefühlen dient. Dazu dient dann die Verpflanzung dieses Vorgangs ins Reich einer Natur, die sich im Frühling zu neuem Leben aufmacht:

 

„Die Liebe, welche in sein Herz hineinstrahlt" (qu'ins el cor me raya), schafft für ihn folgendes:

 

Die Wiesen werden für mich grün und scharlachrot (vermelh) / so wie die süße Zeit des Mai; / so hält mich die feine Liebe (fin'amors) fröhlich und freudvoll: / So dass der Schnee für mich zu weißen und scharlachroten Blüten wird / und der Winter wird zur Zeit des Mai, / und all das, weil die gnadenvollste und freudvollste Dame / hat versprochen, mir ihre Liebe zu schenken...

(Original in Topsfield, Troubadours, S. 121)

 

Und dazu noch einmal der weiter oben zitierte Vers im Original:

Ben es totz om d'avol vida / c'ab joi non a son estatge / e qui vas amor no guida / so cor e so dezidir; / car tot can es s'abandona / vas joi e refrim's sona: / prat e deves e verger, / landas, e pla e boschatge.

 

Das hochitalienische abandonare heißt sowohl verlassen wie loslassen. Jeder vergisst also seine übrige Existenz unter dem Einfluss der Liebe und erreicht jene Lebendigkeit, die in der lebendigen Natur widerklingt. Das ist spannender Text, denn die sublime, feine Liebe ist ein höfisches Produkt, dass aber, um gefühlvoll-poetisch zu werden, in einen Garten Eden transferiert werden muss, von dem der Sänger wissen kann, dass es sich für den Hof dabei um eine verschiebbare Kulisse handelt.

 

Und noch einmal eine Variante:

Mein Herz ist so erfüllt von Freude, / dass mir die Natur auf dem Kopf steht (tot me desnatura). / Als weiße Blume, scharlachrote und gelbe / erscheint mir die Kälte, / und aus dem Wind und dem Regen, erwächst mir die glückliche Begegnung (aventura), / durch die mein Ansehen (pretz) steigt / und durch die meine Lieder schöner werden. / Soviel Liebe habe ich im Herzen, / soviel Freude und Süße (doussor), / dass mir das Eis wie eine Blume erscheint und der Schnee als grüne Blätter. (Original in Topsfield, Troubadours, S,128)

 

Das Schlüsselwort hier ist "er-scheinen" (semblar) - gels me sembla flor ... Kultur ist ein Transformationsprozess von Natur in deren (Um/Aus)Deutung. Das lyrische Ich ist dabei an Natur nicht anders interessiert als im poetischen Prozess des Pflückens von Metaphern. Dass es frühe vorwissenschaftliche Versuche gibt, sich für die Natur als solche selbst zu interessieren, läuft gleichzeitig, parallel, wird aber wohl zunächst an den Höfen nicht wahrgenommen. Davon später mehr.

 

Als die Welt so in der lyrischen Episode kurz einmal in einen Garten verzaubert wird, beginnt die höfische Welt auch selbst mit dem Anlegen von Ziergärten. Das christlich gedeutete Judentum bot dazu seine biblische Paradiesgeschichte zur Überhöhung an.

 

Ganz anderes besteht aber daneben weiter, denn neben Troubadouren und Minnesang überlebt eine Tradition in lateinischer Sprache, deren Ursprünge einer anderen intellektuellen Tradition entsprungen sind, der durch das frühe Mittelalter hindurch gegangenen Antike. Eher von Mönchen und Klerikern tradiert, erhält sich das intellektuelle, wenig im modernen Sinn "lyrische" Spiel mit Bildern der Natur. Es wird die zweite Traditionslinie hin zu Dante, Petrarca und hinein in das, was man dann irgendwann als "Renaissance" bezeichnet hat.

 

Werner Robl führt in seinem E-Book zu Hilarius von Orléans folgendes Carmen VIII dieses Autors und Kanonikers unter dem Titel 'Caliastrum Fama predixerat' an:

 

Nil ualere, sed fallax fuerat, / Que peruerse dissimulauerat / Bona, quibus locus exuberat. / Regum aulas atque palatia / Clericorum equant hospitia: / Sunt nimirum loca regalia, / Non eremi uaste mapalia. / Vinetumque multum et fertile / Vinum confert firmum et nobile, / Nec Falernum est comparabile / Nec gustauit Silenus simile. / Fontis quoque susurrans riuulus, / Per quem alte uidetur calculus, / Pegaseo nimirum emulus, / Voluptatis accedit cumulus. / Fons sincerus, fons indeficiens, / Fons per solem siccari nesciens, / Ad quem tendat doctrinam sitiens, / Inde bibat et erit sapiens. / Fuit olim fons ille Musicus, / Quem sacrauit chorus poeticus, / Nunc ad istum festinet clericus, / Potet inde: sic fiet logicus. / Ad hoc gentis accedit largitas, / Cuius nobis summa benignitas / Res quas poscit nostra necessitas / Gratis confert et quasi debitas.

 

Chalautre sei, so hast du erwogen, / wertloser Ort, doch dies ist gelogen! / Um ein Haar hättest du mich betrogen: / Gutes kommt hier entgegengeflogen! / Des Königs Hof, der Geistlichkeit Palast / Bieten nicht gleichen Raum für den Gast! /Mit Vorliebe hält der König hier Rast. / Kein Eremit stöhnt unter seiner Last. / Erblickst du die Weinberge, die reichen? / Süffiger Wein sucht hier seinesgleichen: / Die Glut wird kein Falerner erreichen! / Silen würde hier vor Neid erbleichen! / Munter plätschert das Wasser der Quelle / Es blinkt am Grund das Steinchen so helle. / Der Dichtkunst begegnet auf der Stelle / als Konkurrent die Freude, die helle. / Nichts, reiner Quell, lässt dich je versiegen. / Sonnenglut bringt dich nicht zum Erliegen. / Wissensdurst hat sich zu dir verstiegen, / Dein Trank wird jede Torheit besiegen! / Die Quelle war einst jener Musiker, / der geweiht vom Reigen der Lyriker. / Nun eilt zu ihr hurtig der Kleriker / Und labt sich daran: Man wird Logiker! / Hinzukommt der Leute Großherzigkeit:´/ Welch’ feiner Stil, Gipfel der Gütigkeit! / Man achtet auf meine Bedürftigkeit. / Gibt umsonst, vergibt alle Schuldigkeit! (in: RoblHilarius)

 

„Alle in dem Gedicht genannten Orteigenschaften passen am besten zur in 12 km Entfernung südöstlich von Provins gelegenen Ortschaft Chalautre-la-Grande", fügt Robl hinzu.

Standardbilder einer idealen Landschaft dienen hier als Ort für die Entfaltung von Ironie bis hin zur Ironisierung der eigenen (Dichter-)Existenz. Natur ist bloßer Vorwand für die Darbietung von dem, was Franzosen der Neuzeit viel später als Esprit bezeichnen werden, Darstellung geistreichen Gebildetsein. Die Jahrhunderte später als Pose gefeierte Einsamkeit eines Petrarca fängt spritziger an, bevor der Alleszerstörer Kapitalismus die Distanz zur Antike als "Renaissance" auffassen wird.  

 

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Der römische Naturbegriff kommt von dem lateinischen Verb her, welches gebären und geboren werden heißt (nasci), und beschreibt alles, was nicht spezifisch vom Menschen hervorgebracht wird, sondern was er von der „Allesgebärerin“ vorgesetzt bekommt. Er ist nicht verstandlich ohne den Gegenbegriff „Kultur“, der vom lateinischen Verb für „den Boden bearbeiten“, „Ackerbau“ treiben“ und überhaupt „pfleglich mit Leib und Seele/Geist umgehen“ abgeleitet ist (colere).

Die Erfindung dieser Vorstellung einer derart bipolaren „Welt“ ist eine römische Errungenschaft, die so noch den alten Griechen fremd war. Was Kultur meinte, lässt sich auch an dem auf uns überkommenen Wort „Kolonie“ erkennen. Der colonus war der römische "Bauer", eine colonia war ein mit Gebäude(n) ausgestatteter Ort römisch-zivilisierter Prägung und zugleich ein Ort des Ackerbaus. Zugleich lässt es sich an dem vom selben Verb herkommenden und untrennbar mit der „colonia“ verbundenen cultus erkennen, der die Verwandlung des natürlichen in den kultivierten Menschen bezeichnete, deren höchste Form der Götterkult war.

 

Mit den Veränderungen in der Zeit der Völkerwanderungen wird diese Vorstellungswelt fast nur noch im kirchlichen und monastischen (mönchischen) Raum tradiert, und zwar massiv verwandelt, christlich und zum Teil germanisch „anverwandelt“.

Die Idealisierung der „Natur“ war schon ein Projekt der römischen Oberschicht gewesen, die tatsächliche Landbearbeitung war spätestens in der Kaiserzeit vorwiegend Sklaven und halbfreien Bauern überlassen. Die Sklaverei und die bäuerliche Abhängigkeit werden bruchlos ins frühe, christliche Mittelalter übernommen, war erste doch schon bei den Germanen, wenn auch mit geringerer Bedeutung, vorhanden gewesen.

 

Neben die Sklaven treten freie Bauern, wobei „frei“ „Freiheit“ von persönlicher Abhängigkeit von einem Herrn meinte. Indem diese Freien sich in den damals bitter nötigen Schutz eines Herrn begeben, geraten sie in persönliche Abhängigkeit, parallel dazu drängen die „Herren“, die bewaffnete Krieger sind, andere auch hin und wieder in diese Abhängigkeit. Einige Zeit vor der ersten Jahrtausendwende ist sie allgemein und zugleich eine rechtliche Selbstverständlichkeit geworden.

 

Dabei verschwindet zugleich die Sklaverei auf dem Lande immer mehr, indem der Weg in die Abhängigkeit der einen zugleich die Sklaven aus der engen Form der Sklaverei in die geringfügig weitere dieser Abhängigkeit aufsteigen lässt. Ihr Rechtsstatus verliert dabei zunächst viel, gemessen an der Römerzeit, als auch das Sklavendasein allgemeinen Rechtsnormen unterlag, die mit ihnen besser als das frühe Mittelalter umgingen. Römische Sklaven wurden vermutlich in der Regel besser behandelt als die frühmittelalterlichen Untergebenen eines Herrn (dominus). Der Kapitalismus wird aus solchen neuen Formen der Abhängigkeit hervorgehen, aus denen freiere Lohnarbeit sich entwickeln kann, die für Kapitaleigner für tausend Jahre profitabler wird als Sklavenarbeit, die am Ende des frühen Mittelalter bereits langsam unrentabel wird.

 

Das wichtige für uns hier ist, dass unter solchen Bedingungen Arbeit etwas besonders Widerwärtiges wird. Sie dient viel zu wenig dem eigenen Wohlstand und zu sehr dem aufkommenden Luxus der neuen Herren. Es ist davon auszugehen, dass bis ins Hochmittelalter die Existenz der das Land bearbeitenden Bevölkerung überwiegend elend, notdürftig und immer wieder auch demütigend war.

 

Unter solchen Bedingungen ist die „Natur“ der Feind des Menschen: Angefangen bei dem Mühsal der Arbeitsvorgänge bis zu den Produktionsverhältnissen, den Verhältnissen von „Herrn und Knecht“ zueinander, zu der Bedrohung durch wilde Tiere und zu den Härten des Urbarmachens, des Rodens, Trockenlegens von Sümpfen usw.

 

Nun ist Mühe und das sich Bemühen nichts von vorneherein schlechtes, wie jeder Hobbyist, Sportler oder Erlerner eines Musikinstrumentes weiß. Mühe kann auch Freude machen, aber die Bedingungen der Mühen der Landarbeit waren weithin miserabel. Tatsächlich wissen wir kaum etwas davon, nicht einmal von den Holz- und Lehmhäusern ist mehr als die Überbleibsel von Pfosten im Boden zurückgeblieben.

 

Da nun kommt das deutsche Wort Arbeit herein, eine Tätigkeit benennend, die ohne große Not niemals in Angriff genommen würde. Die Wortwurzel meinte mit großer Wahrscheinlichkeit das „Verwaisen“ eines Kindes, welches sich darum, ohne Ansprüche stellen zu können, verdingen musste. Arbeit war damit also die unerfreulichste Form von Tätigkeit. Erst ganz langsam wird sich in den Städten ein positiver konnotierter Arbeitsbegriff entwickeln, dem die Zisterzienser und später Calvin und Luther den geistlichen Goldglanz aufsetzen werden.

 

Derselbe Kern von Qual und Pein steckt auch im lateinischen labor, und der wird in der christlichen Parallelentwicklung immer positiver besetzt (ora et labora). Schon bei Benedikt von Nursia wurde er als Gottesdienst im mönchischen Leben aufgefasst. Als das Wort über das Französische ins Englische gelangt, wird es gleich wieder abgewertet. Im Französischen ist labourer zunächst ein etwas neutraleres Wort insbesondere für die Feldarbeit. Die französische Entsprechung für „arbeiten“ wird travailler, es heißt quälen und sich quälen und leitet sich von einem römischen Folterinstrument ab, dem tripalium. Einen positiveren Beigeschmack bekommt dies Wort noch langsamer als die deutsche „Arbeit“.

Arbeit als leidiges Abringen des Existenzminimums von der „Natur“ unter „sozialen“ Bedingungen, die das nicht erleichtern, macht die „Natur“ zum Feind und die Fest-„Kultur“ zum rettenden Ufer in einem unerquicklichen Meer von Notbewältigung. Wir wissen kaum etwas von Volksbräuchen vor dem Hochmittelalter, überhaupt wenig von den kleinen Leuten auf dem Lande, und leider auch sehr wenig über das, was mit einem modernen Wort "Freizeitverhalten" heißt.